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diff --git a/35603-8.txt b/35603-8.txt new file mode 100644 index 0000000..81bab4c --- /dev/null +++ b/35603-8.txt @@ -0,0 +1,5757 @@ +The Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Meister Autor + oder Die Geschichten vom versunkenen Garten + +Author: Wilhelm Raabe + +Release Date: March 18, 2011 [EBook #35603] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEISTER AUTOR *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, tiwi and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + Wilhelm Raabe + Bücherei + Erste Reihe + Band 14 + + + Wilhelm Raabe + Bücherei + Erste Reihe: + Kleinere Erzählungen + + Vierzehnter Band + + Berlin-Grunewald + Verlagsanstalt für Litteratur und + Kunst/Hermann Klemm + + + Wilhelm Raabe + Meister Autor + oder + Die Geschichten vom versunkenen Garten + + Dritte Auflage + 11.-16. Tausend + + Berlin-Grunewald + Verlagsanstalt für Litteratur und + Kunst/Hermann Klemm + + + Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig + Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz + Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig + + + + + Meister Autor + oder + Die Geschichten vom versunkenen Garten + + + + +Erstes Kapitel. + + +Wann und unter welchen Umständen der Meister Kunemund den Ausspruch tat, +weiß ich nicht mehr; aber daß er ihn tat, weiß ich. + +Er sagte nämlich: + +»Ich verstehe die Welt wohl noch, aber sie versteht mich nicht mehr, und so +werden wir wohl nie mehr so zusammenkommen, wie damals, als wir beide noch +jünger waren. Na, mir ist's zuletzt einerlei; ja, Herr, es kitzelt einen +sogar dann und wann, wenn man bei sich überlegt, daß man im Grunde der +Jüngere von zweien geblieben ist. Laß sie alt werden, die Welt; was +kümmert's mich!« + +Nun sehe ich ihn doch wieder ganz genau vor mir, wie er dasaß und das Wort +sagte. Es ist ganz richtig, er saß auf seiner Schnitzbank und fuchtelte mir +mit seinem Schnitzmesser bedenklich vor der Nase herum, bedenklich, +obgleich dieses Messer ein ganz guter, alter Bekannter von mir war. Es war +ein berühmtes Messer und war aus fernster Volksurzeit von Hand zu Hand bis +in die Hand des Meisters herabgelangt, und er wußte gerade so gut damit +umzugehen, wie alle, die es vor ihm geführt und sich damit gewehrt hatten. + +Mündliche Tradition, Schreiberkunst und Druckerkunst geben uns recht: + +»Da ging der Junge vor den König und sprach: Wenn's erlaubt wäre, so wollte +ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schloß wachen. Der König sah ihn +an, und weil er ihm gefiel, sprach er: Du darfst dir noch dreierlei +ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und darfst das mit ins Schloß +nehmen. Da antwortete er: So bitt' ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine +Schnitzbank mit dem Messer.« + +Nun wissen wir alle, was für Ungetüm und Gespenstertum der Junge in den +drei Nächten sich vom Leibe zu halten hatte, wie er mit den Katzen Karten +spielte und wie ihm halbe Menschen durch den Schornstein herunterfielen, -- +halbe Menschen, zu denen er sich erst die andere Hälfte ausbitten mußte, +ehe er imstande war, mit ihnen Kegel zu schieben. Wir haben manchmal, -- +manch liebes Mal unser Vergnügen an der Unbefangenheit des Jungen gehabt +und vielleicht ihn auch dann und wann um sie beneidet: von diesem Jungen +aber stammte der Meister Kunemund in gradester Linie ab und war insofern +mit den berühmtesten Leuten im deutschen Volke verwandt, und nicht allein +im deutschen Volke. -- + +Doch da hat mich das Anfangen sofort weit in die Mitte meines Berichtes +hineingerissen, und das zeigt einmal von neuem, daß es immer ein gewagtes +Unterfangen ist, große Herren und Damen, bedeutende Menschen, eigentümliche +und selbständige Charaktere mit der Federspitze anzutupfen. +Glücklicherweise aber gelingt es mir dieses Mal noch zur rechten Zeit, mich +zu besinnen: ich hebe von neuem an, zu erzählen. + +Wir kamen über ihn von Kneitlingen aus; jung und alt, Männlein und +Weiblein, eine Auswahl und Auslese feiner, liebenswürdiger und gebildeter +Gesellschaft deutscher Abstammung und Zunge -- was die Abstammung anbetraf +natürlich unter dem dazu gehörigen Vorbehalt. Wir kamen über ihn, Leute von +guten Mitteln: junge Herren, die ihre drei Examina vollgültig bestanden +hatten, zierliche Fräulein aus den höchsten Töchterschulen, gediegene und +wohlgediehene Väter und Mütter, Onkel und Tanten. Wir kamen recht lebhaft +und sehr heiter angeregt über ihn; denn wir machten von Schöppenstedt aus +eine Vergnügungsfahrt in den Elmwald, hatten Schöppenstedt vermittelst der +Eisenbahn erreicht und das berühmte Dorf Kneitlingen und den Wald +vermittelst zweier Bauerwagen, auf denen mit Hülfe von Brettern und +Strohbündeln eine genügende Anzahl zweckdienlicher Sitze für uns +hergerichtet worden war. + +Nun liegt hier vor mir ein anderes Dokument, und zwar in Folio: -- Merians +Topographia und Beschreibung der vornehmsten Städte, Schlösser, auch +anderer Örter im Herzogtum Braunschweig und Lüneburg. Auf der Kupfertafel, +welche den nicht unberühmten Platz und Ort Schöppenstedt darstellt, zieht +sich im Hintergrunde gleichfalls natürlich der Elm hin, und über einigen +Hausdächern, die am Rande des Waldes aus dem Gebüsch hervorragen, lesen wir +die Legende: + +Kneitlingen, allwo das fromme Kind Eulenspiegel geboren wurde. + +Wir erreichten den Elm über Kneitlingen hinaus. -- + +Über Kneitlingen hinaus, linksab, unbestimmt tief in den Wald hineinwärts, +da wohnte der Meister Kunemund, den die Welt nicht mehr so recht verstand, +weil er ihr zu jung geblieben war. Da wohnte er ziemlich verborgen, daß +heißt er hatte sich einem Förster in die Kost und unter Dach getan; und da +machte ich seine Bekanntschaft und er die meinige, was unter Umständen +nicht sich von selber versteht, oder besser gesagt, nicht dasselbe ist. + +Wir führten in mehreren Körben einen genügenden Vorrat von Lebensmitteln +sowie auch eine erkleckliche Anzahl Flaschen mit allerlei Getränk mit uns +und konnten also recht vergnügt sein. Unter der Leitung eines jungen +Forstmannes im grünen Rock und mit einem papiernen Hemdkragen frühstückten +wir mitten im im Quincunx gepflanzten Musterforst, wie die bessern Stände +auf ihren Ausflügen in die freie unverfälschte Natur zu frühstücken +pflegen. Nachher spielte man, wiederum unter der Leitung des eben erwähnten +jungen Forstmanns, Blindekuh und sonstige unschuldige Spiele, was sehr +hübsch war, aber auch den Höhepunkt des Vergnügens bildete; denn im Grunde +mißlang jeder spätere Versuch, sich noch höher und tiefer in das volle +Naturbehagen hinauf- und hineinzuschrauben, vollständig. Daß ein jeglicher +in der Gesellschaft die Schuld an der von Viertelstunde zu Viertelstunde +mehr einreißenden Langeweile und Verdrießlichkeit nicht sich selber zumaß, +war unter diesen Verhältnissen natürlich: das Gefühl, mit dem linken Fuße +zuerst und noch dazu viel zu früh aus dem Bette gestiegen zu sein, wurde +allgemein. + +Der junge Grünling mit dem Papierkragen war der letzte, dessen +Lebensgeister sanken; aber auch ihm sanken sie. Er fing an, uns eine frisch +von der Forstakademie mitgebrachte wissenschaftliche Abhandlung über +moderne Waldwirtschaft zu halten und setzte dadurch dem Vergnügen freilich +die Krone auf. + +Mit der Mißachtung selbst der jungen Damen beladen, verlor er sich für ein +geraume Zeit in einer jungen Schonung und kam erst dann wieder zum +Vorschein, als die Gesellschaft den Versuch, im Walde Mittagsruhe zu +halten, durch Ameisen, Kopfweh, Waldspinnen und Gliederschmerzen gehindert, +aufgegeben hatte. Der holde, wolkenlose Tag übte immer sonderbarere Wirkung +auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Vergnügen. Begrabene, mehr +oder weniger tief zugedeckte Feindschaften und Feindseligkeiten wühlten +sich mit überraschender Schnelligkeit von neuem ans Licht. Wer etwas gegen +seinen Nachbarn oder seine Nachbarin im Grase auf dem Herzen hatte, der +fühlte einen unwiderstehlichen Kitzel, es von demselbigen los zu werden, +und zwar auf die anzüglichste, unangenehmste Weise. Und da wieder wurden +vorzüglich die Damen scharf, sowohl die jungen wie die ältern, sie +pflückten füreinander kuriose Sträuße unter den Büschen, und es wurde die +höchste Zeit, daß irgend jemand sich begütigend dreinlegte. + +Dieser jemand war ich, und ich warf den Vorschlag in die allgemeine +Verbitterung, alle Streitigkeiten für jetzt beiseite zu schieben und sie +für die Heimfahrt, für das trauliche Beieinandersitzen auf den zwei +Leiterwagen und im Eisenbahnwagen aufzusparen. + +Da man mich nur von der Seite ansah, so erweiterte ich meinen Vorschlag +dahin, daß man, um den Tag ganz auszunutzen, einem Försterhause, das ich +eine halbe Stunde weiter in den Wald hineingelegen wußte, einen Besuch +abstatten solle. Sauere Milch wirke kühlend und erfrischend, und der Tag +sei noch sehr lang. + +Nun sah man sich an, und der Vorschlag fand genügende Unterstützung. + +»Tofote heißt der Förster dort,« sagte der junge Herr von Müller. »Es ist +eine eigentümliche Wirtschaft dort. Bei der Forstbehörde ist der Kerl grade +nicht zum besten angeschrieben, aber das braucht uns freilich nicht +abzuhalten, ihm eine Visite zu machen. Die Idee ist gut, überfallen wir den +Burschen! Wenn die Herrschaften erlauben, werde ich den Weg andeuten.« + +Nun waren alle Lebensgeister auf einmal wieder wach, und wir im nächsten +Augenblick auf dem Marsche durch den Elm zum Förster Arend Tofote. Die +jungen Leute stimmten ein Waldlied von Eichendorff an, welches sehr hübsch +und romantisch unter den hohen Buchenwölbungen klang; und wer uns nun +wieder sah und hörte, der war verpflichtet, ohne Widerstand und Widerrede +verpflichtet, uns für das zu nehmen, was wir schienen, nämlich +waldfröhliche, hübsche, vergnügte Kinder der Natur, junge sowohl wie alte. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Ich heiße Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar _von Schmidt_. Es +ist beängstigend aber wahr, ich gehöre dem Adel der deutschen Nation an, +und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute +getan zu haben. Bei welchem Märchenkönig der Ahnherr meines Geschlechtes +Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen können; aber daß +wir ein altes Geschlecht sind, das weiß ich; und daß wir selten unseres +Glückes Schmiede waren, das weiß ich leider auch. Seit ich den Meister +Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, daß unsere Bezüge +mehr als tausend Jahre alt sind, und es würde mich gerade nicht wundern, +wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen +gesessen hätte, der König wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das +Gruseln erst längere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau +gelehrt wurde. + +Dieses beiläufig, jedoch nicht ohne Grund. -- Wir zogen also durch den +Wald, den Förster Arend Tofote zu besuchen, und wir stießen zuerst auf den +Meister Autor. + +Wir kamen über ihn an einem Bache, dem die Begünstigung, durch den +Musterforst rieseln zu dürfen, noch nicht von der Oberforstbehörde genommen +worden war, und wir faßten ihn eigentlich in einer für das Gefühl der Damen +etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Füße +standen im Wasser, braun und knochig; Füße, auf denen er länger als ein +halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war heiß, und der Meister +Kunemund nahm ein Fußbad. + +»Hol' mich der Teufel!« sagte er, als wir plötzlich durch das Gebüsch +rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein höflicher +Mann gewesen, denn wer hätte es ihm verdenken können, wenn er gerufen +hätte: »Hole euch alle insgesamt, -- hole euch ohne jegliche Ausnahme der +Teufel! --?« + +Er war nicht allein, als wir ihn überraschten. Er hatte auch seine +Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden +Dachshund und ein kleines zehnjähriges Mädchen. Der Dachshund saß neben +ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mädchen saß ihm gegenüber am andern +Rande des Bachs, von Sonne und Blätterschatten umspielt. Es saß, den Rücken +an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich über der Brust ineinander gelegt, +das Mäulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Kuß. Wenn man ihr den +letztern gegeben haben würde, und sie hätte das Näschen gerümpft, so würde +man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen hätte: + +»Jetzt nimmt sie es gar noch übel!« -- + +Als wir da waren, das heißt als der Alte uns herankommen hörte, sah er sich +um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen +Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrüdern +Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Müller: + +»Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Förster +versprochen habe. Guten Tag, Fräulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und +sonst alles wohl?« + +»Guten Tag!« sagte das kleine Waldfräulein, ohne sich auf weiteres +einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt ächzend von seinem +Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Blätterwerk, +das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Höhe +und behielt es während der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und +Stärkungsmittel im Verdruß, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte +er die Linke unsrem freundlichen Fröhlichkeitsordner und brummte: + +»Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl +auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es +mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an! +Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergnügen vor, auf daß +ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut.« + +Daß dieser Empfang sehr höflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht +finden. Aber unser Führer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so +nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gruß des Alten hin. + +»Seien Sie nicht zu grob, Kunemund,« sagte der Herr von Müller lachend. +»Daß _Sie_ sich über unseren Besuch freuen, weiß ich ja doch zu genau. +Fräulein Julie, Fräulein Minna, laufen sie dreist mit dem Kinde voran! Wir +kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern +Spaß heute.« + +Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die +Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung über +den Bach und schoß wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und +selbst die jüngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein +liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur +im Gesicht zu behalten. Wir älteres Volk setzten uns schwerfällig von neuem +in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte. + +Wir können es nicht genug wiederholen, daß der Elm ein Musterforst ist. +Auf den Wanderversammlungen der grünröckigen Herren pflegt viel von ihm die +Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Blätter +weit über die Grenzen Deutschlands berühmt geworden, und seine Bäume +bekommen ihre Blätter trotz alledem in jedem neuen Frühjahre wieder. Sie +bleiben auch gewöhnlich bis in den Herbst hinein grün, »was eigentlich ein +Wunder ist«, wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere +Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den +Mund nahmen; -- großer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer +Vergnügungsfahrt ins Grüne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre +lang nachher darüber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden, +welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. -- Wir zogen also durch diesen +im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Försters Arend +Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehen +bleibend und seine Verwunderung über uns durch ein bedenkliches +Hauptschütteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der +Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich +um seinen Jubel zu verbeißen, sein Moosbüschel in den Mund gestopft. Seine +Schuhe trug er jetzo an den Füßen, aber den linken Strumpf anzuziehen, +hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt +in der Faust. Wir gingen fröhlich ihm nach und um ihn her; sämtliche +gelehrte Stände gegen wärtig und vorhanden. So kamen wir beim Försterhause +an, und der Leiter unserer Vergnügungspartie stellte uns dem Förster vor, +und der Förster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines +ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer +Lust beizutragen, was ihm nur irgend möglich war. Mit Speisen und Getränken +wartete er nach besten Kräften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte +Haushälterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren +natürlich entzückt über das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren +wachten Hunger und Durst merkwürdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr +behaglich, sehr gemütlich; und unsere Gemütlichkeit erlitt auch dann kaum +einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits +gleichfalls ihr möglichstes zu derselben beitragen wollte, und plötzlich +und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los ließ. Wie wir über das stille +Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden über uns. Zwei +reizende, schneeweiße Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige +Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Müller und Fräulein Amalie durch +zwei unvermutete Kopfstöße von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen +gebracht hätte -- erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das +ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als +sie sich aus Schreck über die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm +niederließ. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz +in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wäre sicherlich +noch länger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch +einen zweiten abgelöst worden wäre. Diesmal war die Reihe an der +Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und +empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich plötzlich geregt, und weich und +verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war +aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der +gezähmte Fuchs, der einen günstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu +kränken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates +Stück Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das +Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die +Gesellschaft ebenso herzlich über das Gesicht des Herrn Pastors wie über +den schlauen Dieb und seinen eiligen Rückzug mit der guten Beute. + +Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spaß mit uns; aber im +ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergnügt. +Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand +Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Büchern stehen und meistens +reizend von den geschicktesten und naivsten Künstlern mit den hübschesten +Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne +Noten singen, und es klang wiederum recht gut -- sogar sehr gut -- im +Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch +die Gesellschaft vermißte ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund +dafür, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle über sein Verschwinden +wundern sollte. + + + + +Drittes Kapitel. + + +Am Spätnachmittag zogen wir wieder ab, wie wir gekommen waren. Daß ein +jeder Teilnehmer an der fröhlichen Fahrt ins Grüne ihrer mit Vergnügen +gedachte, steht zu hoffen; was mich persönlich anbetrifft, so war ich am +Spätabend herzlich froh, alles vollendet zu haben und wieder zu Hause zu +sein. Die Lust des Tages war mir doch ein wenig auf die Nerven gefallen, +und es bedurfte längerer Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, um an den +Meister Kunemund, den Förster Arend Tofote, sein Försterhaus und sein +Töchterlein ohne Widerwillen denken zu können. -- + +Wie gesagt, ich heiße von Schmidt, habe außerdem den Bergbau studiert, +wurde für längere Jugendjahre durch ein schlagendes Wetter an meiner +Gesundheit geschädigt, erholte mich, verließ den Staatsdienst und bin jetzt +meines Zeichens ein beschäftigungsloser Liebhaber wohlfeiler ästhetischer +Genüsse. Recht niedliche Novellen aus meiner Feder sind in verschiedenen +Blättern abgedruckt worden. Einige wurden mir auch als unbrauchbar +zurückgesendet; ich halte dieselben für die bessern Erzeugnisse meines +Geistes und benutze diese Gelegenheit, um sie den verehrlichen Redaktionen +nochmals zur Verfügung zu stellen. Mein Vater war ein wohlhabender +Domänenpächter, der das Glück hatte, fast ein Menschenalter hindurch lauter +»gute Jahre« zu haben. Er starb als ein, nach deutschen Verhältnissen, +wohlhabender Mann, und ich bin sein einziger Erbe, und er starb früh genug, +um mir auf meinem Lebensgange und bei meinen Liebhabereien nicht hindernd +in den Weg treten zu können. Natürlich verwendete ich auch das Försterhaus +in Elm novellistisch; jedoch ohne viel Freude an der Leistung zu erleben. +Sie schien sich auf keine Weise von meinem Schreibepult trennen zu können; +mit überraschender Schnelligkeit langte sie von jedem Ausflug in die Welt +wieder zu Hause an. Kaum daß ich sie glücklich wie aus der Seele so vom +Halse losgeworden zu sein glaubte, war sie in ihrer ganzen tauigen, +waldduftigen Frische wieder da. Ja, die waldfrischesten, tauduftigsten +Redaktoren und Redaktionen schickten sie mir umgehend wieder zu. Eine ganze +Literatur von Begleitschreiben sammelte sich um das unglückselige Kunstwerk +an, bis ich zuletzt wütend den Deckel des Pultes über ihm zuschlug, den +Kasten verschloß und den Schlüssel verlor. Nachher hatte ich Ruhe. -- + +Ich hatte Ruhe durch den Winter, und im nächsten Frühjahre stattete ich dem +Förster Tofote, dem Herrn Kunemund und der Gertrud einen zweiten Besuch ab; +jedoch diesmal allein. Das war an einem einundzwanzigsten Mai, und seit +diesem Tage verging selten ein Jahr, in welchem ich nicht mehreremale den +Besuch wiederholte. Was aber diese vorliegende Schrift anbetrifft, so wurde +dieselbe wenigstens im Anfange einzig und allein nur deshalb unternommen +und abgefaßt, um von dem Besuche zu handeln, den _mir_ der Meister Kunemund +abstattete. Daß ich aber am Schlusse heirate, beweist wieder einmal, daß +man niemals weiß, wie's endet, wenn man in irgendeiner Weise anfing. -- + +Ich saß, beide Ellenbogen auf die solide aus Eichenholz herausgearbeitete +Klappe gestützt, unter welcher ich alle meine besten lyrischen, epischen +und dramatischen Gefühle und Empfindungen unter Schloß und Riegel zu halten +pflege. Gähnend, aller Langweiligkeit des Daseins voll, saß ich, als es an +meiner Tür pochte und blöde sich hereinschob ins Zimmer, nachdem ich +mürrisch, ohne mich umzuwenden, die Störung aufgefordert hatte, +heranzukommen. Offen gestanden traute ich meinen Augen dann gar nicht, und +rückte den Stuhl mit solchem Nachdruck herum und dem Besucher entgegen, daß +das Möbel darüber durchaus aus dem Leime ging. + +»Ja, ich bin es; nehmen Sie es nur nicht zu sehr übel!« sagte der Meister +Autor, als ich ihn an beiden Seiten gepackt hielt und die Trümmer des +Sitzgerätes mit einem Fußtritt hinterwärts aus dem Wege stieß. + +»_Das_ war es, was anklopfte?... Gütiger Himmel, willkommen, Herr Kunemund! +O Meister, Meister, welches Vergnügen!... Gottlob, daß Sie selber keine +Ahnung davon haben, welches Behagen Sie unsereinem geben und welche Ehre +Sie uns durch einen solchen Besuch antun!« + +»Lieber Herr --« + +»Liebster, bester Freund, seien Sie herzlichst gegrüßt! Was Sie auch +herführen mag, mir bringen Sie alles mit, was ich eben ganz notwendig +brauchte.« + +»Lieber Herr --« + +»Was macht der Alte? was macht die Alte? was treibt das Kind -- das +Fräulein, das Waldfräulein? Wahrhaftig, ich könnte noch nach hundert guten +Bekannten fragen und fragte den Kreis nimmer aus. Bis auf die Fliegen an +der Wand ist mir das Haus im Elm ins Herz gewachsen.« + +Wie das fromme Kind aus Kneitlingen in seinen fröhlichsten Momenten, tanzte +ich um den alten Mann herum und merkte erst lange nachdem ich ihn durch den +überwältigenden Wortschwall und Ausbruch meiner Gefühle betäubt hatte, daß +ich ihn betäubt habe. Da mäßigte ich mich denn, nahm ihm den Hut aus den +Händen, drückte ihn auf den bequemsten Stuhl nieder, strich sämtliche +Papiere vom Tische vor ihm und riß den Klingelzug ab, im hellen Eifer, ihm +ein Frühstück zu schaffen. Er aber lächelte verlegen ob all der Aufregung +und all des Umstandes -- er verlegen!... er, der Meister Autor Kunemund! + +Ach, er hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich mich schämte, _ihn_ in +Verlegenheit setzen zu können, und wie ich grade deshalb in fieberhafter +Hast mich bestrebte, ihn auf den richtigen Fuß und Schick zu bringen. Aber +ich sollte sogleich noch mehr Grund finden, mich in meinem Sein und +Für-mich-sein beunruhigt und ungemütlich zu finden -- kurz mich zu schämen; +denn es stellte sich bald heraus, daß der Herr Autor Kunemund mir trotz der +jetzt ziemlich langen Bekanntschaft noch lange nicht recht trauete. Er +brachte mir nämlich einen Brief mit, und zwar einen Empfehlungsbrief vom +Pastor zu Ampleben (Amt Lehen sagt das Volksbuch), dessen geistlicher und +leiblicher Vorfahr vor mehr als fünfhundertneunzig Jahren die +welthistorische Ehre gehabt hatte, oben beregtes frommes Kind Till +Eulenspiegel, Sohn von Klaus desselbigen Namens und dessen ehelich +getrauetem Weibe, Anna, geborener Weibikin mit dem Sakrament der heiligen +Taufe zu versehen. Da kam es heraus, daß der Meister Kunemund, trotzdem er +um Rat zu mir kam, nicht das geringste Vertrauen zu mir hatte; sondern daß +er mich leider ganz ruhig für einen Menschen hielt, wie ein Stück von den +vielen Dutzenden, deren Bekanntschaft er in seinem Leben gemacht hatte. + +Ich nahm den Brief des Pastors, wie er mir gegeben wurde, und ich las ihn +auch. Ich las ihn, doch ich behielt während des Lesens meinen Besucher im +Auge; ich sah verstohlen über den Rand des Schreibens nach ihm hinüber. Der +Pastor wußte im Grunde nichts Übles und Nachteiliges über den Herrn +Kunemund mitzuteilen, und so frühstückten wir denn vor allen Dingen +wirklich miteinander, und während des Frühstücks suchte _ich_ ihn +auszuholen, und unterließ und vollführte in Wort und Tat nichts, was mir +meinerseits ihm gegenüber zur Empfehlung dienlich sein konnte. + +Ich hatte hart zu kämpfen. Wie alle seinesgleichen wurde er durch eine für +den die Welt bedeutenden Teil der Menschheit sehr lächerliche Schämigkeit +behindert, sein Inneres einem doch verhältnismäßig fremden Menschen +aufzuschließen und sich in seinen Gedanken, Überlegungen, Wünschen und +Hoffnungen so nackt und bloß hinzulegen. Er hatte noch nie etwas drucken +lassen; er war sehr blöde und die beste Beute für jeden, der in dem +gewöhnlichen Sinne ein Interesse an ihm nahm und ihn gebrauchen konnte. Als +ich endlich heraus hatte, was ihn in die Stadt führte, und was er überhaupt +bei mir wollte, und wie er das, was er wünschte und zu tun hatte, ansah, +und zwar von den verschiedensten Seiten, und wie seine Hausgenossen das +Ding betrachteten, und zwar ebenfalls von mehreren Seiten: da hatte ich +eine Schwergeburtshülfe an ihm vollendet, deren ich mich wohl rühmen +durfte. + + + + +Viertes Kapitel. + + +Ich habe drucken lassen; bin auch sonst gar nicht blöde, halte es aber doch +nicht für paßlich, das Publikum noch einmal an den Mühen der Entbindung von +Wort zu Wort, Seufzer zu Seufzer, Ächzen zu Ächzen, teilnehmen zu lassen. +Ich werde den Meister Autor seine Geschichte und vor allen Dingen seine +Vorgeschichte, wenn auch nicht ohne Farbe und Rundung, so doch bündig und +ohne meine hundert notwendigen Zwischenfragen, Ermutigungen, Anfeuerungen +und Nötigungen vortragen lassen. Wie mehrere andere Leute lasse ich sonst +nicht gern jemand das Wort. Ich behalte es lieber selber und bitte, mir die +heutige Selbstentäußerung für eine künftige Gelegenheit gut zu rechnen. Es +folgt also an dieser Stelle + + Das, + was der Meister Autor Kunemund + mir zu sagen hatte. + +»Sehen Sie, Herr, da Sie es nicht übelgenommen haben, daß ich Ihnen hier +heute so auf den Hals gefallen bin, so will ich denn auch weit genug +ausholen, um den Keil in den Stamm zu treiben, nämlich ganz von vorn, oder +von hinten, wie Sie es nehmen wollen. Nämlich das ist nicht so, daß man +einfach denkt, es verstehe sich von selber, daß man sich in der Welt finde, +mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren höre und seine Kinnbacken und Zähne +gebrauche, wenn man etwas dazwischen zu nehmen habe. Herum mit dem Karren +-- ganz im Gegenteil! es versteht sich dieses gar nicht von selber, und man +braucht nur anzufangen, darüber nachzudenken, um bis an seinen Tod kein +Ende an der Kuriosität zu finden; grade wie unsere Alte daheim, wenn sie +angefangen hat, eine Geschichte zu erzählen. Was den Arend anbetrifft, so +sitzt der noch in der ersten Art und kümmert sich um nichts, und sein +Mädchen, meine Gertrud, sitzt drin bei ihm. Ja die erst recht denkt, daß +alles, was ihr passiert, sich von selber verstehe -- selbst das, was ihr +jetzt passiert ist. Und hören Sie, lieber Herr von Schmidt, was mich +anbetrifft, so hab' ich sie beide bei ihrem Glauben belassen; denn +behaglicher ist's, und wer's kann, der soll's ja festhalten. Das Grübeln +verdirbt einem nur die guten Stunden und die schlimmen macht's wahrhaftig +nicht leichter. Ja um noch ein Wort von den bösen Stunden zu reden, so +macht sich leider Gottes da das Sinnieren schon ganz, ohne daß man dazu +hilft, und wer dann seine Gedanken außer sich richten kann, und wär's nur +auf seine vier Wände, seine Nachbarn oder sein Hausvieh, der ist wohl +daran. Herr, ist's nicht grade, als ob ich hier sitze und die Alte reden +höre?! aber drin und dran bin ich, und eine Hülfe für Sie, liebster Herr, +ist nicht mehr; also nur lustig zu! Der Arend Tofote und ich, wir kommen +alle beide schon weit her aus der Zeit. Als wir junge Menschen waren, da +wußten Ihre lieben Eltern von Ihnen noch lange nicht und +wahrscheinlicherweise auch von sich selber gegenseitig blutwenig. Manchmal +denk ich mir so, die Alten haben euch -- dich und deinen Bruder und den +Tofote beim Pflügen in der Scholle aufgeworfen wie die Engerlinge; doch das +ist einerlei; es ist nur ein Gefühl. Kurz, wir wuchsen auf im Dorfe -- ich +und der Arend und als der dritte mein kleiner Bruder, nämlich der, um +dessentwillen ich heute hier in der Stadt bin. In den Pulverqualm der +Befreiungskriege rochen wir grade noch hinein; zu Waterloo kamen wir noch +grade recht, und dafür durften wir dann auch an dem übrigen Vergnügen nach +Herzenslust teilnehmen: nach Paris sind wir gekommen, das heißt bis in den +Schloßhof von Saint Cloud kamen wir, den Engländern am Schwanze hängend. An +den Schloßhof von Saint Cloud will ich mein Lebtage gedenken -- o tausend +Donnerwetter, die ganze Lust an dem Spaß von damals läuft mir in diesem +lächerlichen Schloßhofe von Saint Cloud aus! Da war das rotfrackigte, +reitende Käkebein, der Herzog von Wellington -- und was tat die +Kanaille?... Sie hielt auf Anstand -- ich sage Ihnen, sie hielt auf +Anstand, Herr! An die ganze, schwitzend und blutrünstig aus der großen +Schlacht kommende Armee ließ die fischblütige Bestie Filzsocken verteilen +-- auf denen hatten wir durch das Frankreich zu marschieren, und die +unsterblichen britannischen Helden haben, wenn sie zu fest auftraten, über +mehr Stockprügel ihrer eigenen Profossen auf diesem Siegesmarsche, als über +französische Säbelhiebe und Kolbenstöße in der Battel, wie sie es nannten, +zu quittieren gehabt. Die Preußen hatten es wie immer seit drei Jahren +besser. Sie gingen für sich allein und ohne das Schuhwerk zu wechseln, und +der alte Blücher hatte es ihnen sogar noch mit neuen Nägeln versohlen +lassen. Wir aber, wir Braunschweiger, hingen den rotröckigen +Stumpfschwänzen an den Schößen, und was taten die edeln, hochherzigen +Siegesbrüder -- die Sackermenter? Sie ließen uns in den Bratenduft von +Paris hineinriechen, ließen uns abschwenken, schoben uns in den Schloßhof +von Saint Cloud und verriegelten sämtliche Tore hinter uns! Was sagen Sie +dazu? Sie lachen, aber ich sage Ihnen, uns war wahrhaftig damals nicht +lächerlich zumute. Alle Fensterscheiben, die wir abreichen konnten, haben +wir eingeworfen; aber wie bald solch ein Vergnügen zu Ende ist, können Sie +sich wohl vorstellen; und dann denken Sie sich auch einmal recht lebhaft in +unsere Stimmung während des übrigen Aufenthalts hinein und -- dann, dann +feiern Sie einmal als nachdenklicher Mensch so ein fünfzig Jahr lang jedes +Jahr den achtzehnten Juni mit Böllerabbrennen und Heldenliedern und Heil +dir im Siegerkranz! Ich möchte Sie wohl einmal dabei sehen, lieber Herr; -- +aber das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen: eine trübseligere muffigere +Heldenschar als wir, hat man noch niemals aus einem feindlichen, eroberten +Lande nach Hause geführt. Da ich wenigstens bei der großen Schlacht +gegenwärtig war, so habe ich mich auch zu den Veteranen rechnen können; +aber wie ich mich kenne, so würde ich auch in dieser Eigenschaft für die +alljährliche feierliche Begehung des Tages gedankt haben; wenn das +Vaterland seine Ehre hat, so will ich die meinige auch haben. So ist es, +weil das eine nicht ohne das andere ist. Beizugesagt ist es eigentlich aber +der Arend, den Sie aus mir reden hören, denn wenn einer ist, der sich nie +über den Schloßhof von Saint Cloud zufrieden geben kann, so ist's der Alte, +und wir wohnen unter _einem_ Dache, lieber Herr. -- Wir kamen nach Hause, +und Tofote kam in den Wald als Unterförster. Ich, der ich so eigentlich auf +den Gelehrten und das Abcbuch -- wie man es damals verstand und gelten ließ +-- studiert habe, wollte ich mich eben mit meiner Anstellung in der Tasche +davor, nämlich vor den Wald, setzen; als mir der Teufel in die Augen blies. +Es soll mir kein Mensch wehren, daß ich auch das auf den langweiligen Kerl, +den Wellington und seinen verdammten Schloßhof von Saint Cloud schiebe, daß +mich eine Entzündung befiel, die mich fünf Jahre lang in argen Schmerzen +fast blind machte, und sich beiher auch gar noch auf das Gehör setzte und +mich so dumm im Kopf machte, daß das Konsistorium seinen Brief zurücknahm +und mich benachrichtigte, es wäre ihm angenehm, wenn ich mich nach einer +andern Kondition umsehen wolle. Da saß ich denn und fraß Jammer und Elend +in mich hinein, und wäre Arend Tofote nicht gewesen, so würde ich auch bald +genug an der ungesunden Kost erstickt sein. Als ein Glück war es damals +anzusehen, daß mein kleiner Bruder um die Zeit grade ohne Abschied +durchging, nachdem er dem Vorsteher einen brennenden Schwefelfaden in seine +beste Roggendimme geschoben hatte. Der Schlingel hatte mir zu allem andern +schwer auf der Seele gelegen, das kann ich Ihnen sagen, Herr, und er hat +auch heute noch nicht gutgemacht, was er in seiner Kindheit und Jugend an +meiner Behaglichkeit gesündigt hat. Grade vor neun Jahren, ein Jahr vorher, +ehe Sie uns Ihren ersten Besuch mit dem Haufen Herrschaften abstatteten, +ist auch mein Bruder nach Hause gekommen -- ein klein, verrunzelt, gelb, +giftig und sozusagen scheusälig Männchen, was sich Mynheer van Kunemund +nannte, aber sich ebensogut Herr von Rumpelstilz hätte nennen können. Vor +einem Vierteljahr nun ist er hier in einem Garten vor der Stadt gestorben, +und einen schönen Streich hat er uns, ganz nach seiner Art, noch zu guter +Letzt gespielt. Er hat unser Trudchen Tofote zu seiner Erbin eingesetzt, +und es handelt sich da um gar nichts Geringes, und ich bin deshalb heute +hier vorhanden, aber daß er sich dabei etwas gedacht hat, das ist sicher. +Wo aber der Possen liegt, den er uns zum Schluß noch hat spielen müssen, +das haben wir noch nicht heraus; ich verhoffe es mit Gottes und Ihrer +Hülfe, Herr von Schmidt, aber noch herauszufinden; und dann -- gnade ihm +Gott, wenn wir uns noch einmal wieder treffen. Denn was er für ein Gift auf +mich und den alten Arend haben mochte: unsere Gertrud hat ihm wahrlich +nicht das Kleinste zuleide getan. Erzählen muß ich Ihnen übrigens, wie er +sich wieder bei uns in den Wald einschob. Schnurrig genug war's, und wir +haben lange an dem Spaße zu verdauen gehabt, bis wir endlich übergenug +davon hatten und die Verwunderung hinter den Spiegel steckten. -- Das Kind, +meine Gertrude, war, müssen Sie wissen, damals so acht oder neun Jahre alt, +und ihre Mutter war ungefähr drei Jahre tot. Wir hatten es so ziemlich +allein erzogen, denn die Dorfschule wollte wenig sagen, und wir glaubten, +ein Meisterstück gemacht zu haben, Tofote, ich und die Alte, und was es, +das Kleine, anbetraf, so ging es ruhig seinen Weg allein, und wir ließen es +natürlich auch frei in den Wald. Wenn wir ihm einen oder zwei von unsern +verständigsten Hunden mitgaben, so glaubten wir genug für seine Sicherheit +getan zu haben und fühlten uns ebenso sicher, als jede Herrschaft, die +ihren Bälgern eine französische Gouverneurin und einen bunten Bedienten mit +auf den Spazierweg gibt. -- Na, nun war es so ein Nachmittag im Spätherbst; +wissen Sie, so um die Zeit, wo das Laub von den Bäumen geht, ohne daß der +Wind dran stößt, und wo man an dem leisen Geknick und Geriesel im Walde +merkt, was für eine Stunde es im Jahr ist. Der Tag war nebelig oben und die +Luft unten warm. Das Kind mit den Hunden war im Holz, und der Förster +außerm Holz zu Amte von wegen der Forstwrogen des letzten Sommers. Ich +sitze vor der Tür und mache mich nützlich nach meiner Art, und da gehen +denn grade an solchen warmen grauen stillen Tagen die Gedanken des Menschen +am liebsten so weit als möglich in die weite Welt hinaus, vorzüglich, wenn +man sicher ist, daß man das Haus, nötigenfalls den warmen Ofen und vor +allen Dingen die Abendsuppe dicht hinter sich hat und alle drei mit drei +Schritten abreichen kann. Beiläufig, Herr, es ist doch ein wenig mehr als +kurios, daß der Mensch jedesmal, wenn er sich so recht behaglich und wohl +in seiner Haut fühlt, sich am ehesten hingezogen fühlt, sich an der Welt +rund um ihn her zu versündigen?! Man schüttelt sich eben immer am +behaglichsten, in der Vorstellung, daß andere Leute es nicht so gut haben, +als wir. Also auch ich in der Gemütlichkeit auf meiner Schnitzbank denke +denn auch so an das Treiben vor dem Walde, so zum Exempel in Hamburg, +London, Paris, -- den Schloßhof von Saint Cloud nicht zu vergessen. Und +richtig, vom Lande gerat ich aufs Wasser, auf Sturm, Schiffbruch und +Schiffsbrand, und von dem Schiff und Brand ganz selbstverständlich auf +meinen kleinen Bruder, und wie alles wohl sein könnte, wenn alles nicht +wäre, wie es nun grade ist. Darüber geht mir natürlich die Pfeife aus, und +ich gehe in die Küche, um mir eine glühe Kohle zu holen. In der Küche +spuckt und knistert das Feuer auf dem Herde, und am Herde spuckt, knistert, +knastert, rührt und quirlt unsere Alte. Als ich die Feuerzange fasse und +unter den Topf fahre, nimmt sie das, wie es sich von ihr gehört, krumm, ich +aber denke: Immer höflich und spaßig mit den Damen! und sage: Marie, ein +guter Durst ist was recht Schönes, aber wer die Suppe versalzt, der soll es +eigentlich nur aus Verliebtheit tun dürfen, und nicht aus Gift und Bosheit, +wie ein gewisses Frauenzimmer gestern abend! und eben fängt die Alte an, +dieses noch viel krümmer zu nehmen, als es mir plötzlich auch ohne sie mit +einem jähen Schrecken durch den Leib schneidet: + +Was ist nicht richtig? Es ist was nicht richtig! wo ist das Kind? Man +sollte das Kind doch nicht mehr so allein und auf Gottes Trost hin in die +Wildnis laufen lassen! + +Ich sage auch sowas oder dergleichen in meiner plötzlichen Beklemmung, und +die Alte ist blitzschnell so freundlich, daraufhin zu krächzen: + +So?... Ei?... I, Kunemund! Kommt Er mir endlich so herum? O ja, daß der +Förster einmal ganz etwas Besonderes erfährt, wenn er nach Hause kommt und +nach dem Trudchen fragt, das ist schon lange das, worauf ich warte, Autor. +Und Herr Kunemund, Seiner Naseweisheit zuliebe will ich Ihm noch eine +andere Ansicht in den Handel geben, und die ist, daß Er von morgen an die +Suppe selber kocht, und mich das Kind hüten läßt. Will Er, -- will Er, +Meister Kunemund? + +Himmel -- Donner -- brummte ich laut; aber ganz leise sage ich: So schlimm +wird es doch nicht gleich werden! -- aber eilfertig genug stapfe ich sofort +mit kalter Pfeife wieder vors Haus und stehe und brülle nach allen vier +Weltgegenden nach dem Kinde, und halte die Hände hinter den Ohren, ob ich +die Hunde wenigstens nicht zu vernehmen kriege. Die höre ich denn gottlob +auch, aber in sehr weiter Entfernung und, wie es scheint, gleichfalls sehr +böse. Da haben wir einmal wieder einem dummen Viehzeug zu weit über den Weg +getraut, denke ich; -- den Schnürbein wenigstens hätte ich mit mehr +gesundem Menschenverstand begabt geglaubt -- da sieht man's wieder! Und +damit laufe ich dem Gebelfer nach und habe mich lang und arg genug in das +Gestrüpp hinein zu winden, ehe ich dem Trudchen, den Biestern und aller +übrigen Absonderlichkeit auf den Hals komme. Ich komme ihnen aber auf den +Hals, und zwar zu meiner eigenen sträflichen Verwunderung. Am Hange eines +Hügelchens, mitten im Hochwald steht, mit dem Rücken an eine Buche gelehnt, +unsere Trude und schreit aus voller Kehle Zeter. Zehn Schritte aber weiter +ab unter einer andern Buche steht ein Geschöpf, was sicherlich da nicht aus +dem Boden herausgewachsen war, und schreit ebenfalls, aber aus gröberer +Kehle. Alles Hundevolk, mein Schnürbein voran, hat nämlich einen Kreis um +dieses Wunder geschlossen und ist außer sich mit Bellen, Anspringen, +Fest-auf-die-vier-Füße-stellen und Zähnfletschen. Was war's? Ein +kohlenpechschwarzer Mohr! Ja, ein kohlenpechrabenschwarzer Mohr, der auch +die Zähne fletscht und auf jedes Aufspringen Schnürbeins und der übrigen so +hoch als möglich in die Luft hoppst. Sonderbar schön steht es der Kreatur, +daß sie zu allen ihren sonstigen Annehmlichkeiten eine mehr dottergelbe als +lederfarbene Uniform oder Livree trägt, aber das allersonderbarste ist, daß +sie mich in ihrer Not und Angst ganz regelrecht auf deutsch anschreit, und +zwar rein bremerisch: + +Rufen Sie doch die Höllenhunde ab! Tausend Donnerwetter, haben Sie die +Güte! + +Ich tue das, indem ich zugleich Trudchen begütige; und knurrend gehorcht +endlich das Viehzeug. + +Habe ich vielleicht jetzt schon das Vergnügen, Mynheer Kunemund vor mir zu +sehen? fragt der Schwarze höflich mit dem Hute in der Hand. + +Der bin ich freilich, sage ich, aus einem Erstaunen ins andere fallend, und +hebe vor allen Dingen meine Trude, die mir angstvoll die Arme um den Hals +schlägt, auf den Arm. Aber Sie -- Sie -- Herr -- lieber Mann -- wie kommen +Sie -- ja was haben Sie -- Sie schwarzer Mensch -- aber ist denn das die +Möglichkeit? + +Es ist die Möglichkeit, Mynheer Kunemund, sagt das Ding womöglich noch +höflicher. Und wenn Mynheer Kunemund morgen zu Hause zu finden wäre, so +würde Mynheer Kunemund sehr gern eine Tasse Tee bei Mynheer trinken. + +Halten Sie mal! sag' ich, und setze das Kind von neuem auf den Boden, um +mir besser mit beiden Händen an den Kopf greifen zu können.« + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Der Meister Autor machte an dieser Stelle keine Pause; aber wir sind leider +gezwungen, unsererseits eine eintreten zu lassen, um eine persönliche +Bemerkung, unsern Lesern gegenüber, zu machen. + +Man ist nämlich der Meinung, daß alles, was schon sehr häufig dagewesen +ist, endlich sehr langweilig wird. Das ist eine landläufige Ansicht und +Überlegung; aber trotz alledem nicht immer wahr! Hier hatten wir den +reichen Onkel aus Surinam einmal wieder, und zwar so frisch und +unverbraucht, als ob er zum erstenmale aus den Tropenländern zurückkomme, +um die arme Vetterschaft in Europa glücklich zu machen. + +»Alter Freund,« sprach ich zu dem Meister Autor Kunemund, »daß Sie an +dieser Stelle Ihres Berichtes _neu_ wären, kann ich zwar nicht behaupten; +aber etwas was mir hier interessanter und willkommener sein könnte, kenne +ich wahrhaftig nicht. Also gratuliere ich bestens!« + +»Ob ich mir an dem Tage gerade Glück wünschte, weiß ich heute nicht mehr, +Herr von Schmidt,« fuhr der Meister fort. »Aber das weiß ich noch, daß mir +mancherlei durch Kopf und Seele ging, als der Schwarze jetzt aus seiner +Reisetasche einen Brief vorholte, und ich schon in der Aufschrift richtig +meinen kleinen Bruder herausfand. Er meldete sich in Fleisch und Blut auf +den morgenden Tag bei uns zu Gaste im Walde an, und hatte seinen Mohren nur +vorausgeschickt, um aller seiner gewohnten Bequemlichkeit bei uns sicher zu +sein -- der Hansnarr! + +Ich las den Brief, und dann sah ich mir den Mohren von neuem an, und da das +Tier mich nicht fraß, so wurde es nun auch allmählich dem Trudchen und den +Hunden klar, daß es sie nicht fressen wolle. Die Hunde fingen zuerst an, +das ausländische Gewächs zu beschnüffeln, und dann fing die Trude an zu +lachen und in die Hände zu klatschen. + +In dem Briefe stand nichts, und so sage ich denn: + +Na, so wird es denn wohl das beste sein, daß wir vorerst allesamt nach +Hause marschieren, um die Alte und nachher den Alten auf das Mirakel und +die Ehre vorzubereiten. Auf die Alte freue ich mich, das kann ich wohl +sagen. + +Ich freute mich wirklich auf die Alte, und die Folge erwies, daß ich Grund +dazu hatte. Einen guten Spaß muß der Mensch nicht beiseite schieben, +vorzüglich wenn er so in der Eremiterei wohnt, wie wir alle in unserm +Försterhause. Auf dem Wege nach Hause aber fragte ich vor allen Dingen +meinen Mohr: + +Aber nun sagen Sie mir doch auch: wie heißen Sie? wo kommen Sie her? und +dann die Hauptfrage: Redet man bei Ihnen zu Hause denn auch so ein +verständliches Deutsch? + +Nun, natürlich! Weshalb sollte man in Bremen, im Schüsselkorb nicht ein +gutes Deutsch sprechen? Da bemühen Sie sich doch nur in Thielebeules +Keller, um zu hören, Herr Kunemund. Ich bin aus dem Schüsselkorb; aber auf +ein bißchen Spanisch, Englisch oder Malaiisch -- das Holländische ganz +ungerechnet, soll's mir auch nicht ankommen. Ich hab' auf mehr als einem +Schiff, und unter mehr als einer Flagge als Koch oder Steward die Welt +befahren. Mein eigenster Beruf ist aber der wilde Meß- und +Jahrmarktsindianer. + +Was Sie nicht sagen?! Und Sie heißen -- + +Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer -- wie Sie wollen. Auf der großen +Weserbrücke nennt man mich gewöhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab' +ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den höflicheren +Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht. + +Schön! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst +willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir +so nach und nach das Försterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten +Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Meß-Merkwürdigkeit unser +Trudchen auf dem Arme, während Schnürbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf +den Hacken hielt. + +An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der währenddem nach +Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was +Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen, +und daß sie viel in den Büchern darüber studiert hatte, glaube ich auch +nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder +Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie, +wie sie ins Haus lief und die Schürze über den Kopf schlug -- wie sie auf +halbstündiges Zureden endlich um die Tür guckte, und wie sie wieder nach +einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach +dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergnügen anzusehen, +aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, -- +wenn dieses eine Kuriosität war, so war es noch viel kurioser, daß -- auf +mein Wort und meiner Seelen Seligkeit -- es wahrhaftig nicht ihre Schuld +war, wenn wir nach allerkürzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder +einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn -- -- so sind die +Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie +sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das närrische Stück Frauenzimmer +dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrühren sich zu überzeugen, daß +das Ding nicht abfärbe, war alles -- in bester Ordnung und im schönsten +Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, daß die +Zuneigung nicht zu weit gehe. + +Seit ich weiß, daß dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder +Pech oder Kienruß aufgefärbt wurde, bin ich ganz ruhig, flüsterte mir die +Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern +Heidenspaß, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; über den Ceretto +vergaßen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr, +als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast +und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da +kam es im großen und ganzen heiß und kalt über mich, was für ein Tag mir +morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben +werde. Da warf ich mich hin und her und saß aufrecht und hätte mich auch +ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen können; zu einem +vernünftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor +Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die +Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu +überlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er +mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natürlich, denn war der Junge von uns +weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es +anzusagen, so lag es doch nun, obgleich über die alte Geschichte wohl mehr +als einmal Gras gewachsen war -- allein bei ihm, bescheiden anzupochen und +sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getröstet +in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch +um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage +nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Daß wir allesamt +früh auf den Füßen waren, können Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind, +der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weißer bis gegen +Mittag an, was, nämlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund +zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tür, +und sie schlug die Augen wie in vollständiger Verzweiflung an unsrem +Herrgott in die Höhe und ächzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch! +-- Nun, Trudchen war kaum zu bändigen, und mein lieber Tofote ging herum +wie ein Verrückter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich +drauf Wurzeln zu schlagen gedächte und spielte den Bullenkopf gegen mich +und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da +war. + +Herr, _ein_ Mensch genügt eigentlich nicht, um _das_ Wiedersehen zu +erzählen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, müßten von Rechts wegen an +dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, daß Sie damals nicht dabei +zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, daß Sie gewiß mehr +studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den übrigen Fächern, als ich für +möglich halte, hätten Sie sich doch manches Komödienbillett -- Affen- und +Menschenkomödie! -- erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre +gegeben hätten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie --« + + + + +Sechstes Kapitel. + + +»Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf +das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein +Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten +Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch +hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen +geredet?« + +»Wir nicht; -- das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte +denn aber auch daran denken? _Sie_ ging das doch gar nichts an!« + +Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt +vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das +man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als: + +»Wahrlich!« + +»Sehen Sie, seine werten Freunde muß man so wenig als möglich mit seinen +eigenen Molesten molestieren,« sagte der Meister und fuhr, von nun an +nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzählung fort, die wir +wieder nur mit einem Gänsefuß am Anfange und einem am Ende geben: + +»Die Feierlichkeit war groß. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner +Seele auf den Zehen; das heißt inwendig, denn was das Äußerliche anbetraf, +so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr +zu leisten. Nur in der Küche war ein mächtiges Hallo; ganz wie im +Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand +die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertür abgezogen, in Dampf und +Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto saß mit +meinem Trudchen an der Tür auf der Bank und rauchte eine ganz gewöhnliche +Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das +Kind. + +Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tür so ungefähr eins +geschlagen, als er kam, und zwar tüchtig zusammengeschüttelt in einer alten +Schöppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr +Bergsekretär; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in +Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln +der Kalesche nun merkwürdig kühl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung, +nämlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel +eingewickelt und hüstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefährt reichte, +sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es für meine Pflicht gehalten, -- oder +dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? -- und damit +hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wäre fast nötig gewesen, daß +ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen hätte, wie +ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen +mußte in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig +taugten, so stehe ich dafür auf ziemlich festen Füßen, und meine +Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles +umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von +dem übrigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der +gewöhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde +hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger +mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie über +seine Jugendzeit und -sünden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo +über dem übrigen an, und ich erzähle nur von wegen uns, die wir noch da +sind. Wir hatten ihn vor der Tür -- im Hause -- im weichsten Lehnstuhl am +Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und +Gedanken mochte vor sich gehen. Natürlich kam es denn auch, wie ich es mir +am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor +den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dämmerung wurde, +hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, _wir_ ihn auch. +Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein +menschenmöglichstes, ihn den Nachmittag über mit Rührung und +Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch +der Dämmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem für einen Lumpen, und daß er +uns wie gewöhnlich für erbärmliche Tröpfe und die nichtsnutzigsten Narren +von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir +vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum +Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig +Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfältigkeit. So fuhr er ab, um noch +bei Licht auf die Landstraße zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen +Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie +_der_ Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht +gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und +kurioserweise tat _sein_ Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind, +unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum +geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eifersüchtig auf das +Kind! -- -- -- Daß der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand, +nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber; +aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blättern, in +welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir, +daß er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald +ließ er selbst von diesem Abschluß und Ende seines Vagabundenlebens nichts +weiter zu Gehör kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte +er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat, +worüber ich als sein Bruder -- nämlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch +mein Gefühl und Gemüte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen, +eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie +versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tür, lieber Herr +Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren +damals verreist, und so mußte ich mit meiner großen Neuigkeit und in meiner +Bedrängnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen +letzten Streich gespielt; -- was meinen Sie, was er getan hatte, um einen +letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollführen? -- er hatte +unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! -- +Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er +nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu führen, so sind wir nun +schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und +Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem +Begräbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, -- er, der Kleine, hatte +gewollt, daß niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem +Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und +Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und -- jetzt -- +lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen +Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein +im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf +mich, und jetzt -- wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns +zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft +anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gütig zu sein.« + + + + +Siebentes Kapitel. + + +Länger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft +gemacht, und ich hatte ihn erzählen lassen, und ihn, wie oben bemerkt, +sogar nicht wenig ermuntert, so ausführlich wie möglich zu sein; aber jetzt +fuhr mir ein um desto größerer Schrecken durch die Glieder. + +»Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lübeck! den ganzen Morgen da allein? +Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen? +Wie könnt Ihr das Kind -- das Fräulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann +sitzen lassen?« + +»Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde +dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann +ist der Jüd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, -- das Trudchen war da +ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen.« + +Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollständigte ich in +hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir +uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor, +ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Muße +für jede Merkwürdigkeit, die ihm unterwegs aufstieß, und des Merkwürdigen +stieß und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hülle und Fülle auf. Endlich +erreichten wir die Stadt Lübeck aber doch. + +Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten +Ausspanngasthöfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der +Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein +Sonnabend, und das Getöse vor, sowie die Bewegung in dem Hause ließen für +den Inhaber des altberühmten Schildes nichts zu wünschen übrig. Ein halb +Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten +Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Straße. Zertretenes +Stroh, Fässer, Kisten, Kasten und Körbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gäste +aller Art und jedes Geschlechtes füllten den Hof, die mächtige Hausflur, +die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Küche +leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der +freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und +Kellnerinnen, Köchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und +Wirtin schlugen nicht bloß in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann, +der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewühl hin und +her schieben und stoßen ließ, den Eindruck, als ob sie auch in einem +fortwährenden, nimmer wieder endenden körperlichen Radschlagen begriffen +seien. + +In diesen Lärm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor +und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene +Stufen hinauf drängten wir uns aus dem Getümmel des Hausflurs in den Tumult +der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar +ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt +hatte mit der Ermahnung, sie möge sich die Zeit nicht lang werden lassen, +er komme im Augenblick zurück und bringe den Trost im Elend (=NB=. in +meiner Person) hoffentlich gleich mit her. + +Auf _den_ Trost hin hatte das junge Mädchen dann dagesessen, und -- wie +sich sofort auswies -- keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar +nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische +mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengästen der Stadt +Lübeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen: + +»O Onkel, es ist gut, daß du kommst! wir haben schon lange auf dich +gewartet! Kennst du den hier noch?« + +Und sie wies unbefangen auf einen hübschen jungen Menschen, der neben ihr +gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener +als die Gertrud, errötend uns anlächelte und in seiner schmucken +Matrosentracht wirklich hübsch -- sehr hübsch -- und um so hübscher je +blöder aussah. + +»Na,« sagte Herr Kunemund, »es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es +ist doch an dem -- er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher +bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergnügt Zusammentreffen, +Karl, und dich können wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude, +hab' ich's dir nicht gleich gesagt, daß du hübsche Leute zu deiner +Unterhaltung hier finden würdest?« + +Sie reichten einander die Hände, über den Köpfen und Schultern des Volkes +am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergnügtes Grinsen ging über jedes +Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen +teil an dem fröhlichen Wiedersehen; aber den größten Teil nahm natürlich +der Jüd Salomon Prasem, der da denn auch sagte: + +»Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; -- denn wer war's, der +ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund.« + +»Sollst deine Ehre behalten, alter Sackträger,« rief der Meister Autor, und +das Trudchen -- ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote, +ehe wir weiter schreiben. -- + +Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein +zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht! +Das Trudchen hatte sich verändert in den Jahren, die hingegangen waren, +seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein großes +Mädchen geworden -- eine Jungfrau, wie man in den Büchern, -- ein Fräulein, +wie man im Leben des Tages sagt. Und was für eine Jungfrau?! was für ein +Fräulein! + +Daß ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhöhte meine +jetzige Überraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten +Taschenspielerkunststücken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame +Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! -- Trudchen Tofote war eine +reizende, völlig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und +seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls +herausgefunden zu haben. + +»Erlauben Sie gefälligst,« sagte der Meister Autor fein und höflich, +»erlauben Sie, daß ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit +Namen nenne. Es ist nämlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde, +wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Großvater war Leinweber, sein +Urgroßvater war Leinweber, und von Rechts wegen müßte er, dieser Junge +hier, auch Leinweber sein; aber können Sie es ihm verdenken, wenn er der +ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat? +Der Bengel fährt -- tanzt auf dem Seil -- geht querüber auf dem Wasser, +kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine +ehrwürdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu?« + +Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an +den Seemann selber gewandt: + +»Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich +wieder herumgetrieben?« + +»O Herr Onkel, das wäre weitläufig zu beschreiben!« meinte der junge Mensch +lachend. »Sie haben es ja schon längst verschworen, mir ein Wort zu +glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den +Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen, +muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar +während der ganzen drei letzten Jahre?« + +»Das wird wieder ein schönes Geschäft gewesen sein!« + +»Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, -- Kapitän +Klütgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Küste entlang, Onkel; o sie wissen +mich zu schätzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von +Sumatra bis Suez -- besser als Sie, Onkel Kunemund.« + +»Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl,« sagte +der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft. + +»Aber die Gertrud kennt mich _noch_ besser!« rief Herr Karl Schaake. »Nicht +wahr, du?« Und schwerlich konnte jemand eine größere Dringlichkeit in ein +solches: Nicht wahr, du? legen. -- + +Trudchen Tofote lachte vergnügt und verschämt und gab dem Leichtmatrosen +einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schuß auch nur im Elmwalde +getan haben konnte. Auf eine wörtliche Äußerung ließ sie sich jedoch nicht +ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort. + +»Also hast du die Stadt Lübeck gerade so angelaufen, wie du der Alten +daheim über den Küchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste +Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst +vermißten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter +Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schön! Es behagt einem +immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu +erzählen hat.« + +»Aber gern sich auch allerlei erzählen läßt, was während seiner Abwesenheit +auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen?« + +Das Trudchen lächelte wiederum nur vergnügt und verschämt, und es fiel +wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob während der Abwesenheit +seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwähnung Wertes passiert sei in +dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm dabei zu +Hülfe zu kommen. + +»Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine große +Erbschaft zu besehen und zu holen?« fragte ich. »O ihr Leute, wenn dieses +kein Zeichen ist, daß es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und +nennt mir ein besseres!« + +Hierauf sah mich der Herr Kunemund groß und sehr erschrocken an, schlug +sich vor die Stirn und rief: + +»Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz über dem frohen Wiedersehen +vergessen! Alle Wetter und die Formalitäten?! Und die Gerichtsherren? und +der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von +Schmidt, -- wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf +zwölf Uhr bestellt -- und da -- schlägt es dreiviertel. Donner und Wetter, +Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern!« + + + + +Achtes Kapitel. + + +Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, daß wir auf dieses +Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen +stürmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so würden sie +sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur +Genüge. + +»Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund,« sprach der Matrose +und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone. +»Eine Erbschaft haben Sie -- hat sie gemacht! Wirklich?« + +»Und was für eine!« rief der Meister. »Ich, Gott sei es gedankt, nicht; +aber das Mädchen da! Frage nur den Prasem, was für eine gute Partie es +geworden ist, und was für süße Augen er ihr machen würde, wenn Moses und +die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden +hätten.« + +»Gerechter -- mein lieber Herr Kunemund!« rief der alte Jude. + +»Leugnen Sie es nicht, Salomo,« rief der Meister, »und dir, Karl, +wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute +morgen da oben, oder -- da unten die Hände. Eine Goldprinzessin ist das +Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt +meint, es gehöre auch ins Märchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis +dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede +im Sinne hat.« + +»Das ist auch gar nicht nötig, alter Hexenmeister!« rief ich lachend; doch +über das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer +Schatten gefallen. Er blickte das schöne Kind, die Gertrud Tofote +bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche; +ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes: + +»Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdruß und der +Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll +spanischer Dublonen und sämtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines +Tages vor die Nase in allerhöchster Glückseligkeit treten und sie fragen zu +können: Na nu Gertrud? --! Uh! Himmel und Hölle, wenn ich ihr jetzt käme +mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wäre es +doch am besten, ich hätte das alte Land gar nicht wieder angelaufen.« + +Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hände des jugendlichen +Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der +Tiefe meiner Seele: + +Ja, ja -- ja! -- + +Aber jetzt war es wirklich die höchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der +Meister sprach nur noch: + +»Herr Bergsekretär, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb +gehört er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie;« -- +dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit +einzuholen. + +Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lübeck stellte sich auf +die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen. +Wir liefen, und statt sich mit Händen und Füßen gegen die Begleitung des +Trudchens in das unmenschliche Glück hinein zu wehren, lief Karl +selbstverständlich mit der Erbin vorauf. + +Es schlug gerade feierlich zwölf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an +der alten Kirche vorüber dem Tor zuwendeten. + +»Umstände werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir können uns +dreist in den Honigtopf hineinsetzen,« sagte der Meister Autor, und es +verhielt sich selbstverständlich so, wie er sagte. + +Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorüber an +einem der Kirchhöfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack +laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzäunen etwa zehn +Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Gärten, Gitter, Gartenhäuser +rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns +zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann +natürlich wieder so ratlos als vorher standen. + +»Sie wissen es ja, wie er sich verholländert hat,« sagte der Meister Autor, +»nehmen Sie es also nur nicht übel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen +Bruder so verrückt frage. -- Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn +eigentlich der Dachs verklüftet -- ich meine mein kleiner Bruder -- ich +meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?!« + +Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen +Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die +Antwort der dem Gespräch nach leicht erreglichen Dame: + +»Hören Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen +Geld -- der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute +vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann können Sie --« + +Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir +gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mädchen, welches ebenfalls +einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger +deutend, sagte: + +»Herr je, da guckt's ja über die Hecke!« und dann sofort Reißaus nahm. + +Unsere Augen waren sämtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers +gefolgt. + +»Richtig!« sagte der Meister. »Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch +herausgebracht, wo er sich verklüftet hat.« + +Was aber da über die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewöhnlich, und +konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stieß, einen gelinden +Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem +krausen schloßenweißen Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal über eine +norddeutsche Hainbuchen- und Nußbaumhecke gucken. + +»'s ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake!« rief der Meister; und +schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die +Hand in die Höhe. Aber je näher wir andern herankamen, desto mehr versank +der Schwarze hinter den grünen Blättern -- doch glücklicherweise nur aus +Höflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den +Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund +gleichfalls die Hand und sagte: + +»Ist es der Herrschaft endlich gefällig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne +Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die +eiliger angerannt gekommen wären.« + +»Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt!« rief Gertrude Tofote, und +damit traten wir über die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches +Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen +alle noch einmal zurück über die Schulter, nur die Gertrud nicht; -- +Gertrud sagte: + +»Oh!« und sah sich nur um. + +»Es ist _doch_ wunderlich!« sprach der Meister Autor, kopfschüttelnd nach +den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des +Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt +hatte, ohne daß der Meister dabei zugegen gewesen war. + +Was mich persönlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren +nicht in einer gleichen märchenhaften, neugierig-bänglichen Stimmung wie +die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines +horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschränkte, so entging mir wenig +dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hörte -- paßte in das +Märchen -- vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr +Karl Schaake, der Leichtmatrose. + +Da standen wir im Grün und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko. +Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren -- +pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand +knirschte unter unsern Füßen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte +des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und +womöglich noch tiefere Verbeugung: + +»Dort ist das Haus,« sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes +Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten +über das Gebüsch emporragte. + +»Und wo sind die Gerichtsherrn?« fragte Herr Autor Kunemund. + +Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Höhe: + +»Die Sennorita darf sich darauf verlassen, daß sie in ihrem Eigentum ist. +Der Herr Kunemund weiß das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem +Stadtgericht gehört, daß alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es +bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das +gnädige Fräulein darf dreist weiter spazieren.« + +»Was ist denn aber das?« fragte der Meister Autor vor einer rotweißen +Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grün, den Blumen, +unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen +Steinbildern im Boden stand. + +»Das Gewächs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund,« +sagte der Mohr. »Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr +eigenes Pläsier und kümmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns +macht nun das Baumfällen Vergnügen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie +wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund?« + +»Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Häuser hinsetzen +wollen?!« schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die +deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das, +mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schüsselkorb zu Bremen den +Aufschrei des Meisters beantwortete. + +»Sie wollen mir in meinen Garten Häuser bauen?« rief auch Fräulein Gertrud +Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte: + +»Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Prioritätenstraße grade über das +Grundstück. Ich bitte gehorsamst -- sehen Sie dort, an dem Bassin steht der +zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wußte gar wohl, was er tat, als er den +Garten kaufte. Es war ein solides Geschäft, -- nur schade, daß er die +Kommission mit den Meßketten nicht selber mehr an der Tür begrüßen durfte.« + +Ich hatte die Hand auf einen die Flöte blasenden Satyr gelegt; der Meister +Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden +empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah +finster hinein, und Trudchen -- Trudchen trat zu dem alten unheimlichen +Gartenhüter und fragte: + +»Aber dürfen sie denn das, wenn ich nicht mag?« + +»Sie werden viel Geld bezahlen, gnädiges Fräulein,« antwortete Ceretto. +»Für viel Geld bekommt man alles, was man will. Für Geld und für gar nicht +viel hat man alle meine Großväter bekommen, und meinen Urgroßvater sogar +für eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die Überlieferung +davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis +in den Schüsselkorb zu Bremen. Was mich persönlich angeht, so hatte mich +der selige Herr, -- ich meine immer Mynheer van Kunemund, für vierzig Taler +jährlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten.« + +»Damals sagten Sie mir, Ihre Angehörigen stammten aus dem Lande Kongo,« +sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken. + +»Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hälfte +richtig. Aus dem Nest war meine Urgroßmutter; die wurde aber auf einen +andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgroßvater erst in Puerto +Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafür, es +sprachen damals auch Geschäftsrücksichten mit, aber, wahrhaftig, bloß die +des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut +Jahrhundert später keinen bösen Leumund darum machen, zumal -- heut heute, +schönes, junges, gnädiges Fräulein; denn _mir_ gefällt die Welt heute recht +sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergnügen +drin gefunden.« + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes +her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu +gelangen, mußten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von +Sandstein eingefaßte Wasserbecken umschreiten. + +»Das Ding hat eine merkwürdige Tiefe,« sagte Signor Ceretto. »Mynheer und +ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwärts versumpft und +verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn +das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles +und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt.« + +Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer +van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als +Eigentum zugefallen war. + +»Zu seiner Zeit war es, trotzdem daß es nicht sehr groß ist, ein +Wunderwerk,« meinte der schwarze Gartenhüter. Und wahrlich, ein Wunderwerk +war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je. + +»Oh!« rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber +sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der +ganzen Vorderseite des Gebäudes herzogen, hinaufzueilen. Und wäre jetzt aus +der Glastür in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongeperücke +und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme, +hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres +Siebenzehnhundert über ihre Hand zu neigen und das schöne Kind in _sein_ +Besitztum einzuführen, -- niemand von uns andern, die wir noch auf dem +heißen gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, würde einen +außergewöhnlichen Schauder darob verspürt haben. + +»In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte +Gartenhäuser,« sagte der Matrose. »Aber sie versinken allmählich im +Sumpfe.« + +»Ruppig, aber wunderschön!« rief der Meister Autor. »Und _das_ wollen sie +auch wegbrechen, ihrer dummen Straße wegen?« + +»Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug +gestanden,« sagte Ceretto, »aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin +wird ungeduldig -- gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel +absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die +Wirtschaft für das gnädige schöne Fräulein so bunt als möglich +herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir +haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset.« + +Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden +verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwähnten Glastür und den +fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses. + +An der Türe erwies sich der wunderliche Führer aber nochmals als ein für +seine Aufgabe vollkommen passender Mann. + +Mit einem lächelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurück auf den +Garten, -- die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebüsch und +die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grünen hervorsahen: Blumenkörbe +tragende Nymphen, Pansflötenbläser und pausbackige Kinderfiguren. + +»Sie haben alle gewartet!« sagte er. »Sie haben auf das Fräulein gewartet. +Sie haben sich gelangweilt über hundert Jahre.« + +»Das glaube ich!« brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. »Es war zwar sehr +freundlich von ihnen, aber nötig war's nicht. Was haben sie mit dem +Trudchen zu schaffen, die lächerlichen alten Galionbilder?... Nichts!« + +»So?!« sagte der Meister Autor Kunemund. »Hast du deshalb dem Kerl da einen +solchen grimmigen Nasenstüber versetzt, Karl?« + +Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten +knieenden Amor unter einem Rosengebüsch, gerade der Eingangstür des Hauses +und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenüber. Sicherlich wußte +Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine +Handbewegung erwies. -- + + + + +Zehntes Kapitel. + + +Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre -- fünf zum +höchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt +währenddem -- die Welt roch einige Male recht brandig -- Saturn entwickelte +mehrmals einen gott- oder göttergesegneten Appetit: die Knochen seiner +Kinder knackten und knirschten unter seinen Zähnen; es floß ihm rot an den +Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straßengräben und +Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das +einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr +Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten. + +Es war ein Gebäude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der +Umgebung Serenissimi in großen und kleinen Residenzen in ihren Gärten +versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem +Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts +sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Häuschen, in +welchem aber auch von Thümmel seine Wilhelmine hätte schreiben können, und +in welchem der Verfasser der Reise in die mittägigen Provinzen von +Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewiß +nicht unbehaglich gefühlt haben würde. Die Stukkaturplafonds und die +Schnörkelschnitzeleien an Tür und Pfosten hatten dem Geschmack des alten +abenteuernden Heimtückers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und +alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und +Wandmalereien hatte er zum größten Teil konserviert, und die bekannten +Abgöttereien, Schäfereien, Jägereien und Fischereien ergötzten das Auge +fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto für buntes +Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemächer +in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an +Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und +Schränken und die Wände entlang aufgehäuft und angehängt. Selbst die +Fußböden hatte er durch ausländische farbenprächtige Teppiche und die Felle +fremder Tiere nach Möglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze +überwältigte, selbst nur als Raritätensammlung betrachtet, beim ersten +Durchschreiten der Räume vollständig. + +Aber die Lebendigen waren doch das Merkwürdigste, -- sie stehen mit jedem +Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung -- der Meister Autor, das +schöne Waldfräulein und der Leichtmatrose und Pilgerführer Karl Schaake von +der Hamburger Barke Kehrwieder. + +Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tür nach der andern +vor der neuen Herrschaft öffnen; ich sehe das süße Kind immer größere und +glänzendere Augen öffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt +immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Fräulein Gertrud +Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und +über die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu +streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkästchen in der Hand, mit einem +javanischen Federfächel in der Hand, -- ich sehe sie mit einem +Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das +Lächeln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb +oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van +Kunemunds stehend, beäugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund, +der hinter ihr hertritt, sich über ihr Entzücken freut und doch dann wieder +auch stehen bleibt und kopfschüttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr, +lange und fest ins Auge faßt. + +Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines »kleinen Bruders« +in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor +diesen Stücken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhüter der +tausend Herrlichkeiten flüstert, um von neuem den Kopf zu schütteln. Ich +belausche einen tiefen Seufzer des Alten, während aus dem Nebengemache, +hinter dem schweren sammetbefranzten Türvorhang her, ein neuer, heller, +lachender Jubelruf des jungen Mädchens erklingt; den jungen Seefahrer +erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder -- im +Märchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. -- + +Wir haben allgemach das ganze Haus durchstöbert und kehren nun zurück durch +den Wirrwarr der bunten Räume, um das lustig verzauberte Gartenschlößchen +auch von außen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen +Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rückmarsche finde ich meinen +jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemächer, und zwar +in mürrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen. + +Er saß auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hängebrett zur Seite +den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, daß er alles +andere darüber vergaß. + +Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er +sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beiläufig gesagt, gar +nicht übel stand. + +»Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in +Anspruch nimmt, lieber Freund?« fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte +verlegen und womöglich noch röter werdend: + +»O nichts!« + +»Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen, +was Sie Gefährliches da hinter Ihrem Rücken verbergen.« + +Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und +lachend zu sagen er sich zu schämen schien: + +»Ich weiß nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher +gebracht hat, gewußt hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den +Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern +verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich +die Hände und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran, +daß es Unglück bringe -- daß Haus und Schiff zugrunde gehen müsse, wenn es +nicht noch frühzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natürlich eine +Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und +ertappen sie einen, der es böswillig in der Hosentasche trägt, fliegt +beides über Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrüne Zauberding.« + +»Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch +einmal, lieber Karl!« + +Zögernd legte der Leichtmatrose einen dem äußern Anschein nach höchst +unverfänglichen Gegenstand in meine Hand, nämlich einen +schwärzlichgrünlichen Stein von eirunder Form und der Größe einer +Weiberfaust. Bei näherer Betrachtung erwies sich jedoch, daß das Ding +bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mühe zugerichtet, daß es also auch +wohl für den Verfertiger seine Bedeutung haben mußte. Die eine Hälfte war +mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niederträchtiger +Schriftzüge bedeckt; auf der andern Hälfte wies sich ein Gesicht +eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Künstler augenscheinlich +bemüht, so gut es ihm eben möglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon +fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich +häßlichere molukkische Frauen und Göttinnen, als diejenige gewesen sein +mußte, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte. + +Nachdem ich das magische Ei mit gebührender Aufmerksamkeit hin und her +gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar +berochen hatte, gab ich es zurück und zuckte die Achseln. + +»Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht,« sagte Karl +Schaake. + +»Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles +Wort!... der Stein der Abnahme!« + +Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen +Seiten, indem ich wiederholte: + +»Der Stein der Abnahme!« + +Den Schriftzügen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmählich +dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stücken das Ihrige +und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein +tierisch-stupides Leben, und über alles einen Zug von unerbittlicher +Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum +andernmal zurückgeben ließ: + +»Sie dulden es nicht?« + +»Unter keinen Umständen! Sie reißen selbst das Haus nieder, in welchem es +gefunden wird.« + +»Und Sie, lieber Freund, verspüren all Ihrem Europäertum zu Trotz ebenfalls +nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen -- Stein der Abnahme, hier -- +grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie längst in allen +Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es +nachher in den Fluß zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht +wahr?« + +Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir +abwendend. + +»Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir können es vor dem +Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen +Erbin Mynheers -- und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das +Fenster steht weit genug geöffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus +von dem Unheil!« + +So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der +Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der +Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause. + +»So -- gottlob!« rief tief aufatmend Karl. + +»So!« sagte ich lachend und habe späterhin Gelegenheit gefunden, mich +dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Fürs erste fanden wir uns noch einmal +im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und +beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein +unruhiges Träumen, wenig Anteil nahm. + +Dann fragte Herr Kunemund: + +»Du wirst doch heute mit uns essen, Karl?« und Karl dankte zögernd und +sagte: + +»Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben, +und sie wird schon längst eine recht schöne Rede über mein Ausbleiben für +mich in Bereitschaft haben.« + +So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, ließen die Erbin im +Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines +eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In +diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte +mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging, +beschäftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen +Figuren und Vorgängen in merkwürdiger Frische in der Erinnerung. Den +Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und +wenn man sich gewöhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als daß ein +wohltuend warmes Behagen von der oder der Persönlichkeit für uns ausgeht, +so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nämlich den Meister +auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flüchtig genug im Tage +lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz +Gewöhnliches und Einfältiges, wenngleich ungemein Feststehendes sträubte. + +Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrießlichen +Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefühl in des Alten Einsamkeit und +sein sagenhaftes Leben hinüber; und in mancher unsichern Stunde habe ich +ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt, +denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar +niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr häufig zur unmäßigen +Verwunderung anderer Leute. + +»_Dem_ Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen!« dachte +ich, und saß mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit +dem tapfern, blanken Messer seines königlichen Ahnherrn. Und mit ihm sah +ich seinen Wald im Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in +Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Förster Tofote und das +Kind, das schöne Kind. Und während ich an meinem eigenen Leben schnitzelte +und zwar im Holz, das mir überwiesen worden war, philosophierte ich dann +und wann, wie es sich gehörte, über das Material, welches andern in die +Hände fiel, so zum Exempel über die Erbschaft Mynheers van Kunemund. +Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kümmerte ich mich um jenen wunderlich +schönen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweiße +Meßstange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote +zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und +aufgerichtet hatte. -- + + + + +Elftes Kapitel. + + +Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefähr eine halbe Stunde von der +Station, und während fünf Minuten unterhielten sich die Reisenden in +sämtlichen Wagen, in der Erwartung, daß es sogleich weiter gehen werde, +ruhig über die möglichen Gründe des plötzlichen Anhaltens. Nach einer +weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern, +um sich nach diesen Gründen umzusehen, und einen kürzesten Moment später +bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Köpfen den Anblick +einer Straßenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Außergewöhnliches +vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der +zärtlichen Pflege seiner altjüngferlichen Herrin entschlüpft war, so war +nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Außergewöhnliches, so doch gewiß +ziemlich Aufregendes passiert, zumal für diejenigen, welche dergleichen +noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten. + +»Personen- und Güterzug entgleist ... Bahn unfahrbar!... Heizer und +Lokomotivführer tot, viele Passagiere verwundet!« ging es plötzlich von +Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der +Böschung in Gruppen stehenden Schaffner ließen sich nunmehr allgemach +herbei, die Nachricht zu bestätigen und fingen auf Befehl des Zugführers +an, die Wagentüren zu öffnen. + +Allgemeines Herausklettern -- Durcheinander von Frage und Antwort -- hie +und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach +dem Charakter oder der Eile der persönlichen Reisenot heftiges +Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht +hat, weiß es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im +freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coupé zu +übernachten, oder nach eigenem Können und Vermögen seinen Weg über das +Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls +fühlen. -- + +Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versäumen, und nachdem mir die +Gewißheit geworden war, daß für eine längere Zeit an ein Freiwerden der +Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich +gleichmütig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend +zurecht zu finden. + +Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von +der nächsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich beträchtlichen +Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges +Gewitter am frühen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem +Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben +jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere +Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte +schlimmere und zwar ziemlich heiter überwunden, wenn auch dann und wann nur +aus dem einfachen Grunde, weil ich mußte. + +Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen +Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hügeligen Ebene +zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefähr eine Viertelwegstunde von +der letztern lag ein Dorf in Gebüsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg, +den wir sämtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen +wollten, führte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer +genug mit ihrem Gepäck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den +roten Dächern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor für das Ertragen +der Verdrießlichkeit ausgerüstet, ließ den Schwarm voranziehen. Eine +Zigarre anzündend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die +Höhe nach, erstieg dann die Böschung und saß am Rande eines unübersehbaren +Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in +ziemlich eigentümlicher Stimmung. + +Da war eben noch der wirreste Lärm, das Rasseln der Räder, das Geschwätz +der Mitreisenden, das Ächzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die +Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt -- die +tiefste Stille -- bis auf die Lerchen über mir im Blau und die Grille neben +mir im Thymianbusch. Und, weithin zu überblicken, lag die Ebene im +Sonnenduft, und im Süden das Gebirge im weißlichen Glanze. In +Schlangenlinien zog sich der Bahnkörper durch die Fläche und um die Hügel, +hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im +Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort, +zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grünen Busche entfernt, zwanzig +Fuß tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange +Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der +Lokomotive. Nur die Beamten -- der Lokomotivführer, Heizer und Schaffner +waren noch um die Wagen beschäftigt, und in den ersten Klassen hatten +einige verdrießliche Herrschaften von beiden Geschlechtern +verzweiflungsmatt ihre Plätze festgehalten. + +»Wie schön doch die Welt geblieben ist!« sagte ich erstaunt. »Gütiger +Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lächelt uns mitleidig +nach, während wir da vorüberrasen, befangen im Wahn in dem wüsten Gelärm +durch eigenes Mitlärmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran +wir längst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser +eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen! +Meine Herrschaften, da wäre die Gelegenheit, für die, die da lachten, zum +Weinen, und für die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O +verflucht, lieber von Schmidt!« + +Ich hätte in dieser märchenhaften Stimmung fast die Zigarre als eine +=frivolitas frivolitatum= in den Hohlweg hinunter und der Eisenbahn +zugeworfen, tat es aber natürlich doch lieber nicht, sondern blinzelte +behaglich mit einem befreienden Atemzug in das Bessere, ohne das Gute zu +verwerfen, bis das Märchen noch freundlicher seine Hand mir in die helle +sonnenvolle Stunde hinein und entgegen streckte, und mir die Gelegenheit +bot, die beste Bekanntschaft, die ich in der Gegend hatte, zu erneuern. + +Der goldene Weizen dicht hinter mir sang leise im leichten Winde. Die +letzten Passagiere hatten sich längst aus meinem Gesichts- und Gehörkreise +verloren, als das Gebell eines Hundes und der Schall von Fußtritten im Korn +mich bewog, mich langsam und widerwillig nach der Störung hin umzudrehen. +Ein enger Pfad durchschnitt querüber die gelben Wellen der Halme und Ähren +und mündete, ungefähr sechs Schritte von meinem Ruheplatze, in den Hohl- +und Dorfweg hernieder leitend. Auf diesem kaum fußbreiten Pfade durch das +hohe Korn bewegte sich ein breitkrämpiger grüner Filzhut mir entgegen -- +kam ein Mann, ein alter weißköpfiger Mann, mit bereiftem Kinn, lang, +schlotterig und gebückt, die kurze Pfeife im Munde, und dicht vor den Füßen +begleitet oder besser geleitet von einem, dem Anschein nach, nicht mehr +jungen Dachshunde, und trat, als ich grade die Hand über die Augen legte, +um die malerische Erscheinung genauer zu betrachten, an den Rand des +Hohlweges mit der Absicht, in ihn hinunterzusteigen. + +So viele Leute ich während der letzten Jahre aus dem Gedächtnis verloren +hatte, den Meister Autor Kunemund hatte ich nicht daraus verloren und -- +hier war der Meister Autor! + +Unverkennbar war er es! ein wenig greisenhafter und körperlich gebrochener, +auch wohl noch ein wenig blinder, aber doch der ganze Meister Kunemund! + +Mit einem Rufe der freudigsten Überraschung sprang ich in die Höhe und rief +den guten Namen, und jetzt legte auch der Alte die Hand über die Augen, und +so standen wir und sahen uns an. -- + +Er erkannte mich natürlicherweise nicht sofort und wollte eben nach einem +kurzen höflichen Gruße weiter gehen, der Eisenbahn zu, als ich ihm den Weg +vertrat und ihm die Hand bot. + +»Wir waren einmal gute Freunde, Herr Kunemund,« sagte ich. »Und ich hoffe, +daß wir uns als solche heute wiederfinden.« + +Nun nannte ich ihm meinen Namen, und er rückte mir rasch unter die Nase zu +genauester Betrachtung, und dann ging ein breites Lächeln des Erkennens ihm +über die verwitterten Züge; er schüttelte mir kräftiglich die Hand und +rief: + +»Herr, sieh, sieh, das freut mich, das freut mich aber wirklich! Sehen Sie, +lieber Herr Bergrat, grade an Sie habe ich eben noch gedacht, und wie oft +ich die letzten Zeiten hindurch an Sie gedacht habe und Sie gern einmal +gesprochen hätte, das kann nur ich alleine wissen. Also aber vor allem +andern, Ihnen geht es doch nach Wunsch in der Welt?« + +Wem geht es eigentlich nach Wunsch in der Welt? Wem ging es irgend einmal +zu irgendeiner Zeit danach? Ich zuckte die Achseln, doch da ich +augenblicklich wenigstens mich über einen außergewöhnlich scharf +zubeißenden Lebensverdruß nicht zu beklagen hatte, so rief ich: »Man soll +um Gottes willen die Götter nicht eitel machen; ich werde mich sehr hüten, +sie zu loben; aber sonst, jawohl, geht es mir ganz gut!« und damit gab ich +ihm seine Frage zurück. Da zog auch der Alte die Schulter in die Höhe, und +ich brauchte die Bestätigung durch sein Wort nicht abzuwarten; ich sah es +schon selber, daß es ihm nicht gut ging, und daß der Staub und Dampf der +Erde ihn doch noch ein wenig mehr als mich zugedeckt habe und überwölkt +halte. Ich sah schon auf den zweiten Blick, daß der Meister Autor der Mann +nicht mehr war, den wir einstens, an einem Sommertage im Walde getroffen +hatten, das Kind hütend, und mit dem Kinde geheimnisvolle Wunder in der +Einsamkeit erlebend -- er war heute vielleicht noch etwas mehr! + +»Nun, ich bin auch noch ganz zufrieden, lieber Herr,« sagte der Greis; +allein das Wort kam zögernd heraus, und er brach ab und fragte: »Was ist +denn dorten passiert auf der Bahn? Ich hörte im Felde von einem, daß ein +Unglück geschehen sei, und kam, um nachzusehen. Sind Sie auch mit +betroffen, Herr?« + +Ich beruhigte ihn und gab ihm Nachricht und Auskunft über den Vorfall, +soviel ich davon zu vergeben hatte. + +»Ihre Hülfe ist da unten nicht vonnöten, Herr Kunemund. Ihr wißt freilich +manchen Zauberspruch, Meister; aber ein Eisenbahngeleise macht Ihr doch +noch nicht frei durch Euren guten Willen. Also wenn Sie es sonst nicht +eilig haben, verehrter Freund, so gönnen Sie mir ein Viertelstündchen Ihre +Gesellschaft. Sehen Sie, da habe ich unter dem Busch gesessen in nicht +unfröhlichen Gedanken, und jetzt kommen Sie durch das Weizenfeld, der +Mann, der mir vor allen Menschen notwendig war, die gute Stunde zu +vollenden! Es geschehen doch noch Wunder, und das Wurzelwerk und Kraut hier +unterm Busch ist auch nicht ohne Grund zu einem Sitz für uns beide +zurechtgemacht. Setzen wir uns, und dann, Meister, Meister, wie geht es im +Walde? Was macht das Haus mit den Hirschgeweihen auf den Giebeln? was kocht +die Alte? und was macht der Förster und Euer wunderschönes Pflegekind, die +Gertrud Tofote, die ein so reiches Mädchen geworden war, als wir uns +zuletzt sahen -- wißt Ihr noch? Wahrhaftig, ich verwirre mich fast; nach so +vielen guten Bekannten und Freunden habe ich mich bei Euch zu erkundigen!« + +»Da wird es freilich besser sein, daß Sie mir einen Platz an Ihrer Seite +geben, lieber Herr. Man fragt eben nicht nach vielen Leuten in der Welt, +wenn es Freunde sind, ohne daß man eine ausführliche Antwort erwartet. Ich +habe wohl Zeit zu allem; aber wissen Sie ganz gewiß, daß Sie dergleichen +haben? Ich habe es oft gefunden, daß die Leute sich hierin irren, als +worauf sie dann selber sich ärgern und man selber den Verdruß davon hat.« + + + + +Zwölftes Kapitel. + + +Wir saßen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der +Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das +Ährenfeld sang auch, und zu allem andern ließ sich jetzt auch noch eine +Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trüblich: + +»Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde!« + +»Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde?« + +Er schüttelte den Kopf: + +»Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer +Förster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehörde hat ihm das Haus +restauriert; das heißt, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu +erneuern, ging es natürlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz +neues hinsetzen müssen. O das ist wunderschön, sie nennen es gotisch und +haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt +man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug +ab, an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was +Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden. +Alles zerstreut -- verkauft -- ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin +gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke, Herr, den +andern geht es recht wohl.« + +»Meister, Meister?!... Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht +durch unnütze Reden quälen. Laßt mich alles hören und so schnell als +möglich! Wie geht es dem Förster? Was ist aus Fräulein Gertrud geworden?« + +»O, _der_ geht es sehr, sehr gut. Danke schön!« sagte der Alte, den Kopf +womöglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend. + +»Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls -- +was jagt Ihr einem für einen unnötigen Schrecken ein! -- Sie alter Sünder +werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen für sich allein weiter +haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt +haben Sie dann freilich alle Zeit, sich über sich selber zu ärgern.« + +Der Greis schüttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu; +wahrlich er lachte, und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete: + +»Ganz so, wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber +Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier +genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen +schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben +lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drüben +jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu +ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr, +wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergnügen macht +es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel +hat spielen müssen, kann darüber nachsagen oder nur ein Wort mitreden.« + +»Wahrlich!« rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines +Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun +allmählich wohl merken müssen, daß hier mit einiger Vorsicht aufzutreten +sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor +versunken war, nicht; sondern ich ließ ihn seinen eigenen Weg durch seine +Erlebnisse gehen, in der festen Gewißheit, daß er mich baldigst auffordern +werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. -- + +Der Himmel war blau über uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grün der +nähere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen +Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im +Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und +die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schön, +selbst an dieser eigentlich ziemlich unschönen und ganz und gar nicht +romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewißheit, daß mir +von neuem einmal gezeigt werde, daß sie ebenso häßlich als schön sei, +durchfröstelte und überkroch mich. Notwendig erschien mir das neue +=argumentum ad hominem= grade nicht, und ich würde mit Vergnügen Verzicht +darauf geleistet haben. + +Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit +einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug: + +»Ich hatte mir vorgestellt, daß man da vielleicht eine Handreichung +brauchen könne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter, +lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem +großen Vergnügen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine +Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstündchen in meine Stube! Sehen Sie +es sich einmal an, wo ich untergeschlupft bin! Sie tun ein gutes Werk an +einem nichtsnutzigen, überflüssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich +zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehängt ist, wie ein +Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten +kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden +Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles, +was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wißt, ihr könnt euch +freilich nicht in unser Gemüte hineinversetzen.« + +»Herr Kunemund,« sagte ich, »wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen +hinunterreichen soll, _nicht_ einige Sprossen!« + +Ich hätte mich eines philosophischen Ausdrucks bedienen können, ich hätte +mich höchst schulgerecht ausdrücken können; aber da mich der Meister +verstand, so war's nicht vonnöten; und zu allem Übrigen war die Redensart +auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich +freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und +Thymian. + +Das schwere, mühselige Sichemporheben des Alters bekümmerte mich bei dem +greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm höflich, und wir gingen +dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. -- + +Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose großstädtische +Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Röhricht fällt, so hatte sich das +sozusagen allgemein europäische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge +auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk, +das durchaus nicht dahin gehörte, erfüllte die Gasse. Die Dorfleute sahen +mit den allergrößesten Augen in das so plötzlich über sie hereingebrochene +Wesen und Treiben hinein, und die höflicheren Bauern und Bäuerinnen hatten +auch wohl schon einige Stühle und Bänke für die unvermuteten Gäste in den +Schatten ihrer Gras- und Baumgärten hinausgeschafft und den Besuch zum +Hinsetzen eingeladen. Über die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter +Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestürzt, um +das vorhandene Getränk zu vertilgen und über es und die armselige Kneipe +herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine närrische Bewegung, und +als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund große Augen; aber +nicht lange. + +Der Meister führte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen +standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang. +Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am +entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer ärmlichen Hütte, zu der man über +einen Steg, der über ein mit saftigem Grün bewachsenes, fußbreit +hinrieselndes Wässerchen führte, gelangte. Eine armselige Hütte, doch von +Bäumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht übel in die +Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt. +-- + +»Da lebe ich denn wieder und bin zurückgekommen dahin, woher ich kam,« +sagte Herr Kunemund. »Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl; +die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen +aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; daß +der Tofote, der Arend, drin sterben mußte, ist viel merkwürdiger, als daß +ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie, +Herr? Vorhin hatten Sie große Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu +nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Maß doch noch +um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es +stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.« + +»Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so übel getroffen!« +erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises +eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich +dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende +Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in +der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu überschreiten. Er ging mir +voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in +diesem Moment, senkten sich mir die Gegensätze des am heutigen Tage +Erlebten von neuem scharf in die Seele. + +Auf die lange heiße schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der +unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten +Leben die aufdringliche Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf +der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in +der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrünten Hang des Hohlweges -- die +weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun? + +Nun das -- _das_, was immer bei allem Getümmel und Getöse der armen Welt +doch zur Seite -- da hinter dem Hügelzug -- hinter dem Walde, hinter der +Mauer des kleinen Gartens -- hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir +vorüber fliegen -- -- hinter dem Gewühl in der eigenen Brust sich weiter, +weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das große, offenkundige +Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und +in welches uns doch ein Schritt hineinführt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle +-- das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick größer als es +dünken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des +Urgrundes -- der ungekräuselte, dunkele, schrecklich-schöne Spiegel, durch +den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und außer uns, meine +Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zufälligkeit +fließt! -- -- + +Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich +gewarnt: »Stoßen Sie sich nicht an den Kopf!«, und nur selten war die rege, +durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen +zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in +das Haus des Meisters Autor Kunemund. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + + +Wir standen beide gebückt unter der niedern Stubendecke. + +»Nehmen Sie es nur nicht übel,« sagt mein Führer, »mein Vater und meine +Mutter waren alle zwei kleines Volk, und auch mein kleiner Bruder ist da +nicht aus der Art geschlagen: ich wollte nur, Sie hätten ihn persönlich +kennen gelernt. Was mich anbetrifft, so habe ich freilich in dem alten Nest +so eine Art von Kuckuck ausgemacht.« + +Selten hatte ein Vergleich äußerlich so wohl und innerlich so schlecht +gepaßt. Ich äußerte derartiges, und Herr Kunemund fragte lächelnd: + +»Meinen Sie?« und fügte hinzu: »aber sie nannten mich in meiner Kinderzeit +im Dorfe stets den Kuckuck, und als ich neulich heimkam, hat's mich fast +verwundert, daß sie mich nicht durchgängig noch so riefen. Da sieht man +aber, wie man aus der Menschheit herauswächst und alt wird, -- das erstemal +als mich ein zahnlos Weibchen ansprach, wie es sich gehörte, ist's mir +ordentlich warm über die Leber gelaufen; aber kein halb Dutzend reicht noch +zu mir hin und hinunter und spricht mich an: Na, Kuckuck, wie geht es +denn?!« + +»Wie Sie sagten, hat auch der Herr Förster Tofote hier bei Ihnen gewohnt?!« + +»Richtig, und das war im Grunde ebenso wunderbar denn der Arend, sehen Sie, +maß auch gut seine sechs Fuß drei Zoll, wenn nicht mehr, und hat sich also +gleicherweise hier zwischen den Wänden, unter den Balken und auf der Bank +arg zusammenklappen müssen. Er hat mit mehr als einer Brausche an der +Glatze und an der Stirn in die Grube fahren müssen, wenn das auch wenig +sagen wollte, da er sein Lebtag durch dran gewöhnt war, mit der Stirn +anzurennen. Sehen Sie, da das Stück weichen Tannenholzes von der +Türverschalung hat er mir auch abgestoßen mit seinem Dickkopf, und ist mir +das gleichfalls als ein Andenken an ihn zurückgeblieben. Zuletzt wurd's ihm +zu viel, und er hielt sich am liebsten draußen auf der Bank auf, und jetzt +liegt er draußen, und mit dem Anrennen, den Beulen und Hautschrunden hat's +für ihn keine Not mehr.« + +Es gab mancherlei Andenken in der schlechten Hütte, und nicht bloß solche, +welche den braven Förster Arend Tofote seinen guten Bekannten in das +Gedächtnis zurückriefen. + +»In solch einem Dorfe hält manches, was sich in der Stadt schnell im +Durcheinander und Gebrauch verliert, bis in alle Ewigkeit,« sagte der +Meister Autor. »Daß ich aber noch in einem Winkel auf meiner Mutter +Spinnrad gestoßen bin, das war mir freilich schier und klar außer dem +Gaudium ein Mirakel. Ich traute meinen Augen nicht, als ich es beim +Vorsteher in der Mägdestube fand, und ich schätze es als eine Noblesse von +dem Vorsteher, daß er es mir abließ, und mir nicht über seinen gewöhnlichen +Wert seine Forderung machte. Ich hätte ihm die Haut vom halben Leibe dafür +abgelassen, dem Vorsteher: denn -- wisset Ihr, Herr, ich kann auch spinnen +und spinne jetzt die Abende durch und den ganzen Winter. Wenn man solche +dumme Augen hat, wie ich, so geben sich die Künste, die man treibt, eben +von selber. Im Strumpfstricken und Flicken nehme ich es mit jedermann und +den besten Hausfrauen auf. Seit unser Trudchen uns abhanden kam, wüßte ich +auch keinen, der mir aus Liebe, Güte oder Gefälligkeit dieses Geschäfte +abnehmen sollte.« + +Es konnte nicht meine Sache sein, den Greis jetzt schon bei »unserm« +Trudchen festzuhalten. Ich hielt es für besser, ihn ganz von selber dahin +kommen zu lassen, wo ich ihn so gern gehabt hätte. Fürs erste schlug er +noch einen Hasenwinkel. + +»Des Vogels erinnern Sie sich wohl nicht mehr? haben ihn wohl gar nicht +einmal beachtet, wenn Sie uns die Ehre schenkten? Stieglitze gibt's genug +in der Welt; aber ein klügerer ist seinerzeit noch nicht den Alten aus dem +Neste gefallen. Damals hüpfte und sang er; jetzo sitzt er still in seinem +alten Bauer -- nämlich ausgestopft. Und, lieber Herr, der Kerl ärgert mich +dann und wann am stillen Abend, wenn ich mit ihm, mir und dem Dachs so +allein sitze. -- Es wäre besser gewesen, wir hätten ihm nach seinem +Abscheiden ein Kinderbegräbnis gemacht und ihn ruhig in ein Loch im Garten +gesteckt, der Arend und ich! Ich persönlich bin auch nicht auf die dumme +Ausstopferei gekommen; ich traf den Tofote schon eifrig und grimmig +darüber, als ich eines Abends nach Hause kam. Gertrude war schon in der +Stadt, und wir konnten sie also nicht um ihre Meinung fragen. Sie hatte ihn +uns zurückgelassen; denn sie machte sich nichts mehr daraus.« + +Jetzt noch weniger hätte ich den Alten bei dem zierlichen Namen +festgehalten! + +»Ei seht aber, Meister Autor,« sagte ich, um den seltsamen Blick desselben +von dem ausgestopften Tierchen abzuwenden, »Sie haben da ja ein ganzes +Museum -- ein vollständiges ethnologisches Museum!... und welche +prachtvollen Muscheln, welche ausgezeichneten Korallen! Je genauer man +zusieht, desto größere Schätze entdeckt man bei Euch. Sind Sie heimlich +etwa auch während meiner Abwesenheit zur See gewesen? haben Sie auch wie +Ihr Bruder die Tropenländer mit dem Kuriositätensack auf dem Rücken +durchwandert?« + +»Dieses gerade nicht, -- o nein, im Gegenteil,« sagte der Alte ehrlich auf +meinen Scherz. »Ich weiß eigentlich auch nicht, was Karl sich dabei denkt. +Ich habe zwar mein großes Vergnügen daran, und das wird es wohl sein, was +ihn antreibt! Er kommt nie von Reisen heim, ohne mir dergleichen +Schnurrpfeiferei mitzubringen. Der Junge sitzt noch immer gern bei mir.« + +»Karl? Welcher Karl?« + +»Nun, erinnern Sie sich denn nicht? der Karl Schaake! der Leichtfittich und +Leichtmatrose, der damals aus der Stadt Lübeck mit uns ging, als ich Sie +abgeholt hatte, um uns zu helfen, die große Erbschaft meines ausländischen +Bruders in Besitz zu nehmen! Nicht wahr, jetzt fällt es Ihnen ein? Und +wissen Sie, der Junge fährt noch immer auf der See; aber jetzo als +Steuermann. Keine Völkerschaft ist ihm zu schwarz! und bis dato ist er auch +immer noch ganz gut und ungebraten davongekommen und mit seinem Geschäft +zufrieden. Wie gesagt, was für ein Gefallen er gerade an mir findet, außer +daß wir aus einem Dorfe sind, und die Base aus dem Cyriacihofe mit uns, +kann ich nicht sagen; ich zerbreche mir aber auch gar nicht den Kopf +darüber, denn die meisten Leute, auf die ich im Leben stieß, sind so +gewesen. In der Hinsicht habe ich mich nicht zu beklagen.« + +»Das heißt: auch Euch, Meister, ist nie eine Völkerschaft zu schwarz +gewesen!« sagte ich lächelnd; aber des frühern Leichtmatrosen und jetzigen +Steuermanns Karl Schaake entsann ich mich nunmehr ganz deutlich und zwar +mit dem Gefühl der Beschämung und des Ärgers, welches man immer hat, wenn +man wieder einmal findet, daß man seinem Gedächtnis zuviel trauete. +Unbeschadet eines gegen das Ende des zehnten Abschnittes +niedergeschriebenen Wortes war mir der Seefahrer -- in dieser Stunde +wenigstens -- ganz und gar aus der Erinnerung abhanden gekommen. + +»Der Stein der Abnahme!« rief ich. »Karl Schaake! Richtig, -- der +Hadschi-Schiffsmann, der den heidnischen Unglücksstein aus dem Fenster +Mynheers van Kunemund warf. Also der lebt auch noch und hat seinen Beruf +wacker festgehalten.« + +»Ja freilich,« sagte der Alte melancholisch. »Was das mit dem Unglücksstein +ist, weiß ich zwar nicht, denn das habt ihr beiden damals unter euch allein +ausgemacht; aber die Fische und die Wilden haben ihn bis jetzt gottlob noch +nicht gefressen. Daß es dem armen Jungen aber besser hätte ergehen können +und ohne meinen kleinen Bruder auch ergangen wäre, das steht gleicherweise +fest. Der Teufel hole die ganze Geschichte!« + +Ein Geheimnis lag hier gerade nicht vor. Wer sich offenen Auges durch diese +Welt drängt, der lernt es bald, sich in den Verhältnissen zurechtzufinden; +das Leben liegt vor ihm wie ein Rätsel in einem -- Kinderbilderbuche, unter +dem die Auflösung in umgekehrter Schrift gedruckt steht. Stellt nur euch +nicht auf den Kopf, sondern das alte abgegriffene Rätselbuch, und ihr +werdet bald heraus haben, was es mit den Geheimnissen auf sich hat. + +Es war in diesem Falle eben wohl möglich, daß der tückische Zauberstein, +der in dem Gartenteiche versank, schon zu lange für die Erben unter den +Raritäten Mynheers van Kunemund gelegen hatte. In diesen Dingen verstehen +Mutter Natur und Muhme Schicksal keinen Spaß, und also trat ich so dicht an +den Meister Autor heran und sagte leise: + +»Jetzt, Herr Kunemund, sagen Sie es mir, was aus Ihrem schönen, süßen +Pflegekind, aus der kleinen hübschen Gertrud geworden ist! Ich bin mit +Ihnen gegangen und habe mir von Ihnen alles vorweisen lassen, bunte +Muscheln, Korallen, den Kolibri, das Seepferd, kurz was Sie wollten; aber +jetzt lassen Sie mich auch hier klar sehen. Daß das Dasein schwer und +mühevoll auf Ihnen liegt, habe ich vom ersten Augenblick unserer Begegnung +gemerkt; daß ich nicht aus kühler, kalter Neugierde frage, meine ich, wißt +Ihr, alter Freund! Also bitte, Mann, teilt mir mit, weshalb Ihr Euch hier +in der Einsamkeit auf den Maulwurf- und Grillen-Fang, auf das +Strumpfstricken und Hanfspinnen gelegt habt! Meister Autor, Sie sind es +unserer alten Vertraulichkeit schuldig, daß Sie mir sagen, weshalb der +Förster nicht in seinem Försterhause, nicht bei seiner Tochter, sondern +unter diesem Dache gestorben, weshalb die Alte zu ihrer Vetterschaft +gezogen ist, und -- und, -- und wie es der Gertrud Tofote geht!« + +»Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Herr Bergmeister!« + +»Und doch nur eine.« + +»Jawohl! Im Grunde haben Sie da recht, und so will ich sie Ihnen denn auch +beantworten. Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Niemandem ist +etwas Absonderliches passiert. Mir nicht! dem Arend nicht! der Alten nicht, +und unserem armen Trudchen nicht! Wir sind auseinander gekommen, ohne daß +wir es gemerkt haben; das heißt, wir waren einmal eines Tages auseinander +und merkten es dann erst. Haben Sie je Leute gekannt, denen es in der Welt +anders ergangen ist? Ich meine, die auf eine andere Art auseinander +kamen?!« + +»Unter guten und klugen Freunden ist das freilich die gewöhnliche Weise,« +erwiderte ich nach einigem Nachdenken. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + + +Das Hindernis war aus dem Wege geräumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte +mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in +meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darüber nachzusinnen. + +Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm +noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte +Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war +gewesen: + +»Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen, +und Sie werden ganz gewiß auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es +mir nicht übel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten, +klugen und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so weiß ich auch ganz +sicher, daß Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen +ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug möchte ich Ihnen +nicht aufreden; also -- leben Sie recht wohl: wir treffen einander +gewißlich noch einmal wieder; -- und, lieber Herr, vergessen Sie es ja +nicht, grüßen Sie mein Trudchen recht schön und eindringlich von mir!« + +Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglücksstelle vorüber und sahen +auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem +blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und +jetzt schon war für alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige +Ereignis zu einer überwundenen Verdrießlichkeit geworden, zu einem Thema, +über das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lügen ließ. Ich ließ +_das_ also schwatzen und renommieren und saß, in _meinem_ Verdruß immer +noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grüne Landschaft +hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und +herwendend, im Geist. Daß ich etwas Klügeres hätte tun können, war gewiß; +möglich war's mir aber eben doch nicht. + +»Was auch mit dieser hübschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag,« sagte +ich mir, »und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich +anstellen mag, seinen Beruf hält er fest! Er tut nur so, der getreue +Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh, +nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; -- zum +Teufel auch, wer weiß, in welchen dunkeln Winkel er sie für den Augenblick +geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn; +aber auf das Fräulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine +Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben.« + +So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre +der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins +Bett und las am andern Morgen beim Frühstück in der Zeitung ausführlich, +und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte, +ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob plötzlich +jemand sich mir über die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das +interessanteste Wort in dem langen Berichte deute. + +»Es ist nicht möglich!« rief ich. + +»Doch wohl!« sagte das Ding hinter mir. »Wir machen das häufig so.« + +Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm +nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher +Verwundungen war vorgefallen; Verstümmelungen waren geschehen, in Hinsicht +auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der +traurigen Liste der Beschädigten wurde ein Mann aufgeführt, der im Verlauf +meines Gesprächs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden +war: + +Steuermann Karl Schaake -- beide Füße doppelt gebrochen! + +Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang +im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im +reinen darüber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen +Angelegenheiten im Auge behalten) auf diese unbehaglichen, ungemütlichen +Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu +lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle. + +Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heißt, ich hatte Hut und +Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion. + +»Der Alte liest sicherlich keine Zeitung,« sagte ich mir. »Der Seefahrer +wird ihm ebenso sicher keine Nachricht über sein Befinden schriftlich +geben, sondern sie ihm lieber persönlich, auf seine zwei Krücken gestützt, +bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umständen zu +erkundigen; -- dummes Zeug -- Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr +Forstsekretär von Müller, der uns damals den Vergnügungsstreifzug in den +Elm so vergnüglich vorzuspiegeln wußte und uns richtig in seinen +Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, -- meines Vaters Sohn, wie der +Meister Autor sagen würde, wahrhaftig nicht!« -- + +Die »betreffende Behörde« war ungemein höflich und zu jeglicher Auskunft +gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem +beklagenswerten Ereignis. Übrigens befand sich bereits alles wieder in der +trefflichsten, wünschenswertesten Ordnung und für sämtliche Beteiligte und +leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die +Toten waren natürlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der +schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen, +mit den leichter Beschädigten nach der Stadt transportiert zu werden, und +sie waren natürlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befördert +worden. Zu beklagen hatte die maßgebende Stelle sich eigentlich nur über +ein Individuum; aber über dieses auch sehr! Ein unglücklicherweise auch +körperlich verletzter Seemann war sehr ungebärdig gewesen und hatte sich +sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschämt betragen, obgleich +man ihm wie allen übrigen mit der höchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit +usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der +sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der gröblichsten Schimpferei +nicht habe enthalten können. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe +-- teilte man mir mit -- ihn so vorsichtig als möglich, unter chirurgischer +Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er, +erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch +seine Entschädigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten. + +Ich nahm alle diese Erklärungen des höflichen Beamten ebenso freundlich +hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nähere Angabe +jener Adresse des eben, das heißt zuletzt erwähnten unangenehmen Gesellen +und unhöflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas kühlerer und +formellerer Weise als die früheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem +ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mühe in Erfahrung +gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und +fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund +wieder; nur leider in den betrübtesten Zuständen. + +Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgräben ihrer jetzt zu recht +anmutigen Spaziergängen eingerichteten Wälle und Bastionen mancherlei +kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Höfe und Torbogen; und das +Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer überquer +aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an. +Holzstecher- und Steinmetzarbeit der Vorväter hat den neuern Jahrhunderten, +d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so +tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tüncherpinsel +gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch +allerlei finden. Was besonders jene, eben erwähnten, in die Häusermassen +eingekeilten Höfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch +unaufgeschlossenes Reich der Wunder für den Kenner und Liebhaber. + +In überraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem +erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten +Verästelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so häufig, daß ich mich +wieder einmal gründlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert +eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt +fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden +Torbogen, der bis dahin für mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den +ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die +Wölbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im +sechzehnten, sondern im vollsten, unverfälschten fünfzehnten Säkulo und +stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen. + +Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmäßigen Viereck um mich her! +Und welch ein Holzbau! + +Da liefen sie, die Wände entlang, übereinander, nebeneinander hin, die +Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und +warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grüne Baum neben +dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten +Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof +bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie überraschend malerisch und +kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die +Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hüpften und den +Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wußten es +jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches +auf alle nötigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die nötige +Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht. +Es zeigte grinsend die Zähne, lachte und ließ mich ohne Antwort stehen; ich +hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und +fand ihn glücklicherweise auch. + +In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand, +an einer Visierstange hinäugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer +Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu: + +»Im Augenblick, mein Herr!« + +Es würde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich für das +allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu +hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschäft fort, seine +Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen +fernab mit der Meßkette beschäftigten Untergebenen teilend; und hoch war es +anzuerkennen, daß er trotz alledem doch noch einige Worte der Erläuterung +für mich übrig hatte. + +»Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mühe verursacht als diese +hier,« sagte er, »aber dafür wird auch keine der neuprojektierten +Straßenanlagen die Stadtbevölkerung in ihrer Vollendung so sehr überraschen +und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern füllen wir +natürlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die +müssen selbstverständlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in +eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem +Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, -- ohne daß zu +dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Gerümpel irgendeine +Ahnung davon hat. Es ist wundervoll!« + +»Das ist es!« rief ich mit höchstem Enthusiasmus. »O ihr gütigen Götter!« + +»Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmännischen Spekulation, sondern +es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften,« rief mein +freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch über die eigene +emporriß. »Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen +haben!« + +»O doch!« stöhnte ich aus tiefster Brust. »Ich kann es mir in größter +Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns +sehen, bleibt nichts aufrecht?« + +»Nichts!« sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzückter, begeisterter +Baukünstler. »Haben sie doch jetzt angefangen, Nürnberg abzutragen, also +sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten +Ruinen gegenüber mit größerer Schonung vorgehen sollten.« + +Hierauf ließ sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn +schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstraße bezüglichen Zahlen und +sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren. +Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine +ersten Bitten um Auskunft über den Steuermann Schaake von neuem +aussprechen. + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + + +Der Herr hatte natürlich auch die Zeitung mit dem Bericht des +Eisenbahnunglücksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt, +daß einer der Beschädigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu +wem und wohin, das wußte er nicht. So grüßten wir einander, und ich folgte +dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nächste Tür +(ein halbes Dutzend dergleichen führen von dem Hofe in die Gebäude) und +ließ es auf das gute Glück ankommen, ob ich die richtige getroffen habe. + +Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von +Füßen ausgetretene Treppe führte mich, sich im Halbkreise drehend, in den +Unterstock, im rechten Flügel der Hofgebäude, und zuerst in einen ziemlich +breiten gewölbten Gang, der durch ein großes Bogenfenster im Westen erhellt +wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strömte +in dieses große Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemäuer in +eigentümlich schöner Weise. + +Eine dunkle Tür zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Männerstimme +forderte einen Augenblick später zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd +still auf der Schwelle in der Überraschung vor dem Bilde, das sich jetzt +dem Auge bot. + +Ich erzähle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mächtig +erregte, durch die Jahre gesänftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt +demnach wohl auch dem Äußerlichen sein Recht geben und Gefühl und +Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen. + +Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes +Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller +und magischer sich über das mittelalterliche Eichengetäfel des Gemaches +ausbreitend! Grüne Zweige draußen vor dem Fenster -- das Hausgerät eines +alten Jüngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein bärtiger Mann im +Winkel! In der Fensterwölbung am Spinnrad eine alte Frau! ... in dem +Sonnenstrahl die merkwürdigste alte Frau mit dem merkwürdigsten weißen +Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte! + +Das war gleicherweise eine Fülle von Licht, -- eine Fülle, die sich nicht +bändigen ließ und an Schönheit wahrlich den blondesten, braunsten, +schwärzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie +nur zu diesem Silber paßten, leuchteten unter den noch immer dunkeln +Brauen; -- und dazu war das alte Zauberweible taub; es saß und spann und +hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet, +auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer +hülflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des +Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und +stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle. + +Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es +auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe. + +Glücklicherweise war das bald gesagt und erklärt, und aus dem +verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein +sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff +fest die meinige und ließ sie fürs erste nicht los. + +»O das ist schön! das ist brav!« rief der Steuermann Schaake. »Das ist das +Beste, was mir in diesen nächsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es +nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente +aufzuwarten gedächte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen +andern Menschen nötig.« + +Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natürlich +wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt +auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem +Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und ließ es näher zu seinem Bett +hintreten. Und als sie sich über ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu +vernehmen, brüllte er ihr zu: + +»Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den +wir jetzt so sehr gut gebrauchen können. Siehst du, alte Mutter, ich hab's +dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, daß du dir deine +ungemütliche Jammerei zu drei Vierteln hättest sparen können. He, hab' ich +nicht immer Glück gehabt zu Wasser und zu Lande?« + +»Das weiß der liebe Gott!« seufzte das weiße Weibchen, beide Hände flach +erhebend und wieder senkend. + +»Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn +oder einer Seeschwalbe zu verlangen, daß sie ein Nest unter einen Dachrand +hängen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld, +als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn +ging? Glück muß man haben, Tante Schaake, und daß ich Glück habe, das +kannst du hier wieder sehen. Tausend andere hätten hier liegen können, bis +sie reif gewesen wären für des Kapitäns Gesangbuch, das Brett und die Kugel +am Fuß; ich aber habe mich kaum gemütlich in der Blockade eingerichtet, so +signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht -- =man of +war= -- sechsundneunzig Kanonen; die Tür geht auf, und Sennora Fortuna +steckt den Kopf herein und fragt vergnügt: Befehlen Sie sonst noch was, +Maat?!« + +Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wußte, wie gerade ich dem +Seemann so außerordentlich erwünscht kommen und nützlich werden könne, so +freute mich doch die Freude des armen Teufels über meinen Besuch sehr, und +ich sagte ihm das auch so eindringlich als möglich. + +Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut; +sie war sehr freundlich und gut, und je länger man sie offen oder +verstohlen ansah, desto weißer wurden ihre Haare und desto blauer und +klarer ihre alten Augen. + +»Er ist recht schlimm mitgenommen,« sagte sie betrübt. »Die Doktoren und +Wundärzte haben die Köpfe geschüttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur +nicht, wenn er Sie anlacht: er beißt sich doch die Lippen blutig vor +Schmerzen. O daß der liebe Gott uns das auch noch hat schicken müssen!« + +Daß die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstümmelte litt die +furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein +Fieberlachen, mit welchem er rief: + +»Schicken müssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitän die Rahen nicht in +die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen muß, +-- wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base +ist ein guter Hafenmeister und weiß in dem entstehenden Lärm ihr Wort zu +sprechen.« + +»Lieber Herr,« sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen +berührend. »Sie müssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher +seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu +weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene +Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den +Richtigen gefunden zu haben.« + +Das bärtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten +in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen: + +»Den Richtigen? Höre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir +unbesehen zu glauben, daß ich mein Notfeuer nicht anzünden werde, wenn da +eine verdammte malayische Seeräuber-Proa um die Insel kreuzt! Natürlich ist +das der Richtige!... und Ihr, Herr, stoßt Euch nur ja nicht an ihre dumme +Art; denn daß je eine Henne es mit ihrem Küken besser im Sinne gehabt habe, +als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens weiß ich das +Gegenteil ganz genau.« + +Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt +orientiert, wie in diesem hier. -- + + + + +Sechzehntes Kapitel. + + +So saß ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit +einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzählte ihm, wie +ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund, +zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im +Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem +»alten Hafenmeister« deutlich, und das weißlockige Zauberweibchen erhub die +blauen Augen und schüttelte das Haupt und sagte: + +»Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kümmern! Herr, wollen Sie es +ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum +Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, daß er nicht mehr erschrickt, als +nötig ist.« + +Ich versprach gern, das zu übernehmen, und der Steuermann drückte mir von +neuem die Hand und rief: + +»Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen können; aber es ist noch +mehr da --« + +Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter +nützlich sein könne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die +Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt +und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten, +und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tür und +brach da in ein heftiges Weinen aus: + +»O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen +wie ein jung Mädchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will!« ... + +Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe, +fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schönen Sommerabend hinein und +aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt +hatte, und fand ihn nicht mehr. -- Der Garten war verschwunden, wie in +einem Jahre -- vielleicht weniger als einem Jahre, jener prächtige, alte, +düstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den +ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte -- verschwunden war. Die +damals durch den rotweißen Pfahl angedeutete Straße zog sich, vollständig +ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung über den romantischen Platz +hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war +ausgefüllt, und die Räder des Tages rollten leicht darüber weg. Die hohen, +dunkeln Bäume um das Wunderhaus des achtzehnten Säkulums waren +niedergehauen, die Blumen und Büsche ausgerissen; und mit den Bäumen, +Blumen, Büschen, springenden Wassern, singenden Vögeln und den +Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; -- wunderliche +Gebäude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafür in +die Höhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann überall vor +Augen hat, mit einer kleinen Abänderung das Wort aus dem Vorspiel zum +Faust: + + in unsern deutschen _Gassen_ + Probiert ein jeder, was er mag. + +Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst +betreffenden Abschweifung und Anmerkung wäre, oder zur Wiederholung einer +schon früher angedeuteten Frage, nämlich: Was gingen grade _mich_ alle +diese Leute an? --! + +Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, -- hatte +das, was man geistige Kämpfe zu nennen pflegt, bestanden, und körperliche +gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen +Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewälzt und dem +sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gütiger +Himmel, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Träne +verschluckt und, ohne mich zu schämen, manchen Schweißtropfen vergossen und +manchen Seufzer hervorgestoßen: was gingen mich _diese_ Leute und diese +Verhältnisse an? + +Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablösen gesehen +und meine Schlüsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder +praktischer Philosoph: wie kam es, daß ich an diesen Zuständen und +Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so +tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mußte? Wie +geschah es, daß mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund +nicht nur ärgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte? + +Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale +dieser guten Menschen und Sachen schlugen sämtlich Töne in meiner Brust an, +die lange auf diesen Fingerdruck von außen gewartet hatten. _Mein_ Gefühl +und Bangen, _mein_ Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward +mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch +vielleicht ein wenig betrüblich, so doch im ganzen recht gleichgültig und +nichtsbedeutend erscheinen mußte. + +Mit Recht! denn welch ein Glück für die Menschheit ist's, daß sie es gar +nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glück, das Märchen, der +Zauber, die Schönheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei +letzten verbrauchten Worte) unter den Händen weggleiten! Keines von alle +diesem würde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen, +Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den +schlimmen Prozeß diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten könnte. Die +Menschheit würde es dann schon längst, längst aufgegeben haben, dem Tage +und dem Glücke zu trauen. Sie würde den eben erwähnten Entwickelungs-Fort- +und -Abgang merklich beschleunigt haben, -- sie würde einfach ein +beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinquälerei vorgezogen haben. Die +Philosophen nennen das, was das große Tamtam schlägt, das _Ding an sich_ +und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses +Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch +jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie über den Tod +nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren +werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste +Mücke, die sich mit Vergnügen von der Grasmücke fressen läßt, spricht das +Urteil, also -- horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren, +klangvollen Dröhnen in unsern Ohren! -- + +Ich hatte die neue Straße, über die traumhafte Erinnerung wegschreitend, +durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen +Menschenunterschlupfe ästhetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben +um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, überraschte es mich, +als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man +den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man +noch nicht ausreuten können, den Kirchhof nämlich! Dreißig Jahre und länger +verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato +hat man noch vergeblich sich den Kopf über die Frage zerbrochen, wie der +Verdruß abgestellt werden könne; -- die Lebenden haben es so eilig, und die +Toten wollen sich Zeit gönnen -- wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es +nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre! -- + +Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue +Prachtstraße hatte Halt machen müssen, und ich blickte hinein und hin auf +die Büsche, Bäume und Blumen über den Gewölben und um die Grabhügel. Sie +lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schönsten Grün lachte +der Garten der Toten über die verschwundenen Gärten der Lebendigen; er +allein hatte seine Blumen und Vögel und Schmetterlinge behalten, der Ort +der Verwesung! und -- ich wendete mich, schritt die neue Straße abermals +hinauf, und kaufte im nächsten Buchladen ein Adreßbuch der Stadt, werde es +aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt +_darauf_ kam. + +In diesem Buche des Lebens blätternd und nach allerlei Namen suchend, +erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine +Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des +verwundeten Steuermanns Schaake sitzend. + +Er befand sich, den Umständen nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wußte er +zu verbeißen, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten +konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitän, die schöne, +weiße Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun +waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte +ich: + +»Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine +Gärtnerschnurre, die dann und wann gelingt, daß man einen Baum ausreißt, +ihn mit dem Gezweig in den Boden gräbt und seinen Spaß und seinen Ruhm +davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Blätter zu treiben. Man +nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf: +was für Früchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zähne +bekommen werden, können wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekümmert +uns übrigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud +ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Fräulein jetzt wohnt, +hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der +Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie +den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?« + +Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich +bedauern ließ, sie an ihn gestellt zu haben, denn er biß die Zähne vor +Schmerz dabei aufeinander und hätte fast den Verband seiner Füße in +Unordnung gebracht. + +»Unsere Gertrud?... O, ich habe gemeint, der Alte -- ich meine den Meister, +-- den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!« + +Ich schüttelte den Kopf. + +»Nicht?... O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.« + +»Sie sagen das mit einem eigentümlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen +Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als +was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen läßt?« + +Da faßte der Verwundete hastig meine Hand, zog mich näher zu sich heran und +flüsterte mir zu: + +»Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war +schon zu spät! Was half es mir, daß ich den Unglücksstein in der +Hinterlassenschaft des alten Sünders fand? Herrgott, was ist aller +Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt! +Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mußte so sein, denn wenn wir ihn +meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stücke zerschlagen +hätten, so würde es nichts geholfen haben. Das Unglück ist auf dem Platze +geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bäume vergiftet! +Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, daß die +arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr +von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewiß +begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir -- ich und der +Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht!« + +Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Fürs erste wußte ich +genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald +nachdem die weiße blauäugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am +Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, -- auf _eine_ Frage geriet +ich noch und erhielt auch Antwort darauf. + +Der Unglücksstein mußte freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glück, +daß jetzt die neue Straße auch über ihn hinwegführte, und er also auf +Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr +anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich +von neuem empor und rief kläglich in seinem Fieber: + +»Wissen Sie das gewiß? Ich nicht!... Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche +auffischte? wer weiß, wer ihn voller Vergnügen mit sich nach Hause nahm, +als das Wasser des Tümpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum +Durchwühlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositäten in dem Schlamme +gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister +Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, daß das Unglück sich nicht +so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet, +hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding +wiedergefunden haben und dafür büßen müssen!« + +»Wir wollen es nicht hoffen,« sagte ich, und dann tat ich meine letzte +Frage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle saß. + +»Noch einer! Da war noch ein Erbstück des Mynheer; -- der Mohr, der -- wie +hieß er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm +geworden?« + +»O der Nigger!« rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging +ein Lächeln über sein Gesicht. »Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu +gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehört zu ihrem +Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat. +Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Fräulein begegnen, dann werden Sie +auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann grüßen Sie ihn +recht schön von mir!« + + + + +Siebenzehntes Kapitel. + + +Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer +einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister +Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man weiß, +dann und wann weiter gegeben, und es bewährte sich auch diesesmal. Ich +hatte den Alten kurz und bündig, wie es sich ihm gegenüber gehörte, von dem +Unglücksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis +gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem +Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's später auswies, war mein +Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause +getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein +absonderliches Dokument, das _die_ Alte in _ihrem_ Dorfe einem Schulkinde +in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, daß es ihr, der +Alten, gottsjämmerlich jammervoll ergehe, daß sie, die es zu allen Zeiten +so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der +ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt +werden solle, und zwar mit Zurücklassung all ihrer Habseligkeit von wegen +aufgewendeter Gemeindekosten. + +»Alle seind mir aufsässig,« schrieb das Schulkind. »Sie verschimpfieren +mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei +Tag und Nächten, daß ich mich von Tage tun möchte, jedwedes Mal, daß mir +die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze +in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, daß es eine +Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die Ärgsten. +Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber, +Kunemund, er lügt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst +vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es +mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen +wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tür +hofiert und in den Kaffeekessel -- haben. Es ist nicht zum Aushalten, +Meister Autor, und dazu einen so alt -- so alt werden zu lassen, das ist +Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott +mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke +und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das übrige +Vieh und das ganze gute alte Leben, so könnte ich mir mein Hemde in meinen +Tränen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus +tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der +Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so höre +und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die +Seele herausdrücken und Hände und Füße abdrücken mag mit Wie viele Freuden +dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich fröhlich singen, oder Mein Herz, +ermuntre dich zum Preise, oder Wie groß ist des Allmächtigen Güte, ist der +ein Mensch, den sie nicht rührt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein +Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben könnte, wie sie es mir +gegeben haben und tagtäglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse +wirklich darüber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen +höchsten Nöten an Ihn« -- usw.... + +Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natürlich sofort auf die +Socken gemacht und die Wanderschaft zu der »Alten« angetreten; mein +Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufällig unter seine sonstigen +Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor +mit der Alten zurückgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; -- +den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod +unter meinen Papieren. »Mit meinen fröhlichen Redensarten, die sich an den +Spaß knüpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten,« sagte Herr Kunemund, +als ich ihm das Dokument glücklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich +weiter erzählen. -- + +»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gnädiges +Fräulein,« sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen +Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten +Komödie) zuführte und vorstellte. + +Die großen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem +Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lächelte: + +»Wirklich? O aber es wäre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich +bitte --« + +Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der +zierlichsten Fächerbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergnügen tat, +während der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns, +wie es schien auch nicht ungern, uns selber überließ. + +»Wir taten einst einen wunderlich verhängnisvollen Gang zusammen, mein +Fräulein,« sagte ich. »Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu +eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Märchen +hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte +eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich überzeugte mich, daß +alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns +berichten. Nichts fehlte! weder die Wände aus Honigkuchen, noch das Dach +aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich +wieder über den Platz geschritten und habe leider gefunden, daß der Wind -- +der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel während der letzten Jahre ein +wenig arg getrieben hat; die Heerstraße führt mitten durch den Märchenwald, +mein Fräulein, die Dekorationen haben sich merkwürdig verschoben, und wir +alle haben mit daran rücken müssen.« + +Das schöne Mädchen sah mich betroffen an und drückte den zusammengelegten +Fächer an den Mund; dann aber faßte sie sich schnell genug und rief: + +»Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei +zugegen, als mir des Onkels Erbschaft übergeben wurde! Das waren freilich +sonderbare Zustände, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte +mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen +Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten +Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles +hat sich seltsam verändert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden, +und unter den letztern hab' auch ich mein Kostüm gewechselt; -- finden Sie +nicht?« + +»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich +verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte, +wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war +längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls +die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall +verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise +meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser +Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in +den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr +werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr +doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von +unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?« + +»Nei--n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider +auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ +mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr +heiter fort: + +»Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die +neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er führt sein +Schnitzmesser so rüstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine +übrigen Künste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich +hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich +freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Häuslichkeit zu besuchen. Zwei sehr +angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war +es nur ein sehr unglücklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem +zusammenführte, nämlich jenes Eisenbahnunglück, das mich nur einen kurzen +Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jüngern guten +Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu +stehen kam --« + +Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann +sehr rot und rief: + +»Mein Herr?« + +»Ja, mein liebes Fräulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht. +Er leidet große Schmerzen, trägt sie mit leidlichem Humor und macht seine +Umgebung um so trostloser, je vergnügter er sich stellt. Die Ärzte und +Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglückseligen +Füße lassen dürfen oder nicht.« + +Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurück; dann faßte sie heftig, auf +einen kürzesten Augenblick, meine Hand: + +»Was sagen Sie?... was ist?... o ich weiß gar nichts!... ich habe nichts +von dem erfahren!... ich bitte Sie --« + +»Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein +kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jüngferchen wie aus +dem Märchenbuch, -- und noch dazu aus _unserem_ Märchenbuch, mein teures +Fräulein.« + +»Jawohl, jawohl, ich bin -- früher auch dann und wann mit ihr +zusammengetroffen; -- er hat den Fuß gebrochen? Karl hat den Fuß +gebrochen?« + +»Beide Füße! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten +Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trägt +wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen +abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umständen zu +Ende sein.« + +»Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen?« rief die Elfe. »Ich habe +ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir --« + +Es war mir augenblicklich unmöglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden +in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswürdigste +Weise von der Welt. + +Eine schöne, durchaus nicht alte, eine stattliche, fröhlich lächelnde, +dunkeläugige Dame in Dunkelblau und weißen Spitzen glitt durch die Wellen +der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der +Tochter des Försters Tofote zuführend. Der Herr war ein Jüngling von zwei-, +fünf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft +rundlichen, sommersprossenübersäeten, gänzlich bartlosen und ganz +gutmütigen Gesicht, runden mädchenhaften Schultern und einem Lächeln um den +Mund, das, wenn es klar für die Güte des Herzens sprach, von den geistigen +Fähigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer +letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn +seines Vaters als seiner Mutter. + +»Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude!« rief die schöne Dame. +»Das ist Vollrad, und -- sieh, Vollrad, das ist meine süße Hausgenossin. +Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht +mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist über mich gekommen, +wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise -- nein wie der gepanzerte +Mann im Evangel -- auch nicht, sondern in den fünf Büchern Moses. Vor einer +Stunde ist er von Berlin angelangt; -- ich lag, wie du weißt, mit meiner +Migräne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm +heut abend allein und schutzlos in die böse, schlimme Welt hineinfahren +lassen, als er plötzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weißt +also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und +das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe +Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl -- wenigstens so +lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird +-- nicht wahr?« + +Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorüberrauschen lassen; jetzt wurde +mir auch noch das Vergnügen zu teil, der näheren Vorstellung zwischen den +beiden jungen Leuten anwohnen zu dürfen. Darauf aber empfahl ich mich, und +Gertrude Tofote sagte: + +»Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!... und ich hätte so +vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch häufiger in der +Gesellschaft!« + +»Ich hoffe das,« sprach ich und zog mich zurück mit einer höflichen +Verbeugung. Auch die gnädige Frau grüßte und der Vetter gleichfalls. Im +Zurückweichen sah ich noch, wie die schöne Dame sich gegen das junge +Mädchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit: + +»Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne +sehr viele Leute.« + +Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schöne +stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe +eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud +Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Daß die gnädige Frau +sich auch meiner aus früherer schönerer Zeit erinnern mußte, stand mir in +unumstößlicher Gewißheit fest. Doch davon später. -- + + + + +Achtzehntes Kapitel. + + +Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen. +In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem häuslich in der Stadt +eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den +Meister Autor abgeschickt, hatte die hübsche Gertrud im Schoße der besten +Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schönen Witwe Christine von +Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berührung -- angenehme +Berührung -- gekommen, und saß am neunten Tage auf meiner Stube und an +meinem Schreibtische in der festen Gewißheit, daß nicht alles gut war -- +weder was mich selber, noch was die andern anbetraf. + +Sehr unbegründet ärgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus +den mitgeteilten stichhaltigen Gründen nichts von sich hören ließ. Dem +Steuermann ging es schlecht; dem Töchterlein des Försters Arend Tofote ging +es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die +einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und +also auch sich in es zu schicken wußte, und -- -- andere Leute auf ihre +Seite hinüberzuziehen wußte. + +Es ist eine im Grunde lächerliche und dem denkenden Menschen auffällige +Tatsache, daß je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den +Bedingungen desselben wächst, in demselben Grade das Vergnügen und Behagen +dran abnimmt. Denn wenn auch in früheren Epochen die Menschen es sich +gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es +behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive +Bewußtsein dieser großen Mühe, und das haben wir jetzt im vollsten Maße, +und das ist das Elend! Darüber habe ich lange und tief nachgedacht, auch +kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob +befragt, und nachdem auch sie länger und genauer darüber nachgedacht +hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite +angesehen und sind -- wieder an ihre Geschäfte gegangen. Wer Ohren hat zu +hören, der höre, und nehme Rat an und setze sich hart! -- ein Schemel von +weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der +Menschheit noch helfen kann. »Bitte Platz zu nehmen,« sagt der Mann aus +Sinope; und: »Bitte Platz zu behalten!« sagte schon lange vor ihm der +Prediger Salomo; -- »Wer aber stehend besser hören kann, den soll man +gleichfalls nicht hindern!« sprach lange nach den beiden der heilige Simon +Stylites, der syrische Mönch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt +Antiochia; -- ich persönlich setze mich selbstverständlich am Schlusse +dieser Historia so weich als möglich. -- + +Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht +ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht +bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und körperliche +Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener +Freiheit hinzugeben. Mit diesen und ähnlichen Gedanken, wie man das nennt, +beschäftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die +Daumen umeinander, als es an meiner Tür pochte. + +Es klopft häufig an meiner Tür, wie der Leser bereits erfahren hat, und +ich pflege mich nie durch ein »Nicht zu Hause« zu verleugnen; den Kreis +meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehörte +der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister +Autor konnte mir niemand gelegener kommen. + +Der Teufel, dem das weißeste Weiberfleisch nicht zu weiß und zu zart und +nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten +hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bühne erscheinen; aber schwärzer +kann er sich unmöglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch. + +»Ceretto! Signor Ceretto!« rief ich. »Von Allen aller Hautschattierungen +mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge! +mein unsträflicher Äthiopier aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, -- seid Ihr +es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gerücht, wandelt Ihr +wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser +schlechten Welt die Stange zu halten?« + +»An jedem Ende einer,« lachte der Schwarze, den schlossenweißen wackelnden +Haarwulst mir entgegenschüttelnd. »Und sie springt, Herr! sie springt gut +und überschlägt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum +besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute +noch mein Vergnügen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen +vorbringen mag.« + +»Und wie er sich konserviert hat!« rief ich, entzückt und zärtlich das +schwarze Greuel in die Arme fassend. »Seine siebenzig Jahre hat er bald gut +auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Füßen! wie sieht er noch aus +den Augen!« + +»Und erst der Magen, Herr,« grinste der Alte, den zahnlosen Mund vor +Behagen so weit als möglich öffnend. »Ich brachte ihn schwach mit auf die +Welt, den Magen, aber die Mäßigkeit und solide Diät hat ihm und mir +durchgeholfen. Die Leute sollten nur recht wissen, wie gut einem das +Feuerschlucken, Säbelklingenverschlingen und Lebendige-Kaninchen-fressen +tut; -- wahrhaftig, sie ließen sich bald viel mehr auf den Jahrmärkten als +in den Bädern sehen. Da muß man in seiner Jugend den wilden Indianer selber +gespielt haben, um darüber mitreden zu dürfen; übrigens glaube ich, gibt es +keinen zweiten Menschen, der sich so fest vorgenommen hat, noch einen Blick +in das zwanzigste Jahrhundert zu tun, wie ein gegenwärtiger Wichselmeyer, +Signor Ceretto Meyer aus Bremen.« + +»Und nach einem zweiten gleich gebildeten Mohren, Neger oder Nigger wird +man gleichfalls lange suchen dürfen!« rief ich lachend. »Daß Sie Ihre +Diätetik aus sich selber haben, weiß ich; aber woher Sie den Blick in das +zwanzigste Jahrhundert nehmen, das mag der Teufel raten.« + +»Danke, Mynheer. Vielleicht kommen Sie noch dahinter; verlieren Sie nur den +Mut nicht. Ei freilich, wir haben unsere Gelegenheiten, uns zu bilden, und +nehmen sie auch wahr; sonst aber, verehrter Herr von Schmidt, lassen Sie +sich jetzt vor allen Dingen sagen, daß ich diesmal nicht aus eigenem +Antrieb die Ehre habe, sondern mit einem Kompliment und einer Bestellung +geschickt werde. Wenn Sie es gütigst erlauben, will ich ein andermal --« + +»Aus eigenem Antrieb kommen und vorlieb nehmen; -- natürlich. Wer aber +schickt Sie heute denn, alter Freund?« + +Da verwandelte sich das breite Grinsen auf der uns Japhetiden trotz allem +stets so verwunderlichen Physiognomie des Spötters Ham in sein +vollständiges Gegenteil. + +»Sie!« sagte der Mann aus dem bremischen Schüsselkorbe kurz. + +»Sie? ja freilich sie! Das läßt sich wohl erraten, ohne daß man lange +darüber nachzudenken braucht. Was wünscht das Fräulein?« + +Ich hatte dem Greise meinen weichsten und bequemsten Sessel zugeschoben, +und da saß er, eine wahre, wirkliche echte Meßrarität, den Kopf zwischen +den Schultern und nur das Weiße in den Augen zeigend -- eine Rarität, auch +für die Büchermesse. + +»Was wünscht das Fräulein, Ceretto?« + +Das ganze Elend Hams, nachdem der Vater Noah das Seinige gesagt hatte, sah +mich aus den Augen dieses Mohren an, als er endlich erwiderte: + +»Vielerlei. Das heißt, wahrscheinlich sehr vieles; -- vor allem andern aber +wünscht sie, daß Sie die Freundlichkeit haben möchten, morgen abend eine +Tasse Tee bei ihr zu trinken.« + +»Mit Vergnügen!« sagte ich, zustimmend das Haupt neigend. »Der Wunsch mag +dem Kinde in Erfüllung gehen; aber, Freund, da ich Euch habe und halte, +lasse ich Euch nicht eher wieder, bis ich -- ein wenig genauer weiß, wie +Euer Leben verlaufen ist, -- seit -- seit jenem Tage, an welchem Ihr uns +über Mynheer van Kunemunds Gartenhecke aus unserm Suchen nach der Erbschaft +Mynheers in dieselbe hineinwinktet.« + +»Ich habe eben mit zu der Erbschaft Mynheers van Kunemund gehört, mein +Herr.« + +»Wahrhaftig! und Sie und unser schönes naives Waldkind wohnen mit der Frau +von Wittum unter _einem_ Dache. Der Förster ist tot, der Meister Autor +haust einsam und geheimnisvoll in seines Vaters Hütte, und Herr Vollrad von +Wittum kommt von Berlin, um sich der Gertrud vorzustellen zu lassen: +weshalb, weshalb und hundertmal weshalb dieses alles?! Wir leben in Tagen, +denen es auf eine genaue Einsicht in die Dinge überall im hohen Grade +impertinent ankommt, und Sie, Ceretto, sind der Mann, der diesmal hier die +nötige Aufklärung geben kann. Nehmen Sie eine Zigarre!« + +Der Alte griff dankend in das angebotene Kistchen und sagte lächelnd: + +»Wenn ich nur das erzähle, was ich weiß, so nehmen Sie mir dieses wohl +nicht übel?« + +»Die Frage tut man auch nur an einen, den man bereits genauer kennt. Ich +werde es nicht übel nehmen; aber Ihr habt Glück, Wichselmeyer; Tausende +würden es sehr übel nehmen und allem Eurem Widerstreben zu Trotz alles +Mögliche in Euch hineinfragen.« + +»So ist es,« sagte der Schwarze, »kommen wir also wie alles Gute und +Verständige schnell zu Ende. Es war ein zierlich, einfach, niedlich Ding, +Herr, was Sie in unsern Garten einführten, und es kam in glücklicher +Begleitung, aber es ging unsichtbar hinter ihm etwas, was nicht zur +Gesellschaft gehörte, was sich aber, wie Sie wissen, merkwürdig fein und +frech aufzudrängen versteht, bis es alles, was es nicht auf dem Wege vor +sich brauchen kann, richtig und ruhig im Graben hat. Wir aus der +Bedientenstube sehen es häufiger, als die Herrschaften meinen, die Treppe +hinaufschleichen; und wenn wir es zu melden haben, oder ihm nachher in der +Garderobe den Überrock hinhalten oder den Schal umhängen, so zahlt es +meistens durchaus nicht die schlechtesten Trinkgelder.« + +»Signor Ceretto, Ihr seid ein großer Mann!« unterbrach ich in vollster +Bewunderung. + +»Das heißt, wir haben die Jahrmärkte und Messen bezogen, sind alt geworden +und jung geblieben -- Herr, man kann das letztere auch, ohne auf dem Markte +ausgestanden zu haben -- der Herr Autor Kunemund kann sich in der Hinsicht +auf das Aushängeschild malen lassen -- na wie ist's, was das anbetrifft, +darf man Sie doch mit der Trompete vor die Bude schicken?« + +»Sie sind ein großer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen -- was +wollen Sie mehr?« + +»Die beiden alten Herren, der Förster Tofote, der Meister Kunemund und -- +ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den +Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls, +obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen hätte tun können, +wenn er nicht im natürlichen Lauf der Dinge den veränderten Umständen +gegenüber sofort so sehr verdrossen und unerträglich geworden wäre. Er ging +schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der +Teufel hole ihn dafür.« + +»Das hat er bereits so halb und halb besorgt; -- erzählen Sie weiter, +Ceretto.« + +»Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele +Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns -- uns hat er +am Kragen und hält uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erkläre +weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon +berühmt dafür war. Also wir drei Alten mit dem Fräulein waren nun allein +unter uns -- eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch, +ohne daß wir das Fräulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in +die Häuser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das +Schlimme dabei war nur, daß das Fräulein binnen kurzem sich ein +Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschäft schädigte und uns den Stuhl +vor die Bude schob, natürlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr, +Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an +unserm Glück innigen Anteil zu nehmen, das heißt ihren Anteil! Ich hätte +Sie wohl dabei haben mögen, um den Spaß anzusehen. Für einen, der nichts +damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust, +denn die drei -- der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die +unmündigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig +schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht, +aber hier zog sich das Vergnügen länger hin, und was das gnädige Fräulein +angeht, so --« + +Hier griff sich der Greis so komisch-kläglich in die weiße Wolle und +seufzte so gewaltig, daß ich schnellstens in der Phantasie nach dem +Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch +an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten +Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken. + +»Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben,« fuhr mein +so sehr europäisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. »Erst +nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was für eine +Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden +sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr übel roch, -- +Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten +zwar unsere Advokaten dafür; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch +niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu müssen, das wie die Regenwürmer +bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Großer Barnum, jetzt +erst kam es so nach und nach heraus, was für ein Geschäft der Erblasser +selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an +Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, -- wir fanden +sie von allen Sorten -- ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer +aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und +kurioserweise zeigte es sich bald, daß das, wobei den zwei alten Herren +übel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht +machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute +Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon +vorher gewußt hätte, was für ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine +Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wäre es mir jetzo wie durch ein +Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach +vergrößerte Käsemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van +Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus +einem solchen Vergrößerungsglase sein Dasein zog, gereist und muß das +wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau überlegt -- er +überlegte sich alles genau -- und sein Vermögen war in den besten Händen. +Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu +ärgern, und er ärgerte ihn gründlich.« + +»Sie sind ein großer Mann, Ceretto!« sagte ich leise, und viel mehr zu mir +selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte +und fuhr im kläglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch +eine Frage zu unterbrechen: + +»So lebten wir denn vergnügt hin ... Entschuldigen Sie, haben Sie sich +nicht wie die andern auf der Stelle in die gnädige Frau verliebt?« + +»Die gnädige Frau? Frau Christine von Wittum? ... bei allen Fetischen Ihrer +Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf -- es ist eine schöne Frau -- +ein schönes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewußt.« + +»Sie ist die Hexe in der Geschichte -- aber es ist eine junge und hübsche +Hexe, das muß ihr der Böse lassen; -- die beiden alten Herren aus dem +künstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr Autor +Kunemund zuerst.« + +»Wieso?« + +»Er verließ uns zuerst; das heißt, sie jagte ihn zuerst zur Tür hinaus. Der +Herr Förster Tofote ging erst, als von der Gesellschaft der erste Baum im +Garten niedergehauen wurde, und die neue Straße über die alte Hecke, über +die ich Sie bewillkommnete, sich hinlegte. Der Herr Autor brannte bei +dunkler Nacht durch, aber der Herr Förster ging am hellen Tage, und die +gnädige Frau und das gnädige Fräulein brachten ihn zärtlich zur Eisenbahn, +und ich besorgte ihm sein Gepäck. Es war am besten so, denn den Tag darauf +kamen die Maurer, um das alte Haus im Garten niederzureißen, und im Hause +der gnädigen Frau würde der Herr Förster sich doch wohl ein wenig +unbehaglich gefühlt haben. In dem hundertjährigen Garten aber sind auch +nicht immer unschuldige Kinder- und Schäferspiele aufgeführt, also fort mit +ihm! das war meine Ansicht von der Sache, und da meine Hautfarbe der +gnädigen Frau konvenierte, so blieb ich und ging mit, denn ein Esel war ich +nicht, und in des Meisters Kunemund Dorfe würde ich ein recht liebliches +Dasein gelebt haben, wenn ich da den Tee hätte präsentieren wollen. Also +--« + +»Also?« ... + +»Bin ich hier und lade freundlichst ein, morgen abend eine Tasse Tee bei +dem gnädigen Fräulein zu trinken und -- wie man hier und da in der Provinz +sagt, mit _uns_ vorlieb zu nehmen.« + +»Würden Sie mir raten, die Einladung anzunehmen, Ceretto?« fragte ich +nachdenklich. + +»O gewiß! Ich an Ihrer Stelle würde sicherlich hingehen, -- schon des +Herrn Meisters und des seligen Herrn Vaters wegen würde ich mir den Spaß +ansehen. Es ist eine Hauptkomödie! -- in meinem ganzen Leben bin ich noch +nicht so an meinem Platze gewesen, wie jetzo in dieser gegenwärtigen +Kondition. Kommen Sie unter allen Umständen; Sie finden auch sonst bei uns +die schönsten Leute der Stadt, und daß Sie unserer gnädigen Frau nicht +übermorgen einen Heiratsantrag machen werden, davor sind Sie noch gar nicht +sicher; denn wenn die Gnädige ihren Kopf darauf setzt, so darf ich heute +schon gratulieren. Mir ist es mit ihr grade ebenso ergangen.« + +»Ceretto?!« stammelte ich, im Gemüte schwankend zwischen Schrecken und +Heiterkeit; aber die letztere siegte ob, und ich rief lachend: + +»Ich komme! ich komme! verlassen Sie sich drauf, Sie dunkelfarbiges +Meßungeheuer!« + +»Es wird uns eine große Ehre sein,« sprach der Mohr aus dem Bremer +Schüsselkorbe mit der ernsthaftesten Miene; dann aber grinste er in einer +Weise, die die Wand ihm gegenüber hätte anreizen können, dasselbe zu tun +und einen Spalt zu erzeugen, querüber von der Decke bis zum Fußboden. -- + + + + +Neunzehntes Kapitel. + + +Ich ließ mich erkundigen, wie es dem Steuermann Schaake gehe, und erhielt +die Antwort: Schlecht! -- Er liege im argen Fieber, berichtete mein Bote, +-- er spreche das tollste Zeug und halte sich meistens auf dem Wasser auf. + +Mein Bote selber hatte ihn, von der Tür aus, reden hören. + +»Es wird einem ganz schwindlig dabei zumute,« sagte er. Der alte +Hafenkapitän aber hatte geweint und ließ sagen: wenn es mir möglich wäre, +so würde es ein Trost im Hofe sein, wenn ich noch einmal im Laufe des Tages +vorsprechen wolle. + +Ich ging am Nachmittage und ging ebenfalls aus der »langweiligen +Dasselbigkeit des Daseins«, aus der Trivialität der Werkeltagswelt und des +Alltagslebens hinaus auf die hohe -- hohe See. + +Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und +majestätisch vornüberbrechenden Wogen heran, die großen Wasser. Sie wälzten +sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der +Marina spricht; aber es war eine Täuschung, daß die Wellen den, der sich in +sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand +zurückbringen würden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Füße vom +Boden weg, hoben und trugen ihn -- aber sie spielten mit ihm; nicht er mit +ihnen! -- nur die Leichen und Trümmer kamen zurück an den Strand. + +Es war heiß in den Gassen der Stadt, aber kühl in dem dunkeln +mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See träumte. Ich +saß am Bette des fiebernden Kranken zu Häupten, die Muhme zu Füßen, und +sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen +Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schürze +über den Kopf gezogen und den Mut verloren. + +Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die Ärzte +sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedämpften Tone. Sie +hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und +gestatteten sich bereits vor der Tür die Bemerkung, daß dieser Mann von +Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande +hätte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. -- + +Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heiße Hand +entgegengestreckt und gerufen: + +»Das ist schön! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll- +und Hafenbehörde; -- alles fertig -- mit der Ebbe seewärts, und -- hoffe, +Maat, daß Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eine +Sternschnuppe sieht.« + +Ich sagte natürlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuen +Welle weiter von mir weggezogen, schüttelte heftig den Kopf: + +»Da! ich sagte es doch, -- steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben +wir's -- große Royalrah zum Teufel. Wie gut, daß _sie_ es so gut am Lande, +im Walde hat, -- wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne +hinter den Büschen anschlagen hören könnte!.. Was?.. und das schon die +Berge von Ceylon?... eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke +drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, daß man den Wald vor Bäumen +nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.« + +Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien +mithernehmend: + +»Es ist doch schön im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote -- man muß +die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud -- +unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben +mir gesagt, der Herr Förster sei gestorben; aber das ist bloß der Nebel auf +dem Meer -- die bezogene Luft -- sehen Sie, Kapitän, wie ich es gesagt habe +-- gegen Abend schönes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und +-- da stehen wir dicht unter der Küste von Travancore, es wird sich schon +machen, Supercargo, daß wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen +sehen.« + +»Nun hören Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehört?« flüsterte die Muhme Schaake +in einer Pause, während welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber +nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing +bald wieder an, von neuem zu reden. + +»In Arabien erzählt man Geschichten; die Bücher von den tausend Nächten +sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbänke und blinden Klippen! die +ganze Küste von Aden soll zur Hölle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud +kommt so her wie aus dem arabischen Märchen und -- Mynheer -- van Kunemund +auch; -- wir gingen alle in den schönen Garten -- Schiff glatt vor dem +Winde unter beiden Marssegeln, und wäre der Stein der Abnahme nicht +gewesen, so hätt' mir kein größerer Spaß widerfahren können. Hab' ich's +nicht gesagt, Kapitän? von Aden an Sturm, -- da haben wir's, und das +Kajütendeck fängt sofort an zu lecken -- warmes Regenwasser in den Grog -- +und da -- Bab el Mandeb -- das Tor des Todes!... ich wollte, wir säßen +sicher auf dem Lande und wär's auch bei Dscheddah in der Wüste auf Mutter +Evas Grabe!« + +»Das muß man nun anhören!« klagte die Muhme Schaake. »Von Mutter Evas +Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu +sprechen. Er muß wohl einmal dagewesen sein; -- o lieber Herr, manchmal hat +er während der letzten Tage fürchterlich auf die Weiber geschimpft, der +arme Junge. Ich habe es ihm für meine Part nicht übelgenommen, von mir +mochte er sagen, was er wollte; aber er muß uns auch wohl von allen Farben +gesehen haben -- schwarz und gelb und braun -- von den melierten und den +weißen gar nicht zu reden.« + +Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mußte doch wohl etwas von den +Worten der Greisin sich in seinem Bewußtsein festgehäkelt haben; er sprach +aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer. + +»Es wäre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Böses hätte +sagen wollen,« bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn -- bei Mutter +Evas Grabe, ich sah plötzlich die Hexe vor mir -- ja die Hexe im Märchen -- +hübsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, daß sie mich +auf morgen abend zum Tee eingeladen, und daß ich dem Zaubermohr Signor +Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen. + +Eine ziemliche Zeit saßen wir einander nun stumm gegenüber, die alte Frau +und ich, und horchten den keuchenden Atemzügen des Verwundeten. Dann +flüsterte die Greisin: + +»Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt müßte er doch Ihren Brief +längst erhalten haben.« + +Ich konnte nur die Achseln zucken: + +»Man weiß eben nie, was anderen Leuten passierte, während das Schicksal +einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt, +werde ich zu ihm gehen.« + +»Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten!« rief die Alte. »Sie verdienten sich +einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort +sagen könnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge +von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem +Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, daß Sie doch ganz von selber +darauf gekommen sind, -- von meiner Seite wäre es zu unverschämt gewesen, +Sie darum anzugehen.« + +Ich wies diese gute Meinung natürlich mit Wort und Gestus weit von mir. + +»Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harte +Sturmböe dicht vor dem Ankerplatz; -- werden uns dem Hafenmeister mit allen +Segeln in Fetzen präsentieren!« rief der Steuermann, und die Alte mit dem +Schürzenzipfel wieder vor den strömenden blauen Wunderaugen flüsterte: + +»Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu +müssen!« + +Ich ging bald, und saß den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den +geharnischten Geist des alten Dänemark über die Bretter schreiten, hörte +das: Sein oder Nichtsein -- sah die Komödie in der Komödie, aber sie +spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaßen, +und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfältig vor. Wer hebt die +Gärten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? -- + + + + +Zwanzigstes Kapitel. + + +Also die Hexe -- die Hexe im Märchen, die junge schöne Witwe eines wahrlich +nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen +Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad +herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gänschen Trudchen +Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten. + +Der Mohr hatte es gesagt, und mir träumten in der Nacht, die diesem +Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann +Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hüten, das, was ich +sah, hörte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine +Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir +schon einmal quer über den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue +Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten +mich natürlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spaß an der Verzückung +gehabt, in welche sie mich versetzte. + +Und neulich hatte sie ebenso selbstverständlich nicht das mindeste von mir +gewußt, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem +ganzen übrigen Universo unverständliche Fächerbewegung merken lassen, daß +-- sie mich sehr wohl kenne, daß ich ein guter alter Bekannter von ihr sei. + +Die schöne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich +verfügte mich nach der Höhle der Hexe, die natürlich nicht in der Mitte des +Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten +Quartiere. + +Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an +dem Cyriacushofe vorüberführte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens +an der Tür Erkundigung über den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt +an der Tür, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die +Luft, was soviel heißen sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den +irdischen Behörden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten könnte; der +Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung. + +Dabei fühlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und +ging: ich aber hörte von der Tür -- wie gesagt -- aus, wie der Steuermann +mit klarer Stimme rief: + +»Da haben wir die rote Tonne!« und dann den Lotsengruß: + +»Willkommen in See!« + +Ich wich zurück, ohne die Base Schaake begrüßt zu haben; ich traute mir +nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann +nicht sagen, ob ich mich richtig und verständlich ausdrücke; aber die +Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich +kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begräbnismäßig frisiert +vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr +weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Försters Arend +Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschäftigend -- wenigstens +bis zum Anhalten des Wagens und während des ersten Teiles des Abends. + +Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddämmerung entgegen, +und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede veränderte +Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle veränderte +Bühnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das +vergrillteste Gemüt Wunder zu wirken vermag, -- was ich übrigens hier +durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorführe. + +Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurückwich, als +ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten +schwarzen Freunde begrüßt. + +»Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen früh, und das +ist recht hübsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwürdig weichen +Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.« + +Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tür geöffnet, und nach einem +Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Försters Tofote in einem +ziemlich geräumigen, glänzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten +Gemache. Ganz reizend sah das junge Mädchen in ihrer bunten, blendenden, +aber durch das verschiedenartige Grün vieler kunstvoll zusammengestellter +künstlicher Gärtnergewächse gesänftigten Umgebung aus, und einen Moment +lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl +in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr. + +»Dieser Herr Vollrad von Wittum wär ein Urnarr, wenn er nicht bleiben +würde,« sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Fräulein mir +entgegentrat, mir die Hand bot und sagte: + +»Es ist sehr freundlich, daß Sie meine -- unsere Einladung nicht +ablehnten.« + +»Haben Sie das glauben können, gnädiges Fräulein?« + +Es war eine etwas heiße Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind +sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte +durch das Lächeln, in welchem Gertrude meinte: + +»Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschäftigt -- so sehr +in Anspruch genommen. Nur wir -- haben immer Zeit.« + +»Wer wir, mein Fräulein?« + +»Ich!« sagte das Waldfräulein. »Ich habe Zeit -- o, ich habe viele Zeit!« + +»In diesem bunten Dasein?« + +»Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch +allein, -- die übrigen Herrschaften, welche die Freundin lud --« + +Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in +einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur +durch eine einzige aus einem Lilienkelche züngelnde Flamme erhellt wurde. +Da fand ich denn bald im Laufe des Gespräches, daß sie beide lebten wie sie +mußten -- der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und daß der +Garten versunken war, wie die Gärten eben versinken; der Garten Mynheers +van Kunemund ganz beiseite gelassen. -- + +Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit +längerer Zeit daran gewöhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so +tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewöhnlichen +Gesellschaftslächeln bringen zu können. Ich erzählte von meinem Briefe an +den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen müsse, daß wir bis +jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, daß ich nunmehr +morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persönlich nach den +Gründen seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte: + +»Er hat vielleicht wieder etwas übelgenommen!« + +»Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm,« erwiderte ich +hierauf. »Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas übel, +Fräulein?« + +»O -- nein,« stotterte die Waldelfe, »andern Leuten nicht; aber -- aber +mir. Er weiß sich so schwer in die selbstverständlichsten Dinge zu finden, +und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht +einzig und allein dafür. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wäre manches +anders in der Welt!« + +»Wer wünschte das nicht, mein Fräulein?« rief ich höflich, und dann wurden +wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die +urälteste Kinderweisheit der Welt in den urältesten Fassungen, +Redewendungen und Sprichwörtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden +unter den Füßen weg und abhanden gekommen war, und wir die See -- den +Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in +seinen Fieberphantasien. + +»Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern!« flüsterte +Trudchen Tofote. »Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir +so leid, so sehr leid! Wäre ich auch ein Junge gewesen, so hätte ich mit +ihm aufs Schiff gehen können; aber wir machen uns ja nicht selber, und +jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem +seiner schlimmsten Wirbelwinde und Stürme erzählte, wenn er nachher vom +Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.« + +Es kam mir vor, als spüre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf +der Brust. Die Frau Christine würde die Ausdrucksweise ihrer jungen +Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich +entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwülen +Seufzer sagte: + +»Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafür? Wer will denn grade von +diesem kleinen Mädchen verlangen, daß es das Universum über den Haufen +werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung überspringe?« + +Wir sprachen nun davon, wie liebenswürdig und gutmütig die Frau Christine +von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem +Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm +Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gespräch hineingeraten, daß wir +gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemächer jenseits des purpurnen +Türvorhanges allmählich mit den übrigen Gästen gefüllt hatten, und daß +unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwärtig +war. + +Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte +ich gesagt: »Aber mein Fräulein -- mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht! +ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr!« als der rote +Vorhang plötzlich zurückgeschoben wurde, die schöne, schlimme, lustige Hexe +-- die gnädige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem +lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und fröhlich rief: + +»Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld +zu Ende, und ich ertrage es nicht länger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch +gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht. +Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, -- wir!« + +Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und +sah wundervoll aus in ihrer üppigen, reifen Schönheit. Das bleiche, +nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber +das Taschentuch auf das Gesicht gedrückt und war hastig durch eine +Seitenpforte entschlüpft. Was blieb mir übrig, als der Frau Christine den +Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast sämtlichen geladenen Gästen +angefüllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas +peinlicher Übergang aus der Dämmerung in die glänzendste Helle; aber es war +doch ein Vergnügen -- ein gar nicht zu verachtender Genuß. + +»Es ist zu drollig,« lachte die Hexe, »da sitzen sie wie ein Liebenspaar, +diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fließt! Was +haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Töchterchen? +Etwa die nämliche Anlage zum kläglichen oder verlegenen Anstarren des +Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir können, +und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das +augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl, +Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knüpfen eine Parabel +daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhängen; -- o, +ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war +die höchste Zeit, daß wenigstens für diesen Abend eine verständige Frau dem +Trübsal ein Ende machte?« + +Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt hätte, würde ich es nur zu gern +hingegeben haben, -- aber sie hatte recht, die Hexe -- in diesem Moment +gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte +ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lächeln, bot der Dame +den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer. + +Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewußt +hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darüber verwundern, wieviel +doch Tag für Tag auf Erden vorging, worüber sich reden ließ. Selbst +diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur +in der festen Überzeugung, daß sie sich nur deshalb still langweilten, weil +sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die übrigen Herrschaften erlebt +und tiefer darüber nachzudenken hätten. + +Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie +wußte es so ziemlich allen ihren Gästen behaglich zu machen, und mir machte +sie es sogar gemütlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr +Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein übler +Mensch, -- wenigstens was die Hauptsachen, das Gemüt und das Herz anbetraf. +Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz. + +»Was wollen Sie?« sagte sie. »Kann er denn etwas dafür, daß er noch nicht +Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?« + +Dagegen ließ sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal +mußte ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schöne, +ebenfalls lachende Hexe meinte: + +»Sehen Sie, ich habe es gewußt, daß es Ihnen endlich bei mir gefallen +würde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, daß das eine +griechische Beschwörung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit +gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen +Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie, +Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu +Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute +gekommen: =Duc ad me!=« + +Wenn ich das nicht gewußt hatte, so mußte es mir jetzt ganz und gar klar +werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter -- die +golddurchwebten Purpurfäden, die sich um die Seele legen, leise, +unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=, +=blandula= kein Glied mehr regen kann, die prächtige Blutsaugerin nach Muße +und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hülse im +Busch und Gewebe hängen zu lassen, daß eine neue Schmetterlingsgeneration +in einem neuen Frühlinge sich über sie verwundere und lache. + +Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Meßraritätenzelt in +die Trompete gestoßen oder durch das Sprachrohr gebrüllt hatte, durch den +Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er +grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das +zuletzt soviel als möglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als +die gnädige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr +liebenswürdig zeigte, brachte er einen Präsentierteller mit irgendeinem +angenehmen Getränke und flüsterte mir dabei zu: + +»Nun? haben Sie es ihr gesagt?« + +»Ich glaube wohl,« murmelte ich, eines der Gläser nehmend, um es ihm +»symbolisch« an den schwarzweißen Wollkopf zu werfen. + +»Haben Sie es beiden gesagt?« + +»Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt!« murmelte ich weiter, »und --« + +»Sehen Sie wohl! Was habe _ich_ Ihnen gesagt?« flüsterte Signor Ceretto +entzückt über seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung, +während ich lächelnd mich immer heftiger über die Impertinenz des schwarzen +Gesellen ärgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter +Meßfratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden +schönen weißen Herrinnen -- uns alle zu übersehen. + +Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken ließ, so mischte ich mich +nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrüßte und unterhielt +mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch +etwas höchst Sonderbares. + +Man unterhielt sich natürlich über mancherlei; außer den Tagesneuigkeiten +wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an +den Haaren. Vorzüglich hielt ein ältlicher, behäbiger Herr stets einen +Kreis von Zuhörern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich +fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau +Christine zugerufen hatte: + +»Ich muß mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen +ihr böse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht gründlich verdorben zu +haben, mein Herr.« + +Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des +Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von +Wittum: + +»Das ist in der Tat außerordentlich interessant!« -- + +Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad außerordentlich und +außergewöhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer +wohlbeleibten Dame über die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben +unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrückte mit Mühe einen +hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens: + +»Der Stein der Abnahme!« + +Bei allen Göttern und Göttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und +des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das +einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der +Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus +dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als +gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer +nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen +Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich +mehr für den augenblicklichen Inhaber. + +»Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist kürzlich, das heißt vor einigen +Jahren beim Bau einer neuen Straße unserer Stadt in einem trockengelegten +Wassertümpel gefunden worden,« erzählte der glückliche Besitzer und +Sachverständige, »und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig. +Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin -- an diesen +seinen jetzigen Fundort?« + +Die Damen wußten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die +Mühe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich +selbstverständlich ruhig und ließ die Gesellschaft raten. + +»Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr +unseres Gemeinwesens im Mittelalter,« sprach triumphierend bescheiden der +archäologische Sachverständige. »Aus den Händen hanseatischer Schiffer ist +es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines +kunstsinnigen Patriziers der Stadt übergegangen, und --« + +»Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen,« meinte +Herr Vollrad von Wittum. + +»Wahrscheinlich,« erwiderte der Besitzer etwas trocken, »lassen wir das +doch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und +für sich sehr merkwürdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte, +stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder +Tausches her, sondern --« + +»Sondern?« rief ich im höchsten Grade auf die Erklärung gespannt. + +»Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng +hieratisch-domestikalen Amulet -- arabisch =hamala= -- zu tun.« + +»Was Sie sagen?!« rief ich unwillkürlich über die Schulter der noch immer +vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame. + +»Gewiß, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber -- +ein glückbringender Zauber, den die Braut dem Bräutigam am Polterabend -- +auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen -- +in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht +unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im +verstecktesten Winkel seines Hauses -- seiner Bambushütte. Sie nennen das +den Apfel des Glückes, und ich jedenfalls bin glücklich, ihn in meinen +Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften.« + +»Und bitte, Herr Professor,« fragte die vor mir stehende Dame lächelnd, »da +Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentümlichen Zauber +jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, -- nicht +wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen +Abend vergeblich nach ihr umgesehen.« + +»Abhaltung, meine Gnädige -- eine sehr große Wäsche, und sonstiger +mannigfaltiger häuslicher Verdruß,« stotterte der Gelehrte, und jetzt +lächelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu +lächeln. + +»Mein verehrter Herr,« wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des +Apfels des Glückes. »Sie legen einen großen Wert auf dieses geheimnisvolle +Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen könnten, welchen Wert +ich unter Umständen darauf legen könnte, so würden Sie gewiß nicht +anstehen, mir es abzulassen oder auszutauschen. Sie wissen, daß ich als +Erbe eines verrückten, gleichfalls archäologischen Onkels in den Besitz +einer Kollektion von Intaglien gekom --« + +»Ich weiß das freilich, aber ich muß in diesem Falle doch herzlich und +freundlich danken,« erwiderte der würdige Inhaber des Apfels des Glücks ein +wenig sehr verdrießlich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in +welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmütige, behagliche +Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der +Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten, +mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In +demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in +einiger Aufregung an mich heran und flüsterte mit hastig-energischer +Betonung: + +»Es ist eigentümlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mühe ich +mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe +ihr ein Billett gebracht, worüber sie heftig erschrocken sei, und dann habe +sie in großer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt, +und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fühlen Sie sich für +diese Vorgänge mir verantwortlich, mein Herr?« + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + + +Ich gab rasch den Apfel des Glückes zurück in die Hand des Professors, der +ihn schnell, zärtlich und vorsichtig wieder in seine Hülle von Seidenpapier +einwickelte und in der Brusttasche seines Frackes barg. Der würdige +gelehrte Herr hatte uns seinen Vortrag gehalten, wußte ganz genau, was das +Ding bedeute, und mochte also die Folgen seines Besitzes tragen. + +»Sie haben die Hand in alledem! leugnen Sie es nicht!« flüsterte mir die +schöne Hexe scharf zwischen den Zähnen durch ins Ohr, und ich hatte mich zu +sammeln, ehe ich imstande war, es unter nachdrücklichstem Kopfschütteln in +der Tat zu leugnen. + +»Dann begreife ich nichts davon!« rief die Frau Christine. »Aber wenn ich +nicht dieses dumme Volk, das ich mir jetzt zu meinem Verdruß auf den Hals +geladen habe, anzulächeln und zu unterhalten hätte, so wüßte ich wohl, was +ich tun würde.« + +»Und was würden Sie tun, Gnädigste?« + +»Ich würde einen Mondscheinspaziergang wie die alberne Dirne, das Trudchen, +die Gertrud machen, und -- Sie zur Begleitung mit mir nehmen.« + +»Ach! würden Sie?... Ja, aber beste Frau, dann bitte ich doch meinerseits +um Aufschluß über das Verschwinden unserer kleinen Freundin. Gnädigste, Sie +wissen es, wohin das Kind gegangen ist, seinerseits meinen Freund, Ihren +Mohren Ceretto, als Begleiter mit sich führend.« + +»Wohin Sie es doch geschickt haben!« zischelte die Hexe böse, wendete sich, +trat zum Professor und bat lieblichst lächelnd: + +»Teurer Freund, was habe ich versäumen müssen? Ist es gar nicht möglich, +daß ich es noch nachhole? O bitte, bitte, jetzt lassen Sie mich doch auch +betrachten, was Sie vorhin den Herrschaften zeigten. Wahrhaftig, +Doktorchen, ein Kreis, der Sie nicht in sich schließt, entbehrt seiner +besten Zierde, wie ein Kranz, in dem die Rose fehlt.« + +Es war ein Glück, daß »unsere gute Charlotte«, durch ihre große Wäsche im +Hause festgehalten, das wonnige Lächeln nicht sah, mit welchem der Gelehrte +sich vor seiner schönen Wirtin neigte, das selige Behagen, mit welchem er +seinen hieratischen Glücksapfel von neuem aus der Fracktasche und dem +Seidenpapier hervorholte. Ich aber verlor mich aus dem zierlichen Getümmel, +nachdem ich mich möglichst in demselben verloren hatte. Ich machte den +Mondscheingang, den die wundervolle Hexe leider oder auch vielleicht +glücklicherweise anzutreten nicht imstande war -- weil -- sie ihre Gäste +anzulächeln hatte. -- + +Er war den Gaskronen und den aus Glaslilienkelchen leuchtenden Flammen zum +Trotz aufgegangen, der Mond, der deutsche Mond, und schien voll und rund +auf die Dächer und in die Gassen der alten Stadt, sowie auf ihre neuen, +modernen Teile. Daß das Haus der Hexe in der allermodernsten Vorstadt lag, +verstand sich von selber, und jetzo lag es auch hell im hellsten +Mondenschein, oder wenn man will, romantisierten Sonnenschein: es mußte ein +ausgezeichnet verständiger, klarer Tag auf dem Monde herrschen und das +Wetter dort himmlisch vernünftig sein. Die andere Seite der +»Promenadenstraße« lag natürlich tief im Schatten, und ich trat schnell in +diesen Schatten hinein, sah auf die roten Fenstervorhänge in der Höhe, +schüttelte den Kopf und seufzte: + +»Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal +verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernünftigen Menschen in +den besten Jahren gründlich um seine Kaltblütigkeit und alle ruhige +Überlegung gebracht hat!« Ich hätte beinahe hinzugesetzt »unglücklich +gemacht hat«, erfaßte jedoch glücklicherweise im letzten Augenblick noch +einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der +Lächerlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von +seinem Rande. + +Ich lief durch das Gebüsch und um die Blumenbeete der städtischen Anlagen +bis dahin, wo sich die begleitenden Häuserreihen dem Bahnhofe zu +erstrecken. + +Es war noch ein später Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten +an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepäck, +ohne solches, oder in Begleitung von Packträgern in die Stadt hinein. Die +Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das +letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straßen +biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben +geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde +zuwanderte, nämlich auf den Meister Autor Kunemund. + +Er sah mich natürlich nicht. Er wollte hastig an mir vorüber. Er schien es +jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte +warten lassen, und selbstverständlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm +und hielt ihn auf. + +»Alle Hagel! was soll -- was ist -- ja, Herr, sind Sie denn das?« rief er +anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. »Sind Sie es +wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, was für ein Segen das für +mich ist, daß ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das +nenne ich wahrhaftig eine Schickung.« + +Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hände gefaßt und schüttelte sie +kräftig. + +»Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch +kläglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hülfeschrei in meinem +Briefe?« + +»Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt -- +wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher +liegen -- das macht sich öfters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit +der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen müssen, +und das ist wieder eine Geschichte für sich! Sie sollen sie beiläufig auch +ins einzelne hören -- ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komödien an +meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie saß +richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Gerümpel um sie her; und +eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten +und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich +sie denn endlich glücklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder +einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so -- doch, Herr, von +alledem später, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, daß es gar nicht +zu sagen ist. -- Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen +hat, daß ich hätte kommen müssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze +seiner ganzen Armee gewesen wäre und nicht gewollt hätte?! Herr, wer rief +hier um Hülfe? wer ist tot, oder wer will sterben?« + +Mich überlief es weder heiß noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte +über die Schulter und dann empor und fühlte den leisen, schönen Nachtwind +mehr auf der Stirn und im Haar. + +»Sind _die_ geheimnisvollen Hände immer noch an ihrem Werke? Nun, dann +mögen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es +bleibt doch beim alten und die Welt ein großes Wunder!... Mein alter, +teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege +zusammentrafen, kämpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen +schweren Kampf, und es geht ihm sehr -- sehr schlecht.« + +»Wer? wer?« + +»Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Stürme +nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglück sind ihm die Füße +zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake, +und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben.« + +»Also das war es!« sagte der Meister Autor leise. »Ihren Brief habe ich, +wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen +gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; -- o ich habe +eine unbeschreibliche Angst gehabt, daß unserm Trudchen etwas Schlimmes +passiert sei.« + +Wir gingen jetzt rasch vorwärts durch die Straßen der Stadt. + +»Wer -- was hat Sie nach dem Essen gerufen?« fragte ich, den Alten im Gehen +stützend. + +»Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das würde mich nicht +verhindern, Ihnen das Ding zu erzählen,« sagte Herr Kunemund. »Lächerlich +genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran +hängt! Sehen Sie, die Alte spielte natürlich ihre Rolle dabei; denn die +werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerückt, und +sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich +merkte gleich, daß nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon +ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste +Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht +gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen, +sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste +Bemerkung wieder darüber. Da ging die Unruhe an!« + +»Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges über das Feld zur +Eisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher?« + +»Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in +großen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In +der Stube hielt ich es nicht aus, -- suchte also meinen Mittagsschlaf im +Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich +war grimmig über mich, über die Alte, über meine Bauern in meinem Dorfe und +über ihre in ihrem; ich hielt es nämlich zuerst für Ingrimm, bis ich +herauskriegte, daß es Angst war -- ich sage Ihnen -- Angst, Herr +Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in +der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch +länger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele +ertragen! Sehen Sie da -- da -- da war es, am hellen Tage, in der hellen +Sonne, daß ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde -- und natürlich sagte +ich mir mit dem kalten Schweiß auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser +Trudchen! auf das Kind ist ein Unglück gefallen. Herr, lieber Herr, und +einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das +stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich +nicht wieder durchmachen zu müssen.« + +»Fassen Sie Mut, Meister. Wer weiß, was Ihr Kommen wenden soll? Wer weiß, +wozu Sie -- gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das +schon allein kann Ihnen eine Bürgschaft sein, daß alles im richtigen +Geleise sich befindet.« + +»Da haben Sie vielleicht recht,« sagte der Meister Autor. »Seit ich den Fuß +aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie +gewöhnlich geworden. Seitdem die Alte über meinen ganz unschuldigen Spaß +sofort wieder die Schürze an die Augen brachte und losheulte, als ob der +Bock sie gestoßen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte +mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, dränge mich gegen die Wand und +wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoßen. Dieser Karl, der arme gute +Junge tut mir mit seinen blutigen Füßen, weiß es Gott, herzinnig leid, aber +die Hand spüre ich nicht mehr im Genick; -- wissen Sie, mit der See und dem +Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu +mir -- wir passen zueinander -- haben aneinander einen Trost und eine +Stütze gegen die Alte, und führen doch noch ein Leben, das sich tragen +läßt!« + +»Möge es so sein,« sprach ich in der Seele, doch nicht laut. Wir hatten +jetzt die Altstadt wiederum erreicht und suchten unsern Weg durch die +dunkelsten Gassen derselben, über ein Pflaster, welches noch nie der Mond +mit seinen Strahlen hatte beleuchten können. Beizu erzählte ich dem +Meister, daß ich mit seinem Kinde, der Gertrud Tofote am heutigen Abend +auch bereits zusammengetroffen sei, und er erkundigte sich dringend und +hastig nach dem Wie, Wo und unter welchen Umständen. Ich gab ihm alle nur +mögliche und rätliche Auskunft, und dann rief er: + +»Sie werden es unter den jetzigen traurigen Umständen für ein Unrecht +halten, daß mir immer stiller zumute wird, lieber Herr; aber ich kann +wahrhaftig nichts dafür. Zuletzt ist es doch immer nur einzig und allein +das Kind, welches mir im Sinne liegt. Wenn ich das Kind in Sicherheit und +Behaglichkeit weiß, ist mir alles übrige nur wie ein Unwetter, das man +unter einem Busch am Wege abwartet.« + +Nun hätte ich dem alten Herrn um keinen Preis jetzt andeuten mögen, daß +das »Kind« sich recht unbehaglich gefühlt habe, als ich vor einigen Stunden +mit ihm zusammengekommen war. Ich sagte ihm auch nicht, wie man dann nach +ihr gesucht habe: vielleicht hatte er selber noch in dieser Nacht +Gelegenheit, sie zu sehen, und mußte sie selber ihm mitteilen, wie es ihr +ums Herz war. Hier war wahrlich Magie! ich sah das Erdenleben, wie ein +Taucher das Sonnenlicht in der Tiefe des Meeres schwebend sieht, und wie +paßte der greise Zaubermeister aus dem Elmwalde in die Beleuchtung und in +die sonderbare Nacht überhaupt! Nachdem er seine innerste Herzensmeinung +kundgemacht hatte, hatte er auch für den kranken Steuermann das höchste +Interesse übrig; -- er jammerte heftig um ihn und fragte bis auf die +kleinsten Einzelheiten nach allen ihn betreffenden Vorgängen der letzten +Tage. Auch die Base erhielt ihr Teil Teilnahme aus seinem guten Gemüte: + +»Hätt' ich ihr das dadurch ersparen können, daß ich's auf mich genommen +hätte, so würde ich mich nicht besonnen haben. Aber so ist es, sie wird +expreß dazu hingesetzt sein, um dies Elend abzuwarten und den Jungen auf +ihrem Bette zu pflegen. Unsereiner meint immer, daß er um seinetwillen da +sei, doch das ist nicht so -- es ist wahrhaftig nicht an dem, man muß aber +alt werden, um es auszukundschaften. Zum Exempel, was sollte jetzt aus der +Alten (und da meine ich natürlich nicht den Hafenmeister) werden, wenn ich +nicht länger als siebenzig Jahre meinen Charakter darauf hingezogen hätte, +mir die Suppe versalzen und die gute Laune -- nicht verderben zu lassen?« + +Da ich auf diesen Humor augenblicklich doch nicht recht eingehen konnte und +nur durch ein etwas dämpfig-trübsinniges: Ja, ja! darauf zustimmte, meinte +er kläglich: + +»Der Arend hat das auch immer gesagt.« + +»Was denn, Meister?« + +»Sehen Sie, daß ich mich überall, wie man das nennt, unmöglich mache. -- +>Herrgott, ich sage ja nie etwas!< antworte ich dem Arend, aber er weiß mir +Bescheid zu geben und sagt: Aber du lachst und grinsest und zwar niemals an +der richtigen Stelle, und das sollen dann die Leute nicht verquer +aufnehmen! -- Und wenn der Tofote das von sich gegeben hatte, ging er +jedesmal hinter die Stalltür oder die nächsten Bäume, zog den Kopf zwischen +die Schultern und grinste toller als ich. Ja es war ein gutes Leben mit ihm +und unserm Trudchen; selbst die Alte gehörte dazu.« + +Er hatte keine Ahnung davon, wie tief ich in diesem Augenblicke in dieses +»gute Leben« hineinsah. In der Welt, in der ich hausete, pflegte der gute +beratende Freund nach erteiltem Rate zwar die Achseln auch zu zucken und +sich hinter den Busch zu schlagen; aber er tat's gewöhnlich wie jemand, der +seines eigenen Besten wegen seinen besten Freund aufgeben muß -- aufgeben +will -- aufgibt, und zwar auf der Stelle. Von dem, was vor langen, langen +Jahren, so ungefähr in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts +Eugenius zu Yorick sagte, wußte der Meister Autor Kunemund nichts. Er +erfuhr in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nur an seinem +eigenen Leibe wieder, was damals einige Leute auch schon an sich in +Erfahrung gebracht hatten. -- + +»Daß Sie, lieber Herr, sich hier am Orte so ohne weiteres und noch dazu in +der Mitte der Nacht, wenn auch bei Mondschein zurechtzufinden wissen, ist +mir auch eine Merkwürdigkeit. So oft ich auch am hellen lichten Tage +hierher kam, alle zehn Schritte lang hab' ich vor einer Mauer gestanden und +mich zurecht- und meistens auch zurückfragen müssen; aber hier -- hier sind +wir ja wohl? Herr, Herr, jetzt geht es mir erst recht auf, wie über alles +wunderlich es ist, daß ich wieder einmal hier bin und mit Ihnen und in +dieser Stunde!« + +Wir waren beide mit gesenkten Köpfen gegangen, und jetzt erhoben wir +dieselben zu gleicher Zeit vor dem schon einmal beschriebenen Torbogen, der +in den Cyriacushof führte; und ein dritter, der mit untergeschlagenen Armen +dort lehnte und den Rauch einer Zigarre in das blaue Mondlicht hineinblies, +erhob ebenfalls das Gesicht. + +»Ich wußte es ziemlich sicher, daß ich Euch hier treffen würde, Ceretto,« +sagte ich. »Ihr habt das Fräulein hierher begleitet; und seht -- der Herr +Autor ist ganz von selber gekommen, ich bin nur durch einen Zufall +unterwegs mit ihm zusammengetroffen. Wißt Ihr, wie es da oben geht?« + +Der Mohr aus dem Schüsselkorbe beantwortete vorerst diese Frage nicht. Er +hatte vor dem Meister Kunemund den Hut gezogen, und nun warf er auch die +Zigarre fort und rief: + +»So gerät man auseinander und wieder aneinander und zueinander; aber +solange ich denken kann, soll es stets der Zufall sein, der's zuwege +bringt; und wenn wir mit den Nasen zusammenrennen, geschieht's natürlich +ganz von selber. Wenn ich _die_ Weisheit in Spiritus, für jede Abart ein +besonderes Glas, der Menschheit in einer Bude zeigen könnte, so hinge ich +in dieser Nacht noch die gnädige Frau hinter die Tür und ginge wieder +einmal ohne Abschied durch.« + +»Schwatze Er keinen Unsinn, Wichselmeyer,« sprach der Meister Autor, dem +Schwarzen die Hand reichend. »Und wenn Er sich wirklich bei Seinem Senf +etwas denkt, so gebe Er uns auch das Fleisch dazu oder behalte ihn nur +ruhig bei sich; -- was mein Junge macht, will ich jetzt wissen, und weiter +nichts!« + +»Mir gefiel es eben nicht da in der Stube,« sagte der Mohr mürrisch. »Das +gnädige Fräulein winselt, die Alte sagt gar nichts; ich hab' mich leise +wieder heraus gemacht; denn da wir doch alle einmal dran müssen, so muß es +wenigstens von Zeit zu Zeit einen vernünftigen Kerl geben, der es sich bei +solcher Vorstellung lieber draußen in der frischen Luft und bei einer +Zigarre überlegt, wie er sich auf dem Seil ausnehmen wird, wann die Reihe +an ihn kommt. O meine Herren, dieser Herr Wichselmeyer hier ist klug und +alt genug geworden, um zu wissen, was das Beste für den Menschen ist.« + +»Der Teufel soll dich braten, wie er dich schwarz geräuchert hat, du +Kaffer, du Hottentott, du hinterafrikanischer deutschgekochter +Jahrmarktslump!« schrie der Meister Autor wütend. »Was geht es hier mich +an, was für den Menschen das Beste ist? Ich bin doch auch ein alter Kerl +geworden und habe das Meinige in der Welt gesehen; aber solch ein +sackermentsches, in jeder Brühe umgewendetes Stück Vieh, wie dich, noch +nicht! Das Kind sitzt da oben in Tränen bei meinem armen Jungen, und dieser +Flegel stellt mir hier mit seiner Jahrmarktsweisheit ein Bein! Aus dem +Wege, sage ich!« + +Der Meister stürzte in das Tor, ich wollte ihm rasch folgen; als Signor +Ceretto mir über die Schulter hastig zuflüsterte: + +»Halten Sie ihn doch auf! Der Herr Steuermann befanden sich vor zehn +Minuten eben im Sterben. Lassen Sie den Alten doch nicht grade in den +letzten Jammer hineinbrechen. Zum Trost für die Damen kommt er am +richtigsten, wenn der junge Herr Abschied genommen hat.« + +Das mochte wohlgemeint sein, und wurde jedenfalls gesagt, wie es gedacht +wurde, aber ich machte dessenungeachtet meinen Arm ziemlich grimmig von dem +Griff des dunkelfarbigen Weltweisen frei und hätte beinahe etwas sehr laut +gerufen, was ich keineswegs hier niederzuschreiben gewagt haben würde. Ich +eilte dem Meister Autor nach und irrte mich wahrscheinlich nicht, wenn ich +später beim Wiederüberdenken dieser Erlebnisse für gewiß angenommen hatte, +daß der schwarze Philosoph vor allen Dingen die bei unserer Annäherung +weggeworfene Zigarre vom Boden aufgelesen und von neuem in Brand gesetzt +habe. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + +Was die Sonne aus den gegebenen Verhältnissen im Cyriacihofe machen konnte, +das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz +ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverständige Herr den Hof, in welchem ich +ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er würde sich sonst eher an einer +der wundervollen Dachtraufen aufgehängt, als so fröhlich beide Hände zu der +projektierten Zerstörung dargeboten haben. Selbst die erquickliche +Vorstellung, daß man ja bereits beginne, Nürnberg abzutragen, würde ihn +nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein +Zerstörungsobjekt so betrachtet hätte. -- + +Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon früher zu schildern +gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestürmt und war +verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentür, von welcher aus die Treppe +zu der Wohnung der Base Schaake aufwärts führte. Ich erwischte ihn auch in +dem gewölbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tür der Base hinter +sich zugezogen; ich würde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen +Augenblick lang das Ohr an diese Tür gelegt haben, doch nun blieb mir +nichts übrig als ihm, so leise als möglich, auf den Fußspitzen zu folgen. + +Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite +Bogenfenster auf das weiße Haar der Base Schaake strömte; jetzt flutete +auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Blätter der Ulme +draußen vor dem Fenster glänzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand +offen, der Gartenduft drang mit der schönen Helle herein. Das silberne +Licht lag auch auf dem Fußende des Bettes des guten Seefahrers Karl +Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen +auf die weiße Decke gedrückt, und ihre alten Arme umklammerten fest den +stillen Mann unter der weißen Decke; zu Häupten im Schatten saß Gertrude +Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schönen Hexe +gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit +einem Zettel, auf welchem ungefüge und unorthographisch die Worten standen: + +»Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe -- der liebe Gott wird's dir +vergelten, Gertrud!« + +Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; später +hat sie ihn mir gezeigt. -- + +Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tür. Die hübsche +Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das +Gesicht aus den Kissen und sagte rührend ergeben: + +»Ihr kommt zu spät, Vetter.« + +Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt -- gemacht, so würde ich mich +wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es +ist damals so gewesen! -- bei der heißen Geisterhand, die mir heute noch in +der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber +so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten +Barfüßlerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick +wegen einer außergewöhnlich heftigen Bedrängnis in der Kirche eine +nächtliche Betstunde abhielt und sang. -- Sie sangen in der einstigen +Choraley der Mönche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war, +Viehstall im Dreißigjährigen Kriege, Speicher im Siebenjährigen, Lazarett +in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annähernd +wieder zurückgegeben war. Die Töne klangen in der stillen Nacht, gedämpft, +um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stören, geisterhaft zu uns her +aus der Ferne und dem Grundstock des Gebäudes, und wir horchten alle, und +_uns_ störten sie wahrhaftig nicht. + +Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und +drückte sie fest zusammen: + +»Herr, _das_ war es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen +hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehört! Ach Base, Base, ist er +gestorben? bin ich zu spät gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake, +was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge, +das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest! +Jetzt laßt mich ihn aber doch sehen!« + +Der Meister hatte sich über den Toten geneigt; ich, der ich immer eine +große Vorliebe für das Leben, das heißt für die Lebendigen gehabt habe, +faßte mein kleines, närrisches, hübsches Fräulein zu Häupten des Bettes ins +Auge. + +Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand +in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil +des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, tränenüberströmt; der Tod +schien einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie +mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender +denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schöne +Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft +künstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden. + +»Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen,« sagte die Base. »Er +hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr, +daß sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte, +sondern in ihrem schönen Ballkleide hierherkam. Er war in einer +schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er +seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schön und glänzend +hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an -- sah sie immer +an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was +ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch +hier weiß, wie viel größer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's +sehen draußen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und +in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen!« + +»Ich habe mich schrecklich gefürchtet,« schluchzte Gertrude Tofote. »O ich +wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er +-- er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See!« + +»Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen,« sagte die +Greisin, »aber mich hat er Tage und Nächte lang fort und fort, immerzu und +immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und +gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm +nichts mehr.« + +»Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine +gebrochenen Füße und das Fieber, die ihn so reden ließen?« fragte der +Meister Autor. + +»Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch +wenigstens noch über das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud, +es war gut, daß du kamst?« + +Gertrud nickte und wendete sich hastig ab. + +»Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, -- ja, zu +Ende, zu Ende,« schloß die Base Schaake. + +Über ein Sterbebett läßt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich +manches darüber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; -- +Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem +guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in +Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was +half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktüchern nachzuwinken? Ich führte +das Fräulein nach Hause; -- vom Uferdamm nach Hause. + +Der Meister hatte den trüben Bericht der Greisin angehört und das weiße +Tuch wieder über das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte +er sein »Kind« in die Arme genommen und es herzlich geküßt und manch ein +Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schöne Elfe hatte herzzerbrechend +dabei geschluchzt und einmal übers andere dazu gerufen: + +»Das ist so fürchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu +mir kommen? nicht wahr, morgen früh kommst du gewiß zu mir?« + +Und der Meister hatte eben so oft gesagt: + +»Ja freilich! freilich!« und dann hatte er sich zu mir gewendet: »Wollen +Sie so gütig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine +schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein +möchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehört Geschick dazu, mit +Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt +nach Hause!« + +Ich war natürlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die +junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben würde. Wir gingen, +fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat +allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann fürchtete sie sich heftig. +-- + +Die Straßen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte +Stadt so ziemlich für uns allein. Die wenigen Nachtschwärmer, die uns dann +und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre +Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit +an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns +drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen +wußte. Indem ich nach besten Kräften das Fräulein unterhielt, horchte ich +doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. -- + +»O was ist das für eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht +wieder zufrieden geben können!« schluchzte die Elfe. + +»Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir müssen uns doch zu beruhigen +suchen, mein Fräulein,« tröstete ich. »Der arme junge Mann hat recht +gelitten -- für seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es +doch das Beste --« + +»Natürlich war es das!« brummte hinter uns der schwarze Signor. »Es konnte +ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; -- nicht +wahr?!« + +Die letzte Frage war, von einem außergewöhnlich gräßlichen +Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Männer gerichtet, die uns an +einer außergewöhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten, +und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen +aufmerksam gemacht hatte mit den Worten: + +»Ein reizendes Geschöpfchen!« + +In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurückprallend, hatten die Herren +ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls. + +»Der Onkel Kunemund war sehr betrübt. Er hatte unseren Karl recht lieb +gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern,« seufzte Fräulein Tofote. »Wir +sind so häufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie +unter solchen schrecklichen Umständen.« + +»Jawohl,« brummte Ceretto hinter uns, »wenn das keine kuriose Geschichte +ist, laß ich mich hängen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und +geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht +auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns!« + +Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar +und leer da -- nichts war zu sehen und zu hören, und das Trudchen klammerte +sich fester an meinen Arm. + +»Sie haben den Herrn Autor bereits wütend gemacht; ärgern Sie mich nun +nicht auch noch, alter Freund,« rief ich; doch der Mohr sagte: + +»Ich muß doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinen +Geschäftswegen; -- horch, -- hören Sie?« + +Wir hörten natürlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief +ärgerlich: + +»Sie sind, -- nun ich werde es Ihnen an einem der nächsten Tage sagen, was +Sie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gnädige +Frau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Fräulein warten.« + +Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch +einmal guten Mut zu. + +»Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, daß Sie dem Rufe der alten Frau im +Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut, +und er wird Ihnen gewiß noch häufig seinen Dank dafür sagen. Ich, der ich +die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns +verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr +besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.« + +»Oh!« flüsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tür der Hexe, und +nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander. + +»Da sind wir zu Hause,« sagte ich, »und nun bitte ich Sie herzlich, liebes +Fräulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als +nötig ist. Es ist noch nie etwas Außergewöhnliches auf Erden vorgefallen. +Sie sind es sich und uns -- allen Ihren Freunden schuldig, daß Sie auf Ihre +Gesundheit Rücksicht nehmen. Jedenfalls müssen Sie fest überzeugt sein, daß +wir alles tun werden, um Ihnen fernere persönliche Aufregungen zu +ersparen.« + +»Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte Gertrud Tofote, und ich +wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt: + +»Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnächst miteinander +zu reden.« + +»Ich wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen,« sprach der Alte. Mit welcher +Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte +seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von +Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich längst +getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den +Vorhängen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und +die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher +Schein, das zierliche Flämmchen in dem weißen Lilienkelche. + + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + +Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter. +Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von +lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es +verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein +Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen. +Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten +auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte +noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich +bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem +letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da +sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand +in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich +selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt +um ihn her, sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste +Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste, +innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; -- wer es leugnet, +möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der +Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert. +-- + +Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt +zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und +fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen +in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau +Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten +sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe. +Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht +als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata +einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit. + +Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren +herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem +Sarge, und -- + +»Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen,« sagte der Meister Autor. + +Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, berichtete +mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann +verlange sein Stück Kuchen. + +Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schöne Blumen und Kränze mit +weißen Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr +betrübt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges +Viertelstündchen zu ihr zu kommen. + +»Vielleicht so gegen Abend werde ich es möglich machen,« sagte mir der +Meister: »jetzo sitze ich hier Wache und -- Herr, ich sage Ihnen, ich habe +trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche +Volk zum Tanze hätte aufziehen mögen!« + +Er saß mit seiner Pfeife in der kühlen steinernen Halle vor der Tür der +Base Schaake; die Tür stand halb offen, und ich sah darin grade auf den +sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister +Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuzünden und sagte: + +»Ja, ja, sehen Sie diese Zündholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er +hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir +recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man +sich arg mit Stahl und Stein zu quälen, doch das beizu; -- Herr, die +Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezündet und, Herr, ich +habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken müssen -- den letzten im +Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O +lieber Herr, wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt.« +... + +Das war das Wort! -- Es fallen Schlösser -- Luftschlösser ein; aber das hat +nichts zu bedeuten: die Gärten allein, die den Menschen, den armen Menschen +versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen +Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte +eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte +eines solchen, der euch verloren ging; -- im erstern Falle ist wenigstens +die Aussicht vorhanden, daß es euch gelingen werde, euch selber zu belügen. +-- + +Der folgende Tag war einer der heißesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien +die Erde wie mit einer glühenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub +waren unerträglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte +sich über alle Vegetation; und unsere Aufgabe ließ sich unter keinen +Umständen auf eine kühlere Stunde verschieben. + +Wir führten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn. +So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und +einem Glase nicht teuern Moselweins. + +Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den +Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. -- +gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder +nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der -- +Erde und der Sonne zum Trotz. + +»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm +neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's +eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt, +daß man vorhanden -- daß man da ist.« + +»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man +wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt +hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.« + +»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und +dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar +weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und +gemacht werden mußten. + +»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser +hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu +fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber +was denken Sie über die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr +ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es +also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals +finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben +einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich +nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl +beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr +einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las -- und was las +sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor +allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten +kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch +für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um +seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben +konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie +bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und +erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe +oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein +beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er +heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er +ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend +und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei, +und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte +Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann? +Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns +andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!« + +»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem +nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend +den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich, +indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die +Schulter legte: + +»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder +nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.« + +Der abendländische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse +wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das +sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen +abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte: + +»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.« + +Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat, +oder das, was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die +Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht. + +»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl +noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten. +Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Maße finden +-- Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und +es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem +ausspürtet. Überlegt es Euch!« + +»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister. +»Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei +genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn +der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die +Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf +ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber +der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger +stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint +auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen +wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon +daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen +werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern +Haushalt dann mal anzusehen.« + +An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und +wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor +seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis +jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des +Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. -- + +An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres +Zögerns verdrossenen Kutscher. An heißen, mit Teer getünchten Planken, +Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte +uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke +geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück. Auf diesem Weg sprachen +wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein +anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu +lassen. + +Da sagte der Meister, den Kopf schüttelnd: + +»Das ist doch wunderlich!« + +»Was ist wunderlich, alter Freund?« + +»Daß andere Leute immer bei dem nämlichen Geschäfte, in derselben Lage, in +ganz demselben Pläsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur +nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur -- eben sind wir fertig --« + +»Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor! +Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe +kommen, um sich darüber zu verwundern, und nicht bloß hierüber!« + +»Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang +haben,« brummte Herr Autor Kunemund. »Hat das auch schon einer +herausgefunden und schriftlich attestiert?« + +Nun mußte ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen. + +»Ach Meister, Meister,« sagte ich meinerseits den Kopf schüttelnd, »dieses +hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber über das, was es +bedeutet, darüber ist man noch nicht einig und im klaren.« + +»Dann hilft mir auch das übrige nichts, und meinesteils lasse ich es +einfach geschehen,« sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum +Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern +Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was +er nicht ändern konnte. + +Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der +Schattenseite; man kann eben von der größten Tragödie nach Hause gehen und +doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen. + +Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der +engen Steintreppe und im steingewölbten Vorsaale durchschauerte es mich +fröstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die +Greisin zu begrüßen, und habe mich späterhin selber darob beglückwünscht, +wenn ich daran dachte, daß ich eigentlich den alten Freund nur bis an das +Tor hatte geleiten wollen. + +Trudchen Tofote saß bei der Base Schaake! + +Das sah ich angenehm überrascht von der Stubentür aus, drückte auf ihrer +Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen +kühlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwölfte Stunde des Tages +nach meiner eigenen Wohnung zurück und um zwei Uhr nach dem =Hotel de +l'Allemagne= zur Wirtstafel. + + + + +Vierundzwanzigstes Kapitel. + + +Der wäre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht +überrumpeln, den der Schein nicht rühren oder ärgern könnte! Wie wenig +Schlaf würde er bedürfen, wie wach und lebendig würde er jederzeit um sich +her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen +Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den +Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht möglich wach zu +bleiben, und ich schlief -- schlief totenähnlich, totengleich; es kümmerte +mich gar nicht, ob die andern das laute, lärmende Spiel weiter trieben, ob +es sich fortdrängte an den Straßenecken und auf den Heerstraßen. Einen +älteren Herrn als mich würde wahrscheinlich der Schlag gerührt haben; im +Falle er mich gerührt hätte, würde ich nicht das geringste davon gemerkt +haben. Signor Ceretto Wichselmeyer würde mich steif und still auf dem Diwan +gefunden und das Weitere veranlaßt haben; es war nämlich natürlich der Mohr +aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an +meiner Tür nach fünf Uhr erweckte. + +Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Körper eines +Ertrunkenen aus der Tiefe des Wassers -- langsam und geschwollen. + +»Ich bitte nach Menschenmöglichkeit um Entschuldigung,« sagte der Schwarze, +»aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und +gesprochen zu haben.« + +»Um Ihr Leben, Ceretto?« + +»Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrießlich gewesen sein würde.« + +»Und wer --« + +»Pst!« sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend +über die Schulter nach der Tür zurück, als ob er erwarte, daß sofort jemand +hervorstürzen würde, um die fernere Ausführung seiner Sendung zu +übernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als möglich an mich heran +und stöhnte kläglich: + +»Oh!« + +»Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf, +Ceretto!« rief ich kläglich und geärgert. »Ihr wißt, daß ich zu allen +Zeiten mit Vergnügen höre, was Ihr mir zu sagen habt -- selbst wenn es der +Auftrag eines andern ist -- aber augenblicklich -- bin ich -- ein wenig +sehr beschäftigt -- in Anspruch genommen -- kurz -- ich bitte Sie, Ceretto, +fassen Sie sich so kurz als möglich.« + +»Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz -- unsere Freundschaft +ist zu Ende.« + +»Unsere Freundschaft?« + +»Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die +Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenüber +jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden +Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin +und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umständen ist mir auf +Michaelis gekündigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann +gebrauchen können, stelle ich mich schon heute zur Verfügung. Sonst ist +alles in der schönsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wäre +nicht imstande, eine größere Ordnung hineinzubringen.« + +»Aber meine fünf gesunden Sinne nebst allem übrigen bringt Ihr in die +größte Unordnung, Ihr schwarzes Untier!« rief ich. »Wer hat sich in den +Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt?« + +»Mein hübsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten +im Cyriacushofe sitzt, und meine schöne Herrin, die seit gestern nacht +durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar +gedroht hat und fortwährend Tische und Stühle über den Haufen stößt. Wer +denn anders?« + +Meine Phantasie war plötzlich in einem merkwürdig hohen Grade tätig. Ich +sah und hörte die Frau Christine -- sie mußte entzückend in ihrer Aufregung +sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern +fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als müsse ich eine neue Welt +aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste -- +grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens +das Übrige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschüttelte. + +»Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen +waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin! +Liebe Christine -- liebe Gertrude! Fräulein Tofote -- gnädige Frau!... +Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die +Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O +Herr, Sie -- und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe -- hätten +hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen +sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt +ich mich so still als möglich hinter ihm und horchte wie ein Mäuschen, bis +die gnädige Frau das gnädige Fräulein auch wieder >mein Mäuschen< nannte, +und man sich für diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo +sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Können Sie es +sich wohl vorstellen, daß sie sich wirklich beiderseits dabei auf die +Stirnen küßten? Mir hinter der Tür traten die Tränen in die Augen.« + +Ich setzte mich, unfähig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch der +Freigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch länger sein +Vergnügen an meiner Furcht vor ihm. + +»Ja, ja,« sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, »es ist +lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; -- es ist +so schön, die Greisin im Cyriacushofe zu trösten, und es ist so sehr +erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum +gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern.« -- + +Waren das wirklich die Gründe, denen der Meister Autor und ich es zu danken +hatten, daß wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe +tröstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und +unfähig darüber nachzudenken, fragte ich: + +»Und was nun? was nun weiter, lieber Mann?« + +»Natürlich wünscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu +überlegen.« + +»Wer wünscht das, Herr Wichselmeyer?« + +Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und ließ eine +verhältnismäßig lange, aber glücklicherweise wenig kostbare Zeit +vorüberstreichen, ehe er mich einer Antwort würdigte. + +»Das Kind doch nicht?!« rief er endlich. »Sie würden der letzte sein, an +den das gnädige Fräulein sich um Rat und Trost wenden würde; aber die +gnädige Frau bittet um einen Besuch, wünscht sich Ihnen an das Herz zu +legen und Ihre Wut an Ihnen auszulassen.« + +»An mir?! Gütiger Himmel, weshalb denn gerade an mir?« + +»An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch +nicht mit sich scherzen, und einen muß man doch haben, dem man sagen darf, +was man über die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr; +Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser +lästerlichen, hinterlistigen, heimtückischen Welt keine Sehnsucht empfindet +nach der einzigen Kreatur, von der man gewiß weiß, daß sie uns versteht und +uns nachfühlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin +das Seinige gelernt, ungefähr wie ein gewisser Nigger, der sich aus +Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit +auf der Polizei eingesehen werden kann.« + +Ich hielt mir die Stirn mit beiden Händen. Dieses an diesem glühenden +Tage?!... + +»Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung +machen.« + +»Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, überflüssig ist; -- man +kannte die Antwort schon ohne das.« + +Nun hätte ich den Schwarzen doch noch aus der Tür werfen müssen; er schien +es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er +sein letztes Wort gesprochen hatte. + + + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel. + + +Ein Gewitter mußte kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten +desselben an allen Ecken und Enden, das heißt über alle Dächer her, die mir +rings um meine Fenster den unermeßlichen Äther verengerten. Während die +giftig-weißen Wolkenballen emporstiegen und, sich umwälzend, ihre Farbe ins +Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die möglich-sorgsamste +Toilette, meine äußere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz +verändernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einfluß der elektrischen +Schwüle einen Seelenprozeß durch, dessen häufigere Wiederholung mir für den +Körper nicht wünschenswert sein konnte. + +Ich überdachte mein Leben und zählte die Jahre desselben. Die Summe der +letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir +in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes, +wohlgehäufeltes, unübersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob +das, was der Meister Autor »versunkene Gärten« nannte, unter der nahrhaften +Vegetation begraben lag, will ich unaufgerührt lassen; sicher aber war, daß +mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen +Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr +menschenbedürftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt. + +»Diese Hexe!« stöhnte ich leise, die Hemdärmel zuknöpfend. O, sie wußte es +ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn +der Herr da? -- Hätte sie statt dessen, beide Hände mir entgegenstreckend, +die Bekanntschaft erneuert, so wäre alles verlaufen wie es sich eigentlich +gehört -- erfreulich, höflich, in den besten gesellschaftlichen Formen; +aber bei + + der Macht Proserpinas + Und bei Dianas unverrückter Allgewalt, + Auch bei den Büchern, kräftiger Bannsprüche voll, + Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn -- + +dies Weib wußte, was für ein Zauberwort es gebrauchte! + +Wer ist denn der Herr eigentlich? -- -- + +Ich nähere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu +meinen, derartige psychologische Raritäten novellistisch aus der Tiefe +ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz +ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gänschen, das Trudchen Tofote +gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! -- +fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten, +wehmütigsten Gemütsbewegungen der letzten Tage und Nächte. Wir mögen noch +so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes +Schicksal behalten wir darum doch für uns allein, und es ist uns stets -- +manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das +wichtigere. + +Das Wort der Hexe ärgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden +Steuermanns, setzte mir seine scharfen Nägel mitten im Verkehr mit dem +Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heißen +Sonne unter den hohnlachenden Lebensbäumen am Grabe des Seefahrers Karl +Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich +umzusehen, _wer_ »eigentlich« da hinter mir stehe und mich anblase. + +Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Gärten gegen dieses +höhnische, lebendige, blühende Lächeln der Hexe, der Frau Christine von +Wittum?!... + +Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem +Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch -- + +»Oooooh!« stöhnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann +und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, faßte +ich meinen Hut und ging -- ging zur Frau Christine, die mich durch den +Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen, +noch einmal bei ihr vorzusprechen. + +Es lag mir schwer in den Gliedern, und ich wunderte mich gar nicht über +die müden, verdrossenen Gesichter der Leute in den Straßen. Langsam, ein +Bein dem andern nachschleifend, erreichte ich die Haustür der gnädigen +Frau, und auch hier wieder fand ich natürlich den Signor Ceretto +Wichselmeyer am Pfosten lehnend, -- wie in jener Mondnacht unter dem +Torbogen des Cyriacihofes. Außer der Hautfarbe hatte er von seinen +afrikanischen Ahnen noch dieses an sich behalten, daß ihm nicht leicht bei +irgendeiner europäischen Temperatur (physischen wie moralischen) zu schwül +zumute wurde. Er nickte mir freundlich und aufmunternd zu, geleitete mich +die Treppe hinauf, öffnete mir die Tür des Salons und meldete mich: + +»Herr Baron von Schmidt!« + +Da vernahm ich denn aus der Tiefe des bereits bei der Schilderung jenes +Gesellschaftsabends erwähnten tropischen Zimmergartens ein sonores, +wohlklingendes: + +»Endlich!« + +und entgegen meinem Herzklopfen rauschte die Frau Christine von Wittum, +reichte mir die Hand und rief: + +»Ich habe zu Ihnen geschickt, um doch _einen_ Menschen zu haben, an dem ich +mein Mütchen kühlen konnte. Welche ärgerlichen, verdrießlichen, +langweiligen Tage! Aber Sie haben mich zu lange warten lassen, mein Herr; +und während des Wartens hab' ich mich eines andern besonnen: Lieber Baron, +ich würde noch einmal zu Ihnen geschickt haben, um Sie bitten zu lassen, +ruhig zu Hause zu bleiben, wenn mich diese fürchterliche Luft nicht +vollständig unfähig gemacht hätte, nochmals die Hand nach dem Klingelzug +auszustrecken. O ihr Götter, was alles muß man in dieser trostlosen Welt +ausstehen!« + +»Allerlei Art von Dasein, liebe Gnädige,« sagte ich. + +»Und ist das nicht gerade die Dummheit? Weshalb allerlei Dasein? Was geht +uns das anderer Leute an? Ich bitte Sie, was zum Beispiel hatten Sie sich +in die Verhältnisse dieser guten Menschen, die seltsamerweise +augenblicklich uns beide zu gleicher Zeit quälen und beunruhigen, zu +mischen?« + +»Ich habe mich nicht hineingemischt, meine Gnädige. Mit Behagen, Spannung, +Rührung, Trauer und --« + +»Und? und?« + +»Und Mißbehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten +Rat empfangen als gegeben.« + +»Sie behaupten also, mein Herr, mir das törichte Ding, dieses hübsche aber +gänzlich unbedeutende Waldblümchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich +in einer Laune mein Püppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen +zu haben?« + +»Mein Wort darauf!« + +Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Draußen in der Gasse trieb sich +jetzt ein heißer Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die +Höhe. + +»Schließen Sie doch die Balkontür, bitte,« sagte die Frau Christine. +»Heute bin _ich_ meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu +nehmen und mich darüber zu ärgern.« + +Ich lächelte, und -- + +»Lachen Sie nicht!« rief die gnädige Frau, in der Tat ziemlich aufgeregt; +aber zurücksinkend kam sie auf meinen letzten Ausruf zurück. + +»Ich muß Ihnen also wohl auf Ihr Wort hin glauben! O, wüßten Sie nur, wie +sehr es mich innerlich angriff, als mir dieses alberne Trudchen den Stuhl +vor die Tür setzte. Gütiger Himmel, etwas muß ich doch haben, um dieser +tödlichen Langweile zu entgehen, und es machte mir doch wenigstens für +einige Monate Spaß, diese kleine Intrige geschickt zu führen. Weshalb will +sie denn meinen guten Vetter nicht? Der brave Seemann war ihr nie etwas; es +wird ihr überhaupt niemals jemand viel sein können! Dem guten Vollrad kommt +es darauf nicht an, und er ist wirklich außerdem gar nicht so übel. +Wahrhaftig, lieber Freund, auch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich +nicht -- einzig und allein -- aus erbärmlichen Philisterinteressen hier +kuppelte. Baron, ich mußte einmal wieder etwas um die Hand haben, und, +vertraulich gesagt, ich gebe den Faden auch noch nicht aus der Hand. Ich +bin fest überzeugt, daß ich doch noch meinen Willen bekommen werde und zwar +zum Besten aller dabei Beteiligten.« + +»Das ist auch meine feste Überzeugung!« rief ich und sprach nie ein +wahreres Wort. -- + +Das Gewittergewölk war unterdessen immer höher emporgerückt und zwar von +allen vier Weltgegenden her. Die schweren Dunstmassen legten sich immer +dunkler eine über die andere, und jedermann sah nach seinen Fenstern und +Fensterläden, oder warf bedenkliche Blicke am Blitzableiter empor, wenn ein +solcher in der Nähe seiner Wohnung vorhanden war. Sorgliche Familienväter +benutzten die günstige Gelegenheit, ihre Kinder auf die Vorsichtsmaßregeln, +die von den denkenden Menschen bei einem Gewitter anzuwenden sind, und die +so selten jemand in Anwendung bringt, von neuem aufmerksam zu machen. Alte +und junge nervenschwache Weiber von beiden Geschlechtern atmeten nur noch +in der Vorstellung, daß sich ja ein Keller unter dem Hause befinde, und -- +ich und die schöne junge Witwe dachten an gar nichts, sondern unterhielten +uns von jener Zeit, wo die gnädige Frau noch einfach Christinchen Erdmann, +das hübsche, kluge, lebhafte Töchterchen des Bergmeisters Erdmann zu +Clausthal, und ich der eben von der Bergakademie Freiberg heimgekehrte +Bergeleve Emil von Schmidt war. + +Wir sprachen nicht über Neptunismus und Plutonismus, aber wir sprachen auch +nicht über Platonismus; denn was den letztern anbetraf, so unterhielten wir +uns eine geraume Zeit darüber: wer von unseren damaligen Bekannten und +Bekanntinnen, Freunden und Freundinnen geheiratet habe, und wer nicht. Wir +berührten auch ganz leise die delikate Erfahrung, daß die Zeit mit +überraschender Schnelligkeit hingehe, und von diesem Absatze der +Unterhaltung aufblickend, fanden wir es von neuem entsetzlich schwül. + +Es verwirrte sich der Tag allgemach in meinem Gehirne mehr und mehr. Der +heiße, schwermütige Gang und die helle unbarmherzige Sonne, das offene Grab +und das halbzugeschüttete, der Meister Autor mit dem Thujazweige an dem +Grabe, und dann der kühle, der kalte Cyriacushof, die dämmerige Stube der +Base Schaake, in der die unheimlichen Kerzen nicht mehr brannten, wo aber +Trudchen Tofote auf dem Spinnstuhle der Greisin neben dem trostlosen +Hafenmeister saß! Und jetzt? Da rieselte, plätscherte inmitten des +tropischen Gartens der kleine künstliche Springbrunnen, und die Goldfische +im buntausgelegten Becken stiegen auf und ab in ihrem Elemente, +schwänzelten hin und her, -- fort und fort. Auf dem Rande des Beckens kroch +oder klebte vielmehr eine handgroße Schildkröte, welche fortwährend leise +den Kopf aus der Schale vorschob, um ihn ebenso leise und langsam wieder +unter dieselbe zurückzuziehen, und ich sah auf das Tier, und mit einem Male +überkam mich die stupid-stupende Vorstellung, wie angenehm es sein müsse, +in solch ein Geschöpf einmal überzugehen und gleichfalls regungslos zu +sitzen und von dem Rande der Flut in ähnlicher Weise dem Spiel, dem +langweilig beweglichen Spiel der Gold- und Silberfische zuzusehen. + +Unwillkürlich, mich gänzlich in dieser beneidenswerten Art der +Metempsychose verlierend, schob auch ich den Kopf und Hals aus der Krawatte +hervor und zog beides wie die geharnischte Kröte zurück; richtig, es ging +bereits!... und mitten in der Schwüle, der schlimmen Schwüle des Abends +perlten mir plötzlich die kältesten Angstschweißtropfen auf der Stirn: was +ging es mich an, ob der Meister Autor Kunemund sein eigenes Leben habe? +Hatte ich nicht auch das meinige?! Hatte nicht die gnädige Frau recht? + +Was ging mich überhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit +ich ihn kennen lernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas +Außerordentliches gesagt -- und getan noch weniger -- -- + +Ich war nahe daran, ziemlich geringschätzig über den Meister Autor zu +denken, als ein langhallender, aber sehr ferner Donner durch den grauen, +heißen Abend rollte. Dabei blieb es jedoch auch: das Gewitter kam durchaus +in der Weise, wie es sich angekündigt hatte, nicht. Es krepierte. + +Und die Frau Christine sprach währenddem immerfort freundlich weiter und +unterhielt mich auf das liebenswürdigste. Der Meister Autor hatte mehrmals +von dem Versinken der Gärten in dieser Welt gesprochen; das behielt +freilich sein Recht, doch wer hinderte uns denn, in dem Grün zu lustwandeln +und die Vögel singen zu hören, die Wasser springen zu sehen, solange es +noch anging? Wer hinderte uns, die beste Obstbaum- und Gemüsezucht zu +treiben, solange der fruchtbare Humus noch zutage lag? Spargel und grüne +Erbsen, Melonen, Äpfel, Birnen, Pflaumen sind etwas recht Gutes und lohnen +die Mühe und Arbeit, die man auf ihre Kultur verwendet. Wir sprachen gerade +darüber ziemlich eingehend, das heißt, wir legten einander unsere +Stellungen in der Gesellschaft klar und mit größtmöglichster Unbefangenheit +dar und fanden von neuem aus, daß wir alle beide gar nicht verächtliche +Gartenkünstler seien, sowohl was die Blumen- als was die Gemüsezucht +anbetreffe. Signor Ceretto Wichselmeyer behielt einfach das letzte Wort; +wie es geschah, weiß ich selber nicht genau anzugeben, aber das Faktum +steht mir heute unumstößlich fest: ich sprach der Frau Christine von Wittum +den Wunsch aus, frühere liebliche Tage in behaglicherer und gediegenerer +Weise von neuem leben zu dürfen, worauf sie lachte und meinte, sie habe +nichts dagegen einzuwenden. + +Darauf wurden wir sehr ernst, unterhielten uns ungemein ruhig über das +Glück der Ehe und setzten unseren Hochzeitstag fest. Wir hatten beide +niemand um seinen Rat oder gar seine Zustimmung anzugehen; wir waren beide +mündig -- ich sogar sehr -- und was noch wichtiger war, wir glaubten fest, +es zu sein; und so -- wurden wir zu Winters Anfang ein Paar, umzäunten ein +neues Stück Erdenland und fingen von neuem an zu graben und zu pflanzen, +wie Adam und Eva -- sowohl dem Apfel des Glücks, wie dem Stein der Abnahme +zum Trotz. -- + + + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel. + + +Als ich dem Herrn Kunemund am folgenden Tage, das heißt am Tage nach dem +Begräbnis des Steuermanns Schaake, im Cyriacihofe meine Verlobung +mitteilte, schien er sich im Anfange ein wenig zu wundern. Ich muß es ihm +aber lassen, daß er sich rasch zu fassen und seinen Glückwunsch in +gebührender Form abzustatten wußte. + +»Sie werden doch unser Trudchen im Hause behalten, Sie und Ihre liebe Frau +Gemahlin?« fügte er dann an. »Hier im Hofe findet sie sich eben in keiner +Weise, das ist mir jetzt schon von neuem klar aufgegangen. Und was sollte +sie bei mir und der Alten in unserm Dorfe? Das Kind ginge da einfach +zugrunde.« + +Ich beruhigte ihn in der Beziehung, und es blieb nicht nur Signor Ceretto +in unsern Diensten, sondern auch Fräulein Gertrud Tofote behielt auch +fernerhin ihren Unterschlupf im Hause der Frau Christine; bis sie nach +unserer Verheiratung in mein Haus herüberkam. Es tat uns unendlich leid, +als sie im nächsten Sommer schon aus demselben wieder fortging. + +Wir verheirateten sie richtig mit unserm Vetter Vollrad von Wittum! + +Wir verheirateten sie?... Der richtige Ausdruck ist das eigentlich nicht. +Herr Autor Kunemund hatte nicht das geringste mit dem glücklichen Ereignis +zu schaffen, ich wenig, meine Frau nicht wenig und das meiste die liebliche +Braut selber. Wie viel oder wie wenig der Vetter Vollrad dabei beteiligt +war, das zu berechnen werde ich einfach dem Guten selber überlassen. + +Der Meister Autor kam nicht zur Hochzeit; aber wir schickten das junge Paar +zu ihm. Wir ließen die jungen Leute beim Antritt ihrer Hochzeitsreise den +kleinen Umweg machen, und Trudchen schrieb uns später von Schaffhausen aus +sehr gerührt über den Empfang, den ihr und ihrem Gatten der arme gute Onkel +bereitet habe. Der Vetter hängte an den Brief seiner kleinen Frau ein +Postskriptum, in welchem er den Meister Autor für einen prächtigen Burschen +erklärte, der ihn lebhaft an seinen verrückten seligen Onkel mit den +Intaglien erinnert habe. + +»Siehst du, Emil,« sagte meine kluge Frau, »man glaubt alle Augenblicke +vor einer Wand zu stehen, um jedesmal zu finden, daß ein Weg um dieselbe +herumführe.« + +»Das ist ein Wort aus dem Lebensbuch des alten Kunemund, meine Beste,« +erwiderte ich, und Frau Christine von Schmidt sprach: + +»So?... Das habe ich nicht gewußt.« -- + +Es führt freilich stets ein Weg um die Mauer. Der gute treue Hafenmeister +des armen Karl Schaake, die blauäugige Base im Cyriacihofe ging noch vorher +aus demselbigen fort, ehe die Maurer und Zimmerleute kamen, um sie +auszutreiben. Wir hatten uns ihretwegen so sehr vor dem ersten Schlag der +Spitzhaue auf das alte Gemäuer gefürchtet, und -- wie es sich nunmehr +zeigte -- ganz ohne Grund. Spitzhaue und Schaufel kamen zwar auch ins +Spiel, aber die Base Schaake ließ sie ruhig gewähren, ließ sie still ihre +wühlende Arbeit beginnen und endigen. Bei dieser Gelegenheit kam der +Meister Autor noch einmal von seinem Dorfe in die Stadt, besuchte mich in +meiner neuen Häuslichkeit, und da auch ich selbstverständlich der Base die +letzte Ehre gab, so gingen wir wieder einmal auf einem und demselben Wege +Schulter an Schulter. + +»Denken Sie sich, die Alte wollte diesmal durchaus mit in die Stadt und die +Gelegenheit benutzen, um unserm Trudchen eine Visite zu machen,« sagte er. +»Diese unglückliche Kreatur, die sich kaum noch auf den Beinen hält und an +der die Stimme und das Gemüte das einzige Unveränderte geblieben ist! Ich +bin ihr wieder mal durch die Hintertür entwischt.« + +Er sprach noch manches andere in der Art auf dem nachdenklichen Gange, daß +ich mehr als einmal leise seine Hand aufgriff und sie ihm herzlich drückte, +denn er zeigte mir durch diese seine Weise klar, daß ihm so wenig wie dem +wirklichen Meister Autor, Wolfgang von Goethe, »ein Sarg noch imponieren +könne.« + +Von dem Grabe der Base weg machten wir der jungen Frau Gertrude von Wittum +und ihrem Gemahl einen Besuch. Wir trafen das reizende Weibchen vor ihrem +Pianoforte, an welchem sie eine in der Tat allerliebste Miene zu einem +außergewöhnlich bösen Spiel machte. Den Vetter Vollrad störten wir aus +einem etwas unerquicklichen Vormittagsschlafe vom Diwane auf. -- Das junge +Paar empfing uns in der herzlichsten, und, nachdem es sich ein wenig +gesammelt hatte, auch heitersten, ja fröhlichsten Weise. Wir wurden +gebeten, zu Mittage zu bleiben, aber Herr Autor Kunemund hatte bereits +meiner Frau die Ehre zugesagt und hielt Wort. -- + +Signor Ceretto stand während der Mahlzeit hinter dem Stuhle des Meisters +und sorgte in einer so diabolischen Art und Weise für die Bedürfnisse des +Greises, daß ich es endlich nicht mehr aushielt und den schwarzen Schlingel +wieder einmal zur Tür hinausjagte. Überhaupt gab mein Hauswesen mir bei +dieser Gelegenheit mehrfache Gründe, mich zu ärgern; obgleich, alles in +allem genommen, Christine sich besser in den Alten und alle seine +Eigentümlichkeiten hineinfand, als ich zu Anfang vermuten konnte. Bei der +Suppe saß sie ihm noch recht steif und frostig gegenüber; aber beim Braten +schon kam sie behaglich auf die gute Zeit zu sprechen, während welcher der +Förster Arend Tofote bei seinem schönen Kinde wohnte. Beim Nachtisch +überlief es mich wieder heiß und kalt; denn nunmehr fing sie ganz leise und +zärtlich an, unsern Gast auszuholen, weshalb er damals zuerst das harmlose +Beisammensein gestört habe und bei Nacht und Nebel den »Freunden« +durchgegangen sei? Was sie wahrscheinlich nicht erwartet hatte, trat ein: +der Meister sagte ihr ganz unbekümmert seine Gründe und wurde somit in +harmlosester, naivster Weise ganz fürchterlich grob und ärgerlich. + +Aber Christine faßte sich nach der Überwindung der ersten Verblüffung mit +bestem Humor. + +»Es ist doch schade,« sagte sie, »wir hätten uns früher kennen lernen +sollen und dann genauer!« -- -- + +Nun sind wieder zwei Jahre hingegangen. Heute wohnen Vollrad und Gertrud +»der Billigkeit,« »der Schönheit der Gegend und der angenehmen Lebensweise« +wegen in Freiburg im Breisgau. Ich habe den höchsten Wunsch meiner Frau +erfüllt und bin mit ihr nach Berlin übergesiedelt. Ceretto haben wir als +eine Art von gutem Genius mit uns dahin genommen. Was dieser schwarze +Sündenbock uns in unserer Ehe wert ist, läßt sich weder wiegen noch messen; +wir werfen ihn wie einen Federball zwischen uns hin und her, und er läßt es +sich mit der besten Laune gefallen. Mir imponiert dieser kuriose Philosoph +viel zu sehr, als daß ich es je einmal dahin gebracht hätte, ihn als meinen +Bedienten ansehen zu können. -- -- + +Vor vier Wochen sprach ich noch einmal bei Herrn Autor Kunemund vor. Er +sah nie sehr gut und weit in seinem Leben, aber jetzt sah er fast gar nicht +mehr. Die Alte lebte noch; aber sein alter Dachshund hatte ihm Valet +gesagt, und -- + +»wie ich den Arend kenne, so wäre der imstande gewesen, mir auch diesen +guten Freund auszustopfen und in einem Glaskasten hinzustellen. Damit ist +es nun freilich nichts,« sagte der Meister auf seiner Schnitzbank +nachdenklich den Kopf schüttelnd. + +Er saß noch immer gern auf seiner Schnitzbank; doch das gute, künstliche +Messer leistete kaum noch etwas in seiner Hand. Das Dorf aber handelte brav +an seinem greisen, ins Nest zurückgekehrten Kuckuck; Langeweile konnte der +Meister nicht haben, denn der Besuch von jung und alt riß nicht ab, auch +nicht während meines Aufenthaltes bei ihm. + +Um Mittag brachte er mich auf den Feldweg zur nächsten Station, und unter +einer Eichengruppe nahmen wir Abschied voneinander, wahrscheinlich für +immer. Er war alt, und der Weg zu ihm mit einigen Unbequemlichkeiten +verknüpft. Wie oft auch noch während seiner übrigen Lebenszeit ich von dem +Bahnzuge aus sein Dorf in der Ferne daliegen sehen mochte: es stand dahin, +ob ich noch einmal einen Lebenstag auf einen Besuch bei ihm verwenden +würde. + +Zum Schlusse machte der Alte selber eine dahin bezügliche Bemerkung. + +»Alles ist in der Welt vorhanden,« sagte er, »aber nichts an der richtigen +Stelle. Da ist es denn keinem zu verargen, daß er sich eben drein findet +und zugreift, wie es sich schickt. Was mich angeht, so verdenke ich es +niemandem, wenn er seinen Garten bestellt, wie es ihm am nützlichsten +scheint. Außerdem aber, Herr Baron, meine ich, daß, da über eines jeglichen +Felder, Ansichten, Taten und Werke die Fußsohlen, Pferdehufe und Wagenräder +der Nachkommenschaft doch endlich einmal weggehen, es gar keine Kunst ist, +das Leben leicht und vergnügt und die Erde, wie sie ist, zu nehmen.« + +»Sie haben gut reden, Meister!« erwiderte ich etwas gedrückt und fuhr nach +Berlin zurück, oder vielmehr, einer Verabredung mit meiner Gattin zufolge, +zuerst bis Potsdam. Meine Frau erwartete mich am Bahnhofe und zwar in +Begleitung einer lieben, aber etwas leicht verletzbaren Tante -- einer +Erbtante, der wir am folgenden Morgen den Garten des alten klugen Königs +Fritz zu Sanssouci zu zeigen hatten. -- + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier _so_ +markiert. Passagen, die im Originaltext nicht in Fraktur gesetzt waren, +sind hier =so= markiert. + +Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. + +Seite 128: »aufzuhaten« wurde geändert in »aufzuhalten«. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEISTER AUTOR *** + +***** This file should be named 35603-8.txt or 35603-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/6/0/35603/ + +Produced by Norbert H. Langkau, tiwi and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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