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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-09 19:21:04 -0700 |
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H., Leipzig. + + + + + Inhalt + + + Vorbemerkung V + Arme Leute 1 + Der Doppelgänger 237 + + + + + Vorbemerkung + + +Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der +„Armen Leute“ und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie +ausdrücklich nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist in der Reihenfolge +der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846 +verbunden. + +Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz +Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen +Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte, +und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Rußland auf +den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines +zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum +noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mächtigen willen, von +dem es in seiner rührenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist. + +Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren +Mächten, die wie ein nächtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten, +kündete den späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker, +der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den +Fatalisten und Tragiker. Schon in den „Armen Leuten“ war die ungemeine +Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine +Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem +„Doppelgänger“, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der +Erschütterung daraus, und man ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen +Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. – +Das Doppelgängerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William +Wilson den romantischen Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den +Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre gezogen. +Dostojewski dagegen – und eben dies kennzeichnete ihn so – brachte +dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche, +das Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden aus dem +kranken Hirn eines Menschen steigen, der äußerlich zunächst nicht anders +ist wie Tausende um ihn. + + M. v. d. B. + + + + + Arme Leute + + + „Nein, ich danke für diese Märchendichter! Anstatt + etwas Nützliches, Angenehmes, Erquickendes zu + schreiben, kratzen sie da die kleinsten + Kleinigkeiten aus der Erde hervor und schnüffeln + überall herum! ... Ich würde Ihnen einfach + verbieten, zu schreiben! Zum Beispiel, was soll + das: man liest ... unwillkürlich denkt man doch + nach, – aber ... aber ... es kommen einem nur alle + möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein, + wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben, + ganz einfach und unter allen Umständen: schlankweg + verbieten!“ + + Fürst W. F. Odojewskij. + + 8. April. + +Meine unschätzbare Warwara Alexejewna! + +Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man +glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch +wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen +acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem +Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich +mir meine Kerze – und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe +und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens +auf – da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch +erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war +zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt, +genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es +mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig +auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß +Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen, +daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte! +Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen, +mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es +wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends +noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten +Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast +schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind, +Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz +dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka – +erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien +mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart? +Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder +einmal schreiben. + +Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem +Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der +Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich +dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und auch +selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so heißt +das: „Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“ +Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, Makar +Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer +Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund +und wohlgemut!“ + +Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar +keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung +stammt von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara +Alexejewna? + +Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht +gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn +auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus +Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch +immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es +mir ganz wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums Herz – froh +und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein +Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die +Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze +Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich +gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar +ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich +verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur +Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist. +Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen +und Ängsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und +unschuldiges Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches mehr, alles von +der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte Vergleiche +... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen +die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich schreibe das +deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer verschiedene +Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling, +und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so geistreiche und +erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien kommen einem. +Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich auch +dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist dem Büchelchen +entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch, nur in +Versen: + + „Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“ + +Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor, +aber – nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute +morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst +aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon +wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz +sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich +doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich +weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig +und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. – Nun, was +macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir +alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie +auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber +Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist +doch eine gute Seele. + +Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben – sie ist +gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab’ ich mir doch um unsere +Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn +zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine +gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft +erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit +Arbeit ganz überhäuft. + +Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna! +Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch +in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn +einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber – Lärm, Geschrei, +Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich +alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz +dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne +Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange +Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer +Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen, +je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht +verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube +ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt. +Unter anderen wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: er +spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern, +von allem spricht er, – ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei +ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der +englische Stunden gibt. – Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum +Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die +Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar +ganz ausführlich! + +Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den +ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft +ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger +gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch +ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und +sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes +Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die +Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der +Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein +Zimmerchen gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man sagt. Alles ist +geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles, +– mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also +mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend +etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur +eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum, +nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe +hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe +hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle, +jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt +gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist +doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so +am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus +irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade +gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines +Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im +Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und +auch billiger. + +Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung +zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen +Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die +Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde +dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte +ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug +für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – tatsächlich: man +schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier +wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben. +Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka, +nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es +ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt. + +Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht – denn irgend etwas +hat man doch immer nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein +Kleidungsstück – wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes +Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt +es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch +noch Gratifikationen. + +Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen +gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium – +nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu +haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Übrigens +müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was +mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur +die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem +war, das verleitete mich. – Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen, +Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: oh ja: +ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so still und +zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit den Flügeln +umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und habe gerade +den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in der +Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie +wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben +und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen, +Warinka, und verbleibe + + Ihr ergebenster Diener und treuester Freund + Makar Djewuschkin. + +P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich, +mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka; +verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen +keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und +nun leben Sie wohl, mein Kind. + + + 8. April. + +Sehr geehrter Makar Alexejewitsch! + +Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen +müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir +furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie +kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen +Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst +verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig +habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die +Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese +Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch +Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie +zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon +sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll +die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben +Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf +auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das +Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen +Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen – +unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und +freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet +es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist: +Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, dachte ich, sollte +nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur noch +Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind zärtlich +und die Gedanken rosafarben – alles, wie es sich gehört! An den Vorhang +habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen +geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da haben Sie es! + +Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre +Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen, +daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch +nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um +meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein +solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie +doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und +ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – was wird +denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch viel +besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt +hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht, +immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein gutes, +liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen gemieteten +Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So schonen Sie +doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß +Ihre Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht bei +Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr Diensteifer wird +Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt sein. + +Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für +mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht +reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war +mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch +mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch +aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die +Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt +aber – wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh. + +Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das +Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem +bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal +erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor +graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir +schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich +unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben. +Diese schrecklichen Menschen! + +Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache. +Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht: +die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich +beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann +doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns? +Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe, +und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen +Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat +mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab. + +Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles +möglichst ausführlichst – wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht – +alles! – Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in +Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also +vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich +unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen +Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei +Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und +Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl. + + Ihre + Warwara Dobrosseloff. + + + 8. April. + +Sehr geehrte Warwara Alexejewna! + +Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag +sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich +nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens bin ich +selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem +Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer +ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist +bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er +mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei +schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt +dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein +Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt +daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm +geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und +stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein +Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut +war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an +die Papiere – und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah, +war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. Überall dieselben +Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch ich ganz +derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da für +ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war denn alles +gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken geschaut und der +Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? Und was +können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen Hof hinaussieht, +auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur so +aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt doch bisweilen +vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen verwirrt und in die +Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, als von +alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle spielt. Nach Hause kam +ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern schleppte mich heim: der +Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. Ich muß wohl +meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich, recht wie ein alter Esel, +über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Auch +das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie sich getäuscht, meine Liebe! +Sie haben meine Äußerungen in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur um +väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, denn ich nehme bei Ihnen, +in Ihrer bitteren Verwaistheit, die Stelle Ihres Vaters ein, das sage +ich aus reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: ich bin +doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch nur ein ganz entfernter +Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt: das siebente Wasser in +der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, und jetzt +bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger Beschützer. Denn dort, +wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden +Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, so muß ich +Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für mich nicht schickt, mich auf +meine alten Tage noch im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute +werden in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie dichten ... da +sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe. + +Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe +und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich +habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen +zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh – was will man +mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin +nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit +seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht +verwöhnt. Übrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so +war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich besser. +Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine +jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar ihre Vorzüge: +es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr Abwechslung und +Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um +die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das heißt, wenn wir +Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten Sachen, an die wir +uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung war, +wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich. +Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren +wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die +Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ... +Sonderbar – sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm, +als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das +Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das +erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und +ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz +still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja, +auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war +eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte +immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit +ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich. +Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends +an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei ihr, Mascha, ich +erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war – jetzt wird sie +dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig war sie, so +ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn zu +dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken unseren +Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft +Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder auch, damit +sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da konnte nicht +nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da +zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein Pfeifchen +angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und die ganze +Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde ganz +nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand, öffnete seinen +kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn es ein Märchen +zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer angstvoller +an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das Kindchen zu betrachten. +Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und +vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. – + +Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze +zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. – Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen +werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind +diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich jetzt in der +Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr – ich habe +Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken +sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute +traurig gestimmt, Warinka! + +Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu +Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte +ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, – +da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und +man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon +besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird +vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht +böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe. +Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich +bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts +zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn +man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen, +mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde +Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas +Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. – Ich sah Sie +heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie +wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna. + +Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will, + + Makar Djewuschkin. + +P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich +bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man +würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser +Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der – fällt selbst +hinein. + + + 9. April. + +Makar Alexejewitsch! + +Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltäter, sich so etwas in +den Kopf zu setzen! Haben Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach, +ich bin oft so unvorsichtig in meinen Äußerungen, aber diesmal hätte ich +doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos scherzhaften Ton für Spott +halten könnten. Seien Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen werde, +über Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe es nur – wie +soll ich sagen –: aus Leichtsinn geschrieben, aus Gedankenlosigkeit, +oder vielleicht auch nur deshalb, weil es gerade furchtbar langweilig +war ... was aber tut man mitunter nicht alles aus Langeweile? Außerdem +glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem Brief ein wenig lustig hätten +machen wollen. Nun macht es mich sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit +mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer, Sie täuschen sich, +wenn Sie mich der Gefühllosigkeit und Undankbarkeit verdächtigen. In +meinem Herzen weiß ich alles, was Sie für mich taten, als sie mich gegen +den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen verteidigten, nach +seinem wahren Wert zu schätzen. Ewig werde ich für Sie beten, und wenn +mein Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich erhört, dann werden Sie +glücklich sein. + +Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und Fieber wechseln +ununterbrochen. Fedora beunruhigt sich sehr. Es ist übrigens ganz +grundlos, was Sie da schreiben – und weswegen Sie sich fürchten, uns zu +besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit uns bekannt und damit +Basta! + +Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben weiß ich nichts mehr, +und ich kann auch nicht: fühle mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie +nochmals, mir nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und +Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre habe zu verbleiben + + Ihre dankbare und ergebene + Warwara Dobrosseloff. + + + 12. April. + +Sehr geehrte Warwara Alexejewna! + +Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken +Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen +sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß +Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, mein Engelchen, hören +gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch +wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so +ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu +wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht +nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr +auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu +bereiten. + +Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine +Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu +erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also – +beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der +Sache. + +Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig; +die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen: +rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes +Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar +nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen, +und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich +an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle +und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen +aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit +allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und +Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht +schön. + +Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist – dagegen +läßt sich nichts sagen – wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist auch +in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu +sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so – es ist nur ein +etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern, +irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste +Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu +sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das, +und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so +zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, – +nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei +uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun +einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere +Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas +dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach +Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden +ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der +Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da +mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche +stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das +hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man +sich auch daran gewöhnen. + +Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht +man auf, geht, lärmt, poltert, – dann stehen nämlich _alle_ auf, die +einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus +eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören +fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein +jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt +und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich, +und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch +einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der +Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde +ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir +alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der +Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von +Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen +Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich +zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben +Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit +Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem +Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig +machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie +selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Überall +Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in +die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten +sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter +niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch +darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt +gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine +Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist, +kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her, +dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich +tüchtiges Leben. + +Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere +Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben +doch Theresa gesehen, – also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch +dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes +Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa +und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat +er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so +ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein +Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die +Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er +sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht +ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum +Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – das +kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und +gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich +schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und +an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete +Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme +Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit +den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer, +also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und +sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine +Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – vor etwa +sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein +Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht +in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn +anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches +Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee zittern +ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer +Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist er, +alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz +still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja +mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich! +Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste +Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen. +Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ... +sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern – oh, so alten!! Wie ich +hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt +sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst +irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er +verabschiedet worden sei, – war es nun ein Prozeß oder etwas anderes, +vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden, +das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im +Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort +keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig +wären oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht vor, und ein +schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür +vorüber – es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich +ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz +als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so +traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die +halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich +lange nicht einschlafen konnte. + +Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt +alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen +Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt. +Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes +Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger +Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch +Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche +Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir, +Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka, +ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich +schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung +haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt +hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich denn gelernt? +Meine Erziehung hat wenig gekostet! + + Ihr ewiger und treuer Freund + Makar Djewuschkin. + + + 25. April. + +Sehr geehrter Makar Alexejewitsch! + +Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! Auch sie wird +zugrunde gehen, die Ärmste! Auch habe ich zufällig auf Umwegen erfahren, +daß Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und natürlich alles +ausforschen will. Sie wird wohl niemals aufhören, mich zu verfolgen. Sie +soll gesagt haben, daß sie mir alles _verzeihen_ wolle! Sie wolle alles +Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt besuchen. Von Ihnen hat +sie gesagt, Sie seien gar nicht mein Verwandter, nur sie selbst sei +meine nächste und einzige Verwandte, und Sie hätten kein Recht, sich in +unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine Schande für mich und +ich müsse mich schämen, mich von Ihnen ernähren zu lassen und auf Ihre +Kosten zu leben ... Sie sagt, ich hätte das Gnadenbrot, das sie uns +gegeben, vergessen – hätte vergessen, daß sie meine Mutter und mich vor +dem Hungertode bewahrt, daß sie uns ernährt und gepflegt und fast +zweieinhalb Jahre lang nur Unkosten durch uns gehabt, und daß sie uns +außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht einmal Mama will sie in +ihrem Grabe in Ruhe lassen! Wenn meine Mutter wüßte, was sie mir angetan +haben! Gott sieht es! ... + +Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur aus Dummheit nicht +verstanden habe, mein Glück festzuhalten, daß sie selbst mir das Glück +zugeführt und sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht +verstanden – oder vielleicht auch nicht gewollt – für meine Ehre +einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, großer Gott! Sie sagt, Herr +Bükoff sei durchaus im Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede +heiraten, die ... doch wozu das alles schreiben! + +Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu müssen, Makar +Alexejewitsch! + +Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, ich weine, ich +schluchze. An diesem Brief schreibe ich schon seit zwei Stunden. Und ich +war schon in dem Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld +eingesehen haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, – und da redet +sie so! + +Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein Freund, um Gottes +willen nicht, mein einziger guter Freund! Fedora übertreibt ja doch +immer: ich bin gar nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem +Wolkoff-Friedhof ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse für mein +totes Mütterchen hörte. Warum kamen Sie nicht mit mir? – ich hatte Sie +doch so darum gebeten. Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus dem +Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, was sie mit mir getan +haben! ... + + W. D. + + + 20. Mai. + +Mein Täubchen Warinka! + +Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für +Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den +Durst, – also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie +durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind, +da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit, +Herzchen? – Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles +vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende +nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher +betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll +hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr +hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch, +ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich +habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch +verschaffen. Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so +wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack +gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich +weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von +Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte +verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein +ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten. + +Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen +die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht +immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der +Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft, +ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen +Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach, +daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde, +weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich +nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das +ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut +leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen, +das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer, +damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß +ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund +und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu +schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, – wenn nur +Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen; +ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe + + Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund + Makar Djewuschkin. + +P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie +sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so +oft zu Ihnen kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa im Schutze +der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es +ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so, +Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie +bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht +mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde. +Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig +und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten +entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück +nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen, +Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden +sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die +Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund +geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses +treffen können. + + + 1. Juni. + +Bester Makar Alexejewitsch! + +Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um Ihnen meinen Dank für +Ihre Mühen und die Opfer, die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe +ich mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes Heft +hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. Ich begann diese +Aufzeichnungen noch in der glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben +mich so oft mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und mich +gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, von meinem Aufenthalt +bei Anna Fedorowna und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu +erzählen, und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses Heft einmal zu +lesen, in dem ich – Gott weiß wozu – einiges aus meinem Leben erzählt +habe, daß ich glaube, Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude +zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich es jetzt +durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem Augenblick, in dem ich die +letzte Zeile dieser Aufzeichnungen schrieb, noch einmal so alt geworden +bin, als ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen +Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich habe +jetzt oft schreckliche Langeweile und nachts quält mich meine +Schlaflosigkeit. Ein höchst langweiliges Genesen! + + W. D. + + + I. + +Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit +war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier, +sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter +eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. Und dort lebten wir – +still, einsam und glücklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat +ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen, +überall wo ich nur wollte, denn niemand kümmerte sich um mich. Mein +Vater war immer beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu +tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und darüber war ich sehr froh. So +lief ich schon frühmorgens zum großen Teich oder in den Wald, oder auf +die Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte es mir aus, daß +die Sonne brannte, daß ich selbst nicht mehr wußte, wo ich war und wie +ich mich zurechtfinden sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein +Kleid zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging das mich an! + +Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, wenn wir auch das +ganze Leben dort auf dem Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich +schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von +all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir +nach Petersburg übersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie +weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mußte! Ich +weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Tränen +bat, er möge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und +wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte, +es sei notwendig, es seien geschäftliche Angelegenheiten, die es +verlangten. Der alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben +hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige +Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte +er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr ich +alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger Seite[1] +eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben. + +Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewöhnen! Wir kamen im +Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig +heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten +beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die +ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell +und fröhlich! + +Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als +Regen, Herbstkälte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die +alle unfreundlich, unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns ein, +so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt +endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu +Hause und meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß man ganz. Es +war ein trauriges Aufstehen am nächsten Morgen – nach der ersten Nacht +in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf der +Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen vorüber, +und alle waren so vermummt in Kleider und Tücher, und alle schienen sie +zu frieren. + +Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche +Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna +Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es +kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschäftliches +zu besprechen hatten. Gewöhnlich wurde dann gestritten, gelärmt und +geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so +unzufrieden und böse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit +gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann +nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in +einen Winkel zurück und wagte mich nicht zu rühren. + +Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine +Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen +fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so +unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und +die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert – wie ein Wildling +kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur +bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel, +die langweiligen Lehrer – das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte +dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht +habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre +Lektionen lernten oder wiederholten, saß ich über meinem Buch oder dem +Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen Gedanken +war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine +alte gute Kinderfrau und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh +mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man +sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentümlichen, +wehmütigen Vergnügen. Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut, +wie schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in unserem kleinen +Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch +säßen die Eltern: wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie würde +ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit +aller Inbrunst umarmen! – Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh +leise zu weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt – die +Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe +für den nächsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im +Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; die ganze +Nacht träumt man, daß man die Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß +man natürlich nichts. Da muß man wieder im Winkel knien und erhält nur +eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mädchen lachten über +mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die +Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe +paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin über +mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute +Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte – ich wußte mich +kaum zu lassen vor Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie +mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie mir die Tücher um +den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen +und ich – konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze Zeit +erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz ausgelassen vor +Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als +hätten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das +Erzählen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem +und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gespräche: über die +Lehrer, über Mathematik, über die französische Sprache und die Grammatik +von L’Homond, – und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und +gesprächig. Auch jetzt noch ist mir die bloße Erinnerung an jene Stunden +ein Vergnügen. + +Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu +erfreuen. Ich sah doch, daß er das Letzte für mich ausgab, während ihm +selbst die Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er +finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter veränderte sich +sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die +Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche. + +Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu +sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich +und schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der +Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich +heimlich die Tränen aus den Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann +kamen wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich +brächte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er für mich das Letzte hin, +ich aber verstände noch immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem +Wort, ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, alles +hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur +möglich, die arme Mama noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte +einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen +tief in den Höhlen – wie eine Schwindsüchtige sah sie aus. + +Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich begann es mit +irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit und dann kam oft Gott weiß was +alles zur Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach. +Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst die französische Sprache, +daß ich ein großer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine +fahrlässige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere +sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer keine Anstellung finden +könne und daß die Grammatik von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij +sei bedeutend besser; daß man für mich viel Geld verschwendet habe, ohne +Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, hartherziges Mädchen sei, – +kurz, ich Arme, die ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln +und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem schuld und mußte alle +Vorwürfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns +nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war nun +einmal sein Charakter ... + +Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen und Mißerfolge, die +seinen ursprünglich guten Charakter so verändert hatten: er wurde +mißtrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann +seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich und – starb dann +auch nach kurzem Krankenlager, so plötzlich, so unerwartet, daß wir es +noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt von diesem +Schlage. Mama war wie erstarrt, ich fürchtete anfänglich für ihren +Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger in +Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser +Häuschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach +unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft +werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen wurde, wir blieben +jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war +krank – es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte – +verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben. +Ich war erst vierzehn Jahre alt. + +Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer für +eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt. +Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese +Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch lebte, war sie nie +zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und beteuerte, daß +sie an unserem Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns +lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa an unserem ganzen +Mißgeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu +sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige +Verwandte“ den Wunsch, uns näher zu treten, und machte den Vorschlag, +Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, daß sie nie +irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter +Rührung, führte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für +den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen plötzlich nannte. Darauf +versöhnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama. + +Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in +grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer +Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns +auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrückte. Mama dankte +für ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschließen, der +Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig blieb, +so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen, +daß sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle. + +Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der +Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff, +übersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama +weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnüre mir eine +unerklärliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ... + + * * * * * + + + II. + +Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir +beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna +Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz +geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der +Sechsten Linie[2]. Im ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. In +dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die +als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im +vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem +unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter +im Hause. + +Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es für möglich +gehalten hätte, doch ihre Geldquelle war ebenso rätselhaft wie ihre +Beschäftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief +besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin +sie ging, mit was sie sich draußen beschäftigte und was sie zu tun +hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und +sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und +immer in Geschäften und nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich +jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber ärgerte sich Anna +Fedorowna sehr und machte meiner Mutter beständig den Vorwurf, daß wir +gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen +Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, aber so! ... und +stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese +Vorwürfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger, +erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen konnte, Anna +Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen. + +Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig quälte sie +uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns +überhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann +aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, daß wir +vollständig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Später +wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie +sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich +ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwürfe und sprach +zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies. +Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor, +als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und +christlicher Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre. +Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den +Augen, wenn wir aber nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch +wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut +genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnüge sich selbst +damit – vielleicht könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das +könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa mußte sie jeden +Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete, +er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun +davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn +sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele – das +war sie selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf der Straße +Hungers sterben können. Und was sie da nicht noch alles vorbrachte! Es +war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören. + +Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich +mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir +vom Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, was Anna Fedorowna +sehr mißfiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten +uns doch Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, um auf alle +Fälle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und +sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen +mieten zu können. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den +Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die +Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe +näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte doch nicht helfen! + +Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir +lebten still für uns, als wären wir gar nicht in der Stadt. Anna +Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie ihre +unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr für sie zu fürchten +brauchte. Übrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas +widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte, +durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer +Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte +sie Französisch und Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle +Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafür brauchte +er für Kost und Logis nichts zu zahlen. + +Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich unartig und +lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schließlich sagte Anna +Fedorowna zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mit ihr +zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht +beendet hatte. Mama war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und +so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij +unterrichtet. + +Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte +es ihm nicht, regelmäßig die Universität zu besuchen, und so war er +eigentlich gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit noch +genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, daß wir im +Nebenzimmer nichts von ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus, +bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, daß ich +ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne über ihn lachen zu müssen. +Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders während +des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß auch noch heftig, ärgerte sich +beständig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt uns, +schrie uns an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, noch +bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich wieder in seinem Zimmer +ein. Dort aber, in seinem Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er +hatte viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. Er gab noch +an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafür Geld, doch kaum +hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich +wieder Bücher. + +Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war der beste und +ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben +begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch +mein treuer Freund und stand mir am nächsten von allen, – natürlich nach +Mama. + +In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich doch schon ein +großes Mädchen war – an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn +ausheckte, und bisweilen überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder +necken und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es war furchtbar +spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir wollten unser Vergnügen haben. +(Noch jetzt schäme ich mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten +wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, und da hörte ich +deutlich, wie er zwischen den Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts +grausamer als Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in +mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errötete bis über die +Ohren und bat ihn fast unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch +unsere dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er klappte das Buch +zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen. + +Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, daß wir Kinder ihn +durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir +unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen abgesehen! So +verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch +zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von +Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, armen +Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden! + +Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie mich die Reue quälte! +Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie +es kam, daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte +nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war damals bereits fünfzehn +Jahre alt. + +Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, wie ich Pokrowskij +veranlassen könnte, seine Meinung über mich zu ändern. Doch an der +Ausführung dieser meiner tausend Pläne hinderte mich meine +Schüchternheit: ich konnte mich zu nichts entschließen, und so blieb es +denn bei den Plänen und Träumereien (und was man nicht alles so +zusammenträumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr +an Ssaschas unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. Das +hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr über uns ärgerte. Doch das war +zu wenig für meinen Ehrgeiz. + +Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten +Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es +deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin +so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste +in meinen Gedanken zu beschäftigen begann. + +Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber +gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar +plump und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. Auf den +ersten Blick konnte man glauben, daß er sich gewissermaßen seiner selbst +schäme, daß er für seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte. +Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens +immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln, +und diese ängstlichen, verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden +erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei vollem Verstande +sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewöhnlich im Flur hinter der Glastür +stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von uns – ich +oder Ssascha – oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher +gesinnt waren – durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der +Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und +verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu – damit erteilte +man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute +im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise +die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, worauf er sich froh die +Hände rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs +schlich. Dieser Alte war sein Vater. + +Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal +irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz +untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des +Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet, +und zwar eine halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein +Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort geführt und +war mit jedem womöglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student +Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger Knabe – hatte unter ihrem +Haß viel zu leiden gehabt, doch zum Glück war es anders gekommen. Der +Gutsbesitzer Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij, früher +gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat erwiesen hatte, nahm +sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine Schule. Er +interessierte sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine +verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mädchen von Anna +Fedorowna „Wohltaten“ erfahren und von ihr an den Beamten Pokrowskij +verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter Bekannter +und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Großmut eine Mitgift von +fünftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war – ist +unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij +selbst sprach nie von seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht, +wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr +schön gewesen, deshalb wundert es mich, daß sie so unvorteilhaft und +noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist +schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat. + +Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort +auf die Universität. Herr Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen +pflegte, ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte ihn. Leider +konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium +nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna +bekannt, stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu +ihr, um für Kost und Logis Ssascha in „allen Wissenschaften“ zu +unterrichten. + +Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer über die rohe Behandlung, +die ihm seine zweite Frau zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller +Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine Frau +prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und brachte es mit der Zeit +so weit, daß er sich alles widerspruchslos gefallen ließ und sich auch +an die Schläge gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge +seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwähnte, +tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande. + +Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem Menschen seine +grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij +sei seiner Mutter so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es +dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen +dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem +Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts anderem, als +von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Öfter zu +kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen +Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewiß sein +größter Fehler. Übrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als +unerträglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens störte +er den Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, sinnlosen +Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz +nüchtern. Der Sohn gewöhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten +Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu +guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine +Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun. + +Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka[3] – so nannte er den Sohn +– nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer +bedrückt, besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich deshalb, weil er +noch nicht wußte, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewöhnlich konnte er +sich lange nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann +erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze +halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob +er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas +Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein +philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann genügend beruhigt und +ermutigt hatte, entschloß er sich endlich, ganz, ganz leise und +vorsichtig die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er, +daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht sogar zum Gruß +zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab +– letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn nicht gar mit +abgerissener Krempe – und hängte beides an einen Haken. Alles tat er so +vorsichtig und lautlos wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig +auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn, +verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung +seines Petinka zu erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter +Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte, +daß er eben „nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei. +„Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier +vorüber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas +auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“ Und dann nahm er still und +ergeben seinen alten dünnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut, +klinkte vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er sich noch zu +einem Lächeln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrücken +und den Sohn nichts merken zu lassen. + +Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wußte er sich vor Freude +kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles +sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen +begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise +und gleichsam untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt, +sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die in diesem Fall +natürlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, daß er entschieden nicht zu +sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz, +wurde verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst lassen +sollte – und nachher flüsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor +sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen, +gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rückte an +der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, und seine Miene nahm +sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber +fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn wurde: er stand +vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, nahm irgendein Buch und begann zu +lesen, gleichviel was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit +einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit vortäuschen sollte, +als habe er von jeher das Recht, mit den Büchern des Sohnes nach +Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts +Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, als +der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: er verlor vollständig den +Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch +zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte es aber, schob es +mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor, +drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein, +diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt nach außen, lächelte dabei +hilflos, wurde rot und wußte entschieden nicht, wie er sein Verbrechen +sühnen sollte. + +Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes +Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der +Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen war, gab er ihm das +nächste Mal fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr. +Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte, +und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstück erschien, war er +stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und +mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich nur von seinem +Petinka. Er bat uns, während des Unterrichts aufmerksam und fleißig zu +sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn, +sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, und obendrein, „ein +so gelehrter Sohn“. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit +dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, daß wir uns +gewöhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich über ihn lachten. Mama +hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, obschon +er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als Wasser“ war. + +Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij +hielt mich nach wie vor nur für ein Kind, für ein unartiges kleines +Mädchen, wie Ssascha. Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch +nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber +vergeblich: ich wurde überhaupt nicht beachtet. Das reizte und kränkte +mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des +Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und +nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel – vor Ärger über mich +selbst. + +Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben würde, wenn uns nicht ein +Zufall einander näher gebracht hätte. Das geschah folgendermaßen: + +Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna saß, schlich ich mich heimlich +in Pokrowskijs Zimmer. Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag +ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das +Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal, +obschon wir über ein Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte +so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer +eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar ärmlich +eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf +den Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall nichts als +Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke überkam mich plötzlich: es +schien mir, daß meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn +bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wußte nichts, +las nichts, besaß kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte +ich nach den langen Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter der +schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! – +Ich wollte gleichfalls Bücher lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos, +und das so schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich, +daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher seine Freundschaft +erwerben könnte, als so, da ich nichts wußte. Ich ging entschlossen zum +ersten Bücherregal und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken, +den ersten besten Band heraus – zufällig ein ganz altes, bestaubtes Buch +– und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um +es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des Nachtlämpchens zu +lesen. + +Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem Zimmer glücklich +angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, daß es ein uraltes, +vergilbtes und von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich +besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurück. Doch +gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz +zurückzulegen, hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und +schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch +das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepreßt gewesen, daß +die anderen Bücher, als ich dieses herausgenommen, unter dem +verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der +frühere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft, +um das Buch hineinzuzwängen. Die Schritte kamen näher: ich stieß mit +aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete Nagel, der das +eine Ende des Bücherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick +gewartet hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend mit +dem einen Ende zu Boden und die Bücher fielen mit Geräusch herab. Da +ging die Tür auf und Pokrowskij trat ins Zimmer. + +Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in +seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bücher +anzurühren wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle die großen +und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, eingebundenen und +uneingebundenen herabstürzten, übereinander kollerten und unter dem +Tisch und unter Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen. +Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. „Jetzt ist es aus,“ +dachte ich, „für immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine +Zehnjährige, wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch und +albern!“ + +Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich. + +„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen Sie sich denn nicht! +Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten +lassen?“ Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben. + +Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir +barsch: + +„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie täten besser, sich +nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!“ + +Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewußtsein +verriet, mochten ihn etwas besänftigen, wenigstens fuhr er in milderem, +ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir +gesprochen: + +„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich +etwas vernünftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind +doch kein Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch schon +fünfzehn Jahre alt!“ + +Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob ich auch wirklich +nicht mehr ein kleines Mädchen sei – sah er mich an und plötzlich +errötete er bis über die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete: +ich stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert an. Er wußte +nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in +noch größere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich +entschuldigen – vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt +hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! Endlich begriff ich. Ich +weiß nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu +Boden, errötete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den +Händen und lief aus dem Zimmer. + +Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham +verstecken sollte. Schon das allein, daß er mich in seinem Zimmer +vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich +errötete bis zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken +jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten war wohl der, daß ich +zu ihm gehen, ihm alles erklären, alles gestehen und offen alles +erzählen wollte, um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes +Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar +schon fest dazu entschlossen, doch zum Glück sank mein Mut und ich wagte +es nicht, meinen Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was ich damit +angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich auch jetzt noch, überhaupt +nur daran zu denken. + +Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich und sogar sehr +gefährlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte +heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an +ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor +verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine +Widerstandskraft, ich war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen +mir die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles +und jeden Augenblick wollte mich die Bewußtlosigkeit überwältigen, doch +dann weckte mich wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf und +erwachte für einen Augenblick, um von neuem, übermannt von der +Mattigkeit, einzuschlummern. Ich quälte mich. Ich kann mich des Traumes, +den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein +schrecklicher Spuk, der mich während meines Kampfes gegen die mich immer +wieder überwältigende Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte. +Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im +Erlöschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein +erfüllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen und an +den Wänden zitterten Schatten, um für Augenblicke fast vollständiger +Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames +Entsetzen erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen +noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnürte +mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise +auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten Angstgefühls. In +demselben Augenblick ging die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins +Zimmer. + +Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus der Bewußtlosigkeit +erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken +und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich +erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete. + +„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte er, indem er meine +Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs +Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie +sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen +Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er +mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die +Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die Augen fielen mir vor +Schwäche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine +halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte +mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben. + +Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur +Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen, +wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete – es war +Pokrowskij. + +„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen,“ sagte er, +„hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“ + +Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für eines es war –, doch +obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein. +Es war eine eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe ließ: ich +konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal längere Zeit ruhig im +Lehnstuhl sitzen, – mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer +umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein ganzes +Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war +stolz auf seine Sorge, auf seine Bemühungen um mich. Die ganze Nacht +dachte ich nur daran und träumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder +und ich wußte, daß er in dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber +ich malte mir dafür die nächste Begegnung aus. + +Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren, +öffnete Pokrowskij seine Tür und begann mit mir eine Unterhaltung, indem +er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich +keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich weiß nur noch, +daß ich schüchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über +mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung +erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag +an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten +zurecht gelegt hatte ... + +Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. Während der ganzen Dauer +von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen. +Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, wenn ich auch nach jedem +Gespräch immer noch Ursache hatte, über mich selbst ungehalten zu sein. +Übrigens erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung, +als ich sah, daß er um meinetwillen seine unausstehlichen Bücher vergaß. +Einmal kamen wir zufällig darauf zu sprechen, wie sie damals vom +Bücherbrett gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war ein seltsamer +Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine +seltsame Begeisterung riß mich mit sich fort und ich gestand ihm alles +... gestand ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich +geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen gehalten ... Wie gesagt, +ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich +und in meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte ihm nichts, ich +sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von +meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu +trösten, zu beruhigen ... + +Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu +sein und sagte kein Wort. Das tat mir plötzlich sehr weh und machte mich +traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken +vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich brach ich in Tränen aus +und weinte wie ein Kind: es war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie +ein Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, küßte sie, +drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete mich. Es mußte ihm +sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerührt. Ich erinnere mich +nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und +weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort +hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, daß in Pokrowskij eine gewisse +Verwirrung und Gezwungenheit zurückblieb. Offenbar konnte er sich über +meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende Freundschaft +nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse +geweckt, doch späterhin verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte +meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit +ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, wie ich sie ihm +entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein +aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es +so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht: +was ich fühlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde +seine Freundschaft zu mir größer. + +Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen +und doch süßen Stunden unseres nächtlichen Beisammenseins beim +zitternden Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am +Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem, +was uns einfiel, wovon das Herz voll war – und wir waren fast glücklich +... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch +jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurückdenke. +Erinnerungen sind immer quälend, gleichviel ob es traurige oder frohe +sind. Wenigstens ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual +zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz +und weh, und wenn man sich quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen +erfrischend und belebend wie nach einem heißen Tage kühler Tau, der am +feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene +Blume erfrischt und wieder belebt. + +Mama war bereits auf dem Wege der Besserung – trotzdem fuhr ich fort, +die Nächte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher: +anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und +zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als täte sich eine ganze Welt +neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken, +neue Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und je mehr +Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen +Eindrücke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller +erschütterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz plötzlich +drängten sie sich in mein Herz und ließen es keine Ruhe mehr finden. Es +war ein eigentümliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann. +Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich +war gar zu verschwärmt und träumerisch, und das rettete mich. + +Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden hatte, hörten +unsere abendlichen Zusammenkünfte und langen Gespräche auf. Nur hin und +wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz +gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete ich mich +damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung +verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll +Inhalt, ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so +vergingen mehrere Wochen ... + +Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er +schwatzte wieder alles mögliche, war bei auffallend guter Laune, +scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich +mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des Rätsels seiner +guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, daß genau eine Woche +später Petinkas Geburtstag sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu +seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und +seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen. +Kurz, der Alte war mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich. + +Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ mir Tag und Nacht keine +Ruhe. Ich beschloß sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft +unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter +Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, daß er gern die +neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen hätte und so beschloß +ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig +Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war +eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte. +Doch ich schickte sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum +nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe +der Werke Puschkins koste. O, das Unglück! Der Preis aller elf Bände +war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel. +Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte und wußte nicht, was tun. +Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich +sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, daß wir ihm ein +Geschenk machten. Und außerdem wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen, +sondern gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, die er das +ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bücher ganz allein, +ganz heimlich schenken. Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit +mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein +anderes Entgelt dafür, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf +einen Ausweg. + +Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr[4] die neuesten +Bücher für den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln +verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue +Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach +dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am +folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus einer Handlung +besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fühlte +sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade keine +Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit Matrjona alles besorgen mußte. + +Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hübschen +und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst +verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete, +doch nach und nach brachte ich ihn so weit – was übrigens gar nicht so +leicht war – daß er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan +hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom +Preise abließ und seine Forderung schließlich auf fünfunddreißig Rubel +festsetzte. Welch ein Vergnügen es mir war, zu handeln! Die arme +Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu +in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch wer beschreibt +schließlich meinen Ärger: ich besaß im ganzen nur meine dreißig Rubel, +und der Kaufmann wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger +abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich +zu guter Letzt doch erweichen ließ: er ließ noch etwas ab, aber nur +zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht +ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur für +mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und daß er einem anderen +Käufer nie und nimmer so viel abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel +fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen. +Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes. + +Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten Pokrowskij, der an +einem der anderen Büchertische stand. Vier oder fünf der Antiquare +umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits +ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bücher +an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er +nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und +wußte nicht, für welches der vielen Bücher, die ihm von allen Seiten +empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat +auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh +über mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel +weniger als seinen Petinka. + +„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, Warwara Alexejewna,“ +antwortete er, „für Petinka kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein +Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da kaufe +ich sie denn eben für ihn ...“ + +Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch +dazu völlig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es über +einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände wagte er sich +schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem +Lächeln nach ihnen hin, blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und +ehrfurchtsvoll langsam – besah wohl auch das eine oder andere Buch von +allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen +Platz zurück. + +„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut, „aber von hier +vielleicht etwas ...“ Und er begann, unter den dünnen Broschüren und +Heftchen, unter Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: die waren +natürlich billig. + +„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“ fragte ich ihn, „diese +Heftchen sind doch nichts wert!“ + +„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was für hübsche +Büchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hübsch!“ – Die letzten +Worte sprach er so wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone, +daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen – vor +lauter Kummer darüber, daß die hübschen Bücher so teuer waren – und daß +sogleich ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten Nase +vorüberrollen werde. + +Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe. + +„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes Vermögen hervor, das in ein +schmutziges Stückchen Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen +Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier Kupfer, auch so +zwanzig Kopeken ...“ + +Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar. + +„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen zweiunddreißig +Rubel und fünfzig Kopeken kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt +zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken sie +ihm gemeinsam!“ + +Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte mit zitternden +Händen all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere +ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bücher +in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hände, und trug sie dann +alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am +nächsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde. + +Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, saß wie gewöhnlich ein +Stündchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar +komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände +reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis besaß, teilte er mir +heimlich mit, daß er die Bücher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und +in der Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum +Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten. + +Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende große „Fest“. Der +Alte begann sehr weitschweifig darüber zu reden, wie die Überreichung +des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses +Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darüber sprach, um so +deutlicher merkte ich, daß er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht +sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht +recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und +seine groteske Vergnügtheit, die sich anfangs in seinen Gebärden, in +seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen +Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmählich +verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute +immer bekümmerter drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und begann +zaghaft: + +„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen +Sie was, Warwara Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen +Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bücher +und schenken ihm diese selbst, das heißt also von sich aus, von Ihrer +Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn +ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen ausdrücklich von +meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich +habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu +schenken haben ...“ + +Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, wie er fortfahren +sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er saß ganz still und erwartete +schüchtern, was ich wohl dazu sagen werde. + +„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar +Petrowitsch?“ fragte ich. + +„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... – ich meine +ja nur eben sozusagen ...“ + +Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, blieb wieder stecken +und kam nicht weiter. + +„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, „ich habe +nämlich, müssen Sie wissen, den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so +bin, wie man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, Warwara +Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist +nun schon einmal so mit mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ... +Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist draußen mitunter +so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben +einmal wehmütig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht +Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben über +die Schnur und trinke ein überflüssiges Gläschen. Dem Petruscha aber ist +das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber und +schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie, +würde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, daß ich anfange, +mich gut aufzuführen, seine Lehren zu beherzigen und überhaupt mich zu +bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu +kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen +Sie, es sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das weiß +er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: daß ich +alles nur für ihn tue.“ + +Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah +mich in erwartungsvoller Unruhe an. + +„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken Sie sie ihm alle.“ + +„Wie alle? Alle Bände?“ + +„Nun ja, alle Bände.“ + +„Und das von mir, von meiner Seite?“ + +„Ja, von Ihrer Seite.“ + +„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem Namen?“ + +„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“ + +Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, doch es dauerte eine +Zeitlang, bis der Alte mich begriff. + +„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! – das würde sehr gut +sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara +Alexejewna?“ + +„Ich werde dann einfach nichts schenken.“ + +„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden Petinka nichts +schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?“ + +Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das +Angebot zurückzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken +könne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte! + +Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern schenken würde, nur +wolle ich ihm die Freude nicht schmälern. + +„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird,“ fuhr ich fort, +„und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.“ + +Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei +Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig +zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit +Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter +Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz, +der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis +dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war. + +Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pünktlich um elf Uhr, gleich +von der Frühmesse aus, erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und +tatsächlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er +ein Bündel Bücher – Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen. +Wir saßen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein +Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, daß Puschkin ein sehr +guter Dichter gewesen sei; davon ging er, übrigens nicht ohne gewisse +Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch +ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich darauf, daß man +sich gut aufführen müsse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein +Zeichen, daß er „dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten eben +von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zählte sogar +mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß +damit, daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe +und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher schon die +Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange +innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat +aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner +Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit +die Bücher, für die er sich im Laufe einer langen Zeit das nötige Geld +zusammengespart habe. + +Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen zu verbeißen, während der +arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lügen, sobald es +nötig war! + +Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und +auf dem Bücherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natürlich +sofort die Wahrheit erraten. + +Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an +diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein +Pfänderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie +nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam +gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier +Augen zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das war der +schönste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens! + +Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt +beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir +scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, müde +zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzählen. +Deshalb habe ich wohl auch so ausführlich und mit so viel Liebe alle +Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens +beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von +Kummer, von schwerem Kummer verdrängt, und nur Gott allein mag wissen, +wann der einmal ein Ende nehmen wird. + +Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs. + +Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er +erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermüdlich um eine +Anstellung, die ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, denn +bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindsüchtigen, gab auch +er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht +auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte +er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den +Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit. +Außerdem hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt warten +müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts als Mißerfolge. Das war +natürlich von schlechtem Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte +seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden +Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine +Anstellung zu bitten, – was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann +immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und mit nassen Füßen nach Haus, +bis er endlich so weit war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht +wieder aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober. + +Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner Krankheit verließ ich +nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er +bewußtlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß wovon, +zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen +Büchern, von mir, vom Vater ... und da erst hörte ich vieles von seinen +Verhältnissen, was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal geahnt +hatte. + +In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im +Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch +ich blickte allen offen in die Augen, und da hörte man denn auf, meine +Teilnahme für den Kranken zu verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht +mehr. + +Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das +verhältnismäßig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung. +Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren, +dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem +engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann fürchtete ich mich. +Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich +und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das Herz. Alle im Hause +waren erschüttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott möge ihn +schneller erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der Kranke wohl +nur noch bis zum nächsten Morgen leben werde. + +Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der +Tür zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht +gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden gelegt. Jeden +Augenblick kam er ins Zimmer, – es war schrecklich, ihn anzusehen. Der +Schmerz hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos, +ganz gefühllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer +Körper zitterte und sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich +hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand verlieren werde. + +Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in +Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater. +Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von uns allen Abschied. +Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es körperlich zu +fühlen, wie mein Herz in Stücke zerriß. + +Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten Augenblicke. Er bat +lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr +verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich +zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um +irgend etwas, bemühte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand +ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer +Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte waren nur zusammenhanglose +Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln +an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur +langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er +wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Läden zu öffnen. +Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne. + +Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, doch der anbrechende +Tag war trübe und traurig, wie das erlöschende arme Leben des +Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den +Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster und +schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben +und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb +und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, wo es +das zitternde Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich +verdrängte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte +dann leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach einer Minute +starb er. + +Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz +einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der +Unkosten aber wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von Anna +Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft +seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die +Bücher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie +nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und +trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen mußten. +Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer +seltsamen Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen: +bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter zurecht, bald zündete er die +Kerzen an, um sie wieder auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man +sah es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick bei etwas +Bestimmtem verweilen konnten. + +Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei. +Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte, +geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte sich und blieb +zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Während des +Gottesdienstes ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine +dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den +Füßen halten. + +Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und +fortgeführt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Straße. Dann fuhr +der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte +laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn +erschütterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um +ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. Ein +scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte +schien nichts davon zu spüren und lief weinend weiter, bald an der +einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines +fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel im Winde. Aus +allen Taschen sahen Bücher hervor und im Arm trug er irgendein großes +schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drückte. +Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab und bekreuzten sich. Einige +blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle +Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz. +Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und machte ihn auf seinen Verlust +aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge +nach. Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin an +und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die +Straßenecke und verschwand. + +Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die +Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und küßte sie und +plötzlich brach ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an +die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als +hätte ich sie für immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch +sie noch entreiße ... + +Doch der Tod schwebte damals schon über meiner armen Mutter ... + + * * * * * + + + 11. Juni. + +Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, für den gestrigen +Spaziergang nach den Inseln! Wie schön es dort war, wie wundervoll grün, +und die Luft wie köstlich! – Ich hatte so lange keinen Rasen und keine +Bäume gesehen, – als ich krank war, dachte ich doch, daß ich sterben +müsse, daß ich bestimmt sterben werde – nun können Sie sich denken, was +ich gestern fühlen mußte, und was empfinden! + +Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war. Ich fühlte mich sehr +wohl und leicht, aber gerade in meinen besten Stunden werde ich aus +irgendeinem Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich weinte, +das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst nicht, weshalb ich immer +weinen muß. Ich bin, das fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke, +die ich empfange, sind krankhaft – krankhaft heftig. Der wolkenlose +blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die Abendstille – alles das – ich +weiß wirklich nicht, – ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle +Eindrücke schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz bald übervoll +war und die Seele nach Tränen verlangte. Doch wozu schreibe ich Ihnen +das alles? Das Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um wie +viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! Aber vielleicht +verstehen Sie mich doch. + +Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar Alexejewitsch! Gestern +blickten Sie mir so in die Augen, als wollten Sie in ihnen lesen, was +ich empfand, und Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein +Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen – immer standen Sie da vor +mir und fühlten sich ganz stolz und schauten mir immer wieder in die +Augen, als wäre alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. Das +beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar Alexejewitsch. Deshalb +liebe ich Sie ja auch. + +Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: gestern bekam ich nasse +Füße und habe mich infolgedessen erkältet. Fedora ist noch nicht ganz +gesund – ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide krank. +Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter zu uns. + + Ihre + W. D. + + + 12. Juni. + +Mein Täubchen Warwara Alexejewna! + +Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter +Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges +kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur +wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und +schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen, +was Sie selber empfanden – das haben Sie mit einem Worte kurz, aber ganz +wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent, irgend +etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt +dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das weiß +ich selbst nur zu genau. + +Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei, +sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses +zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in +der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch +mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. – Das ist gewiß alles wahr, mein +Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie +sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von +anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben +haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – aber +schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun +hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas +erzählen. + +Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst +siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald +runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der +Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber +Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und +kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann schon +sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte man mich sogar zur +Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein +Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben, +aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei +heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall +schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine +Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein +dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das +Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch +mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er +es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden +bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem +Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe +geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte: + +„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ – Daraus wurde mit der +Zeit: + +„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!“ + +Jetzt aber heißt es ganz einfach: + +„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!“ + +Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar +Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als „Makar +Alexejewitsch“ sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen. +Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein +geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein +Schmähwort machten – nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln, +meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war, +etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders +gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen +Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles +gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch +bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles +verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem +den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um +dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden +angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur +denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig +brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann +sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum +Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch +vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen, +Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl +Warinka! + +Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese Frage äußerte sich +noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch. +Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er sagte +es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte), was +aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte), +das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen solle. Ich +aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück Brot. Es ist +ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes +Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch _meine_ Arbeit +rechtlich und redlich erworben! + +Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts +sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und +Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite +doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was +ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde? +„Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei +Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich, +jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen +Bogen zu sehen, und – Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die +wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe +keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den +verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und +deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie, +mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst +und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß +ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes +schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben? + +Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir, +meine Liebe. + +So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich +notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich +durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen +bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit mit ihr +herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte +käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man +rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation +zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte ist! + +Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar +nicht davon sprechen, aber nun – es kam mal so zur Sprache, und da hat’s +mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich +selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. + +Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde +schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen, +um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis +dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben +Sie wohl bis dahin, Warinka. + +Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute! + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 20. Juni. + +Sehr geehrter Makar Alexejewitsch! + +Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr wenig Zeit, – muß eine +Arbeit zu einem bestimmten Termin beenden. + +Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich ein guter +Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter von ihr habe einen fast +neuen Uniformrock, sowie Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und +alles, wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen wollten! +Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr in Verlegenheit, – Sie +sagten mir ja selbst, daß Sie Geld haben. Also seien Sie vernünftig und +schaffen Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig. Sehen Sie +sich doch nur selbst an, in was für alten Kleidern Sie umhergehen. Eine +wahre Schande! Alles ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das +weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott weiß, was Sie mit +Ihrem neuen Anzug angefangen haben. So hören Sie doch diesmal auf mich +und kaufen Sie die Kleider, bitte, tun Sie’s! Tun Sie es für mich, wenn +Sie mich lieb haben! + +Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar Alexejewitsch, das geht +wirklich nicht so weiter! Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch +kein Spaß, was Sie schon für mich ausgegeben haben, – entsetzlich, +wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich habe ja nichts nötig, das +war ja alles ganz, ganz überflüssig! Ich weiß, glauben Sie mir, ich +weiß, daß Sie mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen, +mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe vergewissern zu +wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer es mir fällt, sie anzunehmen! Ich +weiß doch, was sie Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es +gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie? Ich bitte Sie, ich +flehe Sie an! + +Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner Aufzeichnungen zuzusenden, +Sie wollen, daß ich sie beende. Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das +fertig gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben ist! +Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner Vergangenheit zu +sprechen. Ich will an sie nicht einmal zurückdenken. Ich fürchte mich +vor diesen Erinnerungen. Und gar von meiner armen Mutter zu sprechen, +deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen Ungeheuern preisgegeben war: +das wäre mir ganz unmöglich! Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken auch +nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die Wunden sind noch zu +frisch! Ich habe noch keine Ruhe, um zu denken, habe mich selbst noch +lange nicht beruhigen können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen +ist. Doch Sie wissen das ja alles! + +Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten mitgeteilt. Sie +wirft mir Undankbarkeit vor und leugnet es, mit Herrn Bükoff im +Einverständnis gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr +zurückzukehren. Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf einen +schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren würde, so wolle sie +es übernehmen, die ganze Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn +zu veranlassen, seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen. Sie hat +sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine Aussteuer geben wolle. Gott mit +ihnen! Ich habe es auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner +guten Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine alte selige +Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar nur ein entfernter Verwandter +von mir, trotzdem beschützen Sie mich und treten mit Ihrem Namen und Ruf +für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich werde sie vergessen! – +wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt, +das sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt doch in +Ruhe lassen. Gott gebe es! + + W. D. + + + 21. Juni. + +Mein Täubchen, mein Liebling! + +Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht – womit beginnen? + +Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so miteinander leben! +Ich sage das nur deshalb, müssen Sie wissen, weil ich meine Tage noch +nie so froh verbracht habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit einem +Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein Kindchen sind Sie, mein +kleines reizendes! + +Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich Ihnen geschickt habe! +Sie hatten sie doch nötig – Fedora sagte es mir. Und mich, liebes Kind, +mich macht es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun +einmal mein größtes Vergnügen – also lassen Sie mich nur gewähren, Kind, +und widersprechen Sie mir nicht! Noch niemals habe ich so etwas erlebt, +Herzchen. Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens +gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen darf, denn Sie leben doch +jetzt in meiner nächsten Nähe, was mir ein großer Trost und eine große +Freude ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, Ratasäjeff – +jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische Abende stattfinden –, +also der hat mich heute zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich +wieder so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches vorgelesen +werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt leben, Kindchen – was?! + +Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur so geschrieben, ohne +besonderen Zweck, nur um Sie von meinem Wohlbefinden zu unterrichten. +Sie haben mir durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide zur +Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, ich werde sie Ihnen +besorgen, gleich morgen werde ich sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch +schon, wo ich sie am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich + + Ihr aufrichtiger Freund + Makar Djewuschkin. + + + 22. Juni. + +Liebe Warwara Alexejewna! + +Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei uns im Hause etwas +sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken +muß. Heute um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich weiß +nicht recht, woran, – an den Masern oder, Gott weiß, vielleicht war es +auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach, +Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was für eine Unordnung! +Aber das ist ja schließlich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur +in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen +Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben. + +Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein ganz einfacher, +billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig +gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen +Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen, +Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es +ist für sie ja vielleicht eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen +abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernähren haben: +ein Brustkind und ein kleines Töchterchen so von etwa sechs Jahren, viel +älter kann das zarte Ding noch nicht sein. + +Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet, +und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit +man ihm helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen +und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Tränen +laufen ihm über die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern +nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er ist so ein +Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals +weiß er, was er antworten soll. Das kleine Mädchen stand dort an den +Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich +liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es +beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden, +– sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie, +– stand und rührte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie +nahm es, aß es aber nicht. Traurig das alles – nicht wahr, Warinka? + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 25. Juni. + +Bester Makar Alexejewitsch! + +Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein ganz elendes Ding! – man +kann es überhaupt nicht in die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese +Kostbarkeit aufgetrieben? Scherz beiseite – gefallen Ihnen denn wirklich +solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie versprachen mir doch vor ein +paar Tagen, mir etwas zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch mit +Ihnen teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf Wiedersehen! +Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu schreiben. + + W. D. + + + 26. Juni. + +Liebe Warinka! + +Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht +gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein +Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu +unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und +vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es +Ihnen. + +Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich +Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute +Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er +schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und +einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist +ein Etwas – sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem +einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder +Theresa etwas sage, – selbst da versteht er noch, sich stilvoll +auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig +bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in +einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach +Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen – auf jeder +Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im +Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich +mit ihm, nun was? – Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von +Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm +überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich +habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie +deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine, +daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören +Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht, +beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien +Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein +Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut’s, um +mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu +verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt. +Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz +unvergleichlicher Schriftsteller. + +Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne, +das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe +Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen – und noch +verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet +steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur – das ist ein +Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein +Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist +Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches +Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren +Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so +unter ihnen sitzt und zuhört – und man raucht dabei sein Pfeifchen, ganz +wie sie – und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und +über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn einfach +wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. Denn wenn die erst mal loslegen, +Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide +passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf und schäme +mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend die größte +Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch mit +einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man kann und +kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein +gar nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist wie verhext, +Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so ist, wie +man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann: +dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt. + +Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – Schlafe, schlafe wie ein +alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich +doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum +Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von +sich aus, – was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum +Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen +bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff, +was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben? +An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält +er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er +irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein +Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – fünfhundert, gib oder gib +nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn +du willst. Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! Was +sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna? + +Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen +Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz, +– siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie +sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind +ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er, +biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und +vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen Sie doch, Bester, die +fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken +kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – das ist doch +Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte. +Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich! + +Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine +Stelle aus den „Italienischen Leidenschaften“ abschreiben. So heißt +nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen +Sie selbst: + +– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm +auf und sein Blut geriet in Wallung ... + +„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese +Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne +täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe +rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen, +die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen +Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in +meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O +Sinaida, Sinaida! ...“ + +„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt +an seine Schulter. + +„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht. + +Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug +die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der +Liebenden. + +„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen +röteten sich, ihre Augen glühten ... + +Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen! + + * * * * * + +Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau. + +„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den +Ssamowar aufstellen lassen?“ fragte er, seiner Frau die Wange +tätschelnd. – + +Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, – es ist ein +wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und +gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch +noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und Suleika“ abschreiben. + +Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer +Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum, +die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in +der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – wie Sie sehen. Hier +schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab: + +– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es! ...“ + +„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika. + +„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles +gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren +strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den +steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika +zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen, +mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer +zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner +Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit +Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du +himmlisches Wesen!“ + +„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die Menschen sind +ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was +soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens +in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen, +seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht +verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!“ + +„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief Jermak, wild die +Augen rollend. – + +Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß +seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im +Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in +dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an +Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen. + +„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief Jermak in wilder +Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. „Ich muß Blut +sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!“ + +Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er +wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu +Ende. + +Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun +kommt, und nur so zum Lachen geschrieben: + +– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist doch +derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan +Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten +tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich +Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war +... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die +ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu +schonen.“ – + +Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen, +als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm! +Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im Grunde +doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle +liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß Ratasäjeff +vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt hier mit ein +Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als +das, was die anderen sind. + +Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den +Kopf – wie wär’s, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann +wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß +plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf +dem Deckel stände: „_Gedichte von Makar Djewuschkin._“ Was?! Ja, was +würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das +vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen +freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen +wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre +denn das, wenn ein jeder sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter +Djewuschkin!“ und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!? + +Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die +sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und +auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit +vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle +wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn +das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie +dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht +bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit +Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja +Stiefel immer Stiefel), – nur würde man ihr alles erzählen, meine +eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre +der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht +sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade +paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch +gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf! + +Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein +Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl, +mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das +eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin. +Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch +Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen +Likör hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur +sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir +denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen +schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur +werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein +Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für +Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen +Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe. + +Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – habe es speziell für Sie +gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie +an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie +sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber +vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur! + +Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein +Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor + + Ihr treuester Freund + Makar Djewuschkin. + + + 27. Juni. + +Lieber Makar Alexejewitsch! + +Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern +helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in +einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich +darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen – und +die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch +etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll +eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen +einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und +überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten +lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal +gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt +hat, – und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch +besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles +von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder +warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei +Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir, +Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder +soll ich nicht? + +Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so +selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt +nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber +wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr, +Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr +traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz +mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu +besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt – man erinnert sich +an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie +ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen +Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst +nur im Traum etwas sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und +was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben +ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel, +und zum Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle, +ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer +wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und da +müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei +fremden Menschen sterben! ... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben, +Makar Alexejewitsch! + +Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife +wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund, +sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat +einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für +ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man +würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde +ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren +und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein +schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen. + +Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins Erzählungen –, das ich +Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie +es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein +Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama – da hat es denn +in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten +Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, – +aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben. +Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon +etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane +gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten! ... + +Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich +bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die +beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich +alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe. + + Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund! + Ihre + W. D. + + + 28. Juni. + +Warwara Alexejewna, meine Liebe! + +Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie sich denn nicht? So machen +Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen +Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und +gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig +bleich sind Sie noch, aber trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das +für Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen Sie sich, +mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kümmern Sie sich nicht +weiter um diese dummen Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach! +Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn nichts? +Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe +ruhig, bin gesund – mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man hat seine +wahre Freude daran, es zu sein! Also hören Sie auf, mein Seelchen, +schämen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen, +Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an mit dem +Grübeln und Grämen, und Sie machen sich von neuem allerlei Gedanken. +Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal damit +aufhören, Warinka! + +Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein und nein und nochmals nein! +Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen? +Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht: das +lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit +allen Kräften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe +verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben würde, aber Not leiden, +das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich +kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr +ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein die Schuld trägt – nur +sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf +gesetzt. Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was sie sagt. +Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen? ... Wissen +nicht, daß sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist, +die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht +hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie nicht geärgert, irgendwie gekränkt? + +Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts! +Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka, +mein Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. Was fehlt +Ihnen denn bei uns? Wir können uns nicht genug über Sie freuen und auch +Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich +weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen Sie auch nicht – ganz wie +Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst: +wie würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher verschaffen – und +dann können wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur +müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende +machen und vernünftig werden und sich nicht grundlos um alles +Alltägliche sorgen und grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr +bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes +Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, Herzchen, gar nicht schön! + +Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich weiß es selbst, daß ich +nichts gelernt habe, daß ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum +handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen +wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie +wollen! Er ist mein Freund, deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt +gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter +keinen Umständen beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewählt, es +sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schön! Sie haben es +vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade +nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade über +Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder es ist vielleicht sonst +irgendwie ein Unglückstag für Sie gewesen. + +Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen und aufmerksam, wenn Sie +froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie +gerade ein Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es noch einmal. +Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch +bessere Schriftsteller gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere, +aber deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht schlecht zu sein: +sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen schreiben +meinetwegen auch gut. Außerdem schreibt er, vergessen wir das nicht, nur +für sich – tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden – und das +merkt man ihm dann an, daß er es tut, und zwar zu seinem Vorteil! + +Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich +habe da noch etwas abzuschreiben und muß mich beeilen. Also sehen Sie +zu, mein Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge Gott der +Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe + + Ihr treuer Freund + Makar Djewuschkin. + +P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute +aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen. + + +Mein teurer Makar Alexejewitsch! + +Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich noch länger hier lebe. +Ich habe nachgedacht und eingesehen, daß es sehr falsch von mir ist, +eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir +doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. Ich werde mir Mühe +geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu +erwerben, und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter zu +ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu +leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von +ihnen abhängig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch +nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch früher +schon Ähnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war. +Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang +umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt – was tat das, ich war doch +froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da +fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: um neun Uhr hieß es +– nach der Pension zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die +Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und ich fühlte mich so +bedrückt, so elend, daß die Tränen sich nicht mehr zurückdrängen ließen. +Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter +Einsamkeit und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich sei faul und +wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich +weinte. + +Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte mich schließlich an alles, und +als ich die Pension verlassen mußte, weinte ich gar beim Abschied von +den Freundinnen. + +Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der +Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich +gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora +jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und sich ans Waschen macht, +und dann bis in die späte Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber +bedürfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für mich +opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes +Geld nur für mich auszugeben? Ich weiß doch, daß das über Ihre +Verhältnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das +Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden ließen. Ich glaube +es Ihnen, mein Freund, ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben, – doch +das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld, +haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen +doch – ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon +ich froh wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch nicht immer +Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen und quälen, indem ich Sie und +Fedora für mich sorgen lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte +ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch nur im +geringsten nützlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so unentbehrlich, +mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin Ihnen nur von +ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von ganzem Herzen, +doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein +bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun, Ihre +Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also halten +Sie mich nicht mehr zurück, überlegen Sie sich meinen Plan nochmals +gründlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung. + + In Erwartung derselben verbleibe ich + Ihre + W. D. + + + 1. Juli. + +Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn! +Wollte man Sie so sich selbst überlassen, was würden Sie sich da nicht +alles ins Köpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes! +Ich sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei +uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind +alle zufrieden und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was aber +wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht, +was das heißt: fremde Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen, +denn ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er +ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot +gegessen. Bös ist er, Warinka, sehr böse, so böse, daß das kleine Herz, +das man hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit +Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. – +Bei uns haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen +haben Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun mit einem Male so +etwas antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten +mir nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn nicht nützlich? +Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie, +inwiefern Sie mir nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar +sehr nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden +Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne +weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen +Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte darauf eine +ausführliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für +Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für mich, na, +und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige ... Nein, wie sollten Sie +denn nicht nützlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in +meinen Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie haben +vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal +wirklich darüber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen +könnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. Und was käme +denn dabei heraus, was wäre das Ende vom Liede? – Ich würde in die Newa +gehen und damit wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka, +was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun übrig?! + +Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen wohl, daß mich ein +Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof führt, daß irgendeine alte +Herumtreiberin meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der Gruft mit +Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich allein zurückläßt. Das ist +sündhaft von Ihnen, sündhaft, mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott, +sündhaft! + +Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine Freundin, und wenn +Sie, Warinka, meine Meinung über dasselbe wissen wollen, so kann ich +Ihnen nur sagen, daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu +lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich +denn bisher so habe leben können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir! +Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich +eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich +gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich +habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. „Das Bild des +Menschen“ – ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein +anderes: „Vom Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“, und +dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles, weiter habe ich nichts +gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Büchlein, den +„Stationsaufseher“ gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind, +es kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß da neben einem +ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den +Fingern hergezählt, und noch mancherlei, worauf man früher selbst gar +nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein +Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem denn nach und nach vieles +ein, und allmählich begreift man so manches und wird sich über die Dinge +klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch lieb gewonnen +habe: manches Werk, was für eines es auch immer sein mag, das liest man +und liest – aber lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das +Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben +und mit soviel Klugheit, daß man es nicht recht begreifen kann. Ich zum +Beispiel, – ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so +geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber – +ja dies liest man und es ist einem fast, als hätte man es selber +geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so +mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen +Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, und dann ausführlich +beschrieben – sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach, +mein Gott! Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich, +warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in +diesem Büchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz +derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin, +dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter +uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles +beschrieben ist! Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich das +las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, als das Unglück ihn +heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem +Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte +und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit dem schmierigen +Pelzaufschlag die Tränen von den Wangen wischte, wenn er an sein +verirrtes Lämmlein dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha! + +Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das +ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren, +– das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da finden wir gleich +die Theresa – wozu so weit suchen! – da ist auch unser armer Beamter, – +denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin, nur daß +er einen anderen Namen hat und eben zufällig Gorschkoff heißt. Das ist +etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie, mein +Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai wohnt, selbst +der kann dasselbe erleben, nur daß er sich äußerlich anders verhalten +wird – denn dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders, aber +auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir. + +Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. Sie aber wollen noch +wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir +damit antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich und mich damit +zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes +willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie mich +nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch selbst, Sie mein +kleines, schwaches Vögelchen, das noch nicht einmal flügge geworden ist +–: wie könnten Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben +bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht verteidigen! Nein, +lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie sich! +Hören Sie nicht auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen Sie Ihr +Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen. + +Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“ gesprochen. Der +sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit +Bildern und solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich habe +es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schloß aber +doch damit, daß Puschkin gut sei und daß er das heilige Rußland besungen +habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. Ja, es ist +gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie +meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam +glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, meine Gute, wird Sie +bestimmt belohnen! + + Ihr treuer Freund + Makar Djewuschkin. + + +Mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den Teppich gebracht. Wie +froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen +in größter Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, – der +Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen. + +Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von +denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem +Titel „Der Mantel“.[5] + +Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu +teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon +lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich fürchte immer nur +eines: wird uns der Spaß nicht zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf +und meint, daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. Das sehe +auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon für mich ausgegeben! +Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora +hat mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin +in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt hätten. Ich +sorge mich sehr um Sie. + +Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nämlich +meinen Hut mit Band. + +P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut +aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so +gefallen? + + + 7. Juli. + +Meine liebe Warwara Alexejewna! + +Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch zurück. – Ja, mein Kind, +auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich +einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt, +sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch nichts gewesen, das +Wunderliche aber war dabei, daß ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen +und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch verliebte +ich mich in sie. + +Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige Leute, alle Wand an Wand und +Tür an Tür. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein, +obschon ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann +aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles +ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden +Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei – für +Notwendiges hatten sie nie einen Heller – schob die ganze Kumpanei ins +Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur +diese eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen gebärdeten +sie sich! Und dann ließen sie einen natürlich nicht einschlafen: die +ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine +Glascha[6], alle waren sie in sie verliebt, alle hatten sie nur den +einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn schließlich auch +mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung! + +Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit ihnen im Theater +saß, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang, +dafür aber hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen – +hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hände rot und +blau, schrien, schrien – mit einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen +genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgeführt. + +Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich nur +noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja, +und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf dem Wege zum Dienst, +trat ich in einen Parfümerieladen ein und kaufte für mein ganzes Kapital +Parfüm und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst nicht mehr zu sagen, +wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht einmal zu +Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte am +Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, saß ein Weilchen, erholte +mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem +Fensterpromenaden zu machen. + +So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken, +immer Lichatschi[7], und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich +brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann +schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, und das Ganze mir +langweilig wurde. + +Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu +machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka, +noch ganz, ganz jung! ... + + M. D. + + + 8. Juli. + +Meine liebe Warwara Alexejewna! + +Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich +mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit +Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind, +wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht +haben. + +Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten +zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem +anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, zu befehlen, +diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal +so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der +eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten +selbst aber, die stammen von Gott. + +Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht +mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie +etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich +nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie +auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst +Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher auch noch +keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch +so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig, +nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit +Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann +allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt, +auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau +geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich, +wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie +sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte +Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die +öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so etwas habe ich +mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar +ein Kreuzchen habe ich erhalten – doch was soll man davon reden! Das +müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn +wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich +eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von +Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka![8] + +Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben – +gleichviel wie und wo es auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein +Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und +zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen +nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es +denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du +auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie +besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn +dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf +den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von +einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit +sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee +trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen, +was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon +so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem +nichts Böses getan haben? + +Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen +Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine +Pflicht erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man +da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), – und da setzt +sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne +alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über +dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche +steht! + +Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut +man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst: +hat man zum Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht man sie +an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist +angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz +richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor +Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst +eingetreten ist. + +Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz +gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen? +Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem +anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des +Tones willen, – nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm +halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter uns gesagt, Warinka – +ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur +seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene dort und dort,“ doch +um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken. +Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel +in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt +das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle +durchnimmt, – das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht +doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im +Zaum hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht +bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich +wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat +durchlassen können! + +Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von +den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar +Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch obendrein +eine Fortsetzung! + +Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich, +man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor +zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der +Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht +dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles +ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht +einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau +beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er +sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas +wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der +man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte, +daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und +eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er +den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier +hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er +niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben +(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen +beweint worden sei. + +Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte +sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel +wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch – nein, was +sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden +erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren +Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen +gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß +das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert – die anderen +Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen +gehabt! + +Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben +hat – was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja +doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen +Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches +Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein +vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht +wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen +solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen, +Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen! + + Ihr gehorsamster Diener + Makar Djewuschkin. + + + 27. Juli. + +Mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich recht erschreckt, und +zwar um so mehr, als ich mir anfangs nichts zu erklären wußte – bis +Fedora mir dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn gleich so +verzweifeln und in einen solchen Abgrund stürzen, Makar Alexejewitsch? +Ihre Erklärungen haben mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt, +daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte Stelle +anzunehmen? Überdies ängstigt mich mein letztes Abenteuer sehr. + +Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt, mir manches zu +verheimlichen. Ich habe es ja schon damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu +Dank verpflichtet war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für mich +nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie, wie Sie sagten, auf der +Kasse liegen hätten. Jetzt aber, nachdem ich erfahren habe, daß Sie +überhaupt kein erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von +meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, Ihr Gehalt, +das Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß +Sie während meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft haben – jetzt +sehe ich mich in eine so qualvolle Lage versetzt, daß ich gar nicht +weiß, wie ich alles das auffassen und was ich überhaupt denken soll! + +Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der notwendigsten Hilfe, die +Sie mir aus Mitleid und verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden +lassen und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges +verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, Makar Alexejewitsch, +Sie haben mein Vertrauen mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß +Sie Ihr letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge, +Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben – jetzt bezahle ich das teuer +mit Selbstvorwürfen und der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen +Leichtsinns, denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, ohne nach +Ihrem Auskommen zu fragen. Auf diese Weise verwandelt sich jetzt alles, +womit Sie mir einst Freude machen wollten, in eine drückende Last, und +alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern verdrängt. + +Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen, daß Sie +bedrückt waren, aber obschon ich selbst ahnungsvoll irgendein Unheil +erwartete, konnte ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht +fassen. Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße den Mut verlieren +können, Makar Alexejewitsch! Was werden jetzt diejenigen, die Sie +kennen, von Ihnen sagen? Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer +Herzensgüte, Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet habe, Sie +haben sich plötzlich einem so widerlichen Laster ergeben können, dem Sie +doch, soviel mir scheint, früher noch nie gefrönt haben. + +Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora mir erzählte, daß +man Sie in berauschtem Zustande auf der Straße gefunden und die Polizei +Sie nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, – obschon ich mich auf +etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht hatte, da Sie ja doch schon seit +ganzen vier Tagen verschwunden waren. Haben Sie denn nicht daran +gedacht, Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten dazu sagen werden, +wenn sie die wirkliche Ursache Ihres Ausbleibens vernehmen? Sie sagen, +daß alle über Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, und +daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden auch meiner Erwähnung tun. +Beachten Sie das nicht, Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um +Gottes willen! + +Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte mit jenen Offizieren, – +ich habe nichts Genaueres erfahren können, nur so ein Gerücht. Erklären +Sie mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat. + +Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die Wahrheit mitzuteilen, +weil Sie dann vielleicht meine Freundschaft verloren haben würden, daß +Sie während meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb alles +verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und somit verhindern zu +können, daß man mich ins Hospital brachte, daß Sie soviel Schulden +gemacht, wie es Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin Ihnen +jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, – aber indem Sie mir alles +dies verheimlichten, wählten Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch +alles erfahren! Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß ich die +Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben mir aber nun durch Ihre +Aufführung doppelten Kummer bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen, +Makar Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist eine ansteckende +Krankheit. Arme und Unglückliche müßten sich fernhalten voneinander, um +sich gegenseitig nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen +solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem bescheidenen +stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben. Das quält mich entsetzlich +und nimmt mir jede Kraft. + +Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort mit Ihnen geschehen +ist und wie Sie sich so weit haben vergessen können. Beruhigen Sie mich, +wenn es Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, sondern nur +aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, die nichts aus meinem Herzen tilgen +könnte. + +Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Sie haben +schlecht von mir gedacht, Makar Alexejewitsch. + + Ihre Sie von Herzen liebende + Warwara Dobrosseloff. + + + 28. Juli. + +Meine unschätzbare Warwara Alexejewna! + +Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden ist und alles +allmählich wieder ins alte Geleise kommt, kann ich ja zu Ihnen ganz +aufrichtig sein, mein Kind. Also: es beunruhigt Sie, was man von mir +denken und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich mich, Ihnen +mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte mir höher steht, als alles andere. +Und da kann ich Ihnen denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen +Unglücksfällen und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, daß +von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas erfahren hat, so daß sie mich +alle nach wie vor achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich +Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, aber nachdem ich ihr +jetzt mittels Ihrer zehn Rubel einen Teil meiner Schuld bezahlt habe, +brummt sie nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht so +schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten, dann sind sie ganz gut. +Zum Schluß aber dieser meiner Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein +Kind, daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und jedes in der +Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt habe, tröste ich mich nun +in der Zeit meiner Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und +die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß Sie es so milde +auffassen, daß Sie mich deshalb nicht für einen treulosen Freund und +selbstsüchtigen Menschen halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt +und Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, mich von +Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe mich mit Eifer von neuem an meine +Arbeit gemacht und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im Dienst +mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij Iwanowitsch sagte kein +Wort, als ich gestern an ihm vorüberging. + +Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein Kind, daß meine Schulden +und der schlechte Zustand meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber +darauf kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie nur inständig, +sich wegen dieser Nebensachen keine Sorgen zu machen. Sie senden mir +noch ein halbes Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat mir mein +Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so hat sich das Blatt gewandt! +Nicht ich, der alte Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern Sie, +mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir! Das war sehr gut von Fedora, +daß sie Geld verschafft hat. Ich habe vorläufig gar keine Aussichten, +irgendwo welches auftreiben zu können, mein Kind, doch sobald sich +irgendeine Aussicht auf eine Möglichkeit einstellen sollte, werde ich +Ihnen darüber ausführlich näheres schreiben. Nur der Klatsch, der +Klatsch beunruhigt mich! + +Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich küsse Ihr Händchen und bitte Sie +flehentlich, nur ja wieder gesund zu werden. Ich schreibe deshalb so +kurz, weil ich zum Dienst eilen muß, denn durch Eifer und Fleiß will ich +alle meine Versäumnisse nachholen und so mein Gewissen langsam +beruhigen. Die ausführlichere Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener +Geschichte mit den Offizieren verschiebe ich auf den Abend. Dann habe +ich mehr Zeit. + + Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender + Makar Djewuschkin. + + + 28. Juli. + +Warinka, mein Liebes! + +Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und +wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich +um den Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, und mich +ganz und gar vor den Kopf gestoßen: erst jetzt, nachdem ich in Muße +nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich +und weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich +rede jetzt nicht von meinen drei wüsten Tagen (lassen wir das gut sein, +Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, daß +ich Sie liebe und daß es keineswegs unvernünftig von mir war, Sie zu +lieben, nein, durchaus nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja +doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das alles kam, warum ich Sie +lieben muß, so würden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur +so, und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken. + +Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit +jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein +Engelchen, daß ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand. +Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon einen ganzen Monat +sozusagen nur noch an einem Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß, +daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen +versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls, +aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich +hätte mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien lassen, +die schändliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch +eine Schande, und zweitens kam hinzu, daß sie Gott weiß woher von +unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen +Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören und Sehen verging und +ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren +nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch +jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen +soll ... + +Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglück in allen +seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hörte ich nun +plötzlich von Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen sei und +Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. Daß er Sie tief und +grausam beleidigt haben mußte, das konnte ich schon nach mir selbst +beurteilen, mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt. +Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor den +Kopf und verlor mich selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen +Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden. Ich +wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, dem nichts mehr heilig war! +Doch ich weiß selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein +Engelchen, daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen und +Schmutz draußen und Weh und Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon +zurückzukehren ... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. Ich begegnete +dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, – er ist ein Beamter, d. h. er war +Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem +Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit er sich jetzt +beschäftigt – irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen +und so gingen wir denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll man da +reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, von den Verirrungen +und Prüfungen Ihres Freundes zu lesen – und den Bericht von all dem +Unglück mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend – +der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt – ging ich +schließlich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem +Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal die Rede davon +ist – schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon +lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja +ein, daß ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in +einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und +dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß ich nichts mehr, was +dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, daß sehr viele Offiziere +bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen +alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat, +ich weiß nur, daß ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun +und da wurde ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe +hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich +hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich wurde hinausbefördert. Wie ich +wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles, +Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und meine Ehre hat +darunter gelitten, aber von dem ganzen weiß ja doch niemand, von fremden +Menschen niemand, außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso +gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch +wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß, +das ist, daß im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz +ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht öffentlich, +tat es unter vier Augen. Er ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber +sah alles zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es +für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung: +denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun, +ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß ich nichts +davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als hätte auch ich +nichts gewußt. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij +Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas zwischen +ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein +Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt +grüßen sie sich, als ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar +die Hand. + +Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu +widersprechen, ich sehe es selbst ein, daß ich tief gesunken bin und ich +habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr +viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so +bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, – dem Schicksal aber +entgeht man nicht, wie Sie wissen. + +So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles dessen, was mich in +meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie +sehen, ist es von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu +denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefühle +abhanden gekommen. Ich schließe, indem ich Sie, verehrte Warwara +Alexejewna, meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und +verbleibe + + Ihr ergebenster Diener + Makar Djewuschkin. + + + 29. Juni. + +Mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hände zusammengeschlagen! +Mein Gott, mein Gott! Hören Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie +mir etwas oder Sie haben mir überhaupt nur einen Teil Ihrer +Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ... wirklich, Makar Alexejewitsch, +aus Ihren Briefen lese ich noch immer eine gewisse Verstörtheit heraus +... Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen Sie! Und hören Sie: +kommen Sie einfach zum Mittagessen zu uns. Ich weiß nicht, wie Sie dort +leben und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie schreiben davon +nichts, und zwar scheinbar absichtlich, als wollten Sie wieder etwas +verschweigen. + +Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie unbedingt heute zu uns. +Überhaupt wäre es besser, wenn Sie immer bei uns essen würden. Fedora +kocht sehr gut. Leben Sie wohl. + + Ihre + Warwara Dobrosseloff. + + + 1. August. + +Warwara Alexejewna, meine Liebe! + +Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit +gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu +beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgüte Ihres +Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir +nicht wie damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein +Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesündigt, was ist da +zu machen! – wenn Sie durchaus wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen +Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut weh! + +Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen das sage. In meinem +Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von +der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon +beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes +Welt sieht er anders an, auf jeden Vorübergehenden sieht er mißtrauisch +von der Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt um, und +horcht auf jedes Wort – ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob man +sich nicht gerade zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er +ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick +wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und +wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder, +Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und +keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch +immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt +am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so, +wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der +linken Seite nach außen sein muß, er darf da nichts tiefinnerlich +Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas, +das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß +man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht habe, und daß er dabei +für jeden Heller gewissermaßen einer Besichtigung unterzogen worden sei. +Die Menschen waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen nicht umsonst +geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür, daß man ihnen einen armen +Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz +eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer so erwiesen +worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht +oder sie sind schon gar zu große Meister darin – eins von beiden. + +Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann merken Sie es sich! +Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch über manches nicht mitreden kann +– hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber +weiß ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er überhaupt so etwas? +Ja, woher weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung! Ebensogut wie er +weiß, daß dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein +Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser +arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _sauté +aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne +Butter essen!“ – Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter +essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt +wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann +noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln überall +und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß auftritt, oder nur mit der +Fußspitze, und notieren es sich noch, daß der und der Beamte in dem und +dem Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, daß +die Ärmel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und +Löcher aufweisen – und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und +obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an, daß meine Ellenbogen +zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so +sage ich Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe +Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mädchenscham empfinden. Sie +werden sich doch auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das +grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht +es der arme Mensch, daß man in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu +sehen, wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag aber für ein +Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die +Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu +beleidigen? + +Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz mäuschenstill und geduckt, +und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham +fast vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man verliert ja +unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, daß durch das durchgescheuerte +Ärmelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knöpfe nur noch an einem +Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles +buchstäblich wie behext, und in der größten Verwahrlosung! Da verliert +man denn ganz unwillkürlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst +Stepan Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir zu +sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, und dann plötzlich +entfuhr es ihm ganz unversehens: „Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach +aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es +durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, daß sogar meine +Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist +doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermütige +Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott +behüte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich, +aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht. +Diesen Räubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne +weiteres! Sie sind fähig, dein ganzes Privatleben für nichts und wieder +nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig! + +Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff hat’s getan! Er muß +mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem +Betreffenden so gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine +Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er hat’s vielleicht in +seinem Bureau erzählt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden +und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau +unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich weiß +schon, daß sie’s tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging, +steckten sie aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin sagte, +da habe nun der Teufel mit einem Säugling einen Bund geschlossen, und +dann drückte sie sich außerdem noch unanständig über Sie aus. + +Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche Absicht +Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in +einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir +deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts +mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, wozu ich mich +entschließen muß. Ja, – soll man da noch länger seine Sünde in Abrede +stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, mein +Engelchen! + +Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht +langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was +ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch +Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen +geschrieben, nur so, damit müßige Leute etwas zu lesen haben. Glauben +Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen +Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen – in der +Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch +ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts +weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe und nur zu solchem Zweck von +diesem Pasquillanten verfaßt! + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 2. August. + +Mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht mehr! Gott wird uns +schon helfen und alles wird wieder gut werden. Fedora hat für sich und +mich eine Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergnügt +sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir dadurch alles wieder +gutmachen können. Fedora sagte mir, sie glaube, daß Anna Fedorowna über +alle meine Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet +sei, doch mir ist jetzt alles gleichgültig. Ich bin heute ganz besonders +froh gestimmt. + +Sie wollen Geld borgen – Gott bewahre Sie davor! Damit würden Sie sich +noch mehr Unglück auf den Hals laden, denn Sie müssen es zurückzahlen, +und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber +noch etwas sparsamer, kommen Sie öfter zu uns und achten Sie nicht +darauf, was Ihre Wirtin da schreit. Was aber Ihre übrigen Feinde und +alle Ihnen mißgünstig Gesinnten betrifft, so bin ich überzeugt, daß Sie +sich mit ganz grundlosen Befürchtungen quälen, Makar Alexejewitsch! + +Sie könnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten, ich habe Ihnen schon +das vorige Mal gesagt, daß Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also +leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter allen +Umständen. + + Ihre + W. D. + + + 3. August. + +Mein Engelchen Warwara Alexejewna! + +Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, daß ich jetzt doch +wieder eine kleine Aussicht habe und damit auch wieder Hoffnung. Aber +zunächst erlauben Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle +keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht ohne sie. Mir geht es +schon schlecht, aber wie wird das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen +doch plötzlich etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches +Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn auch, daß man sich +unbedingt Geld verschaffen muß. Und nun hören Sie weiter. + +Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im Bureau neben Jemeljan +Iwanowitsch sitze. Das ist nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon +erzählt habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. Wir +beide sind so ziemlich die Ältesten im ganzen Departement, die +Alteingesessenen, wie man uns zu nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch, +ein uneigennütziger Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig, wissen +Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein richtiger Brummbär aus. +Dafür arbeitet er gut, hat eine sogenannte englische Handschrift, und +wenn man die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als ich. +Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! Sehr intim sind wir beide +nie gewesen, nur so auf „Guten Tag!“ und „Leben Sie wohl!“ haben wir +gestanden, doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein Federmesser nötig +hatte, nun, dann sagte ich eben: „Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr +Messerchen, auf einen Augenblick!“ Also eine richtige Unterhaltung gab’s +zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, was man sich so +gelegentlich zu sagen hat, wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen +Sie, da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir: „Makar +Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so nachdenklich?“ + +Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir – und da vertraute ich mich +ihm denn an. So und so, sagte ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles +erzählte ich ihm nicht – und natürlich, Gott behüte, werde ich das auch +nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, aber so dies und jenes +habe ich ihm doch anvertraut, mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß +ich „etwas in Geldverlegenheit“ sei, nun, und so weiter. + +„Aber Sie könnten doch, Väterchen,“ sagte darauf Jemeljan Iwanowitsch, +„könnten sich doch von jemandem Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von +Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe auch von ihm +geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar so hohe Prozente, wirklich, +nicht gar so hohe.“ + +Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders vor lauter Freude – es +hüpfte nur so! Ich dachte und dachte hin und her und setzte mein +Vertrauen auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch +vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht. Und ich begann schon, +alles auszurechnen: wie ich dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen +und auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen verleihen +würde – denn so ist es doch eine wahre Schande, man schämt sich +ordentlich, auf seinem Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die +Jungen ewig über einen lachen – nun, Gott verzeih’ ihnen! Aber auch +Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem Tisch vorüber: nun, sagen wir, +wenn sie einmal – wovor Gott uns behüte und bewahre! – wenn sie einmal +im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen geruhten und bemerken +sollten, daß ich, sagen wir, ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner +Exzellenz aber sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie würden ja +wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, ich würde auf der Stelle +sterben vor Scham, – sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn +all meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut es ging, und begab +mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits voll Hoffnung und andererseits +weder tot noch lebendig vor Erwartung – beides zugleich. + +Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es endete mit – nichts. Er +war da sehr beschäftigt und sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich +trat von der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am Ärmel: +bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle, mit Pjotr Petrowitsch. Er +sah sich nach mir um – und da begann ich denn und sagte ungefähr: „So +und so, Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa dreißig Rubel +usw.“ – Er schien mich zuerst nicht ganz zu verstehen, als ich ihm aber +dann nochmals alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber +nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er aber fragte +plötzlich: „Haben Sie ein Pfand?“ – selbst jedoch vertiefte er sich +wieder ganz in seine Papiere und schrieb weiter, ohne sich nach mir +umzusehen. Das machte mich ein wenig befangen. + +„Nein,“ sagte ich, „ein Pfand habe ich nicht, Pjotr Petrowitsch“ – und +ich erklärte ihm: „So und so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen, +sobald ich meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, werde es +für meine erste Pflicht erachten.“ In diesem Augenblick rief ihn jemand +und er ging fort, ich blieb aber und erwartete ihn. Er kam denn auch +bald wieder zurück, setzte sich, spitzte seine Feder – mich aber +bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch wieder darauf zu +sprechen, „also so und so, Pjotr Petrowitsch, ginge es denn nicht doch +irgendwie?“ + +Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu hören, ich aber stand, +stand. – Nun, dachte ich, ich will es doch noch einmal, zum letztenmal, +versuchen, und zupfte ihn wieder ein wenig am Ärmel. Er sagte aber +keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen von seiner Federspitze +und schrieb weiter. Da ging ich denn. + +Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht sehr ehrenwerte +Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, – nichts für unsereinen! Wo +reichen wir an diese hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe +ich Ihnen auch alles das geschrieben. + +Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen und schüttelte den +Kopf, aber er machte mir doch wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan +Iwanowitsch ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich einem +gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, Warinka, der auf der +Wiborger Seite[9] wohnt, leiht gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan +Iwanowitsch sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. Ich +werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen werde ich zu ihm gehen. Was +meinen Sie dazu? Es geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon, +mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen geben. Und meine +Stiefel sind schrecklich schlecht, mein Kind, und Knöpfe fehlen mir +überall, und was mir nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der +Vorgesetzten eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein Unglück, Warinka, +wirklich ein Unglück! + + Makar Djewuschkin. + + + 4. August. + +Lieber Makar Alexejewitsch! + +Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen Sie so bald als +möglich Geld! Ich würde Sie unter den jetzigen Umständen natürlich für +keinen Preis um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher Lage ich +mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser Wohnung bleiben, ich muß +fort! Ich habe die schrecklichsten Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können +es sich nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin! + +Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen erscheint bei uns +plötzlich ein fremder Herr, ein schon bejahrter Mann, nahezu ein Greis, +mit Orden auf der Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er von +uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um noch etwas zu kaufen. Er +begann mich auszufragen: wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und +darauf erklärte er mir – ohne meine Antwort abzuwarten, – er sei der +Onkel jenes Offiziers und habe sich über das flegelhafte Betragen seines +Neffen sehr geärgert: er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in +einen schlechten Ruf gebracht habe – sein Neffe sei ein leichtsinniger +Bengel, der zu nichts tauge, er aber fühle sich als Onkel verpflichtet, +die Schuld seines Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu +nehmen. Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen Leute zu hören, er +dagegen habe wie ein Vater Mitleid mit mir, empfinde überhaupt +väterliche Liebe für mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu +helfen. + +Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was ich denken sollte, +weshalb ich ihm natürlich auch nicht dankte. Er nahm meine Hand und +hielt sie fest, obschon ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte +meine Wange, sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders +gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe. – Gott weiß, was er +da noch sprach! – und zu guter Letzt wollte er mich auch noch küssen: er +sei ja schon ein Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! – Da trat +Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen und begann wieder damit, +daß er mich wegen meiner Bescheidenheit und Wohlerzogenheit überaus +achte: er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor ihm verlöre. +Dann rief er Fedora beiseite und wollte ihr unter einem seltsamen +Vorwand Geld in die Hand drücken. Doch Fedora nahm es natürlich nicht +an. Da brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals alle seine +Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder zu besuchen und mir dann +Ohrringe mitzubringen (ich glaube, er war zum Schluß selbst etwas +verlegen). Er riet mir außerdem, in eine andere Wohnung überzusiedeln, +und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei und mich nichts kosten +würde. Er sagte, daß er mich namentlich deshalb sehr liebgewonnen habe, +weil ich ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen sei. Darauf riet er +mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend in acht zu nehmen, und zum +Schluß erklärte er, daß er mit Anna Fedorowna bekannt sei und sie ihn +beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen werde. Da begriff +ich denn alles! Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah – ich habe das +zum erstenmal gefühlt und mich zum erstenmal in einer solchen Lage +befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn tüchtig – und Fedora +stand mir bei und jagte ihn förmlich aus dem Zimmer. Das ist natürlich +Anna Fedorownas Machwerk – woher hätte er sonst etwas von uns erfahren +können? + +Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, und flehe Sie an, mir +beizustehen. Helfen Sie mir, um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt +nicht im Stich! Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur +ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten eines Umzuges +bestreiten könnten, hierbleiben aber können wir unter keinen Umständen, +das ist ganz ausgeschlossen. Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen +wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde Ihnen dieses Geld +zurückgeben, ich werde es mir schon verdienen! Fedora wird mir in den +nächsten Tagen noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht +durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, gehen Sie auf +jede Bedingung ein! Ich werde Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen +Sie mich jetzt nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen unter +den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu kommen, aber Sie sind +doch meine einzige Stütze, meine einzige Hoffnung! + +Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie an mich, und Gott gebe +Ihnen Erfolg! + + W. D. + + + 4. August. + +Mein Täubchen Warwara Alexejewna! + +Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schläge sind es, die mich +erschüttern! Gerade diese schrecklichen Heimsuchungen schlagen mich zu +Boden! Dieses Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswürdigen +Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf das Krankenlager +bringen, durch alle die Aufregungen, die sie Ihnen bereiten, sondern +auch mir wollen sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden +sie, ich schwöre es, das werden sie! Ich wäre doch jetzt eher zu sterben +bereit, als Ihnen nicht zu helfen! Und wenn ich Ihnen nicht helfen +könnte, so wäre das mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich +Ihnen aber, so fliegen Sie mir schließlich wie ein Vöglein fort, und +dann werden Sie von diesen Nachteulen, diesen Raubvögeln, die Sie jetzt +aus dem Nestchen locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist es, +was mich am meisten quält, mein Kind. Aber auch Ihnen, Warinka, trage +ich eines nach: warum müssen Sie denn gleich so grausam sein? Wie können +Sie nur! Sie werden gequält, Sie werden beleidigt, Sie, mein Vögelchen, +mein kleines, armes Herzchen, haben nur zu leiden, und da – da machen +Sie sich noch deshalb Sorgen, daß Sie mich beunruhigen müssen, und +versprechen, das Geld zurückzuzahlen, und es zu erarbeiten: das aber +heißt doch in Wirklichkeit, daß Sie sich bei Ihrer schwachen Gesundheit +zuschanden arbeiten wollen, um für mich zum richtigen Termin das Geld zu +beschaffen! So bedenken Sie doch bloß, Warinka, was Sie da sprechen! +Wozu sollen Sie denn nähen und arbeiten und Ihr armes Köpfchen mit +Sorgen quälen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka, Warinka! + +Sehen Sie, mein Täubchen, ich tauge zu nichts, zu gar nichts, und ich +weiß es selbst, daß ich zu nichts tauge, aber ich werde dafür sorgen, +daß ich doch noch zu etwas tauge! Ich werde alles überwinden, ich werde +mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde für unsere Schriftsteller +Abschriften machen, ich werde zu ihnen gehen, werde selbst zu ihnen +gehen und mir Arbeit von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute +Abschreiber, ich weiß es, daß sie sie suchen! Sie aber sollen sich nicht +krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich das zu! + +Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt Geld auftreiben, ich +sterbe eher, als daß ich es nicht tue. Sie schreiben, mein Täubchen, ich +solle vor hohen Prozenten nicht zurückschrecken: – das werde ich gewiß +nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurückschrecken, jetzt vor +nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel erbitten, mein Kind. Das ist doch +nicht zu viel, Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig Rubel auf +mein Wort ohne weiteres anvertrauen? Das heißt, ich will nur wissen, ob +Sie mich für fähig halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen +einzuflößen? So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und überhaupt – +kann man mich da auf den ersten Blick hin günstig beurteilen? Denken Sie +zurück, mein Engelchen, denken Sie nach, kann ich wohl einen guten +Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal sieht? Bin ich wohl +der Mann dazu? Was meinen Sie? Wissen Sie, man fühlt doch solch eine +Angst – krankhaft geradezu, wirklich krankhaft! + +Von den vierzig Rubeln gebe ich fünfundzwanzig Ihnen, Warinka, zwei der +Wirtin und den Rest behalte ich für mich, für meine Ausgaben. + +Zwar sehen Sie: der Wirtin müßte ich eigentlich mehr geben, sogar +unbedingt mehr, aber überlegen Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen +Sie mal zusammen, was ich nur fürs Allernotwendigste brauche: Sie werden +einsehen, daß ich ihr unter keinen Umständen mehr geben kann – folglich +lohnt es sich gar nicht, noch weiter darüber zu reden, und man kann die +Frage einfach ausschalten. Für fünf Rubel kaufe ich mir ein Paar +Stiefel. Ich weiß wirklich nicht, ob ich morgen noch mit den alten in +den Dienst gehen kann. Eine Halsbinde wäre wohl auch sehr nötig, da die +jetzige schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem alten +Schürzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern auch eine Halsbinde zu +verfertigen versprachen, so will ich daran nicht weiter denken. Somit +hätten wir Stiefel und Halsbinde. Jetzt noch Knöpfe, mein Liebes! Sie +werden doch zugeben, Kindchen, daß ich ohne Knöpfe nicht auskommen kann, +von meinem Uniformrock ist aber die Hälfte der Garnitur schon +abgefallen. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Seine Exzellenz eine +solche Nachlässigkeit bemerken und sagen könnten – ja, was!? Das würde +ich ja doch nicht mehr hören, denn ich würde dort sterben, auf der +Stelle sterben, tot hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloßen +Gedanken den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das würde ich! – Ja, und +dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen drei Rubel, die blieben +mir dann zum Leben und für ein halbes Pfündchen Tabak, denn sehen Sie, +mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben, heute aber ist es schon +der neunte Tag, daß ich mein Pfeifchen nicht mehr angerührt habe. Ich +hätte ja, offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es Ihnen vorher +zu sagen, aber man schämt sich vor seinem Gewissen. Sie dort sind +unglücklich, Sie entbehren alles, ich aber sollte mir hier gar +Vergnügungen leisten? Also deshalb sage ich es Ihnen, daß ich mich nicht +mit Gewissensbissen zu quälen brauche. Ich gestehe Ihnen ganz offen, +Warinka, daß ich mich jetzt in einer äußerst verzweifelten Lage befinde, +das heißt, bisher habe ich in meinem Leben noch nichts Ähnliches +durchgemacht. Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder Schätzung – +davon kann keine Rede sein. Überall Mangel, überall Schulden, im Dienst +aber, wo mich die Kollegen auch früher schon nicht auf Rosen gebettet +haben, im Dienst – nun, schweigen wir lieber davon. Ich verberge alles, +ich suche es vor allen sorgfältig zu verbergen, und auch mich selbst +verberge ich: wenn ich in den Dienst gehe, drücke ich mich nach +Möglichkeit unbemerkt und seitlich an allen vorüber. Ich habe gerade nur +noch so viel Mut, daß ich Ihnen dies offen eingestehen kann ... + +Aber wie, wenn er nichts gibt? + +Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht daran und quält sich +nicht unnütz mit solchen Vorstellungen, die einem schon im voraus jeden +Mut rauben. Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und davor zu +bewahren, daß Sie nicht im voraus daran denken und sich mit bösen +Gedanken quälen. Tun Sie es nicht! Aber, mein Gott, was würde aus Ihnen +werden! Freilich würden Sie dann die Wohnung nicht wechseln, vielmehr +hier in meiner Nähe bleiben – aber nein, ich käme dann überhaupt nicht +mehr zurück, ich würde einfach untergehen, verschwinden, verderben! + +Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel geschrieben, und hätte +mich doch statt dessen rasieren können, denn rasiert sieht man stets +etwas sauberer und anständiger aus, das aber hat viel zu sagen und hilft +einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott gebe es! Ich werde beten +und dann – mich auf den Weg machen! + + M. Djewuschkin. + + + 5. August. + +Liebster Makar Alexejewitsch! + +Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln würden! Es gibt ohnehin schon +Sorgen genug! – Ich sende Ihnen dreißig Kopeken, mehr kann ich nicht. +Kaufen Sie sich dafür, was Sie da gerade am notwendigsten brauchen, um +sich wenigstens noch bis morgen irgendwie durchzuschlagen. Wir haben +selbst fast nichts mehr, was morgen aus uns werden wird – ich weiß es +nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Übrigens sollen Sie deshalb +den Kopf nicht hängen lassen: nun, er hat Ihnen nichts gegeben, was ist +denn schließlich dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir +könnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben – und selbst wenn wir in +eine andere Wohnung übergesiedelt wären, hätten wir damit doch nur wenig +gewonnen, denn wer es wolle, der könne uns überall finden. Freilich ist +es deshalb noch immer nicht schön, jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles +so traurig wäre, würde ich Ihnen noch mancherlei schreiben. + +Was Sie doch für einen sonderbaren Charakter haben, Makar Alexejewitsch! +Sie nehmen sich alles viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch +immer der unglücklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe sehr +aufmerksam und sehe, daß Sie sich in einem jeden dermaßen um mich sorgen +und quälen, wie Sie sich um sich selbst noch nie gesorgt und gequält +haben. Man wird natürlich sagen, daß Sie ein gutes Herz haben. Ich aber +sage, daß Ihr Herz viel zu gut ist. Ich möchte Ihnen einen +freundschaftlichen Rat geben, Makar Alexejewitsch. Ich bin Ihnen +dankbar, sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben, ich +empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie jetzt selbst, wie +mir zumute ist, wenn ich sehen muß, daß Sie nach all Ihrem Unglück und +Ihren Sorgen, deren unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, – daß Sie +auch jetzt noch nur für mich leben, gewissermaßen sogar nur um +meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden, mein Leid ist Ihr +Leid, und meine Gefühle sind Ihnen wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man +sich aber den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen so viel +Mitleid empfindet, dann hat man allerdings Ursache, der unglücklichste +Mensch zu sein. Als Sie heute nach dem Dienst bei uns eintraten, +erschrak ich förmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so +abgehärmt und mitgenommen, so zerstört und verzweifelt aus: Sie waren +kaum wiederzuerkennen, – und das alles nur deshalb, weil Sie sich +fürchteten, mir Ihren Mißerfolg mitzuteilen, mich zu betrüben und zu +erschrecken. Als Sie aber sahen, daß ich ob dieses kleinen Unglücks zu +lachen begann, da atmeten Sie geradezu befreit auf. Makar Alexejewitsch! +So grämen Sie sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie +doch vernünftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwöre Sie! Sie werden +sehen, es wird alles gut werden, alles wird sich zum Besseren wenden. +Sie machen sich das Leben ganz unnötigerweise schwer, indem Sie sich +ewig um andere grämen und sorgen. + +Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals, sorgen Sie sich +nicht um mich! + + W. D. + + +Mein Täubchen Warinka! + +Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu der Überzeugung gelangt, +daß es noch kein Unglück ist, daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun +gut, ich bin also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil Sie +mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung bleiben. Ja und +wenn man schon alles sagen soll, so muß ich gestehen, daß mein Herz voll +Freude war, als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über mich +schrieben und sich über meine Gefühle so lobend äußerten. Ich sage das +nicht aus Stolz, sondern weil ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen, +wenn Sie sich gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch was soll man +jetzt noch viel von meinem Herzen reden! Das Herz ist eine Sache für +sich, – aber Sie sagen da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein soll. +Ja, mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig ist, daß man ihn +wirklich nicht braucht – den Kleinmut, meine ich. Aber, bei alledem: +sagen Sie mir jetzt bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln ich mich +morgen in den Dienst begeben soll? – Da sehen Sie, mein Kind, wo der +Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch einen Menschen zugrunde richten, +kann ihn einfach vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist freilich, +daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß ich nicht um +meinetwillen darunter leide. Mir persönlich ist das doch ganz gleich, +und müßte ich auch in der größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen: +ich würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, ich bin doch +ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber was werden die Leute dazu +sagen? – was werden meine Feinde sagen, und alle diese boshaften Zungen, +wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch nur um der Leute +willen, und auch die Stiefel trägt man nur ihretwegen. Die Stiefel sind +in diesem Falle, mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur Aufrechterhaltung +der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen Stiefeln aber geht +die eine wie der andere verloren – glauben Sie mir, was ich Ihnen sage, +mein Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige Erfahrung, hören Sie +auf mich Alten, der die Menschen kennt, und nicht auf irgend solche +Sudler. + +Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich erzählt, Kind, wie das +heute alles in Wirklichkeit war. Ich habe an diesem einen Morgen so viel +ausgestanden, so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch einer +vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun hören Sie, wie es war: + +Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn anzutreffen und dann +selbst noch rechtzeitig in den Dienst kommen zu können. Es war solch ein +Regenwetter heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in meinen +Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, und dabei dachte ich die ganze +Zeit: Lieber Gott! Vergib mir alle meine Übertretungen deiner Gebote und +laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich an der –schen Kirche +vorüberging, bekreuzte ich mich, bereute alle meine Sünden, besann mich +aber darauf, daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu +unterhandeln. Da versenkte ich mich denn in meine eigenen Gedanken und +wollte nichts mehr ansehen. Und so ging ich denn, ohne auf den Weg zu +achten, immer weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen, denen +man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt und gehetzt aus – freilich +war das auch kein Wunder: wer wird denn um diese Zeit und bei diesem +Wetter spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam mir entgegen: +die stießen mich roh zur Seite, die Kerle. Da überfiel mich wieder +Schüchternheit, mir wurde bange, und an das Geld, um die Wahrheit zu +sagen, wollte ich überhaupt nicht mehr denken – geht man auf gut Glück, +nun, dann eben auf gut Glück! + +Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine meiner Stiefelsohlen +liegen, so daß ich selbst nicht mehr weiß, auf was ich eigentlich +weiterging. Und gerade dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff +entgegen, stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als wolle +er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, Bruderherz, dachte ich, +ein Trinkgeld, was ist ein Trinkgeld! + +Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich ein bißchen, und dann +schleppte ich mich wieder weiter. Jetzt sah ich absichtlich überall hin, +um irgendwo was zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften +können, so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, aber +ich fand nichts: kein einziger Gedanke wollte haften bleiben, und zum +Überfluß war ich auch noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir +selber schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes hölzernes +Haus mit einem Giebelausbau, eine Art Villa: nun, da ist es, dachte ich +gleich, so hat es mir auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben – das Haus +Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der Geld auf Prozente +leiht.) Nun, und da gingen mir denn die Gedanken alle ganz +durcheinander: ich wußte, daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem +den Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn dies dort eigentlich +sei, das heißt also, wer darin wohne. Der Schutzmann aber, solch ein +Grobian, antwortete mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und +brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem gewissen Markoff. +Diese Polizeibeamten sind alle so gefühllose Menschen – doch was gehen +sie mich schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer +Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum andern. In allem findet man +etwas, was gerade der eigenen Lage entspricht oder was man als +gewissermaßen zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer so. – +An dem Hause ging ich dreimal vorüber, aber je mehr ich ging, um so +schlimmer wurde es: nein, denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir +bestimmt kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein fremder, +ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle Sache, und auch mein +Äußeres ist nicht gerade einnehmend. Nun, denke ich, wie es das +Schicksal will, dann bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es +überhaupt nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja auch nicht +gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich denn leise das Hofpförtchen. +Aber nun kam schon das andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da +stürzte solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger Hackenbeißer, +auf mich los und kläffte und kläffte, daß einem die Ohren klangen. Und +sehen Sie, immer sind es gerade derartige nichtswürdige kleine +Zwischenfälle, mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und +von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, zu der man +sich schon zusammengerafft hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot +halb lebendig ins Haus – dort aber stieß ich gleich auf ein neues +Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und was im halbdunklen Flur neben +der Schwelle stand – plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes +Weib, das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß, und da +verschüttete sie denn die ganze Milch. Das dumme Weib schrie natürlich +und keifte sogleich und zeterte: „Siehst du denn nicht, wohin du rennst, +mach doch die Augen auf, was suchst du hier?“ und so ging es weiter ohne +Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles, mein Kind, schreibe es nur +deshalb, weil mir in solchen Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß +mir wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate ich mit etwas +anderem, ganz Nebensächlichem zusammen und durcheinander. + +Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, eine +Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an sie: ob hier Herr Markoff +wohne? Nein, sagte sie zunächst barsch, blieb dann aber stehen und +musterte mich eingehend. + +„Was wollen Sie denn von ihm?“ fragte sie. + +Nun, ich erklärte ihr alles: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch ...“ – +erzählte auch alles übrige – kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief +die Alte ihre Tochter herbei – die kam: ein erwachsenes Mädchen, und +barfuß. + +„Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. Bitte, treten Sie näher.“ + +Ich trat ein. Das Zimmer war – nun, wie so gewöhnlich diese Zimmer sind: +an den Wänden Bilder, größtenteils Porträts von Generälen, ein Sofa, ein +runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen – ich denke und +denke: soll ich mich nicht lieber drücken, solange es noch Zeit ist? Und +bei Gott, mein Kind, ich war wirklich schon im Begriff, fortzulaufen! +Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens, dann wird auch +das Wetter besser sein, ich werde noch bis dahin warten! Heute aber ist +sowieso die Milch verschüttet, die Generale sehen mich alle so böse an +... Und ich wandte mich, ich gesteh’s wirklich, schon zur Tür, Warinka, +da kam auch schon Er: – so, nichts Besonderes, ein kleines, graues +Kerlchen, mit solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen Äuglein, dabei +in einem schmierigen Schlafrock, mit einer Schnur um den Leib. + +Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und womit er mir dienen +könne, worauf ich ihm sagte: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch – etwa +vierzig Rubel,“ sagte ich, „die habe ich nötig –.“ Aber ich sprach nicht +zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich verspielt hatte. + +„Nein,“ sagte er, „tut mir leid, ich habe kein Geld. Oder haben Sie ein +Pfand?“ + +Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand zwar nicht habe, +„Jemeljan Iwanowitsch aber – und so weiter,“ mit einem Wort, ich +erklärte ihm alles, was da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an. + +„Ja, was,“ sagte er, „Jemeljan Iwanowitsch kann mir nichts helfen, ich +habe kein Geld.“ + +Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das wußte ich, das habe +ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, es wäre besser gewesen, die Erde +hätte sich unter mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief mir +über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich an, fast als wolle er +sagen: „Nun, geh mal jetzt, mein Bester, du hast hier nichts mehr zu +suchen,“ – so daß ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt +hätte. + +„Wozu brauchen Sie denn das Geld?“ – (das hat er mich wirklich gefragt, +mein Kind!). + +Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig dazustehen, aber er +wollte mich gar nicht mehr anhören. + +„Nein,“ sagte er, „ich habe kein Geld, sonst,“ sagte er, „sonst würde +ich mit dem größten Vergnügen ...“ + +Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, sagte ihm, daß ich +ja nicht viel brauche, daß ich ihm alles wieder zurückgeben würde, genau +zum Termin, ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe Prozente nehmen +könne, wie er nur wolle, und daß ich ihm, noch einmal, bei Gott alles +zurückzahlen werde. Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein +Kind, an Ihr Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr +Fünfzigkopekenstückchen. + +„Nein,“ sagte er, „wer redet hier von Prozenten, aber wenn Sie ein Pfand +hätten ... Ich habe im Augenblick kein Geld, bei Gott, ich habe keines, +sonst natürlich mit dem größten Vergnügen ...“ + +Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber! + +Nun und da, meine Liebe, – ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das Haus +verließ und wieder auf die Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur +furchtbar müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren und kam +erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte meine Kleider etwas +abbürsten, vom Schmutz reinigen, aber der Amtsdiener sagte, das gehe +nicht an, ich würde die Bürste verderben, die Bürste sei aber +Kronseigentum. Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt von diesen +Leuten angesehen werde: als wäre ich noch nicht einmal eine alte Matte, +an der man die Füße abwischen kann. Was ist es denn, Warinka, was mich +so niederdrückt? – Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, sondern alle +diese Aufregungen, und daß man mit Menschen in Berührung kommt: all +dieses Geflüster, dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz +kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden oder über mein +Äußeres eine Bemerkung machen! Ach, Kind, meine goldenen Zeiten sind +jetzt vorüber! Heute habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen, +– traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen, Gott schütze Sie! + + M. Djewuschkin. + +P. S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglück halb scherzhaft +beschreiben, Warinka, aber man sieht, daß es mir nicht mehr gelingen +will, das Scherzen nämlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde +zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen. + + + 11. August. + +Warwara Alexejewna! Mein Täubchen! Verloren bin ich, beide sind wir +verloren, unrettbar verloren! Mein Ruf, meine Ehre – alles ist verloren! +Und ich bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde geschmäht, +mein Kind, verachtet, verspottet, und die Wirtin beschimpft mich schon +laut und vor allen Menschen. Heute hat sie wieder geschrien, geschrien +und mich mit Vorwürfen überhäuft, als wäre ich ein Nichts und ein Dreck! +Und am Abend begann dann jemand von ihnen bei Ratasäjeff einen meiner +Briefe an Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht beendet und in +die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie aus der Tasche +verloren haben muß. Mein liebes, liebes Kind, wie haben sie da gelacht! +Wie sie uns betitelt haben und wie sie höhnten, wie sie höhnten, die +Verräter! Ich hielt es nicht aus und ging zu ihnen und beschuldigte +Ratasäjeff des Treubruchs und sagte ihm, daß er ein Falscher sei! +Ratasäjeff aber erwiderte mir darauf, ich sei selbst ein Falscher und +beschäftige mich nur mit Eroberungen. Ich hätte sie alle getäuscht, +sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen ein Lovelace! Und jetzt, +mein Kind, werde ich nun von allen hier nur noch Lovelace genannt, einen +anderen Namen habe ich überhaupt nicht mehr! Hören Sie, mein Engelchen, +hören Sie – die wissen doch jetzt alles von uns, sind von allem +unterrichtet, und auch von Ihnen, meine Gute, wissen sie alles, alles +ist ihnen bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen, betrifft! Und auch +der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich wollte ihn heute hier in +den kleinen Laden schicken, damit er mir ein Stückchen Wurst kaufe, aber +nein, er geht nicht, er habe zu tun, sagt er. – Du mußt doch, es ist +doch deine Pflicht, sage ich. + +„Auch was Gutes – meine Pflicht!“ höhnte er, „Sie zahlen doch meiner +Herrin kein Geld, folglich gibt’s da nichts von Pflicht.“ + +Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten, frechen Menschen +eine solche Beleidigung, und so schalt ich ihn denn einen „Dummkopf!“, +er aber sagte mir darauf bloß kurz: „Das sagt mir nun so einer!“ – Ich +dachte erst, daß er betrunken sei, hielt es ihm denn auch vor: „Hör +mal,“ sagte ich, „du bist wohl betrunken?“ – Er aber grobte mich an: + +„Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben? Sie haben doch nicht einmal +so viel, daß Sie sich selber betrinken könnten!“ und dann brummte er +noch: „Das soll nun ein Herr sein!“ + +Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen ist, mein Kind! Man +schämt sich, zu leben, Warinka! Ganz wie ein Verrufener kommt man sich +vor, schlimmer noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es, Warinka! +Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar verloren! + + M. D. + + + 13. August. + +Lieber Makar Alexejewitsch! + +Uns sucht jetzt ein Unglück nach dem anderen heim, auch ich weiß nicht +mehr, was man noch tun soll! Was wird nun aus Ihnen werden, auf meine +Arbeit können wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute mit +dem Bügeleisen die linke Hand verbrannt: ich ließ es versehentlich +fallen und beschädigte und verbrannte mich, gleich beides zusammen. +Arbeiten kann ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten Tag +krank. Oh, diese Sorge und Angst! + +Hier sende ich Ihnen dreißig Kopeken: das ist fast das Letzte, was wir +haben, Gott weiß, wie gern ich Ihnen jetzt in Ihrer Not helfen würde. Es +ist zum Weinen! + +Leben Sie wohl, mein Freund! Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie +heute zu uns kämen. + + W. D. + + + 14. August. + +Makar Alexejewitsch! + +Was ist das mit Ihnen? Sie fürchten wohl Gott nicht mehr? Und mich +bringen Sie um meinen Verstand. Schämen Sie sich denn nicht!? Sie +richten sich zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie sind ein +ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch – was werden die Menschen +sagen, wenn sie das erfahren? Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie +werden doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht mehr leid um +Ihre grauen Haare? So fürchten Sie doch wenigstens Gott! + +Fedora sagt, daß sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen werde, und auch ich +kann Ihnen unter diesen Umständen kein Geld mehr schicken. Was haben Sie +aus mir gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es sei mir ganz +gleichgültig, daß Sie sich so schlecht aufführen. Sie wissen noch nicht, +was ich Ihretwegen auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf +unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen mit dem Finger +auf mich und sagen solche Schändlichkeiten, – ja, sie sagen geradezu, +daß ich mit einem _Trunkenbold ein Verhältnis habe_. Wie glauben Sie, +daß mir zumute ist, wenn ich so etwas hören muß! Und wenn man Sie nach +Hause bringt, sagt alles mit Verachtung von Ihnen: „Da wird der Beamte +wieder gebracht.“ Ich aber – ich schäme mich zu Tode für Sie. Ich +schwöre Ihnen, daß ich diese Wohnung hier verlassen werde. Und sollte +ich auch Stubenmagd oder Wäscherin werden – hier bleibe ich auf keinen +Fall! + +Ich schrieb Ihnen, daß ich Sie erwarte, Sie sind aber nicht gekommen. +Meine Tränen und Bitten sind Ihnen also schon gleichgültig, Makar +Alexejewitsch? Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das Geld dazu +aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen Sie sich in acht! Sie werden doch +sonst verkommen, ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese +Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen, da haben +Sie auf der Treppe die Nacht verbracht – ich weiß alles. Wenn Sie +wüßten, wie weh es mir tat, als ich das von Ihnen hören mußte! + +Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter werden: wir können +zusammen lesen, können von früheren Zeiten reden. Fedora kann uns von +ihren Erlebnissen erzählen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir nicht +an, daß Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit auch mich zugrunde, +glauben Sie es mir! Ich lebe doch nur noch für Sie allein, nur +Ihretwegen bleibe ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein +anständiger Mensch, seien Sie doch charakterfest und standhaft, auch im +Unglück. Sie wissen doch: Armut ist keine Schande. Und weshalb denn +verzweifeln? Das ist doch alles nur vorübergehend. Gott wird uns schon +helfen und alles wird wieder gut werden, wenn Sie sich nur jetzt noch +etwas zusammennehmen! + +Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich dafür Tabak, oder was +Sie da wollen, nur geben Sie sie um Gottes willen nicht für Schlechtes +aus. Kommen Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie werden sich +vielleicht wieder schämen, wie neulich – aber lassen Sie das, das wäre +ja bloß falsche Scham. Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten! +Vertrauen Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden. + + W. D. + + + 19. August. + +Warwara Alexejewna, mein Kindchen! + +Ich schäme mich, mein Sternchen, ich schäme mich. Doch übrigens, +Liebling, was ist denn dabei so Besonderes? Warum soll man nicht sein +Herz etwas erleichtern? Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine +Stiefelsohlen – eine Sohle ist doch nichts und bleibt ewig nur eine +einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle. Und auch Stiefel sind +nichts! Sind doch die griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu +also soll sich unsereiner mit einem so nichtswürdigen Gegenstande +abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen und verachten? Ach, Kind, +mein Kind, da haben Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben +können! – Der Fedora aber sagen Sie, daß sie ein närrisches, +unzurechnungsfähiges Weib ist, mit allerlei Schrullen im Kopf, und zum +Überfluß auch noch dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare +betrifft, so täuschen Sie sich auch darin, meine Gute, denn ich bin noch +lange nicht so ein Alter, wie Sie denken. + +Jemeljä läßt Sie grüßen. Sie schreiben, Sie hätten sich gegrämt und +hätten geweint, und ich schreibe Ihnen, daß auch ich mich gegrämt habe +und weine. Zum Schluß aber wünsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen, +und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls gesund und wohl und +verbleibe mit besten Grüßen, mein Engelchen, Ihr Freund + + Makar Djewuschkin. + + + 21. August. + +Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna! + +Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß Sie mir viel zu +verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen, +Kind, daß ich alles dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem +Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewußtsein +meiner Schuld. + +Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. Um aber Ihr +Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu können, müßte man gar ein +blutdürstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen +bekannt sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger +Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich +schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht +schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was +oder wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so eine dunkle +Sache mit uns, mein Kind! + +Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken: +mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben +sich das Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern +müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun +sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle +Gewissensbisse, recht wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu +berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heißt, +zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu nichts tauge und daß ich +selbst höchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle. +Ja, ich hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas von +Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an, +in mir etwas Unwürdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu +Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte +Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten +Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwürde überließ, da war +denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz, +der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich +aber bin nicht schuld daran. + +Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam +gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und +kalt. Und dann kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte +bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, und schon seit +zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so daß er +bereits solche Sachen versetzen wollte, die man überhaupt nicht +versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt. + +Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit +der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein +Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch von Ihnen! Er ist ein +sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch. +Das fühlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so +gekommen, eben weil ich das alles fühlte. + +Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich +Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen +und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam +gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdämmert und gar nicht +wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bösen Menschen, die +da ewig sagten, daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich +schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß auch ich mich +schließlich ruppig fand und mich meiner selbst zu schämen begann. Sie +sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, daß ich +stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben +Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem Herzen wie in meiner Seele +licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen +und erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. Daß ich dabei +bin, wie ich bin, daß ich durch nichts glänze, keinen Schliff besitze, +keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch +ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch! +Nun, und dann, als ich fühlte, daß das Schicksal mich verfolgte, als +ich, durch das Schicksal erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde +selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen +zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das +Unglück! + +Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Tränen, +mich nie mehr über diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon +zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird +mir schwer und bitter. + +Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr +treuer + + Makar Djewuschkin. + + + 3. September. + +Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar Alexejewitsch, es +fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen habe ich Augenblicke, wo es +mich freut, allein zu sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können, +allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche Stimmungen +überfallen mich jetzt immer häufiger. In meinen Erinnerungen liegt etwas +mir Unerklärliches, das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar in +einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für alles mich Umgebende +vollständig unempfindlich bin und die Gegenwart, alles Gegenwärtige, +vergesse. Ja, es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck, +gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Ähnliches aus meinem +früheren Leben erinnerte, am häufigsten an meine Kindheit, meine goldene +Kindheit! Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich schwer +zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet, meine Schwärmerei erschöpft mich +und meine Gesundheit wird sowieso schon immer schwächer. + +Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen, wie wir ihn jetzt +selten haben, hat mich heute neu belebt und mit Freude erfüllt. So haben +wir schon Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! Ich war ja +damals noch ein Kind, aber doch fühlte und empfand ich schon alles in +gesteigertem Maße. Den Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als +den Morgen. Ich erinnere mich noch – nur ein paar Schritte weit von +unserem Hause, am Berge, lag der See. Dieser See – es ist mir, als sehe +ich ihn jetzt wirklich vor mir – so hell und rein, wie Kristall! War der +Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. Kein Blatt rührte sich in +den Bäumen am Ufer, der See lag blank und regungslos wie ein großer +Spiegel. Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer Hütte fern +am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die Herden werden heimgetrieben – da +schleiche ich denn heimlich aus dem Hause zum See und schaue und schaue +und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig brennt bei den +Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein fließt in einem langen +Streifen auf dem Wasserspiegel zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und +kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote feurige Streifen, +die nach und nach bleicher werden und schließlich ganz blaß vergehen. +Der Mond geht auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still – bald +fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter einem Windhauch +– alles, selbst das leiseste Geräusch ist deutlich zu hören. Über dem +blauen Wasser erhebt sich langsam weißer Nebel, so leicht und +durchsichtig. In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles +im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen – das Boot, das +Ufer, die Insel – eine alte Tonne, die im Schilf vergessen ist, +schaukelt kaum-kaum merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit +vertrockneten Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf. Eine +verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser, fliegt wieder auf und +verschwindet im Nebel, – und ich schaute und horchte, – wundervoll, so +wundervoll war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind! ... + +Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst, wenn das Korn schon +eingeerntet ist, die Feldarbeiten beendet sind, man des Abends in den +Hütten zusammenkommt und alle sich auf den Winter vorbereiten. Dann +werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt sich, die Wälder werden +gelb, das Laub fällt von den Bäumen und die Bäume stehen kahl und +schwarz, – namentlich abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt, dann +erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie schreckliche +Gespenster. Und wenn man sich auf dem Spaziergang etwas verspätet und +hinter den anderen zurückbleibt – wie eilt man ihnen dann nach, und wie +groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, auf einmal – +hinter jenem Baumstamm – hat sich dort nicht etwas Schreckliches +versteckt, das gleich hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den +Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen Stimmen zu heulen +und zu klagen, und Blätter fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde, +und plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze Wolke +Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte, und da ist es – als +hörte man jemand, eine fremde Stimme raunen: „Laufe, laufe, Kind, +verspäte dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, laufe, +Kind!“ – und Entsetzen erfaßt das Herz und man läuft und läuft, bis man +außer Atem zu Hause anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit: +uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen oder +Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln. Im Ofen prasselt das Feuer, +Mama beaufsichtigt lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte +Kinderfrau Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von Zauberern und +Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich einander näher, aber das +Lächeln will doch nicht von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles +still ... Hu! da, ein Surren und Klopfen – pocht jemand an der Tür? – +Nein, es ist nur das Spinnrad der alten Frolowna! Und wie wir lachen! +Dann aber kommt die Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen, +Schreckbilder und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und wacht man auf, +so wagt man nicht sich zu rühren und liegt zitternd bis zum Morgengrauen +unter der Decke. Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, steht +man doch wieder frisch und munter auf und schaut neugierig durch das +Fenster: auf dem Stoppelfelde liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume +und Büsche sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis auf dem +See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig. Und Sonne, überall Sonne, +wie Glas bricht das dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es, +so klar, so ... so wonnig! + +Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns an den Tisch, auf dem +schon der Ssamowar summt, und durch das Fenster sieht unser schwarzer +Hofhund Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. Ein Bäuerlein +fährt am Hause vorüber, in den Wald, nach Holz. Alle sind so zufrieden, +so frohgemut! ... In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft, +in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung der großen, großen +Heuschober – es ist eine wahre Lust, das alles anzusehen! Und alle sind +ruhig, alle sind froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der +Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter nicht darben werden, +und der Bauer weiß, daß er seinen Kindern Brot zu geben hat und sie satt +sein werden. Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen, die +fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht man sie alle am Feiertage +ihr Dankgebet im Gotteshause sprechen ... Ach wie wundervoll, wie +wundervoll war meine Kindheit! ... + +Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran sind natürlich nur diese +Erinnerungen schuld. Ich habe so lebhaft, so deutlich alles vor mir +gesehen, die ganze Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint +mir jetzt doppelt trüb und dunkel! ... Wie wird das enden, was wird aus +uns werden? Wissen Sie, ich habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die +Überzeugung, daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle mich +sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, aber eigentlich möchte +ich doch nicht so sterben – würde nicht in dieser Erde ruhen wollen ... +Vielleicht werde ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe mich +von jener Krankheit noch nicht erholt. + +Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen und ich bin allein. Seit +einiger Zeit fürchte ich mich, wenn ich allein bin: es scheint mir dann +immer, daß noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu mir spricht, +und zwar besonders dann, wenn ich aus meinen Träumereien, die mich mit +ihren Erinnerungen ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen +lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir dann, als habe +sich etwas Unheimliches im Zimmer versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich +Ihnen auch einen so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht +es wieder – Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief, ich habe weder +Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. Von dem Gelde für meine +verkauften Kleider und den Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben +Ihrer Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie hoffentlich +eine Weile schweigen. – Versuchen Sie doch, Ihre Kleider irgendwie ein +wenig auszubessern. Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht, +wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung ermüdet +mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit verschafft – wie soll ich dann +arbeiten? Das ist es, was mir den Mut raubt. + + W. D. + + + 5. September. + +Mein Täubchen Warinka! + +Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke empfangen. Mein Kopf tat +mir den ganzen Tag über weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging +ich schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens etwas +frische Luft schöpfen. Der Abend war düster und feucht. Jetzt dunkelt es +doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch +unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen +die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem +Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie +sie einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene Kerle, +stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln und mit strähnigem +Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel: +irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein +ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, rußglänzendem Gesicht, +ein Schloß in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von +Riesengröße, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet – +das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der +sich ein anderes dort gar nicht zeigt! + +Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe können ihn +passieren. Frachtkähne lagen da, in einer solchen Menge, daß man gar +nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka +ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. Auf den Brücken saßen +Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Äpfeln, so +schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu +gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: unten die Füße im +Nebel, über dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein +dunkler, lichtloser Abend war es heute. + +Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, einbog, war es schon +ganz dunkel geworden. Man zündete gerade das Gas an. Ich war lange nicht +mehr auf der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht. Eine +belebte, großartige Straße! Was für Läden, was für Schaufenster! – alles +glänzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter +Glas ... und was für Hüte mit Bändern und Schleifen! Man denkt, das sei +alles nur so zur Verschönerung der Straße ausgestellt, aber nein: es +gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen schenken! +Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche Bäcker haben dort ihre Läden – +das müssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren +alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das nur aushält! Und alles +so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und +Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und Schnüren +und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und sah dort +immer Damen sitzen, alle so geputzt und großartig. Vielleicht waren es +lauter Fürstinnen und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit, in der sie +auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. Es muß doch sehr eigen sein, +eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu +sehen. Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals eine in der +Nähe gesehen: höchstens so in einer Kutsche und im Vorüberfahren. Da +mußte ich denn heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen, meine +Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz +brechen! Warum müssen Sie denn so unglücklich sein, Warinka? Mein +Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schön, +sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum +ist es so eingerichtet, daß ein guter Mensch in Armut und Elend leben +muß, während einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? Ich +weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist +Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so über die +Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur dem +einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück fürs ganze Leben bereitet, +während der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt? +Und es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem Närrchen +Iwanuschka zufällt. + +„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust in den Goldsäcken deiner +Väter, iß, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die +Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für einer +bist!“ + +Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, so zu denken, +aber wenn man nachdenkt, dann drängt sich einem nun einmal ganz +unwillkürlich die Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in so +einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generäle und +Staatsbeamte würden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen – +und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem alten +Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden +Edelsteinen geschmückt. Sie würden auch nicht so mager und kränklich +sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und +gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, wenn ich +wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten Fenstern +hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken könnte. +Allein schon der Gedanke, daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein +Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich gleichfalls +fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ... Nicht genug, daß böse +Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, nun muß auch noch ein Wüstling +Sie beleidigen! Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie durch +eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, bloß deshalb +ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb muß man seine schamlosen Reden noch +untertänig anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf +man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind, +weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen +Schutz und Schirm gewähren könnte! + +Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, denen es +nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? – Das sind eben +nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das +bloß als Summe zählt, als Begriff, ein trübes Etwas, das es in +Wirklichkeit und als Einzelwesen überhaupt nicht gibt – davon bin ich +überzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht +nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der +Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese. +Er schleppt sich zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen +Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist er sein +eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen +bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht +wie eine aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten: womit er eben +kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das +ist wahr, und er bleibt arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist +müde und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich doch, und +wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er müht +sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein +Kind, solche, die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig +verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen +untertänig grüßen müssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer, +wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich etwas +ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten +Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen +Kräften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar +nichts. + +Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein +Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt +empfand. Ich war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen. +Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen – da +blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken +abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da, +auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein +ganz kleines Mädchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte +sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen +kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wäre ein netter Junge +gewesen, wenn er nicht so kränklich, so mager und verhungert ausgesehen +hätte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes +Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte mit offenem Mäulchen +der Musik zu – Kinder sind eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich +ganz in kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten +tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren schon blau vor Kälte und +dabei zitterte er am ganzen Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen, +das er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand hatte er ein +Papier. Ein Herr ging vorüber und warf dem Leiermann eine kleine Münze +zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum +hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er plötzlich aus seiner +Versonnenheit auf, sah sich schüchtern um und glaubte wohl, daß ich das +Geld geworfen habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen +zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir das Papier +entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“ + +Ich nahm das Papier, entfaltete es und las – nun, man kennt das ja +schon: Wohltäter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter +liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem Throne Gottes +stehen werde, will ich in meiner Fürbitte diejenigen nicht vergessen, +die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.“ + +Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug +erlebt. Was aber – ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich +ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe, +ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, und er log doch +nicht, bei Gott, er log nicht! – ich weiß, wie das ist! Schlecht ist +nur, daß diese Mütter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und +bei dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein +dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine Pflicht wäre, vielleicht +kümmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut +nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin +könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein wenden, oder sich bei +der Polizei melden, wie es sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach +eine Betrügerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße +hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen +schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der +Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom +Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm +vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre +Worte grausam. + +„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, was er an Worten zu +hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und +vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine +Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da – er hustet ja schon – +kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die +Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod über +ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten, +schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist +dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben! +Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi willen“ zu hören und +vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen +sagen zu müssen: „Gott wird dir geben.“ + +Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen nicht zu berühren. +(Es gibt ja doch verschiedene „um Christi willen“, mein Kind.) Manch +eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen, +eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe +vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler +von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet. +Aber manch ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten, +heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas +Unheimliches durch Mark und Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem +kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort am +Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden –: „Ein Almosen, Herr, um +Christi willen!“ – sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß +ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer +schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte +nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die +Armen über ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches +Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als „lästig“: – Das +Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?! + +Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil +deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil +aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines +guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt +haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert +hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in +einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst +von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich +sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht +... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise +Gerechtigkeit widerfahren! + +Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz +grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für +weniger als ein Holzspänchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen, +vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist, +ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat. + +Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem +Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an. + +Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege +zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da +erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln, +zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel +schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine +neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen – und da +schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt +nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen +schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das +einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war, +sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so +unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, Warinka, +daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis. + +Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern +vorgeht. + +Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not +zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker +aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von +einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch +zugeschnitten – ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen +Nichtigkeiten träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist ein Schuster: +bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine +hungrige Frau. Übrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf, +meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht, +sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei +bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher +gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in +derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben +Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer +Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln +... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein +wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf +sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem +Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das +doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein +armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über +Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas +Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“ + +Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen +wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er +kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem +heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß +man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das +Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein +Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was +ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus +einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht, +beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und +schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe +ich das erst recht nicht – damit Sie’s wissen! + +Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch, +machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen +Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins +Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen +aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren +vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei +bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als +meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und +Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – ja, ich +weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff +kommt zu mir herein, grüßt – hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –, +macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort hervorbringen. +Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen zerbrochenen, denn einen +anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte +sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm er doch das Glas. Dann +wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er entschuldigte sich wieder +und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt +Zucker dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte, +entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das kleinste +Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei ungewöhnlich süß. +Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den Menschen zu bringen +vermag! + +„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich ihn. + +Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein Wohltäter, Makar +Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine +Kinder und meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, als +Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...“ + +Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich: + +„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade, +daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle +so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht +belästigen,“ sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten +gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber +vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas – leihen? Ich wage es +nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich +weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind – da +wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ Und zum Schluß bat er mich noch +ausdrücklich, ihm seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen. + +Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich +aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts. + +„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich will Sie ja nicht um +viel bitten,“ – dabei errötete er bis über die Stirn – „aber meine Frau +... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar +Alexejewitsch!“ + +Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um +„nur zehn Kopeken“ hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu +ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen +ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum +Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne +wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache. + +„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar +Alexejewitsch ...“ + +Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten +zwanzig Kopeken, mein Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die +Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen +uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in +solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem +Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse. + +Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem +halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt. +Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die +weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem +Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines +Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist +nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit +angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines +gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen +hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen, +worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese +Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen +Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er +nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht +gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so +hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit, +so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, – „der +Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, „des Betruges +und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!“ Das +ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst +entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches +Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht +unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor +Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen +können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte, +noch seine Rechtfertigung zusammenhängt. + +Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es +ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert +Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da +bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die +Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs +Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch +ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf +der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie +aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen +doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein +Kindchen zur Welt – das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann +erkrankte der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – und das hat +neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an +irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist +schwer, sehr schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in einigen +Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn, daran könne +man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein +Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er ist ja doch +ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er hat +Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen. +Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt. + +Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie +gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege +sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge, +so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust. + + Ihr aufrichtiger Freund + Makar Djewuschkin. + + + 9. September. + +Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind! + +Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall +bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem +Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich +ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen +das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder +doch – ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! Mein +Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und +wirklich, ich habe neulich etwas Ähnliches im Traume gesehen! + +Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde Ihnen alles erzählen, ohne +diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es +mir eingibt. + +Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin, +setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß +ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam +Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein wichtiges Dokument, +das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich +daran – sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch +unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern +gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß – will sagen, daß ich +eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten +mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber +waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn +daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur – ich weiß +wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der +leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche +geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht +anders kommen mußte: – nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile +aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich +überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und +erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt. + +Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen +Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine +Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch +mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich +überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen +Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war +alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß +Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes +Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es +hörten: + +„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U–u–u?“ – +und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen, +sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein +lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! – Ich klappte +meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue +ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe. +Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen. +Ich höre – täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen +Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht, +wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie +zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, – ich +rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief +man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe: +„Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die Augen +auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – und ich höre noch, wie er +sagt: + +„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer +Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ Das war alles, was er sagte, +aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon +genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts +mehr, ich ging – das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot +noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und +noch ein drittes – ins Kabinett – jedenfalls sah ich dann, daß ich dort +stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen +nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie +herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine +Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine +Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden, +mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig +nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in +die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu +verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es +kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten. +Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten +Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren +Exzellenz nie zu ihm getreten. + +Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht: + +„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie +Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt +werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben +Sie sich dabei eigentlich gedacht, –“ und zugleich wandten sich seine +Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus +dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... nur Unannehmlichkeiten +zu bereiten ...“ + +Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich +entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht. +Fortlaufen – daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah +plötzlich noch etwas – geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt +noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein Knopf nämlich – nun, +hol’ ihn der Teufel! – mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen +gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt +haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte – und rollte +ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in +dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze +Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner +Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz +wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich +dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles – +und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den +Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand +verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und +rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und +kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich also auch noch in bezug +auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich +die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze +Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch +noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als +hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie +ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf, +erhob mich, richtete mich auf – doch anstatt nun die Dummheit +einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht – +statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er +früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz +als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja, +bei Gott, ich lächelte noch! + +Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an – ich +hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen: + +„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... In welchem +Zustande! ... Was ist das mit ihm?“ + +Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet, +wie man’s besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch +antwortet ihm: + +„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher +musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“ + +„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte Seine Exzellenz, „geben Sie +ihm Vorschuß ...“ + +„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für +soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick +derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos +...“ + +Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben, +das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab +einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot. + +„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das muß also nochmals +abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben +Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ hier +wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene +Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber +war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche +hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. – + +„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen Sie’s gut sein ...“ und +damit drückten sie mir den Schein in die Hand. + +Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich +weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um +sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche hier +nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind – und er nahm diese +meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und +schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig +Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er +selbst einer ist. + +„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das +nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man +zerreißen ...“ + +Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora +bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie +zu Gott beten sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen +Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich und bis an ihr +Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das +sage ich feierlichst – also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es, +daß ich – so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch unter unserem +Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr Ungemach +dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfähigkeit – also +ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß diese hundert Rubel mir +nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz +selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den +Geringen, die Hand, diese meine unwürdige Hand zu drücken geruhten! +Damit haben sie mich mir selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen +Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, und ich +bin fest überzeugt, daß – so sündig ich auch vor dem Allerhöchsten sein +mag – mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch bis +zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört werden wird! – + +Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, wie ich +sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle +mich so erschöpft, als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen. + +Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den +Rest von 35 behalte ich für mich: davon will ich mir für 20 +Kleidungsstücke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben +mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, daß ich mich ganz +schwach fühle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt übrigens +ganz ruhig, vollständig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem +Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie meine Seele bebt +und zittert. + +Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt von all diesen +Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles! + + Ihr würdiger Freund + Makar Djewuschkin. + + + 10. September. + +Mein bester Makar Alexejewitsch! + +Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß die Hilfe Ihres +Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu würdigen. So können Sie jetzt +endlich aufatmen und sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines +bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen nicht wieder für +unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig und still, leben Sie möglichst +sparsam, und bitte, fangen Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite +zu legen, damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um uns brauchen Sie +sich wirklich nicht mehr zu sorgen. Werden uns schon durchschlagen. Wozu +haben Sie uns soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen +es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, was wir uns verdienen. +Es ist wahr, wir werden bald zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora +hofft, daß man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. Ich +behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den Rest sende ich Ihnen +zurück. Geben Sie das Geld nur nicht für Unnötiges aus, Makar +Alexejewitsch! + +Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden Sie gesund und +fröhlich. Ich würde Ihnen mehr schreiben, fühle mich aber schrecklich +müde. Gestern lag ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich +besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar +Alexejewitsch. Ich erwarte Sie. + + Ihre + W. D. + + +Meine liebe Warwara Alexejewna! + +Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich jetzt nicht, jetzt, wo +ich vollkommen glücklich und mit allem zufrieden bin! Mein Täubchen! +Hören Sie nicht auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was Sie +nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein schon aus Hochachtung +für Seine Exzellenz werde ich mich ehrenhaft und anständig aufführen. +Wir werden einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns +gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere Freuden und Sorgen – +wenn es wieder einmal Sorgen geben sollte – miteinander teilen: und so +werden wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander leben. Wir +werden uns mit der Literatur beschäftigen ... Mein Engelchen! In meinem +Leben hat sich doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin läßt +wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger geworden und sogar +Faldoni wird diensteifrig. Mit Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich +ging in meiner Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl, +mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt hat, beruht auf Unsinn +und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, daß alles nur eine häßliche +Verleumdung gewesen ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire auf +uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las mir sein neuestes +Werk vor. Und was das betrifft, daß er mich damals Lovelace benannt hat: +nun – so ist das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige +Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung erklärt. Lovelace +ist ein Fremdwort und bedeutet ungefähr „ein gewandter Bursche“, oder +wenn man es hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: „ein +schneidiger Kavalier“. Sehen Sie, das bedeutet es, nicht aber irgend so +etwas – anderes! Es war also ein ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein +Engelchen. Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für eine +Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich denn auch deswegen heute +bei ihm entschuldigt ... + +Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen hatten wir zwar +leichten Frost, aber das tut nichts: dafür ist die Luft jetzt etwas +frischer. Ich ging und kaufte mir ein Paar Stiefel – es sind wirklich +tadellos schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich noch etwas +auf dem Newskij spazieren. Habe dann die Zeitung gelesen. Ja, richtig! +und das Wichtigste habe ich vergessen, Ihnen zu erzählen! + +Also hören Sie jetzt, wie es war: + +Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Akssentij +Michailowitsch ein Gespräch an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja, +Warinka, Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen. Sie +haben schon vielen Gutes erwiesen und die Herzensgüte Seiner Exzellenz +ist aller Welt bekannt. Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und +vergießen Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen Hilfe +gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme Waise bei sich im +Hause erzogen, und die ist dann verheiratet worden, an einen angesehenen +Beamten, der zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört, und +Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer mitgegeben. Ferner +haben Exzellenz auch noch den Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei +untergebracht, und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den Menschen +erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, mein Kind, auch mein +Scherflein beizusteuern und erzählte allen laut, was Exzellenz an mir +getan: ich erzählte ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine +Verlegenheit steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, was +Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! Ganz laut erzählte ich es, so +daß alle es hören konnten, ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten +Seiner Exzellenz allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung +und errötete nicht: im Gegenteil, ich war stolz, daß ich so etwas +erzählen konnte. Und ich erzählte alles (nur von Ihnen, mein Kind, +erzählte ich zum Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit +Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und Faldoni, und von +Ratasäjeff und Markoff und von meinen Stiefeln – alles das erzählte ich +rückhaltlos. Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich +spotteten alle – alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich haben sie an +meiner Erscheinung etwas Lächerliches gefunden. Vielleicht haben sie +auch nur über meine Stiefel gelacht – ja, ganz sicher nur über meine +Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben sie gewiß nicht +gelacht, das hätten sie nie und nimmer tun können. Es kam eben nur so, +es war ihre Jugend – oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer +schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls – da hätten sie mich und +meine Worte bestimmt nicht verspottet. Das heißt, ich meine: etwa über +Seine Exzellenz lachen – das hätten sie unter keinen Umständen getan. +Hab’ ich nicht recht, Warinka? + +Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung kommen, mein +Kind. Alle diese Geschehnisse haben mich so verwirrt! Haben Sie auch +Holz zum Heizen? Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten, Warinka, +wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, mein Kind, er möge Sie +behüten und beschützen. Haben Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder +was da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter nötig ist? Seien +Sie nur vorsichtig, mein Täubchen. Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas +fehlen sollte, dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie sich +sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten vorüber und vor +uns liegt das Leben so hell und so schön! + +Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! Nun ja, was soll man da +noch reden, jetzt, da sie überstanden ist! Wenn erst Jahre darüber +vergangen sein werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd +zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an seine Jugendjahre +zurückdenkt! Was man da nicht alles durchgemacht hat! Wie oft hatte man +nicht einen einzigen Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war +man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man über den Newskij, +begegnete einem netten Gesichtchen – und da wurde man denn für den +ganzen Tag glücklich. Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch, +mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka! Namentlich in +Petersburg. Ich habe gestern mit Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn +meine Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die ich in dieser +traurigen Zeit begangen habe, verzeihen möge, als da sind: Freidenkerei, +Leichtsinn und Spiel. Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit +Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben mich getröstet und +gestärkt, haben mir guten Rat erteilt und mir mit Ihrem Beistand über +alles Schwere hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen niemals +vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle einzeln abgeküßt, mein +Täubchen, mein Engelchen! Nun, und jetzt – leben Sie wohl! + +Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine Uniform zu verkaufen +hat. Nun werde ich mich auch äußerlich wieder etwas instand setzen. +Leben Sie wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen! + + Ihr Ihnen innig zugetaner + Makar Djewuschkin. + + + 15. September. + +Mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was geschehen ist. Ich +ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen Sie selbst, mein bester Freund: +Herr Bükoff ist in Petersburg! + +Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen an ihr vorübergefahren, +hat sie erkannt, hat sogleich befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf +sie zugegangen und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natürlich +nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung hingeworfen – na, er +wisse ja schon, wer bei ihr sei. (Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles +erzählt.) Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort auf der +Straße Vorwürfe gemacht, ihm gesagt, daß er ein sittenloser Mensch sei +und ganz allein die Schuld an meinem Unglück trage. Darauf hat er +erwidert, wenn man keinen Kopeken habe, müsse man allerdings unglücklich +sein! + +Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklärt, daß ich mich sehr wohl mit +meiner Hände Arbeit ernähren, daß ich heiraten oder schlimmstenfalls +eine Stelle hätte annehmen können, jetzt aber sei mein Glück für immer +vernichtet: ich sei außerdem krank und werde wohl bald sterben. + +Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung, in meinem Kopfe gäre +es noch, und er hat hinzugefügt, unsere Tugenden seien wohl ein bißchen +trüb geworden (das sind genau seine Worte). + +Wir dachten schon, Fedora und ich, daß er nicht wisse, wo wir wohnen, +doch plötzlich, gestern – kaum war ich ausgegangen, um im Gostinnyj +Dworr einige Zutaten zu kaufen – da taucht er ganz unerwartet hier auf! +Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen wollen. Zunächst hat +er Fedora lange über unser Leben ausgefragt und alles bei uns genau +betrachtet, auch meine Handarbeit. Und dann hat er plötzlich gefragt: + +„Was ist denn das für ein Beamter, der mit euch bekannt ist?“ + +In diesem Augenblick sind Sie gerade über den Hof gegangen und da hat +Fedora auf Sie hingewiesen: er hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und +dann gelacht. Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all dem Kummer +ohnehin schon krank sei und es mir sehr unangenehm wäre, ihn hier zu +sehen, hat er nichts geantwortet und eine Weile geschwiegen: dann hat er +gesagt, daß er „nur so“ gekommen sei, er habe gerade nichts zu tun +gehabt, und schließlich hat er Fedora 25 Rubel geben wollen, die sie +natürlich nicht angenommen hat. + +Was könnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb, wozu ist er zu uns +gekommen? Ich begreife nicht, woher er alles über uns erfahren haben +kann? Ich verliere mich in allen möglichen Mutmaßungen. Fedora sagt, +Axinja, ihre Schwägerin, die bisweilen zu uns kommt, sei gut bekannt mit +der Wäscherin Nastassja, ein Vetter von dieser Nastassja aber sei +Amtsdiener in dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen von +Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der Klatsch nicht auf diesem +Umwege zu ihm gedrungen sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken +sollen. Könnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der bloße Gedanke +daran entsetzt mich! Als Fedora mir gestern das alles erzählte, erschrak +ich so, daß ich fast ohnmächtig wurde – vor Angst. Was wollen diese +Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen wissen! Was gehe ich +sie an? Ach, wenn Sie wüßten, in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden +Augenblick fürchte ich, Bükoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was +wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi willen, kommen Sie +sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch! Ich flehe Sie an, kommen Sie! + + + 18. September. + +Meine liebe Warwara Alexejewna! + +Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, Unerklärliches und +ganz Unerwartetes geschehen. Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge +nach erzählen. + +Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff freigesprochen wurde. Das +Urteil war wohl schon lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute +hatte man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die Sache endete +für ihn sehr günstig. All der Dinge, deren man ihn beschuldigt hatte – +der Unachtsamkeit, Nachlässigkeit usw. – wurde er freigesprochen. Das +Gericht stellte in vollem Umfange seine Ehre wieder her und verurteilte +den Kaufmann zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme an Gorschkoff, +so daß sich jetzt auch seine äußere Lage mit einem Schlage gebessert +hat, da das Geld ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem Wege +eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber war natürlich, daß der +Schandfleck entfernt wurde, der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag. +Mit einem Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung. + +Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum wiederzuerkennen. Sein +Gesicht war bleich wie Kreide. Die Lippen zitterten, und dabei lächelte +er in einem fort – so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir gingen +alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. Ich glaube, +unsere Handlungsweise rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und +drückte einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, als ob er +ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er sich weit strammer, als +sonst, und auch die Augen tränten nicht mehr, sondern glänzten förmlich. +Er war so erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es auf ein und +derselben Stelle aus: alles nahm er in die Hand, um es sogleich wieder +zurückzulegen, bald faßte er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann +setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem +und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal sagte er: „Meine Ehre, +ja, meine Ehre – ein guter Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...“ +und Sie hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen ihm +voll Tränen, und auch wir waren den Tränen nahe. Ratasäjeff wollte wohl +ablenken und sagte deshalb: + +„I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre, wenn man nichts zu essen +hat! Geld, Väterchen, Geld ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür +können Sie Gott danken!“ – und dabei klopfte er ihm auf die Schulter. + +Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie gekränkt fühlte. +Nicht gerade, daß er den Beleidigten gespielt hätte, aber er sah doch +den Ratasäjeff so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand von +seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht geschehen, mein Kind. +Übrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der +Freude ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht man doch, +meine Liebe, macht man doch oft genug einen ganz unnötigen Bückling, +macht ihn aus keinem anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger +Weichheit oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit ... Doch +handelt es sich hier nicht um mich – + +„Ja,“ sagte Gorschkoff nach einer Weile, „auch das Geld ist gut. Gott +sei Dank ... Gott sei Dank ...“ + +Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich hin: „Gott sei Dank ... +Gott sei Dank ...“ + +Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und besseres Mittagessen. +Unsere Wirtin kochte es selbst. Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine +gute Frau. + +Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick stillsitzen. Er ging +zu allen in die Zimmer, gleichviel, ob man ihn aufgefordert hatte oder +nicht. Er trat ganz einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich +auf einen Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts – und dann +ging er wieder. Bei unserem Seemann, bei dem man gerade spielte, nahm er +sogar Karten in die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen. +Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins Spiel und warf die +Karten nach drei oder vier Runden wieder hin. + +„Nein, ich habe ja nur so ...“ soll er gesagt haben, „ich habe ja nur so +...“ und damit ist er wieder aus dem Zimmer gegangen. + +Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden Hände und sah mir +lange in die Augen, aber mit einem ganz eigentümlichen Blick. Dann +drückte er meine Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf den +Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln, das so +unbeweglich, so bedrückend war, wie das Lächeln eines Toten. Seine Frau +weinte vor Freude. Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das +Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, hat er plötzlich zu +seiner Frau gesagt: + +„Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,“ – und damit hatte er sich auch +schon auf dem Bett ausgestreckt. + +Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte die Hand auf das +Kinderköpfchen und streichelte es immer wieder. Dann wandte er sich von +neuem an seine Frau: + +„Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,“ fragte er, „unser Petinka? ...“ + +Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch tot sei. + +„Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im Himmelreich.“ + +Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war, daß die Erlebnisse +an diesem Tage ihn ganz erschüttert hatten, und sagte deshalb, er solle +doch versuchen, einzuschlafen und auszuruhen. + +„Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein wenig ...“ und damit +drehte er sich auf die Seite, lag ein Weilchen, dann wandte er sich +wieder zurück und wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn noch +gefragt: „Was ist, mein Freund?“ – aber er antwortete schon nicht mehr. +„Nun, er wird wohl eingeschlafen sein,“ sagte sie sich und ging aus dem +Zimmer, um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. Nach etwa einer +Stunde kam sie zurück – der Mann, sah sie, war noch nicht aufgewacht, er +schlief noch ganz ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur +schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit. + +Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde so gesessen habe, doch +könne sie nicht mehr sagen, an was sie eigentlich gedacht, obschon sie +in Nachdenken versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz +vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, und zwar habe +ein gewisses beunruhigendes Gefühl sie aus ihrer Traumverlorenheit +aufgeschreckt, und da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer +aufgefallen. + +Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann immer noch so lag, wie +vor anderthalb Stunden. Da trat sie denn zu ihm und berührte ihn – er +aber war schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, war ganz +plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. Woran er aber gestorben +ist, das mag Gott wissen! + +Das ist’s, was mich so erschüttert hat, Warinka, daß ich noch immer +nicht recht zur Besinnung kommen kann. Ich kann es nicht glauben, daß +ein Mensch so einfach – stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch! Warum +mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten Freudentage sterben! Ja, das +Schicksal, das Schicksal! Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch +ganz verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine Mädchen aber hat +sich verschüchtert in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur +ein einziges Kommen und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung +stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht. Leid tut es mir, +ach, so leid! Es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß man wirklich +weder Tag noch Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir +nichts weg und aus ist es ... + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 19. September. + +Meine liebe Warwara Alexejewna! + +Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind, daß Ratasäjeff mir Arbeit +verschafft hat, Arbeit für einen Schriftsteller. – Heute kam einer zu +ihm und brachte so ein dickes Manuskript – Gott sei Dank, viel Arbeit. +Nur ist es alles so unleserlich geschrieben, daß ich gar nicht weiß, wie +ich das entziffern soll, dabei wird die Arbeit so schnell verlangt. +Außerdem handelt es von so schweren Dingen, daß man es gar nicht mal +recht verstehen kann. Über den Preis sind wir auch schon einig geworden: +40 Kopeken pro Bogen. Ich schreibe Ihnen das alles nur deshalb, meine +Liebe, um Sie schneller wissen zu lassen, daß ich jetzt noch obendrein +einen Nebenverdienst haben werde. Und nun leben Sie wohl, Kind. Ich will +mich gleich an die Arbeit machen. + + Ihr treuer + Makar Djewuschkin. + + + 23. September. + +Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch! + +Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch +war es eine Zeit großer Sorge und Aufregung für mich. + +Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war allein, Fedora war +ausgegangen. Ich öffnete die Tür und erschrak dermaßen, als ich ihn +erblickte, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte, +wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen +ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte +eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich +wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens bald auf, zu +lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch überrascht. Ich habe +ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind +eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es muß +allerdings schwer sein für die, die mich vor einem Jahre gekannt haben, +mich jetzt wiederzusehen. + +Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine +Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung – ich weiß nicht mehr, +was ich antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde saß er so bei +mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz +ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und sagte +(ich schreibe es Ihnen wortwörtlich): + +„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte +und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er +benannte sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen Wort.) „Sie hat +jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie +dem Verderben zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem +Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, was soll man darüber +viel Worte verlieren, das ist so eine alltägliche Geschichte, wie das +Leben sie eben mit sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte +er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das Wichtigste, was er zu +sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anständigkeit einfach +verboten hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das Übrige in +kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so tat er es auch: er erklärte +mir, daß er um meine Hand anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte, +mir meine Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der +Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er +Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurückkehren, +denn das Großstadtleben sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier einen +Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe +sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen. +Hauptsächlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt, +er wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte er sich noch +über unsere Wohnung, meinte, es wäre schließlich kein Wunder, daß ich +krank geworden sei, wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube +wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange +hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen überhaupt elend, sagte er, +und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe. + +Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich plötzlich – ich weiß +selbst nicht, weshalb – in Tränen ausbrach. Er hielt sie natürlich für +Tränen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen, +daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen sei, doch habe er +sich nicht früher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles +Nähere über mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte er +sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein +anständiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen +500 Rubel genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? Als ich +ihm darauf antwortete, daß Sie für mich das getan, was man mit Geld +nicht zu bezahlen vermöge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl +in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Büchern: +Romane aber setzten jungen Mädchen bloß verschrobene Ideen in den Kopf, +und überhaupt möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, daß sie nur +die Sitten verdürben, weshalb er Bücher nicht leiden könne. Er riet mir, +erst sein Alter zu erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann +erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.“ + +Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken und mir alles +reiflich zu überlegen, denn es wäre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen +so wichtigen Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, daß +Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die unerfahrene Jugend stets +ins Verderben zu führen pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine +zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich +gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie +gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die +Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fünfhundert Rubel +auf meinen Stickrahmen, für Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich +fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er noch, +daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und +gesund werden würde, ich könne dort essen, soviel ich nur wolle. +Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte +hätten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur +auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er ... + +Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt und mich recht +gequält, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich +werde ihn heiraten, ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von +meiner Schande erlösen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft +vor Armut und Entbehrungen und Unglück bewahren kann, so ist er ganz +allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft +erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, daß man sein +Glück nicht verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend, +was man denn in diesem Falle Glück nennen solle. Ich jedenfalls finde +keinen anderen Ausweg für mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit +der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben. +Ununterbrochen arbeiten – das kann ich nicht. Bei fremden Menschen +dienen? – Ich käme um vor Leid, und überdies würde ich niemanden +zufriedenstellen. Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich Fremden +immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein +Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn +tun? Was soll ich denn vorziehen? + +Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles +überlegen. Mein Entschluß, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht +fest und ich werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon +sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung erwartet. Er +sagte mir, daß seine Geschäfte keinen Aufschub dulden, er müsse +abreisen, und „wegen dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch +nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen +Macht über mein Schicksal weiß, ob ich glücklich sein werde, aber mein +Entschluß ist gefaßt. Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird +mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber +sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten? + +Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich weiß, daß Sie +meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von +meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären zwecklos. Erwägen Sie +lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Gründe, die mich zu diesem Schritt +veranlaßt haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich +ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht. Was geschehen wird, das +wird geschehen, wie Gott es schickt! ... + +Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen +noch vieles sagen. Bükoff ist schon hier. + + + 23. September. + +Kind, Warwara Alexejewna! + +Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich, Kind, ich beeile mich, +Ihnen zu erklären, daß ich – daß ich erstaunt bin. Alles das ist doch +ganz sicher irgendwie nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff +beerdigt. Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bükoff hat ehrenhaft +gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe, Sie haben ihm also +wirklich zugesagt? Natürlich wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so, +das muß unbedingt so sein, das heißt, hier – auch hier muß unbedingt +Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen Schöpfers hat +natürlich, obschon uns unerforschlich, immer nur das Wohl der Menschen +im Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie Gott. + +Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natürlich, Sie werden jetzt glücklich +sein, Kind, Sie werden in Reichtum und Überfluß leben, mein Täubchen, +mein Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen, mein +Engelchen, – nur eins, sehen Sie, Warinka, wie denn das, warum so +schnell? ... Ja, die Geschäfte – Herr Bükoff hat Geschäfte vor ... +natürlich – wer hat denn nicht Geschäfte, auch er kann sie haben. Ich +habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender Mann, +sogar ein sehr imponierender Mann, das heißt eine imposante Erscheinung, +eine sogar sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles ... nein, es +ist ja gar nicht das, um was es sich eigentlich handelt. Ich, sehen Sie, +ich bin schon jetzt gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn +künftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja und ich – wie bleibe ich +denn hier so allein zurück? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwäge, +wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen erwäge ich alles, +alle diese Gründe, meine ich, und so weiter. Ich hatte schon fast den +zwanzigsten Bogen abgeschrieben, da kam dann plötzlich dieses Ereignis! +Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so müssen Sie doch noch +verschiedene Einkäufe machen, verschiedene Stiefelchen und Kleidchen, +und da, meine ich, kommt es denn sehr gelegen, daß ich gerade ein gutes +Magazin kenne, an der Gorochowaja – erinnern Sie sich noch, wie ich es +Ihnen einmal beschrieb? – Aber nein! Was rede ich, was fällt Ihnen ein, +mein Kind, was denken Sie! Sie dürfen doch nicht, es ist ganz unmöglich: +Sie können jetzt einfach nicht so ohne weiteres fortfahren! Sie müssen +doch große Einkäufe machen, Sie müssen einen Wagen mieten. Überdies ist +auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur, es regnet wie aus +Eimern, unaufhörlich regnet es, und überdies ... es wird doch noch kalt +werden, mein Engelchen, Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden +erfrieren! Und Sie fürchten doch jeden fremden Menschen: und nun wollen +Sie mit diesem da fortfahren! Wie soll ich denn hier so allein +zurückbleiben? Ja! Die Fedora sagt, daß ein großes Glück Sie erwarte ... +aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir mein Letztes +nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse in die Kirche gehen, mein Kind? +Ich würde dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen. + +Es ist wahr, Kind, es ist richtig, daß Sie ein gebildetes, gutes, +gefühlvolles Mädchen sind, nur wissen Sie, – mag er doch lieber eine +Kaufmannstochter heiraten! Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber eine +Kaufmannstochter heiraten! – Ich werde zu Ihnen kommen, Warinka, sobald +es dunkelt, werde ich auf ein Stündchen hinüberkommen. Jetzt wird es +doch schon früh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt auf ein +Stündchen! Jetzt erwarten Sie Bükoff, das weiß ich, aber wenn er +fortgegangen ist, dann ... Also warten Sie, Kindchen, ich komme +unbedingt ... + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 27. September. + +Mein Freund Makar Alexejewitsch! + +Herr Bükoff sagt, ich müsse mindestens drei Dutzend Hemden von +holländischer Leinewand haben. Daher müssen wir so schnell wie möglich +Weißnäherinnen für zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich wenig +Zeit. Herr Bükoff ärgert sich, weil er nicht geahnt hat, wie er sagt, +daß diese Lappen soviel Schererei verursachen können. + +Unsere Hochzeit wird in fünf Tagen stattfinden, und am Tage darauf +reisen wir ab. Herr Bükoff hat Eile und sagt, für diese Dummheiten +brauche man nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den +Scherereien schon so müde, daß ich mich kaum noch auf den Füßen halten +kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit, und doch, weiß Gott, wäre es +besser, wenn nichts von all diesen Sachen nötig wäre. Ja, und noch +etwas: wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir müssen noch welche +zukaufen, denn Herr Bükoff sagt, er wünsche nicht, daß seine Frau wie +eine Küchenmagd gekleidet gehe, ich müsse „alle Gutsbesitzersfrauen in +den Schatten stellen“ – das sind seine Worte. + +Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie zu Madame Chiffon +(Gorochowaja, Sie wissen schon) und bitten Sie sie, uns schnell einige +Nähterinnen zu schicken, dies erstens, und zweitens, daß sie sich selbst +herbemühen möge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich bin heute krank. +Hier in unserer neuen Wohnung ist es so kalt und alles ist in +schrecklicher Unordnung. Herrn Bükoffs Tante kann kaum noch atmen vor +Altersschwäche. Ich fürchte, daß sie vielleicht noch vor unserer Abreise +sterben könnte, doch Herr Bükoff sagt, das habe nichts auf sich, sie +würde sich schon wieder erholen. + +Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem Kopf. Da Herr Bükoff +nicht hier wohnt, laufen die Leute nach allen Seiten fort und tun, was +sie gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu unserer +Bedienung haben. Herrn Bükoffs Kammerdiener, der hier nach dem Rechten +sehen soll, ist schon seit drei Tagen verschwunden. Herr Bükoff kommt +jeden Morgen angefahren und ärgert sich, gestern aber hat er den +Hausknecht geprügelt, weshalb er dann mit der Polizei Unannehmlichkeiten +bekam ... Ich habe hier im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen +den Brief zusenden könnte. Ich schreibe Ihnen durch die Stadtpost. Ach, +natürlich, das Wichtigste hätte ich fast vergessen! Sagen Sie Madame +Chiffon, daß sie die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern +gewählten Muster passende, aussuchen, und daß sie dann selbst zu mir +kommen soll, um mir die neue Auswahl zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr +noch, daß ich mich in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie +muß gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas: Die Buchstaben in +den Taschentüchern soll sie in Tamburinstickerei nähen, verstehen Sie? – +in Tamburinstickerei und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht: +Tamburinstickerei! So, und da hätte ich doch noch etwas vergessen! Sagen +Sie ihr, um Gottes willen, daß die Blättchen auf der Pelerine erhaben +ausgenäht werden müssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber, an den +Kragen muß sie dann noch eine Spitze nähen, oder eine breite Falbel. +Bitte, sagen Sie ihr das, Makar Alexejewitsch. + + Ihre + W. D. + +P. S. Ich schäme mich so, daß ich Sie wieder mit meinen Aufträgen +belästige. Vorgestern sind Sie ja schon den ganzen Nachmittag gelaufen. +Doch was soll ich tun! Bei uns im Hause gibt es überhaupt keine Ordnung +und ich selbst bin krank. Also ärgern Sie sich nicht gar zu sehr über +mich, Makar Alexejewitsch. Es ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das +noch werden, mein Freund, mein lieber, mein guter Makar Alexejewitsch! +Ich fürchte mich, an die Zukunft auch nur zu denken. Es ist mir, als +hätte ich tausend schlimme Vorahnungen und mein Kopf ist wie +eingenommen. + +P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen Sie nur nichts von dem, +was Sie Madame Chiffon zu sagen haben. Ich fürchte, Sie verwechseln mir +alles. Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei und _nicht_ +blank! + + W. D. + + + 27. September. + +Meine liebe Warwara Alexejewna! + +Ihre Aufträge habe ich alle gewissenhaft ausgeführt. Madame Chiffon +sagte, daß sie auch schon an Tamburinstickerei gedacht habe: das sei +vornehmer, sagte sie, oder was sie da sagte – ich habe es nicht ganz +begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann, Sie hatten dort etwas von +einer Falbel geschrieben, da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur +habe ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der Falbel sagte. +Ich weiß nur noch, daß sie sehr viel über diese Falbel zu sagen hatte. +Solch ein schändliches Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen +heute noch alles selbst sagen. Ich bin nämlich, mein Kind, ich bin +nämlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin ich auch nicht in den Dienst +gegangen. Nur ängstigen Sie sich, meine Liebe, ganz unnötigerweise. Für +Ihre Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Läden Petersburgs zu +laufen. Sie schreiben, daß Sie sich fürchten, in die Zukunft zu blicken, +oder an sie auch nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch +alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen kommen. – Also +verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen Sie, Kind, vielleicht wird sich +doch noch alles zum besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese +verwünschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem Sinn, das geht nur so – +Falbel, Falbel, Falbel! ... + +Ich würde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen, mein Engelchen, würde +unbedingt auf ein Weilchen vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal +Ihrer Tür genähert, aber Bükoff, das heißt, ich wollte sagen, Herr +Bükoff ist immer so böse, und da ist es wohl nicht gerade angebracht ... +Nicht wahr? ... + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 28. September. + +Mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier! Sagen Sie ihm, daß er +die Ohrgehänge mit Perlen und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bükoff +sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel. Er ärgert +sich. Er sagt, daß es ihm ohnehin schon ein Heidengeld koste und daß wir +ihn plündern. Und gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen +hätte, würde er sich die Sache noch sehr überlegt haben. Er sagt, daß +wir sogleich nach der Trauung abreisen werden, ich solle mir also keine +Illusionen machen: es kämen weder Gäste, noch werde nachher getanzt +werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich solle mir nur nicht +einbilden, gleich tanzen zu können. So spricht er jetzt! Und Gott weiß +doch, ob ich das alles nötig habe, oder nicht! Herr Bükoff hat doch +selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen: er ist so +heftig. Was wird nur aus mir werden?! + + W. D. + + + 28. September. + +Mein Täubchen, meine liebe Warwara Alexejewna! + +Ich, das heißt der Juwelier sagt – gut. Von mir aber wollte ich nur +sagen, daß ich erkrankt bin und nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo +so viel zu besorgen ist, wo Sie meiner Hilfe bedürfen, jetzt müssen die +Erkältungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch habe ich Ihnen +noch mitzuteilen, daß zur Vollendung meines Unglücks Seine Exzellenz +heute geruht haben, sehr böse zu sein: sie haben sich über Jemeljan +Iwanowitsch geärgert, haben sehr gescholten und sahen zu guter Letzt +ganz erschöpft aus, so daß sie mir über alle Maßen leid getan haben. Sie +sehen, ich teile Ihnen alles mit. + +Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben, aber ich fürchte, +Ihnen damit nur unnütz Zeit zu rauben. Ich bin ja doch, mein Kind, ein +dummer Mensch, bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade +kommt und was mir einfällt, so daß Sie vielleicht dort irgendwie so +etwas ... ich kann ja nicht wissen was ... Ach, nun, was soll man da +reden! + + Ihr + Makar Djewuschkin. + + + 28. September. + +Warwara Alexejewna, mein Herzchen! + +Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen, mein Täubchen. Sie sagt, +Sie werden schon morgen getraut und übermorgen reisen Sie ab! Herr +Bükoff habe schon die Pferde bestellt. + +Über Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben, mein Kind. Ja +und dann: die Rechnungen der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es +stimmt alles, nur daß es sehr teuer ist. Aber warum ärgert sich denn +Herr Bükoff über Sie? Nun, so seien Sie glücklich, Kind! Ich freue mich. +Ja, ich werde mich immer freuen, wenn Sie glücklich sind, Kind! Ich +würde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich kann nicht, mein Kreuz +schmerzt. + +Doch wie wird es denn nun mit den Briefen – ich komme wieder darauf +zurück –, wie werden wir uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns +zustellen, Kind? + +Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora so sehr beschenkt, meine +Gute! Damit haben Sie ein gutes Werk getan, das war schön von Ihnen. Für +jede gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt und der +Tugend ist immer Gottes Lohn gewiß. + +Kind, mein Kind! Ich würde Ihnen vieles schreiben, ich würde Ihnen jede +Stunde, jede Minute schreiben, immer nur schreiben! Ich habe hier noch +ein Büchlein von Ihnen, „Bjelkins Erzählungen“, das ist noch bei mir +geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen Sie das bei mir, nehmen Sie mir +das nicht fort, schenken Sie es mir ganz, mein Täubchen! Nicht deshalb, +weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals lesen möchte. Aber +Sie wissen doch selbst, Kind, der Winter kommt, die Abende werden lang: +da wird man denn traurig – und da ist es dann gut, wenn man etwas zum +Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus meiner Wohnung in Ihre alte +Wohnung ziehen und werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser +ehrenwerten alten Frau werde ich mich jetzt für keinen Preis mehr +trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam. Gestern habe ich mir in Ihrer +verlassenen Wohnung alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner +Stickrahmen mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles geblieben, +unangerührt, wie es war. Ich habe auch Ihre Stickerei betrachtet. Dann +sind da noch verschiedene kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stückchen +von einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn aufzuwickeln. In +Ihrem Tischchen fand ich noch einen Bogen Postpapier, auf dem Sie +geschrieben haben: „Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich“ – +und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand gleich zu Anfang +unterbrochen. In der Ecke hinter dem Schirm steht Ihr schmales Bettchen +... Mein Täubchen Sie!!! + +Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten Sie mir nur um +Gottes willen etwas auf meinen Brief, und recht bald! + + Makar Djewuschkin. + + + 30. September. + +Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch! + +Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. Ich weiß nicht, was +die Zukunft mir bringen wird, aber ich füge mich in den Willen des +Herrn. Morgen reisen wir. + +Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen, mein einziger, mein +treuer, lieber, guter Freund! Sind Sie doch mein einziger Verwandter, +der in der Not treu zu mir gehalten hat! + +Grämen Sie sich nicht um mich, leben Sie glücklich, denken Sie zuweilen +an mich und möge Gott Sie segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie +in meinem Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese Zeit +vorüber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die ich aus der Vergangenheit +ins neue Leben mitnehme, um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr +Andenken, um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen sein. Sie sind +mein einziger Freund, nur Sie allein haben mich hier geliebt. Ich bin +doch nicht blind gewesen, ich habe es doch gesehen und gewußt, wie Sie +mich liebten! Mein Lächeln genügte, um Sie glücklich zu machen, eine +Zeile von mir söhnte Sie mit allem aus. Jetzt müssen Sie sich daran +gewöhnen, ohne mich auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier +weiterleben? Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter, unschätzbarer, +einziger Freund! + +Ich überlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen, den angefangenen Brief. +Wenn Sie diese angefangenen Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken +weiter: lesen Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie von mir +gern gehört oder gelesen hätten, alles, was ich Ihnen hätte schreiben +können – was aber würde ich Ihnen jetzt nicht alles schreiben! Vergessen +Sie nicht Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem Herzen +geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora in der Kommode geblieben, +in der obersten Schublade. + +Sie schreiben, daß Sie krank seien. Ich würde Sie besuchen, aber Herr +Bükoff läßt mich heute nicht fort. Ich werde Ihnen schreiben, mein +Freund, das verspreche ich Ihnen, aber nur Gott allein weiß, was alles +geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt für immer Abschied +voneinander nehmen, mein Freund, mein Täubchen, wie Sie mich nennen, +mein Liebster! Auf immer! ... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen würde, Sie! +Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht, recht, recht wohl! Seien +Sie glücklich! Bleiben Sie gesund. Nie werde ich vergessen, für Sie zu +beten. O! wenn Sie wüßten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll +bedrückt meine Seele ist! + +Herr Bükoff ruft mich. + + Ihre Sie ewig liebende + W. + +P. S. Meine Seele ist so voll, so voll von Tränen ... Sie drohen, mich +zu ersticken, zu zerreißen! Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott! +wie ist es traurig! + +Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka. + + W. + + +Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling! Man bringt Sie fort, Sie +fahren. Ja, jetzt wäre es doch besser, man risse mir das Herz aus der +Brust, als daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das nur +möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und doch fahren Sie?! Da habe +ich soeben Ihren Brief erhalten, der stellenweise noch feucht ist von +Tränen. So wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren? +Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es tut Ihnen leid um +mich? Ja, aber – dann lieben Sie mich doch! Wie ist denn das? Was soll +jetzt geschehen? Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist dort +öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr Herzchen krank machen, die +Trauer wird es zerreißen. Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in +die feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, der Sie beweint! +Herr Bükoff wird immer Hasen jagen ... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie +sich da entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? Was haben +Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich selbst angetan! Man +wird Sie doch dort ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach +umbringen, mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein Federchen, so +zart und schwach! Und wo war ich denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn +hier mit offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein Kindskopf +sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich denn nicht, daß dem Kinde +einfach nur das Köpfchen versagte! Da hätte ich doch ganz einfach – aber +nein! Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch sehe ich +etwas, als sei das gerade das Richtige, als ginge die ganze Sache mich +gar nichts an, und laufe sogar noch nach Falbeln! ... Nein, Warinka, ich +werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon soweit sein, dann +stehe ich einfach auf! Und dann, dann werde ich mich einfach unter die +Räder werfen. Ich lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn das +eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht geschieht das denn +alles? Ich werde mit Ihnen fahren! Ich werde Ihrem Wagen nachlaufen, +wenn Sie mich nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde laufen, +solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis ich meinen Geist +aufgebe! + +Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was Sie erwartet, dort, wohin +Sie fahren, Kind? Wenn Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich, +ich weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, nichts als +flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie meine Hand, so nackt! Dort +leben nur stumpfe, gefühllose Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle. +Jetzt ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen, dort regnet +es, dort ist es kalt – und dorthin fahren Sie! + +Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird da seine Hasen jagen. +Aber was werden Sie dort anfangen? Sie wollen Gutsherrin sein, mein +Kind? Aber, mein Engelchen! – so sehen Sie sich doch nur an, sehen Sie +denn nach einer Gutsherrin aus? + +Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen werde ich denn jetzt noch +Briefe schreiben, Kind? Ja! so bedenken Sie und fragen Sie sich doch +bloß dies eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben können? +Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, mein liebes Kind nennen, wem +gebe ich diesen zärtlichen Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo +soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich werde sterben, +Warinka, ich werde bestimmt sterben. Nein, solchem Unglück ist mein Herz +nicht gewachsen! + +Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie mein leibliches +Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte alles an Ihnen, mein Liebling! +Nur für Sie allein lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und +geschrieben, bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen in +meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, mein Kind, hier in meiner +Nähe lebten. Sie haben das vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich +so, es war wirklich so! + +Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen Sie doch, mein +Täubchen, wie ist denn das nur möglich, daß Sie uns verlassen? – Nein, +meine Liebe, das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist völlig +ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so kränklich – Sie werden +sich bestimmt erkälten. Ihre Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein +Wagen ist kein Haus – sie wird bestimmt durchnäßt werden! Und kaum +werden Sie aus der Stadt hinausgefahren sein, da wird ein Rad brechen, +oder der ganze Wagen bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen +schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese Wagenbauer: denen +ist es nur um die Fasson zu tun, um irgend so ein Spielzeug +herzustellen, aber von Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich +schwöre es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle nichts! + +Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die Knie niederwerfen und ihm +alles sagen, alles! Und auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen! +Sie werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn so überzeugen! +Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben, daß Sie nicht mit ihm fahren +können! ... Ach, warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter +geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter ausgesucht! +Das wäre für alle besser gewesen, die würde viel besser zu ihm passen, +ich weiß schon, warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was ist er +Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist er Ihnen denn plötzlich so +lieb und wert geworden? Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden, +weil er Ihnen Falbeln kauft und alles dieses – deshalb etwa? Wozu sind +denn diese Falbeln? Wozu hat man die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein +Stück Zeug, solch ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein +Menschenleben, Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach nur Lappen, +wirklich – nichts anderes, als nichtsnutzige Lappen! Ich aber, ich kann +Ihnen doch gleichfalls solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein +nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen diese Falbeln, mein +Kind, und ich weiß schon wo, ich kenne dort einen kleinen Laden, nur +müssen Sie noch etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt +bekomme, mein Engelchen, Warinka! + +Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit Herrn Bükoff fort in die +Steppe, auf immer fort! Ach, Kind! ... Nein, Sie müssen mir noch +schreiben, noch ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn Sie +schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von dort einen Brief. Denn +sonst, mein Engelchen, wäre dies der letzte Brief, das aber kann doch +nicht sein, daß dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte +das, so plötzlich – der letzte, wirklich der letzte Brief sein? Aber +nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie müssen mir schreiben ... +Fängt doch gerade jetzt mein Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind, +aber was heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst zu +wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts weiß ich und will +auch nichts durchlesen, nichts verbessern, nichts, nichts. Ich schreibe +nur, um zu schreiben, immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen, +mein Liebling, mein Kind Sie! + + + + + Der Doppelgänger + + + I. + +Es war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakoff Petrowitsch +Goljädkin nach langem Schlaf erwachte. + +Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen, streckte +langsam die Glieder, und erst nach und nach öffnete er die Augen +vollständig. Doch blieb er noch eine gute Weile regungslos in seinem +Bett liegen, wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht ganz klar +darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich schon erwacht und rings von +Wirklichkeit umgeben ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild +vor sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit, daß er mit +besserem Bewußtsein und regerer Vernunft die geschauten Eindrücke in +sich aufnehmen und in der Tat als bereits längst bekannte und ganz +alltägliche Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten ihn die +grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten Wände seines kleinen +Zimmers an, wohl vertraut seine rotbraune Kommode und die Stühle von +derselben Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische +Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen, doch grüngeblümten +Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut schließlich auch die gestern abend +in der Eile abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben diesem +Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der unfreundliche Herbsttag mit +seinem trüben, fast schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so +mißvergnügt durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer, daß Herr +Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte, daß er sich in keinem +Wolkenkuckucksheim befand, sondern in Petersburg, in der Hauptstadt des +russischen Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem großen, +vier Stockwerke hohen Hause, das an der Straße lag, die man die +Schestilawotschnaja nennt. Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis +gelangt war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck +zusammenzuckend, zunächst blitzschnell wieder die Augen, um, wenn +möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre nichts geschehen. Doch hielt +er diesen Zustand nicht lange aus, denn plötzlich – es war noch keine +Minute vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal sofort aus +dem Bett, ganz als seien seine Gedanken endlich auf denjenigen Punkt +gestoßen, um den sie bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in +blinder Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten. + +Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so war das erste, was er tat, +daß er zu dem runden Spiegelchen stürzte, das auf der Kommode stand. Und +obwohl das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen Augen und dem +ziemlich gelichteten Haupthaar, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute, +von so unbedeutender Art war, daß es ganz entschieden sonst keines +einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können, schien der +Besitzer desselben doch mit dem Erblickten sehr zufrieden zu sein. + +„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin halblaut vor sich hin, +„gerade was Nettes, wenn mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum +Beispiel irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt wäre, +oder eine ähnliche Unannehmlichkeit. Aber bis jetzt ist noch alles gut +gegangen ... jawohl: vorläufig ist alles gut!“ + +Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über diese Feststellung, +den Spiegel wieder auf die Kommode, worauf er selbst, obschon er noch +barfuß und nur mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um mit +großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar wurde er durch das, +was er dort unten erblickte, vollkommen zufriedengestellt, denn ein +Lächeln erhellte sein Antlitz. + +Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter die Scheidewand in die +Kammer Petruschkas, seines „Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt +hatte, daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise zum Tisch, +schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten Winkel dieses +Schubfaches zwischen alten vergilbten Papieren und anderem Kram, bis er +schließlich eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die er +vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit wonnevollem +Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste Täschchen +hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten auch die grünen und grauen und +blauen und roten Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich +und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens legte er die +offene Tasche mit geradezu strahlender Miene vor sich auf den Tisch, +worauf er sich zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände rieb. + +Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche und entnahm dem +letzten und verborgensten Täschchen das ganze, ihn so ungemein +erfreuende bunte Paketchen Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom +letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen, wobei er jeden +Schein gewissenhaft mit Daumen und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht +etwa zwei für einen durchgingen. + +„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“ murmelte er dann vor sich +hin. „Siebenhundertfünfzig Rubel ... eine große Summe! Eine sehr +annehmbare Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz weich klingender +Stimme in seinem Selbstgespräch fort, indem er das Paket mit den +Geldscheinen in der geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte: +„Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für einen jeden eine überaus +annehmbare Summe! Ich wollte den Menschen sehen, für den diese Summe +eine geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen Menschen weit +bringen ...“ + +„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin aus seinem fröhlichen +Gedankengang plötzlich auf, „wo ist denn mein Petruschka?“ Und er begab +sich, immer noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur +Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in seiner Kammer nicht zu +erblicken. Statt seiner stand dort nur der Samowar auf der Diele und +brummte und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten +Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem er mit heißestem Eifer in +den Gutturallauten seiner sich überstürzenden und unverständlichen +Sprache brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen schien: So +nimm mich doch endlich, guter Mann, ich bin ja schon längst und +vollkommen fertig und mehr wie bereit! + +„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin, „diese faule Bestie +kann einen Menschen ja um seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur +wieder herumtreibt?!“ + +Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum Vorzimmer – einem +kleinen Korridor, aus dem eine Tür auf den Treppenflur führte – und +erblickte dort seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer +Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten Art, eifrig +umringte. Petruschka erzählte und die anderen hörten zu. Augenscheinlich +mißfiel jedoch sowohl das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung +selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich seinen Petruschka +und kehrte nicht nur unzufrieden, sondern ordentlich aus dem +Gleichgewicht gebracht in sein Zimmer zurück. + +„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger als eine Kopeke +einen Menschen zu verkaufen, um wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“ +dachte er bei sich, „und das hat er, oh, das hat er auch schon getan, +ich wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er sich an den +eingetretenen Petruschka. + +„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“ + +„Dann zieh sie an und komm her.“ + +Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf mit einem dummen +Grinsen wieder im Zimmer seines Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich +seltsamen Aufzuge. + +Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen Dienerfrack mit mehr +als schadhaften goldenen Tressen, eine Livree, die für einen Menschen +gemacht worden war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte, als +Petruschka. + +In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen und mit grünen +Federn garnierten Hut, und an der Seite hing ihm ein Dienerschwert in +einer ledernen Scheide. + +Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, daß Petruschka, der +seiner ausgesprochenen Vorliebe für alles Bequeme zufolge fast nur im +Negligee zu gehen pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack, +barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen Petruschka von +allen Seiten, schien aber zufriedengestellt zu sein. Die Livree war +offenbar zu irgendeinem feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend +war an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren ihn sein +Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und mit größter Neugier jede +Bewegung dieses seines Herrn verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es +merkte, geradezu befangen machte. + +„Nun, und die Equipage?“ + +„Auch die Equipage ist gekommen.“ + +„Für den ganzen Tag?“ + +„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“ + +„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“ + +„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“ + +„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib sie her!“ + +Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit mit der Leistung des +Schusters ausgedrückt hatte, wollte er Tee trinken, sich waschen und +rasieren. Letzteres tat er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er +viel Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig im +Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die weitere Bekleidung +seiner Person. Zunächst zog er ein Paar fast nagelneuer Beinkleider an, +dann ein Plätthemd mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie von +Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten Blümchen. Um den Hals +band er sich eine bunte, seidene Krawatte, und zu guter Letzt zog er +noch seinen Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig +gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er mehrmals mit +liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel hinab, hob bald diesen, bald +jenen Fuß, betrachtete mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas +Unverständliches vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel, das hier +und da entfernt an ein Gesichterschneiden gemahnte, seinen Gedanken +beifällig zustimmte. Übrigens war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr +zerstreut, weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel der Mundwinkel und +Augenbrauen Petruschkas, während ihm dieser beim Ankleiden behilflich +war, völlig entging. + +Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr Goljädkin vollständig +angekleidet dastand, steckte er als Letztes noch seine Brieftasche in +die Brusttasche, weidete sich nochmals am Anblick Petruschkas, der +inzwischen Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls vollständig +angekleidet war –, und als er sich dann sagen mußte, daß „somit alles +fertig“ sei und folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten, +wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen Herzensunruhe +dem Ausgang zu und eilte die Treppe hinab. Eine hellblaue Mietsequipage +mit eigentümlichem Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen und +hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch mit dem Kutscher und ein paar +anderen Maulaffen schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den +Wagenschlag zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme und kaum +zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum Kutscher hinauf, sprang selbst +auf den Dienersitz hinten am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd +und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige Steinpflaster +unter dem Torbogen auf die Straße hinaus und weiter zum Newskij +Prospekt. + +Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen verlassen, als Herr +Goljädkin sich auch schon geschwind die Hände rieb und sichtbar, doch +unhörbar vor sich hinlachte, wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart, +dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber selbst +königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens schlug dieser Anfall von +Lustigkeit sogleich in eine andere Stimmung um: das Lachen im Gesicht +Herrn Goljädkins wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck. + +Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er beide Fenster herab +und begann vorsichtig nach den Vorübergehenden auszuschauen, um dann +blitzschnell wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald er +bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung – der Wagen bog +gerade von der Liteinaja auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem +Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung zusammen, als wäre ihm +jemand versehentlich auf ein Hühnerauge getreten, und zog sich +schleunigst in den dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er +sich fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache seines +Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich zwei junge Beamte +erblickt hatte, die seine Kollegen waren. Zum Unglück hatten diese auch +ihn erblickt und, wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster +Verwunderung angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren +Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der eine von ihnen hatte +sogar mit dem Finger nach ihm gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin, +daß der andere ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch auf der +Straße entschieden unzulässig war. Doch unser Held versteckte sich und +tat, als hätte er nichts gehört. + +„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei sich selbst, „was ist +denn da für eine Veranlassung, sich zu wundern? Ein Mensch in einer +Equipage! Der Betreffende mußte eben einmal in einer Equipage fahren, +und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen? Aber ich +kenne sie ja! – grüne Jungen, die noch versohlt werden müßten! Die haben +nichts als Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können, das ist +ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen mal etwas sagen, etwas ...“ + +Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck: rechts neben seiner +Equipage war ein ihm merkwürdig bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde +aufgetaucht, in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen Wagen, +der seine Equipage alsbald überholte. Der Herr aber, der im Wagen saß, +und zufällig den gerade recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden +Kopf Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach gleichfalls +höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und indem er sich so weit als +möglich vorbeugte, blickte er mit dem größten Interesse gerade nach +jenem Winkel der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst +zurückgezogen hatte. + +Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej Philippowitsch, der Chef +derselben Abteilung, der Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah +und begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt hatte, +daß er ihm starr in die Augen sah, und ein Entrinnen oder Verstecken +vollkommen ausgeschlossen war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick +bis über die Ohren errötete, doch – + +„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich unser Held trotzdem +unentschlossen und in unbeschreiblich qualvoller Beklemmung, „soll ich +ihn erkennen oder soll ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern +irgendein anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? – und soll +ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts vor? – Jawohl, ich bin +einfach nicht ich – und damit basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit +stockendem Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch zu ziehen +und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden. „Ich ... ich, ich bin eben +einfach gar nicht ich,“ dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der +Stelle vergehen, „gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer – +und nichts weiter!“ + +Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt und damit war der +Magnetismus, der in den Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen. +Freilich, Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte und +murmelte Unverständliches vor sich hin ... + +„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht zu grüßen,“ sagte er sich +endlich in besserer Erkenntnis, „ich hätte ganz ruhig und dreist handeln +sollen, offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej +Philippowitsch, bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen, sehen Sie!“ + +Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß der Fehler war, den +er begangen hatte: er wurde nochmals feuerrot, runzelte die Stirn und +warf einen fürchterlichen und zugleich herausfordernden Blick nach dem +Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem einen Blick auf der +Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern. Plötzlich aber kam ihm +ein Gedanke – wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der Schnur, +die an den linken Arm des Kutschers gebunden war, ließ anhalten und +befahl, nach der Liteinaja zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand +nämlich das dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas sehr +Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch mitzuteilen. Er war freilich +erst seit kurzer Zeit mit ihm bekannt – er hatte ihn erst in der +vergangenen Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit +seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt soll doch, wie man sagt, so +etwas wie ein Beichtiger des Menschen sein, dessen Pflicht es ist, +seinen Patienten zu kennen. + +„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte sich unser Held, von +gelinden Zweifeln erfaßt, indem er vor dem Portal eines fünf Stockwerke +hohen Hauses an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg, +„wird das nun auch das Richtige sein? – und gut und wohl? und zur +rechten Zeit?“ fuhr er auf der Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er +holte tief Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf fremden +Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig ausruhen zu lassen. +„Aber – was? – was ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen +Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das zu tadeln wäre +... Es würde dumm sein, sich zu verstecken. Gerade auf diese Weise tue +ich, als hätte ich nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im +Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen, daß es nun einmal +so ist und daß etwas anderes überhaupt nicht möglich war.“ + +Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin zum zweiten +Stockwerk empor und blieb vor einer Tür stehen, an der ein kleines +Messingschild befestigt war, das die Aufschrift trug: + + Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, + Doktor der Medizin und Chirurgie. + +Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er sich zunächst, seiner +Physiognomie einen anständigen, harmlos freundlichen und in etwa sogar +liebenswürdigen Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den +Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff, dies zu tun, da fiel +ihm plötzlich noch rechtzeitig ein, daß es vielleicht doch besser wäre, +erst am nächsten Tage vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so +notwendig sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er Schritte auf der +Treppe, und das bewirkte wiederum, daß er sogleich seinen neuen +Entschluß aufgab und so, wie es kam und kommen sollte, doch mit der +entschlossensten Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die Klingel +zog. + + + II. + +Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, +ein überaus gesunder, obschon bejahrter Mann mit dichten, bereits +ergrauenden Augenbrauen und ebensolchem Backenbart, einem +ausdrucksvollen, funkelnden Blick, mit dem allein er dem Anscheine nach +schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, und, nicht zu vergessen, mit +einem bedeutenden Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust +trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem Kabinett, bequem im +Stuhl zurückgelehnt, trank den Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu +bringen pflegte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit +Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein solches für einen +leidenden alten Herrn aufgeschrieben und diesen zur Tür geleitet hatte, +setzte sich Krestjan Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete +den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein. + +Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen Herrn nicht im +geringsten erwartet – und wie es schien, wünschte er auch gar nicht, ihn +vor sich zu sehen, denn in seinem Gesicht machte sich im ersten +Augenblick eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten +Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, recht unzufriedenen +Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin seinerseits fast immer den Mut und +gewissermaßen auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in seinen +eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, so geriet er auch diesmal +beim ersten Satz, der bei ihm stets im wahren Sinn des Wortes der Stein +des Anstoßes war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend etwas, +das wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein sollte, und da er nun +entschieden nicht mehr wußte, was weiter tun, nahm er einen Stuhl und – +setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es ihm auch schon ein, +daß er unaufgefordert Platz genommen hatte, errötete ob seiner +Unhöflichkeit, und beeilte sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton +möglichst ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. Leider kam +er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und begriff trotz seiner etwas +wirren Verfassung, daß er der ersten Dummheit nur eine zweite hatte +folgen lassen, weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem er +irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, dazu lächelte, +verwirrt errötete, vielsagend verstummte und sich schließlich wieder +hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, worauf er sich auf alle Fälle mit +einem gewissen herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die +ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn Goljädkins im Geiste +niederzuschmettern und zu vernichten. Überdies drückte besagter Blick +die vollkommene Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er gab +deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden etwas anzugehen +wünsche und daß er wie alle Menschen ein Mensch für sich sei. + +Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides offenbar zum +Zeichen seines Einverständnisses und des Beifalls, den er dem gewählten +Standpunkt zollte – und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf +Herrn Goljädkin. + +„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ begann Herr Goljädkin +mit einem Lächeln, „bin gekommen, um Sie nochmals mit meinem Besuch zu +belästigen ... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht zu bitten ...“ + +Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz und bündig +auszudrücken. + +„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, indem er langsam +den Rauch ausstieß und die Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen +die Vorschriften befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen doch +erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung der Lebensweise +bestehen muß ... Also etwa Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei +Freunden ... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht feind sein ... +fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht meiden ...“ + +Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, schnell die +Bemerkung, daß er, wie er annehme, ganz ebenso lebe, wie alle, daß er +seine eigene Wohnung habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen +... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen könne, zumal er ja +gleichfalls, ganz wie alle anderen, die Mittel dazu habe, daß er +tagsüber im Amte sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete +flüchtig an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter ginge als +anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene Wohnung habe, und auch noch +den Petruschka. Hier stockte Herr Goljädkin plötzlich. + +„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich wollte Sie etwas +anderes fragen. Ich möchte ganz im allgemeinen nur wissen, ob Sie gern +in munterer Gesellschaft sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ... +Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein heiteres Leben +führen?“ + +„Ich ... Herr Doktor ...“ + +„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der Doktor, „daß Sie ein von +Grund aus verändertes Leben führen und in gewissem Sinne auch Ihren +Charakter von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan Iwanowitsch +betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, worauf er, um der größeren +Wirkung willen, eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich +fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem Wege gehen, Sie +müssen das Theater und den Klub besuchen, und vor allem geistigen +Getränken nicht abhold sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ... +oder vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause sitzen.“ + +„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die Stille,“ wandte Herr +Goljädkin ein, indem er den Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach +Worten suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken können, +„in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka ... das heißt, mein +Diener, Herr Doktor. Ich will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich +meinen eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr Doktor. Wirklich: +ich lebe ganz für mich, und wie mir scheint, bin ich von niemandem +abhängig. Gewiß: ich gehe zuweilen spazieren ...“ + +„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen einem gerade +kein Vergnügen: das Wetter ist nicht danach.“ + +„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen Sie, Krestjan +Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, wie ich Ihnen bereits +mitzuteilen, glaube ich, die Ehre hatte, und mein Weg führt mich nicht +mit anderen zusammen. Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan +Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen ... Entschuldigen +Sie, ich bin kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“ + +„Hm! ... Sie sagen ...“ + +„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, Krestjan +Iwanowitsch, da ich kein Meister in der Redekunst bin,“ versetzte Herr +Goljädkin in halbwegs gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und +unsicher. „In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, nicht so +wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen Lächeln fort, „ich +verstehe nicht logisch zu reden ... ebensowenig wie der Rede Schönheit +zu verleihen ... das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan +Iwanowitsch, handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan Iwanowitsch.“ + +„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ forschte Krestjan +Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges Schweigen. Der Arzt blickte +etwas seltsam und mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits +heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf. + +„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr Herr Goljädkin +schließlich im selben Tone fort, ein wenig gereizt und zugleich +verwundert über das Verhalten Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie +gesagt, die Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den Lärm und +alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der großen Gesellschaft, dort +muß man verstehen, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren ...“ – +hierbei scharrte auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem Fußboden +–, „dort wird das verlangt, und auch Geist und Witz wird dort verlangt +... duftige Komplimente muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie, +so etwas wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht gelernt, +sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich habe keine Zeit gehabt, +so etwas zu lernen. Ich bin ein einfacher Mensch, bin nicht +erfinderisch, es ist auch nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit +strecke ich die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach, +das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem Sinne rede.“ + +Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, die deutlich zu +erkennen gab, daß er es nicht im geringsten bedauere, daß er „in diesem +Sinne“ die Waffen strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, – +vielmehr ganz im Gegenteil! + +Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit einem sehr +unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden und schien schon einiges +vorauszusehen oder vielleicht auch nur zu ahnen. + +Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein ziemlich langes und +bedeutsames Schweigen. + +„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ sagte +schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, „ich habe Sie, offen gesagt, +nicht ganz verstanden.“ + +„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, Krestjan +Iwanowitsch ... ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich +im Schönreden kein Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in +scharfem und energischem Tone. + +„Hm! ...“ + +„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held etwas stiller fort, doch +mit einer vielsagenden Klangfarbe in seiner Stimme, die etwas feierlich +anmutete, welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er nach jedem +Satz eine kleine Kunstpause machte. „Krestjan Iwanowitsch! als ich hier +eintrat, begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es und +bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze Zeit. Ich habe vor Ihnen, +Krestjan Iwanowitsch, nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch, +wie Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht leid, daß ich ein +kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch: ich bin +sogar stolz darauf, daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch +bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf bin ich stolz. Ich tue +nichts heimlich und hinterrücks, sondern offen und ohne alle Berechnung, +und obschon auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das sogar +sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, das heißt, wem ich +schaden könnte und wie das anzustellen wäre, so will ich mich mit +solchen Sachen doch nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung +meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung wasche ich sie, +Krestjan Iwanowitsch – in diesem Sinne!“ + +Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick sehr ausdrucksvoll. Er +hatte mit bescheidenem Stolz gesprochen. + +„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, bereits sagte,“ fuhr +er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife und Umwege vorzugehen: ich +verachte Umwege und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, jene +zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir beide ... das heißt, +ich wollte sagen, als unsereiner, Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner, +und nicht, als wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei +und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und Klatsch verachte ich. Eine +Maske trage ich nur, wenn ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich +mit einer solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, Krestjan +Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde rächen würden, an Ihrem +ärgsten Feinde – an dem, den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr +Goljädkin plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf Krestjan +Iwanowitsch. + +Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich ausgesprochen, wie man +es deutlicher nicht hätte aussprechen können: ruhig, klar, verständlich +und mit Überzeugung, indem er von vornherein des größten Eindrucks gewiß +war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger mit Unruhe, mit großer +Unruhe, sogar mit äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der +ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast schüchtern in +peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan Iwanowitschs. Doch wer +beschreibt die Verwunderung und Überraschung Herrn Goljädkins, als er +sehen mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur etwas in den Bart +murmelte, dann seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und endlich +ziemlich trocken, doch noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr +knapp bemessen sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei er ja +gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, doch alles übrige, +was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn nichts an. Damit griff er zur +Feder, nahm ein Blatt Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept +zurecht und sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue. + +„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! Nein, wirklich, glauben +Sie mir, es tut hier gar nichts not!“ versicherte Herr Goljädkin, der +plötzlich vom Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte Hand +ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut gar nichts not ...“ + +Doch während er das noch sprach, ging bereits eine seltsame Veränderung +in ihm vor. Seine grauen Augen blitzten eigentümlich, seine Lippen +bebten und alle Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu +bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem er im ersten Augenblick +Krestjan Iwanowitschs Hand erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt +unbeweglich, als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung, +die ihm sagte, was er nun weiter tun solle. + +Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes. + +Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt auf seinem Platz und +sah Herrn Goljädkin sprachlos mit großen Augen an, ganz wie jener auch +ihn ansah. Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin am +Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile regungslos, ohne einen +Blick voneinander abzuwenden. Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu +zittern, und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend, +schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit der Hand vor die +Brust und erfaßte mit der linken Hand gleichfalls den Rockaufschlag +Krestjan Iwanowitschs: er wollte irgend etwas sprechen, erklären, +vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich Krestjan +Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung ab und nahm sich zusammen. + +„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich!“ sagte +er, und versuchte, ihn auf den Stuhl zu drücken. + +„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde ... ich habe +gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten +...“ beteuerte Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd. + +„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren Feinden! Denken Sie nicht +an so etwas! Das ist ganz überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich +nur ruhig hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang ihm auch, +Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er setzte sich endlich, verwandte +aber keinen Blick von Krestjan Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch +nicht zu behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, in seinem +Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen beide eine lange Zeit. + +„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach endlich Herr Goljädkin +das Schweigen, indem er sich mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich +bin Ihnen sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan +haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis zum Tode nicht vergessen.“ + +„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete Krestjan Iwanowitsch in +ziemlich strengem Tone auf den Ausfall Herrn Goljädkins, den er +hierdurch zum zweitenmal zum Sitzen brachte. + +„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir doch, was Sie dort +Unangenehmes vorhaben,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind +denn das für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt es sich +denn, erzählen Sie mir doch!“ + +„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir jetzt lieber nicht reden,“ +lenkte Herr Goljädkin gesenkten Blickes ab, „das wollen wir vorläufig +bleiben lassen ... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu einer +besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer bequemeren Zeit, wenn +alles bereits zutage getreten, die Maske von gewissen Gesichtern +abgerissen und dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. Jetzt +aber – das heißt vorläufig ... und nach dem, was hier vorgefallen ist +... werden Sie doch selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten +Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – Und damit griff Herr +Goljädkin plötzlich entschlossen nach seinem Hut. + +„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“ + +Es folgte ein kurzes Schweigen. + +„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern tun, was in meinen +Kräften steht ... und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute ...“ + +„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie: ich verstehe +Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls bitte ich um Entschuldigung, daß ich +Sie belästigt habe.“ + +„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. Übrigens – wie Sie +wollen. Was die Medikamente betrifft, so können Sie fortfahren, +dieselben zu nehmen ...“ + +„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, das werde ich, – +dieselben Medikamente und aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist +Apotheker sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch ...“ + +„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt haben?“ + +„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will nur +sagen, daß die Welt heutzutage so ist ...“ + +„Hm ...“ + +„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, vor +einem anständigen Menschen die Nase hoch trägt.“ + +„Hm! Wie meinen Sie denn das?“ + +„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von +unserem gemeinsamen Bekannten ... sagen wir zum Beispiel – nun, +meinetwegen von Wladimir Ssemjonowitsch ...“ + +„Ah! ...“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige Menschen, denen an der +öffentlichen Meinung nicht gar so viel gelegen ist, um nicht mitunter +die Wahrheit zu sagen.“ + +„Ah! ... Und wie denn das?“ + +„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine nur: sie verstehen +zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung zu verabreichen.“ + +„Was? ... Was zu verabreichen?“ + +„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: das ist so eine russische +Redensart. Sie verstehen zum Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu +gratulieren, – es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“ + +„Zu gratulieren, sagen Sie?“ + +„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor einigen Tagen einer +meiner näheren Bekannten tat! ...“ + +„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber wie denn das?“ forschte +Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete. + +„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte einem anderen +gleichfalls sehr nahen Bekannten und sogar Freunde zum Assessor, zu dem +er neuerdings ernannt worden war. Und da sagte er denn wörtlich: ‚Freue +mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen zum Assessor gratulieren +zu können, empfangen Sie meinen _aufrichtigen_ Glückwunsch. Ich freue +mich um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich keine +Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr Goljädkin nickte listig mit dem +Kopf und blickte blinzelnd zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ... + +„Hm. Gesagt hat das also ...“ + +„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und indem er es sagte, +blickte er noch zu Andrej Philippowitsch hinüber, der nämlich der Onkel +unseres Nesthäkchens Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht das mich +an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert das mich? Nur – sehen Sie, +er will doch heiraten, er, dem die Lippen noch nicht trocken von der +Kindermilch geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. Ganz einfach +sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich Ihnen wirklich alles erzählt. +Gestatten Sie daher, daß ich aufbreche und mich entferne.“ + +„Hm ...“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, wiederhole ich, mich +zu entfernen. Doch hier – um gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu +treffen – nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs Trockene +gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara Olssuphjewna – die ganze Sache +spielte sich vorgestern bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte +gerade eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr ungefähr: +‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, nur hört man Ihnen +nicht reinen Herzens zu.‘ Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte +ich deutlich darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge hat, +sondern weiter blickt ...“ + +„Ah! Nun und was tat er?“ + +„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen pflegt, +sogar ohne die Miene zu verziehen.“ + +„Hm ...“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte ich ungefähr: ‚Olssuph +Iwanowitsch, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß +die Wohltaten, die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, zu +schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph Iwanowitsch,‘ sagte +ich. ‚Schauen Sie mit offenen Augen um sich. Ich selbst gehe offen und +ehrlich vor, Olssuph Iwanowitsch.‘“ + +„Ah, also so!“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“ + +„Nun, und er?“ + +„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? Brummte da etwas: dies und +jenes, ich kenne dich, Se. Exzellenz sei ein guter Mensch – und so +weiter, und so weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber +was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas altersschwach +geworden.“ + +„Hm! Also so steht es jetzt!“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch so – was rede ich vom +Alten! – Der ist wohl schon mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen +pflegt. Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in Umlauf +gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit beiden Ohren dabei. Anders +geht es nicht ...“ + +„Klatschgeschichten, sagen Sie?“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte in Umlauf +gebracht. Beteiligt haben sich daran außer anderen unser Bär und dessen +Neffe, unser Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern +zusammengetan und dann die Sache ausgeheckt. Was glauben Sie wohl, was +sie ersonnen haben – um einen Menschen zu töten?“ + +„Zu töten?“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu töten, um ihn moralisch +zu töten. Sie haben das Gerücht verbreitet ... ich rede immer von einem +nahen Bekannten ...“ + +Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf. + +„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... Offen gestanden, Krestjan +Iwanowitsch, ich schäme mich fast, so etwas nur auszusprechen!“ + +„Hm ...“ + +„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits schriftlich +verpflichtet habe, zu heiraten: daß er bereits der Bräutigam einer +anderen sei ... Und was glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der +Bräutigam wessen?“ + +„Nun?“ + +„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, die ihn beköstigt: und +anstatt seine Schuld für das Essen zu bezahlen, habe er um ihre Hand +angehalten!“ + +„Das haben sie also verbreitet?“ + +„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine +gemeine, schamlose, unverschämte Person, die Karolina Iwanowna heißt, +wenn Sie es wissen wollen ...“ + +„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“ + +„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, und fühle auch +meinerseits ...“ + +„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“ + +„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“ + +„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube ich ...“ + +„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, gewiß lebte ich auch +früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach ihn schnell Herr Goljädkin mit +einem leisen Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch +ein wenig stutzig gemacht hatte. + +„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte meinerseits ...“ + +„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte gleichfalls +meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin lachend fort. „Aber ich, verzeihen +Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange +auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen einen Guten +Morgen zu wünschen ...“ + +„Hm ...“ + +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt +vollkommen,“ versetzte unser Held ein wenig geziert. „Also, wie gesagt, +gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“ + +Damit verbeugte sich unser Held und verließ das Zimmer, begleitet von +den Blicken Krestjan Iwanowitschs, der ihm in höchster Verwunderung +nachsah. + +Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, schmunzelte er und rieb +sich froh die Hände. Draußen angelangt, atmete er tief die frische Luft +ein, und da er sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich +für den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen er +schon den Weg zu seinem Departement einschlagen wollte, – als plötzlich +eine Equipage ratternd vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie +zunächst unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles wieder ein. +Petruschka riß bereits den Wagenschlag auf. + +Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte den ganzen Herrn +Goljädkin. Für einen Augenblick schien er wieder zu erröten. Wie ein +Stich traf es ihn. + +Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, wandte er sich +plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern Krestjan Iwanowitschs. +Richtig! Dort stand Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der +Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und aufmerksam unserem +Helden nach. + +„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, indem er einstieg, +„äußerst dumm. Es ist ja möglich, daß er seine Kranken ganz gut kuriert, +aber immerhin ... er selbst ist unglaublich dumm.“ + +Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr zu!“ und die Equipage +rollte davon, wieder geradeaus zum Newskij Prospekt. + + + III. + +Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt waren, ließ Herr +Goljädkin vor dem Gostinnyj Dworr[10] halten, stieg aus, trat in +Begleitung Petruschkas schnell unter die Arkaden und begab sich +unverzüglich zum Juwelierladen. Schon an der Miene Herrn Goljädkins +konnte man erkennen, daß er an diesem Morgen unendlich viele Gänge +vorhatte. Nachdem er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise +von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von sehr origineller +Form und ein vollständiges Rasierzeug in Silber, ferner noch dies und +jenes, kleine, nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von +allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt hatte, +schloß er seinen Kauf damit, daß er sich an den Juwelier wandte und +versprach, am nächsten Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an +diesem selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte sich die +Nummer des Juwelierladens, hörte höflich den Juwelier an, dem es sehr um +eine „kleine Anzahlung“ zu tun war, versprach auch eine solche, +verabschiedete sich von dem etwas betreten dreinschauenden Manne, als +wäre nichts geschehen, worauf er unter den Arkaden weiterging, begleitet +von einem ganzen Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten, +und begab sich, immer gefolgt von Petruschka, nach dem er sich übrigens +fortwährend umsah, in einen anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch +in eine Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren Geldscheine +gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor – doch wurde seine +Brieftasche dadurch bedeutend dicker, was Herrn Goljädkin +augenscheinlich sehr angenehm war. Dann suchte er einen anderen Laden +auf, in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe +auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann, am nächsten Tage +wiederzukommen, notierte sich die Nummer des Geschäfts, und auf die +Frage nach der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten. +Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden ein, wählte aus, +handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern, ging sogar zwei- bis +dreimal fort, um dann doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine +ungeheure Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser Held nach +einem bekannten Möbelmagazin, wo er Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er +begutachtete auch noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem +betreffenden Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem Tage nach den +Sachen schicken werde, und verließ das Geschäft wieder mit dem +Versprechen, einen Teil anzuzahlen. Und so besuchte er noch ein paar +andere Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit einem Wort, +das Ende seiner Besorgungen war gar nicht abzusehen. Endlich aber schien +diese Art von Beschäftigung Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden. +Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb, Gewissensbisse +ein. Um keinen Preis würde er eingewilligt haben, wenn ihm jemand den +Vorschlag gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in den +Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch. Endlich schlug die +Uhr vom Rathausturm drei und nun setzte sich Herr Goljädkin endgültig in +seine Equipage, d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen, die +er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem Besitz nur ein Paar +Handschuhe und ein Fläschchen Parfüm, das er für einen Rubel +fünfundfünfzig Kopeken erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin +noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich zu einem bekannten +Restaurant am Newskij fahren, das er selbst freilich nur vom Hörensagen +kannte, stieg aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen, sich +etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten Stunde zu +verbringen. + +Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer, dem ein reiches Diner +bevorsteht, d. h. er aß nur, um sich, wie man zu sagen pflegt, gegen +Magenknurren zu sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu, +setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm nach einem etwas +unsicheren Blick auf seine Umgebung ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las +zwei Zeilen, stand dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an +seinen Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf zum Fenster und +sah, daß seine Equipage noch dort stand ... kehrte dann wieder zu seinem +Sessel zurück, griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es ihm +an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war. Er sah nach der Uhr, +sah, daß es erst ein Viertel nach drei war und daß er folglich noch +ziemlich lange zu warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht +angehe, so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen, und bestellte +eine Tasse Schokolade, nach der er im Augenblick gar kein Verlangen +verspürte. Als er dann die Schokolade ausgetrunken und zugleich +festgestellt hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er auf, +ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich schlug ihn jemand auf die +Schulter. + +Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen – dieselben, denen er +am Morgen an der Straßenecke begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm +sowohl an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und mit denen unser +Held weder besonders befreundet, noch offen verfeindet war. +Selbstverständlich wurde von beiden Seiten eine gewisse Stellung und +Haltung gewahrt, doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals jemand +von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende Begegnung hier im +Restaurant Herrn Goljädkin äußerst unangenehm. + +„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen beide wie aus einem +Munde, „Sie hier? – aber was in aller Welt ...“ + +„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie Herr Goljädkin etwas +verwirrt und verletzt durch die Verwunderung der jungen, dem Range nach +unter ihm stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über ihren +ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens notgedrungen – den +Harmlosen und bemühte sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also +desertiert, meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit dieser +Kanzleijugend gegenüber zu bewahren, mit der er sich sonst nie +eingelassen hatte, wollte er einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter +klopfen; zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich und aus +der jovial herablassend gedachten Geste wurde etwas ganz anderes. + +„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt wohl noch? ...“ + +„Wer das? Wen meinen Sie?“ + +„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen wir den Bären nennen? ...“ +Herr Goljädkin wandte sich lachend wieder zur Kasse, um das +zurückgegebene Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej +Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder ihnen +zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht. Die beiden jungen +Beamten tauschten untereinander einen Blick aus. + +„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen erkundigt, Jakoff +Petrowitsch,“ antwortete einer von ihnen. + +„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir ihn sitzen, meine +Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt, sagen Sie?“ + +„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist denn heute mit Ihnen +los?! Parfümiert, geschniegelt und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer +Stutzer geworden?! ...“ + +„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin blickte zur Seite +und lächelte gezwungen. Als die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen +sie in lautes Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt und setzte +eine hochmütige Miene auf. + +„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann unser Held nach +kurzem Schweigen, als habe er sich entschlossen – „mochte es denn so +sein!“ – sie über etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren, +kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von der einen Seite +gekannt. Einen Vorwurf kann man deshalb niemandem machen, zum Teil, das +gebe ich selbst zu, war es meine eigene Schuld.“ + +Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und sah die beiden bedeutsam +an. Jene tauschten wieder einen Blick aus. + +„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt. Es ist hier weder +der richtige Ort noch die richtige Zeit zu ausführlichen Erklärungen. +Deshalb will ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt Menschen, +meine Herren, die Umwege und Schliche nicht lieben, und die sich +wirklich nur zum Maskenball maskieren. Es gibt Menschen, die in der +Geschicklichkeit, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den +einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit sehen. Es gibt +auch solche Menschen, meine Herren, die sich nicht für restlos glücklich +und ihr Leben schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das +Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch Menschen, die +sich nicht gern ohne jeden Grund ducken und müßigerweise scharwenzeln, +sich einschmeicheln und den Leuten um den Mund reden, und die, was die +Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin stecken, wohin man +Sie die Nase zu stecken nicht gebeten hat ... So, meine Herren, jetzt +habe ich alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen zu empfehlen +...“ + +Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten in ihrer Wißbegier +jetzt vollkommen befriedigt waren, brachen sie höchst unhöflich in +schallendes Gelächter aus. + +Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung. + +„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur – vorläufig! Leben Sie +erst etwas länger in der Welt, dann werden Sie schon sehen!“ sagte er +mit gekränkter Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur Tür. + +„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“ fuhr er fort, sich +zum letztenmal zu den beiden Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier +gewissermaßen unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine Grundsätze, +meine Herren: mißlingt es, so werde ich mich trotzdem zusammennehmen – +gelingt es aber, so habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die +Stellung eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied, und bin +stolz darauf, daß ich es nicht bin. Zum Diplomaten würde ich nicht +taugen. Man sagt, meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger +fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist hier der Jäger, und +wer der Vogel? Das ist die Frage, meine Herren!“ + +Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem vielsagendsten +Gesichtsausdruck, d. h. indem er die Brauen hochzog und die Lippen +zusammenpreßte, beides bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich +und trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung zurücklassend. + +„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch, da es ihn offenbar +schon langweilte, in der Kälte zu warten und sich von Ort zu Ort +schleppen zu lassen. „Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den +fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit dem unser Held +sich an diesem Morgen schon zweimal versehen hatte und mit dem er sich +jetzt beim Verlassen des Restaurants zum drittenmal waffnete. + +„Zur Ismailoffbrücke.“ + +„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher zu. + +„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt, oder sogar erst um +fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird es jetzt nicht noch zu früh sein? +Übrigens kann ich ja ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist +es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz _sans façon_ ... wie +feine Leute zu sagen pflegen. – Weshalb sollte ich denn nicht _sans +façon_ erscheinen können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz _sans +façon_ sein werde, da kann doch auch ich ...“ + +So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet wuchs seine Aufregung +und wurde mit jedem Augenblick größer. Man merkte es ihm an, daß er sich +zu etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen – vorbereitete: er +flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte mit der rechten Hand, +blickte in einem fort zu den Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich +alles eher vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit +begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen werden sollte, ganz +_sans façon_, wie feine Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der +Ismailoffbrücke wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus, zu dem er ihn +fahren sollte. Die Equipage rollte wieder mit ohrenbetäubendem Getöse +unter den Torbogen und weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des +rechten Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr Goljädkin an +einem Fenster des zweiten Stockwerkes eine junge Dame, der er, kaum daß +er sie erblickt, eine Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht, +was er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot als lebendig +war. Beim Aussteigen war er bleich und unsicher. Er trat ein, nahm den +Hut ab, rückte mechanisch an seinen Kleidern und begann – mit einem +sonderbaren Schwächegefühl in den Knien: es war, als zitterten sie – die +Treppe hinaufzusteigen. + +„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten, der ihm die Tür öffnete. + +„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht zu Haus.“ + +„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich bin eingeladen, mein Bester. +Du kennst mich doch?“ + +„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn nicht zu empfangen.“ + +„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich bin es. Und ich bin +doch eingeladen, ich ... ich komme zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr +Goljädkin und warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht, +sogleich die Zimmer zu betreten. + +„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl, den Herrn nicht +eintreten zu lassen, man will den Herrn nicht empfangen. Ich habe +Befehl!“ + +Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf und Gerassimowitsch, der +alte Diener Olssuph Iwanowitschs, erschien. + +„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der Herr will eintreten, ich +aber ...“ + +„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen Sie und schicken Sie +den Schuft Ssemjonytsch her. – Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf +höflich, doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es geht +nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen, man kann +nicht empfangen.“ + +„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen kann?“ fragte Herr +Goljädkin unentschlossen. „Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb +kann man denn nicht?“ + +„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde mir gesagt: bitte, zu +entschuldigen. Es ist unmöglich.“ + +„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“ + +„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“ + +„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch nicht so! Melden Sie ... +Was soll denn das heißen! Ich bin zum Diner ...“ + +„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“ + +„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache – wenn man zu entschuldigen +bittet. Aber wie ist denn das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie +mir doch! ...“ + +„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn wieder Gerassimowitsch, +indem er ihn recht nachdrücklich mit dem Arm zur Seite schob, um zwei +Herren eintreten zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej +Philippowitsch und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch. Beide blickten +sehr verwundert Herrn Goljädkin an. + +Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn anzureden, doch Herr +Goljädkin hatte seinen Entschluß schon gefaßt: er trat schnell aus dem +Vorzimmer und sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in dem +verwirrten Gesicht: + +„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ... ich hoffe, daß alles +sich bald aufklären wird,“ sagte er vom Treppenflur aus ... + +„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte die Stimme Andrej +Philippowitschs. + +Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz erreicht. Er wandte +sich schnell zurück und sah hinauf zu Andrej Philippowitsch. + +„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“ fragte er ziemlich scharf. + +„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was ist hier ...“ + +„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier niemanden etwas an. Das +ist meine Privatangelegenheit, Andrej Philippowitsch.“ + +„Wa–as?“ + +„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das mein Privatleben ist, +und daß man, wie mir scheint, hinsichtlich meiner offiziellen +Beziehungen hier, nichts Tadelnswertes finden kann.“ + +„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer offiziellen ... Was ist +mit Ihnen geschehen, mein Herr?“ + +„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar nichts ... ein verzogenes +Mädchen, nichts weiter ...“ + +„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte nicht, was er vor lauter +Verwunderung denken sollte. + +Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch sprach, auf +dem Treppenabsatz von unten nach oben blickte und so aussah, als wolle +er seinem Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen, trat, +als er dessen Verwirrung gewahrte, eine Stufe höher. Andrej +Philippowitsch wich etwas zurück. Herr Goljädkin stieg wieder eine und +dann noch eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich unruhig +um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich schnell noch über die anderen +Stufen hinauf – doch noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück +ins Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr Goljädkin sah sich +allein im Treppenhaus. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen +Gedanken im Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken, +regungslos auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch an eine +ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer Zeit befunden hatte? + +Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs wie ein Seufzer +klang, und zwang sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er +plötzlich Stimmen und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die +Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin kam wieder zu sich, +klappte schnell den Waschbärkragen an seinem Herbstpaletot auf, um nicht +erkannt zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd und bebend +die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte eine große Schwäche in sich, eine +gewisse Abgetaubtheit in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen, +ein lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er noch so verwirrt, +daß er nicht wartete, bis seine Equipage vorfuhr, sondern selbst über +den schmutzigen Hof zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand +Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die Erde zu versinken +oder mitsamt der Equipage in ein Mauseloch zu verschwinden, denn es +schien ihm, oder richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher +Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der Wohnung Olssuph +Iwanowitschs gab, an den Fenstern stand und ihn mit den Blicken +verfolgte. Und er wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde, +wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde. + +„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an, der ihm beim Einsteigen +helfen wollte. + +„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“ + +„Nach Hause, sofort ...“ + +„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher zu und kletterte auf +seinen Dienersitz. + +„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin wütend. + +Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke erreicht. +Plötzlich griff unser Held nach der Schnur, riß an ihr wie ein +Verzweifelter und schrie seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren +solle. Der Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten fuhr +die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph Iwanowitsch. + +„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich Herr Goljädkin, +der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl schon vorausgesehen zu +haben: denn ohne ein Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal +anzuhalten, fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus auf die Straße. + +Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern befahl, nicht weit +von der Ssemjonoffbrücke, in eine kleine Querstraße einzubiegen und vor +einem Restaurant von recht unansehnlichem Aussehen zu halten. Dort stieg +er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf diese Weise seine Equipage +los. Petruschka schickte er nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann +trat er ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte ein +Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In seinem Kopf war ein +einziges Chaos. Lange ging er im Zimmer erregt auf und ab: endlich +setzte er sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm +sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige Situation +nachzudenken und irgendeinen Entschluß zu fassen. + + + IV. + +Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages Klara +Olssuphjewnas, der einzigen Tochter des Staatsrats Berendejeff, der +seinerzeit Herrn Goljädkins Gönner gewesen war, stattfand und durch ein +glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie es die Wände der +Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke und im näheren Umkreise daselbst +noch nicht gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars als an +ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes erinnerte – zumal +ihm hinsichtlich des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter +denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff und +Miljutin[11] befanden, entschieden etwas Babylonisches anhaftete, – +dieses feierliche Fest, das durch ein so feierliches Diner eröffnet +wurde, sollte seinen Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der nach +Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner Familienball war, zu +dem man noch die nächsten Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach +dem Geschmack, der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als glänzend +bezeichnet werden mußte. + +Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche Bälle auch anderweitig +gegeben werden, jedoch – selten. Solche Bälle, die eher einem +Familienfreudenfeste gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können +nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es das Haus des Staatsrats +Berendejeff ist. Ja, ich bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich +solche Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter! – doch, +versteht sich, mindestens einer wie Homer oder Puschkin, denn mit einer +geringeren Begabung dürfte man sich an diese Aufgabe gar nicht +heranwagen – also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser! +dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben mit kühnem Pinsel diesen +ganzen hochfeierlichen Tag zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde +meine Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade mit jenem +weihevollen Augenblick, in dem das erste Glas auf das Wohl der Königin +des Festes geleert wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in +andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in einem Schweigen, das +mehr der Beredsamkeit eines Demosthenes glich, als – nun, als einem +Schweigen. Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern, der +als ältester unter den Gästen ein gewisses Recht auf den Vorrang hatte, +wie er sich im Schmuck seines Silberhaares und der entsprechenden Orden +auf der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit dem funkelnden +Weine griff – mit dem Weine, der aus einem fernen Königreich +herbeigeschafft war, um so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe +zu verleihen, – mit dem Weine, der eher dem Nektar der Götter gleicht, +als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen die glücklichen Eltern der +Königin des Festes und die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem +Beispiel Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren Gläsern +griffen und die erwartungsvollen Blicke auf den Redner hefteten. Ich +würde Ihnen schildern, wie dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit +geradezu tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des +Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der größte Dichter, nie +würde meine Kunst ausreichen, um die ganze Weihe dieses Augenblicks zu +geben, als die Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit dem +Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit auf dem +lieblichen Antlitz, der Mutter im Überschwang der Gefühle in die Arme +sank, wie die zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann und +wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des Hauses, dem ehrwürdigen +Greise und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst der +Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal mit einem Vermögen, +einem großen Hause, mehreren Gütern und einer so schönen Tochter belohnt +hatte – wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter +Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten, und wie er mit +zitternder Stimme stammelte, Seine Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich +brächte es nicht fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende +allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern, – diese +eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem Benehmen eines jungen +Registrators äußerte, der – obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein +Staatsrat als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine Rührung +nicht zu unterdrücken vermochte und seine Augen feucht werden fühlte. +Andrej Philippowitsch dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs +nach einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach ganz etwas +anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen, wonach eigentlich – aber +jedenfalls nicht nach einem Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann +... O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren man in erster +Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden Augenblicke wiederzugeben, +die gleichsam zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter +die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit, Freidenkerei, Laster und +Neid den Sieg davonträgt! Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur +schweigend – das sagt mehr, als es Worte vermöchten – auf jenen +glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig Lenze zählt, auf +jenen Neffen Andrej Philippowitschs, den jungen Wladimir Ssemjonowitsch, +der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete, während auf ihm +die tränenfeuchten Blicke der Eltern des Geburtstagskindes ruhten, die +stolzen Blicke Andrej Philippowitschs, die verschämten der Königin des +Festes, die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen Grenzen +zurückgehalten neidischen Blicke einiger jungen Kollegen dieses +ausgezeichneten Jünglings. Ich will nichts weiter sagen, obwohl ich +nicht umhin kann, zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens +eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling, wenn auch in einem +für ihn vorteilhaften Sinne des Wortes – in dieser feierlichen Minute +alles, von seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen +Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht, bis zu welch einer Höhe +Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, Sittsamkeit einen Menschen emporheben +können! Ich will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton +Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs und einst +auch Olssuph Iwanowitschs, der außerdem ein alter Hausfreund und +Taufvater Klara Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar – +nun auch seinerseits eine Rede halten wollte und mit einer Stimme wie +ein krähender Hahn fröhliche Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch, +daß er, wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise jeden +Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen erheiterte, und wie +Klara Olssuphjewna ihn zum Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf +Wunsch der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur anzudeuten, +daß die Gäste, die sich nach einem solchen Mahle naturgemäß einander +nahestehend und verbrüdert fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch +aufstanden, daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach +kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein anderes Zimmer +zurückzogen, wo sie, um die kostbare Zeit nicht zu verlieren, sogleich +an den Spieltischen Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen +begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt hatten, alle +ungeheuer liebenswürdig waren und sich alsbald lebhaft über die +verschiedensten Dinge unterhielten; daß endlich der hochverehrte +Gastgeber unter Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch +und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter den Damen erschien, und, +da Liebenswürdigkeit ansteckend ist, gleichfalls sehr liebenswürdig +wurde und sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu +improvisieren, trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht; daß zu +diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich derselbe Wladimir +Ssemjonowitsch, persönlich nach Musikanten geschickt wurde, und wie +dann, als diese – ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb neun +Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in den lockenden Tönen einer +französischen Quadrille erklang, der die weiteren Tänze folgten ... Es +versteht sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und zu stumpf +ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die Liebenswürdigkeit des +greisen Gastgebers veranstalteten Ball zu schildern. Ja, und wie könnte +ich, frage ich, wie könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer +Art gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins, – wie könnte +ich diese außergewöhnliche Mischung von Schönheit, Vornehmheit und +Heiterkeit, von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit, +von Schelmerei und Freude, alle die Reize dieser Beamtendamen, die eher +Feen als Damen glichen – mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern und +Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und reizend hervorlugenden +Füßchen –: ja, wie könnte ich alles das schildern? Wie könnte ich diese +glänzenden Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen, gesetzt, +gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig benebelt dastanden, in +den Tanzpausen rauchten, oder auch nicht rauchten, und sich in ein +fernes grünes Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten, die +alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch eine Familie besaßen, – +wie diese jungen Offiziere, die von den Begriffen der Eleganz und den +Gefühlen des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die mit ihren +Damen größtenteils nur Französisch sprachen, oder, falls es Russisch +war, dann doch nur in den höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei +Komplimenten und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst +versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer einige +liebenswürdige Abweichungen von besagtem hohen Tone erlaubten und sich +in freundschaftlicher Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z. B.: +„Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert getanzt!“ oder: „Na, +du, Wassjä, scheinst ja bei deiner Dame großartig abgeschnitten zu +haben!“ Alles das zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie +gesagt, meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige ich lieber. +Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin zu, dem wirklichen und +einzigen Helden unserer durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung. + +Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer, sagen wir kurz, sehr +seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich gleichfalls dort auf, d. h. er war +nicht gerade auf dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf dem +Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein Mensch für sich, und ging +niemanden etwas an. Nur stand er, während man dort oben tanzte, nicht – +wie soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich – es ist etwas +peinlich, das zu sagen – er stand nämlich währenddessen im Flur der +Küchentreppe des Hauses. Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er +dort stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch für sich, wie +immer. Er stand, meine verehrten Leser, er stand in einem Winkel, in dem +es zwar nicht gerade wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand +halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und einem alten +Wandschirm, stand zwischen verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderem +Kram, und wartete vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein +müßiger Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar ist. Er +wartete und beobachtete – ja, meine verehrten Leser – er wartete und +beobachtete vorläufig nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick +gleichfalls eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus seinem +Versteck hervorzukommen und weiterzugehen: und er kam wie jeder andere +in den Saal, mit der größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er +dort schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt zwischen der +Wand, dem Schrank und dem Schirm und neben verschiedenem Gerümpel, +Hausgerät und anderen Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß +in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner +Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen Ministers Villèle +seligen Angedenkens, daß nämlich „alles zu seiner Zeit an die Reihe +komme, wenn man nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch +hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens ganz belanglosen Buch +gelesen und sich gemerkt, weshalb er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr +zur rechten Zeit, wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte +dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen Lage, und +zweitens, was kommt einem Menschen schließlich nicht in den Sinn, wenn +er in einem Treppenflur, in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang auf +den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet? + +Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur rechten Zeit den passenden +Ausspruch zitierte, fiel ihm gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde +die Lebensgeschichte des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris ein, und +gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin Louise, deren Biographie +er gleichfalls einmal gelesen hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß +die Jesuiten nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes Mittel +durch den Zweck geheiligt werde, daß man also jedes Mittel anwenden +könne, wenn man damit nur das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache +flößte Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon im nächsten +Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“ – die Jesuiten, die könne er +allesamt ins Bockshorn jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich nur +das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren wollte (das Zimmer, von dem +aus eine kleine Tür unmittelbar nach dem Flur führte, in dem Herr +Goljädkin sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten, nämlich +ohne weiteres – dort eintreten und schnurstracks durch das Büfettzimmer +ins Teezimmer gehen und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten +spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem getanzt wurde. Und er +würde hindurch gehen, würde tatsächlich und ohne jede Rücksicht oder +irgendwelche Bedenken, ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen – +würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen, und, noch eh’ ihn +jemand bemerkte, mitten im Saal stehen! Dort aber – o! was er dann dort +zu machen hatte, das wußte er selbst schon ganz genau. + +Also in einem solchen Zustande befand sich unser Held, obschon es +übrigens schwer zu erklären wäre, was alles während des Wartens in ihm +vorging. Die Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis in den +Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte: weshalb, fragte er sich, +sollte er ihn auch nicht finden? – weshalb sollte er nicht eintreten, +wenn doch alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur, doch weiter +wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens nicht offen und allen +sichtbar ... aber das nicht etwa deshalb, weil er es nicht _wagte_, +sondern so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er lieber kein +Aufsehen erregte – nur das war der Grund. Und da wartete er eben, +wartete ganz mäuschenstill geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er +auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet! + +„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was hat Villèle damit zu +schaffen! Aber wie könnte ich jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach +du Eckensteher, du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst, samt +seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der steifgefrorenen Hand in +die steifgefrorene Wange, „du Narr, der du bist, du elender +Goljädka[12], da hat dich das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es +dir einen solchen Namen gab! ...“ + +Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen er sich plötzlich selbst +bedachte, nur so eine zeitweilige kleine Gedankenverirrung, ohne jeden +sichtbaren Zweck oder besonderen Grund. + +Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck hervor und schlich zur +Tür: der Augenblick war günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr +Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der Tür. Schon legte er +die Hand auf die Klinke, um zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen – +doch plötzlich fragte er sich: + +„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht? ... Ach was, ich +trete ein! ... weshalb sollte ich denn nicht? Dem Mutigen gehört die +Welt!“ + +Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert hatte – flüchtete +er plötzlich, für ihn selbst ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm +zurück. + +„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das Zimmer kommt? Da haben wir’s! +– da sind richtig welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als +niemand dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn man doch so ... ganz +einfach sich ein Herz fassen und ohne weiteres und geradezu +hineindringen könnte! ... Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal +solch einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung geben muß! +Da ist dir das Herz wieder gleich in die Hühnerbeine gefallen! Ja, den +Mut verlieren, das ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts +ausrichten oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche! Das können wir! +Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus +könnte man jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich ganz +angenehm. So aber – spät zurückkehren? ... Petruschka würde brummen ... +Soll ich nicht einfach jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die +ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“ + +Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß gefaßt, als er plötzlich +schon an der Tür stand, mit zwei Schritten in das Büfettzimmer +schlüpfte, Paletot und Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in +einen Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und sich umsah: +dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer, von dort schlüpfte er +fast unbemerkt durch das Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere +Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann ... ja dann vergaß +Herr Goljädkin alles, was ringsum war oder geschah, und befand sich im +Saal. + +Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht getanzt. Die Damen +saßen oder gingen umher in malerischen Gruppen. Die Herren standen hier +und dort in leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen zum +nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch nichts davon. Er sah +nur Klara Olssuphjewna, neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir +Ssemjonowitsch, dann noch zwei oder drei Offiziere – und vielleicht ein +paar junge Beamte, die alle, wie man auf den ersten Blick erkennen +konnte, hinsichtlich ihrer Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen +berechtigten ... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere Gestalten. +Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder doch so gut wie nichts, +wenigstens sah er niemanden an, und bewegte sich nicht aus eigener +Kraft, sondern gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach +seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden keinen eigenen mehr +besaß, immer weiter schob, immer weiter, und durch die er, indem er ihr +folgte, auf diese Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal +erschien. Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten, oder vielleicht +auch schon mehr oder weniger vergangen waren, trat er versehentlich +einem Geheimrat auf den Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen +Matrone, verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur, der er +etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an einen Diener, der mit einem +Präsentierteller an ihm vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden, +ohne es selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen +Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können, – bis er plötzlich nur +eines begriff: daß er vor Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er +in diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den Boden +versunken: doch was nicht geht, das geht nun einmal nicht, ebensowenig +wie Geschehenes sich ungeschehen machen läßt. Was sollte er tun? +Mißlingt es, dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren sie? +Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte er vollkommen recht – kein +Meister in der Kunst, das Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ... +Möglich, daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die Jesuiten +in den Sinn ... + +Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte und lachte – +verstummte plötzlich wie durch einen Zauberschlag. Man sah sich um, man +fragte sich mit den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und +allmählich drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah und hörte selbst +nichts davon – er stand und sah zu Boden und gab sich sein Ehrenwort, +daß er sich noch in dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich +sein Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was wolle!“ Doch +plötzlich vernahm er zu seiner eigenen größten Verwunderung, daß er zu +sprechen begann. + +Er begann mit der üblichen Gratulation und dann folgten einige sogar +sehr geschickte und vernünftige Worte, mit denen er ihr Glück und alles +Gute wünschte. Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei den +Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher und fühlte, daß er, +sobald er nur einmal stockte, dann überhaupt nicht weiter können würde, +und ... und so stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat nicht +mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er stand ... und errötete! +Hochrot stand er da und wußte sich nicht zu helfen ... und in seiner +Hilflosigkeit sah er plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles +stand, alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden erhob +sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises Gelächter. Herr +Goljädkin warf einen verlorenen Blick auf Andrej Philippowitsch, doch +der Blick, der ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren +Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen tot gewesen wäre, +auf der Stelle getötet hätte. Alles schwieg. + +„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten und fällt in +mein Privatleben, Andrej Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum +hörbar hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej +Philippowitsch ...“ + +„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“ sagte Andrej +Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des +Unwillens, – sagte es, reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie +fort von Herrn Goljädkin. + +„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“ erwiderte +Herr Goljädkin leise, sah auf und ließ seinen unglücklichen Blick über +die Umgebung irren, als wolle er sich zunächst über seine eigentliche +Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar werden. + +„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren! Was ist denn dabei? +Nun was, das kann doch einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin +kaum verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um sich der +ihn umringenden Schar zu entziehen. + +Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg frei. So schob sich unser +Held denn zwischen zwei Reihen neugieriger und verwunderter Beobachter +weiter. Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es selbst, daß +er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich hätte er viel darum +gegeben, wenn er jetzt wieder im Flur hinter dem Schrank hätte stehen, +wenn er sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“ +unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können! Doch da das leider +ausgeschlossen war, so sah er sich nach einer Möglichkeit um, sich +wenigstens im Saal irgendwo zu verstecken oder in einem möglichst +unbeachteten Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen bis zum +Morgen auszuharren, bescheiden, anständig, ganz für sich, ohne die +geringste Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ohne jemanden anzurühren, +um auf diese Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die +Verzeihung des Hausherrn zu erwerben. + +Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe irgend etwas den Boden, +auf dem er stand, als wanke dieser Boden bereits, als müsse er selbst +sogleich fallen. Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er +sich zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer +auszusehen, der niemanden etwas anging und der selbst mit ziemlichem +Gleichmut dem Treiben zusah, indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle +stützte, die er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt, +während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst heiterem Blick die ihn +immer noch anschauenden Gäste Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von +allen am nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor dem Herr +Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam. + +„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden Stühle sind für zwei +Damen bestimmt: der eine für Klara Olssuphjewna, der andere für die +Prinzessin Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie nicht von +anderen fortgenommen werden,“ stammelte Herr Goljädkin unter +Herzklopfen, indem er seinen flehenden Blick auf den jungen Leutnant +richtete. Statt einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem +wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab. + +Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der einen Seite wollte Herr +Goljädkin auf der anderen Seite sein Glück versuchen, und wandte sich +mit irgendeiner Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, dessen Brust +einer unserer höchsten Orden schmückte. Doch der Herr Rat maß ihn mit +einem Blick, daß Herr Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über +den Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, lieber zu +schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen und mit seinem +Schweigen zu sagen, daß er ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle +anderen, und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden kommen +lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken wortlos +auszudrücken, heftete er seine Blicke auf den Aufschlag seines +Uniformrockes, doch nach einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie +auf einen Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren. + +„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, „und wenn man +ihm diese Perücke abnähme, würde man einen vollständig kahlen Kopf +sehen.“ + +Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin alles dessen, was +er über die arabischen Emire gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer +Verwandtschaft mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban trügen, +unter dem auch nur ein nackter, das heißt haarloser Kopf sichtbar wurde. +Von den Köpfen der Emire sprangen seine Gedanken auf türkische +Pantoffeln über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich noch, daß +Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel trug, die mehr bequemen +Pantoffeln glichen, als Stiefeln. Doch allmählich wurde er mit seiner +Umgebung vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und dorthin +zu schauen. + +„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich herabfiele, gerade auf +die versammelte Gesellschaft, so würde ich sogleich zu Klara +Olssuphjewna stürzen und sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit +wäre, würde ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges +Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin Ihr Retter.‘ Und dann +...“ + +Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, in der er Klara +Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, und da erblickte er plötzlich +Gerassimowitsch, den alten Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch +kam mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen Miene +gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte zusammen und runzelte die Stirn +unter dem jähen Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr +unangenehmen Empfindung. Ganz mechanisch blickte er sich nach beiden +Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht sehr +gut und ratsam wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ... +zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach zu verschwinden, als +hätte er nie hier gestanden. Doch noch bevor unser Held sich zu irgend +etwas entschließen oder gar etwas tun konnte, stand dieser +Gerassimowitsch schon vor ihm. + +„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich unser Held mit einem +Lächeln an den alten Diener, „sagen Sie einem von den Dienstboten – +sehen Sie dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, sie +steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, daß man sie wieder +gerade einsetzt – sie wird wirklich sogleich fallen, Gerassimowitsch +...“ + +„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, aber es ist dort jemand, +der Sie sprechen will.“ + +„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“ + +„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein Mensch, den irgend +jemand geschickt hat. Er fragte, ob Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier +sei. So rufen Sie ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen +und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so sagte er ...“ + +„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie werden sich verhört +haben, Gerassimowitsch.“ + +„Schwerlich ...“ + +„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem Falle kann es +nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. Niemand kann hier +nach mir fragen, Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen +wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, ich gehe hier +keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“ + +Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. Natürlich! Alles, was im +Saale war, alles hatte sich mit Augen und Ohren ihm zugewandt und +schwieg in nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas näher +und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde schienen erregt zu +tuscheln. Sogar der Hausherr erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe, +und obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den Erlebnissen +Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren Anteil nahm, zumal in +dieser Angelegenheit die äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so +fühlte und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der +entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. Herr Goljädkin sah +es deutlich, daß sich ihm jetzt oder nie die Gelegenheit zu einem kühnen +Handstreich bot, die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner +Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin empfand plötzlich eine +gewisse Begeisterung und wandte sich wieder an den wartenden +Gerassimowitsch und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme: + +„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. Du irrst dich. Ja, ich +sage noch mehr: du hast dich auch heute vormittag geirrt, als du mir zu +versichern suchtest ... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“ +– Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph Iwanowitsch, mein +Wohltäter seit undenklichen Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater +ersetzt hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines +Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin sah sich +selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl im Kreise um. In seinen Augen +erglänzten Tränen. „Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt, +hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“ + +Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr Goljädkin fühlte es, daß +seine Rede einen Eindruck, einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr +Goljädkin stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete +die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter den Gästen machte sich eine +gewisse Aufregung und Verwunderung bemerkbar, und selbst der +unerschütterliche Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder +„schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, und blieb +stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester ein und spielte eine +rauschende Polka. Alles zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen, +Gerassimowitsch zog sich schleunigst zurück, und alles, was im Saal war, +geriet wie ein Meer ins Wogen: da schwebte bereits das erste Paar, +Wladimir Ssemjonowitsch mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites +der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die Zuschauer drängten sich +entzückt und begeistert herbei und lächelten vor Lust beim Anblick des +neuen Tanzes – der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka. + +Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch nach einiger Zeit geriet +wieder alles durcheinander, der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte +aus, die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war atemlos, mit +geröteten Wangen und ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken. Alle +Herzen flogen der bezaubernden Königin des Festes zu, alle eilten zu +ihr, um ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das man beim +Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, und – da stand auch schon +Herr Goljädkin vor ihr. Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst +nicht, was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und schob bittend +den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. Klara Olssuphjewna sah zwar sehr +verwundert zu ihm auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso +mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin beugte sich nach +vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten Male, erhob gleichzeitig einen +Fuß, mit dem er irgendwie nach hinten ausschlug, dann stampfte er +plötzlich auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen +Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! Klara Olssuphjewna +kam plötzlich zu sich und schrie leise auf: im Nu stürzten alle herbei, +um sie von Herrn Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser +Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, sah sich +von einem empörten Kreise umgeben, vernahm das Gekreisch und die Klagen +von zwei alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen oder +getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die Aufregung war +unbeschreiblich: alles rief, schrie, sprach durcheinander. Das Orchester +verstummte. Unser Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte +halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß er doch gleichfalls ... +weshalb denn nicht ... die Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts +dafür ... ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung der +Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun einmal nicht ginge, so sei er +ja bereit, zurückzutreten ... Leider schien sich aber niemand um seine +Bereitwilligkeit zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß eine Hand sich +um seinen Oberarm legte und eine andere kräftig gegen seinen Rücken +drückte und daß man ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese +Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr Goljädkin wollte +irgend etwas sagen, irgend etwas tun ... oder nein, er wollte gar nichts +mehr. Er lächelte nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung war +dann, daß man ihm den Mantel anzog und den Hut auf den Kopf drückte, +irgendwie schief auf die Stirn und in die Augen. Dann befand er sich, +wie ihm schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit und +Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte er und glaubte, in einen +Abgrund zu fallen: er wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon +auf dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand und fühlte nur +ein Drehen im Kopf. Da vernahm er mit einem Male die gedämpften Klänge +der Musik, die wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich +erinnerte er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig verlassen +hatten, waren wie mit einem Schlage wieder da. Er fuhr auf, griff sich +an den Kopf und stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die +Freiheit, geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen. + + + V. + +Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht, als Herr +Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals in der Nähe der Ismailoffbrücke +hinauslief, um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen Feinden und +Verfolgern, dem Gekreisch der empörten alten und dem Ach und Weh der +jungen Damen, und vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs. + +Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet, wie man das so zu +sagen pflegt, sondern vollständig und buchstäblich erschlagen – +erschlagen und tot, und wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit +des Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem Wunder zu +erklären, einem Wunder, an das zu glauben er sich schließlich selber +weigerte. Das Wetter war grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht: +naß, neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle Gaben des +Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus, Schnupfen, Influenza und +alle möglichen sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich brachten +und in sich trugen. Der Wind heulte durch die menschenleeren Straßen und +über den Kanal, daß das schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich +regte, rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein Pfeifen +mit leisem Kreischen und Knarren antworteten, was dann alles zusammen +wie eine weinerlich schrille, fernher schwirrende Musik klang, die jedem +Petersburger so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen Regenströme +samt dem nassen Schnee trafen – als kämen sie aus einer Feuerspritze – +den armen Herrn Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen ihn +ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das nächtliche Schweigen, das +nur fernes Wagenrollen, das Heulen des Windes und das Knarren der +Laternen unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des Wassers von den +Dächern und Fenstervorsprüngen auf die Steine des Trottoirs, und das +leise gurgelnde murmelnde Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen. +Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen, und es konnte ja auch um +diese Zeit und bei diesem Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn +auf dem Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz allein mit +seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit und den Regen, eilte in seiner +eigentümlichen Gangart mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie +im Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie möglich die +Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den Torbogen zu schlüpfen und +dann die Treppe hinaufzueilen, bis er in seiner Wohnung in Sicherheit +war. + +Doch obschon der Schnee und Regen und alles das, was sich kaum nennen +und schildern läßt, wenn die Novemberstürme Petersburg heimsuchen, von +allen Seiten zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn schonungs- +und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf die Knochen ging, die Augen +blendete und ihn fast vom Wege blies, als habe das Wetter sich mit +seinen Feinden verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen: so +konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin, der an diesem Tage +schon genugsam vom Unglück verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht +den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum ernsthaft und +wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert war er durch das, was er vor +wenigen Minuten im Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben +müssen! Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem Augenblick von +der Seite hätte beobachten können, wie er so, gleichsam blind und taub, +durch das Unwetter einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze +fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl gesagt, Herr +Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor sich selbst verstecken, als +wolle er am liebsten vor sich selbst fortlaufen. Und so war es auch +wirklich. Ja, wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am +liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts verwandelt +hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff er etwas von dem, was ihn +umgab: er sah aus, als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom +Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für den rechten Stiefel +etwas zu groß war, fiel ab, doch Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es +überhaupt zu bemerken. Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh stehen +blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem Gedanken an eine +unfaßbare Schmach, und daß er dann unbeweglich, wie zu einer Bildsäule +erstarrt, mitten auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er +fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr und wie ein +Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne sich umzusehen, als wolle er +sich vor Verfolgern retten oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren +Unglück zu entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend ... + +Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich auf das Geländer +am Kanal und starrte auf das schwarze Wasser der Fontanka. So stand er +eine lange Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber +jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual so ungeheuerlich und +sein Mut so erschöpft, daß er alles vergaß, alles, das Haus an der +Ismailoffbrücke und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja, selbst +vergaß, wo er sich im Augenblick befand ... Und warum sollte er auch +nicht? Es war doch nichts mehr daran zu ändern, was ging es ihn im +Grunde noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am ganzen +Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein paar Schritte zur Seite. +Mit einer unerklärlichen Unruhe sah er sich um: es war niemand zu sehen, +es konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ... und doch schien +es ihm, daß im Augenblick jemand neben ihm, dicht neben ihm gestanden +hatte, gleichfalls auf das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war, +als habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell und kurz und +nicht ganz deutlich, aber irgend etwas ihm Naheliegendes, etwas, das ihn +persönlich anging. + +„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen sein?“ fragte sich Herr +Goljädkin, indem er sich nochmals suchend umsah. „Aber wo bin ich denn? +... Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig, mit +einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit einer gewissen Angst, alle +Kräfte zusammenzunehmen, um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die +trübe, feuchte Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges zu +sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es schien alles ruhig zu sein, +alles wie es sein mußte, es schneite nur stärker als vorher und in +größeren Flocken: keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen, so +stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger, noch klagender +sein banges Lied, ganz wie ein Bettler, der nicht von einem läßt und +traurig um ein Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können. + +„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich Herr Goljädkin, und er +setzte seinen Weg fort, blickte sich aber immer noch etwas unsicher um. +Inzwischen bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war wie eine +Beklemmung, und doch wieder nicht, es war wie Angst ... und doch anders +als Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper +und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich. + +„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich, um sich etwas zu +ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht hat so etwas nichts auf sich und +geht niemandem an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“ fuhr er +fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach, „vielleicht wird das +gerade zum Guten führen, mir noch ein Glück eintragen, weshalb also +ungehalten sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet sein +kann?“ + +Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen beschäftigt, +schüttelte Herr Goljädkin den Schnee von sich ab, der schon mit einer +dicken Schicht seinen Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel +bedeckte, – doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung konnte +er nicht abschütteln. Irgendwo fern fiel ein Kanonenschuß[13]. + +Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu! wenn es nicht noch eine +Überschwemmung gibt? Das Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein +... + +Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er nicht weit vor sich einen +Menschen erblickte, der ihm entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein +verspäteter Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige Begegnung, +die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch Herr Goljädkin wurde aus einem +unbekannten Grunde ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf. Nicht, +daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte, – nein, das nicht, aber +... „was kann man wissen, wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn, +„vielleicht ist auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die +Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen, sondern in +einer besonderen Absicht, um meinen Weg zu kreuzen und mich anzurempeln +...“ + +Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch nicht, sondern empfand +nur eine Sekunde lang etwas Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte +auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde war keine zwei +Schritte mehr von ihm entfernt. Herr Goljädkin beeilte sich seiner +Gewohnheit gemäß, eine Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab, +daß er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden etwas angehe, +daß der Weg für alle breit genug, und er, Goljädkin selbst, niemanden +anrühre und ruhig vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz +getroffen, und dann wandte er sich schnell zurück und sah dem anderen +nach, der kaum an ihm vorübergegangen war, – wandte sich zurück, als +habe ihn jemand an einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte +sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig, war +gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in die Stirn gezogen und den +Kragen aufgeschlagen, und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen, +schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im Trab. + +„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin mit einem ungläubigen +Lächeln, – schauderte aber doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm +kalt über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte vollends in +der Dunkelheit, auch seine Schritte waren nicht mehr zu hören, Herr +Goljädkin aber stand immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er +wieder zu sich. + +„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich denn etwa rein von +Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“ Und er ging wieder seines Weges, +beschleunigte aber immer mehr den Schritt und bemühte sich, an gar +nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen, um nicht zu denken. +Plötzlich, durch das Heulen des Windes und das Geräusch des Unwetters, +vernahm er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr zusammen und +öffnete die Augen. Vor ihm, etwa zwanzig Schritte weit, tauchte von +neuem irgendein dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam. Die +Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin konnte schon +deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen erkennen, – und plötzlich +schrie er auf vor Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden schwach. +Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant, der vor etwa zehn +Minuten an ihm vorübergegangen war, und der ihm jetzt plötzlich wieder +entgegenkam. Das Erlebnis war seltsam und unheimlich. Herr Goljädkin war +so überrascht, daß er stehen blieb, zitterte, irgend etwas sagen wollte, +und – plötzlich dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an, +wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte blieb auch +wirklich stehen, etwa zehn Schritte weit von Herrn Goljädkin, und zwar +gerade im Schein der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen +konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin um und wartete +mit ungeduldiger Miene darauf, was jener nun sagen werde. + +„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“ stammelte unser +Held mit zitternder Stimme. + +Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich ungehalten wieder +von ihm ab und ging schnell weiter, als wolle er sich beeilen, die +verlorenen zwei Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am +ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Mit einem +Stöhnen sank er auf einen der Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich +allen Grund, so die Fassung zu verlieren. + +Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt erschienen. Doch das +hätte allein noch nicht viel besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte +ihn jetzt vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn schon +gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal gesehen, sogar vor ganz +kurzer Zeit. Aber wo? – wo konnte das gewesen sein? – und wann? War es +nicht erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das die +Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen hatte. Es war ja auch +fast gar nichts Besonderes an diesem Menschen – auf den ersten Blick +hätte dieser Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit +erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle anderen, war natürlich auch +anständig, wie alle anständigen Menschen, und vielleicht besaß er sogar +irgendwelche Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein Mensch für sich. + +Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft noch selbst eine +Abneigung gegen diesen Menschen, sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in +diesem Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für nichts in der +Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht, und nun noch gar eine, wie +jetzt in der Nacht. Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin +kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar, wie er hieß, mit dem +Familiennamen und mit dem Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn +selbst für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, – er wollte +ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben, daß jener so und so +hieß. + +Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß, was er dachte oder +empfand, das vermag ich nicht zu sagen, doch als er endlich wieder zu +sich kam, raffte er sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er +lief, was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der Atem ging ihm +aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin – und bei der Gelegenheit +verlor er auch die andere Galosche. Endlich gab er das Laufen auf, +verlangsamte den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell um und +stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon eine ganze Wegstrecke +längs der Fontanka zurückgelegt hatte, ging dann über die +Anitschkoffbrücke, ging über den Newskij und stand schließlich an der +Straßenkreuzung des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann bog er in +die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick einem Menschen, der am +Rande eines Abgrundes steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den +Boden schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick in die +Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß und selbst sieht, und der +doch nicht die Kraft hat und auch nicht die Geistesgegenwart, auf den +noch feststehenden Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke, +den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden: die Tiefe zieht ihn +vielmehr an, zieht ihn und läßt ihn nicht los, und so springt er denn +schließlich beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang +zu beschleunigen. + +Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt, daß ihm sogleich, +noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles zustoßen, daß er z. B. wieder +jenem Unbekannten begegnen würde: doch – so seltsam es auch erscheinen +mag – er wünschte diese Begegnung jetzt beinahe selbst herbei, wünschte +sie schneller herbei, so schnell wie möglich. Da er sie doch für +unvermeidlich hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein +Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch, rasch! +Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege ihn eine fremde Macht, +denn von seinem eigenen Wesen fühlte er nichts als eine unendliche +Erschöpfung und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr denken, +obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen wie Dornen an alles und jedes +hefteten. Ein verirrtes Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so +zitterte, schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken +dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten Ohren, und von +Zeit zu Zeit sah es schüchtern und verständnisvoll zu ihm auf. + +Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke oder vielmehr die +Erinnerung an etwas vor langer Zeit einmal Geschehenes kam ihm jetzt in +den Sinn und begann in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und +hämmerte und ließ sich nicht abweisen. + +„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin vor sich hin, ohne +sich selbst zu verstehen. Endlich erblickte er den Unbekannten wieder, +gerade wie er um die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder +entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung, ging wenige +Schritte vor ihm und eilte ebenso wie er in leichtem Trab. Bald hatten +sie die Schestilawotschnaja erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag setzte +aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in dem Herr +Goljädkin wohnte. Man hörte die Klingel unter dem Torbogen und fast in +demselben Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels. Das +Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte beugte sich und verschwand. Im +nächsten Augenblick hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und +schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas brummte; er lief auf +den Hof und erblickte wieder den Unbekannten, den er einen Moment aus +dem Auge verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang zu +der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung hinaufführte. Herr Goljädkin +eilte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen +Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so daß ein Fremder, der +zum erstenmal und noch dazu im Dunkeln diese Treppe hinaufstieg, +mindestens eine halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte. +Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß man sich Hals und +Beine brach, verwünschte immer wieder nicht nur die Treppe, sondern mit +dieser auch seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen, +zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch jener Unbekannte, den Herr +Goljädkin verfolgte, schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut +zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit der größten +Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal zu zögern, als wäre ihm jede +Stufe bekannt. Herr Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder +dreimal schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten an seine Nase. Das +Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle Fremde blieb gerade vor der Tür +der Wohnung des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka – was zu einer +anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in Verwunderung gesetzt hätte, – +Petruschka, ganz als hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen +gelegt, öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen mit dem +Licht in der Hand entgegen. + +Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung in seine Wohnung. Ohne +Hut und Mantel im Vorraum abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt, +auf der Schwelle seines Zimmers stehen. + +Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich vollständig, alles, was +er gefürchtet hatte, trat jetzt in die Erscheinung. Der Atem ging ihm +aus, der Kopf schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem +Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte ein wenig, blinzelte +ihm zu und nickte freundschaftlich mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte +schreien, konnte aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die +Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge und er setzte sich +starr vor Schreck neben den anderen hin. Dazu hatte er freilich Ursache. +Herr Goljädkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein +nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr +Goljädkin selbst, ein anderer Herr Goljädkin und doch Herr Goljädkin +selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen +Doppelgänger nennt. + + * * * * * + + + VI. + +Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljädkin in seinem +Bett. Sofort erschienen mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen +erregten Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen +Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien die ganze wilde und +unwahrscheinliche Nacht mit ihren fast mysteriösen Ereignissen. Eine so +grausame, eine so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und +besonders dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn Goljädkins Herz +zu Eis erstarren. Dazu schien alles das so sonderbar unverständlich und +wüst, schien so sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm +wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin wäre sogar sehr +geneigt gewesen, das alles einfach für einen Traum, für eine +augenblickliche Verwirrung seiner Phantasie, für eine vorübergehende +Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht zu seinem Glück und +aus seiner bitteren Lebenserfahrung heraus gewußt hätte, bis wohin die +Bosheit bereits manchen Menschen gebracht hat, wie weit die Grausamkeit +eines Feindes gehen kann, der sich für seine verletzte Ehre rächen +mochte. Obendrein legten die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins, +sein schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger +Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und bestanden unabweislich auf der +Wirklichkeit des nächtlichen Spazierganges samt allen Abenteuern, die +mit ihm verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja Herr Goljädkin +schon längst, daß sie da etwas gegen ihn vorbereiteten, daß noch etwas +anderes dahintersteckte! + +Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß Herr Goljädkin zu +schweigen, sich zu fügen und in der Sache fürs erste nichts zu tun. + +„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, und wenn sie +sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere und mich in alles füge, +dann werden sie vielleicht zurücktreten, von selbst zurücktreten, als +erste zurücktreten.“ + +Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins umgingen, als er +sich im Bette ausstreckte, um seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und +auf das gewohnte Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. Er wartete +bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, wie der Faulpelz Petruschka +hinter dem Verschlag den Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht +entschließen, ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin fürchtete +sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen. + +„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, wie der Schuft diese ganze +Sache ansieht. Er schweigt und schweigt und macht sich dabei seine +eigenen Gedanken.“ + +Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien mit dem Teebrett in +beiden Händen. Herr Goljädkin schielte schüchtern nach ihm hin und +wartete ungeduldig, was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich +über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch Petruschka sagte +nichts, im Gegenteil, er war noch schweigsamer, finsterer und erboster +als gewöhnlich und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen hervor nur +mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte daraus entnehmen, daß er äußerst +unzufrieden war. Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was, +nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm berührte. Er stellte +alles, was er gebracht hatte, auf den Tisch, kehrte um und ging +schweigend hinter seinen Verschlag. + +„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte Herr Goljädkin, +während er seinen Tee einnahm. Unser Held jedoch richtete keine Frage an +seinen Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen +Anlässen, ins Zimmer kam. + +Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. Peinlich war +es ihm vor allem, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes +Vorgefühl, daß dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde. + +„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über irgend etwas stolpern! +Ist es nicht besser, hier noch etwas abzuwarten? Mögen sie da tun – was +sie wollen: ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, werde meine +Gedanken über die Sache in Ordnung bringen, um dann den günstigen +Augenblick zu erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den +Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen auftauchen.“ + +Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, rauchte er eine +Pfeife nach der anderen. Die Zeit verging indessen schnell – es war +bereits fast halb zehn geworden. + +„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte Herr Goljädkin, „es ist +jetzt wirklich zu spät geworden. Dazu bin ich krank, versteht sich, +krank, durchaus krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es mich +an! Und wenn man jemanden schickt, der hier nachsehen soll – ja, was +geht das mich an? Mir tut der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen, +und schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, ich kann +mich ernstlich erkälten und sogar sterben – die Sterblichkeit ist ja +zurzeit so groß ...“ + +Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin schließlich sein Gewissen +vollkommen und rechtfertigte sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm +von Andrej Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung des +Dienstes“. Überhaupt liebte es unser Held bei allen ähnlichen +Gelegenheiten, sich vor sich selbst durch die verschiedensten +Vernunftgründe zu verteidigen und auf diese Weise sein Gewissen +vollkommen zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen +vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte sie aus: doch kaum +hatte er ordentlich zu rauchen begonnen – als er plötzlich vom Diwan +sprang, seine Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und +frisierte, seine Uniform und alles Übrige anzog, einige Papiere ergriff +und in die Kanzlei davoneilte. + +Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung ein, in +zitternder Erwartung von etwas sehr Unangenehmem, in einer Erwartung, +die unklar und dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern +setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher Anton +Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne sich umzublicken oder sich durch etwas +ablenken zu lassen, vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm +liegenden Papiere. Er hatte beschlossen und sich das Wort gegeben, sich +so wenig wie möglich einer Herausforderung auszusetzen und sich vor +allem, was ihn kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, vor +allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen Abend möglichst +weit weg zu halten. Er beschloß sogar, von den gewöhnlichen +Höflichkeiten im Verkehr mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel +Fragen nach dem Befinden usw. zu unterlassen. + +Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es dabei bleiben konnte. +Unruhe und Ungewißheit über etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn +viel quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, trotz des +Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf nichts einzugehen, was es +auch sei, und sich von allem fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch +zuweilen den Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach rechts +und links, und beobachtete die Gesichter seiner Mitarbeiter, um aus +ihren Mienen zu schließen, ob etwas Neues und Besonderes bevorstehe und +aus irgendwelchen Absichten vor ihm verborgen werde. Er setzte ohne +weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen den gestrigen Vorfällen +und allem bestand, was um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus +wünschte er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß sich +alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, wenn es dabei auch +ein Unglück gäbe! + +Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal auch ereilte: kaum hatte +er dies zu wünschen gewagt, als seine Zweifel plötzlich gelöst wurden, +und zwar auf die allersonderbarste und unerwartetste Weise. + +Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich leise und schüchtern, +als wollte sie damit vorausschicken, daß die eintretende Person herzlich +unbedeutend sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr bekannt +vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem unser +Held saß. Unser Held wagte seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die +Gestalt nur flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles, +begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte vor Scham +und steckte seinen armen Kopf in die Papiere mit der gleichen Absicht, +wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom Jäger +verfolgt wird. + +Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej Philippowitsch und man +hörte darauf dessen förmliche, höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten +in allen Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen. + +„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch an ihn und +wies den Neuling an den Tisch Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich +Herrn Goljädkin gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“ + +Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den Neuangekommenen mit einer +höflich einladenden Gebärde sich selbst überließ und sich sofort wieder +in seine Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen. + +Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und wenn er nicht in Ohnmacht +fiel, so geschah es nur deshalb nicht, weil er schon vorher alles das +vorausgefühlt hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet war +und die Ankunft des Neulings bereits in seiner Seele geahnt hatte. Die +erste Bewegung Herrn Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich +nicht ein Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz +vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen verzog und +schließlich nicht irgend jemand vor Schreck vom Stuhle fiel. Doch zur +größten Verwunderung Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches. +Das Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte ihn in Erstaunen +und schien ihm vollständig unerklärlich. Herr Goljädkin erschrak fast +vor diesem ungewöhnlichen Schweigen. Die Tatsache sprach für sich +selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. Es mußte einen +verwundern. + +Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich durch den Kopf. Er +fühlte sich wie auf einem kleinen Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte +seinen Grund. Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, war – +der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die Schande Herrn Goljädkins, war +– der gestrige Albdruck Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin +selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem Munde +und mit der Feder in der Hand auf dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der +als Gehilfe seines Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser, +der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken liebte, nicht der +schließlich, dessen Verhalten deutlich aussprach: „Rühre mich nicht an +und auch ich werde dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an, +denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war ein anderer Herr +Goljädkin, ein vollkommen anderer, und zugleich doch einer, der +vollkommen ähnlich dem ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben +Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, es war +nichts, aber auch nichts zur vollkommenen Ähnlichkeit vergessen worden, +so daß, wenn man die beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand, +aber auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der wirkliche Herr +Goljädkin und wer der nachgemachte sei, wer der alte und wer der neue, +wer das Original und wer die Kopie. + +Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, über den, wenn der +Vergleich möglich ist, jemand zum Spaß ein Brennglas hält. + +„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, „ist es die Gegenwart +oder die Fortsetzung von gestern. Wie kommt das, mit welchem Recht geht +das alles hier vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer gab +ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt es mir?“ + +Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch noch einen anderen +... Nein, es war nicht nur ein Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der +Schweiß in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch etwas nie +Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: und zur Vollendung des Unglücks +begriff und fühlte Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in +einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel zu sein. + +Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher +auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß sich +seine Zweifel irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache +doch ganz unerwartet eingetreten. + +Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend war er seiner +Gedanken und seines Gedächtnisses vollständig beraubt. Wenn er nach +solchen Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er ganz +mechanisch und unbewußt seine Feder über das Papier führte. Da er sich +selbst nicht mehr trauen konnte, fing er an, alles Geschriebene +nachzuprüfen, und siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der +andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und ehrbar dagesessen +hatte, und verschwand mit seiner Arbeit durch die Tür, in die andere +Abteilung. Herr Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu +hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch beim Umwenden der +Blätter und das Geflüster in denjenigen Ecken, die am weitesten von dem +Platz Andrej Philippowitschs ablagen. + +Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, an, und da +der Gesichtsausdruck unseres Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen +Gedanken übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr auffallend +war, so legte der gute Anton Antonowitsch die Feder beiseite und +erkundigte sich mit außergewöhnlicher Teilnahme nach der Gesundheit +Herrn Goljädkins. + +„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott sei Dank,“ antwortete +stotternd Herr Goljädkin, „ich, Anton Antonowitsch ... bin vollkommen +gesund. Mir fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er +entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch nicht ganz zu +überzeugen vermochte. + +„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so ganz gesund sind: +übrigens, es wäre kein Wunder! Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen +Sie ...“ + +„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter schlecht ist ... Ich, +Anton Antonowitsch, ich ... spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin +fort, indem er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen Sie, +Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, ... das heißt, ich möchte +sagen ... wie Sie die Sache auffassen, Anton Antonowitsch ...“ + +„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß gestehen, nicht ganz +verstanden; Sie ... wissen Sie ... erklären Sie sich deutlicher, woran +Sie sich hierbei stoßen,“ sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig +betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die Tränen in die Augen +traten. + +„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch ... hier ist – ein +Beamter, Anton Antonowitsch ...“ + +„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“ + +„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier ein neueingetretener +Beamter ist.“ + +„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“ + +„Was?“ rief Herr Goljädkin aus. + +„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt auch Goljädkin. Ist es +nicht Ihr Bruder?“ + +„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“ + +„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es sogar ein sehr naher +Verwandter von Ihnen sein müßte. Wissen Sie, es ist da eine +Familienähnlichkeit vorhanden.“ + +Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und die Zunge versagte ihm +zeitweise ihren Dienst. So einfach über eine so unerhörte, noch +nie dagewesene Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden +interessierten Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer +Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild handelte! + +„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff Petrowitsch,“ fuhr +Anton Antonowitsch fort. „Gehen Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit +ihm. Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre Augen sind so +sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen Ausdruck haben sie ...“ + +„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das heißt, ich möchte +fragen, wie dieser Beamte? ...“ + +„Nun?“ + +„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, haben Sie nicht +an ihm etwas Besonderes bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“ + +„Das heißt?“ + +„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, eine erstaunliche +Ähnlichkeit mit irgend jemandem, das heißt zum Beispiel mit mir. Sie +sprachen soeben, Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, Sie +machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, daß es Zwillinge +gibt, die sich wie zwei Tropfen Wasser gleichen, so daß man sie nicht +voneinander unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte ich –“ + +„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich – als ob er jetzt +zum erstenmal über die Sache wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben +recht, die Ähnlichkeit ist tatsächlich erstaunlich und man könnte +wirklich den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu und riß die +Augen immer weiter auf. „Und, wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist +sogar eine ganz sonderbare phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen +pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie bemerkt, Jakoff +Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar selbst danach fragen. Ja, ich gestehe, +anfangs habe ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein wirkliches +Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind doch kein +Hiesiger? Ich meine nur ...“ + +„Nein.“ + +„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus demselben Orte, wo Sie +her sind. Ich wage nur zu fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt +dauernd aufgehalten?“ + +„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, daß er kein Hiesiger +ist?“ + +„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar ist,“ fuhr der +gesprächige Anton Antonowitsch fort, für den es ein rechter Feiertag +war, wenn er einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich Anteil +erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, ohne es zu bemerken! +Übrigens, regen Sie sich nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen. +Wissen Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe passierte meiner +Tante, mütterlicherseits; sie hat sich auch einmal, es war kurz vor dem +Tode, doppelt gesehen ...“ + +„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton +Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, wollte wissen, wie es mit +diesem Beamten steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“ + +„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen Ssemjon Iwanowitsch. +Dessen Posten war frei geworden, und so wurde er angestellt. Nein, +wirklich, dieser gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er +hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. Die Witwe ist +seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man sagt übrigens, sie habe Geld, +sie verheimliche es nur.“ + +„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand ...“ + +„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn das so sehr? Ich sage +Ihnen doch: regen Sie sich nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes, +und es ist Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes Weisheit. +Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht schuld daran. Als ob es +keine Wunder auf der Welt gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie +werden doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen ein Beispiel +zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, wie die siamesischen +Zwillinge mit dem Rücken aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und +schlafen zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“ + +„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“ + +„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? Tut nichts! Ich sage +Ihnen doch, nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie sich +keineswegs aufzuregen. Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein +Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein tüchtiger Mensch. +Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht von hier und führe den Titel +Titularrat. Er hat selbst mit Seiner Exzellenz gesprochen.“ + +„Und was hat er gesagt?“ + +„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende Erklärungen gegeben und +die Gründe dargelegt, sagt man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein +Vermögen, ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer +schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so gehört ... er hat +sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. Ein kluger Mensch muß er +sein. Nun, versteht sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die +geht’s doch nicht ...“ + +„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte sagen, wer hat denn in +diese schmutzige Angelegenheit seine Hand gesteckt?“ + +„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, Seine Exzellenz, sagt +man, und Andrej Philippowitsch hätten gelacht.“ + +„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“ + +„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und sie hätten nichts +dagegen, wenn er nur seine Pflicht tue!“ + +„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, Anton Antonowitsch, ich flehe +Sie an – und weiter.“ + +„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts zu bedeuten, ich sage +Ihnen, regen Sie sich nicht auf, die Sache hat nichts Bedenkliches.“ + +„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, Anton Antonowitsch, ob +Seine Exzellenz nichts mehr hinzugefügt hat ... über mich, zum +Beispiel?“ + +„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, nichts, Sie können ganz +ruhig sein. Wissen Sie, natürlich ist der Umstand sehr sonderbar ... +aber ich selbst – ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht. +Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts dabei dachte, bis Sie, Sie +selbst, mich darauf aufmerksam gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts +gesagt,“ fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob sich vom +Stuhl. + +„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“ + +„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze hier von Nichtigkeiten +und da ist eine wichtige Sache zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“ + +„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die klangvolle Stimme Andrej +Philippowitschs, „Seine Exzellenz fragt nach Ihnen.“ + +„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich komme schon.“ Und +Anton Antonowitsch griff nach einem Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej +Philippowitsch und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz. + +„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. „So ist also das +Spiel jetzt bei uns? Von daher weht der Wind? ... Das ist nicht übel, +die Dinge haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser Held, +rieb sich die Hände und fühlte vor Freude kaum den Stuhl unter sich. +„Unsere Sache ist also eine gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas +ganz Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, sie sitzen +alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist nett, wirklich nett! Einen +guten Menschen liebe ich, habe ich geliebt und werde ihn immer lieben +... Doch, wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer ... zu +trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den Zusammenhang. Eine +vorzügliche, eine großartige Sache ist es, daß Seine Exzellenz nichts +gesagt hat und ihn so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur +dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da einzumischen? Was +geht es ihn an? Du alter Strick! Immer läufst du mir über den Weg, wie +eine schwarze Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, immer den +Menschen in die Quere ...“ + +Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder belebte sich seine +Hoffnung. Er fühlte sich aber doch noch von gewissen vagen Gedanken, und +von nicht gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam ihm sogar in +den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, den Hasen sozusagen zu stellen, +vielleicht am Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten mit +ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche zu bemerken: „meine +Herren, so und so, ob da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein +sonderbarer Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese Weise die +Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in einem tiefen Abgrund hausen die +Teufel,“ schloß in Gedanken unser Held. Übrigens war das nur ein +flüchtiger Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte sich noch +beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen konnte. + +„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich selbst, und schlug +sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu +phantasieren und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser, +wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir halten aus und +warten!“ + +Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, war Herr Goljädkin +voll Hoffnung und wie von den Toten auferstanden. + +„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, als ob mir +fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! Was ist das für eine Sache! +Er aber – er, – nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu seiner +Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem hinderlich wird, wenn er nur +niemanden stört, dann mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“ + +Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge und es schlug bereits vier +Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. Andrej Philippowitsch griff nach +seinem Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. Herr +Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging absichtlich später als die +anderen, er war der Letzte und trat hinaus, als die anderen sich bereits +in die verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße fühlte er +sich wie im Paradies, so daß in ihm der Wunsch aufstieg, einen Umweg zu +machen und über den Newskij zu gehen. + +„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, „diese unerwartete Wendung +der ganzen Sache. Und was für ein Wetterchen, mit Frost und +Schlittenbahn! Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn +ordentlich von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe den russischen +Menschen, und Schnee liebe ich und Kälte liebe ich ...“ + +So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, und doch fühlte er +etwas wie Unruhe in seinem Herzen nagen, so daß er nicht wußte, womit er +sich beschwichtigen sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – und +dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das nur eigentlich sein, was +mich da so beunruhigt!? Nun, denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke +nach, junger Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau so +wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn es solch einen Menschen +gibt, muß ich denn gleich darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte +mich fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! Mag er dienen! +Nun, und was sie da von den siamesischen Zwillingen reden ... wozu +siamesisch? Nehmen wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben +ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte ist bekannt, daß der +berühmte Ssuworoff wie ein Hahn krähte ... Nun, das tat er wohl alles +nur aus Politik; und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen mich +die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will niemanden kennen und im +Gefühl meiner Unschuld verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant +und ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig +...“ + +Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, zitterte wie ein +Blatt am Baum und schloß auf einen Augenblick seine Augen. In der +Hoffnung jedoch, daß der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion +sei, öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts. +Nein, es war keine Illusion! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter von +heute morgen, lächelte ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die +Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es kam aber +nicht dazu. So gingen sie beide etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze +Bestreben Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr in seinen +Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief wie möglich über die Augen zu +ziehen. Es erhöhte noch die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines +Freundes genau den seinen glichen. + +„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem er sich mühte, fast +flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen Freund anzusehen, „mir scheint, +wir haben einen verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon +überzeugt,“ sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich bin ich +auch fest davon überzeugt, daß Sie mich verstanden haben,“ fügte er +ziemlich streng zum Schluß hinzu. + +„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, „ich hätte gewünscht, +und Sie werden mir großmütig verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich +mich hier wenden soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen +mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir sogar, Sie hätten heute +morgen Anteil an mir genommen. Meinerseits fühlte ich auf den ersten +Blick Zuneigung für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin in +Gedanken seinen neuen Kollegen unter die Erde – + +„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff Petrowitsch, geneigt +wären, mich anzuhören ...“ + +„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ antwortete ihm Herr +Goljädkin. „Wir wollen hinüber auf die andere Seite des Newskij gehen, +dort wird es bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse +einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“ + +„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte schüchtern und bescheiden +Herrn Goljädkins Begleiter, als ob er durch den Ton seiner Antwort +ausdrücken wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse +zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, so begriff er +überhaupt nicht mehr, was mit ihm vorging. Er traute sich selber nicht +und hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt. + + + VII. + +Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner +Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in +Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in +die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen +sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon +so mißtrauisch ...“ + +Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür +wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die +Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin, +um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine +Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein +Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil, +etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien. +Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich +anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie +verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle +von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft +liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“ + +Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und +forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen. + +Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr +schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing +dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten. +Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen +Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem +Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen +Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt +fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze +Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken +zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die +Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen – +und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und +Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos. + +Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige +Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn +aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu +legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und +selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine +Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff, +daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie +er das Gespräch mit ihm beginnen sollte. + +Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es +nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte – +übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu +entscheiden. + +In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah +aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die +entgegengesetzte Seite. + +„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig, +mit barscher Stimme. + +„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“ + +Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete +bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb, +aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf: + +„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag. +Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das +bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es +nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist +einesteils sogar besser so ...“ + +„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens, +erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“ + +„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der +Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte +er um Entschuldigung, daß auch _er_ Jakoff Petrowitsch heiße. + +„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine +Erregung zu verbergen. + +„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete +bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch +etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine +ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht +zu Scherzen aufgelegt war. + +„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“ + +„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn +eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig +vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft +und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen +und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl +um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um +allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu +vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn +Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten +Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war, +die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl. + +„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend, +betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin +könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher +Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“ + +„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen +hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich +wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser +Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff +Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren +habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen, +sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“ + +Herr Goljädkin runzelte die Stirn. + +„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so +beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage +vorzustellen.“ + +„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“ +antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir +sehen ...“ + +Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte +den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das +Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte +sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen +schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut +bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen +gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum +befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot +genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die +Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte +darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr +gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach +dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem +Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und +der Gast begann seine Erzählung. + +Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden. +Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten +und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den +Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte +und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der +Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen +Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter +alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten +Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde +seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier +in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine +Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße +lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts +auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner +annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen +Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich +mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem +fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin +alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts +zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal +eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch +nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit +geliehen. + +Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die +Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen +Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich +die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er +gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken +einen Dummkopf. + +Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so +aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der +war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde +richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und +die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast +um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so +harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig +vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die +Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so +vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein +wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen +schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so +stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie +aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und +er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß +er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie +dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die +größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen, +und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in +jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee +gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer +Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes +und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte +es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So +auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von +dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und +den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach +Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens +anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte +er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß +Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste +in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“ +gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft +hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen +zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens +weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten +gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens, +weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk +tat. + +Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick +doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein +Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber +nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte. + +Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph +Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern +nicht gewesen wäre. + +„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich +das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich +nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen. + +Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast +glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu +genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten. + +Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde +jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur +einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die +Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah +auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter. + +Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht +zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte, +überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr +gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es +schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen: + + Wenn auch du mich je vergißt, + Ich vergeß dich nicht; + Wechselvoll ist alles Leben, + Drum vergiß mich nicht! + +Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von +Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen +und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej +Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war. + +„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig +verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander, +Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im +Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige +drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber +niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen +Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du +aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von +ihnen!“ + +Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in +Tränen. + +„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme +fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir +werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich +nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so +sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur +hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es, +Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir. +Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“ + +So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der +Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen +beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei, +und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte. + +Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett +wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der +Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem +härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im +Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer +ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft +alles bevorstehe! ... + +Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm +darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der +Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß +es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin +der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten, +mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen +verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen +mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei +welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam, +eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die +Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug +über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern. + +Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich +hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen +vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im +Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum +Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm +womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen. + +Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte. + +„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in +den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen, +morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden, +Petruschka?“ + +Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber +Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte +sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte. + +„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt +zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast +du mich verstanden?“ + +„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka. + +„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden +bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich +wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute +Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten. +Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“ + +Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“ +dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“ + +Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die +Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser +Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht +einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer +so!“ + +Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß +der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen +Augenblick zu ihm aufs Bett. + +„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf: +„Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das +auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort, +sich mit seinem Gast zu unterhalten. + +Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst +auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu +schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und +murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen, +Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein +Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen +wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“ + +Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel +und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der +Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du +Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du +noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist +eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“ + +Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf +den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu +betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein +unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill! +Oh, die Sache hat einen Haken!“ + +Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf +rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas +sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über +eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte +nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein, +wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und +plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben. + + + VIII. + +Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen Tage um acht Uhr. +Sofort erinnerte er sich aller Begebenheiten des vergangenen Abends – +erinnerte sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich aber +gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte er, erhob sich ein wenig und +sah zu dem Bette seines Gastes hinüber. Doch wie groß war sein +Erstaunen, als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! „Was +hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin beinahe laut aufgeschrien. +„Was soll denn das heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ + +Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, mit offenem Munde auf +die leere Stelle starrte, öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit +dem Teebrett ins Zimmer. + +„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit kaum hörbarer Stimme +hervor und wies mit dem Finger auf die leere Stelle. + +Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah nicht einmal seinen +Herrn an, sondern wandte seine Augen nur stumm in die rechte Ecke des +Zimmers, so daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in die Ecke +zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte Petruschka mit rauher +und grober Stimme: „Der Herr ist nicht zu Haus.“ + +„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ sagte Herr Goljädkin +ratlos und starrte seinen Diener mit großen Augen an. + +Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin in einer Weise an, +daß dieser bis über die Ohren errötete. In seinem Blick lag ein so +beleidigender Vorwurf, der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin ließ +die Hände sinken und sagte kein Wort. + +Endlich bemerkte Petruschka, der _andere_ sei vor anderthalb Stunden +bereits ausgegangen und habe nicht mehr warten wollen. Die Auskunft +klang sehr wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn Petruschka +nicht, denn was seinen beleidigenden Blick und die Bezeichnung _der +andere_ anbetraf, so waren diese wohl durch einen unangenehmen Umstand +veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, wenn auch nur +dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung war, und daß das Schicksal ihm +etwas vorzubehalten schien, das nicht angenehm war. + +„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir werden sehen und +werden daran glauben müssen ... Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er +plötzlich mit ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn +aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich habe selbst den Kopf +in die Schlinge gelegt, und habe mir dazu noch die Schlinge mit eigenen +Händen gedreht. Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du konntest auch +nichts anderes tun, als dich verplappern wie ein kleiner Junge, wie +irgend so ein Kanzlist, wie ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen, +ein verfaulter Lumpen, du Schwätzer, du! ... + +Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm gemacht, von seiner +Liebe zu mir gesprochen! Wie ist das nur alles möglich gewesen ... Wie +kann ich diesem Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, wenn er +zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja verschiedene +Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen Gehalt ... oder, man kann +ihm auch Furcht einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und jenes +sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er solle die Hälfte für +Wohnung und Kost bezahlen und das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum +Teufel, nein, das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, wäre es +nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, so daß der es +ihm einsalzte, ihn vernachlässigte und angrobte? um ihn auf diese Art +los zu werden?! Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum Teufel +auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann auch, von dem Standpunkte aus +betrachtet ... nun, durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht +schön! Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch das wäre +nicht angenehm. Habe mich doch gestern abend so verplappert! ... Das ist +schlimm, wirklich schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich +Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du dich zu benehmen hast, +kannst du dich nicht endlich beherrschen! Nun, wenn er jetzt kommt und +absagt? Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn er nur käme +...“ + +So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen Tee und sah nach +der Wanduhr. + +„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist Zeit, zu gehen. Aber +was wird nun werden! Was wird geschehen? Ich würde gar zu gern wissen, +was wohl eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke und +Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, was eigentlich alle +diese Leute denken und welche Schritte sie tun wollen ...“ + +Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht mehr beherrschen, er warf +die Pfeife fort, zog sich an und begab sich in das Departement – mit dem +Wunsche, wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und sich persönlich +zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab es: das wußte er genau, eine +Gefahr gab es!!! + +„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ beschloß Herr +Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen und Mantel ablegte. „Wir +werden diesen Dingen sofort auf den Grund kommen, sofort!“ + +Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser Held eine würdige Miene +an und war eben im Begriff, in das nächstliegende Zimmer einzutreten, +als er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und Busenfreund +stieß. + +Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn Goljädkin den Älteren gar +nicht zu bemerken, obgleich sie fast mit den Nasen aufeinander rannten. +Herr Goljädkin der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu sein, er +hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr geschäftige und +offizielle Miene an, so daß ihm jeder am Gesicht ablesen konnte: „scht, +ich bin kommandiert zu ganz besonderen Aufträgen ...“ + +„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser Held und griff nach +der Hand seines gestrigen Gastes. + +„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ rief Herr Goljädkin +der Jüngere, und wollte davoneilen. + +„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch ...“ + +„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei blieb der gestrige +Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend vor diesem stehen und neigte sein +Ohr zur Nase des anderen. + +„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, daß ich sehr erstaunt +bin – über den Empfang ... einen Empfang, den ich durchaus nicht +erwartet habe.“ + +„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär Seiner Exzellenz, und +darauf begeben Sie sich, wie es sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie +haben wohl eine Bittschrift? ...“ + +„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie setzen mich einfach in +Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! Wahrscheinlich haben Sie mich nicht +wiedererkannt oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen +Heiterkeit Ihres Charakters.“ + +„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, als hätte er erst +jetzt Herrn Goljädkin den Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie +haben Sie geruht?“ + +Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein wenig offiziell, und +zwar durchaus nicht, wie es sich gehörte (denn auf jeden Fall hätte er +Herrn Goljädkin dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er aber +lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte dabei hinzu, daß er +seinerseits sehr froh darüber sei, daß Herr Goljädkin so gut geruht +habe. Dann verneigte er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach +rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte sich nach der +Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er einen „ganz besonderen +Auftrag“ habe, und schlüpfte ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er +schon verschwunden. + +„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte unser Held, einen +Augenblick starr vor Verwunderung, „da haben wir’s! Also so stehen die +Sachen! ...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln über den Körper +lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „übrigens habe +ich das längst gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er in +einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte ich’s noch, daß +dieser Mensch in einem besonderen Auftrage ...“ + +„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, Jakoff Petrowitsch?“ +fragte ihn Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich +neben ihn setzte, „haben Sie sie hier?“ + +„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher ganz verloren +anschaute. + +„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch bereits zweimal +nach ihnen verlangte, und weil es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden +Augenblick einfordern werden ...“ + +„Sie sind fertig ...“ + +„Nun, gut, gut.“ + +„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine Schuldigkeit getan, so +wie es sich gehört, und, erfreut über die mir anvertrauten Arbeiten, wie +ich zu sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“ + +„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit sagen?“ + +„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur erklären, Anton +Antonowitsch, daß ich ... das heißt, ich wollte sagen, daß mitunter Neid +und Bosheit niemanden verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche +Beute suchen ...“ + +„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, auf wen +wollen Sie anspielen?“ + +„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen Weg +gerade gehe und einen krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant +bin, und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, +gerechterweise stolz sein kann ...“ + +„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie ich darüber denke, Ihrer +Meinung vollständig zustimmen: doch erlauben Sie mir, Jakoff +Petrowitsch, zu bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft +nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – wenn Sie das zu +tun wünschen, nun, so ist es Ihr freier Wille. Ich aber, mein Herr, +lasse mir keine Unverschämtheiten ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin +im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir auf meine alten +Tage auch keine Frechheiten ... –“ + +„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, Anton Antonowitsch, Sie +scheinen, Anton Antonowitsch, mich nicht ganz verstanden zu haben. +Erbarmen Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur auf Ehre +versichern, daß ...“ + +„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen bitten. Ich bin +nach alter Art erzogen, und es ist für mich zu spät, nach Ihrer Art +umzulernen. Für den Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es +scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein Herr, besitze +ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige untadelhafte Dienstzeit +...“ + +„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das meinerseits +vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, ich habe von der Maske +gesprochen, Anton Antonowitsch ...“ + +„Von der Maske?“ + +„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, Anton Antonowitsch, daß +Sie auch hier meine Gedanken anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie +Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja nur meine +Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, daß es jetzt selten Leute +ohne Maske gibt, und daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen +zu erkennen ...“ + +„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so schwer. Manchmal ist es sogar +sehr leicht und man braucht nicht weit zu suchen.“ + +„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte ja nur für meine +Person, daß ich mich nie einer Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn +es die Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer +Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen Leben, im +übertragenen Sinne gesprochen, niemals maskieren würde. Das ist es, was +ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“ + +„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden jetzt keine Zeit +dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, der von seinem Stuhle aufstand und +einige Papiere zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. „Ihre +Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung von selbst +aufklären. Sie werden selbst sehen, wen Sie anzuklagen und wen Sie zu +beschuldigen haben, mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den +Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen ...“ + +„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljädkin, ein wenig +erbleichend, dem sich entfernenden Anton Antonowitsch noch nach, „ich, +Anton Antonowitsch, habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht ...“ + +„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte Herr Goljädkin zu sich +selbst, als er allein geblieben war. „Woher weht denn dieser Wind, und +was soll denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“ + +In demselben Augenblick, als unser verdutzter und halbtoter Held sich +vorbereitete, diese neue Frage zu beantworten, hörte man im Nebenzimmer +ein Geräusch und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. Die Tür +wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, der soeben in +Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner Exzellenz gewesen war, erschien +aufgeregt in der Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, der +wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej Philippowitsch nicht +warten lassen wollte, sprang von seinem Platz und bereitete sich vor, so +wie es sich gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu +überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch und ins Kabinett +seiner Exzellenz zu tragen. Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej +Philippowitsch vorüber, Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und +stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger und sehr +geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin den Älteren, der alles +eher erwartete, als einen solchen Überfall ... + +„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz +geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig sind?“ flüsterte eilig und kaum +hörbar der Freund Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch +erwartet Sie ...“ + +„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete ihm Herr Goljädkin +der Ältere gleichfalls eilig und flüsternd. + +„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff Petrowitsch, ich bin +ganz anders, Jakoff Petrowitsch, und nehme herzlich Anteil ...“ + +„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. Erlauben Sie, +erlauben Sie, bitte ...“ + +„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, Jakoff +Petrowitsch, und in die dritte Seite legen Sie ein Zeichen, Jakoff +Petrowitsch ...“ + +„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“ + +„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! Haben Sie den +Tintenfleck bemerkt? ...“ + +Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal nach Herrn +Goljädkin. + +„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen Augenblick, hier, gleich +... werter Herr, verstehen Sie kein Russisch?“ + +„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, Jakoff +Petrowitsch, überlassen Sie es lieber mir: rühren Sie selbst lieber gar +nicht daran, Jakoff Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich +werde mit dem Federmesser ...“ + +Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach Herrn Goljädkin. + +„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Ich sehe hier überhaupt +nichts ...“ + +„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen Sie, hier! Erlauben +Sie, ich habe ihn soeben gesehen, hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir +nur erlauben wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus +Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, mit dem Messer und +aus aufrichtigem Herzen ... sehen Sie, so, so muß man’s tun ...“ + +Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr Goljädkin der Jüngere +Herrn Goljädkin den Älteren in einem sekundenlangen Kampfe, der sich +zwischen ihnen entspann: und entschieden ganz gegen den Willen des +letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte Papier, und statt aus +aufrichtigem Herzen den Tintenfleck mit dem Messerchen zu entfernen, wie +er treulos Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß er +plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie unter den Arm, war +in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, der von alledem nichts +bemerkt hatte, und flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr +Goljädkin der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, in den Händen +das Federmesser, als ob er soeben etwas radieren wollte ... + +Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. Er konnte noch +nicht zu sich kommen. Er fühlte wohl den Schlag, konnte sich aber über +seine Folgen nicht klar werden. In schrecklicher und ganz +unbeschreiblicher Verzweiflung riß er sich endlich von der Stelle los +und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett seines Chefs, indem er +unterwegs den Himmel anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden +... Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs stieß er mit Andrej +Philippowitsch und seinem Namensvetter fast mit der Nase zusammen. Beide +kehrten schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej +Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter Herrn +Goljädkins des Älteren lächelte gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller +Entfernung neben ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej +Philippowitsch etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch wohlwollend +seinen Kopf hin und her wiegte. + +Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache war, daß seine Arbeit, +wie er nachher erfuhr, die Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen +hatte und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. Seine Exzellenz +waren äußerst zufrieden damit, und man sagte sogar, er habe sich bei +Herrn Goljädkin dem Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei +Gelegenheit nicht vergessen ... – + +Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun mußte, war – protestieren, +aus allen Kräften protestieren, bis zum äußersten protestieren. Ohne +sich zu besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej +Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch vernommen hatte, daß +die Angelegenheit eine Privatsache des Herrn Goljädkin sei, weigerte er +sich, ihm Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, er habe +kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen Augenblick Zeit übrig. + +Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit der Abweisung wirkten +auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. „Besser, ich versuche es von +einer anderen Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ Zum +Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch Anton Antonowitsch nicht zu +sprechen: auch er war irgendwie beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er +mich, ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ dachte unser +Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als Seine Exzellenz +selbst anzurufen.“ + +Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm der Kopf rund ging, wußte +Herr Goljädkin nicht, wozu er sich entschließen sollte, und setzte sich +an seinen Tisch. + +„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ dachte er +ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat dürfte eine so verwickelte, +dunkle Geschichte gar nicht möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn, +und zweitens ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich hat +mir alles nur so geschienen, oder es geschah in Wirklichkeit etwas ganz +anderes. Wahrscheinlich war ich es selbst, der hinging ... und habe mich +für den anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz unmögliche +Geschichte.“ + +Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, als Herr Goljädkin +der Jüngere, beladen mit Papieren, die er in beiden Händen und unter dem +Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte er Andrej +Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, unterhielt sich mit noch +jemandem, sagte sogar einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr +Goljädkin der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden hatte, wollte +er aller Wahrscheinlichkeit nach das Zimmer sofort wieder verlassen, als +er zum Glück Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein paar jungen +Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen auch mit ihnen zu sprechen +begann. Herr Goljädkin der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als +Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn Goljädkin des Älteren +bemerkte, blickte er mit großer Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am +schnellsten verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen +Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten drängten sich um die beiden +Titularräte und warteten gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere +begriff sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, daß +sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr mußte er sich selbst +beherrschen ... Der Augenblick war entscheidend. + +„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren, +ihn dreist anschauend. + +Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. „Ich weiß nicht, mein +Herr,“ begann er, „wie ich Ihr sonderbares Betragen zu mir erklären +soll.“ + +„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin der Jüngere sah dabei +im Kreise um sich und zwinkerte den anderen Beamten zu, als gäbe er +ihnen das Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne. + +„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein verehrter Herr, spricht im +vorliegenden Falle noch mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun +könnten. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht schlecht ...“ + +„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir mal, wie Sie geschlafen +haben?“ antwortete Herr Goljädkin der Jüngere und sah Herrn Goljädkin +dem Älteren gerade in die Augen. + +„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ sagte der Ältere +vollständig fassungslos und fühlte dabei kaum mehr den Boden unter den +Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“ + +„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere, schnitt Herrn +Goljädkin dem Älteren eine ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff +ihn plötzlich ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine +ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie ein Feuerbrand. + +Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin bemerkt, daß sein +Gegner an allen Gliedern zitterte, dabei stumm vor Verwunderung und rot +wie ein Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich zu einem +Überfall auf ihn entschließen wollte – als er ihm auf die +allerunverschämteste Weise zuvorkam. Er klopfte Herrn Goljädkin noch +zweimal auf die Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm +sein Spiel, während der andere immer noch unbeweglich und sprachlos vor +Erstaunen dastand, zum nicht geringen Ergötzen der um sie herumstehenden +Beamtenschaft. Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen Seele +ging noch weiter, er klopfte schließlich Herrn Goljädkin den Älteren auf +den vollen Magen und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln: + +„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine dummen Streiche, Jakoff +Petrowitsch! Wir wollten ja zusammen Intrigen spinnen, Jakoff +Petrowitsch, Intrigen.“ + +Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke zu sich kommen konnte, +lächelte Herr Goljädkin der Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu, +setzte eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu Boden, +kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte etwas über „einen +besonderen Auftrag“, trippelte mit seinen kurzen Füßen davon und +verschwand im Nebenzimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und +konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen ... + +Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm klar, daß er beleidigt +war, in gewissem Sinne verloren – daß sein Ruf beschmutzt und befleckt, +er selbst in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden war, +beschimpft von demjenigen, von dem er gestern noch gehofft hatte, daß er +sein einziger, bester Freund werden würde, und er erkannte, daß er sich +vor der ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht zum +Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht lange, sondern – +stürzte seinem Feinde nach, ohne auch nur an die Zeugen seiner +Erniedrigung zu denken. + +„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ dachte er bei sich, +„einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich +auf.“ Doch kaum hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als +er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb kehrte er um. + +„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du kommst mir noch in die +Falle und wirst als Wolf Lämmertränen weinen!“ Mit wütender +Kaltblütigkeit und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu +seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder. + +„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er noch einmal. + +Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine passive Verteidigung, +seine Haltung sah nach Entschlossenheit aus, und wer Herrn Goljädkin in +diesem Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung mächtig +seine Feder ins Tintenfaß steckte, und mit welcher Wut er seine Zeilen +aufs Papier warf, der mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache +nicht so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele faßte er +einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens schwor er sich, ihn auch +auszuführen. Dabei wußte er aber noch gar nicht so recht, wie er hier +vorgehen sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch nichts +Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, das war ja gleichgültig! + +„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter Herr, richten Sie in +unserer Zeit nichts aus. Anmaßung und Unverschämtheit, mein verehrter +Herr, führen nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka +Otrepieff[14] allein, mein Herr, erdreistete sich, das blinde Volk durch +Anmaßung und Unverschämtheit zu betrügen, und auch das gelang ihm nur +auf sehr, sehr kurze Zeit.“ + +Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr Goljädkin, zu warten, +bis die Maske von manchen Gesichtern fallen und alles aufgedeckt werden +würde. Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. Bis dahin +wollte unser Held nichts unternehmen. Dann aber würde er zu Maßregeln +greifen – dann würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er +wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den „Hochmut zu fällen“ und +die „kriechende Schlange ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte +es doch nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, mit dem +man schmutzige Stiefel reinigt! Das konnte er sich doch unmöglich +gefallen lassen, besonders in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden +nicht dieser letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er sich +doch noch entschließen können, sich zu überwinden und zu schweigen, oder +wenigstens nicht so erbittert zu handeln. Er hätte sich dann vielleicht +nur ein wenig herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem Recht +sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur ein wenig, nachgegeben, und +dann noch ein wenig nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen +ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner feierlich zugestanden +hätten, daß er in seinem Recht sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher +ausgesöhnt haben und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre +daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, starke +Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, als die gestrige, +eine, durch die diese gestrige ganz verdunkelt worden wäre. So würde +denn zuletzt die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, und +die beiden Titularräte konnten froh und glücklich miteinander leben – +hundert Jahre lang! + +Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin fing bereits an, +ein wenig zu bereuen, daß er für sich und sein Recht zu weit gegangen +sei und sich dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er +nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, daß alles das nur +Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte ihm verziehen, ganz und gar verziehen, +zumal, wenn er es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen +lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht von solchen Leuten. Oh, +und daß gerade ein so verworfener Mensch den Versuch mit mir macht! Ich +bin kein Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, unser Held +war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein Herr sind an allem schuld!“ +Er beschloß also – zu protestieren, mit allen Kräften und bis zur +letzten Möglichkeit – zu protestieren. + +Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, sich beleidigen und +noch viel weniger, sich „als Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem +so verkommenen Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, nein, nicht +streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt hätte, Herrn Goljädkin „in +einen Lappen“ zu verwandeln, wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz +ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich selbst +manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht Herr Goljädkin gewesen, sondern +eben ... irgendein Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen, +sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, allerdings ganz +unverantwortlichen Gefühlen, Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten +des Lappens steckten! + +Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. Endlich schlug es vier. +Bald darauf erhoben sich alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause +zu gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: es entging ihm +aber nichts, er verlor denjenigen, den er suchte, nicht aus den Augen. +Zuletzt sah unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern lief, die +die Mäntel ausgaben. In der Erwartung des Mantels schwänzelte er nach +seiner gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick war +entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich irgendwie durch die Menge, da +er nicht zurückbleiben wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel. +Doch, natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, weil es ihm +auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln. + +Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel um und blickte dabei +Herrn Goljädkin dem Älteren ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn +auf diese Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit gemäß, +rings um, bändelte mit allen Beamten an, wahrscheinlich, um auf sie +einen guten Eindruck zu machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem +andern etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte einem vierten +zu, reichte dem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe +hinab. Herr Goljädkin der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner +unbeschreiblichen Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten Stufe und +packte ihn am Kragen seines Mantels. + +Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht zu sein und +blickte mit verstörtem Gesicht um sich. + +„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich mit leiser Stimme +Herrn Goljädkin zu. + +„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch sind, so werden Sie sich +unserer freundschaftlichen Beziehungen von gestern erinnern,“ sagte +unser Held. + +„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“ + +Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin die Sprache. + +„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... Doch erlauben Sie mir, +Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel sehr schlecht steht ...“ + +„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete hastig jener, der +sich auch Herr Goljädkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten +ganz unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljädkin. +Befreit stürzte er die Treppe hinunter, sah sich um und erblickte eine +Droschke – er lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick +den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. Unser +verzweifelter und von allen verlassener Titularrat blickte sich zwar +auch um, fand aber keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine +Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und offenem Munde stützte +er sich kraftlos und gebrochen an eine Straßenlaterne und stand so +einige Augenblicke auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie +vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ... + + + IX. + +Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn +Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja +er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen. +Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als +er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen +Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht +nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war +offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr +entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte +sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach +alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach +nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr +Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht +ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er +schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja, +das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun, +was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn +die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“ + +Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge; +er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig +und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle. + +Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für +etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand +gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen! + +Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um +keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell +wie möglich nach Haus. + +„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben +Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was +tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum +letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“ + +So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige +Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen, +bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen, +fast eine Genugtuung. + +„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man +mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand +– und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du +wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben +– so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur +eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der +Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig +gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen! +Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu +war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts +erreicht, hier muß gehandelt werden.“ + +Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als +er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr +aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus, +wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief. + +Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr +Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin, +nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief +hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm +den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch +irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit +Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den +Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht +einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne +weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete +sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und +die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er +trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej +Philippowitsch. + +„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er +die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte +ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache +ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch +nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an +der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte +nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen +seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten +Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und +der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem +Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür +wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm, +Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt +und werde auch außer dem Hause speisen. + +„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei +sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des +Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein +Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, – +und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die +Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen +und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld +anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin +nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf +Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter. + +„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in +Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und +vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß +sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier +herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr +rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch +– ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein +fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und +Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß +also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich +so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein +Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie +des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa _nicht_ anstellen, wenn das +Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll +man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst +zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener +und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid +einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so +gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut +getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“ + +„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel, +wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja, +und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn +dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ... +und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher +nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es +liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei +Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes +achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin +hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich +wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber +überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu +war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben +werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt! +Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, – +so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein +Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen +schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn +aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das +nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der +andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin +der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein +Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen; +der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht +boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s! +Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt! + +Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das ist! ...“ + +Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin und her überlegend, +lief Herr Goljädkin immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, und ohne +eigentlich zu wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er zu +sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem Vorübergehenden so +zusammenstieß, daß vor seinen Augen Funken sprühten. Herr Goljädkin +wagte kaum den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung. +Erst als der andere schon in einer bedeutenden Entfernung von ihm war, +wagte er endlich seine Nase zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er +sich eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade vor dem +Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt hatte, bevor er sich +zur Galatafel bei Olssuph Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held +plötzlich ein mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte sich, +daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm auch kein ähnliches Diner +bevorstand, wie damals, und so lief er denn eilig die Treppe zum +Restaurant hinauf, um so schnell wie möglich und unbemerkt eine +Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig teuer +war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn Goljädkin nicht im +geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben, hatte Herr +Goljädkin jetzt keine Zeit. Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag +eine große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack eines +verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett war daher ständig von +einer Menge wartender Menschen belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem +Eingießen, Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. Auch Herr +Goljädkin mußte seine Zeit abwarten und streckte endlich seine Hand +bescheiden nach einem Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er +damit in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu und aß mit +Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, legte das Tellerchen auf den +Tisch und da er den Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben, +machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: „hier liegt das +Geld für eine Pastete usw.“ + +„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ sagte der Kellner. + +Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie meinen Sie das? – Ich ... +ich ... habe, glaube ich, nur eine Pastete genommen ...“ + +„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten Bestimmtheit der +Kellner. + +„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... Ich habe, glaube ich, +wirklich nur eine Pastete genommen.“ + +„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. Was Sie genommen haben, +müssen Sie auch bezahlen – bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“ + +Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien gehen mit mir jetzt +wieder vor?“ dachte er. Der Kellner wartete gespannt auf Herrn +Goljädkins Entschluß. Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit +aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich in die Tasche, um +den Silberrubel sofort zu bezahlen und von der Schuld loszukommen. + +„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde rot wie ein Krebs, „was +ist denn auch dabei, wenn man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war +eben hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß sie zu seiner +Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, dabei ist doch nichts +Lächerliches ...“ + +Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen Ruck, er blickte auf +und begriff sofort – das ganze Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür +zum Nebenzimmer, hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht zu +Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben Tür, die unser Held vorhin +als Spiegelglas angesehen, stand ein Mensch, stand er, stand Herr +Goljädkin selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer +Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, der neue Herr Goljädkin. +Dieser andere Herr Goljädkin befand sich offenbar in der allerbesten +Laune. Er lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit dem Kopf, +zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig hin und her und sah ganz so +aus, als ob er, wenn man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer +verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen würde ... – jede +Verfolgung wäre vergebens gewesen! In seinen Händen befand sich noch das +letzte Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen des Herrn +Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in seinen Mund steckte. + +„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ dachte Herr Goljädkin und +fühlte, wie er sich schämte. „Er hat es gewagt mich öffentlich +bloßzustellen! Sieht ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich +niemand zu bemerken ...“ + +Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, als hätte er sich an ihm +alle Finger verbrannt, und schien das freche Lächeln des Kellners gar +nicht zu bemerken – dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit +und Macht. Er drängte sich durch die Menge und stürzte zur Tür hinaus. + +„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders bloßgestellt wurde!“ +dachte Herr Goljädkin der Ältere. „Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem +Schicksal, daß diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner wurde +frech, aber er war doch in seinem Recht! Es kostete doch einen Rubel und +zehn Kopeken, also war er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem +etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“ + +Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die Treppe hinabging. Kaum +aber war er an der letzten Stufe angelangt, als er plötzlich wie +angewurzelt stehen blieb und über und über errötete, daß ihm die Tränen +in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun doch in seiner Eitelkeit +verletzt. Als er eine Minute in dieser Weise unbeweglich dagestanden +hatte, stampfte er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz von +der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, ohne seine Müdigkeit +zu fühlen, begab er sich nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße. + +Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die Zeit, seinen Mantel +auszuziehen. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich häuslich +niederzulassen und seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er +war, auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück Briefpapier und +begann mit vor innerer Erregung zitternden Händen folgenden Brief zu +schreiben: + + „Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch! + + Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die Umstände und Sie, + geehrter Herr, mich dazu nötigten. Glauben Sie mir, daß nur die + Notwendigkeit mich dazu zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen + einzutreten, darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung + nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein verehrter Herr zu + beleidigen, sondern – sondern als eine unumgängliche Folge der + Umstände, die uns zueinander in Beziehung gebracht haben.“ + + „So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben zu sein, + wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit ... Beleidigt kann er + sich dadurch nicht fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“ + dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen. + + „Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein geehrter Herr, in + der stürmischen Nacht, nach einem ausfallenden und rohen Benehmen + meiner Feinde gegen mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben + verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, die in + gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. Ihr hartnäckiges + Bestreben, mein geehrter Herr, mit aller Gewalt in mein Sein und in + meinen Lebenskreis einzudringen, übersteigt alle Grenzen der + Höflichkeit und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, Sie + daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie sich meiner Papiere + und meines Namens bedient haben, um sich bei der Regierung + einzuschmeicheln – um eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst + nicht verdient haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre + vorbedachte, beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen + Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. Und zuletzt, um + nicht alles zu sagen, möchte ich noch Ihre sonderbare Handlungsweise + im Restaurant mir gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die + unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich doch einen + heftigen Unwillen bei der Erinnerung an Ihre deutliche Absicht, mein + geehrter Herr, meiner Ehre zu schaden, und das noch dazu in + Gegenwart einiger Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar + aus der guten Gesellschaft waren ...“ + + „Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr Goljädkin. „Wird das + nicht zu viel sein? Ist das nicht beleidigend – diese Anspielung auf + die gute Gesellschaft zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen! + Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung + zum Schluß ein wenig schmeicheln, ihm Butter aufs Brot schmieren. + Wir wollen sehen.“ + + „Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem Brief nicht + belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Ihr edles Herz + und Ihr offener und gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen + werden, um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen ist. + + In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu sein, daß Sie meinen + Brief nicht in beleidigendem Sinne auffassen werden, daß Sie aber + auch nicht verfehlen werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch + die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen. + + In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, geehrter Herr, Ihr + gehorsamster Diener. + + J. Goljädkin.“ + +„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache wäre also erledigt: die +Sache ging nun schon bis zu schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist +schuld daran? Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so +weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich bin in meinem +Recht ...“ + +Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief durchgelesen hatte, faltete +er ihn zusammen, adressierte ihn und rief dann Petruschka. Petruschka +erschien wie immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter +Laune. + +„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst du?“ + +Petruschka schwieg. + +„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, dort suchst du den +diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär Wachramejeff. +Wachramejeff hat heute den Tagdienst. Verstehst du das?“ + +„Verstehe.“ + +„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du fragst also nach +dem Beamten Wachramejeff und sagst ihm: so und so, der Herr hat +befohlen, Sie von ihm zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im +Adressenregister unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat +Goljädkin wohnt?“ + +Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin schien, lächelte er. + +„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse und wo der +neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: verstehst du?“ + +„Ich verstehe.“ + +„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser Adresse diesen +Brief: verstehst du?“ + +„Ich verstehe.“ + +„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief bringst, so wird +dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, Herr Goljädkin also ... Was +lachst du, Schafskopf?“ + +„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich habe nichts ... +unsereins hat nichts zu lachen ...“ + +„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen sollte, wie es mit deinem +Herrn steht ... wenn er dich also irgendwie ausfragen möchte – so +schweigst du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, er bittet um +eine schriftliche Antwort auf seinen Brief.‘ Verstehst du?“ + +„Verstehe.“ + +„Also, fort mit dir.“ + +„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! Er lacht. Warum lacht +er denn? Es wird von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das +schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles zum Guten +wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher jetzt noch zwei Stunden +herumtreiben oder überhaupt nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja +nirgendwohin schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch ein Unglück! +...“ + +Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines ganzen Unglücks, zu +der passiven Rolle einer zweistündigen Erwartung Petruschkas. Eine +Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder +seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf legte er sich auf den +Diwan, griff dann wieder zur Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf +und ab ... Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken nicht +zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden Zustand nicht +länger, und Herr Goljädkin beschloß bei sich, lieber wieder zu handeln. + +„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ dachte er, „ich +kann also den Schlüssel dem Hausknecht geben – und selbst werde ich +unterdessen ... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits etwas für +sie tun.“ + +Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach seinem Hut, verließ +das Zimmer, schloß seine Wohnung zu, ging zum Hausknecht, händigte dem +den Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld – Herr Goljädkin +wurde in letzter Zeit ungeheuer freigebig – und ging – ging, wohin ihn +der Weg führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke. + +Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das Ziel seiner Wanderung +erreicht hatte, ging er geradeaus auf den Hof des ihm bekannten Hauses +und blickte zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff +hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten Vorhängen verhangenen +Fenstern waren die übrigen alle dunkel. + +„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine Gäste,“ dachte Herr +Goljädkin, „sie werden wohl jetzt allein zu Hause sitzen.“ + +Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden hatte, wollte er +sich augenscheinlich zu etwas entschließen. Aber es sollte anders +kommen. Herr Goljädkin winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf die +Straße. + +„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was soll ich denn hier machen? +... Ich werde besser tun ... selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit +diesem Entschluß begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der Weg +war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig und nasser Schnee fiel +in dichten Flocken, doch für unseren Helden schien es keine Hindernisse +mehr zu geben. Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar durchnäßt und +beschmutzt, „wenn schon, denn schon: das heißt, wenn man das Ziel +erreichen will!“ Und Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem +Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes stieg in der +Ferne vor ihm auf. + +„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde ich hier machen? Nehmen +wir an, ich erfahre, wo er wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits +zurückgekehrt sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich verliere nur +meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. Nun, tut nichts, man kann alles +wieder gut machen ... Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen! +Aber so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich muß immer +vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr ist es? Sicherlich schon neun Uhr. +Petruschka könnte kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe +wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... Ach, wirklich, +diese Konfusion!“ + +Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung gekommen war, daß er +eine Dummheit begangen, lief er sofort zurück zu seiner +Schestilawotschnaja-Straße. Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und +erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht einmal daran gedacht +hatte, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. + +„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser Held: „Und dabei ist es +schon neun Uhr! Solch ein Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr +du meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen Lohn bezahlt, damit +er Geld in den Händen hat.“ + +Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine Wohnung auf, machte +Licht, kleidete sich aus, steckte seine Pfeife an und müde, zerschlagen, +hungrig, wie er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf den +Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht flackerte an den Wänden +... Herr Goljädkin starrte vor sich hin, dachte und dachte und schlief +endlich ein, wie tot. + +Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt und flammte +noch hin und wieder auf, um dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin +sprang auf, ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, mit +einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte man Petruschka +schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans Fenster – nirgendwo ein Licht zu +sehen. Er öffnete das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief. +Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, die Uhr hinter dem +Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin stürzte in den Verschlag. + +Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es ihm, Petruschka zu +wecken und ihn im Bett aufzurichten. In diesem Augenblick verlöschte das +Licht vollkommen. Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin ein +anderes Licht fand und es anzündete. In der Zeit war aber Petruschka von +neuem eingeschlafen. + +„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn Herr Goljädkin und +rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du wohl aufwachen, wirst du wohl +aufstehen!“ Nach halbstündiger Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin, +seinen Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem Verschlag +herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, daß Petruschka vollkommen +betrunken war und sich kaum auf den Füßen halten konnte. + +„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du Lump! Am liebsten würdest +du mir wohl, weiß der Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den +Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus ihm geworden ... Und +warum habe ich ihn geschrieben? Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz. +Wozu stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon ... Und du, du +Räuber, wohin hast du den Brief gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben? +...“ + +„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und habe überhaupt keinen Brief +gehabt ... so ist’s!“ + +Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung. + +„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“ + +„Ich höre ...“ + +„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“ + +„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin ich gegangen! Was ist denn +dabei?“ + +„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst du zuerst? Warst du in der +Kanzlei? ... Du, höre mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“ + +„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der Stelle ...“ + +„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich fragte ja +nur so ... gut, gut, daß du betrunken bist: ich meinte ja nur, +Petruschka ... Du hast vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst +dich jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff – +warst du oder warst du nicht?“ + +„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar nicht. Und wenn man mich +auch sogleich ...“ + +„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja nichts. Du siehst +doch, daß ich nichts ... Nun, was ist denn dabei? Nun, draußen war es +kalt, feucht und der Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das +besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst habe heute etwas +getrunken, mein Lieber. Gestehe es nur ein, denke nur nach, mein Lieber, +warst du heute beim Wachramejeff?“ + +„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich war da ... und wenn ich +auch sogleich ...“ + +„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen bist. Siehst du, ich +ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ fuhr unser Held fort, seinen Diener +aufzurütteln, schüttelte ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun, +und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, nur ein wenig +... für zehn Kopeken ein Schlückchen? Du Saufbold! Nun, tut nichts. +Siehst du, daß ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse +darüber, mein Lieber ...“ + +„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein Saufbold. Bei guten +Menschen bin ich gewesen, denn ich bin kein Säufer, bin niemals ein +Säufer gewesen ...“ + +„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich will dich ja auch gar +nicht schimpfen, wenn ich dich einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur +zur Beruhigung gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es dir +gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne schimpft, so fühlt er +sich geschmeichelt, Petruschka. Ein anderer liebt es sogar! ... Nun, +Petruschka, sage mir jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du +beim Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“ + +„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. Ein guter Beamter ist +er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, ‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und +also sage ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und sage +ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein Herr,‘ sagt er, ‚ein +guter Mensch ist, und du, Petruschka, bist auch ein guter Mensch, siehst +du‘ ...“ + +„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! Judas du!“ Die letzten +Worte sprach Herr Goljädkin fast flüsternd. + +„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“ + +„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, der Titularrat Goljädkin?“ + +„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. So wie +du in die Schestilawotschnaja eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts +die Treppe hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin +...‘“ + +„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich die Geduld verlor: +„Du Taugenichts! Das bin doch ich, das bin ja ich, von dem du sprichst. +Da ist aber ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche ich, +du Räuber, du!“ + +„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie Sie wollen! ...“ + +„Aber der Brief, der Brief? ...“ + +„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich habe keinen Brief +gesehen.“ + +„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, du!?“ + +„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. ‚Grüße ihn,‘ sagt +er, ‚grüße und danke deinem Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“ + +„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das gesagt?“ + +Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er übers ganze Gesicht und +sah seinem Herrn gerade in die Augen. + +„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, schnaubend vor Wut, „was +hast du mit mir gemacht? Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht? +Du hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen Kopf von den +Schultern gerissen. So ein Judas!“ + +„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ sagte in bestimmtem Tone +Petruschka und zog sich hinter seine Scheidewand zurück. + +„Komm her, hierher, du Räuber! ...“ + +„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt nicht mehr. Was +geht’s mich an! Ich gehe zu den guten Menschen ... Gute Menschen, die +ehrlich und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ Herrn +Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und der Atem ging ihm aus ... + +„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht doppelt und beleidigen +nicht Gott und die Menschen!“ + +„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe jetzt lieber schlafen, du +Räuber! Aber morgen werde ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr +Goljädkin mit kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch etwas: +dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett legte, daß es in allen +Fugen krachte, wie er laut gähnte und sich ausstreckte, und dann, wie +man sagt, den Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte. + +Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das Betragen Petruschkas, +seine sonderbaren, wenn auch sehr entfernten Anspielungen, über die man +sich „folglich nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er betrunken +war, und schließlich die ganze bösartige Wendung, die die Sache nahm – +alles das erschütterte Herrn Goljädkin bis auf den Grund. + +„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu wecken?“ fragte sich +unser Held, am ganzen Körper vor krankhafter Erregung zitternd, „und was +plagte mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! Und was kann +man denn von einem betrunkenen Menschen erwarten? Jedes Wort ist ja +gelogen! Worauf spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, mein +Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich Selbstmörder, +ich Selbstmörder! Konnte ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn +geschehen? Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. Wenn aber +meine Ehre leidet – seine Ehre muß man doch retten! Ach, ich +Selbstmörder, ich!“ + +So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan sitzend, und wagte sich vor +Furcht kaum zu bewegen. Plötzlich fielen seine Augen auf einen +Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der +Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner Phantasie sein, +wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst und unbeschreiblicher Neugier, seine +Hand danach auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war +Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, ein wirklich an +ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin griff nach dem Brief auf dem +Tisch. Sein Herz schlug heftig. + +„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ dachte er, „hat ihn +dort hingelegt und ihn dann vergessen; so wird es wohl gewesen sein, +sicher wird es so gewesen sein ...“ + +Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten und ehemaligen Freunde +Goljädkins. + +„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser Held, „und alles, was +im Briefe hier stehen wird, habe ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief +lautete folgendermaßen: + + „Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch! + + Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts Gescheites aus ihm + herausbringen. Aus dem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu + antworten. + + Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit bin, Ihren + Auftrag, den mir übergebenen Brief an eine gewisse Person zu + befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit und Treue auszuführen. Diese + Person, die Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener + Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich möchte nicht + unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen schaden!) wohnt mit uns + zusammen in der Wohnung Karolina Iwanownas, und zwar in demselben + Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, der + Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person gehört zu den + ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges Herz haben, was man + bekanntlich nicht bei allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen + beabsichtige ich von heute ab vollständig abzubrechen, in dem + freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher miteinander + verkehrten, können wir nicht mehr zueinander stehen, und darum bitte + ich Sie, sehr geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen + Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei Rubel für das + Rasiermesser ausländischen Fabrikats, das ich Ihnen verschaffte, zu + schicken. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich es Ihnen bereits + vor sieben Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu der + Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina Iwanowna lebten, die ich + von ganzem Herzen achte und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da + Sie, nach der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung und + Ihren guten Ruf verloren haben und der Verkehr mit Ihnen für junge, + sittsame und unverdorbene Menschen daher sehr gefährlich geworden + ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und dazu sind ihre + Worte falsch und ihre wohlanständige Haltung ist verdächtig. Es wird + immer Leute geben, die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna + annehmen werden, die stets von gutem Betragen und eine ehrbare Dame + gewesen ist und die dazu ein Mädchen, wenn auch nicht von jungen + Jahren, so doch aus anständiger ausländischer Familie ist. Man hat + mich gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe beiläufig in + Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall werden Sie schon alles zu + seiner Zeit erfahren, falls Sie es bis jetzt noch nicht erfahren + haben sollten, obgleich Sie nach Aussagen verständiger Leute an + allen Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und wenigstens + an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, geehrter Herr, erhalten + können. + + Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter Herr, daß die + Ihnen bekannte Person, deren Namen ich aus wohlbegründeten Ursachen + hier nicht erwähnen möchte, von allen wohlgesinnten Menschen sehr + geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, heiterem Charakter, + in ihrem Beruf wie unter den Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort + und jeder Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt + und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher Beziehung + befindet. + + Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener + + N. Wachramejeff. + + P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker und wird Ihnen + aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu schaffen machen. Nehmen Sie + doch Eustachius, der früher hier bei mir diente und gegenwärtig + stellenlos ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch + ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina Iwanowna + ein Pfund Zucker zu billigerem Preise verkauft, das er, meiner + Meinung nach, nur in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von + Ihnen gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich Ihnen + Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche Personen nur zu + beleidigen und die Menschen zu betrügen verstehen, besonders + anständige Leute von gutem und ehrlichem Charakter. Außerdem + versuchen sie diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und + zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht rechnen + können. + + W.“ + +Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs gelesen hatte, blieb er noch +lange unbeweglich auf seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den +dichten, rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit zwei Tagen +umgab. Unser Held fing allmählich an, alles, alles zu begreifen ... Er +versuchte sich vom Diwan zu erheben und einige Male durch das Zimmer zu +gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten Gedanken zu sammeln +und sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren – um dann +reiflich seine Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte, +fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan zurück. + +„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was schreibt er denn und was +ist der Sinn seiner Worte? Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt +das alles? Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt wird +das und das, ich würde es sofort tun! Der ganze Gang der Sache ist ein +so unangenehmer! Wenn es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache +annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen würde. So und so, +sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft zu kommen, doch meine Ehre gebe +ich nicht preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme +Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? Und warum hat +sie sich da hineingemischt? Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis +dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! Die +Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! Jetzt, zum Beispiel, sollte ich +da nicht einen Brief schreiben: so und so, und das und das, bin damit +und damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die Sonne aufgeht, +oder noch früher ... werde ich von der anderen Seite entgegenarbeiten +und den Burschen zuvorkommen ... Sie werden nur lästern über mich, ja, +und das ist alles!“ + +Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die Feder und schrieb +folgende Antwort auf den Brief des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff: + + „Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch! + + Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung las ich Ihren für mich + so beleidigenden Brief, denn ich habe wohl verstanden, daß Sie mit + den nicht wohlanständigen, falschen und lügnerischen Personen mich + bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe ich, wie schnell + und wie tief die Verleumdung Wurzeln gefaßt hat, zum Schaden meines + Wohlergehens, meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so + beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich wohlmeinende + Leute und hauptsächlich die, welche mit einem offenen und geraden + Charakter begabt sind, sich von dem Leben anständiger Leute abwenden + und an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie es Menschen + führen, welche in jener Sittenlosigkeit versunken sind, die zum + Unglück unserer Zeit unter uns so schädliche Früchte zeitigt. + + Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für meine heilige + Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von zwei Rubeln unverzüglich + zurückzuerstatten. + + Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, in bezug auf + eine sehr bekannte Person weiblichen Geschlechts und in bezug auf + die Absichten, Berechnungen und verschiedenen Ränke dieser Person, + so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß ich alle diese + Anspielungen bloß halbwegs verstanden habe. Erlauben Sie mir auch, + geehrter Herr, meine anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen + unbefleckt zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf + persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche Erörterung + der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls bin ich zu friedlicher, + gegenseitiger Verständigung bereit. Daher ersuche ich Sie, sehr + geehrter Herr, meine Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache + dieser Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den Ort des + Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir schmerzlich, mein geehrter + Herr, Ihre Anspielungen zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre + frühere Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten Sinne + über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese Mißverständnisse + schnöder Verleumdung, dem Neid mir gegenüber zu, und zwar + derjenigen, die ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen + kann. Aber wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld durch + sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit und + Frechheit früher oder später zu einer allgemeinen Verachtung führt, + die sie treffen wird, und daß solche Personen durch ihre eigenen + schlechten Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde + gehen müssen. + + Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen Personen zu + sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung und ihre unedlen phantastischen + Wünsche und Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, die + sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen und Bedauern + erweckt und sie selbst für das Irrenhaus reif macht. Überdies sind + solche Bestrebungen durch das Gesetz strengstens verboten, was + meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder mit seiner + eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles hat seine Grenzen, und + wenn das ein Scherz sein soll, so ist es ein unwürdiger Scherz, ich + sage mehr: ein unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein + geehrter Herr, daß meine Anschauung über die Stellung eines jeden + hier auf Erden auf ethischen Voraussetzungen beruht. + + In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein + + Ihr gehorsamer Diener + J. Goljädkin.“ + + + X. + +Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages Herrn Goljädkin +bis auf den Grund seines Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief +sehr schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf Minuten +wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte irgendein mutwilliger Schelm +ihm geschnittene Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht +verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt von der einen +Seite auf die andere. Schlief er einmal – stöhnend, ächzend – auf einen +Augenblick ein, so erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das +war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, unklaren +Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, mit einem Wort von allem, +was es nur an Unangenehmem geben kann ... So erschien ihm in +rätselhaftem Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, eine +trockene Erscheinung, mit bösem Blick und gefühllos höflicher +Sprechweise ... Als aber Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej +Philippowitsch zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, „so +oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er +durchaus nicht so sei, wie seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr +ein ganz anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen +Fähigkeiten noch diese und jene besitze – da erschien plötzlich eine ihm +durch ihre übelwollende Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein +empörendes Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen des Herrn Goljädkin +vereitelt, und Herr Goljädkin sah vor seinen eigenen Augen seine Würde +und seine Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz gezogen, +während diese Person seine, jawohl, seine Stellung im Dienst wie in der +Gesellschaft einnahm. Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung +eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem erhalten und +demütig hingenommen hatte: war es nun im gewöhnlichen Leben oder in +dienstlicher Angelegenheit gewesen – jedenfalls war es unmöglich, gegen +diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen oder zu leugnen ... +Während aber Herr Goljädkin sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum +es denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber zu wehren – ging +der Nasenstüber unmerklich in eine andere Form über – in die Form einer +ziemlich bekannten, kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, die +er gesehen oder gehört oder selbst unlängst vollbracht hatte, und zwar +nicht etwa aus schlechter Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb, +sondern so – nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht auch +aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, und schließlich, weil ... +weil, nun, Herr Goljädkin wußte sehr gut, warum! + +Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, und weil er sich +beherrschen wollte, murmelte er vor sich hin, daß man, zum Beispiel, +jetzt Charakterfestigkeit zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was +Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie auffassen solle. + +Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin und versetzte ihn +in Wut, daß gerade in diesem Augenblick, gerufen oder ungerufen, die +Person auftauchte, die ihm in ihrer fast karikaturenhaften +Abscheulichkeit nur zu bekannt war, und ihm, obwohl ihm damit gar nichts +Neues, sondern nur zu Bekanntes gesagt wurde, mit einem bösartigen +Lächeln zuflüsterte: „Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche +Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, wohl +aufzuweisen! ...“ + +Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er sich in einer prächtigen +Gesellschaft befände, die sich durch Geist und den vornehmen Ton aller +anwesenden Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits +durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, daß alle ihn +liebten, sogar einige seiner Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan +zeigten, was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm alle den +Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit Vergnügen anhören durfte, wie +der Wirt einen seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes über +Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir nichts dir nichts, +erschien wieder dasselbe mißvergnügte und mit wahrhaft tierischen Zügen +begabte Gesicht des Herrn Goljädkin _junior_ und zerstörte den ganzen +Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin _senior_, verdunkelte seine +glänzende gesellschaftliche Erscheinung, trat ihn abermals in den +Schmutz und bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, daß der +wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche sei, sondern ein +nachgemachter, während er, er selbst, der wirkliche wäre ... Herr +Goljädkin der Ältere aber, der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige, +als der er erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich habe +er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so trefflicher Leute +von gutem Ton zu gehören! + +Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin der Ältere vor +Erstaunen nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch +zusehen konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem abscheulichen +und falschen Herrn Goljädkin hingegeben hatten und sich mit der tiefsten +Verachtung von ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin, +abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf die unbedeutendste der +ganzen Gesellschaft, bei der sich nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit +seinen süßen Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt +hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit gemäß, Weihrauch +ausstreute, angenehmen und süßduftenden Weihrauch, so daß die auf diese +Weise angeräucherten Personen bis zu Tränen niesen mußten – zum Zeichen +ihres höchsten Vergnügens. + +Und was die Hauptsache war – alles das geschah in einem Augenblick: die +Geschwindigkeit des Vorgangs war erstaunlich! Kaum gelang es dem +falschen Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm auch +schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen – und im selben +Augenblick stand er auch schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin, +schmeichelte her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem ein +Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm mit seinen kurzen, runden, +übrigens recht steifen Beinchen – und siehe da, schon machte er einem +Neuen den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund konnte man kaum +öffnen, nicht aus dem Erstaunen heraus konnte man kommen, und er war +schon bei einem vierten, und mit diesem vierten in denselben +Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es zu sein! Und alle +waren sie entzückt von ihm und alle liebten ihn und bemühten sich um +ihn. Alle wiederholten im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein +blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die Liebenswürdigkeit +und der Geist des anderen Herrn Goljädkin, und beschämten dadurch diesen +wirklichen und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich von dem +wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den wohlgesinnten Herrn Goljädkin, +den durch seine Nächstenliebe bekannten echten Herrn Goljädkin mit +Puffern und Nasenstübern einfach hinaus! ... + +Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte Herr +Goljädkin auf die Straße und wollte sich eine Droschke nehmen, um +geradewegs zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, dann +doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o Schrecken! Der +Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn Goljädkin aufzunehmen, „wie, +Herr, kann man einen Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter +Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber nicht so wie Sie – +nicht ... irgendwie – doppelt!!“ + +Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen ehrenwerte Herr Goljädkin +sich um, und konnte sich so selbst und mit seinen eigenen Augen +überzeugen, daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar +mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht waren, denn der andere, der +nichtsnutzige Herr Goljädkin stand in der Tat in greifbarer Nähe neben +ihm und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er auch hier, in +diesem kritischen Augenblick, im Begriff, etwas sehr Gemeines zu tun, +etwas, das allerdings keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch +Erziehung erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine Form, keinen +Takt, mit denen der widerwärtige Herr Goljädkin der Zweite doch bei +jeder Gelegenheit zu prahlen pflegte. + +Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung floh der unglückliche +und ehrenwerte Herr Goljädkin von dannen, floh, lief, wohin ihn seine +Füße trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch bei jedem +Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag seiner Füße auf das harte +Trottoir, sprang wie aus der Erde hervor, ein ebensolcher Herr +Goljädkin, jener andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose, +abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum, daß +sie erschienen, einer dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette, +wie einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter Herrn +Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich war, ihnen zu +entfliehen, so daß dem bedauernswerten Herrn Goljädkin der Atem stockte, +so daß zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich +ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt war und ein +Polizist, der diese Störung der öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte, +sich veranlaßt sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und sie +auf die Wache zu führen ... + +Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser Held und gebannt und +erstarrt vor Schrecken fühlte er sich auch noch im wachen Zustande nicht +besser. Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte ein Gefühl, als +ob ihm jemand das Herz aus der Brust risse ... + +Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger aushalten. „Das darf nicht +sein!“ rief er mit Entschlossenheit aus, und erhob sich vom Bett, +woraufhin er vollständig wach wurde. + +Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. Im Zimmer war es ganz +außergewöhnlich hell. Die Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen +Fensterscheiben und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, was +Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. Denn nur zu Mittag konnte die +Sonne zu ihm hineinsehen, und zu anderer Stunde war so etwas, soweit +Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. Während unser Held +noch ganz verwundert darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem +Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie gleich darauf schlagen +werde. + +„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und horchte auf, in gespannter +Erwartung ... Doch zu seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und +schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für eine Geschichte?“ +rief unser Held aus und sprang jetzt endgültig aus dem Bett. Wie es +schien, traute er seinen eigenen Ohren nicht und lief hinter den +Verschlag. Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin blickte auf +Petruschkas Bett, doch im Zimmer war von Petruschka keine Spur zu sehen. +Sein Bett war augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel +waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, daß Petruschka +wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war +verschlossen. + +„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, in schrecklicher +Erregung, an allen Gliedern zitternd. Plötzlich kam ihm ein Gedanke ... +Herr Goljädkin stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig: +sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... Petruschka war +auch nicht im Verschlag ... die Uhr war eins ... und im gestrigen Brief +von Wachramejeff waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten Blick +sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn jetzt vollkommen +aufklärten ... Also auch Petruschka war erkauft worden! Das war es! + +„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von Ränken und Verrat!“ rief +Herr Goljädkin aus, schlug sich an die Stirn und riß immer noch mehr die +Augen auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt sich +die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat mich nur höchst geschickt +ablenken wollen, indem sie mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen +schlug sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in dieser +Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! Wenn man die Sache von +dieser Seite betrachtet, dann ist es eben so! Und die Erscheinung dieses +Taugenichts ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum anderen. +Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und für den schwarzen Tag zurecht +gemacht. So also ist’s, wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das +nur gekommen? Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! ...“ + +Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken daran, daß es +bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. „Wie, wenn es ihnen inzwischen +gelungen ...“ Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein, +nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch sehen ...“ Er +kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff Papier und Feder und schrieb +folgenden Brief: + + „Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch! + + Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz unmöglich! Und darum + erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbarer, lächerlicher und unsinniger + Wunsch, sich für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts + anderem führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. Ich bitte Sie + daher, und um Ihres eigenen Vorteils willen, ehrenwerten Leuten mit + wohlgesinnten Absichten den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin + ich bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. Ich lege + die Feder hin und warte ... Im übrigen stehe ich zu Ihrer Verfügung + – auch mit der Pistole. + + J. Goljädkin.“ + +Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben +beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf, +öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die +Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber +nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät. +Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein +scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn +Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male +eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die +Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein +Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für +einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die +schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der +offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr +denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held, +diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte +Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll +auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter +einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann +unser Held ihn auszufragen. + +„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“ + +„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“ + +„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie +steht es denn, mein Lieber?“ + +„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den +Mund. + +„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht +etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“ + +„Er ist hier.“ + +„Und die Beamten sind auch hier?“ + +„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“ + +„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“ + +„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor +den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an. +Wenigstens schien es unserem Helden so. + +„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“ + +„Nein, gar nichts, gar nichts.“ + +„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu +hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“ + +„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der +Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar +an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs +herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in +ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener, +fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel +Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in +seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an? +Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen? +Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich +werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld +gekommen war. + +„Hier, mein Lieber ...“ + +„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“ + +„Ich werde dir noch mehr geben.“ + +„Schön, Ew. Wohlgeboren.“ + +„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache +beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“ + +Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah +ihn unbeweglich an. + +„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“ + +„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt +wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr +Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die +Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen, +kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das +Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an. + +„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“ + +„Bis jetzt noch nichts.“ + +„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“ + +„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“ + +„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“ + +„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“ + +„War Wachramejeff gestern hier? ...“ + +„Ja, er war hier.“ + +„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“ + +Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar +fiel ihm nichts ein. + +„Nein, es war sonst niemand hier.“ + +„Hm!“ Es folgte ein Schweigen. + +„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“ + +„Zu Befehl.“ + +„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“ + +„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf +Herrn Goljädkin. + +„Wie das, ... gut –?“ + +„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher. +Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte. + +„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über +Wachramejeff?“ + +„Ja, alles ganz wie früher.“ + +„Denke mal nach.“ + +„Ja, man sagt ...“ + +„Nun, was denn? ...“ + +Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund. + +„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“ + +„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die +Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch +hingehen und fragen?“ + +„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich +meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt, +ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da +etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich +wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür +danken, mein Lieber ...“ + +„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch +ein.“ + +„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“ + +„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“ + +„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein +Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein +Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber, +glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“ + +„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie +gehen heute nicht hin?“ + +„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu +sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“ + +„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und +Herr Goljädkin blieb allein. + +„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht +jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten +einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt +weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen +hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch +hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er +ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich +haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht +Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff! +Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt. +Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den +Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem +Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan +Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne +einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina +Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier, +mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie +gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle +jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens +ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in +der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu +wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt? + +Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel, +wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden +ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer +dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan +Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher +Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht +ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das +fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“ + +Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als +hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für +ihn sehr Unangenehmes. + +„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich +stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben +sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und +auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein +Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht +tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen +mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er +verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew. +Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“ + +Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen +und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf +die Straße. + +„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. +Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr +Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem +Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm +mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken, +wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er +ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen, +und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein +stellen. + +„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn +Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne +Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte. + +„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch +sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der +Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu +bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin +sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war +das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah: +nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen +Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen. +„Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held. +„Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“ + +„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du, +mein Lieber? ...“ + +„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn +was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“ + +„Und Ostaffjeff?“ + +„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist +schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine +Zeit.“ + +„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“ + +„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen +... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff +Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“ + +„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen +Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“ + +„Gut!“ + +„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“ + +„Goljädkin?“ + +„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“ + +„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben +hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“ + +„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit +mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich +werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort +werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich +benachrichtigen, verstehst du?“ + +„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“ + +„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin +dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte. + +„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und +schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das +ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er +sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und +Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher +Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts +... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“ + +Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die +Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen +Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst +bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet +wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der +Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der +Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten +weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich +gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe +befand. + +„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen +hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne +Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher +noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn +Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich +nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf. + +„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine +Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held +unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken, +doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er +gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie +es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er +seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus. + +Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel. +Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend. +Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen. +Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt. +Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln +begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten +die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer +Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten +sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der +allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten +im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am +Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen. + +Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte +Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen +zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw. +Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame +Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte, +Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte +ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich +ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach +um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn +Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend, +halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur +erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen +umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich +um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten +sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an. + +Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und +bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken. +Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man +sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete. + +In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und +gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick – +erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit +einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als +der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit +leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er +schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen +und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte. +Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien: +„Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem +die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten, +erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz +beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er +mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund, +küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn +Goljädkin dem Älteren geträumt hatte. + +Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und +für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er +nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht +bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und +auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den +Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und +ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste, +freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer +Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob +unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine +Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in +seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit +spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere, +bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich +die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte. + +Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie +groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als +sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der +Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen +Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit +unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand +Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm +seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas +Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit +einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog +auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste +Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des +Herrn Goljädkin befunden hatten. + +Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner +niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein +Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen +und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von +Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen. + +Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien +jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar +die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch +und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren +nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener +Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte +Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich +von neuem zugunsten seines Todfeindes. + +„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den +jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der +ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten +Herrn Goljädkin. + +„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität +fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser +nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein +williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen +Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser +Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er +hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und +einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren, +wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner +Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der +soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch +noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte +unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen, +kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich +rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der +über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war. + +„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der +Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter +anzuhören. + +„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann +ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“ +sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen +Blick auf Andrej Philippowitsch. + +„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom +Kopf bis zu den Füßen. + +„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung +ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“ + +„W–a–a–s?“ + +„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“ + +„Von wem belieben Sie zu sprechen?“ + +„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej +Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in +meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung +solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“ +fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej +Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß +diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und +Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung +als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings +anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme +fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen +an seinen Wimpern. + +Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte, +war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. +Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die +Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett +Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter +heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine +Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm +unterredend, weiter. + +Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch +Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton +Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte, +mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und +nachdenklichen Gesicht. + +„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug +angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich +hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich +anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an +diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen +verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte +Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir +erklären, wenn möglich ...“ + +„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer +langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin +schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch +durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden +in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem +unterrichtet werden.“ + +„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“ +fragte kleinlaut unser Held. + +„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die +Regierung entscheidet.“ + +„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin +noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund, +warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ... +Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton +Antonowitsch?“ + +„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“ + +„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton +Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“ + +„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den +völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte +zusammen und wurde weiß wie ein Tuch. + +„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn +man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die +Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ... +freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton +Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“ + +„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines +wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und +bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“ + +„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“ + +„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn +auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon +wissen Sie wohl auch nichts?“ + +„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton +Antonowitsch, anzuhören ...“ + +„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die +verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen +Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“ + +„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach +zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe +ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton +Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll +und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern +anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte. + +„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“ +erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich +die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft +zusammenzog. + +„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen, +ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“ + +„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe +keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie +zu erfahren nötig haben.“ + +„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton +Antonowitsch.“ + +„Später, später, erzählen Sie später ...“ + +„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton +Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton +Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe +sogar die Idee gehabt ...“ + +„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“ + +„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas +ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm +zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton +Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen +geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah, +diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch, +Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller +Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der +Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ... +ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton +Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue +nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ... +Anton Antonowitsch ...“ + +Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ... +Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und +was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles +Gehörte und Geschehene. + +Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton +Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und +ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch +zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des +Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm +plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz +ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand +unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand +Pissarenko. + +„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“ + +„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“ + +„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej +Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs +Wachramejeff.“ + +„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein +Lieber.“ + +Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche +seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu, +dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich +bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten, +die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr +Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er +konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und +Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die +Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache +war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die +sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei +Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas +entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch +einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine +Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben +auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß +Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke +aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick +seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit +einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu +einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg +freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige, +unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er +sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach +seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die +gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich +ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um +Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder +nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die +Aufregung seiner Seele. + +„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein +Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um +sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch +Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein +Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das +bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß +dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte +nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse +zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig +... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde +vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige +... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über +alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich +mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und +alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln? +... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu +schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ... +wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen +Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“ + +In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht +bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich +endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher +ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter +Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete +Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf, +machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm +vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und +drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren +ab. + +„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die +Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich +endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte +seinem Feinde nach. + + + XI. + +Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits +gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine +außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie, +schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche +zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln +überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank, +daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr +gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das +überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“ +dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch +verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel +... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen +... entschieden und unterschrieben!“ + +Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten +auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen +großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der +soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen, +am Mantel zu packen. + +„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu, +froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß +Sie ...“ + +Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend +der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus +allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und +seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben +Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur +zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt. + +„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“ + +„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“ + +„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff +Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch +ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße +... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“ + +„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind +Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit +erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer +Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich +unmöglich ...“ + +„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er +kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich +unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es +Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ... +dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön +sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von +selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von +selbst aufklären ...“ + +„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du +mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von +selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr +Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden +unverschämt vertraulich auf die Schulter. + +„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit, +überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen, +was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er +sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte. + +Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden +Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke +Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke +ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite +Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene +Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des +Jüngeren wurde Schokolade gebracht. + +„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere, +indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte. + +Unser Held errötete und schwieg. + +„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren +Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche. +Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn +sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere +Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und +Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche +Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“ + +Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft +schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts, +lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit +zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur +Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus +nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er, +seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben. + +Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn +Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und +Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter +klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger +Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit +noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn +Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser +Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste +wenigstens. + +„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er +sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben +Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der +Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei +weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und +überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr +schlechten Ton gehören. + +„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der +Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit +unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange +nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff +Petrowitsch?“ + +„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm +kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals +gewesen.“ + +„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie +geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“ + +„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt +Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch +... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff +Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“ + +„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser +und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise +Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer +Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch, +Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr +Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu +schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff +Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und +stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der +über hohe Dinge zu urteilen verstand. + +„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung, +„meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und +geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen +Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff +Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen +selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht +nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und +die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff +Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff +Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen +Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff +Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf +Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen. +Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und +obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies +einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll. + +„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir +das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere. +„Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem +nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen +geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei +Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff +Petrowitsch!“ + +„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held +– „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in +allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das +Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere +in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer +und zitterte. + +„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der +Verworfene mit süßer Stimme. + +„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held. + +„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich +sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich +allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch +Flanell zu tragen.“ + +„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine +Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem +Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich +geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke, +die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber +ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“ + +„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb +vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn +auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere. + +„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich, +daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch, +es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es +mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen +zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich +ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im +umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie +allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe +mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich +ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“ + +„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund +Herrn Goljädkins des Älteren. + +„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch, +und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“ + +„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete +ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere. + +„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in +seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines +verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier +zwei ganz ähnliche ...“ + +„Ah, das ist Ihre Idee! ...“ + +Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der +Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu +bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem +Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er +sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft +zu gewinnen ... + +„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der +Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines +Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die +ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ... +nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle +Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben +konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt +hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den +Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ... + +Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder +eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der +Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte, +wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen +Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor +dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter +Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte. + +„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und +ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung. + +„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“ +begann von neuem Herr Goljädkin _junior_ mit seinen unpassenden +Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn +Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit +blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und +lächelte nur zuvorkommend. + +Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser +Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich +endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem +zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen +Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der +Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte, +so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke +setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit +ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer +beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit +der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich +und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte, +verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser +Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen. + +Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden +Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm +schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin +der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher +bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten +Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten +Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln, +und selbst mit den Füßen. + +Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit +dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie +seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen +Pelzkragen seines Feindes gepackt. + +So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held +wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte +er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen. +Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben, +mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das +Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu +entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den +offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es +dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher +schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn +Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst +bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte +nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte – +... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze. +Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei +erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr +Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar +nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche +Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache +wäre, dagegen anzukämpfen. + +Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem +Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr +Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während +des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur +unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er, +daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und +Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war, +in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte +er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch +befand. + +In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen, +doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht, +den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell +er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es +war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf +alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und +stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen +hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte +schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei +Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er +kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da +auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die +Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen. + +„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum +besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel +für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen. +Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der +Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht +hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit +entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit +zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht +erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit, +hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach +das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun +allerdings vollständig fassungslos machte: + + „Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann! + + Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der + Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich + mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! – + Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander + gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der + Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der + Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch + durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ... + + Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am + meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph + Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren + Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ... + + Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der + Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr + vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der + schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen + dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man + seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund, + daß die Unschuld stark ist durch sich selbst! + + Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich + in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis + zum Grabe! + + Klara Olssuphjewna.“ + +Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Augenblicke +wie betäubt. In schrecklicher Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich +wie ein Tuch, mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf und ab. +Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner Lage, bemerkte unser Held +nicht, daß er der Gegenstand gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller +Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung, seine heftige Aufregung, +sein Auf und Ab, das Gestikulieren mit beiden Händen, vielleicht einige +rätselhafte Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen – alles +das machte wahrscheinlich auf die Anwesenden keinen gerade guten +Eindruck und namentlich dem Kellner schien er verdächtig. + +Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich kam, daß er mitten im +Zimmer stand und fast unhöflich einen Greis von ehrwürdigem Aussehen +anstarrte, der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde +gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn Goljädkin nicht abwandte. +Verwirrt blickte unser Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich +alle, ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten. + +Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit rotem Kragen laut +die „Polizeinachrichten“. Herr Goljädkin fuhr zusammen und errötete: +dabei senkte er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung +geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider und die ganze linke +Seite waren vollständig beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an +mehreren Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser Held an einen +Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn ununterbrochen und frech +beobachtete. Ganz verloren und niedergedrückt fing nun unser Held an, +den Tisch zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen +gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen, lagen schmutzige +Servietten und soeben gebrauchte Löffel, Gabeln und Messer. + +„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held. „Doch nicht etwa ich? +Alles ist ja möglich! Ich habe vielleicht gegessen und es nur nicht +bemerkt.“ + +Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder den Kellner neben +sich, der im Begriff schien, ihm etwas zu sagen. + +„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“ fragte unser Held mit +zitternder Stimme. + +Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn Goljädkin. Auch der +Kellner lachte. Herr Goljädkin begriff, daß er wieder einmal eine +schreckliche Dummheit begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so +verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem Taschentuch zu +greifen, wahrscheinlich nur, um irgend etwas zu tun und nicht so +dazustehen. Doch zu seiner und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit +seinem Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus, das ihm vor +vier Tagen Krestjan Iwanowitsch, der Doktor, verschrieben hatte. + +„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging es Herrn Goljädkin durch +den Kopf und plötzlich zuckte er zusammen und schrie auf vor Schreck. +Ein neues Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote Flüssigkeit +schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den Augen des Herrn Goljädkin ... +Das Fläschchen fiel zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie +nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der umherspritzenden +Flüssigkeit zurück ... er zitterte an allen Gliedern und der Schweiß +brach ihm aus Stirn und Schläfen. + +„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen erhob sich im Raum eine +Bewegung und ein Gedränge. Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten +auf ihn ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser Held stand da, +unbeweglich, er sah nichts, er hörte nichts, er fühlte nichts ... +Endlich riß er sich los und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn +halten wollten, sprang fast ohne Besinnung in die erste beste Droschke +und floh nach Haus. + +Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er Michejeff, dem Kanzleidiener, +mit einem Schreiben in der Hand. + +„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete mit schwacher, +kläglicher Stimme unser Held. „Das ist ein offizieller ...“ + +Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet, mit einer Unterschrift +von Andrej Philippowitsch versehen, und in ihm wurde er aufgefordert, +alle in seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener zu übergeben. +Herr Goljädkin nahm das Schreiben und gab dem Diener ein +Zehnkopekenstück, trat in sein Zimmer und sah, wie Petruschka seine +Sachen in einen Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn +Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna, die ihn seinem Herrn +abspenstig gemacht hatte, deren Eustaphia zu ersetzen. + + + XII. + +Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden +Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich +vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand, +der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen +war, und nicht mehr der seines früheren Herrn. + +„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel +Uhr ist es jetzt?“ + +Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf +langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald +halb acht Uhr sei! + +„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich +dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende +ist.“ + +Petruschka schwieg. + +„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig, +wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“ + +„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“ + +„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden, +mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn +jetzt bei ihnen dienen?“ + +„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen +nichts Schlechtes lehren.“ + +„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt +selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“ + +„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr, +nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“ + +„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe +alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte +jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“ + +„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So +ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich +nicht ... –“ + +„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du +dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns +gegenseitig ...“ + +Petruschka blickte ihn an. + +„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten +Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein +Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in +Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich +war gegen dich immer freundlich ...“ + +Petruschka schwieg. + +„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber +sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“ + +„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier +Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja +selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr, +hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie +eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“ + +„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein +Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“ + +„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim +General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach +Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“ + +„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein +lieber Freund ...“ + +„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst +zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden. +Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen, +beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General +Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt +...“ + +„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein +Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein +Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein +Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere +Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“ + +„Soll ich alles in ein Bündel packen?“ + +„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch +alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole +mir einen Wagen ...“ + +„Einen Wagen?“ + +„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere +Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“ + +„Wollen Sie weit fahren? ...“ + +„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke, +ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich +verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“ + +„Wünschen Sie sofort abzufahren?“ + +„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein +Lieber, so steht es ...“ + +„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem +Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“ + +„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“ + +„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon +vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene +Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“ + +„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das, +mein Lieber?“ + +„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir +wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich +sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so +ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen +Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“ + +„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ... +Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also +tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“ + +„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann +müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes +Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn +unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen, +den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie +werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen +...“ + +„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden; +ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur +schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz +kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes +willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“ + +Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, Decken, Laken und all den +anderen Kram zu Boden und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff +unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte er ihn nicht. Mit +beiden Händen griff er nach seinem armen Kopf und lehnte sich vor +Verwunderung an die Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch +nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. Endlich, als er +bemerkte, daß die Zeit verstrich, und weder Petruschka noch der +Fuchspelz erschienen war, entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu +gehen. Als er die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der Treppe +lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute schrien und stritten +sich – und Herr Goljädkin wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas +Stimme und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! sie werden die ganze +Welt zusammenrufen!“ stöhnte Herr Goljädkin, rang die Hände vor +Verzweiflung und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich fast +besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in die Kissen. Nachdem er +einen Augenblick so gelegen hatte, sprang er wieder auf und ohne +Petruschka zu erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel an, +setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren und stürzte auf die +Treppe hinaus. + +„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, ich werde alles +selbst besorgen. Laß nur vorläufig alles so stehen, unterdessen wird +sich vielleicht das Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin +eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. Darauf lief er die +Treppe hinunter und zum Hause hinaus. Sein Herz stand ihm still – er +konnte sich zu nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie +sollte er in dieser kritischen Lage handeln ... + +„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, das mußte gerade noch +kommen!“ rief er endlich verzweifelt aus und strich ziellos die Straße +entlang, „das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das nicht wäre, gerade +das, dann würde sich noch alles ordnen und beilegen lassen, mit einem +Schlage, mit einem gewandten und festen Schlage würde es sich machen +lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, daß es sich machen ließe! +Und ich weiß sogar, auf welche Weise es zu machen ginge. Es würde so +gemacht werden: Ich würde also – ich würde das und das, das heißt würde +so und so sagen ... ‚mein Herr, mit Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut +man nicht, mein sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und mit +Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, mein Herr, ist ein +unnützer Mensch, das heißt ein Mensch, der seinem Vaterlande keinen +Nutzen bringt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein sehr +geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! ...“ + +„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das wäre auch nicht das +Richtige, durchaus nicht das Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf, +Erzdummkopf! Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, so wird +es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt verkriechen? Was werde ich +zum Beispiel jetzt mit mir anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu +taugst du jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun? + +Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, einen Wagen für sie, sonst +macht sie sich die Füßchen naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer +hätte das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein +wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, meine Herrin, +ausgezeichnet ... Und das kommt alles von der schlechten Erziehung. Wie +ich das jetzt übersehe und es durchschaut habe – so ist alles +Sittenlosigkeit. Man hätte ihr von Jugend auf – die Rute, tüchtig die +Rute geben sollen, sie aber haben sie statt dessen mit Konfekt und allen +Süßigkeiten gefüttert und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll: +‚Ach, du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen Grafen +verheiraten! ...‘ + +Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns jetzt ihre Karten gezeigt, +da – habt ihr es, das ist mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen +hätten, statt sie in die Pension zu der französischen Madame zu geben, +irgend so einer Emigrantin! Da lernen sie wohl viel Gutes, bei der +Emigrantin ... und – da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt und +freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um so und so viel Uhr unter +meinem Fenster und singen Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich +werde Sie erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir zusammen, +um in einer Hütte zu leben!‘ + +Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon so weit gehen, meine +Dame ... das geht nicht an! Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und +unschuldiges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem Elternhause zu +entführen! Und schließlich auch: warum? Ich sehe gar keine +Notwendigkeit. Mag sie heiraten, wie es sich gehört, und wen das +Geschick ihr bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich aber bin +ein Beamter und kann deshalb meine Stellung verlieren. Ich, meine Dame, +kann deshalb vor Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das noch +nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles eingebrockt, dieser +ganze Wirrwarr geht von ihr aus. Deshalb haben sie einen Menschen +verleumdet. Deshalb haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, auf +den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt alles her. Denn sonst, +warum haben sie Petruschka hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache +zu schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun? + +‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich nicht, ich kann nicht +... Für dieses Mal, meine Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das +kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der Deutschen, nicht von +der Hexe, sondern einfach von Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute +Frau, die Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, Sie sind +schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen mich vors Gericht, – unter +falschen Anschuldigungen ...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da muß +der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und kann sich selbst nicht +erhalten, – wie kann man denn da noch heiraten! Und wie wird denn das +alles enden? Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel darum +geben, wenn ich das wissen könnte! ...“ + +So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er plötzlich zu sich +kam, bemerkte er, daß er irgendwo auf der Liteinaja stand. Das Wetter +war schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und Schnee zusammen, +genau wie zu jener unvergeßlichen Stunde um Mitternacht, als das Unglück +Herrn Goljädkins seinen Anfang nahm. + +„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, nach dem Wetter +sehend, „das wäre einfach Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich +denn hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint etwas Schwarzes +zu dämmern! Wir wollen sehen! ... Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held +fort und lenkte seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas +Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich weiß, was ich tue! Ich gehe zu +ihm, falle ihm zu Füßen und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So +und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände der Behörde, +Ew. Exzellenz, beschützen Sie und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre +ein ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, ich flehe +Sie an, als meinen Vater flehe ich Sie an, verlassen Sie mich nicht ... +Retten Sie meine Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie mich +vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen ... Er ist ein anderer +Mensch, Ew. Exzellenz, und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer +für sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz für mich, +Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. Ew. Exzellenz, so ist’s! Das +heißt, ich kann gar nicht Er sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu +ändern mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum Beispiel für +andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu Ihnen, wie zu meinem Vater! Die +Behörde, die wohltätige und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas +unterstützen ... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. Das +heißt, wie gesagt, ich wende mich an die Behörde, wie an einen Vater, +und vertraue ihr mein Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst +werde mich von allen zurückziehen, so ist’s!“ + +„Nun, mein Lieber, bist du frei?“ + +„Ja, Herr.“ + +„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“ + +„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“ + +„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, wie es kommt.“ + +„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“ + +„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß es selbst noch nicht +genau, mein Lieber, ich kann es deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen. +Siehst du, mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. Es +ist ja bekannt, mein Freund ...“ + +„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“ + +„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. Aber was nimmst du +dafür, mein Lieber? ...“ + +„Belieben Sie sofort zu fahren?“ + +„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest du ein wenig ... +so, nur ein wenig, nicht lange, mein Lieber ...“ + +„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend nehmen wollen, so kann ich +bei diesem Wetter nicht weniger als sechs Rubel ...“ + +„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, mein Lieber. Und jetzt +kannst du mich gleich fahren, mein Lieber.“ + +„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier noch ein wenig +zurechtzumachen ... Steigen Sie nur ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“ + +„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“ + +Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und setzte seine beiden +Gäule, die er nur mit aller Gewalt vom Heusack wegreißen konnte, in der +Richtung auf die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog Herr +Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten und bat mit flehender +Stimme den Kutscher, nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine +bestimmte andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um und in zehn +Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins vor dem Hause, welches Seine +Exzellenz bewohnte. Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat seinen +Kutscher inständig, zu warten und lief selbst mit zitterndem und +zagendem Herzen die Treppe hinauf, in den zweiten Stock. Er klingelte, +die Tür wurde geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der +Exzellenz. + +„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr Goljädkin an den +Menschen, der ihm die Tür öffnete. + +„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der Herrn Goljädkin vom Kopf +bis zu den Füßen betrachtete. + +„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat Goljädkin. Ich wünsche – +Exzellenz zu sprechen ...“ + +„Warten Sie bis morgen.“ + +„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine Sache ist zu wichtig ... +meine Sache duldet keinen Aufschub ...“ + +„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie eine Aufforderung?“ + +„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde mich, mein Freund, sage: +so und so, um zu erklären ... Und ich werde mich dir dankbar erweisen, +mein Lieber ...“ + +„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden vorzulassen. +Es sind Gäste da. Kommen Sie morgen um zehn Uhr ...“ + +„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich warten! Sie, mein +Lieber, werden sonst die Verantwortung ...“ + +„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ sagte ein anderer +Lakai, der sich auf einer Bank rekelte und bis jetzt noch kein Wort +gesagt hatte. + +„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden vorzulassen, +verstehst du? Die Empfangsstunden sind am Morgen.“ + +„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte deiner Zunge schaden!“ + +„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge wird’s nicht schaden! Es ist +aber befohlen ... Treten Sie in dieses Zimmer.“ + +Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Uhr, +er sah, daß es halb neun war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er +wollte schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief der Diener, +der an der Schwelle zum nächsten Zimmer stand, laut seinen Namen. + +„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher Verwirrung unser +Held. „Was werde ich nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s +... ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten ... geruhen +Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist die ganze Sache verdorben, alles +in den Wind zerstreut. Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens keine +Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück und führte Herrn +Goljädkin ins Kabinett Seiner Exzellenz. + +Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, er konnte +überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei Gestalten tauchten undeutlich vor +seinen Augen auf: „Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn +Goljädkin durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held den Stern auf +dem schwarzen Frack der Exzellenz deutlich erkennen. Damit kam er denn +zur Besinnung und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen wieder +... + +„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme Herrn Goljädkin. + +„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“ + +„Nun?“ + +„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“ + +„Wie? Was?“ + +„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, um zu erklären, +Ew. Exzellenz ...“ + +„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“ + +„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“ + +„Nun, was wünschen Sie?“ + +„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen Vater: ich selbst +halte mich ganz aus der Sache, und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde +zu beschützen, – das ist alles!“ + +„Was heißt das?“ + +„Es ist doch bekannt ...“ + +„Was ist bekannt?“ + +Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an zu zittern ... + +„Nun?“ + +„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich meinte, in moralischem +Sinne: Ew. Exzellenz als Vater anerkennen ... das heißt, so und so, +beschützen Sie mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas zu – zu – +un–ter–stützen ...“ + +Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte für einen Augenblick +wieder nichts mehr wahrnehmen. Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der +Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich auf den Beinen +halten sollte ... Er schämte sich und unsagbar traurig war ihm zumute. +Gott weiß, was ihn erwartete ... + +Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit +seinen Gästen sehr lebhaft sprach und sich mit ihnen zu beraten schien. +Einen der Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch. +Den anderen dagegen erkannte er nicht, obgleich ihm das Gesicht sehr +bekannt schien: eine hohe volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit +buschigen Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem +Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing ein Orden und eine Zigarre stak +zwischen den Zähnen. Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus +dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem Kopfe, von Zeit zu Zeit +zu Herrn Goljädkin hinüberblickend. + +Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. Er wandte seinen +Blick zur Seite, und dabei bemerkte er – einen sehr sonderbaren Gast. In +der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie +es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir wissen ja schon, +wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins. Herr Goljädkin der +Jüngere hatte sich bis dahin offenbar in einem kleinen Zimmer +aufgehalten, um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man ihn +wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren unter dem Arm, ging er +auf Seine Exzellenz zu und in Erwartung, daß sich die allgemeine +Aufmerksamkeit auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich alsbald +sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung mit einzumischen. Er +nahm seinen Platz hinter dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde +teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre rauchte. + +Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere Anteil am Gespräch, dem er +mit Eifer folgte, zu dem er mit dem Kopfe nickte, während er in einem +fort lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, ganz als +flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, auch ein Wörtchen +einzuflechten. + +„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich einen Schritt +auf ihn zu. In diesem Augenblicke kehrte sich Seine Exzellenz um und +näherte sich selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin. + +„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde Ihre Sache nachprüfen, und +Sie werde ich begleiten lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den +Unbekannten mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen seiner +Einwilligung mit dem Kopf. + +Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu genau, daß man ihn für +etwas anderes nahm und ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich +gehörte. „So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, „das +heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete er in der Verwirrung +seine Augen zu Boden und zu seiner äußersten Verwunderung sah er auf den +Stiefeln Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck. + +„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. Doch bald entdeckte +Herr Goljädkin, daß die Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt +waren, sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das sich daraus +erklärte, daß die Stiefel von Lack waren und stark glänzten. „Das nennt +man aber blank sein,“ dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick +wieder erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil die Sache +sich sonst zu einem schlechten Ende wenden konnte ... Unser Held trat +also einen Schritt nach vorn. + +„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte er. „Ich meine doch, +einen falschen Namen zu tragen, ist in unserer Zeit doch wohl nicht +erlaubt.“ + +Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern zog nur heftig an +der Glockenschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor. + +„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, Ew. Exzellenz,“ sagte unser +Held, ohne sich zu besinnen, ersterbend vor Furcht, und wies trotz +alledem kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, der +sich diesen Augenblick dicht bei Seiner Exzellenz zu schaffen machte. +„So und so ... das heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“ + +Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine allgemeine Bewegung. Andrej +Philippowitsch und der Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine +Exzellenz riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der +Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem Augenblick trat +Herr Goljädkin der Jüngere vor. + +„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich um die Erlaubnis, +sprechen zu dürfen.“ In der Stimme Herrn Goljädkins des Jüngeren lag +äußerste Entschlossenheit. Alles an ihm drückte aus, daß er sich +vollkommen in seinem Recht fühlte. + +„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, eifrig einer Antwort +Seiner Exzellenz zuvorkommend, und wandte sich diesmal an Herrn +Goljädkin selbst. „Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie sich +so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem Sie stehen und in wessen +Kabinett Sie sich befinden? ...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer +sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: Tränen der +Empörung traten ihm in die Augen. + +„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick der Lakai mit +lauter Stimme, indem er in der Tür des Kabinetts erschien. + +„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ dachte Herr Goljädkin +und fühlte im selben Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr +freundschaftlicher Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte sich ihm +noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine Ebenbild von Herrn +Goljädkin lief voran und zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg – +Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam auf die große +Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt wurde. + +„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte er, als er sich schon im +Vorzimmer befand, begleitet von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von +seinem unvermeidlichen Ebenbilde. + +„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines +besten Freundes!“ schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den +Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung den Mantel Herrn +Goljädkin über den Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel +wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter der Diener. Doch er +achtete nicht darauf und kümmerte sich um nichts. Ruhig trat er aus dem +Vorzimmer auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr Goljädkin der +Jüngere folgte ihm. + +„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser Herrn Goljädkin dem Älteren +nach. + +„Schurke!“ sagte unser Held außer sich. + +„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“ + +„Verworfener Mensch! ...“ + +„Nun, meinetwegen auch ein verworfener Mensch ...“ antwortete dem +würdigen Herrn Goljädkin sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen +Gemeinheit und sah frech, oben von der Treppe hinunter und ohne die +Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin an, als forderte er ihn auf, so +weiter fortzufahren. Unser Held spie aus vor Empörung und stürzte zum +Hause hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, wie er in den +Wagen gelangte. Als er endlich zu sich kam, sah er, daß er an der +Fontanka entlang fuhr. „Wahrscheinlich fährt er nach der +Ismailoffbrücke,“ dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin noch +etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war etwas so Entsetzliches, +das zu erklären unmöglich schien ... + +„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr weiter zur +Ismailoffbrücke. + + + XIII. + +... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte. Der nasse Schnee, der +bis jetzt in großen Massen niederfiel, wurde allmählich dünner und immer +dünner, und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde klarer und +hin und wieder sah man Sterne blinken. Es war jedoch noch immer feucht, +schmutzig und schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin nur +mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und schwerer Mantel umhüllte mit +einer unangenehmen warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer +auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften Herrn +Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief seinen Körper mit spitzen scharfen +Nadeln. Die Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Herr +Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß, wie bei sonstigen +Gelegenheiten, mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit seine +Lieblingsphrase zu wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch +zum besten wenden würde. + +„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“ behauptete unser starker +und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher Held nur, indem er sich vom +Gesicht das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande seines runden +Hutes tropfte, der, aufgeweicht und durchnäßt wie er war, das Wasser +nicht mehr aufnehmen konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung war, +daß das alles noch nichts zu sagen hätte, so versuchte er sich +wenigstens auf den dicken Holzklotz zu setzen, der sich auf dem Hofe von +Olssuph Iwanowitsch neben einem großen Holzstoß befand. + +Natürlich war von der spanischen Serenade nicht die Rede: viel eher +mußte er an seinen, wenn auch nicht großen, so doch immerhin warmen, +gemütlichen und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt, sehnte +er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf dem Treppenflur der Wohnung +von Olssuph Iwanowitsch, in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer +Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank, zwischen alten +Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden hatte. Die Sache war nämlich +die, daß Herr Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem Hofe +Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen und gemütlichen +Winkel waren diesmal Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben +hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich bemerkt und +infolgedessen waren seit der Geschichte auf dem Balle bei Olssuph +Iwanowitsch gewisse Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf +das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna warten, denn es war doch +sicher von einem solchen verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war +es immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen, und nicht +mit uns wird es aufhören“. + +Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans, den er schon vor +langer Zeit gelesen hatte, in dem die Heldin unter denselben Umständen +ihrem Alfred ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie ans Fenster +befestigte. Ein rosa Band aber, in der Nacht und beim Petersburger +Klima, das ja durch seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht +an, nein: das war einfach unmöglich! + +„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ dachte unser Held, +„besser ist sicher, ich verhalte mich still! Und suche mir einen anderen +Platz!“ Und richtig, er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern +gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über den Hof +verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, die Wagen rasselten, die +Pferde wieherten usw. Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn nun +bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte der Platz den Vorteil, +daß die Sache im Schatten vor sich ging und Herrn Goljädkin niemand +sehen konnte, er selbst aber alles sah. + +Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. Es schien wieder eine +feierliche Gesellschaft bei Olssuph Iwanowitsch versammelt zu sein. +Musik war übrigens noch nicht zu vernehmen. + +„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur so eine Gesellschaft +sein,“ dachte Herr Goljädkin. „Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm +dann durch den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? Es kann +sein, alles kann sein ... alles ist möglich! Vielleicht war der Brief +gestern geschrieben worden und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka +ihn vergessen hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen bestimmt ... +so, daß ich ... erst morgen alles hätte vorbereiten sollen, das heißt, +mit dem Wagen hätte warten sollen ...“ + +Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff nach dem Briefe in der +Tasche, um sich zu überzeugen. Doch zu seiner Verwunderung fand sich +kein Brief in der Tasche. + +„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken Herr Goljädkin: „Wo +kann er sein? Sollte ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte +er auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, vielleicht ist es +schon geschehen! Herrgott! Was kann sich daraus ergeben! Das wäre ja ... +Ach, du mein verfluchtes Schicksal!“ + +Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem Gedanken, daß +vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, als er ihm den Mantel über +den Kopf geworfen, damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu +entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden Herrn Goljädkins etwas +erfahren hatte. „Da hätte er einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin, +„einen Beweis ... und was für einen Beweis! ...“ + +Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens stieg Herrn Goljädkin +das Blut heiß in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach +seiner glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz und fing an +nachzudenken ... Aber seine Gedanken hatten keinen Zusammenhang. Es +tauchten verschiedene Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald +undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener Vorgänge – +Motive dummer Lieder, die ihm durch den Kopf gingen ... Es war ein +Elend, ein Elend, ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte +unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem Versuch, das dumpfe +Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, „gib mir Festigkeit in der +unerschöpflichen Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin, +vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das liegt in der +Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch nicht anders sein! Erstens habe +ich meine Stellung verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch +nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine Möglichkeit +geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht noch für die erste Zeit: ich +nehme mir irgendeine kleine Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka +wird zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne den Schuft +auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen und zurückkommen, wann es mir +paßt, und Petruschka wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich spät +nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne ihn ... Nun, nehmen wir +also an, daß das alles sehr gut ginge. Nur handelt es sich noch immer +nicht darum, noch immer nicht darum! ...“ + +Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage in Herrn Goljädkin auf, in +der er sich unmittelbar befand. Er blickte um sich. „Ach, du mein großer +Gott! Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ dachte er, und +griff wieder ganz und gar verloren nach seinem brummenden Kopf. + +„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte plötzlich eine Stimme +neben ihm. Herr Goljädkin fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein +Kutscher, gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom Warten +ungeduldig geworden und wollte nach seinem Herrn hinter dem Holzstoß +sehen. + +„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein Freund, komme bald, sehr +bald, sehr bald – warte noch ein wenig ...“ + +Der Kutscher ging fort und brummte etwas in den Bart. + +„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin unter Tränen, „ich habe +ihn doch für den ganzen Abend genommen, ich bin durchaus in meinem +Recht, so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und damit ist die +Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! Das hängt von meinem Willen +ab. Willigt er ein, oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter +dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat hier nichts zu +meinen: will der Herr hinter dem Holz stehen, so mag er es tun ... +seiner Ehre wird das nicht schaden! So ist’s! + +So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte, +meine Dame, das heißt, so und so, kann in unserer Zeit niemand mehr +leben. Und ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen Zeit auch +nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst jetzt ein bedauernswertes +Beispiel sind ... Das heißt, Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer +des Meeres in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, braucht man an den +Ufern des Meeres keine Titularräte und zweitens hätten wir da überhaupt +nicht zum Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte +beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so und so, möchte +Titularrat werden ... begünstigen Sie mich trotz meiner Feinde ... dann +wird man Ihnen sagen, meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, und +daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo Sie gute Sitten lernen +sollen, um als gutes Beispiel zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame, +bedeutet, zu Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit an +Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden sich schon mit der Zeit +von selbst – so ist’s! Freilich muß man verschiedene Talente besitzen +wie: Klavierspielen, Französisch sprechen, in der Geschichte, +Geographie, Religion und Arithmetik bewandert sein, – so ist’s! Mehr ist +auch nicht nötig. Und dazu dann die Küche. Jedenfalls sollte jedes +sittsame Mädchen die Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie, +meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst überlassen, man +wird Ihnen nachsetzen und wird Sie zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und +was, meine Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen Sie +mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich wie in dummen Romanen mich auf +den nächsten Hügel setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf +die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder soll ich etwa der +Vorschrift einiger schlechter deutscher Poeten und Romanschriftsteller +folgen und freiwillig sterben? Wollen Sie das, meine Dame? + +Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft auszudrücken, daß die +Dinge so nicht gehen, und daß man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen +müßte, weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben haben. Denn +französische Bücher lehren einen nichts Gutes. Das ist Gift ... reines +Gift, meine Dame! Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß ich Sie frage, +denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft und ... leben dann in einer +Hütte am Meer! Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie die +Tauben zu girren und verbringen so unser Leben in Zufriedenheit und +Glück! Und wenn dann ein Kleines kommt, dann werden wir ... – dann sagen +wir so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, ein +Kleines ist da, also nehmen Sie bei der Gelegenheit Ihren Fluch zurück +und segnen Sie uns! + +Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und auf das Girren hoffen Sie +nicht, denn von alledem wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der +Herr, und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem gehorchen. +Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen Zeit nicht, die +Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann +zum Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, fragt er seine +Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen Hering, ein Gläschen +Schnaps?‘ Also müssen Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten. +Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er sich gar nicht, er sagt +nur: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘ +Er küßt Sie vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut er sehr +gleichgültig! ... + +So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das tun wir nur +gleichgültig! ... So ist es, wenn man sich’s genau überlegt, wenn es +darauf ankommt ... Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, haben +Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? ‚Tugendhafter, für mich +leidender und meinem Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu +Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im Komplimentemachen +kein Meister bin und es nicht liebe, Damen gefühlvollen Unsinn +vorzuschwatzen, meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte +Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht finden, das sage ich +Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. Ich besitze einen offenen Charakter +und einen gesunden Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das +heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz – so ist’s! ... +Guten Menschen gegenüber trage ich keine Maske, und um Ihnen alles zu +sagen ...“ + +Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das rote Gesicht seines +Kutschers mit ganz durchnäßtem Bart blickte wieder nach ihm hinter den +Holzstoß ... + +„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, mein Freund, weißt du. +Ich komme sofort, sofort ...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend +mit zitternder und weinerlicher Stimme. + +Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete seinen Bart, trat +einen Schritt zurück, blieb wieder stehen und blickte mißtrauisch Herrn +Goljädkin an. + +„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du ... mein Freund ... ich +werde nur ein wenig, nur eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein +Freund ...“ + +„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ sagte endlich der Kutscher +und trat entschlossen auf Herrn Goljädkin zu. + +„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, siehst du, mein +Freund, warte nur ...“ + +„Ja, Herr ...“ + +„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem Dorfe bist du, mein +Lieber?“ + +„Wir sind Leibeigene ...“ + +„Ist dein Herr gut? ...“ + +„Ziemlich.“ + +„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Suche gute +Menschen! Gute Menschen sind jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt +dir Essen und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. Denn +oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen die Tränen fließen ... +Du siehst hier ein beklagenswertes Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“ + +Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. „Nun, wie Sie wollen, +ich werde warten. Wird es noch lange dauern?“ + +„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, nicht mehr lange warten, +mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf +dich verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten ...“ + +„Dann werden Sie also fahren?“ + +„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... hier ... wieviel hast du zu +bekommen, mein Lieber?“ + +„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. Ich habe lange gewartet, +Herr, Sie werden mich armen Menschen nicht schädigen, Herr.“ + +„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei gab ihm Herr Goljädkin +sechs Rubel und beschloß ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das +heißt, einfach fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch schon +entschieden und der Kutscher entlassen war. Folglich brauchte er hier +nicht mehr zu warten, er kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum +Hoftor hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich umzusehen, +keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen. + +„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ dachte er, „und ich +bin auf diese Weise dem Unglück entronnen.“ + +Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz leicht ums Herz. „Ach, +wenn doch alles wieder gut würde!“ dachte unser Held, glaubte aber +selbst kaum daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, besser, +von der Seite, das heißt, so ...“ + +Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln quälte und den Schlüssel zu +ihrer Lösung suchte, war unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und +beschloß hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – wieder +umzukehren. + +„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme von der anderen Seite, +das heißt, so. Dann bin ich ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache +hat ihr Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, weiter +nichts, und was da auch vorgehen mag – daran bin ich nicht schuldig! So +ist’s! So wird es jetzt sein!“ + +Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, kehrte unser Held auch +wirklich wieder um – sehr zufrieden darüber, daß er, dank seinem +glücklichen Einfall, jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen +würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, du siehst +nur zu – weiter nichts!“ Die Rechnung war richtig, und die Sache mochte +damit ihr Ende haben! + +Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich wieder in den friedlichen +Schatten des ihn beschützenden Holzstoßes und begann von neuem +aufmerksam nach den Fenstern zu blicken. + +Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und zu warten. Es zeigte +sich plötzlich an allen Fenstern eine lebhafte Bewegung, Gestalten +tauchten auf, die Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von Leuten +drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, alle sahen auf den Hof +hinaus und schienen etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß, +begann auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen Bewegung zu +folgen, er wandte voll Teilnahme seinen Kopf nach links und nach rechts, +soweit es ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, erlaubte. + +Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe vor Schreck +hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, und er war sofort vollkommen +davon überzeugt, daß man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen +suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. Denn alle blickten +nach ihm hin. Davonzulaufen war unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der +entsetzte Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah als es +möglich war, an das Holz und bemerkte dabei erst jetzt, daß der Schatten +des Stoßes ihn nicht mehr ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in +ein Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich gesessen! +wenn es nur gegangen wäre! Doch ging es nicht, entschieden ging es +nicht! In seiner Angst sprang er endlich auf und sah entschlossen nach +allen Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... Und plötzlich +errötete er über und über. Alle hatten sie ihn bemerkt, alle winkten sie +ihm mit den Händen und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu. +Die Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man rufen ... „Ich +wundere mich, warum man diese Mädchen nicht von Kindheit an +durchgeprügelt hat,“ murmelte unser Held vor sich hin, ganz und gar +verwirrt. + +Plötzlich kam _er_ (es ist bekannt _wer_) die Treppe herunter gelaufen, +im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos auf ihn zugestürzt und heuchelte +äußerste Freude darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte. + +„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene Mensch. „Jakoff +Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Hier ist es kalt, +Jakoff Petrowitsch. Kommen Sie doch hinein!“ + +„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff Petrowitsch,“ +murmelte unser Held mit schüchterner Stimme. + +„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff Petrowitsch, man bittet +Sie, gefälligst einzutreten, man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die +Ehre und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen Sie!“ + +„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre besser ... wenn ich +nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch ...“ antwortete unser Held, und +verging zugleich vor Scham und vor Schreck. + +„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche Mensch, „nein, nein, nein, +für nichts in der Welt! Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn +Goljädkin den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin wollte +durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm sahen und ein Widerstreben +dumm gewesen wäre, so ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen, +daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Es war ja +doch alles gleichgültig! + +Noch bevor sich unser Held recht besinnen und sein Äußeres etwas in +Ordnung bringen konnte, befand er sich schon im Saal. Er sah bleich, +zerstört und verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze +Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – alles, alles war +überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, Damen, ein ganzer Blumengarten: +sie alle drängten sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn zu, +sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern heben, wobei er das +Gefühl hatte, er schwebe in einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa +zur Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und wirklich, sie +trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl aber gerade zum Lehnstuhl von +Olssuph Iwanowitsch. + +Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand Klara Olssuphjewna, +bleich, düster und traurig, doch wundersam geschmückt. Besonders fielen +Herrn Goljädkin die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren schwarzen +Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. Auf der anderen Seite des +Lehnstuhls stand Wladimir Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen +neuen Ordensbändern im Knopfloch. + +Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der Hand gerade aus Olssuph +Iwanowitsch zu. Auf der einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der +Jüngere, der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr +Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – und auf der anderen +Seite wurde er von Andrej Philippowitsch begleitet, der eine höchst +feierliche Miene zur Schau trug. + +„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er aber bemerkte, daß man ihn +zu Olssuph Iwanowitsch brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz +erleuchtet. Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte in seinem Kopfe +auf. In schrecklicher Angst stand unser Held vor dem Lehnstuhl Olssuph +Iwanowitschs. + +„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei sich. „Natürlich +werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher Ehrbarkeit ... das +heißt ... so und so, usw.“ + +Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht ein. Olssuph +Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr wohlwollend zu empfangen, und +wenn er ihm auch nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen +ehrfurchteinflößenden Graukopf, feierlich und zugleich traurig, mit +einem gütigen Ausdruck. So schien es wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam +es sogar vor, als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: er +schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an den Wimpern Klara +Olssuphjewnas eine Träne blinkte – und mit den Augen Wladimir +Ssemjonowitschs schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die +unerschütterliche ruhige Würde Andrej Philippowitschs war dem +allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, – auch der Jüngling, der +dem alten Staatsrat Olssuph Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits +bittere Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn Goljädkin nur +so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die +kalten Backen rannen ... + +Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen und seinem Schicksal +und im Augenblick voll Liebe, nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern +zu allen Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, der durchaus +nicht mehr böse, der gar nicht mehr der Doppelgänger zu sein schien, +sondern ein ganz gleichgültiger und liebenswürdiger Mensch, – also +wandte sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte nicht +auszudrücken, was seine Seele erfüllte, in der sich so viel angesammelt +hatte, er konnte nichts sagen, nicht das geringste, und nur mit einer +beredten Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ... + +Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl um das Gefühl des +Greises zu schonen – Herrn Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd +und irgend etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, doch +jedenfalls ganz versöhnt mit seinem Schicksal und den Menschen, begann +unser Held die dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben ihm +den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer Neugierde und mit +unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme an. Unser Held ging ins zweite +Zimmer: überall die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie +alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie +sich heimlich gegenseitig anstießen und über etwas sehr Merkwürdiges +sprachen, urteilten, flüsterten und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin +hätte furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen! + +Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljädkin +den Jüngeren. Er fühlte die Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und +ihn beiseite zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff Petrowitsch“ +inständigst, ihn bei allen seinen Unternehmungen behilflich zu sein und +ihn im kritischen Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin der +Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und drückte kräftig die Hand Herrn +Goljädkins des Älteren. Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz in +der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, er fühlte, wie ihn +irgend etwas mehr und mehr beengte, wie alle die Blicke, die auf ihn +gerichtet waren, ihn verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin +sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem Kopfe eine Perücke +trug. Der Herr Rat sah ihn mit strengem, fragendem Blick an, der durch +die allgemeine Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser Held +beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm zulächeln, sich ihm +erklären, doch gelang ihm seine Absicht nicht. In dem Augenblick, als er +es tun wollte, verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis ... Als +er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich, in einem weiten Kreise +von Gästen, um sich selber drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen +Zimmer nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich über die ganze +Menge. Alles regte sich auf, alles geriet in Bewegung, alles stürzte zur +Tür des ersten Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen +hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke Seite an Seite mit +ihm zu stehen kam. Endlich ergriff er seine Hand und setzte sich dem +Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich +weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, setzten sich in +einem großen Kreise um Olssuph Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles +wurde still und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, alle +richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch und schienen etwas +Besonderes zu erwarten. Herr Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem +Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn Rat, der +andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch aufstellten. Das +Schweigen dauerte an: man erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie +wenn in irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange Reise +anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und ein Gebet sprechen,“ dachte +unser Held. Plötzlich entstand eine ungewöhnliche Bewegung und +unterbrach Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das +Langerwartete einzutreten. + +„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge. + +„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und er zuckte vor +einem sonderbaren Gefühl zusammen. + +„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll Andrej +Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph Iwanowitsch an. Feierlich +nickte Olssuph Iwanowitsch mit seinem Kopfe. + +„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn Goljädkin. Alle erhoben +sich. Dann ergriff der Rat die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und +Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins des Jüngeren und führten +sie beide feierlich mitten durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah +verwundert um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn Goljädkin den +Jüngeren, der ihm bereits die Hand entgegenstreckte. + +„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser Held, streckte ihm +gleichfalls freundschaftlich seine Hände entgegen, und reichte ihm sogar +seine Backe zum Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin ... +Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, daß sein treuloser Freund +ein wenig lächelte: ganz so, als lächelte er schelmisch die sie +umgebende Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen Gesicht +Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – die Grimasse des Judaskusses ... + +Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen Augen wurde es +dunkel: ihm schien eine endlose Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit +großem Geräusch durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch es war schon +zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben worden, und ... + +Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die Türen des Saales wurden +ausgerissen und auf der Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick +Herr Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am Boden. Ein Schrei +erstarb auf den Lippen. Übrigens hatte Herr Goljädkin schon früher alles +gewußt und Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte sich selbstbewußt +und feierlich Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin erkannte seine Gestalt nur +zu gut. Er hatte ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen +... Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch in schwarzem Frack mit +einem hohen Orden am Halse und trug einen schwarzen Backenbart. Es +fehlte ihm nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit voll zu +machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie gesagt, Herrn Goljädkin vor +Schreck erstarren. Mit wichtiger und feierlicher Miene ging der +schreckliche Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... Unser Held +reichte ihm die Hand. Der Unbekannte ergriff sie und zog ihn an sich. +Mit verlorenem Ausdruck blickte unser Held um sich. + +„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin +und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte +irgendeine widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er blickte sich +um: er war es wieder, der abscheuliche, der in der Seele verderbte +Doppelgänger Herrn Goljädkins. Eine boshafte Freude glänzte auf seinem +Gesicht, triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend wandte er +seinen Kopf ringsum, triumphierend trippelte er zu allen und jedem, und +es schien beinahe, als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen. +Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das Licht, um Herrn +Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljädkin hörte +deutlich, wie alle, die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm +nachdrängten, sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin +nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, Jakoff Petrowitsch, brauche +sich nicht zu fürchten, da Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein +alter Bekannter sei! ...“ + +Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete Treppe hinaus. Auch +hier war eine Menge Volk versammelt. Geräuschvoll wurde die Tür +aufgerissen und Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit +Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, bespannt mit vier +Pferden, die vor Ungeduld schnauften. Der schadenfrohe Herr Goljädkin +der Jüngere lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen. +Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung Herrn Goljädkin +auf, Platz zu nehmen. + +Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: die ganze +hellerleuchtete Treppe war von Menschen besetzt: neugierige Augen +blickten ihn von allen Seiten an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem +obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und betrachtete voll +Anteil und Aufmerksamkeit alles, was vorging. Alle warteten. Ein +Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljädkin +zurückblickte. + +„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... nichts, was Veranlassung +zur Strenge geben, nichts, was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse +beziehen könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel und +Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten verneinend den Kopf. Tränen +stürzten Herrn Goljädkin aus den Augen. + +„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue mich vollkommen ... ich +lege mein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs ...“ + +Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er sein Geschick in die Hände +Krestjan Iwanowitschs lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender +Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr und unheilverkündend +aus der ganzen wartenden Menge widerhallte. Da faßten Krestjan +Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, Herrn +Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den Wagen, der Doppelgänger +aber half, nach seiner verräterischen Angewohnheit, noch von +hinterrücks. Der arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen Blick +auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein Katzenjunges, das man mit +kaltem Wasser begossen hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe +der anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch Krestjan +Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde zugeklappt. Ein Peitschenknall – +und die Pferde zogen an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit +... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz unbändige Schreie +seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße auf den Weg. Eine Zeitlang +hielten noch mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt und +sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch wurden ihrer immer weniger, +bis sie schließlich verschwanden und nur noch der schamlose Doppelgänger +Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen seiner grünen +Uniformbeinkleider, so lief er mit zufriedenem Gesicht bald links, bald +rechts neben dem Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf den +Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster und warf Herrn +Goljädkin zum Abschied Kußhände zu. Doch auch er wurde schließlich des +Laufens müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich verschwand +und fortblieb ... + +Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. Das Blut pochte heiß in +seinem Kopf. Er empfand eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken +zu müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine Brust entblößen, um +sie mit Schnee zu kühlen. Dann kam endlich, wie ein großes Vergessen, +Bewußtlosigkeit über ihn ... + +Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen auf einem ihm +unbekannten Wege fuhr. Links und rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es +war öde und leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende +Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen zwei Augen funkelte +teuflische Freude. + +„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist das? Oder ist er es +doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere, +sondern ein anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan +Iwanowitsch ist es! ...“ + +„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, ein Mensch für mich +... und ein Nichts – Krestjan Iwanowitsch, ein Nichts von einem +Menschen,“ begann unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch seine +Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen Krestjan Iwanowitsch zum +Mitleid zu bewegen. + +„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, Beheizung, Beleuchtung, +Bedienung, was wollen Sie denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng +und furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs. + +Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich an den Kopf. Das war +es: und das hatte er schon lange geahnt! + + + + + Fußnoten + + +[1] Ein Stadtteil von Petersburg. E. K. R. + +[2] Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden „Linien“ genannt. E. K. +R. + +[3] Diminutiv von Pjotr. E. K. R. + +[4] Größte Kaufhalle in Petersburg. E. K. R. + +[5] Eine der Meistererzählungen Gogols. E. K. R. + +[6] Abkürzung von Glafira. E. K. R. + +[7] (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in den +größeren Städten. E. K. R. + +[8] Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung „Der Mantel“, die Warwara +Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch ausdrücklich aufmerksam +gemacht hatte. Der Held der Erzählung – gleichfalls ein kleiner Beamter +– gleicht Makar Alexejewitsch so auffallend, daß dieser glaubt, Gogol +habe ihn, Makar Alexejewitsch, geschildert und damit bloßgestellt. – +Fedor Fedorowitsch ist der Name eines der Vorgesetzten jenes kleinen +Helden der Erzählung. E. K. R. + +[9] Ein Stadtteil von St. Petersburg. E. K. R. + +[10] Große Kaufhalle in Petersburg. E. K. R. + +[11] Berühmte Kolonialwarenhandlungen in St. Petersburg. E. K. R. + +[12] Armer Schlucker. E. K. R. + +[13] Das Warnungszeichen von der Peter-Paulus-Festung, daß das Wasser +der Newa steigt und die niedriger gelegenen Stadtteile zu überschwemmen +droht. E. K. R. + +[14] Der eigentliche Name des falschen Demetrius. E. K. R. + + + Anmerkungen zur Transkription + +Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen +Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und +Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert +nach: + + F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. + Zweite Abteilung: Vierzehnter Band + R. Piper & Co. Verlag, München, 1920. + Sechstes bis zehntes Tausend + +Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen +Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den +ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, +Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt +nach der Titelseite eingefügt. + +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. + +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. +Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. + +Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen +(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von +Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. + +Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der +Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben +„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht +(nicht verwendete Varianten in Klammern): + + Ssjetotschkin (Ssetotschkin) + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des +russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 87]: + ... Was wollen Sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ... + ... Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ... + + [S. 98]: + ... geschehen? Nun, sagen wird zum Beispiel, und nehmen ... + ... geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen ... + + [S. 124]: + ... Ihr Gehalt, daß Sie sich noch dazu vorauszahlen ... + ... Ihr Gehalt, das Sie sich noch dazu vorauszahlen ... + + [S. 180]: + ... weil Sie schutzlos sind, weil sie keinen starken ... + ... weil Sie schutzlos sind, weil Sie keinen starken ... + + [S. 261]: + ... ihm auch, Herr Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ... + ... ihm auch, Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ... + + [S. 314]: + ... der nächsten Laterne, so daß man ihm deutlich erkennen ... + ... der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen ... + + [S. 417]: + ... etwas endgültig vor ihm Erworbenes an. ... + ... etwas endgültig von ihm Erworbenes an. ... + + [S. 418]: + ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Micheleff zu ... + ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu ... + + [S. 431]: + ... trat in Begleitung einiger Beamten heraus. Alle, die ... + ... trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die ... + + [S. 465]: + ... auf dem Liteinij Prospekt stand. Das Wetter war ... + ... auf der Liteinaja stand. Das Wetter war ... + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 *** diff --git a/35339-h/35339-h.htm b/35339-h/35339-h.htm new file mode 100644 index 0000000..a017b06 --- /dev/null +++ b/35339-h/35339-h.htm @@ -0,0 +1,21690 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Sämtliche Werke 14: Arme Leute / Der Doppelgänger | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Sämtliche Werke 14: Arme Leute / Der Doppelgänger" --> + <!-- AUTHOR="Fjodor Dostojewski" --> + <!-- TRANSLATOR="E. K. 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M. Dostojewski: Sämtliche Werke +</p> + +<p class="ed"> +<span class="line1">Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,</span><br> +<span class="line2">herausgegeben von Moeller van den Bruck</span> +</p> + +<p class="trn"> +Übertragen von E. K. Rahsin +</p> + +<p class="division"> +Zweite Abteilung: Vierzehnter Band +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="aut"> +F. M. Dostojewski +</p> + +<h1 class="title"> +Arme Leute<br> +Der Doppelgänger +</h1> + +<p class="subt"> +Zwei Romane +</p> + +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt=""></div> + +<p class="pub"> +<span class="line1">R. Piper & Co. Verlag, München</span> +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="impr"> +R. Piper & Co. Verlag, München, 1920<br> +Sechstes bis zehntes Tausend +</p> + +<p class="cop"> +Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.<br> +Verlag in München +</p> + +<p class="printer"> +Buchdruckerei Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig. +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="toc" id="part-1"> +Inhalt +</h2> + +</div> + +<div class="table"> +<table class="toc"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">Vorbemerkung</td> + <td class="col_page"><a href="#page-V">V</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Arme Leute</td> + <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Doppelgänger</td> + <td class="col_page"><a href="#page-237">237</a></td> + </tr> +</tbody> +</table> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="intro" id="part-2"> +<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a> +Vorbemerkung +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: +den Briefroman der „Armen Leute“ und die +Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie ausdrücklich +nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist +in der Reihenfolge der Werke Dostojewskis mit dem +Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846 verbunden. +</p> + +<p> +Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: +sie wirkten, trotz Gogol, der vorhergegangen +war, wie der Einbruch einer neuen Literaturrichtung, +der naturalistischen, die auf die romantische folgte, +und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von +ganz Jung-Rußland auf den neuen Dichter. Heute +lesen wir das Werk nicht wegen seines zeitlichen und +literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite +kaum noch verstehen, sondern um des Ewigen und +Lyrisch-Mächtigen willen, von dem es in seiner rührenden +Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist. +</p> + +<p> +Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen +und unberechenbaren Mächten, die wie ein nächtiges +Schattenspiel in dem Dichter lebten, kündete den +späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker, +der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern +Dostojewski den Fatalisten und Tragiker. Schon in +<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a> +den „Armen Leuten“ war die ungemeine Psychologie +in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war +eine Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. +Jetzt, in dem „Doppelgänger“, wurde eine Psychologie +des Abgrundes und der Erschütterung daraus, und man +ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen Weltanschauung +und russischen Menschenanschauung auswachsen +konnte. – Das Doppelgängerproblem selbst lag in der +Zeit. Poe hatte ihm im William Wilson den romantischen +Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den +Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre +gezogen. Dostojewski dagegen – und eben dies +kennzeichnete ihn so – brachte dasselbe Problem mit +der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche, das +Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden +aus dem kranken Hirn eines Menschen steigen, +der äußerlich zunächst nicht anders ist wie Tausende +um ihn. +</p> + +<p class="sign"> +M. v. d. B. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="part-3"> +<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a> +Arme Leute +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-1" title="1. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> +</h3> + +</div> + +<div class="epi"> +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> ich danke für diese Märchendichter! +Anstatt etwas Nützliches, Angenehmes, Erquickendes +zu schreiben, kratzen sie da die kleinsten Kleinigkeiten +aus der Erde hervor und schnüffeln +überall herum! ... Ich würde Ihnen einfach verbieten, +zu schreiben! Zum Beispiel, was soll das: +man liest ... unwillkürlich denkt man doch nach, +– aber ... aber ... es kommen einem nur alle +möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein, +wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben, +ganz einfach und unter allen Umständen: schlankweg +verbieten!“ +</p> + +<p class="attr"> +Fürst W. F. Odojewskij. +</p> + +</div> + +<p class="date"> +8. April. +</p> + +<p class="addr"> +Meine unschätzbare Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, +wie man glücklicher gar nicht sein kann! So haben +Sie Eigensinnige doch wenigstens einmal im Leben +auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen acht +Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich +mich nach dem Dienst ein bis zwei Stündchen etwas +auszustrecken liebe), da holte ich mir meine Kerze – +und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe +und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich +<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> +ganz unversehens auf – da: wirklich, mein Herz begann +zu hüpfen! So haben Sie doch erraten, was ich +wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster +war zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit +Balsaminen angesteckt, genau so, wie ich es Ihnen damals +anzudeuten versuchte. Dabei schien es mir noch, +daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig +auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach +mir ausschauten, daß Sie gleichfalls an mich dachten! +Und wie es mich verdroß, mein Täubchen, daß ich Ihr +liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte! +Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit +klaren Augen sahen, mein Kind. Das Alter ist keine +Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es wieder so, als +flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends +noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die +Augen am nächsten Morgen gleich rot und tränen so, +daß man sich vor fremden Leuten fast schämen muß. +Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein +Kind, Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem +Herzen hatte ich ganz dieselbe Empfindung, wie damals, +als ich Sie einmal küßte, Warinka – erinnern +Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, +es schien mir sogar, als ob Sie mir mit dem +Finger drohten. War es so, Sie Unart? Das müssen +Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir +wieder einmal schreiben. +</p> + +<p> +Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich +meine, das mit Ihrem Fenstervorhang, Warinka? Gar +zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der Arbeit, oder lege +ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich +<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> +dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner +erinnern, und auch selbst gesund und heiter sind. Lassen +Sie den Vorhang herab, so heißt das: „Gute Nacht, +Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“ +Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, +Makar Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, +und wie steht es mit Ihrer Gesundheit, Makar Alexejewitsch? +Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund und +wohlgemut!“ +</p> + +<p> +Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen +ist. So sind gar keine Briefe nötig! Schlau, +nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung stammt +von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara +Alexejewna? +</p> + +<p> +Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, +daß ich diese Nacht recht gut geschlafen habe, eigentlich +gegen alle Erwartung gut, womit ich denn auch sehr +zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, +schon aus Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen +pflegt; es ist eben doch immer nicht alles so, wie es +sein muß. Als ich heute aufstand, war es mir ganz +wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums +Herz – froh und sorgenfrei! Was ist das doch heute +für ein schöner Morgen, mein Kind! Unser Fenster +wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die Vögel +zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und +die ganze Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere +war genau so, wie es sich gehört, genau wie es +sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar +ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur +an Sie, Warinka. Ich verglich Sie in Gedanken mit +<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> +einem Himmelsvögelchen, das so recht zur Freude der +Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen +ist. Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir +Menschen, die wir in Sorgen und Ängsten leben, die +kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und unschuldiges +Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches +mehr, alles von der Art, dachte ich. Das heißt, ich +machte nur so entfernte Vergleiche ... Ich habe da ein +Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen +die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. +Ich schreibe das deshalb, weil ich nur sagen will, daß +es doch sonst immer verschiedene Auffassungen gibt, +nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling, +und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, +so geistreiche und erfinderische obendrein, und sogar +zärtliche Träumereien kommen einem. Die ganze Welt +erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich +auch dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist +dem Büchelchen entnommen. Dort äußert der Verfasser +ganz denselben Wunsch, nur in Versen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene +andere Gedanken vor, aber – nun, Gott mit +Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute +morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch +nicht zum Dienst aufgemacht, da gingen Sie bereits +fröhlich über den Hof, hatten schon wie ein Frühlingsvöglein +Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein +Herz sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! +Grämen Sie sich doch nicht! Mit Tränen hilft +man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich weiß es, +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch +so ruhig und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit +geht es besser. – Nun, was macht Ihre Fedora? +Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir +alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit +ihr leben und ob Sie auch mit allem zufrieden sind? +Fedora ist mitunter etwas brummig, aber Sie müssen +das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! +Sie ist doch eine gute Seele. +</p> + +<p> +Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa +geschrieben – sie ist gleichfalls eine gute und treue +Person. Was hab’ ich mir doch um unsere Briefe für +Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da +kam uns denn zu unserem Glück diese Theresa, kam wie +von Gott gesandt. Sie ist eine gute, bescheidene, stille +Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft erbarmungslos, +so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird +mit Arbeit ganz überhäuft. +</p> + +<p> +Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, +Warwara Alexejewna! Das ist mir mal eine Wohnung, +das muß ich sagen! Früher lebte ich doch in +einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, +wenn einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier +aber – Lärm, Geschrei, Gezeter! Aber Sie wissen ja +noch gar nicht, wie das hier eigentlich alles ist. Denken +Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen +ganz dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, +ohne Fenster, ohne Türen; links aber ist Tür +an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange Reihe +Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, +Nummer Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +wohnen zwei bis drei zusammen, je nachdem, und die +zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie +nicht verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! +Doch sind es, glaube ich, trotzdem gute Menschen, alle +sind sie so gebildet, sogar gelehrt. Unter anderen +wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: +er spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen +Schriftstellern, von allem spricht er, – ein kluger +Mensch! Dann wohnen hier noch zwei ehemalige +Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein +Seemann, der englische Stunden gibt. – Warten Sie +mal, ich werde Sie einmal zum Lachen bringen, mein +Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die +Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, +und zwar ganz ausführlich! +</p> + +<p> +Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes +altes Weib, geht den ganzen Tag in Pantoffeln und +in einem Schlafrock umher und schimpft ununterbrochen +die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger +gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier +neben der Küche ist noch ein Zimmer (unsere Küche ist, +muß ich Ihnen sagen, rein und hell und sehr anständig), +ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes +Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird +es so sein: die Küche ist groß und hat drei Fenster, und +bei mir ist nun parallel der Querwand eine Scheidewand +angebracht, so daß es sozusagen noch ein Zimmerchen +gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man +sagt. Alles ist geräumig und bequem, und sogar ein +Fenster habe ich und überhaupt alles, – mit einem +Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +also mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa +denken, Kind, daß irgend etwas dabei sei und ich einen +Hintergedanken habe: weil das immerhin nur eine Küche +ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in +demselben Raum, nur hinter einer Scheidewand, aber +das hat nichts zu sagen! Ich lebe hier ganz heimlich +und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe hier +mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei +Stühle, jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild +aufgehängt. Es gibt gewiß bessere Wohnungen, +sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist doch die +Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil +ich es so am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu +denken, daß ich es aus irgendeinem anderen Grunde +tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade gegenüber, über +den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines Höfchen, +da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder +im Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger +für mich Armen, und auch billiger. +</p> + +<p> +Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit +der Beköstigung zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. +Das ist nichts für meinen Beutel! Mein +Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die +Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für +alles in allem runde dreißig Rubel zahlte, dafür aber +auf vieles verzichten mußte: so konnte ich nicht immer +Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug +für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – +tatsächlich: man schämt sich irgendwie, wenn man keinen +Tee trinken kann, Warinka. Hier wohnen nur +Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +sich eben. Und eigentlich: nur wegen der anderen +trinkt man ihn, den Tee, Warinka, nur des Ansehens +wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre +es ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf +Genüsse gibt. +</p> + +<p> +Und dann, was man so noch als Taschengeld +braucht – denn irgend etwas hat man doch immer +nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein Kleidungsstück +– wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn +mein ganzes Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin +ganz zufrieden. Für mich genügt es. Hat es doch +schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es +auch noch Gratifikationen. +</p> + +<p> +Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe +da ein paar Blumen gekauft, zwei Töpfchen, eines mit +Balsaminen und eines mit Geranium – nicht teuer. +Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda +ist zu haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, +ja? Übrigens müssen Sie da nicht irgendwie +etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was mich betrifft, +und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, +nur die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß +es in allem so bequem war, das verleitete mich. – Ich +habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen, Kind, ich +habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: +oh ja: ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, +daß ich so still und zaghaft bin, daß es aussieht, als +könne mich eine Fliege mit den Flügeln umstoßen. +Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und +habe gerade den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem +Gewissen und in der Festigkeit, die uns unsere +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie wohl, mein +Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben +und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. +Ich küsse Ihre Fingerchen, Warinka, und verbleibe +</p> + +<p class="sign"> +Ihr ergebenster Diener und treuester Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie +mir recht ausführlich, mein Engelchen. Ich sende Ihnen +hier eine Düte Konfekt, Warinka; verschmausen +Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes +willen keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur +nicht irgend etwas übel. Und nun leben Sie wohl, +mein Kind. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-2" title="2. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +8. April. +</p> + +<p class="addr"> +Sehr geehrter Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die +Freundschaft wird kündigen müssen? Ich schwöre Ihnen, +guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir furchtbar +schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, +wieviel sie kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, +zu wieviel Entbehrungen Sie sich deshalb zwingen, +wie Sie sich das Notwendigste selbst verweigern. +Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts +nötig habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen +Kräften steht, die Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, +zu erwidern. Und wozu diese Blumen? Die +Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun +noch Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes +Wort zu entschlüpfen, wie zum Beispiel meine Bemerkung +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +über Geranium, da müssen Sie auch schon sofort +Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? +Wie wundervoll die Blüten sind! So leuchtend rot, +und Stern steht an Stern. Wo haben Sie nur ein so +schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf +auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste +Stelle. Auf das Bänkchen vor dem Fenster werde ich +noch andere Blumen stellen, lassen Sie mich nur erst +reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen – +unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber +und hell und freundlich. Aber wozu war denn das +Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet es sogleich aus +Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist: Frühling +und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, +dachte ich, sollte nicht gar noch ein Gedicht folgen? +Denn wirklich, es fehlen nur noch Verse in Ihrem +Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind +zärtlich und die Gedanken rosafarben – alles, wie es +sich gehört! An den Vorhang habe ich überhaupt nicht +gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen geblieben +sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da +haben Sie es! +</p> + +<p> +Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und +rechnen mir Ihre Einnahmen und Ausgaben vor, um +mich zu beruhigen und glauben zu machen, daß Sie +alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie +damit doch nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich +des Notwendigsten um meinetwillen berauben. Was +ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein solches +Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man +beunruhigt Sie doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +wird gewiß eng und unbequem und ungemütlich +sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – +was wird denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem +Gehalt könnten Sie doch viel besser wohnen. Fedora +sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt +hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben +so verbracht, immer einsam, immer mit Entbehrungen, +ohne Freude, ohne ein gutes, liebes Wort zu hören, immer +in einem bei fremden Menschen gemieteten Winkel? +Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid +tun! So schonen Sie doch wenigstens Ihre Gesundheit, +Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß Ihre +Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht +bei Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn +noch? Ihr Diensteifer wird Ihren Vorgesetzten doch +wohl ohnehin schon bekannt sein. +</p> + +<p> +Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden +Sie nicht soviel Geld für mich. Ich weiß, daß Sie +mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht reich ... +Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. +Es war mir so leicht zumut. Fedora war schon lange +an der Arbeit und hatte auch mir Arbeit verschafft. +Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch aus, +um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls +an die Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag +war ich so heiter! Jetzt aber – wieder trübe Gedanken, +alles so traurig, das Herz tut mir weh. +</p> + +<p> +Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird +mein Schicksal sein! Das Schwerste ist, daß man so +nichts, nichts davon weiß, was einem bevorsteht, daß +man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +erraten kann, was aus einem werden wird. Und +zurückzuschauen, davor graut mir einfach! Dort liegt +soviel Leid und Qual, daß das Herz mir schon bei der +bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang +werde ich unter Tränen die Menschen anklagen, die +mich zugrunde gerichtet haben. Diese schrecklichen +Menschen! +</p> + +<p> +Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder +an die Arbeit mache. Ich würde Ihnen gern noch vieles +schreiben, doch diesmal geht es nicht: die Arbeit +muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß +ich mich beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer +angenehm: es ist dann doch nicht so langweilig. +Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns? Wirklich, +warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen +ja jetzt so nahe, und soviel freie Zeit werden Sie +doch wohl haben. Also bitte, besuchen Sie uns! Ich +sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie +hat mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken +gab. +</p> + +<p> +Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir +unbedingt alles möglichst ausführlichst – wie Sie leben, +was um Sie herum vorgeht – alles! – Was es für +Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in Frieden +mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr +gern wissen. Also vergessen Sie es nicht, schreiben Sie +es unbedingt! Heute werde ich unabsichtlich ganz gewiß +keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen Sie +früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht +Licht bei Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist +wieder alles da: Trauer und Trübsal und Langeweile! +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre<br> +Warwara Dobrosseloff. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-3" title="3. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +8. April. +</p> + +<p class="addr"> +Sehr geehrte Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder +einmal so ein Tag sein, wie er einem vom Schicksal +öfter beschieden ist! Da haben Sie sich nun über mich +Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens +bin ich selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer +hieß mich auch, in meinem Alter, mit meinem spärlichen +Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer ausgehen ... +Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch +ist bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du +lieber Gott! auf was er mitunter nicht zu sprechen +kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei +schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber +heraus kommt dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns +behüte und bewahre! Ich, mein Kind, ich ärgere mich +ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt daran +zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und +dumm geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich +heute so stolz und stutzerhaft: es war solch ein Leuchten +in meinem Herzen, war so wie ein Feiertag in der +Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut +war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte +ich mich an die Arbeit, an die Papiere – und was +wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah, +war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Überall dieselben Tintenflecke, wie immer dieselben +Tische und Papiere, und auch ich ganz derselbe: wie ich +war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da +für ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und +woher war denn alles gekommen? Daher, daß die Sonne +einmal durch die Wolken geschaut und der Himmel +sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? +Und was können das für Frühlingsdüfte sein, wenn +man auf einen Hof hinaussieht, auf dem aller Unrat +der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur +so aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es +kommt doch bisweilen vor, daß ein Mensch sich in seinen +eigenen Gefühlen verwirrt und in die Weite +schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, +als von alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine +Rolle spielt. Nach Hause kam ich nicht mehr wie andere +Menschen, sondern schleppte mich heim: der Kopf +schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. +Ich muß wohl meinen Rücken erkältet haben. Ich +hatte mich, recht wie ein alter Esel, über den Frühling +gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. +Auch das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie +sich getäuscht, meine Liebe! Sie haben meine Äußerungen +in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur +um väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, +denn ich nehme bei Ihnen, in Ihrer bitteren Verwaistheit, +die Stelle Ihres Vaters ein, das sage ich aus +reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: +ich bin doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch +nur ein ganz entfernter Verwandter, vielleicht wie das +Sprichwort sagt: das siebente Wasser in der Suppe, +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, +und jetzt bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger +Beschützer. Denn dort, wo es am nächsten lag, +daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden Sie +nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, +so muß ich Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich +für mich nicht schickt, mich auf meine alten Tage noch +im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute werden +in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie +dichten ... da sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe. +</p> + +<p> +Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, +von Bequemlichkeit, Ruhe und was nicht noch alles? +Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich habe niemals +besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen +zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und +Schuh – was will man mehr? Nicht uns steht es zu, +Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin nicht +von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger +und bezog mit seiner ganzen Familie ein geringeres +Gehalt, als ich. Ich bin nicht verwöhnt. Übrigens, +wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen +soll, so war ja wirklich in meiner früheren Wohnung +alles unvergleichlich besser. Man war freier, unabhängiger, +gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine jetzige +Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar +ihre Vorzüge: es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es +gibt mehr Abwechslung und Zerstreuung. Dagegen +will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um die +alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das +heißt, wenn wir Menschen schon anfangen, älter zu +werden. Die alten Sachen, an die wir uns gewöhnt +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung +war, wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich +hatte ein Zimmerchen für mich. Die Wände waren ... +ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren +wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt +es sich, aber die Erinnerungen an all das Frühere, die +machen mich etwas wehmütig ... Sonderbar – sie +bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm, +als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. +Sogar das Unangenehme, worüber ich mich bisweilen +geärgert habe, sogar das erscheint jetzt in der Erinnerung +wie von allem Schlechten gesäubert und ich sehe +es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir +lebten ganz still und friedlich, Warinka, ich und meine +Wirtin, die selige Alte. Ja, auch an die Gute denke ich +jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war eine brave +Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie +strickte immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale +Bänder zerschnitt, mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, +damit allein beschäftigte sie sich. Das Licht benutzten +wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir +abends an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei +ihr, Mascha, ich erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz +klein war – jetzt wird sie dreizehn sein, schon ein großes +Mädchen. Und so unartig war sie, so ausgelassen, +immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn +zu dreien, saßen an langen Winterabenden am runden +Tisch, tranken unseren Tee, und dann machten wir uns +wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft Märchen +zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder +auch, damit sie nicht unartig sei. Und was das für +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Märchen waren! Da konnte nicht nur ein Kind, nein, +auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da +zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein +Pfeifchen angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit +Spannung zugehört und die ganze Arbeit darüber vergessen. +Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde +ganz nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die +Hand, öffnete seinen kleinen Kindermund und horchte +mit großen Augen; und wenn es ein Märchen zum +Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer +angstvoller an die Alte an. Uns aber war es eine +Lust, das Kindchen zu betrachten. Und so saß man oft +und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und vergaß +ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. – +</p> + +<p> +Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben +wir fast ganze zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. +– Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen werden +solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir +sind diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich +jetzt in der Dämmerung. Theresa klappert dort mit +dem Geschirr – ich habe Kopfschmerzen, auch mein +Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken sind alle +so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin +heute traurig gestimmt, Warinka! +</p> + +<p> +Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? +Wie soll ich denn zu Ihnen kommen? Mein Täubchen, +was werden die Leute dazu sagen? Da müßte ich doch +über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann +fragen, – da gäbe es denn ein Gerede und daraus +entstünden Klatschgeschichten und man würde die +Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +schon besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse +sehe; das wird vernünftiger sein und für uns beide +unschädlicher. Seien Sie mir nicht böse, mein Kind, +weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe. +Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos +ist. Ich bin ein alter ungelehrter Mensch, +Warinka; in der Jugend habe ich nichts zu Ende gelernt, +jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, +wenn man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. +Ich muß schon gestehen, mein Kind, ich bin kein Meister +der Feder und weiß, auch ohne fremde Hinweise und +spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas +Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. +– Ich sah Sie heute am Fenster, +ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie +wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara +Alexejewna. +</p> + +<p> +Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund +sein will, +</p> + +<p class="sign"> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden +mehr Satiren schreiben. Ich bin zu alt geworden, Kind, +um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man würde +dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, +wie unser Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine +Grube gräbt, der – fällt selbst hinein. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-4" title="4. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +9. April. +</p> + +<p class="addr"> +Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und +Wohltäter, sich so etwas in den Kopf zu setzen! Haben +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach, ich bin +oft so unvorsichtig in meinen Äußerungen, aber diesmal +hätte ich doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos +scherzhaften Ton für Spott halten könnten. Seien +Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen werde, über +Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe +es nur – wie soll ich sagen –: aus Leichtsinn geschrieben, +aus Gedankenlosigkeit, oder vielleicht auch nur +deshalb, weil es gerade furchtbar langweilig war ... +was aber tut man mitunter nicht alles aus Langeweile? +Außerdem glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem +Brief ein wenig lustig hätten machen wollen. Nun +macht es mich sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit +mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer, +Sie täuschen sich, wenn Sie mich der Gefühllosigkeit +und Undankbarkeit verdächtigen. In meinem Herzen +weiß ich alles, was Sie für mich taten, als sie mich +gegen den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen +verteidigten, nach seinem wahren Wert zu schätzen. +Ewig werde ich für Sie beten, und wenn mein +Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich erhört, dann +werden Sie glücklich sein. +</p> + +<p> +Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und +Fieber wechseln ununterbrochen. Fedora beunruhigt +sich sehr. Es ist übrigens ganz grundlos, was Sie da +schreiben – und weswegen Sie sich fürchten, uns zu +besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit +uns bekannt und damit Basta! +</p> + +<p> +Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben +weiß ich nichts mehr, und ich kann auch nicht: fühle +mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie nochmals, mir +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und +Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre +habe zu verbleiben +</p> + +<p class="sign"> +Ihre dankbare und ergebene<br> +Warwara Dobrosseloff. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-5" title="5. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +12. April. +</p> + +<p class="addr"> +Sehr geehrte Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! +Jedesmal erschrecken Sie mich! Ich schreibe Ihnen +in jedem Brief, daß Sie sich schonen sollen, sich +warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, +daß Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, +mein Engelchen, hören gar nicht darauf, was ich sage! +Ach, mein Täubchen, Sie sind doch wirklich noch ganz +wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so ein +Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein +Windchen zu wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb +müssen Sie sich auch in acht nehmen, müssen Sie +selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr auszusetzen +und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und +Trübsal zu bereiten. +</p> + +<p> +Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein +Kind, über meine Lebensweise und alles, was mich umgibt +und angeht, Genaueres zu erfahren. Gern will ich +Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also – beginne +mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung +in der Sache. +</p> + +<p> +Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind +ziemlich mittelmäßig; die Paradetreppe ist noch ganz +gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen: rein, hell, breit, +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes Holzgeländer. +Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber +gar nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen +Stufen, und die Wände sind so fettig, daß die +Hand kleben bleibt, wenn man sich an sie stützen will. +Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle und +Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum +Trocknen aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; +Waschkübel stehen da mit allem möglichen Schmutz, mit +Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und Tischresten; +der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht +schön. +</p> + +<p> +Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; +sie ist – dagegen läßt sich nichts sagen – wirklich +bequem, das ist wahr, aber es ist auch in ihnen eine +etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu +sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so +– es ist nur ein etwas fauliger Geruch, wenn man +sich so ausdrücken darf, in den Zimmern, irgend so ein +süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der +erste Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch +das hat nichts zu sagen, man braucht nur ein paar Minuten +bei uns zu sein, so vergeht das, und man merkt +nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, +so zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht +bald ebenso, – nun, und da gewöhnt man sich eben +daran. Aber alle Zeisige krepieren bei uns. Der Seemann +hat schon den fünften gekauft, aber sie können +nun einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist +nichts zu machen. Unsere Küche ist groß, geräumig und +hell. Morgens ist es allerdings etwas dunstig in ihr, +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann +nach Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen +wird, und auch der Fußboden ist morgens meist naß, +aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der +Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen +auf Schnüren, und da mein Zimmer nicht weit ist, das +heißt, fast unmittelbar an die Küche stößt, so stört +mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das +hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger +gelebt, wird man sich auch daran gewöhnen. +</p> + +<p> +Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei +uns das Leben, da steht man auf, geht, lärmt, poltert, +– dann stehen nämlich <em>alle</em> auf, die einen, um in den +Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus +eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. +Die Ssamoware gehören fast alle der Wirtin, es sind +ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein jeder aufpassen, +wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt +und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, +dem wird sogleich, und zwar tüchtig, der Kopf zurecht +gerückt. Das geschah mit mir auch einmal, gleich am +ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei +der Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. +Näher bekannt wurde ich zunächst mit dem Seemann. +Der ist so ein Offenherziger, hat mir alles gleich erzählt: +von seinem Vater und seiner Mutter, von der Schwester, +die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und +von Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach +mir auch seinen Beistand, wenn ich seiner bedürfen +sollte, und lud mich gleich zu sich zum Abendtee ein. +Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. +Dort wurde ich mit Tee bewirtet und dann verlangte +man von mir, daß ich an ihrem Hazardspiel teilnehmen +sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig machen +oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten +sie selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten +sie. Überall Kreide, Karten, und ein Rauch war im +Zimmer, daß es einen förmlich in die Augen biß. Nun, +spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten sie mir, +ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter +niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein +Wort mehr mit mir. Doch darüber war ich, wenn ich +aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt gehe ich nicht +mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der +reine Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so +etwas wie ein Literat ist, kommt man abends gleichfalls +zusammen. Und bei dem geht es anders her, dort ist +alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich +tüchtiges Leben. +</p> + +<p> +Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, +daß unsere Wirtin eine sehr schlechte Person +ist, eine richtige Hexe. Sie haben doch Theresa gesehen, +– also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch +dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein +gerupftes Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur +zwei Dienstboten: diese Theresa und den Faldoni. Ich +weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat er auch +noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn +man ihn so ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. +Er ist rothaarig, irgendein Finne, ein schielender Grobian +mit einer aufgestülpten Nase: auf die Theresa +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so +würde er sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, +daß das Leben hier nicht ganz so ist, daß man es +gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum Beispiel +abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – +das kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo +noch gesessen und gespielt, manchmal wird aber +sogar so etwas getrieben, daß man sich schämt, es auch +nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und +an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar +verheiratete Leute in einem solchen Sodom leben +können. Da ist eine ganze arme Familie, die hier in einem +Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit den anderen +Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem +Eckzimmer, also etwas weiter ab. Stille Leutchen! +Niemand hört von ihnen was. Und sie leben alle in +dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine Scheidewand +haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – +vor etwa sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man +weiß nicht, weshalb. Sein Familienname ist Gorschkoff. +Er ist ein kleines, graues Männchen, geht in alten, +abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, +ihn anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, +kränkliches Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen +auf dem Korridor. Die Kniee zittern ihm immer, auch +die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer +Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. +Schüchtern ist er, alle fürchtet er, geht jedem scheu aus +dem Wege und drückt sich ganz still und leise längs der +Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja mitunter +etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +Vergleich! Seine Familie besteht aus seiner Frau und +drei Kindern. Der älteste Knabe ist ganz nach dem +Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen. Seine +Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man +jetzt noch ... sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern +– oh, so alten!! Wie ich hörte, schulden sie der +Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt sie sie +nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff +selbst irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben +soll, weshalb er verabschiedet worden sei, – war es nun +ein Prozeß oder etwas anderes, vielleicht eine Anklage, +oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden, das weiß +ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, +Gott im Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, +so still, als wohnte dort keine Seele. Nicht einmal die +Kinder hört man. Und daß sie mal unartig wären +oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht +vor, und ein schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal +kam ich abends an ihrer Tür vorüber – es war +gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich +ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder +Schluchzen, ganz als weine dort jemand, aber so still, +so hoffnungslos verzweifelt, so traurig, daß es mir das +Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die halbe +Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, +so daß ich lange nicht einschlafen konnte. +</p> + +<p> +Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! +Da habe ich Ihnen jetzt alles beschrieben, so, wie ich es +verstand. Heute habe ich den ganzen Tag nur an Sie +gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt. +Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +daß Sie kein warmes Mäntelchen haben. Und ich +kenne doch dieses Petersburger Frühlingswetter, diese +Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch +Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da +gibt es doch solche Wetterumschläge, daß Gott uns behüte +und bewahre! Nehmen Sie mir, Herzchen, mein +Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka, +ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen +hätte! Ich schreibe, was mir gerade einfällt, damit +Sie eine kleine Zerstreuung haben, also nur so, um +Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt hätte, +dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich +denn gelernt? Meine Erziehung hat wenig gekostet! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr ewiger und treuer Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-6" title="6. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +25. April. +</p> + +<p class="addr"> +Sehr geehrter Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! +Auch sie wird zugrunde gehen, die Ärmste! +Auch habe ich zufällig auf Umwegen erfahren, daß +Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und +natürlich alles ausforschen will. Sie wird wohl niemals +aufhören, mich zu verfolgen. Sie soll gesagt haben, +daß sie mir alles <em>verzeihen</em> wolle! Sie wolle +alles Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt +besuchen. Von Ihnen hat sie gesagt, Sie seien gar nicht +mein Verwandter, nur sie selbst sei meine nächste und +einzige Verwandte, und Sie hätten kein Recht, sich in +unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine +Schande für mich und ich müsse mich schämen, mich von +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Ihnen ernähren zu lassen und auf Ihre Kosten zu leben +... Sie sagt, ich hätte das Gnadenbrot, das sie +uns gegeben, vergessen – hätte vergessen, daß sie meine +Mutter und mich vor dem Hungertode bewahrt, daß sie +uns ernährt und gepflegt und fast zweieinhalb Jahre +lang nur Unkosten durch uns gehabt, und daß sie uns +außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht einmal +Mama will sie in ihrem Grabe in Ruhe lassen! +Wenn meine Mutter wüßte, was sie mir angetan haben! +Gott sieht es! ... +</p> + +<p> +Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur +aus Dummheit nicht verstanden habe, mein Glück festzuhalten, +daß sie selbst mir das Glück zugeführt und +sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht +verstanden – oder vielleicht auch nicht gewollt – für meine +Ehre einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, +großer Gott! Sie sagt, Herr Bükoff sei durchaus im +Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede heiraten, +die ... doch wozu das alles schreiben! +</p> + +<p> +Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu +müssen, Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p> +Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, +ich weine, ich schluchze. An diesem Brief schreibe +ich schon seit zwei Stunden. Und ich war schon in dem +Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld eingesehen +haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, – +und da redet sie so! +</p> + +<p> +Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein +Freund, um Gottes willen nicht, mein einziger guter +Freund! Fedora übertreibt ja doch immer: ich bin gar +nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem Wolkoff-Friedhof +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse +für mein totes Mütterchen hörte. Warum kamen +Sie nicht mit mir? – ich hatte Sie doch so darum gebeten. +Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus +dem Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, +was sie mit mir getan haben! ... +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-7" title="7. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +20. Mai. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen Warinka! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein +Herzchen, die sind gut für Genesende, sagt man, und +auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den Durst, – +also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn +Sie durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen +besitzen, Kind, da schicke ich Ihnen denn jetzt +welche. Haben Sie aber auch Appetit, Herzchen? – +Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun +alles vorüber und überstanden ist, und daß auch unser +Unglück bald ein Ende nehmen wird. Danken wir dafür +dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher betrifft, +so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll +hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, +das in sehr hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei +wirklich ein gutes Buch, ich habe es selbst nicht gelesen, +aber es wird hier sehr gelobt. Ich habe gebeten, man +möge es mir geben, und man wollte es mir auch verschaffen. +Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie +sind ja so wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer +hält, für Ihren Geschmack gerade das Richtige zu finden, +ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich weiß schon, +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die +von Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich +Ihnen auch Gedichte verschaffen, alles, alles, was Sie +nur haben wollen. Hier gibt es ein ganzes Heft mit +abgeschriebenen Gedichten. +</p> + +<p> +Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, +Kind. Was Ihnen die Fedora wieder erzählt hat, +ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht immer lügen, sagen +Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der +Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock +gar nicht verkauft, ist mir nicht eingefallen! Und weshalb +sollte ich ihn verkaufen, sagen Sie doch selbst? +Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon +sprach, daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln +zusprechen werde, weshalb sollte ich da verkaufen? +Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich nicht beunruhigen. +Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das +ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir +werden noch mal gut leben, mein Täubchen! Nur müssen +Sie erst gesund werden, mein Engelchen, das müssen +Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer, +damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. +Wer hat Ihnen gesagt, daß ich abgemagert sei? Das +ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund und +munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich +schon selbst zu schämen anfange. Bin satt und zufrieden +und mir fehlt nichts, – wenn nur Sie wieder gesund +wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen; +ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe +</p> + +<p class="sign"> +Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder +geschrieben! Daß Sie sich doch immer etwas ins +Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so oft zu Ihnen +kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa +im Schutze der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die +Nächte hernehmen, jetzt gibt es ja gar keine, in dieser +Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so, Engelchen, während +Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie +bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich +es selbst nicht mehr, wie ich meine Zeit einteilte und +mit allem doch noch fertig wurde. Aber dann stellte +ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig +und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon +Klatschgeschichten entstanden. Ich verlasse mich aber +ganz auf Theresa, sie ist zum Glück nicht schwatzhaft. +Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen, +Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns +schwatzen? Was werden sie denn von uns denken und +was sagen? Deshalb beißen Sie mal die Zähnchen zusammen, +Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund +geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo +außerhalb des Hauses treffen können. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-8" title="8. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +1. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Bester Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um +Ihnen meinen Dank für Ihre Mühen und die Opfer, +die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe ich +mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes +Heft hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Ich begann diese Aufzeichnungen noch in der +glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben mich so oft +mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und +mich gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, +von meinem Aufenthalt bei Anna Fedorowna +und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu erzählen, +und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses +Heft einmal zu lesen, in dem ich – Gott weiß wozu – +einiges aus meinem Leben erzählt habe, daß ich glaube, +Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude +zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich +es jetzt durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem +Augenblick, in dem ich die letzte Zeile dieser Aufzeichnungen +schrieb, noch einmal so alt geworden bin, als +ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen +Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, +Makar Alexejewitsch! Ich habe jetzt oft schreckliche Langeweile +und nachts quält mich meine Schlaflosigkeit. +Ein höchst langweiliges Genesen! +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<h4 class="section" id="subchap-3-8-1"> +I. +</h4> + +<p class="noindent"> +Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater +starb. Meine Kindheit war die glücklichste Zeit meines +Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier, sondern fern in +der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter +eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. +Und dort lebten wir – still, einsam und glücklich +... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat ich den +ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen, +überall wo ich nur wollte, denn +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +niemand kümmerte sich um mich. Mein Vater war immer +beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft +zu tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und +darüber war ich sehr froh. So lief ich schon frühmorgens +zum großen Teich oder in den Wald, oder auf die +Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte +es mir aus, daß die Sonne brannte, daß ich selbst nicht +mehr wußte, wo ich war und wie ich mich zurechtfinden +sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein Kleid +zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging +das mich an! +</p> + +<p> +Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, +wenn wir auch das ganze Leben dort auf dem +Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich schon +als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen +und mich von all den trauten Stellen trennen. Ich war +erst zwölf Jahre alt, als wir nach Petersburg übersiedelten. +Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie +weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen +mußte! Ich weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater +umarmte und ihn unter Tränen bat, er möge doch +wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, +und wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter +auch weinte. Sie sagte, es sei notwendig, es seien geschäftliche +Angelegenheiten, die es verlangten. Der +alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben +hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir +nach Petersburg, wo einige Privatleute lebten, denen +mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte +er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. +Das erfuhr ich alles von meiner Mutter. Hier mieteten +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +wir auf der Petersburger Seite<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> eine Wohnung, in +der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben. +</p> + +<p> +Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu +gewöhnen! Wir kamen im Herbst nach Petersburg. +Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig heller, +klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten +Arbeiten beendet. Auf den Tennen lag schon das +Getreide in hohen Haufen, um die ganze Scharen lebhaft +zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell +und fröhlich! +</p> + +<p> +Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war +statt dessen nichts als Regen, Herbstkälte, Unwetter, +Schmutz, und viele fremde Menschen, die alle unfreundlich, +unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns +ein, so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, +bis man den Haushalt endlich eingerichtet hatte! Mein +Vater war fast den ganzen Tag nicht zu Hause und +meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß +man ganz. Es war ein trauriges Aufstehen am nächsten +Morgen – nach der ersten Nacht in der neuen Wohnung. +Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf +der Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige +Menschen gingen vorüber, und alle waren so vermummt +in Kleider und Tücher, und alle schienen sie +zu frieren. +</p> + +<p> +Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur +Kummer und entsetzliche Langeweile. Verwandte oder +nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna Fedorowna +hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr +etwas.) Es kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +mit dem Vater Geschäftliches zu besprechen hatten. Gewöhnlich +wurde dann gestritten, gelärmt und geschrien. +Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa +immer so unzufrieden und böse. Stundenlang ging er +dann im Zimmer auf und ab, mit gerunzelter Stirn, +ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann +nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem +Buch still in einen Winkel zurück und wagte mich nicht +zu rühren. +</p> + +<p> +Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg +wurde ich in eine Pension gegeben. War das eine +traurige Zeit, anfangs, unter den vielen fremden Menschen! +Alles war so trocken, so kurz angebunden, so unfreundlich +und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen +schalten und die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert +– wie ein Wildling kam ich mir vor. Diese +pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur bestimmten +Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen +Tafel, die langweiligen Lehrer – das +machte mich anfangs haltlos! Ich konnte dort nicht +einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte +Nacht habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, +wenn die anderen alle ihre Lektionen lernten oder wiederholten, +saß ich über meinem Buch oder dem Vokabelheft +und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen +Gedanken war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater +und die Mutter und an meine alte gute Kinderfrau +und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh +mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause +erinnert man sich, und selbst an den noch denkt man +mit einem so eigentümlichen, wehmütigen Vergnügen. +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut, wie +schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in +unserem kleinen Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der +Ssamowar summt, und mit am Tisch säßen die Eltern: +wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie +würde ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, +ganz fest, o, so mit aller Inbrunst umarmen! – Und +so denkt man weiter, bis man vor Heimweh leise zu +weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt +– die Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. +Wieder kann man die Aufgabe für den nächsten Tag +nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im +Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; +die ganze Nacht träumt man, daß man die +Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß man natürlich +nichts. Da muß man wieder im Winkel knien +und erhält nur eine Speise. Ich war so unlustig, so +wortkarg. Die Mädchen lachten über mich, neckten mich +und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die +Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in +langer Reihe paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten +sich bei der Lehrerin über mich. Doch welche Seligkeit, +wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute +Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte +– ich wußte mich kaum zu lassen vor +Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie +mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie +mir die Tücher um den Kopf band. Unterwegs aber +konnte sie mir nie schnell genug folgen und ich – konnte +doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze +Zeit erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +ausgelassen vor Freude, lief ich ins Haus und warf +mich den Eltern um den Hals, als hätten wir uns seit +neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das Erzählen +und Fragen, und ich lachte und lief umher und +feierte mit allem und allem Wiedersehen. Papa begann +alsbald ernstere Gespräche: über die Lehrer, über Mathematik, +über die französische Sprache und die Grammatik +von L’Homond, – und alle waren wir so guter +Dinge und zufrieden und gesprächig. Auch jetzt noch ist +mir die bloße Erinnerung an jene Stunden ein Vergnügen. +</p> + +<p> +Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um +meinen Vater damit zu erfreuen. Ich sah doch, daß er +das Letzte für mich ausgab, während ihm selbst die +Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde +er finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter +veränderte sich sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang +ihm, alles schlug fehl und die Schulden wuchsen +ins Ungeheuerliche. +</p> + +<p> +Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur +ein Wort der Klage zu sagen, da der Vater sich dann +nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich und +schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam +ich aus der Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: +die Mutter wischte sich heimlich die Tränen aus den +Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann kamen +wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine +Freude, ich brächte ihm auch keinen Trost, und doch +gebe er für mich das Letzte hin, ich aber verstände noch +immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem Wort, +ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +alles hatten wir zu verantworten, ich und die arme +Mama. Wie war es aber nur möglich, die arme Mama +noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte +einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, +die Augen lagen tief in den Höhlen – wie eine +Schwindsüchtige sah sie aus. +</p> + +<p> +Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich +begann es mit irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit +und dann kam oft Gott weiß was alles zur +Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa +sprach. Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst +die französische Sprache, daß ich ein großer Dummkopf +und unsere Pensionsvorsteherin eine fahrlässige, dumme +Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere +sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer +keine Anstellung finden könne und daß die Grammatik +von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij sei bedeutend +besser; daß man für mich viel Geld verschwendet +habe, ohne Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, +hartherziges Mädchen sei, – kurz, ich Arme, die +ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln +und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem +schuld und mußte alle Vorwürfe hinnehmen. Aber er +tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns nicht liebte: +im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war +nun einmal sein Charakter ... +</p> + +<p> +Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen +und Mißerfolge, die seinen ursprünglich guten +Charakter so verändert hatten: er wurde mißtrauisch, +war oft ganz verbittert und der Verzweiflung +nahe, begann seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +sich und – starb dann auch nach kurzem Krankenlager, +so plötzlich, so unerwartet, daß wir es noch +tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt +von diesem Schlage. Mama war wie erstarrt, +ich fürchtete anfänglich für ihren Verstand. Kaum +aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger +in Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir +ihnen hin. Unser Häuschen auf der Petersburger +Seite, das Papa ein halbes Jahr nach unserer Ankunft +in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft +werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen +wurde, wir blieben jedenfalls ohne Obdach, ohne +Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war krank – es +war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte +– verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem +Verderben preisgegeben. Ich war erst vierzehn Jahre +alt. +</p> + +<p> +Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. +Sie gibt sich immer für eine Gutsbesitzerin aus und +versichert, sie sei mit uns nahe verwandt. Mama aber +sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese +Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch +lebte, war sie nie zu uns gekommen. Sie erschien mit +Tränen in den Augen und beteuerte, daß sie an unserem +Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete +uns lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa +an unserem ganzen Mißgeschick schuld sei: er habe gar +zu hoch hinaus gewollt und gar zu sehr auf seine eigene +Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige Verwandte“ +den Wunsch, uns näher zu treten, und machte +den Vorschlag, Gewesenes zu vergessen. Als Mama +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +darauf erwiderte, daß sie nie irgendwelchen Groll gegen +sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter Rührung, +führte Mama in die Kirche und bestellte eine +Seelenmesse für den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen +plötzlich nannte. Darauf versöhnte sie sich +in aller Feierlichkeit mit Mama. +</p> + +<p> +Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen +und nachdem sie uns in grellen Farben unsere +ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer +Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte +sie uns auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie +sich ausdrückte. Mama dankte für ihre Freundlichkeit, +konnte sich aber lange nicht entschließen, der Aufforderung +Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig +blieb, so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna +mitzuteilen, daß sie ihr Anerbieten dankbar +annehmen wolle. +</p> + +<p> +Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, +an dem wir von der Petersburger Seite nach +dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff, übersiedelten! +Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. +Mama weinte. Und ich war so traurig: es +war mir, als schnüre mir eine unerklärliche Angst die +Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ... +</p> + +<p class="dashes"> +– – – +</p> + +<h4 class="section" id="subchap-3-8-2"> +II. +</h4> + +<p class="noindent"> +Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt +hatten, empfanden wir beide, Mama und ich, eine gewisse +Bangigkeit in der Wohnung Anna Fedorownas, +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas +nicht ganz geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte +in ihrem eigenen Hause an der Sechsten Linie<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>. Im +ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. +In dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit +meiner Kusine Ssascha, die als armes Waisenkind von +ihr angenommen war und erzogen wurde. Im vierten +Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben +dem unsrigen lag, wohnte ein armer Student, +Pokrowskij, der einzige Mieter im Hause. +</p> + +<p> +Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als +man es für möglich gehalten hätte, doch ihre Geldquelle +war ebenso rätselhaft wie ihre Beschäftigung. +Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und +lief besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie +mehrmals aus. Doch wohin sie ging, mit was sie sich +draußen beschäftigte und was sie zu tun hatte, das vermochte +ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen +und sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen +welche zu ihr gefahren und immer in Geschäften und +nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich jedesmal +in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber +ärgerte sich Anna Fedorowna sehr und machte meiner +Mutter beständig den Vorwurf, daß wir gar zu stolz +seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen +Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, +aber so! ... und stundenlang fuhr sie dann in diesem +Tone fort. Damals begriff ich diese Vorwürfe nicht, +und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger, +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen +konnte, Anna Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen. +</p> + +<p> +Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. +Ewig quälte sie uns. Aber eins ist mir auch +jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns überhaupt zu +sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, +dann aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, +als sie sah, daß wir vollständig hilflos und nur +auf ihre Gnade angewiesen waren. Später wurde sie +zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie +sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher +hatte ich ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig +machte sie uns Vorwürfe und sprach zu uns von nichts +anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies. +Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen +Verwandten vor, als mittellose, schutzlose Witwe +und Waise, die sie nur aus Mitleid und christlicher +Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre. +Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir +zu nehmen wagten, mit den Augen, wenn wir aber +nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch +wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns +wohl nicht gut genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was +sie habe und begnüge sich selbst damit – vielleicht +könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das +könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa +mußte sie jeden Augenblick etwas Schlechtes sagen, +anders ging es nicht. Sie behauptete, er habe immer +nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man +nun davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +wo sie blieben, und wenn sich nicht unter ihren Verwandten +eine christlich liebevolle Seele – das war sie +selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf +der Straße Hungers sterben können. Und was sie da +nicht noch alles vorbrachte! Es war nicht einmal so +bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören. +</p> + +<p> +Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand +verschlimmerte sich mit jedem Tage, sie +welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir vom +Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, +was Anna Fedorowna sehr mißfiel. Sie sagte, ihr +Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten uns doch +Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, +um auf alle Fälle wenigstens etwas eigenes +Geld zu haben. Und so arbeiteten und sparten wir +denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein +Zimmerchen mieten zu können. Doch die anstrengende +Arbeit verschlimmerte den Zustand der Mutter sehr: +mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die Krankheit +untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem +Grabe näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte +doch nicht helfen! +</p> + +<p> +Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem +vorhergegangenen. Wir lebten still für uns, als wären +wir gar nicht in der Stadt. Anna Fedorowna +beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie +ihre unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr +für sie zu fürchten brauchte. Übrigens hatten wir +ihr noch nie in irgend etwas widersprochen. Unser +Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte, +durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +nur noch das Zimmer Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. +Er unterrichtete Ssascha, lehrte sie Französisch und +Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle +Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, +und dafür brauchte er für Kost und Logis nichts zu +zahlen. +</p> + +<p> +Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich +unartig und lebhaft. Sie war damals erst dreizehn +Jahre alt. Schließlich sagte Anna Fedorowna +zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich +mit ihr zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension +den Kursus sowieso nicht beendet hatte. Mama +war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und so +wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von +Pokrowskij unterrichtet. +</p> + +<p> +Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. +Seine Gesundheit erlaubte es ihm nicht, regelmäßig +die Universität zu besuchen, und so war er eigentlich +gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit +noch genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in +seinem Zimmer, daß wir im Nebenzimmer nichts von +ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus, bewegte +und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, +daß ich ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, +ohne über ihn lachen zu müssen. Ssascha machte immer +ihre unartigen Streiche, und das besonders während +des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß +auch noch heftig, ärgerte sich beständig, jede Kleinigkeit +brachte ihn aus der Haut: er schalt uns, schrie uns +an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, +noch bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +wieder in seinem Zimmer ein. Dort aber, in seinem +Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er hatte +viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. +Er gab noch an ein paar anderen Stellen Stunden +und erhielt dafür Geld, doch kaum hatte er welches erhalten, +so ging er sogleich hin und kaufte sich wieder +Bücher. +</p> + +<p> +Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war +der beste und ehrenwerteste Mensch, der beste von +allen, die mir bis dahin im Leben begegnet waren. +Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er +auch mein treuer Freund und stand mir am nächsten +von allen, – natürlich nach Mama. +</p> + +<p> +In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich +doch schon ein großes Mädchen war – an allen Streichen, +die Ssascha gegen ihn ausheckte, und bisweilen +überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder necken +und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es +war furchtbar spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir +wollten unser Vergnügen haben. (Noch jetzt schäme ich +mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten +wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, +und da hörte ich deutlich, wie er zwischen den +Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts grausamer als +Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte +sich in mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. +Ich errötete bis über die Ohren und bat ihn fast +unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch unsere +dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er +klappte das Buch zu und ging in sein Zimmer, ohne +den Unterricht fortzusetzen. +</p> + +<p> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, +daß wir Kinder ihn durch unsere boshaften +Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir +unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen +abgesehen! So verlangte es uns, uns an seiner sicher +krankhaften Gereiztheit auch noch zu weiden! So war +es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von +Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, +armen Menschen, gezwungen, unter seinem +grausamen Los noch mehr zu leiden! +</p> + +<p> +Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie +mich die Reue quälte! Man sagt, Reue erleichtere das +Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie es kam, +daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich +wollte nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war +damals bereits fünfzehn Jahre alt. +</p> + +<p> +Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, +wie ich Pokrowskij veranlassen könnte, seine Meinung +über mich zu ändern. Doch an der Ausführung dieser +meiner tausend Pläne hinderte mich meine Schüchternheit: +ich konnte mich zu nichts entschließen, und so +blieb es denn bei den Plänen und Träumereien (und +was man nicht alles so zusammenträumt, mein Gott!). +Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr an Ssaschas +unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. +Das hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr +über uns ärgerte. Doch das war zu wenig für meinen +Ehrgeiz. +</p> + +<p> +Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten +Menschen, den ich jemals im Leben +kennen gelernt habe. Ich will es deshalb an dieser +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin +so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage +an aufs lebhafteste in meinen Gedanken zu beschäftigen +begann. +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein +schlecht und unsauber gekleideter, kleiner, grauer +Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar plump +und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. +Auf den ersten Blick konnte man glauben, daß +er sich gewissermaßen seiner selbst schäme, daß er für +seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte. Wenigstens +duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte +wenigstens immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam +in nichts zu verwandeln, und diese ängstlichen, +verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden +erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei +vollem Verstande sei. Wenn er zu uns kam, blieb er +gewöhnlich im Flur hinter der Glastür stehen und +wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von +uns – ich oder Ssascha – oder jemand von den +Dienstboten, die ihm freundlicher gesinnt waren – durch +den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der +Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu +rufen und verschiedene Zeichen zu machen: nickte man +ihm dann zu – damit erteilte man ihm die Erlaubnis, +und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute +im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte +er endlich, leise die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, +worauf er sich froh die Hände rieb und sogleich +auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs schlich. +Dieser Alte war sein Vater. +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. +Er war einmal irgendwo Beamter gewesen, +hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz untergeordnete +Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die +Mutter des Studenten Pokrowskij) gestorben war, +hatte er zum zweitenmal geheiratet, und zwar eine +halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im +Hause kein Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte +das erste Wort geführt und war mit jedem womöglich +handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student +Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger +Knabe – hatte unter ihrem Haß viel zu leiden gehabt, +doch zum Glück war es anders gekommen. Der Gutsbesitzer +Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij, +früher gekannt und ihm einmal so etwas wie +eine Wohltat erwiesen hatte, nahm sich des Jungen an +und steckte ihn in irgendeine Schule. Er interessierte +sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine +verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als +Mädchen von Anna Fedorowna „Wohltaten“ erfahren +und von ihr an den Beamten Pokrowskij verheiratet +worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter +Bekannter und Freund Anna Fedorownas, der +Braut aus Großmut eine Mitgift von fünftausend +Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war +– ist unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. +Der Student Pokrowskij selbst sprach nie von +seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht, wenn +man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine +Mutter sei sehr schön gewesen, deshalb wundert es +mich, daß sie so unvorteilhaft und noch dazu einen so +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist +schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der +Heirat. +</p> + +<p> +Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein +Gymnasium und von dort auf die Universität. Herr +Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen pflegte, +ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte +ihn. Leider konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen +Gesundheit sein Studium nicht fortsetzen, und da +machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna bekannt, +stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn +Pokrowskij zu ihr, um für Kost und Logis Ssascha in +„allen Wissenschaften“ zu unterrichten. +</p> + +<p> +Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer +über die rohe Behandlung, die ihm seine zweite Frau +zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller Laster: er begann +zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine +Frau prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und +brachte es mit der Zeit so weit, daß er sich alles widerspruchslos +gefallen ließ und sich auch an die Schläge +gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge +seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits +erwähnte, tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande. +</p> + +<p> +Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem +Menschen seine grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. +Man sagte mir, der junge Pokrowskij sei seiner Mutter +so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. +War es dann vielleicht die Erinnerung an die erste, +gute Frau, die im Herzen dieses heruntergekommenen +Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem Sohne erweckt +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts +anderem, als von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte +er ihn zweimal. Öfter zu kommen, wagte +er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen +Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters +war gewiß sein größter Fehler. Übrigens konnte +der Alte mitunter auch mehr als unerträglich sein. Erstens +war er furchtbar neugierig, zweitens störte er den +Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, +sinnlosen Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien +er nicht immer ganz nüchtern. Der Sohn gewöhnte +dem Alten mit der Zeit seine schlechten Angewohnheiten, +seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und +zu guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott +und wagte ohne seine Erlaubnis nicht einmal mehr, +den Mund aufzutun. +</p> + +<p> +Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> +– so nannte er den Sohn – nicht genug wundern +und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer bedrückt, +besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich +deshalb, weil er noch nicht wußte, wie der Sohn ihn +empfangen werde. Gewöhnlich konnte er sich lange +nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann +erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich +oft eine ganze halbe Stunde lang auszufragen, wie es +dem Petinka gehe, was er mache, ob er gesund sei und +in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas +Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere +wieder ein philosophisches Werk? Und wenn ich +ihn dann genügend beruhigt und ermutigt hatte, entschloß +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +er sich endlich, ganz, ganz leise und vorsichtig +die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: +sah er, daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht +sogar zum Gruß zunickte, dann trat er ganz behutsam +ein, nahm den Mantel und den Hut ab – +letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn +nicht gar mit abgerissener Krempe – und hängte beides +an einen Haken. Alles tat er so vorsichtig und lautlos +wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig auf +einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von +seinem Sohn, verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden +Blick, um nur ja die Stimmung seines Petinka zu +erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter +Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem +Platz und sagte, daß er eben „nur so, Petinka, nur auf +ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei. „Ich bin, sieh +mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier vorüber, +und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um +mich etwas auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“ +Und dann nahm er still und ergeben seinen alten dünnen +Mantel und den alten, abgetragenen Hut, klinkte +vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er +sich noch zu einem Lächeln zwang, um das aufwallende +Leid im Herzen zu unterdrücken und den Sohn nichts +merken zu lassen. +</p> + +<p> +Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann +wußte er sich vor Freude kaum zu lassen. Sein +Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles +sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn +mit ihm gar zu sprechen begann, erhob sich der Alte +stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise und gleichsam +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt, +sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die +in diesem Fall natürlich nur komisch wirkten. Hinzu +kam, daß er entschieden nicht zu sprechen verstand: nach +jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz, wurde +verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst +lassen sollte – und nachher flüsterte er dann noch +mehrmals die Antwort vor sich hin, wie um das Gesagte +zu verbessern. War es ihm aber gelungen, gut +zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, +rückte an der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, +und seine Miene nahm sogar den Ausdruck +eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber +fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn +wurde: er stand vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, +nahm irgendein Buch und begann zu lesen, gleichviel +was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit +einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit +vortäuschen sollte, als habe er von jeher das Recht, mit +den Büchern des Sohnes nach Belieben umzugehen, +und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts Ungewohntes. +Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, +als der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: +er verlor vollständig den Kopf, beeilte sich, +sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch +zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte +es aber, schob es mit dem Kopf nach unten hinein, +zog es dann schnell wieder hervor, drehte es um und +dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein, +diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt +nach außen, lächelte dabei hilflos, wurde rot und wußte +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +entschieden nicht, wie er sein Verbrechen sühnen sollte. +</p> + +<p> +Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater +durch Vorhaltungen und gutes Zureden von seinen +schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der +Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen +war, gab er ihm das nächste Mal fünfundzwanzig +oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr. Bisweilen +kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine +Krawatte, und wenn der Alte dann in seinem neuen +Kleidungsstück erschien, war er stolz wie ein Hahn. +Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und +mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich +nur von seinem Petinka. Er bat uns, während des +Unterrichts aufmerksam und fleißig zu sein, und unserem +Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter +Sohn, sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, +und obendrein, „ein so gelehrter Sohn“. Wenn er +das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit dem linken +Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam +an, daß wir uns gewöhnlich nicht bezwingen konnten +und herzlich über ihn lachten. Mama hatte den Alten +sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, +obschon er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als +Wasser“ war. +</p> + +<p> +Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. +Pokrowskij hielt mich nach wie vor nur für +ein Kind, für ein unartiges kleines Mädchen, wie Ssascha. +Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch +nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder +gut zu machen. Aber vergeblich: ich wurde überhaupt +nicht beachtet. Das reizte und kränkte mich noch mehr. +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des +Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich +wurde rot und nachher weinte ich irgendwo in einem +Winkel – vor Ärger über mich selbst. +</p> + +<p> +Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben +würde, wenn uns nicht ein Zufall einander näher gebracht +hätte. Das geschah folgendermaßen: +</p> + +<p> +Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna +saß, schlich ich mich heimlich in Pokrowskijs Zimmer. +Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag ich +wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken +kam, in das Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. +Ich tat es zum erstenmal, obschon wir über ein +Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte +so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit +einer eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war +ganz einfach, sogar ärmlich eingerichtet, von Ordnung +war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf den +Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall +nichts als Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke +überkam mich plötzlich: es schien mir, daß +meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn +bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, +ich wußte nichts, las nichts, besaß kein einziges Buch +... Mit einem gewissen Neid blickte ich nach den langen +Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter +der schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und +Sehnsucht und Wut! – Ich wollte gleichfalls Bücher +lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos, und das so +schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte +ich, daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +seine Freundschaft erwerben könnte, als so, da ich +nichts wußte. Ich ging entschlossen zum ersten Bücherregal +und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken, +den ersten besten Band heraus – zufällig +ein ganz altes, bestaubtes Buch – und brachte es, zitternd +vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um +es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein +des Nachtlämpchens zu lesen. +</p> + +<p> +Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem +Zimmer glücklich angelangt, das geraubte Buch +aufschlug und sah, daß es ein uraltes, vergilbtes und +von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. +Ich besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein +Zimmer zurück. Doch gerade wie ich im Begriff war, +das Buch wieder auf seinen alten Platz zurückzulegen, +hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und +schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte +mich beeilen, doch das abscheuliche Buch war so eng +in der Reihe eingepreßt gewesen, daß die anderen Bücher, +als ich dieses herausgenommen, unter dem verringerten +Druck sogleich wieder dicker geworden waren, +weshalb der frühere Schicksalsgenosse nicht mehr +hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft, um das Buch hineinzuzwängen. +Die Schritte kamen näher: ich stieß +mit aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete +Nagel, der das eine Ende des Bücherregals +hielt und wohl nur auf diesen Augenblick gewartet +hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend +mit dem einen Ende zu Boden und die Bücher +fielen mit Geräusch herab. Da ging die Tür auf und +Pokrowskij trat ins Zimmer. +</p> + +<p> +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen +konnte, wenn jemand in seinem Zimmer sich zu tun +machte. Wehe dem, der gar seine Bücher anzurühren +wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle +die großen und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, +eingebundenen und uneingebundenen herabstürzten, +übereinander kollerten und unter dem Tisch und unter +Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen +lagen. Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. +„Jetzt ist es aus,“ dachte ich, „für immer aus! Ich +bin verloren! Ich bin unartig, wie eine Zehnjährige, +wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch +und albern!“ +</p> + +<p> +Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich. +</p> + +<p> +„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen +Sie sich denn nicht! Werden Sie denn niemals +Vernunft annehmen und die Kindertollheiten lassen?“ +Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben. +</p> + +<p> +Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch +er verbot es mir barsch: +</p> + +<p> +„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie +täten besser, sich nicht da einzufinden, wohin man Sie +nicht gerufen!“ +</p> + +<p> +Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein +Schuldbewußtsein verriet, mochten ihn etwas besänftigen, +wenigstens fuhr er in milderem, ermahnendem +Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu +mir gesprochen: +</p> + +<p> +„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten +aufgeben, wann endlich etwas vernünftiger werden? +So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind doch kein +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch +schon fünfzehn Jahre alt!“ +</p> + +<p> +Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen, +ob ich auch wirklich nicht mehr ein kleines Mädchen +sei – sah er mich an und plötzlich errötete er bis über +die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete: ich +stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert +an. Er wußte nicht, was tun, trat verlegen ein +paar Schritte auf mich zu, geriet in noch größere Verwirrung, +murmelte irgend etwas, als wolle er sich entschuldigen +– vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt +bemerkt hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! +Endlich begriff ich. Ich weiß nicht, was dann in mir +vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu Boden, errötete +noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht +mit den Händen und lief aus dem Zimmer. +</p> + +<p> +Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich +mich vor Scham verstecken sollte. Schon das allein, daß +er mich in seinem Zimmer vorgefunden hatte! Ganze +drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich errötete bis +zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken +jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten +war wohl der, daß ich zu ihm gehen, ihm alles +erklären, alles gestehen und offen alles erzählen wollte, +um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes +Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. +Ich hatte mich sogar schon fest dazu entschlossen, doch +zum Glück sank mein Mut und ich wagte es nicht, meinen +Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was +ich damit angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich +auch jetzt noch, überhaupt nur daran zu denken. +</p> + +<p> +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich +und sogar sehr gefährlich. In der dritten Nacht +stieg das Fieber und sie phantasierte heftig. Ich hatte +schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an +ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten +Stunden die vom Doktor verschriebene Arznei. In der +folgenden Nacht versagte meine Widerstandskraft, ich +war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen mir +die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf +drehte sich alles und jeden Augenblick wollte mich die +Bewußtlosigkeit überwältigen, doch dann weckte mich +wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf +und erwachte für einen Augenblick, um von neuem, +übermannt von der Mattigkeit, einzuschlummern. Ich +quälte mich. Ich kann mich des Traumes, den ich damals +hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war +aber irgendein schrecklicher Spuk, der mich während +meines Kampfes gegen die mich immer wieder überwältigende +Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte. +Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, +das Nachtlicht im Erlöschen: bald schlug die +Flamme flackernd auf und heller Lichtschein erfüllte +das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen +und an den Wänden zitterten Schatten, um für +Augenblicke fast vollständiger Dunkelheit zu weichen. +Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames Entsetzen +erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie +standen noch unter dem Eindruck des grauenvollen +Traumes und die Angst schnürte mir das Herz zusammen +... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und +schrie leise auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +Angstgefühls. In demselben Augenblick ging +die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins Zimmer. +</p> + +<p> +Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus +der Bewußtlosigkeit erwachte. Behutsam setzte er mich +auf einen Stuhl, gab mir zu trinken und fragte mich +besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich erinnere +mich nicht, was ich ihm antwortete. +</p> + +<p> +„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte +er, indem er meine Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie +setzen Ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, wenn Sie +sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie +sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden +wecken, beruhigen Sie sich nur ... Legen Sie sich +hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er mir zu, ohne +mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die +Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die +Augen fielen mir vor Schwäche zu. Ich legte mich hin, +um, wie ich mir fest vornahm, nur eine halbe Stunde +zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij +weckte mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei +einzugeben. +</p> + +<p> +Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen +Erholung wieder zur Nachtwache anschickte, entschlossen, +diesmal nicht wieder einzuschlafen, wurde etwa +gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete – +es war Pokrowskij. +</p> + +<p> +„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu +sitzen,“ sagte er, „hier, nehmen Sie dieses Buch, es +wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“ +</p> + +<p> +Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für +eines es war –, doch obschon ich die ganze Nacht nicht +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +schlief, sah ich kaum einmal hinein. Es war eine +eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe +ließ: ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal +längere Zeit ruhig im Lehnstuhl sitzen, – mehrmals +stand ich auf, um eine Weile im Zimmer umherzugehen. +Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein +ganzes Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit +Pokrowskijs. Ich war stolz auf seine Sorge, +auf seine Bemühungen um mich. Die ganze +Nacht dachte ich nur daran und träumte mit offenen +Augen. Er kam nicht wieder und ich wußte, daß er in +dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber ich +malte mir dafür die nächste Begegnung aus. +</p> + +<p> +Am folgenden Abend, als die anderen alle schon +zu Bett gegangen waren, öffnete Pokrowskij seine Tür +und begann mit mir eine Unterhaltung, indem er auf +der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne +mich keines Wortes mehr von dem, was wir damals +sprachen; ich weiß nur noch, daß ich schüchtern +und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über +mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der +Unterhaltung erwartete, obschon ich mit allen Fibern +an ihr hing und den ganzen Tag an nichts anderes +gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten +zurecht gelegt hatte ... +</p> + +<p> +Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. +Während der ganzen Dauer von Mamas Krankheit +verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen. +Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, +wenn ich auch nach jedem Gespräch immer noch Ursache +hatte, über mich selbst ungehalten zu sein. Übrigens +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer +Genugtuung, als ich sah, daß er um meinetwillen seine +unausstehlichen Bücher vergaß. Einmal kamen wir zufällig +darauf zu sprechen, wie sie damals vom Bücherbrett +gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war +ein seltsamer Augenblick: ich glaube, ich war <em>gar</em> zu +aufrichtig und naiv. Eine seltsame Begeisterung riß +mich mit sich fort und ich gestand ihm alles ... gestand +ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es +mich geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen +gehalten ... Wie gesagt, ich befand mich in einer sehr +sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich und in +meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte +ihm nichts, ich sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von +meiner Freundschaft zu ihm, von meinem Wunsch, ihn +zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu trösten, +zu beruhigen ... +</p> + +<p> +Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt +und erstaunt zugleich zu sein und sagte kein Wort. Das +tat mir plötzlich sehr weh und machte mich traurig. Ich +glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken +vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich +brach ich in Tränen aus und weinte wie ein Kind: es +war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie ein +Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, +küßte sie, drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete +mich. Es mußte ihm sehr nahe gegangen sein, denn er +war tief gerührt. Ich erinnere mich nicht mehr, was er +zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und +weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst +kein Wort hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +daß in Pokrowskij eine gewisse Verwirrung und Gezwungenheit +zurückblieb. Offenbar konnte er sich über +meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende +Freundschaft nicht genug wundern. Vielleicht +war zu Anfang nur sein Interesse geweckt, doch späterhin +verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte +meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine +Aufmerksamkeit mit ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, +wie ich sie ihm entgegenbrachte, und war so aufmerksam +und freundlich zu mir, wie ein aufrichtiger +Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen +war es so warm, so gut ... Ich verheimlichte +nichts und verstellte mich nicht: was ich fühlte, das +sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde +seine Freundschaft zu mir größer. +</p> + +<p> +Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir +in jenen qualvollen und doch süßen Stunden unseres +nächtlichen Beisammenseins beim zitternden Licht des +Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am +Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir +sprachen von allem, was uns einfiel, wovon das Herz +voll war – und wir waren fast glücklich ... Ach, +es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. +Auch jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn +ich an sie zurückdenke. Erinnerungen sind immer quälend, +gleichviel ob es traurige oder frohe sind. Wenigstens +ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual +zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem +schwer wird ums Herz und weh, und wenn man sich +quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen erfrischend +und belebend wie nach einem heißen Tage kühler +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +Tau, der am feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut +des Tages welk gewordene Blume erfrischt +und wieder belebt. +</p> + +<p> +Mama war bereits auf dem Wege der Besserung +– trotzdem fuhr ich fort, die Nächte an ihrem Bett +zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher: anfangs +las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer +und zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als +täte sich eine ganze Welt neuer, mir bis dahin unbekannter, +ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken, neue +Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und +je mehr Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich +die Aufnahme dieser neuen Eindrücke kostete, um so +lieber waren sie mir, um so freudvoller erschütterten +sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz +plötzlich drängten sie sich in mein Herz und ließen es +keine Ruhe mehr finden. Es war ein eigentümliches +Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann. +Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch +nicht vernichten. Ich war gar zu verschwärmt und +träumerisch, und das rettete mich. +</p> + +<p> +Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden +hatte, hörten unsere abendlichen Zusammenkünfte +und langen Gespräche auf. Nur hin und wieder fanden +wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz +gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete +ich mich damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort +eine besondere Bedeutung verlieh und ihm einen geheimen +Sinn unterschob. Mein Leben war voll Inhalt, +ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so +vergingen mehrere Wochen ... +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij +zu uns ins Zimmer. Er schwatzte wieder alles mögliche, +war bei auffallend guter Laune, scherzte und war +sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich +mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des +Rätsels seiner guten Laune war, herauskam, und uns +mitteilte, daß genau eine Woche später Petinkas Geburtstag +sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu +seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue +Weste anlegen, und seine Frau, sagte er, habe versprochen, +ihm neue Stiefel zu kaufen. Kurz, der Alte war +mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich. +</p> + +<p> +Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ +mir Tag und Nacht keine Ruhe. Ich beschloß sogleich, +ihm zum Beweis meiner Freundschaft unbedingt etwas +zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter +Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, +daß er gern die neueste Gesamtausgabe der Werke +Puschkins besessen hätte und so beschloß ich, ihm dieselbe +zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig +Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. +Dieses Geld war eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, +das ich mir anschaffen sollte. Doch ich schickte +sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum +nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel +die neueste Ausgabe der Werke Puschkins koste. O, +das Unglück! Der Preis aller elf Bände war, wenn +man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig +Rubel. Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte +und wußte nicht, was tun. Mama um Geld +bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, +daß wir ihm ein Geschenk machten. Und außerdem +wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen, sondern +gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, +die er das ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber +wollte ihm die Bücher ganz allein, ganz heimlich schenken. +Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit +mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet +sein, ohne ein anderes Entgelt dafür, als meine +Freundschaft. Endlich verfiel ich auf einen Ausweg. +</p> + +<p> +Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj +Dworr<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> die neuesten Bücher für den halben Preis +erstehen konnte, wenn man nur zu handeln verstand. +Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast +ganz neue Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, +bei nächster Gelegenheit nach dem Gostinnyj Dworr zu +gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am folgenden +Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus +einer Handlung besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna +gleichfalls, doch Mama fühlte sich nicht ganz +wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade +keine Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit +Matrjona alles besorgen mußte. +</p> + +<p> +Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und +zwar in einem hübschen und gut erhaltenen Einbande. +Ich fragte nach dem Preise. Zuerst verlangte der +Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung +kostete, doch nach und nach brachte ich ihn so weit – +was übrigens gar nicht so leicht war – daß er, nachdem +ich mehrmals fortgegangen und so getan hatte, als +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach +vom Preise abließ und seine Forderung schließlich auf +fünfunddreißig Rubel festsetzte. Welch ein Vergnügen +es mir war, zu handeln! Die arme Matrjona konnte gar +nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu +in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch +wer beschreibt schließlich meinen Ärger: ich besaß im +ganzen nur meine dreißig Rubel, und der Kaufmann +wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger +abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so +lange, bis er sich zu guter Letzt doch erweichen ließ: er +ließ noch etwas ab, aber nur zweieinhalb Rubel, mehr, +sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht ablassen, und +er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur +für mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und +daß er einem anderen Käufer nie und nimmer so viel +abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel fehlten mir! Ich +war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen. +Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes. +</p> + +<p> +Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten +Pokrowskij, der an einem der anderen Büchertische +stand. Vier oder fünf der Antiquare umringten ihn +und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen +bereits ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot +ihm einige seiner Bücher an, die verschiedensten, die +man sich nur denken kann: mein Gott, was er nicht +alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- +und ratlos und wußte nicht, für welches der vielen +Bücher, die ihm von allen Seiten empfohlen wurden, +er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat auf +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte +war sehr froh über mein Erscheinen; er liebte mich +sehr, vielleicht gar nicht so viel weniger als seinen +Petinka. +</p> + +<p> +„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, +Warwara Alexejewna,“ antwortete er, „für Petinka +kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein Geburtstag +ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da +kaufe ich sie denn eben für ihn ...“ +</p> + +<p> +Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, +diesmal aber war er noch dazu völlig verwirrt. Was +er auch kaufen wollte, immer kostete es über einen Rubel, +zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände +wagte er sich schon gar nicht heran, blickte nur so von +der Seite mit verlangendem Lächeln nach ihnen hin, +blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und ehrfurchtsvoll +langsam – besah wohl auch das eine oder +andere Buch von allen Seiten, drehte es in der Hand +und stellte es wieder an seinen Platz zurück. +</p> + +<p> +„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut, +„aber von hier vielleicht etwas ...“ Und er begann, +unter den dünnen Broschüren und Heftchen, unter +Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: +die waren natürlich billig. +</p> + +<p> +„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“ +fragte ich ihn, „diese Heftchen sind doch nichts wert!“ +</p> + +<p> +„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was +für hübsche Büchelchen hier unter diesen sind, sehen +Sie, wie hübsch!“ – Die letzten Worte sprach er so +wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone, +daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +anfangen – vor lauter Kummer darüber, daß die +hübschen Bücher so teuer waren – und daß sogleich +ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten +Nase vorüberrollen werde. +</p> + +<p> +Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe. +</p> + +<p> +„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes +Vermögen hervor, das in ein schmutziges Stückchen +Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen Sie, +ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier +Kupfer, auch so zwanzig Kopeken ...“ +</p> + +<p> +Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar. +</p> + +<p> +„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen +zweiunddreißig Rubel und fünfzig Kopeken +kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt zweieinhalb +hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken +sie ihm gemeinsam!“ +</p> + +<p> +Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte +mit zitternden Händen all sein Geld aus der Tasche, +worauf ihm dann der Antiquar unsere ganze neuerstandene +Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte +die Bücher in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme +und Hände, und trug sie dann alle zu sich nach Haus, +nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am nächsten +Tage ganz heimlich zu uns bringen werde. +</p> + +<p> +Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, +saß wie gewöhnlich ein Stündchen bei ihm, kam dann +zu uns und setzte sich mit einer unsagbar komischen und +geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände +reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis +besaß, teilte er mir heimlich mit, daß er die Bücher +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und in der +Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas +Schutz bis zum Geburtstage unbemerkt verbleiben +konnten. +</p> + +<p> +Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende +große „Fest“. Der Alte begann sehr weitschweifig +darüber zu reden, wie die Überreichung des +Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in +dieses Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er +darüber sprach, um so deutlicher merkte ich, daß er etwas +auf dem Herzen hatte, was er nicht sagen wollte +oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht +recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. +Seine geheime Freude und seine groteske Vergnügtheit, +die sich anfangs in seinen Gebärden, in seinem +ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem +gewissen Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, +waren allmählich verschwunden. Er war sichtlich +von innerer Unruhe geplagt und schaute immer bekümmerter +drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und +begann zaghaft: +</p> + +<p> +„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara +Alexejewna ... wissen Sie was, Warwara +Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen +Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen +Sie zehn Bücher und schenken ihm diese selbst, +das heißt also von sich aus, von Ihrer Seite sozusagen +... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und +ihn ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen +ausdrücklich von meiner Seite. Sehen Sie, +dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich habe +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen +beide etwas zu schenken haben ...“ +</p> + +<p> +Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, +wie er fortfahren sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: +er saß ganz still und erwartete schüchtern, was ich wohl +dazu sagen werde. +</p> + +<p> +„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam +mit mir schenken, Sachar Petrowitsch?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, +wie gesagt ... – ich meine ja nur eben sozusagen ...“ +</p> + +<p> +Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, +blieb wieder stecken und kam nicht weiter. +</p> + +<p> +„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen +von neuem an, „ich habe nämlich, müssen Sie wissen, +den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so bin, wie +man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, +Warwara Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme +Streiche mache ... das ist nun schon einmal so mit +mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ... Das +kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist +draußen mitunter so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, +oder man ist eben einmal wehmütig +gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht +Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und +schlage eben über die Schnur und trinke ein überflüssiges +Gläschen. Dem Petruscha aber ist das sehr unangenehm. +Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber +und schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also +deshalb, sehen Sie, würde ich ihm jetzt gern mit meinem +Geschenk beweisen, daß ich anfange, mich gut aufzuführen, +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +seine Lehren zu beherzigen und überhaupt +mich zu bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, +gespart habe, um das Buch zu kaufen, lange gespart, +denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen Sie, es +sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches +gibt. Das weiß er. Also wird er dann sehen, wozu +ich sein Geld benutzt habe: daß ich alles nur für ihn +tue.“ +</p> + +<p> +Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange +nach. Der Alte sah mich in erwartungsvoller Unruhe +an. +</p> + +<p> +„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken +Sie sie ihm alle.“ +</p> + +<p> +„Wie alle? Alle Bände?“ +</p> + +<p> +„Nun ja, alle Bände.“ +</p> + +<p> +„Und das von mir, von meiner Seite?“ +</p> + +<p> +„Ja, von Ihrer Seite.“ +</p> + +<p> +„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem +Namen?“ +</p> + +<p> +„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“ +</p> + +<p> +Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, +doch es dauerte eine Zeitlang, bis der Alte mich begriff. +</p> + +<p> +„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! – +das würde sehr gut sein, wirklich sehr gut, aber wie +bleibt es dann mit Ihnen, Warwara Alexejewna?“ +</p> + +<p> +„Ich werde dann einfach nichts schenken.“ +</p> + +<p> +„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden +Petinka nichts schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk +machen?“ +</p> + +<p> +Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +im Begriff war, das Angebot zurückzuweisen, nur +damit auch ich seinem Sohne etwas schenken könne. Er +war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte! +</p> + +<p> +Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern +schenken würde, nur wolle ich ihm die Freude nicht +schmälern. +</p> + +<p> +„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden +sein wird,“ fuhr ich fort, „und Sie sich freuen werden, +dann werde auch ich mich freuen.“ +</p> + +<p> +Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er +blieb noch ganze zwei Stunden bei uns, vermochte aber +in dieser Zeit keine Minute lang ruhig zu sitzen: er +erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit +Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt +Gesichter hinter Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn +endlich nach Hause schickte. Kurz, der Alte war rein +aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis +dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen +war. +</p> + +<p> +Am Morgen des feierlichen Tages erschien er +pünktlich um elf Uhr, gleich von der Frühmesse aus, +erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und tatsächlich +in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder +Hand trug er ein Bündel Bücher – Matrjona hatte +ihm dazu zwei Servietten geliehen. Wir saßen gerade +alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war +ein Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, +daß Puschkin ein sehr guter Dichter gewesen sei; davon +ging er, übrigens nicht ohne gewisse Unsicherheit und +Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch +ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +darauf, daß man sich gut aufführen müsse: wenn der +Mensch das nicht tue, so sei das ein Zeichen, daß er +„dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten +eben von jeher den Menschen herabgezogen und +verdorben. Ja, er zählte sogar mehrere abschreckende +Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß damit, +daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert +habe und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher +schon die Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt +und sie schon lange innerlich beherzigt, jetzt aber +habe er begonnen, sich auch in der Tat aller schlechten +Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner +Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber +schenke er hiermit die Bücher, für die er sich im Laufe +einer langen Zeit das nötige Geld zusammengespart +habe. +</p> + +<p> +Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen +zu verbeißen, während der arme Alte redete. So hatte +er es doch verstanden, zu lügen, sobald es nötig war! +</p> + +<p> +Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs +Zimmer gebracht und auf dem Bücherbrett aufgestellt. +Pokrowskij selbst hatte natürlich sofort die +Wahrheit erraten. +</p> + +<p> +Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu +bleiben. Wir waren an diesem Tage alle recht lustig. +Nach dem Essen spielten wir ein Pfänderspiel und +dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen +wie nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij +war sehr aufmerksam gegen mich und suchte +immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier Augen +zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +war der schönste Tag in diesen vier Jahren meines +Lebens! +</p> + +<p> +Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, +schwere Erinnerungen, jetzt beginnt die Geschichte meiner +dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir scheinen, +als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, +müde zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen +mit dem Erzählen. Deshalb habe ich wohl auch +so ausführlich und mit so viel Liebe alle Einzelheiten +meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens +beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. +So bald wurden sie von Kummer, von schwerem Kummer +verdrängt, und nur Gott allein mag wissen, wann +der einmal ein Ende nehmen wird. +</p> + +<p> +Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem +Tode Pokrowskijs. +</p> + +<p> +Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage +vergangen, als er erkrankte. In diesen zwei Monaten +hatte er sich unermüdlich um eine Anstellung, die +ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, +denn bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle +Schwindsüchtigen, gab auch er die Hoffnung, noch +lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht auf. +Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, +doch hatte er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen +diesen Beruf. In den Staatsdienst zu treten, verbot +ihm seine angegriffene Gesundheit. Außerdem +hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt +warten müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts +als Mißerfolge. Das war natürlich von schlechtem +Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte seine +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst +kam. Jeden Tag ging er in seinem leichten Mantel +aus, um wieder irgendwo um eine Anstellung zu bitten, +– was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er +dann immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und +mit nassen Füßen nach Haus, bis er endlich so weit +war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht wieder +aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober. +</p> + +<p> +Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner +Krankheit verließ ich nur selten sein Zimmer. Oft +schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er bewußtlos +im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß +wovon, zuweilen auch von der Anstellung, die er in +Aussicht hatte, von seinen Büchern, von mir, vom Vater +... und da erst hörte ich vieles von seinen Verhältnissen, +was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal +geahnt hatte. +</p> + +<p> +In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner +Pflege sahen mich alle im Hause etwas sonderbar an, +und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch ich +blickte allen offen in die Augen, und da hörte man +denn auf, meine Teilnahme für den Kranken zu +verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht mehr. +</p> + +<p> +Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah +das verhältnismäßig selten. Er war fast die +ganze Zeit nicht bei Besinnung. Bisweilen sprach er +lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren, +dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere +Stimme klang in dem engen Zimmer so dumpf wie in +einem Sarge. Dann fürchtete ich mich. Namentlich +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich +und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das +Herz. Alle im Hause waren erschüttert. Anna Fedorowna +betete die ganze Zeit, Gott möge ihn schneller +erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der +Kranke wohl nur noch bis zum nächsten Morgen leben +werde. +</p> + +<p> +Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im +Korridor, dicht an der Tür zum Zimmer seines Sohnes: +dort hatte man ihm ein Lager zurecht gemacht, +irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden +gelegt. Jeden Augenblick kam er ins Zimmer, +– es war schrecklich, ihn anzusehen. Der Schmerz +hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos, +ganz gefühllos und gedankenlos erschien. +Sein Kopf zitterte. Sein ganzer Körper zitterte und +sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich +hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand +verlieren werde. +</p> + +<p> +Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte +im Korridor endlich in Schlaf. Gegen acht Uhr begann +der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater. +Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von +uns allen Abschied. Seltsam! Ich konnte nicht weinen, +aber ich glaubte es körperlich zu fühlen, wie mein Herz +in Stücke zerriß. +</p> + +<p> +Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten +Augenblicke. Er bat lange, lange um irgend etwas, +doch konnte ich seine Worte nicht mehr verstehen, da +seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich +zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +immer wieder bat er um irgend etwas, bemühte er sich, +mit seiner bereits steif gewordenen Hand ein Zeichen +zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer +Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte +waren nur zusammenhanglose Laute, und wieder konnte +ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln an sein Bett, +reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur +langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich +erriet ich, was er wollte: er bat, den Fenstervorhang +aufzuziehen und die Läden zu öffnen. Er wollte wohl +noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne. +</p> + +<p> +Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, +doch der anbrechende Tag war trübe und traurig, wie +das erlöschende arme Leben des Sterbenden. Von der +Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den +Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster +und schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug +leise an die Fensterscheiben und rann in klaren, kalten +Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb und dunkel. +Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, +wo es das zitternde Licht des Lämpchens vor dem +Heiligenbilde kaum merklich verdrängte. Der Sterbende +sah mich traurig, so traurig an und bewegte dann +leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach +einer Minute starb er. +</p> + +<p> +Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es +wurde ein ganz, ganz einfacher Sarg gekauft und ein +Lastwagen gemietet. Zur Deckung der Unkosten aber +wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von +Anna Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr +die Hinterlassenschaft seines Sohnes nicht abtreten, +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die Bücher fort, stopfte +sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie nur +unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich +herum und trennte sich auch dann nicht von ihnen, als +wir zur Kirche gehen mußten. Alle diese Tage war er +ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer seltsamen +Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu +schaffen: bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter +zurecht, bald zündete er die Kerzen an, um sie wieder +auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man sah +es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick +bei etwas Bestimmtem verweilen konnten. +</p> + +<p> +Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama +noch Anna Fedorowna bei. Mama war krank, Anna +Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte, +geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte +sich und blieb zu Haus. So waren nur ich und +der Alte in der Kirche. Während des Gottesdienstes +ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine +dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte +mich kaum auf den Füßen halten. +</p> + +<p> +Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen +gehoben und fortgeführt. Ich begleitete ihn nur +bis zum Ende der Straße. Dann fuhr der Fuhrmann +im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und +weinte laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, +da das Laufen ihn erschütterte. Der Arme verlor seinen +Hut, blieb aber nicht stehen, um ihn aufzuheben, +sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. +Ein scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins +Gesicht. Doch der Alte schien nichts davon zu spüren +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +und lief weinend weiter, bald an der einen, bald an der +anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines +fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel +im Winde. Aus allen Taschen sahen Bücher hervor +und im Arm trug er irgendein großes schweres Buch, +das er krampfhaft umklammerte und an die Brust +drückte. Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab +und bekreuzten sich. Einige blieben stehen und schauten +verwundert dem armen Alten nach. Alle Augenblicke +fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz. +Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und +machte ihn auf seinen Verlust aufmerksam. Und er hob +das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge nach. +Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin +an und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog +der Wagen um die Straßenecke und verschwand. +</p> + +<p> +Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich +mich meiner Mutter an die Brust. Ich umschlang sie +fest mit meinen Armen und küßte sie und plötzlich brach +ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll +an die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben +war, als hätte ich sie für immer festhalten wollen, +damit der Tod mir nicht auch sie noch entreiße ... +</p> + +<p> +Doch der Tod schwebte damals schon über meiner +armen Mutter ... +</p> + +<p class="dashes"> +– – – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-9" title="9. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +11. Juni. +</p> + +<p class="noindent noindent"> +Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, +für den gestrigen Spaziergang nach den Inseln! Wie +schön es dort war, wie wundervoll grün, und die Luft +wie köstlich! – Ich hatte so lange keinen Rasen und +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +keine Bäume gesehen, – als ich krank war, dachte ich +doch, daß ich sterben müsse, daß ich bestimmt sterben +werde – nun können Sie sich denken, was ich gestern +fühlen mußte, und was empfinden! +</p> + +<p> +Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war. +Ich fühlte mich sehr wohl und leicht, aber gerade in +meinen besten Stunden werde ich aus irgendeinem +Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich +weinte, das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst +nicht, weshalb ich immer weinen muß. Ich bin, das +fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke, die ich +empfange, sind krankhaft – krankhaft heftig. Der wolkenlose +blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die +Abendstille – alles das – ich weiß wirklich nicht, – +ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle Eindrücke +schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz +bald übervoll war und die Seele nach Tränen verlangte. +Doch wozu schreibe ich Ihnen das alles? Das +Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um +wie viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! +Aber vielleicht verstehen Sie mich doch. +</p> + +<p> +Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar +Alexejewitsch! Gestern blickten Sie mir so in die Augen, +als wollten Sie in ihnen lesen, was ich empfand, und +Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein +Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen – immer +standen Sie da vor mir und fühlten sich ganz stolz und +schauten mir immer wieder in die Augen, als wäre +alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. +Das beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar +Alexejewitsch. Deshalb liebe ich Sie ja auch. +</p> + +<p> +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: +gestern bekam ich nasse Füße und habe mich infolgedessen +erkältet. Fedora ist noch nicht ganz gesund – +ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide +krank. Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter +zu uns. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre<br> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-10" title="10. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +12. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen +Ausflug in lauter Gedichten beschreiben, und da +erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges kleines Blättchen! +Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir +nur wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles +ungewöhnlich gut und schön beschrieben. Die Natur, +die verschiedenen Landschaftsstimmungen, was Sie selber +empfanden – das haben Sie mit einem Worte +kurz, aber ganz wunderbar geschildert. Ich habe dagegen +ganz und gar kein Talent, irgend etwas zu beschreiben: +wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt +dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. +Das weiß ich selbst nur zu genau. +</p> + +<p> +Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter +Mensch sei, sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, +dem Nächsten etwas Böses zuzufügen, und daß +ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in der +Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie +beehren mich noch mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. +– Das ist gewiß alles wahr, mein Kind, nichts +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie +Sie sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen +auch, wenn man von anderen so etwas geschrieben +sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben haben: es +wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – +aber schließlich kommen einem doch wieder allerlei +schwere Gedanken. Nun hören Sie mich mal an, mein +Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas erzählen. +</p> + +<p> +Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, +als ich erst siebzehn Lenze zählte und in den +Staatsdienst trat: nun werden es bald runde dreißig +Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in +der Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, +bin darüber Mann geworden, auch vernünftiger +und klüger, habe Menschen gesehen und kennen gelernt, +habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann +schon sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte +man mich sogar zur Auszeichnung vorschlagen: man +wollte mir nämlich für meine Dienste ein Kreuz verleihen. +Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben, +aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. +Nun, was kam dabei heraus, mein Kind? Ja, sehen +Sie, es finden sich immer und überall schlechte Menschen. +Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, +meine Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, +meinetwegen sogar ein dummer Mensch, aber das +Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das Herz +anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein +böser Mensch mir antat? Man schämt sich ordentlich, +es zu sagen. Sie fragen, warum er es tat? Einfach darum, +weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht +nach ihrem Geschmack, und so wurde denn alles mir, +und immer mir, in die Schuhe geschoben. Anfangs hieß +es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte: +</p> + +<p> +„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ +– Daraus wurde mit der Zeit: +</p> + +<p> +„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn +sonst!“ +</p> + +<p> +Jetzt aber heißt es ganz einfach: +</p> + +<p> +„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, +was fragen Sie noch!“ +</p> + +<p> +Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An +allem war Makar Alexejewitsch schuld. Sie verstanden +weiter nichts, als „Makar Alexejewitsch“ sozusagen +zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen. +Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise +aus mir ein geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten +Tadel, wenn nicht gar ein Schmähwort machten +– nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln, +meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, +was an mir war, etwas auszusetzen: alles war +ihnen nicht recht, alles mußte anders gemacht werden! +Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen +Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil +ich mich an alles gewöhne, weil ich ein stiller Mensch +bin, weil ich ein kleiner Mensch bin. Aber, fragt man +sich schließlich, womit habe ich denn das alles verdient? +Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich +etwa jemandem den Rang abgelaufen? Oder jemanden +bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um dafür belohnt +zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +jemanden angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, +wenn Sie so etwas auch nur denken wollten! Bin ich +denn einer, der so etwas überhaupt fertig brächte? So +betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, +und dann sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit +zu Intrigen und zum Strebertum habe? Also wofür +treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch vergib, +Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten +Menschen, Sie aber sind auch unvergleichlich +besser, als alle die anderen, jawohl Warinka! +</p> + +<p> +Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese +Frage äußerte sich noch vor ein paar Tagen Jewstafij +Iwanowitsch in einem Privatgespräch. Er sagte: Die +größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er +sagte es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur +im Scherz sagte), was aber in dem Worte für eine +Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte), das war, +daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen +solle. Ich aber falle niemandem zur Last! Ich habe +mein eigenes Stück Brot. Es ist ja wohl nur ein einfaches +Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes +Brot, aber <em>ich</em> habe es doch, es ist <em>mein</em> Brot, durch +<em>meine</em> Arbeit rechtlich und redlich erworben! +</p> + +<p> +Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja +selbst, daß ich nichts sonderlich Großes vollbringe, +wenn ich in meinem Bureau sitze und Schriftstücke abschreibe. +Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite doch, +leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. +Nun, und was ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? +Ist denn das etwa eine Sünde? „Na ja, doch eben immer +nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, +so leserlich, jeder Buchstabe wie gestochen, daß es +eine Freude ist, so einen ganzen Bogen zu sehen, und +– Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die +wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, +aber ich habe keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich +ihn nicht habe, den verwünschten Stil! Mir fehlen die +Redewendungen! Ich weiß es, und deshalb habe ich es +auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie, +mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, +ohne alle Kunst und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen +in den Sinn strömt ... Das weiß ich selbst +ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes +schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben? +</p> + +<p> +Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten +Sie sie mir, meine Liebe. +</p> + +<p> +So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich +braucht, daß ich notwendig, daß ich unentbehrlich bin, +und daß kein Grund vorliegt, sich durch müßiges Geschwätz +irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen +bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit +mit ihr herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist +nützlich, ohne diese Ratte käme man nicht aus, diese +Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man rechnet, und +dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation +zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte +ist! +</p> + +<p> +Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte +ja eigentlich gar nicht davon sprechen, aber nun – es +kam mal so zur Sprache, und da hat’s mich denn hingerissen. +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich +selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. +</p> + +<p> +Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine +Trösterin! Ich werde schon kommen, gewiß werde ich +kommen und Sie besuchen, mein Sternchen, um zu sehen, +wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen +Sie sich bis dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen +ein Buch mitbringen. Also leben Sie wohl bis dahin, +Warinka. +</p> + +<p> +Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-11" title="11. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +20. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Sehr geehrter Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr +wenig Zeit, – muß eine Arbeit zu einem bestimmten +Termin beenden. +</p> + +<p> +Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich +ein guter Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter +von ihr habe einen fast neuen Uniformrock, sowie +Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und alles, +wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen +wollten! Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr +in Verlegenheit, – Sie sagten mir ja selbst, daß Sie +Geld haben. Also seien Sie vernünftig und schaffen +Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig. +Sehen Sie sich doch nur selbst an, in was für alten +Kleidern Sie umhergehen. Eine wahre Schande! Alles +ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott +weiß, was Sie mit Ihrem neuen Anzug angefangen +haben. So hören Sie doch diesmal auf mich und kaufen +Sie die Kleider, bitte, tun Sie’s! Tun Sie es für +mich, wenn Sie mich lieb haben! +</p> + +<p> +Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar +Alexejewitsch, das geht wirklich nicht so weiter! +Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch kein Spaß, +was Sie schon für mich ausgegeben haben, – entsetzlich, +wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich +habe ja nichts nötig, das war ja alles ganz, ganz überflüssig! +Ich weiß, glauben Sie mir, ich weiß, daß Sie +mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen, +mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe +vergewissern zu wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer +es mir fällt, sie anzunehmen! Ich weiß doch, was sie +Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es +gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie? +Ich bitte Sie, ich flehe Sie an! +</p> + +<p> +Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner +Aufzeichnungen zuzusenden, Sie wollen, daß ich sie beende. +Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das fertig +gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben +ist! Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner +Vergangenheit zu sprechen. Ich will an sie nicht +einmal zurückdenken. Ich fürchte mich vor diesen Erinnerungen. +Und gar von meiner armen Mutter zu +sprechen, deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen +Ungeheuern preisgegeben war: das wäre mir ganz unmöglich! +Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken +auch nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +Wunden sind noch zu frisch! Ich habe noch keine Ruhe, +um zu denken, habe mich selbst noch lange nicht beruhigen +können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen +ist. Doch Sie wissen das ja alles! +</p> + +<p> +Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten +mitgeteilt. Sie wirft mir Undankbarkeit vor +und leugnet es, mit Herrn Bükoff im Einverständnis +gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr zurückzukehren. +Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf +einen schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren +würde, so wolle sie es übernehmen, die ganze +Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn zu veranlassen, +seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen. +Sie hat sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine +Aussteuer geben wolle. Gott mit ihnen! Ich habe es +auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner guten +Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine +alte selige Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar +nur ein entfernter Verwandter von mir, trotzdem beschützen +Sie mich und treten mit Ihrem Namen und +Ruf für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich +werde sie vergessen! – wenn ich es nur vermag?! +Was wollen <a id="corr-1"></a>sie denn noch von mir? Fedora sagt, das +sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt +doch in Ruhe lassen. Gott gebe es! +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-12" title="12. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +21. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen, mein Liebling! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht – womit +beginnen? +</p> + +<p> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so +miteinander leben! Ich sage das nur deshalb, müssen +Sie wissen, weil ich meine Tage noch nie so froh verbracht +habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit +einem Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein +Kindchen sind Sie, mein kleines reizendes! +</p> + +<p> +Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich +Ihnen geschickt habe! Sie hatten sie doch nötig – Fedora +sagte es mir. Und mich, liebes Kind, mich macht +es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun +einmal mein größtes Vergnügen – also lassen Sie +mich nur gewähren, Kind, und widersprechen Sie mir +nicht! Noch niemals habe ich so etwas erlebt, Herzchen. +Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens +gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen +darf, denn Sie leben doch jetzt in meiner nächsten +Nähe, was mir ein großer Trost und eine große Freude +ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, +Ratasäjeff – jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische +Abende stattfinden –, also der hat mich heute +zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich wieder +so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches +vorgelesen werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt +leben, Kindchen – was?! +</p> + +<p> +Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur +so geschrieben, ohne besonderen Zweck, nur um Sie von +meinem Wohlbefinden zu unterrichten. Sie haben mir +durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide +zur Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, +ich werde sie Ihnen besorgen, gleich morgen werde ich +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch schon, wo ich sie +am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich +</p> + +<p class="sign"> +Ihr aufrichtiger Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-13" title="13. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +22. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei +uns im Hause etwas sehr Trauriges geschehen ist, etwas, +das jedes Menschen Mitleid erwecken muß. Heute +um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner +Sohn. Ich weiß nicht recht, woran, – an den Masern +oder, Gott weiß, vielleicht war es auch Scharlach. +Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach, +Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was +für eine Unordnung! Aber das ist ja schließlich kein +Wunder: die ganze Familie lebt doch nur in diesem +einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen +Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben. +</p> + +<p> +Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein +ganz einfacher, billiger, aber er sieht doch ganz nett +aus, sie haben ihn gleich fertig gekauft. Der Knabe +war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen +Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, +sie anzusehen, Warinka. Die Mutter weint nicht, +aber sie ist so traurig, die Arme. Es ist für sie ja vielleicht +eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen abgenommen +ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu +ernähren haben: ein Brustkind und ein kleines Töchterchen +so von etwa sechs Jahren, viel älter kann das +zarte Ding noch nicht sein. +</p> + +<p> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, +wie ein Kindchen leidet, und noch dazu das eigene, leibliche +Kindchen, und man hat nichts, womit man ihm +helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, +schmutzigen und fadenscheinigen Rock auf einem halb +zerbrochenen Stuhl. Die Tränen laufen ihm über die +Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern +nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er +ist so ein Sonderling! Immer wird er rot, wenn man +mit ihm spricht, und niemals weiß er, was er antworten +soll. Das kleine Mädchen stand dort an den Sarg +gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. +Ich liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen +nachdenklich ist: es beunruhigt einen. Eine Puppe aus +alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden, – sie spielte +aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so +stand sie, – stand und rührte sich nicht. Die Wirtin +gab ihr ein Bonbonchen: sie nahm es, aß es aber nicht. +Traurig das alles – nicht wahr, Warinka? +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-14" title="14. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +25. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Bester Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein +ganz elendes Ding! – man kann es überhaupt nicht in +die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese Kostbarkeit +aufgetrieben? Scherz beiseite – gefallen Ihnen +denn wirklich solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie +versprachen mir doch vor ein paar Tagen, mir etwas +zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch mit Ihnen +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf +Wiedersehen! Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu +schreiben. +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-15" title="15. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +26. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Liebe Warinka! +</p> + +<p class="noindent"> +Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein +selbst gar nicht gelesen habe. Es ist wahr, ich las +ein wenig, sah, daß es irgendein Unsinn war, nur so +zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu unterhalten. +Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges +sein und vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm +ich es und schickte es Ihnen. +</p> + +<p> +Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas +wirklich Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da +werden Sie also wieder gute Bücher erhalten, mein +Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er +schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt +schreibt er, und einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach +großartig! In jedem Wort ist ein Etwas – sogar +im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem +einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal +Faldoni oder Theresa etwas sage, – selbst da versteht +er noch, sich stilvoll auszudrücken. Ich wohne jetzt +seinen literarischen Abenden regelmäßig bei. Wir rauchen +Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden +in einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das +sind nun einfach Perlen, nicht Literatur! Einfach +Blumen, duftende Blumen – auf jeder Seite so viel +Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +Und im Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. +Was bin ich im Vergleich mit ihm, nun was? – +Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann +von Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut +wie nichts, bin neben ihm überhaupt nichts! Er aber +beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich habe +für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur +denken Sie deshalb nicht, Warinka, daß das irgend +etwas auf sich habe, ich meine, daß er mir deshalb +wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören Sie +nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie +ihnen nicht, beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, +ich tue es ganz aus freien Stücken, um ihm damit +etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir +sein Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus +freien Stücken, tut’s, um mir eine Freude zu bereiten. +Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu verstehen: +man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter +birgt. Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und +außerdem ein ganz unvergleichlicher Schriftsteller. +</p> + +<p> +Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, +eine sehr schöne, das habe ich vorgestern bei ihnen +erfahren. Und zugleich eine tiefe Sache! Sie stärkt und +festigt und belehrt die Menschen – und noch verschiedenes +andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet +steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die +Literatur – das ist ein Bild, das heißt in gewissem +Sinne, versteht sich; ein Bild und ein Spiegel; ein +Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; +sie ist Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und +ein großes menschliches Dokument. Das habe ich mir +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +alles von ihnen sagen lassen und aus ihren Reden gemerkt. +Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, +wenn man so unter ihnen sitzt und zuhört – und man +raucht dabei sein Pfeifchen, ganz wie sie – und wenn +sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und über +die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich +denn einfach wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. +Denn wenn die erst mal loslegen, Kind, dann bleibt +unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide +passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf +und schäme mich vor mir selber. Und wenn +man sich auch den ganzen Abend die größte Mühe gibt, +irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch +mit einzuflechten, so ist man doch nicht einmal +dazu fähig. Man kann und kann dieses halbe Wörtchen +nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein gar +nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist +wie verhext, Warinka, und man tut sich schließlich selber +leid, daß man so ist, wie man nun einmal ist, und +daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann: +dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt. +</p> + +<p> +Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – +Schlafe, schlafe wie ein alter Esel. An Stelle dieses +unnützen Schlafens aber könnte man sich doch auch mit +etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so +zum Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, +so ganz frei von sich aus, – was? Sich selbst zu +Nutz und Frommen und anderen zum Vergnügen. +Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen +bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel +gleich dieser Ratasäjeff, was der Mann einnimmt! +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben? An +manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, +und dabei erhält er, wie er sagt, volle dreihundert +Rubel für jeden Bogen! Da hat er irgend so eine +kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein +Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – +fünfhundert, gib oder gib nicht, aber darunter kriegst +du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn du willst. +Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! +Was sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna? +</p> + +<p> +Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum +Beispiel ein Heftchen Gedichte, alles solche kleinen +Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz, – siebentausend, +Kind, siebentausend will er dafür haben, denken +Sie sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein +ganzes Besitztum, das sind ja die Prozente eines Hauses +von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er, biete man +ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet +und vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen +Sie doch, Bester, die fünftausend, nehmen Sie sie +nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken kehren +und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – +das ist doch Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch +sieben geben, die Schufte. Solch ein Schlaukopf ist er, +wirklich! +</p> + +<p> +Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon +die Rede ist, eine Stelle aus den „Italienischen +Leidenschaften“ abschreiben. So heißt nämlich eines +seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen +Sie selbst: +</p> + +<p> +– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +brausten wild in ihm auf und sein Blut geriet +in Wallung ... +</p> + +<p> +„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie +schrecklich diese Leidenschaft, wie grenzenlos dieser +Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne täuschen mich nicht! +Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe rasend, +wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde +nicht ausreichen, die wallende Leidenschaft meiner +Seele zu ersticken! Diese kleinen Hindernisse sind unfähig, +das allesvernichtende, höllische Feuer, das in +meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom +aufzuhalten. O Sinaida, Sinaida! ...“ +</p> + +<p> +„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos +und schmiegte ihr Haupt an seine Schulter. +</p> + +<p> +„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht. +</p> + +<p> +Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem +Altar der Liebe schlug die Lohe hellflammend auf und +umfing mit ihrer Glut die Seelen der Liebenden. +</p> + +<p> +„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr +Busen wogte, ihre Wangen röteten sich, ihre Augen +glühten ... +</p> + +<p> +Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen! +</p> + +<p class="dashes"> +– – – +</p> + +<p class="noindent"> +Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in +das Boudoir seiner Frau. +</p> + +<p> +„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für +unseren teuren Gast den Ssamowar aufstellen lassen?“ +fragte er, seiner Frau die Wange tätschelnd. – +</p> + +<p> +Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist +ja wahr, – es ist ein wenig frei, das läßt sich nicht +leugnen, aber dafür doch schwungvoll und gut geschrieben. +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen +doch noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und +Suleika“ abschreiben. +</p> + +<p> +Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, +der tollkühne Eroberer Sibiriens, in Suleika, die Tochter +des sibirischen Herrschers Kutschum, die er gefangen +genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade +in der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – +wie Sie sehen. Hier schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch +zwischen Jermak und Suleika ab: +</p> + +<p> +– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole +es! ...“ +</p> + +<p> +„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika. +</p> + +<p> +„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! +Ihr habt mir alles gegeben, alles, wonach mein wilder +Geist seit meinen Jünglingsjahren strebte! Also hierher +hast du mich geführt, mein Leitstern, über den steinernen +Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich +meine Suleika zeigen, und die Menschen, diese wilden +Ungeheuer, werden es nicht wagen, mich zu beschuldigen! +O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer zärtlichen +Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer +Träne meiner Suleika eine ganze Welt von Poesie zu +erblicken wüßten! O, laß mich mit Küssen diese Träne +trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du himmlisches +Wesen!“ +</p> + +<p> +„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die +Menschen sind ungerecht! Sie werden uns verfolgen +und verurteilen, mein Liebster! Was soll das arme +Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens +in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +in eurer kalten, eisigen, seelenlosen, eigennützigen Welt +anfangen? Die Menschen werden mich nicht verstehen, +mein Geliebter, mein Ersehnter!“ +</p> + +<p> +„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief +Jermak, wild die Augen rollend. – +</p> + +<p> +Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, +wie er erfährt, daß seine Suleika ermordet ist. Der verblendete +Greis Kutschum hat sich im Schutz der nächtlichen +Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks +in dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, +um sich an Jermak, der ihn um Zepter und +Krone gebracht hat, zu rächen. +</p> + +<p> +„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief +Jermak in wilder Rachgier, und er wetzte den Stahl +am Schamanenstein. „Ich muß Blut sehen, Blut! Rächen, +rächen, rächen muß ich sie!!!“ +</p> + +<p> +Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch +nicht überleben, er wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, +und damit ist dann alles zu Ende. +</p> + +<p> +Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist +humoristisch, was nun kommt, und nur so zum Lachen +geschrieben: +</p> + +<p> +– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch +Sheltopus? Na, das ist doch derselbe, der den Prokofij +Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan Prokofjewitsch +ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein +selten tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen +liebt außerordentlich Rettich mit Honig. Als er +aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war ... +Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist +doch dieselbe, die ihren Rock immer mit dem Futter +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +nach außen anzieht, um das Oberzeug zu schonen.“ – +</p> + +<p> +Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! +Wir wälzten uns vor Lachen, als er uns dies vorlas. +Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm! +Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, +aber im Grunde doch ganz unschuldig, ganz +ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle liberalen +Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß +Ratasäjeff vortreffliche Umgangsformen besitzt, und +vielleicht liegt hier mit ein Grund, warum er ein so +ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als das, +was die anderen sind. +</p> + +<p> +Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem +mitunter der Gedanke in den Kopf – wie wär’s, wenn +auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann wohl +geschehen? Nun, sagen <a id="corr-3"></a>wir zum Beispiel, und nehmen +wir an, daß plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in +der Welt erschiene und auf dem Deckel stände: „<em>Gedichte +von Makar Djewuschkin.</em>“ Was?! +Ja, was würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? +Wie würde Ihnen das vorkommen, was würden Sie +dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen freilich sagen, +mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen +wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij +zu zeigen wagte. Wie wäre denn das, wenn ein jeder +sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter Djewuschkin!“ +und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!? +</p> + +<p> +Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen +Stiefeln machen? Die sind ja doch bei mir, nebenbei +bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und auch die +Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +recht weit vom wünschenswerten Zustande entfernt. +Nun, wie wäre denn das, wenn alle wüßten, daß der +Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn +das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, +was würde sie dazu sagen, mein Seelchen? +Selbst würde sie es ja vielleicht nicht bemerken, denn +Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit +Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber +schließlich bleiben ja Stiefel immer Stiefel), – nur +würde man ihr alles erzählen, meine eigenen Freunde +würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel +wäre der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der +Gräfin B., besucht sie, wie er sagt, sogar ohne besondere +Einladung, wann es ihm gerade paßt. Eine gute +Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch gebildete +Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf! +</p> + +<p> +Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das +ja alles nur so, mein Engelchen, um Sie zu zerstreuen, +also nur zum Scherz. Leben Sie wohl, mein Täubchen. +Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber +das eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders +froh gestimmt bin. Wir speisten nämlich heute alle +bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch Schlingel, mein +Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen Likör +hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel +davon schreiben! Nur sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht +gleich etwas Schlechtes von mir denken, Warinka. Es +war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen +schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von +Hand zu Hand, nur werden Sie diesen Paul de Kock +nicht in die Fingerchen bekommen, mein Kind ... Nein, +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts +für Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen +anständigen Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung +hervorgerufen habe. +</p> + +<p> +Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – +habe es speziell für Sie gekauft. Und hören Sie, mein +Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie an mich. +Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! +Lutschen Sie sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die +Zähnchen nachher wehtun. Aber vielleicht lieben Sie +auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur! +</p> + +<p> +Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei +mit Ihnen, mein Täubchen. Ich aber verbleibe nach +wie vor +</p> + +<p class="sign"> +Ihr treuester Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-16" title="16. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +27. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner +Lage herzlich gern helfen und, wenn ich nur wolle, eine +sehr gute Stelle als Gouvernante in einem Hause verschaffen +würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll +ich darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht +mehr zur Last fallen – und die Stelle scheint gut zu +sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch etwas +beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. +Es soll eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden +sie über mich Erkundigungen einziehen, werden mich +ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und überdies +bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +liebsten lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt +habe. Es ist nun einmal gemütlicher und trauter in +dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt hat, – +und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es +ist dennoch besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, +und Gott weiß, was sie alles von mir verlangen werden: +vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder warten! +Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt +binnen zwei Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante +wechseln? Raten Sie mir, Makar Alexejewitsch, +um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder +soll ich nicht? +</p> + +<p> +Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? +Sie zeigen sich so selten! Außer Sonntags in der Kirche +sehen wir uns ja fast überhaupt nicht mehr. Wie +menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! +Aber wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben +Sie mich nicht mehr, Makar Alexejewitsch? Ich bin, +wenn ich mich allein weiß, oft sehr traurig. Zuweilen, +namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz mutterseelenallein: +Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas +zu besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt +– man erinnert sich an alles was einst gewesen ist, an +Frohes und Trauriges, alles zieht wie ein Nebel an +einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor +meinen Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen +zu sehen, wie man sonst nur im Traum etwas +sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und +was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine +Gesundheit untergraben ist. Ich bin so schwach. Als +ich heute morgen aufstand, wurde mir übel, und zum +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! +Ich fühle, ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer +wird mich wohl beerdigen? Wer wird wohl meinem +Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und +da müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem +fremden Hause, bei fremden Menschen sterben! ... +Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben, Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p> +Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer +Konfekt? Ich begreife wirklich nicht, woher Sie soviel +Geld nehmen. Ach, mein guter Freund, sparen Sie +doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora +hat einen Käufer gefunden für den Teppich, den +ich genäht habe. Man will für ihn fünfzehn Rubel +geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man +würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, +und für mich werde ich einen Stoff zu +einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren +und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich +eine Weste machen, ein schöne Weste: ich werde guten +Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen. +</p> + +<p> +Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins +Erzählungen –, das ich Ihnen hiermit zusende, damit +auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie es und behalten +Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es +ist ein Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es +mit Mama – da hat es denn in mir traurige Erinnerungen +wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten Male +las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie +es mir, – aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht +von Ratasäjeff erhalten haben. Er wird gewiß eines +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon etwas +von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen +nur seine Romane gefallen, Makar Alexejewitsch? +Solche Dummheiten! ... +</p> + +<p> +Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt +habe! Wenn ich mich bedrückt fühle, dann bin +ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die beste +Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich +wenn ich alles sagen kann, was ich auf dem Herzen +habe. +</p> + +<p class="sign"> +Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!<br> +Ihre<br> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-17" title="17. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +28. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Warwara Alexejewna, meine Liebe! +</p> + +<p class="noindent"> +Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie +sich denn nicht? So machen Sie doch ein Ende, mein +Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen Gedanken +abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, +ganz und gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben +Sie mir: nur ein wenig bleich sind Sie noch, aber +trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das für +Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen +Sie sich, mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es +ist! Kümmern Sie sich nicht weiter um diese dummen +Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach! +Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt +mir denn nichts? Sehen Sie mich einmal an, mein +Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe ruhig, bin gesund +– mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +hat seine wahre Freude daran, es zu sein! Also hören +Sie auf, mein Seelchen, schämen Sie sich und bessern +Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen, Kind: kaum +hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an +mit dem Grübeln und Grämen, und Sie machen sich +von neuem allerlei Gedanken. Schon allein mir zuliebe +sollten Sie doch wirklich einmal damit aufhören, +Warinka! +</p> + +<p> +Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein +und nein und nochmals nein! Was ist Ihnen eingefallen, +daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen? +Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen +Sie mich schlecht: das lasse ich nie und nimmermehr +zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit allen Kräften. +Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe +verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben +würde, aber Not leiden, das sollen und werden Sie +bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich kenne Sie +ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was +aber wahr ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein +die Schuld trägt – nur sie, dies dumme Frauenzimmer, +hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf gesetzt. +Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was +sie sagt. Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, +mein Seelchen? ... Wissen nicht, daß sie eine dumme, +schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist, die auch +ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich +sauer gemacht hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie +nicht geärgert, irgendwie gekränkt? +</p> + +<p> +Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da +schrieben, wird nichts! Und was sollte denn aus mir +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka, mein +Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. +Was fehlt Ihnen denn bei uns? Wir können +uns nicht genug über Sie freuen und auch Sie haben +uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich +weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen +Sie auch nicht – ganz wie Sie wollen, nur bleiben +Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst: wie +würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher +verschaffen – und dann können wir ja auch wieder +einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur +müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt +wirklich ein Ende machen und vernünftig werden und +sich nicht grundlos um alles Alltägliche sorgen und +grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr +bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades +und offenes Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, +Herzchen, gar nicht schön! +</p> + +<p> +Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich +weiß es selbst, daß ich nichts gelernt habe, daß ich +kaum unterrichtet worden bin, aber darum handelt es +sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen +wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da +machen Sie, was Sie wollen! Er ist mein Freund, +deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt gut, +schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann +Ihnen unter keinen Umständen beistimmen. Er schreibt +farbenreich und gewählt, es sind auch Gedanken darin, +kurz, es ist sehr schön! Sie haben es vielleicht ohne Anteil +gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade nicht +bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +über Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder +es ist vielleicht sonst irgendwie ein Unglückstag für Sie +gewesen. +</p> + +<p> +Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen +und aufmerksam, wenn Sie froh und zufrieden und bei +guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie gerade ein +Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es +noch einmal. Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das +behauptet?), daß es nicht noch bessere Schriftsteller +gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere, aber +deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht +schlecht zu sein: sie sind eben alle gut; er schreibt gut +und die anderen schreiben meinetwegen auch gut. Außerdem +schreibt er, vergessen wir das nicht, nur für sich +– tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden – +und das merkt man ihm dann an, daß er es tut, und +zwar zu seinem Vorteil! +</p> + +<p> +Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde +ich heute nicht mehr: ich habe da noch etwas abzuschreiben +und muß mich beeilen. Also sehen Sie zu, mein +Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge +Gott der Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe +</p> + +<p class="sign"> +Ihr treuer Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen +wir Puschkin. Heute aber komme ich gegen Abend ganz +bestimmt zu Ihnen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-18" title="18. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="addr"> +Mein teurer Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich +noch länger hier lebe. Ich habe nachgedacht und eingesehen, +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +daß es sehr falsch von mir ist, eine so vorteilhafte +Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich +mir doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. +Ich werde mir Mühe geben, ich werde versuchen, +mir die Neigung der fremden Menschen zu erwerben, +und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter +zu ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei +fremden Menschen zu leben, sich ihnen in allem anzupassen, +sich selbst zu verleugnen und von ihnen abhängig +zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man +kann doch nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! +Und ich habe ja auch früher schon Ähnliches erlebt. Zum +Beispiel als ich noch in der Pension war. Den ganzen +Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter +Wildfang umher, und wenn Mama bisweilen auch +schalt – was tat das, ich war doch froh, und im Herzen +war es so hell und warm. Kam aber dann der +Abend, da fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: +um neun Uhr hieß es – nach der Pension +zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die +Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und +ich fühlte mich so bedrückt, so elend, daß die Tränen +sich nicht mehr zurückdrängen ließen. Da schlich ich +denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter Einsamkeit +und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich +sei faul und wolle nicht lernen. Und doch war das gar +nicht der Grund, weshalb ich weinte. +</p> + +<p> +Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte +mich schließlich an alles, und als ich die Pension verlassen +mußte, weinte ich gar beim Abschied von den +Freundinnen. +</p> + +<p> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora +hier zur Last bin. Der Gedanke ist mir eine Qual. Ich +sage Ihnen alles ganz offen, weil ich gewohnt bin, Ihnen +nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora +jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und +sich ans Waschen macht, und dann bis in die späte +Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber bedürfen +der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für +mich opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, +um Ihr ganzes Geld nur für mich auszugeben? +Ich weiß doch, daß das über Ihre Verhältnisse geht, +mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das +Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden +ließen. Ich glaube es Ihnen, mein Freund, ich weiß, +daß Sie ein gutes Herz haben, – doch das sagen Sie +jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld, +haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. +Aber dann? Sie wissen doch – ich bin immer krank. +Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon ich froh +wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch +nicht immer Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen +und quälen, indem ich Sie und Fedora für mich sorgen +lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte +ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, +wie Ihnen auch nur im geringsten nützlich sein? Inwiefern +bin ich Ihnen denn so unentbehrlich, mein +Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin +Ihnen nur von ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie +aufrichtig und von ganzem Herzen, doch das ist auch +alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein bitteres +Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun, +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +Ihre Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann +ich nicht. Also halten Sie mich nicht mehr zurück, überlegen +Sie sich meinen Plan nochmals gründlich und +sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung. +</p> + +<p class="sign"> +In Erwartung derselben verbleibe ich<br> +Ihre<br> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-19" title="19. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +1. Juli. +</p> + +<p class="noindent noindent"> +Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, +reiner Unsinn! Wollte man Sie so sich selbst überlassen, +was würden Sie sich da nicht alles ins Köpfchen +setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes! Ich +sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt +Ihnen denn bei uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben +Sie und Sie lieben uns, wir sind alle zufrieden +und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was +aber wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? +Sie wissen noch nicht, was das heißt: fremde +Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen, denn +ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen +sagen, wie er ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur +zu gut. Ich habe sein Brot gegessen. Bös ist er, Warinka, +sehr böse, so böse, daß das kleine Herz, das man +hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, +einen mit Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen +Blicken zu martern. – Bei uns haben Sie es +wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen haben +Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun +mit einem Male so etwas antun wollen? Was +werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten mir +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn +nicht nützlich? Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas +nach und dann urteilen Sie, inwiefern Sie mir +nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar sehr +nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen +wohltuenden Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt +zum Beispiel an Sie und bin ohne weiteres froh gestimmt +... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen +Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte +darauf eine ausführliche Antwort von Ihnen. +Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für Sie gekauft, +manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für +mich, na, und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige +... Nein, wie sollten Sie denn nicht nützlich sein? +Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in meinen +Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie +haben vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, +aber denken Sie mal wirklich darüber nach und +fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen könnte +ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. +Und was käme denn dabei heraus, was wäre das Ende +vom Liede? – Ich würde in die Newa gehen und damit +wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka, +was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun +übrig?! +</p> + +<p> +Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen +wohl, daß mich ein Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof +führt, daß irgendeine alte Herumtreiberin +meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der +Gruft mit Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich +allein zurückläßt. Das ist sündhaft von Ihnen, sündhaft, +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott, sündhaft! +</p> + +<p> +Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine +Freundin, und wenn Sie, Warinka, meine Meinung +über dasselbe wissen wollen, so kann ich Ihnen nur sagen, +daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes +Buch zu lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt +selbst, mein Kind, wie ich denn bisher so habe leben +können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir! Was +habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem +Walde komme ich eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, +mein Kind, rein gar nichts! Ich gestehe es Ihnen ganz +offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich +habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. +„Das Bild des Menschen“ – ein sehr kluges Buch, +das habe ich gelesen, dann noch ein anderes: „Vom +Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“, +und dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles, +weiter habe ich nichts gelesen. Jetzt aber habe ich hier, +in Ihrem Büchlein, den „Stationsaufseher“ gelesen, +und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind, es +kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß +da neben einem ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben +dargestellt ist, wie an den Fingern hergezählt, und noch +mancherlei, worauf man früher selbst gar nicht verfallen +ist. Das findet man nun hier, wenn man solch +ein Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem +denn nach und nach vieles ein, und allmählich begreift +man so manches und wird sich über die Dinge klar. +Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch +lieb gewonnen habe: manches Werk, was für eines es +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +auch immer sein mag, das liest man und liest – aber +lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das +Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt +geschrieben und mit soviel Klugheit, daß man es +nicht recht begreifen kann. Ich zum Beispiel, – +ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so +geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke +lesen. Dies aber – ja dies liest man und es ist einem +fast, als hätte man es selber geschrieben, ganz als +stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so mag +es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und +vor allen Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, +und dann ausführlich beschrieben – sehen Sie, +so ist es! Und dabei ist es doch so einfach, mein Gott! +Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich, +warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe +und genau so, wie es in diesem Büchelchen steht! Habe +ich mich doch auch mitunter in ganz derselben Lage +befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin, +dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins +gibt es nicht unter uns, ganz genau so arme, herzensgute +Menschen! Und wie richtig alles beschrieben ist! +Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich +das las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, +als das Unglück ihn heimgesucht hatte, und wie er +dann den ganzen Tag unter seinem Schafspelz schlief +und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte +und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit +dem schmierigen Pelzaufschlag die Tränen von den +Wangen wischte, wenn er an sein verirrtes Lämmlein +dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha! +</p> + +<p> +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, +dann werden Sie sehen: das ist so wahr wie das Leben +selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren, – +das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da +finden wir gleich die Theresa – wozu so weit suchen! +– da ist auch unser armer Beamter, – denn der ist +doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin, +nur daß er einen anderen Namen hat und eben zufällig +Gorschkoff heißt. Das ist etwas, was ein jeder +von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie, +mein Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder +am Newakai wohnt, selbst der kann dasselbe erleben, +nur daß er sich äußerlich anders verhalten wird – denn +dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders, +aber auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie +mir. +</p> + +<p> +Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. +Sie aber wollen noch wegreisen und uns im Stich +lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir damit +antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich +und mich damit zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, +so treiben Sie doch um Gottes willen diese wilden +Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie +mich nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch +selbst, Sie mein kleines, schwaches Vögelchen, das +noch nicht einmal flügge geworden ist –: wie könnten +Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben +bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht +verteidigen! Nein, lassen Sie es jetzt gut und genug +sein, Warinka, und bessern Sie sich! Hören Sie nicht +auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +Sie Ihr Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen +Nutzen bringen. +</p> + +<p> +Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“ +gesprochen. Der sagte, das sei alles altes +Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit Bildern und +solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich +habe es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich +meinte. Er schloß aber doch damit, daß Puschkin gut +sei und daß er das heilige Rußland besungen habe, +und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. +Ja, es ist gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch +einmal aufmerksam, folgen Sie meinem Rat und machen +Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam +glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, +meine Gute, wird Sie bestimmt belohnen! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr treuer Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-20" title="20. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="addr"> +Mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den +Teppich gebracht. Wie froh sie war, die Arme, als ich +ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen in größter +Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, +– der Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen. +</p> + +<p> +Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene +Geschichten, von denen ich einige schon gelesen +habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem Titel „Der +Mantel“.<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> +</p> + +<p> +Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +Wird es aber nicht zu teuer sein? Vielleicht auf +die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon lange +nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich +fürchte immer nur eines: wird uns der Spaß nicht +zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf und meint, +daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. +Das sehe auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein +schon für mich ausgegeben! Nehmen Sie sich in acht, +mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora hat +mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit +Ihrer Wirtin in Streit geraten seien, weil Sie irgend +etwas nicht bezahlt hätten. Ich sorge mich sehr um +Sie. +</p> + +<p> +Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: +ich garniere nämlich meinen Hut mit Band. +</p> + +<p> +P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, +werde ich meinen neuen Hut aufsetzen und die schwarze +Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so gefallen? +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-21" title="21. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +7. Juli. +</p> + +<p class="addr"> +Meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch +zurück. – Ja, mein Kind, auch wir haben seinerzeit +dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich einstmals +wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt, +sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch +nichts gewesen, das Wunderliche aber war dabei, daß +ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen und auch im +Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch +verliebte ich mich in sie. +</p> + +<p> +Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +Leute, alle Wand an Wand und Tür an Tür. Ich geriet +in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein, obschon +ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt +hatte. Dann aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, +ging ich auf alles ein. Und was sie mir nicht +von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden Abend, so +oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei +– für Notwendiges hatten sie nie einen Heller – +schob die ganze Kumpanei ins Theater auf die Galerie +und klatschte und klatschte und rief immer nur diese +eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen +gebärdeten sie sich! Und dann ließen sie einen +natürlich nicht einschlafen: die ganze Nacht wurde +nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine +Glascha<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a>, alle waren sie in sie verliebt, alle hatten +sie nur den einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da +regten sie denn schließlich auch mich auf. Ich war ja +damals noch ganz jung! +</p> + +<p> +Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit +ihnen im Theater saß, oben auf der Galerie. Sehen +konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang, dafür aber +hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen +– hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten +uns die Hände rot und blau, schrien, schrien – mit +einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen genommen, +ja, einer wurde wirklich hinausgeführt. +</p> + +<p> +Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich! +In der Tasche hatte ich nur noch einen Rubel, bis +zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja, +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf +dem Wege zum Dienst, trat ich in einen Parfümerieladen +ein und kaufte für mein ganzes Kapital Parfüm +und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst +nicht mehr zu sagen, wozu ich dies alles damals kaufte. +Und dann speiste ich nicht einmal zu Mittag, sondern +ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte +am Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, +saß ein Weilchen, erholte mich, und dann ging ich wieder +auf den Newskij, um ihr von neuem Fensterpromenaden +zu machen. +</p> + +<p> +So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick +nahm ich Droschken, immer Lichatschi<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a>, und fuhr +hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich brachte all +mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis +ich dann schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, +und das Ganze mir langweilig wurde. +</p> + +<p> +Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem +ordentlichen Menschen zu machen imstande ist! Doch +ich war damals wirklich noch jung, Warinka, noch +ganz, ganz jung! ... +</p> + +<p class="sign"> +M. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-22" title="22. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +8. Juli. +</p> + +<p class="addr"> +Meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten +habe, beeile ich mich, Ihnen zurückzusenden. +Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit Ihnen in diesem +Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +Kind, wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine +Zwangslage gebracht haben. +</p> + +<p> +Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist +sein Stand von dem Höchsten zugeteilt. Dem einen +ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem +anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, +zu befehlen, diesem, widerspruchslos und in +Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal so, ist genau +nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der +eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, +die Fähigkeiten selbst aber, die stammen von +Gott. +</p> + +<p> +Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich +erfülle meine Pflicht mit Peinlichkeit, pflege stets +nüchtern zu sein, und habe mir noch nie etwas zuschulden +kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte +ich mich nach eigener Erkenntnis für einen Mann, +der sowohl seine Fehler, wie auch seine Tugenden besitzt. +Die Vorgesetzten achten mich und selbst Seine +Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher +auch noch keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben +haben, so weiß ich doch auch so, daß sie mit mir +zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig, nicht +allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich +am besten mit Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls +aber befriedigt sie! Bei uns kann allerhöchstens +Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das +heißt, auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist +im Dienst allgemach grau geworden. Eine große Sünde +wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich, wer +sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +sogar Sie sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen +oder auch nur eine bewußte Unbotmäßigkeit +habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die +öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so +etwas habe ich mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich +bei so etwas betroffen. Sogar ein Kreuzchen habe ich +erhalten – doch was soll man davon reden! Das müßten +Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen +müssen, denn wenn er sich schon einmal an das Beschreiben +machte, dann hätte er sich eben vorher nach +allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von +Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen +nicht, Warinka!<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> +</p> + +<p> +Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem +Winkelchen leben – gleichviel wie und wo es +auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein Wässerchen +zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig +und zurückgezogen, damit auch die anderen +einen nicht anrühren, ihre Nasen nicht in deine Hütte +stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es denn bei +dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, +hast du auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch +Stiefel und wie sind sie besohlt, was ißt du, was +trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn dabei, +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter +auf den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? +Warum muß man gleich von einem anderen geschwätzig +schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit +sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle +Menschen unbedingt Tee trinken müßten! Sehe ich +denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen, was +für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe +ich denn schon so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb +andere beleidigen, die einem nichts Böses getan +haben? +</p> + +<p> +Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara +Alexejewna, da sehen Sie, was das heißt: dienen, +dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine Pflicht +erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich +(was man da auch immer reden wird, aber sie achten +dich doch), – und da setzt sich nun plötzlich jemand +dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne alle Veranlassung +mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift +über dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, +wie es dort in dem Buche steht! +</p> + +<p> +Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues +angeschafft, so freut man sich darüber, schläft womöglich +vor lauter Freude nicht, wie sonst: hat man zum +Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht +man sie an. Das ist wahr, das habe auch ich schon +empfunden, denn es ist angenehm, seinen Fuß in +einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz richtig beschrieben! +Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, +daß Fedor Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen +lassen und nicht für sich selbst eingetreten ist. +</p> + +<p> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und +schreit manchmal ganz gern seine Untergebenen an. +Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen? Warum +soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit +unsereinem anders doch nicht auskommt? Nun +ja, sagen wir, er tut es nur um des Tones willen, – +nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel +stramm halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter +uns gesagt, Warinka – ohne Strenge, ohne +Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur +seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene +dort und dort,“ doch um die Arbeit sucht sich ein jeder, +so gut es eben geht, herumzudrücken. Da es aber verschiedene +Ränge gibt und jeder Rang den verdienten +Rüffel in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften +Tonart verlangt, so ergibt das naturgemäß verschiedene +Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle durchnimmt, +– das liegt nun schon in der Ordnung der +Dinge! Darauf ruht doch die Welt, mein Kind, daß +immer einer den anderen beherrscht und im Zaum +hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die +Welt gar nicht bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? +Nein, ich wundere mich wirklich, wie Fedor +Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat +durchlassen können! +</p> + +<p> +Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? +Wird denn jemand von den Lesern auch nur +einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar +Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und +verlangt noch obendrein eine Fortsetzung! +</p> + +<p> +Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +und verkriecht sich, man fürchtet sich, auch nur seine +Nase zu zeigen, weil man davor zittert, bespöttelt zu +werden, weil man weiß, daß alles, was es in der Welt +gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst +du, zieht dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben +durch die Literatur, alles ist gedruckt, gelesen, belacht, +verspottet! Man kann sich ja nicht einmal mehr +auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau +beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt +werden muß! Wenn er sich doch wenigstens zum +Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas wieder +gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener +Stelle, an der man seinem Helden die Papierschnitzel +auf den Kopf streut, gesagt hätte, daß er bei alledem +ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und +eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient +hätte, daß er den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft +seine Pflicht erfüllt (hier hätte er dann +noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er +niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt +und, als er gestorben (wenn er ihn nun einmal unbedingt +sterben lassen wollte), von allen beweint worden +sei. +</p> + +<p> +Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den +Armen, gar nicht hätte sterben lassen, sondern wenn +er es so gemacht hätte, daß sein Mantel wieder aufgefunden +worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch +– nein, was sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte +Näheres über seine Tugenden erfahren und ihn in +seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren +Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +bisherigen gegeben hätte, so daß es dann, sehen +Sie, so herausgekommen wäre, daß das Böse bestraft +wird und die Tugend triumphiert – die anderen +Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann +alle das Nachsehen gehabt! +</p> + +<p> +Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so +wie er es geschrieben hat – was ist denn dabei Besonderes, +was ist dabei Schönes? Das ist ja doch einfach +nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen +niedrigen Leben! Und wie haben <em>Sie</em> sich nur entschließen +können, mir ein solches Buch zu senden, meine +Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein vorsätzlich +Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach +nicht wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, +daß es einen solchen Beamten irgendwo +geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen, Warinka, +werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr gehorsamster Diener<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-23" title="23. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +27. Juli. +</p> + +<p class="addr"> +Mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich +recht erschreckt, und zwar um so mehr, als ich mir anfangs +nichts zu erklären wußte – bis Fedora mir +dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn +gleich so verzweifeln und in einen solchen Abgrund +stürzen, Makar Alexejewitsch? Ihre Erklärungen haben +mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt, +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte +Stelle anzunehmen? Überdies ängstigt mich +mein letztes Abenteuer sehr. +</p> + +<p> +Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt, +mir manches zu verheimlichen. Ich habe es ja schon +damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu Dank verpflichtet +war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für +mich nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie, +wie Sie sagten, auf der Kasse liegen hätten. Jetzt aber, +nachdem ich erfahren habe, daß Sie überhaupt kein +erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von +meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, +Ihr Gehalt, <a id="corr-8"></a>das Sie sich noch dazu vorauszahlen +ließen, für mich auszugeben, und daß Sie während +meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft +haben – jetzt sehe ich mich in eine so qualvolle Lage +versetzt, daß ich gar nicht weiß, wie ich alles das auffassen +und was ich überhaupt denken soll! +</p> + +<p> +Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der +notwendigsten Hilfe, die Sie mir aus Mitleid und +verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden lassen +und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges +verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, +Makar Alexejewitsch, Sie haben mein Vertrauen +mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß Sie Ihr +letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge, +Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben +– jetzt bezahle ich das teuer mit Selbstvorwürfen und +der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen Leichtsinns, +denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, +ohne nach Ihrem Auskommen zu fragen. Auf +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +diese Weise verwandelt sich jetzt alles, womit Sie mir +einst Freude machen wollten, in eine drückende Last, +und alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern +verdrängt. +</p> + +<p> +Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen, +daß Sie bedrückt waren, aber obschon ich +selbst ahnungsvoll irgendein Unheil erwartete, konnte +ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht fassen. +Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße +den Mut verlieren können, Makar Alexejewitsch! Was +werden jetzt diejenigen, die Sie kennen, von Ihnen sagen? +Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer Herzensgüte, +Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet +habe, Sie haben sich plötzlich einem so widerlichen +Laster ergeben können, dem Sie doch, soviel mir +scheint, früher noch nie gefrönt haben. +</p> + +<p> +Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora +mir erzählte, daß man Sie in berauschtem Zustande +auf der Straße gefunden und die Polizei Sie +nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, – obschon +ich mich auf etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht +hatte, da Sie ja doch schon seit ganzen vier Tagen verschwunden +waren. Haben Sie denn nicht daran gedacht, +Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten +dazu sagen werden, wenn sie die wirkliche Ursache Ihres +Ausbleibens vernehmen? Sie sagen, daß alle über +Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, +und daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden +auch meiner Erwähnung tun. Beachten Sie das nicht, +Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um Gottes +willen! +</p> + +<p> +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte +mit jenen Offizieren, – ich habe nichts Genaueres erfahren +können, nur so ein Gerücht. Erklären Sie +mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat. +</p> + +<p> +Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die +Wahrheit mitzuteilen, weil Sie dann vielleicht meine +Freundschaft verloren haben würden, daß Sie während +meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb +alles verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und +somit verhindern zu können, daß man mich ins Hospital +brachte, daß Sie soviel Schulden gemacht, wie es +Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin +Ihnen jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, – +aber indem Sie mir alles dies verheimlichten, wählten +Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch alles erfahren! +Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß +ich die Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben +mir aber nun durch Ihre Aufführung doppelten Kummer +bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen, Makar +Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist +eine ansteckende Krankheit. Arme und Unglückliche +müßten sich fernhalten voneinander, um sich gegenseitig +nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen +solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem +bescheidenen stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben. +Das quält mich entsetzlich und nimmt mir jede +Kraft. +</p> + +<p> +Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort +mit Ihnen geschehen ist und wie Sie sich so weit haben +vergessen können. Beruhigen Sie mich, wenn es +Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +sondern nur aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, +die nichts aus meinem Herzen tilgen könnte. +</p> + +<p> +Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit +Ungeduld. Sie haben schlecht von mir gedacht, Makar +Alexejewitsch. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre Sie von Herzen liebende<br> +Warwara Dobrosseloff. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-24" title="24. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +28. Juli. +</p> + +<p class="addr"> +Meine unschätzbare Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden +ist und alles allmählich wieder ins alte Geleise kommt, +kann ich ja zu Ihnen ganz aufrichtig sein, mein Kind. +Also: es beunruhigt Sie, was man von mir denken +und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich +mich, Ihnen mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte +mir höher steht, als alles andere. Und da kann ich Ihnen +denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen Unglücksfällen +und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, +daß von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas +erfahren hat, so daß sie mich alle nach wie vor +achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich +Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, +aber nachdem ich ihr jetzt mittels Ihrer zehn Rubel +einen Teil meiner Schuld bezahlt habe, brummt sie +nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht +so schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten, +dann sind sie ganz gut. Zum Schluß aber dieser meiner +Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein Kind, +daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und +jedes in der Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +habe, tröste ich mich nun in der Zeit meiner +Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und +die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß +Sie es so milde auffassen, daß Sie mich deshalb nicht +für einen treulosen Freund und selbstsüchtigen Menschen +halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt und +Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, +mich von Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe +mich mit Eifer von neuem an meine Arbeit gemacht +und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im +Dienst mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij +Iwanowitsch sagte kein Wort, als ich gestern an +ihm vorüberging. +</p> + +<p> +Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein +Kind, daß meine Schulden und der schlechte Zustand +meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber darauf +kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie +nur inständig, sich wegen dieser Nebensachen keine +Sorgen zu machen. Sie senden mir noch ein halbes +Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat +mir mein Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so +hat sich das Blatt gewandt! Nicht ich, der alte +Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern +Sie, mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir! +Das war sehr gut von Fedora, daß sie Geld verschafft +hat. Ich habe vorläufig gar keine Aussichten, irgendwo +welches auftreiben zu können, mein Kind, doch sobald +sich irgendeine Aussicht auf eine Möglichkeit einstellen +sollte, werde ich Ihnen darüber ausführlich näheres +schreiben. Nur der Klatsch, der Klatsch beunruhigt +mich! +</p> + +<p> +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich küsse Ihr +Händchen und bitte Sie flehentlich, nur ja wieder gesund +zu werden. Ich schreibe deshalb so kurz, weil +ich zum Dienst eilen muß, denn durch Eifer und Fleiß +will ich alle meine Versäumnisse nachholen und so +mein Gewissen langsam beruhigen. Die ausführlichere +Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener Geschichte +mit den Offizieren verschiebe ich auf den +Abend. Dann habe ich mehr Zeit. +</p> + +<p class="sign"> +Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-25" title="25. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +28. Juli. +</p> + +<p class="addr"> +Warinka, mein Liebes! +</p> + +<p class="noindent"> +Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld +auf Ihrer Seite und wird auf Ihrem Gewissen lasten +bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich um den +Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, +und mich ganz und gar vor den Kopf gestoßen: +erst jetzt, nachdem ich in Muße nachgedacht und mir +bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich und +weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen +im Recht. Ich rede jetzt nicht von meinen drei +wüsten Tagen (lassen wir das gut sein, Kind, +reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer +wieder, daß ich Sie liebe und daß es keineswegs +unvernünftig von mir war, Sie zu lieben, nein, durchaus +nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja +doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das +alles kam, warum ich Sie lieben muß, so würden Sie +ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur so, +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz +anders denken. +</p> + +<p> +Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz +genau, was ich mit jenen Offizieren eigentlich hatte. +Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein Engelchen, daß +ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand. +Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon +einen ganzen Monat sozusagen nur noch an einem +Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß, daß +ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. +Vor Ihnen versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte +ich mich gleichfalls, aber meine Wirtin schrie +trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich hätte +mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien +lassen, die schändliche Person, so viel sie wollte, aber +erstens war es doch eine Schande, und zweitens kam +hinzu, daß sie Gott weiß woher von unserer Freundschaft +erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen +Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören +und Sehen verging und ich mir die Ohren zuhielt. +Die anderen aber hielten sich ihre Ohren nicht zu, sondern +rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. +Auch jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich +vor ihnen verbergen soll ... +</p> + +<p> +Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm +von Unglück in allen seinen Arten war ich eben +nicht gewachsen. Und da hörte ich nun plötzlich von +Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen +sei und Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. +Daß er Sie tief und grausam beleidigt haben +mußte, das konnte ich schon nach mir selbst beurteilen, +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt. +Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich +eben den Verstand, verlor den Kopf und verlor mich +selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen Wut +fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden. +Ich wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, +dem nichts mehr heilig war! Doch ich weiß selbst +nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein Engelchen, +daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig +war es! Regen und Schmutz draußen und Weh und +Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon zurückzukehren +... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. +Ich begegnete dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, – +er ist ein Beamter, d. h. er war Beamter, jetzt aber +ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem +Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit +er sich jetzt beschäftigt – irgendwie wird er sich +wohl schon durchzuschlagen wissen und so gingen wir +denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll +man da reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, +von den Verirrungen und Prüfungen Ihres Freundes +zu lesen – und den Bericht von all dem Unglück +mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, +gegen Abend – der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte +mich aufgehetzt – ging ich schließlich hin zu dem +Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem Hausknecht +erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal +die Rede davon ist – schon lange diesen jungen +Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon lange beobachtet, +als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt +sehe ich ja ein, daß ich mich nicht richtig benommen +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +habe, denn ich war nicht in einem klaren Zustande, +als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und +dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß +ich nichts mehr, was dann noch geschah. Ich erinnere +mich nur noch, daß sehr viele Offiziere bei ihm waren, +oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen +alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort +eigentlich tat, ich weiß nur, daß ich viel sprach, und +zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun und da wurde +ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe +hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich +hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich +wurde hinausbefördert. Wie ich wieder nach Hause +kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles, +Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und +meine Ehre hat darunter gelitten, aber von dem ganzen +weiß ja doch niemand, von fremden Menschen niemand, +außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch +ebenso gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, +vielleicht ist es auch wirklich so, Warinka, was meinen +Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß, das ist, daß +im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns +ganz ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er +tat es nicht öffentlich, tat es unter vier Augen. Er +ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber sah alles +zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, +wie er es für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung +von Ehre und Haltung: denn wie gesagt, es sah +niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun, +ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß +ich nichts davon habe verlauten lassen, es ist also ganz +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +so, als hätte auch ich nichts gewußt. Nun und nachher +haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij Ossipowitsch +immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas +zwischen ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen +Sie, solch ein Ehrgeiziger, daher hat er denn auch +niemand etwas gesagt, und jetzt grüßen sie sich, als +ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar die +Hand. +</p> + +<p> +Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja +gar nicht, Ihnen zu widersprechen, ich sehe es selbst +ein, daß ich tief gesunken bin und ich habe sogar, was +am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr +viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon +von Geburt an so bestimmt gewesen sein: das war eben +mein Schicksal, – dem Schicksal aber entgeht man +nicht, wie Sie wissen. +</p> + +<p> +So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles +dessen, was mich in meiner Not und meinem Elend +noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie sehen, ist es +von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu +denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir +alle bessern Gefühle abhanden gekommen. Ich schließe, +indem ich Sie, verehrte Warwara Alexejewna, +meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, +und verbleibe +</p> + +<p class="sign"> +Ihr ergebenster Diener<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-26" title="26. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +29. Juni. +</p> + +<p class="addr"> +Mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hände +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +zusammengeschlagen! Mein Gott, mein Gott! +Hören Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie +mir etwas oder Sie haben mir überhaupt nur einen +Teil Ihrer Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ... +wirklich, Makar Alexejewitsch, aus Ihren Briefen lese +ich noch immer eine gewisse Verstörtheit heraus ... +Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen +Sie! Und hören Sie: kommen Sie einfach zum Mittagessen +zu uns. Ich weiß nicht, wie Sie dort leben +und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie +schreiben davon nichts, und zwar scheinbar absichtlich, +als wollten Sie wieder etwas verschweigen. +</p> + +<p> +Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie +unbedingt heute zu uns. Überhaupt wäre es besser, +wenn Sie immer bei uns essen würden. Fedora kocht +sehr gut. Leben Sie wohl. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre<br> +Warwara Dobrosseloff. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-27" title="27. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +1. August. +</p> + +<p class="addr"> +Warwara Alexejewna, meine Liebe! +</p> + +<p class="noindent"> +Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr +Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben hat, Gutes mit Gutem +zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu beweisen. +Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die +Engelsgüte Ihres Herzchens, und will Ihnen keinen +Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir nicht wie +damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein +Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal +gesündigt, was ist da zu machen! – wenn Sie durchaus +wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen Sie, +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut +weh! +</p> + +<p> +Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen +das sage. In meinem Herzen ist alles krank, mein +Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von der Natur +selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon +beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist +empfindlich: Gottes Welt sieht er anders an, auf jeden +Vorübergehenden sieht er mißtrauisch von der +Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt +um, und horcht auf jedes Wort – ob da nicht +etwa von ihm gesprochen wird? Ob man sich nicht gerade +zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er +ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in +diesem Augenblick wohl empfinde? Vielleicht auch, +wie er denn eigentlich von dieser, und wie er wohl +von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder, +Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als +ein alter Lappen ist und keinerlei Achtung von anderen +Menschen verlangen kann, was man da auch immer +schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen +da schreiben: es bleibt am armen Menschen doch alles +so, wie es war. Und weshalb bleibt es so, wie es war? +Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen +mit der linken Seite nach außen sein muß, er darf da +nichts tiefinnerlich Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz +beispielsweise oder sonst sowas, das duldet man +einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß +man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht +habe, und daß er dabei für jeden Heller gewissermaßen +einer Besichtigung unterzogen worden sei. Die Menschen +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen +nicht umsonst geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür, +daß man ihnen einen armen Menschen zeigte. +Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz +eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer +so erwiesen worden sind, wer kann das wissen! Entweder +verstehen es die Leute nicht oder sie sind schon +gar zu große Meister darin – eins von beiden. +</p> + +<p> +Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann +merken Sie es sich! Glauben Sie mir, Warinka, +wenn ich auch über manches nicht mitreden kann – +hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! +Woher aber weiß ein armer Mensch alles dies? +Und warum denkt er überhaupt so etwas? Ja, woher +weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung! +Ebensogut wie er weiß, daß dort der feine Herr, der +neben ihm geht und sogleich in ein Restaurant treten +wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser +arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde +mir jedenfalls <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sauté aux papillotes</span> bestellen, er +aber wird vielleicht einen Brei ohne Butter essen!“ – +Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter +essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, +Warinka, es gibt wirklich solche Menschen, die +nur an so etwas denken. Und die gehen dann noch umher, +diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln +überall und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß +auftritt, oder nur mit der Fußspitze, und notieren es +sich noch, daß der und der Beamte in dem und dem +Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen +hervorgucken, daß die Ärmel seiner Uniform an den +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +Ellenbogen durchgescheuert sind und Löcher aufweisen +– und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und +obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an, +daß meine Ellenbogen zerrissen sind? Ja, wenn Sie +mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so sage ich +Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung +ganz dieselbe Scham empfindet, wie Sie beispielsweise +Ihre Mädchenscham empfinden. Sie werden sich doch +auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das +grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie, +genau so ungern sieht es der arme Mensch, daß man +in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu sehen, +wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag +aber für ein Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit +meinen Feinden, die es auf die Ehre und den guten +Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu +beleidigen? +</p> + +<p> +Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz +mäuschenstill und geduckt, und kam mir selbst wie ein +gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham fast +vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man +verliert ja unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, +daß durch das durchgescheuerte Ärmelzeug die Ellenbogen +schimmern und die Knöpfe nur noch an einem +Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, +alles buchstäblich wie behext, und in der größten +Verwahrlosung! Da verliert man denn ganz unwillkürlich +seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst Stepan +Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir +zu sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, +und dann plötzlich entfuhr es ihm ganz unversehens: +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +„Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach aber das andere +nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich +es durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, +daß sogar meine Glatze rot wurde. Es hat ja im +Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist doch immer irgendwie +beunruhigend und bringt einen auf ganz +schwermütige Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon +etwas erfahren haben? Gott behüte, wenn Sie nun +doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich, aufrichtig +gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark +im Verdacht. Diesen Räubern macht es doch nichts +aus! Die verraten einen ohne weiteres! Sie sind fähig, +dein ganzes Privatleben für nichts und wieder +nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig! +</p> + +<p> +Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff +hat’s getan! Er muß mit jemandem aus unserem Ressort +bekannt sein, und da hat er dem Betreffenden so +gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine +Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er +hat’s vielleicht in seinem Bureau erzählt, und von dort +ist es dann hinausgetragen worden und auch zu uns +gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau +unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem +Fenster. Ich weiß schon, daß sie’s tun. Und als ich +gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging, steckten sie +aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin +sagte, da habe nun der Teufel mit einem Säugling +einen Bund geschlossen, und dann drückte sie sich außerdem +noch unanständig über Sie aus. +</p> + +<p> +Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche +Absicht Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +und uns in einer pikanten Satire zu +schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir deuteten +es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt +an nichts mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, +wozu ich mich entschließen muß. Ja, – soll +man da noch länger seine Sünde in Abrede stellen, +wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, +mein Engelchen! +</p> + +<p> +Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, +damit ich mich nicht langweile. Lassen Sie es gut sein, +Liebling, was mach ich damit! Und was ist denn solch +ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und +auch Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um +des Unsinns willen geschrieben, nur so, damit müßige +Leute etwas zu lesen haben. Glauben Sie mir, mein +Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen +Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von +Shakespeare anfangen – in der Literatur, siehst du, +gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch ihr +ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, +und nichts weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe +und nur zu solchem Zweck von diesem Pasquillanten +verfaßt! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-28" title="28. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +2. August. +</p> + +<p class="addr"> +Mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht +mehr! Gott wird uns schon helfen und alles wird wieder +gut werden. Fedora hat für sich und mich eine +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergnügt +sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir +dadurch alles wieder gutmachen können. Fedora sagte +mir, sie glaube, daß Anna Fedorowna über alle meine +Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet +sei, doch mir ist jetzt alles gleichgültig. Ich bin +heute ganz besonders froh gestimmt. +</p> + +<p> +Sie wollen Geld borgen – Gott bewahre Sie davor! +Damit würden Sie sich noch mehr Unglück auf +den Hals laden, denn Sie müssen es zurückzahlen, +und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben +Sie jetzt lieber noch etwas sparsamer, kommen Sie +öfter zu uns und achten Sie nicht darauf, was Ihre +Wirtin da schreit. Was aber Ihre übrigen Feinde und +alle Ihnen mißgünstig Gesinnten betrifft, so bin ich +überzeugt, daß Sie sich mit ganz grundlosen Befürchtungen +quälen, Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p> +Sie könnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten, +ich habe Ihnen schon das vorige Mal gesagt, daß +Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also leben +Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter +allen Umständen. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre<br> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-29" title="29. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +3. August. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Engelchen Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, +daß ich jetzt doch wieder eine kleine Aussicht habe und +damit auch wieder Hoffnung. Aber zunächst erlauben +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle +keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht +ohne sie. Mir geht es schon schlecht, aber wie wird +das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen doch plötzlich +etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches +Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn +auch, daß man sich unbedingt Geld verschaffen muß. +Und nun hören Sie weiter. +</p> + +<p> +Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im +Bureau neben Jemeljan Iwanowitsch sitze. Das ist +nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon erzählt +habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. +Wir beide sind so ziemlich die Ältesten im ganzen +Departement, die Alteingesessenen, wie man uns zu +nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch, ein uneigennütziger +Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig, +wissen Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein +richtiger Brummbär aus. Dafür arbeitet er gut, hat +eine sogenannte englische Handschrift, und wenn man +die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als +ich. Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! +Sehr intim sind wir beide nie gewesen, nur so auf +„Guten Tag!“ und „Leben Sie wohl!“ haben wir gestanden, +doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein +Federmesser nötig hatte, nun, dann sagte ich eben: +„Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr Messerchen, auf +einen Augenblick!“ Also eine richtige Unterhaltung +gab’s zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, +was man sich so gelegentlich zu sagen hat, +wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen Sie, +da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir: +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +„Makar Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so +nachdenklich?“ +</p> + +<p> +Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir – und +da vertraute ich mich ihm denn an. So und so, sagte +ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles erzählte ich +ihm nicht – und natürlich, Gott behüte, werde ich das +auch nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, +aber so dies und jenes habe ich ihm doch anvertraut, +mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß ich „etwas +in Geldverlegenheit“ sei, nun, und so weiter. +</p> + +<p> +„Aber Sie könnten doch, Väterchen,“ sagte darauf +Jemeljan Iwanowitsch, „könnten sich doch von jemandem +Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von +Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe +auch von ihm geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar +so hohe Prozente, wirklich, nicht gar so hohe.“ +</p> + +<p> +Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders +vor lauter Freude – es hüpfte nur so! Ich dachte +und dachte hin und her und setzte mein Vertrauen +auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch +vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht. +Und ich begann schon, alles auszurechnen: wie ich +dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen und +auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen +verleihen würde – denn so ist es doch eine wahre +Schande, man schämt sich ordentlich, auf seinem +Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die Jungen +ewig über einen lachen – nun, Gott verzeih’ ihnen! +Aber auch Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem +Tisch vorüber: nun, sagen wir, wenn sie einmal – +wovor Gott uns behüte und bewahre! – wenn sie +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +einmal im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen +geruhten und bemerken sollten, daß ich, sagen wir, +ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner Exzellenz aber +sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie +würden ja wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, +ich würde auf der Stelle sterben vor Scham, – +sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn all +meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut +es ging, und begab mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits +voll Hoffnung und andererseits weder tot noch +lebendig vor Erwartung – beides zugleich. +</p> + +<p> +Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es +endete mit – nichts. Er war da sehr beschäftigt und +sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich trat von +der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am +Ärmel: bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle, +mit Pjotr Petrowitsch. Er sah sich nach mir um – und +da begann ich denn und sagte ungefähr: „So und so, +Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa +dreißig Rubel usw.“ – Er schien mich zuerst nicht +ganz zu verstehen, als ich ihm aber dann nochmals +alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber +nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er +aber fragte plötzlich: „Haben Sie ein Pfand?“ – +selbst jedoch vertiefte er sich wieder ganz in seine Papiere +und schrieb weiter, ohne sich nach mir umzusehen. +Das machte mich ein wenig befangen. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte ich, „ein Pfand habe ich nicht, +Pjotr Petrowitsch“ – und ich erklärte ihm: „So und +so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen, sobald ich +meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +werde es für meine erste Pflicht erachten.“ In diesem +Augenblick rief ihn jemand und er ging fort, ich blieb +aber und erwartete ihn. Er kam denn auch bald wieder +zurück, setzte sich, spitzte seine Feder – mich aber +bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch +wieder darauf zu sprechen, „also so und so, Pjotr Petrowitsch, +ginge es denn nicht doch irgendwie?“ +</p> + +<p> +Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu +hören, ich aber stand, stand. – Nun, dachte ich, ich +will es doch noch einmal, zum letztenmal, versuchen, +und zupfte ihn wieder ein wenig am Ärmel. Er sagte +aber keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen +von seiner Federspitze und schrieb weiter. Da ging ich +denn. +</p> + +<p> +Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht +sehr ehrenwerte Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, +– nichts für unsereinen! Wo reichen wir an diese +hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe +ich Ihnen auch alles das geschrieben. +</p> + +<p> +Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen +und schüttelte den Kopf, aber er machte mir doch +wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan Iwanowitsch +ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich +einem gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, +Warinka, der auf der Wiborger Seite<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> wohnt, leiht +gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan Iwanowitsch +sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. +Ich werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen +werde ich zu ihm gehen. Was meinen Sie dazu? Es +geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon, +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen +geben. Und meine Stiefel sind schrecklich schlecht, mein +Kind, und Knöpfe fehlen mir überall, und was mir +nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der Vorgesetzten +eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein +Unglück, Warinka, wirklich ein Unglück! +</p> + +<p class="sign"> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-30" title="30. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +4. August. +</p> + +<p class="addr"> +Lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen +Sie so bald als möglich Geld! Ich würde Sie unter +den jetzigen Umständen natürlich für keinen Preis +um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher +Lage ich mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser +Wohnung bleiben, ich muß fort! Ich habe die schrecklichsten +Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können es sich +nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin! +</p> + +<p> +Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen +erscheint bei uns plötzlich ein fremder Herr, ein schon +bejahrter Mann, nahezu ein Greis, mit Orden auf der +Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er +von uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um +noch etwas zu kaufen. Er begann mich auszufragen: +wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und darauf +erklärte er mir – ohne meine Antwort abzuwarten, +– er sei der Onkel jenes Offiziers und habe sich über +das flegelhafte Betragen seines Neffen sehr geärgert: +er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in +einen schlechten Ruf gebracht habe – sein Neffe sei +ein leichtsinniger Bengel, der zu nichts tauge, er aber +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +fühle sich als Onkel verpflichtet, die Schuld seines +Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu nehmen. +Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen +Leute zu hören, er dagegen habe wie ein Vater Mitleid +mit mir, empfinde überhaupt väterliche Liebe für +mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu helfen. +</p> + +<p> +Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was +ich denken sollte, weshalb ich ihm natürlich auch nicht +dankte. Er nahm meine Hand und hielt sie fest, obschon +ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte meine Wange, +sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders +gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe. +– Gott weiß, was er da noch sprach! – und zu guter +Letzt wollte er mich auch noch küssen: er sei ja schon ein +Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! – Da trat +Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen +und begann wieder damit, daß er mich wegen meiner +Bescheidenheit und Wohlerzogenheit überaus achte: +er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor +ihm verlöre. Dann rief er Fedora beiseite und wollte +ihr unter einem seltsamen Vorwand Geld in die Hand +drücken. Doch Fedora nahm es natürlich nicht an. Da +brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals alle +seine Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder +zu besuchen und mir dann Ohrringe mitzubringen (ich +glaube, er war zum Schluß selbst etwas verlegen). Er +riet mir außerdem, in eine andere Wohnung überzusiedeln, +und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei +und mich nichts kosten würde. Er sagte, daß er mich +namentlich deshalb sehr liebgewonnen habe, weil ich +ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen sei. Darauf +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +riet er mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend +in acht zu nehmen, und zum Schluß erklärte er, +daß er mit Anna Fedorowna bekannt sei und sie ihn +beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen +werde. Da begriff ich denn alles! Ich weiß nicht mehr, +was mit mir geschah – ich habe das zum erstenmal +gefühlt und mich zum erstenmal in einer solchen Lage +befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn tüchtig +– und Fedora stand mir bei und jagte ihn förmlich +aus dem Zimmer. Das ist natürlich Anna Fedorownas +Machwerk – woher hätte er sonst etwas von +uns erfahren können? +</p> + +<p> +Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, +und flehe Sie an, mir beizustehen. Helfen Sie mir, +um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt nicht im Stich! +Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur +ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten +eines Umzuges bestreiten könnten, hierbleiben aber +können wir unter keinen Umständen, das ist ganz ausgeschlossen. +Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen +wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde +Ihnen dieses Geld zurückgeben, ich werde es mir schon +verdienen! Fedora wird mir in den nächsten Tagen +noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht +durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, +gehen Sie auf jede Bedingung ein! Ich werde +Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen Sie mich jetzt +nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen +unter den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu +kommen, aber Sie sind doch meine einzige Stütze, meine +einzige Hoffnung! +</p> + +<p> +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie +an mich, und Gott gebe Ihnen Erfolg! +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-31" title="31. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +4. August. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schläge +sind es, die mich erschüttern! Gerade diese schrecklichen +Heimsuchungen schlagen mich zu Boden! Dieses +Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswürdigen +Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf +das Krankenlager bringen, durch alle die Aufregungen, +die sie Ihnen bereiten, sondern auch mir wollen +sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden +sie, ich schwöre es, das werden sie! Ich wäre doch +jetzt eher zu sterben bereit, als Ihnen nicht zu helfen! +Und wenn ich Ihnen nicht helfen könnte, so wäre das +mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich Ihnen +aber, so fliegen Sie mir schließlich wie ein Vöglein +fort, und dann werden Sie von diesen Nachteulen, +diesen Raubvögeln, die Sie jetzt aus dem Nestchen +locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist +es, was mich am meisten quält, mein Kind. Aber auch +Ihnen, Warinka, trage ich eines nach: warum müssen +Sie denn gleich so grausam sein? Wie können Sie +nur! Sie werden gequält, Sie werden beleidigt, Sie, +mein Vögelchen, mein kleines, armes Herzchen, haben +nur zu leiden, und da – da machen Sie sich noch deshalb +Sorgen, daß Sie mich beunruhigen müssen, und +versprechen, das Geld zurückzuzahlen, und es zu erarbeiten: +das aber heißt doch in Wirklichkeit, daß Sie sich +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +bei Ihrer schwachen Gesundheit zuschanden arbeiten +wollen, um für mich zum richtigen Termin das Geld +zu beschaffen! So bedenken Sie doch bloß, Warinka, +was Sie da sprechen! Wozu sollen Sie denn nähen +und arbeiten und Ihr armes Köpfchen mit Sorgen +quälen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka, +Warinka! +</p> + +<p> +Sehen Sie, mein Täubchen, ich tauge zu nichts, zu +gar nichts, und ich weiß es selbst, daß ich zu nichts +tauge, aber ich werde dafür sorgen, daß ich doch noch +zu etwas tauge! Ich werde alles überwinden, ich +werde mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde für +unsere Schriftsteller Abschriften machen, ich werde zu +ihnen gehen, werde selbst zu ihnen gehen und mir Arbeit +von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute Abschreiber, +ich weiß es, daß sie sie suchen! Sie aber sollen +sich nicht krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich +das zu! +</p> + +<p> +Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt +Geld auftreiben, ich sterbe eher, als daß ich es nicht +tue. Sie schreiben, mein Täubchen, ich solle vor hohen +Prozenten nicht zurückschrecken: – das werde ich gewiß +nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurückschrecken, +jetzt vor nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel +erbitten, mein Kind. Das ist doch nicht zu viel, +Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig +Rubel auf mein Wort ohne weiteres anvertrauen? +Das heißt, ich will nur wissen, ob Sie mich für fähig +halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen einzuflößen? +So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und +überhaupt – kann man mich da auf den ersten Blick +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +hin günstig beurteilen? Denken Sie zurück, mein Engelchen, +denken Sie nach, kann ich wohl einen guten +Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal +sieht? Bin ich wohl der Mann dazu? Was meinen +Sie? Wissen Sie, man fühlt doch solch eine Angst – +krankhaft geradezu, wirklich krankhaft! +</p> + +<p> +Von den vierzig Rubeln gebe ich fünfundzwanzig +Ihnen, Warinka, zwei der Wirtin und den Rest behalte +ich für mich, für meine Ausgaben. +</p> + +<p> +Zwar sehen Sie: der Wirtin müßte ich eigentlich +mehr geben, sogar unbedingt mehr, aber überlegen +Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen Sie mal zusammen, +was ich nur fürs Allernotwendigste brauche: +Sie werden einsehen, daß ich ihr unter keinen Umständen +mehr geben kann – folglich lohnt es sich gar nicht, +noch weiter darüber zu reden, und man kann die Frage +einfach ausschalten. Für fünf Rubel kaufe ich mir ein +Paar Stiefel. Ich weiß wirklich nicht, ob ich morgen +noch mit den alten in den Dienst gehen kann. Eine +Halsbinde wäre wohl auch sehr nötig, da die jetzige +schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem +alten Schürzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern +auch eine Halsbinde zu verfertigen versprachen, so will +ich daran nicht weiter denken. Somit hätten wir Stiefel +und Halsbinde. Jetzt noch Knöpfe, mein Liebes! +Sie werden doch zugeben, Kindchen, daß ich ohne +Knöpfe nicht auskommen kann, von meinem Uniformrock +ist aber die Hälfte der Garnitur schon abgefallen. +Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Seine Exzellenz +eine solche Nachlässigkeit bemerken und sagen könnten +– ja, was!? Das würde ich ja doch nicht mehr hören, +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +denn ich würde dort sterben, auf der Stelle sterben, tot +hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloßen Gedanken +den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das würde +ich! – Ja, und dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen +drei Rubel, die blieben mir dann zum Leben +und für ein halbes Pfündchen Tabak, denn sehen +Sie, mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben, +heute aber ist es schon der neunte Tag, daß ich mein +Pfeifchen nicht mehr angerührt habe. Ich hätte ja, +offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es Ihnen +vorher zu sagen, aber man schämt sich vor seinem Gewissen. +Sie dort sind unglücklich, Sie entbehren alles, +ich aber sollte mir hier gar Vergnügungen leisten? +Also deshalb sage ich es Ihnen, daß ich mich nicht mit +Gewissensbissen zu quälen brauche. Ich gestehe Ihnen +ganz offen, Warinka, daß ich mich jetzt in einer +äußerst verzweifelten Lage befinde, das heißt, bisher +habe ich in meinem Leben noch nichts Ähnliches durchgemacht. +Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder +Schätzung – davon kann keine Rede sein. Überall +Mangel, überall Schulden, im Dienst aber, wo mich +die Kollegen auch früher schon nicht auf Rosen gebettet +haben, im Dienst – nun, schweigen wir lieber davon. +Ich verberge alles, ich suche es vor allen sorgfältig zu +verbergen, und auch mich selbst verberge ich: wenn ich +in den Dienst gehe, drücke ich mich nach Möglichkeit +unbemerkt und seitlich an allen vorüber. Ich habe gerade +nur noch so viel Mut, daß ich Ihnen dies offen +eingestehen kann ... +</p> + +<p> +Aber wie, wenn er nichts gibt? +</p> + +<p> +Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +daran und quält sich nicht unnütz mit solchen Vorstellungen, +die einem schon im voraus jeden Mut rauben. +Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und +davor zu bewahren, daß Sie nicht im voraus daran +denken und sich mit bösen Gedanken quälen. Tun Sie +es nicht! Aber, mein Gott, was würde aus Ihnen werden! +Freilich würden Sie dann die Wohnung nicht +wechseln, vielmehr hier in meiner Nähe bleiben – +aber nein, ich käme dann überhaupt nicht mehr zurück, +ich würde einfach untergehen, verschwinden, verderben! +</p> + +<p> +Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel +geschrieben, und hätte mich doch statt dessen rasieren +können, denn rasiert sieht man stets etwas sauberer +und anständiger aus, das aber hat viel zu sagen und +hilft einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott +gebe es! Ich werde beten und dann – mich auf den +Weg machen! +</p> + +<p class="sign"> +M. Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-32" title="32. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +5. August. +</p> + +<p class="addr"> +Liebster Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln würden! +Es gibt ohnehin schon Sorgen genug! – Ich +sende Ihnen dreißig Kopeken, mehr kann ich nicht. +Kaufen Sie sich dafür, was Sie da gerade am notwendigsten +brauchen, um sich wenigstens noch bis morgen +irgendwie durchzuschlagen. Wir haben selbst fast nichts +mehr, was morgen aus uns werden wird – ich weiß es +nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Übrigens +sollen Sie deshalb den Kopf nicht hängen lassen: nun, +er hat Ihnen nichts gegeben, was ist denn schließlich +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir +könnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben – und +selbst wenn wir in eine andere Wohnung übergesiedelt +wären, hätten wir damit doch nur wenig gewonnen, +denn wer es wolle, der könne uns überall +finden. Freilich ist es deshalb noch immer nicht schön, +jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles so traurig wäre, +würde ich Ihnen noch mancherlei schreiben. +</p> + +<p> +Was Sie doch für einen sonderbaren Charakter +haben, Makar Alexejewitsch! Sie nehmen sich alles +viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch immer +der unglücklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe +sehr aufmerksam und sehe, daß Sie sich in einem jeden +dermaßen um mich sorgen und quälen, wie Sie +sich um sich selbst noch nie gesorgt und gequält haben. +Man wird natürlich sagen, daß Sie ein gutes Herz haben. +Ich aber sage, daß Ihr Herz viel zu gut ist. Ich +möchte Ihnen einen freundschaftlichen Rat geben, Makar +Alexejewitsch. Ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar +für alles, was Sie für mich getan haben, ich +empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie +jetzt selbst, wie mir zumute ist, wenn ich sehen muß, daß +Sie nach all Ihrem Unglück und Ihren Sorgen, deren +unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, – daß Sie auch +jetzt noch nur für mich leben, gewissermaßen sogar nur +um meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden, +mein Leid ist Ihr Leid, und meine Gefühle sind Ihnen +wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man sich aber +den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen +so viel Mitleid empfindet, dann hat man allerdings +Ursache, der unglücklichste Mensch zu sein. Als Sie +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +heute nach dem Dienst bei uns eintraten, erschrak ich +förmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so abgehärmt +und mitgenommen, so zerstört und verzweifelt +aus: Sie waren kaum wiederzuerkennen, – und das +alles nur deshalb, weil Sie sich fürchteten, mir Ihren +Mißerfolg mitzuteilen, mich zu betrüben und zu +erschrecken. Als Sie aber sahen, daß ich ob dieses kleinen +Unglücks zu lachen begann, da atmeten Sie geradezu +befreit auf. Makar Alexejewitsch! So grämen Sie +sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie +doch vernünftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwöre +Sie! Sie werden sehen, es wird alles gut werden, +alles wird sich zum Besseren wenden. Sie machen sich +das Leben ganz unnötigerweise schwer, indem Sie sich +ewig um andere grämen und sorgen. +</p> + +<p> +Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals, +sorgen Sie sich nicht um mich! +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-33" title="33. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen Warinka! +</p> + +<p class="noindent"> +Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu +der Überzeugung gelangt, daß es noch kein Unglück ist, +daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun gut, ich bin +also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil +Sie mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung +bleiben. Ja und wenn man schon alles sagen soll, +so muß ich gestehen, daß mein Herz voll Freude war, +als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über +mich schrieben und sich über meine Gefühle so lobend +äußerten. Ich sage das nicht aus Stolz, sondern weil +ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen, wenn Sie sich +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch +was soll man jetzt noch viel von meinem Herzen reden! +Das Herz ist eine Sache für sich, – aber Sie sagen +da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein soll. Ja, +mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig +ist, daß man ihn wirklich nicht braucht – den Kleinmut, +meine ich. Aber, bei alledem: sagen Sie mir jetzt +bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln ich mich morgen +in den Dienst begeben soll? – Da sehen Sie, mein +Kind, wo der Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch +einen Menschen zugrunde richten, kann ihn einfach +vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist freilich, +daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß +ich nicht um meinetwillen darunter leide. Mir persönlich +ist das doch ganz gleich, und müßte ich auch in der +größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen: ich +würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, +ich bin doch ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber +was werden die Leute dazu sagen? – was werden +meine Feinde sagen, und alle diese boshaften Zungen, +wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch +nur um der Leute willen, und auch die Stiefel trägt +man nur ihretwegen. Die Stiefel sind in diesem Falle, +mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur Aufrechterhaltung +der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen +Stiefeln aber geht die eine wie der andere verloren +– glauben Sie mir, was ich Ihnen sage, mein +Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige Erfahrung, +hören Sie auf mich Alten, der die Menschen +kennt, und nicht auf irgend solche Sudler. +</p> + +<p> +Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +erzählt, Kind, wie das heute alles in Wirklichkeit war. +Ich habe an diesem einen Morgen so viel ausgestanden, +so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch +einer vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun +hören Sie, wie es war: +</p> + +<p> +Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn +anzutreffen und dann selbst noch rechtzeitig in den +Dienst kommen zu können. Es war solch ein Regenwetter +heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in +meinen Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, +und dabei dachte ich die ganze Zeit: Lieber Gott! Vergib +mir alle meine Übertretungen deiner Gebote +und laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich +an der –schen Kirche vorüberging, bekreuzte ich mich, +bereute alle meine Sünden, besann mich aber darauf, +daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu unterhandeln. +Da versenkte ich mich denn in meine eigenen +Gedanken und wollte nichts mehr ansehen. Und so +ging ich denn, ohne auf den Weg zu achten, immer +weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen, +denen man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt +und gehetzt aus – freilich war das auch kein Wunder: +wer wird denn um diese Zeit und bei diesem Wetter +spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam +mir entgegen: die stießen mich roh zur Seite, die Kerle. +Da überfiel mich wieder Schüchternheit, mir wurde +bange, und an das Geld, um die Wahrheit zu sagen, +wollte ich überhaupt nicht mehr denken – geht man +auf gut Glück, nun, dann eben auf gut Glück! +</p> + +<p> +Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine +meiner Stiefelsohlen liegen, so daß ich selbst nicht mehr +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +weiß, auf was ich eigentlich weiterging. Und gerade +dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff entgegen, +stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als +wolle er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, +Bruderherz, dachte ich, ein Trinkgeld, was ist ein +Trinkgeld! +</p> + +<p> +Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich +ein bißchen, und dann schleppte ich mich wieder weiter. +Jetzt sah ich absichtlich überall hin, um irgendwo was +zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften können, +so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, +aber ich fand nichts: kein einziger Gedanke +wollte haften bleiben, und zum Überfluß war ich auch +noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir selber +schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes +hölzernes Haus mit einem Giebelausbau, eine Art +Villa: nun, da ist es, dachte ich gleich, so hat es mir +auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben – das Haus +Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der +Geld auf Prozente leiht.) Nun, und da gingen mir +denn die Gedanken alle ganz durcheinander: ich wußte, +daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem den +Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn +dies dort eigentlich sei, das heißt also, wer darin wohne. +Der Schutzmann aber, solch ein Grobian, antwortete +mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und +brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem +gewissen Markoff. Diese Polizeibeamten sind alle so +gefühllose Menschen – doch was gehen sie mich +schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer +Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +andern. In allem findet man etwas, was gerade der +eigenen Lage entspricht oder was man als gewissermaßen +zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer +so. – An dem Hause ging ich dreimal vorüber, +aber je mehr ich ging, um so schlimmer wurde es: nein, +denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir bestimmt +kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein +fremder, ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle +Sache, und auch mein Äußeres ist nicht gerade einnehmend. +Nun, denke ich, wie es das Schicksal will, dann +bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es überhaupt +nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja +auch nicht gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich +denn leise das Hofpförtchen. Aber nun kam schon das +andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da stürzte +solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger +Hackenbeißer, auf mich los und kläffte und kläffte, daß +einem die Ohren klangen. Und sehen Sie, immer sind +es gerade derartige nichtswürdige kleine Zwischenfälle, +mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen +und von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, +zu der man sich schon zusammengerafft +hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot halb +lebendig ins Haus – dort aber stieß ich gleich auf +ein neues Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und +was im halbdunklen Flur neben der Schwelle stand – +plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes Weib, +das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß, +und da verschüttete sie denn die ganze Milch. Das +dumme Weib schrie natürlich und keifte sogleich und +zeterte: „Siehst du denn nicht, wohin du rennst, mach +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +doch die Augen auf, was suchst du hier?“ und so ging +es weiter ohne Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles, +mein Kind, schreibe es nur deshalb, weil mir in solchen +Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß mir +wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate +ich mit etwas anderem, ganz Nebensächlichem zusammen +und durcheinander. +</p> + +<p> +Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, +eine Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an +sie: ob hier Herr Markoff wohne? Nein, sagte sie zunächst +barsch, blieb dann aber stehen und musterte mich +eingehend. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie denn von ihm?“ fragte sie. +</p> + +<p> +Nun, ich erklärte ihr alles: „So und so, Jemeljan +Iwanowitsch ...“ – erzählte auch alles übrige – +kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief die Alte ihre +Tochter herbei – die kam: ein erwachsenes Mädchen, +und barfuß. +</p> + +<p> +„Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. +Bitte, treten Sie näher.“ +</p> + +<p> +Ich trat ein. Das Zimmer war – nun, wie so gewöhnlich +diese Zimmer sind: an den Wänden Bilder, +größtenteils Porträts von Generälen, ein Sofa, ein +runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen +– ich denke und denke: soll ich mich nicht lieber +drücken, solange es noch Zeit ist? Und bei Gott, mein +Kind, ich war wirklich schon im Begriff, fortzulaufen! +Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens, +dann wird auch das Wetter besser sein, ich werde +noch bis dahin warten! Heute aber ist sowieso +die Milch verschüttet, die Generale sehen mich alle so +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +böse an ... Und ich wandte mich, ich gesteh’s wirklich, +schon zur Tür, Warinka, da kam auch schon Er: – so, +nichts Besonderes, ein kleines, graues Kerlchen, mit +solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen Äuglein, +dabei in einem schmierigen Schlafrock, mit einer +Schnur um den Leib. +</p> + +<p> +Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und +womit er mir dienen könne, worauf ich ihm sagte: „So +und so, Jemeljan Iwanowitsch – etwa vierzig Rubel,“ +sagte ich, „die habe ich nötig –.“ Aber ich sprach +nicht zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich +verspielt hatte. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte er, „tut mir leid, ich habe kein Geld. +Oder haben Sie ein Pfand?“ +</p> + +<p> +Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand +zwar nicht habe, „Jemeljan Iwanowitsch aber – und +so weiter,“ mit einem Wort, ich erklärte ihm alles, was +da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an. +</p> + +<p> +„Ja, was,“ sagte er, „Jemeljan Iwanowitsch +kann mir nichts helfen, ich habe kein Geld.“ +</p> + +<p> +Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das +wußte ich, das habe ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, +es wäre besser gewesen, die Erde hätte sich unter +mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief +mir über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich +an, fast als wolle er sagen: „Nun, geh mal jetzt, mein +Bester, du hast hier nichts mehr zu suchen,“ – so daß +ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt +hätte. +</p> + +<p> +„Wozu brauchen Sie denn das Geld?“ – (das +hat er mich wirklich gefragt, mein Kind!). +</p> + +<p> +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig +dazustehen, aber er wollte mich gar nicht mehr anhören. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte er, „ich habe kein Geld, sonst,“ +sagte er, „sonst würde ich mit dem größten Vergnügen ...“ +</p> + +<p> +Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, +sagte ihm, daß ich ja nicht viel brauche, daß ich +ihm alles wieder zurückgeben würde, genau zum Termin, +ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe +Prozente nehmen könne, wie er nur wolle, und daß ich +ihm, noch einmal, bei Gott alles zurückzahlen werde. +Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein Kind, an +Ihr Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr +Fünfzigkopekenstückchen. +</p> + +<p> +„Nein,“ sagte er, „wer redet hier von Prozenten, +aber wenn Sie ein Pfand hätten ... Ich habe im Augenblick +kein Geld, bei Gott, ich habe keines, sonst natürlich +mit dem größten Vergnügen ...“ +</p> + +<p> +Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber! +</p> + +<p> +Nun und da, meine Liebe, – ich weiß selbst nicht +mehr, wie ich das Haus verließ und wieder auf die +Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur furchtbar +müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren +und kam erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte +meine Kleider etwas abbürsten, vom Schmutz reinigen, +aber der Amtsdiener sagte, das gehe nicht an, ich würde +die Bürste verderben, die Bürste sei aber Kronseigentum. +Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt +von diesen Leuten angesehen werde: als wäre ich noch +nicht einmal eine alte Matte, an der man die Füße abwischen +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +kann. Was ist es denn, Warinka, was mich so +niederdrückt? – Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, +sondern alle diese Aufregungen, und daß man mit +Menschen in Berührung kommt: all dieses Geflüster, +dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz +kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden +oder über mein Äußeres eine Bemerkung machen! Ach, +Kind, meine goldenen Zeiten sind jetzt vorüber! Heute +habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen, +– traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen, +Gott schütze Sie! +</p> + +<p class="sign"> +M. Djewuschkin. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglück +halb scherzhaft beschreiben, Warinka, aber man sieht, +daß es mir nicht mehr gelingen will, das Scherzen +nämlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde zu +Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-34" title="34. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +11. August. +</p> + +<p class="noindent noindent"> +Warwara Alexejewna! Mein Täubchen! Verloren +bin ich, beide sind wir verloren, unrettbar verloren! +Mein Ruf, meine Ehre – alles ist verloren! Und ich +bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde +geschmäht, mein Kind, verachtet, verspottet, und die +Wirtin beschimpft mich schon laut und vor allen Menschen. +Heute hat sie wieder geschrien, geschrien und +mich mit Vorwürfen überhäuft, als wäre ich ein +Nichts und ein Dreck! Und am Abend begann dann jemand +von ihnen bei Ratasäjeff einen meiner Briefe an +Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht beendet +und in die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +aus der Tasche verloren haben muß. Mein +liebes, liebes Kind, wie haben sie da gelacht! Wie sie +uns betitelt haben und wie sie höhnten, wie sie höhnten, +die Verräter! Ich hielt es nicht aus und ging zu +ihnen und beschuldigte Ratasäjeff des Treubruchs und +sagte ihm, daß er ein Falscher sei! Ratasäjeff aber erwiderte +mir darauf, ich sei selbst ein Falscher und beschäftige +mich nur mit Eroberungen. Ich hätte sie alle +getäuscht, sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen +ein Lovelace! Und jetzt, mein Kind, werde ich nun von +allen hier nur noch Lovelace genannt, einen anderen +Namen habe ich überhaupt nicht mehr! Hören Sie, +mein Engelchen, hören Sie – die wissen doch jetzt +alles von uns, sind von allem unterrichtet, und auch +von Ihnen, meine Gute, wissen sie alles, alles ist ihnen +bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen, betrifft! Und +auch der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich +wollte ihn heute hier in den kleinen Laden schicken, damit +er mir ein Stückchen Wurst kaufe, aber nein, er +geht nicht, er habe zu tun, sagt er. – Du mußt doch, +es ist doch deine Pflicht, sage ich. +</p> + +<p> +„Auch was Gutes – meine Pflicht!“ höhnte er, +„Sie zahlen doch meiner Herrin kein Geld, folglich +gibt’s da nichts von Pflicht.“ +</p> + +<p> +Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten, +frechen Menschen eine solche Beleidigung, und so +schalt ich ihn denn einen „Dummkopf!“, er aber sagte +mir darauf bloß kurz: „Das sagt mir nun so einer!“ +– Ich dachte erst, daß er betrunken sei, hielt es ihm +denn auch vor: „Hör mal,“ sagte ich, „du bist wohl betrunken?“ +– Er aber grobte mich an: +</p> + +<p> +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +„Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben? +Sie haben doch nicht einmal so viel, daß Sie sich selber +betrinken könnten!“ und dann brummte er noch: +„Das soll nun ein Herr sein!“ +</p> + +<p> +Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen +ist, mein Kind! Man schämt sich, zu leben, Warinka! +Ganz wie ein Verrufener kommt man sich vor, schlimmer +noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es, +Warinka! Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar +verloren! +</p> + +<p class="sign"> +M. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-35" title="35. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +13. August. +</p> + +<p class="addr"> +Lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Uns sucht jetzt ein Unglück nach dem anderen heim, +auch ich weiß nicht mehr, was man noch tun soll! Was +wird nun aus Ihnen werden, auf meine Arbeit können +wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute +mit dem Bügeleisen die linke Hand verbrannt: ich +ließ es versehentlich fallen und beschädigte und verbrannte +mich, gleich beides zusammen. Arbeiten kann +ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten +Tag krank. Oh, diese Sorge und Angst! +</p> + +<p> +Hier sende ich Ihnen dreißig Kopeken: das ist fast +das Letzte, was wir haben, Gott weiß, wie gern ich Ihnen +jetzt in Ihrer Not helfen würde. Es ist zum +Weinen! +</p> + +<p> +Leben Sie wohl, mein Freund! Sie würden mich +sehr beruhigen, wenn Sie heute zu uns kämen. +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-36" title="36. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +14. August. +</p> + +<p class="addr"> +Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Was ist das mit Ihnen? Sie fürchten wohl Gott +nicht mehr? Und mich bringen Sie um meinen Verstand. +Schämen Sie sich denn nicht!? Sie richten sich +zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie +sind ein ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch – +was werden die Menschen sagen, wenn sie das erfahren? +Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie werden +doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht +mehr leid um Ihre grauen Haare? So fürchten Sie +doch wenigstens Gott! +</p> + +<p> +Fedora sagt, daß sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen +werde, und auch ich kann Ihnen unter diesen Umständen +kein Geld mehr schicken. Was haben Sie aus mir +gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es +sei mir ganz gleichgültig, daß Sie sich so schlecht aufführen. +Sie wissen noch nicht, was ich Ihretwegen +auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf +unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen +mit dem Finger auf mich und sagen solche Schändlichkeiten, +– ja, sie sagen geradezu, daß ich mit einem +<em>Trunkenbold ein Verhältnis habe</em>. Wie +glauben Sie, daß mir zumute ist, wenn ich so etwas +hören muß! Und wenn man Sie nach Hause bringt, +sagt alles mit Verachtung von Ihnen: „Da wird der +Beamte wieder gebracht.“ Ich aber – ich schäme mich +zu Tode für Sie. Ich schwöre Ihnen, daß ich diese +Wohnung hier verlassen werde. Und sollte ich auch +Stubenmagd oder Wäscherin werden – hier bleibe ich +auf keinen Fall! +</p> + +<p> +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +Ich schrieb Ihnen, daß ich Sie erwarte, Sie sind +aber nicht gekommen. Meine Tränen und Bitten sind +Ihnen also schon gleichgültig, Makar Alexejewitsch? +Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das +Geld dazu aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen +Sie sich in acht! Sie werden doch sonst verkommen, +ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese +Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen, +da haben Sie auf der Treppe die Nacht +verbracht – ich weiß alles. Wenn Sie wüßten, wie +weh es mir tat, als ich das von Ihnen hören mußte! +</p> + +<p> +Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter +werden: wir können zusammen lesen, können von früheren +Zeiten reden. Fedora kann uns von ihren Erlebnissen +erzählen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir +nicht an, daß Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit +auch mich zugrunde, glauben Sie es mir! Ich lebe +doch nur noch für Sie allein, nur Ihretwegen bleibe +ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein anständiger +Mensch, seien Sie doch charakterfest und +standhaft, auch im Unglück. Sie wissen doch: Armut +ist keine Schande. Und weshalb denn verzweifeln? +Das ist doch alles nur vorübergehend. Gott wird uns +schon helfen und alles wird wieder gut werden, wenn +Sie sich nur jetzt noch etwas zusammennehmen! +</p> + +<p> +Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich +dafür Tabak, oder was Sie da wollen, nur geben Sie +sie um Gottes willen nicht für Schlechtes aus. Kommen +Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie +werden sich vielleicht wieder schämen, wie neulich – +aber lassen Sie das, das wäre ja bloß falsche Scham. +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten! Vertrauen +Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden. +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-37" title="37. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +19. August. +</p> + +<p class="addr"> +Warwara Alexejewna, mein Kindchen! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich schäme mich, mein Sternchen, ich schäme mich. +Doch übrigens, Liebling, was ist denn dabei so Besonderes? +Warum soll man nicht sein Herz etwas erleichtern? +Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine +Stiefelsohlen – eine Sohle ist doch nichts und bleibt +ewig nur eine einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle. +Und auch Stiefel sind nichts! Sind doch die +griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu also +soll sich unsereiner mit einem so nichtswürdigen Gegenstande +abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen +und verachten? Ach, Kind, mein Kind, da haben +Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben können! +– Der Fedora aber sagen Sie, daß sie ein närrisches, +unzurechnungsfähiges Weib ist, mit allerlei +Schrullen im Kopf, und zum Überfluß auch noch +dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare +betrifft, so täuschen Sie sich auch darin, meine Gute, +denn ich bin noch lange nicht so ein Alter, wie Sie +denken. +</p> + +<p> +Jemeljä läßt Sie grüßen. Sie schreiben, Sie hätten +sich gegrämt und hätten geweint, und ich schreibe Ihnen, +daß auch ich mich gegrämt habe und weine. Zum +Schluß aber wünsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen, +und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +gesund und wohl und verbleibe mit besten Grüßen, +mein Engelchen, Ihr Freund +</p> + +<p class="sign"> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-38" title="38. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +21. August. +</p> + +<p class="addr"> +Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara +Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß +Sie mir viel zu verzeihen haben, aber meiner Meinung +nach ist damit nichts gewonnen, Kind, daß ich alles +dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem +Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im +vollen Bewußtsein meiner Schuld. +</p> + +<p> +Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. +Um aber Ihr Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu +können, müßte man gar ein blutdürstiger Tiger sein. +Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen bekannt +sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger Raubtierwildheit. +Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht +eigentlich schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein +Herz und meine Gedanken nicht schuldig sind. Das ist +nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was oder +wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so +eine dunkle Sache mit uns, mein Kind! +</p> + +<p> +Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann +noch zwanzig Kopeken: mein Herz weinte, als ich Ihre +Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben sich das +Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie +hungern müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir +noch Tabak kaufen. Nun sagen Sie selbst: was sollte ich +denn tun? Einfach und ohne alle Gewissensbisse, recht +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu berauben +anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, +das heißt, zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu +nichts tauge und daß ich selbst höchstens nur um ein +Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle. Ja, ich +hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas +von Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu +halten, sondern fing an, in mir etwas Unwürdiges +und bis zu einem gewissen Grade geradezu Gemeines +und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte +Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung +der eigenen guten Eigenschaften und der Verleugnung +meiner Menschenwürde überließ, da war +denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte +kommen, der Sturz, der unvermeidliche! Das war mir +offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich aber bin nicht +schuld daran. +</p> + +<p> +Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. +Doch da kam gleich eins zum anderen: auch die +Natur war so regnerisch, verweint und kalt. Und dann +kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte +bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, +und schon seit zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn +mehr im Munde gehabt, so daß er bereits solche Sachen +versetzen wollte, die man überhaupt nicht versetzen +kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt. +</p> + +<p> +Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und +zwar mehr aus Mitleid mit der Menschheit als aus +eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein +Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch +von Ihnen! Er ist ein sehr guter, ein herzensguter +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch. Das fühlte +ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so +gekommen, eben weil ich das alles fühlte. +</p> + +<p> +Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen +schuldig bin! Als ich Sie kennen lernte, begann ich, +auch mich selbst besser kennen zu lernen und Sie zu lieben. +Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer +einsam gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben +verdämmert und gar nicht wirklich auf der Erde gelebt, +wie die anderen! Die bösen Menschen, die da ewig sagten, +daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich +schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß +auch ich mich schließlich ruppig fand und mich meiner +selbst zu schämen begann. Sie sagten, ich sei stumpfsinnig, +und ich dachte auch wirklich, daß ich stumpfsinnig +sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, +haben Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem +Herzen wie in meiner Seele licht geworden ist. Ich +lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen und +erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. +Daß ich dabei bin, wie ich bin, daß ich durch nichts +glänze, keinen Schliff besitze, keine Umgangsformen: +das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch ein +Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein +ganzer Mensch! Nun, und dann, als ich fühlte, daß +das Schicksal mich verfolgte, als ich, durch das Schicksal +erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde +selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen +zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: +und das war das Unglück! +</p> + +<p> +Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +Sie unter Tränen, mich nie mehr über diesen Zwischenfall +auszufragen oder auch nur davon zu reden, denn +mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben +wird mir schwer und bitter. +</p> + +<p> +Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung +und verbleibe Ihr treuer +</p> + +<p class="sign"> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-39" title="39. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +3. September. +</p> + +<p class="noindent noindent"> +Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar +Alexejewitsch, es fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen +habe ich Augenblicke, wo es mich freut, allein zu +sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können, +allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche +Stimmungen überfallen mich jetzt immer häufiger. In +meinen Erinnerungen liegt etwas mir Unerklärliches, +das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar +in einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für +alles mich Umgebende vollständig unempfindlich bin +und die Gegenwart, alles Gegenwärtige, vergesse. Ja, +es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck, +gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Ähnliches +aus meinem früheren Leben erinnerte, am häufigsten +an meine Kindheit, meine goldene Kindheit! +Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich +schwer zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet, +meine Schwärmerei erschöpft mich und meine Gesundheit +wird sowieso schon immer schwächer. +</p> + +<p> +Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen, +wie wir ihn jetzt selten haben, hat mich heute neu belebt +und mit Freude erfüllt. So haben wir schon +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! +Ich war ja damals noch ein Kind, aber doch fühlte und +empfand ich schon alles in gesteigertem Maße. Den +Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als den +Morgen. Ich erinnere mich noch – nur ein paar +Schritte weit von unserem Hause, am Berge, lag der +See. Dieser See – es ist mir, als sehe ich ihn jetzt +wirklich vor mir – so hell und rein, wie Kristall! War +der Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. +Kein Blatt rührte sich in den Bäumen am Ufer, der +See lag blank und regungslos wie ein großer Spiegel. +Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer +Hütte fern am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die +Herden werden heimgetrieben – da schleiche ich denn +heimlich aus dem Hause zum See und schaue und +schaue und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig +brennt bei den Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein +fließt in einem langen Streifen auf dem Wasserspiegel +zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und +kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote +feurige Streifen, die nach und nach bleicher werden +und schließlich ganz blaß vergehen. Der Mond geht +auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still – bald +fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter +einem Windhauch – alles, selbst das leiseste Geräusch +ist deutlich zu hören. Über dem blauen Wasser erhebt +sich langsam weißer Nebel, so leicht und durchsichtig. +In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles +im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen +– das Boot, das Ufer, die Insel – eine alte Tonne, +die im Schilf vergessen ist, schaukelt kaum-kaum +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit vertrockneten +Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf. +Eine verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser, +fliegt wieder auf und verschwindet im Nebel, – und +ich schaute und horchte, – wundervoll, so wundervoll +war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind! ... +</p> + +<p> +Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst, +wenn das Korn schon eingeerntet ist, die Feldarbeiten +beendet sind, man des Abends in den Hütten zusammenkommt +und alle sich auf den Winter vorbereiten. +Dann werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt +sich, die Wälder werden gelb, das Laub fällt von den +Bäumen und die Bäume stehen kahl und schwarz, – namentlich +abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt, +dann erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie +schreckliche Gespenster. Und wenn man sich auf dem +Spaziergang etwas verspätet und hinter den anderen +zurückbleibt – wie eilt man ihnen dann nach, und wie +groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, +auf einmal – hinter jenem Baumstamm – hat +sich dort nicht etwas Schreckliches versteckt, das gleich +hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den +Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen +Stimmen zu heulen und zu klagen, und Blätter +fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde, und +plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze +Wolke Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte, +und da ist es – als hörte man jemand, eine +fremde Stimme raunen: „Laufe, laufe, Kind, verspäte +dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, +laufe, Kind!“ – und Entsetzen erfaßt das Herz und +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +man läuft und läuft, bis man außer Atem zu Hause +anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit: +uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen +oder Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln. +Im Ofen prasselt das Feuer, Mama beaufsichtigt +lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte Kinderfrau +Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von +Zauberern und Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich +einander näher, aber das Lächeln will doch nicht +von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles still ... +Hu! da, ein Surren und Klopfen – pocht jemand an +der Tür? – Nein, es ist nur das Spinnrad der alten +Frolowna! Und wie wir lachen! Dann aber kommt die +Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen, Schreckbilder +und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und +wacht man auf, so wagt man nicht sich zu rühren und +liegt zitternd bis zum Morgengrauen unter der Decke. +Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, +steht man doch wieder frisch und munter auf und schaut +neugierig durch das Fenster: auf dem Stoppelfelde +liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume und Büsche +sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis +auf dem See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig. +Und Sonne, überall Sonne, wie Glas bricht das +dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es, +so klar, so ... so wonnig! +</p> + +<p> +Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns +an den Tisch, auf dem schon der Ssamowar summt, +und durch das Fenster sieht unser schwarzer Hofhund +Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. +Ein Bäuerlein fährt am Hause vorüber, in den Wald, +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +nach Holz. Alle sind so zufrieden, so frohgemut! ... +In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft, +in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung +der großen, großen Heuschober – es ist eine wahre +Lust, das alles anzusehen! Und alle sind ruhig, alle sind +froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der +Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter +nicht darben werden, und der Bauer weiß, daß er seinen +Kindern Brot zu geben hat und sie satt sein werden. +Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen, +die fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht +man sie alle am Feiertage ihr Dankgebet im Gotteshause +sprechen ... Ach wie wundervoll, wie wundervoll +war meine Kindheit! ... +</p> + +<p> +Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran +sind natürlich nur diese Erinnerungen schuld. Ich habe +so lebhaft, so deutlich alles vor mir gesehen, die ganze +Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint +mir jetzt doppelt trüb und dunkel! ... Wie wird das +enden, was wird aus uns werden? Wissen Sie, ich +habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die Überzeugung, +daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle +mich sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, +aber eigentlich möchte ich doch nicht so sterben – würde +nicht in dieser Erde ruhen wollen ... Vielleicht werde +ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe +mich von jener Krankheit noch nicht erholt. +</p> + +<p> +Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen +und ich bin allein. Seit einiger Zeit fürchte ich mich, +wenn ich allein bin: es scheint mir dann immer, daß +noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +mir spricht, und zwar besonders dann, wenn ich aus +meinen Träumereien, die mich mit ihren Erinnerungen +ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen +lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir +dann, als habe sich etwas Unheimliches im Zimmer +versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich Ihnen auch einen +so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht es +wieder – Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief, +ich habe weder Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. +Von dem Gelde für meine verkauften Kleider und den +Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben Ihrer +Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie +hoffentlich eine Weile schweigen. – Versuchen Sie +doch, Ihre Kleider irgendwie ein wenig auszubessern. +Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht, +wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung +ermüdet mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit +verschafft – wie soll ich dann arbeiten? Das ist +es, was mir den Mut raubt. +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-40" title="40. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +5. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen Warinka! +</p> + +<p class="noindent"> +Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke +empfangen. Mein Kopf tat mir den ganzen Tag über +weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging ich +schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens +etwas frische Luft schöpfen. Der Abend war +düster und feucht. Jetzt dunkelt es doch schon um sechs! +Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch unangenehmer +zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +Himmel zogen die Wolken in langen, breiten Streifen +dahin. Viel Volk ging auf dem Kai. Es waren lauter +schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie sie +einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene +Kerle, stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln +und mit strähnigem Haar, Handwerker und +Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel: irgendein +Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, +so ein ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, +rußglänzendem Gesicht, ein Schloß in der Hand, oder +irgendein ausgedienter Soldat von Riesengröße, der +Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet – +das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde +gewesen sein, in der sich ein anderes dort gar nicht +zeigt! +</p> + +<p> +Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar +Schiffe können ihn passieren. Frachtkähne lagen +da, in einer solchen Menge, daß man gar nicht begriff, +wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka +ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. +Auf den Brücken saßen Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen +und verfaulten Äpfeln, so schmutzige, garstige +Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren +zu gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: +unten die Füße im Nebel, über dem Kopf gleichfalls +Nebel ... So ein trauriger, so ein dunkler, lichtloser +Abend war es heute. +</p> + +<p> +Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, +einbog, war es schon ganz dunkel geworden. Man zündete +gerade das Gas an. Ich war lange nicht mehr auf +der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht. +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +Eine belebte, großartige Straße! Was für Läden, +was für Schaufenster! – alles glänzt nur so und +leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter +Glas ... und was für Hüte mit Bändern und +Schleifen! Man denkt, das sei alles nur so zur Verschönerung +der Straße ausgestellt, aber nein: es gibt +doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren +Frauen schenken! Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche +Bäcker haben dort ihre Läden – das müssen auch +wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren +alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das +nur aushält! Und alles so feine Kutschen, die Fenster +wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und Seide, und +die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und +Schnüren und Degen an der Seite! Ich blickte in alle +Wagen hinein und sah dort immer Damen sitzen, alle so +geputzt und großartig. Vielleicht waren es lauter Fürstinnen +und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit, +in der sie auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. +Es muß doch sehr eigen sein, eine Fürstin oder überhaupt +eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu sehen. +Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals +eine in der Nähe gesehen: höchstens so in einer +Kutsche und im Vorüberfahren. Da mußte ich denn +heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen, +meine Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, +da will mir mein Herz brechen! Warum müssen Sie +denn so unglücklich sein, Warinka? Mein Engelchen! +Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind +schön, sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches +Los beschieden? Warum ist es so eingerichtet, daß ein +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +guter Mensch in Armut und Elend leben muß, während +einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? +Ich weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht +gut, so zu denken: das ist Freidenkerei! Aber offen und +aufrichtig, wenn man so über die Gerechtigkeit der +Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur +dem einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück +fürs ganze Leben bereitet, während der andere aus +dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt? Und +es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem +Närrchen Iwanuschka zufällt. +</p> + +<p> +„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust +in den Goldsäcken deiner Väter, iß, trink, freue +dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die Lippen, +mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für +einer bist!“ +</p> + +<p> +Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, +so zu denken, aber wenn man nachdenkt, dann +drängt sich einem nun einmal ganz unwillkürlich die +Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in +so einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! +Hohe Generäle und Staatsbeamte würden nach +einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen – +und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem +alten Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide +und mit funkelnden Edelsteinen geschmückt. Sie würden +auch nicht so mager und kränklich sein, wie jetzt, +sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und +gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, +wenn ich wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten +Fenstern hinaufschauen und vielleicht einmal +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +Ihren Schatten erblicken könnte. Allein schon der Gedanke, +daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein +Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich +gleichfalls fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ... +Nicht genug, daß böse Menschen Sie ins Unglück gebracht +haben, nun muß auch noch ein Wüstling Sie beleidigen! +Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie +durch eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der +Schamlose, bloß deshalb ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb +muß man seine schamlosen Reden noch untertänig +anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb +darf man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, +weil Sie schutzlos sind, weil <a id="corr-10"></a>Sie keinen starken +Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen Schutz +und Schirm gewähren könnte! +</p> + +<p> +Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für +Menschen, denen es nichts ausmacht, eine schutzlose +Waise zu beleidigen? – Das sind eben nicht Menschen, +das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, +das bloß als Summe zählt, als Begriff, ein +trübes Etwas, das es in Wirklichkeit und als Einzelwesen +überhaupt nicht gibt – davon bin ich überzeugt. +Sehen Sie, <em>das</em> sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht +nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem +ich heute auf der Gorochowaja begegnet bin, viel eher +die Achtung der Menschen, als diese. Er schleppt sich +zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen Kopeken, +um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist +er sein eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will +nicht umsonst um Almosen bitten, er dreht zur Freude +der Menschen seine Orgel, dreht und dreht wie eine +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten: +womit er eben kann, damit bringt er Nutzen, auch er! +Er ist arm, ist bettelarm, das ist wahr, und er bleibt +arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist müde +und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich +doch, und wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, +wie die der anderen, er müht sich trotzdem. Und von der +Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein Kind, solche, +die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig +verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen +brauchen, die keinen untertänig grüßen müssen und niemand +um Gnadenbrot bitten. Und so einer, wie dieser +Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich +etwas ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und +zwar in einem ehrenwerten Sinne, bin ich ganz so wie +er, denn auch ich leiste das, was in meinen Kräften +steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als +gar nichts. +</p> + +<p> +Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen +gekommen, mein Kind, weil ich durch die Begegnung +mit ihm heute meine Armut doppelt empfand. Ich +war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen. +Es waren mir gerade so besondere Gedanken +durch den Kopf gegangen – da blieb ich denn stehen +und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken abzulenken. +Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher +standen da, auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, +und noch ein anderes, ein ganz kleines Mädchen, +das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte sich +dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich +einen kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +wäre ein netter Junge gewesen, wenn er nicht so kränklich, +so mager und verhungert ausgesehen hätte. Er hatte +nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes +Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte +mit offenem Mäulchen der Musik zu – Kinder sind +eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich ganz in +kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten +tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren +schon blau vor Kälte und dabei zitterte er am ganzen +Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen, das +er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand +hatte er ein Papier. Ein Herr ging vorüber und warf +dem Leiermann eine kleine Münze zu, die gerade auf +das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum +hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er +plötzlich aus seiner Versonnenheit auf, sah sich schüchtern +um und glaubte wohl, daß ich das Geld geworfen +habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen +zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir +das Papier entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“ +</p> + +<p> +Ich nahm das Papier, entfaltete es und las – +nun, man kennt das ja schon: Wohltäter ... und so +weiter, drei Kinder hungern, die Mutter liegt im Sterben, +habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem +Throne Gottes stehen werde, will ich in meiner Fürbitte +diejenigen nicht vergessen, die hienieden meinen +armen Kindern geholfen haben.“ +</p> + +<p> +Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar +und oft genug erlebt. Was aber – ja, was sollte ich +ihm wohl geben? Nun, so gab ich ihm denn nichts. +Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe, +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, +und er log doch nicht, bei Gott, er log nicht! – ich +weiß, wie das ist! Schlecht ist nur, daß diese Mütter +ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und bei +dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht +so ein dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine +Pflicht wäre, vielleicht kümmert sich niemand um sie +und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut nichts! +Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin +könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein +wenden, oder sich bei der Polizei melden, wie es +sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach eine Betrügerin, +die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße +hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das +Kindchen schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? +Und was lernt denn der Knabe bei diesem Betteln? +Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom Morgen +bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen +gehen an ihm vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. +Ihre Herzen sind hart, ihre Worte grausam. +</p> + +<p> +„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, +was er an Worten zu hören bekommt, und das Herz +des Kindes krampft sich zusammen, und vergeblich +zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. +Seine Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, +und da – er hustet ja schon – kriecht ihm die Krankheit +wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die +Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon +der Tod über ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank +in irgendeinem feuchten, schmutzigen, stinkenden Winkel, +ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist dann sein +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben! +Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi +willen“ zu hören und vorübergehen zu müssen, ohne +etwas geben zu können, und dem Hungrigen sagen zu +müssen: „Gott wird dir geben.“ +</p> + +<p> +Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen +nicht zu berühren. (Es gibt ja doch verschiedene „um +Christi willen“, mein Kind.) Manch eines ist gewohnheitsmäßig +bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen, eingeleiert, +gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne +Gabe vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man +denkt: der ist Bettler von Beruf, der wird es verwinden, +der weiß schon, wie man es verwindet. Aber manch +ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten, +heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das +geht einem wie etwas Unheimliches durch Mark und +Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem kleinen +Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, +der dort am Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden +–: „Ein Almosen, Herr, um Christi willen!“ – +sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß ich +unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck +einer schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein +Almosen: denn ich hatte nichts. Und dabei gibt es +reiche Leute, die es nicht lieben, daß die Armen über +ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches +Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als +„lästig“: – Das Gestöhn der Hungrigen läßt diese +Satten wohl nicht schlafen?! +</p> + +<p> +Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles +dies zum Teil deshalb zu schreiben angefangen, um +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +mein Herz zu erleichtern, zum Teil aber auch deshalb, +und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe +meines guten Stils zu geben. Denn Sie werden es +doch sicher schon bemerkt haben, mein Kind, daß mein +Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert hat? Doch +jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur +in einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich +anfange, selbst von Herzensgrund mit meinen Gedanken +Mitgefühl zu empfinden, obschon ich sehr wohl +weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts +erreicht ... aber man läßt sich damit wenigstens in +einer gewissen Weise Gerechtigkeit widerfahren! +</p> + +<p> +Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich +selbst ganz grundlos, hält sich nicht einmal für eine +Kopeke wert, schätzt sich für weniger als ein Holzspänchen +ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen, +vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und +verängstigt ist, ganz so wie jener kleine Junge, der mich +heute um ein Almosen bat. +</p> + +<p> +Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen +reden, in einem Gleichnis, sozusagen. Also hören +Sie mich an. +</p> + +<p> +Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh +am Morgen auf dem Wege zum Dienst bin, mich ganz +vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da erwacht +und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu +brodeln, zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man +sich vor diesem Schauspiel schließlich ganz klein und +gering vorkommt, als hätte man auf seine neugierige +Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen +– und da schleppt man sich denn ganz klein und still +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +weiter, und wagt überhaupt nicht mehr, etwas zu denken! +Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen schwarzen, +verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen +Sie, sich das einmal vorzustellen, und dann urteilen +Sie selbst, ob es richtig war, sich so ohne Sinn und +Verstand so gering einzuschätzen und sich so unwürdigerweise +einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, +Warinka, daß ich bloß bildlich spreche, nur so im +Gleichnis. +</p> + +<p> +Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn +dort in diesen Häusern vorgeht. +</p> + +<p> +Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, +den nur die Not zu einer Menschenwohnung +machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker aufgewacht. +Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze +Zeit über nur von einem Paar Stiefel geträumt, das +er gestern versehentlich falsch zugeschnitten – ganz als +müsse einem Menschen gerade nur von solchen Nichtigkeiten +träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist +ein Schuster: bei ihm ist es also noch erklärlich. Er +hat kleine Kinder und eine hungrige Frau. Übrigens, +nicht Schuster allein stehen mitunter so auf, meine Liebe. +Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch +nicht, sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, +mein Kind, was hierbei bemerkenswert ist. In demselben +Hause, nur in einem anderen, höher gelegenen +Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach +hat in derselben Nacht einem vornehmen Herrn +vielleicht von ganz denselben Stiefeln geträumt, das +heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer Art, +von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +Stiefeln ... denn in dem Sinne meines Gleichnisses +sind wir schließlich alle ein wenig und irgendwie +Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts +auf sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen +neben jenem Reichen gibt, keinen einzigen, der +ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das doch, denk nicht +daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein +armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau +klagt nicht über Hunger, so sieh dich doch um, ob du +denn nicht etwas anderes, etwas Edleres und Höheres +für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“ +</p> + +<p> +Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein +Gleichnis klar machen wollte, Warinka. Es ist das +vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er kommt einem +mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in +einem heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb +sage ich denn auch, daß man sich ganz grundlos so +gering eingeschätzt, da einen doch nur das Geräusch +und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß +Sie, mein Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige +Verdrehung sei, was ich Ihnen hier erzähle, +oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus einem +Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es +nicht, beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas +zu verdrehen und schlecht zu machen, auch Grillen +fange ich nicht, und abgeschrieben habe ich das erst recht +nicht – damit Sie’s wissen! +</p> + +<p> +Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte +mich an meinen Tisch, machte mir etwas heißes Wasser +und schickte mich dann an, ein Gläschen Tee zu +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu +mir ins Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war +mir eigentlich schon am Morgen aufgefallen, daß er im +Korridor immer an den anderen Zimmertüren vorüberstrich +und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. +Nebenbei bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, +viel schlechter, als meine. Gar keinen Vergleich kann +man machen! Er hat doch eine Frau und Kinder zu +ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – +ja, ich weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! +Also, mein Gorschkoff kommt zu mir herein, grüßt +– hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –, macht +so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort +hervorbringen. Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings +einen zerbrochenen, denn einen anderen habe ich nicht. +Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte sich, entschuldigte +sich sehr lange, endlich nahm er doch das +Glas. Dann wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, +er entschuldigte sich wieder und wieder, als ich +ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt Zucker +dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte, +entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das +kleinste Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee +sei ungewöhnlich süß. Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin +die Armut den Menschen zu bringen vermag! +</p> + +<p> +„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich +ihn. +</p> + +<p> +Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein +Wohltäter, Makar Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, +helfen Sie einer armen Familie! Meine Kinder und +meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +als Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei +empfinde ...“ +</p> + +<p> +Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach +mich: +</p> + +<p> +„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das +heißt, nicht gerade, daß ich sie fürchte, aber so, wissen +Sie, man schämt sich, sie sind alle so stolz und hochmütig. +Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht belästigen,“ +sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten +gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel +geben können, aber vielleicht werden Sie mir doch wenigstens +etwas – leihen? Ich wage es nur deshalb, +Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil +ich weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie +selbst arm sind – da wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ +Und zum Schluß bat er mich noch ausdrücklich, ihm +seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen. +</p> + +<p> +Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern +helfen würde, daß ich aber selbst nichts hätte, oder doch +so gut wie nichts. +</p> + +<p> +„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich +will Sie ja nicht um viel bitten,“ – dabei errötete er +bis über die Stirn – „aber meine Frau ... meine +Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar +Alexejewitsch!“ +</p> + +<p> +Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, +als ich seine Bitte um „nur zehn Kopeken“ hörte. Da +war ich doch noch reich im Vergleich zu ihm! In Wirklichkeit +besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit +denen ich für die nächsten Tage rechnete, um mich +noch irgendwie bis zum Zahltage durchzuschlagen. Und +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +so sagte ich ihm denn auch, ich könne wirklich nicht ... +und ich erklärte ihm die Sache. +</p> + +<p> +„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern +doch, Makar Alexejewitsch ...“ +</p> + +<p> +Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen +und gab ihm meine letzten zwanzig Kopeken, mein +Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die +Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen +Unterhaltung zwischen uns, und da fragte ich ihn denn +so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in solche Armut +geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in +einem Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf +Silberrubel zahlen müsse. +</p> + +<p> +Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er +habe das Zimmer vor einem halben Jahr gemietet und +die Miete für drei Monate im voraus bezahlt. Dann +aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, +daß er die weitere Miete schuldig bleiben mußte und +auch nicht die Mittel zu einem Umzuge hatte. Inzwischen +erwartete er vergeblich das Ende seines Rechtsstreites. +Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. +Er ist nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen +Angelegenheit mit angeklagt, und zwar handelt +es sich da um die Schurkereien eines gewissen Kaufmanns, +der bei Lieferungen an die Krone irgendwie +betrogen hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der +Kaufmann in Haft genommen, worauf dieser letztere +nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese Angelegenheit +hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur +einer gewissen Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm +höchstens den Vorwurf machen, daß er nicht umsichtig +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer +Acht gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon +ein paar Jahre so hin: es herrscht immer noch nicht +volle Klarheit in der Angelegenheit, so daß auch Gorschkoff +nicht freigesprochen werden kann, – „der Ehrlosigkeit +aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, +„des Betruges und der Hehlerei bin ich nicht +schuldig, nicht im geringsten!“ Das ändert jedoch +nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem +Dienst entlassen worden ist, obschon man ihm, +wie gesagt, ein eigentliches Verschulden nicht hat nachweisen +können. Auch hat er eine nicht unbedeutende +Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann +nun vor Gericht streitig macht, noch immer +nicht durch den Prozeß herausbekommen können, +was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er +sagte, noch seine Rechtfertigung zusammenhängt. +</p> + +<p> +Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht +aber denkt anders. Es ist, wie gesagt, eine so verzwickte +Sache, daß man sie selbst in hundert Jahren +nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig +aufgeklärt, da bringt der Kaufmann wieder eine neue +Unklarheit hinein und ändert die Lage der Sache abermals. +Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs Mißgeschick, +meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. +Ein Mensch ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, +da er nun einmal in dem Ruf der Unzuverlässigkeit +steht. Was sie erspart hatten, haben sie aufgezehrt. Die +Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen +doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so +ungelegener Zeit ein Kindchen zur Welt – das verursachte +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +natürlich erst recht Ausgaben. Dann erkrankte +der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – +und das hat neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau +ist krank und auch er leidet an irgendeiner schleichenden +Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist schwer, sehr +schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in +einigen Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher +günstig für ihn, daran könne man jetzt nicht mehr +zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein Kind! +Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er +ist ja doch ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener +Mensch, er hat Bedürfnis nach einem aufmunternden +Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen. Da +habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt. +</p> + +<p> +Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit +Ihnen, bleiben Sie gesund. Mein Täubchen Sie! +Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege sich Balsam +auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch +um Sie sorge, so sind mir doch auch diese Sorgen eine +Lust. +</p> + +<p class="sign"> +Ihr aufrichtiger Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-41" title="41. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +9. September. +</p> + +<p class="addr"> +Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. +Durch diesen Vorfall bin ich so aufgeregt, bis zur +Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem Kopf dreht +sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie +sich ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, +wie soll ich Ihnen das nun erzählen! Das haben +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder doch – +ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! +Mein Herz hat das schon vorher gewußt, hat +gefühlt, wie es kam ... Und wirklich, ich habe neulich +etwas Ähnliches im Traume gesehen! +</p> + +<p> +Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde +Ihnen alles erzählen, ohne diesmal auf den Stil Sorgfalt +zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es mir eingibt. +</p> + +<p> +Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in +den Dienst. Komme hin, setze mich, schreibe weiter. +Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß ich gestern +gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam +Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein +wichtiges Dokument, das schnell abgeschrieben werden +muß. Also machen Sie sich sogleich daran – sauber +und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch +unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, +daß ich gestern gar nicht so war, wie man +eigentlich sein muß – will sagen, daß ich eigentlich +überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram +bedrückten mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele +dunkel. Meine Gedanken aber waren alle bei Ihnen, +mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn +daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, +nur – ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer +erklären soll, ob mich der leibhaftige Gottseibeiuns +selber dazu verleitete oder ob da sonst welche geheimen +Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach +so und nicht anders kommen mußte: – nur ließ ich +beim Abschreiben eine ganze Zeile aus! So daß denn +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich +überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern +zu spät fertig und erst heute Seiner Exzellenz zur +Unterschrift vorgelegt. +</p> + +<p> +Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich +hin, und nehme meinen Platz neben Jemeljan Iwanowitsch +ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine Liebe, +daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte +und noch mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der +letzten Zeit hatte ich überhaupt niemanden mehr anzusehen +gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen Stuhl +rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, +und heute war alles ebenso: ich duckte mich und saß +ganz still, wie ein Igel, so daß Jefim Akimowitsch (der +spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes Erdboden +gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es +hörten: +</p> + +<p> +„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn +da wie solch ein U–u–u?“ – und dabei schnitt er +eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen, sich +die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich +allein lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es +denn los! – Ich klappte meine Ohren zu und kniff +auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue ich +immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher +wieder in Ruhe. Plötzlich höre ich erregte Stimmen, +hastige Schritte, ein Laufen, Rufen. Ich höre – täuschen +mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen +Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich +weiß selbst nicht, wie es kam, daß mir der Schreck +so in die Glieder fuhr, wie noch nie zuvor in meinem +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, +– ich rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht +mehr ich. Aber da rief man schon wieder, immer näher +kam es, schon in nächster Nähe: „Djewuschkin! +Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die +Augen auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – +und ich höre noch, wie er sagt: +</p> + +<p> +„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! +Sie haben mit Ihrer Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ +Das war alles, was er sagte, aber es war +auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es +war schon genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich +empfand überhaupt nichts mehr, ich ging – das +heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot +noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, +durch noch eines und noch ein drittes – ins Kabinett – +jedenfalls sah ich dann, daß ich dort stand. Rechenschaft +darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen +nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz +und um sie herum alle die anderen. Ich glaube, +ich habe nicht einmal eine Verbeugung gemacht: ich +vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine Lippen +und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund +dazu vorhanden, mein Kind! Erstens schämte ich mich, +und dann, als ich noch zufällig nach rechts in einen +Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in die +Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch +immer so zu verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt +nicht vorhanden, so daß es kaum anzunehmen war, +daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten. +Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +daß dort im vierten Zimmer ein Beamter +Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren +Exzellenz nie zu ihm getreten. +</p> + +<p> +Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht: +</p> + +<p> +„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, +Herr! Wo haben Sie Ihre Augen gehabt! Ein +so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt werden +muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses +zusammen! Was haben Sie sich dabei eigentlich gedacht, +–“ und zugleich wandten sich seine Exzellenz +an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne +Worte wie aus dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... +nur Unannehmlichkeiten zu bereiten ...“ +</p> + +<p> +Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich +wollte mich entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, +ich konnte aber nicht. Fortlaufen – daran war nicht +zu denken, nun aber ... nun geschah plötzlich noch etwas +– geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt +noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein +Knopf nämlich – nun, hol’ ihn der Teufel! – mein +Knopf, der nur noch an einem Fädchen gebaumelt hatte, +fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt haben), +fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte +– und rollte ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, +fiel und rollte mitten in dieser Grabesstille, die +herrschte! Das war also meine ganze Rechtfertigung, +meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner Exzellenz +zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! +Seine Exzellenz wurde sogleich auf mein Aussehen und +meine Kleider aufmerksam. Ich dachte daran, was ich +im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles – und +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, +um den Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben +ganz und gar den Verstand verloren! Ich hockte und +haschte nach dem Knopf, der aber rollte und rollte wie +ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher +und kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich +also auch noch in bezug auf meine Gewandtheit recht +auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich die letzten +Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das +ganze Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! +Obendrein begann es auch noch in meinen beiden Ohren +zu summen und dazwischen war es mir, als hörte +ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni +schimpfen, wie ich sie immer in der Küche schimpfen +höre. Endlich hatte ich den Knopf, erhob mich, richtete +mich auf – doch anstatt nun die Dummheit einigermaßen +gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an +der Hosennaht – statt dessen drücke ich den Knopf +immer wieder an die Stelle, wo er früher angenäht +war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, +ganz als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu +aber lächelte ich noch, ja, bei Gott, ich lächelte noch! +</p> + +<p> +Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie +mich wieder an – ich hörte sie nur noch zu Jewstafij +Iwanowitsch sagen: +</p> + +<p> +„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... +In welchem Zustande! ... Was ist das mit ihm?“ +</p> + +<p> +Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! +Hatte mich ausgezeichnet, wie man’s besser nicht machen +kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch antwortet +ihm: +</p> + +<p> +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, +hat sich bisher musterhaft aufgeführt ... gut +angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“ +</p> + +<p> +„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte +Seine Exzellenz, „geben Sie ihm Vorschuß ...“ +</p> + +<p> +„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, +schon für soundsoviele Monate. Offenbar sind +seine Verhältnisse im Augenblick derart ... seine Aufführung +ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos ...“ +</p> + +<p> +Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem +höllischen Feuer umgeben, das mich bei lebendigem +Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab einfach +meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot. +</p> + +<p> +„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das +muß also nochmals abgeschrieben werden. Djewuschkin, +kommen Sie mal her: also schreiben Sie mir das +nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ +hier wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und +erteilten verschiedene Aufträge, so daß sie alle einer +nach dem anderen fortgingen. Kaum aber war der +letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche +hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. – +</p> + +<p> +„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen +Sie’s gut sein ...“ und damit drückten sie mir den +Schein in die Hand. +</p> + +<p> +Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine +ganze Seele erbebte: ich weiß nicht mehr, wie mir geschah! +Ich wollte seine Hand ergreifen, um sie zu küssen, +er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche +hier nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +Kind – und er nahm diese meine unwürdige Hand und +schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und schüttelte sie, +ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig Gleichstehenden, +etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, +wie er selbst einer ist. +</p> + +<p> +„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen +kann ... Schreiben Sie das nochmals ab, aber machen +Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man zerreißen +...“ +</p> + +<p> +Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen +habe: Sie und Fedora bitte ich, und wenn ich Kinder +hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie zu Gott beten +sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen +Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich +und bis an ihr Lebensende beten sollten! Und ich will +Ihnen noch etwas sagen, und das sage ich feierlichst – +also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es, daß ich +– so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch +unter unserem Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn +ich an Ihre Not und Ihr Ungemach dachte und desgleichen +an meine Erniedrigung und Unfähigkeit – +also ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß +diese hundert Rubel mir nicht soviel wert sind, wie +diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz selbst und +leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter +den Geringen, die Hand, diese meine unwürdige +Hand zu drücken geruhten! Damit haben sie mich mir +selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen Geist +von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, +und ich bin fest überzeugt, daß – so sündig ich +auch vor dem Allerhöchsten sein mag – mein Gebet +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch +bis zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört +werden wird! – +</p> + +<p> +Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, +wie ich sie noch nie erlebt habe. Mein +Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle mich so erschöpft, +als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen. +</p> + +<p> +Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe +ich der Wirtin und den Rest von 35 behalte ich für +mich: davon will ich mir für 20 Kleidungsstücke anschaffen, +und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben +mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, +daß ich mich ganz schwach fühle. Ich werde mich etwas +hinlegen. Ich bin jetzt übrigens ganz ruhig, vollständig +ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem Herzen +und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie +meine Seele bebt und zittert. +</p> + +<p> +Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt +von all diesen Empfindungen ... Gott sieht alles, +mein Kind, alles! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr würdiger Freund<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-42" title="42. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +10. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein bester Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß +die Hilfe Ihres Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu +würdigen. So können Sie jetzt endlich aufatmen und +sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines +bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen +nicht wieder für unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +und still, leben Sie möglichst sparsam, und bitte, fangen +Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite zu legen, +damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um +uns brauchen Sie sich wirklich nicht mehr zu sorgen. +Werden uns schon durchschlagen. Wozu haben Sie uns +soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen +es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, +was wir uns verdienen. Es ist wahr, wir werden bald +zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora hofft, daß +man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. +Ich behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den +Rest sende ich Ihnen zurück. Geben Sie das Geld nur +nicht für Unnötiges aus, Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p> +Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden +Sie gesund und fröhlich. Ich würde Ihnen mehr +schreiben, fühle mich aber schrecklich müde. Gestern lag +ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich +besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, +Makar Alexejewitsch. Ich erwarte Sie. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre<br> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-43" title="43. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="addr"> +Meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich +jetzt nicht, jetzt, wo ich vollkommen glücklich und mit +allem zufrieden bin! Mein Täubchen! Hören Sie nicht +auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was +Sie nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein +schon aus Hochachtung für Seine Exzellenz werde ich +mich ehrenhaft und anständig aufführen. Wir werden +einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere +Freuden und Sorgen – wenn es wieder einmal Sorgen +geben sollte – miteinander teilen: und so werden +wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander +leben. Wir werden uns mit der Literatur beschäftigen +... Mein Engelchen! In meinem Leben hat sich +doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin +läßt wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger +geworden und sogar Faldoni wird diensteifrig. Mit +Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich ging in meiner +Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl, +mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt +hat, beruht auf Unsinn und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, +daß alles nur eine häßliche Verleumdung gewesen +ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire +auf uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las +mir sein neuestes Werk vor. Und was das betrifft, daß +er mich damals Lovelace benannt hat: nun – so ist +das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige +Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung +erklärt. Lovelace ist ein Fremdwort und bedeutet +ungefähr „ein gewandter Bursche“, oder wenn man es +hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: „ein +schneidiger Kavalier“. Sehen Sie, das bedeutet es, +nicht aber irgend so etwas – anderes! Es war also ein +ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein Engelchen. +Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für +eine Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich +denn auch deswegen heute bei ihm entschuldigt ... +</p> + +<p> +Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen +hatten wir zwar leichten Frost, aber das tut nichts: +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +dafür ist die Luft jetzt etwas frischer. Ich ging und +kaufte mir ein Paar Stiefel – es sind wirklich tadellos +schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich +noch etwas auf dem Newskij spazieren. Habe dann die +Zeitung gelesen. Ja, richtig! und das Wichtigste habe +ich vergessen, Ihnen zu erzählen! +</p> + +<p> +Also hören Sie jetzt, wie es war: +</p> + +<p> +Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch +und mit Akssentij Michailowitsch ein Gespräch +an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja, Warinka, +Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen. +Sie haben schon vielen Gutes erwiesen und die +Herzensgüte Seiner Exzellenz ist aller Welt bekannt. +Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und vergießen +Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen +Hilfe gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme +Waise bei sich im Hause erzogen, und die ist dann verheiratet +worden, an einen angesehenen Beamten, der +zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört, +und Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer +mitgegeben. Ferner haben Exzellenz auch noch den +Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei untergebracht, +und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den +Menschen erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, +mein Kind, auch mein Scherflein beizusteuern und erzählte +allen laut, was Exzellenz an mir getan: ich erzählte +ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine Verlegenheit +steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, +was Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! +Ganz laut erzählte ich es, so daß alle es hören konnten, +ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten Seiner Exzellenz +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung +und errötete nicht: im Gegenteil, ich war +stolz, daß ich so etwas erzählen konnte. Und ich erzählte +alles (nur von Ihnen, mein Kind, erzählte ich zum +Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit +Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und +Faldoni, und von Ratasäjeff und Markoff und von +meinen Stiefeln – alles das erzählte ich rückhaltlos. +Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich +spotteten alle – alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich +haben sie an meiner Erscheinung etwas Lächerliches +gefunden. Vielleicht haben sie auch nur über +meine Stiefel gelacht – ja, ganz sicher nur über meine +Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben +sie gewiß nicht gelacht, das hätten sie nie und nimmer +tun können. Es kam eben nur so, es war ihre Jugend +– oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer +schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls – da hätten +sie mich und meine Worte bestimmt nicht verspottet. +Das heißt, ich meine: etwa über Seine Exzellenz lachen +– das hätten sie unter keinen Umständen getan. Hab’ +ich nicht recht, Warinka? +</p> + +<p> +Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung +kommen, mein Kind. Alle diese Geschehnisse +haben mich so verwirrt! Haben Sie auch Holz zum Heizen? +Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten, +Warinka, wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, +mein Kind, er möge Sie behüten und beschützen. Haben +Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder was +da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter +nötig ist? Seien Sie nur vorsichtig, mein Täubchen. +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas fehlen sollte, +dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie +sich sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten +vorüber und vor uns liegt das Leben so hell und so +schön! +</p> + +<p> +Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! +Nun ja, was soll man da noch reden, jetzt, da sie überstanden +ist! Wenn erst Jahre darüber vergangen sein +werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd +zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an +seine Jugendjahre zurückdenkt! Was man da nicht alles +durchgemacht hat! Wie oft hatte man nicht einen einzigen +Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war +man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man +über den Newskij, begegnete einem netten Gesichtchen +– und da wurde man denn für den ganzen Tag glücklich. +Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch, +mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka! +Namentlich in Petersburg. Ich habe gestern mit +Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn meine +Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die +ich in dieser traurigen Zeit begangen habe, verzeihen +möge, als da sind: Freidenkerei, Leichtsinn und Spiel. +Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit +Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben +mich getröstet und gestärkt, haben mir guten Rat erteilt +und mir mit Ihrem Beistand über alles Schwere +hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen +niemals vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle +einzeln abgeküßt, mein Täubchen, mein Engelchen! +Nun, und jetzt – leben Sie wohl! +</p> + +<p> +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine +Uniform zu verkaufen hat. Nun werde ich mich auch +äußerlich wieder etwas instand setzen. Leben Sie +wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr Ihnen innig zugetaner<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-44" title="44. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +15. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was +geschehen ist. Ich ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen +Sie selbst, mein bester Freund: Herr Bükoff ist in +Petersburg! +</p> + +<p> +Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen +an ihr vorübergefahren, hat sie erkannt, hat sogleich +befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf sie zugegangen +und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natürlich +nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung +hingeworfen – na, er wisse ja schon, wer bei ihr sei. +(Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles erzählt.) +Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort +auf der Straße Vorwürfe gemacht, ihm gesagt, daß er +ein sittenloser Mensch sei und ganz allein die Schuld +an meinem Unglück trage. Darauf hat er erwidert, +wenn man keinen Kopeken habe, müsse man allerdings +unglücklich sein! +</p> + +<p> +Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklärt, daß ich +mich sehr wohl mit meiner Hände Arbeit ernähren, daß +ich heiraten oder schlimmstenfalls eine Stelle hätte annehmen +können, jetzt aber sei mein Glück für immer +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +vernichtet: ich sei außerdem krank und werde wohl bald +sterben. +</p> + +<p> +Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung, +in meinem Kopfe gäre es noch, und er hat hinzugefügt, +unsere Tugenden seien wohl ein bißchen trüb geworden +(das sind genau seine Worte). +</p> + +<p> +Wir dachten schon, Fedora und ich, daß er nicht +wisse, wo wir wohnen, doch plötzlich, gestern – kaum +war ich ausgegangen, um im Gostinnyj Dworr einige +Zutaten zu kaufen – da taucht er ganz unerwartet hier +auf! Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen +wollen. Zunächst hat er Fedora lange über unser +Leben ausgefragt und alles bei uns genau betrachtet, +auch meine Handarbeit. Und dann hat er plötzlich gefragt: +</p> + +<p> +„Was ist denn das für ein Beamter, der mit euch +bekannt ist?“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblick sind Sie gerade über den Hof +gegangen und da hat Fedora auf Sie hingewiesen: er +hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und dann gelacht. +Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all +dem Kummer ohnehin schon krank sei und es mir sehr +unangenehm wäre, ihn hier zu sehen, hat er nichts geantwortet +und eine Weile geschwiegen: dann hat er +gesagt, daß er „nur so“ gekommen sei, er habe gerade +nichts zu tun gehabt, und schließlich hat er Fedora +25 Rubel geben wollen, die sie natürlich nicht angenommen +hat. +</p> + +<p> +Was könnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb, +wozu ist er zu uns gekommen? Ich begreife nicht, +woher er alles über uns erfahren haben kann? Ich verliere +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +mich in allen möglichen Mutmaßungen. Fedora +sagt, Axinja, ihre Schwägerin, die bisweilen zu uns +kommt, sei gut bekannt mit der Wäscherin Nastassja, +ein Vetter von dieser Nastassja aber sei Amtsdiener in +dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen +von Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der +Klatsch nicht auf diesem Umwege zu ihm gedrungen +sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken sollen. +Könnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der +bloße Gedanke daran entsetzt mich! Als Fedora mir +gestern das alles erzählte, erschrak ich so, daß ich fast +ohnmächtig wurde – vor Angst. Was wollen diese +Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen +wissen! Was gehe ich sie an? Ach, wenn Sie wüßten, +in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden Augenblick fürchte +ich, Bükoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was +wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi +willen, kommen Sie sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch! +Ich flehe Sie an, kommen Sie! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-45" title="45. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +18. September. +</p> + +<p class="addr"> +Meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, +Unerklärliches und ganz Unerwartetes geschehen. +Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge nach erzählen. +</p> + +<p> +Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff +freigesprochen wurde. Das Urteil war wohl schon +lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute hatte +man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die +Sache endete für ihn sehr günstig. All der Dinge, +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +deren man ihn beschuldigt hatte – der Unachtsamkeit, +Nachlässigkeit usw. – wurde er freigesprochen. +Das Gericht stellte in vollem Umfange +seine Ehre wieder her und verurteilte den Kaufmann +zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme +an Gorschkoff, so daß sich jetzt auch seine äußere +Lage mit einem Schlage gebessert hat, da das Geld +ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem +Wege eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber +war natürlich, daß der Schandfleck entfernt wurde, +der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag. Mit einem +Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung. +</p> + +<p> +Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum +wiederzuerkennen. Sein Gesicht war bleich wie Kreide. +Die Lippen zitterten, und dabei lächelte er in einem +fort – so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir +gingen alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. +Ich glaube, unsere Handlungsweise +rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und drückte +einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, +als ob er ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er +sich weit strammer, als sonst, und auch die Augen tränten +nicht mehr, sondern glänzten förmlich. Er war so +erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es +auf ein und derselben Stelle aus: alles nahm er in die +Hand, um es sogleich wieder zurückzulegen, bald faßte +er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann setzte er sich, +stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem +und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal +sagte er: „Meine Ehre, ja, meine Ehre – ein guter +Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...“ und Sie +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen +ihm voll Tränen, und auch wir waren den Tränen +nahe. Ratasäjeff wollte wohl ablenken und sagte deshalb: +</p> + +<p> +„I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre, +wenn man nichts zu essen hat! Geld, Väterchen, Geld +ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür können Sie +Gott danken!“ – und dabei klopfte er ihm auf die +Schulter. +</p> + +<p> +Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie +gekränkt fühlte. Nicht gerade, daß er den Beleidigten +gespielt hätte, aber er sah doch den Ratasäjeff +so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand +von seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht +geschehen, mein Kind. Übrigens sind die Charaktere +verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der Freude +ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht +man doch, meine Liebe, macht man doch oft genug einen +ganz unnötigen Bückling, macht ihn aus keinem +anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger Weichheit +oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit +... Doch handelt es sich hier nicht um mich – +</p> + +<p> +„Ja,“ sagte Gorschkoff nach einer Weile, „auch das +Geld ist gut. Gott sei Dank ... Gott sei Dank ...“ +</p> + +<p> +Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich +hin: „Gott sei Dank ... Gott sei Dank ...“ +</p> + +<p> +Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und +besseres Mittagessen. Unsere Wirtin kochte es selbst. +Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine gute Frau. +</p> + +<p> +Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick +stillsitzen. Er ging zu allen in die Zimmer, gleichviel, +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +ob man ihn aufgefordert hatte oder nicht. Er trat ganz +einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich auf einen +Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts +– und dann ging er wieder. Bei unserem Seemann, +bei dem man gerade spielte, nahm er sogar Karten in +die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen. +Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins +Spiel und warf die Karten nach drei oder vier Runden +wieder hin. +</p> + +<p> +„Nein, ich habe ja nur so ...“ soll er gesagt haben, +„ich habe ja nur so ...“ und damit ist er wieder +aus dem Zimmer gegangen. +</p> + +<p> +Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden +Hände und sah mir lange in die Augen, aber mit einem +ganz eigentümlichen Blick. Dann drückte er meine +Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf +den Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln, +das so unbeweglich, so bedrückend war, wie das +Lächeln eines Toten. Seine Frau weinte vor Freude. +Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das +Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, +hat er plötzlich zu seiner Frau gesagt: +</p> + +<p> +„Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,“ – und +damit hatte er sich auch schon auf dem Bett ausgestreckt. +</p> + +<p> +Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte +die Hand auf das Kinderköpfchen und streichelte es +immer wieder. Dann wandte er sich von neuem an +seine Frau: +</p> + +<p> +„Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,“ fragte er, +„unser Petinka? ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch +tot sei. +</p> + +<p> +„Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im +Himmelreich.“ +</p> + +<p> +Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war, +daß die Erlebnisse an diesem Tage ihn ganz erschüttert +hatten, und sagte deshalb, er solle doch versuchen, einzuschlafen +und auszuruhen. +</p> + +<p> +„Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein +wenig ...“ und damit drehte er sich auf die Seite, lag +ein Weilchen, dann wandte er sich wieder zurück und +wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn +noch gefragt: „Was ist, mein Freund?“ – aber er +antwortete schon nicht mehr. „Nun, er wird wohl eingeschlafen +sein,“ sagte sie sich und ging aus dem Zimmer, +um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. +Nach etwa einer Stunde kam sie zurück – der Mann, +sah sie, war noch nicht aufgewacht, er schlief noch ganz +ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur +schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit. +</p> + +<p> +Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde +so gesessen habe, doch könne sie nicht mehr sagen, an +was sie eigentlich gedacht, obschon sie in Nachdenken +versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz +vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, +und zwar habe ein gewisses beunruhigendes Gefühl +sie aus ihrer Traumverlorenheit aufgeschreckt, und +da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer aufgefallen. +</p> + +<p> +Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann +immer noch so lag, wie vor anderthalb Stunden. Da +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +trat sie denn zu ihm und berührte ihn – er aber war +schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, +war ganz plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. +Woran er aber gestorben ist, das mag Gott wissen! +</p> + +<p> +Das ist’s, was mich so erschüttert hat, Warinka, +daß ich noch immer nicht recht zur Besinnung kommen +kann. Ich kann es nicht glauben, daß ein Mensch so +einfach – stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch! +Warum mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten +Freudentage sterben! Ja, das Schicksal, das Schicksal! +Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch ganz +verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine +Mädchen aber hat sich verschüchtert in einen Winkel +verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur ein einziges Kommen +und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung +stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht. +Leid tut es mir, ach, so leid! Es ist doch traurig, +wenn man bedenkt, daß man wirklich weder Tag noch +Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir +nichts weg und aus ist es ... +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-46" title="46. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +19. September. +</p> + +<p class="addr"> +Meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind, +daß Ratasäjeff mir Arbeit verschafft hat, Arbeit für +einen Schriftsteller. – Heute kam einer zu ihm und +brachte so ein dickes Manuskript – Gott sei Dank, +viel Arbeit. Nur ist es alles so unleserlich geschrieben, +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +daß ich gar nicht weiß, wie ich das entziffern soll, dabei +wird die Arbeit so schnell verlangt. Außerdem handelt +es von so schweren Dingen, daß man es gar nicht +mal recht verstehen kann. Über den Preis sind wir +auch schon einig geworden: 40 Kopeken pro Bogen. +Ich schreibe Ihnen das alles nur deshalb, meine Liebe, +um Sie schneller wissen zu lassen, daß ich jetzt noch +obendrein einen Nebenverdienst haben werde. Und nun +leben Sie wohl, Kind. Ich will mich gleich an die Arbeit +machen. +</p> + +<p class="sign"> +Ihr treuer<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-47" title="47. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +23. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, +mein Freund, und doch war es eine Zeit großer Sorge +und Aufregung für mich. +</p> + +<p> +Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war +allein, Fedora war ausgegangen. Ich öffnete die Tür +und erschrak dermaßen, als ich ihn erblickte, daß ich +mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte, +wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit +lautem Lachen ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen +Stuhl und setzte sich. Es dauerte eine Weile, bis ich +meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich +wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens +bald auf, zu lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen +doch überrascht. Ich habe ja in der letzten Zeit +so abgenommen, meine Wangen und Augen sind eingefallen, +und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +muß allerdings schwer sein für die, die mich vor einem +Jahre gekannt haben, mich jetzt wiederzusehen. +</p> + +<p> +Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich +heiterte sich seine Miene wieder auf. Er machte irgendeine +Bemerkung – ich weiß nicht mehr, was ich +antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde +saß er so bei mir, fragte mich nach diesem und jenem +und unterhielt sich mit mir ganz ungezwungen. Endlich, +bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und +sagte (ich schreibe es Ihnen wortwörtlich): +</p> + +<p> +„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna +Fedorowna, Ihre Verwandte und meine alte Bekannte +und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er benannte +sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen +Wort.) „Sie hat jetzt auch Ihre Kusine vom rechten +Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie dem Verderben +zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in +diesem Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, +was soll man darüber viel Worte verlieren, das ist so +eine alltägliche Geschichte, wie das Leben sie eben mit +sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte +er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das +Wichtigste, was er zu sagen hatte, ja, was zu verschweigen +ihm seine Anständigkeit einfach verboten +hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das +Übrige in kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so +tat er es auch: er erklärte mir, daß er um meine Hand +anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte, mir meine +Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der +Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. +Dort gedenke er Hasen zu jagen, nach Petersburg +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +aber wolle er nie mehr zurückkehren, denn das Großstadtleben +sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier +einen Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie +er ihn nannte, und er habe sich geschworen, diesen um +die erwartete Erbschaft zu bringen. Hauptsächlich deshalb +habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt, er +wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte +er sich noch über unsere Wohnung, meinte, es wäre +schließlich kein Wunder, daß ich krank geworden sei, +wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube +wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn +ich noch lange hierbliebe. In Petersburg seien die +Wohnungen überhaupt elend, sagte er, und dann +fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe. +</p> + +<p> +Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich +plötzlich – ich weiß selbst nicht, weshalb – in Tränen +ausbrach. Er hielt sie natürlich für Tränen der Dankbarkeit +und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen, +daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen +sei, doch habe er sich nicht früher zu seinem Antrag +entschlossen, als nachdem er alles Nähere über +mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte +er sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, +Sie seien ein anständiger Mensch, und er wolle +nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen 500 Rubel +genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? +Als ich ihm darauf antwortete, daß Sie für mich +das getan, was man mit Geld nicht zu bezahlen vermöge, +sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl in +Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben +nach Büchern: Romane aber setzten jungen Mädchen +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +bloß verschrobene Ideen in den Kopf, und überhaupt +möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, +daß sie nur die Sitten verdürben, weshalb er Bücher +nicht leiden könne. Er riet mir, erst sein Alter zu +erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann +erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt +haben.“ +</p> + +<p> +Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken +und mir alles reiflich zu überlegen, denn es wäre +ihm sehr unangenehm, wenn ich einen so wichtigen +Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, +daß Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die +unerfahrene Jugend stets ins Verderben zu führen +pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine zusagende +Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde +er sich gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter +zu heiraten, da er, wie gesagt, nun einmal geschworen +habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die +Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte +fünfhundert Rubel auf meinen Stickrahmen, für +Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich fast mit +Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er +noch, daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, +dick, rosig und gesund werden würde, ich könne +dort essen, soviel ich nur wolle. Augenblicklich habe er +hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte hätten ihn +schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er +sei auch nur auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit +ging er ... +</p> + +<p> +Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt +und mich recht gequält, mein Freund, und endlich +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +habe ich mich entschlossen. Ja: ich werde ihn heiraten, +ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich +jemand von meiner Schande erlösen, mir meine Ehre +wiedergeben und mich in Zukunft vor Armut und Entbehrungen +und Unglück bewahren kann, so ist er ganz +allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst +von der Zukunft erwarten, was noch vom Schicksal +verlangen? Fedora sagt, daß man sein Glück nicht +verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend, +was man denn in diesem Falle Glück nennen +solle. Ich jedenfalls finde keinen anderen Ausweg für +mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit der +Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit +untergraben. Ununterbrochen arbeiten – das kann ich +nicht. Bei fremden Menschen dienen? – Ich käme um +vor Leid, und überdies würde ich niemanden zufriedenstellen. +Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich +Fremden immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich +ja auch jetzt nicht in ein Paradies, aber was soll ich +denn tun, mein Freund, was soll ich denn tun? Was +soll ich denn vorziehen? +</p> + +<p> +Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich +wollte ganz allein alles überlegen. Mein Entschluß, +den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht fest und ich +werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon +sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung +erwartet. Er sagte mir, daß seine Geschäfte keinen +Aufschub dulden, er müsse abreisen, und „wegen +dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch nicht +aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen +Macht über mein Schicksal weiß, ob ich +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +glücklich sein werde, aber mein Entschluß ist gefaßt. +Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird mich +achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. +Was aber sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe +erwarten? +</p> + +<p> +Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, +denn ich weiß, daß Sie meinen ganzen Jammer verstehen +werden. Versuchen Sie nicht, mich von meinem +Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären +zwecklos. Erwägen Sie lieber in Ihrem eigenen Herzen +alle Gründe, die mich zu diesem Schritt veranlaßt +haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin +ich ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht. +Was geschehen wird, das wird geschehen, wie Gott es +schickt! ... +</p> + +<p> +Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. +Ich wollte Ihnen noch vieles sagen. Bükoff ist +schon hier. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-48" title="48. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +23. September. +</p> + +<p class="addr"> +Kind, Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich, +Kind, ich beeile mich, Ihnen zu erklären, daß ich – +daß ich erstaunt bin. Alles das ist doch ganz sicher irgendwie +nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff beerdigt. +Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bükoff hat +ehrenhaft gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe, +Sie haben ihm also wirklich zugesagt? Natürlich +wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so, das muß unbedingt +so sein, das heißt, hier – auch hier muß unbedingt +Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen +Schöpfers hat natürlich, obschon uns unerforschlich, +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +immer nur das Wohl der Menschen im +Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie +Gott. +</p> + +<p> +Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natürlich, +Sie werden jetzt glücklich sein, Kind, Sie werden in +Reichtum und Überfluß leben, mein Täubchen, mein +Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen, +mein Engelchen, – nur eins, sehen Sie, Warinka, wie +denn das, warum so schnell? ... Ja, die Geschäfte – +Herr Bükoff hat Geschäfte vor ... natürlich – wer +hat denn nicht Geschäfte, auch er kann sie haben. Ich +habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender +Mann, sogar ein sehr imponierender +Mann, das heißt eine imposante Erscheinung, eine sogar +sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles +... nein, es ist ja gar nicht das, um was es sich +eigentlich handelt. Ich, sehen Sie, ich bin schon jetzt +gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn +künftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja +und ich – wie bleibe ich denn hier so allein +zurück? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwäge, +wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen +erwäge ich alles, alle diese Gründe, meine ich, und +so weiter. Ich hatte schon fast den zwanzigsten Bogen +abgeschrieben, da kam dann plötzlich dieses Ereignis! +Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so müssen +Sie doch noch verschiedene Einkäufe machen, verschiedene +Stiefelchen und Kleidchen, und da, meine ich, +kommt es denn sehr gelegen, daß ich gerade ein gutes +Magazin kenne, an der Gorochowaja – erinnern Sie +sich noch, wie ich es Ihnen einmal beschrieb? – Aber +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +nein! Was rede ich, was fällt Ihnen ein, mein Kind, +was denken Sie! Sie dürfen doch nicht, es ist ganz unmöglich: +Sie können jetzt einfach nicht so ohne weiteres +fortfahren! Sie müssen doch große Einkäufe machen, +Sie müssen einen Wagen mieten. Überdies ist +auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur, +es regnet wie aus Eimern, unaufhörlich regnet es, und +überdies ... es wird doch noch kalt werden, mein Engelchen, +Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden +erfrieren! Und Sie fürchten doch jeden fremden Menschen: +und nun wollen Sie mit diesem da fortfahren! +Wie soll ich denn hier so allein zurückbleiben? Ja! Die +Fedora sagt, daß ein großes Glück Sie erwarte ... +aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir +mein Letztes nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse +in die Kirche gehen, mein Kind? Ich würde +dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen. +</p> + +<p> +Es ist wahr, Kind, es ist richtig, daß Sie ein gebildetes, +gutes, gefühlvolles Mädchen sind, nur wissen +Sie, – mag er doch lieber eine Kaufmannstochter heiraten! +Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber +eine Kaufmannstochter heiraten! – Ich werde zu Ihnen +kommen, Warinka, sobald es dunkelt, werde ich +auf ein Stündchen hinüberkommen. Jetzt wird es doch +schon früh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt +auf ein Stündchen! Jetzt erwarten Sie Bükoff, +das weiß ich, aber wenn er fortgegangen ist, dann ... +Also warten Sie, Kindchen, ich komme unbedingt ... +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-49" title="49. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +27. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Freund Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Herr Bükoff sagt, ich müsse mindestens drei +Dutzend Hemden von holländischer Leinewand haben. +Daher müssen wir so schnell wie möglich Weißnäherinnen +für zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich +wenig Zeit. Herr Bükoff ärgert sich, weil er nicht +geahnt hat, wie er sagt, daß diese Lappen soviel Schererei +verursachen können. +</p> + +<p> +Unsere Hochzeit wird in fünf Tagen stattfinden, +und am Tage darauf reisen wir ab. Herr Bükoff hat +Eile und sagt, für diese Dummheiten brauche man +nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den +Scherereien schon so müde, daß ich mich kaum noch auf +den Füßen halten kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit, +und doch, weiß Gott, wäre es besser, wenn nichts +von all diesen Sachen nötig wäre. Ja, und noch etwas: +wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir müssen +noch welche zukaufen, denn Herr Bükoff sagt, er wünsche +nicht, daß seine Frau wie eine Küchenmagd gekleidet +gehe, ich müsse „alle Gutsbesitzersfrauen in den +Schatten stellen“ – das sind seine Worte. +</p> + +<p> +Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie +zu Madame Chiffon (Gorochowaja, Sie wissen schon) +und bitten Sie sie, uns schnell einige Nähterinnen zu +schicken, dies erstens, und zweitens, daß sie sich selbst +herbemühen möge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich +bin heute krank. Hier in unserer neuen Wohnung ist es +so kalt und alles ist in schrecklicher Unordnung. Herrn +Bükoffs Tante kann kaum noch atmen vor Altersschwäche. +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +Ich fürchte, daß sie vielleicht noch vor unserer Abreise +sterben könnte, doch Herr Bükoff sagt, das habe +nichts auf sich, sie würde sich schon wieder erholen. +</p> + +<p> +Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem +Kopf. Da Herr Bükoff nicht hier wohnt, laufen die +Leute nach allen Seiten fort und tun, was sie +gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu +unserer Bedienung haben. Herrn Bükoffs Kammerdiener, +der hier nach dem Rechten sehen soll, ist schon seit +drei Tagen verschwunden. Herr Bükoff kommt jeden +Morgen angefahren und ärgert sich, gestern aber hat +er den Hausknecht geprügelt, weshalb er dann mit der +Polizei Unannehmlichkeiten bekam ... Ich habe hier +im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen +den Brief zusenden könnte. Ich schreibe Ihnen durch +die Stadtpost. Ach, natürlich, das Wichtigste hätte ich +fast vergessen! Sagen Sie Madame Chiffon, daß sie +die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern gewählten +Muster passende, aussuchen, und daß sie dann +selbst zu mir kommen soll, um mir die neue Auswahl +zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr noch, daß ich mich +in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie +muß gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas: +Die Buchstaben in den Taschentüchern soll sie in Tamburinstickerei +nähen, verstehen Sie? – in Tamburinstickerei +und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht: +Tamburinstickerei! So, und da hätte ich doch noch +etwas vergessen! Sagen Sie ihr, um Gottes willen, +daß die Blättchen auf der Pelerine erhaben ausgenäht +werden müssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber, +an den Kragen muß sie dann noch eine Spitze nähen, +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +oder eine breite Falbel. Bitte, sagen Sie ihr das, Makar +Alexejewitsch. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre<br> +W. D. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Ich schäme mich so, daß ich Sie wieder mit +meinen Aufträgen belästige. Vorgestern sind Sie ja +schon den ganzen Nachmittag gelaufen. Doch was soll +ich tun! Bei uns im Hause gibt es überhaupt keine +Ordnung und ich selbst bin krank. Also ärgern Sie sich +nicht gar zu sehr über mich, Makar Alexejewitsch. Es +ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das noch werden, +mein Freund, mein lieber, mein guter Makar +Alexejewitsch! Ich fürchte mich, an die Zukunft auch +nur zu denken. Es ist mir, als hätte ich tausend schlimme +Vorahnungen und mein Kopf ist wie eingenommen. +</p> + +<p> +P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen +Sie nur nichts von dem, was Sie Madame Chiffon zu +sagen haben. Ich fürchte, Sie verwechseln mir alles. +Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei +und <em>nicht</em> blank! +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-50" title="50. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +27. September. +</p> + +<p class="addr"> +Meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ihre Aufträge habe ich alle gewissenhaft ausgeführt. +Madame Chiffon sagte, daß sie auch schon an +Tamburinstickerei gedacht habe: das sei vornehmer, +sagte sie, oder was sie da sagte – ich habe es nicht +ganz begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann, +Sie hatten dort etwas von einer Falbel geschrieben, +da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur habe +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der +Falbel sagte. Ich weiß nur noch, daß sie sehr viel über +diese Falbel zu sagen hatte. Solch ein schändliches +Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen +heute noch alles selbst sagen. Ich bin nämlich, mein +Kind, ich bin nämlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin +ich auch nicht in den Dienst gegangen. Nur ängstigen +Sie sich, meine Liebe, ganz unnötigerweise. Für Ihre +Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Läden +Petersburgs zu laufen. Sie schreiben, daß Sie sich +fürchten, in die Zukunft zu blicken, oder an sie auch +nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch +alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen +kommen. – Also verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen +Sie, Kind, vielleicht wird sich doch noch alles zum +besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese +verwünschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem +Sinn, das geht nur so – Falbel, Falbel, Falbel! ... +</p> + +<p> +Ich würde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen, +mein Engelchen, würde unbedingt auf ein Weilchen +vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal Ihrer +Tür genähert, aber Bükoff, das heißt, ich wollte +sagen, Herr Bükoff ist immer so böse, und da ist es +wohl nicht gerade angebracht ... Nicht wahr? ... +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-51" title="51. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +28. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier! +Sagen Sie ihm, daß er die Ohrgehänge mit Perlen +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bükoff +sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel. +Er ärgert sich. Er sagt, daß es ihm ohnehin schon +ein Heidengeld koste und daß wir ihn plündern. Und +gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen +hätte, würde er sich die Sache noch sehr überlegt +haben. Er sagt, daß wir sogleich nach der Trauung abreisen +werden, ich solle mir also keine Illusionen machen: +es kämen weder Gäste, noch werde nachher getanzt +werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich +solle mir nur nicht einbilden, gleich tanzen zu können. +So spricht er jetzt! Und Gott weiß doch, ob ich das +alles nötig habe, oder nicht! Herr Bükoff hat doch +selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen: +er ist so heftig. Was wird nur aus mir werden?! +</p> + +<p class="sign"> +W. D. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-52" title="52. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +28. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Täubchen, meine liebe Warwara Alexejewna! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich, das heißt der Juwelier sagt – gut. Von mir +aber wollte ich nur sagen, daß ich erkrankt bin und +nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo so viel zu besorgen +ist, wo Sie meiner Hilfe bedürfen, jetzt müssen die +Erkältungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch +habe ich Ihnen noch mitzuteilen, daß zur Vollendung +meines Unglücks Seine Exzellenz heute geruht haben, +sehr böse zu sein: sie haben sich über Jemeljan Iwanowitsch +geärgert, haben sehr gescholten und sahen zu guter +Letzt ganz erschöpft aus, so daß sie mir über alle Maßen +leid getan haben. Sie sehen, ich teile Ihnen alles +mit. +</p> + +<p> +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben, +aber ich fürchte, Ihnen damit nur unnütz Zeit zu rauben. +Ich bin ja doch, mein Kind, ein dummer Mensch, +bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade +kommt und was mir einfällt, so daß Sie vielleicht dort +irgendwie so etwas ... ich kann ja nicht wissen was +... Ach, nun, was soll man da reden! +</p> + +<p class="sign"> +Ihr<br> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-53" title="53. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +28. September. +</p> + +<p class="addr"> +Warwara Alexejewna, mein Herzchen! +</p> + +<p class="noindent"> +Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen, +mein Täubchen. Sie sagt, Sie werden schon morgen +getraut und übermorgen reisen Sie ab! Herr Bükoff +habe schon die Pferde bestellt. +</p> + +<p> +Über Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben, +mein Kind. Ja und dann: die Rechnungen +der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es +stimmt alles, nur daß es sehr teuer ist. Aber warum +ärgert sich denn Herr Bükoff über Sie? Nun, so seien +Sie glücklich, Kind! Ich freue mich. Ja, ich werde +mich immer freuen, wenn Sie glücklich sind, Kind! Ich +würde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich +kann nicht, mein Kreuz schmerzt. +</p> + +<p> +Doch wie wird es denn nun mit den Briefen – +ich komme wieder darauf zurück –, wie werden wir +uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns zustellen, +Kind? +</p> + +<p> +Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora +so sehr beschenkt, meine Gute! Damit haben Sie ein +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +gutes Werk getan, das war schön von Ihnen. Für jede +gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt +und der Tugend ist immer Gottes Lohn gewiß. +</p> + +<p> +Kind, mein Kind! Ich würde Ihnen vieles schreiben, +ich würde Ihnen jede Stunde, jede Minute schreiben, +immer nur schreiben! Ich habe hier noch ein +Büchlein von Ihnen, „Bjelkins Erzählungen“, das ist +noch bei mir geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen +Sie das bei mir, nehmen Sie mir das nicht fort, schenken +Sie es mir ganz, mein Täubchen! Nicht deshalb, +weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals +lesen möchte. Aber Sie wissen doch selbst, Kind, der +Winter kommt, die Abende werden lang: da wird man +denn traurig – und da ist es dann gut, wenn man +etwas zum Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus +meiner Wohnung in Ihre alte Wohnung ziehen und +werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser ehrenwerten +alten Frau werde ich mich jetzt für keinen +Preis mehr trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam. +Gestern habe ich mir in Ihrer verlassenen Wohnung +alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner Stickrahmen +mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles +geblieben, unangerührt, wie es war. Ich habe auch +Ihre Stickerei betrachtet. Dann sind da noch verschiedene +kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stückchen von +einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn +aufzuwickeln. In Ihrem Tischchen fand ich noch einen +Bogen Postpapier, auf dem Sie geschrieben haben: +„Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich“ +– und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand +gleich zu Anfang unterbrochen. In der Ecke hinter dem +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +Schirm steht Ihr schmales Bettchen ... Mein Täubchen +Sie!!! +</p> + +<p> +Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten +Sie mir nur um Gottes willen etwas auf meinen +Brief, und recht bald! +</p> + +<p class="sign"> +Makar Djewuschkin. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-54" title="54. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="date"> +30. September. +</p> + +<p class="addr"> +Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. +Ich weiß nicht, was die Zukunft mir bringen +wird, aber ich füge mich in den Willen des Herrn. +Morgen reisen wir. +</p> + +<p> +Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen, +mein einziger, mein treuer, lieber, guter Freund! +Sind Sie doch mein einziger Verwandter, der in der +Not treu zu mir gehalten hat! +</p> + +<p> +Grämen Sie sich nicht um mich, leben Sie glücklich, +denken Sie zuweilen an mich und möge Gott Sie +segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie in meinem +Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese +Zeit vorüber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die +ich aus der Vergangenheit ins neue Leben mitnehme, +um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr Andenken, +um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen +sein. Sie sind mein einziger Freund, nur Sie allein +haben mich hier geliebt. Ich bin doch nicht blind gewesen, +ich habe es doch gesehen und gewußt, wie Sie +mich liebten! Mein Lächeln genügte, um Sie glücklich +zu machen, eine Zeile von mir söhnte Sie mit allem +aus. Jetzt müssen Sie sich daran gewöhnen, ohne mich +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier weiterleben? +Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter, +unschätzbarer, einziger Freund! +</p> + +<p> +Ich überlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen, +den angefangenen Brief. Wenn Sie diese angefangenen +Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken weiter: lesen +Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie +von mir gern gehört oder gelesen hätten, alles, was ich +Ihnen hätte schreiben können – was aber würde ich +Ihnen jetzt nicht alles schreiben! Vergessen Sie nicht +Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem +Herzen geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora +in der Kommode geblieben, in der obersten Schublade. +</p> + +<p> +Sie schreiben, daß Sie krank seien. Ich würde Sie +besuchen, aber Herr Bükoff läßt mich heute nicht fort. +Ich werde Ihnen schreiben, mein Freund, das verspreche +ich Ihnen, aber nur Gott allein weiß, was +alles geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt für +immer Abschied voneinander nehmen, mein Freund, +mein Täubchen, wie Sie mich nennen, mein Liebster! +Auf immer! ... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen würde, +Sie! Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht, +recht, recht wohl! Seien Sie glücklich! Bleiben Sie gesund. +Nie werde ich vergessen, für Sie zu beten. O! +wenn Sie wüßten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll +bedrückt meine Seele ist! +</p> + +<p> +Herr Bükoff ruft mich. +</p> + +<p class="sign"> +Ihre Sie ewig liebende<br> +W. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Meine Seele ist so voll, so voll von Tränen +... Sie drohen, mich zu ersticken, zu zerreißen! +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott! wie ist +es traurig! +</p> + +<p> +Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre +arme Warinka. +</p> + +<p class="sign"> +W. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="letter blank" id="chapter-3-55" title="55. Brief"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling! +Man bringt Sie fort, Sie fahren. Ja, jetzt wäre es +doch besser, man risse mir das Herz aus der Brust, als +daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das +nur möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und +doch fahren Sie?! Da habe ich soeben Ihren Brief erhalten, +der stellenweise noch feucht ist von Tränen. So +wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren? +Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es +tut Ihnen leid um mich? Ja, aber – dann lieben Sie +mich doch! Wie ist denn das? Was soll jetzt geschehen? +Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist +dort öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr +Herzchen krank machen, die Trauer wird es zerreißen. +Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in die +feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, +der Sie beweint! Herr Bükoff wird immer Hasen jagen +... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie sich da +entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? +Was haben Sie getan, was haben Sie getan, was haben +Sie sich selbst angetan! Man wird Sie doch dort +ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach umbringen, +mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein +Federchen, so zart und schwach! Und wo war ich +denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn hier mit +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein +Kindskopf sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich +denn nicht, daß dem Kinde einfach nur das Köpfchen +versagte! Da hätte ich doch ganz einfach – aber nein! +Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch +sehe ich etwas, als sei das gerade das Richtige, als +ginge die ganze Sache mich gar nichts an, und laufe +sogar noch nach Falbeln! ... Nein, Warinka, ich +werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon +soweit sein, dann stehe ich einfach auf! Und dann, dann +werde ich mich einfach unter die Räder werfen. Ich +lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn das +eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht +geschieht das denn alles? Ich werde mit Ihnen fahren! +Ich werde Ihrem Wagen nachlaufen, wenn Sie mich +nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde laufen, +solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis +ich meinen Geist aufgebe! +</p> + +<p> +Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was +Sie erwartet, dort, wohin Sie fahren, Kind? Wenn +Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich, ich +weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, +nichts als flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie +meine Hand, so nackt! Dort leben nur stumpfe, gefühllose +Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle. Jetzt +ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen, +dort regnet es, dort ist es kalt – und dorthin fahren +Sie! +</p> + +<p> +Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird +da seine Hasen jagen. Aber was werden Sie dort anfangen? +Sie wollen Gutsherrin sein, mein Kind? +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +Aber, mein Engelchen! – so sehen Sie sich doch nur +an, sehen Sie denn nach einer Gutsherrin aus? +</p> + +<p> +Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen +werde ich denn jetzt noch Briefe schreiben, Kind? Ja! +so bedenken Sie und fragen Sie sich doch bloß dies +eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben +können? Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, +mein liebes Kind nennen, wem gebe ich diesen zärtlichen +Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo +soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich +werde sterben, Warinka, ich werde bestimmt sterben. +Nein, solchem Unglück ist mein Herz nicht gewachsen! +</p> + +<p> +Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie +mein leibliches Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte +alles an Ihnen, mein Liebling! Nur für Sie allein +lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und geschrieben, +bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen +in meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, +mein Kind, hier in meiner Nähe lebten. Sie haben das +vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich so, es war +wirklich so! +</p> + +<p> +Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen +Sie doch, mein Täubchen, wie ist denn das nur +möglich, daß Sie uns verlassen? – Nein, meine Liebe, +das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist +völlig ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so +kränklich – Sie werden sich bestimmt erkälten. Ihre +Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein Wagen ist +kein Haus – sie wird bestimmt durchnäßt werden! +Und kaum werden Sie aus der Stadt hinausgefahren +sein, da wird ein Rad brechen, oder der ganze Wagen +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen +schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese +Wagenbauer: denen ist es nur um die Fasson zu tun, +um irgend so ein Spielzeug herzustellen, aber von +Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich schwöre +es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle +nichts! +</p> + +<p> +Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die +Knie niederwerfen und ihm alles sagen, alles! Und +auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen! Sie +werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn +so überzeugen! Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben, +daß Sie nicht mit ihm fahren können! ... Ach, +warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter +geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter +ausgesucht! Das wäre für alle besser gewesen, +die würde viel besser zu ihm passen, ich weiß schon, +warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was +ist er Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist +er Ihnen denn plötzlich so lieb und wert geworden? +Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden, weil er +Ihnen Falbeln kauft und alles dieses – deshalb +etwa? Wozu sind denn diese Falbeln? Wozu hat man +die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein Stück Zeug, solch +ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein Menschenleben, +Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach +nur Lappen, wirklich – nichts anderes, als nichtsnutzige +Lappen! Ich aber, ich kann Ihnen doch gleichfalls +solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein +nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen +diese Falbeln, mein Kind, und ich weiß schon wo, ich +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +kenne dort einen kleinen Laden, nur müssen Sie noch +etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt +bekomme, mein Engelchen, Warinka! +</p> + +<p> +Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit +Herrn Bükoff fort in die Steppe, auf immer fort! Ach, +Kind! ... Nein, Sie müssen mir noch schreiben, noch +ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn +Sie schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von +dort einen Brief. Denn sonst, mein Engelchen, wäre +dies der letzte Brief, das aber kann doch nicht sein, daß +dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte +das, so plötzlich – der letzte, wirklich der letzte Brief +sein? Aber nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie +müssen mir schreiben ... Fängt doch gerade jetzt mein +Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind, aber was +heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst +zu wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts +weiß ich und will auch nichts durchlesen, nichts verbessern, +nichts, nichts. Ich schreibe nur, um zu schreiben, +immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen, +mein Liebling, mein Kind Sie! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="part" id="part-4"> +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +Der Doppelgänger +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +I. +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat +Jakoff Petrowitsch Goljädkin nach langem +Schlaf erwachte. +</p> + +<p class="noindent"> +Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen, +streckte langsam die Glieder, und erst nach +und nach öffnete er die Augen vollständig. Doch blieb +er noch eine gute Weile regungslos in seinem Bett liegen, +wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht +ganz klar darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich +schon erwacht und rings von Wirklichkeit umgeben +ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild vor +sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit, +daß er mit besserem Bewußtsein und regerer Vernunft +die geschauten Eindrücke in sich aufnehmen und in der +Tat als bereits längst bekannte und ganz alltägliche +Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten +ihn die grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten +Wände seines kleinen Zimmers an, wohl vertraut seine +rotbraune Kommode und die Stühle von derselben +Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische +Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen, +doch grüngeblümten Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut +schließlich auch die gestern abend in der Eile +abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +diesem Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der +unfreundliche Herbsttag mit seinem trüben, fast +schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so mißvergnügt +durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer, +daß Herr Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte, +daß er sich in keinem Wolkenkuckucksheim befand, sondern +in Petersburg, in der Hauptstadt des russischen +Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem +großen, vier Stockwerke hohen Hause, das an der +Straße lag, die man die Schestilawotschnaja nennt. +Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis gelangt +war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck zusammenzuckend, +zunächst blitzschnell wieder die Augen, +um, wenn möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre +nichts geschehen. Doch hielt er diesen Zustand nicht +lange aus, denn plötzlich – es war noch keine Minute +vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal +sofort aus dem Bett, ganz als seien seine Gedanken +endlich auf denjenigen Punkt gestoßen, um den sie +bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in blinder +Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten. +</p> + +<p> +Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so +war das erste, was er tat, daß er zu dem runden Spiegelchen +stürzte, das auf der Kommode stand. Und obwohl +das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen +Augen und dem ziemlich gelichteten Haupthaar, das +ihm aus dem Spiegel entgegenschaute, von so unbedeutender +Art war, daß es ganz entschieden sonst keines +einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können, +schien der Besitzer desselben doch mit dem Erblickten +sehr zufrieden zu sein. +</p> + +<p> +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin +halblaut vor sich hin, „gerade was Nettes, wenn +mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum Beispiel +irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt +wäre, oder eine ähnliche Unannehmlichkeit. +Aber bis jetzt ist noch alles gut gegangen ... jawohl: +vorläufig ist alles gut!“ +</p> + +<p> +Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über +diese Feststellung, den Spiegel wieder auf die Kommode, +worauf er selbst, obschon er noch barfuß und nur +mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um +mit großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar +wurde er durch das, was er dort unten erblickte, +vollkommen zufriedengestellt, denn ein Lächeln erhellte +sein Antlitz. +</p> + +<p> +Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter +die Scheidewand in die Kammer Petruschkas, seines +„Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt hatte, +daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise +zum Tisch, schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten +Winkel dieses Schubfaches zwischen alten vergilbten +Papieren und anderem Kram, bis er schließlich +eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die +er vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit +wonnevollem Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste +Täschchen hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten +auch die grünen und grauen und blauen und roten +Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich +und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens +legte er die offene Tasche mit geradezu strahlender +Miene vor sich auf den Tisch, worauf er sich +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände +rieb. +</p> + +<p> +Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche +und entnahm dem letzten und verborgensten Täschchen +das ganze, ihn so ungemein erfreuende bunte Paketchen +Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom +letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen, +wobei er jeden Schein gewissenhaft mit Daumen +und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht etwa zwei für +einen durchgingen. +</p> + +<p> +„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“ +murmelte er dann vor sich hin. „Siebenhundertfünfzig +Rubel ... eine große Summe! Eine sehr annehmbare +Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz +weich klingender Stimme in seinem Selbstgespräch +fort, indem er das Paket mit den Geldscheinen in der +geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte: +„Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für +einen jeden eine überaus annehmbare Summe! Ich +wollte den Menschen sehen, für den diese Summe eine +geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen +Menschen weit bringen ...“ +</p> + +<p> +„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin +aus seinem fröhlichen Gedankengang plötzlich auf, „wo +ist denn mein Petruschka?“ Und er begab sich, immer +noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur +Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in +seiner Kammer nicht zu erblicken. Statt seiner stand +dort nur der Samowar auf der Diele und brummte +und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten +Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +er mit heißestem Eifer in den Gutturallauten seiner +sich überstürzenden und unverständlichen Sprache +brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen +schien: So nimm mich doch endlich, guter Mann, ich +bin ja schon längst und vollkommen fertig und mehr +wie bereit! +</p> + +<p> +„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin, +„diese faule Bestie kann einen Menschen ja um +seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur wieder herumtreibt?!“ +</p> + +<p> +Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum +Vorzimmer – einem kleinen Korridor, aus dem eine +Tür auf den Treppenflur führte – und erblickte dort +seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer +Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten +Art, eifrig umringte. Petruschka erzählte und die +anderen hörten zu. Augenscheinlich mißfiel jedoch sowohl +das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung +selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich +seinen Petruschka und kehrte nicht nur unzufrieden, +sondern ordentlich aus dem Gleichgewicht gebracht +in sein Zimmer zurück. +</p> + +<p> +„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger +als eine Kopeke einen Menschen zu verkaufen, um +wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“ dachte er bei sich, +„und das hat er, oh, das hat er auch schon getan, ich +wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er +sich an den eingetretenen Petruschka. +</p> + +<p> +„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“ +</p> + +<p> +„Dann zieh sie an und komm her.“ +</p> + +<p> +Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +mit einem dummen Grinsen wieder im Zimmer seines +Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich seltsamen +Aufzuge. +</p> + +<p> +Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen +Dienerfrack mit mehr als schadhaften goldenen Tressen, +eine Livree, die für einen Menschen gemacht worden +war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte, +als Petruschka. +</p> + +<p> +In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen +und mit grünen Federn garnierten Hut, und an +der Seite hing ihm ein Dienerschwert in einer ledernen +Scheide. +</p> + +<p> +Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, +daß Petruschka, der seiner ausgesprochenen Vorliebe +für alles Bequeme zufolge fast nur im Negligee zu gehen +pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack, +barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen +Petruschka von allen Seiten, schien aber zufriedengestellt +zu sein. Die Livree war offenbar zu irgendeinem +feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend war +an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren +ihn sein Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und +mit größter Neugier jede Bewegung dieses seines Herrn +verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es merkte, geradezu +befangen machte. +</p> + +<p> +„Nun, und die Equipage?“ +</p> + +<p> +„Auch die Equipage ist gekommen.“ +</p> + +<p> +„Für den ganzen Tag?“ +</p> + +<p> +„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“ +</p> + +<p> +„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“ +</p> + +<p> +„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib +sie her!“ +</p> + +<p> +Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit +mit der Leistung des Schusters ausgedrückt hatte, wollte +er Tee trinken, sich waschen und rasieren. Letzteres tat +er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er viel +Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig +im Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die +weitere Bekleidung seiner Person. Zunächst zog er ein +Paar fast nagelneuer Beinkleider an, dann ein Plätthemd +mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie +von Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten +Blümchen. Um den Hals band er sich eine bunte, seidene +Krawatte, und zu guter Letzt zog er noch seinen +Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig +gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er +mehrmals mit liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel +hinab, hob bald diesen, bald jenen Fuß, betrachtete +mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas Unverständliches +vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel, +das hier und da entfernt an ein Gesichterschneiden +gemahnte, seinen Gedanken beifällig zustimmte. Übrigens +war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr zerstreut, +weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel +der Mundwinkel und Augenbrauen Petruschkas, während +ihm dieser beim Ankleiden behilflich war, völlig +entging. +</p> + +<p> +Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr +Goljädkin vollständig angekleidet dastand, steckte er als +Letztes noch seine Brieftasche in die Brusttasche, weidete +sich nochmals am Anblick Petruschkas, der inzwischen +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls +vollständig angekleidet war –, und als er sich +dann sagen mußte, daß „somit alles fertig“ sei und +folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten, +wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen +Herzensunruhe dem Ausgang zu und eilte die Treppe +hinab. Eine hellblaue Mietsequipage mit eigentümlichem +Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen +und hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch +mit dem Kutscher und ein paar anderen Maulaffen +schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den Wagenschlag +zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme +und kaum zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum +Kutscher hinauf, sprang selbst auf den Dienersitz hinten +am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd +und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige +Steinpflaster unter dem Torbogen auf die Straße +hinaus und weiter zum Newskij Prospekt. +</p> + +<p> +Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen +verlassen, als Herr Goljädkin sich auch schon geschwind +die Hände rieb und sichtbar, doch unhörbar vor sich hinlachte, +wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart, +dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber +selbst königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens +schlug dieser Anfall von Lustigkeit sogleich in eine andere +Stimmung um: das Lachen im Gesicht Herrn Goljädkins +wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck. +</p> + +<p> +Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er +beide Fenster herab und begann vorsichtig nach den +Vorübergehenden auszuschauen, um dann blitzschnell +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald +er bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung +– der Wagen bog gerade von der Liteinaja +auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem +Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung +zusammen, als wäre ihm jemand versehentlich auf ein +Hühnerauge getreten, und zog sich schleunigst in den +dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er sich +fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache +seines Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich +zwei junge Beamte erblickt hatte, die seine Kollegen +waren. Zum Unglück hatten diese auch ihn erblickt und, +wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster Verwunderung +angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren +Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der +eine von ihnen hatte sogar mit dem Finger nach ihm +gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin, daß der andere +ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch +auf der Straße entschieden unzulässig war. Doch unser +Held versteckte sich und tat, als hätte er nichts gehört. +</p> + +<p> +„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei +sich selbst, „was ist denn da für eine Veranlassung, sich +zu wundern? Ein Mensch in einer Equipage! Der Betreffende +mußte eben einmal in einer Equipage fahren, +und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen? +Aber ich kenne sie ja! – grüne Jungen, die +noch versohlt werden müßten! Die haben nichts als +Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können, +das ist ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen +mal etwas sagen, etwas ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck: +rechts neben seiner Equipage war ein ihm merkwürdig +bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde aufgetaucht, +in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen +Wagen, der seine Equipage alsbald überholte. Der +Herr aber, der im Wagen saß, und zufällig den gerade +recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden Kopf +Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach +gleichfalls höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und +indem er sich so weit als möglich vorbeugte, blickte er +mit dem größten Interesse gerade nach jenem Winkel +der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst +zurückgezogen hatte. +</p> + +<p> +Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej +Philippowitsch, der Chef derselben Abteilung, der +Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah und +begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt +hatte, daß er ihm starr in die Augen sah, und +ein Entrinnen oder Verstecken vollkommen ausgeschlossen +war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick bis +über die Ohren errötete, doch – +</p> + +<p> +„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich +unser Held trotzdem unentschlossen und in unbeschreiblich +qualvoller Beklemmung, „soll ich ihn erkennen oder soll +ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern irgendein +anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? – +und soll ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts +vor? – Jawohl, ich bin einfach nicht ich – und damit +basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit stockendem +Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch +zu ziehen und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden. +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +„Ich ... ich, ich bin eben einfach gar nicht ich,“ dachte +er unter Gefühlen, als müsse er auf der Stelle vergehen, +„gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer +– und nichts weiter!“ +</p> + +<p> +Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt +und damit war der Magnetismus, der in den +Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen. Freilich, +Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte +und murmelte Unverständliches vor sich hin ... +</p> + +<p> +„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht +zu grüßen,“ sagte er sich endlich in besserer Erkenntnis, +„ich hätte ganz ruhig und dreist handeln sollen, +offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej Philippowitsch, +bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen, +sehen Sie!“ +</p> + +<p> +Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß +der Fehler war, den er begangen hatte: er wurde nochmals +feuerrot, runzelte die Stirn und warf einen fürchterlichen +und zugleich herausfordernden Blick nach dem +Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem +einen Blick auf der Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern. +Plötzlich aber kam ihm ein Gedanke – +wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der +Schnur, die an den linken Arm des Kutschers gebunden +war, ließ anhalten und befahl, nach der Liteinaja +zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand nämlich das +dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas +sehr Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch +mitzuteilen. Er war freilich erst seit kurzer Zeit mit +ihm bekannt – er hatte ihn erst in der vergangenen +Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt +soll doch, wie man sagt, so etwas wie ein Beichtiger +des Menschen sein, dessen Pflicht es ist, seinen Patienten +zu kennen. +</p> + +<p> +„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte +sich unser Held, von gelinden Zweifeln erfaßt, indem er +vor dem Portal eines fünf Stockwerke hohen Hauses +an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg, +„wird das nun auch das Richtige sein? – und +gut und wohl? und zur rechten Zeit?“ fuhr er auf der +Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er holte tief +Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf +fremden Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig +ausruhen zu lassen. „Aber – was? – was +ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen +Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das +zu tadeln wäre ... Es würde dumm sein, sich zu verstecken. +Gerade auf diese Weise tue ich, als hätte ich +nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im +Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen, +daß es nun einmal so ist und daß etwas anderes überhaupt +nicht möglich war.“ +</p> + +<p> +Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin +zum zweiten Stockwerk empor und blieb vor einer +Tür stehen, an der ein kleines Messingschild befestigt +war, das die Aufschrift trug: +</p> + +<p class="nowrap center"> +Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,<br> +Doktor der Medizin und Chirurgie. +</p> + +<p class="noindent"> +Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er +sich zunächst, seiner Physiognomie einen anständigen, +harmlos freundlichen und in etwa sogar liebenswürdigen +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den +Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff, +dies zu tun, da fiel ihm plötzlich noch rechtzeitig ein, +daß es vielleicht doch besser wäre, erst am nächsten Tage +vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so notwendig +sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er +Schritte auf der Treppe, und das bewirkte wiederum, +daß er sogleich seinen neuen Entschluß aufgab und so, +wie es kam und kommen sollte, doch mit der entschlossensten +Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die +Klingel zog. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +II. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan +Iwanowitsch Rutenspitz, ein überaus gesunder, obschon +bejahrter Mann mit dichten, bereits ergrauenden Augenbrauen +und ebensolchem Backenbart, einem ausdrucksvollen, +funkelnden Blick, mit dem allein er dem +Anscheine nach schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, +und, nicht zu vergessen, mit einem bedeutenden +Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust +trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem +Kabinett, bequem im Stuhl zurückgelehnt, trank den +Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu bringen pflegte, +rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit +Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein +solches für einen leidenden alten Herrn aufgeschrieben +und diesen zur Tür geleitet hatte, setzte sich Krestjan +Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete +den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein. +</p> + +<p> +Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen +Herrn nicht im geringsten erwartet – und wie es +schien, wünschte er auch gar nicht, ihn vor sich zu sehen, +denn in seinem Gesicht machte sich im ersten Augenblick +eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten +Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +recht unzufriedenen Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin +seinerseits fast immer den Mut und gewissermaßen +auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in +seinen eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, +so geriet er auch diesmal beim ersten Satz, der bei ihm +stets im wahren Sinn des Wortes der Stein des Anstoßes +war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend +etwas, das wohl so etwas wie eine Entschuldigung +sein sollte, und da er nun entschieden nicht mehr wußte, +was weiter tun, nahm er einen Stuhl und – +setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es +ihm auch schon ein, daß er unaufgefordert Platz genommen +hatte, errötete ob seiner Unhöflichkeit, und beeilte +sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton möglichst +ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. +Leider kam er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und +begriff trotz seiner etwas wirren Verfassung, daß er +der ersten Dummheit nur eine zweite hatte folgen lassen, +weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem +er irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, +dazu lächelte, verwirrt errötete, vielsagend verstummte +und sich schließlich wieder hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, +worauf er sich auf alle Fälle mit einem gewissen +herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die +ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn +Goljädkins im Geiste niederzuschmettern und zu vernichten. +Überdies drückte besagter Blick die vollkommene +Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er +gab deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden +etwas anzugehen wünsche und daß er wie alle +Menschen ein Mensch für sich sei. +</p> + +<p> +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides +offenbar zum Zeichen seines Einverständnisses und +des Beifalls, den er dem gewählten Standpunkt zollte +– und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf +Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ +begann Herr Goljädkin mit einem Lächeln, „bin gekommen, +um Sie nochmals mit meinem Besuch zu belästigen +... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht +zu bitten ...“ +</p> + +<p> +Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz +und bündig auszudrücken. +</p> + +<p> +„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, +indem er langsam den Rauch ausstieß und die +Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen die Vorschriften +befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen +doch erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung +der Lebensweise bestehen muß ... Also etwa +Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei Freunden +... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht +feind sein ... fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht +meiden ...“ +</p> + +<p> +Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, +schnell die Bemerkung, daß er, wie er annehme, +ganz ebenso lebe, wie alle, daß er seine eigene Wohnung +habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen +... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen +könne, zumal er ja gleichfalls, ganz wie alle anderen, +die Mittel dazu habe, daß er tagsüber im Amte +sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete flüchtig +an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +ginge als anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene +Wohnung habe, und auch noch den Petruschka. Hier +stockte Herr Goljädkin plötzlich. +</p> + +<p> +„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich +wollte Sie etwas anderes fragen. Ich möchte ganz im +allgemeinen nur wissen, ob Sie gern in munterer Gesellschaft +sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ... +Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein +heiteres Leben führen?“ +</p> + +<p> +„Ich ... Herr Doktor ...“ +</p> + +<p> +„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der +Doktor, „daß Sie ein von Grund aus verändertes Leben +führen und in gewissem Sinne auch Ihren Charakter +von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan +Iwanowitsch betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, +worauf er, um der größeren Wirkung willen, +eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich +fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem +Wege gehen, Sie müssen das Theater und den Klub besuchen, +und vor allem geistigen Getränken nicht abhold +sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ... oder +vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause +sitzen.“ +</p> + +<p> +„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die +Stille,“ wandte Herr Goljädkin ein, indem er den +Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach Worten +suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken +können, „in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka +... das heißt, mein Diener, Herr Doktor. Ich +will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich meinen +eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +Doktor. Wirklich: ich lebe ganz für mich, und wie mir +scheint, bin ich von niemandem abhängig. Gewiß: ich +gehe zuweilen spazieren ...“ +</p> + +<p> +„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen +einem gerade kein Vergnügen: das Wetter +ist nicht danach.“ +</p> + +<p> +„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen +Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, +wie ich Ihnen bereits mitzuteilen, glaube ich, die Ehre +hatte, und mein Weg führt mich nicht mit anderen zusammen. +Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan +Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen +... Entschuldigen Sie, ich bin kein Meister in der +Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Hm! ... Sie sagen ...“ +</p> + +<p> +„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, +Krestjan Iwanowitsch, da ich kein Meister in der +Redekunst bin,“ versetzte Herr Goljädkin in halbwegs +gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und unsicher. +„In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, +nicht so wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen +Lächeln fort, „ich verstehe nicht logisch zu reden ... +ebensowenig wie der Rede Schönheit zu verleihen ... +das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan Iwanowitsch, +handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan +Iwanowitsch.“ +</p> + +<p> +„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ +forschte Krestjan Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges +Schweigen. Der Arzt blickte etwas seltsam und +mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits +heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf. +</p> + +<p> +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr +Herr Goljädkin schließlich im selben Tone fort, ein wenig +gereizt und zugleich verwundert über das Verhalten +Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie gesagt, die +Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den +Lärm und alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der +großen Gesellschaft, dort muß man verstehen, das Parkett +mit den Stiefeln zu polieren ...“ – hierbei scharrte +auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem +Fußboden –, „dort wird das verlangt, und auch Geist +und Witz wird dort verlangt ... duftige Komplimente +muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie, so etwas +wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht +gelernt, sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich +habe keine Zeit gehabt, so etwas zu lernen. Ich bin +ein einfacher Mensch, bin nicht erfinderisch, es ist auch +nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit strecke ich +die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach, +das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem +Sinne rede.“ +</p> + +<p> +Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, +die deutlich zu erkennen gab, daß er es nicht im geringsten +bedauere, daß er „in diesem Sinne“ die Waffen +strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, – +vielmehr ganz im Gegenteil! +</p> + +<p> +Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit +einem sehr unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden +und schien schon einiges vorauszusehen oder vielleicht +auch nur zu ahnen. +</p> + +<p> +Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein +ziemlich langes und bedeutsames Schweigen. +</p> + +<p> +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ +sagte schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, +„ich habe Sie, offen gesagt, nicht ganz verstanden.“ +</p> + +<p> +„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, +Krestjan Iwanowitsch ... ich hatte bereits die +Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich im Schönreden kein +Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in +scharfem und energischem Tone. +</p> + +<p> +„Hm! ...“ +</p> + +<p> +„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held +etwas stiller fort, doch mit einer vielsagenden Klangfarbe +in seiner Stimme, die etwas feierlich anmutete, +welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er +nach jedem Satz eine kleine Kunstpause machte. +„Krestjan Iwanowitsch! als ich hier eintrat, begann +ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es +und bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze +Zeit. Ich habe vor Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, +nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch, wie +Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht +leid, daß ich ein kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, +Krestjan Iwanowitsch: ich bin sogar stolz darauf, +daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch +bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf +bin ich stolz. Ich tue nichts heimlich und hinterrücks, +sondern offen und ohne alle Berechnung, und obschon +auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das +sogar sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, +das heißt, wem ich schaden könnte und wie das anzustellen +wäre, so will ich mich mit solchen Sachen doch +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung +meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung +wasche ich sie, Krestjan Iwanowitsch – in diesem +Sinne!“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick +sehr ausdrucksvoll. Er hatte mit bescheidenem Stolz +gesprochen. +</p> + +<p> +„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, +bereits sagte,“ fuhr er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife +und Umwege vorzugehen: ich verachte Umwege +und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, +jene zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir +beide ... das heißt, ich wollte sagen, als unsereiner, +Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner, und nicht, als +wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei +und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und +Klatsch verachte ich. Eine Maske trage ich nur, wenn +ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich mit einer +solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, +Krestjan Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde +rächen würden, an Ihrem ärgsten Feinde – an dem, +den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr Goljädkin +plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf +Krestjan Iwanowitsch. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich +ausgesprochen, wie man es deutlicher nicht hätte aussprechen +können: ruhig, klar, verständlich und mit +Überzeugung, indem er von vornherein des größten +Eindrucks gewiß war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger +mit Unruhe, mit großer Unruhe, sogar mit +äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast +schüchtern in peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan +Iwanowitschs. Doch wer beschreibt die Verwunderung +und Überraschung Herrn Goljädkins, als er sehen +mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur +etwas in den Bart murmelte, dann seinen Stuhl näher +an den Tisch rückte und endlich ziemlich trocken, doch +noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr knapp bemessen +sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei +er ja gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, +doch alles übrige, was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn +nichts an. Damit griff er zur Feder, nahm ein Blatt +Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept zurecht und +sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue. +</p> + +<p> +„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! +Nein, wirklich, glauben Sie mir, es tut hier gar nichts +not!“ versicherte Herr Goljädkin, der plötzlich vom +Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte +Hand ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut +gar nichts not ...“ +</p> + +<p> +Doch während er das noch sprach, ging bereits eine +seltsame Veränderung in ihm vor. Seine grauen Augen +blitzten eigentümlich, seine Lippen bebten und alle +Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu +bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem +er im ersten Augenblick Krestjan Iwanowitschs Hand +erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt unbeweglich, +als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung, +die ihm sagte, was er nun weiter tun solle. +</p> + +<p> +Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes. +</p> + +<p> +Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +auf seinem Platz und sah Herrn Goljädkin sprachlos +mit großen Augen an, ganz wie jener auch ihn ansah. +Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin +am Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile +regungslos, ohne einen Blick voneinander abzuwenden. +Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu zittern, +und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend, +schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit +der Hand vor die Brust und erfaßte mit der linken +Hand gleichfalls den Rockaufschlag Krestjan Iwanowitschs: +er wollte irgend etwas sprechen, erklären, vermochte +aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich +Krestjan Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung +ab und nahm sich zusammen. +</p> + +<p> +„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen +Sie sich!“ sagte er, und versuchte, ihn auf den Stuhl +zu drücken. +</p> + +<p> +„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe +Feinde ... ich habe gehässige Feinde, die sich verschworen +haben, mich zugrunde zu richten ...“ beteuerte +Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd. +</p> + +<p> +„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren +Feinden! Denken Sie nicht an so etwas! Das ist ganz +überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich nur ruhig +hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang +ihm auch, <a id="corr-16"></a>Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er +setzte sich endlich, verwandte aber keinen Blick von Krestjan +Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch nicht zu +behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, +in seinem Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen +beide eine lange Zeit. +</p> + +<p> +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach +endlich Herr Goljädkin das Schweigen, indem er sich +mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich bin Ihnen +sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für +mich getan haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis +zum Tode nicht vergessen.“ +</p> + +<p> +„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete +Krestjan Iwanowitsch in ziemlich strengem Tone auf +den Ausfall Herrn Goljädkins, den er hierdurch zum +zweitenmal zum Sitzen brachte. +</p> + +<p> +„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir +doch, was Sie dort Unangenehmes vorhaben,“ fuhr +Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind denn das +für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt +es sich denn, erzählen Sie mir doch!“ +</p> + +<p> +„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir +jetzt lieber nicht reden,“ lenkte Herr Goljädkin gesenkten +Blickes ab, „das wollen wir vorläufig bleiben lassen +... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu +einer besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer +bequemeren Zeit, wenn alles bereits zutage getreten, +die Maske von gewissen Gesichtern abgerissen und +dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. +Jetzt aber – das heißt vorläufig ... und nach +dem, was hier vorgefallen ist ... werden Sie doch +selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten +Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – +Und damit griff Herr Goljädkin plötzlich entschlossen +nach seinem Hut. +</p> + +<p> +„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“ +</p> + +<p> +Es folgte ein kurzes Schweigen. +</p> + +<p> +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern +tun, was in meinen Kräften steht ... und ich wünsche +Ihnen von Herzen alles Gute ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe +Sie: ich verstehe Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls +bitte ich um Entschuldigung, daß ich Sie belästigt +habe.“ +</p> + +<p> +„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. +Übrigens – wie Sie wollen. Was die Medikamente +betrifft, so können Sie fortfahren, dieselben zu nehmen +...“ +</p> + +<p> +„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, +das werde ich, – dieselben Medikamente und +aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist Apotheker +sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch +...“ +</p> + +<p> +„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt +haben?“ +</p> + +<p> +„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan +Iwanowitsch. Ich will nur sagen, daß die Welt heutzutage +so ist ...“ +</p> + +<p> +„Hm ...“ +</p> + +<p> +„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, +vor einem anständigen Menschen die Nase +hoch trägt.“ +</p> + +<p> +„Hm! Wie meinen Sie denn das?“ +</p> + +<p> +„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan +Iwanowitsch ... von unserem gemeinsamen Bekannten +... sagen wir zum Beispiel – nun, meinetwegen +von Wladimir Ssemjonowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Ah! ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige +Menschen, denen an der öffentlichen Meinung nicht gar +so viel gelegen ist, um nicht mitunter die Wahrheit zu +sagen.“ +</p> + +<p> +„Ah! ... Und wie denn das?“ +</p> + +<p> +„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine +nur: sie verstehen zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung +zu verabreichen.“ +</p> + +<p> +„Was? ... Was zu verabreichen?“ +</p> + +<p> +„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: +das ist so eine russische Redensart. Sie verstehen zum +Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu gratulieren, – +es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“ +</p> + +<p> +„Zu gratulieren, sagen Sie?“ +</p> + +<p> +„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor +einigen Tagen einer meiner näheren Bekannten tat! ...“ +</p> + +<p> +„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber +wie denn das?“ forschte Krestjan Iwanowitsch, der +Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete. +</p> + +<p> +„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte +einem anderen gleichfalls sehr nahen Bekannten und +sogar Freunde zum Assessor, zu dem er neuerdings ernannt +worden war. Und da sagte er denn wörtlich: +‚Freue mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen +zum Assessor gratulieren zu können, empfangen Sie +meinen <em>aufrichtigen</em> Glückwunsch. Ich freue mich +um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich +keine Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr +Goljädkin nickte listig mit dem Kopf und blickte blinzelnd +zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ... +</p> + +<p> +„Hm. Gesagt hat das also ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und +indem er es sagte, blickte er noch zu Andrej Philippowitsch +hinüber, der nämlich der Onkel unseres Nesthäkchens +Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht +das mich an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert +das mich? Nur – sehen Sie, er will doch heiraten, +er, dem die Lippen noch nicht trocken von der Kindermilch +geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. +Ganz einfach sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich +Ihnen wirklich alles erzählt. Gestatten Sie daher, daß +ich aufbreche und mich entferne.“ +</p> + +<p> +„Hm ...“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, +wiederhole ich, mich zu entfernen. Doch hier – um +gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu treffen – +nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs +Trockene gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara +Olssuphjewna – die ganze Sache spielte sich vorgestern +bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte gerade +eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr +ungefähr: ‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, +nur hört man Ihnen nicht reinen Herzens zu.‘ +Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte ich deutlich +darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge +hat, sondern weiter blickt ...“ +</p> + +<p> +„Ah! Nun und was tat er?“ +</p> + +<p> +„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, +wie man zu sagen pflegt, sogar ohne die Miene zu verziehen.“ +</p> + +<p> +„Hm ...“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +ich ungefähr: ‚Olssuph Iwanowitsch, ich weiß, was ich +Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß die Wohltaten, +die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, +zu schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph +Iwanowitsch,‘ sagte ich. ‚Schauen Sie mit offenen +Augen um sich. Ich selbst gehe offen und ehrlich vor, +Olssuph Iwanowitsch.‘“ +</p> + +<p> +„Ah, also so!“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“ +</p> + +<p> +„Nun, und er?“ +</p> + +<p> +„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? +Brummte da etwas: dies und jenes, ich kenne dich, Se. +Exzellenz sei ein guter Mensch – und so weiter, und so +weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber +was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas +altersschwach geworden.“ +</p> + +<p> +„Hm! Also so steht es jetzt!“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch +so – was rede ich vom Alten! – Der ist wohl schon +mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen pflegt. +Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in +Umlauf gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit +beiden Ohren dabei. Anders geht es nicht ...“ +</p> + +<p> +„Klatschgeschichten, sagen Sie?“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte +in Umlauf gebracht. Beteiligt haben sich daran +außer anderen unser Bär und dessen Neffe, unser +Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern zusammengetan +und dann die Sache ausgeheckt. Was +glauben Sie wohl, was sie ersonnen haben – um einen +Menschen zu töten?“ +</p> + +<p> +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +„Zu töten?“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu +töten, um ihn moralisch zu töten. Sie haben das Gerücht +verbreitet ... ich rede immer von einem nahen +Bekannten ...“ +</p> + +<p> +Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf. +</p> + +<p> +„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... +Offen gestanden, Krestjan Iwanowitsch, ich schäme +mich fast, so etwas nur auszusprechen!“ +</p> + +<p> +„Hm ...“ +</p> + +<p> +„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits +schriftlich verpflichtet habe, zu heiraten: daß er +bereits der Bräutigam einer anderen sei ... Und was +glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der Bräutigam +wessen?“ +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, +die ihn beköstigt: und anstatt seine Schuld für das Essen +zu bezahlen, habe er um ihre Hand angehalten!“ +</p> + +<p> +„Das haben sie also verbreitet?“ +</p> + +<p> +„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? +Eine Deutsche, eine gemeine, schamlose, unverschämte +Person, die Karolina Iwanowna heißt, wenn Sie es +wissen wollen ...“ +</p> + +<p> +„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe +Sie, und fühle auch meinerseits ...“ +</p> + +<p> +„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“ +</p> + +<p> +„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“ +</p> + +<p> +„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube +ich ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, +gewiß lebte ich auch früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach +ihn schnell Herr Goljädkin mit einem leisen +Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch +ein wenig stutzig gemacht hatte. +</p> + +<p> +„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte +meinerseits ...“ +</p> + +<p> +„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich +wollte gleichfalls meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin +lachend fort. „Aber ich, verzeihen Sie, Krestjan Iwanowitsch, +ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange +auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen +einen Guten Morgen zu wünschen ...“ +</p> + +<p> +„Hm ...“ +</p> + +<p> +„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich +verstehe Sie jetzt vollkommen,“ versetzte unser Held ein +wenig geziert. „Also, wie gesagt, gestatten Sie, Ihnen +einen Guten Morgen zu wünschen ...“ +</p> + +<p> +Damit verbeugte sich unser Held und verließ das +Zimmer, begleitet von den Blicken Krestjan Iwanowitschs, +der ihm in höchster Verwunderung nachsah. +</p> + +<p> +Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, +schmunzelte er und rieb sich froh die Hände. Draußen +angelangt, atmete er tief die frische Luft ein, und da er +sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich für +den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen +er schon den Weg zu seinem Departement einschlagen +wollte, – als plötzlich eine Equipage ratternd +vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie zunächst +unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +wieder ein. Petruschka riß bereits den Wagenschlag +auf. +</p> + +<p> +Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte +den ganzen Herrn Goljädkin. Für einen Augenblick +schien er wieder zu erröten. Wie ein Stich traf es +ihn. +</p> + +<p> +Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, +wandte er sich plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern +Krestjan Iwanowitschs. Richtig! Dort stand +Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der +Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und +aufmerksam unserem Helden nach. +</p> + +<p> +„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, +indem er einstieg, „äußerst dumm. Es ist ja möglich, +daß er seine Kranken ganz gut kuriert, aber immerhin +... er selbst ist unglaublich dumm.“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr +zu!“ und die Equipage rollte davon, wieder geradeaus +zum Newskij Prospekt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +III. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt +waren, ließ Herr Goljädkin vor dem Gostinnyj +Dworr<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> halten, stieg aus, trat in Begleitung Petruschkas +schnell unter die Arkaden und begab sich unverzüglich +zum Juwelierladen. Schon an der Miene +Herrn Goljädkins konnte man erkennen, daß er an diesem +Morgen unendlich viele Gänge vorhatte. Nachdem +er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise +von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von +sehr origineller Form und ein vollständiges Rasierzeug +in Silber, ferner noch dies und jenes, kleine, +nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von +allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt +hatte, schloß er seinen Kauf damit, daß er +sich an den Juwelier wandte und versprach, am nächsten +Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an diesem +selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte +sich die Nummer des Juwelierladens, hörte höflich +den Juwelier an, dem es sehr um eine „kleine Anzahlung“ +zu tun war, versprach auch eine solche, verabschiedete +sich von dem etwas betreten dreinschauenden +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +Manne, als wäre nichts geschehen, worauf er unter den +Arkaden weiterging, begleitet von einem ganzen +Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten, +und begab sich, immer gefolgt von Petruschka, +nach dem er sich übrigens fortwährend umsah, in einen +anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch in eine +Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren +Geldscheine gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor +– doch wurde seine Brieftasche dadurch bedeutend +dicker, was Herrn Goljädkin augenscheinlich sehr angenehm +war. Dann suchte er einen anderen Laden auf, +in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe +auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann, +am nächsten Tage wiederzukommen, notierte sich +die Nummer des Geschäfts, und auf die Frage nach +der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten. +Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden +ein, wählte aus, handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern, +ging sogar zwei- bis dreimal fort, um dann +doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine ungeheure +Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser +Held nach einem bekannten Möbelmagazin, wo er +Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er begutachtete auch +noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem betreffenden +Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem +Tage nach den Sachen schicken werde, und verließ das +Geschäft wieder mit dem Versprechen, einen Teil anzuzahlen. +Und so besuchte er noch ein paar andere +Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit +einem Wort, das Ende seiner Besorgungen war gar +nicht abzusehen. Endlich aber schien diese Art von Beschäftigung +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden. +Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb, +Gewissensbisse ein. Um keinen Preis würde er +eingewilligt haben, wenn ihm jemand den Vorschlag +gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in +den Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch. +Endlich schlug die Uhr vom Rathausturm drei und nun +setzte sich Herr Goljädkin endgültig in seine Equipage, +d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen, +die er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem +Besitz nur ein Paar Handschuhe und ein Fläschchen +Parfüm, das er für einen Rubel fünfundfünfzig Kopeken +erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin +noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich +zu einem bekannten Restaurant am Newskij fahren, +das er selbst freilich nur vom Hörensagen kannte, stieg +aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen, +sich etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten +Stunde zu verbringen. +</p> + +<p> +Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer, +dem ein reiches Diner bevorsteht, d. h. er aß nur, um +sich, wie man zu sagen pflegt, gegen Magenknurren zu +sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu, +setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm +nach einem etwas unsicheren Blick auf seine Umgebung +ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las zwei Zeilen, stand +dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an seinen +Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf +zum Fenster und sah, daß seine Equipage noch dort +stand ... kehrte dann wieder zu seinem Sessel zurück, +griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +ihm an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war. +Er sah nach der Uhr, sah, daß es erst ein Viertel nach +drei war und daß er folglich noch ziemlich lange zu +warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht angehe, +so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen, +und bestellte eine Tasse Schokolade, nach der er im +Augenblick gar kein Verlangen verspürte. Als er dann +die Schokolade ausgetrunken und zugleich festgestellt +hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er +auf, ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich +schlug ihn jemand auf die Schulter. +</p> + +<p> +Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen +– dieselben, denen er am Morgen an der Straßenecke +begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm sowohl +an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und +mit denen unser Held weder besonders befreundet, noch +offen verfeindet war. Selbstverständlich wurde von +beiden Seiten eine gewisse Stellung und Haltung gewahrt, +doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals +jemand von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende +Begegnung hier im Restaurant Herrn Goljädkin +äußerst unangenehm. +</p> + +<p> +„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen +beide wie aus einem Munde, „Sie hier? – aber was +in aller Welt ...“ +</p> + +<p> +„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie +Herr Goljädkin etwas verwirrt und verletzt durch die +Verwunderung der jungen, dem Range nach unter ihm +stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über +ihren ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens +notgedrungen – den Harmlosen und bemühte +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also desertiert, +meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit +dieser Kanzleijugend gegenüber zu bewahren, +mit der er sich sonst nie eingelassen hatte, wollte er +einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter klopfen; +zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich +und aus der jovial herablassend gedachten Geste wurde +etwas ganz anderes. +</p> + +<p> +„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt +wohl noch? ...“ +</p> + +<p> +„Wer das? Wen meinen Sie?“ +</p> + +<p> +„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen +wir den Bären nennen? ...“ Herr Goljädkin wandte +sich lachend wieder zur Kasse, um das zurückgegebene +Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej +Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder +ihnen zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht. +Die beiden jungen Beamten tauschten untereinander +einen Blick aus. +</p> + +<p> +„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen +erkundigt, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete einer von +ihnen. +</p> + +<p> +„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir +ihn sitzen, meine Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt, +sagen Sie?“ +</p> + +<p> +„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist +denn heute mit Ihnen los?! Parfümiert, geschniegelt +und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer Stutzer geworden?! +...“ +</p> + +<p> +„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin +blickte zur Seite und lächelte gezwungen. Als +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen sie in lautes +Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt +und setzte eine hochmütige Miene auf. +</p> + +<p> +„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann +unser Held nach kurzem Schweigen, als habe er +sich entschlossen – „mochte es denn so sein!“ – sie über +etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren, +kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von +der einen Seite gekannt. Einen Vorwurf kann man +deshalb niemandem machen, zum Teil, das gebe ich +selbst zu, war es meine eigene Schuld.“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und +sah die beiden bedeutsam an. Jene tauschten wieder einen +Blick aus. +</p> + +<p> +„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt. +Es ist hier weder der richtige Ort noch die richtige +Zeit zu ausführlichen Erklärungen. Deshalb will +ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt +Menschen, meine Herren, die Umwege und Schliche +nicht lieben, und die sich wirklich nur zum Maskenball +maskieren. Es gibt Menschen, die in der Geschicklichkeit, +das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den +einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit +sehen. Es gibt auch solche Menschen, meine Herren, +die sich nicht für restlos glücklich und ihr Leben +schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das +Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch +Menschen, die sich nicht gern ohne jeden Grund ducken +und müßigerweise scharwenzeln, sich einschmeicheln +und den Leuten um den Mund reden, und die, was die +Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +stecken, wohin man Sie die Nase zu stecken nicht gebeten +hat ... So, meine Herren, jetzt habe ich +alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen +zu empfehlen ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten +in ihrer Wißbegier jetzt vollkommen befriedigt +waren, brachen sie höchst unhöflich in schallendes Gelächter +aus. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung. +</p> + +<p> +„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur – +vorläufig! Leben Sie erst etwas länger in der Welt, +dann werden Sie schon sehen!“ sagte er mit gekränkter +Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur +Tür. +</p> + +<p> +„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“ +fuhr er fort, sich zum letztenmal zu den beiden +Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier gewissermaßen +unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine +Grundsätze, meine Herren: mißlingt es, so werde ich +mich trotzdem zusammennehmen – gelingt es aber, so +habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die Stellung +eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied, +und bin stolz darauf, daß ich es nicht bin. +Zum Diplomaten würde ich nicht taugen. Man sagt, +meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger +fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist +hier der Jäger, und wer der Vogel? Das ist die Frage, +meine Herren!“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem +vielsagendsten Gesichtsausdruck, d. h. indem er die +Brauen hochzog und die Lippen zusammenpreßte, beides +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich und +trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung +zurücklassend. +</p> + +<p> +„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch, +da es ihn offenbar schon langweilte, in der Kälte zu +warten und sich von Ort zu Ort schleppen zu lassen. +„Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den +fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit +dem unser Held sich an diesem Morgen schon zweimal +versehen hatte und mit dem er sich jetzt beim Verlassen +des Restaurants zum drittenmal waffnete. +</p> + +<p> +„Zur Ismailoffbrücke.“ +</p> + +<p> +„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher +zu. +</p> + +<p> +„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt, +oder sogar erst um fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird +es jetzt nicht noch zu früh sein? Übrigens kann ich ja +ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist +es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans façon</span> ... wie feine Leute zu sagen pflegen. +– Weshalb sollte ich denn nicht <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans façon</span> erscheinen +können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans +façon</span> sein werde, da kann doch auch ich ...“ +</p> + +<p> +So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet +wuchs seine Aufregung und wurde mit jedem Augenblick +größer. Man merkte es ihm an, daß er sich zu +etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen +– vorbereitete: er flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte +mit der rechten Hand, blickte in einem fort zu den +Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich alles eher +vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen +werden sollte, ganz <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans façon</span>, wie feine +Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der Ismailoffbrücke +wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus, +zu dem er ihn fahren sollte. Die Equipage rollte wieder +mit ohrenbetäubendem Getöse unter den Torbogen und +weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des rechten +Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr +Goljädkin an einem Fenster des zweiten Stockwerkes +eine junge Dame, der er, kaum daß er sie erblickt, eine +Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht, was +er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot +als lebendig war. Beim Aussteigen war er bleich und +unsicher. Er trat ein, nahm den Hut ab, rückte mechanisch +an seinen Kleidern und begann – mit einem sonderbaren +Schwächegefühl in den Knien: es war, als +zitterten sie – die Treppe hinaufzusteigen. +</p> + +<p> +„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten, +der ihm die Tür öffnete. +</p> + +<p> +„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht +zu Haus.“ +</p> + +<p> +„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich +bin eingeladen, mein Bester. Du kennst mich doch?“ +</p> + +<p> +„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn +nicht zu empfangen.“ +</p> + +<p> +„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich +bin es. Und ich bin doch eingeladen, ich ... ich komme +zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr Goljädkin und +warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht, +sogleich die Zimmer zu betreten. +</p> + +<p> +„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl, +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +den Herrn nicht eintreten zu lassen, man will +den Herrn nicht empfangen. Ich habe Befehl!“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf +und Gerassimowitsch, der alte Diener Olssuph Iwanowitschs, +erschien. +</p> + +<p> +„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der +Herr will eintreten, ich aber ...“ +</p> + +<p> +„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen +Sie und schicken Sie den Schuft Ssemjonytsch her. +– Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf höflich, +doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es +geht nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen, +man kann nicht empfangen.“ +</p> + +<p> +„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen +kann?“ fragte Herr Goljädkin unentschlossen. +„Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb kann +man denn nicht?“ +</p> + +<p> +„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde +mir gesagt: bitte, zu entschuldigen. Es ist unmöglich.“ +</p> + +<p> +„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“ +</p> + +<p> +„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch +nicht so! Melden Sie ... Was soll denn das heißen! +Ich bin zum Diner ...“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“ +</p> + +<p> +„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache – +wenn man zu entschuldigen bittet. Aber wie ist denn +das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie mir +doch! ...“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +wieder Gerassimowitsch, indem er ihn recht nachdrücklich +mit dem Arm zur Seite schob, um zwei Herren eintreten +zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej Philippowitsch +und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch. +Beide blickten sehr verwundert Herrn Goljädkin an. +</p> + +<p> +Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn +anzureden, doch Herr Goljädkin hatte seinen Entschluß +schon gefaßt: er trat schnell aus dem Vorzimmer und +sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in +dem verwirrten Gesicht: +</p> + +<p> +„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ... +ich hoffe, daß alles sich bald aufklären wird,“ sagte er +vom Treppenflur aus ... +</p> + +<p> +„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte +die Stimme Andrej Philippowitschs. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz +erreicht. Er wandte sich schnell zurück und sah hinauf +zu Andrej Philippowitsch. +</p> + +<p> +„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“ +fragte er ziemlich scharf. +</p> + +<p> +„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was +ist hier ...“ +</p> + +<p> +„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier +niemanden etwas an. Das ist meine Privatangelegenheit, +Andrej Philippowitsch.“ +</p> + +<p> +„Wa–as?“ +</p> + +<p> +„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das +mein Privatleben ist, und daß man, wie mir scheint, +hinsichtlich meiner offiziellen Beziehungen hier, nichts +Tadelnswertes finden kann.“ +</p> + +<p> +„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +offiziellen ... Was ist mit Ihnen geschehen, mein +Herr?“ +</p> + +<p> +„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar +nichts ... ein verzogenes Mädchen, nichts weiter ...“ +</p> + +<p> +„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte +nicht, was er vor lauter Verwunderung denken sollte. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch +sprach, auf dem Treppenabsatz von unten +nach oben blickte und so aussah, als wolle er seinem +Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen, +trat, als er dessen Verwirrung gewahrte, eine +Stufe höher. Andrej Philippowitsch wich etwas zurück. +Herr Goljädkin stieg wieder eine und dann noch +eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich +unruhig um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich +schnell noch über die anderen Stufen hinauf – doch +noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück ins +Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr +Goljädkin sah sich allein im Treppenhaus. Es wurde +ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen Gedanken im +Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken, regungslos +auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch +an eine ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer +Zeit befunden hatte? +</p> + +<p> +Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs +wie ein Seufzer klang, und zwang sich zu einem +schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er plötzlich Stimmen +und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die +Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin +kam wieder zu sich, klappte schnell den Waschbärkragen +an seinem Herbstpaletot auf, um nicht erkannt +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd +und bebend die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte +eine große Schwäche in sich, eine gewisse Abgetaubtheit +in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen, ein +lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er +noch so verwirrt, daß er nicht wartete, bis seine Equipage +vorfuhr, sondern selbst über den schmutzigen Hof +zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand +Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die +Erde zu versinken oder mitsamt der Equipage in ein +Mauseloch zu verschwinden, denn es schien ihm, oder +richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher +Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der +Wohnung Olssuph Iwanowitschs gab, an den Fenstern +stand und ihn mit den Blicken verfolgte. Und er +wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde, +wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde. +</p> + +<p> +„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an, +der ihm beim Einsteigen helfen wollte. +</p> + +<p> +„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“ +</p> + +<p> +„Nach Hause, sofort ...“ +</p> + +<p> +„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher +zu und kletterte auf seinen Dienersitz. +</p> + +<p> +„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin +wütend. +</p> + +<p> +Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke +erreicht. Plötzlich griff unser Held nach der +Schnur, riß an ihr wie ein Verzweifelter und schrie +seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren solle. Der +Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +fuhr die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph +Iwanowitsch. +</p> + +<p> +„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich +Herr Goljädkin, der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl +schon vorausgesehen zu haben: denn ohne ein +Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal anzuhalten, +fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus +auf die Straße. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern +befahl, nicht weit von der Ssemjonoffbrücke, in +eine kleine Querstraße einzubiegen und vor einem Restaurant +von recht unansehnlichem Aussehen zu halten. +Dort stieg er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf +diese Weise seine Equipage los. Petruschka schickte er +nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann trat er +ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte +ein Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In +seinem Kopf war ein einziges Chaos. Lange ging er +im Zimmer erregt auf und ab: endlich setzte er sich auf +einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm +sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige +Situation nachzudenken und irgendeinen Entschluß +zu fassen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +IV. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages +Klara Olssuphjewnas, der einzigen Tochter +des Staatsrats Berendejeff, der seinerzeit Herrn Goljädkins +Gönner gewesen war, stattfand und durch ein +glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie +es die Wände der Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke +und im näheren Umkreise daselbst noch nicht +gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars +als an ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes +erinnerte – zumal ihm hinsichtlich +des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter +denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff +und Miljutin<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> befanden, entschieden etwas +Babylonisches anhaftete, – dieses feierliche Fest, das +durch ein so feierliches Diner eröffnet wurde, sollte seinen +Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der +nach Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner +Familienball war, zu dem man noch die nächsten +Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach dem Geschmack, +der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als +glänzend bezeichnet werden mußte. +</p> + +<p> +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche +Bälle auch anderweitig gegeben werden, jedoch – selten. +Solche Bälle, die eher einem Familienfreudenfeste +gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können +nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es +das Haus des Staatsrats Berendejeff ist. Ja, ich +bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich solche +Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter! +– doch, versteht sich, mindestens einer wie Homer oder +Puschkin, denn mit einer geringeren Begabung dürfte +man sich an diese Aufgabe gar nicht heranwagen – +also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser! +dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben +mit kühnem Pinsel diesen ganzen hochfeierlichen Tag +zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde meine +Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade +mit jenem weihevollen Augenblick, in dem das erste +Glas auf das Wohl der Königin des Festes geleert +wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in +andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in +einem Schweigen, das mehr der Beredsamkeit eines +Demosthenes glich, als – nun, als einem Schweigen. +Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern, +der als ältester unter den Gästen ein gewisses +Recht auf den Vorrang hatte, wie er sich im Schmuck +seines Silberhaares und der entsprechenden Orden auf +der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit +dem funkelnden Weine griff – mit dem Weine, der +aus einem fernen Königreich herbeigeschafft war, um +so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe zu verleihen, +– mit dem Weine, der eher dem Nektar der +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +Götter gleicht, als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen +die glücklichen Eltern der Königin des Festes und +die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem Beispiel +Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren +Gläsern griffen und die erwartungsvollen Blicke auf +den Redner hefteten. Ich würde Ihnen schildern, wie +dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit geradezu +tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des +Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der +größte Dichter, nie würde meine Kunst ausreichen, um +die ganze Weihe dieses Augenblicks zu geben, als die +Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit +dem Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit +auf dem lieblichen Antlitz, der Mutter im +Überschwang der Gefühle in die Arme sank, wie die +zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann +und wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des +Hauses, dem ehrwürdigen Greise und Staatsrat +Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst +der Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal +mit einem Vermögen, einem großen Hause, mehreren +Gütern und einer so schönen Tochter belohnt hatte – +wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter +Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten, +und wie er mit zitternder Stimme stammelte, Seine +Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich brächte es nicht +fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende +allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern, +– diese eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem +Benehmen eines jungen Registrators äußerte, der – +obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein Staatsrat +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine +Rührung nicht zu unterdrücken vermochte und seine +Augen feucht werden fühlte. Andrej Philippowitsch +dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs nach +einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach +ganz etwas anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen, +wonach eigentlich – aber jedenfalls nicht nach einem +Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann ... +O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren +man in erster Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden +Augenblicke wiederzugeben, die gleichsam +zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter +die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit, +Freidenkerei, Laster und Neid den Sieg davonträgt! +Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur schweigend +– das sagt mehr, als es Worte vermöchten – +auf jenen glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig +Lenze zählt, auf jenen Neffen Andrej Philippowitschs, +den jungen Wladimir Ssemjonowitsch, +der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete, +während auf ihm die tränenfeuchten Blicke der Eltern +des Geburtstagskindes ruhten, die stolzen Blicke Andrej +Philippowitschs, die verschämten der Königin des Festes, +die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen +Grenzen zurückgehalten neidischen Blicke einiger +jungen Kollegen dieses ausgezeichneten Jünglings. Ich +will nichts weiter sagen, obwohl ich nicht umhin kann, +zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens +eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling, +wenn auch in einem für ihn vorteilhaften Sinne +des Wortes – in dieser feierlichen Minute alles, von +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen +Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht, +bis zu welch einer Höhe Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, +Sittsamkeit einen Menschen emporheben können! Ich +will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton +Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs +und einst auch Olssuph Iwanowitschs, der +außerdem ein alter Hausfreund und Taufvater Klara +Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar +– nun auch seinerseits eine Rede halten wollte +und mit einer Stimme wie ein krähender Hahn fröhliche +Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch, daß er, +wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise +jeden Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen +erheiterte, und wie Klara Olssuphjewna ihn zum +Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf Wunsch +der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur +anzudeuten, daß die Gäste, die sich nach einem solchen +Mahle naturgemäß einander nahestehend und verbrüdert +fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch aufstanden, +daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach +kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein +anderes Zimmer zurückzogen, wo sie, um die kostbare +Zeit nicht zu verlieren, sogleich an den Spieltischen +Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen +begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt +hatten, alle ungeheuer liebenswürdig waren und +sich alsbald lebhaft über die verschiedensten Dinge unterhielten; +daß endlich der hochverehrte Gastgeber unter +Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch +und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +den Damen erschien, und, da Liebenswürdigkeit ansteckend +ist, gleichfalls sehr liebenswürdig wurde und +sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu improvisieren, +trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht; +daß zu diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich +derselbe Wladimir Ssemjonowitsch, persönlich nach +Musikanten geschickt wurde, und wie dann, als diese +– ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb +neun Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in +den lockenden Tönen einer französischen Quadrille erklang, +der die weiteren Tänze folgten ... Es versteht +sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und +zu stumpf ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die +Liebenswürdigkeit des greisen Gastgebers veranstalteten +Ball zu schildern. Ja, und wie könnte ich, frage ich, wie +könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer Art +gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins, +– wie könnte ich diese außergewöhnliche Mischung +von Schönheit, Vornehmheit und Heiterkeit, +von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit, +von Schelmerei und Freude, alle die Reize +dieser Beamtendamen, die eher Feen als Damen glichen +– mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern +und Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und +reizend hervorlugenden Füßchen –: ja, wie könnte +ich alles das schildern? Wie könnte ich diese glänzenden +Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen, +gesetzt, gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig +benebelt dastanden, in den Tanzpausen rauchten, +oder auch nicht rauchten, und sich in ein fernes grünes +Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten, +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +die alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch +eine Familie besaßen, – wie diese jungen Offiziere, +die von den Begriffen der Eleganz und den Gefühlen +des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die +mit ihren Damen größtenteils nur Französisch sprachen, +oder, falls es Russisch war, dann doch nur in den +höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei Komplimenten +und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst +versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer +einige liebenswürdige Abweichungen von besagtem +hohen Tone erlaubten und sich in freundschaftlicher +Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z. +B.: „Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert +getanzt!“ oder: „Na, du, Wassjä, scheinst ja bei deiner +Dame großartig abgeschnitten zu haben!“ Alles das +zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie gesagt, +meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige +ich lieber. Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin +zu, dem wirklichen und einzigen Helden unserer +durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer, +sagen wir kurz, sehr seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich +gleichfalls dort auf, d. h. er war nicht gerade auf +dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf +dem Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein +Mensch für sich, und ging niemanden etwas an. Nur +stand er, während man dort oben tanzte, nicht – wie +soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich +– es ist etwas peinlich, das zu sagen – er stand nämlich +währenddessen im Flur der Küchentreppe des Hauses. +Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er dort +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch +für sich, wie immer. Er stand, meine verehrten Leser, +er stand in einem Winkel, in dem es zwar nicht gerade +wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand +halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und +einem alten Wandschirm, stand zwischen verschiedenem +Gerümpel, Hausgerät und anderem Kram, und wartete +vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein müßiger +Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar +ist. Er wartete und beobachtete – ja, meine verehrten +Leser – er wartete und beobachtete vorläufig +nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick gleichfalls +eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus +seinem Versteck hervorzukommen und weiterzugehen: +und er kam wie jeder andere in den Saal, mit der +größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er dort +schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt +zwischen der Wand, dem Schrank und dem Schirm und +neben verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderen +Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß +in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner +Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen +Ministers Villèle seligen Angedenkens, daß nämlich +„alles zu seiner Zeit an die Reihe komme, wenn man +nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch +hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens +ganz belanglosen Buch gelesen und sich gemerkt, weshalb +er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr zur rechten Zeit, +wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte +dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen +Lage, und zweitens, was kommt einem Menschen +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +schließlich nicht in den Sinn, wenn er in einem Treppenflur, +in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang +auf den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet? +</p> + +<p> +Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur +rechten Zeit den passenden Ausspruch zitierte, fiel ihm +gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde die Lebensgeschichte +des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris +ein, und gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin +Louise, deren Biographie er gleichfalls einmal gelesen +hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß die Jesuiten +nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes +Mittel durch den Zweck geheiligt werde, daß man also +jedes Mittel anwenden könne, wenn man damit nur +das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache flößte +Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon +im nächsten Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“ +– die Jesuiten, die könne er allesamt ins Bockshorn +jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich +nur das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren +wollte (das Zimmer, von dem aus eine kleine Tür unmittelbar +nach dem Flur führte, in dem Herr Goljädkin +sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten, +nämlich ohne weiteres – dort eintreten und +schnurstracks durch das Büfettzimmer ins Teezimmer gehen +und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten +spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem +getanzt wurde. Und er würde hindurch gehen, würde tatsächlich +und ohne jede Rücksicht oder irgendwelche Bedenken, +ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen – +würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen, +und, noch eh’ ihn jemand bemerkte, mitten im Saal stehen! +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +Dort aber – o! was er dann dort zu machen +hatte, das wußte er selbst schon ganz genau. +</p> + +<p> +Also in einem solchen Zustande befand sich unser +Held, obschon es übrigens schwer zu erklären wäre, +was alles während des Wartens in ihm vorging. Die +Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis +in den Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte: +weshalb, fragte er sich, sollte er ihn auch nicht finden? +– weshalb sollte er nicht eintreten, wenn doch +alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur, +doch weiter wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens +nicht offen und allen sichtbar ... aber das +nicht etwa deshalb, weil er es nicht <em>wagte</em>, sondern +so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er +lieber kein Aufsehen erregte – nur das war der +Grund. Und da wartete er eben, wartete ganz mäuschenstill +geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er +auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet! +</p> + +<p> +„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was +hat Villèle damit zu schaffen! Aber wie könnte ich +jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach du Eckensteher, +du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst, +samt seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der +steifgefrorenen Hand in die steifgefrorene Wange, „du +Narr, der du bist, du elender Goljädka<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a>, da hat dich +das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es dir einen +solchen Namen gab! ...“ +</p> + +<p> +Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen +er sich plötzlich selbst bedachte, nur so eine zeitweilige +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +kleine Gedankenverirrung, ohne jeden sichtbaren Zweck +oder besonderen Grund. +</p> + +<p> +Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck +hervor und schlich zur Tür: der Augenblick war +günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr +Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der +Tür. Schon legte er die Hand auf die Klinke, um +zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen – doch plötzlich +fragte er sich: +</p> + +<p> +„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht? +... Ach was, ich trete ein! ... weshalb sollte ich +denn nicht? Dem Mutigen gehört die Welt!“ +</p> + +<p> +Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert +hatte – flüchtete er plötzlich, für ihn selbst +ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm zurück. +</p> + +<p> +„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das +Zimmer kommt? Da haben wir’s! – da sind richtig +welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als niemand +dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn +man doch so ... ganz einfach sich ein Herz fassen und +ohne weiteres und geradezu hineindringen könnte! ... +Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal solch +einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung +geben muß! Da ist dir das Herz wieder gleich in +die Hühnerbeine gefallen! Ja, den Mut verlieren, das +ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts ausrichten +oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche! +Das können wir! Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel +und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus könnte man +jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich +ganz angenehm. So aber – spät zurückkehren? ... +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +Petruschka würde brummen ... Soll ich nicht einfach +jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die +ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“ +</p> + +<p> +Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß +gefaßt, als er plötzlich schon an der Tür stand, mit zwei +Schritten in das Büfettzimmer schlüpfte, Paletot und +Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in einen +Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und +sich umsah: dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer, +von dort schlüpfte er fast unbemerkt durch das +Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere +Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann +... ja dann vergaß Herr Goljädkin alles, was ringsum +war oder geschah, und befand sich im Saal. +</p> + +<p> +Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht +getanzt. Die Damen saßen oder gingen umher in malerischen +Gruppen. Die Herren standen hier und dort in +leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen +zum nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch +nichts davon. Er sah nur Klara Olssuphjewna, +neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir Ssemjonowitsch, +dann noch zwei oder drei Offiziere – und +vielleicht ein paar junge Beamte, die alle, wie man auf +den ersten Blick erkennen konnte, hinsichtlich ihrer +Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen berechtigten +... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere +Gestalten. Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder +doch so gut wie nichts, wenigstens sah er niemanden +an, und bewegte sich nicht aus eigener Kraft, sondern +gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden +keinen eigenen mehr besaß, immer weiter schob, immer +weiter, und durch die er, indem er ihr folgte, auf diese +Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal erschien. +Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten, +oder vielleicht auch schon mehr oder weniger vergangen +waren, trat er versehentlich einem Geheimrat auf den +Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen Matrone, +verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur, +der er etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an +einen Diener, der mit einem Präsentierteller an ihm +vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden, ohne es +selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen +Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können, +– bis er plötzlich nur eines begriff: daß er vor +Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er in +diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den +Boden versunken: doch was nicht geht, das geht nun +einmal nicht, ebensowenig wie Geschehenes sich ungeschehen +machen läßt. Was sollte er tun? Mißlingt es, +dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren +sie? Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte +er vollkommen recht – kein Meister in der Kunst, das +Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ... Möglich, +daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die +Jesuiten in den Sinn ... +</p> + +<p> +Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte +und lachte – verstummte plötzlich wie durch einen +Zauberschlag. Man sah sich um, man fragte sich mit +den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und allmählich +drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +und hörte selbst nichts davon – er stand und sah zu +Boden und gab sich sein Ehrenwort, daß er sich noch in +dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich sein +Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was +wolle!“ Doch plötzlich vernahm er zu seiner eigenen +größten Verwunderung, daß er zu sprechen begann. +</p> + +<p> +Er begann mit der üblichen Gratulation und dann +folgten einige sogar sehr geschickte und vernünftige +Worte, mit denen er ihr Glück und alles Gute wünschte. +Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei +den Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher +und fühlte, daß er, sobald er nur einmal stockte, dann +überhaupt nicht weiter können würde, und ... und so +stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat +nicht mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er +stand ... und errötete! Hochrot stand er da und wußte +sich nicht zu helfen ... und in seiner Hilflosigkeit sah er +plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles stand, +alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden +erhob sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises +Gelächter. Herr Goljädkin warf einen verlorenen +Blick auf Andrej Philippowitsch, doch der Blick, der +ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren +Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen +tot gewesen wäre, auf der Stelle getötet hätte. Alles +schwieg. +</p> + +<p> +„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten +und fällt in mein Privatleben, Andrej +Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum hörbar +hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej Philippowitsch +...“ +</p> + +<p> +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“ +sagte Andrej Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen +Ausdruck des Unwillens, – sagte es, +reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie +fort von Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“ +erwiderte Herr Goljädkin leise, sah auf und +ließ seinen unglücklichen Blick über die Umgebung irren, +als wolle er sich zunächst über seine eigentliche +Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar +werden. +</p> + +<p> +„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren! +Was ist denn dabei? Nun was, das kann doch +einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin kaum +verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um +sich der ihn umringenden Schar zu entziehen. +</p> + +<p> +Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg +frei. So schob sich unser Held denn zwischen zwei Reihen +neugieriger und verwunderter Beobachter weiter. +Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es +selbst, daß er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich +hätte er viel darum gegeben, wenn er jetzt wieder +im Flur hinter dem Schrank hätte stehen, wenn er +sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“ +unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können! +Doch da das leider ausgeschlossen war, so sah er sich +nach einer Möglichkeit um, sich wenigstens im Saal irgendwo +zu verstecken oder in einem möglichst unbeachteten +Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen +bis zum Morgen auszuharren, bescheiden, anständig, +ganz für sich, ohne die geringste Aufmerksamkeit auf sich +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +zu lenken, ohne jemanden anzurühren, um auf diese +Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die +Verzeihung des Hausherrn zu erwerben. +</p> + +<p> +Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe +irgend etwas den Boden, auf dem er stand, als wanke +dieser Boden bereits, als müsse er selbst sogleich fallen. +Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er sich +zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer +auszusehen, der niemanden etwas anging und +der selbst mit ziemlichem Gleichmut dem Treiben zusah, +indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle stützte, die +er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt, +während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst +heiterem Blick die ihn immer noch anschauenden Gäste +Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von allen am +nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor +dem Herr Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam. +</p> + +<p> +„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden +Stühle sind für zwei Damen bestimmt: der eine für +Klara Olssuphjewna, der andere für die Prinzessin +Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie +nicht von anderen fortgenommen werden,“ stammelte +Herr Goljädkin unter Herzklopfen, indem er seinen flehenden +Blick auf den jungen Leutnant richtete. Statt +einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem +wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab. +</p> + +<p> +Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der +einen Seite wollte Herr Goljädkin auf der anderen +Seite sein Glück versuchen, und wandte sich mit irgendeiner +Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +dessen Brust einer unserer höchsten Orden schmückte. +Doch der Herr Rat maß ihn mit einem Blick, daß Herr +Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über den +Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, +lieber zu schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen +und mit seinem Schweigen zu sagen, daß er +ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle anderen, +und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden +kommen lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken +wortlos auszudrücken, heftete er seine Blicke +auf den Aufschlag seines Uniformrockes, doch nach +einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie auf einen +Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren. +</p> + +<p> +„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, +„und wenn man ihm diese Perücke abnähme, +würde man einen vollständig kahlen Kopf sehen.“ +</p> + +<p> +Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin +alles dessen, was er über die arabischen Emire +gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer Verwandtschaft +mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban +trügen, unter dem auch nur ein nackter, das heißt +haarloser Kopf sichtbar wurde. Von den Köpfen der +Emire sprangen seine Gedanken auf türkische Pantoffeln +über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich +noch, daß Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel +trug, die mehr bequemen Pantoffeln glichen, als Stiefeln. +Doch allmählich wurde er mit seiner Umgebung +vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und +dorthin zu schauen. +</p> + +<p> +„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich +herabfiele, gerade auf die versammelte Gesellschaft, so +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +würde ich sogleich zu Klara Olssuphjewna stürzen und +sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit wäre, würde +ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges +Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin +Ihr Retter.‘ Und dann ...“ +</p> + +<p> +Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, +in der er Klara Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, +und da erblickte er plötzlich Gerassimowitsch, den alten +Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch kam +mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen +Miene gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte +zusammen und runzelte die Stirn unter dem jähen +Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr unangenehmen +Empfindung. Ganz mechanisch blickte er +sich nach beiden Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich +der Gedanke, daß es vielleicht sehr gut und ratsam +wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ... +zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach +zu verschwinden, als hätte er nie hier gestanden. Doch +noch bevor unser Held sich zu irgend etwas entschließen +oder gar etwas tun konnte, stand dieser Gerassimowitsch +schon vor ihm. +</p> + +<p> +„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich +unser Held mit einem Lächeln an den alten Diener, +„sagen Sie einem von den Dienstboten – sehen Sie +dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, +sie steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, +daß man sie wieder gerade einsetzt – sie wird wirklich +sogleich fallen, Gerassimowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, +aber es ist dort jemand, der Sie sprechen will.“ +</p> + +<p> +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“ +</p> + +<p> +„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein +Mensch, den irgend jemand geschickt hat. Er fragte, ob +Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier sei. So rufen Sie +ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen +und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so +sagte er ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie +werden sich verhört haben, Gerassimowitsch.“ +</p> + +<p> +„Schwerlich ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem +Falle kann es nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. +Niemand kann hier nach mir fragen, +Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen +wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, +ich gehe hier keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. +Natürlich! Alles, was im Saale war, alles hatte sich +mit Augen und Ohren ihm zugewandt und schwieg in +nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas +näher und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde +schienen erregt zu tuscheln. Sogar der Hausherr +erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe, und +obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den +Erlebnissen Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren +Anteil nahm, zumal in dieser Angelegenheit die +äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so fühlte +und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der +entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. +Herr Goljädkin sah es deutlich, daß sich ihm jetzt oder +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +nie die Gelegenheit zu einem kühnen Handstreich bot, +die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner +Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin +empfand plötzlich eine gewisse Begeisterung und +wandte sich wieder an den wartenden Gerassimowitsch +und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme: +</p> + +<p> +„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. +Du irrst dich. Ja, ich sage noch mehr: du hast dich auch +heute vormittag geirrt, als du mir zu versichern suchtest +... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“ +– Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph +Iwanowitsch, mein Wohltäter seit undenklichen +Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater ersetzt +hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines +Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin +sah sich selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl +im Kreise um. In seinen Augen erglänzten Tränen. +„Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt, +hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“ +</p> + +<p> +Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr +Goljädkin fühlte es, daß seine Rede einen Eindruck, +einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr Goljädkin +stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete +die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter +den Gästen machte sich eine gewisse Aufregung und +Verwunderung bemerkbar, und selbst der unerschütterliche +Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder +„schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, +und blieb stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester +ein und spielte eine rauschende Polka. Alles +zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen, Gerassimowitsch +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +zog sich schleunigst zurück, und alles, was im +Saal war, geriet wie ein Meer ins Wogen: da +schwebte bereits das erste Paar, Wladimir Ssemjonowitsch +mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites +der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die +Zuschauer drängten sich entzückt und begeistert herbei +und lächelten vor Lust beim Anblick des neuen Tanzes +– der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch +nach einiger Zeit geriet wieder alles durcheinander, +der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte aus, +die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war +atemlos, mit geröteten Wangen und ganz erschöpft auf +einen Stuhl gesunken. Alle Herzen flogen der bezaubernden +Königin des Festes zu, alle eilten zu ihr, um +ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das +man beim Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, +und – da stand auch schon Herr Goljädkin vor ihr. +Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst nicht, +was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und +schob bittend den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. +Klara Olssuphjewna sah zwar sehr verwundert zu ihm +auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso +mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin +beugte sich nach vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten +Male, erhob gleichzeitig einen Fuß, mit dem er irgendwie +nach hinten ausschlug, dann stampfte er plötzlich +auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen +Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! +Klara Olssuphjewna kam plötzlich zu sich und schrie +leise auf: im Nu stürzten alle herbei, um sie von Herrn +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser +Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, +sah sich von einem empörten Kreise umgeben, +vernahm das Gekreisch und die Klagen von zwei +alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen +oder getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die +Aufregung war unbeschreiblich: alles rief, schrie, +sprach durcheinander. Das Orchester verstummte. Unser +Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte +halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß +er doch gleichfalls ... weshalb denn nicht ... die +Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts dafür ... +ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung +der Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun +einmal nicht ginge, so sei er ja bereit, zurückzutreten +... Leider schien sich aber niemand um seine Bereitwilligkeit +zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß +eine Hand sich um seinen Oberarm legte und eine andere +kräftig gegen seinen Rücken drückte und daß man +ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese +Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr +Goljädkin wollte irgend etwas sagen, irgend etwas tun +... oder nein, er wollte gar nichts mehr. Er lächelte +nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung +war dann, daß man ihm den Mantel anzog und den +Hut auf den Kopf drückte, irgendwie schief auf die +Stirn und in die Augen. Dann befand er sich, wie ihm +schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit +und Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte +er und glaubte, in einen Abgrund zu fallen: er +wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon auf +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand +und fühlte nur ein Drehen im Kopf. Da vernahm er +mit einem Male die gedämpften Klänge der Musik, die +wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich erinnerte +er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig +verlassen hatten, waren wie mit einem Schlage +wieder da. Er fuhr auf, griff sich an den Kopf und +stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die Freiheit, +geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +V. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht, +als Herr Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals +in der Nähe der Ismailoffbrücke hinauslief, +um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen +Feinden und Verfolgern, dem Gekreisch der empörten +alten und dem Ach und Weh der jungen Damen, und +vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet, +wie man das so zu sagen pflegt, sondern vollständig +und buchstäblich erschlagen – erschlagen und tot, und +wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit des +Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem +Wunder zu erklären, einem Wunder, an das zu glauben +er sich schließlich selber weigerte. Das Wetter war +grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht: naß, +neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle +Gaben des Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus, +Schnupfen, Influenza und alle möglichen +sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich +brachten und in sich trugen. Der Wind heulte durch die +menschenleeren Straßen und über den Kanal, daß das +schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich regte, +rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein +<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> +Pfeifen mit leisem Kreischen und Knarren antworteten, +was dann alles zusammen wie eine weinerlich schrille, +fernher schwirrende Musik klang, die jedem Petersburger +so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen +Regenströme samt dem nassen Schnee trafen – als +kämen sie aus einer Feuerspritze – den armen Herrn +Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen +ihn ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das +nächtliche Schweigen, das nur fernes Wagenrollen, +das Heulen des Windes und das Knarren der Laternen +unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des +Wassers von den Dächern und Fenstervorsprüngen auf +die Steine des Trottoirs, und das leise gurgelnde murmelnde +Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen. +Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen, +und es konnte ja auch um diese Zeit und bei diesem +Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn auf dem +Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz +allein mit seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit +und den Regen, eilte in seiner eigentümlichen Gangart +mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie im +Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie +möglich die Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den +Torbogen zu schlüpfen und dann die Treppe hinaufzueilen, +bis er in seiner Wohnung in Sicherheit war. +</p> + +<p> +Doch obschon der Schnee und Regen und alles das, +was sich kaum nennen und schildern läßt, wenn die Novemberstürme +Petersburg heimsuchen, von allen Seiten +zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn +schonungs- und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf +die Knochen ging, die Augen blendete und ihn fast vom +<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> +Wege blies, als habe das Wetter sich mit seinen Feinden +verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen: +so konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin, +der an diesem Tage schon genugsam vom Unglück +verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht +den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum +ernsthaft und wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert +war er durch das, was er vor wenigen Minuten im +Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben müssen! +Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem +Augenblick von der Seite hätte beobachten können, +wie er so, gleichsam blind und taub, durch das Unwetter +einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze +fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl +gesagt, Herr Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor +sich selbst verstecken, als wolle er am liebsten vor sich +selbst fortlaufen. Und so war es auch wirklich. Ja, +wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am +liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts +verwandelt hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff +er etwas von dem, was ihn umgab: er sah aus, +als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom +Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für +den rechten Stiefel etwas zu groß war, fiel ab, doch +Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es überhaupt zu bemerken. +Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh +stehen blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem +Gedanken an eine unfaßbare Schmach, und daß er dann +unbeweglich, wie zu einer Bildsäule erstarrt, mitten +auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er +fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr +<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> +und wie ein Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne +sich umzusehen, als wolle er sich vor Verfolgern retten +oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren Unglück zu +entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend +... +</p> + +<p> +Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich +auf das Geländer am Kanal und starrte auf das +schwarze Wasser der Fontanka. So stand er eine lange +Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber +jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual +so ungeheuerlich und sein Mut so erschöpft, daß +er alles vergaß, alles, das Haus an der Ismailoffbrücke +und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja, +selbst vergaß, wo er sich im Augenblick befand ... +Und warum sollte er auch nicht? Es war doch nichts +mehr daran zu ändern, was ging es ihn im Grunde +noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am +ganzen Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein +paar Schritte zur Seite. Mit einer unerklärlichen Unruhe +sah er sich um: es war niemand zu sehen, es +konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ... +und doch schien es ihm, daß im Augenblick jemand neben +ihm, dicht neben ihm gestanden hatte, gleichfalls auf +das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war, als +habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell +und kurz und nicht ganz deutlich, aber irgend etwas +ihm Naheliegendes, etwas, das ihn persönlich anging. +</p> + +<p> +„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen +sein?“ fragte sich Herr Goljädkin, indem er sich nochmals +suchend umsah. „Aber wo bin ich denn? ... +<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> +Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig, +mit einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit +einer gewissen Angst, alle Kräfte zusammenzunehmen, +um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die trübe, feuchte +Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges +zu sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es +schien alles ruhig zu sein, alles wie es sein mußte, es +schneite nur stärker als vorher und in größeren Flocken: +keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen, +so stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger, +noch klagender sein banges Lied, ganz wie ein +Bettler, der nicht von einem läßt und traurig um ein +Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können. +</p> + +<p> +„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich +Herr Goljädkin, und er setzte seinen Weg fort, blickte +sich aber immer noch etwas unsicher um. Inzwischen +bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war +wie eine Beklemmung, und doch wieder nicht, es war +wie Angst ... und doch anders als Angst ... Ein +fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper +und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich. +</p> + +<p> +„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich, +um sich etwas zu ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht +hat so etwas nichts auf sich und geht niemandem +an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“ +fuhr er fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach, +„vielleicht wird das gerade zum Guten führen, mir +noch ein Glück eintragen, weshalb also ungehalten +sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet +sein kann?“ +</p> + +<p> +<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> +Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen +beschäftigt, schüttelte Herr Goljädkin den Schnee +von sich ab, der schon mit einer dicken Schicht seinen +Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel bedeckte, +– doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung +konnte er nicht abschütteln. Irgendwo fern +fiel ein Kanonenschuß<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a>. +</p> + +<p> +Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu! +wenn es nicht noch eine Überschwemmung gibt? Das +Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein ... +</p> + +<p> +Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er +nicht weit vor sich einen Menschen erblickte, der ihm +entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein verspäteter +Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige +Begegnung, die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch +Herr Goljädkin wurde aus einem unbekannten Grunde +ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf. +Nicht, daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte, +– nein, das nicht, aber ... „was kann man wissen, +wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn, „vielleicht ist +auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die +Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen, +sondern in einer besonderen Absicht, um meinen +Weg zu kreuzen und mich anzurempeln ...“ +</p> + +<p> +Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch +nicht, sondern empfand nur eine Sekunde lang etwas +Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte +<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> +auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde +war keine zwei Schritte mehr von ihm entfernt. Herr +Goljädkin beeilte sich seiner Gewohnheit gemäß, eine +Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab, daß +er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden +etwas angehe, daß der Weg für alle breit genug, und +er, Goljädkin selbst, niemanden anrühre und ruhig +vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz getroffen, +und dann wandte er sich schnell zurück und sah +dem anderen nach, der kaum an ihm vorübergegangen +war, – wandte sich zurück, als habe ihn jemand an +einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte +sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig, +war gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in +die Stirn gezogen und den Kragen aufgeschlagen, +und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen, +schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im +Trab. +</p> + +<p> +„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin +mit einem ungläubigen Lächeln, – schauderte aber +doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm kalt +über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte +vollends in der Dunkelheit, auch seine Schritte +waren nicht mehr zu hören, Herr Goljädkin aber stand +immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er +wieder zu sich. +</p> + +<p> +„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich +denn etwa rein von Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“ +Und er ging wieder seines Weges, beschleunigte +aber immer mehr den Schritt und bemühte sich, +an gar nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen, +<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> +um nicht zu denken. Plötzlich, durch das Heulen +des Windes und das Geräusch des Unwetters, vernahm +er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr +zusammen und öffnete die Augen. Vor ihm, etwa +zwanzig Schritte weit, tauchte von neuem irgendein +dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam. +Die Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin +konnte schon deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen +erkennen, – und plötzlich schrie er auf vor +Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden +schwach. Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant, +der vor etwa zehn Minuten an ihm vorübergegangen +war, und der ihm jetzt plötzlich wieder entgegenkam. +Das Erlebnis war seltsam und unheimlich. +Herr Goljädkin war so überrascht, daß er stehen blieb, +zitterte, irgend etwas sagen wollte, und – plötzlich +dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an, +wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte +blieb auch wirklich stehen, etwa zehn Schritte +weit von Herrn Goljädkin, und zwar gerade im Schein +der nächsten Laterne, so daß man <a id="corr-22"></a>ihn deutlich erkennen +konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin +um und wartete mit ungeduldiger Miene darauf, +was jener nun sagen werde. +</p> + +<p> +„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“ +stammelte unser Held mit zitternder Stimme. +</p> + +<p> +Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich +ungehalten wieder von ihm ab und ging schnell +weiter, als wolle er sich beeilen, die verlorenen zwei +Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am +ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen +<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> +zu halten. Mit einem Stöhnen sank er auf einen der +Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich allen Grund, +so die Fassung zu verlieren. +</p> + +<p> +Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt +erschienen. Doch das hätte allein noch nicht viel +besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte ihn jetzt +vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn +schon gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal +gesehen, sogar vor ganz kurzer Zeit. Aber wo? – wo +konnte das gewesen sein? – und wann? War es nicht +erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das +die Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen +hatte. Es war ja auch fast gar nichts Besonderes an +diesem Menschen – auf den ersten Blick hätte dieser +Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit +erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle +anderen, war natürlich auch anständig, wie alle anständigen +Menschen, und vielleicht besaß er sogar irgendwelche +Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein +Mensch für sich. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft +noch selbst eine Abneigung gegen diesen Menschen, +sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in diesem +Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für +nichts in der Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht, +und nun noch gar eine, wie jetzt in der Nacht. +Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin +kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar, +wie er hieß, mit dem Familiennamen und mit dem +Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn selbst +für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, – +<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> +er wollte ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben, +daß jener so und so hieß. +</p> + +<p> +Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß, +was er dachte oder empfand, das vermag ich nicht zu +sagen, doch als er endlich wieder zu sich kam, raffte er +sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er lief, +was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der +Atem ging ihm aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin +– und bei der Gelegenheit verlor er auch die andere +Galosche. Endlich gab er das Laufen auf, verlangsamte +den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell +um und stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon +eine ganze Wegstrecke längs der Fontanka zurückgelegt +hatte, ging dann über die Anitschkoffbrücke, ging über +den Newskij und stand schließlich an der Straßenkreuzung +des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann +bog er in die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick +einem Menschen, der am Rande eines Abgrundes +steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den Boden +schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick +in die Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß +und selbst sieht, und der doch nicht die Kraft hat und +auch nicht die Geistesgegenwart, auf den noch feststehenden +Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke, +den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden: +die Tiefe zieht ihn vielmehr an, zieht ihn und +läßt ihn nicht los, und so springt er denn schließlich +beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang +zu beschleunigen. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt, +daß ihm sogleich, noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles +<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> +zustoßen, daß er z. B. wieder jenem Unbekannten +begegnen würde: doch – so seltsam es auch +erscheinen mag – er wünschte diese Begegnung jetzt +beinahe selbst herbei, wünschte sie schneller herbei, so +schnell wie möglich. Da er sie doch für unvermeidlich +hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein +Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch, +rasch! Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege +ihn eine fremde Macht, denn von seinem eigenen +Wesen fühlte er nichts als eine unendliche Erschöpfung +und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr +denken, obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen +wie Dornen an alles und jedes hefteten. Ein verirrtes +Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so zitterte, +schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken +dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten +Ohren, und von Zeit zu Zeit sah es schüchtern +und verständnisvoll zu ihm auf. +</p> + +<p> +Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke +oder vielmehr die Erinnerung an etwas vor langer Zeit +einmal Geschehenes kam ihm jetzt in den Sinn und begann +in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und +hämmerte und ließ sich nicht abweisen. +</p> + +<p> +„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin +vor sich hin, ohne sich selbst zu verstehen. Endlich +erblickte er den Unbekannten wieder, gerade wie er um +die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder +entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung, +ging wenige Schritte vor ihm und eilte ebenso +wie er in leichtem Trab. Bald hatten sie die Schestilawotschnaja +erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag +<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> +setzte aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause +stehen, in dem Herr Goljädkin wohnte. Man hörte die +Klingel unter dem Torbogen und fast in demselben +Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels. +Das Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte +beugte sich und verschwand. Im nächsten Augenblick +hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und +schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas +brummte; er lief auf den Hof und erblickte wieder den +Unbekannten, den er einen Moment aus dem Auge +verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang +zu der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung +hinaufführte. Herr Goljädkin eilte ihm nach. Die +Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen +Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so +daß ein Fremder, der zum erstenmal und noch dazu im +Dunkeln diese Treppe hinaufstieg, mindestens eine +halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte. +Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß +man sich Hals und Beine brach, verwünschte immer +wieder nicht nur die Treppe, sondern mit dieser auch +seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen, +zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch +jener Unbekannte, den Herr Goljädkin verfolgte, +schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut +zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit +der größten Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal +zu zögern, als wäre ihm jede Stufe bekannt. Herr +Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder dreimal +schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten +an seine Nase. Das Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle +<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> +Fremde blieb gerade vor der Tür der Wohnung +des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka – +was zu einer anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in +Verwunderung gesetzt hätte, – Petruschka, ganz als +hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen gelegt, +öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen +mit dem Licht in der Hand entgegen. +</p> + +<p> +Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung +in seine Wohnung. Ohne Hut und Mantel im Vorraum +abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt, +auf der Schwelle seines Zimmers stehen. +</p> + +<p> +Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich +vollständig, alles, was er gefürchtet hatte, trat jetzt in +die Erscheinung. Der Atem ging ihm aus, der Kopf +schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem +Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte +ein wenig, blinzelte ihm zu und nickte freundschaftlich +mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte schreien, konnte +aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die +Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge +und er setzte sich starr vor Schreck neben den anderen +hin. Dazu hatte er freilich Ursache. Herr Goljädkin +erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein +nächtlicher Freund aber war niemand anders als er +selbst – ja: Herr Goljädkin selbst, ein anderer Herr +Goljädkin und doch Herr Goljädkin selbst – mit einem +Wort und in jeder Beziehung war er das, was man +einen Doppelgänger nennt. +</p> + +<p class="dashes"> +– – – – – – – – – – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> +<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> +VI. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte +Herr Goljädkin in seinem Bett. Sofort erschienen +mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen erregten +Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen +Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien +die ganze wilde und unwahrscheinliche Nacht mit ihren +fast mysteriösen Ereignissen. Eine so grausame, eine +so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und besonders +dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn +Goljädkins Herz zu Eis erstarren. Dazu schien alles +das so sonderbar unverständlich und wüst, schien so +sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm +wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin +wäre sogar sehr geneigt gewesen, das alles einfach +für einen Traum, für eine augenblickliche Verwirrung +seiner Phantasie, für eine vorübergehende +Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht +zu seinem Glück und aus seiner bitteren Lebenserfahrung +heraus gewußt hätte, bis wohin die Bosheit bereits +manchen Menschen gebracht hat, wie weit die +Grausamkeit eines Feindes gehen kann, der sich für +seine verletzte Ehre rächen mochte. Obendrein legten +die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins, sein +<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> +schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger +Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und +bestanden unabweislich auf der Wirklichkeit des nächtlichen +Spazierganges samt allen Abenteuern, die mit ihm +verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja +Herr Goljädkin schon längst, daß sie da etwas gegen ihn +vorbereiteten, daß noch etwas anderes dahintersteckte! +</p> + +<p> +Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß +Herr Goljädkin zu schweigen, sich zu fügen und +in der Sache fürs erste nichts zu tun. +</p> + +<p> +„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, +und wenn sie sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere +und mich in alles füge, dann werden sie vielleicht +zurücktreten, von selbst zurücktreten, als erste zurücktreten.“ +</p> + +<p> +Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins +umgingen, als er sich im Bette ausstreckte, um +seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und auf das gewohnte +Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. +Er wartete bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, +wie der Faulpelz Petruschka hinter dem Verschlag den +Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht entschließen, +ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin +fürchtete sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen. +</p> + +<p> +„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, +wie der Schuft diese ganze Sache ansieht. Er schweigt +und schweigt und macht sich dabei seine eigenen Gedanken.“ +</p> + +<p> +Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien +mit dem Teebrett in beiden Händen. Herr Goljädkin +<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> +schielte schüchtern nach ihm hin und wartete ungeduldig, +was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich +über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch +Petruschka sagte nichts, im Gegenteil, er war noch +schweigsamer, finsterer und erboster als gewöhnlich +und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen +hervor nur mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte +daraus entnehmen, daß er äußerst unzufrieden war. +Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was, +nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm +berührte. Er stellte alles, was er gebracht hatte, auf +den Tisch, kehrte um und ging schweigend hinter seinen +Verschlag. +</p> + +<p> +„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte +Herr Goljädkin, während er seinen Tee einnahm. +Unser Held jedoch richtete keine Frage an seinen +Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen +Anlässen, ins Zimmer kam. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. +Peinlich war es ihm vor allem, in die +Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes Vorgefühl, daß +dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde. +</p> + +<p> +„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über +irgend etwas stolpern! Ist es nicht besser, hier noch etwas +abzuwarten? Mögen sie da tun – was sie wollen: +ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, +werde meine Gedanken über die Sache in Ordnung +bringen, um dann den günstigen Augenblick zu +erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den +Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen +auftauchen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> +Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, +rauchte er eine Pfeife nach der anderen. Die +Zeit verging indessen schnell – es war bereits fast +halb zehn geworden. +</p> + +<p> +„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte +Herr Goljädkin, „es ist jetzt wirklich zu spät geworden. +Dazu bin ich krank, versteht sich, krank, durchaus +krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es +mich an! Und wenn man jemanden schickt, der hier +nachsehen soll – ja, was geht das mich an? Mir tut +der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen, und +schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, +ich kann mich ernstlich erkälten und sogar sterben +– die Sterblichkeit ist ja zurzeit so groß ...“ +</p> + +<p> +Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin +schließlich sein Gewissen vollkommen und rechtfertigte +sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm von Andrej +Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung +des Dienstes“. Überhaupt liebte es unser +Held bei allen ähnlichen Gelegenheiten, sich vor sich +selbst durch die verschiedensten Vernunftgründe zu verteidigen +und auf diese Weise sein Gewissen vollkommen +zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen +vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte +sie aus: doch kaum hatte er ordentlich zu rauchen begonnen +– als er plötzlich vom Diwan sprang, seine +Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und frisierte, +seine Uniform und alles Übrige anzog, einige +Papiere ergriff und in die Kanzlei davoneilte. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung +ein, in zitternder Erwartung von etwas sehr +<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> +Unangenehmem, in einer Erwartung, die unklar und +dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern +setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher +Anton Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne +sich umzublicken oder sich durch etwas ablenken zu lassen, +vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm liegenden +Papiere. Er hatte beschlossen und sich das +Wort gegeben, sich so wenig wie möglich einer Herausforderung +auszusetzen und sich vor allem, was ihn +kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, +vor allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen +Abend möglichst weit weg zu halten. Er beschloß +sogar, von den gewöhnlichen Höflichkeiten im Verkehr +mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel Fragen +nach dem Befinden usw. zu unterlassen. +</p> + +<p> +Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es +dabei bleiben konnte. Unruhe und Ungewißheit über +etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn viel +quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, +trotz des Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf +nichts einzugehen, was es auch sei, und sich von allem +fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch zuweilen den +Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach +rechts und links, und beobachtete die Gesichter seiner +Mitarbeiter, um aus ihren Mienen zu schließen, ob +etwas Neues und Besonderes bevorstehe und aus irgendwelchen +Absichten vor ihm verborgen werde. Er +setzte ohne weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen +den gestrigen Vorfällen und allem bestand, was +um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus wünschte +er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß +<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> +sich alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, +wenn es dabei auch ein Unglück gäbe! +</p> + +<p> +Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal +auch ereilte: kaum hatte er dies zu wünschen gewagt, als +seine Zweifel plötzlich gelöst wurden, und zwar auf die +allersonderbarste und unerwartetste Weise. +</p> + +<p> +Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich +leise und schüchtern, als wollte sie damit vorausschicken, +daß die eintretende Person herzlich unbedeutend +sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr +bekannt vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern +dem Tisch, an dem unser Held saß. Unser Held wagte +seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die Gestalt nur +flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles, +begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte +vor Scham und steckte seinen armen Kopf in +die Papiere mit der gleichen Absicht, wie der Vogel +Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom +Jäger verfolgt wird. +</p> + +<p> +Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej +Philippowitsch und man hörte darauf dessen förmliche, +höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten in allen +Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen. +</p> + +<p> +„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch +an ihn und wies den Neuling an den Tisch +Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich Herrn Goljädkin +gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“ +</p> + +<p> +Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den +Neuangekommenen mit einer höflich einladenden Gebärde +sich selbst überließ und sich sofort wieder in seine +<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> +Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und +wenn er nicht in Ohnmacht fiel, so geschah es nur deshalb +nicht, weil er schon vorher alles das vorausgefühlt +hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet +war und die Ankunft des Neulings bereits in +seiner Seele geahnt hatte. Die erste Bewegung Herrn +Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich nicht ein +Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz +vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen +verzog und schließlich nicht irgend jemand vor Schreck +vom Stuhle fiel. Doch zur größten Verwunderung +Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches. Das +Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte +ihn in Erstaunen und schien ihm vollständig unerklärlich. +Herr Goljädkin erschrak fast vor diesem ungewöhnlichen +Schweigen. Die Tatsache sprach für sich +selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. +Es mußte einen verwundern. +</p> + +<p> +Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich +durch den Kopf. Er fühlte sich wie auf einem kleinen +Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte seinen Grund. +Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, +war – der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die +Schande Herrn Goljädkins, war – der gestrige Albdruck +Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin +selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem +Munde und mit der Feder in der Hand auf +dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der als Gehilfe seines +Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser, +der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken +<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> +liebte, nicht der schließlich, dessen Verhalten deutlich +aussprach: „Rühre mich nicht an und auch ich werde +dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an, +denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war +ein anderer Herr Goljädkin, ein vollkommen anderer, +und zugleich doch einer, der vollkommen ähnlich dem +ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben Gestalt +und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, +es war nichts, aber auch nichts zur vollkommenen +Ähnlichkeit vergessen worden, so daß, wenn man die +beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand, aber +auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der +wirkliche Herr Goljädkin und wer der nachgemachte +sei, wer der alte und wer der neue, wer das Original +und wer die Kopie. +</p> + +<p> +Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, +über den, wenn der Vergleich möglich ist, jemand zum +Spaß ein Brennglas hält. +</p> + +<p> +„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, +„ist es die Gegenwart oder die Fortsetzung von gestern. +Wie kommt das, mit welchem Recht geht das alles hier +vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer +gab ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt +es mir?“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch +noch einen anderen ... Nein, es war nicht nur ein +Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der Schweiß +in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch +etwas nie Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: +und zur Vollendung des Unglücks begriff und fühlte +Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in +<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> +einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel +zu sein. +</p> + +<p> +Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, +und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen +war und selbst gewünscht hatte, daß sich seine Zweifel +irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache +doch ganz unerwartet eingetreten. +</p> + +<p> +Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend +war er seiner Gedanken und seines Gedächtnisses +vollständig beraubt. Wenn er nach solchen +Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er +ganz mechanisch und unbewußt seine Feder über das +Papier führte. Da er sich selbst nicht mehr trauen konnte, +fing er an, alles Geschriebene nachzuprüfen, und +siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der +andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und +ehrbar dagesessen hatte, und verschwand mit seiner Arbeit +durch die Tür, in die andere Abteilung. Herr +Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu +hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch +beim Umwenden der Blätter und das Geflüster in denjenigen +Ecken, die am weitesten von dem Platz Andrej +Philippowitschs ablagen. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, +an, und da der Gesichtsausdruck unseres +Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen Gedanken +übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr +auffallend war, so legte der gute Anton Antonowitsch +die Feder beiseite und erkundigte sich mit außergewöhnlicher +Teilnahme nach der Gesundheit Herrn +Goljädkins. +</p> + +<p> +<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> +„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott +sei Dank,“ antwortete stotternd Herr Goljädkin, „ich, +Anton Antonowitsch ... bin vollkommen gesund. Mir +fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er +entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch +nicht ganz zu überzeugen vermochte. +</p> + +<p> +„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so +ganz gesund sind: übrigens, es wäre kein Wunder! +Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen Sie ...“ +</p> + +<p> +„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter +schlecht ist ... Ich, Anton Antonowitsch, ich ... +spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin fort, indem +er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen +Sie, Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, +... das heißt, ich möchte sagen ... wie Sie die Sache +auffassen, Anton Antonowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß +gestehen, nicht ganz verstanden; Sie ... wissen Sie ... +erklären Sie sich deutlicher, woran Sie sich hierbei stoßen,“ +sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig +betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die +Tränen in die Augen traten. +</p> + +<p> +„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch +... hier ist – ein Beamter, Anton Antonowitsch +...“ +</p> + +<p> +„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“ +</p> + +<p> +„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier +ein neueingetretener Beamter ist.“ +</p> + +<p> +„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“ +</p> + +<p> +„Was?“ rief Herr Goljädkin aus. +</p> + +<p> +<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> +„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt +auch Goljädkin. Ist es nicht Ihr Bruder?“ +</p> + +<p> +„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“ +</p> + +<p> +„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es +sogar ein sehr naher Verwandter von Ihnen sein +müßte. Wissen Sie, es ist da eine Familienähnlichkeit +vorhanden.“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und +die Zunge versagte ihm zeitweise ihren Dienst. So +einfach über eine so unerhörte, noch nie dagewesene +Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden interessierten +Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer +Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild +handelte! +</p> + +<p> +„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff +Petrowitsch,“ fuhr Anton Antonowitsch fort. „Gehen +Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit ihm. +Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre +Augen sind so sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen +Ausdruck haben sie ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das +heißt, ich möchte fragen, wie dieser Beamte? ...“ +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, +haben Sie nicht an ihm etwas Besonderes +bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“ +</p> + +<p> +„Das heißt?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, +eine erstaunliche Ähnlichkeit mit irgend jemandem, +das heißt zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben, +Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, +<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> +Sie machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen +Sie, daß es Zwillinge gibt, die sich wie zwei Tropfen +Wasser gleichen, so daß man sie nicht voneinander +unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte +ich –“ +</p> + +<p> +„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich +– als ob er jetzt zum erstenmal über die Sache +wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben recht, die Ähnlichkeit +ist tatsächlich erstaunlich und man könnte wirklich +den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu +und riß die Augen immer weiter auf. „Und, wissen +Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist sogar eine ganz sonderbare +phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen +pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie +bemerkt, Jakoff Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar +selbst danach fragen. Ja, ich gestehe, anfangs habe +ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein +wirkliches Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, +Sie sind doch kein Hiesiger? Ich meine +nur ...“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus +demselben Orte, wo Sie her sind. Ich wage nur zu +fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt dauernd aufgehalten?“ +</p> + +<p> +„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, +daß er kein Hiesiger ist?“ +</p> + +<p> +„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar +ist,“ fuhr der gesprächige Anton Antonowitsch +fort, für den es ein rechter Feiertag war, wenn er +einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich +<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> +Anteil erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, +ohne es zu bemerken! Übrigens, regen Sie sich +nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen. Wissen +Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe +passierte meiner Tante, mütterlicherseits; sie hat sich +auch einmal, es war kurz vor dem Tode, doppelt gesehen +...“ +</p> + +<p> +„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie +unterbreche, Anton Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, +wollte wissen, wie es mit diesem Beamten +steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“ +</p> + +<p> +„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen +Ssemjon Iwanowitsch. Dessen Posten war frei geworden, +und so wurde er angestellt. Nein, wirklich, dieser +gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er +hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. +Die Witwe ist seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man +sagt übrigens, sie habe Geld, sie verheimliche es nur.“ +</p> + +<p> +„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand +...“ +</p> + +<p> +„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn +das so sehr? Ich sage Ihnen doch: regen Sie sich +nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes, und es ist +Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes +Weisheit. Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht +schuld daran. Als ob es keine Wunder auf der Welt +gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie werden +doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen +ein Beispiel zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, +wie die siamesischen Zwillinge mit dem Rücken +<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> +aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und schlafen +zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? +Tut nichts! Ich sage Ihnen doch, nach meiner persönlichen +Überzeugung haben Sie sich keineswegs aufzuregen. +Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein +Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein +tüchtiger Mensch. Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht +von hier und führe den Titel Titularrat. Er hat selbst +mit Seiner Exzellenz gesprochen.“ +</p> + +<p> +„Und was hat er gesagt?“ +</p> + +<p> +„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende +Erklärungen gegeben und die Gründe dargelegt, sagt +man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein Vermögen, +ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer +schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so +gehört ... er hat sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. +Ein kluger Mensch muß er sein. Nun, versteht +sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die +geht’s doch nicht ...“ +</p> + +<p> +„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte +sagen, wer hat denn in diese schmutzige Angelegenheit +seine Hand gesteckt?“ +</p> + +<p> +„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, +Seine Exzellenz, sagt man, und Andrej Philippowitsch +hätten gelacht.“ +</p> + +<p> +„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“ +</p> + +<p> +„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und +sie hätten nichts dagegen, wenn er nur seine Pflicht +tue!“ +</p> + +<p> +<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> +„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, +Anton Antonowitsch, ich flehe Sie an – und weiter.“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts +zu bedeuten, ich sage Ihnen, regen Sie sich nicht auf, +die Sache hat nichts Bedenkliches.“ +</p> + +<p> +„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, +Anton Antonowitsch, ob Seine Exzellenz nichts mehr +hinzugefügt hat ... über mich, zum Beispiel?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, +nichts, Sie können ganz ruhig sein. Wissen Sie, natürlich +ist der Umstand sehr sonderbar ... aber ich selbst +– ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht. +Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts +dabei dachte, bis Sie, Sie selbst, mich darauf aufmerksam +gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts gesagt,“ +fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob +sich vom Stuhl. +</p> + +<p> +„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze +hier von Nichtigkeiten und da ist eine wichtige Sache +zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“ +</p> + +<p> +„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die +klangvolle Stimme Andrej Philippowitschs, „Seine +Exzellenz fragt nach Ihnen.“ +</p> + +<p> +„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich +komme schon.“ Und Anton Antonowitsch griff nach einem +Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej Philippowitsch +und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz. +</p> + +<p> +„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin +bei sich. „So ist also das Spiel jetzt bei uns? Von daher +<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> +weht der Wind? ... Das ist nicht übel, die Dinge +haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser +Held, rieb sich die Hände und fühlte vor Freude +kaum den Stuhl unter sich. „Unsere Sache ist also eine +gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas ganz +Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, +sie sitzen alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist +nett, wirklich nett! Einen guten Menschen liebe ich, +habe ich geliebt und werde ihn immer lieben ... Doch, +wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer +... zu trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den +Zusammenhang. Eine vorzügliche, eine großartige Sache +ist es, daß Seine Exzellenz nichts gesagt hat und ihn +so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur +dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da +einzumischen? Was geht es ihn an? Du alter Strick! +Immer läufst du mir über den Weg, wie eine schwarze +Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, +immer den Menschen in die Quere ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder +belebte sich seine Hoffnung. Er fühlte sich aber doch +noch von gewissen vagen Gedanken, und von nicht +gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam +ihm sogar in den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, +den Hasen sozusagen zu stellen, vielleicht am +Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten +mit ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche +zu bemerken: „meine Herren, so und so, ob +da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein sonderbarer +Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese +Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in +<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> +einem tiefen Abgrund hausen die Teufel,“ schloß in Gedanken +unser Held. Übrigens war das nur ein flüchtiger +Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte +sich noch beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen +konnte. +</p> + +<p> +„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich +selbst, und schlug sich leicht mit der Hand vor die +Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu phantasieren +und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser, +wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir +halten aus und warten!“ +</p> + +<p> +Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, +war Herr Goljädkin voll Hoffnung und wie von +den Toten auferstanden. +</p> + +<p> +„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, +als ob mir fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! +Was ist das für eine Sache! Er aber – er, – +nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu +seiner Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem +hinderlich wird, wenn er nur niemanden stört, dann +mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“ +</p> + +<p> +Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge +und es schlug bereits vier Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. +Andrej Philippowitsch griff nach seinem +Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. +Herr Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging +absichtlich später als die anderen, er war der Letzte +und trat hinaus, als die anderen sich bereits in die +verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße +fühlte er sich wie im Paradies, so daß in ihm der +<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> +Wunsch aufstieg, einen Umweg zu machen und über +den Newskij zu gehen. +</p> + +<p> +„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, +„diese unerwartete Wendung der ganzen Sache. Und +was für ein Wetterchen, mit Frost und Schlittenbahn! +Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn ordentlich +von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe +den russischen Menschen, und Schnee liebe ich und +Kälte liebe ich ...“ +</p> + +<p> +So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, +und doch fühlte er etwas wie Unruhe in seinem Herzen +nagen, so daß er nicht wußte, womit er sich beschwichtigen +sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – +und dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das +nur eigentlich sein, was mich da so beunruhigt!? Nun, +denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke nach, junger +Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau +so wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn +es solch einen Menschen gibt, muß ich denn gleich +darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte mich +fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! +Mag er dienen! Nun, und was sie da von den siamesischen +Zwillingen reden ... wozu siamesisch? Nehmen +wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben +ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte +ist bekannt, daß der berühmte Ssuworoff wie ein Hahn +krähte ... Nun, das tat er wohl alles nur aus Politik; +und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen +mich die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will +niemanden kennen und im Gefühl meiner Unschuld +verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant und +<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> +ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig +...“ +</p> + +<p> +Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, +zitterte wie ein Blatt am Baum und schloß auf einen +Augenblick seine Augen. In der Hoffnung jedoch, daß +der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion sei, +öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern +nach rechts. Nein, es war keine Illusion! ... Neben +ihm trippelte sein Bekannter von heute morgen, lächelte +ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die +Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. +Es kam aber nicht dazu. So gingen sie beide +etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze Bestreben +Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr +in seinen Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief +wie möglich über die Augen zu ziehen. Es erhöhte noch +die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines +Freundes genau den seinen glichen. +</p> + +<p> +„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem +er sich mühte, fast flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen +Freund anzusehen, „mir scheint, wir haben einen +verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon überzeugt,“ +sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich +bin ich auch fest davon überzeugt, daß Sie mich +verstanden haben,“ fügte er ziemlich streng zum Schluß +hinzu. +</p> + +<p> +„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, +„ich hätte gewünscht, und Sie werden mir großmütig +verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden +soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen +mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir +<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> +sogar, Sie hätten heute morgen Anteil an mir genommen. +Meinerseits fühlte ich auf den ersten Blick Zuneigung +für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin +in Gedanken seinen neuen Kollegen unter die +Erde – +</p> + +<p> +„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff +Petrowitsch, geneigt wären, mich anzuhören ...“ +</p> + +<p> +„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ +antwortete ihm Herr Goljädkin. „Wir wollen hinüber +auf die andere Seite des Newskij gehen, dort wird es +bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse +einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“ +</p> + +<p> +„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte +schüchtern und bescheiden Herrn Goljädkins Begleiter, +als ob er durch den Ton seiner Antwort ausdrücken +wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse +zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, +so begriff er überhaupt nicht mehr, was mit ihm +vorging. Er traute sich selber nicht und hatte sich +von seinem Erstaunen noch nicht erholt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-7"> +<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> +VII. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf +der Treppe zu seiner Wohnung befand. „Ach ich +Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in Gedanken, +„wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen +Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, +wenn er uns beide zusammen sieht. Was wird +dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso +schon so mißtrauisch ...“ +</p> + +<p> +Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr +Goljädkin klopfte, die Tür wurde geöffnet und Petruschka +nahm seinem Herrn sowie dem Gast die Mäntel ab. +Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka +hin, um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich +hinter seine Gedanken zu kommen. Doch zu +seiner großen Verwunderung sah er, daß sein Diener +auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil, +etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch +erwartet zu haben schien. Freilich sah er auch jetzt noch +recht wie ein Wolf aus, der sich anschickte, jemanden +zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie verhext,“ +dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären +sie alle von Dämonen besessen! Etwas Besonderes +muß vorgehen oder in der Luft liegen. Zum Teufel, +was ist das für eine Qual!“ +</p> + +<p> +Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen +<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> +Gast ins Zimmer und forderte ihn höflichst auf, +sich zu setzen. +</p> + +<p> +Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, +war sehr schüchtern und folgte gehorsam allen +Bewegungen seines Wirtes, fing dessen Blicke auf und +bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten. Etwas +Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag +in all seinen Gebärden, so daß er, wenn ein solcher +Vergleich gestattet ist, in diesem Augenblick einem +Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen +Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu +kurz, die Taille sitzt fast unter den Achseln und jeden +Augenblick zieht er sich seine zu kurze Weste zurecht: bald +dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken zu +wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und +horcht, ob die Leute nicht über ihn sprechen, über ihn +lachen, sich seiner schämen – und der Arme errötet, +windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und Ehrgeiz +und Selbstgefühl leiden maßlos. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – +durch eine unvorsichtige Bewegung fiel er auf den Boden. +Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn aufzuheben, +den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren +Platz zu legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben +sich auf den Fußboden und selbst nahm er nur +auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine Umstand +öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über +ihn. Er begriff, daß der andere großen Mangel litt, +und nun wußte er mit einem Mal, wie er das Gespräch +mit ihm beginnen sollte. +</p> + +<p> +Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete +<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> +scheinbar, sei es nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, +daß der Wirt den Anfang machte – übrigens, +mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war +schwer zu entscheiden. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an +der Tür stehen, sah aber weder seinen Herrn noch den +Gast an, sondern blickte auf die entgegengesetzte Seite. +</p> + +<p> +„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ +fragte er nachlässig, mit barscher Stimme. +</p> + +<p> +„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, +bringe zwei Portionen.“ +</p> + +<p> +Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast +an. Dieser errötete bis über die Ohren. Herr Goljädkin +war ein guter Mensch, und deshalb, aus Seelengüte, +stellte er folgende Theorie auf: +</p> + +<p> +„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist +er erst einen Tag. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben +viel gelitten, vielleicht ist das bißchen saubere Kleidung +alles was er besitzt und zum Essen reicht es nicht mehr. +Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist +einesteils sogar besser so ...“ +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr +Goljädkin, „übrigens, erlauben Sie, zu fragen, wie ich +Sie nennen soll?“ +</p> + +<p> +„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte +fast flüsternd der Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, +als schäme er sich, als bäte er um Entschuldigung, +daß auch <em>er</em> Jakoff Petrowitsch heiße. +</p> + +<p> +„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, +seine Erregung zu verbergen. +</p> + +<p> +„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter +<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> +von Ihnen,“ antwortete bescheiden der Gast und +wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch etwas +Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, +nahm eine ernste und unterwürfige Miene an, als er +bemerkte, daß sein Wirt nicht zu Scherzen aufgelegt +war. +</p> + +<p> +„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft +mir die Ehre? ...“ +</p> + +<p> +„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit +kenne,“ unterbrach ihn eilig, doch mit schüchterner +Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig vom Stuhl, +„wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft +und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte +seine Worte stockend zusammen und bemühte sich, nicht +allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl um +sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen +– aber auch, um allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung +beansprucht hätten, zu vermeiden. Überhaupt +konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn Goljädkin +wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem +Frack und guten Papieren in der Tasche benahm – +gleich einem, der noch nicht geübt war, die Hand so +auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl. +</p> + +<p> +„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr +Goljädkin, sich umsehend, betrachtete dann die Wände +und schließlich wieder den Gast. „Worin könnte ich +Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in +welcher Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich +sein?“ +</p> + +<p> +„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den +ersten Blick zu Ihnen hingezogen und: verzeihen Sie +<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> +mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich wagte zu +hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein +ganz hilfloser Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe +viel durchgemacht, Jakoff Petrowitsch, und will nun +wieder von neuem ... Da ich aber erfahren habe, daß +Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen, +sondern außerdem noch ein Namensvetter von +mir sind ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin runzelte die Stirn. +</p> + +<p> +„... Mein Namensvetter sind und aus derselben +Stadt wie ich gebürtig, so beschloß ich, mich an Sie zu +wenden und Ihnen meine schwierige Lage vorzustellen.“ +</p> + +<p> +„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was +ich Ihnen sagen soll,“ antwortete etwas betroffen Herr +Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir sehen ...“ +</p> + +<p> +Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. +Petruschka deckte den Tisch und trug auf. +Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das Essen +dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt +beeilte sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein +fand, daß das Essen schlecht sei – er fand es zum +Teil deshalb, weil er seinen Gast gut bewirten wollte, +und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen gedachte, +daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der +Gast wiederum befand sich in großer Verlegenheit und +Erregung. Nachdem er Brot genommen und ein Stück +Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die Hand nach +einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er +versicherte darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht +hungrig und daß das Essen sehr gut sei, und daß er +<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> +sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach +dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an +und reichte seinem Freunde und Gast eine andere. Beide +setzten sich einander gegenüber und der Gast begann +seine Erzählung. +</p> + +<p> +Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte +drei bis vier Stunden. Es war die Geschichte seiner +Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten und +kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich +um den Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, +um Staatsanwälte und Präsidenten, es +handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der +Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor +und dem plötzlichen Wechsel des Vorgesetzten und davon, +wie Herr Goljädkin der Jüngere unter alledem +ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von +seiner alten Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie +er durch die Intrigen seiner Feinde seine gute Stellung +verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er +hier in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch +vergeblich eine Stellung suchte, immer mehr und mehr +verarmte und zuletzt auf der Straße lebte, hartes Brot +aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts +auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter +Mensch sich seiner annahm, ihm eine Empfehlung gab +und in großmütiger Weise zu der neuen Stellung verhalf. +Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich +mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch +aussah, in einem fort die Tränen aus den Augen. +Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin alles offen mitgeteilt +und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts +<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> +zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, +und nicht einmal eine Uniform anschaffen könne. Auf +seine Stiefel dürfe er sich auch nicht mehr verlassen. +Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit geliehen. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. +Und obwohl die Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche +war, legten sich dessen Worte doch wie +himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war +nämlich die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung +seine letzten Zweifel, er gab seinem Herzen die +Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken +einen Dummkopf. +</p> + +<p> +Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so +beunruhigt, sich so aufgeregt! Zwar gab es da noch einen +peinlichen Umstand, aber auch der war nicht gar so +schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde +richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch +unschuldig war und die Natur selbst sich hier eingemischt +hatte! Außerdem bat ihn der Gast um seinen +Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien +so harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich +und nichtig vor ihm. Er machte sich vielleicht +im geheimen selbst Vorwürfe über die Ähnlichkeit seines +Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so +vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und +sah ganz so drein wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse +macht und sich vor dem anderen schuldig fühlt. +Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen +Punkt, so stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn +Goljädkins bei. Wenn irgendwie aus Versehen seine +<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> +Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich +und er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte +alsbald, daß er ganz derselben Meinung sei wie +sein Wirt, daß er ganz so denke wie dieser und alles mit +denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die +größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen +in ihm aufzugehen, und Herr Goljädkin wiederum +überzeugte sich davon, daß sein Gast in jeder Beziehung +ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen +Tee gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war +in sehr angenehmer Stimmung, heiter und angeregt, +und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes und bemerkenswertes +Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin +liebte es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes +zu erzählen. So auch jetzt: er erzählte seinem +Gast viel aus dem Petersburger Leben, von dessen +Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, +von den Klubs und den schönen Bildern, auch davon, +wie zwei Engländer aus England nach Petersburg gekommen +seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens +anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. +Auch vom Dienst erzählte er, von Olssuph Iwanowitsch +und Andrej Philippowitsch, und davon, daß +Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe +entgegengehe, daß „die Künste in ihm blühten“; von +einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“ gelesen, +und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche +Kraft hätten; und noch von vielem anderen. Kurz +Herr Goljädkin war vollkommen zufrieden. Erstens, +weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens +weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern +<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> +sie am liebsten gleich zum entscheidenden Zweikampf +herausgefordert hätte; drittens, weil er selbst als Gönner +auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk tat. +</p> + +<p> +Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß +er in diesem Augenblick doch noch nicht ganz glücklich +sein konnte, daß in ihm immer noch ein Würmchen +steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das +aber nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte. +</p> + +<p> +Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen +Abend bei Olssuph Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel +darum gegeben, wenn – dieses Gestern nicht gewesen +wäre. +</p> + +<p> +„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser +Held und gab sich das feste Versprechen, sich in Zukunft +immer gut aufzuführen und sich nicht mehr selbst +in solche Verlegenheiten zu bringen. +</p> + +<p> +Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen +war und sich fast glücklich fühlte, so stieg auch +in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu genießen. +Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch +bereiten. +</p> + +<p> +Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei +Gläschen. Der Gast wurde jetzt noch liebenswürdiger +als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur einen gefälligen +und offenen Charakter, sondern ging ganz auf +die Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich +über seine Freude und sah auf ihn, wie auf seinen einzigen +und aufrichtigen Wohltäter. +</p> + +<p> +Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat +Herrn Goljädkin, nicht zu sehen, was er schreiben werde, +und als er darauf geendet hatte, überreichte er dem +<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> +Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr +gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben +und, wie es schien, vom Gast selbst verfaßt. +Er lautete folgendermaßen: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wenn auch du mich je vergißt,</p> + <p class="verse">Ich vergeß dich nicht;</p> + <p class="verse">Wechselvoll ist alles Leben,</p> + <p class="verse">Drum vergiß mich nicht!</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin +seinen Gast und voll von Mitgefühl und Überschwang +weihte er ihn in seine verschiedenen großen +und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von +Andrej Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die +Rede war. +</p> + +<p> +„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns +schon gegenseitig verstehen,“ beteuerte unser Held seinem +Gast. „Wir werden miteinander, Jakoff Petrowitsch, +wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische +im Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau +sein und ihnen eine Intrige drehen ... und sie ordentlich +an der Nase herumführen. Sage aber niemandem +etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, +deinen Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen +müssen, du aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, +halte dich lieber fern von ihnen!“ +</p> + +<p> +Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn +Goljädkin und zerfloß in Tränen. +</p> + +<p> +„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit +schwacher, zitternder Stimme fort, „du, Jascha, bleibe +jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir werden +uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? +<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> +Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, +daß zwischen uns ein so sonderbares Verhältnis besteht: +zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur hat’s +so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so +ist es, Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, +sage ich dir. Aber zusammen, Jascha, da wollen +wir ihnen einen Streich spielen.“ +</p> + +<p> +So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch +und bei der Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin +sich von zwei Empfindungen beherrscht fühlte: die +eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei, und die +andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen +konnte. +</p> + +<p> +Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu +übernachten. Das Bett wurde irgendwie aus zwei +Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der Jüngere +erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei +auch auf dem härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde +sich jetzt wie im Paradiese, zumal er in seinem +Leben schon viel Ungemach und Kummer ertragen habe +und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in +Zukunft alles bevorstehe! ... +</p> + +<p> +Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen +und fing an, ihm darzulegen, wie man in Zukunft +seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der Gast war +natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch +damit, daß es nichts Höheres und Größeres gebe als +Gott. Darauf bemerkte Goljädkin der Ältere, daß die +Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten, +mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. +Im übrigen verteidigte er den türkischen Propheten +<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> +Mohammed gegen die Verleumdungen mancher Gelehrten +und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei +welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier +zu sprechen kam, eine Figur aus einem Witzblatt. +Wirt und Gast lachten anhaltend über die Gutmütigkeit +dieses Türken und konnten sich andererseits nicht +genug über den vom Opium erzeugten Fanatismus der +Türken wundern. +</p> + +<p> +Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und +Herr Goljädkin begab sich hinter den Verschlag, zum +Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen vom +Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu +setzen, im Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen +Hemdes sein sollte – zum Teil auch, um mit Petruschka +zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm +womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen. +</p> + +<p> +Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer +noch beunruhigte. +</p> + +<p> +„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin +milde, als er in den Verschlag seines Dieners +eintrat, „du lege dich jetzt schlafen, morgen aber um +acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden, +Petruschka?“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde +zu ihm, aber Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem +Bett zu schaffen und wandte sich nicht einmal +nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte. +</p> + +<p> +„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin +fort. „Du legst dich jetzt zu Bett und morgen, Petruschka, +wirst du mich um acht Uhr wecken; hast du +mich verstanden?“ +</p> + +<p> +<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> +„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka. +</p> + +<p> +„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit +du ruhig und zufrieden bist. Denn, sieh, wir sind jetzt +alle miteinander glücklich und ich wünsche, daß du es +auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute Nacht, +schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen +arbeiten. Du, Freund, denke nicht etwa, daß +ich ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht +zu weit gegangen?“ dachte er. „So ist es immer, ich +gehe immer zu weit.“ +</p> + +<p> +Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden +mit sich selbst. Die Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas +hatten ihn beleidigt. „Dieser Schelm, sein +Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das +nicht einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist +das bei dieser Sorte immer so!“ +</p> + +<p> +Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, +und da er sah, daß der Gast sich bereits hingelegt +hatte, setzte er sich auf einen Augenblick zu ihm +aufs Bett. +</p> + +<p> +„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd +mit wackelndem Kopf: „Du bist doch ein Taugenichts! +Du bist ein Namensdieb, weißt du das auch? ... Das +bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort, +sich mit seinem Gast zu unterhalten. +</p> + +<p> +Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich +von ihm, um selbst auch schlafen zu gehen. Der Gast +hatte mittlerweile bereits zu schnarchen begonnen. Herr +Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und murmelte +vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein +<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> +Täubchen, Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, +ein Hungerleider – dein Name sagt es schon!! Worüber +hast du dich denn so zu freuen? Morgen wirst du +dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“ +</p> + +<p> +Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, +ähnlich wie Zweifel und Bedauern. „Bist zu weit +gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der Kopf und +ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, +du Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, +und dabei willst du noch feine Intrigen spinnen, du +Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist eine Tugend, +doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da +liegt er nun!“ +</p> + +<p> +Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in +die Hand und ging auf den Fußspitzen noch einmal an +das Bett, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. +Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: +„Ein unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! +Ein leibhaftiges Pasquill! Oh, die Sache hat einen +Haken!“ +</p> + +<p> +Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. +In seinem Kopf rumorte es. Seine Sinne schwanden +ihm, er bemühte sich, noch an etwas sehr Interessantes +zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, +über eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil +zu gelangen – aber er konnte nicht mehr. Der +Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest +ein, wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht +gewohnt sind und plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer +Gesellschaft getrunken haben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-8"> +<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> +VIII. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen +Tage um acht Uhr. Sofort erinnerte er sich aller +Begebenheiten des vergangenen Abends – erinnerte +sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich +aber gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte +er, erhob sich ein wenig und sah zu dem Bette seines +Gastes hinüber. Doch wie groß war sein Erstaunen, +als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! +„Was hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin +beinahe laut aufgeschrien. „Was soll denn das +heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ +</p> + +<p> +Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, +mit offenem Munde auf die leere Stelle starrte, +öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit dem Teebrett +ins Zimmer. +</p> + +<p> +„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit +kaum hörbarer Stimme hervor und wies mit dem Finger +auf die leere Stelle. +</p> + +<p> +Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah +nicht einmal seinen Herrn an, sondern wandte seine +Augen nur stumm in die rechte Ecke des Zimmers, so +daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in +die Ecke zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte +<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> +Petruschka mit rauher und grober Stimme: „Der +Herr ist nicht zu Haus.“ +</p> + +<p> +„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ +sagte Herr Goljädkin ratlos und starrte seinen +Diener mit großen Augen an. +</p> + +<p> +Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin +in einer Weise an, daß dieser bis über die Ohren +errötete. In seinem Blick lag ein so beleidigender Vorwurf, +der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin +ließ die Hände sinken und sagte kein Wort. +</p> + +<p> +Endlich bemerkte Petruschka, der <em>andere</em> sei vor +anderthalb Stunden bereits ausgegangen und habe +nicht mehr warten wollen. Die Auskunft klang sehr +wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn +Petruschka nicht, denn was seinen beleidigenden Blick +und die Bezeichnung <em>der andere</em> anbetraf, so waren +diese wohl durch einen unangenehmen Umstand +veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, +wenn auch nur dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung +war, und daß das Schicksal ihm etwas vorzubehalten +schien, das nicht angenehm war. +</p> + +<p> +„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir +werden sehen und werden daran glauben müssen ... +Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er plötzlich mit +ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn +aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich +habe selbst den Kopf in die Schlinge gelegt, und habe +mir dazu noch die Schlinge mit eigenen Händen gedreht. +Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du +konntest auch nichts anderes tun, als dich verplappern +<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> +wie ein kleiner Junge, wie irgend so ein Kanzlist, wie +ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen, ein verfaulter +Lumpen, du Schwätzer, du! ... +</p> + +<p> +Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm +gemacht, von seiner Liebe zu mir gesprochen! Wie ist +das nur alles möglich gewesen ... Wie kann ich diesem +Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, +wenn er zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja +verschiedene Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen +Gehalt ... oder, man kann ihm auch Furcht +einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und +jenes sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er +solle die Hälfte für Wohnung und Kost bezahlen und +das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum Teufel, nein, +das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, +wäre es nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, +so daß der es ihm einsalzte, ihn vernachlässigte +und angrobte? um ihn auf diese Art los zu werden?! +Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum +Teufel auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann +auch, von dem Standpunkte aus betrachtet ... nun, +durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht schön! +Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch +das wäre nicht angenehm. Habe mich doch gestern +abend so verplappert! ... Das ist schlimm, wirklich +schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich +Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du +dich zu benehmen hast, kannst du dich nicht endlich beherrschen! +Nun, wenn er jetzt kommt und absagt? +Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn +er nur käme ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> +So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen +Tee und sah nach der Wanduhr. +</p> + +<p> +„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist +Zeit, zu gehen. Aber was wird nun werden! Was wird +geschehen? Ich würde gar zu gern wissen, was wohl +eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke +und Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, +was eigentlich alle diese Leute denken und welche +Schritte sie tun wollen ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht +mehr beherrschen, er warf die Pfeife fort, zog sich an +und begab sich in das Departement – mit dem Wunsche, +wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und +sich persönlich zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab +es: das wußte er genau, eine Gefahr gab es!!! +</p> + +<p> +„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ +beschloß Herr Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen +und Mantel ablegte. „Wir werden diesen Dingen +sofort auf den Grund kommen, sofort!“ +</p> + +<p> +Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser +Held eine würdige Miene an und war eben im Begriff, +in das nächstliegende Zimmer einzutreten, als +er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und +Busenfreund stieß. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn +Goljädkin den Älteren gar nicht zu bemerken, obgleich +sie fast mit den Nasen aufeinander rannten. Herr Goljädkin +der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu +sein, er hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr +geschäftige und offizielle Miene an, so daß ihm jeder +<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> +am Gesicht ablesen konnte: „scht, ich bin kommandiert +zu ganz besonderen Aufträgen ...“ +</p> + +<p> +„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser +Held und griff nach der Hand seines gestrigen Gastes. +</p> + +<p> +„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ +rief Herr Goljädkin der Jüngere, und wollte davoneilen. +</p> + +<p> +„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch +...“ +</p> + +<p> +„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei +blieb der gestrige Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend +vor diesem stehen und neigte sein Ohr zur Nase +des anderen. +</p> + +<p> +„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, +daß ich sehr erstaunt bin – über den Empfang ... +einen Empfang, den ich durchaus nicht erwartet habe.“ +</p> + +<p> +„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär +Seiner Exzellenz, und darauf begeben Sie sich, wie es +sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie haben wohl eine +Bittschrift? ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie +setzen mich einfach in Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! +Wahrscheinlich haben Sie mich nicht wiedererkannt +oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen +Heiterkeit Ihres Charakters.“ +</p> + +<p> +„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der +Jüngere, als hätte er erst jetzt Herrn Goljädkin den +Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie haben +Sie geruht?“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein +wenig offiziell, und zwar durchaus nicht, wie es sich +<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> +gehörte (denn auf jeden Fall hätte er Herrn Goljädkin +dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er +aber lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte +dabei hinzu, daß er seinerseits sehr froh darüber sei, +daß Herr Goljädkin so gut geruht habe. Dann verneigte +er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach +rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte +sich nach der Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er +einen „ganz besonderen Auftrag“ habe, und schlüpfte +ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er schon +verschwunden. +</p> + +<p> +„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte +unser Held, einen Augenblick starr vor Verwunderung, +„da haben wir’s! Also so stehen die Sachen! +...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln +über den Körper lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem +Selbstgespräch fort, „übrigens habe ich das längst +gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er +in einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte +ich’s noch, daß dieser Mensch in einem besonderen Auftrage +...“ +</p> + +<p> +„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, +Jakoff Petrowitsch?“ fragte ihn Anton Antonowitsch +Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich neben ihn setzte, +„haben Sie sie hier?“ +</p> + +<p> +„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher +ganz verloren anschaute. +</p> + +<p> +„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch +bereits zweimal nach ihnen verlangte, und weil +es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden Augenblick +einfordern werden ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> +„Sie sind fertig ...“ +</p> + +<p> +„Nun, gut, gut.“ +</p> + +<p> +„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine +Schuldigkeit getan, so wie es sich gehört, und, erfreut +über die mir anvertrauten Arbeiten, wie ich zu +sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“ +</p> + +<p> +„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit +sagen?“ +</p> + +<p> +„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur +erklären, Anton Antonowitsch, daß ich ... das heißt, +ich wollte sagen, daß mitunter Neid und Bosheit niemanden +verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche +Beute suchen ...“ +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. +Das heißt, auf wen wollen Sie anspielen?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, +daß ich meinen Weg gerade gehe und einen +krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant bin, +und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, +gerechterweise stolz sein kann ...“ +</p> + +<p> +„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie +ich darüber denke, Ihrer Meinung vollständig zustimmen: +doch erlauben Sie mir, Jakoff Petrowitsch, zu +bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft +nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – +wenn Sie das zu tun wünschen, nun, so ist es Ihr +freier Wille. Ich aber, mein Herr, lasse mir keine Unverschämtheiten +ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin +im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir +auf meine alten Tage auch keine Frechheiten ... –“ +</p> + +<p> +<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> +„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, +Anton Antonowitsch, Sie scheinen, Anton Antonowitsch, +mich nicht ganz verstanden zu haben. Erbarmen +Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur +auf Ehre versichern, daß ...“ +</p> + +<p> +„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen +bitten. Ich bin nach alter Art erzogen, und es ist +für mich zu spät, nach Ihrer Art umzulernen. Für den +Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es +scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein +Herr, besitze ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige +untadelhafte Dienstzeit ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das +meinerseits vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, +ich habe von der Maske gesprochen, Anton Antonowitsch +...“ +</p> + +<p> +„Von der Maske?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, +Anton Antonowitsch, daß Sie auch hier meine Gedanken +anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie +Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja +nur meine Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, +daß es jetzt selten Leute ohne Maske gibt, und +daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu +erkennen ...“ +</p> + +<p> +„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so +schwer. Manchmal ist es sogar sehr leicht und man +braucht nicht weit zu suchen.“ +</p> + +<p> +„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte +ja nur für meine Person, daß ich mich nie einer +Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn es die +<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> +Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer +Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen +Leben, im übertragenen Sinne gesprochen, niemals +maskieren würde. Das ist es, was ich sagen wollte, +Anton Antonowitsch.“ +</p> + +<p> +„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden +jetzt keine Zeit dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, +der von seinem Stuhle aufstand und einige Papiere +zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. +„Ihre Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung +von selbst aufklären. Sie werden selbst sehen, +wen Sie anzuklagen und wen Sie zu beschuldigen haben, +mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den +Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen +...“ +</p> + +<p> +„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr +Goljädkin, ein wenig erbleichend, dem sich entfernenden +Anton Antonowitsch noch nach, „ich, Anton Antonowitsch, +habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht +...“ +</p> + +<p> +„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte +Herr Goljädkin zu sich selbst, als er allein geblieben +war. „Woher weht denn dieser Wind, und was soll +denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“ +</p> + +<p> +In demselben Augenblick, als unser verdutzter und +halbtoter Held sich vorbereitete, diese neue Frage zu +beantworten, hörte man im Nebenzimmer ein Geräusch +und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. +Die Tür wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, +der soeben in Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner +Exzellenz gewesen war, erschien aufgeregt in der +<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> +Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, +der wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej +Philippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang +von seinem Platz und bereitete sich vor, so wie es sich +gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu +überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch +und ins Kabinett seiner Exzellenz zu tragen. +Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej Philippowitsch vorüber, +Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und +stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger +und sehr geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin +den Älteren, der alles eher erwartete, als +einen solchen Überfall ... +</p> + +<p> +„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... +Seine Exzellenz geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig +sind?“ flüsterte eilig und kaum hörbar der Freund +Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch +erwartet Sie ...“ +</p> + +<p> +„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete +ihm Herr Goljädkin der Ältere gleichfalls eilig +und flüsternd. +</p> + +<p> +„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff +Petrowitsch, ich bin ganz anders, Jakoff Petrowitsch, +und nehme herzlich Anteil ...“ +</p> + +<p> +„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. +Erlauben Sie, erlauben Sie, bitte ...“ +</p> + +<p> +„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, +Jakoff Petrowitsch, und in die dritte Seite +legen Sie ein Zeichen, Jakoff Petrowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> +„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! +Haben Sie den Tintenfleck bemerkt? ...“ +</p> + +<p> +Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal +nach Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen +Augenblick, hier, gleich ... werter Herr, verstehen Sie +kein Russisch?“ +</p> + +<p> +„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, +Jakoff Petrowitsch, überlassen Sie es lieber +mir: rühren Sie selbst lieber gar nicht daran, Jakoff +Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich werde +mit dem Federmesser ...“ +</p> + +<p> +Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach +Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? +Ich sehe hier überhaupt nichts ...“ +</p> + +<p> +„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen +Sie, hier! Erlauben Sie, ich habe ihn soeben gesehen, +hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir nur erlauben +wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus +Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, +mit dem Messer und aus aufrichtigem Herzen ... sehen +Sie, so, so muß man’s tun ...“ +</p> + +<p> +Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr +Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren +in einem sekundenlangen Kampfe, der sich zwischen ihnen +entspann: und entschieden ganz gegen den Willen +des letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte +Papier, und statt aus aufrichtigem Herzen den Tintenfleck +mit dem Messerchen zu entfernen, wie er treulos +Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß +<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> +er plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie +unter den Arm, war in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, +der von alledem nichts bemerkt hatte, und +flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr Goljädkin +der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, +in den Händen das Federmesser, als ob er soeben etwas +radieren wollte ... +</p> + +<p> +Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. +Er konnte noch nicht zu sich kommen. Er fühlte +wohl den Schlag, konnte sich aber über seine Folgen +nicht klar werden. In schrecklicher und ganz unbeschreiblicher +Verzweiflung riß er sich endlich von der +Stelle los und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett +seines Chefs, indem er unterwegs den Himmel +anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden ... +Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs +stieß er mit Andrej Philippowitsch und seinem Namensvetter +fast mit der Nase zusammen. Beide kehrten +schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej +Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter +Herrn Goljädkins des Älteren lächelte +gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller Entfernung neben +ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej Philippowitsch +etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch +wohlwollend seinen Kopf hin und her wiegte. +</p> + +<p> +Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache +war, daß seine Arbeit, wie er nachher erfuhr, die +Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen hatte +und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. +Seine Exzellenz waren äußerst zufrieden damit, und +man sagte sogar, er habe sich bei Herrn Goljädkin dem +<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> +Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei Gelegenheit +nicht vergessen ... – +</p> + +<p> +Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun +mußte, war – protestieren, aus allen Kräften protestieren, +bis zum äußersten protestieren. Ohne sich zu +besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej +Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch +vernommen hatte, daß die Angelegenheit eine Privatsache +des Herrn Goljädkin sei, weigerte er sich, ihm +Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, +er habe kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen +Augenblick Zeit übrig. +</p> + +<p> +Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit +der Abweisung wirkten auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. +„Besser, ich versuche es von einer anderen +Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ +Zum Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch +Anton Antonowitsch nicht zu sprechen: auch er war irgendwie +beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er mich, +ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ +dachte unser Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes +übrig, als Seine Exzellenz selbst anzurufen.“ +</p> + +<p> +Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm +der Kopf rund ging, wußte Herr Goljädkin nicht, wozu +er sich entschließen sollte, und setzte sich an seinen Tisch. +</p> + +<p> +„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ +dachte er ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat +dürfte eine so verwickelte, dunkle Geschichte gar nicht +möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn, und zweitens +ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich +hat mir alles nur so geschienen, oder es geschah in +<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> +Wirklichkeit etwas ganz anderes. Wahrscheinlich war +ich es selbst, der hinging ... und habe mich für den +anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz +unmögliche Geschichte.“ +</p> + +<p> +Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, +als Herr Goljädkin der Jüngere, beladen mit +Papieren, die er in beiden Händen und unter dem +Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte +er Andrej Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, +unterhielt sich mit noch jemandem, sagte sogar +einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr Goljädkin +der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden +hatte, wollte er aller Wahrscheinlichkeit nach das +Zimmer sofort wieder verlassen, als er zum Glück +Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein +paar jungen Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen +auch mit ihnen zu sprechen begann. Herr Goljädkin +der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als +Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn +Goljädkin des Älteren bemerkte, blickte er mit großer +Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am schnellsten +verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen +Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten +drängten sich um die beiden Titularräte und warteten +gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere begriff +sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, +daß sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr +mußte er sich selbst beherrschen ... Der Augenblick war +entscheidend. +</p> + +<p> +„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn +Goljädkin den Älteren, ihn dreist anschauend. +</p> + +<p> +<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> +Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. +„Ich weiß nicht, mein Herr,“ begann er, „wie ich Ihr +sonderbares Betragen zu mir erklären soll.“ +</p> + +<p> +„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin +der Jüngere sah dabei im Kreise um sich und zwinkerte +den anderen Beamten zu, als gäbe er ihnen das +Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne. +</p> + +<p> +„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein +verehrter Herr, spricht im vorliegenden Falle noch +mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun könnten. +Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht +schlecht ...“ +</p> + +<p> +„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir +mal, wie Sie geschlafen haben?“ antwortete Herr Goljädkin +der Jüngere und sah Herrn Goljädkin dem Älteren +gerade in die Augen. +</p> + +<p> +„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ +sagte der Ältere vollständig fassungslos und fühlte dabei +kaum mehr den Boden unter den Füßen. „Ich +hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“ +</p> + +<p> +„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der +Jüngere, schnitt Herrn Goljädkin dem Älteren eine +ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff ihn plötzlich +ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine +ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie +ein Feuerbrand. +</p> + +<p> +Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin +bemerkt, daß sein Gegner an allen Gliedern zitterte, +dabei stumm vor Verwunderung und rot wie ein +Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich +zu einem Überfall auf ihn entschließen wollte – als +<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> +er ihm auf die allerunverschämteste Weise zuvorkam. +Er klopfte Herrn Goljädkin noch zweimal auf die +Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm sein +Spiel, während der andere immer noch unbeweglich +und sprachlos vor Erstaunen dastand, zum nicht geringen +Ergötzen der um sie herumstehenden Beamtenschaft. +Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen +Seele ging noch weiter, er klopfte schließlich +Herrn Goljädkin den Älteren auf den vollen Magen +und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln: +</p> + +<p> +„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine +dummen Streiche, Jakoff Petrowitsch! Wir wollten ja +zusammen Intrigen spinnen, Jakoff Petrowitsch, Intrigen.“ +</p> + +<p> +Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke +zu sich kommen konnte, lächelte Herr Goljädkin der +Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu, setzte +eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu +Boden, kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte +etwas über „einen besonderen Auftrag“, trippelte mit +seinen kurzen Füßen davon und verschwand im Nebenzimmer. +Unser Held traute seinen Augen nicht und +konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen +... +</p> + +<p> +Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm +klar, daß er beleidigt war, in gewissem Sinne verloren +– daß sein Ruf beschmutzt und befleckt, er selbst +in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden +war, beschimpft von demjenigen, von dem er gestern +noch gehofft hatte, daß er sein einziger, bester Freund +werden würde, und er erkannte, daß er sich vor der +<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> +ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht +zum Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht +lange, sondern – stürzte seinem Feinde nach, ohne +auch nur an die Zeugen seiner Erniedrigung zu denken. +</p> + +<p> +„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ +dachte er bei sich, „einer steht für den anderen und +einer hetzt den anderen gegen mich auf.“ Doch kaum +hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als +er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb +kehrte er um. +</p> + +<p> +„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du +kommst mir noch in die Falle und wirst als Wolf +Lämmertränen weinen!“ Mit wütender Kaltblütigkeit +und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu +seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder. +</p> + +<p> +„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er +noch einmal. +</p> + +<p> +Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine +passive Verteidigung, seine Haltung sah nach Entschlossenheit +aus, und wer Herrn Goljädkin in diesem +Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung +mächtig seine Feder ins Tintenfaß steckte, und +mit welcher Wut er seine Zeilen aufs Papier warf, der +mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache nicht +so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele +faßte er einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens +schwor er sich, ihn auch auszuführen. Dabei wußte +er aber noch gar nicht so recht, wie er hier vorgehen +sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch +nichts Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, +das war ja gleichgültig! +</p> + +<p> +<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> +„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter +Herr, richten Sie in unserer Zeit nichts aus. Anmaßung +und Unverschämtheit, mein verehrter Herr, führen +nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka +Otrepieff<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> allein, mein Herr, erdreistete sich, das +blinde Volk durch Anmaßung und Unverschämtheit zu +betrügen, und auch das gelang ihm nur auf sehr, sehr +kurze Zeit.“ +</p> + +<p> +Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr +Goljädkin, zu warten, bis die Maske von manchen Gesichtern +fallen und alles aufgedeckt werden würde. +Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. +Bis dahin wollte unser Held nichts unternehmen. +Dann aber würde er zu Maßregeln greifen – dann +würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er +wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den +„Hochmut zu fällen“ und die „kriechende Schlange +ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte es doch +nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, +mit dem man schmutzige Stiefel reinigt! Das +konnte er sich doch unmöglich gefallen lassen, besonders +in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden nicht dieser +letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er +sich doch noch entschließen können, sich zu überwinden +und zu schweigen, oder wenigstens nicht so erbittert zu +handeln. Er hätte sich dann vielleicht nur ein wenig +herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem +Recht sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur +ein wenig, nachgegeben, und dann noch ein wenig +nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen +<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> +ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner +feierlich zugestanden hätten, daß er in seinem Recht +sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher ausgesöhnt haben +und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre +daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, +starke Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, +als die gestrige, eine, durch die diese gestrige +ganz verdunkelt worden wäre. So würde denn zuletzt +die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, +und die beiden Titularräte konnten froh und glücklich +miteinander leben – hundert Jahre lang! +</p> + +<p> +Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin +fing bereits an, ein wenig zu bereuen, daß er +für sich und sein Recht zu weit gegangen sei und sich +dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er +nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, +daß alles das nur Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte +ihm verziehen, ganz und gar verziehen, zumal, wenn er +es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen +lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht +von solchen Leuten. Oh, und daß gerade ein so verworfener +Mensch den Versuch mit mir macht! Ich bin kein +Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, +unser Held war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein +Herr sind an allem schuld!“ Er beschloß also – zu protestieren, +mit allen Kräften und bis zur letzten Möglichkeit +– zu protestieren. +</p> + +<p> +Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, +sich beleidigen und noch viel weniger, sich „als +Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem so verkommenen +Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, +<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> +nein, nicht streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt +hätte, Herrn Goljädkin „in einen Lappen“ zu verwandeln, +wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz +ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich +selbst manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht +Herr Goljädkin gewesen, sondern eben ... irgendein +Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen, +sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, +allerdings ganz unverantwortlichen Gefühlen, +Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten des Lappens +steckten! +</p> + +<p> +Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. +Endlich schlug es vier. Bald darauf erhoben sich +alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause zu +gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: +es entging ihm aber nichts, er verlor denjenigen, +den er suchte, nicht aus den Augen. Zuletzt sah +unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern +lief, die die Mäntel ausgaben. In der +Erwartung des Mantels schwänzelte er nach seiner +gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick +war entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich +irgendwie durch die Menge, da er nicht zurückbleiben +wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel. Doch, +natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, +weil es ihm auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel +um und blickte dabei Herrn Goljädkin dem Älteren +ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn auf diese +Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit +<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> +gemäß, rings um, bändelte mit allen Beamten an, +wahrscheinlich, um auf sie einen guten Eindruck zu +machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem andern +etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte +einem vierten zu, reichte dem fünften die Hand +und schlüpfte vergnügt die Treppe hinab. Herr Goljädkin +der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner unbeschreiblichen +Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten +Stufe und packte ihn am Kragen seines Mantels. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht +zu sein und blickte mit verstörtem Gesicht um sich. +</p> + +<p> +„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich +mit leiser Stimme Herrn Goljädkin zu. +</p> + +<p> +„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch +sind, so werden Sie sich unserer freundschaftlichen Beziehungen +von gestern erinnern,“ sagte unser Held. +</p> + +<p> +„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“ +</p> + +<p> +Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin +die Sprache. +</p> + +<p> +„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... +Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel +sehr schlecht steht ...“ +</p> + +<p> +„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete +hastig jener, der sich auch Herr Goljädkin +nannte, und befreite sich bei diesen Worten ganz unerwartet +aus den schwachen Händen des wirklichen +Herrn Goljädkin. Befreit stürzte er die Treppe hinunter, +sah sich um und erblickte eine Droschke – er +lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick +den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. +<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> +Unser verzweifelter und von allen verlassener +Titularrat blickte sich zwar auch um, fand aber +keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine +Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und +offenem Munde stützte er sich kraftlos und gebrochen +an eine Straßenlaterne und stand so einige Augenblicke +auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie +vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-9"> +<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> +IX. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, +hatte sich gegen Herrn Goljädkin verschworen: doch +war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja er fühlte +es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu +kämpfen. Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher +Energie die Hände, als er nach der ersten +Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen +Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, +daß er nicht nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr +lag auf der Hand, war offensichtlich; Herr Goljädkin +fühlte das auch; doch wie sollte er ihr entgegentreten, +sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick +tauchte sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins +auf, „wie wenn er einfach alles so ließe, auf alles verzichtete? +Was wäre denn dabei? Nun, einfach nichts! +Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte +Herr Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es +geht; ich bin einfach nicht ich, und das ist alles. Er +ist auch für sich, mag er auch verzichten, er schwänzelt +herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! +Ja, das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. +Und wo ist die Gefahr? Nun, was für eine Gefahr +denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin +<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> +denn die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine +ganz einfache Sache! ...“ +</p> + +<p> +Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben +ihm auf der Zunge; er machte sich sogar Vorwürfe +über diese Gedanken, er schalt sich feig und niedrig; +indessen, die Sache rührte sich nicht von der +Stelle. +</p> + +<p> +Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit +sei, sich für etwas zu entschließen; ja, er +hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand gesagt, +wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das +aber wissen! +</p> + +<p> +Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! +Auf jeden Fall und um keine Zeit zu verlieren nahm er +sich eine Droschke und fuhr so schnell wie möglich nach +Haus. +</p> + +<p> +„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei +sich, „wie erlauben Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? +Was tust du jetzt? Was tust du jetzt, du +Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum +letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“ +</p> + +<p> +So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in +eine alte klapprige Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten +und seine Wunde aufzureißen, bereitete nämlich +Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen, +fast eine Genugtuung. +</p> + +<p> +„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer +käme, oder wenn man mir offiziell erklärte: +gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand – +und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin +<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> +geben und du wirst wieder glücklich sein, nur deinen +Finger wirst du nicht mehr haben – so würde ich den +Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch +nur eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ +schrie endlich der Titularrat außer sich, „nun, +wozu das alles? wozu ist das alles nötig gewesen, +warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem +anderen! Und alles war so gut zu Anfang, alle +waren zufrieden und glücklich: wozu war denn gerade +das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts +erreicht, hier muß gehandelt werden.“ +</p> + +<p> +Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem +Entschluß gekommen, als er in seine Wohnung trat. +Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr aus allen +Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken +aus, wobei er in außerordentlicher Erregung +im Zimmer auf und ab lief. +</p> + +<p> +Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. +Endlich hatte Herr Goljädkin seinen Entschluß +gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin, nahm +den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen +und lief hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka +keuchend ein und übergab ihm den vergessenen Hut. +Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch irgendwie, +so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, +damit Petruschka sich nur nicht wegen dieses +sonderbaren Umstandes, daß er den Hut vergessen, seine +Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht einmal +ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin +ohne weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief +die Treppe hinunter und redete sich Mut ein: daß sich alles +<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> +vielleicht noch zum besten kehren werde und die +Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost +packte ihn. Er trat auf die Straße hinaus, nahm eine +Droschke und fuhr zu Andrej Philippowitsch. +</p> + +<p> +„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte +Herr Goljädkin, als er die Klingel zur Wohnung Andrej +Philippowitschs zog – „ja, und was hätte ich +ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. +Die Sache ist ja so erbärmlich, so miserabel, +einfach zum Ausspeien! ... Was doch nicht alles die +Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich +an der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen +hörte man Schritte nahen ... Jetzt verwünschte sich +Herr Goljädkin selbst wegen seiner Übereiltheit und +Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten Unannehmlichkeiten, +die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, +und der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – +alles fiel ihm mit einem Male wieder ein. Doch zum +Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür wurde +geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete +man ihm, Andrej Philippowitsch sei von der +Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt und werde auch +außer dem Hause speisen. +</p> + +<p> +„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke +speist er,“ dachte bei sich unser Held und war außer +sich vor Freude. Auf die Anfrage des Dieners, wen er +melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein +Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, +mein Freund, – und er eilte darauf mit einer gewissen +Freudigkeit und Behendigkeit die Treppe hinab. +Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen +<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> +und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn +noch um ein Trinkgeld anging: „habe gewartet, Herr, +lange gewartet, und meinen Gaul vorhin nicht geschont +...“ da gab er ihm, und sogar mit großem +Vergnügen, fünf Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß +weiter. +</p> + +<p> +„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, +„daß sie in Wirklichkeit so nicht bleiben kann; +wenn man’s sich aber überlegt, und vernünftig überlegt +– was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man +muß sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu +sich hier herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen +und nicht mehr rückgängig zu machen! Überlegen +wir uns einmal: es erscheint ein Mensch – +ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, +das heißt, ein fähiger Beamter mit gutem Betragen, +nur daß er arm ist und Unannehmlichkeiten erlebt hat +... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß also abtreten. +Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat +sich so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein +Mensch dem andern, wie ein Wassertropfen dem andern +ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie des anderen +ist: sollte man ihn deshalb etwa <em>nicht</em> anstellen, +wenn das Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein +daran schuld ist? Soll man ihn deshalb wie einen +Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst zulassen? +Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein +armer, verlorener und geängstigter Mensch: da muß +einem ja das Herz wehtun und das Mitleid einen packen! +Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn +sie so gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! +<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> +Nein, nein, und sie hat gut getan, daß sie den armen +Menschen versorgte ...“ +</p> + +<p> +„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen +wir an, zum Beispiel, wir seien Zwillinge, von der +Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja, und – das +wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und +was wäre denn dabei? Einfach, nichts! Man könnte +es ja allen Beamten mitteilen ... und, wenn ein +Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch +sicher nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in +diesem Umstand sehen. Es liegt darin sogar etwas +Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei Zwillinge +geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot +Gottes achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ +und Herr Goljädkin hielt den Atem an und senkte ein +wenig seine Stimme, „freilich, freilich wäre es besser, +wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber +überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge +das alles holen! Wozu war das alles nötig? Warum +konnte es wenigstens nicht aufgeschoben werden? +Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes +eingebrockt! Er hat einmal schon so einen Charakter, +schlechte, verlogene Manieren, – so ein Schuft, +so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so +ein Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht +aufführen und meinen Namen schänden, der Taugenichts, +jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn aufzupassen. +Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe +ich das nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft +... mag er es sein, der andere ist dafür ein – Ehrenmann. +Er ist also der Schuft, ich aber bin der Anständige! +<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> +Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin +ist ein Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn +nicht mit dem anderen; der andere aber ist ehrlich und +tugendhaft, bescheiden und nicht boshaft, sehr gut im +Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s! +Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... +so verwechselt! +</p> + +<p> +Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das +ist! ...“ +</p> + +<p> +Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin +und her überlegend, lief Herr Goljädkin immer weiter, +ohne auf den Weg zu achten, und ohne eigentlich zu +wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er +zu sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem +Vorübergehenden so zusammenstieß, daß vor seinen Augen +Funken sprühten. Herr Goljädkin wagte kaum +den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung. +Erst als der andere schon in einer bedeutenden +Entfernung von ihm war, wagte er endlich seine Nase +zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er sich +eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade +vor dem Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt +hatte, bevor er sich zur Galatafel bei Olssuph +Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held plötzlich ein +mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte +sich, daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm +auch kein ähnliches Diner bevorstand, wie damals, und +so lief er denn eilig die Treppe zum Restaurant hinauf, +um so schnell wie möglich und unbemerkt eine Kleinigkeit +zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig +teuer war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn +<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> +Goljädkin nicht im geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten +abzugeben, hatte Herr Goljädkin jetzt keine Zeit. +Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag eine +große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack +eines verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett +war daher ständig von einer Menge wartender Menschen +belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem Eingießen, +Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. +Auch Herr Goljädkin mußte seine Zeit abwarten +und streckte endlich seine Hand bescheiden nach einem +Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er damit +in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu +und aß mit Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, +legte das Tellerchen auf den Tisch und da er den +Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben, +machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: +„hier liegt das Geld für eine Pastete usw.“ +</p> + +<p> +„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ +sagte der Kellner. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie +meinen Sie das? – Ich ... ich ... habe, glaube ich, +nur eine Pastete genommen ...“ +</p> + +<p> +„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten +Bestimmtheit der Kellner. +</p> + +<p> +„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... +Ich habe, glaube ich, wirklich nur eine Pastete genommen.“ +</p> + +<p> +„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. +Was Sie genommen haben, müssen Sie auch bezahlen +– bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien +<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> +gehen mit mir jetzt wieder vor?“ dachte er. Der +Kellner wartete gespannt auf Herrn Goljädkins Entschluß. +Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit +aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich +in die Tasche, um den Silberrubel sofort zu bezahlen +und von der Schuld loszukommen. +</p> + +<p> +„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde +rot wie ein Krebs, „was ist denn auch dabei, wenn +man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war eben +hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß +sie zu seiner Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, +dabei ist doch nichts Lächerliches ...“ +</p> + +<p> +Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen +Ruck, er blickte auf und begriff sofort – das ganze +Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür zum Nebenzimmer, +hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht +zu Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben +Tür, die unser Held vorhin als Spiegelglas angesehen, +stand ein Mensch, stand er, stand Herr Goljädkin +selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer +Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, +der neue Herr Goljädkin. Dieser andere Herr Goljädkin +befand sich offenbar in der allerbesten Laune. Er +lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit +dem Kopf, zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig +hin und her und sah ganz so aus, als ob er, wenn +man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer +verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen +würde ... – jede Verfolgung wäre vergebens gewesen! +In seinen Händen befand sich noch das letzte +Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen +<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> +des Herrn Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in +seinen Mund steckte. +</p> + +<p> +„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ +dachte Herr Goljädkin und fühlte, wie er sich schämte. +„Er hat es gewagt mich öffentlich bloßzustellen! Sieht +ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich niemand +zu bemerken ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, +als hätte er sich an ihm alle Finger verbrannt, und +schien das freche Lächeln des Kellners gar nicht zu bemerken +– dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit +und Macht. Er drängte sich durch die Menge +und stürzte zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders +bloßgestellt wurde!“ dachte Herr Goljädkin der Ältere. +„Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem Schicksal, daß +diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner +wurde frech, aber er war doch in seinem Recht! Es +kostete doch einen Rubel und zehn Kopeken, also war +er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem +etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“ +</p> + +<p> +Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die +Treppe hinabging. Kaum aber war er an der letzten +Stufe angelangt, als er plötzlich wie angewurzelt stehen +blieb und über und über errötete, daß ihm die +Tränen in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun +doch in seiner Eitelkeit verletzt. Als er eine Minute in +dieser Weise unbeweglich dagestanden hatte, stampfte +er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz +von der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, +<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> +ohne seine Müdigkeit zu fühlen, begab er sich +nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße. +</p> + +<p> +Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die +Zeit, seinen Mantel auszuziehen. Ganz gegen seine +sonstige Gewohnheit, sich häuslich niederzulassen und +seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er war, +auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück +Briefpapier und begann mit vor innerer Erregung +zitternden Händen folgenden Brief zu schreiben: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die +Umstände und Sie, geehrter Herr, mich dazu nötigten. +Glauben Sie mir, daß nur die Notwendigkeit mich dazu +zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen einzutreten, +darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung +nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein +verehrter Herr zu beleidigen, sondern – sondern als +eine unumgängliche Folge der Umstände, die uns zueinander +in Beziehung gebracht haben.“ +</p> + +<p> +„So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben +zu sein, wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit +... Beleidigt kann er sich dadurch nicht +fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“ +dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen. +</p> + +<p> +„Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein +geehrter Herr, in der stürmischen Nacht, nach einem +ausfallenden und rohen Benehmen meiner Feinde gegen +mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben +verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, +<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> +die in gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. +Ihr hartnäckiges Bestreben, mein geehrter Herr, mit +aller Gewalt in mein Sein und in meinen Lebenskreis +einzudringen, übersteigt alle Grenzen der Höflichkeit +und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, +Sie daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie +sich meiner Papiere und meines Namens bedient haben, +um sich bei der Regierung einzuschmeicheln – um +eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst nicht verdient +haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre vorbedachte, +beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen +Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. +Und zuletzt, um nicht alles zu sagen, möchte ich noch +Ihre sonderbare Handlungsweise im Restaurant mir +gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die +unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich +doch einen heftigen Unwillen bei der Erinnerung an +Ihre deutliche Absicht, mein geehrter Herr, meiner +Ehre zu schaden, und das noch dazu in Gegenwart einiger +Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar +aus der guten Gesellschaft waren ...“ +</p> + +<p> +„Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr +Goljädkin. „Wird das nicht zu viel sein? Ist das nicht +beleidigend – diese Anspielung auf die gute Gesellschaft +zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen! +Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man +ihm zur Besänftigung zum Schluß ein wenig schmeicheln, +ihm Butter aufs Brot schmieren. Wir wollen +sehen.“ +</p> + +<p> +„Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem +Brief nicht belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt +<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> +wäre, daß Ihr edles Herz und Ihr offener und gerader +Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen werden, +um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen +ist. +</p> + +<p> +In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu +sein, daß Sie meinen Brief nicht in beleidigendem +Sinne auffassen werden, daß Sie aber auch nicht verfehlen +werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch +die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen. +</p> + +<p> +In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, +geehrter Herr, Ihr gehorsamster Diener. +</p> + +<p class="sign"> +J. Goljädkin.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache +wäre also erledigt: die Sache ging nun schon bis zu +schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist schuld daran? +Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so +weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich +bin in meinem Recht ...“ +</p> + +<p> +Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief +durchgelesen hatte, faltete er ihn zusammen, adressierte +ihn und rief dann Petruschka. Petruschka erschien wie +immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter +Laune. +</p> + +<p> +„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst +du?“ +</p> + +<p> +Petruschka schwieg. +</p> + +<p> +„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, +dort suchst du den diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär +Wachramejeff. Wachramejeff hat +heute den Tagdienst. Verstehst du das?“ +</p> + +<p> +„Verstehe.“ +</p> + +<p> +<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> +„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du +fragst also nach dem Beamten Wachramejeff und sagst +ihm: so und so, der Herr hat befohlen, Sie von ihm +zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im Adressenregister +unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat +Goljädkin wohnt?“ +</p> + +<p> +Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin +schien, lächelte er. +</p> + +<p> +„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse +und wo der neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: +verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe.“ +</p> + +<p> +„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser +Adresse diesen Brief: verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe.“ +</p> + +<p> +„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief +bringst, so wird dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, +Herr Goljädkin also ... Was lachst du, Schafskopf?“ +</p> + +<p> +„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich +habe nichts ... unsereins hat nichts zu lachen ...“ +</p> + +<p> +„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen +sollte, wie es mit deinem Herrn steht ... wenn er +dich also irgendwie ausfragen möchte – so schweigst +du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, +er bittet um eine schriftliche Antwort auf seinen +Brief.‘ Verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Verstehe.“ +</p> + +<p> +„Also, fort mit dir.“ +</p> + +<p> +„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! +Er lacht. Warum lacht er denn? Es wird von +Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das +<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> +schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles +zum Guten wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher +jetzt noch zwei Stunden herumtreiben oder überhaupt +nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja nirgendwohin +schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch +ein Unglück! ...“ +</p> + +<p> +Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines +ganzen Unglücks, zu der passiven Rolle einer zweistündigen +Erwartung Petruschkas. Eine Stunde lang ging +er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder +seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf +legte er sich auf den Diwan, griff dann wieder zur +Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf und ab ... +Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken +nicht zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden +Zustand nicht länger, und Herr Goljädkin beschloß +bei sich, lieber wieder zu handeln. +</p> + +<p> +„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ +dachte er, „ich kann also den Schlüssel dem +Hausknecht geben – und selbst werde ich unterdessen +... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits +etwas für sie tun.“ +</p> + +<p> +Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach +seinem Hut, verließ das Zimmer, schloß seine Wohnung +zu, ging zum Hausknecht, händigte dem den +Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld +– Herr Goljädkin wurde in letzter Zeit ungeheuer +freigebig – und ging – ging, wohin ihn der Weg +führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke. +</p> + +<p> +Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das +<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> +Ziel seiner Wanderung erreicht hatte, ging er geradeaus +auf den Hof des ihm bekannten Hauses und blickte +zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff +hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten +Vorhängen verhangenen Fenstern waren die übrigen +alle dunkel. +</p> + +<p> +„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine +Gäste,“ dachte Herr Goljädkin, „sie werden wohl jetzt +allein zu Hause sitzen.“ +</p> + +<p> +Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden +hatte, wollte er sich augenscheinlich zu etwas +entschließen. Aber es sollte anders kommen. Herr Goljädkin +winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf +die Straße. +</p> + +<p> +„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was +soll ich denn hier machen? ... Ich werde besser tun ... +selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit diesem Entschluß +begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der +Weg war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig +und nasser Schnee fiel in dichten Flocken, doch für unseren +Helden schien es keine Hindernisse mehr zu geben. +Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar +durchnäßt und beschmutzt, „wenn schon, denn schon: +das heißt, wenn man das Ziel erreichen will!“ Und +Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem +Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes +stieg in der Ferne vor ihm auf. +</p> + +<p> +„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde +ich hier machen? Nehmen wir an, ich erfahre, wo er +wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits zurückgekehrt +<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> +sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich +verliere nur meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. +Nun, tut nichts, man kann alles wieder gut machen ... +Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen! Aber +so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich +muß immer vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr +ist es? Sicherlich schon neun Uhr. Petruschka könnte +kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe +wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... +Ach, wirklich, diese Konfusion!“ +</p> + +<p> +Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung +gekommen war, daß er eine Dummheit begangen, +lief er sofort zurück zu seiner Schestilawotschnaja-Straße. +Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und +erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht +einmal daran gedacht hatte, wieder auf der Bildfläche +zu erscheinen. +</p> + +<p> +„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser +Held: „Und dabei ist es schon neun Uhr! Solch ein +Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr du +meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen +Lohn bezahlt, damit er Geld in den Händen hat.“ +</p> + +<p> +Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine +Wohnung auf, machte Licht, kleidete sich aus, steckte +seine Pfeife an und müde, zerschlagen, hungrig, wie +er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf +den Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht +flackerte an den Wänden ... Herr Goljädkin starrte +vor sich hin, dachte und dachte und schlief endlich ein, +wie tot. +</p> + +<p> +Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt +<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> +und flammte noch hin und wieder auf, um +dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin sprang auf, +ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, +mit einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte +man Petruschka schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans +Fenster – nirgendwo ein Licht zu sehen. Er öffnete +das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief. +Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, +die Uhr hinter dem Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin +stürzte in den Verschlag. +</p> + +<p> +Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es +ihm, Petruschka zu wecken und ihn im Bett aufzurichten. +In diesem Augenblick verlöschte das Licht vollkommen. +Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin +ein anderes Licht fand und es anzündete. In +der Zeit war aber Petruschka von neuem eingeschlafen. +</p> + +<p> +„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn +Herr Goljädkin und rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du +wohl aufwachen, wirst du wohl aufstehen!“ Nach halbstündiger +Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin, seinen +Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem +Verschlag herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, +daß Petruschka vollkommen betrunken war und sich +kaum auf den Füßen halten konnte. +</p> + +<p> +„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du +Lump! Am liebsten würdest du mir wohl, weiß der +Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den +Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus +ihm geworden ... Und warum habe ich ihn geschrieben? +Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz. Wozu +stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon +<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> +... Und du, du Räuber, wohin hast du den Brief +gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben? ...“ +</p> + +<p> +„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und +habe überhaupt keinen Brief gehabt ... so ist’s!“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung. +</p> + +<p> +„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“ +</p> + +<p> +„Ich höre ...“ +</p> + +<p> +„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“ +</p> + +<p> +„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin +ich gegangen! Was ist denn dabei?“ +</p> + +<p> +„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst +du zuerst? Warst du in der Kanzlei? ... Du, höre +mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“ +</p> + +<p> +„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der +Stelle ...“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken +bist ... Ich fragte ja nur so ... gut, gut, daß du betrunken +bist: ich meinte ja nur, Petruschka ... Du hast +vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst dich +jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff +– warst du oder warst du nicht?“ +</p> + +<p> +„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar +nicht. Und wenn man mich auch sogleich ...“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja +nichts. Du siehst doch, daß ich nichts ... Nun, was ist +denn dabei? Nun, draußen war es kalt, feucht und der +Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das +besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst +habe heute etwas getrunken, mein Lieber. Gestehe es +<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> +nur ein, denke nur nach, mein Lieber, warst du heute +beim Wachramejeff?“ +</p> + +<p> +„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich +war da ... und wenn ich auch sogleich ...“ +</p> + +<p> +„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen +bist. Siehst du, ich ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ +fuhr unser Held fort, seinen Diener aufzurütteln, schüttelte +ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun, +und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, +nur ein wenig ... für zehn Kopeken ein Schlückchen? +Du Saufbold! Nun, tut nichts. Siehst du, daß +ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse +darüber, mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein +Saufbold. Bei guten Menschen bin ich gewesen, denn +ich bin kein Säufer, bin niemals ein Säufer gewesen +...“ +</p> + +<p> +„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich +will dich ja auch gar nicht schimpfen, wenn ich dich +einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur zur Beruhigung +gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es +dir gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne +schimpft, so fühlt er sich geschmeichelt, Petruschka. Ein +anderer liebt es sogar! ... Nun, Petruschka, sage mir +jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du beim +Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“ +</p> + +<p> +„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. +Ein guter Beamter ist er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, +‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und also sage +ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und +sage ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein +<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> +Herr,‘ sagt er, ‚ein guter Mensch ist, und du, Petruschka, +bist auch ein guter Mensch, siehst du‘ ...“ +</p> + +<p> +„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! +Judas du!“ Die letzten Worte sprach Herr Goljädkin +fast flüsternd. +</p> + +<p> +„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“ +</p> + +<p> +„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, +der Titularrat Goljädkin?“ +</p> + +<p> +„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. +So wie du in die Schestilawotschnaja +eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts die Treppe +hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin +...‘“ +</p> + +<p> +„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich +die Geduld verlor: „Du Taugenichts! Das bin doch +ich, das bin ja ich, von dem du sprichst. Da ist aber +ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche +ich, du Räuber, du!“ +</p> + +<p> +„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie +Sie wollen! ...“ +</p> + +<p> +„Aber der Brief, der Brief? ...“ +</p> + +<p> +„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich +habe keinen Brief gesehen.“ +</p> + +<p> +„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, +du!?“ +</p> + +<p> +„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. +‚Grüße ihn,‘ sagt er, ‚grüße und danke deinem +Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“ +</p> + +<p> +„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das +gesagt?“ +</p> + +<p> +<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> +Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er +übers ganze Gesicht und sah seinem Herrn gerade in die +Augen. +</p> + +<p> +„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, +schnaubend vor Wut, „was hast du mit mir gemacht? +Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht? Du +hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen +Kopf von den Schultern gerissen. So ein Judas!“ +</p> + +<p> +„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ +sagte in bestimmtem Tone Petruschka und zog sich hinter +seine Scheidewand zurück. +</p> + +<p> +„Komm her, hierher, du Räuber! ...“ +</p> + +<p> +„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt +nicht mehr. Was geht’s mich an! Ich gehe zu +den guten Menschen ... Gute Menschen, die ehrlich +und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ +Herrn Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und +der Atem ging ihm aus ... +</p> + +<p> +„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht +doppelt und beleidigen nicht Gott und die Menschen!“ +</p> + +<p> +„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe +jetzt lieber schlafen, du Räuber! Aber morgen werde +ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr Goljädkin mit +kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch +etwas: dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett +legte, daß es in allen Fugen krachte, wie er laut gähnte +und sich ausstreckte, und dann, wie man sagt, den +Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das +Betragen Petruschkas, seine sonderbaren, wenn auch +sehr entfernten Anspielungen, über die man sich „folglich +<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> +nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er +betrunken war, und schließlich die ganze bösartige +Wendung, die die Sache nahm – alles das erschütterte +Herrn Goljädkin bis auf den Grund. +</p> + +<p> +„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu +wecken?“ fragte sich unser Held, am ganzen Körper +vor krankhafter Erregung zitternd, „und was plagte +mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! +Und was kann man denn von einem betrunkenen Menschen +erwarten? Jedes Wort ist ja gelogen! Worauf +spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, +mein Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, +ich Selbstmörder, ich Selbstmörder! Konnte +ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn geschehen? +Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. +Wenn aber meine Ehre leidet – seine Ehre muß +man doch retten! Ach, ich Selbstmörder, ich!“ +</p> + +<p> +So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan +sitzend, und wagte sich vor Furcht kaum zu bewegen. +Plötzlich fielen seine Augen auf einen Gegenstand, der +seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der +Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner +Phantasie sein, wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst +und unbeschreiblicher Neugier, seine Hand danach +auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war +Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, +ein wirklich an ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin +griff nach dem Brief auf dem Tisch. Sein Herz schlug +heftig. +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ +dachte er, „hat ihn dort hingelegt und ihn dann vergessen; +<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> +so wird es wohl gewesen sein, sicher wird es +so gewesen sein ...“ +</p> + +<p> +Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten +und ehemaligen Freunde Goljädkins. +</p> + +<p> +„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser +Held, „und alles, was im Briefe hier stehen wird, habe +ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief lautete folgendermaßen: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts +Gescheites aus ihm herausbringen. Aus dem Grunde +ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu antworten. +</p> + +<p> +Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit +bin, Ihren Auftrag, den mir übergebenen Brief an +eine gewisse Person zu befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit +und Treue auszuführen. Diese Person, die +Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener +Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich +möchte nicht unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen +schaden!) wohnt mit uns zusammen in der Wohnung +Karolina Iwanownas, und zwar in demselben +Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, +der Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person +gehört zu den ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges +Herz haben, was man bekanntlich nicht bei +allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen beabsichtige +ich von heute ab vollständig abzubrechen, in +dem freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher +miteinander verkehrten, können wir nicht mehr +zueinander stehen, und darum bitte ich Sie, sehr +<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> +geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen +Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei +Rubel für das Rasiermesser ausländischen Fabrikats, +das ich Ihnen verschaffte, zu schicken. Wie Sie sich erinnern +werden, hatte ich es Ihnen bereits vor sieben +Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu +der Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina +Iwanowna lebten, die ich von ganzem Herzen achte +und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da Sie, nach +der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung +und Ihren guten Ruf verloren haben und +der Verkehr mit Ihnen für junge, sittsame und unverdorbene +Menschen daher sehr gefährlich geworden +ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und +dazu sind ihre Worte falsch und ihre wohlanständige +Haltung ist verdächtig. Es wird immer Leute geben, +die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna +annehmen werden, die stets von gutem Betragen und +eine ehrbare Dame gewesen ist und die dazu ein Mädchen, +wenn auch nicht von jungen Jahren, so doch aus +anständiger ausländischer Familie ist. Man hat mich +gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe +beiläufig in Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall +werden Sie schon alles zu seiner Zeit erfahren, falls +Sie es bis jetzt noch nicht erfahren haben sollten, obgleich +Sie nach Aussagen verständiger Leute an allen +Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und +wenigstens an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, +geehrter Herr, erhalten können. +</p> + +<p> +Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter +Herr, daß die Ihnen bekannte Person, deren Namen +<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> +ich aus wohlbegründeten Ursachen hier nicht erwähnen +möchte, von allen wohlgesinnten Menschen +sehr geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, +heiterem Charakter, in ihrem Beruf wie unter den +Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort und jeder +Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt +und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher +Beziehung befindet. +</p> + +<p> +Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener +</p> + +<p class="sign"> +N. Wachramejeff. +</p> + +<p class="noindent"> +P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker +und wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu +schaffen machen. Nehmen Sie doch Eustachius, der +früher hier bei mir diente und gegenwärtig stellenlos +ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch +ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina +Iwanowna ein Pfund Zucker zu billigerem +Preise verkauft, das er, meiner Meinung nach, nur +in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von Ihnen +gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich +Ihnen Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche +Personen nur zu beleidigen und die Menschen zu betrügen +verstehen, besonders anständige Leute von gutem +und ehrlichem Charakter. Außerdem versuchen sie +diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und +zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht +rechnen können. +</p> + +<p class="sign"> +W.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs +gelesen hatte, blieb er noch lange unbeweglich auf +<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> +seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den dichten, +rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit +zwei Tagen umgab. Unser Held fing allmählich an, +alles, alles zu begreifen ... Er versuchte sich vom Diwan +zu erheben und einige Male durch das Zimmer +zu gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten +Gedanken zu sammeln und sie auf einen bestimmten +Gegenstand zu konzentrieren – um dann reiflich seine +Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte, +fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan +zurück. +</p> + +<p> +„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was +schreibt er denn und was ist der Sinn seiner Worte? +Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt das alles? +Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt +wird das und das, ich würde es sofort tun! Der +ganze Gang der Sache ist ein so unangenehmer! Wenn +es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache +annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen +würde. So und so, sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft +zu kommen, doch meine Ehre gebe ich nicht +preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme +Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? +Und warum hat sie sich da hineingemischt? +Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis +dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! +Die Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! +Jetzt, zum Beispiel, sollte ich da nicht einen Brief +schreiben: so und so, und das und das, bin damit und +damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die +Sonne aufgeht, oder noch früher ... werde ich von der +<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> +anderen Seite entgegenarbeiten und den Burschen zuvorkommen +... Sie werden nur lästern über mich, ja, +und das ist alles!“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die +Feder und schrieb folgende Antwort auf den Brief +des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung +las ich Ihren für mich so beleidigenden Brief, denn +ich habe wohl verstanden, daß Sie mit den nicht wohlanständigen, +falschen und lügnerischen Personen mich +bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe +ich, wie schnell und wie tief die Verleumdung Wurzeln +gefaßt hat, zum Schaden meines Wohlergehens, +meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so +beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich +wohlmeinende Leute und hauptsächlich die, welche +mit einem offenen und geraden Charakter begabt sind, +sich von dem Leben anständiger Leute abwenden und +an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie +es Menschen führen, welche in jener Sittenlosigkeit +versunken sind, die zum Unglück unserer Zeit unter uns +so schädliche Früchte zeitigt. +</p> + +<p> +Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für +meine heilige Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von +zwei Rubeln unverzüglich zurückzuerstatten. +</p> + +<p> +Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, +in bezug auf eine sehr bekannte Person weiblichen +Geschlechts und in bezug auf die Absichten, Berechnungen +und verschiedenen Ränke dieser Person, +so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß +<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> +ich alle diese Anspielungen bloß halbwegs verstanden +habe. Erlauben Sie mir auch, geehrter Herr, meine +anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen unbefleckt +zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf +persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche +Erörterung der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls +bin ich zu friedlicher, gegenseitiger Verständigung bereit. +Daher ersuche ich Sie, sehr geehrter Herr, meine +Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache dieser +Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den +Ort des Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir +schmerzlich, mein geehrter Herr, Ihre Anspielungen +zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre frühere +Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten +Sinne über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese +Mißverständnisse schnöder Verleumdung, dem Neid +mir gegenüber zu, und zwar derjenigen, die ich mit +Recht meine erbittertsten Feinde nennen kann. Aber +wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld +durch sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit +und Frechheit früher oder später zu einer +allgemeinen Verachtung führt, die sie treffen wird, +und daß solche Personen durch ihre eigenen schlechten +Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde +gehen müssen. +</p> + +<p> +Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen +Personen zu sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung +und ihre unedlen phantastischen Wünsche und +Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, +die sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen +und Bedauern erweckt und sie selbst für das +<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> +Irrenhaus reif macht. Überdies sind solche Bestrebungen +durch das Gesetz strengstens verboten, was +meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder +mit seiner eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles +hat seine Grenzen, und wenn das ein Scherz sein soll, +so ist es ein unwürdiger Scherz, ich sage mehr: ein +unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein +geehrter Herr, daß meine Anschauung über die +Stellung eines jeden hier auf Erden auf ethischen +Voraussetzungen beruht. +</p> + +<p> +In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein +</p> + +<p class="sign"> +Ihr gehorsamer Diener<br> +J. Goljädkin.“ +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-10"> +<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> +X. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen +Tages Herrn Goljädkin bis auf den Grund seines +Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief sehr +schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf +Minuten wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte +irgendein mutwilliger Schelm ihm geschnittene +Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht +verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt +von der einen Seite auf die andere. Schlief er einmal +– stöhnend, ächzend – auf einen Augenblick ein, so +erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das +war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, +unklaren Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, +mit einem Wort von allem, was es nur an Unangenehmem +geben kann ... So erschien ihm in rätselhaftem +Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, +eine trockene Erscheinung, mit bösem Blick +und gefühllos höflicher Sprechweise ... Als aber +Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej Philippowitsch +zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, +„so oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen +und ihm zu beweisen, daß er durchaus nicht so sei, wie +seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr ein ganz +<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> +anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen +Fähigkeiten noch diese und jene besitze – +da erschien plötzlich eine ihm durch ihre übelwollende +Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein empörendes +Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen +des Herrn Goljädkin vereitelt, und Herr Goljädkin +sah vor seinen eigenen Augen seine Würde und seine +Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz +gezogen, während diese Person seine, jawohl, seine +Stellung im Dienst wie in der Gesellschaft einnahm. +Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung +eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem +erhalten und demütig hingenommen hatte: war es +nun im gewöhnlichen Leben oder in dienstlicher Angelegenheit +gewesen – jedenfalls war es unmöglich, +gegen diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen +oder zu leugnen ... Während aber Herr Goljädkin +sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum es +denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber +zu wehren – ging der Nasenstüber unmerklich in eine +andere Form über – in die Form einer ziemlich bekannten, +kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, +die er gesehen oder gehört oder selbst unlängst +vollbracht hatte, und zwar nicht etwa aus schlechter +Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb, sondern so +– nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht +auch aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, +und schließlich, weil ... weil, nun, Herr Goljädkin +wußte sehr gut, warum! +</p> + +<p> +Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, +und weil er sich beherrschen wollte, murmelte er vor +<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> +sich hin, daß man, zum Beispiel, jetzt Charakterfestigkeit +zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was +Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie +auffassen solle. +</p> + +<p> +Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin +und versetzte ihn in Wut, daß gerade in diesem +Augenblick, gerufen oder ungerufen, die Person auftauchte, +die ihm in ihrer fast karikaturenhaften Abscheulichkeit +nur zu bekannt war, und ihm, obwohl +ihm damit gar nichts Neues, sondern nur zu Bekanntes +gesagt wurde, mit einem bösartigen Lächeln zuflüsterte: +„Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche +Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, +wohl aufzuweisen! ...“ +</p> + +<p> +Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er +sich in einer prächtigen Gesellschaft befände, die sich +durch Geist und den vornehmen Ton aller anwesenden +Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits +durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, +daß alle ihn liebten, sogar einige seiner +Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan zeigten, +was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm +alle den Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit +Vergnügen anhören durfte, wie der Wirt einen +seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes +über Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir +nichts dir nichts, erschien wieder dasselbe mißvergnügte +und mit wahrhaft tierischen Zügen begabte Gesicht +des Herrn Goljädkin <span class="antiqua">junior</span> und zerstörte den +ganzen Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin +<span class="antiqua">senior</span>, verdunkelte seine glänzende gesellschaftliche +<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> +Erscheinung, trat ihn abermals in den Schmutz und +bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, +daß der wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche +sei, sondern ein nachgemachter, während er, er selbst, +der wirkliche wäre ... Herr Goljädkin der Ältere aber, +der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige, als der er +erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich +habe er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so +trefflicher Leute von gutem Ton zu gehören! +</p> + +<p> +Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin +der Ältere vor Erstaunen nicht einmal den +Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch zusehen +konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem +abscheulichen und falschen Herrn Goljädkin hingegeben +hatten und sich mit der tiefsten Verachtung von +ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin, +abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf +die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, bei der sich +nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit seinen süßen +Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt +hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit +gemäß, Weihrauch ausstreute, angenehmen und süßduftenden +Weihrauch, so daß die auf diese Weise angeräucherten +Personen bis zu Tränen niesen mußten +– zum Zeichen ihres höchsten Vergnügens. +</p> + +<p> +Und was die Hauptsache war – alles das geschah +in einem Augenblick: die Geschwindigkeit des Vorgangs +war erstaunlich! Kaum gelang es dem falschen +Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm +auch schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen +– und im selben Augenblick stand er auch +<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> +schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin, schmeichelte +her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem +ein Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm +mit seinen kurzen, runden, übrigens recht steifen Beinchen +– und siehe da, schon machte er einem Neuen +den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund +konnte man kaum öffnen, nicht aus dem Erstaunen +heraus konnte man kommen, und er war schon bei +einem vierten, und mit diesem vierten in denselben +Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es +zu sein! Und alle waren sie entzückt von ihm und alle +liebten ihn und bemühten sich um ihn. Alle wiederholten +im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein +blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die +Liebenswürdigkeit und der Geist des anderen Herrn +Goljädkin, und beschämten dadurch diesen wirklichen +und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich +von dem wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den +wohlgesinnten Herrn Goljädkin, den durch seine Nächstenliebe +bekannten echten Herrn Goljädkin mit Puffern +und Nasenstübern einfach hinaus! ... +</p> + +<p> +Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte +Herr Goljädkin auf die Straße und +wollte sich eine Droschke nehmen, um geradewegs +zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, +dann doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o +Schrecken! Der Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn +Goljädkin aufzunehmen, „wie, Herr, kann man einen +Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter +Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber +nicht so wie Sie – nicht ... irgendwie – doppelt!!“ +</p> + +<p> +<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> +Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen +ehrenwerte Herr Goljädkin sich um, und konnte sich +so selbst und mit seinen eigenen Augen überzeugen, +daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar +mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht +waren, denn der andere, der nichtsnutzige Herr Goljädkin +stand in der Tat in greifbarer Nähe neben ihm +und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er +auch hier, in diesem kritischen Augenblick, im Begriff, +etwas sehr Gemeines zu tun, etwas, das allerdings +keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch Erziehung +erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine +Form, keinen Takt, mit denen der widerwärtige Herr +Goljädkin der Zweite doch bei jeder Gelegenheit zu +prahlen pflegte. +</p> + +<p> +Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung +floh der unglückliche und ehrenwerte Herr Goljädkin +von dannen, floh, lief, wohin ihn seine Füße +trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch +bei jedem Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag +seiner Füße auf das harte Trottoir, sprang wie aus +der Erde hervor, ein ebensolcher Herr Goljädkin, jener +andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose, +abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder +begannen nun, kaum, daß sie erschienen, einer dem +anderen nachzulaufen. In einer langen Kette, wie +einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter +Herrn Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich +war, ihnen zu entfliehen, so daß dem bedauernswerten +Herrn Goljädkin der Atem stockte, so daß +zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich +<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> +ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt +war und ein Polizist, der diese Störung der +öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte, sich veranlaßt +sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und +sie auf die Wache zu führen ... +</p> + +<p> +Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser +Held und gebannt und erstarrt vor Schrecken fühlte +er sich auch noch im wachen Zustande nicht besser. +Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte +ein Gefühl, als ob ihm jemand das Herz aus der Brust +risse ... +</p> + +<p> +Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger +aushalten. „Das darf nicht sein!“ rief er mit Entschlossenheit +aus, und erhob sich vom Bett, woraufhin +er vollständig wach wurde. +</p> + +<p> +Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. +Im Zimmer war es ganz außergewöhnlich hell. Die +Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen Fensterscheiben +und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, +was Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. +Denn nur zu Mittag konnte die Sonne zu ihm hineinsehen, +und zu anderer Stunde war so etwas, soweit +Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. +Während unser Held noch ganz verwundert +darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem +Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie +gleich darauf schlagen werde. +</p> + +<p> +„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und +horchte auf, in gespannter Erwartung ... Doch zu +seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und +schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für +<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> +eine Geschichte?“ rief unser Held aus und sprang jetzt +endgültig aus dem Bett. Wie es schien, traute er seinen +eigenen Ohren nicht und lief hinter den Verschlag. +Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin +blickte auf Petruschkas Bett, doch im Zimmer war +von Petruschka keine Spur zu sehen. Sein Bett war +augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel +waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, +daß Petruschka wirklich nicht zu Hause war. Herr +Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war verschlossen. +</p> + +<p> +„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, +in schrecklicher Erregung, an allen Gliedern zitternd. +Plötzlich kam ihm ein Gedanke ... Herr Goljädkin +stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig: +sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... +Petruschka war auch nicht im Verschlag ... die Uhr +war eins ... und im gestrigen Brief von Wachramejeff +waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten +Blick sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn +jetzt vollkommen aufklärten ... Also auch Petruschka +war erkauft worden! Das war es! +</p> + +<p> +„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von +Ränken und Verrat!“ rief Herr Goljädkin aus, schlug +sich an die Stirn und riß immer noch mehr die Augen +auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt +sich die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat +mich nur höchst geschickt ablenken wollen, indem sie +mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen schlug +sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in +dieser Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! +Wenn man die Sache von dieser Seite betrachtet, dann +<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> +ist es eben so! Und die Erscheinung dieses Taugenichts +ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum +anderen. Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und +für den schwarzen Tag zurecht gemacht. So also ist’s, +wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das nur gekommen? +Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! +...“ +</p> + +<p> +Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken +daran, daß es bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. +„Wie, wenn es ihnen inzwischen gelungen ...“ Ein +Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein, +nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch +sehen ...“ Er kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff +Papier und Feder und schrieb folgenden Brief: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch! +</p> + +<p class="noindent"> +Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz +unmöglich! Und darum erkläre ich Ihnen, daß Ihr +sonderbarer, lächerlicher und unsinniger Wunsch, sich +für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts anderem +führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. +Ich bitte Sie daher, und um Ihres eigenen Vorteils +willen, ehrenwerten Leuten mit wohlgesinnten Absichten +den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin ich +bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. +Ich lege die Feder hin und warte ... Im übrigen +stehe ich zu Ihrer Verfügung – auch mit der Pistole. +</p> + +<p class="sign"> +J. Goljädkin.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er +dieses Schreiben beendet hatte. Dann zog er sich den +Mantel an, setzte den Hut auf, öffnete mit einem zweiten +Schlüssel die Tür und begab sich in die Kanzlei. +<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> +Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte +sich aber nicht entschließen hinein zu gehen, denn es +war wirklich schon zu spät. Die Uhr des Herrn Goljädkin +zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein scheinbar +sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei +Herrn Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte +nämlich mit einem Male eine erhitzte und keuchende +Figur auf, schlich sich verstohlen auf die Treppe und +von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber +Ostaffjeff, ein Mensch, der Herrn Goljädkin genau +bekannt, ein Mensch, der zuweilen für einige zehn +Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin +die schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, +daß er, der offenbar gerade aus einer benachbarten +Kneipe kam, wahrscheinlich mehr denn je Verlangen +nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser +Held, diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die +Treppe und folgte Ostaffjeff in den Vorraum, rief +ihn an und forderte ihn geheimnisvoll auf, mit ihm +zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen +hinter einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn +dahin geführt hatte, begann unser Held ihn auszufragen. +</p> + +<p> +„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du +verstehst mich doch? ...“ +</p> + +<p> +„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. +Wohlgeboren Gesundheit.“ +</p> + +<p> +„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein +Lieber. Nun, aber, wie steht es denn, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff +hielt dabei die Hand vor den Mund. +</p> + +<p> +<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> +„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du +brauchst aber nun nicht etwa zu denken ... Sage, ist +Andrej Philippowitsch hier? ...“ +</p> + +<p> +„Er ist hier.“ +</p> + +<p> +„Und die Beamten sind auch hier?“ +</p> + +<p> +„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“ +</p> + +<p> +„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“ +</p> + +<p> +„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der +Schreiber seine Hand vor den Mund und blickte neugierig +und verwundert Herrn Goljädkin an. Wenigstens +schien es unserem Helden so. +</p> + +<p> +„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein +Lieber?“ +</p> + +<p> +„Nein, gar nichts, gar nichts.“ +</p> + +<p> +„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so +... irgendwas von mir zu hören gewesen? ... Wie? +Nur so, mein Freund, verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ +wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund +und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar an. Unser +Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs herauszulesen, +ob er etwas vor ihm verheimliche. Und +wirklich schien in ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff +wurde nämlich immer trockener, fast unhöflich und +zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel +Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist +auf gewisse Weise in seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, +„was gehe ich ihn eigentlich an? Vielleicht +hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen? +Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe +ihn, weil – Aber auch ich werde ihm ...“ Herr Goljädkin +<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> +begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld gekommen +war. +</p> + +<p> +„Hier, mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“ +</p> + +<p> +„Ich werde dir noch mehr geben.“ +</p> + +<p> +„Schön, Ew. Wohlgeboren.“ +</p> + +<p> +„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und +wenn die Sache beendigt ist, gebe ich dir noch einmal +soviel. Verstehst du?“ +</p> + +<p> +Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor +Herrn Goljädkin und sah ihn unbeweglich an. +</p> + +<p> +„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? +...“ +</p> + +<p> +„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... +nichts, bis jetzt wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in +Pausen und ganz wie Herr Goljädkin, nahm auch er +eine geheimnisvolle Miene an, zog die Augenbrauen +hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu +treffen, kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene +zu verdienen, denn das Erhaltene sah er bereits für +etwas endgültig <a id="corr-31"></a>von ihm Erworbenes an. +</p> + +<p> +„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“ +</p> + +<p> +„Bis jetzt noch nichts.“ +</p> + +<p> +„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt +werden? ...“ +</p> + +<p> +„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt +werden.“ +</p> + +<p> +„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast +du noch, mein Freund.“ +</p> + +<p> +„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“ +</p> + +<p> +„War Wachramejeff gestern hier? ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> +„Ja, er war hier.“ +</p> + +<p> +„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal +nach, mein Lieber!“ +</p> + +<p> +Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen +Erinnerungen: offenbar fiel ihm nichts ein. +</p> + +<p> +„Nein, es war sonst niemand hier.“ +</p> + +<p> +„Hm!“ Es folgte ein Schweigen. +</p> + +<p> +„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du +weißt.“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl.“ +</p> + +<p> +„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“ +</p> + +<p> +„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber +und sah mit großen Augen auf Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Wie das, ... gut –?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen +noch bedeutend höher. Er stand dumm da und +wußte entschieden nicht, was er antworten sollte. +</p> + +<p> +„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man +sonst etwas über Wachramejeff?“ +</p> + +<p> +„Ja, alles ganz wie früher.“ +</p> + +<p> +„Denke mal nach.“ +</p> + +<p> +„Ja, man sagt ...“ +</p> + +<p> +„Nun, was denn? ...“ +</p> + +<p> +Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund. +</p> + +<p> +„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“ +</p> + +<p> +„Ja, heute ging der Kanzleidiener <a id="corr-32"></a>Michejeff zu +Wachramejeff in die Wohnung, ging zu einer Deutschen +– wenn es nötig ist, kann ich auch hingehen und +fragen?“ +</p> + +<p> +„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels +willen! Das heißt, ich meine nur so ... Du, mein +<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> +Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt, ich +meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, +ob man da etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? +Und was er tun wird? Das muß ich wissen, versuche +es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür danken, +mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm +heute Iwan Ssemjonowitsch ein.“ +</p> + +<p> +„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“ +</p> + +<p> +„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren +Platz zu begeben.“ +</p> + +<p> +„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche +es zu erfahren, mein Lieber; versuche alles zu erfahren +– und ich werde dir danken, mein Lieber, das ist +es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du +aber, glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und +Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie gehen heute nicht hin?“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin +nur so gekommen, um zu sehn, mein Lieber – ich +würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig +die Treppe hinauf und Herr Goljädkin blieb allein. +</p> + +<p> +„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! +Ach, sehr schlimm steht jetzt unsere Sache! Was hatte +das alles zu bedeuten? Was bedeuteten einige Anspielungen +dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! +Jetzt weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und +ihn infolgedessen hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? +Dieser Andrej Philippowitsch hat Iwan +Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum +<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> +hat er ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? +Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Dieser +Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht Wachramejeff, +er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff! +Sie machen das alles für ihn und haben +diesen Halunken nun hingesetzt. Oh, die Deutsche +hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den +Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und +daß hinter diesem Altweiberklatsch etwas steckt ... +Dasselbe habe ich auch Krestjan Iwanowitsch gesagt, +daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne +einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich +denn Karolina Iwanownas. Nein, hier sind Meister +an der Arbeit, das sieht man! Hier, mein Herr, erkennt +man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. +Wie gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, +doch ich weiß, wer für sie alle jetzt arbeitet: dieser +Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens ist +es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil +seine Erfolge in der Gesellschaft bewiesen haben. Es +wäre wirklich wünschenswert, zu wissen, auf welchem +Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt? +</p> + +<p> +Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch +genommen? Zum Teufel, wozu hatten sie denn +den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden ließe. +Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre +doch immer dasselbe gewesen! Das einzige, was ich +weiß, ist, daß mir dieser Iwan Ssemjonowitsch schon +längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher +Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. +Doch das macht ja alles der Bär, in alle +<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> +diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das fing +so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war +es ...“ +</p> + +<p> +Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein +Gesicht, ganz, als hätte er in eine Zitrone gebissen – +jedenfalls dachte er an etwas für ihn sehr Unangenehmes. +</p> + +<p> +„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich +werde schon für mich stehen ... Warum kommt denn +der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben sie ihn +dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere +und auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff +brauche ich nur ein Trinkgeld zu geben und so +habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht tun sie das +auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen +mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, +der reine Räuber! Er verheimlicht alles, der +Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew. Wohlgeboren,‘ +sagt er. Solch ein Räuber!“ +</p> + +<p> +Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch +ganz in sich zusammen und sprang hinter den Ofen. +Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die +Straße. +</p> + +<p> +„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte +Herr Goljädkin bei sich. Nach einer Weile hörte man +wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr Goljädkin +nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase +aus dem Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder +zurück, als wäre sie ihm mit einer Nadel gestochen +worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken, wer +da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber +<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> +selbst ... Er ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen +gemeinen, kleinen Schrittchen, und warf seine Beinchen +aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein +stellen. +</p> + +<p> +„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. +Übrigens konnte es Herrn Goljädkin nicht entgehen, +daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne +Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte. +</p> + +<p> +„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte +Herr Goljädkin, verkroch sich noch mehr und wurde rot +vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der Jüngere +an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, +ohne ihn zu bemerken, als man zum dritten Male +Schritte hörte: wie Herr Goljädkin sich gedacht, waren +es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war +das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm +hinter den Ofen sah: nur war es nicht das Gesicht +Ostaffjeffs, sondern das eines anderen Schreibers, +Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in +Erstaunen. „Warum hat er andere in das Geheimnis +eingeweiht?“ dachte unser Held. „Ach, diese Schurken +– alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“ +</p> + +<p> +„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. +„Von wem kommst du, mein Lieber? ...“ +</p> + +<p> +„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar +keine Nachrichten, wenn was kommen sollte, so werde +ich es Ihnen überbringen.“ +</p> + +<p> +„Und Ostaffjeff?“ +</p> + +<p> +„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. +Seine Exzellenz ist schon zweimal durch unsere +Abteilung gekommen, und auch ich habe keine Zeit.“ +</p> + +<p> +<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> +„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du +sagst mir doch ...“ +</p> + +<p> +„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick +werden wir gerufen ... Aber belieben Sie hier +noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff Ihrer +Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. +–“ +</p> + +<p> +„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! +... Hier, nimm diesen Brief, mein Lieber, ich +werde dir danken, mein Freund.“ +</p> + +<p> +„Gut!“ +</p> + +<p> +„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“ +</p> + +<p> +„Goljädkin?“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“ +</p> + +<p> +„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit +finde. Sie aber bleiben hier inzwischen stehen. Hier +wird Sie niemand sehen ...“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß +ich hier stehe, damit mich niemand sieht. Ich, mein +Freund, werde nicht mehr hier ... ich werde dort in +der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort +werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du +mich benachrichtigen, verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“ +</p> + +<p> +„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ +rief Herr Goljädkin dem Schreiber nach, der sich +endlich von ihm befreit hatte. +</p> + +<p> +„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte +unser Held und schlich sich hinter dem Ofen hervor. +„Dort steckt noch ein Haken ... Das ist klar ... Zuerst +<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> +war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte +er sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort +viel zu tun. Und Seine Exzellenz ging zweimal durch +ihre Abteilung ... Aus welcher Veranlassung geschah +das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts +... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und +wollte soeben auf die Straße hinaustreten, als plötzlich, +gerade in dem Augenblick, der Wagen Seiner +Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das +kaum erst bewußt geworden, als auch schon die Tür +der Equipage von innen geöffnet wurde und der in +ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der +Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr +Goljädkin der Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen +hatte, vor etwa zehn Minuten weggegangen war. +Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich gleichzeitig, +daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten +Nähe befand. +</p> + +<p> +„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich +unser Held. Unterdessen hatte Herr Goljädkin der +Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne Aktenmappe +und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem +Kutscher noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit +ihr beinahe gegen Herrn Goljädkin den Älteren und +– als ob er ihn beleidigen und absichtlich nicht bemerken +wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei +hinauf. +</p> + +<p> +„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die +Sache doch jetzt für eine Wendung genommen! Gott, +mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held unbeweglich +<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> +da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange +nachzudenken, doch unter starkem Herzklopfen, an allen +Gliedern zitternd, lief er gleichfalls die Treppe +hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie es +ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ +Im Vorraum nahm er seinen Hut ab, zog Mantel und +Galoschen aus. +</p> + +<p> +Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es +bereits halbdunkel. Weder Andrej Philippowitsch noch +Anton Antonowitsch waren anwesend. Beide befanden +sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen +zu machen. Der Direktor wiederum war, wie es hieß, +von neuem zur Exzellenz geeilt. Infolge dieser Umstände, +und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln begonnen +hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, +hatten die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich +bereits süßer Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen +auf und ab, unterhielten sich miteinander, balgten +sich und lachten. Und einige der allerjüngsten, die +ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten +im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, +in einer Ecke am Fenster, „Schrift oder Adler“ +zu spielen begonnen. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und +zudem das lebhafte Bedürfnis fühlte, sich jemandem +anzuschließen, ging auf einen Kollegen zu, mit dem er +sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag +usw. Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn +Goljädkin auf eine seltsame Weise. Er wurde unangenehm +überrascht durch die allgemeine Kälte, Trockenheit +und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. +<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> +Es reichte ihm niemand die Hand. Einige +sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich ab, andere +nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte +sich einfach um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und +einige sogar – und was Herrn Goljädkin am meisten +beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend, +halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig +ausdrückte, nur erst „Adler oder Schrift“ zu spielen +verstanden und sich im übrigen umherzutreiben pflegten +– umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich +um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. +Alle blickten sie ihn mit einer beleidigenden +Neugier an. +</p> + +<p> +Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr +Goljädkin fühlte es und bereitete sich vernünftigerweise +vor, seinerseits nichts zu bemerken. Plötzlich trat +aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man +sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete. +</p> + +<p> +In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen +erschien plötzlich und gerade für Herrn Goljädkin +in dem allerpeinlichsten Augenblick – erschien +Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie +immer mit einem Lächeln auf den Lippen, wie immer +tänzelnd, kurz, wie immer als der geborene Spaßmacher +und Gesellschaftsmensch, der er war, mit leichter +Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, +so wie er schon früher, so wie er noch gestern erschienen +war, als er so ungelegen und verhängnisvoll +wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte. +Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen +zu sagen schien: „Guten Abend“, drehte er sich im +<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> +Kreise der Beamten herum, reichte dem die Hand, +klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den +dritten, erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen +er für Seine Exzellenz beschäftigt gewesen sei, wohin +er gefahren war, was er getan und was er mit sich +gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten +Freund, küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah +genau so, wie es Herrn Goljädkin dem Älteren geträumt +hatte. +</p> + +<p> +Nachdem er genug herumgesprungen war und alle +auf seine Art begrüßt und für sich eingenommen hatte, +ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er nur Herrn +Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar +nicht bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und +wahrscheinlich –, und auch nur aus Versehen –, weil +er den betrügerischen Herrn Goljädkin den Jüngeren +jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig +und ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf +die allerkräftigste, freundschaftlichste Weise, drückte sie +mit ganz sonderbarer innerer Bewegung und mit den +rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob unser +Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und +durch die eine Bewegung seines scheinheiligen Feindes +verführt wurde – oder ob er in seiner tiefsten Seele +die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit spürte +und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin +der Ältere, bei gesundem Verstande, aus freiem +Willen und vor allen Zeugen feierlich die Hand dessen +drückte, den er doch seinen Todfeind nannte. +</p> + +<p> +Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen +und die Wut, wie groß war der Schreck und die +<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> +Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als sein Verräter +und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin +der Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen +und treulos verratenen Menschen bemerkte und gefühllos, +schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit unerhörter +Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand +aus der Hand Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und +nicht genug damit, daß er ihm seine Hand entzog und +sie abwischte, als hätte er sie durch etwas Unreines beschmutzt +– er spie auch noch zur Seite und begleitete +das mit einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch +nicht genug damit, er zog auch noch sein Taschentuch +heraus und wischte sich auf die unerlaubteste Weise die +Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand +des Herrn Goljädkin befunden hatten. +</p> + +<p> +Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin +der Jüngere nach seiner niederträchtigen Gewohnheit +im Kreise um, tat es, damit alle sein Benehmen bemerken +sollten, blickte allen verständnisinnig in die +Augen und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen +Eindruck von Herrn Goljädkin dem Älteren +hervorzurufen. +</p> + +<p> +Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins +des Jüngeren schien jedoch offenbar eher Unwillen +bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar die +„Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum +erhob sich Gespräch und Murren. Die allgemeine Bewegung +konnte Herrn Goljädkin dem Älteren nicht +entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, +ein gelungener Witz von den Lippen Herrn Goljädkins +des Jüngeren – und die letzte Hoffnung unseres Helden +<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> +wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich von +neuem zugunsten seines Todfeindes. +</p> + +<p> +„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! +Erlauben Sie, Ihnen den jungen Faublas vorzustellen,“ +quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der ihm +eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten +echten Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher +Familiarität fort, indem er auf den von +ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser nichtswürdige +Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, +der ein williges Echo fand, um so mehr, als in ihm +eine Anspielung auf einen Umstand enthalten schien, +der augenscheinlich allen bekannt war. Unser Held +fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern +lasten. Doch er hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden +Blicken, mit bleichem Gesicht und einem starren Lächeln +riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren, +wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum +Kabinett Seiner Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch +auf Andrej Philippowitsch, der soeben das Kabinett +Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich +auch noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen +anwesend war, schenkte unser Held diesen doch +nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen, kühn, +innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit +sich rühmend, redete er vielmehr unumwunden +Andrej Philippowitsch an, der über diesen plötzlichen +Überfall nicht wenig erstaunt war. +</p> + +<p> +„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen +<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> +gefällig?“ fragte der Abteilungschef, ohne den auf ihn +zustolpernden Herrn Goljädkin weiter anzuhören. +</p> + +<p> +„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej +Philippowitsch, kann ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung +mit Seiner Exzellenz haben?“ sagte klar +und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen +Blick auf Andrej Philippowitsch. +</p> + +<p> +„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch +maß Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen. +</p> + +<p> +„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich +meine Verwunderung ausdrücken, daß hier niemand +den Usurpator und Schurken erkennt.“ +</p> + +<p> +„W–a–a–s?“ +</p> + +<p> +„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“ +</p> + +<p> +„Von wem belieben Sie zu sprechen?“ +</p> + +<p> +„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. +Ja, Andrej Philippowitsch, ich spiele auf eine +bekannte Person an. Ich bin in meinem Recht ... Ich +denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung solch +eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen +müßte,“ fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz +außer sich geraten. „Andrej Philippowitsch ... Sie +sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß diese +Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten +Ansichten und Absichten ausdrückt – den Chef als +einen Vater anzusehen, die Regierung als einen Vater +anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings anzuvertrauen. +So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins +Stimme fing an zu zittern, sein Gesicht wurde +dunkelrot und zwei Tränen hingen an seinen Wimpern. +</p> + +<p> +<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> +Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in +dieser Weise reden hörte, war er so verwundert, daß er +unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. Dann blickte +er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie +die Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die +Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz und dieser selbst +trat in Begleitung einiger <a id="corr-33"></a>Beamter heraus. Alle, die +im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine Exzellenz +rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich +mit ihm unterredend, weiter. +</p> + +<p> +Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, +besann sich auch Herr Goljädkin. Unterwürfig +suchte er Schutz unter den Flügeln Anton Antonowitsch +Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her +hinkte, mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr +strengen und nachdenklichen Gesicht. +</p> + +<p> +„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich +nur Unfug angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei +sich, „nun, tut nichts. Ich hoffe, wenigstens Sie, Anton +Antonowitsch, werden geneigt sein, mich anzuhören +und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte +er sich an diesen mit leiser und noch vor Erregung +zitternder Stimme. „Von allen verlassen, wende ich mich +an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte Andrej +Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können +Sie sie mir erklären, wenn möglich ...“ +</p> + +<p> +„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete +ihm nach einer langen Pause streng Anton Antonowitsch, +und, wie es Herrn Goljädkin schien, mit +einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch +durchaus nicht wünschte, das Gespräch +<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> +weiter fortzusetzen. „Sie werden in kurzer Zeit alles +erfahren, noch heute werden Sie formell von allem +unterrichtet werden.“ +</p> + +<p> +„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? +Warum denn gerade formell?“ fragte kleinlaut unser +Held. +</p> + +<p> +„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber +zu urteilen, wie die Regierung entscheidet.“ +</p> + +<p> +„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ +fragte Herr Goljädkin noch kleinlauter, „warum +denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund, warum +man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton +Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas +in bezug auf das Gestrige sagen, Anton Antonowitsch?“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas +anderes bei Ihnen.“ +</p> + +<p> +„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? +Mir scheint, Anton Antonowitsch, daß nichts an mir +hinkt ...“ +</p> + +<p> +„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach +Anton Antonowitsch den völlig bestürzten Herrn +Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte zusammen +und wurde weiß wie ein Tuch. +</p> + +<p> +„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum +hörbarer Stimme, „wenn man nur die Stimme der +Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die +Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, +freilich ... freilich, Anton Antonowitsch, dann muß +man unschuldig leiden, Anton Antonowitsch, unschuldig +und um nichts leiden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> +„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf +den Ruf eines wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, +achtenswerten und bekannten Familie, die +Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“ +</p> + +<p> +„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“ +</p> + +<p> +„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem +anderen Mädchen gegenüber, wenn auch einem armen, +doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – +davon wissen Sie wohl auch nichts?“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben +Sie mich, Anton Antonowitsch, anzuhören ...“ +</p> + +<p> +„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere +Person – und die verleumderische Beschuldigung +dieser anderen Person in Dingen, in denen Sie selbst, +gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn +das?“ +</p> + +<p> +„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ +sprach zitternd unser Held – „und +Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe ich nicht +dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton +Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ +fügte ausdrucksvoll und mit tiefem Gefühl unser +Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern anfing +und er schon wieder Tränen vergießen wollte. +</p> + +<p> +„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß +er Ihr Brot gegessen,“ erwiderte Anton Antonowitsch +und in seiner Stimme hörte man ordentlich die Hinterlist, +so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft +zusammenzog. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, +<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> +untertänigst zu fragen, ist von alledem etwas Seiner +Exzellenz bekannt?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich +bitte jetzt, ich habe keine Zeit, mit Ihnen ... Heute +noch werden Sie alles erfahren, was Sie zu erfahren +nötig haben.“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen +Augenblick, Anton Antonowitsch.“ +</p> + +<p> +„Später, später, erzählen Sie später ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören +Sie nur, Anton Antonowitsch ... Ich liebe durchaus +nicht die Freigeisterei, Anton Antonowitsch: ich fliehe +sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe sogar die +Idee gehabt ...“ +</p> + +<p> +„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“ +</p> + +<p> +„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. +Das ist etwas ganz anderes, Anton Antonowitsch, +das ist gut, wirklich gut und angenehm zu +hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, +Anton Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes +zwei ganz ähnliche Wesen geschaffen wurden, und daß +die Regierung, die diese Fügung Gottes sah, diese +beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch, +Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß +ich weit entfernt von aller Freidenkerei bin. Ich sehe +die wohltätige Behörde als Vater an. Der Staat – +das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das +heißt ... ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. +Unterstützen Sie mich, Anton Antonowitsch ... stehen +Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue nichts +<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> +Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, +noch ein Wort ... Anton Antonowitsch ...“ +</p> + +<p> +Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt +von Herrn Goljädkin ... Unser Held wußte nicht +mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und was +mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn +alles Gehörte und Geschehene. +</p> + +<p> +Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge +von Beamten nach Anton Antonowitsch, um sich noch +weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und ihm +irgend etwas Edles und Angenehmes von sich +zu sagen ... Doch zugleich begann, nach und nach, +ein neues Licht durch die Verwirrung des Herrn Goljädkin +zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das +ihm plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, +ganz ungeahnte Umstände eröffnete ... In +diesem Augenblick stieß jemand unseren Helden in die +Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand Pissarenko. +</p> + +<p> +„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“ +</p> + +<p> +„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr +hierher gebracht. Ssergej Michejeff brachte ihn aus +der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff.“ +</p> + +<p> +„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich +sein, mein Lieber.“ +</p> + +<p> +Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den +Brief in die Seitentasche seines Uniformrockes und +knöpfte den letzteren von oben bis unten zu, dann +blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, +<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> +daß er sich bereits in der Vorhalle des Departements +befand, umgeben von Beamten, die dem Ausgange +zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. +Herr Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand +nicht nur nicht bemerkt, er konnte auch nicht begreifen, +daß er sich plötzlich in Mantel und Galoschen befand +und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die +Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung +da. Die Ursache war nämlich die: Exzellenz selbst +wartete unten auf seine Equipage, die sich aus irgendwelchen +Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei +Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes +Gespräch. Etwas entfernt von ihnen stand Anton +Antonowitsch Ssjetotschkin und noch einige andere +Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, +daß Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. +Die Beamten, die sich oben auf der Treppe drängten, +lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß Exzellenz +wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke +aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld +den Augenblick seiner täglichen Genugtuung erwartete, +die darin bestand, daß er mit einem gewaltigen +Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, +zu einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz +ehrerbietig den Weg freizugeben. Doch mehr als +alle freute sich offenbar der unwürdige, unehrenwerte +Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß +er sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er +sich sonst immer nach seiner unangenehmen Manier so +beliebt zu machen suchte, und ließ die gute Gelegenheit +unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich +<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> +ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, +wahrscheinlich um Seine Exzellenz besser sehen und hören +zu können, und hin und wieder nur, an der krampfhaften +Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man +die Aufregung seiner Seele. +</p> + +<p> +„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. +„Tut, als wäre er ein Günstling, der Schurke! Ich +möchte gern wissen, wie er es nur macht, um sich in der +höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch +Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt +dem Schurken! Mein Gott, wie schnell doch ein Mensch +vorwärts kommen kann – wenn man das bedenkt – +und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, +daß dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat +so ein Schuft! Ich möchte nur wissen, was er ihnen +da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse +zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch +ich mit ihm ein wenig ... – wenn ich ihn vielleicht +fragen würde ... so und so ... ich werde vom Kampf +zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der +Schuldige ... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch +neue Beamte geben ... über alles aber, was mich angeht, +über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich mich +nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde +ich nicht mehr und alles in Geduld und Ergebung +tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln? ... Er +ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten +nicht zu schlagen. Vernunft kann man ihm auch +nicht in den Kopf bringen! Also ... wollen wir es +versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen Augenblick +erwische, so werde ich es versuchen ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> +In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte +er, daß es so nicht bleiben könne, daß der entscheidende +Augenblick gekommen sei, um sich endlich mit jemandem +auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher +ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher +und rätselhafter Feind stand, doch in demselben Augenblick +rollte die langerwartete Equipage Seiner Exzellenz +vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf, +machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz +an ihm vorüberging. Die Wartenden stürzten +alle auf einmal zum Ausgang und drängten Herrn +Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem +Jüngeren ab. +</p> + +<p> +„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und +schob sich durch die Menge, ohne den anderen aus dem +Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich endlich zerstreut, +unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte +seinem Feinde nach. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-11"> +<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> +XI. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin +dem sich seinerseits gleichfalls sehr beeilenden +Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine außerordentlich +große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie, +schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, +wenn eine solche zurzeit in Petersburg gelebt hätte, +mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln überholen könnte. Er +fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank, +daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß +er selbst nicht mehr gehen konnte und seine Füße den +Dienst versagten. Konnte sich alles das überhaupt noch +zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“ +dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, +„daß die Sache ... doch verspielt ist ... darüber besteht +jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel ... daß ich +vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen +... entschieden und unterschrieben!“ +</p> + +<p> +Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie +von den Toten auferstanden, es war, als hätte er eine +Schlacht gewonnen und einen großen Sieg erfochten, +als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der soeben im +Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens +zu setzen, am Mantel zu packen. +</p> + +<p> +<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> +„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin +dem Jüngeren zu, froh, daß er ihn doch noch +erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß Sie ...“ +</p> + +<p> +Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber +nichts,“ antwortete ablehnend der gefühllose Feind +Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus allen +Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen +zu gelangen und seinen Mantel aus den Händen +Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben Mantel, +an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm +von Natur zu Gebote stehenden Kräften geklammert +hielt. +</p> + +<p> +„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“ +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“ +</p> + +<p> +„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... +bitte, Jakoff Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff +Petrowitsch ... Sehen Sie doch ein ... daß ich +mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem +Fuße ... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“ +</p> + +<p> +„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der +lügnerische Feind Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären +Tone und mit erheuchelter Güte. +„Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer +Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es +wirklich unmöglich ...“ +</p> + +<p> +„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff +Petrowitsch!“ rief er kläglich, „Ihr Feind bin ich +niemals gewesen. Böse Menschen haben mich unbilligerweise +verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... +Ist es Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten +wir beide zusammen ... dort in dieses Café gehen +<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> +und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön sagten, +und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird +sich alles von selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! +Dann wird sich alles von selbst aufklären ...“ +</p> + +<p> +„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, +nur unter einer Bedingung, du mein besseres Selbst +... unter einer Bedingung – daß sich dort alles +von selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein +Lieber ...“ Herr Goljädkin der Jüngere stieg aus dem +Wagen und klopfte unserem Helden unverschämt vertraulich +auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, +bin ich bereit, überall hinzugehen! So ein +Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen, was er +will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins +fort, indem er sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um +ihn herum drehte. +</p> + +<p> +Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte +Café, wohin die beiden Herren gingen, war in diesem +Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke Deutsche +erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die +Türglocke ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem +unwürdigen Freunde in das zweite Zimmer, wo ein +glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene +Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf +Wunsch des Herrn Goljädkin des Jüngeren wurde +Schokolade gebracht. +</p> + +<p> +„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr +Goljädkin der Jüngere, indem er Herrn Goljädkin +dem Älteren schalkhaft zulächelte. +</p> + +<p> +Unser Held errötete und schwieg. +</p> + +<p> +<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> +„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich +kenne Ihren Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine +Vorliebe für schlanke Deutsche. Wir, Jakoff Petrowitsch, +redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn +sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei +ihnen unsere Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, +schenken ihnen ob der Bier- und Milchsuppen, die sie +kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche Versprechen +... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du +Verführer!“ +</p> + +<p> +Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr +unnütze und boshaft schlaue Anspielung auf eine bekannte +Person weiblichen Geschlechts, lächelte unserem +Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit +zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen +mit ihm zur Schau. Als er aber bemerkte, +daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus nicht +so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, +beschloß er, seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser +zu geben. +</p> + +<p> +Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen +Herrn Goljädkin, der mit wahrhaft empörender +Unverschämtheit und Vertraulichkeit dem biederen +und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter klopfte +und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in +anständiger Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und +nur, um seine Abscheulichkeit noch zu übertrumpfen, +ohne auf den Widerstand des empörten Herrn Goljädkin +zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick +dieser Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, +unser Held ... fürs erste wenigstens. +</p> + +<p> +<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> +„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er +schließlich, nachdem er sich vernünftigerweise bezähmt +hatte, mit zitternder Stimme. Im selben Augenblick +sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr +Goljädkin der Jüngere war offenbar so vorzüglicher +Laune und bereit zu allerlei weiteren kleinen Scherzen, +wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und überhaupt +in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, +sondern zum sehr schlechten Ton gehören. +</p> + +<p> +„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte +Herr Goljädkin der Jüngere ernsthaft Herrn +Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit unanständiger +Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie +lange nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie +denn jetzt, Jakoff Petrowitsch?“ +</p> + +<p> +„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ +antwortete ihm kaltblütig und mit Würde +unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen.“ +</p> + +<p> +„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt +er doch ... nun ja, wie geht es ihm? Gut? Ganz wie +früher?“ +</p> + +<p> +„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete +ein wenig erstaunt Herr Goljädkin der Ältere. +„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch ... +ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich +bin, Jakoff Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff +Petrowitsch ...“ +</p> + +<p> +„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ +antwortete mit leiser und wehmütiger Stimme Herr +Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise Reue und +Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in +<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> +unserer Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf +Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind ja ein kluger +Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr Goljädkin +der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen +Art zu schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, +das wissen Sie doch, Jakoff Petrowitsch,“ schloß wieder +vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und stellte +sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen +hin, der über hohe Dinge zu urteilen verstand. +</p> + +<p> +„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete +unser Held voll Bewegung, „meinerseits verachte ich +jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und geradeaus +... und stelle die ganze Sache damit auf einen +anständigen Grund und Boden ... und kann offen +und ehrlich behaupten, Jakoff Petrowitsch ... +daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen +selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung +... vielleicht nur ein Mißverständnis ... alles ist +möglich – das Urteil der Welt und die Meinung +der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff +Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, +Jakoff Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man +von einem edlen und hohen Standpunkt aus auf diese +Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff Petrowitsch +... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, +daß ich auf Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar +angenehm, das einzugestehen. Sie können sich das +doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und +obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, +bin ich bereit, dies einzugestehen ...“ so schloß unser +Held würdevoll. +</p> + +<p> +<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> +„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch +... doch lassen wir das alles,“ sagte mit einem +Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere. „Gebrauchen +wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins +zu einem nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – +wie es sich zwischen Kollegen geziemt ... Es gelang +mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei Worte +mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, +Jakoff Petrowitsch!“ +</p> + +<p> +„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach +ihn freudig unser Held – „ich auch nicht. Mein Herz +sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in allen diesen +Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir +das Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte +Herr Goljädkin der Ältere in versöhnlichem Tone +hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer +und zitterte. +</p> + +<p> +„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer +Gesundheit?“ fragte der Verworfene mit süßer +Stimme. +</p> + +<p> +„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser +Held. +</p> + +<p> +„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse +Winde, man kann sich sehr leicht eine Lungenentzündung +holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich allmählich +daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken +noch Flanell zu tragen.“ +</p> + +<p> +„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich +lieber keine Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ +stieß nach kurzem Schweigen unser Held +hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich +<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> +geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen +Augenblicke, die uns vergönnt waren, zusammen +zu verbringen, unter meinem armen, aber ich +kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen +Dach.“ +</p> + +<p> +„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ +bemerkte halb vorwurfsvoll, aber mit vollem +Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn auch +nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere. +</p> + +<p> +„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe +es jetzt ganz deutlich, daß ich mich in dem unglücklichen +Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch, es ist +mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, +glauben Sie es mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, +damit ich ihn vor Ihren Augen zerreißen kann, +Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich +ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, +ganz und gar im umgekehrten Sinne, das heißt, in +freundschaftlicher Absicht, indem Sie allen Worten in +meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich +habe mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, +ich habe mich ganz und gar geirrt, Jakoff +Petrowitsch.“ +</p> + +<p> +„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig +der treulose Freund Herrn Goljädkins des Älteren. +</p> + +<p> +„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, +Jakoff Petrowitsch, und daß ich meinerseits ganz ohne +falsche Scham ...“ +</p> + +<p> +„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt +<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> +haben,“ antwortete ihm grob Herr Goljädkin +der Jüngere. +</p> + +<p> +„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ +fügte unser Held in seiner anständigen Weise offenherzig +hinzu, ohne die Falschheit seines verlogenen +Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß +hier zwei ganz ähnliche ...“ +</p> + +<p> +„Ah, das ist Ihre Idee! ...“ +</p> + +<p> +Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte +Herr Goljädkin der Jüngere auf und griff nach seinem +Hut. Ohne die schlechte Absicht zu bemerken, erhob +sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem +Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in +seiner Unschuld bemühte er sich noch weiter, ihm zu +schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft zu gewinnen +... +</p> + +<p> +„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich +Herr Goljädkin der Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen +und bemerkte im Gesicht seines Freundes etwas +Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte +er in die ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger +seiner Hand. Nun aber ... nun überstieg die Schamlosigkeit +Herrn Goljädkins des Jüngeren alle Grenzen +und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das +man haben konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn +Goljädkins des Älteren gedrückt hatte, wiederholte der +Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den Augen +des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von +heute morgen ... +</p> + +<p> +Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein +Taschentuch wieder eingesteckt, mit dem er seine Finger +<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> +abgewischt, als Herr Goljädkin der Ältere erst zu +sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte, +wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner +schändlichen Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob +nichts geschehen wäre, stand er vor dem Büfett und +aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter +Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte. +</p> + +<p> +„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ +dachte unser Held und ging gleichfalls ans Büfett, +ganz besinnungslos vor Aufregung. +</p> + +<p> +„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie +denken Sie darüber?“ begann von neuem Herr Goljädkin +<span class="antiqua">junior</span> mit seinen unpassenden Bemerkungen, +denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld +Herrn Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah +auf ihre beiden Gäste mit blöden Augen, da sie wohl +die russische Sprache nicht verstand, und lächelte nur +zuvorkommend. +</p> + +<p> +Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des +Jüngeren sprang unser Held auf, und unfähig, sich +noch länger zu beherrschen, stürzte er sich endlich auf +ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm +– mit allem zu machen. Doch Herr Goljädkin der +Jüngere war nach seiner üblen Gewohnheit schon +längst auf und davon und befand sich bereits auf der +Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte +sich auf und folgte, so schnell als möglich, seinem Beleidiger, +der sich in eine Droschke setzte, die offenbar +auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit +ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett +<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> +die Flucht ihrer beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf +und klingelte aus aller Kraft mit der Glocke. Unser +Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für +sich und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder +nicht bezahlt hatte, verlangte auch nichts zurück, +raste nur hinaus, und ungeachtet dieser Verzögerung +gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen. +</p> + +<p> +Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur +zur Gebote stehenden Kräften an die Droschke und +lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm schließlich +gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr +Goljädkin der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. +Der Kutscher bearbeitete unterdessen seinen +alten Gaul, der seiner schlechten Gewohnheit nach +sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten +Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, +mit den Zügeln, und selbst mit den Füßen. +</p> + +<p> +Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. +Er stemmte sich mit dem Rücken an den Kutscher, war +also mit dem Gesicht und Knie an Knie seinem Feinde +zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den +schäbigen Pelzkragen seines Feindes gepackt. +</p> + +<p> +So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend +dahin. Unser Held wagte kaum zu atmen, der +Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte er +hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den +Hals zu brechen. Dazu wollte sein erbitterter Feind +sich ihm immer noch nicht ergeben, mühte sich vielmehr, +seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. +Das Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten +<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> +noch hinzukam, geradezu entsetzlich. Der +Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den offenen +Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. +Ringsum war es dunkel und man konnte kaum +die Hand vor den Augen sehen. Es war daher schwer +zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren +... Herrn Goljädkin schien es dabei, als erlebte er +etwas, das ihm bereits längst bekannt war. Einen +Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte +nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches +– geahnt hatte – ... im Traum –? Endlich erreichte +sein Zustand die äußerste Grenze. Schreiend +wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der +Schrei erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, +in dem Herr Goljädkin alles zu vergessen +schien und überzeugt war, daß das ganze gar nichts +bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche +Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle +eine ganz verlorene Sache wäre, dagegen anzukämpfen. +</p> + +<p> +Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als +unser Held zu diesem Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger +Stoß die Lage der Dinge. Herr Goljädkin +fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte +während des Falles ganz vernünftiger Weise, +daß er sich wirklich ganz zur unrechten Zeit erhitzt +hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er, +daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke +stand auf einem Hof, und Herr Goljädkin sah auf den +ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war, in +dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben +<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> +Augenblick bemerkte er, daß sich sein Freund bereits +auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch befand. +</p> + +<p> +In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon +seinem Feinde nachjagen, doch zu seinem Glück bedachte +er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht, den +Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und +lief so schnell er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. +Es schneite wie vorhin und es war feucht und +dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf +alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber +und Kinder, und stolperte selbst über die Männer, +Weiber und Kinder, die er umgeworfen hatte. Um +ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen +... hörte schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, +schien es, war nicht bei Besinnung und schenkte +alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er +kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke +befand und da auch nur dank dem Umstande, daß es +ihm gelungen war, zwei Weiber, die Eßwaren trugen, +umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen. +</p> + +<p> +„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles +das kann sich noch zum besten wenden!“ Er griff in +die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel für die +rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen. +Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem +neuen Licht erleuchtet: in der Tasche fand er den Brief, +den ihm der Schreiber am Morgen überreicht hatte. +Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht +weit entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und +so lief er denn, ohne Zeit zu verlieren, sofort dahin, +setzte sich an einen mit einem Talglicht erleuchteten +<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> +Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit, +hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen +Wünschen fragte, zerbrach das Siegel und begann +den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun allerdings +vollständig fassungslos machte: +</p> + +<div class="letter"> +<p class="addr"> +„Edler, für mich leidender und auf ewig meinem +Herzen teurer Mann! +</p> + +<p class="noindent"> +Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der +Verleumder, der Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit +bekannte Mensch hat mich mit seinen Netzen +umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! +– Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat +uns voneinander gerissen, meine Briefe an dich gestohlen +– und alles das tat der Unwürdige, indem er +sich seiner besten Eigenschaft bediente – der Ähnlichkeit +mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und +dennoch durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren +entzücken ... +</p> + +<p> +Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt +verheiraten, und am meisten intrigiert dafür mein Vater +und Wohltäter, Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, +der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren +Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen +will ... +</p> + +<p> +Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, +mit allen mir von der Natur geliehenen Mitteln. Erwarte +mich heute im Wagen um neun Uhr vor den +Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball +und der schöne Leutnant wird da sein. Ich werde +herauskommen und wir fliehen dann. Gibt es doch +<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> +auch noch andere Beamtenstellen, in denen man seinem +Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, +mein Freund, daß die Unschuld stark ist durch sich +selbst! +</p> + +<p> +Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. +Ich flüchte mich in den Schutz deiner Arme, +punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis zum +Grabe! +</p> + +<p class="sign"> +Klara Olssuphjewna.“ +</p> + +</div> + +<p class="noindent"> +Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war +er einige Augenblicke wie betäubt. In schrecklicher +Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich wie ein Tuch, +mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf +und ab. Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner +Lage, bemerkte unser Held nicht, daß er der Gegenstand +gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller +Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung, +seine heftige Aufregung, sein Auf und Ab, das Gestikulieren +mit beiden Händen, vielleicht einige rätselhafte +Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen +– alles das machte wahrscheinlich auf die +Anwesenden keinen gerade guten Eindruck und namentlich +dem Kellner schien er verdächtig. +</p> + +<p> +Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich +kam, daß er mitten im Zimmer stand und fast unhöflich +einen Greis von ehrwürdigem Aussehen anstarrte, +der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde +gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn +Goljädkin nicht abwandte. Verwirrt blickte unser +Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich alle, +ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten. +</p> + +<p> +Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit +<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> +rotem Kragen laut die „Polizeinachrichten“. Herr +Goljädkin fuhr zusammen und errötete: dabei senkte +er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung +geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider +und die ganze linke Seite waren vollständig +beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an mehreren +Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser +Held an einen Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn +ununterbrochen und frech beobachtete. Ganz verloren +und niedergedrückt fing nun unser Held an, den Tisch +zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen +gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen, +lagen schmutzige Servietten und soeben gebrauchte +Löffel, Gabeln und Messer. +</p> + +<p> +„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held. +„Doch nicht etwa ich? Alles ist ja möglich! Ich +habe vielleicht gegessen und es nur nicht bemerkt.“ +</p> + +<p> +Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder +den Kellner neben sich, der im Begriff schien, ihm etwas +zu sagen. +</p> + +<p> +„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“ +fragte unser Held mit zitternder Stimme. +</p> + +<p> +Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn +Goljädkin. Auch der Kellner lachte. Herr Goljädkin +begriff, daß er wieder einmal eine schreckliche Dummheit +begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so +verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem +Taschentuch zu greifen, wahrscheinlich nur, um irgend +etwas zu tun und nicht so dazustehen. Doch zu seiner +und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit seinem +Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus, +<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> +das ihm vor vier Tagen Krestjan Iwanowitsch, +der Doktor, verschrieben hatte. +</p> + +<p> +„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging +es Herrn Goljädkin durch den Kopf und plötzlich zuckte +er zusammen und schrie auf vor Schreck. Ein neues +Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote +Flüssigkeit schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den +Augen des Herrn Goljädkin ... Das Fläschchen fiel +zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie +nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der +umherspritzenden Flüssigkeit zurück ... er zitterte an +allen Gliedern und der Schweiß brach ihm aus Stirn +und Schläfen. +</p> + +<p> +„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen +erhob sich im Raum eine Bewegung und ein Gedränge. +Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten auf ihn +ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser +Held stand da, unbeweglich, er sah nichts, er hörte +nichts, er fühlte nichts ... Endlich riß er sich los +und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn halten wollten, +sprang fast ohne Besinnung in die erste beste +Droschke und floh nach Haus. +</p> + +<p> +Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er +Michejeff, dem Kanzleidiener, mit einem Schreiben in +der Hand. +</p> + +<p> +„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete +mit schwacher, kläglicher Stimme unser Held. +„Das ist ein offizieller ...“ +</p> + +<p> +Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet, +mit einer Unterschrift von Andrej Philippowitsch +versehen, und in ihm wurde er aufgefordert, alle in +<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> +seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener +zu übergeben. Herr Goljädkin nahm das Schreiben +und gab dem Diener ein Zehnkopekenstück, trat in sein +Zimmer und sah, wie Petruschka seine Sachen in einen +Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn +Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna, +die ihn seinem Herrn abspenstig gemacht hatte, deren +Eustaphia zu ersetzen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-12"> +<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> +XII. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer +triumphierenden Miene. Man sah ihm an, daß er +sich irgend etwas dabei dachte und sich vollkommen +in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so +aus, wie jemand, der keinen Dienst mehr ausübte, der +bereits der Diener eines anderen war, und nicht mehr +der seines früheren Herrn. +</p> + +<p> +„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend +unser Held. „Wieviel Uhr ist es jetzt?“ +</p> + +<p> +Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, +kehrte darauf langsam zurück und meldete in +ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald halb acht +Uhr sei! +</p> + +<p> +„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein +Lieber ... erlaube, daß ich dir sage, mein Lieber, daß +zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende ist.“ +</p> + +<p> +Petruschka schwieg. +</p> + +<p> +„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, +sage mir aufrichtig, wie ein Freund sage mir, wo du +warst, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war +mit dir immer zufrieden, mein Lieber und werde dir +<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> +ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn jetzt +bei ihnen dienen?“ +</p> + +<p> +„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein +guter Mensch kann einen nichts Schlechtes lehren.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute +Menschen gibt es jetzt selten. Schätze sie hoch, mein +Freund. Nun, wer sind sie denn?“ +</p> + +<p> +„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann +ich bei Ihnen, Herr, nicht länger dienen. Sie belieben +das selbst zu wissen.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne +deinen Eifer, ich habe alles gesehen, alles bemerkt. +Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte jeden guten +und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener +ist.“ +</p> + +<p> +„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin +gehen, wo es besser ist. So ist’s. Sie belieben zu wissen, +Herr, ohne einen guten Menschen kann ich +nicht ... –“ +</p> + +<p> +„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es +... Nun, hier hast du dein Geld und ein Zeugnis. +Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns gegenseitig +...“ +</p> + +<p> +Petruschka blickte ihn an. +</p> + +<p> +„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen +Dienst, um einen letzten Dienst,“ sagte Herr Goljädkin +in feierlichem Tone. „Siehst du, mein Lieber, alles +ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in +Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du +weißt, mein Freund, ich war gegen dich immer +freundlich ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> +Petruschka schwieg. +</p> + +<p> +„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, +mein Lieber ... Aber sag, was haben wir denn jetzt +noch an Wäsche, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken +drei Paar, vier Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider +zwei. Sie wissen ja selbst alles. Ich, Herr, +rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr, hüte +Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, +habe mir nie eine Sünde ... Herr, Sie wissen +doch selbst, Herr ...“ +</p> + +<p> +„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. +Nicht das meine ich, mein Freund, nicht das, siehst du, +mein Freund ...“ +</p> + +<p> +„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als +ich damals noch beim General Stolbujäkoff diente, da +entließen sie mich, als sie selbst nach Saratoff reisten +... ein Gut haben sie dort ...“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke +nicht etwa ... mein lieber Freund ...“ +</p> + +<p> +„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – +Sie belieben das ja selbst zu wissen –, Leute verleumden! +Aber mit mir war man überall zufrieden. +Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. +Ich diente bei vielen, beim Fürsten Swintschatkin, +beim Hauptmann Pereborkin, beim General Njedobaroff, +sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch +bekannt ...“ +</p> + +<p> +„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, +gut. Siehst du, mein Freund, auch ich werde jetzt verreisen +... Jeder hat seinen Weg, mein Lieber, und +<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> +keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, +mein Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die +Uniform heraus, andere Beinkleider, Tücher, Betten, +Kissen ...“ +</p> + +<p> +„Soll ich alles in ein Bündel packen?“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein +Bündel! Wer weiß, was noch alles mit mir geschehen +wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole mir +einen Wagen ...“ +</p> + +<p> +„Einen Wagen?“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen +– miete einen auf längere Zeit! Aber du, mein +Freund, mußt nicht etwa denken ...“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie weit fahren? ...“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich +selbst nicht. Ich denke, ein Federbett muß man auch +hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich verlasse +mich ganz auf dich, mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Wünschen Sie sofort abzufahren?“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen +es ... so steht es, mein Lieber, so steht es ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, +war das mit einem Leutnant ebenso: von einem +Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“ +</p> + +<p> +„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“ +</p> + +<p> +„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. +Alles war schon vorbereitet worden ... Es gab +eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene Fürst jagte ihnen +selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“ +</p> + +<p> +„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, +wie weißt du denn das, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> +„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das +Gerücht weiter, Herr! Wir wissen doch alles, Herr. +Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich sage +Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: +wenn das jetzt so ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie +einen Feind haben, einen Nebenbuhler, Herr, einen +starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es +also auch, mein Lieber ... Nun, darin kann ich mich +ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also tun, +mein Freund, was kannst du mir raten?“ +</p> + +<p> +„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt +haben, Herr, dann müssen Sie noch etwas dazukaufen, +wie Laken, Kissen, ein anderes Federpfühl, +ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim +Nachbarn unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat +einen Fuchspelz zu verkaufen, den könnte man sich +ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie +werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz +mit Atlas bezogen ...“ +</p> + +<p> +„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz +mit dir einverstanden; ich verlasse mich ganz auf dich. +Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur schnell, +schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den +Pelz kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, +schneller, um Gottes willen, schneller, mein Freund! +Beeile dich, mein Freund! ...“ +</p> + +<p> +Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, +Decken, Laken und all den anderen Kram zu Boden +und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff +unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte +<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> +er ihn nicht. Mit beiden Händen griff er nach seinem +armen Kopf und lehnte sich vor Verwunderung an die +Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch +nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. +Endlich, als er bemerkte, daß die Zeit verstrich, und +weder Petruschka noch der Fuchspelz erschienen war, +entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu gehen. Als er +die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der +Treppe lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute +schrien und stritten sich – und Herr Goljädkin +wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas Stimme +und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! +sie werden die ganze Welt zusammenrufen!“ stöhnte +Herr Goljädkin, rang die Hände vor Verzweiflung +und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich +fast besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in +die Kissen. Nachdem er einen Augenblick so gelegen +hatte, sprang er wieder auf und ohne Petruschka zu +erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel +an, setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren +und stürzte auf die Treppe hinaus. +</p> + +<p> +„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, +ich werde alles selbst besorgen. Laß nur vorläufig +alles so stehen, unterdessen wird sich vielleicht das +Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin +eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. +Darauf lief er die Treppe hinunter und zum Hause +hinaus. Sein Herz stand ihm still – er konnte sich zu +nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie +sollte er in dieser kritischen Lage handeln ... +</p> + +<p> +„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, +<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> +das mußte gerade noch kommen!“ rief er endlich +verzweifelt aus und strich ziellos die Straße entlang, +„das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das +nicht wäre, gerade das, dann würde sich noch alles +ordnen und beilegen lassen, mit einem Schlage, mit +einem gewandten und festen Schlage würde es sich +machen lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, +daß es sich machen ließe! Und ich weiß sogar, auf welche +Weise es zu machen ginge. Es würde so gemacht +werden: Ich würde also – ich würde das und das, +das heißt würde so und so sagen ... ‚mein Herr, mit +Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut man nicht, mein +sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und +mit Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, +mein Herr, ist ein unnützer Mensch, das heißt ein +Mensch, der seinem Vaterlande keinen Nutzen bringt. +Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein +sehr geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! +...“ +</p> + +<p> +„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das +wäre auch nicht das Richtige, durchaus nicht das +Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf, Erzdummkopf! +Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, +so wird es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt +verkriechen? Was werde ich zum Beispiel jetzt mit mir +anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu taugst du +jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun? +</p> + +<p> +Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, +einen Wagen für sie, sonst macht sie sich die Füßchen +naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer hätte +das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein +<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> +wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, +meine Herrin, ausgezeichnet ... Und das kommt +alles von der schlechten Erziehung. Wie ich das jetzt +übersehe und es durchschaut habe – so ist alles Sittenlosigkeit. +Man hätte ihr von Jugend auf – die +Rute, tüchtig die Rute geben sollen, sie aber haben sie +statt dessen mit Konfekt und allen Süßigkeiten gefüttert +und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll: ‚Ach, +du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen +Grafen verheiraten! ...‘ +</p> + +<p> +Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns +jetzt ihre Karten gezeigt, da – habt ihr es, das ist +mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen hätten, +statt sie in die Pension zu der französischen Madame +zu geben, irgend so einer Emigrantin! Da lernen +sie wohl viel Gutes, bei der Emigrantin ... und +– da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt +und freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um +so und so viel Uhr unter meinem Fenster und singen +Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich werde Sie +erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir +zusammen, um in einer Hütte zu leben!‘ +</p> + +<p> +Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon +so weit gehen, meine Dame ... das geht nicht an! +Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und unschuldiges +Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem +Elternhause zu entführen! Und schließlich auch: warum? +Ich sehe gar keine Notwendigkeit. Mag sie heiraten, +wie es sich gehört, und wen das Geschick ihr +bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich +aber bin ein Beamter und kann deshalb meine Stellung +<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> +verlieren. Ich, meine Dame, kann deshalb vor +Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das +noch nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles +eingebrockt, dieser ganze Wirrwarr geht von ihr aus. +Deshalb haben sie einen Menschen verleumdet. Deshalb +haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, +auf den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt +alles her. Denn sonst, warum haben sie Petruschka +hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache zu +schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun? +</p> + +<p> +‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich +nicht, ich kann nicht ... Für dieses Mal, meine +Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das +kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der +Deutschen, nicht von der Hexe, sondern einfach von +Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute Frau, die +Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, +Sie sind schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen +mich vors Gericht, – unter falschen Anschuldigungen +...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da +muß der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und +kann sich selbst nicht erhalten, – wie kann man denn +da noch heiraten! Und wie wird denn das alles enden? +Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel +darum geben, wenn ich das wissen könnte! ...“ +</p> + +<p> +So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als +er plötzlich zu sich kam, bemerkte er, daß er irgendwo +auf <a id="corr-38"></a>der Liteinaja stand. Das Wetter war +schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und +Schnee zusammen, genau wie zu jener unvergeßlichen +<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> +Stunde um Mitternacht, als das Unglück Herrn Goljädkins +seinen Anfang nahm. +</p> + +<p> +„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, +nach dem Wetter sehend, „das wäre einfach +Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich denn +hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint +etwas Schwarzes zu dämmern! Wir wollen sehen! ... +Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held fort und lenkte +seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas +Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich +weiß, was ich tue! Ich gehe zu ihm, falle ihm zu Füßen +und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So +und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die +Hände der Behörde, Ew. Exzellenz, beschützen Sie +und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre ein +ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, +ich flehe Sie an, als meinen Vater flehe ich +Sie an, verlassen Sie mich nicht ... Retten Sie meine +Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie +mich vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen +... Er ist ein anderer Mensch, Ew. Exzellenz, +und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer für +sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz +für mich, Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. +Ew. Exzellenz, so ist’s! Das heißt, ich kann gar nicht Er +sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu ändern +mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum +Beispiel für andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu +Ihnen, wie zu meinem Vater! Die Behörde, die wohltätige +und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas unterstützen +... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. +<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> +Das heißt, wie gesagt, ich wende mich an die +Behörde, wie an einen Vater, und vertraue ihr mein +Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst werde +mich von allen zurückziehen, so ist’s!“ +</p> + +<p> +„Nun, mein Lieber, bist du frei?“ +</p> + +<p> +„Ja, Herr.“ +</p> + +<p> +„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“ +</p> + +<p> +„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“ +</p> + +<p> +„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, +wie es kommt.“ +</p> + +<p> +„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß +es selbst noch nicht genau, mein Lieber, ich kann es +deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen. Siehst du, +mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. +Es ist ja bekannt, mein Freund ...“ +</p> + +<p> +„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. +Aber was nimmst du dafür, mein Lieber? ...“ +</p> + +<p> +„Belieben Sie sofort zu fahren?“ +</p> + +<p> +„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest +du ein wenig ... so, nur ein wenig, nicht lange, +mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend +nehmen wollen, so kann ich bei diesem Wetter nicht +weniger als sechs Rubel ...“ +</p> + +<p> +„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, +mein Lieber. Und jetzt kannst du mich gleich fahren, +mein Lieber.“ +</p> + +<p> +„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier +<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> +noch ein wenig zurechtzumachen ... Steigen Sie nur +ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“ +</p> + +<p> +„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“ +</p> + +<p> +Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und +setzte seine beiden Gäule, die er nur mit aller Gewalt +vom Heusack wegreißen konnte, in der Richtung auf +die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog +Herr Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten +und bat mit flehender Stimme den Kutscher, +nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine bestimmte +andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um +und in zehn Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins +vor dem Hause, welches Seine Exzellenz bewohnte. +Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat +seinen Kutscher inständig, zu warten und lief selbst +mit zitterndem und zagendem Herzen die Treppe hinauf, +in den zweiten Stock. Er klingelte, die Tür wurde +geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der +Exzellenz. +</p> + +<p> +„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr +Goljädkin an den Menschen, der ihm die Tür öffnete. +</p> + +<p> +„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der +Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. +</p> + +<p> +„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat +Goljädkin. Ich wünsche – Exzellenz zu sprechen ...“ +</p> + +<p> +„Warten Sie bis morgen.“ +</p> + +<p> +„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine +Sache ist zu wichtig ... meine Sache duldet keinen +Aufschub ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> +„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie +eine Aufforderung?“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde +mich, mein Freund, sage: so und so, um zu erklären ... +Und ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber +...“ +</p> + +<p> +„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden +vorzulassen. Es sind Gäste da. Kommen Sie +morgen um zehn Uhr ...“ +</p> + +<p> +„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich +warten! Sie, mein Lieber, werden sonst die +Verantwortung ...“ +</p> + +<p> +„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ +sagte ein anderer Lakai, der sich auf einer Bank +rekelte und bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte. +</p> + +<p> +„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden +vorzulassen, verstehst du? Die Empfangsstunden +sind am Morgen.“ +</p> + +<p> +„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte +deiner Zunge schaden!“ +</p> + +<p> +„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge +wird’s nicht schaden! Es ist aber befohlen ... Treten +Sie in dieses Zimmer.“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf +dem Tisch stand eine Uhr, er sah, daß es halb neun +war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er wollte +schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief +der Diener, der an der Schwelle zum nächsten Zimmer +stand, laut seinen Namen. +</p> + +<p> +„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher +Verwirrung unser Held. „Was werde ich +<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> +nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s ... +ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten +... geruhen Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist +die ganze Sache verdorben, alles in den Wind zerstreut. +Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens +keine Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück +und führte Herrn Goljädkin ins Kabinett Seiner +Exzellenz. +</p> + +<p> +Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, +er konnte überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei +Gestalten tauchten undeutlich vor seinen Augen auf: +„Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn Goljädkin +durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held +den Stern auf dem schwarzen Frack der Exzellenz +deutlich erkennen. Damit kam er denn zur Besinnung +und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen +wieder ... +</p> + +<p> +„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme +Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“ +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“ +</p> + +<p> +„Wie? Was?“ +</p> + +<p> +„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, +um zu erklären, Ew. Exzellenz ...“ +</p> + +<p> +„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“ +</p> + +<p> +„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“ +</p> + +<p> +„Nun, was wünschen Sie?“ +</p> + +<p> +„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen +Vater: ich selbst halte mich ganz aus der Sache, +<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> +und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde zu beschützen, +– das ist alles!“ +</p> + +<p> +„Was heißt das?“ +</p> + +<p> +„Es ist doch bekannt ...“ +</p> + +<p> +„Was ist bekannt?“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an +zu zittern ... +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich +meinte, in moralischem Sinne: Ew. Exzellenz als Vater +anerkennen ... das heißt, so und so, beschützen Sie +mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas +zu – zu – un–ter–stützen ...“ +</p> + +<p> +Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte +für einen Augenblick wieder nichts mehr wahrnehmen. +Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der +Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich +auf den Beinen halten sollte ... Er schämte sich und +unsagbar traurig war ihm zumute. Gott weiß, was +ihn erwartete ... +</p> + +<p> +Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, +daß Seine Exzellenz mit seinen Gästen sehr lebhaft +sprach und sich mit ihnen zu beraten schien. Einen der +Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch. +Den anderen dagegen erkannte er nicht, +obgleich ihm das Gesicht sehr bekannt schien: eine hohe +volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit buschigen +Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem +Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing +ein Orden und eine Zigarre stak zwischen den Zähnen. +Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus +<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> +dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem +Kopfe, von Zeit zu Zeit zu Herrn Goljädkin hinüberblickend. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. +Er wandte seinen Blick zur Seite, und dabei bemerkte +er – einen sehr sonderbaren Gast. In der Tür, die unser +Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie +es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir +wissen ja schon, wer: der Bekannte und Freund Herrn +Goljädkins. Herr Goljädkin der Jüngere hatte sich bis +dahin offenbar in einem kleinen Zimmer aufgehalten, +um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man +ihn wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren +unter dem Arm, ging er auf Seine Exzellenz zu und +in Erwartung, daß sich die allgemeine Aufmerksamkeit +auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich +alsbald sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung +mit einzumischen. Er nahm seinen Platz hinter +dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde +teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre +rauchte. +</p> + +<p> +Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere +Anteil am Gespräch, dem er mit Eifer folgte, zu dem +er mit dem Kopfe nickte, während er in einem fort +lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, +ganz als flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, +auch ein Wörtchen einzuflechten. +</p> + +<p> +„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich +einen Schritt auf ihn zu. In diesem Augenblicke +kehrte sich Seine Exzellenz um und näherte sich +selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin. +</p> + +<p> +<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> +„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde +Ihre Sache nachprüfen, und Sie werde ich begleiten +lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den Unbekannten +mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen +seiner Einwilligung mit dem Kopf. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu +genau, daß man ihn für etwas anderes nahm und +ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich gehörte. +„So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, +„das heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete +er in der Verwirrung seine Augen zu Boden und zu +seiner äußersten Verwunderung sah er auf den Stiefeln +Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck. +</p> + +<p> +„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. +Doch bald entdeckte Herr Goljädkin, daß die +Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt waren, +sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das +sich daraus erklärte, daß die Stiefel von Lack waren +und stark glänzten. „Das nennt man aber blank sein,“ +dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick wieder +erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil +die Sache sich sonst zu einem schlechten Ende wenden +konnte ... Unser Held trat also einen Schritt nach +vorn. +</p> + +<p> +„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte +er. „Ich meine doch, einen falschen Namen zu tragen, +ist in unserer Zeit doch wohl nicht erlaubt.“ +</p> + +<p> +Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern +zog nur heftig an der Glockenschnur. Unser Held +trat noch einen Schritt vor. +</p> + +<p> +„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, +<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> +Ew. Exzellenz,“ sagte unser Held, ohne sich zu besinnen, +ersterbend vor Furcht, und wies trotz alledem +kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, +der sich diesen Augenblick dicht bei Seiner +Exzellenz zu schaffen machte. „So und so ... das +heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“ +</p> + +<p> +Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine +allgemeine Bewegung. Andrej Philippowitsch und der +Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine Exzellenz +riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der +Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem +Augenblick trat Herr Goljädkin der Jüngere vor. +</p> + +<p> +„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich +um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen.“ In der Stimme +Herrn Goljädkins des Jüngeren lag äußerste Entschlossenheit. +Alles an ihm drückte aus, daß er sich +vollkommen in seinem Recht fühlte. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, +eifrig einer Antwort Seiner Exzellenz zuvorkommend, +und wandte sich diesmal an Herrn Goljädkin selbst. +„Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie +sich so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem +Sie stehen und in wessen Kabinett Sie sich befinden? +...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer +sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: +Tränen der Empörung traten ihm in die Augen. +</p> + +<p> +„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick +der Lakai mit lauter Stimme, indem er in der +Tür des Kabinetts erschien. +</p> + +<p> +„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ +dachte Herr Goljädkin und fühlte im selben +<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> +Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr freundschaftlicher +Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte +sich ihm noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine +Ebenbild von Herrn Goljädkin lief voran und +zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg – +Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam +auf die große Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt +wurde. +</p> + +<p> +„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte +er, als er sich schon im Vorzimmer befand, begleitet +von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von seinem +unvermeidlichen Ebenbilde. +</p> + +<p> +„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines +Freundes! Den Mantel meines besten Freundes!“ +schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den +Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung +den Mantel Herrn Goljädkin über den +Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel +wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter +der Diener. Doch er achtete nicht darauf und kümmerte +sich um nichts. Ruhig trat er aus dem Vorzimmer +auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr +Goljädkin der Jüngere folgte ihm. +</p> + +<p> +„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser +Herrn Goljädkin dem Älteren nach. +</p> + +<p> +„Schurke!“ sagte unser Held außer sich. +</p> + +<p> +„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“ +</p> + +<p> +„Verworfener Mensch! ...“ +</p> + +<p> +„Nun, meinetwegen auch ein verworfener +Mensch ...“ antwortete dem würdigen Herrn Goljädkin +sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen Gemeinheit +<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> +und sah frech, oben von der Treppe hinunter +und ohne die Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin +an, als forderte er ihn auf, so weiter fortzufahren. Unser +Held spie aus vor Empörung und stürzte zum Hause +hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, +wie er in den Wagen gelangte. Als er endlich zu sich +kam, sah er, daß er an der Fontanka entlang fuhr. +„Wahrscheinlich fährt er nach der Ismailoffbrücke,“ +dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin +noch etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war +etwas so Entsetzliches, das zu erklären unmöglich +schien ... +</p> + +<p> +„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr +weiter zur Ismailoffbrücke. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="chapter" id="chapter-4-13"> +<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> +XIII. +</h3> + +</div> + +<p class="noindent"> +... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte. +Der nasse Schnee, der bis jetzt in großen Massen niederfiel, +wurde allmählich dünner und immer dünner, +und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde +klarer und hin und wieder sah man Sterne blinken. +Es war jedoch noch immer feucht, schmutzig und +schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin +nur mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und +schwerer Mantel umhüllte mit einer unangenehmen +warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer +auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften +Herrn Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief +seinen Körper mit spitzen scharfen Nadeln. Die +Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn. +Herr Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß, +wie bei sonstigen Gelegenheiten, mit der ihm +eigenen Charakterfestigkeit seine Lieblingsphrase zu +wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch +zum besten wenden würde. +</p> + +<p> +„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“ +behauptete unser starker und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher +Held nur, indem er sich vom Gesicht +das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande +<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> +seines runden Hutes tropfte, der, aufgeweicht und +durchnäßt wie er war, das Wasser nicht mehr aufnehmen +konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung +war, daß das alles noch nichts zu sagen hätte, +so versuchte er sich wenigstens auf den dicken Holzklotz +zu setzen, der sich auf dem Hofe von Olssuph Iwanowitsch +neben einem großen Holzstoß befand. +</p> + +<p> +Natürlich war von der spanischen Serenade nicht +die Rede: viel eher mußte er an seinen, wenn auch +nicht großen, so doch immerhin warmen, gemütlichen +und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt, +sehnte er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf +dem Treppenflur der Wohnung von Olssuph Iwanowitsch, +in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer +Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank, +zwischen alten Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden +hatte. Die Sache war nämlich die, daß Herr +Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem +Hofe Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen +und gemütlichen Winkel waren diesmal +Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben +hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich +bemerkt und infolgedessen waren seit der Geschichte +auf dem Balle bei Olssuph Iwanowitsch gewisse +Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf +das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna +warten, denn es war doch sicher von einem solchen +verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war es +immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen, +und nicht mit uns wird es aufhören“. +</p> + +<p> +Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans, +<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> +den er schon vor langer Zeit gelesen hatte, in +dem die Heldin unter denselben Umständen ihrem Alfred +ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie +ans Fenster befestigte. Ein rosa Band aber, in der +Nacht und beim Petersburger Klima, das ja durch +seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht +an, nein: das war einfach unmöglich! +</p> + +<p> +„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ +dachte unser Held, „besser ist sicher, ich verhalte mich +still! Und suche mir einen anderen Platz!“ Und richtig, +er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern +gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über +den Hof verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, +die Wagen rasselten, die Pferde wieherten usw. +Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn +nun bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte +der Platz den Vorteil, daß die Sache im Schatten vor +sich ging und Herrn Goljädkin niemand sehen konnte, +er selbst aber alles sah. +</p> + +<p> +Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. +Es schien wieder eine feierliche Gesellschaft bei Olssuph +Iwanowitsch versammelt zu sein. Musik war +übrigens noch nicht zu vernehmen. +</p> + +<p> +„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur +so eine Gesellschaft sein,“ dachte Herr Goljädkin. +„Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm dann durch +den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? +Es kann sein, alles kann sein ... alles ist möglich! +Vielleicht war der Brief gestern geschrieben worden +und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka ihn vergessen +hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen +<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> +bestimmt ... so, daß ich ... erst morgen alles hätte +vorbereiten sollen, das heißt, mit dem Wagen hätte +warten sollen ...“ +</p> + +<p> +Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff +nach dem Briefe in der Tasche, um sich zu überzeugen. +Doch zu seiner Verwunderung fand sich kein Brief in +der Tasche. +</p> + +<p> +„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken +Herr Goljädkin: „Wo kann er sein? Sollte +ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte er +auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, +vielleicht ist es schon geschehen! Herrgott! Was kann +sich daraus ergeben! Das wäre ja ... Ach, du mein +verfluchtes Schicksal!“ +</p> + +<p> +Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem +Gedanken, daß vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, +als er ihm den Mantel über den Kopf geworfen, +damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu +entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden +Herrn Goljädkins etwas erfahren hatte. „Da hätte er +einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin, „einen Beweis +... und was für einen Beweis! ...“ +</p> + +<p> +Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens +stieg Herrn Goljädkin das Blut heiß in den Kopf. +Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach seiner +glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz +und fing an nachzudenken ... Aber seine Gedanken +hatten keinen Zusammenhang. Es tauchten verschiedene +Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald +undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener +Vorgänge – Motive dummer Lieder, die ihm durch +<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> +den Kopf gingen ... Es war ein Elend, ein Elend, +ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte +unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem +Versuch, das dumpfe Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, +„gib mir Festigkeit in der unerschöpflichen +Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin, +vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das +liegt in der Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch +nicht anders sein! Erstens habe ich meine Stellung +verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch +nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine +Möglichkeit geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht +noch für die erste Zeit: ich nehme mir irgendeine kleine +Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka wird +zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne +den Schuft auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen +und zurückkommen, wann es mir paßt, und Petruschka +wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich +spät nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne +ihn ... Nun, nehmen wir also an, daß das alles sehr +gut ginge. Nur handelt es sich noch immer nicht darum, +noch immer nicht darum! ...“ +</p> + +<p> +Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage +in Herrn Goljädkin auf, in der er sich unmittelbar befand. +Er blickte um sich. „Ach, du mein großer Gott! +Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ +dachte er, und griff wieder ganz und gar verloren +nach seinem brummenden Kopf. +</p> + +<p> +„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte +plötzlich eine Stimme neben ihm. Herr Goljädkin +fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein Kutscher, +<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> +gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom +Warten ungeduldig geworden und wollte nach seinem +Herrn hinter dem Holzstoß sehen. +</p> + +<p> +„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein +Freund, komme bald, sehr bald, sehr bald – warte +noch ein wenig ...“ +</p> + +<p> +Der Kutscher ging fort und brummte etwas in +den Bart. +</p> + +<p> +„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin +unter Tränen, „ich habe ihn doch für den ganzen +Abend genommen, ich bin durchaus in meinem Recht, +so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und +damit ist die Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! +Das hängt von meinem Willen ab. Willigt er ein, +oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter +dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat +hier nichts zu meinen: will der Herr hinter dem Holz +stehen, so mag er es tun ... seiner Ehre wird das nicht +schaden! So ist’s! +</p> + +<p> +So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. +Und in einer Hütte, meine Dame, das heißt, so +und so, kann in unserer Zeit niemand mehr leben. Und +ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen +Zeit auch nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst +jetzt ein bedauernswertes Beispiel sind ... Das heißt, +Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer des Meeres +in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, +braucht man an den Ufern des Meeres keine Titularräte +und zweitens hätten wir da überhaupt nicht zum +Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte +beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so +<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> +und so, möchte Titularrat werden ... begünstigen Sie +mich trotz meiner Feinde ... dann wird man Ihnen sagen, +meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, +und daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo +Sie gute Sitten lernen sollen, um als gutes Beispiel +zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame, bedeutet, zu +Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit +an Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden +sich schon mit der Zeit von selbst – so ist’s! Freilich +muß man verschiedene Talente besitzen wie: Klavierspielen, +Französisch sprechen, in der Geschichte, Geographie, +Religion und Arithmetik bewandert sein, – +so ist’s! Mehr ist auch nicht nötig. Und dazu dann die +Küche. Jedenfalls sollte jedes sittsame Mädchen die +Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie, +meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst +überlassen, man wird Ihnen nachsetzen und wird Sie +zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und was, meine +Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen +Sie mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich +wie in dummen Romanen mich auf den nächsten Hügel +setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf +die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder +soll ich etwa der Vorschrift einiger schlechter deutscher +Poeten und Romanschriftsteller folgen und freiwillig +sterben? Wollen Sie das, meine Dame? +</p> + +<p> +Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft +auszudrücken, daß die Dinge so nicht gehen, und daß +man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen müßte, +weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben +haben. Denn französische Bücher lehren einen nichts +<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> +Gutes. Das ist Gift ... reines Gift, meine Dame! +Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß +ich Sie frage, denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft +und ... leben dann in einer Hütte am Meer! +Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie +die Tauben zu girren und verbringen so unser Leben +in Zufriedenheit und Glück! Und wenn dann ein Kleines +kommt, dann werden wir ... – dann sagen wir +so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, +ein Kleines ist da, also nehmen Sie bei der +Gelegenheit Ihren Fluch zurück und segnen Sie uns! +</p> + +<p> +Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und +auf das Girren hoffen Sie nicht, denn von alledem +wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der Herr, +und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem +gehorchen. Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen +Zeit nicht, die Zeiten Jean Jacques Rousseaus +sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann zum +Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, +fragt er seine Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen +Hering, ein Gläschen Schnaps?‘ Also müssen +Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten. +Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er +sich gar nicht, er sagt nur: ‚Geh in die Küche, mein +Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘ Er küßt Sie +vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut +er sehr gleichgültig! ... +</p> + +<p> +So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das +tun wir nur gleichgültig! ... So ist es, wenn man +sich’s genau überlegt, wenn es darauf ankommt ... +Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, +<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> +haben Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? +‚Tugendhafter, für mich leidender und meinem +Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu +Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im +Komplimentemachen kein Meister bin und es nicht +liebe, Damen gefühlvollen Unsinn vorzuschwatzen, +meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte +Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht +finden, das sage ich Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. +Ich besitze einen offenen Charakter und einen gesunden +Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das +heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz +– so ist’s! ... Guten Menschen gegenüber trage ich +keine Maske, und um Ihnen alles zu sagen ...“ +</p> + +<p> +Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das +rote Gesicht seines Kutschers mit ganz durchnäßtem +Bart blickte wieder nach ihm hinter den Holzstoß ... +</p> + +<p> +„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, +mein Freund, weißt du. Ich komme sofort, sofort +...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend +mit zitternder und weinerlicher Stimme. +</p> + +<p> +Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete +seinen Bart, trat einen Schritt zurück, blieb wieder +stehen und blickte mißtrauisch Herrn Goljädkin an. +</p> + +<p> +„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du +... mein Freund ... ich werde nur ein wenig, nur +eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein +Freund ...“ +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ +sagte endlich der Kutscher und trat entschlossen auf +Herrn Goljädkin zu. +</p> + +<p> +<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> +„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, +siehst du, mein Freund, warte nur ...“ +</p> + +<p> +„Ja, Herr ...“ +</p> + +<p> +„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem +Dorfe bist du, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +„Wir sind Leibeigene ...“ +</p> + +<p> +„Ist dein Herr gut? ...“ +</p> + +<p> +„Ziemlich.“ +</p> + +<p> +„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein +Freund! Suche gute Menschen! Gute Menschen sind +jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt dir Essen +und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. +Denn oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen +die Tränen fließen ... Du siehst hier ein beklagenswertes +Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“ +</p> + +<p> +Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. +„Nun, wie Sie wollen, ich werde warten. Wird es +noch lange dauern?“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, +nicht mehr lange warten, mein Lieber ... Wie denkst +du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf dich +verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten +...“ +</p> + +<p> +„Dann werden Sie also fahren?“ +</p> + +<p> +„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... +hier ... wieviel hast du zu bekommen, mein Lieber?“ +</p> + +<p> +„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. +Ich habe lange gewartet, Herr, Sie werden mich armen +Menschen nicht schädigen, Herr.“ +</p> + +<p> +„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei +gab ihm Herr Goljädkin sechs Rubel und beschloß +<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> +ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das heißt, einfach +fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch +schon entschieden und der Kutscher entlassen war. +Folglich brauchte er hier nicht mehr zu warten, er +kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum Hoftor +hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich +umzusehen, keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen. +</p> + +<p> +„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ +dachte er, „und ich bin auf diese Weise dem Unglück +entronnen.“ +</p> + +<p> +Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz +leicht ums Herz. „Ach, wenn doch alles wieder gut +würde!“ dachte unser Held, glaubte aber selbst kaum +daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, +besser, von der Seite, das heißt, so ...“ +</p> + +<p> +Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln +quälte und den Schlüssel zu ihrer Lösung suchte, war +unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und beschloß +hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – +wieder umzukehren. +</p> + +<p> +„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme +von der anderen Seite, das heißt, so. Dann bin ich +ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache hat ihr +Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, +weiter nichts, und was da auch vorgehen mag – daran +bin ich nicht schuldig! So ist’s! So wird es jetzt +sein!“ +</p> + +<p> +Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, +kehrte unser Held auch wirklich wieder um – sehr zufrieden +darüber, daß er, dank seinem glücklichen Einfall, +<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> +jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen +würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, +du siehst nur zu – weiter nichts!“ Die +Rechnung war richtig, und die Sache mochte damit ihr +Ende haben! +</p> + +<p> +Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich +wieder in den friedlichen Schatten des ihn beschützenden +Holzstoßes und begann von neuem aufmerksam +nach den Fenstern zu blicken. +</p> + +<p> +Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und +zu warten. Es zeigte sich plötzlich an allen Fenstern +eine lebhafte Bewegung, Gestalten tauchten auf, die +Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von +Leuten drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, +alle sahen auf den Hof hinaus und schienen +etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß, begann +auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen +Bewegung zu folgen, er wandte voll Teilnahme +seinen Kopf nach links und nach rechts, soweit es +ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, +erlaubte. +</p> + +<p> +Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe +vor Schreck hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, +und er war sofort vollkommen davon überzeugt, daß +man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen +suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. +Denn alle blickten nach ihm hin. Davonzulaufen war +unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der entsetzte +Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah +als es möglich war, an das Holz und bemerkte dabei +erst jetzt, daß der Schatten des Stoßes ihn nicht mehr +<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> +ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in ein +Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich +gesessen! wenn es nur gegangen wäre! Doch ging +es nicht, entschieden ging es nicht! In seiner Angst +sprang er endlich auf und sah entschlossen nach allen +Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... +Und plötzlich errötete er über und über. Alle hatten +sie ihn bemerkt, alle winkten sie ihm mit den Händen +und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu. Die +Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man +rufen ... „Ich wundere mich, warum man diese Mädchen +nicht von Kindheit an durchgeprügelt hat,“ murmelte +unser Held vor sich hin, ganz und gar verwirrt. +</p> + +<p> +Plötzlich kam <em>er</em> (es ist bekannt <em>wer</em>) die Treppe +herunter gelaufen, im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos +auf ihn zugestürzt und heuchelte äußerste Freude +darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte. +</p> + +<p> +„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene +Mensch. „Jakoff Petrowitsch, Sie hier? Sie werden +sich erkälten. Hier ist es kalt, Jakoff Petrowitsch. +Kommen Sie doch hinein!“ +</p> + +<p> +„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff +Petrowitsch,“ murmelte unser Held mit schüchterner +Stimme. +</p> + +<p> +„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff +Petrowitsch, man bittet Sie, gefälligst einzutreten, +man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die Ehre +und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen +Sie!“ +</p> + +<p> +„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre +besser ... wenn ich nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch +<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> +...“ antwortete unser Held, und verging zugleich +vor Scham und vor Schreck. +</p> + +<p> +„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche +Mensch, „nein, nein, nein, für nichts in der Welt! +Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn Goljädkin +den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin +wollte durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm +sahen und ein Widerstreben dumm gewesen wäre, so +ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen, +daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm +geschah. Es war ja doch alles gleichgültig! +</p> + +<p> +Noch bevor sich unser Held recht besinnen und +sein Äußeres etwas in Ordnung bringen konnte, befand +er sich schon im Saal. Er sah bleich, zerstört und +verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze +Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – +alles, alles war überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, +Damen, ein ganzer Blumengarten: sie alle drängten +sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn +zu, sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern +heben, wobei er das Gefühl hatte, er schwebe in +einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa zur +Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und +wirklich, sie trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl +aber gerade zum Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch. +</p> + +<p> +Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand +Klara Olssuphjewna, bleich, düster und traurig, doch +wundersam geschmückt. Besonders fielen Herrn Goljädkin +die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren +schwarzen Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. +Auf der anderen Seite des Lehnstuhls stand Wladimir +<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> +Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen neuen +Ordensbändern im Knopfloch. +</p> + +<p> +Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der +Hand gerade aus Olssuph Iwanowitsch zu. Auf der +einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der Jüngere, +der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr +Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – +und auf der anderen Seite wurde er von Andrej Philippowitsch +begleitet, der eine höchst feierliche Miene +zur Schau trug. +</p> + +<p> +„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er +aber bemerkte, daß man ihn zu Olssuph Iwanowitsch +brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz erleuchtet. +Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte +in seinem Kopfe auf. In schrecklicher Angst stand unser +Held vor dem Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs. +</p> + +<p> +„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei +sich. „Natürlich werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher +Ehrbarkeit ... das heißt ... so und so, +usw.“ +</p> + +<p> +Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht +ein. Olssuph Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr +wohlwollend zu empfangen, und wenn er ihm auch +nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen ehrfurchteinflößenden +Graukopf, feierlich und zugleich +traurig, mit einem gütigen Ausdruck. So schien es +wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam es sogar vor, +als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: +er schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an +den Wimpern Klara Olssuphjewnas eine Träne blinkte +– und mit den Augen Wladimir Ssemjonowitschs +<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a> +schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die unerschütterliche +ruhige Würde Andrej Philippowitschs war +dem allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, +– auch der Jüngling, der dem alten Staatsrat Olssuph +Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits bittere +Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn +Goljädkin nur so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm +die heißen Tränen über die kalten Backen rannen ... +</p> + +<p> +Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen +und seinem Schicksal und im Augenblick voll Liebe, +nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern zu allen +Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, +der durchaus nicht mehr böse, der gar nicht mehr der +Doppelgänger zu sein schien, sondern ein ganz gleichgültiger +und liebenswürdiger Mensch, – also wandte +sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte +nicht auszudrücken, was seine Seele erfüllte, +in der sich so viel angesammelt hatte, er konnte nichts +sagen, nicht das geringste, und nur mit einer beredten +Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ... +</p> + +<p> +Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl +um das Gefühl des Greises zu schonen – Herrn +Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd und irgend +etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, +doch jedenfalls ganz versöhnt mit seinem +Schicksal und den Menschen, begann unser Held die +dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben +ihm den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer +Neugierde und mit unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme +an. Unser Held ging ins zweite Zimmer: überall +die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie +<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> +alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, +wie sie sich heimlich gegenseitig anstießen und +über etwas sehr Merkwürdiges sprachen, urteilten, flüsterten +und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin hätte +furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen! +</p> + +<p> +Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben +sich Herrn Goljädkin den Jüngeren. Er fühlte die +Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und ihn beiseite +zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff +Petrowitsch“ inständigst, ihn bei allen seinen +Unternehmungen behilflich zu sein und ihn im kritischen +Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin +der Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und +drückte kräftig die Hand Herrn Goljädkins des Älteren. +Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz +in der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, +er fühlte, wie ihn irgend etwas mehr und mehr beengte, +wie alle die Blicke, die auf ihn gerichtet waren, ihn +verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin +sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem +Kopfe eine Perücke trug. Der Herr Rat sah ihn mit +strengem, fragendem Blick an, der durch die allgemeine +Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser +Held beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm +zulächeln, sich ihm erklären, doch gelang ihm seine +Absicht nicht. In dem Augenblick, als er es tun wollte, +verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis +... Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er +sich, in einem weiten Kreise von Gästen, um sich selber +drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen Zimmer +nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich +<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> +über die ganze Menge. Alles regte sich auf, alles geriet +in Bewegung, alles stürzte zur Tür des ersten +Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen +hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke +Seite an Seite mit ihm zu stehen kam. Endlich ergriff +er seine Hand und setzte sich dem Lehnstuhl Olssuph +Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich +weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, +setzten sich in einem großen Kreise um Olssuph +Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles wurde still +und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, +alle richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch +und schienen etwas Besonderes zu erwarten. Herr +Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem Lehnstuhl von +Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn +Rat, der andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch +aufstellten. Das Schweigen dauerte an: man +erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie wenn in +irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange +Reise anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und +ein Gebet sprechen,“ dachte unser Held. Plötzlich entstand +eine ungewöhnliche Bewegung und unterbrach +Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das +Langerwartete einzutreten. +</p> + +<p> +„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge. +</p> + +<p> +„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch +den Kopf und er zuckte vor einem sonderbaren Gefühl +zusammen. +</p> + +<p> +„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll +Andrej Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph +<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> +Iwanowitsch an. Feierlich nickte Olssuph Iwanowitsch +mit seinem Kopfe. +</p> + +<p> +„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn +Goljädkin. Alle erhoben sich. Dann ergriff der Rat +die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und +Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins +des Jüngeren und führten sie beide feierlich mitten +durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah verwundert +um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn +Goljädkin den Jüngeren, der ihm bereits die Hand +entgegenstreckte. +</p> + +<p> +„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser +Held, streckte ihm gleichfalls freundschaftlich seine +Hände entgegen, und reichte ihm sogar seine Backe zum +Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin +... Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, +daß sein treuloser Freund ein wenig lächelte: +ganz so, als lächelte er schelmisch die sie umgebende +Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen +Gesicht Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – +die Grimasse des Judaskusses ... +</p> + +<p> +Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor +seinen Augen wurde es dunkel: ihm schien eine endlose +Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit großem Geräusch +durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch +es war schon zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben +worden, und ... +</p> + +<p> +Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die +Türen des Saales wurden ausgerissen und auf der +Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick Herr +Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am +<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> +Boden. Ein Schrei erstarb auf den Lippen. Übrigens +hatte Herr Goljädkin schon früher alles gewußt und +Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte +sich selbstbewußt und feierlich Herrn Goljädkin. Herr +Goljädkin erkannte seine Gestalt nur zu gut. Er hatte +ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen ... +Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch +in schwarzem Frack mit einem hohen Orden am Halse +und trug einen schwarzen Backenbart. Es fehlte ihm +nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit +voll zu machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie +gesagt, Herrn Goljädkin vor Schreck erstarren. Mit +wichtiger und feierlicher Miene ging der schreckliche +Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... +Unser Held reichte ihm die Hand. Der Unbekannte +ergriff sie und zog ihn an sich. Mit verlorenem Ausdruck +blickte unser Held um sich. +</p> + +<p> +„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, +Doktor der Medizin und Chirurgie, Ihr alter +Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte irgendeine +widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er +blickte sich um: er war es wieder, der abscheuliche, der +in der Seele verderbte Doppelgänger Herrn Goljädkins. +Eine boshafte Freude glänzte auf seinem Gesicht, +triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend +wandte er seinen Kopf ringsum, triumphierend +trippelte er zu allen und jedem, und es schien beinahe, +als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen. +Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das +Licht, um Herrn Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch +zu leuchten. Herr Goljädkin hörte deutlich, wie alle, +<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> +die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm nachdrängten, +sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin +nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, +Jakoff Petrowitsch, brauche sich nicht zu fürchten, da +Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein alter Bekannter +sei! ...“ +</p> + +<p> +Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete +Treppe hinaus. Auch hier war eine Menge Volk versammelt. +Geräuschvoll wurde die Tür aufgerissen und +Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit +Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, +bespannt mit vier Pferden, die vor Ungeduld schnauften. +Der schadenfrohe Herr Goljädkin der Jüngere +lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen. +Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung +Herrn Goljädkin auf, Platz zu nehmen. +</p> + +<p> +Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: +die ganze hellerleuchtete Treppe war von Menschen +besetzt: neugierige Augen blickten ihn von allen Seiten +an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem +obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und +betrachtete voll Anteil und Aufmerksamkeit alles, was +vorging. Alle warteten. Ein Gemurmel der Ungeduld +lief durch die Menge, als Herr Goljädkin zurückblickte. +</p> + +<p> +„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... +nichts, was Veranlassung zur Strenge geben, nichts, +was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse beziehen +könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel +und Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten +<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> +verneinend den Kopf. Tränen stürzten Herrn Goljädkin +aus den Augen. +</p> + +<p> +„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue +mich vollkommen ... ich lege mein Geschick in die +Hände Krestjan Iwanowitschs ...“ +</p> + +<p> +Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er +sein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs +lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender +Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr +und unheilverkündend aus der ganzen wartenden +Menge widerhallte. Da faßten Krestjan Iwanowitsch +und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, +Herrn Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den +Wagen, der Doppelgänger aber half, nach seiner verräterischen +Angewohnheit, noch von hinterrücks. Der +arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen +Blick auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein +Katzenjunges, das man mit kaltem Wasser begossen +hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe der +anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch +Krestjan Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde +zugeklappt. Ein Peitschenknall – und die Pferde zogen +an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit +... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz +unbändige Schreie seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße +auf den Weg. Eine Zeitlang hielten noch +mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt +und sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch +wurden ihrer immer weniger, bis sie schließlich verschwanden +und nur noch der schamlose Doppelgänger +Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen +<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> +seiner grünen Uniformbeinkleider, so lief er mit +zufriedenem Gesicht bald links, bald rechts neben dem +Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf +den Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster +und warf Herrn Goljädkin zum Abschied Kußhände +zu. Doch auch er wurde schließlich des Laufens +müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich +verschwand und fortblieb ... +</p> + +<p> +Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. +Das Blut pochte heiß in seinem Kopf. Er empfand +eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken zu +müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine +Brust entblößen, um sie mit Schnee zu kühlen. Dann +kam endlich, wie ein großes Vergessen, Bewußtlosigkeit +über ihn ... +</p> + +<p> +Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen +auf einem ihm unbekannten Wege fuhr. Links und +rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es war öde und +leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende +Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen +zwei Augen funkelte teuflische Freude. +</p> + +<p> +„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist +das? Oder ist er es doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! +Nur ist es nicht der frühere, sondern ein +anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan +Iwanowitsch ist es! ...“ +</p> + +<p> +„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, +ein Mensch für mich ... und ein Nichts – Krestjan +Iwanowitsch, ein Nichts von einem Menschen,“ begann +unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch +<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> +seine Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen +Krestjan Iwanowitsch zum Mitleid zu bewegen. +</p> + +<p> +„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, +Beheizung, Beleuchtung, Bedienung, was wollen Sie +denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng und +furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs. +</p> + +<p> +Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich +an den Kopf. Das war es: und das hatte er schon +lange geahnt! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="footnotes" id="part-5"> +Fußnoten +</h2> + +</div> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Ein Stadtteil von Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden „Linien“ +genannt. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Diminutiv von Pjotr. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Größte Kaufhalle in Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Eine der Meistererzählungen Gogols. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Abkürzung von Glafira. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in +den größeren Städten. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung „Der Mantel“, +die Warwara Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch +ausdrücklich aufmerksam gemacht hatte. Der Held der Erzählung +– gleichfalls ein kleiner Beamter – gleicht Makar Alexejewitsch +so auffallend, daß dieser glaubt, Gogol habe ihn, Makar Alexejewitsch, +geschildert und damit bloßgestellt. – Fedor Fedorowitsch +ist der Name eines der Vorgesetzten jenes kleinen Helden der +Erzählung. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Ein Stadtteil von St. Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Große Kaufhalle in Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Berühmte Kolonialwarenhandlungen in St. Petersburg. +<span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Armer Schlucker. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Das Warnungszeichen von der Peter-Paulus-Festung, daß +das Wasser der Newa steigt und die niedriger gelegenen Stadtteile +zu überschwemmen droht. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<p class="footnote"> +<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Der eigentliche Name des falschen Demetrius. <span class="ekr">E. K. R.</span> +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung +der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren +Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde +transkribiert nach: +</p> + +<p class="nowrap center"> +F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.<br> +Zweite Abteilung: Vierzehnter Band<br> +R. Piper & Co. Verlag, München, 1920.<br> +Sechstes bis zehntes Tausend +</p> + +<p class="skip_in_txt"> +Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen +Bucheinbänden nachempfunden und der <em>public domain</em> zur Verfügung gestellt. +</p> + +<p> +Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ +vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen +Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. +sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt. +</p> + +<p> +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. +</p> + +<p> +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. +Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert. +</p> + +<p> +Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) +eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen +wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. +</p> + +<p> +Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: +Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. +Die Schreibweise häufig vorkommender Namen +wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): +</p> + +<p class="list"> +Ssjetotschkin (Ssetotschkin) +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des +russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... Was wollen <span class="underline">Sie</span> denn noch von mir? Fedora sagt, das ...<br> +... Was wollen <a href="#corr-1"><span class="underline">sie</span></a> denn noch von mir? Fedora sagt, das ...<br> +</li> + +<li> +... geschehen? Nun, sagen <span class="underline">wird</span> zum Beispiel, und nehmen ...<br> +... geschehen? Nun, sagen <a href="#corr-3"><span class="underline">wir</span></a> zum Beispiel, und nehmen ...<br> +</li> + +<li> +... Ihr Gehalt, <span class="underline">daß</span> Sie sich noch dazu vorauszahlen ...<br> +... Ihr Gehalt, <a href="#corr-8"><span class="underline">das</span></a> Sie sich noch dazu vorauszahlen ...<br> +</li> + +<li> +... weil Sie schutzlos sind, weil <span class="underline">sie</span> keinen starken ...<br> +... weil Sie schutzlos sind, weil <a href="#corr-10"><span class="underline">Sie</span></a> keinen starken ...<br> +</li> + +<li> +... ihm auch, <span class="underline">Herr</span> Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...<br> +... ihm auch, <a href="#corr-16"><span class="underline">Herrn</span></a> Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...<br> +</li> + +<li> +... der nächsten Laterne, so daß man <span class="underline">ihm</span> deutlich erkennen ...<br> +... der nächsten Laterne, so daß man <a href="#corr-22"><span class="underline">ihn</span></a> deutlich erkennen ...<br> +</li> + +<li> +... etwas endgültig <span class="underline">vor</span> ihm Erworbenes an. ...<br> +... etwas endgültig <a href="#corr-31"><span class="underline">von</span></a> ihm Erworbenes an. ...<br> +</li> + +<li> +... „Ja, heute ging der Kanzleidiener <span class="underline">Micheleff</span> zu ...<br> +... „Ja, heute ging der Kanzleidiener <a href="#corr-32"><span class="underline">Michejeff</span></a> zu ...<br> +</li> + +<li> +... trat in Begleitung einiger <span class="underline">Beamten</span> heraus. Alle, die ...<br> +... trat in Begleitung einiger <a href="#corr-33"><span class="underline">Beamter</span></a> heraus. Alle, die ...<br> +</li> + +<li> +... auf <span class="underline">dem Liteinij Prospekt</span> stand. Das Wetter war ...<br> +... auf <a href="#corr-38"><span class="underline">der Liteinaja</span></a> stand. Das Wetter war ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/35339-h/images/cover.jpg b/35339-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ed389bf --- /dev/null +++ b/35339-h/images/cover.jpg diff --git a/35339-h/images/logo.jpg b/35339-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e569b5e --- /dev/null +++ b/35339-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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