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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-09 19:21:04 -0700
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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***
+
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
+
+ Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
+ herausgegeben von Moeller van den Bruck
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+ Übertragen von E. K. Rahsin
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+ Zweite Abteilung: Vierzehnter Band
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+ F. M. Dostojewski
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+ Arme Leute
+ Der Doppelgänger
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+ Zwei Romane
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+ R. Piper & Co. Verlag, München
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+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
+ Sechstes bis zehntes Tausend
+
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+ Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.
+ Verlag in München
+
+ Buchdruckerei Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
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+ Inhalt
+
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+ Vorbemerkung V
+ Arme Leute 1
+ Der Doppelgänger 237
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+
+ Vorbemerkung
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+
+Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der
+„Armen Leute“ und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie
+ausdrücklich nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist in der Reihenfolge
+der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846
+verbunden.
+
+Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz
+Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen
+Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
+und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Rußland auf
+den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines
+zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum
+noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mächtigen willen, von
+dem es in seiner rührenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.
+
+Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren
+Mächten, die wie ein nächtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten,
+kündete den späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
+der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den
+Fatalisten und Tragiker. Schon in den „Armen Leuten“ war die ungemeine
+Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine
+Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem
+„Doppelgänger“, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der
+Erschütterung daraus, und man ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen
+Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. –
+Das Doppelgängerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William
+Wilson den romantischen Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den
+Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre gezogen.
+Dostojewski dagegen – und eben dies kennzeichnete ihn so – brachte
+dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche,
+das Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden aus dem
+kranken Hirn eines Menschen steigen, der äußerlich zunächst nicht anders
+ist wie Tausende um ihn.
+
+ M. v. d. B.
+
+
+
+
+ Arme Leute
+
+
+ „Nein, ich danke für diese Märchendichter! Anstatt
+ etwas Nützliches, Angenehmes, Erquickendes zu
+ schreiben, kratzen sie da die kleinsten
+ Kleinigkeiten aus der Erde hervor und schnüffeln
+ überall herum! ... Ich würde Ihnen einfach
+ verbieten, zu schreiben! Zum Beispiel, was soll
+ das: man liest ... unwillkürlich denkt man doch
+ nach, – aber ... aber ... es kommen einem nur alle
+ möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein,
+ wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben,
+ ganz einfach und unter allen Umständen: schlankweg
+ verbieten!“
+
+ Fürst W. F. Odojewskij.
+
+ 8. April.
+
+Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
+
+Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man
+glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch
+wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen
+acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem
+Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich
+mir meine Kerze – und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
+und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens
+auf – da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch
+erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war
+zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,
+genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es
+mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig
+auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß
+Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen,
+daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
+Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,
+mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es
+wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
+noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten
+Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast
+schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind,
+Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz
+dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka –
+erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien
+mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?
+Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder
+einmal schreiben.
+
+Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem
+Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der
+Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich
+dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und auch
+selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so heißt
+das: „Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“
+Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, Makar
+Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer
+Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund
+und wohlgemut!“
+
+Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar
+keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung
+stammt von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara
+Alexejewna?
+
+Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht
+gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn
+auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus
+Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch
+immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es
+mir ganz wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums Herz – froh
+und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein
+Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die
+Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze
+Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich
+gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar
+ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich
+verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur
+Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist.
+Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen
+und Ängsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und
+unschuldiges Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches mehr, alles von
+der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte Vergleiche
+... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen
+die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich schreibe das
+deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer verschiedene
+Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling,
+und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so geistreiche und
+erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien kommen einem.
+Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich auch
+dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist dem Büchelchen
+entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch, nur in
+Versen:
+
+ „Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“
+
+Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,
+aber – nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
+morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst
+aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon
+wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz
+sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich
+doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich
+weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig
+und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. – Nun, was
+macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir
+alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie
+auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber
+Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist
+doch eine gute Seele.
+
+Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben – sie ist
+gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab’ ich mir doch um unsere
+Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn
+zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine
+gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft
+erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit
+Arbeit ganz überhäuft.
+
+Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!
+Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch
+in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn
+einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber – Lärm, Geschrei,
+Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich
+alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz
+dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne
+Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange
+Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer
+Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,
+je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht
+verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube
+ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.
+Unter anderen wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: er
+spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,
+von allem spricht er, – ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei
+ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der
+englische Stunden gibt. – Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum
+Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die
+Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar
+ganz ausführlich!
+
+Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den
+ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft
+ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger
+gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch
+ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und
+sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
+Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die
+Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der
+Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein
+Zimmerchen gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man sagt. Alles ist
+geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles,
+– mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also
+mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend
+etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur
+eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,
+nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe
+hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe
+hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle,
+jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt
+gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist
+doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so
+am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus
+irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade
+gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines
+Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im
+Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und
+auch billiger.
+
+Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung
+zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen
+Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die
+Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde
+dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte
+ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
+für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – tatsächlich: man
+schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier
+wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.
+Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,
+nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es
+ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt.
+
+Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht – denn irgend etwas
+hat man doch immer nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein
+Kleidungsstück – wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes
+Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt
+es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch
+noch Gratifikationen.
+
+Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen
+gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium –
+nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu
+haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Übrigens
+müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was
+mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur
+die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem
+war, das verleitete mich. – Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen,
+Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: oh ja:
+ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so still und
+zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit den Flügeln
+umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und habe gerade
+den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in der
+Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie
+wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
+und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen,
+Warinka, und verbleibe
+
+ Ihr ergebenster Diener und treuester Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich,
+mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka;
+verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen
+keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und
+nun leben Sie wohl, mein Kind.
+
+
+ 8. April.
+
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+
+Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen
+müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir
+furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie
+kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen
+Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst
+verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig
+habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die
+Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese
+Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch
+Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie
+zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon
+sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll
+die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben
+Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
+auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das
+Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen
+Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen –
+unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und
+freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet
+es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist:
+Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, dachte ich, sollte
+nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur noch
+Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind zärtlich
+und die Gedanken rosafarben – alles, wie es sich gehört! An den Vorhang
+habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen
+geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da haben Sie es!
+
+Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre
+Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,
+daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch
+nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um
+meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein
+solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie
+doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und
+ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – was wird
+denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch viel
+besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt
+hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht,
+immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein gutes,
+liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen gemieteten
+Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So schonen Sie
+doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß
+Ihre Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht bei
+Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr Diensteifer wird
+Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt sein.
+
+Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für
+mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht
+reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war
+mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch
+mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch
+aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die
+Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt
+aber – wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.
+
+Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das
+Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem
+bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal
+erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor
+graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir
+schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich
+unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.
+Diese schrecklichen Menschen!
+
+Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache.
+Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:
+die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich
+beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann
+doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?
+Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,
+und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen
+Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat
+mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab.
+
+Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles
+möglichst ausführlichst – wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht –
+alles! – Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in
+Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also
+vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich
+unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen
+Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei
+Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und
+Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.
+
+ Ihre
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 8. April.
+
+Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
+
+Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag
+sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich
+nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens bin ich
+selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem
+Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer
+ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist
+bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er
+mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
+schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt
+dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein
+Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt
+daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm
+geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und
+stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein
+Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut
+war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an
+die Papiere – und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah,
+war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. Überall dieselben
+Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch ich ganz
+derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da für
+ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war denn alles
+gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken geschaut und der
+Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? Und was
+können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen Hof hinaussieht,
+auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur so
+aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt doch bisweilen
+vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen verwirrt und in die
+Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, als von
+alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle spielt. Nach Hause kam
+ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern schleppte mich heim: der
+Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. Ich muß wohl
+meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich, recht wie ein alter Esel,
+über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Auch
+das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie sich getäuscht, meine Liebe!
+Sie haben meine Äußerungen in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur um
+väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, denn ich nehme bei Ihnen,
+in Ihrer bitteren Verwaistheit, die Stelle Ihres Vaters ein, das sage
+ich aus reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: ich bin
+doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch nur ein ganz entfernter
+Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt: das siebente Wasser in
+der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, und jetzt
+bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger Beschützer. Denn dort,
+wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden
+Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, so muß ich
+Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für mich nicht schickt, mich auf
+meine alten Tage noch im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute
+werden in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie dichten ... da
+sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.
+
+Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe
+und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich
+habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
+zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh – was will man
+mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin
+nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit
+seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht
+verwöhnt. Übrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so
+war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich besser.
+Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine
+jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar ihre Vorzüge:
+es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr Abwechslung und
+Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um
+die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das heißt, wenn wir
+Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten Sachen, an die wir
+uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung war,
+wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich.
+Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren
+wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die
+Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ...
+Sonderbar – sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm,
+als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das
+Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das
+erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und
+ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz
+still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja,
+auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war
+eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte
+immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit
+ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich.
+Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends
+an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei ihr, Mascha, ich
+erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war – jetzt wird sie
+dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig war sie, so
+ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn zu
+dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken unseren
+Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft
+Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder auch, damit
+sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da konnte nicht
+nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da
+zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein Pfeifchen
+angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und die ganze
+Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde ganz
+nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand, öffnete seinen
+kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn es ein Märchen
+zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer angstvoller
+an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das Kindchen zu betrachten.
+Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und
+vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. –
+
+Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze
+zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. – Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen
+werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind
+diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich jetzt in der
+Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr – ich habe
+Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken
+sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute
+traurig gestimmt, Warinka!
+
+Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu
+Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte
+ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, –
+da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und
+man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon
+besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird
+vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht
+böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
+Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich
+bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts
+zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn
+man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen,
+mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde
+Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas
+Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. – Ich sah Sie
+heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie
+wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.
+
+Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will,
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich
+bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man
+würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser
+Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der – fällt selbst
+hinein.
+
+
+ 9. April.
+
+Makar Alexejewitsch!
+
+Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltäter, sich so etwas in
+den Kopf zu setzen! Haben Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach,
+ich bin oft so unvorsichtig in meinen Äußerungen, aber diesmal hätte ich
+doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos scherzhaften Ton für Spott
+halten könnten. Seien Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen werde,
+über Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe es nur – wie
+soll ich sagen –: aus Leichtsinn geschrieben, aus Gedankenlosigkeit,
+oder vielleicht auch nur deshalb, weil es gerade furchtbar langweilig
+war ... was aber tut man mitunter nicht alles aus Langeweile? Außerdem
+glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem Brief ein wenig lustig hätten
+machen wollen. Nun macht es mich sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit
+mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer, Sie täuschen sich,
+wenn Sie mich der Gefühllosigkeit und Undankbarkeit verdächtigen. In
+meinem Herzen weiß ich alles, was Sie für mich taten, als sie mich gegen
+den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen verteidigten, nach
+seinem wahren Wert zu schätzen. Ewig werde ich für Sie beten, und wenn
+mein Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich erhört, dann werden Sie
+glücklich sein.
+
+Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und Fieber wechseln
+ununterbrochen. Fedora beunruhigt sich sehr. Es ist übrigens ganz
+grundlos, was Sie da schreiben – und weswegen Sie sich fürchten, uns zu
+besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit uns bekannt und damit
+Basta!
+
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben weiß ich nichts mehr,
+und ich kann auch nicht: fühle mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie
+nochmals, mir nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und
+Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre habe zu verbleiben
+
+ Ihre dankbare und ergebene
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 12. April.
+
+Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
+
+Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken
+Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen
+sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß
+Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, mein Engelchen, hören
+gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch
+wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so
+ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu
+wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht
+nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr
+auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu
+bereiten.
+
+Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine
+Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu
+erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also –
+beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der
+Sache.
+
+Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig;
+die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:
+rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes
+Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar
+nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,
+und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich
+an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle
+und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen
+aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit
+allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und
+Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
+schön.
+
+Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist – dagegen
+läßt sich nichts sagen – wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist auch
+in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu
+sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so – es ist nur ein
+etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern,
+irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste
+Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu
+sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,
+und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so
+zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, –
+nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei
+uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun
+einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere
+Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas
+dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach
+Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden
+ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der
+Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da
+mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche
+stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
+hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man
+sich auch daran gewöhnen.
+
+Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht
+man auf, geht, lärmt, poltert, – dann stehen nämlich _alle_ auf, die
+einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
+eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören
+fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein
+jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt
+und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich,
+und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch
+einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der
+Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde
+ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir
+alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der
+Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von
+Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen
+Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich
+zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben
+Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit
+Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem
+Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig
+machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie
+selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Überall
+Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in
+die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten
+sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
+niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch
+darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt
+gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine
+Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,
+kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,
+dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich
+tüchtiges Leben.
+
+Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere
+Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben
+doch Theresa gesehen, – also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
+dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes
+Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa
+und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat
+er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so
+ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein
+Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die
+Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er
+sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht
+ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum
+Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – das
+kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und
+gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich
+schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
+an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete
+Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme
+Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit
+den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,
+also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und
+sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine
+Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – vor etwa
+sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein
+Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht
+in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn
+anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches
+Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee zittern
+ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer
+Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist er,
+alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz
+still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja
+mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!
+Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste
+Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen.
+Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...
+sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern – oh, so alten!! Wie ich
+hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt
+sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst
+irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er
+verabschiedet worden sei, – war es nun ein Prozeß oder etwas anderes,
+vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,
+das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im
+Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort
+keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig
+wären oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht vor, und ein
+schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür
+vorüber – es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich
+ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz
+als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so
+traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die
+halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich
+lange nicht einschlafen konnte.
+
+Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt
+alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen
+Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.
+Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes
+Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger
+Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
+Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche
+Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir,
+Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,
+ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich
+schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung
+haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt
+hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich denn gelernt?
+Meine Erziehung hat wenig gekostet!
+
+ Ihr ewiger und treuer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 25. April.
+
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+
+Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! Auch sie wird
+zugrunde gehen, die Ärmste! Auch habe ich zufällig auf Umwegen erfahren,
+daß Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und natürlich alles
+ausforschen will. Sie wird wohl niemals aufhören, mich zu verfolgen. Sie
+soll gesagt haben, daß sie mir alles _verzeihen_ wolle! Sie wolle alles
+Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt besuchen. Von Ihnen hat
+sie gesagt, Sie seien gar nicht mein Verwandter, nur sie selbst sei
+meine nächste und einzige Verwandte, und Sie hätten kein Recht, sich in
+unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine Schande für mich und
+ich müsse mich schämen, mich von Ihnen ernähren zu lassen und auf Ihre
+Kosten zu leben ... Sie sagt, ich hätte das Gnadenbrot, das sie uns
+gegeben, vergessen – hätte vergessen, daß sie meine Mutter und mich vor
+dem Hungertode bewahrt, daß sie uns ernährt und gepflegt und fast
+zweieinhalb Jahre lang nur Unkosten durch uns gehabt, und daß sie uns
+außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht einmal Mama will sie in
+ihrem Grabe in Ruhe lassen! Wenn meine Mutter wüßte, was sie mir angetan
+haben! Gott sieht es! ...
+
+Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur aus Dummheit nicht
+verstanden habe, mein Glück festzuhalten, daß sie selbst mir das Glück
+zugeführt und sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht
+verstanden – oder vielleicht auch nicht gewollt – für meine Ehre
+einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, großer Gott! Sie sagt, Herr
+Bükoff sei durchaus im Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede
+heiraten, die ... doch wozu das alles schreiben!
+
+Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu müssen, Makar
+Alexejewitsch!
+
+Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, ich weine, ich
+schluchze. An diesem Brief schreibe ich schon seit zwei Stunden. Und ich
+war schon in dem Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld
+eingesehen haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, – und da redet
+sie so!
+
+Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein Freund, um Gottes
+willen nicht, mein einziger guter Freund! Fedora übertreibt ja doch
+immer: ich bin gar nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem
+Wolkoff-Friedhof ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse für mein
+totes Mütterchen hörte. Warum kamen Sie nicht mit mir? – ich hatte Sie
+doch so darum gebeten. Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus dem
+Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, was sie mit mir getan
+haben! ...
+
+ W. D.
+
+
+ 20. Mai.
+
+Mein Täubchen Warinka!
+
+Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für
+Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den
+Durst, – also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie
+durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind,
+da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,
+Herzchen? – Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles
+vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende
+nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher
+betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
+hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr
+hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,
+ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich
+habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch
+verschaffen. Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so
+wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack
+gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich
+weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von
+Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte
+verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein
+ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.
+
+Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen
+die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht
+immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
+Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,
+ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen
+Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach,
+daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,
+weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich
+nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das
+ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut
+leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,
+das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,
+damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß
+ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund
+und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu
+schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, – wenn nur
+Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen;
+ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe
+
+ Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie
+sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so
+oft zu Ihnen kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa im Schutze
+der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es
+ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,
+Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
+bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht
+mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.
+Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
+und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten
+entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück
+nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,
+Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden
+sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die
+Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
+geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses
+treffen können.
+
+
+ 1. Juni.
+
+Bester Makar Alexejewitsch!
+
+Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um Ihnen meinen Dank für
+Ihre Mühen und die Opfer, die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe
+ich mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes Heft
+hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. Ich begann diese
+Aufzeichnungen noch in der glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben
+mich so oft mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und mich
+gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, von meinem Aufenthalt
+bei Anna Fedorowna und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu
+erzählen, und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses Heft einmal zu
+lesen, in dem ich – Gott weiß wozu – einiges aus meinem Leben erzählt
+habe, daß ich glaube, Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude
+zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich es jetzt
+durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem Augenblick, in dem ich die
+letzte Zeile dieser Aufzeichnungen schrieb, noch einmal so alt geworden
+bin, als ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen
+Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich habe
+jetzt oft schreckliche Langeweile und nachts quält mich meine
+Schlaflosigkeit. Ein höchst langweiliges Genesen!
+
+ W. D.
+
+
+ I.
+
+Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit
+war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier,
+sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
+eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. Und dort lebten wir –
+still, einsam und glücklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat
+ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
+überall wo ich nur wollte, denn niemand kümmerte sich um mich. Mein
+Vater war immer beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu
+tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und darüber war ich sehr froh. So
+lief ich schon frühmorgens zum großen Teich oder in den Wald, oder auf
+die Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte es mir aus, daß
+die Sonne brannte, daß ich selbst nicht mehr wußte, wo ich war und wie
+ich mich zurechtfinden sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein
+Kleid zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging das mich an!
+
+Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, wenn wir auch das
+ganze Leben dort auf dem Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich
+schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von
+all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir
+nach Petersburg übersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
+weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mußte! Ich
+weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Tränen
+bat, er möge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und
+wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte,
+es sei notwendig, es seien geschäftliche Angelegenheiten, die es
+verlangten. Der alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben
+hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige
+Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte
+er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr ich
+alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger Seite[1]
+eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.
+
+Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewöhnen! Wir kamen im
+Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig
+heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten
+beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die
+ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell
+und fröhlich!
+
+Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als
+Regen, Herbstkälte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die
+alle unfreundlich, unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns ein,
+so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt
+endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu
+Hause und meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß man ganz. Es
+war ein trauriges Aufstehen am nächsten Morgen – nach der ersten Nacht
+in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf der
+Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen vorüber,
+und alle waren so vermummt in Kleider und Tücher, und alle schienen sie
+zu frieren.
+
+Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche
+Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna
+Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es
+kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschäftliches
+zu besprechen hatten. Gewöhnlich wurde dann gestritten, gelärmt und
+geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so
+unzufrieden und böse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit
+gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
+nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in
+einen Winkel zurück und wagte mich nicht zu rühren.
+
+Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine
+Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen
+fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so
+unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und
+die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert – wie ein Wildling
+kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur
+bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel,
+die langweiligen Lehrer – das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte
+dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht
+habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre
+Lektionen lernten oder wiederholten, saß ich über meinem Buch oder dem
+Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen Gedanken
+war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine
+alte gute Kinderfrau und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh
+mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man
+sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentümlichen,
+wehmütigen Vergnügen. Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut,
+wie schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in unserem kleinen
+Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch
+säßen die Eltern: wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie würde
+ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit
+aller Inbrunst umarmen! – Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh
+leise zu weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt – die
+Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe
+für den nächsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
+Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; die ganze
+Nacht träumt man, daß man die Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß
+man natürlich nichts. Da muß man wieder im Winkel knien und erhält nur
+eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mädchen lachten über
+mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
+Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe
+paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin über
+mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
+Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte – ich wußte mich
+kaum zu lassen vor Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
+mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie mir die Tücher um
+den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen
+und ich – konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze Zeit
+erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz ausgelassen vor
+Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als
+hätten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das
+Erzählen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem
+und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gespräche: über die
+Lehrer, über Mathematik, über die französische Sprache und die Grammatik
+von L’Homond, – und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und
+gesprächig. Auch jetzt noch ist mir die bloße Erinnerung an jene Stunden
+ein Vergnügen.
+
+Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu
+erfreuen. Ich sah doch, daß er das Letzte für mich ausgab, während ihm
+selbst die Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er
+finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter veränderte sich
+sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die
+Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche.
+
+Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu
+sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich
+und schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der
+Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich
+heimlich die Tränen aus den Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann
+kamen wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich
+brächte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er für mich das Letzte hin,
+ich aber verstände noch immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem
+Wort, ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, alles
+hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur
+möglich, die arme Mama noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte
+einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen
+tief in den Höhlen – wie eine Schwindsüchtige sah sie aus.
+
+Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich begann es mit
+irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit und dann kam oft Gott weiß was
+alles zur Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach.
+Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst die französische Sprache,
+daß ich ein großer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine
+fahrlässige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere
+sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer keine Anstellung finden
+könne und daß die Grammatik von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij
+sei bedeutend besser; daß man für mich viel Geld verschwendet habe, ohne
+Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, hartherziges Mädchen sei, –
+kurz, ich Arme, die ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln
+und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem schuld und mußte alle
+Vorwürfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns
+nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war nun
+einmal sein Charakter ...
+
+Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen und Mißerfolge, die
+seinen ursprünglich guten Charakter so verändert hatten: er wurde
+mißtrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann
+seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich und – starb dann
+auch nach kurzem Krankenlager, so plötzlich, so unerwartet, daß wir es
+noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt von diesem
+Schlage. Mama war wie erstarrt, ich fürchtete anfänglich für ihren
+Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger in
+Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser
+Häuschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach
+unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft
+werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen wurde, wir blieben
+jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war
+krank – es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte –
+verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben.
+Ich war erst vierzehn Jahre alt.
+
+Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer für
+eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt.
+Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
+Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch lebte, war sie nie
+zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und beteuerte, daß
+sie an unserem Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns
+lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa an unserem ganzen
+Mißgeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu
+sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige
+Verwandte“ den Wunsch, uns näher zu treten, und machte den Vorschlag,
+Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, daß sie nie
+irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter
+Rührung, führte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für
+den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen plötzlich nannte. Darauf
+versöhnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama.
+
+Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in
+grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
+Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns
+auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrückte. Mama dankte
+für ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschließen, der
+Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig blieb,
+so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen,
+daß sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle.
+
+Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der
+Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff,
+übersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama
+weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnüre mir eine
+unerklärliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ...
+
+ * * * * *
+
+
+ II.
+
+Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir
+beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna
+Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz
+geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der
+Sechsten Linie[2]. Im ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. In
+dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die
+als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im
+vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem
+unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter
+im Hause.
+
+Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es für möglich
+gehalten hätte, doch ihre Geldquelle war ebenso rätselhaft wie ihre
+Beschäftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief
+besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin
+sie ging, mit was sie sich draußen beschäftigte und was sie zu tun
+hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und
+sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und
+immer in Geschäften und nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich
+jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber ärgerte sich Anna
+Fedorowna sehr und machte meiner Mutter beständig den Vorwurf, daß wir
+gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
+Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, aber so! ... und
+stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese
+Vorwürfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
+erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen konnte, Anna
+Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.
+
+Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig quälte sie
+uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns
+überhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann
+aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, daß wir
+vollständig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Später
+wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
+sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich
+ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwürfe und sprach
+zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
+Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor,
+als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und
+christlicher Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre.
+Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den
+Augen, wenn wir aber nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
+wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut
+genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnüge sich selbst
+damit – vielleicht könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
+könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa mußte sie jeden
+Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete,
+er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun
+davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn
+sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele – das
+war sie selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf der Straße
+Hungers sterben können. Und was sie da nicht noch alles vorbrachte! Es
+war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören.
+
+Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich
+mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir
+vom Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, was Anna Fedorowna
+sehr mißfiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten
+uns doch Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, um auf alle
+Fälle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und
+sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen
+mieten zu können. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den
+Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die
+Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe
+näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte doch nicht helfen!
+
+Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir
+lebten still für uns, als wären wir gar nicht in der Stadt. Anna
+Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie ihre
+unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr für sie zu fürchten
+brauchte. Übrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas
+widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
+durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer
+Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte
+sie Französisch und Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle
+Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafür brauchte
+er für Kost und Logis nichts zu zahlen.
+
+Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich unartig und
+lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schließlich sagte Anna
+Fedorowna zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mit ihr
+zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht
+beendet hatte. Mama war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und
+so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij
+unterrichtet.
+
+Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte
+es ihm nicht, regelmäßig die Universität zu besuchen, und so war er
+eigentlich gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit noch
+genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, daß wir im
+Nebenzimmer nichts von ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus,
+bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, daß ich
+ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne über ihn lachen zu müssen.
+Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders während
+des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß auch noch heftig, ärgerte sich
+beständig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt uns,
+schrie uns an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, noch
+bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich wieder in seinem Zimmer
+ein. Dort aber, in seinem Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er
+hatte viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. Er gab noch
+an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafür Geld, doch kaum
+hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich
+wieder Bücher.
+
+Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war der beste und
+ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben
+begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch
+mein treuer Freund und stand mir am nächsten von allen, – natürlich nach
+Mama.
+
+In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich doch schon ein
+großes Mädchen war – an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn
+ausheckte, und bisweilen überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder
+necken und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es war furchtbar
+spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir wollten unser Vergnügen haben.
+(Noch jetzt schäme ich mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten
+wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, und da hörte ich
+deutlich, wie er zwischen den Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts
+grausamer als Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in
+mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errötete bis über die
+Ohren und bat ihn fast unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch
+unsere dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er klappte das Buch
+zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen.
+
+Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, daß wir Kinder ihn
+durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir
+unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen abgesehen! So
+verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch
+zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
+Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, armen
+Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden!
+
+Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie mich die Reue quälte!
+Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie
+es kam, daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte
+nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war damals bereits fünfzehn
+Jahre alt.
+
+Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, wie ich Pokrowskij
+veranlassen könnte, seine Meinung über mich zu ändern. Doch an der
+Ausführung dieser meiner tausend Pläne hinderte mich meine
+Schüchternheit: ich konnte mich zu nichts entschließen, und so blieb es
+denn bei den Plänen und Träumereien (und was man nicht alles so
+zusammenträumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr
+an Ssaschas unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. Das
+hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr über uns ärgerte. Doch das war
+zu wenig für meinen Ehrgeiz.
+
+Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten
+Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es
+deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
+so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste
+in meinen Gedanken zu beschäftigen begann.
+
+Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber
+gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar
+plump und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. Auf den
+ersten Blick konnte man glauben, daß er sich gewissermaßen seiner selbst
+schäme, daß er für seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte.
+Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens
+immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln,
+und diese ängstlichen, verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden
+erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei vollem Verstande
+sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewöhnlich im Flur hinter der Glastür
+stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von uns – ich
+oder Ssascha – oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher
+gesinnt waren – durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der
+Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und
+verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu – damit erteilte
+man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute
+im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise
+die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, worauf er sich froh die
+Hände rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs
+schlich. Dieser Alte war sein Vater.
+
+Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal
+irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz
+untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des
+Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet,
+und zwar eine halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein
+Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort geführt und
+war mit jedem womöglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student
+Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger Knabe – hatte unter ihrem
+Haß viel zu leiden gehabt, doch zum Glück war es anders gekommen. Der
+Gutsbesitzer Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij, früher
+gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat erwiesen hatte, nahm
+sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine Schule. Er
+interessierte sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine
+verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mädchen von Anna
+Fedorowna „Wohltaten“ erfahren und von ihr an den Beamten Pokrowskij
+verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter Bekannter
+und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Großmut eine Mitgift von
+fünftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war – ist
+unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij
+selbst sprach nie von seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht,
+wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr
+schön gewesen, deshalb wundert es mich, daß sie so unvorteilhaft und
+noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist
+schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat.
+
+Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort
+auf die Universität. Herr Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen
+pflegte, ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte ihn. Leider
+konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium
+nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna
+bekannt, stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu
+ihr, um für Kost und Logis Ssascha in „allen Wissenschaften“ zu
+unterrichten.
+
+Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer über die rohe Behandlung,
+die ihm seine zweite Frau zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller
+Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine Frau
+prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und brachte es mit der Zeit
+so weit, daß er sich alles widerspruchslos gefallen ließ und sich auch
+an die Schläge gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
+seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwähnte,
+tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.
+
+Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem Menschen seine
+grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij
+sei seiner Mutter so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es
+dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen
+dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem
+Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts anderem, als
+von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Öfter zu
+kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen
+Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewiß sein
+größter Fehler. Übrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als
+unerträglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens störte
+er den Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, sinnlosen
+Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz
+nüchtern. Der Sohn gewöhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten
+Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu
+guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine
+Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun.
+
+Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka[3] – so nannte er den Sohn
+– nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer
+bedrückt, besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich deshalb, weil er
+noch nicht wußte, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewöhnlich konnte er
+sich lange nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann
+erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze
+halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob
+er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
+Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein
+philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann genügend beruhigt und
+ermutigt hatte, entschloß er sich endlich, ganz, ganz leise und
+vorsichtig die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er,
+daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht sogar zum Gruß
+zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab
+– letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn nicht gar mit
+abgerissener Krempe – und hängte beides an einen Haken. Alles tat er so
+vorsichtig und lautlos wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig
+auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn,
+verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung
+seines Petinka zu erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter
+Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte,
+daß er eben „nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei.
+„Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier
+vorüber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas
+auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“ Und dann nahm er still und
+ergeben seinen alten dünnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut,
+klinkte vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er sich noch zu
+einem Lächeln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrücken
+und den Sohn nichts merken zu lassen.
+
+Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wußte er sich vor Freude
+kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles
+sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen
+begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise
+und gleichsam untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt,
+sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die in diesem Fall
+natürlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, daß er entschieden nicht zu
+sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz,
+wurde verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst lassen
+sollte – und nachher flüsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor
+sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen,
+gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rückte an
+der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, und seine Miene nahm
+sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber
+fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn wurde: er stand
+vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, nahm irgendein Buch und begann zu
+lesen, gleichviel was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit
+einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit vortäuschen sollte,
+als habe er von jeher das Recht, mit den Büchern des Sohnes nach
+Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts
+Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, als
+der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: er verlor vollständig den
+Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
+zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte es aber, schob es
+mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor,
+drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
+diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt nach außen, lächelte dabei
+hilflos, wurde rot und wußte entschieden nicht, wie er sein Verbrechen
+sühnen sollte.
+
+Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes
+Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
+Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen war, gab er ihm das
+nächste Mal fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr.
+Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte,
+und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstück erschien, war er
+stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
+mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich nur von seinem
+Petinka. Er bat uns, während des Unterrichts aufmerksam und fleißig zu
+sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn,
+sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, und obendrein, „ein
+so gelehrter Sohn“. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit
+dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, daß wir uns
+gewöhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich über ihn lachten. Mama
+hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, obschon
+er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als Wasser“ war.
+
+Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij
+hielt mich nach wie vor nur für ein Kind, für ein unartiges kleines
+Mädchen, wie Ssascha. Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
+nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber
+vergeblich: ich wurde überhaupt nicht beachtet. Das reizte und kränkte
+mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des
+Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und
+nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel – vor Ärger über mich
+selbst.
+
+Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben würde, wenn uns nicht ein
+Zufall einander näher gebracht hätte. Das geschah folgendermaßen:
+
+Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna saß, schlich ich mich heimlich
+in Pokrowskijs Zimmer. Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag
+ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das
+Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal,
+obschon wir über ein Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
+so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer
+eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar ärmlich
+eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf
+den Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall nichts als
+Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke überkam mich plötzlich: es
+schien mir, daß meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn
+bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wußte nichts,
+las nichts, besaß kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte
+ich nach den langen Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter der
+schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! –
+Ich wollte gleichfalls Bücher lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos,
+und das so schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich,
+daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher seine Freundschaft
+erwerben könnte, als so, da ich nichts wußte. Ich ging entschlossen zum
+ersten Bücherregal und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken,
+den ersten besten Band heraus – zufällig ein ganz altes, bestaubtes Buch
+– und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um
+es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des Nachtlämpchens zu
+lesen.
+
+Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem Zimmer glücklich
+angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, daß es ein uraltes,
+vergilbtes und von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich
+besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurück. Doch
+gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz
+zurückzulegen, hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und
+schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch
+das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepreßt gewesen, daß
+die anderen Bücher, als ich dieses herausgenommen, unter dem
+verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der
+frühere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft,
+um das Buch hineinzuzwängen. Die Schritte kamen näher: ich stieß mit
+aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete Nagel, der das
+eine Ende des Bücherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick
+gewartet hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend mit
+dem einen Ende zu Boden und die Bücher fielen mit Geräusch herab. Da
+ging die Tür auf und Pokrowskij trat ins Zimmer.
+
+Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in
+seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bücher
+anzurühren wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle die großen
+und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, eingebundenen und
+uneingebundenen herabstürzten, übereinander kollerten und unter dem
+Tisch und unter Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen.
+Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. „Jetzt ist es aus,“
+dachte ich, „für immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine
+Zehnjährige, wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch und
+albern!“
+
+Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich.
+
+„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen Sie sich denn nicht!
+Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten
+lassen?“ Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben.
+
+Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir
+barsch:
+
+„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie täten besser, sich
+nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!“
+
+Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewußtsein
+verriet, mochten ihn etwas besänftigen, wenigstens fuhr er in milderem,
+ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir
+gesprochen:
+
+„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich
+etwas vernünftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind
+doch kein Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch schon
+fünfzehn Jahre alt!“
+
+Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob ich auch wirklich
+nicht mehr ein kleines Mädchen sei – sah er mich an und plötzlich
+errötete er bis über die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete:
+ich stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert an. Er wußte
+nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in
+noch größere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich
+entschuldigen – vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt
+hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! Endlich begriff ich. Ich
+weiß nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu
+Boden, errötete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den
+Händen und lief aus dem Zimmer.
+
+Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham
+verstecken sollte. Schon das allein, daß er mich in seinem Zimmer
+vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich
+errötete bis zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken
+jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten war wohl der, daß ich
+zu ihm gehen, ihm alles erklären, alles gestehen und offen alles
+erzählen wollte, um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes
+Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar
+schon fest dazu entschlossen, doch zum Glück sank mein Mut und ich wagte
+es nicht, meinen Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was ich damit
+angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich auch jetzt noch, überhaupt
+nur daran zu denken.
+
+Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich und sogar sehr
+gefährlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte
+heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an
+ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor
+verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine
+Widerstandskraft, ich war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen
+mir die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles
+und jeden Augenblick wollte mich die Bewußtlosigkeit überwältigen, doch
+dann weckte mich wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf und
+erwachte für einen Augenblick, um von neuem, übermannt von der
+Mattigkeit, einzuschlummern. Ich quälte mich. Ich kann mich des Traumes,
+den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein
+schrecklicher Spuk, der mich während meines Kampfes gegen die mich immer
+wieder überwältigende Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte.
+Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im
+Erlöschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein
+erfüllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen und an
+den Wänden zitterten Schatten, um für Augenblicke fast vollständiger
+Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames
+Entsetzen erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen
+noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnürte
+mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise
+auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten Angstgefühls. In
+demselben Augenblick ging die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins
+Zimmer.
+
+Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus der Bewußtlosigkeit
+erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken
+und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich
+erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete.
+
+„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte er, indem er meine
+Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs
+Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
+sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen
+Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er
+mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
+Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die Augen fielen mir vor
+Schwäche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine
+halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte
+mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben.
+
+Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur
+Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen,
+wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete – es war
+Pokrowskij.
+
+„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen,“ sagte er,
+„hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“
+
+Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für eines es war –, doch
+obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein.
+Es war eine eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe ließ: ich
+konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal längere Zeit ruhig im
+Lehnstuhl sitzen, – mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer
+umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein ganzes
+Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war
+stolz auf seine Sorge, auf seine Bemühungen um mich. Die ganze Nacht
+dachte ich nur daran und träumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder
+und ich wußte, daß er in dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber
+ich malte mir dafür die nächste Begegnung aus.
+
+Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren,
+öffnete Pokrowskij seine Tür und begann mit mir eine Unterhaltung, indem
+er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich
+keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich weiß nur noch,
+daß ich schüchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über
+mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung
+erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag
+an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
+zurecht gelegt hatte ...
+
+Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. Während der ganzen Dauer
+von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
+Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, wenn ich auch nach jedem
+Gespräch immer noch Ursache hatte, über mich selbst ungehalten zu sein.
+Übrigens erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung,
+als ich sah, daß er um meinetwillen seine unausstehlichen Bücher vergaß.
+Einmal kamen wir zufällig darauf zu sprechen, wie sie damals vom
+Bücherbrett gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war ein seltsamer
+Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine
+seltsame Begeisterung riß mich mit sich fort und ich gestand ihm alles
+... gestand ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich
+geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen gehalten ... Wie gesagt,
+ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich
+und in meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte ihm nichts, ich
+sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von
+meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu
+trösten, zu beruhigen ...
+
+Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu
+sein und sagte kein Wort. Das tat mir plötzlich sehr weh und machte mich
+traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
+vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich brach ich in Tränen aus
+und weinte wie ein Kind: es war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie
+ein Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, küßte sie,
+drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete mich. Es mußte ihm
+sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerührt. Ich erinnere mich
+nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und
+weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort
+hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, daß in Pokrowskij eine gewisse
+Verwirrung und Gezwungenheit zurückblieb. Offenbar konnte er sich über
+meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende Freundschaft
+nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse
+geweckt, doch späterhin verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte
+meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit
+ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, wie ich sie ihm
+entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein
+aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es
+so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht:
+was ich fühlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde
+seine Freundschaft zu mir größer.
+
+Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen
+und doch süßen Stunden unseres nächtlichen Beisammenseins beim
+zitternden Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
+Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem,
+was uns einfiel, wovon das Herz voll war – und wir waren fast glücklich
+... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch
+jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurückdenke.
+Erinnerungen sind immer quälend, gleichviel ob es traurige oder frohe
+sind. Wenigstens ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual
+zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz
+und weh, und wenn man sich quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen
+erfrischend und belebend wie nach einem heißen Tage kühler Tau, der am
+feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene
+Blume erfrischt und wieder belebt.
+
+Mama war bereits auf dem Wege der Besserung – trotzdem fuhr ich fort,
+die Nächte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher:
+anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und
+zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als täte sich eine ganze Welt
+neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken,
+neue Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und je mehr
+Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen
+Eindrücke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller
+erschütterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz plötzlich
+drängten sie sich in mein Herz und ließen es keine Ruhe mehr finden. Es
+war ein eigentümliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
+Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich
+war gar zu verschwärmt und träumerisch, und das rettete mich.
+
+Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden hatte, hörten
+unsere abendlichen Zusammenkünfte und langen Gespräche auf. Nur hin und
+wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
+gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete ich mich
+damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung
+verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll
+Inhalt, ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so
+vergingen mehrere Wochen ...
+
+Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er
+schwatzte wieder alles mögliche, war bei auffallend guter Laune,
+scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich
+mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des Rätsels seiner
+guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, daß genau eine Woche
+später Petinkas Geburtstag sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu
+seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und
+seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen.
+Kurz, der Alte war mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich.
+
+Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ mir Tag und Nacht keine
+Ruhe. Ich beschloß sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft
+unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
+Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, daß er gern die
+neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen hätte und so beschloß
+ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig
+Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war
+eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte.
+Doch ich schickte sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum
+nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe
+der Werke Puschkins koste. O, das Unglück! Der Preis aller elf Bände
+war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel.
+Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte und wußte nicht, was tun.
+Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich
+sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, daß wir ihm ein
+Geschenk machten. Und außerdem wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen,
+sondern gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, die er das
+ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bücher ganz allein,
+ganz heimlich schenken. Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit
+mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein
+anderes Entgelt dafür, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf
+einen Ausweg.
+
+Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr[4] die neuesten
+Bücher für den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln
+verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue
+Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach
+dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am
+folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus einer Handlung
+besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fühlte
+sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade keine
+Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit Matrjona alles besorgen mußte.
+
+Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hübschen
+und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst
+verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete,
+doch nach und nach brachte ich ihn so weit – was übrigens gar nicht so
+leicht war – daß er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan
+hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom
+Preise abließ und seine Forderung schließlich auf fünfunddreißig Rubel
+festsetzte. Welch ein Vergnügen es mir war, zu handeln! Die arme
+Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
+in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch wer beschreibt
+schließlich meinen Ärger: ich besaß im ganzen nur meine dreißig Rubel,
+und der Kaufmann wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger
+abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich
+zu guter Letzt doch erweichen ließ: er ließ noch etwas ab, aber nur
+zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht
+ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur für
+mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und daß er einem anderen
+Käufer nie und nimmer so viel abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel
+fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen.
+Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.
+
+Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten Pokrowskij, der an
+einem der anderen Büchertische stand. Vier oder fünf der Antiquare
+umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits
+ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bücher
+an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er
+nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und
+wußte nicht, für welches der vielen Bücher, die ihm von allen Seiten
+empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat
+auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh
+über mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel
+weniger als seinen Petinka.
+
+„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, Warwara Alexejewna,“
+antwortete er, „für Petinka kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein
+Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da kaufe
+ich sie denn eben für ihn ...“
+
+Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch
+dazu völlig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es über
+einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände wagte er sich
+schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem
+Lächeln nach ihnen hin, blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und
+ehrfurchtsvoll langsam – besah wohl auch das eine oder andere Buch von
+allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen
+Platz zurück.
+
+„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut, „aber von hier
+vielleicht etwas ...“ Und er begann, unter den dünnen Broschüren und
+Heftchen, unter Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: die waren
+natürlich billig.
+
+„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“ fragte ich ihn, „diese
+Heftchen sind doch nichts wert!“
+
+„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was für hübsche
+Büchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hübsch!“ – Die letzten
+Worte sprach er so wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone,
+daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen – vor
+lauter Kummer darüber, daß die hübschen Bücher so teuer waren – und daß
+sogleich ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten Nase
+vorüberrollen werde.
+
+Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.
+
+„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes Vermögen hervor, das in ein
+schmutziges Stückchen Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen
+Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier Kupfer, auch so
+zwanzig Kopeken ...“
+
+Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.
+
+„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen zweiunddreißig
+Rubel und fünfzig Kopeken kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt
+zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken sie
+ihm gemeinsam!“
+
+Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte mit zitternden
+Händen all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere
+ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bücher
+in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hände, und trug sie dann
+alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am
+nächsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.
+
+Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, saß wie gewöhnlich ein
+Stündchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar
+komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände
+reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis besaß, teilte er mir
+heimlich mit, daß er die Bücher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und
+in der Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum
+Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten.
+
+Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende große „Fest“. Der
+Alte begann sehr weitschweifig darüber zu reden, wie die Überreichung
+des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses
+Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darüber sprach, um so
+deutlicher merkte ich, daß er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht
+sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
+recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und
+seine groteske Vergnügtheit, die sich anfangs in seinen Gebärden, in
+seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen
+Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmählich
+verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute
+immer bekümmerter drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und begann
+zaghaft:
+
+„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen
+Sie was, Warwara Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen
+Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bücher
+und schenken ihm diese selbst, das heißt also von sich aus, von Ihrer
+Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn
+ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen ausdrücklich von
+meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich
+habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu
+schenken haben ...“
+
+Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, wie er fortfahren
+sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er saß ganz still und erwartete
+schüchtern, was ich wohl dazu sagen werde.
+
+„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar
+Petrowitsch?“ fragte ich.
+
+„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... – ich meine
+ja nur eben sozusagen ...“
+
+Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, blieb wieder stecken
+und kam nicht weiter.
+
+„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, „ich habe
+nämlich, müssen Sie wissen, den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so
+bin, wie man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, Warwara
+Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist
+nun schon einmal so mit mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ...
+Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist draußen mitunter
+so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben
+einmal wehmütig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
+Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben über
+die Schnur und trinke ein überflüssiges Gläschen. Dem Petruscha aber ist
+das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber und
+schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie,
+würde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, daß ich anfange,
+mich gut aufzuführen, seine Lehren zu beherzigen und überhaupt mich zu
+bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu
+kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen
+Sie, es sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das weiß
+er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: daß ich
+alles nur für ihn tue.“
+
+Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah
+mich in erwartungsvoller Unruhe an.
+
+„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken Sie sie ihm alle.“
+
+„Wie alle? Alle Bände?“
+
+„Nun ja, alle Bände.“
+
+„Und das von mir, von meiner Seite?“
+
+„Ja, von Ihrer Seite.“
+
+„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem Namen?“
+
+„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“
+
+Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, doch es dauerte eine
+Zeitlang, bis der Alte mich begriff.
+
+„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! – das würde sehr gut
+sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara
+Alexejewna?“
+
+„Ich werde dann einfach nichts schenken.“
+
+„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden Petinka nichts
+schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?“
+
+Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das
+Angebot zurückzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken
+könne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!
+
+Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern schenken würde, nur
+wolle ich ihm die Freude nicht schmälern.
+
+„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird,“ fuhr ich fort,
+„und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.“
+
+Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei
+Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig
+zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
+Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter
+Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz,
+der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
+dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.
+
+Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pünktlich um elf Uhr, gleich
+von der Frühmesse aus, erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und
+tatsächlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er
+ein Bündel Bücher – Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen.
+Wir saßen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein
+Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, daß Puschkin ein sehr
+guter Dichter gewesen sei; davon ging er, übrigens nicht ohne gewisse
+Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
+ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich darauf, daß man
+sich gut aufführen müsse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein
+Zeichen, daß er „dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten eben
+von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zählte sogar
+mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß
+damit, daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe
+und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher schon die
+Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange
+innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat
+aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
+Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit
+die Bücher, für die er sich im Laufe einer langen Zeit das nötige Geld
+zusammengespart habe.
+
+Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen zu verbeißen, während der
+arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lügen, sobald es
+nötig war!
+
+Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und
+auf dem Bücherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natürlich
+sofort die Wahrheit erraten.
+
+Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an
+diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein
+Pfänderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie
+nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam
+gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier
+Augen zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das war der
+schönste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens!
+
+Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt
+beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir
+scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, müde
+zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzählen.
+Deshalb habe ich wohl auch so ausführlich und mit so viel Liebe alle
+Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens
+beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von
+Kummer, von schwerem Kummer verdrängt, und nur Gott allein mag wissen,
+wann der einmal ein Ende nehmen wird.
+
+Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs.
+
+Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er
+erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermüdlich um eine
+Anstellung, die ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, denn
+bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindsüchtigen, gab auch
+er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht
+auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte
+er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den
+Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit.
+Außerdem hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt warten
+müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts als Mißerfolge. Das war
+natürlich von schlechtem Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte
+seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden
+Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine
+Anstellung zu bitten, – was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann
+immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und mit nassen Füßen nach Haus,
+bis er endlich so weit war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht
+wieder aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober.
+
+Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner Krankheit verließ ich
+nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er
+bewußtlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß wovon,
+zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen
+Büchern, von mir, vom Vater ... und da erst hörte ich vieles von seinen
+Verhältnissen, was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal geahnt
+hatte.
+
+In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im
+Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch
+ich blickte allen offen in die Augen, und da hörte man denn auf, meine
+Teilnahme für den Kranken zu verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht
+mehr.
+
+Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das
+verhältnismäßig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung.
+Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren,
+dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem
+engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann fürchtete ich mich.
+Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
+und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das Herz. Alle im Hause
+waren erschüttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott möge ihn
+schneller erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der Kranke wohl
+nur noch bis zum nächsten Morgen leben werde.
+
+Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der
+Tür zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht
+gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden gelegt. Jeden
+Augenblick kam er ins Zimmer, – es war schrecklich, ihn anzusehen. Der
+Schmerz hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos,
+ganz gefühllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer
+Körper zitterte und sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich
+hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand verlieren werde.
+
+Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in
+Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
+Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von uns allen Abschied.
+Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es körperlich zu
+fühlen, wie mein Herz in Stücke zerriß.
+
+Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten Augenblicke. Er bat
+lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr
+verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
+zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um
+irgend etwas, bemühte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand
+ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
+Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte waren nur zusammenhanglose
+Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln
+an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur
+langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er
+wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Läden zu öffnen.
+Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.
+
+Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, doch der anbrechende
+Tag war trübe und traurig, wie das erlöschende arme Leben des
+Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den
+Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster und
+schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben
+und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb
+und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, wo es
+das zitternde Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich
+verdrängte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte
+dann leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach einer Minute
+starb er.
+
+Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz
+einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der
+Unkosten aber wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von Anna
+Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft
+seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die
+Bücher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie
+nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und
+trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen mußten.
+Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer
+seltsamen Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen:
+bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter zurecht, bald zündete er die
+Kerzen an, um sie wieder auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man
+sah es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick bei etwas
+Bestimmtem verweilen konnten.
+
+Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei.
+Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
+geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte sich und blieb
+zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Während des
+Gottesdienstes ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine
+dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den
+Füßen halten.
+
+Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und
+fortgeführt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Straße. Dann fuhr
+der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte
+laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn
+erschütterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um
+ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. Ein
+scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte
+schien nichts davon zu spüren und lief weinend weiter, bald an der
+einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines
+fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel im Winde. Aus
+allen Taschen sahen Bücher hervor und im Arm trug er irgendein großes
+schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drückte.
+Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab und bekreuzten sich. Einige
+blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle
+Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz.
+Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und machte ihn auf seinen Verlust
+aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge
+nach. Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin an
+und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die
+Straßenecke und verschwand.
+
+Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die
+Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und küßte sie und
+plötzlich brach ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an
+die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als
+hätte ich sie für immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch
+sie noch entreiße ...
+
+Doch der Tod schwebte damals schon über meiner armen Mutter ...
+
+ * * * * *
+
+
+ 11. Juni.
+
+Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, für den gestrigen
+Spaziergang nach den Inseln! Wie schön es dort war, wie wundervoll grün,
+und die Luft wie köstlich! – Ich hatte so lange keinen Rasen und keine
+Bäume gesehen, – als ich krank war, dachte ich doch, daß ich sterben
+müsse, daß ich bestimmt sterben werde – nun können Sie sich denken, was
+ich gestern fühlen mußte, und was empfinden!
+
+Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war. Ich fühlte mich sehr
+wohl und leicht, aber gerade in meinen besten Stunden werde ich aus
+irgendeinem Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich weinte,
+das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst nicht, weshalb ich immer
+weinen muß. Ich bin, das fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke,
+die ich empfange, sind krankhaft – krankhaft heftig. Der wolkenlose
+blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die Abendstille – alles das – ich
+weiß wirklich nicht, – ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle
+Eindrücke schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz bald übervoll
+war und die Seele nach Tränen verlangte. Doch wozu schreibe ich Ihnen
+das alles? Das Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um wie
+viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! Aber vielleicht
+verstehen Sie mich doch.
+
+Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar Alexejewitsch! Gestern
+blickten Sie mir so in die Augen, als wollten Sie in ihnen lesen, was
+ich empfand, und Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein
+Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen – immer standen Sie da vor
+mir und fühlten sich ganz stolz und schauten mir immer wieder in die
+Augen, als wäre alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. Das
+beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar Alexejewitsch. Deshalb
+liebe ich Sie ja auch.
+
+Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: gestern bekam ich nasse
+Füße und habe mich infolgedessen erkältet. Fedora ist noch nicht ganz
+gesund – ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide krank.
+Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter zu uns.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 12. Juni.
+
+Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
+
+Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter
+Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges
+kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur
+wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und
+schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,
+was Sie selber empfanden – das haben Sie mit einem Worte kurz, aber ganz
+wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent, irgend
+etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt
+dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das weiß
+ich selbst nur zu genau.
+
+Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei,
+sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses
+zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in
+der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch
+mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. – Das ist gewiß alles wahr, mein
+Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie
+sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von
+anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben
+haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – aber
+schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun
+hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas
+erzählen.
+
+Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst
+siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald
+runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der
+Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber
+Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und
+kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann schon
+sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte man mich sogar zur
+Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein
+Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
+aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei
+heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall
+schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine
+Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein
+dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das
+Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch
+mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er
+es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
+bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem
+Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe
+geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:
+
+„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ – Daraus wurde mit der
+Zeit:
+
+„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!“
+
+Jetzt aber heißt es ganz einfach:
+
+„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!“
+
+Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar
+Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als „Makar
+Alexejewitsch“ sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
+Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein
+geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein
+Schmähwort machten – nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
+meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,
+etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders
+gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
+Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles
+gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch
+bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles
+verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem
+den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um
+dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden
+angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur
+denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig
+brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann
+sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum
+Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch
+vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen,
+Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl
+Warinka!
+
+Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese Frage äußerte sich
+noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch.
+Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er sagte
+es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte), was
+aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte),
+das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen solle. Ich
+aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück Brot. Es ist
+ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes
+Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch _meine_ Arbeit
+rechtlich und redlich erworben!
+
+Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts
+sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und
+Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite
+doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was
+ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde?
+„Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei
+Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,
+jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen
+Bogen zu sehen, und – Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die
+wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe
+keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den
+verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und
+deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
+mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst
+und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß
+ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes
+schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben?
+
+Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,
+meine Liebe.
+
+So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich
+notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich
+durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen
+bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit mit ihr
+herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte
+käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man
+rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
+zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte ist!
+
+Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar
+nicht davon sprechen, aber nun – es kam mal so zur Sprache, und da hat’s
+mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich
+selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
+
+Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde
+schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,
+um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis
+dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben
+Sie wohl bis dahin, Warinka.
+
+Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 20. Juni.
+
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+
+Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr wenig Zeit, – muß eine
+Arbeit zu einem bestimmten Termin beenden.
+
+Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich ein guter
+Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter von ihr habe einen fast
+neuen Uniformrock, sowie Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und
+alles, wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen wollten!
+Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr in Verlegenheit, – Sie
+sagten mir ja selbst, daß Sie Geld haben. Also seien Sie vernünftig und
+schaffen Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig. Sehen Sie
+sich doch nur selbst an, in was für alten Kleidern Sie umhergehen. Eine
+wahre Schande! Alles ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das
+weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott weiß, was Sie mit
+Ihrem neuen Anzug angefangen haben. So hören Sie doch diesmal auf mich
+und kaufen Sie die Kleider, bitte, tun Sie’s! Tun Sie es für mich, wenn
+Sie mich lieb haben!
+
+Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar Alexejewitsch, das geht
+wirklich nicht so weiter! Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch
+kein Spaß, was Sie schon für mich ausgegeben haben, – entsetzlich,
+wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich habe ja nichts nötig, das
+war ja alles ganz, ganz überflüssig! Ich weiß, glauben Sie mir, ich
+weiß, daß Sie mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen,
+mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe vergewissern zu
+wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer es mir fällt, sie anzunehmen! Ich
+weiß doch, was sie Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es
+gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie? Ich bitte Sie, ich
+flehe Sie an!
+
+Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner Aufzeichnungen zuzusenden,
+Sie wollen, daß ich sie beende. Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das
+fertig gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben ist!
+Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner Vergangenheit zu
+sprechen. Ich will an sie nicht einmal zurückdenken. Ich fürchte mich
+vor diesen Erinnerungen. Und gar von meiner armen Mutter zu sprechen,
+deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen Ungeheuern preisgegeben war:
+das wäre mir ganz unmöglich! Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken auch
+nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die Wunden sind noch zu
+frisch! Ich habe noch keine Ruhe, um zu denken, habe mich selbst noch
+lange nicht beruhigen können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen
+ist. Doch Sie wissen das ja alles!
+
+Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten mitgeteilt. Sie
+wirft mir Undankbarkeit vor und leugnet es, mit Herrn Bükoff im
+Einverständnis gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr
+zurückzukehren. Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf einen
+schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren würde, so wolle sie
+es übernehmen, die ganze Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn
+zu veranlassen, seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen. Sie hat
+sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine Aussteuer geben wolle. Gott mit
+ihnen! Ich habe es auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner
+guten Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine alte selige
+Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar nur ein entfernter Verwandter
+von mir, trotzdem beschützen Sie mich und treten mit Ihrem Namen und Ruf
+für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich werde sie vergessen! –
+wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,
+das sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt doch in
+Ruhe lassen. Gott gebe es!
+
+ W. D.
+
+
+ 21. Juni.
+
+Mein Täubchen, mein Liebling!
+
+Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht – womit beginnen?
+
+Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so miteinander leben!
+Ich sage das nur deshalb, müssen Sie wissen, weil ich meine Tage noch
+nie so froh verbracht habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit einem
+Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein Kindchen sind Sie, mein
+kleines reizendes!
+
+Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich Ihnen geschickt habe!
+Sie hatten sie doch nötig – Fedora sagte es mir. Und mich, liebes Kind,
+mich macht es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun
+einmal mein größtes Vergnügen – also lassen Sie mich nur gewähren, Kind,
+und widersprechen Sie mir nicht! Noch niemals habe ich so etwas erlebt,
+Herzchen. Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens
+gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen darf, denn Sie leben doch
+jetzt in meiner nächsten Nähe, was mir ein großer Trost und eine große
+Freude ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, Ratasäjeff –
+jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische Abende stattfinden –,
+also der hat mich heute zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich
+wieder so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches vorgelesen
+werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt leben, Kindchen – was?!
+
+Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur so geschrieben, ohne
+besonderen Zweck, nur um Sie von meinem Wohlbefinden zu unterrichten.
+Sie haben mir durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide zur
+Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, ich werde sie Ihnen
+besorgen, gleich morgen werde ich sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch
+schon, wo ich sie am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich
+
+ Ihr aufrichtiger Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 22. Juni.
+
+Liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei uns im Hause etwas
+sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken
+muß. Heute um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich weiß
+nicht recht, woran, – an den Masern oder, Gott weiß, vielleicht war es
+auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,
+Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was für eine Unordnung!
+Aber das ist ja schließlich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur
+in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen
+Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.
+
+Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein ganz einfacher,
+billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig
+gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen
+Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen,
+Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es
+ist für sie ja vielleicht eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen
+abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernähren haben:
+ein Brustkind und ein kleines Töchterchen so von etwa sechs Jahren, viel
+älter kann das zarte Ding noch nicht sein.
+
+Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet,
+und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit
+man ihm helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen
+und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Tränen
+laufen ihm über die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern
+nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er ist so ein
+Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals
+weiß er, was er antworten soll. Das kleine Mädchen stand dort an den
+Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich
+liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es
+beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden,
+– sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie,
+– stand und rührte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie
+nahm es, aß es aber nicht. Traurig das alles – nicht wahr, Warinka?
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 25. Juni.
+
+Bester Makar Alexejewitsch!
+
+Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein ganz elendes Ding! – man
+kann es überhaupt nicht in die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese
+Kostbarkeit aufgetrieben? Scherz beiseite – gefallen Ihnen denn wirklich
+solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie versprachen mir doch vor ein
+paar Tagen, mir etwas zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch mit
+Ihnen teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf Wiedersehen!
+Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu schreiben.
+
+ W. D.
+
+
+ 26. Juni.
+
+Liebe Warinka!
+
+Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht
+gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein
+Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu
+unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und
+vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es
+Ihnen.
+
+Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich
+Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute
+Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er
+schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und
+einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist
+ein Etwas – sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem
+einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder
+Theresa etwas sage, – selbst da versteht er noch, sich stilvoll
+auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig
+bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in
+einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach
+Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen – auf jeder
+Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im
+Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich
+mit ihm, nun was? – Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von
+Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm
+überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich
+habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie
+deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine,
+daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören
+Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,
+beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien
+Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein
+Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut’s, um
+mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu
+verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt.
+Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz
+unvergleichlicher Schriftsteller.
+
+Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne,
+das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe
+Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen – und noch
+verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
+steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur – das ist ein
+Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein
+Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist
+Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches
+Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren
+Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so
+unter ihnen sitzt und zuhört – und man raucht dabei sein Pfeifchen, ganz
+wie sie – und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und
+über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn einfach
+wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. Denn wenn die erst mal loslegen,
+Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide
+passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf und schäme
+mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend die größte
+Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch mit
+einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man kann und
+kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein
+gar nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist wie verhext,
+Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so ist, wie
+man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann:
+dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.
+
+Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – Schlafe, schlafe wie ein
+alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich
+doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum
+Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von
+sich aus, – was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum
+Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen
+bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff,
+was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben?
+An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält
+er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er
+irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
+Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – fünfhundert, gib oder gib
+nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn
+du willst. Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! Was
+sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?
+
+Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen
+Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz,
+– siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie
+sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind
+ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er,
+biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und
+vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen Sie doch, Bester, die
+fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken
+kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – das ist doch
+Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.
+Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!
+
+Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine
+Stelle aus den „Italienischen Leidenschaften“ abschreiben. So heißt
+nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
+Sie selbst:
+
+– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm
+auf und sein Blut geriet in Wallung ...
+
+„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese
+Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne
+täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe
+rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen,
+die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen
+Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in
+meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O
+Sinaida, Sinaida! ...“
+
+„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt
+an seine Schulter.
+
+„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht.
+
+Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug
+die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der
+Liebenden.
+
+„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen
+röteten sich, ihre Augen glühten ...
+
+Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!
+
+ * * * * *
+
+Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.
+
+„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den
+Ssamowar aufstellen lassen?“ fragte er, seiner Frau die Wange
+tätschelnd. –
+
+Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, – es ist ein
+wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und
+gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch
+noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und Suleika“ abschreiben.
+
+Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer
+Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,
+die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in
+der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – wie Sie sehen. Hier
+schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab:
+
+– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es! ...“
+
+„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika.
+
+„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles
+gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren
+strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den
+steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika
+zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,
+mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer
+zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner
+Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit
+Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du
+himmlisches Wesen!“
+
+„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die Menschen sind
+ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was
+soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
+in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,
+seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht
+verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!“
+
+„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief Jermak, wild die
+Augen rollend. –
+
+Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß
+seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im
+Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in
+dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an
+Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen.
+
+„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief Jermak in wilder
+Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. „Ich muß Blut
+sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!“
+
+Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er
+wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu
+Ende.
+
+Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun
+kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:
+
+– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist doch
+derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan
+Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten
+tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich
+Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war
+... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die
+ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu
+schonen.“ –
+
+Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen,
+als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
+Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im Grunde
+doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle
+liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß Ratasäjeff
+vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt hier mit ein
+Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als
+das, was die anderen sind.
+
+Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den
+Kopf – wie wär’s, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann
+wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß
+plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf
+dem Deckel stände: „_Gedichte von Makar Djewuschkin._“ Was?! Ja, was
+würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das
+vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen
+freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen
+wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre
+denn das, wenn ein jeder sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter
+Djewuschkin!“ und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?
+
+Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die
+sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und
+auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit
+vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle
+wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
+das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie
+dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht
+bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit
+Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja
+Stiefel immer Stiefel), – nur würde man ihr alles erzählen, meine
+eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre
+der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht
+sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade
+paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch
+gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!
+
+Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein
+Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,
+mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das
+eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.
+Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch
+Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen
+Likör hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur
+sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir
+denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen
+schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur
+werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein
+Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für
+Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen
+Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe.
+
+Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – habe es speziell für Sie
+gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie
+an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie
+sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber
+vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!
+
+Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein
+Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor
+
+ Ihr treuester Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 27. Juni.
+
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern
+helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in
+einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich
+darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen – und
+die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch
+etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll
+eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen
+einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und
+überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten
+lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal
+gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt
+hat, – und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch
+besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles
+von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder
+warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei
+Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,
+Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
+soll ich nicht?
+
+Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so
+selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt
+nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber
+wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,
+Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr
+traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz
+mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu
+besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt – man erinnert sich
+an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie
+ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen
+Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst
+nur im Traum etwas sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und
+was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben
+ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel,
+und zum Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle,
+ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer
+wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und da
+müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei
+fremden Menschen sterben! ... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben,
+Makar Alexejewitsch!
+
+Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife
+wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,
+sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat
+einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für
+ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
+würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde
+ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
+und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein
+schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.
+
+Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins Erzählungen –, das ich
+Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie
+es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein
+Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama – da hat es denn
+in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten
+Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, –
+aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben.
+Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon
+etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane
+gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten! ...
+
+Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich
+bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die
+beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich
+alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.
+
+ Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 28. Juni.
+
+Warwara Alexejewna, meine Liebe!
+
+Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie sich denn nicht? So machen
+Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen
+Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und
+gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig
+bleich sind Sie noch, aber trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das
+für Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen Sie sich,
+mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kümmern Sie sich nicht
+weiter um diese dummen Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach!
+Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn nichts?
+Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe
+ruhig, bin gesund – mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man hat seine
+wahre Freude daran, es zu sein! Also hören Sie auf, mein Seelchen,
+schämen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen,
+Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an mit dem
+Grübeln und Grämen, und Sie machen sich von neuem allerlei Gedanken.
+Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal damit
+aufhören, Warinka!
+
+Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein und nein und nochmals nein!
+Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen?
+Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht: das
+lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit
+allen Kräften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
+verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben würde, aber Not leiden,
+das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich
+kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr
+ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein die Schuld trägt – nur
+sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf
+gesetzt. Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was sie sagt.
+Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen? ... Wissen
+nicht, daß sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist,
+die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht
+hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie nicht geärgert, irgendwie gekränkt?
+
+Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts!
+Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka,
+mein Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. Was fehlt
+Ihnen denn bei uns? Wir können uns nicht genug über Sie freuen und auch
+Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
+weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen Sie auch nicht – ganz wie
+Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst:
+wie würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher verschaffen – und
+dann können wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
+müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende
+machen und vernünftig werden und sich nicht grundlos um alles
+Alltägliche sorgen und grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
+bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes
+Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, Herzchen, gar nicht schön!
+
+Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich weiß es selbst, daß ich
+nichts gelernt habe, daß ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum
+handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
+wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie
+wollen! Er ist mein Freund, deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt
+gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter
+keinen Umständen beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewählt, es
+sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schön! Sie haben es
+vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade
+nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade über
+Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder es ist vielleicht sonst
+irgendwie ein Unglückstag für Sie gewesen.
+
+Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen und aufmerksam, wenn Sie
+froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie
+gerade ein Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es noch einmal.
+Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch
+bessere Schriftsteller gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere,
+aber deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht schlecht zu sein:
+sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen schreiben
+meinetwegen auch gut. Außerdem schreibt er, vergessen wir das nicht, nur
+für sich – tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden – und das
+merkt man ihm dann an, daß er es tut, und zwar zu seinem Vorteil!
+
+Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich
+habe da noch etwas abzuschreiben und muß mich beeilen. Also sehen Sie
+zu, mein Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge Gott der
+Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe
+
+ Ihr treuer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute
+aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen.
+
+
+Mein teurer Makar Alexejewitsch!
+
+Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich noch länger hier lebe.
+Ich habe nachgedacht und eingesehen, daß es sehr falsch von mir ist,
+eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir
+doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. Ich werde mir Mühe
+geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu
+erwerben, und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter zu
+ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu
+leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von
+ihnen abhängig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch
+nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch früher
+schon Ähnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war.
+Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang
+umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt – was tat das, ich war doch
+froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da
+fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: um neun Uhr hieß es
+– nach der Pension zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die
+Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und ich fühlte mich so
+bedrückt, so elend, daß die Tränen sich nicht mehr zurückdrängen ließen.
+Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter
+Einsamkeit und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich sei faul und
+wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich
+weinte.
+
+Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte mich schließlich an alles, und
+als ich die Pension verlassen mußte, weinte ich gar beim Abschied von
+den Freundinnen.
+
+Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der
+Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich
+gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
+jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und sich ans Waschen macht,
+und dann bis in die späte Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber
+bedürfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für mich
+opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes
+Geld nur für mich auszugeben? Ich weiß doch, daß das über Ihre
+Verhältnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das
+Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden ließen. Ich glaube
+es Ihnen, mein Freund, ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben, – doch
+das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld,
+haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen
+doch – ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon
+ich froh wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch nicht immer
+Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen und quälen, indem ich Sie und
+Fedora für mich sorgen lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte
+ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch nur im
+geringsten nützlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so unentbehrlich,
+mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin Ihnen nur von
+ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von ganzem Herzen,
+doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein
+bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun, Ihre
+Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also halten
+Sie mich nicht mehr zurück, überlegen Sie sich meinen Plan nochmals
+gründlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.
+
+ In Erwartung derselben verbleibe ich
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 1. Juli.
+
+Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn!
+Wollte man Sie so sich selbst überlassen, was würden Sie sich da nicht
+alles ins Köpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes!
+Ich sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei
+uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind
+alle zufrieden und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was aber
+wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht,
+was das heißt: fremde Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen,
+denn ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er
+ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot
+gegessen. Bös ist er, Warinka, sehr böse, so böse, daß das kleine Herz,
+das man hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit
+Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. –
+Bei uns haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen
+haben Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun mit einem Male so
+etwas antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten
+mir nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn nicht nützlich?
+Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie,
+inwiefern Sie mir nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar
+sehr nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden
+Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne
+weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
+Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte darauf eine
+ausführliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für
+Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für mich, na,
+und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige ... Nein, wie sollten Sie
+denn nicht nützlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in
+meinen Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie haben
+vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal
+wirklich darüber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen
+könnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. Und was käme
+denn dabei heraus, was wäre das Ende vom Liede? – Ich würde in die Newa
+gehen und damit wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
+was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun übrig?!
+
+Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen wohl, daß mich ein
+Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof führt, daß irgendeine alte
+Herumtreiberin meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der Gruft mit
+Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich allein zurückläßt. Das ist
+sündhaft von Ihnen, sündhaft, mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott,
+sündhaft!
+
+Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine Freundin, und wenn
+Sie, Warinka, meine Meinung über dasselbe wissen wollen, so kann ich
+Ihnen nur sagen, daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu
+lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich
+denn bisher so habe leben können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir!
+Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich
+eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich
+gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
+habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. „Das Bild des
+Menschen“ – ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein
+anderes: „Vom Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“, und
+dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles, weiter habe ich nichts
+gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Büchlein, den
+„Stationsaufseher“ gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind,
+es kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß da neben einem
+ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den
+Fingern hergezählt, und noch mancherlei, worauf man früher selbst gar
+nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein
+Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem denn nach und nach vieles
+ein, und allmählich begreift man so manches und wird sich über die Dinge
+klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch lieb gewonnen
+habe: manches Werk, was für eines es auch immer sein mag, das liest man
+und liest – aber lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das
+Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben
+und mit soviel Klugheit, daß man es nicht recht begreifen kann. Ich zum
+Beispiel, – ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
+geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber –
+ja dies liest man und es ist einem fast, als hätte man es selber
+geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so
+mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen
+Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, und dann ausführlich
+beschrieben – sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach,
+mein Gott! Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
+warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in
+diesem Büchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz
+derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
+dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter
+uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles
+beschrieben ist! Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich das
+las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, als das Unglück ihn
+heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem
+Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte
+und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit dem schmierigen
+Pelzaufschlag die Tränen von den Wangen wischte, wenn er an sein
+verirrtes Lämmlein dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha!
+
+Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das
+ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren,
+– das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da finden wir gleich
+die Theresa – wozu so weit suchen! – da ist auch unser armer Beamter, –
+denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin, nur daß
+er einen anderen Namen hat und eben zufällig Gorschkoff heißt. Das ist
+etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie, mein
+Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai wohnt, selbst
+der kann dasselbe erleben, nur daß er sich äußerlich anders verhalten
+wird – denn dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders, aber
+auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir.
+
+Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. Sie aber wollen noch
+wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir
+damit antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich und mich damit
+zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes
+willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie mich
+nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch selbst, Sie mein
+kleines, schwaches Vögelchen, das noch nicht einmal flügge geworden ist
+–: wie könnten Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben
+bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht verteidigen! Nein,
+lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie sich!
+Hören Sie nicht auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen Sie Ihr
+Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen.
+
+Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“ gesprochen. Der
+sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit
+Bildern und solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich habe
+es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schloß aber
+doch damit, daß Puschkin gut sei und daß er das heilige Rußland besungen
+habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. Ja, es ist
+gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie
+meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
+glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, meine Gute, wird Sie
+bestimmt belohnen!
+
+ Ihr treuer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den Teppich gebracht. Wie
+froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen
+in größter Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, – der
+Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen.
+
+Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von
+denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem
+Titel „Der Mantel“.[5]
+
+Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu
+teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon
+lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich fürchte immer nur
+eines: wird uns der Spaß nicht zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf
+und meint, daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. Das sehe
+auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon für mich ausgegeben!
+Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora
+hat mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin
+in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt hätten. Ich
+sorge mich sehr um Sie.
+
+Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nämlich
+meinen Hut mit Band.
+
+P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut
+aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so
+gefallen?
+
+
+ 7. Juli.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch zurück. – Ja, mein Kind,
+auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich
+einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
+sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch nichts gewesen, das
+Wunderliche aber war dabei, daß ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen
+und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch verliebte
+ich mich in sie.
+
+Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige Leute, alle Wand an Wand und
+Tür an Tür. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein,
+obschon ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann
+aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles
+ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden
+Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei – für
+Notwendiges hatten sie nie einen Heller – schob die ganze Kumpanei ins
+Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur
+diese eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen gebärdeten
+sie sich! Und dann ließen sie einen natürlich nicht einschlafen: die
+ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine
+Glascha[6], alle waren sie in sie verliebt, alle hatten sie nur den
+einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn schließlich auch
+mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung!
+
+Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit ihnen im Theater
+saß, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang,
+dafür aber hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen –
+hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hände rot und
+blau, schrien, schrien – mit einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen
+genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgeführt.
+
+Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich nur
+noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja,
+und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf dem Wege zum Dienst,
+trat ich in einen Parfümerieladen ein und kaufte für mein ganzes Kapital
+Parfüm und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst nicht mehr zu sagen,
+wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht einmal zu
+Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte am
+Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, saß ein Weilchen, erholte
+mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem
+Fensterpromenaden zu machen.
+
+So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken,
+immer Lichatschi[7], und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich
+brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann
+schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, und das Ganze mir
+langweilig wurde.
+
+Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu
+machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka,
+noch ganz, ganz jung! ...
+
+ M. D.
+
+
+ 8. Juli.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich
+mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit
+Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind,
+wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht
+haben.
+
+Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten
+zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
+anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, zu befehlen,
+diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal
+so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der
+eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten
+selbst aber, die stammen von Gott.
+
+Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht
+mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie
+etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich
+nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie
+auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst
+Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher auch noch
+keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch
+so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig,
+nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit
+Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann
+allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt,
+auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau
+geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich,
+wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie
+sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte
+Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die
+öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so etwas habe ich
+mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar
+ein Kreuzchen habe ich erhalten – doch was soll man davon reden! Das
+müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn
+wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich
+eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von
+Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka![8]
+
+Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben –
+gleichviel wie und wo es auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein
+Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und
+zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen
+nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es
+denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du
+auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie
+besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn
+dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf
+den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von
+einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit
+sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee
+trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,
+was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon
+so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem
+nichts Böses getan haben?
+
+Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen
+Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine
+Pflicht erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man
+da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), – und da setzt
+sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne
+alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über
+dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche
+steht!
+
+Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut
+man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:
+hat man zum Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht man sie
+an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist
+angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz
+richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor
+Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst
+eingetreten ist.
+
+Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz
+gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen?
+Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem
+anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des
+Tones willen, – nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm
+halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter uns gesagt, Warinka –
+ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
+seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene dort und dort,“ doch
+um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken.
+Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel
+in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt
+das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle
+durchnimmt, – das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht
+doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im
+Zaum hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht
+bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich
+wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
+durchlassen können!
+
+Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von
+den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar
+Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch obendrein
+eine Fortsetzung!
+
+Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,
+man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor
+zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der
+Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht
+dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles
+ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht
+einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
+beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er
+sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas
+wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der
+man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte,
+daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und
+eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er
+den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier
+hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er
+niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben
+(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen
+beweint worden sei.
+
+Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte
+sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel
+wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch – nein, was
+sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden
+erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren
+Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen
+gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß
+das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert – die anderen
+Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen
+gehabt!
+
+Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben
+hat – was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja
+doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen
+Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches
+Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein
+vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht
+wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen
+solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen,
+Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!
+
+ Ihr gehorsamster Diener
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 27. Juli.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich recht erschreckt, und
+zwar um so mehr, als ich mir anfangs nichts zu erklären wußte – bis
+Fedora mir dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn gleich so
+verzweifeln und in einen solchen Abgrund stürzen, Makar Alexejewitsch?
+Ihre Erklärungen haben mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt,
+daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte Stelle
+anzunehmen? Überdies ängstigt mich mein letztes Abenteuer sehr.
+
+Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt, mir manches zu
+verheimlichen. Ich habe es ja schon damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu
+Dank verpflichtet war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für mich
+nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie, wie Sie sagten, auf der
+Kasse liegen hätten. Jetzt aber, nachdem ich erfahren habe, daß Sie
+überhaupt kein erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von
+meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, Ihr Gehalt,
+das Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß
+Sie während meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft haben – jetzt
+sehe ich mich in eine so qualvolle Lage versetzt, daß ich gar nicht
+weiß, wie ich alles das auffassen und was ich überhaupt denken soll!
+
+Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der notwendigsten Hilfe, die
+Sie mir aus Mitleid und verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden
+lassen und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges
+verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, Makar Alexejewitsch,
+Sie haben mein Vertrauen mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß
+Sie Ihr letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge,
+Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben – jetzt bezahle ich das teuer
+mit Selbstvorwürfen und der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen
+Leichtsinns, denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, ohne nach
+Ihrem Auskommen zu fragen. Auf diese Weise verwandelt sich jetzt alles,
+womit Sie mir einst Freude machen wollten, in eine drückende Last, und
+alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern verdrängt.
+
+Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen, daß Sie
+bedrückt waren, aber obschon ich selbst ahnungsvoll irgendein Unheil
+erwartete, konnte ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht
+fassen. Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße den Mut verlieren
+können, Makar Alexejewitsch! Was werden jetzt diejenigen, die Sie
+kennen, von Ihnen sagen? Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer
+Herzensgüte, Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet habe, Sie
+haben sich plötzlich einem so widerlichen Laster ergeben können, dem Sie
+doch, soviel mir scheint, früher noch nie gefrönt haben.
+
+Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora mir erzählte, daß
+man Sie in berauschtem Zustande auf der Straße gefunden und die Polizei
+Sie nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, – obschon ich mich auf
+etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht hatte, da Sie ja doch schon seit
+ganzen vier Tagen verschwunden waren. Haben Sie denn nicht daran
+gedacht, Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten dazu sagen werden,
+wenn sie die wirkliche Ursache Ihres Ausbleibens vernehmen? Sie sagen,
+daß alle über Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, und
+daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden auch meiner Erwähnung tun.
+Beachten Sie das nicht, Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um
+Gottes willen!
+
+Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte mit jenen Offizieren, –
+ich habe nichts Genaueres erfahren können, nur so ein Gerücht. Erklären
+Sie mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat.
+
+Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die Wahrheit mitzuteilen,
+weil Sie dann vielleicht meine Freundschaft verloren haben würden, daß
+Sie während meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb alles
+verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und somit verhindern zu
+können, daß man mich ins Hospital brachte, daß Sie soviel Schulden
+gemacht, wie es Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin Ihnen
+jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, – aber indem Sie mir alles
+dies verheimlichten, wählten Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch
+alles erfahren! Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß ich die
+Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben mir aber nun durch Ihre
+Aufführung doppelten Kummer bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen,
+Makar Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist eine ansteckende
+Krankheit. Arme und Unglückliche müßten sich fernhalten voneinander, um
+sich gegenseitig nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen
+solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem bescheidenen
+stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben. Das quält mich entsetzlich
+und nimmt mir jede Kraft.
+
+Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort mit Ihnen geschehen
+ist und wie Sie sich so weit haben vergessen können. Beruhigen Sie mich,
+wenn es Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, sondern nur
+aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, die nichts aus meinem Herzen tilgen
+könnte.
+
+Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Sie haben
+schlecht von mir gedacht, Makar Alexejewitsch.
+
+ Ihre Sie von Herzen liebende
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 28. Juli.
+
+Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
+
+Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden ist und alles
+allmählich wieder ins alte Geleise kommt, kann ich ja zu Ihnen ganz
+aufrichtig sein, mein Kind. Also: es beunruhigt Sie, was man von mir
+denken und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich mich, Ihnen
+mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte mir höher steht, als alles andere.
+Und da kann ich Ihnen denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen
+Unglücksfällen und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, daß
+von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas erfahren hat, so daß sie mich
+alle nach wie vor achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich
+Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, aber nachdem ich ihr
+jetzt mittels Ihrer zehn Rubel einen Teil meiner Schuld bezahlt habe,
+brummt sie nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht so
+schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten, dann sind sie ganz gut.
+Zum Schluß aber dieser meiner Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein
+Kind, daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und jedes in der
+Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt habe, tröste ich mich nun
+in der Zeit meiner Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und
+die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß Sie es so milde
+auffassen, daß Sie mich deshalb nicht für einen treulosen Freund und
+selbstsüchtigen Menschen halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt
+und Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, mich von
+Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe mich mit Eifer von neuem an meine
+Arbeit gemacht und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im Dienst
+mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij Iwanowitsch sagte kein
+Wort, als ich gestern an ihm vorüberging.
+
+Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein Kind, daß meine Schulden
+und der schlechte Zustand meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber
+darauf kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie nur inständig,
+sich wegen dieser Nebensachen keine Sorgen zu machen. Sie senden mir
+noch ein halbes Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat mir mein
+Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so hat sich das Blatt gewandt!
+Nicht ich, der alte Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern Sie,
+mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir! Das war sehr gut von Fedora,
+daß sie Geld verschafft hat. Ich habe vorläufig gar keine Aussichten,
+irgendwo welches auftreiben zu können, mein Kind, doch sobald sich
+irgendeine Aussicht auf eine Möglichkeit einstellen sollte, werde ich
+Ihnen darüber ausführlich näheres schreiben. Nur der Klatsch, der
+Klatsch beunruhigt mich!
+
+Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich küsse Ihr Händchen und bitte Sie
+flehentlich, nur ja wieder gesund zu werden. Ich schreibe deshalb so
+kurz, weil ich zum Dienst eilen muß, denn durch Eifer und Fleiß will ich
+alle meine Versäumnisse nachholen und so mein Gewissen langsam
+beruhigen. Die ausführlichere Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener
+Geschichte mit den Offizieren verschiebe ich auf den Abend. Dann habe
+ich mehr Zeit.
+
+ Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 28. Juli.
+
+Warinka, mein Liebes!
+
+Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und
+wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich
+um den Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, und mich
+ganz und gar vor den Kopf gestoßen: erst jetzt, nachdem ich in Muße
+nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich
+und weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich
+rede jetzt nicht von meinen drei wüsten Tagen (lassen wir das gut sein,
+Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, daß
+ich Sie liebe und daß es keineswegs unvernünftig von mir war, Sie zu
+lieben, nein, durchaus nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja
+doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das alles kam, warum ich Sie
+lieben muß, so würden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur
+so, und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken.
+
+Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit
+jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein
+Engelchen, daß ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.
+Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon einen ganzen Monat
+sozusagen nur noch an einem Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß,
+daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen
+versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls,
+aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich
+hätte mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien lassen,
+die schändliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch
+eine Schande, und zweitens kam hinzu, daß sie Gott weiß woher von
+unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen
+Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören und Sehen verging und
+ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren
+nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch
+jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen
+soll ...
+
+Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglück in allen
+seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hörte ich nun
+plötzlich von Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen sei und
+Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. Daß er Sie tief und
+grausam beleidigt haben mußte, das konnte ich schon nach mir selbst
+beurteilen, mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt.
+Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor den
+Kopf und verlor mich selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen
+Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden. Ich
+wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, dem nichts mehr heilig war!
+Doch ich weiß selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein
+Engelchen, daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen und
+Schmutz draußen und Weh und Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon
+zurückzukehren ... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. Ich begegnete
+dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, – er ist ein Beamter, d. h. er war
+Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem
+Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit er sich jetzt
+beschäftigt – irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen
+und so gingen wir denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll man da
+reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, von den Verirrungen
+und Prüfungen Ihres Freundes zu lesen – und den Bericht von all dem
+Unglück mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend –
+der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt – ging ich
+schließlich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem
+Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal die Rede davon
+ist – schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon
+lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja
+ein, daß ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in
+einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und
+dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß ich nichts mehr, was
+dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, daß sehr viele Offiziere
+bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen
+alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat,
+ich weiß nur, daß ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun
+und da wurde ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe
+hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich
+hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich wurde hinausbefördert. Wie ich
+wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,
+Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und meine Ehre hat
+darunter gelitten, aber von dem ganzen weiß ja doch niemand, von fremden
+Menschen niemand, außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso
+gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch
+wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß,
+das ist, daß im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz
+ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht öffentlich,
+tat es unter vier Augen. Er ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber
+sah alles zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es
+für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung:
+denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun,
+ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß ich nichts
+davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als hätte auch ich
+nichts gewußt. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij
+Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas zwischen
+ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein
+Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt
+grüßen sie sich, als ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar
+die Hand.
+
+Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu
+widersprechen, ich sehe es selbst ein, daß ich tief gesunken bin und ich
+habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr
+viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so
+bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, – dem Schicksal aber
+entgeht man nicht, wie Sie wissen.
+
+So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles dessen, was mich in
+meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie
+sehen, ist es von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu
+denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefühle
+abhanden gekommen. Ich schließe, indem ich Sie, verehrte Warwara
+Alexejewna, meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und
+verbleibe
+
+ Ihr ergebenster Diener
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 29. Juni.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hände zusammengeschlagen!
+Mein Gott, mein Gott! Hören Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie
+mir etwas oder Sie haben mir überhaupt nur einen Teil Ihrer
+Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ... wirklich, Makar Alexejewitsch,
+aus Ihren Briefen lese ich noch immer eine gewisse Verstörtheit heraus
+... Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen Sie! Und hören Sie:
+kommen Sie einfach zum Mittagessen zu uns. Ich weiß nicht, wie Sie dort
+leben und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie schreiben davon
+nichts, und zwar scheinbar absichtlich, als wollten Sie wieder etwas
+verschweigen.
+
+Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie unbedingt heute zu uns.
+Überhaupt wäre es besser, wenn Sie immer bei uns essen würden. Fedora
+kocht sehr gut. Leben Sie wohl.
+
+ Ihre
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 1. August.
+
+Warwara Alexejewna, meine Liebe!
+
+Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit
+gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu
+beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgüte Ihres
+Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir
+nicht wie damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein
+Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesündigt, was ist da
+zu machen! – wenn Sie durchaus wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen
+Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut weh!
+
+Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen das sage. In meinem
+Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von
+der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon
+beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes
+Welt sieht er anders an, auf jeden Vorübergehenden sieht er mißtrauisch
+von der Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt um, und
+horcht auf jedes Wort – ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob man
+sich nicht gerade zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er
+ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick
+wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und
+wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder,
+Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und
+keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch
+immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt
+am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so,
+wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der
+linken Seite nach außen sein muß, er darf da nichts tiefinnerlich
+Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas,
+das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß
+man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht habe, und daß er dabei
+für jeden Heller gewissermaßen einer Besichtigung unterzogen worden sei.
+Die Menschen waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen nicht umsonst
+geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür, daß man ihnen einen armen
+Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz
+eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer so erwiesen
+worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht
+oder sie sind schon gar zu große Meister darin – eins von beiden.
+
+Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann merken Sie es sich!
+Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch über manches nicht mitreden kann
+– hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber
+weiß ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er überhaupt so etwas?
+Ja, woher weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung! Ebensogut wie er
+weiß, daß dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein
+Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser
+arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _sauté
+aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne
+Butter essen!“ – Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter
+essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt
+wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann
+noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln überall
+und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß auftritt, oder nur mit der
+Fußspitze, und notieren es sich noch, daß der und der Beamte in dem und
+dem Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, daß
+die Ärmel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und
+Löcher aufweisen – und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und
+obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an, daß meine Ellenbogen
+zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so
+sage ich Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe
+Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mädchenscham empfinden. Sie
+werden sich doch auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das
+grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht
+es der arme Mensch, daß man in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu
+sehen, wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag aber für ein
+Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die
+Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu
+beleidigen?
+
+Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz mäuschenstill und geduckt,
+und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham
+fast vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man verliert ja
+unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, daß durch das durchgescheuerte
+Ärmelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knöpfe nur noch an einem
+Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles
+buchstäblich wie behext, und in der größten Verwahrlosung! Da verliert
+man denn ganz unwillkürlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst
+Stepan Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir zu
+sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, und dann plötzlich
+entfuhr es ihm ganz unversehens: „Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach
+aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es
+durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, daß sogar meine
+Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist
+doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermütige
+Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott
+behüte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich,
+aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht.
+Diesen Räubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne
+weiteres! Sie sind fähig, dein ganzes Privatleben für nichts und wieder
+nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!
+
+Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff hat’s getan! Er muß
+mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem
+Betreffenden so gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine
+Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er hat’s vielleicht in
+seinem Bureau erzählt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden
+und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau
+unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich weiß
+schon, daß sie’s tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging,
+steckten sie aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin sagte,
+da habe nun der Teufel mit einem Säugling einen Bund geschlossen, und
+dann drückte sie sich außerdem noch unanständig über Sie aus.
+
+Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche Absicht
+Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in
+einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir
+deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts
+mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, wozu ich mich
+entschließen muß. Ja, – soll man da noch länger seine Sünde in Abrede
+stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, mein
+Engelchen!
+
+Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht
+langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was
+ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch
+Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen
+geschrieben, nur so, damit müßige Leute etwas zu lesen haben. Glauben
+Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen
+Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen – in der
+Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch
+ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts
+weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe und nur zu solchem Zweck von
+diesem Pasquillanten verfaßt!
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 2. August.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht mehr! Gott wird uns
+schon helfen und alles wird wieder gut werden. Fedora hat für sich und
+mich eine Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergnügt
+sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir dadurch alles wieder
+gutmachen können. Fedora sagte mir, sie glaube, daß Anna Fedorowna über
+alle meine Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet
+sei, doch mir ist jetzt alles gleichgültig. Ich bin heute ganz besonders
+froh gestimmt.
+
+Sie wollen Geld borgen – Gott bewahre Sie davor! Damit würden Sie sich
+noch mehr Unglück auf den Hals laden, denn Sie müssen es zurückzahlen,
+und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber
+noch etwas sparsamer, kommen Sie öfter zu uns und achten Sie nicht
+darauf, was Ihre Wirtin da schreit. Was aber Ihre übrigen Feinde und
+alle Ihnen mißgünstig Gesinnten betrifft, so bin ich überzeugt, daß Sie
+sich mit ganz grundlosen Befürchtungen quälen, Makar Alexejewitsch!
+
+Sie könnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten, ich habe Ihnen schon
+das vorige Mal gesagt, daß Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also
+leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter allen
+Umständen.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 3. August.
+
+Mein Engelchen Warwara Alexejewna!
+
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, daß ich jetzt doch
+wieder eine kleine Aussicht habe und damit auch wieder Hoffnung. Aber
+zunächst erlauben Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle
+keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht ohne sie. Mir geht es
+schon schlecht, aber wie wird das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen
+doch plötzlich etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches
+Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn auch, daß man sich
+unbedingt Geld verschaffen muß. Und nun hören Sie weiter.
+
+Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im Bureau neben Jemeljan
+Iwanowitsch sitze. Das ist nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon
+erzählt habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. Wir
+beide sind so ziemlich die Ältesten im ganzen Departement, die
+Alteingesessenen, wie man uns zu nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch,
+ein uneigennütziger Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig, wissen
+Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein richtiger Brummbär aus.
+Dafür arbeitet er gut, hat eine sogenannte englische Handschrift, und
+wenn man die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als ich.
+Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! Sehr intim sind wir beide
+nie gewesen, nur so auf „Guten Tag!“ und „Leben Sie wohl!“ haben wir
+gestanden, doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein Federmesser nötig
+hatte, nun, dann sagte ich eben: „Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr
+Messerchen, auf einen Augenblick!“ Also eine richtige Unterhaltung gab’s
+zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, was man sich so
+gelegentlich zu sagen hat, wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen
+Sie, da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir: „Makar
+Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so nachdenklich?“
+
+Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir – und da vertraute ich mich
+ihm denn an. So und so, sagte ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles
+erzählte ich ihm nicht – und natürlich, Gott behüte, werde ich das auch
+nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, aber so dies und jenes
+habe ich ihm doch anvertraut, mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß
+ich „etwas in Geldverlegenheit“ sei, nun, und so weiter.
+
+„Aber Sie könnten doch, Väterchen,“ sagte darauf Jemeljan Iwanowitsch,
+„könnten sich doch von jemandem Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von
+Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe auch von ihm
+geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar so hohe Prozente, wirklich,
+nicht gar so hohe.“
+
+Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders vor lauter Freude – es
+hüpfte nur so! Ich dachte und dachte hin und her und setzte mein
+Vertrauen auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch
+vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht. Und ich begann schon,
+alles auszurechnen: wie ich dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen
+und auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen verleihen
+würde – denn so ist es doch eine wahre Schande, man schämt sich
+ordentlich, auf seinem Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die
+Jungen ewig über einen lachen – nun, Gott verzeih’ ihnen! Aber auch
+Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem Tisch vorüber: nun, sagen wir,
+wenn sie einmal – wovor Gott uns behüte und bewahre! – wenn sie einmal
+im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen geruhten und bemerken
+sollten, daß ich, sagen wir, ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner
+Exzellenz aber sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie würden ja
+wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, ich würde auf der Stelle
+sterben vor Scham, – sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn
+all meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut es ging, und begab
+mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits voll Hoffnung und andererseits
+weder tot noch lebendig vor Erwartung – beides zugleich.
+
+Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es endete mit – nichts. Er
+war da sehr beschäftigt und sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich
+trat von der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am Ärmel:
+bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle, mit Pjotr Petrowitsch. Er
+sah sich nach mir um – und da begann ich denn und sagte ungefähr: „So
+und so, Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa dreißig Rubel
+usw.“ – Er schien mich zuerst nicht ganz zu verstehen, als ich ihm aber
+dann nochmals alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber
+nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er aber fragte
+plötzlich: „Haben Sie ein Pfand?“ – selbst jedoch vertiefte er sich
+wieder ganz in seine Papiere und schrieb weiter, ohne sich nach mir
+umzusehen. Das machte mich ein wenig befangen.
+
+„Nein,“ sagte ich, „ein Pfand habe ich nicht, Pjotr Petrowitsch“ – und
+ich erklärte ihm: „So und so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen,
+sobald ich meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, werde es
+für meine erste Pflicht erachten.“ In diesem Augenblick rief ihn jemand
+und er ging fort, ich blieb aber und erwartete ihn. Er kam denn auch
+bald wieder zurück, setzte sich, spitzte seine Feder – mich aber
+bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch wieder darauf zu
+sprechen, „also so und so, Pjotr Petrowitsch, ginge es denn nicht doch
+irgendwie?“
+
+Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu hören, ich aber stand,
+stand. – Nun, dachte ich, ich will es doch noch einmal, zum letztenmal,
+versuchen, und zupfte ihn wieder ein wenig am Ärmel. Er sagte aber
+keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen von seiner Federspitze
+und schrieb weiter. Da ging ich denn.
+
+Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht sehr ehrenwerte
+Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, – nichts für unsereinen! Wo
+reichen wir an diese hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe
+ich Ihnen auch alles das geschrieben.
+
+Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen und schüttelte den
+Kopf, aber er machte mir doch wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan
+Iwanowitsch ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich einem
+gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, Warinka, der auf der
+Wiborger Seite[9] wohnt, leiht gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan
+Iwanowitsch sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. Ich
+werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen werde ich zu ihm gehen. Was
+meinen Sie dazu? Es geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon,
+mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen geben. Und meine
+Stiefel sind schrecklich schlecht, mein Kind, und Knöpfe fehlen mir
+überall, und was mir nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der
+Vorgesetzten eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein Unglück, Warinka,
+wirklich ein Unglück!
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 4. August.
+
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen Sie so bald als
+möglich Geld! Ich würde Sie unter den jetzigen Umständen natürlich für
+keinen Preis um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher Lage ich
+mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser Wohnung bleiben, ich muß
+fort! Ich habe die schrecklichsten Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können
+es sich nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin!
+
+Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen erscheint bei uns
+plötzlich ein fremder Herr, ein schon bejahrter Mann, nahezu ein Greis,
+mit Orden auf der Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er von
+uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um noch etwas zu kaufen. Er
+begann mich auszufragen: wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und
+darauf erklärte er mir – ohne meine Antwort abzuwarten, – er sei der
+Onkel jenes Offiziers und habe sich über das flegelhafte Betragen seines
+Neffen sehr geärgert: er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in
+einen schlechten Ruf gebracht habe – sein Neffe sei ein leichtsinniger
+Bengel, der zu nichts tauge, er aber fühle sich als Onkel verpflichtet,
+die Schuld seines Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu
+nehmen. Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen Leute zu hören, er
+dagegen habe wie ein Vater Mitleid mit mir, empfinde überhaupt
+väterliche Liebe für mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu
+helfen.
+
+Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was ich denken sollte,
+weshalb ich ihm natürlich auch nicht dankte. Er nahm meine Hand und
+hielt sie fest, obschon ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte
+meine Wange, sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders
+gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe. – Gott weiß, was er
+da noch sprach! – und zu guter Letzt wollte er mich auch noch küssen: er
+sei ja schon ein Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! – Da trat
+Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen und begann wieder damit,
+daß er mich wegen meiner Bescheidenheit und Wohlerzogenheit überaus
+achte: er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor ihm verlöre.
+Dann rief er Fedora beiseite und wollte ihr unter einem seltsamen
+Vorwand Geld in die Hand drücken. Doch Fedora nahm es natürlich nicht
+an. Da brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals alle seine
+Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder zu besuchen und mir dann
+Ohrringe mitzubringen (ich glaube, er war zum Schluß selbst etwas
+verlegen). Er riet mir außerdem, in eine andere Wohnung überzusiedeln,
+und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei und mich nichts kosten
+würde. Er sagte, daß er mich namentlich deshalb sehr liebgewonnen habe,
+weil ich ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen sei. Darauf riet er
+mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend in acht zu nehmen, und zum
+Schluß erklärte er, daß er mit Anna Fedorowna bekannt sei und sie ihn
+beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen werde. Da begriff
+ich denn alles! Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah – ich habe das
+zum erstenmal gefühlt und mich zum erstenmal in einer solchen Lage
+befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn tüchtig – und Fedora
+stand mir bei und jagte ihn förmlich aus dem Zimmer. Das ist natürlich
+Anna Fedorownas Machwerk – woher hätte er sonst etwas von uns erfahren
+können?
+
+Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, und flehe Sie an, mir
+beizustehen. Helfen Sie mir, um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt
+nicht im Stich! Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur
+ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten eines Umzuges
+bestreiten könnten, hierbleiben aber können wir unter keinen Umständen,
+das ist ganz ausgeschlossen. Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen
+wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde Ihnen dieses Geld
+zurückgeben, ich werde es mir schon verdienen! Fedora wird mir in den
+nächsten Tagen noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht
+durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, gehen Sie auf
+jede Bedingung ein! Ich werde Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen
+Sie mich jetzt nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen unter
+den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu kommen, aber Sie sind
+doch meine einzige Stütze, meine einzige Hoffnung!
+
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie an mich, und Gott gebe
+Ihnen Erfolg!
+
+ W. D.
+
+
+ 4. August.
+
+Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
+
+Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schläge sind es, die mich
+erschüttern! Gerade diese schrecklichen Heimsuchungen schlagen mich zu
+Boden! Dieses Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswürdigen
+Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf das Krankenlager
+bringen, durch alle die Aufregungen, die sie Ihnen bereiten, sondern
+auch mir wollen sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden
+sie, ich schwöre es, das werden sie! Ich wäre doch jetzt eher zu sterben
+bereit, als Ihnen nicht zu helfen! Und wenn ich Ihnen nicht helfen
+könnte, so wäre das mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich
+Ihnen aber, so fliegen Sie mir schließlich wie ein Vöglein fort, und
+dann werden Sie von diesen Nachteulen, diesen Raubvögeln, die Sie jetzt
+aus dem Nestchen locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist es,
+was mich am meisten quält, mein Kind. Aber auch Ihnen, Warinka, trage
+ich eines nach: warum müssen Sie denn gleich so grausam sein? Wie können
+Sie nur! Sie werden gequält, Sie werden beleidigt, Sie, mein Vögelchen,
+mein kleines, armes Herzchen, haben nur zu leiden, und da – da machen
+Sie sich noch deshalb Sorgen, daß Sie mich beunruhigen müssen, und
+versprechen, das Geld zurückzuzahlen, und es zu erarbeiten: das aber
+heißt doch in Wirklichkeit, daß Sie sich bei Ihrer schwachen Gesundheit
+zuschanden arbeiten wollen, um für mich zum richtigen Termin das Geld zu
+beschaffen! So bedenken Sie doch bloß, Warinka, was Sie da sprechen!
+Wozu sollen Sie denn nähen und arbeiten und Ihr armes Köpfchen mit
+Sorgen quälen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka, Warinka!
+
+Sehen Sie, mein Täubchen, ich tauge zu nichts, zu gar nichts, und ich
+weiß es selbst, daß ich zu nichts tauge, aber ich werde dafür sorgen,
+daß ich doch noch zu etwas tauge! Ich werde alles überwinden, ich werde
+mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde für unsere Schriftsteller
+Abschriften machen, ich werde zu ihnen gehen, werde selbst zu ihnen
+gehen und mir Arbeit von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute
+Abschreiber, ich weiß es, daß sie sie suchen! Sie aber sollen sich nicht
+krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich das zu!
+
+Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt Geld auftreiben, ich
+sterbe eher, als daß ich es nicht tue. Sie schreiben, mein Täubchen, ich
+solle vor hohen Prozenten nicht zurückschrecken: – das werde ich gewiß
+nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurückschrecken, jetzt vor
+nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel erbitten, mein Kind. Das ist doch
+nicht zu viel, Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig Rubel auf
+mein Wort ohne weiteres anvertrauen? Das heißt, ich will nur wissen, ob
+Sie mich für fähig halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen
+einzuflößen? So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und überhaupt –
+kann man mich da auf den ersten Blick hin günstig beurteilen? Denken Sie
+zurück, mein Engelchen, denken Sie nach, kann ich wohl einen guten
+Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal sieht? Bin ich wohl
+der Mann dazu? Was meinen Sie? Wissen Sie, man fühlt doch solch eine
+Angst – krankhaft geradezu, wirklich krankhaft!
+
+Von den vierzig Rubeln gebe ich fünfundzwanzig Ihnen, Warinka, zwei der
+Wirtin und den Rest behalte ich für mich, für meine Ausgaben.
+
+Zwar sehen Sie: der Wirtin müßte ich eigentlich mehr geben, sogar
+unbedingt mehr, aber überlegen Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen
+Sie mal zusammen, was ich nur fürs Allernotwendigste brauche: Sie werden
+einsehen, daß ich ihr unter keinen Umständen mehr geben kann – folglich
+lohnt es sich gar nicht, noch weiter darüber zu reden, und man kann die
+Frage einfach ausschalten. Für fünf Rubel kaufe ich mir ein Paar
+Stiefel. Ich weiß wirklich nicht, ob ich morgen noch mit den alten in
+den Dienst gehen kann. Eine Halsbinde wäre wohl auch sehr nötig, da die
+jetzige schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem alten
+Schürzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern auch eine Halsbinde zu
+verfertigen versprachen, so will ich daran nicht weiter denken. Somit
+hätten wir Stiefel und Halsbinde. Jetzt noch Knöpfe, mein Liebes! Sie
+werden doch zugeben, Kindchen, daß ich ohne Knöpfe nicht auskommen kann,
+von meinem Uniformrock ist aber die Hälfte der Garnitur schon
+abgefallen. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Seine Exzellenz eine
+solche Nachlässigkeit bemerken und sagen könnten – ja, was!? Das würde
+ich ja doch nicht mehr hören, denn ich würde dort sterben, auf der
+Stelle sterben, tot hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloßen
+Gedanken den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das würde ich! – Ja, und
+dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen drei Rubel, die blieben
+mir dann zum Leben und für ein halbes Pfündchen Tabak, denn sehen Sie,
+mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben, heute aber ist es schon
+der neunte Tag, daß ich mein Pfeifchen nicht mehr angerührt habe. Ich
+hätte ja, offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es Ihnen vorher
+zu sagen, aber man schämt sich vor seinem Gewissen. Sie dort sind
+unglücklich, Sie entbehren alles, ich aber sollte mir hier gar
+Vergnügungen leisten? Also deshalb sage ich es Ihnen, daß ich mich nicht
+mit Gewissensbissen zu quälen brauche. Ich gestehe Ihnen ganz offen,
+Warinka, daß ich mich jetzt in einer äußerst verzweifelten Lage befinde,
+das heißt, bisher habe ich in meinem Leben noch nichts Ähnliches
+durchgemacht. Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder Schätzung –
+davon kann keine Rede sein. Überall Mangel, überall Schulden, im Dienst
+aber, wo mich die Kollegen auch früher schon nicht auf Rosen gebettet
+haben, im Dienst – nun, schweigen wir lieber davon. Ich verberge alles,
+ich suche es vor allen sorgfältig zu verbergen, und auch mich selbst
+verberge ich: wenn ich in den Dienst gehe, drücke ich mich nach
+Möglichkeit unbemerkt und seitlich an allen vorüber. Ich habe gerade nur
+noch so viel Mut, daß ich Ihnen dies offen eingestehen kann ...
+
+Aber wie, wenn er nichts gibt?
+
+Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht daran und quält sich
+nicht unnütz mit solchen Vorstellungen, die einem schon im voraus jeden
+Mut rauben. Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und davor zu
+bewahren, daß Sie nicht im voraus daran denken und sich mit bösen
+Gedanken quälen. Tun Sie es nicht! Aber, mein Gott, was würde aus Ihnen
+werden! Freilich würden Sie dann die Wohnung nicht wechseln, vielmehr
+hier in meiner Nähe bleiben – aber nein, ich käme dann überhaupt nicht
+mehr zurück, ich würde einfach untergehen, verschwinden, verderben!
+
+Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel geschrieben, und hätte
+mich doch statt dessen rasieren können, denn rasiert sieht man stets
+etwas sauberer und anständiger aus, das aber hat viel zu sagen und hilft
+einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott gebe es! Ich werde beten
+und dann – mich auf den Weg machen!
+
+ M. Djewuschkin.
+
+
+ 5. August.
+
+Liebster Makar Alexejewitsch!
+
+Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln würden! Es gibt ohnehin schon
+Sorgen genug! – Ich sende Ihnen dreißig Kopeken, mehr kann ich nicht.
+Kaufen Sie sich dafür, was Sie da gerade am notwendigsten brauchen, um
+sich wenigstens noch bis morgen irgendwie durchzuschlagen. Wir haben
+selbst fast nichts mehr, was morgen aus uns werden wird – ich weiß es
+nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Übrigens sollen Sie deshalb
+den Kopf nicht hängen lassen: nun, er hat Ihnen nichts gegeben, was ist
+denn schließlich dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir
+könnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben – und selbst wenn wir in
+eine andere Wohnung übergesiedelt wären, hätten wir damit doch nur wenig
+gewonnen, denn wer es wolle, der könne uns überall finden. Freilich ist
+es deshalb noch immer nicht schön, jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles
+so traurig wäre, würde ich Ihnen noch mancherlei schreiben.
+
+Was Sie doch für einen sonderbaren Charakter haben, Makar Alexejewitsch!
+Sie nehmen sich alles viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch
+immer der unglücklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe sehr
+aufmerksam und sehe, daß Sie sich in einem jeden dermaßen um mich sorgen
+und quälen, wie Sie sich um sich selbst noch nie gesorgt und gequält
+haben. Man wird natürlich sagen, daß Sie ein gutes Herz haben. Ich aber
+sage, daß Ihr Herz viel zu gut ist. Ich möchte Ihnen einen
+freundschaftlichen Rat geben, Makar Alexejewitsch. Ich bin Ihnen
+dankbar, sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben, ich
+empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie jetzt selbst, wie
+mir zumute ist, wenn ich sehen muß, daß Sie nach all Ihrem Unglück und
+Ihren Sorgen, deren unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, – daß Sie
+auch jetzt noch nur für mich leben, gewissermaßen sogar nur um
+meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden, mein Leid ist Ihr
+Leid, und meine Gefühle sind Ihnen wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man
+sich aber den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen so viel
+Mitleid empfindet, dann hat man allerdings Ursache, der unglücklichste
+Mensch zu sein. Als Sie heute nach dem Dienst bei uns eintraten,
+erschrak ich förmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so
+abgehärmt und mitgenommen, so zerstört und verzweifelt aus: Sie waren
+kaum wiederzuerkennen, – und das alles nur deshalb, weil Sie sich
+fürchteten, mir Ihren Mißerfolg mitzuteilen, mich zu betrüben und zu
+erschrecken. Als Sie aber sahen, daß ich ob dieses kleinen Unglücks zu
+lachen begann, da atmeten Sie geradezu befreit auf. Makar Alexejewitsch!
+So grämen Sie sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie
+doch vernünftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwöre Sie! Sie werden
+sehen, es wird alles gut werden, alles wird sich zum Besseren wenden.
+Sie machen sich das Leben ganz unnötigerweise schwer, indem Sie sich
+ewig um andere grämen und sorgen.
+
+Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals, sorgen Sie sich
+nicht um mich!
+
+ W. D.
+
+
+Mein Täubchen Warinka!
+
+Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu der Überzeugung gelangt,
+daß es noch kein Unglück ist, daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun
+gut, ich bin also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil Sie
+mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung bleiben. Ja und
+wenn man schon alles sagen soll, so muß ich gestehen, daß mein Herz voll
+Freude war, als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über mich
+schrieben und sich über meine Gefühle so lobend äußerten. Ich sage das
+nicht aus Stolz, sondern weil ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen,
+wenn Sie sich gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch was soll man
+jetzt noch viel von meinem Herzen reden! Das Herz ist eine Sache für
+sich, – aber Sie sagen da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein soll.
+Ja, mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig ist, daß man ihn
+wirklich nicht braucht – den Kleinmut, meine ich. Aber, bei alledem:
+sagen Sie mir jetzt bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln ich mich
+morgen in den Dienst begeben soll? – Da sehen Sie, mein Kind, wo der
+Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch einen Menschen zugrunde richten,
+kann ihn einfach vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist freilich,
+daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß ich nicht um
+meinetwillen darunter leide. Mir persönlich ist das doch ganz gleich,
+und müßte ich auch in der größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen:
+ich würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, ich bin doch
+ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber was werden die Leute dazu
+sagen? – was werden meine Feinde sagen, und alle diese boshaften Zungen,
+wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch nur um der Leute
+willen, und auch die Stiefel trägt man nur ihretwegen. Die Stiefel sind
+in diesem Falle, mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur Aufrechterhaltung
+der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen Stiefeln aber geht
+die eine wie der andere verloren – glauben Sie mir, was ich Ihnen sage,
+mein Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige Erfahrung, hören Sie
+auf mich Alten, der die Menschen kennt, und nicht auf irgend solche
+Sudler.
+
+Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich erzählt, Kind, wie das
+heute alles in Wirklichkeit war. Ich habe an diesem einen Morgen so viel
+ausgestanden, so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch einer
+vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun hören Sie, wie es war:
+
+Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn anzutreffen und dann
+selbst noch rechtzeitig in den Dienst kommen zu können. Es war solch ein
+Regenwetter heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in meinen
+Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, und dabei dachte ich die ganze
+Zeit: Lieber Gott! Vergib mir alle meine Übertretungen deiner Gebote und
+laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich an der –schen Kirche
+vorüberging, bekreuzte ich mich, bereute alle meine Sünden, besann mich
+aber darauf, daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu
+unterhandeln. Da versenkte ich mich denn in meine eigenen Gedanken und
+wollte nichts mehr ansehen. Und so ging ich denn, ohne auf den Weg zu
+achten, immer weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen, denen
+man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt und gehetzt aus – freilich
+war das auch kein Wunder: wer wird denn um diese Zeit und bei diesem
+Wetter spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam mir entgegen:
+die stießen mich roh zur Seite, die Kerle. Da überfiel mich wieder
+Schüchternheit, mir wurde bange, und an das Geld, um die Wahrheit zu
+sagen, wollte ich überhaupt nicht mehr denken – geht man auf gut Glück,
+nun, dann eben auf gut Glück!
+
+Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine meiner Stiefelsohlen
+liegen, so daß ich selbst nicht mehr weiß, auf was ich eigentlich
+weiterging. Und gerade dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff
+entgegen, stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als wolle
+er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, Bruderherz, dachte ich,
+ein Trinkgeld, was ist ein Trinkgeld!
+
+Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich ein bißchen, und dann
+schleppte ich mich wieder weiter. Jetzt sah ich absichtlich überall hin,
+um irgendwo was zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften
+können, so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, aber
+ich fand nichts: kein einziger Gedanke wollte haften bleiben, und zum
+Überfluß war ich auch noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir
+selber schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes hölzernes
+Haus mit einem Giebelausbau, eine Art Villa: nun, da ist es, dachte ich
+gleich, so hat es mir auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben – das Haus
+Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der Geld auf Prozente
+leiht.) Nun, und da gingen mir denn die Gedanken alle ganz
+durcheinander: ich wußte, daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem
+den Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn dies dort eigentlich
+sei, das heißt also, wer darin wohne. Der Schutzmann aber, solch ein
+Grobian, antwortete mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und
+brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem gewissen Markoff.
+Diese Polizeibeamten sind alle so gefühllose Menschen – doch was gehen
+sie mich schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer
+Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum andern. In allem findet man
+etwas, was gerade der eigenen Lage entspricht oder was man als
+gewissermaßen zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer so. –
+An dem Hause ging ich dreimal vorüber, aber je mehr ich ging, um so
+schlimmer wurde es: nein, denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir
+bestimmt kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein fremder,
+ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle Sache, und auch mein
+Äußeres ist nicht gerade einnehmend. Nun, denke ich, wie es das
+Schicksal will, dann bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es
+überhaupt nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja auch nicht
+gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich denn leise das Hofpförtchen.
+Aber nun kam schon das andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da
+stürzte solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger Hackenbeißer,
+auf mich los und kläffte und kläffte, daß einem die Ohren klangen. Und
+sehen Sie, immer sind es gerade derartige nichtswürdige kleine
+Zwischenfälle, mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und
+von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, zu der man
+sich schon zusammengerafft hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot
+halb lebendig ins Haus – dort aber stieß ich gleich auf ein neues
+Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und was im halbdunklen Flur neben
+der Schwelle stand – plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes
+Weib, das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß, und da
+verschüttete sie denn die ganze Milch. Das dumme Weib schrie natürlich
+und keifte sogleich und zeterte: „Siehst du denn nicht, wohin du rennst,
+mach doch die Augen auf, was suchst du hier?“ und so ging es weiter ohne
+Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles, mein Kind, schreibe es nur
+deshalb, weil mir in solchen Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß
+mir wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate ich mit etwas
+anderem, ganz Nebensächlichem zusammen und durcheinander.
+
+Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, eine
+Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an sie: ob hier Herr Markoff
+wohne? Nein, sagte sie zunächst barsch, blieb dann aber stehen und
+musterte mich eingehend.
+
+„Was wollen Sie denn von ihm?“ fragte sie.
+
+Nun, ich erklärte ihr alles: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch ...“ –
+erzählte auch alles übrige – kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief
+die Alte ihre Tochter herbei – die kam: ein erwachsenes Mädchen, und
+barfuß.
+
+„Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. Bitte, treten Sie näher.“
+
+Ich trat ein. Das Zimmer war – nun, wie so gewöhnlich diese Zimmer sind:
+an den Wänden Bilder, größtenteils Porträts von Generälen, ein Sofa, ein
+runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen – ich denke und
+denke: soll ich mich nicht lieber drücken, solange es noch Zeit ist? Und
+bei Gott, mein Kind, ich war wirklich schon im Begriff, fortzulaufen!
+Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens, dann wird auch
+das Wetter besser sein, ich werde noch bis dahin warten! Heute aber ist
+sowieso die Milch verschüttet, die Generale sehen mich alle so böse an
+... Und ich wandte mich, ich gesteh’s wirklich, schon zur Tür, Warinka,
+da kam auch schon Er: – so, nichts Besonderes, ein kleines, graues
+Kerlchen, mit solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen Äuglein, dabei
+in einem schmierigen Schlafrock, mit einer Schnur um den Leib.
+
+Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und womit er mir dienen
+könne, worauf ich ihm sagte: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch – etwa
+vierzig Rubel,“ sagte ich, „die habe ich nötig –.“ Aber ich sprach nicht
+zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich verspielt hatte.
+
+„Nein,“ sagte er, „tut mir leid, ich habe kein Geld. Oder haben Sie ein
+Pfand?“
+
+Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand zwar nicht habe,
+„Jemeljan Iwanowitsch aber – und so weiter,“ mit einem Wort, ich
+erklärte ihm alles, was da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an.
+
+„Ja, was,“ sagte er, „Jemeljan Iwanowitsch kann mir nichts helfen, ich
+habe kein Geld.“
+
+Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das wußte ich, das habe
+ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, es wäre besser gewesen, die Erde
+hätte sich unter mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief mir
+über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich an, fast als wolle er
+sagen: „Nun, geh mal jetzt, mein Bester, du hast hier nichts mehr zu
+suchen,“ – so daß ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt
+hätte.
+
+„Wozu brauchen Sie denn das Geld?“ – (das hat er mich wirklich gefragt,
+mein Kind!).
+
+Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig dazustehen, aber er
+wollte mich gar nicht mehr anhören.
+
+„Nein,“ sagte er, „ich habe kein Geld, sonst,“ sagte er, „sonst würde
+ich mit dem größten Vergnügen ...“
+
+Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, sagte ihm, daß ich
+ja nicht viel brauche, daß ich ihm alles wieder zurückgeben würde, genau
+zum Termin, ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe Prozente nehmen
+könne, wie er nur wolle, und daß ich ihm, noch einmal, bei Gott alles
+zurückzahlen werde. Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein
+Kind, an Ihr Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr
+Fünfzigkopekenstückchen.
+
+„Nein,“ sagte er, „wer redet hier von Prozenten, aber wenn Sie ein Pfand
+hätten ... Ich habe im Augenblick kein Geld, bei Gott, ich habe keines,
+sonst natürlich mit dem größten Vergnügen ...“
+
+Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber!
+
+Nun und da, meine Liebe, – ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das Haus
+verließ und wieder auf die Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur
+furchtbar müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren und kam
+erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte meine Kleider etwas
+abbürsten, vom Schmutz reinigen, aber der Amtsdiener sagte, das gehe
+nicht an, ich würde die Bürste verderben, die Bürste sei aber
+Kronseigentum. Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt von diesen
+Leuten angesehen werde: als wäre ich noch nicht einmal eine alte Matte,
+an der man die Füße abwischen kann. Was ist es denn, Warinka, was mich
+so niederdrückt? – Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, sondern alle
+diese Aufregungen, und daß man mit Menschen in Berührung kommt: all
+dieses Geflüster, dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz
+kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden oder über mein
+Äußeres eine Bemerkung machen! Ach, Kind, meine goldenen Zeiten sind
+jetzt vorüber! Heute habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen,
+– traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen, Gott schütze Sie!
+
+ M. Djewuschkin.
+
+P. S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglück halb scherzhaft
+beschreiben, Warinka, aber man sieht, daß es mir nicht mehr gelingen
+will, das Scherzen nämlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde
+zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen.
+
+
+ 11. August.
+
+Warwara Alexejewna! Mein Täubchen! Verloren bin ich, beide sind wir
+verloren, unrettbar verloren! Mein Ruf, meine Ehre – alles ist verloren!
+Und ich bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde geschmäht,
+mein Kind, verachtet, verspottet, und die Wirtin beschimpft mich schon
+laut und vor allen Menschen. Heute hat sie wieder geschrien, geschrien
+und mich mit Vorwürfen überhäuft, als wäre ich ein Nichts und ein Dreck!
+Und am Abend begann dann jemand von ihnen bei Ratasäjeff einen meiner
+Briefe an Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht beendet und in
+die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie aus der Tasche
+verloren haben muß. Mein liebes, liebes Kind, wie haben sie da gelacht!
+Wie sie uns betitelt haben und wie sie höhnten, wie sie höhnten, die
+Verräter! Ich hielt es nicht aus und ging zu ihnen und beschuldigte
+Ratasäjeff des Treubruchs und sagte ihm, daß er ein Falscher sei!
+Ratasäjeff aber erwiderte mir darauf, ich sei selbst ein Falscher und
+beschäftige mich nur mit Eroberungen. Ich hätte sie alle getäuscht,
+sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen ein Lovelace! Und jetzt,
+mein Kind, werde ich nun von allen hier nur noch Lovelace genannt, einen
+anderen Namen habe ich überhaupt nicht mehr! Hören Sie, mein Engelchen,
+hören Sie – die wissen doch jetzt alles von uns, sind von allem
+unterrichtet, und auch von Ihnen, meine Gute, wissen sie alles, alles
+ist ihnen bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen, betrifft! Und auch
+der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich wollte ihn heute hier in
+den kleinen Laden schicken, damit er mir ein Stückchen Wurst kaufe, aber
+nein, er geht nicht, er habe zu tun, sagt er. – Du mußt doch, es ist
+doch deine Pflicht, sage ich.
+
+„Auch was Gutes – meine Pflicht!“ höhnte er, „Sie zahlen doch meiner
+Herrin kein Geld, folglich gibt’s da nichts von Pflicht.“
+
+Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten, frechen Menschen
+eine solche Beleidigung, und so schalt ich ihn denn einen „Dummkopf!“,
+er aber sagte mir darauf bloß kurz: „Das sagt mir nun so einer!“ – Ich
+dachte erst, daß er betrunken sei, hielt es ihm denn auch vor: „Hör
+mal,“ sagte ich, „du bist wohl betrunken?“ – Er aber grobte mich an:
+
+„Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben? Sie haben doch nicht einmal
+so viel, daß Sie sich selber betrinken könnten!“ und dann brummte er
+noch: „Das soll nun ein Herr sein!“
+
+Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen ist, mein Kind! Man
+schämt sich, zu leben, Warinka! Ganz wie ein Verrufener kommt man sich
+vor, schlimmer noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es, Warinka!
+Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar verloren!
+
+ M. D.
+
+
+ 13. August.
+
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Uns sucht jetzt ein Unglück nach dem anderen heim, auch ich weiß nicht
+mehr, was man noch tun soll! Was wird nun aus Ihnen werden, auf meine
+Arbeit können wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute mit
+dem Bügeleisen die linke Hand verbrannt: ich ließ es versehentlich
+fallen und beschädigte und verbrannte mich, gleich beides zusammen.
+Arbeiten kann ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten Tag
+krank. Oh, diese Sorge und Angst!
+
+Hier sende ich Ihnen dreißig Kopeken: das ist fast das Letzte, was wir
+haben, Gott weiß, wie gern ich Ihnen jetzt in Ihrer Not helfen würde. Es
+ist zum Weinen!
+
+Leben Sie wohl, mein Freund! Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie
+heute zu uns kämen.
+
+ W. D.
+
+
+ 14. August.
+
+Makar Alexejewitsch!
+
+Was ist das mit Ihnen? Sie fürchten wohl Gott nicht mehr? Und mich
+bringen Sie um meinen Verstand. Schämen Sie sich denn nicht!? Sie
+richten sich zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie sind ein
+ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch – was werden die Menschen
+sagen, wenn sie das erfahren? Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie
+werden doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht mehr leid um
+Ihre grauen Haare? So fürchten Sie doch wenigstens Gott!
+
+Fedora sagt, daß sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen werde, und auch ich
+kann Ihnen unter diesen Umständen kein Geld mehr schicken. Was haben Sie
+aus mir gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es sei mir ganz
+gleichgültig, daß Sie sich so schlecht aufführen. Sie wissen noch nicht,
+was ich Ihretwegen auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf
+unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen mit dem Finger
+auf mich und sagen solche Schändlichkeiten, – ja, sie sagen geradezu,
+daß ich mit einem _Trunkenbold ein Verhältnis habe_. Wie glauben Sie,
+daß mir zumute ist, wenn ich so etwas hören muß! Und wenn man Sie nach
+Hause bringt, sagt alles mit Verachtung von Ihnen: „Da wird der Beamte
+wieder gebracht.“ Ich aber – ich schäme mich zu Tode für Sie. Ich
+schwöre Ihnen, daß ich diese Wohnung hier verlassen werde. Und sollte
+ich auch Stubenmagd oder Wäscherin werden – hier bleibe ich auf keinen
+Fall!
+
+Ich schrieb Ihnen, daß ich Sie erwarte, Sie sind aber nicht gekommen.
+Meine Tränen und Bitten sind Ihnen also schon gleichgültig, Makar
+Alexejewitsch? Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das Geld dazu
+aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen Sie sich in acht! Sie werden doch
+sonst verkommen, ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese
+Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen, da haben
+Sie auf der Treppe die Nacht verbracht – ich weiß alles. Wenn Sie
+wüßten, wie weh es mir tat, als ich das von Ihnen hören mußte!
+
+Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter werden: wir können
+zusammen lesen, können von früheren Zeiten reden. Fedora kann uns von
+ihren Erlebnissen erzählen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir nicht
+an, daß Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit auch mich zugrunde,
+glauben Sie es mir! Ich lebe doch nur noch für Sie allein, nur
+Ihretwegen bleibe ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein
+anständiger Mensch, seien Sie doch charakterfest und standhaft, auch im
+Unglück. Sie wissen doch: Armut ist keine Schande. Und weshalb denn
+verzweifeln? Das ist doch alles nur vorübergehend. Gott wird uns schon
+helfen und alles wird wieder gut werden, wenn Sie sich nur jetzt noch
+etwas zusammennehmen!
+
+Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich dafür Tabak, oder was
+Sie da wollen, nur geben Sie sie um Gottes willen nicht für Schlechtes
+aus. Kommen Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie werden sich
+vielleicht wieder schämen, wie neulich – aber lassen Sie das, das wäre
+ja bloß falsche Scham. Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten!
+Vertrauen Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden.
+
+ W. D.
+
+
+ 19. August.
+
+Warwara Alexejewna, mein Kindchen!
+
+Ich schäme mich, mein Sternchen, ich schäme mich. Doch übrigens,
+Liebling, was ist denn dabei so Besonderes? Warum soll man nicht sein
+Herz etwas erleichtern? Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine
+Stiefelsohlen – eine Sohle ist doch nichts und bleibt ewig nur eine
+einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle. Und auch Stiefel sind
+nichts! Sind doch die griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu
+also soll sich unsereiner mit einem so nichtswürdigen Gegenstande
+abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen und verachten? Ach, Kind,
+mein Kind, da haben Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben
+können! – Der Fedora aber sagen Sie, daß sie ein närrisches,
+unzurechnungsfähiges Weib ist, mit allerlei Schrullen im Kopf, und zum
+Überfluß auch noch dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare
+betrifft, so täuschen Sie sich auch darin, meine Gute, denn ich bin noch
+lange nicht so ein Alter, wie Sie denken.
+
+Jemeljä läßt Sie grüßen. Sie schreiben, Sie hätten sich gegrämt und
+hätten geweint, und ich schreibe Ihnen, daß auch ich mich gegrämt habe
+und weine. Zum Schluß aber wünsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen,
+und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls gesund und wohl und
+verbleibe mit besten Grüßen, mein Engelchen, Ihr Freund
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 21. August.
+
+Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna!
+
+Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß Sie mir viel zu
+verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen,
+Kind, daß ich alles dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem
+Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewußtsein
+meiner Schuld.
+
+Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. Um aber Ihr
+Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu können, müßte man gar ein
+blutdürstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen
+bekannt sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger
+Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich
+schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht
+schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was
+oder wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so eine dunkle
+Sache mit uns, mein Kind!
+
+Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken:
+mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben
+sich das Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern
+müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun
+sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle
+Gewissensbisse, recht wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu
+berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heißt,
+zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu nichts tauge und daß ich
+selbst höchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle.
+Ja, ich hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas von
+Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an,
+in mir etwas Unwürdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu
+Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte
+Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten
+Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwürde überließ, da war
+denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz,
+der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich
+aber bin nicht schuld daran.
+
+Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam
+gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und
+kalt. Und dann kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte
+bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, und schon seit
+zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so daß er
+bereits solche Sachen versetzen wollte, die man überhaupt nicht
+versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.
+
+Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit
+der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein
+Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch von Ihnen! Er ist ein
+sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch.
+Das fühlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so
+gekommen, eben weil ich das alles fühlte.
+
+Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich
+Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen
+und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam
+gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdämmert und gar nicht
+wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bösen Menschen, die
+da ewig sagten, daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich
+schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß auch ich mich
+schließlich ruppig fand und mich meiner selbst zu schämen begann. Sie
+sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, daß ich
+stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben
+Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem Herzen wie in meiner Seele
+licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen
+und erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. Daß ich dabei
+bin, wie ich bin, daß ich durch nichts glänze, keinen Schliff besitze,
+keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch
+ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch!
+Nun, und dann, als ich fühlte, daß das Schicksal mich verfolgte, als
+ich, durch das Schicksal erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde
+selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen
+zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das
+Unglück!
+
+Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Tränen,
+mich nie mehr über diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon
+zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird
+mir schwer und bitter.
+
+Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr
+treuer
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 3. September.
+
+Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar Alexejewitsch, es
+fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen habe ich Augenblicke, wo es
+mich freut, allein zu sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können,
+allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche Stimmungen
+überfallen mich jetzt immer häufiger. In meinen Erinnerungen liegt etwas
+mir Unerklärliches, das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar in
+einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für alles mich Umgebende
+vollständig unempfindlich bin und die Gegenwart, alles Gegenwärtige,
+vergesse. Ja, es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck,
+gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Ähnliches aus meinem
+früheren Leben erinnerte, am häufigsten an meine Kindheit, meine goldene
+Kindheit! Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich schwer
+zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet, meine Schwärmerei erschöpft mich
+und meine Gesundheit wird sowieso schon immer schwächer.
+
+Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen, wie wir ihn jetzt
+selten haben, hat mich heute neu belebt und mit Freude erfüllt. So haben
+wir schon Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! Ich war ja
+damals noch ein Kind, aber doch fühlte und empfand ich schon alles in
+gesteigertem Maße. Den Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als
+den Morgen. Ich erinnere mich noch – nur ein paar Schritte weit von
+unserem Hause, am Berge, lag der See. Dieser See – es ist mir, als sehe
+ich ihn jetzt wirklich vor mir – so hell und rein, wie Kristall! War der
+Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. Kein Blatt rührte sich in
+den Bäumen am Ufer, der See lag blank und regungslos wie ein großer
+Spiegel. Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer Hütte fern
+am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die Herden werden heimgetrieben – da
+schleiche ich denn heimlich aus dem Hause zum See und schaue und schaue
+und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig brennt bei den
+Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein fließt in einem langen
+Streifen auf dem Wasserspiegel zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und
+kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote feurige Streifen,
+die nach und nach bleicher werden und schließlich ganz blaß vergehen.
+Der Mond geht auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still – bald
+fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter einem Windhauch
+– alles, selbst das leiseste Geräusch ist deutlich zu hören. Über dem
+blauen Wasser erhebt sich langsam weißer Nebel, so leicht und
+durchsichtig. In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles
+im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen – das Boot, das
+Ufer, die Insel – eine alte Tonne, die im Schilf vergessen ist,
+schaukelt kaum-kaum merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit
+vertrockneten Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf. Eine
+verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser, fliegt wieder auf und
+verschwindet im Nebel, – und ich schaute und horchte, – wundervoll, so
+wundervoll war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind! ...
+
+Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst, wenn das Korn schon
+eingeerntet ist, die Feldarbeiten beendet sind, man des Abends in den
+Hütten zusammenkommt und alle sich auf den Winter vorbereiten. Dann
+werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt sich, die Wälder werden
+gelb, das Laub fällt von den Bäumen und die Bäume stehen kahl und
+schwarz, – namentlich abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt, dann
+erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie schreckliche
+Gespenster. Und wenn man sich auf dem Spaziergang etwas verspätet und
+hinter den anderen zurückbleibt – wie eilt man ihnen dann nach, und wie
+groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, auf einmal –
+hinter jenem Baumstamm – hat sich dort nicht etwas Schreckliches
+versteckt, das gleich hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den
+Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen Stimmen zu heulen
+und zu klagen, und Blätter fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde,
+und plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze Wolke
+Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte, und da ist es – als
+hörte man jemand, eine fremde Stimme raunen: „Laufe, laufe, Kind,
+verspäte dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, laufe,
+Kind!“ – und Entsetzen erfaßt das Herz und man läuft und läuft, bis man
+außer Atem zu Hause anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit:
+uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen oder
+Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln. Im Ofen prasselt das Feuer,
+Mama beaufsichtigt lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte
+Kinderfrau Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von Zauberern und
+Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich einander näher, aber das
+Lächeln will doch nicht von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles
+still ... Hu! da, ein Surren und Klopfen – pocht jemand an der Tür? –
+Nein, es ist nur das Spinnrad der alten Frolowna! Und wie wir lachen!
+Dann aber kommt die Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen,
+Schreckbilder und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und wacht man auf,
+so wagt man nicht sich zu rühren und liegt zitternd bis zum Morgengrauen
+unter der Decke. Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, steht
+man doch wieder frisch und munter auf und schaut neugierig durch das
+Fenster: auf dem Stoppelfelde liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume
+und Büsche sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis auf dem
+See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig. Und Sonne, überall Sonne,
+wie Glas bricht das dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es,
+so klar, so ... so wonnig!
+
+Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns an den Tisch, auf dem
+schon der Ssamowar summt, und durch das Fenster sieht unser schwarzer
+Hofhund Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. Ein Bäuerlein
+fährt am Hause vorüber, in den Wald, nach Holz. Alle sind so zufrieden,
+so frohgemut! ... In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft,
+in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung der großen, großen
+Heuschober – es ist eine wahre Lust, das alles anzusehen! Und alle sind
+ruhig, alle sind froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der
+Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter nicht darben werden,
+und der Bauer weiß, daß er seinen Kindern Brot zu geben hat und sie satt
+sein werden. Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen, die
+fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht man sie alle am Feiertage
+ihr Dankgebet im Gotteshause sprechen ... Ach wie wundervoll, wie
+wundervoll war meine Kindheit! ...
+
+Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran sind natürlich nur diese
+Erinnerungen schuld. Ich habe so lebhaft, so deutlich alles vor mir
+gesehen, die ganze Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint
+mir jetzt doppelt trüb und dunkel! ... Wie wird das enden, was wird aus
+uns werden? Wissen Sie, ich habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die
+Überzeugung, daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle mich
+sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, aber eigentlich möchte
+ich doch nicht so sterben – würde nicht in dieser Erde ruhen wollen ...
+Vielleicht werde ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe mich
+von jener Krankheit noch nicht erholt.
+
+Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen und ich bin allein. Seit
+einiger Zeit fürchte ich mich, wenn ich allein bin: es scheint mir dann
+immer, daß noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu mir spricht,
+und zwar besonders dann, wenn ich aus meinen Träumereien, die mich mit
+ihren Erinnerungen ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen
+lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir dann, als habe
+sich etwas Unheimliches im Zimmer versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich
+Ihnen auch einen so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht
+es wieder – Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief, ich habe weder
+Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. Von dem Gelde für meine
+verkauften Kleider und den Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben
+Ihrer Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie hoffentlich
+eine Weile schweigen. – Versuchen Sie doch, Ihre Kleider irgendwie ein
+wenig auszubessern. Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht,
+wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung ermüdet
+mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit verschafft – wie soll ich dann
+arbeiten? Das ist es, was mir den Mut raubt.
+
+ W. D.
+
+
+ 5. September.
+
+Mein Täubchen Warinka!
+
+Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke empfangen. Mein Kopf tat
+mir den ganzen Tag über weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging
+ich schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens etwas
+frische Luft schöpfen. Der Abend war düster und feucht. Jetzt dunkelt es
+doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch
+unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen
+die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem
+Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie
+sie einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene Kerle,
+stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln und mit strähnigem
+Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel:
+irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein
+ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, rußglänzendem Gesicht,
+ein Schloß in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von
+Riesengröße, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet –
+das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der
+sich ein anderes dort gar nicht zeigt!
+
+Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe können ihn
+passieren. Frachtkähne lagen da, in einer solchen Menge, daß man gar
+nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka
+ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. Auf den Brücken saßen
+Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Äpfeln, so
+schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu
+gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: unten die Füße im
+Nebel, über dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein
+dunkler, lichtloser Abend war es heute.
+
+Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, einbog, war es schon
+ganz dunkel geworden. Man zündete gerade das Gas an. Ich war lange nicht
+mehr auf der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht. Eine
+belebte, großartige Straße! Was für Läden, was für Schaufenster! – alles
+glänzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter
+Glas ... und was für Hüte mit Bändern und Schleifen! Man denkt, das sei
+alles nur so zur Verschönerung der Straße ausgestellt, aber nein: es
+gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen schenken!
+Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche Bäcker haben dort ihre Läden –
+das müssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren
+alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das nur aushält! Und alles
+so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und
+Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und Schnüren
+und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und sah dort
+immer Damen sitzen, alle so geputzt und großartig. Vielleicht waren es
+lauter Fürstinnen und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit, in der sie
+auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. Es muß doch sehr eigen sein,
+eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu
+sehen. Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals eine in der
+Nähe gesehen: höchstens so in einer Kutsche und im Vorüberfahren. Da
+mußte ich denn heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen, meine
+Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz
+brechen! Warum müssen Sie denn so unglücklich sein, Warinka? Mein
+Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schön,
+sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum
+ist es so eingerichtet, daß ein guter Mensch in Armut und Elend leben
+muß, während einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? Ich
+weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist
+Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so über die
+Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur dem
+einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück fürs ganze Leben bereitet,
+während der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt?
+Und es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem Närrchen
+Iwanuschka zufällt.
+
+„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust in den Goldsäcken deiner
+Väter, iß, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die
+Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für einer
+bist!“
+
+Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, so zu denken,
+aber wenn man nachdenkt, dann drängt sich einem nun einmal ganz
+unwillkürlich die Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in so
+einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generäle und
+Staatsbeamte würden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen –
+und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem alten
+Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden
+Edelsteinen geschmückt. Sie würden auch nicht so mager und kränklich
+sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und
+gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, wenn ich
+wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten Fenstern
+hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken könnte.
+Allein schon der Gedanke, daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein
+Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich gleichfalls
+fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ... Nicht genug, daß böse
+Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, nun muß auch noch ein Wüstling
+Sie beleidigen! Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie durch
+eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, bloß deshalb
+ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb muß man seine schamlosen Reden noch
+untertänig anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf
+man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind,
+weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen
+Schutz und Schirm gewähren könnte!
+
+Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, denen es
+nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? – Das sind eben
+nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das
+bloß als Summe zählt, als Begriff, ein trübes Etwas, das es in
+Wirklichkeit und als Einzelwesen überhaupt nicht gibt – davon bin ich
+überzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht
+nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der
+Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese.
+Er schleppt sich zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen
+Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist er sein
+eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen
+bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht
+wie eine aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten: womit er eben
+kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das
+ist wahr, und er bleibt arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist
+müde und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich doch, und
+wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er müht
+sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein
+Kind, solche, die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig
+verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen
+untertänig grüßen müssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer,
+wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich etwas
+ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten
+Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen
+Kräften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar
+nichts.
+
+Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein
+Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt
+empfand. Ich war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.
+Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen – da
+blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken
+abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da,
+auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein
+ganz kleines Mädchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte
+sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen
+kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wäre ein netter Junge
+gewesen, wenn er nicht so kränklich, so mager und verhungert ausgesehen
+hätte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes
+Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte mit offenem Mäulchen
+der Musik zu – Kinder sind eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich
+ganz in kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten
+tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren schon blau vor Kälte und
+dabei zitterte er am ganzen Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen,
+das er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand hatte er ein
+Papier. Ein Herr ging vorüber und warf dem Leiermann eine kleine Münze
+zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum
+hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er plötzlich aus seiner
+Versonnenheit auf, sah sich schüchtern um und glaubte wohl, daß ich das
+Geld geworfen habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen
+zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir das Papier
+entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“
+
+Ich nahm das Papier, entfaltete es und las – nun, man kennt das ja
+schon: Wohltäter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter
+liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem Throne Gottes
+stehen werde, will ich in meiner Fürbitte diejenigen nicht vergessen,
+die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.“
+
+Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug
+erlebt. Was aber – ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich
+ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,
+ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, und er log doch
+nicht, bei Gott, er log nicht! – ich weiß, wie das ist! Schlecht ist
+nur, daß diese Mütter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und
+bei dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein
+dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine Pflicht wäre, vielleicht
+kümmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut
+nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin
+könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein wenden, oder sich bei
+der Polizei melden, wie es sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach
+eine Betrügerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße
+hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen
+schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der
+Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom
+Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm
+vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre
+Worte grausam.
+
+„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, was er an Worten zu
+hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und
+vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine
+Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da – er hustet ja schon –
+kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die
+Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod über
+ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten,
+schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist
+dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben!
+Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi willen“ zu hören und
+vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen
+sagen zu müssen: „Gott wird dir geben.“
+
+Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen nicht zu berühren.
+(Es gibt ja doch verschiedene „um Christi willen“, mein Kind.) Manch
+eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen,
+eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe
+vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler
+von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet.
+Aber manch ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten,
+heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas
+Unheimliches durch Mark und Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem
+kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort am
+Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden –: „Ein Almosen, Herr, um
+Christi willen!“ – sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß
+ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer
+schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte
+nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die
+Armen über ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches
+Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als „lästig“: – Das
+Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?!
+
+Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil
+deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil
+aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines
+guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt
+haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert
+hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in
+einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst
+von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich
+sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht
+... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise
+Gerechtigkeit widerfahren!
+
+Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz
+grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für
+weniger als ein Holzspänchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,
+vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist,
+ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.
+
+Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem
+Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an.
+
+Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege
+zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da
+erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln,
+zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel
+schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine
+neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen – und da
+schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt
+nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen
+schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das
+einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war,
+sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so
+unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, Warinka,
+daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis.
+
+Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern
+vorgeht.
+
+Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not
+zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker
+aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von
+einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch
+zugeschnitten – ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen
+Nichtigkeiten träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist ein Schuster:
+bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine
+hungrige Frau. Übrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf,
+meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht,
+sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei
+bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher
+gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in
+derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben
+Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer
+Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln
+... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein
+wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf
+sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem
+Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das
+doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein
+armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über
+Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas
+Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“
+
+Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen
+wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er
+kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem
+heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß
+man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das
+Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein
+Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was
+ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus
+einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht,
+beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und
+schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe
+ich das erst recht nicht – damit Sie’s wissen!
+
+Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch,
+machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen
+Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins
+Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen
+aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren
+vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei
+bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als
+meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und
+Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – ja, ich
+weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff
+kommt zu mir herein, grüßt – hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –,
+macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort hervorbringen.
+Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen zerbrochenen, denn einen
+anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte
+sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm er doch das Glas. Dann
+wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er entschuldigte sich wieder
+und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt
+Zucker dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte,
+entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das kleinste
+Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei ungewöhnlich süß.
+Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den Menschen zu bringen
+vermag!
+
+„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich ihn.
+
+Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein Wohltäter, Makar
+Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine
+Kinder und meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, als
+Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...“
+
+Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:
+
+„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade,
+daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle
+so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht
+belästigen,“ sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten
+gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber
+vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas – leihen? Ich wage es
+nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich
+weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind – da
+wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ Und zum Schluß bat er mich noch
+ausdrücklich, ihm seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen.
+
+Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich
+aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts.
+
+„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich will Sie ja nicht um
+viel bitten,“ – dabei errötete er bis über die Stirn – „aber meine Frau
+... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar
+Alexejewitsch!“
+
+Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um
+„nur zehn Kopeken“ hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu
+ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen
+ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum
+Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne
+wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache.
+
+„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar
+Alexejewitsch ...“
+
+Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten
+zwanzig Kopeken, mein Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die
+Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen
+uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in
+solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem
+Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse.
+
+Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem
+halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt.
+Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die
+weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem
+Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines
+Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist
+nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit
+angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines
+gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen
+hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen,
+worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese
+Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen
+Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er
+nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht
+gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so
+hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit,
+so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, – „der
+Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, „des Betruges
+und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!“ Das
+ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst
+entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches
+Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht
+unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor
+Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen
+können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte,
+noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.
+
+Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es
+ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert
+Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da
+bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die
+Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs
+Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch
+ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf
+der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie
+aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen
+doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein
+Kindchen zur Welt – das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann
+erkrankte der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – und das hat
+neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an
+irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist
+schwer, sehr schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in einigen
+Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn, daran könne
+man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein
+Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er ist ja doch
+ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er hat
+Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen.
+Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.
+
+Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie
+gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege
+sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge,
+so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.
+
+ Ihr aufrichtiger Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 9. September.
+
+Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!
+
+Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall
+bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem
+Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich
+ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen
+das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder
+doch – ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! Mein
+Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und
+wirklich, ich habe neulich etwas Ähnliches im Traume gesehen!
+
+Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde Ihnen alles erzählen, ohne
+diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es
+mir eingibt.
+
+Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin,
+setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß
+ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam
+Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein wichtiges Dokument,
+das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich
+daran – sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch
+unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern
+gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß – will sagen, daß ich
+eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten
+mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber
+waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn
+daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur – ich weiß
+wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der
+leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche
+geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht
+anders kommen mußte: – nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile
+aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich
+überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und
+erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.
+
+Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen
+Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine
+Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch
+mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich
+überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen
+Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war
+alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß
+Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes
+Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es
+hörten:
+
+„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U–u–u?“ –
+und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen,
+sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein
+lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! – Ich klappte
+meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue
+ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe.
+Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen.
+Ich höre – täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen
+Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht,
+wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie
+zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, – ich
+rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief
+man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe:
+„Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die Augen
+auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – und ich höre noch, wie er
+sagt:
+
+„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer
+Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ Das war alles, was er sagte,
+aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon
+genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts
+mehr, ich ging – das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot
+noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und
+noch ein drittes – ins Kabinett – jedenfalls sah ich dann, daß ich dort
+stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen
+nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie
+herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine
+Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine
+Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden,
+mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig
+nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in
+die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu
+verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es
+kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten.
+Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten
+Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren
+Exzellenz nie zu ihm getreten.
+
+Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:
+
+„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie
+Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt
+werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben
+Sie sich dabei eigentlich gedacht, –“ und zugleich wandten sich seine
+Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus
+dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... nur Unannehmlichkeiten
+zu bereiten ...“
+
+Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich
+entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht.
+Fortlaufen – daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah
+plötzlich noch etwas – geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt
+noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein Knopf nämlich – nun,
+hol’ ihn der Teufel! – mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen
+gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt
+haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte – und rollte
+ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in
+dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze
+Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner
+Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz
+wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich
+dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles –
+und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den
+Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand
+verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und
+rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und
+kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich also auch noch in bezug
+auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich
+die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze
+Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch
+noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als
+hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie
+ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf,
+erhob mich, richtete mich auf – doch anstatt nun die Dummheit
+einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht –
+statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er
+früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz
+als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja,
+bei Gott, ich lächelte noch!
+
+Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an – ich
+hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:
+
+„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... In welchem
+Zustande! ... Was ist das mit ihm?“
+
+Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet,
+wie man’s besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch
+antwortet ihm:
+
+„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher
+musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“
+
+„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte Seine Exzellenz, „geben Sie
+ihm Vorschuß ...“
+
+„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für
+soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick
+derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos
+...“
+
+Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben,
+das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab
+einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.
+
+„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das muß also nochmals
+abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben
+Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ hier
+wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene
+Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber
+war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche
+hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. –
+
+„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen Sie’s gut sein ...“ und
+damit drückten sie mir den Schein in die Hand.
+
+Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich
+weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um
+sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche hier
+nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind – und er nahm diese
+meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und
+schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig
+Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er
+selbst einer ist.
+
+„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das
+nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man
+zerreißen ...“
+
+Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora
+bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie
+zu Gott beten sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen
+Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich und bis an ihr
+Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das
+sage ich feierlichst – also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es,
+daß ich – so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch unter unserem
+Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr Ungemach
+dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfähigkeit – also
+ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß diese hundert Rubel mir
+nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz
+selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den
+Geringen, die Hand, diese meine unwürdige Hand zu drücken geruhten!
+Damit haben sie mich mir selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen
+Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, und ich
+bin fest überzeugt, daß – so sündig ich auch vor dem Allerhöchsten sein
+mag – mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch bis
+zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört werden wird! –
+
+Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, wie ich
+sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle
+mich so erschöpft, als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen.
+
+Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den
+Rest von 35 behalte ich für mich: davon will ich mir für 20
+Kleidungsstücke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben
+mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, daß ich mich ganz
+schwach fühle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt übrigens
+ganz ruhig, vollständig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem
+Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie meine Seele bebt
+und zittert.
+
+Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt von all diesen
+Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles!
+
+ Ihr würdiger Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 10. September.
+
+Mein bester Makar Alexejewitsch!
+
+Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß die Hilfe Ihres
+Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu würdigen. So können Sie jetzt
+endlich aufatmen und sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines
+bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen nicht wieder für
+unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig und still, leben Sie möglichst
+sparsam, und bitte, fangen Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite
+zu legen, damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um uns brauchen Sie
+sich wirklich nicht mehr zu sorgen. Werden uns schon durchschlagen. Wozu
+haben Sie uns soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen
+es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, was wir uns verdienen.
+Es ist wahr, wir werden bald zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora
+hofft, daß man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. Ich
+behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den Rest sende ich Ihnen
+zurück. Geben Sie das Geld nur nicht für Unnötiges aus, Makar
+Alexejewitsch!
+
+Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden Sie gesund und
+fröhlich. Ich würde Ihnen mehr schreiben, fühle mich aber schrecklich
+müde. Gestern lag ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich
+besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar
+Alexejewitsch. Ich erwarte Sie.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich jetzt nicht, jetzt, wo
+ich vollkommen glücklich und mit allem zufrieden bin! Mein Täubchen!
+Hören Sie nicht auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was Sie
+nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein schon aus Hochachtung
+für Seine Exzellenz werde ich mich ehrenhaft und anständig aufführen.
+Wir werden einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns
+gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere Freuden und Sorgen –
+wenn es wieder einmal Sorgen geben sollte – miteinander teilen: und so
+werden wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander leben. Wir
+werden uns mit der Literatur beschäftigen ... Mein Engelchen! In meinem
+Leben hat sich doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin läßt
+wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger geworden und sogar
+Faldoni wird diensteifrig. Mit Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich
+ging in meiner Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl,
+mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt hat, beruht auf Unsinn
+und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, daß alles nur eine häßliche
+Verleumdung gewesen ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire auf
+uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las mir sein neuestes
+Werk vor. Und was das betrifft, daß er mich damals Lovelace benannt hat:
+nun – so ist das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige
+Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung erklärt. Lovelace
+ist ein Fremdwort und bedeutet ungefähr „ein gewandter Bursche“, oder
+wenn man es hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: „ein
+schneidiger Kavalier“. Sehen Sie, das bedeutet es, nicht aber irgend so
+etwas – anderes! Es war also ein ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein
+Engelchen. Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für eine
+Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich denn auch deswegen heute
+bei ihm entschuldigt ...
+
+Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen hatten wir zwar
+leichten Frost, aber das tut nichts: dafür ist die Luft jetzt etwas
+frischer. Ich ging und kaufte mir ein Paar Stiefel – es sind wirklich
+tadellos schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich noch etwas
+auf dem Newskij spazieren. Habe dann die Zeitung gelesen. Ja, richtig!
+und das Wichtigste habe ich vergessen, Ihnen zu erzählen!
+
+Also hören Sie jetzt, wie es war:
+
+Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Akssentij
+Michailowitsch ein Gespräch an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja,
+Warinka, Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen. Sie
+haben schon vielen Gutes erwiesen und die Herzensgüte Seiner Exzellenz
+ist aller Welt bekannt. Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und
+vergießen Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen Hilfe
+gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme Waise bei sich im
+Hause erzogen, und die ist dann verheiratet worden, an einen angesehenen
+Beamten, der zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört, und
+Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer mitgegeben. Ferner
+haben Exzellenz auch noch den Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei
+untergebracht, und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den Menschen
+erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, mein Kind, auch mein
+Scherflein beizusteuern und erzählte allen laut, was Exzellenz an mir
+getan: ich erzählte ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine
+Verlegenheit steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, was
+Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! Ganz laut erzählte ich es, so
+daß alle es hören konnten, ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten
+Seiner Exzellenz allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung
+und errötete nicht: im Gegenteil, ich war stolz, daß ich so etwas
+erzählen konnte. Und ich erzählte alles (nur von Ihnen, mein Kind,
+erzählte ich zum Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit
+Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und Faldoni, und von
+Ratasäjeff und Markoff und von meinen Stiefeln – alles das erzählte ich
+rückhaltlos. Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich
+spotteten alle – alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich haben sie an
+meiner Erscheinung etwas Lächerliches gefunden. Vielleicht haben sie
+auch nur über meine Stiefel gelacht – ja, ganz sicher nur über meine
+Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben sie gewiß nicht
+gelacht, das hätten sie nie und nimmer tun können. Es kam eben nur so,
+es war ihre Jugend – oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer
+schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls – da hätten sie mich und
+meine Worte bestimmt nicht verspottet. Das heißt, ich meine: etwa über
+Seine Exzellenz lachen – das hätten sie unter keinen Umständen getan.
+Hab’ ich nicht recht, Warinka?
+
+Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung kommen, mein
+Kind. Alle diese Geschehnisse haben mich so verwirrt! Haben Sie auch
+Holz zum Heizen? Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten, Warinka,
+wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, mein Kind, er möge Sie
+behüten und beschützen. Haben Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder
+was da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter nötig ist? Seien
+Sie nur vorsichtig, mein Täubchen. Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas
+fehlen sollte, dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie sich
+sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten vorüber und vor
+uns liegt das Leben so hell und so schön!
+
+Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! Nun ja, was soll man da
+noch reden, jetzt, da sie überstanden ist! Wenn erst Jahre darüber
+vergangen sein werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd
+zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an seine Jugendjahre
+zurückdenkt! Was man da nicht alles durchgemacht hat! Wie oft hatte man
+nicht einen einzigen Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war
+man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man über den Newskij,
+begegnete einem netten Gesichtchen – und da wurde man denn für den
+ganzen Tag glücklich. Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch,
+mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka! Namentlich in
+Petersburg. Ich habe gestern mit Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn
+meine Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die ich in dieser
+traurigen Zeit begangen habe, verzeihen möge, als da sind: Freidenkerei,
+Leichtsinn und Spiel. Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit
+Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben mich getröstet und
+gestärkt, haben mir guten Rat erteilt und mir mit Ihrem Beistand über
+alles Schwere hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen niemals
+vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle einzeln abgeküßt, mein
+Täubchen, mein Engelchen! Nun, und jetzt – leben Sie wohl!
+
+Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine Uniform zu verkaufen
+hat. Nun werde ich mich auch äußerlich wieder etwas instand setzen.
+Leben Sie wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen!
+
+ Ihr Ihnen innig zugetaner
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 15. September.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was geschehen ist. Ich
+ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen Sie selbst, mein bester Freund:
+Herr Bükoff ist in Petersburg!
+
+Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen an ihr vorübergefahren,
+hat sie erkannt, hat sogleich befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf
+sie zugegangen und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natürlich
+nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung hingeworfen – na, er
+wisse ja schon, wer bei ihr sei. (Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles
+erzählt.) Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort auf der
+Straße Vorwürfe gemacht, ihm gesagt, daß er ein sittenloser Mensch sei
+und ganz allein die Schuld an meinem Unglück trage. Darauf hat er
+erwidert, wenn man keinen Kopeken habe, müsse man allerdings unglücklich
+sein!
+
+Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklärt, daß ich mich sehr wohl mit
+meiner Hände Arbeit ernähren, daß ich heiraten oder schlimmstenfalls
+eine Stelle hätte annehmen können, jetzt aber sei mein Glück für immer
+vernichtet: ich sei außerdem krank und werde wohl bald sterben.
+
+Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung, in meinem Kopfe gäre
+es noch, und er hat hinzugefügt, unsere Tugenden seien wohl ein bißchen
+trüb geworden (das sind genau seine Worte).
+
+Wir dachten schon, Fedora und ich, daß er nicht wisse, wo wir wohnen,
+doch plötzlich, gestern – kaum war ich ausgegangen, um im Gostinnyj
+Dworr einige Zutaten zu kaufen – da taucht er ganz unerwartet hier auf!
+Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen wollen. Zunächst hat
+er Fedora lange über unser Leben ausgefragt und alles bei uns genau
+betrachtet, auch meine Handarbeit. Und dann hat er plötzlich gefragt:
+
+„Was ist denn das für ein Beamter, der mit euch bekannt ist?“
+
+In diesem Augenblick sind Sie gerade über den Hof gegangen und da hat
+Fedora auf Sie hingewiesen: er hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und
+dann gelacht. Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all dem Kummer
+ohnehin schon krank sei und es mir sehr unangenehm wäre, ihn hier zu
+sehen, hat er nichts geantwortet und eine Weile geschwiegen: dann hat er
+gesagt, daß er „nur so“ gekommen sei, er habe gerade nichts zu tun
+gehabt, und schließlich hat er Fedora 25 Rubel geben wollen, die sie
+natürlich nicht angenommen hat.
+
+Was könnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb, wozu ist er zu uns
+gekommen? Ich begreife nicht, woher er alles über uns erfahren haben
+kann? Ich verliere mich in allen möglichen Mutmaßungen. Fedora sagt,
+Axinja, ihre Schwägerin, die bisweilen zu uns kommt, sei gut bekannt mit
+der Wäscherin Nastassja, ein Vetter von dieser Nastassja aber sei
+Amtsdiener in dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen von
+Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der Klatsch nicht auf diesem
+Umwege zu ihm gedrungen sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken
+sollen. Könnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der bloße Gedanke
+daran entsetzt mich! Als Fedora mir gestern das alles erzählte, erschrak
+ich so, daß ich fast ohnmächtig wurde – vor Angst. Was wollen diese
+Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen wissen! Was gehe ich
+sie an? Ach, wenn Sie wüßten, in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden
+Augenblick fürchte ich, Bükoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was
+wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi willen, kommen Sie
+sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch! Ich flehe Sie an, kommen Sie!
+
+
+ 18. September.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, Unerklärliches und
+ganz Unerwartetes geschehen. Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge
+nach erzählen.
+
+Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff freigesprochen wurde. Das
+Urteil war wohl schon lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute
+hatte man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die Sache endete
+für ihn sehr günstig. All der Dinge, deren man ihn beschuldigt hatte –
+der Unachtsamkeit, Nachlässigkeit usw. – wurde er freigesprochen. Das
+Gericht stellte in vollem Umfange seine Ehre wieder her und verurteilte
+den Kaufmann zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme an Gorschkoff,
+so daß sich jetzt auch seine äußere Lage mit einem Schlage gebessert
+hat, da das Geld ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem Wege
+eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber war natürlich, daß der
+Schandfleck entfernt wurde, der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag.
+Mit einem Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung.
+
+Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum wiederzuerkennen. Sein
+Gesicht war bleich wie Kreide. Die Lippen zitterten, und dabei lächelte
+er in einem fort – so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir gingen
+alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. Ich glaube,
+unsere Handlungsweise rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und
+drückte einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, als ob er
+ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er sich weit strammer, als
+sonst, und auch die Augen tränten nicht mehr, sondern glänzten förmlich.
+Er war so erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es auf ein und
+derselben Stelle aus: alles nahm er in die Hand, um es sogleich wieder
+zurückzulegen, bald faßte er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann
+setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
+und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal sagte er: „Meine Ehre,
+ja, meine Ehre – ein guter Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...“
+und Sie hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen ihm
+voll Tränen, und auch wir waren den Tränen nahe. Ratasäjeff wollte wohl
+ablenken und sagte deshalb:
+
+„I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre, wenn man nichts zu essen
+hat! Geld, Väterchen, Geld ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür
+können Sie Gott danken!“ – und dabei klopfte er ihm auf die Schulter.
+
+Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie gekränkt fühlte.
+Nicht gerade, daß er den Beleidigten gespielt hätte, aber er sah doch
+den Ratasäjeff so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand von
+seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht geschehen, mein Kind.
+Übrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der
+Freude ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht man doch,
+meine Liebe, macht man doch oft genug einen ganz unnötigen Bückling,
+macht ihn aus keinem anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger
+Weichheit oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit ... Doch
+handelt es sich hier nicht um mich –
+
+„Ja,“ sagte Gorschkoff nach einer Weile, „auch das Geld ist gut. Gott
+sei Dank ... Gott sei Dank ...“
+
+Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich hin: „Gott sei Dank ...
+Gott sei Dank ...“
+
+Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und besseres Mittagessen.
+Unsere Wirtin kochte es selbst. Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine
+gute Frau.
+
+Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick stillsitzen. Er ging
+zu allen in die Zimmer, gleichviel, ob man ihn aufgefordert hatte oder
+nicht. Er trat ganz einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich
+auf einen Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts – und dann
+ging er wieder. Bei unserem Seemann, bei dem man gerade spielte, nahm er
+sogar Karten in die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen.
+Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins Spiel und warf die
+Karten nach drei oder vier Runden wieder hin.
+
+„Nein, ich habe ja nur so ...“ soll er gesagt haben, „ich habe ja nur so
+...“ und damit ist er wieder aus dem Zimmer gegangen.
+
+Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden Hände und sah mir
+lange in die Augen, aber mit einem ganz eigentümlichen Blick. Dann
+drückte er meine Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf den
+Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln, das so
+unbeweglich, so bedrückend war, wie das Lächeln eines Toten. Seine Frau
+weinte vor Freude. Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das
+Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, hat er plötzlich zu
+seiner Frau gesagt:
+
+„Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,“ – und damit hatte er sich auch
+schon auf dem Bett ausgestreckt.
+
+Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte die Hand auf das
+Kinderköpfchen und streichelte es immer wieder. Dann wandte er sich von
+neuem an seine Frau:
+
+„Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,“ fragte er, „unser Petinka? ...“
+
+Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch tot sei.
+
+„Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im Himmelreich.“
+
+Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war, daß die Erlebnisse
+an diesem Tage ihn ganz erschüttert hatten, und sagte deshalb, er solle
+doch versuchen, einzuschlafen und auszuruhen.
+
+„Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein wenig ...“ und damit
+drehte er sich auf die Seite, lag ein Weilchen, dann wandte er sich
+wieder zurück und wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn noch
+gefragt: „Was ist, mein Freund?“ – aber er antwortete schon nicht mehr.
+„Nun, er wird wohl eingeschlafen sein,“ sagte sie sich und ging aus dem
+Zimmer, um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. Nach etwa einer
+Stunde kam sie zurück – der Mann, sah sie, war noch nicht aufgewacht, er
+schlief noch ganz ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur
+schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit.
+
+Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde so gesessen habe, doch
+könne sie nicht mehr sagen, an was sie eigentlich gedacht, obschon sie
+in Nachdenken versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz
+vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, und zwar habe
+ein gewisses beunruhigendes Gefühl sie aus ihrer Traumverlorenheit
+aufgeschreckt, und da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer
+aufgefallen.
+
+Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann immer noch so lag, wie
+vor anderthalb Stunden. Da trat sie denn zu ihm und berührte ihn – er
+aber war schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, war ganz
+plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. Woran er aber gestorben
+ist, das mag Gott wissen!
+
+Das ist’s, was mich so erschüttert hat, Warinka, daß ich noch immer
+nicht recht zur Besinnung kommen kann. Ich kann es nicht glauben, daß
+ein Mensch so einfach – stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch! Warum
+mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten Freudentage sterben! Ja, das
+Schicksal, das Schicksal! Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch
+ganz verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine Mädchen aber hat
+sich verschüchtert in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur
+ein einziges Kommen und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung
+stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht. Leid tut es mir,
+ach, so leid! Es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß man wirklich
+weder Tag noch Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir
+nichts weg und aus ist es ...
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 19. September.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind, daß Ratasäjeff mir Arbeit
+verschafft hat, Arbeit für einen Schriftsteller. – Heute kam einer zu
+ihm und brachte so ein dickes Manuskript – Gott sei Dank, viel Arbeit.
+Nur ist es alles so unleserlich geschrieben, daß ich gar nicht weiß, wie
+ich das entziffern soll, dabei wird die Arbeit so schnell verlangt.
+Außerdem handelt es von so schweren Dingen, daß man es gar nicht mal
+recht verstehen kann. Über den Preis sind wir auch schon einig geworden:
+40 Kopeken pro Bogen. Ich schreibe Ihnen das alles nur deshalb, meine
+Liebe, um Sie schneller wissen zu lassen, daß ich jetzt noch obendrein
+einen Nebenverdienst haben werde. Und nun leben Sie wohl, Kind. Ich will
+mich gleich an die Arbeit machen.
+
+ Ihr treuer
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 23. September.
+
+Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!
+
+Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch
+war es eine Zeit großer Sorge und Aufregung für mich.
+
+Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war allein, Fedora war
+ausgegangen. Ich öffnete die Tür und erschrak dermaßen, als ich ihn
+erblickte, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte,
+wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen
+ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte
+eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich
+wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens bald auf, zu
+lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch überrascht. Ich habe
+ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind
+eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es muß
+allerdings schwer sein für die, die mich vor einem Jahre gekannt haben,
+mich jetzt wiederzusehen.
+
+Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine
+Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung – ich weiß nicht mehr,
+was ich antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde saß er so bei
+mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz
+ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und sagte
+(ich schreibe es Ihnen wortwörtlich):
+
+„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte
+und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er
+benannte sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen Wort.) „Sie hat
+jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie
+dem Verderben zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem
+Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, was soll man darüber
+viel Worte verlieren, das ist so eine alltägliche Geschichte, wie das
+Leben sie eben mit sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte
+er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das Wichtigste, was er zu
+sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anständigkeit einfach
+verboten hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das Übrige in
+kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so tat er es auch: er erklärte
+mir, daß er um meine Hand anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte,
+mir meine Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der
+Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er
+Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurückkehren,
+denn das Großstadtleben sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier einen
+Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe
+sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen.
+Hauptsächlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt,
+er wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte er sich noch
+über unsere Wohnung, meinte, es wäre schließlich kein Wunder, daß ich
+krank geworden sei, wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube
+wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange
+hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen überhaupt elend, sagte er,
+und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.
+
+Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich plötzlich – ich weiß
+selbst nicht, weshalb – in Tränen ausbrach. Er hielt sie natürlich für
+Tränen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen,
+daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen sei, doch habe er
+sich nicht früher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles
+Nähere über mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte er
+sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein
+anständiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen
+500 Rubel genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? Als ich
+ihm darauf antwortete, daß Sie für mich das getan, was man mit Geld
+nicht zu bezahlen vermöge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl
+in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Büchern:
+Romane aber setzten jungen Mädchen bloß verschrobene Ideen in den Kopf,
+und überhaupt möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, daß sie nur
+die Sitten verdürben, weshalb er Bücher nicht leiden könne. Er riet mir,
+erst sein Alter zu erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann
+erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.“
+
+Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken und mir alles
+reiflich zu überlegen, denn es wäre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen
+so wichtigen Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, daß
+Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die unerfahrene Jugend stets
+ins Verderben zu führen pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine
+zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich
+gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie
+gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die
+Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fünfhundert Rubel
+auf meinen Stickrahmen, für Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich
+fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er noch,
+daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und
+gesund werden würde, ich könne dort essen, soviel ich nur wolle.
+Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte
+hätten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur
+auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er ...
+
+Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt und mich recht
+gequält, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich
+werde ihn heiraten, ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von
+meiner Schande erlösen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft
+vor Armut und Entbehrungen und Unglück bewahren kann, so ist er ganz
+allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft
+erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, daß man sein
+Glück nicht verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,
+was man denn in diesem Falle Glück nennen solle. Ich jedenfalls finde
+keinen anderen Ausweg für mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit
+der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben.
+Ununterbrochen arbeiten – das kann ich nicht. Bei fremden Menschen
+dienen? – Ich käme um vor Leid, und überdies würde ich niemanden
+zufriedenstellen. Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich Fremden
+immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein
+Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn
+tun? Was soll ich denn vorziehen?
+
+Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles
+überlegen. Mein Entschluß, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht
+fest und ich werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon
+sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung erwartet. Er
+sagte mir, daß seine Geschäfte keinen Aufschub dulden, er müsse
+abreisen, und „wegen dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch
+nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen
+Macht über mein Schicksal weiß, ob ich glücklich sein werde, aber mein
+Entschluß ist gefaßt. Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird
+mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber
+sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten?
+
+Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich weiß, daß Sie
+meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von
+meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären zwecklos. Erwägen Sie
+lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Gründe, die mich zu diesem Schritt
+veranlaßt haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich
+ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht. Was geschehen wird, das
+wird geschehen, wie Gott es schickt! ...
+
+Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen
+noch vieles sagen. Bükoff ist schon hier.
+
+
+ 23. September.
+
+Kind, Warwara Alexejewna!
+
+Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich, Kind, ich beeile mich,
+Ihnen zu erklären, daß ich – daß ich erstaunt bin. Alles das ist doch
+ganz sicher irgendwie nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff
+beerdigt. Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bükoff hat ehrenhaft
+gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe, Sie haben ihm also
+wirklich zugesagt? Natürlich wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so,
+das muß unbedingt so sein, das heißt, hier – auch hier muß unbedingt
+Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen Schöpfers hat
+natürlich, obschon uns unerforschlich, immer nur das Wohl der Menschen
+im Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie Gott.
+
+Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natürlich, Sie werden jetzt glücklich
+sein, Kind, Sie werden in Reichtum und Überfluß leben, mein Täubchen,
+mein Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen, mein
+Engelchen, – nur eins, sehen Sie, Warinka, wie denn das, warum so
+schnell? ... Ja, die Geschäfte – Herr Bükoff hat Geschäfte vor ...
+natürlich – wer hat denn nicht Geschäfte, auch er kann sie haben. Ich
+habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender Mann,
+sogar ein sehr imponierender Mann, das heißt eine imposante Erscheinung,
+eine sogar sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles ... nein, es
+ist ja gar nicht das, um was es sich eigentlich handelt. Ich, sehen Sie,
+ich bin schon jetzt gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn
+künftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja und ich – wie bleibe ich
+denn hier so allein zurück? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwäge,
+wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen erwäge ich alles,
+alle diese Gründe, meine ich, und so weiter. Ich hatte schon fast den
+zwanzigsten Bogen abgeschrieben, da kam dann plötzlich dieses Ereignis!
+Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so müssen Sie doch noch
+verschiedene Einkäufe machen, verschiedene Stiefelchen und Kleidchen,
+und da, meine ich, kommt es denn sehr gelegen, daß ich gerade ein gutes
+Magazin kenne, an der Gorochowaja – erinnern Sie sich noch, wie ich es
+Ihnen einmal beschrieb? – Aber nein! Was rede ich, was fällt Ihnen ein,
+mein Kind, was denken Sie! Sie dürfen doch nicht, es ist ganz unmöglich:
+Sie können jetzt einfach nicht so ohne weiteres fortfahren! Sie müssen
+doch große Einkäufe machen, Sie müssen einen Wagen mieten. Überdies ist
+auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur, es regnet wie aus
+Eimern, unaufhörlich regnet es, und überdies ... es wird doch noch kalt
+werden, mein Engelchen, Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden
+erfrieren! Und Sie fürchten doch jeden fremden Menschen: und nun wollen
+Sie mit diesem da fortfahren! Wie soll ich denn hier so allein
+zurückbleiben? Ja! Die Fedora sagt, daß ein großes Glück Sie erwarte ...
+aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir mein Letztes
+nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse in die Kirche gehen, mein Kind?
+Ich würde dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen.
+
+Es ist wahr, Kind, es ist richtig, daß Sie ein gebildetes, gutes,
+gefühlvolles Mädchen sind, nur wissen Sie, – mag er doch lieber eine
+Kaufmannstochter heiraten! Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber eine
+Kaufmannstochter heiraten! – Ich werde zu Ihnen kommen, Warinka, sobald
+es dunkelt, werde ich auf ein Stündchen hinüberkommen. Jetzt wird es
+doch schon früh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt auf ein
+Stündchen! Jetzt erwarten Sie Bükoff, das weiß ich, aber wenn er
+fortgegangen ist, dann ... Also warten Sie, Kindchen, ich komme
+unbedingt ...
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 27. September.
+
+Mein Freund Makar Alexejewitsch!
+
+Herr Bükoff sagt, ich müsse mindestens drei Dutzend Hemden von
+holländischer Leinewand haben. Daher müssen wir so schnell wie möglich
+Weißnäherinnen für zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich wenig
+Zeit. Herr Bükoff ärgert sich, weil er nicht geahnt hat, wie er sagt,
+daß diese Lappen soviel Schererei verursachen können.
+
+Unsere Hochzeit wird in fünf Tagen stattfinden, und am Tage darauf
+reisen wir ab. Herr Bükoff hat Eile und sagt, für diese Dummheiten
+brauche man nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den
+Scherereien schon so müde, daß ich mich kaum noch auf den Füßen halten
+kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit, und doch, weiß Gott, wäre es
+besser, wenn nichts von all diesen Sachen nötig wäre. Ja, und noch
+etwas: wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir müssen noch welche
+zukaufen, denn Herr Bükoff sagt, er wünsche nicht, daß seine Frau wie
+eine Küchenmagd gekleidet gehe, ich müsse „alle Gutsbesitzersfrauen in
+den Schatten stellen“ – das sind seine Worte.
+
+Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie zu Madame Chiffon
+(Gorochowaja, Sie wissen schon) und bitten Sie sie, uns schnell einige
+Nähterinnen zu schicken, dies erstens, und zweitens, daß sie sich selbst
+herbemühen möge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich bin heute krank.
+Hier in unserer neuen Wohnung ist es so kalt und alles ist in
+schrecklicher Unordnung. Herrn Bükoffs Tante kann kaum noch atmen vor
+Altersschwäche. Ich fürchte, daß sie vielleicht noch vor unserer Abreise
+sterben könnte, doch Herr Bükoff sagt, das habe nichts auf sich, sie
+würde sich schon wieder erholen.
+
+Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem Kopf. Da Herr Bükoff
+nicht hier wohnt, laufen die Leute nach allen Seiten fort und tun, was
+sie gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu unserer
+Bedienung haben. Herrn Bükoffs Kammerdiener, der hier nach dem Rechten
+sehen soll, ist schon seit drei Tagen verschwunden. Herr Bükoff kommt
+jeden Morgen angefahren und ärgert sich, gestern aber hat er den
+Hausknecht geprügelt, weshalb er dann mit der Polizei Unannehmlichkeiten
+bekam ... Ich habe hier im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen
+den Brief zusenden könnte. Ich schreibe Ihnen durch die Stadtpost. Ach,
+natürlich, das Wichtigste hätte ich fast vergessen! Sagen Sie Madame
+Chiffon, daß sie die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern
+gewählten Muster passende, aussuchen, und daß sie dann selbst zu mir
+kommen soll, um mir die neue Auswahl zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr
+noch, daß ich mich in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie
+muß gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas: Die Buchstaben in
+den Taschentüchern soll sie in Tamburinstickerei nähen, verstehen Sie? –
+in Tamburinstickerei und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht:
+Tamburinstickerei! So, und da hätte ich doch noch etwas vergessen! Sagen
+Sie ihr, um Gottes willen, daß die Blättchen auf der Pelerine erhaben
+ausgenäht werden müssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber, an den
+Kragen muß sie dann noch eine Spitze nähen, oder eine breite Falbel.
+Bitte, sagen Sie ihr das, Makar Alexejewitsch.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+P. S. Ich schäme mich so, daß ich Sie wieder mit meinen Aufträgen
+belästige. Vorgestern sind Sie ja schon den ganzen Nachmittag gelaufen.
+Doch was soll ich tun! Bei uns im Hause gibt es überhaupt keine Ordnung
+und ich selbst bin krank. Also ärgern Sie sich nicht gar zu sehr über
+mich, Makar Alexejewitsch. Es ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das
+noch werden, mein Freund, mein lieber, mein guter Makar Alexejewitsch!
+Ich fürchte mich, an die Zukunft auch nur zu denken. Es ist mir, als
+hätte ich tausend schlimme Vorahnungen und mein Kopf ist wie
+eingenommen.
+
+P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen Sie nur nichts von dem,
+was Sie Madame Chiffon zu sagen haben. Ich fürchte, Sie verwechseln mir
+alles. Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei und _nicht_
+blank!
+
+ W. D.
+
+
+ 27. September.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ihre Aufträge habe ich alle gewissenhaft ausgeführt. Madame Chiffon
+sagte, daß sie auch schon an Tamburinstickerei gedacht habe: das sei
+vornehmer, sagte sie, oder was sie da sagte – ich habe es nicht ganz
+begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann, Sie hatten dort etwas von
+einer Falbel geschrieben, da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur
+habe ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der Falbel sagte.
+Ich weiß nur noch, daß sie sehr viel über diese Falbel zu sagen hatte.
+Solch ein schändliches Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen
+heute noch alles selbst sagen. Ich bin nämlich, mein Kind, ich bin
+nämlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin ich auch nicht in den Dienst
+gegangen. Nur ängstigen Sie sich, meine Liebe, ganz unnötigerweise. Für
+Ihre Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Läden Petersburgs zu
+laufen. Sie schreiben, daß Sie sich fürchten, in die Zukunft zu blicken,
+oder an sie auch nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch
+alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen kommen. – Also
+verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen Sie, Kind, vielleicht wird sich
+doch noch alles zum besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese
+verwünschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem Sinn, das geht nur so –
+Falbel, Falbel, Falbel! ...
+
+Ich würde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen, mein Engelchen, würde
+unbedingt auf ein Weilchen vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal
+Ihrer Tür genähert, aber Bükoff, das heißt, ich wollte sagen, Herr
+Bükoff ist immer so böse, und da ist es wohl nicht gerade angebracht ...
+Nicht wahr? ...
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 28. September.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier! Sagen Sie ihm, daß er
+die Ohrgehänge mit Perlen und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bükoff
+sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel. Er ärgert
+sich. Er sagt, daß es ihm ohnehin schon ein Heidengeld koste und daß wir
+ihn plündern. Und gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen
+hätte, würde er sich die Sache noch sehr überlegt haben. Er sagt, daß
+wir sogleich nach der Trauung abreisen werden, ich solle mir also keine
+Illusionen machen: es kämen weder Gäste, noch werde nachher getanzt
+werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich solle mir nur nicht
+einbilden, gleich tanzen zu können. So spricht er jetzt! Und Gott weiß
+doch, ob ich das alles nötig habe, oder nicht! Herr Bükoff hat doch
+selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen: er ist so
+heftig. Was wird nur aus mir werden?!
+
+ W. D.
+
+
+ 28. September.
+
+Mein Täubchen, meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich, das heißt der Juwelier sagt – gut. Von mir aber wollte ich nur
+sagen, daß ich erkrankt bin und nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo
+so viel zu besorgen ist, wo Sie meiner Hilfe bedürfen, jetzt müssen die
+Erkältungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch habe ich Ihnen
+noch mitzuteilen, daß zur Vollendung meines Unglücks Seine Exzellenz
+heute geruht haben, sehr böse zu sein: sie haben sich über Jemeljan
+Iwanowitsch geärgert, haben sehr gescholten und sahen zu guter Letzt
+ganz erschöpft aus, so daß sie mir über alle Maßen leid getan haben. Sie
+sehen, ich teile Ihnen alles mit.
+
+Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben, aber ich fürchte,
+Ihnen damit nur unnütz Zeit zu rauben. Ich bin ja doch, mein Kind, ein
+dummer Mensch, bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade
+kommt und was mir einfällt, so daß Sie vielleicht dort irgendwie so
+etwas ... ich kann ja nicht wissen was ... Ach, nun, was soll man da
+reden!
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 28. September.
+
+Warwara Alexejewna, mein Herzchen!
+
+Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen, mein Täubchen. Sie sagt,
+Sie werden schon morgen getraut und übermorgen reisen Sie ab! Herr
+Bükoff habe schon die Pferde bestellt.
+
+Über Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben, mein Kind. Ja
+und dann: die Rechnungen der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es
+stimmt alles, nur daß es sehr teuer ist. Aber warum ärgert sich denn
+Herr Bükoff über Sie? Nun, so seien Sie glücklich, Kind! Ich freue mich.
+Ja, ich werde mich immer freuen, wenn Sie glücklich sind, Kind! Ich
+würde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich kann nicht, mein Kreuz
+schmerzt.
+
+Doch wie wird es denn nun mit den Briefen – ich komme wieder darauf
+zurück –, wie werden wir uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns
+zustellen, Kind?
+
+Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora so sehr beschenkt, meine
+Gute! Damit haben Sie ein gutes Werk getan, das war schön von Ihnen. Für
+jede gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt und der
+Tugend ist immer Gottes Lohn gewiß.
+
+Kind, mein Kind! Ich würde Ihnen vieles schreiben, ich würde Ihnen jede
+Stunde, jede Minute schreiben, immer nur schreiben! Ich habe hier noch
+ein Büchlein von Ihnen, „Bjelkins Erzählungen“, das ist noch bei mir
+geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen Sie das bei mir, nehmen Sie mir
+das nicht fort, schenken Sie es mir ganz, mein Täubchen! Nicht deshalb,
+weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals lesen möchte. Aber
+Sie wissen doch selbst, Kind, der Winter kommt, die Abende werden lang:
+da wird man denn traurig – und da ist es dann gut, wenn man etwas zum
+Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus meiner Wohnung in Ihre alte
+Wohnung ziehen und werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser
+ehrenwerten alten Frau werde ich mich jetzt für keinen Preis mehr
+trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam. Gestern habe ich mir in Ihrer
+verlassenen Wohnung alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner
+Stickrahmen mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles geblieben,
+unangerührt, wie es war. Ich habe auch Ihre Stickerei betrachtet. Dann
+sind da noch verschiedene kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stückchen
+von einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn aufzuwickeln. In
+Ihrem Tischchen fand ich noch einen Bogen Postpapier, auf dem Sie
+geschrieben haben: „Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich“ –
+und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand gleich zu Anfang
+unterbrochen. In der Ecke hinter dem Schirm steht Ihr schmales Bettchen
+... Mein Täubchen Sie!!!
+
+Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten Sie mir nur um
+Gottes willen etwas auf meinen Brief, und recht bald!
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 30. September.
+
+Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. Ich weiß nicht, was
+die Zukunft mir bringen wird, aber ich füge mich in den Willen des
+Herrn. Morgen reisen wir.
+
+Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen, mein einziger, mein
+treuer, lieber, guter Freund! Sind Sie doch mein einziger Verwandter,
+der in der Not treu zu mir gehalten hat!
+
+Grämen Sie sich nicht um mich, leben Sie glücklich, denken Sie zuweilen
+an mich und möge Gott Sie segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie
+in meinem Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese Zeit
+vorüber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die ich aus der Vergangenheit
+ins neue Leben mitnehme, um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr
+Andenken, um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen sein. Sie sind
+mein einziger Freund, nur Sie allein haben mich hier geliebt. Ich bin
+doch nicht blind gewesen, ich habe es doch gesehen und gewußt, wie Sie
+mich liebten! Mein Lächeln genügte, um Sie glücklich zu machen, eine
+Zeile von mir söhnte Sie mit allem aus. Jetzt müssen Sie sich daran
+gewöhnen, ohne mich auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier
+weiterleben? Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter, unschätzbarer,
+einziger Freund!
+
+Ich überlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen, den angefangenen Brief.
+Wenn Sie diese angefangenen Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken
+weiter: lesen Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie von mir
+gern gehört oder gelesen hätten, alles, was ich Ihnen hätte schreiben
+können – was aber würde ich Ihnen jetzt nicht alles schreiben! Vergessen
+Sie nicht Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem Herzen
+geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora in der Kommode geblieben,
+in der obersten Schublade.
+
+Sie schreiben, daß Sie krank seien. Ich würde Sie besuchen, aber Herr
+Bükoff läßt mich heute nicht fort. Ich werde Ihnen schreiben, mein
+Freund, das verspreche ich Ihnen, aber nur Gott allein weiß, was alles
+geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt für immer Abschied
+voneinander nehmen, mein Freund, mein Täubchen, wie Sie mich nennen,
+mein Liebster! Auf immer! ... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen würde, Sie!
+Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht, recht, recht wohl! Seien
+Sie glücklich! Bleiben Sie gesund. Nie werde ich vergessen, für Sie zu
+beten. O! wenn Sie wüßten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll
+bedrückt meine Seele ist!
+
+Herr Bükoff ruft mich.
+
+ Ihre Sie ewig liebende
+ W.
+
+P. S. Meine Seele ist so voll, so voll von Tränen ... Sie drohen, mich
+zu ersticken, zu zerreißen! Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott!
+wie ist es traurig!
+
+Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka.
+
+ W.
+
+
+Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling! Man bringt Sie fort, Sie
+fahren. Ja, jetzt wäre es doch besser, man risse mir das Herz aus der
+Brust, als daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das nur
+möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und doch fahren Sie?! Da habe
+ich soeben Ihren Brief erhalten, der stellenweise noch feucht ist von
+Tränen. So wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren?
+Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es tut Ihnen leid um
+mich? Ja, aber – dann lieben Sie mich doch! Wie ist denn das? Was soll
+jetzt geschehen? Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist dort
+öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr Herzchen krank machen, die
+Trauer wird es zerreißen. Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in
+die feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, der Sie beweint!
+Herr Bükoff wird immer Hasen jagen ... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie
+sich da entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? Was haben
+Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich selbst angetan! Man
+wird Sie doch dort ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach
+umbringen, mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein Federchen, so
+zart und schwach! Und wo war ich denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn
+hier mit offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein Kindskopf
+sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich denn nicht, daß dem Kinde
+einfach nur das Köpfchen versagte! Da hätte ich doch ganz einfach – aber
+nein! Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch sehe ich
+etwas, als sei das gerade das Richtige, als ginge die ganze Sache mich
+gar nichts an, und laufe sogar noch nach Falbeln! ... Nein, Warinka, ich
+werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon soweit sein, dann
+stehe ich einfach auf! Und dann, dann werde ich mich einfach unter die
+Räder werfen. Ich lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn das
+eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht geschieht das denn
+alles? Ich werde mit Ihnen fahren! Ich werde Ihrem Wagen nachlaufen,
+wenn Sie mich nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde laufen,
+solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis ich meinen Geist
+aufgebe!
+
+Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was Sie erwartet, dort, wohin
+Sie fahren, Kind? Wenn Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich,
+ich weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, nichts als
+flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie meine Hand, so nackt! Dort
+leben nur stumpfe, gefühllose Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle.
+Jetzt ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen, dort regnet
+es, dort ist es kalt – und dorthin fahren Sie!
+
+Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird da seine Hasen jagen.
+Aber was werden Sie dort anfangen? Sie wollen Gutsherrin sein, mein
+Kind? Aber, mein Engelchen! – so sehen Sie sich doch nur an, sehen Sie
+denn nach einer Gutsherrin aus?
+
+Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen werde ich denn jetzt noch
+Briefe schreiben, Kind? Ja! so bedenken Sie und fragen Sie sich doch
+bloß dies eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben können?
+Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, mein liebes Kind nennen, wem
+gebe ich diesen zärtlichen Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo
+soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich werde sterben,
+Warinka, ich werde bestimmt sterben. Nein, solchem Unglück ist mein Herz
+nicht gewachsen!
+
+Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie mein leibliches
+Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte alles an Ihnen, mein Liebling!
+Nur für Sie allein lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und
+geschrieben, bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen in
+meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, mein Kind, hier in meiner
+Nähe lebten. Sie haben das vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich
+so, es war wirklich so!
+
+Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen Sie doch, mein
+Täubchen, wie ist denn das nur möglich, daß Sie uns verlassen? – Nein,
+meine Liebe, das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist völlig
+ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so kränklich – Sie werden
+sich bestimmt erkälten. Ihre Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein
+Wagen ist kein Haus – sie wird bestimmt durchnäßt werden! Und kaum
+werden Sie aus der Stadt hinausgefahren sein, da wird ein Rad brechen,
+oder der ganze Wagen bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen
+schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese Wagenbauer: denen
+ist es nur um die Fasson zu tun, um irgend so ein Spielzeug
+herzustellen, aber von Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich
+schwöre es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle nichts!
+
+Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die Knie niederwerfen und ihm
+alles sagen, alles! Und auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen!
+Sie werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn so überzeugen!
+Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben, daß Sie nicht mit ihm fahren
+können! ... Ach, warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter
+geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter ausgesucht!
+Das wäre für alle besser gewesen, die würde viel besser zu ihm passen,
+ich weiß schon, warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was ist er
+Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist er Ihnen denn plötzlich so
+lieb und wert geworden? Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden,
+weil er Ihnen Falbeln kauft und alles dieses – deshalb etwa? Wozu sind
+denn diese Falbeln? Wozu hat man die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein
+Stück Zeug, solch ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein
+Menschenleben, Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach nur Lappen,
+wirklich – nichts anderes, als nichtsnutzige Lappen! Ich aber, ich kann
+Ihnen doch gleichfalls solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein
+nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen diese Falbeln, mein
+Kind, und ich weiß schon wo, ich kenne dort einen kleinen Laden, nur
+müssen Sie noch etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt
+bekomme, mein Engelchen, Warinka!
+
+Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit Herrn Bükoff fort in die
+Steppe, auf immer fort! Ach, Kind! ... Nein, Sie müssen mir noch
+schreiben, noch ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn Sie
+schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von dort einen Brief. Denn
+sonst, mein Engelchen, wäre dies der letzte Brief, das aber kann doch
+nicht sein, daß dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte
+das, so plötzlich – der letzte, wirklich der letzte Brief sein? Aber
+nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie müssen mir schreiben ...
+Fängt doch gerade jetzt mein Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind,
+aber was heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst zu
+wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts weiß ich und will
+auch nichts durchlesen, nichts verbessern, nichts, nichts. Ich schreibe
+nur, um zu schreiben, immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen,
+mein Liebling, mein Kind Sie!
+
+
+
+
+ Der Doppelgänger
+
+
+ I.
+
+Es war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakoff Petrowitsch
+Goljädkin nach langem Schlaf erwachte.
+
+Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen, streckte
+langsam die Glieder, und erst nach und nach öffnete er die Augen
+vollständig. Doch blieb er noch eine gute Weile regungslos in seinem
+Bett liegen, wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht ganz klar
+darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich schon erwacht und rings von
+Wirklichkeit umgeben ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild
+vor sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit, daß er mit
+besserem Bewußtsein und regerer Vernunft die geschauten Eindrücke in
+sich aufnehmen und in der Tat als bereits längst bekannte und ganz
+alltägliche Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten ihn die
+grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten Wände seines kleinen
+Zimmers an, wohl vertraut seine rotbraune Kommode und die Stühle von
+derselben Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische
+Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen, doch grüngeblümten
+Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut schließlich auch die gestern abend
+in der Eile abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben diesem
+Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der unfreundliche Herbsttag mit
+seinem trüben, fast schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so
+mißvergnügt durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer, daß Herr
+Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte, daß er sich in keinem
+Wolkenkuckucksheim befand, sondern in Petersburg, in der Hauptstadt des
+russischen Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem großen,
+vier Stockwerke hohen Hause, das an der Straße lag, die man die
+Schestilawotschnaja nennt. Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis
+gelangt war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck
+zusammenzuckend, zunächst blitzschnell wieder die Augen, um, wenn
+möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre nichts geschehen. Doch hielt
+er diesen Zustand nicht lange aus, denn plötzlich – es war noch keine
+Minute vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal sofort aus
+dem Bett, ganz als seien seine Gedanken endlich auf denjenigen Punkt
+gestoßen, um den sie bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in
+blinder Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten.
+
+Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so war das erste, was er tat,
+daß er zu dem runden Spiegelchen stürzte, das auf der Kommode stand. Und
+obwohl das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen Augen und dem
+ziemlich gelichteten Haupthaar, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute,
+von so unbedeutender Art war, daß es ganz entschieden sonst keines
+einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können, schien der
+Besitzer desselben doch mit dem Erblickten sehr zufrieden zu sein.
+
+„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin halblaut vor sich hin,
+„gerade was Nettes, wenn mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum
+Beispiel irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt wäre,
+oder eine ähnliche Unannehmlichkeit. Aber bis jetzt ist noch alles gut
+gegangen ... jawohl: vorläufig ist alles gut!“
+
+Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über diese Feststellung,
+den Spiegel wieder auf die Kommode, worauf er selbst, obschon er noch
+barfuß und nur mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um mit
+großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar wurde er durch das,
+was er dort unten erblickte, vollkommen zufriedengestellt, denn ein
+Lächeln erhellte sein Antlitz.
+
+Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter die Scheidewand in die
+Kammer Petruschkas, seines „Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt
+hatte, daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise zum Tisch,
+schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten Winkel dieses
+Schubfaches zwischen alten vergilbten Papieren und anderem Kram, bis er
+schließlich eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die er
+vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit wonnevollem
+Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste Täschchen
+hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten auch die grünen und grauen und
+blauen und roten Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich
+und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens legte er die
+offene Tasche mit geradezu strahlender Miene vor sich auf den Tisch,
+worauf er sich zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände rieb.
+
+Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche und entnahm dem
+letzten und verborgensten Täschchen das ganze, ihn so ungemein
+erfreuende bunte Paketchen Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom
+letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen, wobei er jeden
+Schein gewissenhaft mit Daumen und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht
+etwa zwei für einen durchgingen.
+
+„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“ murmelte er dann vor sich
+hin. „Siebenhundertfünfzig Rubel ... eine große Summe! Eine sehr
+annehmbare Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz weich klingender
+Stimme in seinem Selbstgespräch fort, indem er das Paket mit den
+Geldscheinen in der geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte:
+„Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für einen jeden eine überaus
+annehmbare Summe! Ich wollte den Menschen sehen, für den diese Summe
+eine geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen Menschen weit
+bringen ...“
+
+„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin aus seinem fröhlichen
+Gedankengang plötzlich auf, „wo ist denn mein Petruschka?“ Und er begab
+sich, immer noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur
+Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in seiner Kammer nicht zu
+erblicken. Statt seiner stand dort nur der Samowar auf der Diele und
+brummte und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten
+Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem er mit heißestem Eifer in
+den Gutturallauten seiner sich überstürzenden und unverständlichen
+Sprache brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen schien: So
+nimm mich doch endlich, guter Mann, ich bin ja schon längst und
+vollkommen fertig und mehr wie bereit!
+
+„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin, „diese faule Bestie
+kann einen Menschen ja um seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur
+wieder herumtreibt?!“
+
+Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum Vorzimmer – einem
+kleinen Korridor, aus dem eine Tür auf den Treppenflur führte – und
+erblickte dort seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer
+Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten Art, eifrig
+umringte. Petruschka erzählte und die anderen hörten zu. Augenscheinlich
+mißfiel jedoch sowohl das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung
+selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich seinen Petruschka
+und kehrte nicht nur unzufrieden, sondern ordentlich aus dem
+Gleichgewicht gebracht in sein Zimmer zurück.
+
+„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger als eine Kopeke
+einen Menschen zu verkaufen, um wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“
+dachte er bei sich, „und das hat er, oh, das hat er auch schon getan,
+ich wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er sich an den
+eingetretenen Petruschka.
+
+„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“
+
+„Dann zieh sie an und komm her.“
+
+Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf mit einem dummen
+Grinsen wieder im Zimmer seines Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich
+seltsamen Aufzuge.
+
+Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen Dienerfrack mit mehr
+als schadhaften goldenen Tressen, eine Livree, die für einen Menschen
+gemacht worden war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte, als
+Petruschka.
+
+In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen und mit grünen
+Federn garnierten Hut, und an der Seite hing ihm ein Dienerschwert in
+einer ledernen Scheide.
+
+Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, daß Petruschka, der
+seiner ausgesprochenen Vorliebe für alles Bequeme zufolge fast nur im
+Negligee zu gehen pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack,
+barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen Petruschka von
+allen Seiten, schien aber zufriedengestellt zu sein. Die Livree war
+offenbar zu irgendeinem feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend
+war an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren ihn sein
+Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und mit größter Neugier jede
+Bewegung dieses seines Herrn verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es
+merkte, geradezu befangen machte.
+
+„Nun, und die Equipage?“
+
+„Auch die Equipage ist gekommen.“
+
+„Für den ganzen Tag?“
+
+„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“
+
+„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“
+
+„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“
+
+„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib sie her!“
+
+Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit mit der Leistung des
+Schusters ausgedrückt hatte, wollte er Tee trinken, sich waschen und
+rasieren. Letzteres tat er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er
+viel Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig im
+Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die weitere Bekleidung
+seiner Person. Zunächst zog er ein Paar fast nagelneuer Beinkleider an,
+dann ein Plätthemd mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie von
+Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten Blümchen. Um den Hals
+band er sich eine bunte, seidene Krawatte, und zu guter Letzt zog er
+noch seinen Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig
+gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er mehrmals mit
+liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel hinab, hob bald diesen, bald
+jenen Fuß, betrachtete mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas
+Unverständliches vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel, das hier
+und da entfernt an ein Gesichterschneiden gemahnte, seinen Gedanken
+beifällig zustimmte. Übrigens war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr
+zerstreut, weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel der Mundwinkel und
+Augenbrauen Petruschkas, während ihm dieser beim Ankleiden behilflich
+war, völlig entging.
+
+Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr Goljädkin vollständig
+angekleidet dastand, steckte er als Letztes noch seine Brieftasche in
+die Brusttasche, weidete sich nochmals am Anblick Petruschkas, der
+inzwischen Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls vollständig
+angekleidet war –, und als er sich dann sagen mußte, daß „somit alles
+fertig“ sei und folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten,
+wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen Herzensunruhe
+dem Ausgang zu und eilte die Treppe hinab. Eine hellblaue Mietsequipage
+mit eigentümlichem Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen und
+hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch mit dem Kutscher und ein paar
+anderen Maulaffen schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den
+Wagenschlag zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme und kaum
+zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum Kutscher hinauf, sprang selbst
+auf den Dienersitz hinten am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd
+und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige Steinpflaster
+unter dem Torbogen auf die Straße hinaus und weiter zum Newskij
+Prospekt.
+
+Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen verlassen, als Herr
+Goljädkin sich auch schon geschwind die Hände rieb und sichtbar, doch
+unhörbar vor sich hinlachte, wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart,
+dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber selbst
+königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens schlug dieser Anfall von
+Lustigkeit sogleich in eine andere Stimmung um: das Lachen im Gesicht
+Herrn Goljädkins wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck.
+
+Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er beide Fenster herab
+und begann vorsichtig nach den Vorübergehenden auszuschauen, um dann
+blitzschnell wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald er
+bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung – der Wagen bog
+gerade von der Liteinaja auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem
+Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung zusammen, als wäre ihm
+jemand versehentlich auf ein Hühnerauge getreten, und zog sich
+schleunigst in den dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er
+sich fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache seines
+Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich zwei junge Beamte
+erblickt hatte, die seine Kollegen waren. Zum Unglück hatten diese auch
+ihn erblickt und, wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster
+Verwunderung angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren
+Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der eine von ihnen hatte
+sogar mit dem Finger nach ihm gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin,
+daß der andere ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch auf der
+Straße entschieden unzulässig war. Doch unser Held versteckte sich und
+tat, als hätte er nichts gehört.
+
+„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei sich selbst, „was ist
+denn da für eine Veranlassung, sich zu wundern? Ein Mensch in einer
+Equipage! Der Betreffende mußte eben einmal in einer Equipage fahren,
+und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen? Aber ich
+kenne sie ja! – grüne Jungen, die noch versohlt werden müßten! Die haben
+nichts als Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können, das ist
+ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen mal etwas sagen, etwas ...“
+
+Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck: rechts neben seiner
+Equipage war ein ihm merkwürdig bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde
+aufgetaucht, in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen Wagen,
+der seine Equipage alsbald überholte. Der Herr aber, der im Wagen saß,
+und zufällig den gerade recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden
+Kopf Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach gleichfalls
+höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und indem er sich so weit als
+möglich vorbeugte, blickte er mit dem größten Interesse gerade nach
+jenem Winkel der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst
+zurückgezogen hatte.
+
+Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej Philippowitsch, der Chef
+derselben Abteilung, der Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah
+und begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt hatte,
+daß er ihm starr in die Augen sah, und ein Entrinnen oder Verstecken
+vollkommen ausgeschlossen war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick
+bis über die Ohren errötete, doch –
+
+„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich unser Held trotzdem
+unentschlossen und in unbeschreiblich qualvoller Beklemmung, „soll ich
+ihn erkennen oder soll ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern
+irgendein anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? – und soll
+ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts vor? – Jawohl, ich bin
+einfach nicht ich – und damit basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit
+stockendem Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch zu ziehen
+und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden. „Ich ... ich, ich bin eben
+einfach gar nicht ich,“ dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der
+Stelle vergehen, „gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer –
+und nichts weiter!“
+
+Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt und damit war der
+Magnetismus, der in den Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen.
+Freilich, Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte und
+murmelte Unverständliches vor sich hin ...
+
+„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht zu grüßen,“ sagte er sich
+endlich in besserer Erkenntnis, „ich hätte ganz ruhig und dreist handeln
+sollen, offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej
+Philippowitsch, bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen, sehen Sie!“
+
+Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß der Fehler war, den
+er begangen hatte: er wurde nochmals feuerrot, runzelte die Stirn und
+warf einen fürchterlichen und zugleich herausfordernden Blick nach dem
+Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem einen Blick auf der
+Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern. Plötzlich aber kam ihm
+ein Gedanke – wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der Schnur,
+die an den linken Arm des Kutschers gebunden war, ließ anhalten und
+befahl, nach der Liteinaja zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand
+nämlich das dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas sehr
+Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch mitzuteilen. Er war freilich
+erst seit kurzer Zeit mit ihm bekannt – er hatte ihn erst in der
+vergangenen Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit
+seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt soll doch, wie man sagt, so
+etwas wie ein Beichtiger des Menschen sein, dessen Pflicht es ist,
+seinen Patienten zu kennen.
+
+„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte sich unser Held, von
+gelinden Zweifeln erfaßt, indem er vor dem Portal eines fünf Stockwerke
+hohen Hauses an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg,
+„wird das nun auch das Richtige sein? – und gut und wohl? und zur
+rechten Zeit?“ fuhr er auf der Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er
+holte tief Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf fremden
+Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig ausruhen zu lassen.
+„Aber – was? – was ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen
+Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das zu tadeln wäre
+... Es würde dumm sein, sich zu verstecken. Gerade auf diese Weise tue
+ich, als hätte ich nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im
+Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen, daß es nun einmal
+so ist und daß etwas anderes überhaupt nicht möglich war.“
+
+Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin zum zweiten
+Stockwerk empor und blieb vor einer Tür stehen, an der ein kleines
+Messingschild befestigt war, das die Aufschrift trug:
+
+ Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
+ Doktor der Medizin und Chirurgie.
+
+Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er sich zunächst, seiner
+Physiognomie einen anständigen, harmlos freundlichen und in etwa sogar
+liebenswürdigen Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den
+Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff, dies zu tun, da fiel
+ihm plötzlich noch rechtzeitig ein, daß es vielleicht doch besser wäre,
+erst am nächsten Tage vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so
+notwendig sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er Schritte auf der
+Treppe, und das bewirkte wiederum, daß er sogleich seinen neuen
+Entschluß aufgab und so, wie es kam und kommen sollte, doch mit der
+entschlossensten Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die Klingel
+zog.
+
+
+ II.
+
+Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
+ein überaus gesunder, obschon bejahrter Mann mit dichten, bereits
+ergrauenden Augenbrauen und ebensolchem Backenbart, einem
+ausdrucksvollen, funkelnden Blick, mit dem allein er dem Anscheine nach
+schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, und, nicht zu vergessen, mit
+einem bedeutenden Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust
+trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem Kabinett, bequem im
+Stuhl zurückgelehnt, trank den Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu
+bringen pflegte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit
+Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein solches für einen
+leidenden alten Herrn aufgeschrieben und diesen zur Tür geleitet hatte,
+setzte sich Krestjan Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete
+den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein.
+
+Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen Herrn nicht im
+geringsten erwartet – und wie es schien, wünschte er auch gar nicht, ihn
+vor sich zu sehen, denn in seinem Gesicht machte sich im ersten
+Augenblick eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten
+Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, recht unzufriedenen
+Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin seinerseits fast immer den Mut und
+gewissermaßen auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in seinen
+eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, so geriet er auch diesmal
+beim ersten Satz, der bei ihm stets im wahren Sinn des Wortes der Stein
+des Anstoßes war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend etwas,
+das wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein sollte, und da er nun
+entschieden nicht mehr wußte, was weiter tun, nahm er einen Stuhl und –
+setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es ihm auch schon ein,
+daß er unaufgefordert Platz genommen hatte, errötete ob seiner
+Unhöflichkeit, und beeilte sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton
+möglichst ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. Leider kam
+er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und begriff trotz seiner etwas
+wirren Verfassung, daß er der ersten Dummheit nur eine zweite hatte
+folgen lassen, weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem er
+irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, dazu lächelte,
+verwirrt errötete, vielsagend verstummte und sich schließlich wieder
+hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, worauf er sich auf alle Fälle mit
+einem gewissen herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die
+ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn Goljädkins im Geiste
+niederzuschmettern und zu vernichten. Überdies drückte besagter Blick
+die vollkommene Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er gab
+deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden etwas anzugehen
+wünsche und daß er wie alle Menschen ein Mensch für sich sei.
+
+Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides offenbar zum
+Zeichen seines Einverständnisses und des Beifalls, den er dem gewählten
+Standpunkt zollte – und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf
+Herrn Goljädkin.
+
+„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ begann Herr Goljädkin
+mit einem Lächeln, „bin gekommen, um Sie nochmals mit meinem Besuch zu
+belästigen ... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht zu bitten ...“
+
+Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz und bündig
+auszudrücken.
+
+„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, indem er langsam
+den Rauch ausstieß und die Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen
+die Vorschriften befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen doch
+erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung der Lebensweise
+bestehen muß ... Also etwa Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei
+Freunden ... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht feind sein ...
+fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht meiden ...“
+
+Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, schnell die
+Bemerkung, daß er, wie er annehme, ganz ebenso lebe, wie alle, daß er
+seine eigene Wohnung habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen
+... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen könne, zumal er ja
+gleichfalls, ganz wie alle anderen, die Mittel dazu habe, daß er
+tagsüber im Amte sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete
+flüchtig an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter ginge als
+anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene Wohnung habe, und auch noch
+den Petruschka. Hier stockte Herr Goljädkin plötzlich.
+
+„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich wollte Sie etwas
+anderes fragen. Ich möchte ganz im allgemeinen nur wissen, ob Sie gern
+in munterer Gesellschaft sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ...
+Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein heiteres Leben
+führen?“
+
+„Ich ... Herr Doktor ...“
+
+„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der Doktor, „daß Sie ein von
+Grund aus verändertes Leben führen und in gewissem Sinne auch Ihren
+Charakter von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan Iwanowitsch
+betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, worauf er, um der größeren
+Wirkung willen, eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich
+fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem Wege gehen, Sie
+müssen das Theater und den Klub besuchen, und vor allem geistigen
+Getränken nicht abhold sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ...
+oder vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause sitzen.“
+
+„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die Stille,“ wandte Herr
+Goljädkin ein, indem er den Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach
+Worten suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken können,
+„in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka ... das heißt, mein
+Diener, Herr Doktor. Ich will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich
+meinen eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr Doktor. Wirklich:
+ich lebe ganz für mich, und wie mir scheint, bin ich von niemandem
+abhängig. Gewiß: ich gehe zuweilen spazieren ...“
+
+„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen einem gerade
+kein Vergnügen: das Wetter ist nicht danach.“
+
+„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen Sie, Krestjan
+Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, wie ich Ihnen bereits
+mitzuteilen, glaube ich, die Ehre hatte, und mein Weg führt mich nicht
+mit anderen zusammen. Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan
+Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen ... Entschuldigen
+Sie, ich bin kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“
+
+„Hm! ... Sie sagen ...“
+
+„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, Krestjan
+Iwanowitsch, da ich kein Meister in der Redekunst bin,“ versetzte Herr
+Goljädkin in halbwegs gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und
+unsicher. „In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, nicht so
+wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen Lächeln fort, „ich
+verstehe nicht logisch zu reden ... ebensowenig wie der Rede Schönheit
+zu verleihen ... das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan
+Iwanowitsch, handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan Iwanowitsch.“
+
+„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ forschte Krestjan
+Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges Schweigen. Der Arzt blickte
+etwas seltsam und mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits
+heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf.
+
+„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr Herr Goljädkin
+schließlich im selben Tone fort, ein wenig gereizt und zugleich
+verwundert über das Verhalten Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie
+gesagt, die Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den Lärm und
+alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der großen Gesellschaft, dort
+muß man verstehen, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren ...“ –
+hierbei scharrte auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem Fußboden
+–, „dort wird das verlangt, und auch Geist und Witz wird dort verlangt
+... duftige Komplimente muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie,
+so etwas wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht gelernt,
+sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich habe keine Zeit gehabt,
+so etwas zu lernen. Ich bin ein einfacher Mensch, bin nicht
+erfinderisch, es ist auch nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit
+strecke ich die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach,
+das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem Sinne rede.“
+
+Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, die deutlich zu
+erkennen gab, daß er es nicht im geringsten bedauere, daß er „in diesem
+Sinne“ die Waffen strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, –
+vielmehr ganz im Gegenteil!
+
+Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit einem sehr
+unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden und schien schon einiges
+vorauszusehen oder vielleicht auch nur zu ahnen.
+
+Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein ziemlich langes und
+bedeutsames Schweigen.
+
+„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ sagte
+schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, „ich habe Sie, offen gesagt,
+nicht ganz verstanden.“
+
+„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, Krestjan
+Iwanowitsch ... ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich
+im Schönreden kein Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in
+scharfem und energischem Tone.
+
+„Hm! ...“
+
+„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held etwas stiller fort, doch
+mit einer vielsagenden Klangfarbe in seiner Stimme, die etwas feierlich
+anmutete, welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er nach jedem
+Satz eine kleine Kunstpause machte. „Krestjan Iwanowitsch! als ich hier
+eintrat, begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es und
+bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze Zeit. Ich habe vor Ihnen,
+Krestjan Iwanowitsch, nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch,
+wie Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht leid, daß ich ein
+kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch: ich bin
+sogar stolz darauf, daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch
+bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf bin ich stolz. Ich tue
+nichts heimlich und hinterrücks, sondern offen und ohne alle Berechnung,
+und obschon auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das sogar
+sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, das heißt, wem ich
+schaden könnte und wie das anzustellen wäre, so will ich mich mit
+solchen Sachen doch nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung
+meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung wasche ich sie,
+Krestjan Iwanowitsch – in diesem Sinne!“
+
+Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick sehr ausdrucksvoll. Er
+hatte mit bescheidenem Stolz gesprochen.
+
+„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, bereits sagte,“ fuhr
+er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife und Umwege vorzugehen: ich
+verachte Umwege und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, jene
+zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir beide ... das heißt,
+ich wollte sagen, als unsereiner, Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner,
+und nicht, als wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei
+und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und Klatsch verachte ich. Eine
+Maske trage ich nur, wenn ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich
+mit einer solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, Krestjan
+Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde rächen würden, an Ihrem
+ärgsten Feinde – an dem, den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr
+Goljädkin plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf Krestjan
+Iwanowitsch.
+
+Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich ausgesprochen, wie man
+es deutlicher nicht hätte aussprechen können: ruhig, klar, verständlich
+und mit Überzeugung, indem er von vornherein des größten Eindrucks gewiß
+war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger mit Unruhe, mit großer
+Unruhe, sogar mit äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der
+ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast schüchtern in
+peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan Iwanowitschs. Doch wer
+beschreibt die Verwunderung und Überraschung Herrn Goljädkins, als er
+sehen mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur etwas in den Bart
+murmelte, dann seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und endlich
+ziemlich trocken, doch noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr
+knapp bemessen sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei er ja
+gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, doch alles übrige,
+was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn nichts an. Damit griff er zur
+Feder, nahm ein Blatt Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept
+zurecht und sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue.
+
+„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! Nein, wirklich, glauben
+Sie mir, es tut hier gar nichts not!“ versicherte Herr Goljädkin, der
+plötzlich vom Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte Hand
+ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut gar nichts not ...“
+
+Doch während er das noch sprach, ging bereits eine seltsame Veränderung
+in ihm vor. Seine grauen Augen blitzten eigentümlich, seine Lippen
+bebten und alle Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu
+bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem er im ersten Augenblick
+Krestjan Iwanowitschs Hand erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt
+unbeweglich, als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung,
+die ihm sagte, was er nun weiter tun solle.
+
+Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes.
+
+Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt auf seinem Platz und
+sah Herrn Goljädkin sprachlos mit großen Augen an, ganz wie jener auch
+ihn ansah. Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin am
+Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile regungslos, ohne einen
+Blick voneinander abzuwenden. Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu
+zittern, und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend,
+schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit der Hand vor die
+Brust und erfaßte mit der linken Hand gleichfalls den Rockaufschlag
+Krestjan Iwanowitschs: er wollte irgend etwas sprechen, erklären,
+vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich Krestjan
+Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung ab und nahm sich zusammen.
+
+„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich!“ sagte
+er, und versuchte, ihn auf den Stuhl zu drücken.
+
+„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde ... ich habe
+gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten
+...“ beteuerte Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd.
+
+„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren Feinden! Denken Sie nicht
+an so etwas! Das ist ganz überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich
+nur ruhig hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang ihm auch,
+Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er setzte sich endlich, verwandte
+aber keinen Blick von Krestjan Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch
+nicht zu behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, in seinem
+Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen beide eine lange Zeit.
+
+„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach endlich Herr Goljädkin
+das Schweigen, indem er sich mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich
+bin Ihnen sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan
+haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis zum Tode nicht vergessen.“
+
+„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete Krestjan Iwanowitsch in
+ziemlich strengem Tone auf den Ausfall Herrn Goljädkins, den er
+hierdurch zum zweitenmal zum Sitzen brachte.
+
+„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir doch, was Sie dort
+Unangenehmes vorhaben,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind
+denn das für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt es sich
+denn, erzählen Sie mir doch!“
+
+„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir jetzt lieber nicht reden,“
+lenkte Herr Goljädkin gesenkten Blickes ab, „das wollen wir vorläufig
+bleiben lassen ... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu einer
+besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer bequemeren Zeit, wenn
+alles bereits zutage getreten, die Maske von gewissen Gesichtern
+abgerissen und dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. Jetzt
+aber – das heißt vorläufig ... und nach dem, was hier vorgefallen ist
+... werden Sie doch selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten
+Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – Und damit griff Herr
+Goljädkin plötzlich entschlossen nach seinem Hut.
+
+„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“
+
+Es folgte ein kurzes Schweigen.
+
+„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern tun, was in meinen
+Kräften steht ... und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute ...“
+
+„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie: ich verstehe
+Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls bitte ich um Entschuldigung, daß ich
+Sie belästigt habe.“
+
+„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. Übrigens – wie Sie
+wollen. Was die Medikamente betrifft, so können Sie fortfahren,
+dieselben zu nehmen ...“
+
+„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, das werde ich, –
+dieselben Medikamente und aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist
+Apotheker sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch ...“
+
+„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt haben?“
+
+„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will nur
+sagen, daß die Welt heutzutage so ist ...“
+
+„Hm ...“
+
+„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, vor
+einem anständigen Menschen die Nase hoch trägt.“
+
+„Hm! Wie meinen Sie denn das?“
+
+„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von
+unserem gemeinsamen Bekannten ... sagen wir zum Beispiel – nun,
+meinetwegen von Wladimir Ssemjonowitsch ...“
+
+„Ah! ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige Menschen, denen an der
+öffentlichen Meinung nicht gar so viel gelegen ist, um nicht mitunter
+die Wahrheit zu sagen.“
+
+„Ah! ... Und wie denn das?“
+
+„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine nur: sie verstehen
+zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung zu verabreichen.“
+
+„Was? ... Was zu verabreichen?“
+
+„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: das ist so eine russische
+Redensart. Sie verstehen zum Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu
+gratulieren, – es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“
+
+„Zu gratulieren, sagen Sie?“
+
+„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor einigen Tagen einer
+meiner näheren Bekannten tat! ...“
+
+„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber wie denn das?“ forschte
+Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete.
+
+„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte einem anderen
+gleichfalls sehr nahen Bekannten und sogar Freunde zum Assessor, zu dem
+er neuerdings ernannt worden war. Und da sagte er denn wörtlich: ‚Freue
+mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen zum Assessor gratulieren
+zu können, empfangen Sie meinen _aufrichtigen_ Glückwunsch. Ich freue
+mich um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich keine
+Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr Goljädkin nickte listig mit dem
+Kopf und blickte blinzelnd zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ...
+
+„Hm. Gesagt hat das also ...“
+
+„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und indem er es sagte,
+blickte er noch zu Andrej Philippowitsch hinüber, der nämlich der Onkel
+unseres Nesthäkchens Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht das mich
+an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert das mich? Nur – sehen Sie,
+er will doch heiraten, er, dem die Lippen noch nicht trocken von der
+Kindermilch geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. Ganz einfach
+sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich Ihnen wirklich alles erzählt.
+Gestatten Sie daher, daß ich aufbreche und mich entferne.“
+
+„Hm ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, wiederhole ich, mich
+zu entfernen. Doch hier – um gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu
+treffen – nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs Trockene
+gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara Olssuphjewna – die ganze Sache
+spielte sich vorgestern bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte
+gerade eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr ungefähr:
+‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, nur hört man Ihnen
+nicht reinen Herzens zu.‘ Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte
+ich deutlich darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge hat,
+sondern weiter blickt ...“
+
+„Ah! Nun und was tat er?“
+
+„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen pflegt,
+sogar ohne die Miene zu verziehen.“
+
+„Hm ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte ich ungefähr: ‚Olssuph
+Iwanowitsch, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß
+die Wohltaten, die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, zu
+schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph Iwanowitsch,‘ sagte
+ich. ‚Schauen Sie mit offenen Augen um sich. Ich selbst gehe offen und
+ehrlich vor, Olssuph Iwanowitsch.‘“
+
+„Ah, also so!“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“
+
+„Nun, und er?“
+
+„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? Brummte da etwas: dies und
+jenes, ich kenne dich, Se. Exzellenz sei ein guter Mensch – und so
+weiter, und so weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber
+was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas altersschwach
+geworden.“
+
+„Hm! Also so steht es jetzt!“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch so – was rede ich vom
+Alten! – Der ist wohl schon mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen
+pflegt. Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in Umlauf
+gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit beiden Ohren dabei. Anders
+geht es nicht ...“
+
+„Klatschgeschichten, sagen Sie?“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte in Umlauf
+gebracht. Beteiligt haben sich daran außer anderen unser Bär und dessen
+Neffe, unser Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern
+zusammengetan und dann die Sache ausgeheckt. Was glauben Sie wohl, was
+sie ersonnen haben – um einen Menschen zu töten?“
+
+„Zu töten?“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu töten, um ihn moralisch
+zu töten. Sie haben das Gerücht verbreitet ... ich rede immer von einem
+nahen Bekannten ...“
+
+Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf.
+
+„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... Offen gestanden, Krestjan
+Iwanowitsch, ich schäme mich fast, so etwas nur auszusprechen!“
+
+„Hm ...“
+
+„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits schriftlich
+verpflichtet habe, zu heiraten: daß er bereits der Bräutigam einer
+anderen sei ... Und was glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der
+Bräutigam wessen?“
+
+„Nun?“
+
+„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, die ihn beköstigt: und
+anstatt seine Schuld für das Essen zu bezahlen, habe er um ihre Hand
+angehalten!“
+
+„Das haben sie also verbreitet?“
+
+„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine
+gemeine, schamlose, unverschämte Person, die Karolina Iwanowna heißt,
+wenn Sie es wissen wollen ...“
+
+„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“
+
+„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, und fühle auch
+meinerseits ...“
+
+„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“
+
+„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“
+
+„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube ich ...“
+
+„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, gewiß lebte ich auch
+früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach ihn schnell Herr Goljädkin mit
+einem leisen Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch
+ein wenig stutzig gemacht hatte.
+
+„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte meinerseits ...“
+
+„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte gleichfalls
+meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin lachend fort. „Aber ich, verzeihen
+Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange
+auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen einen Guten
+Morgen zu wünschen ...“
+
+„Hm ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt
+vollkommen,“ versetzte unser Held ein wenig geziert. „Also, wie gesagt,
+gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“
+
+Damit verbeugte sich unser Held und verließ das Zimmer, begleitet von
+den Blicken Krestjan Iwanowitschs, der ihm in höchster Verwunderung
+nachsah.
+
+Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, schmunzelte er und rieb
+sich froh die Hände. Draußen angelangt, atmete er tief die frische Luft
+ein, und da er sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich
+für den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen er
+schon den Weg zu seinem Departement einschlagen wollte, – als plötzlich
+eine Equipage ratternd vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie
+zunächst unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles wieder ein.
+Petruschka riß bereits den Wagenschlag auf.
+
+Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte den ganzen Herrn
+Goljädkin. Für einen Augenblick schien er wieder zu erröten. Wie ein
+Stich traf es ihn.
+
+Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, wandte er sich
+plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern Krestjan Iwanowitschs.
+Richtig! Dort stand Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der
+Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und aufmerksam unserem
+Helden nach.
+
+„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, indem er einstieg,
+„äußerst dumm. Es ist ja möglich, daß er seine Kranken ganz gut kuriert,
+aber immerhin ... er selbst ist unglaublich dumm.“
+
+Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr zu!“ und die Equipage
+rollte davon, wieder geradeaus zum Newskij Prospekt.
+
+
+ III.
+
+Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt waren, ließ Herr
+Goljädkin vor dem Gostinnyj Dworr[10] halten, stieg aus, trat in
+Begleitung Petruschkas schnell unter die Arkaden und begab sich
+unverzüglich zum Juwelierladen. Schon an der Miene Herrn Goljädkins
+konnte man erkennen, daß er an diesem Morgen unendlich viele Gänge
+vorhatte. Nachdem er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise
+von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von sehr origineller
+Form und ein vollständiges Rasierzeug in Silber, ferner noch dies und
+jenes, kleine, nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von
+allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt hatte,
+schloß er seinen Kauf damit, daß er sich an den Juwelier wandte und
+versprach, am nächsten Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an
+diesem selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte sich die
+Nummer des Juwelierladens, hörte höflich den Juwelier an, dem es sehr um
+eine „kleine Anzahlung“ zu tun war, versprach auch eine solche,
+verabschiedete sich von dem etwas betreten dreinschauenden Manne, als
+wäre nichts geschehen, worauf er unter den Arkaden weiterging, begleitet
+von einem ganzen Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten,
+und begab sich, immer gefolgt von Petruschka, nach dem er sich übrigens
+fortwährend umsah, in einen anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch
+in eine Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren Geldscheine
+gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor – doch wurde seine
+Brieftasche dadurch bedeutend dicker, was Herrn Goljädkin
+augenscheinlich sehr angenehm war. Dann suchte er einen anderen Laden
+auf, in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe
+auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann, am nächsten Tage
+wiederzukommen, notierte sich die Nummer des Geschäfts, und auf die
+Frage nach der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten.
+Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden ein, wählte aus,
+handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern, ging sogar zwei- bis
+dreimal fort, um dann doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine
+ungeheure Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser Held nach
+einem bekannten Möbelmagazin, wo er Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er
+begutachtete auch noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem
+betreffenden Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem Tage nach den
+Sachen schicken werde, und verließ das Geschäft wieder mit dem
+Versprechen, einen Teil anzuzahlen. Und so besuchte er noch ein paar
+andere Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit einem Wort,
+das Ende seiner Besorgungen war gar nicht abzusehen. Endlich aber schien
+diese Art von Beschäftigung Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden.
+Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb, Gewissensbisse
+ein. Um keinen Preis würde er eingewilligt haben, wenn ihm jemand den
+Vorschlag gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in den
+Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch. Endlich schlug die
+Uhr vom Rathausturm drei und nun setzte sich Herr Goljädkin endgültig in
+seine Equipage, d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen, die
+er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem Besitz nur ein Paar
+Handschuhe und ein Fläschchen Parfüm, das er für einen Rubel
+fünfundfünfzig Kopeken erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin
+noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich zu einem bekannten
+Restaurant am Newskij fahren, das er selbst freilich nur vom Hörensagen
+kannte, stieg aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen, sich
+etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten Stunde zu
+verbringen.
+
+Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer, dem ein reiches Diner
+bevorsteht, d. h. er aß nur, um sich, wie man zu sagen pflegt, gegen
+Magenknurren zu sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu,
+setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm nach einem etwas
+unsicheren Blick auf seine Umgebung ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las
+zwei Zeilen, stand dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an
+seinen Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf zum Fenster und
+sah, daß seine Equipage noch dort stand ... kehrte dann wieder zu seinem
+Sessel zurück, griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es ihm
+an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war. Er sah nach der Uhr,
+sah, daß es erst ein Viertel nach drei war und daß er folglich noch
+ziemlich lange zu warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht
+angehe, so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen, und bestellte
+eine Tasse Schokolade, nach der er im Augenblick gar kein Verlangen
+verspürte. Als er dann die Schokolade ausgetrunken und zugleich
+festgestellt hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er auf,
+ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich schlug ihn jemand auf die
+Schulter.
+
+Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen – dieselben, denen er
+am Morgen an der Straßenecke begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm
+sowohl an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und mit denen unser
+Held weder besonders befreundet, noch offen verfeindet war.
+Selbstverständlich wurde von beiden Seiten eine gewisse Stellung und
+Haltung gewahrt, doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals jemand
+von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende Begegnung hier im
+Restaurant Herrn Goljädkin äußerst unangenehm.
+
+„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen beide wie aus einem
+Munde, „Sie hier? – aber was in aller Welt ...“
+
+„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie Herr Goljädkin etwas
+verwirrt und verletzt durch die Verwunderung der jungen, dem Range nach
+unter ihm stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über ihren
+ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens notgedrungen – den
+Harmlosen und bemühte sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also
+desertiert, meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit dieser
+Kanzleijugend gegenüber zu bewahren, mit der er sich sonst nie
+eingelassen hatte, wollte er einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter
+klopfen; zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich und aus
+der jovial herablassend gedachten Geste wurde etwas ganz anderes.
+
+„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt wohl noch? ...“
+
+„Wer das? Wen meinen Sie?“
+
+„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen wir den Bären nennen? ...“
+Herr Goljädkin wandte sich lachend wieder zur Kasse, um das
+zurückgegebene Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej
+Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder ihnen
+zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht. Die beiden jungen
+Beamten tauschten untereinander einen Blick aus.
+
+„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen erkundigt, Jakoff
+Petrowitsch,“ antwortete einer von ihnen.
+
+„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir ihn sitzen, meine
+Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt, sagen Sie?“
+
+„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist denn heute mit Ihnen
+los?! Parfümiert, geschniegelt und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer
+Stutzer geworden?! ...“
+
+„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin blickte zur Seite
+und lächelte gezwungen. Als die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen
+sie in lautes Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt und setzte
+eine hochmütige Miene auf.
+
+„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann unser Held nach
+kurzem Schweigen, als habe er sich entschlossen – „mochte es denn so
+sein!“ – sie über etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren,
+kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von der einen Seite
+gekannt. Einen Vorwurf kann man deshalb niemandem machen, zum Teil, das
+gebe ich selbst zu, war es meine eigene Schuld.“
+
+Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und sah die beiden bedeutsam
+an. Jene tauschten wieder einen Blick aus.
+
+„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt. Es ist hier weder
+der richtige Ort noch die richtige Zeit zu ausführlichen Erklärungen.
+Deshalb will ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt Menschen,
+meine Herren, die Umwege und Schliche nicht lieben, und die sich
+wirklich nur zum Maskenball maskieren. Es gibt Menschen, die in der
+Geschicklichkeit, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den
+einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit sehen. Es gibt
+auch solche Menschen, meine Herren, die sich nicht für restlos glücklich
+und ihr Leben schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das
+Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch Menschen, die
+sich nicht gern ohne jeden Grund ducken und müßigerweise scharwenzeln,
+sich einschmeicheln und den Leuten um den Mund reden, und die, was die
+Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin stecken, wohin man
+Sie die Nase zu stecken nicht gebeten hat ... So, meine Herren, jetzt
+habe ich alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen zu empfehlen
+...“
+
+Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten in ihrer Wißbegier
+jetzt vollkommen befriedigt waren, brachen sie höchst unhöflich in
+schallendes Gelächter aus.
+
+Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung.
+
+„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur – vorläufig! Leben Sie
+erst etwas länger in der Welt, dann werden Sie schon sehen!“ sagte er
+mit gekränkter Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur Tür.
+
+„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“ fuhr er fort, sich
+zum letztenmal zu den beiden Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier
+gewissermaßen unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine Grundsätze,
+meine Herren: mißlingt es, so werde ich mich trotzdem zusammennehmen –
+gelingt es aber, so habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die
+Stellung eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied, und bin
+stolz darauf, daß ich es nicht bin. Zum Diplomaten würde ich nicht
+taugen. Man sagt, meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger
+fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist hier der Jäger, und
+wer der Vogel? Das ist die Frage, meine Herren!“
+
+Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem vielsagendsten
+Gesichtsausdruck, d. h. indem er die Brauen hochzog und die Lippen
+zusammenpreßte, beides bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich
+und trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung zurücklassend.
+
+„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch, da es ihn offenbar
+schon langweilte, in der Kälte zu warten und sich von Ort zu Ort
+schleppen zu lassen. „Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den
+fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit dem unser Held
+sich an diesem Morgen schon zweimal versehen hatte und mit dem er sich
+jetzt beim Verlassen des Restaurants zum drittenmal waffnete.
+
+„Zur Ismailoffbrücke.“
+
+„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher zu.
+
+„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt, oder sogar erst um
+fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird es jetzt nicht noch zu früh sein?
+Übrigens kann ich ja ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist
+es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz _sans façon_ ... wie
+feine Leute zu sagen pflegen. – Weshalb sollte ich denn nicht _sans
+façon_ erscheinen können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz _sans
+façon_ sein werde, da kann doch auch ich ...“
+
+So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet wuchs seine Aufregung
+und wurde mit jedem Augenblick größer. Man merkte es ihm an, daß er sich
+zu etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen – vorbereitete: er
+flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte mit der rechten Hand,
+blickte in einem fort zu den Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich
+alles eher vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit
+begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen werden sollte, ganz
+_sans façon_, wie feine Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der
+Ismailoffbrücke wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus, zu dem er ihn
+fahren sollte. Die Equipage rollte wieder mit ohrenbetäubendem Getöse
+unter den Torbogen und weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des
+rechten Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr Goljädkin an
+einem Fenster des zweiten Stockwerkes eine junge Dame, der er, kaum daß
+er sie erblickt, eine Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht,
+was er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot als lebendig
+war. Beim Aussteigen war er bleich und unsicher. Er trat ein, nahm den
+Hut ab, rückte mechanisch an seinen Kleidern und begann – mit einem
+sonderbaren Schwächegefühl in den Knien: es war, als zitterten sie – die
+Treppe hinaufzusteigen.
+
+„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten, der ihm die Tür öffnete.
+
+„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht zu Haus.“
+
+„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich bin eingeladen, mein Bester.
+Du kennst mich doch?“
+
+„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn nicht zu empfangen.“
+
+„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich bin es. Und ich bin
+doch eingeladen, ich ... ich komme zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr
+Goljädkin und warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht,
+sogleich die Zimmer zu betreten.
+
+„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl, den Herrn nicht
+eintreten zu lassen, man will den Herrn nicht empfangen. Ich habe
+Befehl!“
+
+Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf und Gerassimowitsch, der
+alte Diener Olssuph Iwanowitschs, erschien.
+
+„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der Herr will eintreten, ich
+aber ...“
+
+„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen Sie und schicken Sie
+den Schuft Ssemjonytsch her. – Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf
+höflich, doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es geht
+nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen, man kann
+nicht empfangen.“
+
+„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen kann?“ fragte Herr
+Goljädkin unentschlossen. „Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb
+kann man denn nicht?“
+
+„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde mir gesagt: bitte, zu
+entschuldigen. Es ist unmöglich.“
+
+„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“
+
+„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“
+
+„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch nicht so! Melden Sie ...
+Was soll denn das heißen! Ich bin zum Diner ...“
+
+„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“
+
+„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache – wenn man zu entschuldigen
+bittet. Aber wie ist denn das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie
+mir doch! ...“
+
+„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn wieder Gerassimowitsch,
+indem er ihn recht nachdrücklich mit dem Arm zur Seite schob, um zwei
+Herren eintreten zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej
+Philippowitsch und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch. Beide blickten
+sehr verwundert Herrn Goljädkin an.
+
+Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn anzureden, doch Herr
+Goljädkin hatte seinen Entschluß schon gefaßt: er trat schnell aus dem
+Vorzimmer und sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in dem
+verwirrten Gesicht:
+
+„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ... ich hoffe, daß alles
+sich bald aufklären wird,“ sagte er vom Treppenflur aus ...
+
+„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte die Stimme Andrej
+Philippowitschs.
+
+Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz erreicht. Er wandte
+sich schnell zurück und sah hinauf zu Andrej Philippowitsch.
+
+„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“ fragte er ziemlich scharf.
+
+„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was ist hier ...“
+
+„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier niemanden etwas an. Das
+ist meine Privatangelegenheit, Andrej Philippowitsch.“
+
+„Wa–as?“
+
+„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das mein Privatleben ist,
+und daß man, wie mir scheint, hinsichtlich meiner offiziellen
+Beziehungen hier, nichts Tadelnswertes finden kann.“
+
+„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer offiziellen ... Was ist
+mit Ihnen geschehen, mein Herr?“
+
+„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar nichts ... ein verzogenes
+Mädchen, nichts weiter ...“
+
+„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte nicht, was er vor lauter
+Verwunderung denken sollte.
+
+Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch sprach, auf
+dem Treppenabsatz von unten nach oben blickte und so aussah, als wolle
+er seinem Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen, trat,
+als er dessen Verwirrung gewahrte, eine Stufe höher. Andrej
+Philippowitsch wich etwas zurück. Herr Goljädkin stieg wieder eine und
+dann noch eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich unruhig
+um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich schnell noch über die anderen
+Stufen hinauf – doch noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück
+ins Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr Goljädkin sah sich
+allein im Treppenhaus. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen
+Gedanken im Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken,
+regungslos auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch an eine
+ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer Zeit befunden hatte?
+
+Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs wie ein Seufzer
+klang, und zwang sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er
+plötzlich Stimmen und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die
+Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin kam wieder zu sich,
+klappte schnell den Waschbärkragen an seinem Herbstpaletot auf, um nicht
+erkannt zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd und bebend
+die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte eine große Schwäche in sich, eine
+gewisse Abgetaubtheit in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen,
+ein lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er noch so verwirrt,
+daß er nicht wartete, bis seine Equipage vorfuhr, sondern selbst über
+den schmutzigen Hof zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand
+Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die Erde zu versinken
+oder mitsamt der Equipage in ein Mauseloch zu verschwinden, denn es
+schien ihm, oder richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher
+Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der Wohnung Olssuph
+Iwanowitschs gab, an den Fenstern stand und ihn mit den Blicken
+verfolgte. Und er wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde,
+wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde.
+
+„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an, der ihm beim Einsteigen
+helfen wollte.
+
+„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“
+
+„Nach Hause, sofort ...“
+
+„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher zu und kletterte auf
+seinen Dienersitz.
+
+„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin wütend.
+
+Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke erreicht.
+Plötzlich griff unser Held nach der Schnur, riß an ihr wie ein
+Verzweifelter und schrie seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren
+solle. Der Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten fuhr
+die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph Iwanowitsch.
+
+„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich Herr Goljädkin,
+der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl schon vorausgesehen zu
+haben: denn ohne ein Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal
+anzuhalten, fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus auf die Straße.
+
+Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern befahl, nicht weit
+von der Ssemjonoffbrücke, in eine kleine Querstraße einzubiegen und vor
+einem Restaurant von recht unansehnlichem Aussehen zu halten. Dort stieg
+er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf diese Weise seine Equipage
+los. Petruschka schickte er nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann
+trat er ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte ein
+Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In seinem Kopf war ein
+einziges Chaos. Lange ging er im Zimmer erregt auf und ab: endlich
+setzte er sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm
+sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige Situation
+nachzudenken und irgendeinen Entschluß zu fassen.
+
+
+ IV.
+
+Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages Klara
+Olssuphjewnas, der einzigen Tochter des Staatsrats Berendejeff, der
+seinerzeit Herrn Goljädkins Gönner gewesen war, stattfand und durch ein
+glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie es die Wände der
+Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke und im näheren Umkreise daselbst
+noch nicht gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars als an
+ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes erinnerte – zumal
+ihm hinsichtlich des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter
+denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff und
+Miljutin[11] befanden, entschieden etwas Babylonisches anhaftete, –
+dieses feierliche Fest, das durch ein so feierliches Diner eröffnet
+wurde, sollte seinen Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der nach
+Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner Familienball war, zu
+dem man noch die nächsten Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach
+dem Geschmack, der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als glänzend
+bezeichnet werden mußte.
+
+Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche Bälle auch anderweitig
+gegeben werden, jedoch – selten. Solche Bälle, die eher einem
+Familienfreudenfeste gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können
+nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es das Haus des Staatsrats
+Berendejeff ist. Ja, ich bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich
+solche Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter! – doch,
+versteht sich, mindestens einer wie Homer oder Puschkin, denn mit einer
+geringeren Begabung dürfte man sich an diese Aufgabe gar nicht
+heranwagen – also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser!
+dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben mit kühnem Pinsel diesen
+ganzen hochfeierlichen Tag zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde
+meine Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade mit jenem
+weihevollen Augenblick, in dem das erste Glas auf das Wohl der Königin
+des Festes geleert wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in
+andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in einem Schweigen, das
+mehr der Beredsamkeit eines Demosthenes glich, als – nun, als einem
+Schweigen. Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern, der
+als ältester unter den Gästen ein gewisses Recht auf den Vorrang hatte,
+wie er sich im Schmuck seines Silberhaares und der entsprechenden Orden
+auf der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit dem funkelnden
+Weine griff – mit dem Weine, der aus einem fernen Königreich
+herbeigeschafft war, um so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe
+zu verleihen, – mit dem Weine, der eher dem Nektar der Götter gleicht,
+als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen die glücklichen Eltern der
+Königin des Festes und die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem
+Beispiel Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren Gläsern
+griffen und die erwartungsvollen Blicke auf den Redner hefteten. Ich
+würde Ihnen schildern, wie dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit
+geradezu tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des
+Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der größte Dichter, nie
+würde meine Kunst ausreichen, um die ganze Weihe dieses Augenblicks zu
+geben, als die Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit dem
+Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit auf dem
+lieblichen Antlitz, der Mutter im Überschwang der Gefühle in die Arme
+sank, wie die zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann und
+wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des Hauses, dem ehrwürdigen
+Greise und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst der
+Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal mit einem Vermögen,
+einem großen Hause, mehreren Gütern und einer so schönen Tochter belohnt
+hatte – wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter
+Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten, und wie er mit
+zitternder Stimme stammelte, Seine Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich
+brächte es nicht fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende
+allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern, – diese
+eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem Benehmen eines jungen
+Registrators äußerte, der – obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein
+Staatsrat als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine Rührung
+nicht zu unterdrücken vermochte und seine Augen feucht werden fühlte.
+Andrej Philippowitsch dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs
+nach einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach ganz etwas
+anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen, wonach eigentlich – aber
+jedenfalls nicht nach einem Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann
+... O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren man in erster
+Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden Augenblicke wiederzugeben,
+die gleichsam zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter
+die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit, Freidenkerei, Laster und
+Neid den Sieg davonträgt! Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur
+schweigend – das sagt mehr, als es Worte vermöchten – auf jenen
+glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig Lenze zählt, auf
+jenen Neffen Andrej Philippowitschs, den jungen Wladimir Ssemjonowitsch,
+der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete, während auf ihm
+die tränenfeuchten Blicke der Eltern des Geburtstagskindes ruhten, die
+stolzen Blicke Andrej Philippowitschs, die verschämten der Königin des
+Festes, die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen Grenzen
+zurückgehalten neidischen Blicke einiger jungen Kollegen dieses
+ausgezeichneten Jünglings. Ich will nichts weiter sagen, obwohl ich
+nicht umhin kann, zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens
+eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling, wenn auch in einem
+für ihn vorteilhaften Sinne des Wortes – in dieser feierlichen Minute
+alles, von seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen
+Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht, bis zu welch einer Höhe
+Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, Sittsamkeit einen Menschen emporheben
+können! Ich will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs und einst
+auch Olssuph Iwanowitschs, der außerdem ein alter Hausfreund und
+Taufvater Klara Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar –
+nun auch seinerseits eine Rede halten wollte und mit einer Stimme wie
+ein krähender Hahn fröhliche Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch,
+daß er, wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise jeden
+Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen erheiterte, und wie
+Klara Olssuphjewna ihn zum Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf
+Wunsch der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur anzudeuten,
+daß die Gäste, die sich nach einem solchen Mahle naturgemäß einander
+nahestehend und verbrüdert fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch
+aufstanden, daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach
+kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein anderes Zimmer
+zurückzogen, wo sie, um die kostbare Zeit nicht zu verlieren, sogleich
+an den Spieltischen Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen
+begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt hatten, alle
+ungeheuer liebenswürdig waren und sich alsbald lebhaft über die
+verschiedensten Dinge unterhielten; daß endlich der hochverehrte
+Gastgeber unter Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch
+und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter den Damen erschien, und,
+da Liebenswürdigkeit ansteckend ist, gleichfalls sehr liebenswürdig
+wurde und sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu
+improvisieren, trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht; daß zu
+diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich derselbe Wladimir
+Ssemjonowitsch, persönlich nach Musikanten geschickt wurde, und wie
+dann, als diese – ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb neun
+Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in den lockenden Tönen einer
+französischen Quadrille erklang, der die weiteren Tänze folgten ... Es
+versteht sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und zu stumpf
+ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die Liebenswürdigkeit des
+greisen Gastgebers veranstalteten Ball zu schildern. Ja, und wie könnte
+ich, frage ich, wie könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer
+Art gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins, – wie könnte
+ich diese außergewöhnliche Mischung von Schönheit, Vornehmheit und
+Heiterkeit, von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit,
+von Schelmerei und Freude, alle die Reize dieser Beamtendamen, die eher
+Feen als Damen glichen – mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern und
+Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und reizend hervorlugenden
+Füßchen –: ja, wie könnte ich alles das schildern? Wie könnte ich diese
+glänzenden Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen, gesetzt,
+gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig benebelt dastanden, in
+den Tanzpausen rauchten, oder auch nicht rauchten, und sich in ein
+fernes grünes Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten, die
+alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch eine Familie besaßen, –
+wie diese jungen Offiziere, die von den Begriffen der Eleganz und den
+Gefühlen des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die mit ihren
+Damen größtenteils nur Französisch sprachen, oder, falls es Russisch
+war, dann doch nur in den höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei
+Komplimenten und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst
+versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer einige
+liebenswürdige Abweichungen von besagtem hohen Tone erlaubten und sich
+in freundschaftlicher Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z. B.:
+„Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert getanzt!“ oder: „Na,
+du, Wassjä, scheinst ja bei deiner Dame großartig abgeschnitten zu
+haben!“ Alles das zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie
+gesagt, meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige ich lieber.
+Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin zu, dem wirklichen und
+einzigen Helden unserer durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung.
+
+Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer, sagen wir kurz, sehr
+seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich gleichfalls dort auf, d. h. er war
+nicht gerade auf dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf dem
+Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein Mensch für sich, und ging
+niemanden etwas an. Nur stand er, während man dort oben tanzte, nicht –
+wie soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich – es ist etwas
+peinlich, das zu sagen – er stand nämlich währenddessen im Flur der
+Küchentreppe des Hauses. Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er
+dort stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch für sich, wie
+immer. Er stand, meine verehrten Leser, er stand in einem Winkel, in dem
+es zwar nicht gerade wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand
+halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und einem alten
+Wandschirm, stand zwischen verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderem
+Kram, und wartete vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein
+müßiger Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar ist. Er
+wartete und beobachtete – ja, meine verehrten Leser – er wartete und
+beobachtete vorläufig nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick
+gleichfalls eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus seinem
+Versteck hervorzukommen und weiterzugehen: und er kam wie jeder andere
+in den Saal, mit der größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er
+dort schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt zwischen der
+Wand, dem Schrank und dem Schirm und neben verschiedenem Gerümpel,
+Hausgerät und anderen Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß
+in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner
+Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen Ministers Villèle
+seligen Angedenkens, daß nämlich „alles zu seiner Zeit an die Reihe
+komme, wenn man nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch
+hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens ganz belanglosen Buch
+gelesen und sich gemerkt, weshalb er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr
+zur rechten Zeit, wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte
+dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen Lage, und
+zweitens, was kommt einem Menschen schließlich nicht in den Sinn, wenn
+er in einem Treppenflur, in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang auf
+den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet?
+
+Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur rechten Zeit den passenden
+Ausspruch zitierte, fiel ihm gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde
+die Lebensgeschichte des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris ein, und
+gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin Louise, deren Biographie
+er gleichfalls einmal gelesen hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß
+die Jesuiten nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes Mittel
+durch den Zweck geheiligt werde, daß man also jedes Mittel anwenden
+könne, wenn man damit nur das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache
+flößte Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon im nächsten
+Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“ – die Jesuiten, die könne er
+allesamt ins Bockshorn jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich nur
+das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren wollte (das Zimmer, von dem
+aus eine kleine Tür unmittelbar nach dem Flur führte, in dem Herr
+Goljädkin sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten, nämlich
+ohne weiteres – dort eintreten und schnurstracks durch das Büfettzimmer
+ins Teezimmer gehen und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten
+spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem getanzt wurde. Und er
+würde hindurch gehen, würde tatsächlich und ohne jede Rücksicht oder
+irgendwelche Bedenken, ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen –
+würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen, und, noch eh’ ihn
+jemand bemerkte, mitten im Saal stehen! Dort aber – o! was er dann dort
+zu machen hatte, das wußte er selbst schon ganz genau.
+
+Also in einem solchen Zustande befand sich unser Held, obschon es
+übrigens schwer zu erklären wäre, was alles während des Wartens in ihm
+vorging. Die Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis in den
+Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte: weshalb, fragte er sich,
+sollte er ihn auch nicht finden? – weshalb sollte er nicht eintreten,
+wenn doch alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur, doch weiter
+wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens nicht offen und allen
+sichtbar ... aber das nicht etwa deshalb, weil er es nicht _wagte_,
+sondern so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er lieber kein
+Aufsehen erregte – nur das war der Grund. Und da wartete er eben,
+wartete ganz mäuschenstill geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er
+auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet!
+
+„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was hat Villèle damit zu
+schaffen! Aber wie könnte ich jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach
+du Eckensteher, du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst, samt
+seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der steifgefrorenen Hand in
+die steifgefrorene Wange, „du Narr, der du bist, du elender
+Goljädka[12], da hat dich das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es
+dir einen solchen Namen gab! ...“
+
+Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen er sich plötzlich selbst
+bedachte, nur so eine zeitweilige kleine Gedankenverirrung, ohne jeden
+sichtbaren Zweck oder besonderen Grund.
+
+Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck hervor und schlich zur
+Tür: der Augenblick war günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr
+Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der Tür. Schon legte er
+die Hand auf die Klinke, um zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen –
+doch plötzlich fragte er sich:
+
+„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht? ... Ach was, ich
+trete ein! ... weshalb sollte ich denn nicht? Dem Mutigen gehört die
+Welt!“
+
+Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert hatte – flüchtete
+er plötzlich, für ihn selbst ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm
+zurück.
+
+„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das Zimmer kommt? Da haben wir’s!
+– da sind richtig welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als
+niemand dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn man doch so ... ganz
+einfach sich ein Herz fassen und ohne weiteres und geradezu
+hineindringen könnte! ... Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal
+solch einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung geben muß!
+Da ist dir das Herz wieder gleich in die Hühnerbeine gefallen! Ja, den
+Mut verlieren, das ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts
+ausrichten oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche! Das können wir!
+Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus
+könnte man jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich ganz
+angenehm. So aber – spät zurückkehren? ... Petruschka würde brummen ...
+Soll ich nicht einfach jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die
+ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“
+
+Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß gefaßt, als er plötzlich
+schon an der Tür stand, mit zwei Schritten in das Büfettzimmer
+schlüpfte, Paletot und Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in
+einen Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und sich umsah:
+dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer, von dort schlüpfte er
+fast unbemerkt durch das Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere
+Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann ... ja dann vergaß
+Herr Goljädkin alles, was ringsum war oder geschah, und befand sich im
+Saal.
+
+Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht getanzt. Die Damen
+saßen oder gingen umher in malerischen Gruppen. Die Herren standen hier
+und dort in leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen zum
+nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch nichts davon. Er sah
+nur Klara Olssuphjewna, neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir
+Ssemjonowitsch, dann noch zwei oder drei Offiziere – und vielleicht ein
+paar junge Beamte, die alle, wie man auf den ersten Blick erkennen
+konnte, hinsichtlich ihrer Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen
+berechtigten ... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere Gestalten.
+Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder doch so gut wie nichts,
+wenigstens sah er niemanden an, und bewegte sich nicht aus eigener
+Kraft, sondern gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach
+seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden keinen eigenen mehr
+besaß, immer weiter schob, immer weiter, und durch die er, indem er ihr
+folgte, auf diese Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal
+erschien. Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten, oder vielleicht
+auch schon mehr oder weniger vergangen waren, trat er versehentlich
+einem Geheimrat auf den Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen
+Matrone, verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur, der er
+etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an einen Diener, der mit einem
+Präsentierteller an ihm vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden,
+ohne es selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen
+Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können, – bis er plötzlich nur
+eines begriff: daß er vor Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er
+in diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den Boden
+versunken: doch was nicht geht, das geht nun einmal nicht, ebensowenig
+wie Geschehenes sich ungeschehen machen läßt. Was sollte er tun?
+Mißlingt es, dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren sie?
+Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte er vollkommen recht – kein
+Meister in der Kunst, das Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ...
+Möglich, daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die Jesuiten
+in den Sinn ...
+
+Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte und lachte –
+verstummte plötzlich wie durch einen Zauberschlag. Man sah sich um, man
+fragte sich mit den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und
+allmählich drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah und hörte selbst
+nichts davon – er stand und sah zu Boden und gab sich sein Ehrenwort,
+daß er sich noch in dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich
+sein Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was wolle!“ Doch
+plötzlich vernahm er zu seiner eigenen größten Verwunderung, daß er zu
+sprechen begann.
+
+Er begann mit der üblichen Gratulation und dann folgten einige sogar
+sehr geschickte und vernünftige Worte, mit denen er ihr Glück und alles
+Gute wünschte. Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei den
+Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher und fühlte, daß er,
+sobald er nur einmal stockte, dann überhaupt nicht weiter können würde,
+und ... und so stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat nicht
+mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er stand ... und errötete!
+Hochrot stand er da und wußte sich nicht zu helfen ... und in seiner
+Hilflosigkeit sah er plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles
+stand, alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden erhob
+sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises Gelächter. Herr
+Goljädkin warf einen verlorenen Blick auf Andrej Philippowitsch, doch
+der Blick, der ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren
+Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen tot gewesen wäre,
+auf der Stelle getötet hätte. Alles schwieg.
+
+„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten und fällt in
+mein Privatleben, Andrej Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum
+hörbar hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej
+Philippowitsch ...“
+
+„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“ sagte Andrej
+Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des
+Unwillens, – sagte es, reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie
+fort von Herrn Goljädkin.
+
+„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“ erwiderte
+Herr Goljädkin leise, sah auf und ließ seinen unglücklichen Blick über
+die Umgebung irren, als wolle er sich zunächst über seine eigentliche
+Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar werden.
+
+„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren! Was ist denn dabei?
+Nun was, das kann doch einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin
+kaum verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um sich der
+ihn umringenden Schar zu entziehen.
+
+Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg frei. So schob sich unser
+Held denn zwischen zwei Reihen neugieriger und verwunderter Beobachter
+weiter. Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es selbst, daß
+er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich hätte er viel darum
+gegeben, wenn er jetzt wieder im Flur hinter dem Schrank hätte stehen,
+wenn er sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“
+unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können! Doch da das leider
+ausgeschlossen war, so sah er sich nach einer Möglichkeit um, sich
+wenigstens im Saal irgendwo zu verstecken oder in einem möglichst
+unbeachteten Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen bis zum
+Morgen auszuharren, bescheiden, anständig, ganz für sich, ohne die
+geringste Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ohne jemanden anzurühren,
+um auf diese Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die
+Verzeihung des Hausherrn zu erwerben.
+
+Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe irgend etwas den Boden,
+auf dem er stand, als wanke dieser Boden bereits, als müsse er selbst
+sogleich fallen. Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er
+sich zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer
+auszusehen, der niemanden etwas anging und der selbst mit ziemlichem
+Gleichmut dem Treiben zusah, indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle
+stützte, die er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt,
+während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst heiterem Blick die ihn
+immer noch anschauenden Gäste Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von
+allen am nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor dem Herr
+Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam.
+
+„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden Stühle sind für zwei
+Damen bestimmt: der eine für Klara Olssuphjewna, der andere für die
+Prinzessin Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie nicht von
+anderen fortgenommen werden,“ stammelte Herr Goljädkin unter
+Herzklopfen, indem er seinen flehenden Blick auf den jungen Leutnant
+richtete. Statt einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem
+wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab.
+
+Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der einen Seite wollte Herr
+Goljädkin auf der anderen Seite sein Glück versuchen, und wandte sich
+mit irgendeiner Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, dessen Brust
+einer unserer höchsten Orden schmückte. Doch der Herr Rat maß ihn mit
+einem Blick, daß Herr Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über
+den Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, lieber zu
+schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen und mit seinem
+Schweigen zu sagen, daß er ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle
+anderen, und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden kommen
+lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken wortlos
+auszudrücken, heftete er seine Blicke auf den Aufschlag seines
+Uniformrockes, doch nach einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie
+auf einen Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren.
+
+„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, „und wenn man
+ihm diese Perücke abnähme, würde man einen vollständig kahlen Kopf
+sehen.“
+
+Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin alles dessen, was
+er über die arabischen Emire gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer
+Verwandtschaft mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban trügen,
+unter dem auch nur ein nackter, das heißt haarloser Kopf sichtbar wurde.
+Von den Köpfen der Emire sprangen seine Gedanken auf türkische
+Pantoffeln über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich noch, daß
+Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel trug, die mehr bequemen
+Pantoffeln glichen, als Stiefeln. Doch allmählich wurde er mit seiner
+Umgebung vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und dorthin
+zu schauen.
+
+„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich herabfiele, gerade auf
+die versammelte Gesellschaft, so würde ich sogleich zu Klara
+Olssuphjewna stürzen und sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit
+wäre, würde ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges
+Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin Ihr Retter.‘ Und dann
+...“
+
+Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, in der er Klara
+Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, und da erblickte er plötzlich
+Gerassimowitsch, den alten Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch
+kam mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen Miene
+gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte zusammen und runzelte die Stirn
+unter dem jähen Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr
+unangenehmen Empfindung. Ganz mechanisch blickte er sich nach beiden
+Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht sehr
+gut und ratsam wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ...
+zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach zu verschwinden, als
+hätte er nie hier gestanden. Doch noch bevor unser Held sich zu irgend
+etwas entschließen oder gar etwas tun konnte, stand dieser
+Gerassimowitsch schon vor ihm.
+
+„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich unser Held mit einem
+Lächeln an den alten Diener, „sagen Sie einem von den Dienstboten –
+sehen Sie dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, sie
+steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, daß man sie wieder
+gerade einsetzt – sie wird wirklich sogleich fallen, Gerassimowitsch
+...“
+
+„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, aber es ist dort jemand,
+der Sie sprechen will.“
+
+„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“
+
+„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein Mensch, den irgend
+jemand geschickt hat. Er fragte, ob Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier
+sei. So rufen Sie ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen
+und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so sagte er ...“
+
+„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie werden sich verhört
+haben, Gerassimowitsch.“
+
+„Schwerlich ...“
+
+„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem Falle kann es
+nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. Niemand kann hier
+nach mir fragen, Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen
+wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, ich gehe hier
+keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“
+
+Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. Natürlich! Alles, was im
+Saale war, alles hatte sich mit Augen und Ohren ihm zugewandt und
+schwieg in nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas näher
+und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde schienen erregt zu
+tuscheln. Sogar der Hausherr erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe,
+und obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den Erlebnissen
+Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren Anteil nahm, zumal in
+dieser Angelegenheit die äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so
+fühlte und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der
+entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. Herr Goljädkin sah
+es deutlich, daß sich ihm jetzt oder nie die Gelegenheit zu einem kühnen
+Handstreich bot, die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner
+Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin empfand plötzlich eine
+gewisse Begeisterung und wandte sich wieder an den wartenden
+Gerassimowitsch und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme:
+
+„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. Du irrst dich. Ja, ich
+sage noch mehr: du hast dich auch heute vormittag geirrt, als du mir zu
+versichern suchtest ... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“
+– Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph Iwanowitsch, mein
+Wohltäter seit undenklichen Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater
+ersetzt hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines
+Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin sah sich
+selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl im Kreise um. In seinen Augen
+erglänzten Tränen. „Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt,
+hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“
+
+Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr Goljädkin fühlte es, daß
+seine Rede einen Eindruck, einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr
+Goljädkin stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete
+die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter den Gästen machte sich eine
+gewisse Aufregung und Verwunderung bemerkbar, und selbst der
+unerschütterliche Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder
+„schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, und blieb
+stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester ein und spielte eine
+rauschende Polka. Alles zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen,
+Gerassimowitsch zog sich schleunigst zurück, und alles, was im Saal war,
+geriet wie ein Meer ins Wogen: da schwebte bereits das erste Paar,
+Wladimir Ssemjonowitsch mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites
+der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die Zuschauer drängten sich
+entzückt und begeistert herbei und lächelten vor Lust beim Anblick des
+neuen Tanzes – der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka.
+
+Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch nach einiger Zeit geriet
+wieder alles durcheinander, der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte
+aus, die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war atemlos, mit
+geröteten Wangen und ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken. Alle
+Herzen flogen der bezaubernden Königin des Festes zu, alle eilten zu
+ihr, um ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das man beim
+Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, und – da stand auch schon
+Herr Goljädkin vor ihr. Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst
+nicht, was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und schob bittend
+den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. Klara Olssuphjewna sah zwar sehr
+verwundert zu ihm auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso
+mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin beugte sich nach
+vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten Male, erhob gleichzeitig einen
+Fuß, mit dem er irgendwie nach hinten ausschlug, dann stampfte er
+plötzlich auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen
+Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! Klara Olssuphjewna
+kam plötzlich zu sich und schrie leise auf: im Nu stürzten alle herbei,
+um sie von Herrn Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser
+Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, sah sich
+von einem empörten Kreise umgeben, vernahm das Gekreisch und die Klagen
+von zwei alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen oder
+getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die Aufregung war
+unbeschreiblich: alles rief, schrie, sprach durcheinander. Das Orchester
+verstummte. Unser Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte
+halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß er doch gleichfalls ...
+weshalb denn nicht ... die Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts
+dafür ... ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung der
+Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun einmal nicht ginge, so sei er
+ja bereit, zurückzutreten ... Leider schien sich aber niemand um seine
+Bereitwilligkeit zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß eine Hand sich
+um seinen Oberarm legte und eine andere kräftig gegen seinen Rücken
+drückte und daß man ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese
+Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr Goljädkin wollte
+irgend etwas sagen, irgend etwas tun ... oder nein, er wollte gar nichts
+mehr. Er lächelte nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung war
+dann, daß man ihm den Mantel anzog und den Hut auf den Kopf drückte,
+irgendwie schief auf die Stirn und in die Augen. Dann befand er sich,
+wie ihm schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit und
+Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte er und glaubte, in einen
+Abgrund zu fallen: er wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon
+auf dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand und fühlte nur
+ein Drehen im Kopf. Da vernahm er mit einem Male die gedämpften Klänge
+der Musik, die wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich
+erinnerte er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig verlassen
+hatten, waren wie mit einem Schlage wieder da. Er fuhr auf, griff sich
+an den Kopf und stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die
+Freiheit, geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen.
+
+
+ V.
+
+Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht, als Herr
+Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals in der Nähe der Ismailoffbrücke
+hinauslief, um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen Feinden und
+Verfolgern, dem Gekreisch der empörten alten und dem Ach und Weh der
+jungen Damen, und vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs.
+
+Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet, wie man das so zu
+sagen pflegt, sondern vollständig und buchstäblich erschlagen –
+erschlagen und tot, und wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit
+des Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem Wunder zu
+erklären, einem Wunder, an das zu glauben er sich schließlich selber
+weigerte. Das Wetter war grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht:
+naß, neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle Gaben des
+Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus, Schnupfen, Influenza und
+alle möglichen sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich brachten
+und in sich trugen. Der Wind heulte durch die menschenleeren Straßen und
+über den Kanal, daß das schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich
+regte, rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein Pfeifen
+mit leisem Kreischen und Knarren antworteten, was dann alles zusammen
+wie eine weinerlich schrille, fernher schwirrende Musik klang, die jedem
+Petersburger so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen Regenströme
+samt dem nassen Schnee trafen – als kämen sie aus einer Feuerspritze –
+den armen Herrn Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen ihn
+ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das nächtliche Schweigen, das
+nur fernes Wagenrollen, das Heulen des Windes und das Knarren der
+Laternen unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des Wassers von den
+Dächern und Fenstervorsprüngen auf die Steine des Trottoirs, und das
+leise gurgelnde murmelnde Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen.
+Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen, und es konnte ja auch um
+diese Zeit und bei diesem Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn
+auf dem Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz allein mit
+seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit und den Regen, eilte in seiner
+eigentümlichen Gangart mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie
+im Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie möglich die
+Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den Torbogen zu schlüpfen und
+dann die Treppe hinaufzueilen, bis er in seiner Wohnung in Sicherheit
+war.
+
+Doch obschon der Schnee und Regen und alles das, was sich kaum nennen
+und schildern läßt, wenn die Novemberstürme Petersburg heimsuchen, von
+allen Seiten zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn schonungs-
+und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf die Knochen ging, die Augen
+blendete und ihn fast vom Wege blies, als habe das Wetter sich mit
+seinen Feinden verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen: so
+konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin, der an diesem Tage
+schon genugsam vom Unglück verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht
+den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum ernsthaft und
+wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert war er durch das, was er vor
+wenigen Minuten im Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben
+müssen! Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem Augenblick von
+der Seite hätte beobachten können, wie er so, gleichsam blind und taub,
+durch das Unwetter einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze
+fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl gesagt, Herr
+Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor sich selbst verstecken, als
+wolle er am liebsten vor sich selbst fortlaufen. Und so war es auch
+wirklich. Ja, wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am
+liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts verwandelt
+hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff er etwas von dem, was ihn
+umgab: er sah aus, als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom
+Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für den rechten Stiefel
+etwas zu groß war, fiel ab, doch Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es
+überhaupt zu bemerken. Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh stehen
+blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem Gedanken an eine
+unfaßbare Schmach, und daß er dann unbeweglich, wie zu einer Bildsäule
+erstarrt, mitten auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er
+fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr und wie ein
+Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne sich umzusehen, als wolle er
+sich vor Verfolgern retten oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren
+Unglück zu entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend ...
+
+Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich auf das Geländer
+am Kanal und starrte auf das schwarze Wasser der Fontanka. So stand er
+eine lange Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber
+jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual so ungeheuerlich und
+sein Mut so erschöpft, daß er alles vergaß, alles, das Haus an der
+Ismailoffbrücke und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja, selbst
+vergaß, wo er sich im Augenblick befand ... Und warum sollte er auch
+nicht? Es war doch nichts mehr daran zu ändern, was ging es ihn im
+Grunde noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am ganzen
+Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein paar Schritte zur Seite.
+Mit einer unerklärlichen Unruhe sah er sich um: es war niemand zu sehen,
+es konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ... und doch schien
+es ihm, daß im Augenblick jemand neben ihm, dicht neben ihm gestanden
+hatte, gleichfalls auf das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war,
+als habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell und kurz und
+nicht ganz deutlich, aber irgend etwas ihm Naheliegendes, etwas, das ihn
+persönlich anging.
+
+„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen sein?“ fragte sich Herr
+Goljädkin, indem er sich nochmals suchend umsah. „Aber wo bin ich denn?
+... Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig, mit
+einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit einer gewissen Angst, alle
+Kräfte zusammenzunehmen, um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die
+trübe, feuchte Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges zu
+sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es schien alles ruhig zu sein,
+alles wie es sein mußte, es schneite nur stärker als vorher und in
+größeren Flocken: keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen, so
+stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger, noch klagender
+sein banges Lied, ganz wie ein Bettler, der nicht von einem läßt und
+traurig um ein Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können.
+
+„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich Herr Goljädkin, und er
+setzte seinen Weg fort, blickte sich aber immer noch etwas unsicher um.
+Inzwischen bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war wie eine
+Beklemmung, und doch wieder nicht, es war wie Angst ... und doch anders
+als Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper
+und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich.
+
+„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich, um sich etwas zu
+ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht hat so etwas nichts auf sich und
+geht niemandem an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“ fuhr er
+fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach, „vielleicht wird das
+gerade zum Guten führen, mir noch ein Glück eintragen, weshalb also
+ungehalten sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet sein
+kann?“
+
+Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen beschäftigt,
+schüttelte Herr Goljädkin den Schnee von sich ab, der schon mit einer
+dicken Schicht seinen Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel
+bedeckte, – doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung konnte
+er nicht abschütteln. Irgendwo fern fiel ein Kanonenschuß[13].
+
+Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu! wenn es nicht noch eine
+Überschwemmung gibt? Das Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein
+...
+
+Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er nicht weit vor sich einen
+Menschen erblickte, der ihm entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein
+verspäteter Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige Begegnung,
+die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch Herr Goljädkin wurde aus einem
+unbekannten Grunde ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf. Nicht,
+daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte, – nein, das nicht, aber
+... „was kann man wissen, wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn,
+„vielleicht ist auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die
+Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen, sondern in
+einer besonderen Absicht, um meinen Weg zu kreuzen und mich anzurempeln
+...“
+
+Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch nicht, sondern empfand
+nur eine Sekunde lang etwas Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte
+auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde war keine zwei
+Schritte mehr von ihm entfernt. Herr Goljädkin beeilte sich seiner
+Gewohnheit gemäß, eine Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab,
+daß er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden etwas angehe,
+daß der Weg für alle breit genug, und er, Goljädkin selbst, niemanden
+anrühre und ruhig vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz
+getroffen, und dann wandte er sich schnell zurück und sah dem anderen
+nach, der kaum an ihm vorübergegangen war, – wandte sich zurück, als
+habe ihn jemand an einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte
+sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig, war
+gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in die Stirn gezogen und den
+Kragen aufgeschlagen, und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen,
+schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im Trab.
+
+„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin mit einem ungläubigen
+Lächeln, – schauderte aber doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm
+kalt über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte vollends in
+der Dunkelheit, auch seine Schritte waren nicht mehr zu hören, Herr
+Goljädkin aber stand immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er
+wieder zu sich.
+
+„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich denn etwa rein von
+Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“ Und er ging wieder seines Weges,
+beschleunigte aber immer mehr den Schritt und bemühte sich, an gar
+nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen, um nicht zu denken.
+Plötzlich, durch das Heulen des Windes und das Geräusch des Unwetters,
+vernahm er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr zusammen und
+öffnete die Augen. Vor ihm, etwa zwanzig Schritte weit, tauchte von
+neuem irgendein dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam. Die
+Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin konnte schon
+deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen erkennen, – und plötzlich
+schrie er auf vor Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden schwach.
+Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant, der vor etwa zehn
+Minuten an ihm vorübergegangen war, und der ihm jetzt plötzlich wieder
+entgegenkam. Das Erlebnis war seltsam und unheimlich. Herr Goljädkin war
+so überrascht, daß er stehen blieb, zitterte, irgend etwas sagen wollte,
+und – plötzlich dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an,
+wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte blieb auch
+wirklich stehen, etwa zehn Schritte weit von Herrn Goljädkin, und zwar
+gerade im Schein der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen
+konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin um und wartete
+mit ungeduldiger Miene darauf, was jener nun sagen werde.
+
+„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“ stammelte unser
+Held mit zitternder Stimme.
+
+Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich ungehalten wieder
+von ihm ab und ging schnell weiter, als wolle er sich beeilen, die
+verlorenen zwei Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am
+ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Mit einem
+Stöhnen sank er auf einen der Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich
+allen Grund, so die Fassung zu verlieren.
+
+Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt erschienen. Doch das
+hätte allein noch nicht viel besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte
+ihn jetzt vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn schon
+gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal gesehen, sogar vor ganz
+kurzer Zeit. Aber wo? – wo konnte das gewesen sein? – und wann? War es
+nicht erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das die
+Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen hatte. Es war ja auch
+fast gar nichts Besonderes an diesem Menschen – auf den ersten Blick
+hätte dieser Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit
+erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle anderen, war natürlich auch
+anständig, wie alle anständigen Menschen, und vielleicht besaß er sogar
+irgendwelche Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein Mensch für sich.
+
+Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft noch selbst eine
+Abneigung gegen diesen Menschen, sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in
+diesem Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für nichts in der
+Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht, und nun noch gar eine, wie
+jetzt in der Nacht. Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin
+kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar, wie er hieß, mit dem
+Familiennamen und mit dem Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn
+selbst für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, – er wollte
+ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben, daß jener so und so
+hieß.
+
+Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß, was er dachte oder
+empfand, das vermag ich nicht zu sagen, doch als er endlich wieder zu
+sich kam, raffte er sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er
+lief, was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der Atem ging ihm
+aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin – und bei der Gelegenheit
+verlor er auch die andere Galosche. Endlich gab er das Laufen auf,
+verlangsamte den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell um und
+stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon eine ganze Wegstrecke
+längs der Fontanka zurückgelegt hatte, ging dann über die
+Anitschkoffbrücke, ging über den Newskij und stand schließlich an der
+Straßenkreuzung des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann bog er in
+die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick einem Menschen, der am
+Rande eines Abgrundes steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den
+Boden schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick in die
+Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß und selbst sieht, und der
+doch nicht die Kraft hat und auch nicht die Geistesgegenwart, auf den
+noch feststehenden Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke,
+den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden: die Tiefe zieht ihn
+vielmehr an, zieht ihn und läßt ihn nicht los, und so springt er denn
+schließlich beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang
+zu beschleunigen.
+
+Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt, daß ihm sogleich,
+noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles zustoßen, daß er z. B. wieder
+jenem Unbekannten begegnen würde: doch – so seltsam es auch erscheinen
+mag – er wünschte diese Begegnung jetzt beinahe selbst herbei, wünschte
+sie schneller herbei, so schnell wie möglich. Da er sie doch für
+unvermeidlich hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein
+Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch, rasch!
+Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege ihn eine fremde Macht,
+denn von seinem eigenen Wesen fühlte er nichts als eine unendliche
+Erschöpfung und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr denken,
+obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen wie Dornen an alles und jedes
+hefteten. Ein verirrtes Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so
+zitterte, schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken
+dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten Ohren, und von
+Zeit zu Zeit sah es schüchtern und verständnisvoll zu ihm auf.
+
+Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke oder vielmehr die
+Erinnerung an etwas vor langer Zeit einmal Geschehenes kam ihm jetzt in
+den Sinn und begann in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und
+hämmerte und ließ sich nicht abweisen.
+
+„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin vor sich hin, ohne
+sich selbst zu verstehen. Endlich erblickte er den Unbekannten wieder,
+gerade wie er um die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder
+entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung, ging wenige
+Schritte vor ihm und eilte ebenso wie er in leichtem Trab. Bald hatten
+sie die Schestilawotschnaja erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag setzte
+aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in dem Herr
+Goljädkin wohnte. Man hörte die Klingel unter dem Torbogen und fast in
+demselben Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels. Das
+Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte beugte sich und verschwand. Im
+nächsten Augenblick hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und
+schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas brummte; er lief auf
+den Hof und erblickte wieder den Unbekannten, den er einen Moment aus
+dem Auge verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang zu
+der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung hinaufführte. Herr Goljädkin
+eilte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen
+Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so daß ein Fremder, der
+zum erstenmal und noch dazu im Dunkeln diese Treppe hinaufstieg,
+mindestens eine halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte.
+Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß man sich Hals und
+Beine brach, verwünschte immer wieder nicht nur die Treppe, sondern mit
+dieser auch seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen,
+zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch jener Unbekannte, den Herr
+Goljädkin verfolgte, schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut
+zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit der größten
+Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal zu zögern, als wäre ihm jede
+Stufe bekannt. Herr Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder
+dreimal schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten an seine Nase. Das
+Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle Fremde blieb gerade vor der Tür
+der Wohnung des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka – was zu einer
+anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in Verwunderung gesetzt hätte, –
+Petruschka, ganz als hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen
+gelegt, öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen mit dem
+Licht in der Hand entgegen.
+
+Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung in seine Wohnung. Ohne
+Hut und Mantel im Vorraum abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt,
+auf der Schwelle seines Zimmers stehen.
+
+Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich vollständig, alles, was
+er gefürchtet hatte, trat jetzt in die Erscheinung. Der Atem ging ihm
+aus, der Kopf schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem
+Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte ein wenig, blinzelte
+ihm zu und nickte freundschaftlich mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte
+schreien, konnte aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die
+Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge und er setzte sich
+starr vor Schreck neben den anderen hin. Dazu hatte er freilich Ursache.
+Herr Goljädkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein
+nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr
+Goljädkin selbst, ein anderer Herr Goljädkin und doch Herr Goljädkin
+selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen
+Doppelgänger nennt.
+
+ * * * * *
+
+
+ VI.
+
+Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljädkin in seinem
+Bett. Sofort erschienen mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen
+erregten Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen
+Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien die ganze wilde und
+unwahrscheinliche Nacht mit ihren fast mysteriösen Ereignissen. Eine so
+grausame, eine so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und
+besonders dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn Goljädkins Herz
+zu Eis erstarren. Dazu schien alles das so sonderbar unverständlich und
+wüst, schien so sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm
+wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin wäre sogar sehr
+geneigt gewesen, das alles einfach für einen Traum, für eine
+augenblickliche Verwirrung seiner Phantasie, für eine vorübergehende
+Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht zu seinem Glück und
+aus seiner bitteren Lebenserfahrung heraus gewußt hätte, bis wohin die
+Bosheit bereits manchen Menschen gebracht hat, wie weit die Grausamkeit
+eines Feindes gehen kann, der sich für seine verletzte Ehre rächen
+mochte. Obendrein legten die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins,
+sein schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger
+Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und bestanden unabweislich auf der
+Wirklichkeit des nächtlichen Spazierganges samt allen Abenteuern, die
+mit ihm verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja Herr Goljädkin
+schon längst, daß sie da etwas gegen ihn vorbereiteten, daß noch etwas
+anderes dahintersteckte!
+
+Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß Herr Goljädkin zu
+schweigen, sich zu fügen und in der Sache fürs erste nichts zu tun.
+
+„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, und wenn sie
+sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere und mich in alles füge,
+dann werden sie vielleicht zurücktreten, von selbst zurücktreten, als
+erste zurücktreten.“
+
+Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins umgingen, als er
+sich im Bette ausstreckte, um seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und
+auf das gewohnte Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. Er wartete
+bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, wie der Faulpelz Petruschka
+hinter dem Verschlag den Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht
+entschließen, ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin fürchtete
+sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen.
+
+„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, wie der Schuft diese ganze
+Sache ansieht. Er schweigt und schweigt und macht sich dabei seine
+eigenen Gedanken.“
+
+Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien mit dem Teebrett in
+beiden Händen. Herr Goljädkin schielte schüchtern nach ihm hin und
+wartete ungeduldig, was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich
+über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch Petruschka sagte
+nichts, im Gegenteil, er war noch schweigsamer, finsterer und erboster
+als gewöhnlich und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen hervor nur
+mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte daraus entnehmen, daß er äußerst
+unzufrieden war. Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was,
+nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm berührte. Er stellte
+alles, was er gebracht hatte, auf den Tisch, kehrte um und ging
+schweigend hinter seinen Verschlag.
+
+„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte Herr Goljädkin,
+während er seinen Tee einnahm. Unser Held jedoch richtete keine Frage an
+seinen Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen
+Anlässen, ins Zimmer kam.
+
+Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. Peinlich war
+es ihm vor allem, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes
+Vorgefühl, daß dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde.
+
+„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über irgend etwas stolpern!
+Ist es nicht besser, hier noch etwas abzuwarten? Mögen sie da tun – was
+sie wollen: ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, werde meine
+Gedanken über die Sache in Ordnung bringen, um dann den günstigen
+Augenblick zu erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den
+Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen auftauchen.“
+
+Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, rauchte er eine
+Pfeife nach der anderen. Die Zeit verging indessen schnell – es war
+bereits fast halb zehn geworden.
+
+„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte Herr Goljädkin, „es ist
+jetzt wirklich zu spät geworden. Dazu bin ich krank, versteht sich,
+krank, durchaus krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es mich
+an! Und wenn man jemanden schickt, der hier nachsehen soll – ja, was
+geht das mich an? Mir tut der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen,
+und schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, ich kann
+mich ernstlich erkälten und sogar sterben – die Sterblichkeit ist ja
+zurzeit so groß ...“
+
+Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin schließlich sein Gewissen
+vollkommen und rechtfertigte sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm
+von Andrej Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung des
+Dienstes“. Überhaupt liebte es unser Held bei allen ähnlichen
+Gelegenheiten, sich vor sich selbst durch die verschiedensten
+Vernunftgründe zu verteidigen und auf diese Weise sein Gewissen
+vollkommen zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen
+vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte sie aus: doch kaum
+hatte er ordentlich zu rauchen begonnen – als er plötzlich vom Diwan
+sprang, seine Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und
+frisierte, seine Uniform und alles Übrige anzog, einige Papiere ergriff
+und in die Kanzlei davoneilte.
+
+Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung ein, in
+zitternder Erwartung von etwas sehr Unangenehmem, in einer Erwartung,
+die unklar und dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern
+setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne sich umzublicken oder sich durch etwas
+ablenken zu lassen, vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm
+liegenden Papiere. Er hatte beschlossen und sich das Wort gegeben, sich
+so wenig wie möglich einer Herausforderung auszusetzen und sich vor
+allem, was ihn kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, vor
+allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen Abend möglichst
+weit weg zu halten. Er beschloß sogar, von den gewöhnlichen
+Höflichkeiten im Verkehr mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel
+Fragen nach dem Befinden usw. zu unterlassen.
+
+Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es dabei bleiben konnte.
+Unruhe und Ungewißheit über etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn
+viel quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, trotz des
+Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf nichts einzugehen, was es
+auch sei, und sich von allem fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch
+zuweilen den Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach rechts
+und links, und beobachtete die Gesichter seiner Mitarbeiter, um aus
+ihren Mienen zu schließen, ob etwas Neues und Besonderes bevorstehe und
+aus irgendwelchen Absichten vor ihm verborgen werde. Er setzte ohne
+weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen den gestrigen Vorfällen
+und allem bestand, was um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus
+wünschte er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß sich
+alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, wenn es dabei auch
+ein Unglück gäbe!
+
+Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal auch ereilte: kaum hatte
+er dies zu wünschen gewagt, als seine Zweifel plötzlich gelöst wurden,
+und zwar auf die allersonderbarste und unerwartetste Weise.
+
+Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich leise und schüchtern,
+als wollte sie damit vorausschicken, daß die eintretende Person herzlich
+unbedeutend sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr bekannt
+vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem unser
+Held saß. Unser Held wagte seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die
+Gestalt nur flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles,
+begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte vor Scham
+und steckte seinen armen Kopf in die Papiere mit der gleichen Absicht,
+wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom Jäger
+verfolgt wird.
+
+Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej Philippowitsch und man
+hörte darauf dessen förmliche, höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten
+in allen Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen.
+
+„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch an ihn und
+wies den Neuling an den Tisch Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich
+Herrn Goljädkin gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“
+
+Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den Neuangekommenen mit einer
+höflich einladenden Gebärde sich selbst überließ und sich sofort wieder
+in seine Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen.
+
+Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und wenn er nicht in Ohnmacht
+fiel, so geschah es nur deshalb nicht, weil er schon vorher alles das
+vorausgefühlt hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet war
+und die Ankunft des Neulings bereits in seiner Seele geahnt hatte. Die
+erste Bewegung Herrn Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich
+nicht ein Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz
+vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen verzog und
+schließlich nicht irgend jemand vor Schreck vom Stuhle fiel. Doch zur
+größten Verwunderung Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches.
+Das Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte ihn in Erstaunen
+und schien ihm vollständig unerklärlich. Herr Goljädkin erschrak fast
+vor diesem ungewöhnlichen Schweigen. Die Tatsache sprach für sich
+selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. Es mußte einen
+verwundern.
+
+Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich durch den Kopf. Er
+fühlte sich wie auf einem kleinen Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte
+seinen Grund. Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, war –
+der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die Schande Herrn Goljädkins, war
+– der gestrige Albdruck Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin
+selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem Munde
+und mit der Feder in der Hand auf dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der
+als Gehilfe seines Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser,
+der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken liebte, nicht der
+schließlich, dessen Verhalten deutlich aussprach: „Rühre mich nicht an
+und auch ich werde dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an,
+denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war ein anderer Herr
+Goljädkin, ein vollkommen anderer, und zugleich doch einer, der
+vollkommen ähnlich dem ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben
+Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, es war
+nichts, aber auch nichts zur vollkommenen Ähnlichkeit vergessen worden,
+so daß, wenn man die beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand,
+aber auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der wirkliche Herr
+Goljädkin und wer der nachgemachte sei, wer der alte und wer der neue,
+wer das Original und wer die Kopie.
+
+Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, über den, wenn der
+Vergleich möglich ist, jemand zum Spaß ein Brennglas hält.
+
+„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, „ist es die Gegenwart
+oder die Fortsetzung von gestern. Wie kommt das, mit welchem Recht geht
+das alles hier vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer gab
+ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt es mir?“
+
+Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch noch einen anderen
+... Nein, es war nicht nur ein Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der
+Schweiß in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch etwas nie
+Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: und zur Vollendung des Unglücks
+begriff und fühlte Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in
+einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel zu sein.
+
+Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher
+auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß sich
+seine Zweifel irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache
+doch ganz unerwartet eingetreten.
+
+Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend war er seiner
+Gedanken und seines Gedächtnisses vollständig beraubt. Wenn er nach
+solchen Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er ganz
+mechanisch und unbewußt seine Feder über das Papier führte. Da er sich
+selbst nicht mehr trauen konnte, fing er an, alles Geschriebene
+nachzuprüfen, und siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der
+andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und ehrbar dagesessen
+hatte, und verschwand mit seiner Arbeit durch die Tür, in die andere
+Abteilung. Herr Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu
+hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch beim Umwenden der
+Blätter und das Geflüster in denjenigen Ecken, die am weitesten von dem
+Platz Andrej Philippowitschs ablagen.
+
+Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, an, und da
+der Gesichtsausdruck unseres Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen
+Gedanken übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr auffallend
+war, so legte der gute Anton Antonowitsch die Feder beiseite und
+erkundigte sich mit außergewöhnlicher Teilnahme nach der Gesundheit
+Herrn Goljädkins.
+
+„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott sei Dank,“ antwortete
+stotternd Herr Goljädkin, „ich, Anton Antonowitsch ... bin vollkommen
+gesund. Mir fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er
+entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch nicht ganz zu
+überzeugen vermochte.
+
+„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so ganz gesund sind:
+übrigens, es wäre kein Wunder! Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen
+Sie ...“
+
+„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter schlecht ist ... Ich,
+Anton Antonowitsch, ich ... spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin
+fort, indem er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen Sie,
+Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, ... das heißt, ich möchte
+sagen ... wie Sie die Sache auffassen, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß gestehen, nicht ganz
+verstanden; Sie ... wissen Sie ... erklären Sie sich deutlicher, woran
+Sie sich hierbei stoßen,“ sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig
+betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die Tränen in die Augen
+traten.
+
+„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch ... hier ist – ein
+Beamter, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“
+
+„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier ein neueingetretener
+Beamter ist.“
+
+„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“
+
+„Was?“ rief Herr Goljädkin aus.
+
+„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt auch Goljädkin. Ist es
+nicht Ihr Bruder?“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“
+
+„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es sogar ein sehr naher
+Verwandter von Ihnen sein müßte. Wissen Sie, es ist da eine
+Familienähnlichkeit vorhanden.“
+
+Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und die Zunge versagte ihm
+zeitweise ihren Dienst. So einfach über eine so unerhörte, noch
+nie dagewesene Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden
+interessierten Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer
+Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild handelte!
+
+„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff Petrowitsch,“ fuhr
+Anton Antonowitsch fort. „Gehen Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit
+ihm. Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre Augen sind so
+sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen Ausdruck haben sie ...“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das heißt, ich möchte
+fragen, wie dieser Beamte? ...“
+
+„Nun?“
+
+„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, haben Sie nicht
+an ihm etwas Besonderes bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“
+
+„Das heißt?“
+
+„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, eine erstaunliche
+Ähnlichkeit mit irgend jemandem, das heißt zum Beispiel mit mir. Sie
+sprachen soeben, Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, Sie
+machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, daß es Zwillinge
+gibt, die sich wie zwei Tropfen Wasser gleichen, so daß man sie nicht
+voneinander unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte ich –“
+
+„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich – als ob er jetzt
+zum erstenmal über die Sache wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben
+recht, die Ähnlichkeit ist tatsächlich erstaunlich und man könnte
+wirklich den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu und riß die
+Augen immer weiter auf. „Und, wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist
+sogar eine ganz sonderbare phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen
+pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie bemerkt, Jakoff
+Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar selbst danach fragen. Ja, ich gestehe,
+anfangs habe ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein wirkliches
+Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind doch kein
+Hiesiger? Ich meine nur ...“
+
+„Nein.“
+
+„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus demselben Orte, wo Sie
+her sind. Ich wage nur zu fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt
+dauernd aufgehalten?“
+
+„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, daß er kein Hiesiger
+ist?“
+
+„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar ist,“ fuhr der
+gesprächige Anton Antonowitsch fort, für den es ein rechter Feiertag
+war, wenn er einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich Anteil
+erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, ohne es zu bemerken!
+Übrigens, regen Sie sich nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen.
+Wissen Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe passierte meiner
+Tante, mütterlicherseits; sie hat sich auch einmal, es war kurz vor dem
+Tode, doppelt gesehen ...“
+
+„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton
+Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, wollte wissen, wie es mit
+diesem Beamten steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“
+
+„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen Ssemjon Iwanowitsch.
+Dessen Posten war frei geworden, und so wurde er angestellt. Nein,
+wirklich, dieser gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er
+hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. Die Witwe ist
+seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man sagt übrigens, sie habe Geld,
+sie verheimliche es nur.“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand ...“
+
+„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn das so sehr? Ich sage
+Ihnen doch: regen Sie sich nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes,
+und es ist Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes Weisheit.
+Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht schuld daran. Als ob es
+keine Wunder auf der Welt gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie
+werden doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen ein Beispiel
+zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, wie die siamesischen
+Zwillinge mit dem Rücken aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und
+schlafen zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“
+
+„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? Tut nichts! Ich sage
+Ihnen doch, nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie sich
+keineswegs aufzuregen. Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein
+Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein tüchtiger Mensch.
+Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht von hier und führe den Titel
+Titularrat. Er hat selbst mit Seiner Exzellenz gesprochen.“
+
+„Und was hat er gesagt?“
+
+„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende Erklärungen gegeben und
+die Gründe dargelegt, sagt man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein
+Vermögen, ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer
+schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so gehört ... er hat
+sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. Ein kluger Mensch muß er
+sein. Nun, versteht sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die
+geht’s doch nicht ...“
+
+„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte sagen, wer hat denn in
+diese schmutzige Angelegenheit seine Hand gesteckt?“
+
+„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, Seine Exzellenz, sagt
+man, und Andrej Philippowitsch hätten gelacht.“
+
+„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“
+
+„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und sie hätten nichts
+dagegen, wenn er nur seine Pflicht tue!“
+
+„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, Anton Antonowitsch, ich flehe
+Sie an – und weiter.“
+
+„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts zu bedeuten, ich sage
+Ihnen, regen Sie sich nicht auf, die Sache hat nichts Bedenkliches.“
+
+„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, Anton Antonowitsch, ob
+Seine Exzellenz nichts mehr hinzugefügt hat ... über mich, zum
+Beispiel?“
+
+„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, nichts, Sie können ganz
+ruhig sein. Wissen Sie, natürlich ist der Umstand sehr sonderbar ...
+aber ich selbst – ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht.
+Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts dabei dachte, bis Sie, Sie
+selbst, mich darauf aufmerksam gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts
+gesagt,“ fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob sich vom
+Stuhl.
+
+„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“
+
+„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze hier von Nichtigkeiten
+und da ist eine wichtige Sache zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“
+
+„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die klangvolle Stimme Andrej
+Philippowitschs, „Seine Exzellenz fragt nach Ihnen.“
+
+„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich komme schon.“ Und
+Anton Antonowitsch griff nach einem Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej
+Philippowitsch und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz.
+
+„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. „So ist also das
+Spiel jetzt bei uns? Von daher weht der Wind? ... Das ist nicht übel,
+die Dinge haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser Held,
+rieb sich die Hände und fühlte vor Freude kaum den Stuhl unter sich.
+„Unsere Sache ist also eine gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas
+ganz Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, sie sitzen
+alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist nett, wirklich nett! Einen
+guten Menschen liebe ich, habe ich geliebt und werde ihn immer lieben
+... Doch, wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer ... zu
+trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den Zusammenhang. Eine
+vorzügliche, eine großartige Sache ist es, daß Seine Exzellenz nichts
+gesagt hat und ihn so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur
+dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da einzumischen? Was
+geht es ihn an? Du alter Strick! Immer läufst du mir über den Weg, wie
+eine schwarze Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, immer den
+Menschen in die Quere ...“
+
+Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder belebte sich seine
+Hoffnung. Er fühlte sich aber doch noch von gewissen vagen Gedanken, und
+von nicht gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam ihm sogar in
+den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, den Hasen sozusagen zu stellen,
+vielleicht am Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten mit
+ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche zu bemerken: „meine
+Herren, so und so, ob da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein
+sonderbarer Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese Weise die
+Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in einem tiefen Abgrund hausen die
+Teufel,“ schloß in Gedanken unser Held. Übrigens war das nur ein
+flüchtiger Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte sich noch
+beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen konnte.
+
+„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich selbst, und schlug
+sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu
+phantasieren und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser,
+wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir halten aus und
+warten!“
+
+Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, war Herr Goljädkin
+voll Hoffnung und wie von den Toten auferstanden.
+
+„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, als ob mir
+fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! Was ist das für eine Sache!
+Er aber – er, – nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu seiner
+Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem hinderlich wird, wenn er nur
+niemanden stört, dann mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“
+
+Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge und es schlug bereits vier
+Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. Andrej Philippowitsch griff nach
+seinem Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. Herr
+Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging absichtlich später als die
+anderen, er war der Letzte und trat hinaus, als die anderen sich bereits
+in die verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße fühlte er
+sich wie im Paradies, so daß in ihm der Wunsch aufstieg, einen Umweg zu
+machen und über den Newskij zu gehen.
+
+„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, „diese unerwartete Wendung
+der ganzen Sache. Und was für ein Wetterchen, mit Frost und
+Schlittenbahn! Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn
+ordentlich von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe den russischen
+Menschen, und Schnee liebe ich und Kälte liebe ich ...“
+
+So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, und doch fühlte er
+etwas wie Unruhe in seinem Herzen nagen, so daß er nicht wußte, womit er
+sich beschwichtigen sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – und
+dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das nur eigentlich sein, was
+mich da so beunruhigt!? Nun, denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke
+nach, junger Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau so
+wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn es solch einen Menschen
+gibt, muß ich denn gleich darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte
+mich fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! Mag er dienen!
+Nun, und was sie da von den siamesischen Zwillingen reden ... wozu
+siamesisch? Nehmen wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben
+ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte ist bekannt, daß der
+berühmte Ssuworoff wie ein Hahn krähte ... Nun, das tat er wohl alles
+nur aus Politik; und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen mich
+die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will niemanden kennen und im
+Gefühl meiner Unschuld verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant
+und ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig
+...“
+
+Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, zitterte wie ein
+Blatt am Baum und schloß auf einen Augenblick seine Augen. In der
+Hoffnung jedoch, daß der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion
+sei, öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts.
+Nein, es war keine Illusion! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter von
+heute morgen, lächelte ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die
+Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es kam aber
+nicht dazu. So gingen sie beide etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze
+Bestreben Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr in seinen
+Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief wie möglich über die Augen zu
+ziehen. Es erhöhte noch die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines
+Freundes genau den seinen glichen.
+
+„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem er sich mühte, fast
+flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen Freund anzusehen, „mir scheint,
+wir haben einen verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon
+überzeugt,“ sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich bin ich
+auch fest davon überzeugt, daß Sie mich verstanden haben,“ fügte er
+ziemlich streng zum Schluß hinzu.
+
+„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, „ich hätte gewünscht,
+und Sie werden mir großmütig verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich
+mich hier wenden soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen
+mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir sogar, Sie hätten heute
+morgen Anteil an mir genommen. Meinerseits fühlte ich auf den ersten
+Blick Zuneigung für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin in
+Gedanken seinen neuen Kollegen unter die Erde –
+
+„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff Petrowitsch, geneigt
+wären, mich anzuhören ...“
+
+„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ antwortete ihm Herr
+Goljädkin. „Wir wollen hinüber auf die andere Seite des Newskij gehen,
+dort wird es bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse
+einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“
+
+„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte schüchtern und bescheiden
+Herrn Goljädkins Begleiter, als ob er durch den Ton seiner Antwort
+ausdrücken wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse
+zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, so begriff er
+überhaupt nicht mehr, was mit ihm vorging. Er traute sich selber nicht
+und hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt.
+
+
+ VII.
+
+Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner
+Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in
+Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in
+die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen
+sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon
+so mißtrauisch ...“
+
+Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür
+wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die
+Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin,
+um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine
+Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein
+Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil,
+etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien.
+Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich
+anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie
+verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle
+von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft
+liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“
+
+Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und
+forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen.
+
+Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr
+schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing
+dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten.
+Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen
+Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem
+Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen
+Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt
+fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze
+Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken
+zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die
+Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen –
+und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und
+Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos.
+
+Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige
+Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn
+aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu
+legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und
+selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine
+Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff,
+daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie
+er das Gespräch mit ihm beginnen sollte.
+
+Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es
+nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte –
+übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu
+entscheiden.
+
+In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah
+aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die
+entgegengesetzte Seite.
+
+„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig,
+mit barscher Stimme.
+
+„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“
+
+Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete
+bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb,
+aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf:
+
+„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag.
+Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das
+bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es
+nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist
+einesteils sogar besser so ...“
+
+„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens,
+erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“
+
+„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der
+Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte
+er um Entschuldigung, daß auch _er_ Jakoff Petrowitsch heiße.
+
+„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine
+Erregung zu verbergen.
+
+„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete
+bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch
+etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine
+ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht
+zu Scherzen aufgelegt war.
+
+„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“
+
+„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn
+eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig
+vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft
+und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen
+und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl
+um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um
+allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu
+vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn
+Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten
+Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war,
+die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.
+
+„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend,
+betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin
+könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher
+Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“
+
+„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen
+hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich
+wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser
+Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff
+Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren
+habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen,
+sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“
+
+Herr Goljädkin runzelte die Stirn.
+
+„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so
+beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage
+vorzustellen.“
+
+„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“
+antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir
+sehen ...“
+
+Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte
+den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das
+Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte
+sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen
+schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut
+bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen
+gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum
+befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot
+genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die
+Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte
+darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr
+gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach
+dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem
+Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und
+der Gast begann seine Erzählung.
+
+Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden.
+Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten
+und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den
+Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte
+und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der
+Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen
+Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter
+alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten
+Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde
+seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier
+in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine
+Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße
+lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts
+auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner
+annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen
+Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich
+mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem
+fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin
+alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts
+zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal
+eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch
+nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit
+geliehen.
+
+Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die
+Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen
+Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich
+die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er
+gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken
+einen Dummkopf.
+
+Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so
+aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der
+war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde
+richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und
+die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast
+um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so
+harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig
+vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die
+Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so
+vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein
+wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen
+schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so
+stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie
+aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und
+er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß
+er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie
+dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die
+größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen,
+und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in
+jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee
+gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer
+Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes
+und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte
+es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So
+auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von
+dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und
+den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach
+Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens
+anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte
+er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß
+Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste
+in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“
+gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft
+hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen
+zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens
+weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten
+gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens,
+weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk
+tat.
+
+Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick
+doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein
+Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber
+nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.
+
+Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph
+Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern
+nicht gewesen wäre.
+
+„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich
+das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich
+nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen.
+
+Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast
+glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu
+genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten.
+
+Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde
+jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur
+einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die
+Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah
+auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter.
+
+Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht
+zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte,
+überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr
+gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es
+schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen:
+
+ Wenn auch du mich je vergißt,
+ Ich vergeß dich nicht;
+ Wechselvoll ist alles Leben,
+ Drum vergiß mich nicht!
+
+Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von
+Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen
+und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej
+Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war.
+
+„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig
+verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander,
+Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im
+Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige
+drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber
+niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen
+Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du
+aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von
+ihnen!“
+
+Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in
+Tränen.
+
+„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme
+fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir
+werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich
+nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so
+sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur
+hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es,
+Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir.
+Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“
+
+So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der
+Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen
+beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei,
+und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.
+
+Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett
+wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der
+Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem
+härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im
+Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer
+ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft
+alles bevorstehe! ...
+
+Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm
+darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der
+Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß
+es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin
+der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten,
+mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen
+verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen
+mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei
+welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam,
+eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die
+Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug
+über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern.
+
+Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich
+hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen
+vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im
+Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum
+Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm
+womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.
+
+Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte.
+
+„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in
+den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen,
+morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden,
+Petruschka?“
+
+Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber
+Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte
+sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.
+
+„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt
+zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast
+du mich verstanden?“
+
+„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.
+
+„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden
+bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich
+wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute
+Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten.
+Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“
+
+Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“
+dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“
+
+Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die
+Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser
+Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht
+einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer
+so!“
+
+Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß
+der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen
+Augenblick zu ihm aufs Bett.
+
+„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf:
+„Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das
+auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort,
+sich mit seinem Gast zu unterhalten.
+
+Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst
+auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu
+schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und
+murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen,
+Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein
+Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen
+wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“
+
+Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel
+und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der
+Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du
+Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du
+noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist
+eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“
+
+Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf
+den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu
+betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein
+unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill!
+Oh, die Sache hat einen Haken!“
+
+Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf
+rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas
+sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über
+eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte
+nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein,
+wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und
+plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben.
+
+
+ VIII.
+
+Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen Tage um acht Uhr.
+Sofort erinnerte er sich aller Begebenheiten des vergangenen Abends –
+erinnerte sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich aber
+gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte er, erhob sich ein wenig und
+sah zu dem Bette seines Gastes hinüber. Doch wie groß war sein
+Erstaunen, als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! „Was
+hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin beinahe laut aufgeschrien.
+„Was soll denn das heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“
+
+Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, mit offenem Munde auf
+die leere Stelle starrte, öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit
+dem Teebrett ins Zimmer.
+
+„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit kaum hörbarer Stimme
+hervor und wies mit dem Finger auf die leere Stelle.
+
+Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah nicht einmal seinen
+Herrn an, sondern wandte seine Augen nur stumm in die rechte Ecke des
+Zimmers, so daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in die Ecke
+zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte Petruschka mit rauher
+und grober Stimme: „Der Herr ist nicht zu Haus.“
+
+„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ sagte Herr Goljädkin
+ratlos und starrte seinen Diener mit großen Augen an.
+
+Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin in einer Weise an,
+daß dieser bis über die Ohren errötete. In seinem Blick lag ein so
+beleidigender Vorwurf, der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin ließ
+die Hände sinken und sagte kein Wort.
+
+Endlich bemerkte Petruschka, der _andere_ sei vor anderthalb Stunden
+bereits ausgegangen und habe nicht mehr warten wollen. Die Auskunft
+klang sehr wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn Petruschka
+nicht, denn was seinen beleidigenden Blick und die Bezeichnung _der
+andere_ anbetraf, so waren diese wohl durch einen unangenehmen Umstand
+veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, wenn auch nur
+dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung war, und daß das Schicksal ihm
+etwas vorzubehalten schien, das nicht angenehm war.
+
+„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir werden sehen und
+werden daran glauben müssen ... Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er
+plötzlich mit ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn
+aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich habe selbst den Kopf
+in die Schlinge gelegt, und habe mir dazu noch die Schlinge mit eigenen
+Händen gedreht. Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du konntest auch
+nichts anderes tun, als dich verplappern wie ein kleiner Junge, wie
+irgend so ein Kanzlist, wie ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen,
+ein verfaulter Lumpen, du Schwätzer, du! ...
+
+Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm gemacht, von seiner
+Liebe zu mir gesprochen! Wie ist das nur alles möglich gewesen ... Wie
+kann ich diesem Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, wenn er
+zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja verschiedene
+Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen Gehalt ... oder, man kann
+ihm auch Furcht einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und jenes
+sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er solle die Hälfte für
+Wohnung und Kost bezahlen und das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum
+Teufel, nein, das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, wäre es
+nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, so daß der es
+ihm einsalzte, ihn vernachlässigte und angrobte? um ihn auf diese Art
+los zu werden?! Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum Teufel
+auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann auch, von dem Standpunkte aus
+betrachtet ... nun, durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht
+schön! Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch das wäre
+nicht angenehm. Habe mich doch gestern abend so verplappert! ... Das ist
+schlimm, wirklich schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich
+Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du dich zu benehmen hast,
+kannst du dich nicht endlich beherrschen! Nun, wenn er jetzt kommt und
+absagt? Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn er nur käme
+...“
+
+So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen Tee und sah nach
+der Wanduhr.
+
+„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist Zeit, zu gehen. Aber
+was wird nun werden! Was wird geschehen? Ich würde gar zu gern wissen,
+was wohl eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke und
+Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, was eigentlich alle
+diese Leute denken und welche Schritte sie tun wollen ...“
+
+Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht mehr beherrschen, er warf
+die Pfeife fort, zog sich an und begab sich in das Departement – mit dem
+Wunsche, wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und sich persönlich
+zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab es: das wußte er genau, eine
+Gefahr gab es!!!
+
+„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ beschloß Herr
+Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen und Mantel ablegte. „Wir
+werden diesen Dingen sofort auf den Grund kommen, sofort!“
+
+Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser Held eine würdige Miene
+an und war eben im Begriff, in das nächstliegende Zimmer einzutreten,
+als er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und Busenfreund
+stieß.
+
+Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn Goljädkin den Älteren gar
+nicht zu bemerken, obgleich sie fast mit den Nasen aufeinander rannten.
+Herr Goljädkin der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu sein, er
+hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr geschäftige und
+offizielle Miene an, so daß ihm jeder am Gesicht ablesen konnte: „scht,
+ich bin kommandiert zu ganz besonderen Aufträgen ...“
+
+„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser Held und griff nach
+der Hand seines gestrigen Gastes.
+
+„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ rief Herr Goljädkin
+der Jüngere, und wollte davoneilen.
+
+„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch ...“
+
+„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei blieb der gestrige
+Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend vor diesem stehen und neigte sein
+Ohr zur Nase des anderen.
+
+„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, daß ich sehr erstaunt
+bin – über den Empfang ... einen Empfang, den ich durchaus nicht
+erwartet habe.“
+
+„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär Seiner Exzellenz, und
+darauf begeben Sie sich, wie es sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie
+haben wohl eine Bittschrift? ...“
+
+„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie setzen mich einfach in
+Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! Wahrscheinlich haben Sie mich nicht
+wiedererkannt oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen
+Heiterkeit Ihres Charakters.“
+
+„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, als hätte er erst
+jetzt Herrn Goljädkin den Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie
+haben Sie geruht?“
+
+Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein wenig offiziell, und
+zwar durchaus nicht, wie es sich gehörte (denn auf jeden Fall hätte er
+Herrn Goljädkin dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er aber
+lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte dabei hinzu, daß er
+seinerseits sehr froh darüber sei, daß Herr Goljädkin so gut geruht
+habe. Dann verneigte er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach
+rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte sich nach der
+Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er einen „ganz besonderen
+Auftrag“ habe, und schlüpfte ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er
+schon verschwunden.
+
+„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte unser Held, einen
+Augenblick starr vor Verwunderung, „da haben wir’s! Also so stehen die
+Sachen! ...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln über den Körper
+lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „übrigens habe
+ich das längst gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er in
+einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte ich’s noch, daß
+dieser Mensch in einem besonderen Auftrage ...“
+
+„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, Jakoff Petrowitsch?“
+fragte ihn Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich
+neben ihn setzte, „haben Sie sie hier?“
+
+„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher ganz verloren
+anschaute.
+
+„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch bereits zweimal
+nach ihnen verlangte, und weil es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden
+Augenblick einfordern werden ...“
+
+„Sie sind fertig ...“
+
+„Nun, gut, gut.“
+
+„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine Schuldigkeit getan, so
+wie es sich gehört, und, erfreut über die mir anvertrauten Arbeiten, wie
+ich zu sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“
+
+„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit sagen?“
+
+„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur erklären, Anton
+Antonowitsch, daß ich ... das heißt, ich wollte sagen, daß mitunter Neid
+und Bosheit niemanden verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche
+Beute suchen ...“
+
+„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, auf wen
+wollen Sie anspielen?“
+
+„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen Weg
+gerade gehe und einen krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant
+bin, und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken,
+gerechterweise stolz sein kann ...“
+
+„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie ich darüber denke, Ihrer
+Meinung vollständig zustimmen: doch erlauben Sie mir, Jakoff
+Petrowitsch, zu bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft
+nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – wenn Sie das zu
+tun wünschen, nun, so ist es Ihr freier Wille. Ich aber, mein Herr,
+lasse mir keine Unverschämtheiten ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin
+im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir auf meine alten
+Tage auch keine Frechheiten ... –“
+
+„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, Anton Antonowitsch, Sie
+scheinen, Anton Antonowitsch, mich nicht ganz verstanden zu haben.
+Erbarmen Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur auf Ehre
+versichern, daß ...“
+
+„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen bitten. Ich bin
+nach alter Art erzogen, und es ist für mich zu spät, nach Ihrer Art
+umzulernen. Für den Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es
+scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein Herr, besitze
+ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige untadelhafte Dienstzeit
+...“
+
+„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das meinerseits
+vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, ich habe von der Maske
+gesprochen, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Von der Maske?“
+
+„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, Anton Antonowitsch, daß
+Sie auch hier meine Gedanken anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie
+Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja nur meine
+Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, daß es jetzt selten Leute
+ohne Maske gibt, und daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen
+zu erkennen ...“
+
+„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so schwer. Manchmal ist es sogar
+sehr leicht und man braucht nicht weit zu suchen.“
+
+„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte ja nur für meine
+Person, daß ich mich nie einer Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn
+es die Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer
+Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen Leben, im
+übertragenen Sinne gesprochen, niemals maskieren würde. Das ist es, was
+ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“
+
+„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden jetzt keine Zeit
+dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, der von seinem Stuhle aufstand und
+einige Papiere zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. „Ihre
+Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung von selbst
+aufklären. Sie werden selbst sehen, wen Sie anzuklagen und wen Sie zu
+beschuldigen haben, mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den
+Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen ...“
+
+„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljädkin, ein wenig
+erbleichend, dem sich entfernenden Anton Antonowitsch noch nach, „ich,
+Anton Antonowitsch, habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht ...“
+
+„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte Herr Goljädkin zu sich
+selbst, als er allein geblieben war. „Woher weht denn dieser Wind, und
+was soll denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“
+
+In demselben Augenblick, als unser verdutzter und halbtoter Held sich
+vorbereitete, diese neue Frage zu beantworten, hörte man im Nebenzimmer
+ein Geräusch und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. Die Tür
+wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, der soeben in
+Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner Exzellenz gewesen war, erschien
+aufgeregt in der Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, der
+wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej Philippowitsch nicht
+warten lassen wollte, sprang von seinem Platz und bereitete sich vor, so
+wie es sich gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu
+überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch und ins Kabinett
+seiner Exzellenz zu tragen. Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej
+Philippowitsch vorüber, Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und
+stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger und sehr
+geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin den Älteren, der alles
+eher erwartete, als einen solchen Überfall ...
+
+„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz
+geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig sind?“ flüsterte eilig und kaum
+hörbar der Freund Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch
+erwartet Sie ...“
+
+„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete ihm Herr Goljädkin
+der Ältere gleichfalls eilig und flüsternd.
+
+„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff Petrowitsch, ich bin
+ganz anders, Jakoff Petrowitsch, und nehme herzlich Anteil ...“
+
+„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. Erlauben Sie,
+erlauben Sie, bitte ...“
+
+„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, Jakoff
+Petrowitsch, und in die dritte Seite legen Sie ein Zeichen, Jakoff
+Petrowitsch ...“
+
+„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“
+
+„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! Haben Sie den
+Tintenfleck bemerkt? ...“
+
+Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal nach Herrn
+Goljädkin.
+
+„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen Augenblick, hier, gleich
+... werter Herr, verstehen Sie kein Russisch?“
+
+„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, Jakoff
+Petrowitsch, überlassen Sie es lieber mir: rühren Sie selbst lieber gar
+nicht daran, Jakoff Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich
+werde mit dem Federmesser ...“
+
+Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach Herrn Goljädkin.
+
+„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Ich sehe hier überhaupt
+nichts ...“
+
+„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen Sie, hier! Erlauben
+Sie, ich habe ihn soeben gesehen, hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir
+nur erlauben wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus
+Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, mit dem Messer und
+aus aufrichtigem Herzen ... sehen Sie, so, so muß man’s tun ...“
+
+Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr Goljädkin der Jüngere
+Herrn Goljädkin den Älteren in einem sekundenlangen Kampfe, der sich
+zwischen ihnen entspann: und entschieden ganz gegen den Willen des
+letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte Papier, und statt aus
+aufrichtigem Herzen den Tintenfleck mit dem Messerchen zu entfernen, wie
+er treulos Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß er
+plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie unter den Arm, war
+in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, der von alledem nichts
+bemerkt hatte, und flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr
+Goljädkin der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, in den Händen
+das Federmesser, als ob er soeben etwas radieren wollte ...
+
+Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. Er konnte noch
+nicht zu sich kommen. Er fühlte wohl den Schlag, konnte sich aber über
+seine Folgen nicht klar werden. In schrecklicher und ganz
+unbeschreiblicher Verzweiflung riß er sich endlich von der Stelle los
+und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett seines Chefs, indem er
+unterwegs den Himmel anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden
+... Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs stieß er mit Andrej
+Philippowitsch und seinem Namensvetter fast mit der Nase zusammen. Beide
+kehrten schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej
+Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter Herrn
+Goljädkins des Älteren lächelte gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller
+Entfernung neben ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej
+Philippowitsch etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch wohlwollend
+seinen Kopf hin und her wiegte.
+
+Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache war, daß seine Arbeit,
+wie er nachher erfuhr, die Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen
+hatte und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. Seine Exzellenz
+waren äußerst zufrieden damit, und man sagte sogar, er habe sich bei
+Herrn Goljädkin dem Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei
+Gelegenheit nicht vergessen ... –
+
+Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun mußte, war – protestieren,
+aus allen Kräften protestieren, bis zum äußersten protestieren. Ohne
+sich zu besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej
+Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch vernommen hatte, daß
+die Angelegenheit eine Privatsache des Herrn Goljädkin sei, weigerte er
+sich, ihm Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, er habe
+kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen Augenblick Zeit übrig.
+
+Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit der Abweisung wirkten
+auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. „Besser, ich versuche es von
+einer anderen Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ Zum
+Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch Anton Antonowitsch nicht zu
+sprechen: auch er war irgendwie beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er
+mich, ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ dachte unser
+Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als Seine Exzellenz
+selbst anzurufen.“
+
+Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm der Kopf rund ging, wußte
+Herr Goljädkin nicht, wozu er sich entschließen sollte, und setzte sich
+an seinen Tisch.
+
+„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ dachte er
+ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat dürfte eine so verwickelte,
+dunkle Geschichte gar nicht möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn,
+und zweitens ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich hat
+mir alles nur so geschienen, oder es geschah in Wirklichkeit etwas ganz
+anderes. Wahrscheinlich war ich es selbst, der hinging ... und habe mich
+für den anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz unmögliche
+Geschichte.“
+
+Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, als Herr Goljädkin
+der Jüngere, beladen mit Papieren, die er in beiden Händen und unter dem
+Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte er Andrej
+Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, unterhielt sich mit noch
+jemandem, sagte sogar einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr
+Goljädkin der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden hatte, wollte
+er aller Wahrscheinlichkeit nach das Zimmer sofort wieder verlassen, als
+er zum Glück Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein paar jungen
+Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen auch mit ihnen zu sprechen
+begann. Herr Goljädkin der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als
+Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn Goljädkin des Älteren
+bemerkte, blickte er mit großer Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am
+schnellsten verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen
+Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten drängten sich um die beiden
+Titularräte und warteten gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere
+begriff sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, daß
+sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr mußte er sich selbst
+beherrschen ... Der Augenblick war entscheidend.
+
+„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren,
+ihn dreist anschauend.
+
+Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. „Ich weiß nicht, mein
+Herr,“ begann er, „wie ich Ihr sonderbares Betragen zu mir erklären
+soll.“
+
+„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin der Jüngere sah dabei
+im Kreise um sich und zwinkerte den anderen Beamten zu, als gäbe er
+ihnen das Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne.
+
+„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein verehrter Herr, spricht im
+vorliegenden Falle noch mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun
+könnten. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht schlecht ...“
+
+„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir mal, wie Sie geschlafen
+haben?“ antwortete Herr Goljädkin der Jüngere und sah Herrn Goljädkin
+dem Älteren gerade in die Augen.
+
+„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ sagte der Ältere
+vollständig fassungslos und fühlte dabei kaum mehr den Boden unter den
+Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“
+
+„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere, schnitt Herrn
+Goljädkin dem Älteren eine ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff
+ihn plötzlich ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine
+ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie ein Feuerbrand.
+
+Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin bemerkt, daß sein
+Gegner an allen Gliedern zitterte, dabei stumm vor Verwunderung und rot
+wie ein Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich zu einem
+Überfall auf ihn entschließen wollte – als er ihm auf die
+allerunverschämteste Weise zuvorkam. Er klopfte Herrn Goljädkin noch
+zweimal auf die Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm
+sein Spiel, während der andere immer noch unbeweglich und sprachlos vor
+Erstaunen dastand, zum nicht geringen Ergötzen der um sie herumstehenden
+Beamtenschaft. Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen Seele
+ging noch weiter, er klopfte schließlich Herrn Goljädkin den Älteren auf
+den vollen Magen und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln:
+
+„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine dummen Streiche, Jakoff
+Petrowitsch! Wir wollten ja zusammen Intrigen spinnen, Jakoff
+Petrowitsch, Intrigen.“
+
+Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke zu sich kommen konnte,
+lächelte Herr Goljädkin der Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu,
+setzte eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu Boden,
+kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte etwas über „einen
+besonderen Auftrag“, trippelte mit seinen kurzen Füßen davon und
+verschwand im Nebenzimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und
+konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen ...
+
+Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm klar, daß er beleidigt
+war, in gewissem Sinne verloren – daß sein Ruf beschmutzt und befleckt,
+er selbst in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden war,
+beschimpft von demjenigen, von dem er gestern noch gehofft hatte, daß er
+sein einziger, bester Freund werden würde, und er erkannte, daß er sich
+vor der ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht zum
+Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht lange, sondern –
+stürzte seinem Feinde nach, ohne auch nur an die Zeugen seiner
+Erniedrigung zu denken.
+
+„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ dachte er bei sich,
+„einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich
+auf.“ Doch kaum hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als
+er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb kehrte er um.
+
+„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du kommst mir noch in die
+Falle und wirst als Wolf Lämmertränen weinen!“ Mit wütender
+Kaltblütigkeit und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu
+seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder.
+
+„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er noch einmal.
+
+Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine passive Verteidigung,
+seine Haltung sah nach Entschlossenheit aus, und wer Herrn Goljädkin in
+diesem Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung mächtig
+seine Feder ins Tintenfaß steckte, und mit welcher Wut er seine Zeilen
+aufs Papier warf, der mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache
+nicht so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele faßte er
+einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens schwor er sich, ihn auch
+auszuführen. Dabei wußte er aber noch gar nicht so recht, wie er hier
+vorgehen sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch nichts
+Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, das war ja gleichgültig!
+
+„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter Herr, richten Sie in
+unserer Zeit nichts aus. Anmaßung und Unverschämtheit, mein verehrter
+Herr, führen nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka
+Otrepieff[14] allein, mein Herr, erdreistete sich, das blinde Volk durch
+Anmaßung und Unverschämtheit zu betrügen, und auch das gelang ihm nur
+auf sehr, sehr kurze Zeit.“
+
+Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr Goljädkin, zu warten,
+bis die Maske von manchen Gesichtern fallen und alles aufgedeckt werden
+würde. Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. Bis dahin
+wollte unser Held nichts unternehmen. Dann aber würde er zu Maßregeln
+greifen – dann würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er
+wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den „Hochmut zu fällen“ und
+die „kriechende Schlange ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte
+es doch nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, mit dem
+man schmutzige Stiefel reinigt! Das konnte er sich doch unmöglich
+gefallen lassen, besonders in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden
+nicht dieser letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er sich
+doch noch entschließen können, sich zu überwinden und zu schweigen, oder
+wenigstens nicht so erbittert zu handeln. Er hätte sich dann vielleicht
+nur ein wenig herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem Recht
+sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur ein wenig, nachgegeben, und
+dann noch ein wenig nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen
+ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner feierlich zugestanden
+hätten, daß er in seinem Recht sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher
+ausgesöhnt haben und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre
+daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, starke
+Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, als die gestrige,
+eine, durch die diese gestrige ganz verdunkelt worden wäre. So würde
+denn zuletzt die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, und
+die beiden Titularräte konnten froh und glücklich miteinander leben –
+hundert Jahre lang!
+
+Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin fing bereits an,
+ein wenig zu bereuen, daß er für sich und sein Recht zu weit gegangen
+sei und sich dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er
+nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, daß alles das nur
+Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte ihm verziehen, ganz und gar verziehen,
+zumal, wenn er es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen
+lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht von solchen Leuten. Oh,
+und daß gerade ein so verworfener Mensch den Versuch mit mir macht! Ich
+bin kein Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, unser Held
+war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein Herr sind an allem schuld!“
+Er beschloß also – zu protestieren, mit allen Kräften und bis zur
+letzten Möglichkeit – zu protestieren.
+
+Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, sich beleidigen und
+noch viel weniger, sich „als Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem
+so verkommenen Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, nein, nicht
+streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt hätte, Herrn Goljädkin „in
+einen Lappen“ zu verwandeln, wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz
+ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich selbst
+manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht Herr Goljädkin gewesen, sondern
+eben ... irgendein Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen,
+sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, allerdings ganz
+unverantwortlichen Gefühlen, Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten
+des Lappens steckten!
+
+Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. Endlich schlug es vier.
+Bald darauf erhoben sich alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause
+zu gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: es entging ihm
+aber nichts, er verlor denjenigen, den er suchte, nicht aus den Augen.
+Zuletzt sah unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern lief, die
+die Mäntel ausgaben. In der Erwartung des Mantels schwänzelte er nach
+seiner gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick war
+entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich irgendwie durch die Menge, da
+er nicht zurückbleiben wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel.
+Doch, natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, weil es ihm
+auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln.
+
+Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel um und blickte dabei
+Herrn Goljädkin dem Älteren ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn
+auf diese Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit gemäß,
+rings um, bändelte mit allen Beamten an, wahrscheinlich, um auf sie
+einen guten Eindruck zu machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem
+andern etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte einem vierten
+zu, reichte dem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe
+hinab. Herr Goljädkin der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner
+unbeschreiblichen Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten Stufe und
+packte ihn am Kragen seines Mantels.
+
+Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht zu sein und
+blickte mit verstörtem Gesicht um sich.
+
+„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich mit leiser Stimme
+Herrn Goljädkin zu.
+
+„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch sind, so werden Sie sich
+unserer freundschaftlichen Beziehungen von gestern erinnern,“ sagte
+unser Held.
+
+„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“
+
+Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin die Sprache.
+
+„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... Doch erlauben Sie mir,
+Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel sehr schlecht steht ...“
+
+„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete hastig jener, der
+sich auch Herr Goljädkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten
+ganz unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljädkin.
+Befreit stürzte er die Treppe hinunter, sah sich um und erblickte eine
+Droschke – er lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick
+den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. Unser
+verzweifelter und von allen verlassener Titularrat blickte sich zwar
+auch um, fand aber keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine
+Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und offenem Munde stützte
+er sich kraftlos und gebrochen an eine Straßenlaterne und stand so
+einige Augenblicke auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie
+vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ...
+
+
+ IX.
+
+Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn
+Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja
+er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen.
+Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als
+er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen
+Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht
+nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war
+offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr
+entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte
+sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach
+alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach
+nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr
+Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht
+ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er
+schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja,
+das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun,
+was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn
+die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“
+
+Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge;
+er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig
+und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle.
+
+Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für
+etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand
+gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen!
+
+Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um
+keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell
+wie möglich nach Haus.
+
+„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben
+Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was
+tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum
+letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“
+
+So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige
+Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen,
+bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen,
+fast eine Genugtuung.
+
+„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man
+mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand
+– und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du
+wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben
+– so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur
+eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der
+Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig
+gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen!
+Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu
+war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts
+erreicht, hier muß gehandelt werden.“
+
+Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als
+er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr
+aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus,
+wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief.
+
+Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr
+Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin,
+nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief
+hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm
+den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch
+irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit
+Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den
+Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht
+einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne
+weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete
+sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und
+die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er
+trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej
+Philippowitsch.
+
+„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er
+die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte
+ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache
+ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch
+nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an
+der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte
+nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen
+seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten
+Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und
+der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem
+Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür
+wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm,
+Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt
+und werde auch außer dem Hause speisen.
+
+„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei
+sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des
+Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein
+Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, –
+und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die
+Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen
+und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld
+anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin
+nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf
+Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter.
+
+„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in
+Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und
+vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß
+sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier
+herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr
+rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch
+– ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein
+fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und
+Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß
+also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich
+so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein
+Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie
+des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa _nicht_ anstellen, wenn das
+Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll
+man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst
+zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener
+und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid
+einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so
+gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut
+getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“
+
+„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel,
+wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja,
+und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn
+dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ...
+und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher
+nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es
+liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei
+Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes
+achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin
+hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich
+wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber
+überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu
+war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben
+werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt!
+Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, –
+so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein
+Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen
+schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn
+aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das
+nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der
+andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin
+der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein
+Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen;
+der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht
+boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s!
+Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt!
+
+Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das ist! ...“
+
+Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin und her überlegend,
+lief Herr Goljädkin immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, und ohne
+eigentlich zu wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er zu
+sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem Vorübergehenden so
+zusammenstieß, daß vor seinen Augen Funken sprühten. Herr Goljädkin
+wagte kaum den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung.
+Erst als der andere schon in einer bedeutenden Entfernung von ihm war,
+wagte er endlich seine Nase zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er
+sich eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade vor dem
+Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt hatte, bevor er sich
+zur Galatafel bei Olssuph Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held
+plötzlich ein mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte sich,
+daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm auch kein ähnliches Diner
+bevorstand, wie damals, und so lief er denn eilig die Treppe zum
+Restaurant hinauf, um so schnell wie möglich und unbemerkt eine
+Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig teuer
+war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn Goljädkin nicht im
+geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben, hatte Herr
+Goljädkin jetzt keine Zeit. Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag
+eine große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack eines
+verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett war daher ständig von
+einer Menge wartender Menschen belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem
+Eingießen, Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. Auch Herr
+Goljädkin mußte seine Zeit abwarten und streckte endlich seine Hand
+bescheiden nach einem Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er
+damit in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu und aß mit
+Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, legte das Tellerchen auf den
+Tisch und da er den Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben,
+machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: „hier liegt das
+Geld für eine Pastete usw.“
+
+„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ sagte der Kellner.
+
+Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie meinen Sie das? – Ich ...
+ich ... habe, glaube ich, nur eine Pastete genommen ...“
+
+„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten Bestimmtheit der
+Kellner.
+
+„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... Ich habe, glaube ich,
+wirklich nur eine Pastete genommen.“
+
+„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. Was Sie genommen haben,
+müssen Sie auch bezahlen – bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“
+
+Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien gehen mit mir jetzt
+wieder vor?“ dachte er. Der Kellner wartete gespannt auf Herrn
+Goljädkins Entschluß. Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit
+aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich in die Tasche, um
+den Silberrubel sofort zu bezahlen und von der Schuld loszukommen.
+
+„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde rot wie ein Krebs, „was
+ist denn auch dabei, wenn man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war
+eben hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß sie zu seiner
+Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, dabei ist doch nichts
+Lächerliches ...“
+
+Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen Ruck, er blickte auf
+und begriff sofort – das ganze Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür
+zum Nebenzimmer, hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht zu
+Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben Tür, die unser Held vorhin
+als Spiegelglas angesehen, stand ein Mensch, stand er, stand Herr
+Goljädkin selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer
+Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, der neue Herr Goljädkin.
+Dieser andere Herr Goljädkin befand sich offenbar in der allerbesten
+Laune. Er lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit dem Kopf,
+zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig hin und her und sah ganz so
+aus, als ob er, wenn man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer
+verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen würde ... – jede
+Verfolgung wäre vergebens gewesen! In seinen Händen befand sich noch das
+letzte Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen des Herrn
+Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in seinen Mund steckte.
+
+„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ dachte Herr Goljädkin und
+fühlte, wie er sich schämte. „Er hat es gewagt mich öffentlich
+bloßzustellen! Sieht ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich
+niemand zu bemerken ...“
+
+Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, als hätte er sich an ihm
+alle Finger verbrannt, und schien das freche Lächeln des Kellners gar
+nicht zu bemerken – dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit
+und Macht. Er drängte sich durch die Menge und stürzte zur Tür hinaus.
+
+„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders bloßgestellt wurde!“
+dachte Herr Goljädkin der Ältere. „Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem
+Schicksal, daß diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner wurde
+frech, aber er war doch in seinem Recht! Es kostete doch einen Rubel und
+zehn Kopeken, also war er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem
+etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“
+
+Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die Treppe hinabging. Kaum
+aber war er an der letzten Stufe angelangt, als er plötzlich wie
+angewurzelt stehen blieb und über und über errötete, daß ihm die Tränen
+in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun doch in seiner Eitelkeit
+verletzt. Als er eine Minute in dieser Weise unbeweglich dagestanden
+hatte, stampfte er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz von
+der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, ohne seine Müdigkeit
+zu fühlen, begab er sich nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße.
+
+Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die Zeit, seinen Mantel
+auszuziehen. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich häuslich
+niederzulassen und seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er
+war, auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück Briefpapier und
+begann mit vor innerer Erregung zitternden Händen folgenden Brief zu
+schreiben:
+
+ „Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+
+ Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die Umstände und Sie,
+ geehrter Herr, mich dazu nötigten. Glauben Sie mir, daß nur die
+ Notwendigkeit mich dazu zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen
+ einzutreten, darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung
+ nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein verehrter Herr zu
+ beleidigen, sondern – sondern als eine unumgängliche Folge der
+ Umstände, die uns zueinander in Beziehung gebracht haben.“
+
+ „So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben zu sein,
+ wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit ... Beleidigt kann er
+ sich dadurch nicht fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“
+ dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen.
+
+ „Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein geehrter Herr, in
+ der stürmischen Nacht, nach einem ausfallenden und rohen Benehmen
+ meiner Feinde gegen mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben
+ verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, die in
+ gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. Ihr hartnäckiges
+ Bestreben, mein geehrter Herr, mit aller Gewalt in mein Sein und in
+ meinen Lebenskreis einzudringen, übersteigt alle Grenzen der
+ Höflichkeit und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, Sie
+ daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie sich meiner Papiere
+ und meines Namens bedient haben, um sich bei der Regierung
+ einzuschmeicheln – um eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst
+ nicht verdient haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre
+ vorbedachte, beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen
+ Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. Und zuletzt, um
+ nicht alles zu sagen, möchte ich noch Ihre sonderbare Handlungsweise
+ im Restaurant mir gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die
+ unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich doch einen
+ heftigen Unwillen bei der Erinnerung an Ihre deutliche Absicht, mein
+ geehrter Herr, meiner Ehre zu schaden, und das noch dazu in
+ Gegenwart einiger Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar
+ aus der guten Gesellschaft waren ...“
+
+ „Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr Goljädkin. „Wird das
+ nicht zu viel sein? Ist das nicht beleidigend – diese Anspielung auf
+ die gute Gesellschaft zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen!
+ Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung
+ zum Schluß ein wenig schmeicheln, ihm Butter aufs Brot schmieren.
+ Wir wollen sehen.“
+
+ „Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem Brief nicht
+ belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Ihr edles Herz
+ und Ihr offener und gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen
+ werden, um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen ist.
+
+ In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu sein, daß Sie meinen
+ Brief nicht in beleidigendem Sinne auffassen werden, daß Sie aber
+ auch nicht verfehlen werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch
+ die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen.
+
+ In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, geehrter Herr, Ihr
+ gehorsamster Diener.
+
+ J. Goljädkin.“
+
+„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache wäre also erledigt: die
+Sache ging nun schon bis zu schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist
+schuld daran? Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so
+weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich bin in meinem
+Recht ...“
+
+Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief durchgelesen hatte, faltete
+er ihn zusammen, adressierte ihn und rief dann Petruschka. Petruschka
+erschien wie immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter
+Laune.
+
+„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst du?“
+
+Petruschka schwieg.
+
+„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, dort suchst du den
+diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär Wachramejeff.
+Wachramejeff hat heute den Tagdienst. Verstehst du das?“
+
+„Verstehe.“
+
+„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du fragst also nach
+dem Beamten Wachramejeff und sagst ihm: so und so, der Herr hat
+befohlen, Sie von ihm zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im
+Adressenregister unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat
+Goljädkin wohnt?“
+
+Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin schien, lächelte er.
+
+„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse und wo der
+neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: verstehst du?“
+
+„Ich verstehe.“
+
+„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser Adresse diesen
+Brief: verstehst du?“
+
+„Ich verstehe.“
+
+„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief bringst, so wird
+dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, Herr Goljädkin also ... Was
+lachst du, Schafskopf?“
+
+„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich habe nichts ...
+unsereins hat nichts zu lachen ...“
+
+„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen sollte, wie es mit deinem
+Herrn steht ... wenn er dich also irgendwie ausfragen möchte – so
+schweigst du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, er bittet um
+eine schriftliche Antwort auf seinen Brief.‘ Verstehst du?“
+
+„Verstehe.“
+
+„Also, fort mit dir.“
+
+„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! Er lacht. Warum lacht
+er denn? Es wird von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das
+schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles zum Guten
+wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher jetzt noch zwei Stunden
+herumtreiben oder überhaupt nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja
+nirgendwohin schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch ein Unglück!
+...“
+
+Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines ganzen Unglücks, zu
+der passiven Rolle einer zweistündigen Erwartung Petruschkas. Eine
+Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder
+seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf legte er sich auf den
+Diwan, griff dann wieder zur Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf
+und ab ... Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken nicht
+zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden Zustand nicht
+länger, und Herr Goljädkin beschloß bei sich, lieber wieder zu handeln.
+
+„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ dachte er, „ich
+kann also den Schlüssel dem Hausknecht geben – und selbst werde ich
+unterdessen ... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits etwas für
+sie tun.“
+
+Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach seinem Hut, verließ
+das Zimmer, schloß seine Wohnung zu, ging zum Hausknecht, händigte dem
+den Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld – Herr Goljädkin
+wurde in letzter Zeit ungeheuer freigebig – und ging – ging, wohin ihn
+der Weg führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke.
+
+Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das Ziel seiner Wanderung
+erreicht hatte, ging er geradeaus auf den Hof des ihm bekannten Hauses
+und blickte zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff
+hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten Vorhängen verhangenen
+Fenstern waren die übrigen alle dunkel.
+
+„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine Gäste,“ dachte Herr
+Goljädkin, „sie werden wohl jetzt allein zu Hause sitzen.“
+
+Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden hatte, wollte er
+sich augenscheinlich zu etwas entschließen. Aber es sollte anders
+kommen. Herr Goljädkin winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf die
+Straße.
+
+„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was soll ich denn hier machen?
+... Ich werde besser tun ... selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit
+diesem Entschluß begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der Weg
+war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig und nasser Schnee fiel
+in dichten Flocken, doch für unseren Helden schien es keine Hindernisse
+mehr zu geben. Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar durchnäßt und
+beschmutzt, „wenn schon, denn schon: das heißt, wenn man das Ziel
+erreichen will!“ Und Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem
+Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes stieg in der
+Ferne vor ihm auf.
+
+„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde ich hier machen? Nehmen
+wir an, ich erfahre, wo er wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits
+zurückgekehrt sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich verliere nur
+meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. Nun, tut nichts, man kann alles
+wieder gut machen ... Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen!
+Aber so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich muß immer
+vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr ist es? Sicherlich schon neun Uhr.
+Petruschka könnte kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe
+wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... Ach, wirklich,
+diese Konfusion!“
+
+Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung gekommen war, daß er
+eine Dummheit begangen, lief er sofort zurück zu seiner
+Schestilawotschnaja-Straße. Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und
+erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht einmal daran gedacht
+hatte, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.
+
+„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser Held: „Und dabei ist es
+schon neun Uhr! Solch ein Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr
+du meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen Lohn bezahlt, damit
+er Geld in den Händen hat.“
+
+Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine Wohnung auf, machte
+Licht, kleidete sich aus, steckte seine Pfeife an und müde, zerschlagen,
+hungrig, wie er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf den
+Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht flackerte an den Wänden
+... Herr Goljädkin starrte vor sich hin, dachte und dachte und schlief
+endlich ein, wie tot.
+
+Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt und flammte
+noch hin und wieder auf, um dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin
+sprang auf, ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, mit
+einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte man Petruschka
+schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans Fenster – nirgendwo ein Licht zu
+sehen. Er öffnete das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief.
+Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, die Uhr hinter dem
+Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin stürzte in den Verschlag.
+
+Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es ihm, Petruschka zu
+wecken und ihn im Bett aufzurichten. In diesem Augenblick verlöschte das
+Licht vollkommen. Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin ein
+anderes Licht fand und es anzündete. In der Zeit war aber Petruschka von
+neuem eingeschlafen.
+
+„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn Herr Goljädkin und
+rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du wohl aufwachen, wirst du wohl
+aufstehen!“ Nach halbstündiger Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin,
+seinen Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem Verschlag
+herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, daß Petruschka vollkommen
+betrunken war und sich kaum auf den Füßen halten konnte.
+
+„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du Lump! Am liebsten würdest
+du mir wohl, weiß der Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den
+Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus ihm geworden ... Und
+warum habe ich ihn geschrieben? Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz.
+Wozu stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon ... Und du, du
+Räuber, wohin hast du den Brief gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben?
+...“
+
+„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und habe überhaupt keinen Brief
+gehabt ... so ist’s!“
+
+Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung.
+
+„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“
+
+„Ich höre ...“
+
+„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“
+
+„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin ich gegangen! Was ist denn
+dabei?“
+
+„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst du zuerst? Warst du in der
+Kanzlei? ... Du, höre mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“
+
+„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der Stelle ...“
+
+„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich fragte ja
+nur so ... gut, gut, daß du betrunken bist: ich meinte ja nur,
+Petruschka ... Du hast vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst
+dich jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff –
+warst du oder warst du nicht?“
+
+„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar nicht. Und wenn man mich
+auch sogleich ...“
+
+„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja nichts. Du siehst
+doch, daß ich nichts ... Nun, was ist denn dabei? Nun, draußen war es
+kalt, feucht und der Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das
+besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst habe heute etwas
+getrunken, mein Lieber. Gestehe es nur ein, denke nur nach, mein Lieber,
+warst du heute beim Wachramejeff?“
+
+„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich war da ... und wenn ich
+auch sogleich ...“
+
+„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen bist. Siehst du, ich
+ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ fuhr unser Held fort, seinen Diener
+aufzurütteln, schüttelte ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun,
+und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, nur ein wenig
+... für zehn Kopeken ein Schlückchen? Du Saufbold! Nun, tut nichts.
+Siehst du, daß ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse
+darüber, mein Lieber ...“
+
+„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein Saufbold. Bei guten
+Menschen bin ich gewesen, denn ich bin kein Säufer, bin niemals ein
+Säufer gewesen ...“
+
+„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich will dich ja auch gar
+nicht schimpfen, wenn ich dich einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur
+zur Beruhigung gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es dir
+gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne schimpft, so fühlt er
+sich geschmeichelt, Petruschka. Ein anderer liebt es sogar! ... Nun,
+Petruschka, sage mir jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du
+beim Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“
+
+„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. Ein guter Beamter ist
+er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, ‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und
+also sage ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und sage
+ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein Herr,‘ sagt er, ‚ein
+guter Mensch ist, und du, Petruschka, bist auch ein guter Mensch, siehst
+du‘ ...“
+
+„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! Judas du!“ Die letzten
+Worte sprach Herr Goljädkin fast flüsternd.
+
+„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“
+
+„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, der Titularrat Goljädkin?“
+
+„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. So wie
+du in die Schestilawotschnaja eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts
+die Treppe hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin
+...‘“
+
+„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich die Geduld verlor:
+„Du Taugenichts! Das bin doch ich, das bin ja ich, von dem du sprichst.
+Da ist aber ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche ich,
+du Räuber, du!“
+
+„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie Sie wollen! ...“
+
+„Aber der Brief, der Brief? ...“
+
+„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich habe keinen Brief
+gesehen.“
+
+„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, du!?“
+
+„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. ‚Grüße ihn,‘ sagt
+er, ‚grüße und danke deinem Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“
+
+„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das gesagt?“
+
+Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er übers ganze Gesicht und
+sah seinem Herrn gerade in die Augen.
+
+„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, schnaubend vor Wut, „was
+hast du mit mir gemacht? Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht?
+Du hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen Kopf von den
+Schultern gerissen. So ein Judas!“
+
+„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ sagte in bestimmtem Tone
+Petruschka und zog sich hinter seine Scheidewand zurück.
+
+„Komm her, hierher, du Räuber! ...“
+
+„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt nicht mehr. Was
+geht’s mich an! Ich gehe zu den guten Menschen ... Gute Menschen, die
+ehrlich und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ Herrn
+Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und der Atem ging ihm aus ...
+
+„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht doppelt und beleidigen
+nicht Gott und die Menschen!“
+
+„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe jetzt lieber schlafen, du
+Räuber! Aber morgen werde ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr
+Goljädkin mit kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch etwas:
+dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett legte, daß es in allen
+Fugen krachte, wie er laut gähnte und sich ausstreckte, und dann, wie
+man sagt, den Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte.
+
+Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das Betragen Petruschkas,
+seine sonderbaren, wenn auch sehr entfernten Anspielungen, über die man
+sich „folglich nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er betrunken
+war, und schließlich die ganze bösartige Wendung, die die Sache nahm –
+alles das erschütterte Herrn Goljädkin bis auf den Grund.
+
+„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu wecken?“ fragte sich
+unser Held, am ganzen Körper vor krankhafter Erregung zitternd, „und was
+plagte mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! Und was kann
+man denn von einem betrunkenen Menschen erwarten? Jedes Wort ist ja
+gelogen! Worauf spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, mein
+Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich Selbstmörder,
+ich Selbstmörder! Konnte ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn
+geschehen? Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. Wenn aber
+meine Ehre leidet – seine Ehre muß man doch retten! Ach, ich
+Selbstmörder, ich!“
+
+So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan sitzend, und wagte sich vor
+Furcht kaum zu bewegen. Plötzlich fielen seine Augen auf einen
+Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der
+Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner Phantasie sein,
+wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst und unbeschreiblicher Neugier, seine
+Hand danach auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war
+Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, ein wirklich an
+ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin griff nach dem Brief auf dem
+Tisch. Sein Herz schlug heftig.
+
+„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ dachte er, „hat ihn
+dort hingelegt und ihn dann vergessen; so wird es wohl gewesen sein,
+sicher wird es so gewesen sein ...“
+
+Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten und ehemaligen Freunde
+Goljädkins.
+
+„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser Held, „und alles, was
+im Briefe hier stehen wird, habe ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief
+lautete folgendermaßen:
+
+ „Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+
+ Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts Gescheites aus ihm
+ herausbringen. Aus dem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu
+ antworten.
+
+ Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit bin, Ihren
+ Auftrag, den mir übergebenen Brief an eine gewisse Person zu
+ befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit und Treue auszuführen. Diese
+ Person, die Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener
+ Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich möchte nicht
+ unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen schaden!) wohnt mit uns
+ zusammen in der Wohnung Karolina Iwanownas, und zwar in demselben
+ Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, der
+ Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person gehört zu den
+ ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges Herz haben, was man
+ bekanntlich nicht bei allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen
+ beabsichtige ich von heute ab vollständig abzubrechen, in dem
+ freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher miteinander
+ verkehrten, können wir nicht mehr zueinander stehen, und darum bitte
+ ich Sie, sehr geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen
+ Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei Rubel für das
+ Rasiermesser ausländischen Fabrikats, das ich Ihnen verschaffte, zu
+ schicken. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich es Ihnen bereits
+ vor sieben Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu der
+ Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina Iwanowna lebten, die ich
+ von ganzem Herzen achte und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da
+ Sie, nach der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung und
+ Ihren guten Ruf verloren haben und der Verkehr mit Ihnen für junge,
+ sittsame und unverdorbene Menschen daher sehr gefährlich geworden
+ ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und dazu sind ihre
+ Worte falsch und ihre wohlanständige Haltung ist verdächtig. Es wird
+ immer Leute geben, die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna
+ annehmen werden, die stets von gutem Betragen und eine ehrbare Dame
+ gewesen ist und die dazu ein Mädchen, wenn auch nicht von jungen
+ Jahren, so doch aus anständiger ausländischer Familie ist. Man hat
+ mich gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe beiläufig in
+ Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall werden Sie schon alles zu
+ seiner Zeit erfahren, falls Sie es bis jetzt noch nicht erfahren
+ haben sollten, obgleich Sie nach Aussagen verständiger Leute an
+ allen Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und wenigstens
+ an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, geehrter Herr, erhalten
+ können.
+
+ Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter Herr, daß die
+ Ihnen bekannte Person, deren Namen ich aus wohlbegründeten Ursachen
+ hier nicht erwähnen möchte, von allen wohlgesinnten Menschen sehr
+ geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, heiterem Charakter,
+ in ihrem Beruf wie unter den Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort
+ und jeder Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt
+ und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher Beziehung
+ befindet.
+
+ Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener
+
+ N. Wachramejeff.
+
+ P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker und wird Ihnen
+ aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu schaffen machen. Nehmen Sie
+ doch Eustachius, der früher hier bei mir diente und gegenwärtig
+ stellenlos ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch
+ ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina Iwanowna
+ ein Pfund Zucker zu billigerem Preise verkauft, das er, meiner
+ Meinung nach, nur in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von
+ Ihnen gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich Ihnen
+ Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche Personen nur zu
+ beleidigen und die Menschen zu betrügen verstehen, besonders
+ anständige Leute von gutem und ehrlichem Charakter. Außerdem
+ versuchen sie diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und
+ zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht rechnen
+ können.
+
+ W.“
+
+Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs gelesen hatte, blieb er noch
+lange unbeweglich auf seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den
+dichten, rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit zwei Tagen
+umgab. Unser Held fing allmählich an, alles, alles zu begreifen ... Er
+versuchte sich vom Diwan zu erheben und einige Male durch das Zimmer zu
+gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten Gedanken zu sammeln
+und sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren – um dann
+reiflich seine Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte,
+fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan zurück.
+
+„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was schreibt er denn und was
+ist der Sinn seiner Worte? Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt
+das alles? Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt wird
+das und das, ich würde es sofort tun! Der ganze Gang der Sache ist ein
+so unangenehmer! Wenn es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache
+annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen würde. So und so,
+sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft zu kommen, doch meine Ehre gebe
+ich nicht preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme
+Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? Und warum hat
+sie sich da hineingemischt? Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis
+dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! Die
+Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! Jetzt, zum Beispiel, sollte ich
+da nicht einen Brief schreiben: so und so, und das und das, bin damit
+und damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die Sonne aufgeht,
+oder noch früher ... werde ich von der anderen Seite entgegenarbeiten
+und den Burschen zuvorkommen ... Sie werden nur lästern über mich, ja,
+und das ist alles!“
+
+Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die Feder und schrieb
+folgende Antwort auf den Brief des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff:
+
+ „Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch!
+
+ Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung las ich Ihren für mich
+ so beleidigenden Brief, denn ich habe wohl verstanden, daß Sie mit
+ den nicht wohlanständigen, falschen und lügnerischen Personen mich
+ bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe ich, wie schnell
+ und wie tief die Verleumdung Wurzeln gefaßt hat, zum Schaden meines
+ Wohlergehens, meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so
+ beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich wohlmeinende
+ Leute und hauptsächlich die, welche mit einem offenen und geraden
+ Charakter begabt sind, sich von dem Leben anständiger Leute abwenden
+ und an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie es Menschen
+ führen, welche in jener Sittenlosigkeit versunken sind, die zum
+ Unglück unserer Zeit unter uns so schädliche Früchte zeitigt.
+
+ Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für meine heilige
+ Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von zwei Rubeln unverzüglich
+ zurückzuerstatten.
+
+ Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, in bezug auf
+ eine sehr bekannte Person weiblichen Geschlechts und in bezug auf
+ die Absichten, Berechnungen und verschiedenen Ränke dieser Person,
+ so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß ich alle diese
+ Anspielungen bloß halbwegs verstanden habe. Erlauben Sie mir auch,
+ geehrter Herr, meine anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen
+ unbefleckt zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf
+ persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche Erörterung
+ der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls bin ich zu friedlicher,
+ gegenseitiger Verständigung bereit. Daher ersuche ich Sie, sehr
+ geehrter Herr, meine Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache
+ dieser Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den Ort des
+ Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir schmerzlich, mein geehrter
+ Herr, Ihre Anspielungen zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre
+ frühere Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten Sinne
+ über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese Mißverständnisse
+ schnöder Verleumdung, dem Neid mir gegenüber zu, und zwar
+ derjenigen, die ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen
+ kann. Aber wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld durch
+ sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit und
+ Frechheit früher oder später zu einer allgemeinen Verachtung führt,
+ die sie treffen wird, und daß solche Personen durch ihre eigenen
+ schlechten Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde
+ gehen müssen.
+
+ Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen Personen zu
+ sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung und ihre unedlen phantastischen
+ Wünsche und Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, die
+ sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen und Bedauern
+ erweckt und sie selbst für das Irrenhaus reif macht. Überdies sind
+ solche Bestrebungen durch das Gesetz strengstens verboten, was
+ meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder mit seiner
+ eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles hat seine Grenzen, und
+ wenn das ein Scherz sein soll, so ist es ein unwürdiger Scherz, ich
+ sage mehr: ein unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein
+ geehrter Herr, daß meine Anschauung über die Stellung eines jeden
+ hier auf Erden auf ethischen Voraussetzungen beruht.
+
+ In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein
+
+ Ihr gehorsamer Diener
+ J. Goljädkin.“
+
+
+ X.
+
+Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages Herrn Goljädkin
+bis auf den Grund seines Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief
+sehr schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf Minuten
+wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte irgendein mutwilliger Schelm
+ihm geschnittene Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht
+verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt von der einen
+Seite auf die andere. Schlief er einmal – stöhnend, ächzend – auf einen
+Augenblick ein, so erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das
+war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, unklaren
+Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, mit einem Wort von allem,
+was es nur an Unangenehmem geben kann ... So erschien ihm in
+rätselhaftem Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, eine
+trockene Erscheinung, mit bösem Blick und gefühllos höflicher
+Sprechweise ... Als aber Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej
+Philippowitsch zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, „so
+oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er
+durchaus nicht so sei, wie seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr
+ein ganz anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen
+Fähigkeiten noch diese und jene besitze – da erschien plötzlich eine ihm
+durch ihre übelwollende Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein
+empörendes Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen des Herrn Goljädkin
+vereitelt, und Herr Goljädkin sah vor seinen eigenen Augen seine Würde
+und seine Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz gezogen,
+während diese Person seine, jawohl, seine Stellung im Dienst wie in der
+Gesellschaft einnahm. Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung
+eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem erhalten und
+demütig hingenommen hatte: war es nun im gewöhnlichen Leben oder in
+dienstlicher Angelegenheit gewesen – jedenfalls war es unmöglich, gegen
+diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen oder zu leugnen ...
+Während aber Herr Goljädkin sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum
+es denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber zu wehren – ging
+der Nasenstüber unmerklich in eine andere Form über – in die Form einer
+ziemlich bekannten, kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, die
+er gesehen oder gehört oder selbst unlängst vollbracht hatte, und zwar
+nicht etwa aus schlechter Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb,
+sondern so – nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht auch
+aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, und schließlich, weil ...
+weil, nun, Herr Goljädkin wußte sehr gut, warum!
+
+Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, und weil er sich
+beherrschen wollte, murmelte er vor sich hin, daß man, zum Beispiel,
+jetzt Charakterfestigkeit zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was
+Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie auffassen solle.
+
+Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin und versetzte ihn
+in Wut, daß gerade in diesem Augenblick, gerufen oder ungerufen, die
+Person auftauchte, die ihm in ihrer fast karikaturenhaften
+Abscheulichkeit nur zu bekannt war, und ihm, obwohl ihm damit gar nichts
+Neues, sondern nur zu Bekanntes gesagt wurde, mit einem bösartigen
+Lächeln zuflüsterte: „Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche
+Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, wohl
+aufzuweisen! ...“
+
+Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er sich in einer prächtigen
+Gesellschaft befände, die sich durch Geist und den vornehmen Ton aller
+anwesenden Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits
+durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, daß alle ihn
+liebten, sogar einige seiner Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan
+zeigten, was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm alle den
+Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit Vergnügen anhören durfte, wie
+der Wirt einen seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes über
+Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir nichts dir nichts,
+erschien wieder dasselbe mißvergnügte und mit wahrhaft tierischen Zügen
+begabte Gesicht des Herrn Goljädkin _junior_ und zerstörte den ganzen
+Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin _senior_, verdunkelte seine
+glänzende gesellschaftliche Erscheinung, trat ihn abermals in den
+Schmutz und bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, daß der
+wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche sei, sondern ein
+nachgemachter, während er, er selbst, der wirkliche wäre ... Herr
+Goljädkin der Ältere aber, der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige,
+als der er erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich habe
+er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so trefflicher Leute
+von gutem Ton zu gehören!
+
+Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin der Ältere vor
+Erstaunen nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch
+zusehen konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem abscheulichen
+und falschen Herrn Goljädkin hingegeben hatten und sich mit der tiefsten
+Verachtung von ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin,
+abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf die unbedeutendste der
+ganzen Gesellschaft, bei der sich nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit
+seinen süßen Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt
+hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit gemäß, Weihrauch
+ausstreute, angenehmen und süßduftenden Weihrauch, so daß die auf diese
+Weise angeräucherten Personen bis zu Tränen niesen mußten – zum Zeichen
+ihres höchsten Vergnügens.
+
+Und was die Hauptsache war – alles das geschah in einem Augenblick: die
+Geschwindigkeit des Vorgangs war erstaunlich! Kaum gelang es dem
+falschen Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm auch
+schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen – und im selben
+Augenblick stand er auch schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin,
+schmeichelte her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem ein
+Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm mit seinen kurzen, runden,
+übrigens recht steifen Beinchen – und siehe da, schon machte er einem
+Neuen den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund konnte man kaum
+öffnen, nicht aus dem Erstaunen heraus konnte man kommen, und er war
+schon bei einem vierten, und mit diesem vierten in denselben
+Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es zu sein! Und alle
+waren sie entzückt von ihm und alle liebten ihn und bemühten sich um
+ihn. Alle wiederholten im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein
+blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die Liebenswürdigkeit
+und der Geist des anderen Herrn Goljädkin, und beschämten dadurch diesen
+wirklichen und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich von dem
+wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den wohlgesinnten Herrn Goljädkin,
+den durch seine Nächstenliebe bekannten echten Herrn Goljädkin mit
+Puffern und Nasenstübern einfach hinaus! ...
+
+Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte Herr
+Goljädkin auf die Straße und wollte sich eine Droschke nehmen, um
+geradewegs zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, dann
+doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o Schrecken! Der
+Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn Goljädkin aufzunehmen, „wie,
+Herr, kann man einen Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter
+Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber nicht so wie Sie –
+nicht ... irgendwie – doppelt!!“
+
+Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen ehrenwerte Herr Goljädkin
+sich um, und konnte sich so selbst und mit seinen eigenen Augen
+überzeugen, daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar
+mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht waren, denn der andere, der
+nichtsnutzige Herr Goljädkin stand in der Tat in greifbarer Nähe neben
+ihm und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er auch hier, in
+diesem kritischen Augenblick, im Begriff, etwas sehr Gemeines zu tun,
+etwas, das allerdings keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch
+Erziehung erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine Form, keinen
+Takt, mit denen der widerwärtige Herr Goljädkin der Zweite doch bei
+jeder Gelegenheit zu prahlen pflegte.
+
+Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung floh der unglückliche
+und ehrenwerte Herr Goljädkin von dannen, floh, lief, wohin ihn seine
+Füße trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch bei jedem
+Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag seiner Füße auf das harte
+Trottoir, sprang wie aus der Erde hervor, ein ebensolcher Herr
+Goljädkin, jener andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose,
+abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum, daß
+sie erschienen, einer dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette,
+wie einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter Herrn
+Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich war, ihnen zu
+entfliehen, so daß dem bedauernswerten Herrn Goljädkin der Atem stockte,
+so daß zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich
+ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt war und ein
+Polizist, der diese Störung der öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte,
+sich veranlaßt sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und sie
+auf die Wache zu führen ...
+
+Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser Held und gebannt und
+erstarrt vor Schrecken fühlte er sich auch noch im wachen Zustande nicht
+besser. Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte ein Gefühl, als
+ob ihm jemand das Herz aus der Brust risse ...
+
+Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger aushalten. „Das darf nicht
+sein!“ rief er mit Entschlossenheit aus, und erhob sich vom Bett,
+woraufhin er vollständig wach wurde.
+
+Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. Im Zimmer war es ganz
+außergewöhnlich hell. Die Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen
+Fensterscheiben und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, was
+Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. Denn nur zu Mittag konnte die
+Sonne zu ihm hineinsehen, und zu anderer Stunde war so etwas, soweit
+Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. Während unser Held
+noch ganz verwundert darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem
+Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie gleich darauf schlagen
+werde.
+
+„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und horchte auf, in gespannter
+Erwartung ... Doch zu seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und
+schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für eine Geschichte?“
+rief unser Held aus und sprang jetzt endgültig aus dem Bett. Wie es
+schien, traute er seinen eigenen Ohren nicht und lief hinter den
+Verschlag. Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin blickte auf
+Petruschkas Bett, doch im Zimmer war von Petruschka keine Spur zu sehen.
+Sein Bett war augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel
+waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, daß Petruschka
+wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war
+verschlossen.
+
+„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, in schrecklicher
+Erregung, an allen Gliedern zitternd. Plötzlich kam ihm ein Gedanke ...
+Herr Goljädkin stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig:
+sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... Petruschka war
+auch nicht im Verschlag ... die Uhr war eins ... und im gestrigen Brief
+von Wachramejeff waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten Blick
+sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn jetzt vollkommen
+aufklärten ... Also auch Petruschka war erkauft worden! Das war es!
+
+„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von Ränken und Verrat!“ rief
+Herr Goljädkin aus, schlug sich an die Stirn und riß immer noch mehr die
+Augen auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt sich
+die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat mich nur höchst geschickt
+ablenken wollen, indem sie mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen
+schlug sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in dieser
+Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! Wenn man die Sache von
+dieser Seite betrachtet, dann ist es eben so! Und die Erscheinung dieses
+Taugenichts ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum anderen.
+Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und für den schwarzen Tag zurecht
+gemacht. So also ist’s, wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das
+nur gekommen? Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! ...“
+
+Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken daran, daß es
+bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. „Wie, wenn es ihnen inzwischen
+gelungen ...“ Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein,
+nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch sehen ...“ Er
+kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff Papier und Feder und schrieb
+folgenden Brief:
+
+ „Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+
+ Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz unmöglich! Und darum
+ erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbarer, lächerlicher und unsinniger
+ Wunsch, sich für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts
+ anderem führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. Ich bitte Sie
+ daher, und um Ihres eigenen Vorteils willen, ehrenwerten Leuten mit
+ wohlgesinnten Absichten den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin
+ ich bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. Ich lege
+ die Feder hin und warte ... Im übrigen stehe ich zu Ihrer Verfügung
+ – auch mit der Pistole.
+
+ J. Goljädkin.“
+
+Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben
+beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf,
+öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die
+Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber
+nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät.
+Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein
+scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn
+Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male
+eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die
+Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein
+Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für
+einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die
+schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der
+offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr
+denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held,
+diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte
+Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll
+auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter
+einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann
+unser Held ihn auszufragen.
+
+„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“
+
+„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“
+
+„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie
+steht es denn, mein Lieber?“
+
+„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den
+Mund.
+
+„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht
+etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“
+
+„Er ist hier.“
+
+„Und die Beamten sind auch hier?“
+
+„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“
+
+„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“
+
+„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor
+den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an.
+Wenigstens schien es unserem Helden so.
+
+„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“
+
+„Nein, gar nichts, gar nichts.“
+
+„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu
+hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“
+
+„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der
+Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar
+an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs
+herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in
+ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener,
+fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel
+Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in
+seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an?
+Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen?
+Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich
+werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld
+gekommen war.
+
+„Hier, mein Lieber ...“
+
+„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„Ich werde dir noch mehr geben.“
+
+„Schön, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache
+beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“
+
+Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah
+ihn unbeweglich an.
+
+„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“
+
+„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt
+wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr
+Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die
+Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen,
+kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das
+Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an.
+
+„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“
+
+„Bis jetzt noch nichts.“
+
+„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“
+
+„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“
+
+„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“
+
+„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„War Wachramejeff gestern hier? ...“
+
+„Ja, er war hier.“
+
+„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“
+
+Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar
+fiel ihm nichts ein.
+
+„Nein, es war sonst niemand hier.“
+
+„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.
+
+„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“
+
+„Zu Befehl.“
+
+„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“
+
+„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf
+Herrn Goljädkin.
+
+„Wie das, ... gut –?“
+
+„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher.
+Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.
+
+„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über
+Wachramejeff?“
+
+„Ja, alles ganz wie früher.“
+
+„Denke mal nach.“
+
+„Ja, man sagt ...“
+
+„Nun, was denn? ...“
+
+Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.
+
+„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“
+
+„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die
+Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch
+hingehen und fragen?“
+
+„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich
+meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt,
+ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da
+etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich
+wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür
+danken, mein Lieber ...“
+
+„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch
+ein.“
+
+„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“
+
+„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“
+
+„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein
+Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein
+Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber,
+glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“
+
+„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie
+gehen heute nicht hin?“
+
+„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu
+sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“
+
+„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und
+Herr Goljädkin blieb allein.
+
+„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht
+jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten
+einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt
+weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen
+hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch
+hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er
+ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich
+haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht
+Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff!
+Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt.
+Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den
+Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem
+Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan
+Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne
+einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina
+Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier,
+mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie
+gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle
+jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens
+ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in
+der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu
+wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?
+
+Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel,
+wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden
+ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer
+dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan
+Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher
+Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht
+ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das
+fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“
+
+Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als
+hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für
+ihn sehr Unangenehmes.
+
+„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich
+stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben
+sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und
+auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein
+Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht
+tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen
+mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er
+verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew.
+Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“
+
+Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen
+und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf
+die Straße.
+
+„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich.
+Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr
+Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem
+Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm
+mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken,
+wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er
+ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen,
+und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein
+stellen.
+
+„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn
+Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne
+Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.
+
+„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch
+sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der
+Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu
+bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin
+sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war
+das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah:
+nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen
+Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen.
+„Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held.
+„Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“
+
+„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du,
+mein Lieber? ...“
+
+„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn
+was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“
+
+„Und Ostaffjeff?“
+
+„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist
+schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine
+Zeit.“
+
+„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“
+
+„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen
+... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff
+Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“
+
+„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen
+Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“
+
+„Gut!“
+
+„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“
+
+„Goljädkin?“
+
+„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“
+
+„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben
+hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“
+
+„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit
+mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich
+werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort
+werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich
+benachrichtigen, verstehst du?“
+
+„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“
+
+„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin
+dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte.
+
+„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und
+schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das
+ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er
+sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und
+Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher
+Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts
+... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“
+
+Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die
+Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen
+Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst
+bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet
+wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der
+Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der
+Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten
+weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich
+gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe
+befand.
+
+„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen
+hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne
+Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher
+noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn
+Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich
+nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf.
+
+„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine
+Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held
+unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken,
+doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er
+gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie
+es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er
+seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus.
+
+Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel.
+Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend.
+Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen.
+Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt.
+Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln
+begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten
+die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer
+Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten
+sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der
+allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten
+im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am
+Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen.
+
+Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte
+Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen
+zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw.
+Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame
+Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte,
+Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte
+ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich
+ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach
+um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn
+Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend,
+halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur
+erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen
+umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich
+um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten
+sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an.
+
+Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und
+bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken.
+Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man
+sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.
+
+In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und
+gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick –
+erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit
+einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als
+der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit
+leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er
+schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen
+und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte.
+Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien:
+„Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem
+die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten,
+erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz
+beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er
+mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund,
+küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn
+Goljädkin dem Älteren geträumt hatte.
+
+Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und
+für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er
+nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht
+bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und
+auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den
+Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und
+ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste,
+freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer
+Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob
+unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine
+Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in
+seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit
+spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere,
+bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich
+die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.
+
+Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie
+groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als
+sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der
+Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen
+Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit
+unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand
+Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm
+seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas
+Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit
+einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog
+auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste
+Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des
+Herrn Goljädkin befunden hatten.
+
+Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner
+niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein
+Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen
+und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von
+Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen.
+
+Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien
+jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar
+die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch
+und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren
+nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener
+Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte
+Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich
+von neuem zugunsten seines Todfeindes.
+
+„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den
+jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der
+ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten
+Herrn Goljädkin.
+
+„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität
+fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser
+nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein
+williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen
+Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser
+Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er
+hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und
+einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren,
+wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner
+Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der
+soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch
+noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte
+unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen,
+kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich
+rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der
+über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war.
+
+„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der
+Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter
+anzuhören.
+
+„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann
+ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“
+sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen
+Blick auf Andrej Philippowitsch.
+
+„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom
+Kopf bis zu den Füßen.
+
+„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung
+ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“
+
+„W–a–a–s?“
+
+„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“
+
+„Von wem belieben Sie zu sprechen?“
+
+„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej
+Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in
+meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung
+solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“
+fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej
+Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß
+diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und
+Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung
+als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings
+anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme
+fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen
+an seinen Wimpern.
+
+Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte,
+war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat.
+Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die
+Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett
+Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter
+heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine
+Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm
+unterredend, weiter.
+
+Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch
+Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte,
+mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und
+nachdenklichen Gesicht.
+
+„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug
+angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich
+hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich
+anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an
+diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen
+verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte
+Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir
+erklären, wenn möglich ...“
+
+„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer
+langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin
+schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch
+durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden
+in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem
+unterrichtet werden.“
+
+„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“
+fragte kleinlaut unser Held.
+
+„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die
+Regierung entscheidet.“
+
+„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin
+noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund,
+warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ...
+Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton
+Antonowitsch?“
+
+„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“
+
+„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton
+Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“
+
+„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den
+völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte
+zusammen und wurde weiß wie ein Tuch.
+
+„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn
+man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die
+Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ...
+freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton
+Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“
+
+„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines
+wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und
+bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“
+
+„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“
+
+„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn
+auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon
+wissen Sie wohl auch nichts?“
+
+„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton
+Antonowitsch, anzuhören ...“
+
+„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die
+verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen
+Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“
+
+„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach
+zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe
+ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton
+Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll
+und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern
+anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte.
+
+„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“
+erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich
+die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft
+zusammenzog.
+
+„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen,
+ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“
+
+„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe
+keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie
+zu erfahren nötig haben.“
+
+„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton
+Antonowitsch.“
+
+„Später, später, erzählen Sie später ...“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton
+Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton
+Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe
+sogar die Idee gehabt ...“
+
+„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“
+
+„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas
+ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm
+zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton
+Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen
+geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah,
+diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch,
+Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller
+Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der
+Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ...
+ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton
+Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue
+nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ...
+Anton Antonowitsch ...“
+
+Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ...
+Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und
+was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles
+Gehörte und Geschehene.
+
+Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton
+Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und
+ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch
+zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des
+Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm
+plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz
+ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand
+unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand
+Pissarenko.
+
+„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“
+
+„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej
+Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs
+Wachramejeff.“
+
+„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein
+Lieber.“
+
+Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche
+seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu,
+dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich
+bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten,
+die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr
+Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er
+konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und
+Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die
+Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache
+war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die
+sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei
+Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas
+entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch
+einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine
+Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben
+auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß
+Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke
+aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick
+seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit
+einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu
+einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg
+freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige,
+unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er
+sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach
+seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die
+gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich
+ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um
+Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder
+nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die
+Aufregung seiner Seele.
+
+„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein
+Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um
+sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch
+Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein
+Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das
+bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß
+dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte
+nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse
+zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig
+... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde
+vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige
+... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über
+alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich
+mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und
+alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln?
+... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu
+schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ...
+wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen
+Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“
+
+In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht
+bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich
+endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher
+ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter
+Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete
+Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf,
+machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm
+vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und
+drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren
+ab.
+
+„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die
+Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich
+endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte
+seinem Feinde nach.
+
+
+ XI.
+
+Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits
+gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine
+außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie,
+schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche
+zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln
+überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank,
+daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr
+gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das
+überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“
+dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch
+verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel
+... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen
+... entschieden und unterschrieben!“
+
+Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten
+auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen
+großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der
+soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen,
+am Mantel zu packen.
+
+„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu,
+froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß
+Sie ...“
+
+Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend
+der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus
+allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und
+seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben
+Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur
+zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt.
+
+„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“
+
+„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“
+
+„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff
+Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch
+ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße
+... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“
+
+„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind
+Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit
+erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer
+Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich
+unmöglich ...“
+
+„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er
+kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich
+unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es
+Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ...
+dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön
+sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von
+selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von
+selbst aufklären ...“
+
+„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du
+mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von
+selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr
+Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden
+unverschämt vertraulich auf die Schulter.
+
+„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit,
+überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen,
+was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er
+sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte.
+
+Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden
+Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke
+Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke
+ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite
+Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene
+Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des
+Jüngeren wurde Schokolade gebracht.
+
+„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere,
+indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte.
+
+Unser Held errötete und schwieg.
+
+„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren
+Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche.
+Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn
+sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere
+Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und
+Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche
+Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“
+
+Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft
+schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts,
+lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit
+zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur
+Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus
+nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er,
+seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben.
+
+Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn
+Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und
+Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter
+klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger
+Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit
+noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn
+Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser
+Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste
+wenigstens.
+
+„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er
+sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben
+Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der
+Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei
+weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und
+überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr
+schlechten Ton gehören.
+
+„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der
+Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit
+unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange
+nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff
+Petrowitsch?“
+
+„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm
+kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals
+gewesen.“
+
+„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie
+geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“
+
+„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt
+Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch
+... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff
+Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“
+
+„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser
+und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise
+Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer
+Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch,
+Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr
+Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu
+schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff
+Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und
+stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der
+über hohe Dinge zu urteilen verstand.
+
+„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung,
+„meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und
+geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen
+Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff
+Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen
+selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht
+nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und
+die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff
+Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff
+Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen
+Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff
+Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf
+Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen.
+Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und
+obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies
+einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll.
+
+„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir
+das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere.
+„Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem
+nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen
+geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei
+Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff
+Petrowitsch!“
+
+„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held
+– „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in
+allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das
+Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere
+in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer
+und zitterte.
+
+„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der
+Verworfene mit süßer Stimme.
+
+„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held.
+
+„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich
+sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich
+allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch
+Flanell zu tragen.“
+
+„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine
+Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem
+Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich
+geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke,
+die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber
+ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“
+
+„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb
+vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn
+auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.
+
+„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich,
+daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch,
+es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es
+mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen
+zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich
+ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im
+umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie
+allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe
+mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich
+ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“
+
+„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund
+Herrn Goljädkins des Älteren.
+
+„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch,
+und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“
+
+„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete
+ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere.
+
+„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in
+seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines
+verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier
+zwei ganz ähnliche ...“
+
+„Ah, das ist Ihre Idee! ...“
+
+Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der
+Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu
+bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem
+Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er
+sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft
+zu gewinnen ...
+
+„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der
+Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines
+Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die
+ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ...
+nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle
+Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben
+konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt
+hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den
+Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ...
+
+Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder
+eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der
+Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte,
+wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen
+Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor
+dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter
+Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.
+
+„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und
+ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung.
+
+„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“
+begann von neuem Herr Goljädkin _junior_ mit seinen unpassenden
+Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn
+Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit
+blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und
+lächelte nur zuvorkommend.
+
+Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser
+Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich
+endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem
+zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen
+Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der
+Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte,
+so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke
+setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit
+ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer
+beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit
+der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich
+und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte,
+verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser
+Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.
+
+Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden
+Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm
+schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin
+der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher
+bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten
+Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten
+Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln,
+und selbst mit den Füßen.
+
+Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit
+dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie
+seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen
+Pelzkragen seines Feindes gepackt.
+
+So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held
+wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte
+er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen.
+Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben,
+mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das
+Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu
+entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den
+offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es
+dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher
+schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn
+Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst
+bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte
+nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte –
+... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze.
+Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei
+erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr
+Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar
+nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche
+Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache
+wäre, dagegen anzukämpfen.
+
+Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem
+Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr
+Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während
+des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur
+unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er,
+daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und
+Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war,
+in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte
+er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch
+befand.
+
+In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen,
+doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht,
+den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell
+er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es
+war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf
+alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und
+stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen
+hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte
+schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei
+Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er
+kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da
+auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die
+Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.
+
+„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum
+besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel
+für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen.
+Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der
+Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht
+hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit
+entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit
+zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht
+erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit,
+hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach
+das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun
+allerdings vollständig fassungslos machte:
+
+ „Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann!
+
+ Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der
+ Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich
+ mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! –
+ Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander
+ gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der
+ Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der
+ Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch
+ durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ...
+
+ Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am
+ meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph
+ Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren
+ Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ...
+
+ Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der
+ Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr
+ vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der
+ schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen
+ dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man
+ seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund,
+ daß die Unschuld stark ist durch sich selbst!
+
+ Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich
+ in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis
+ zum Grabe!
+
+ Klara Olssuphjewna.“
+
+Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Augenblicke
+wie betäubt. In schrecklicher Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich
+wie ein Tuch, mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf und ab.
+Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner Lage, bemerkte unser Held
+nicht, daß er der Gegenstand gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller
+Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung, seine heftige Aufregung,
+sein Auf und Ab, das Gestikulieren mit beiden Händen, vielleicht einige
+rätselhafte Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen – alles
+das machte wahrscheinlich auf die Anwesenden keinen gerade guten
+Eindruck und namentlich dem Kellner schien er verdächtig.
+
+Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich kam, daß er mitten im
+Zimmer stand und fast unhöflich einen Greis von ehrwürdigem Aussehen
+anstarrte, der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde
+gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn Goljädkin nicht abwandte.
+Verwirrt blickte unser Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich
+alle, ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten.
+
+Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit rotem Kragen laut
+die „Polizeinachrichten“. Herr Goljädkin fuhr zusammen und errötete:
+dabei senkte er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung
+geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider und die ganze linke
+Seite waren vollständig beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an
+mehreren Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser Held an einen
+Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn ununterbrochen und frech
+beobachtete. Ganz verloren und niedergedrückt fing nun unser Held an,
+den Tisch zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen
+gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen, lagen schmutzige
+Servietten und soeben gebrauchte Löffel, Gabeln und Messer.
+
+„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held. „Doch nicht etwa ich?
+Alles ist ja möglich! Ich habe vielleicht gegessen und es nur nicht
+bemerkt.“
+
+Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder den Kellner neben
+sich, der im Begriff schien, ihm etwas zu sagen.
+
+„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“ fragte unser Held mit
+zitternder Stimme.
+
+Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn Goljädkin. Auch der
+Kellner lachte. Herr Goljädkin begriff, daß er wieder einmal eine
+schreckliche Dummheit begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so
+verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem Taschentuch zu
+greifen, wahrscheinlich nur, um irgend etwas zu tun und nicht so
+dazustehen. Doch zu seiner und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit
+seinem Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus, das ihm vor
+vier Tagen Krestjan Iwanowitsch, der Doktor, verschrieben hatte.
+
+„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging es Herrn Goljädkin durch
+den Kopf und plötzlich zuckte er zusammen und schrie auf vor Schreck.
+Ein neues Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote Flüssigkeit
+schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den Augen des Herrn Goljädkin ...
+Das Fläschchen fiel zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie
+nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der umherspritzenden
+Flüssigkeit zurück ... er zitterte an allen Gliedern und der Schweiß
+brach ihm aus Stirn und Schläfen.
+
+„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen erhob sich im Raum eine
+Bewegung und ein Gedränge. Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten
+auf ihn ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser Held stand da,
+unbeweglich, er sah nichts, er hörte nichts, er fühlte nichts ...
+Endlich riß er sich los und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn
+halten wollten, sprang fast ohne Besinnung in die erste beste Droschke
+und floh nach Haus.
+
+Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er Michejeff, dem Kanzleidiener,
+mit einem Schreiben in der Hand.
+
+„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete mit schwacher,
+kläglicher Stimme unser Held. „Das ist ein offizieller ...“
+
+Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet, mit einer Unterschrift
+von Andrej Philippowitsch versehen, und in ihm wurde er aufgefordert,
+alle in seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener zu übergeben.
+Herr Goljädkin nahm das Schreiben und gab dem Diener ein
+Zehnkopekenstück, trat in sein Zimmer und sah, wie Petruschka seine
+Sachen in einen Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn
+Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna, die ihn seinem Herrn
+abspenstig gemacht hatte, deren Eustaphia zu ersetzen.
+
+
+ XII.
+
+Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden
+Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich
+vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand,
+der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen
+war, und nicht mehr der seines früheren Herrn.
+
+„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel
+Uhr ist es jetzt?“
+
+Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf
+langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald
+halb acht Uhr sei!
+
+„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich
+dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende
+ist.“
+
+Petruschka schwieg.
+
+„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig,
+wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“
+
+„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“
+
+„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden,
+mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn
+jetzt bei ihnen dienen?“
+
+„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen
+nichts Schlechtes lehren.“
+
+„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt
+selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“
+
+„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr,
+nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“
+
+„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe
+alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte
+jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“
+
+„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So
+ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich
+nicht ... –“
+
+„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du
+dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns
+gegenseitig ...“
+
+Petruschka blickte ihn an.
+
+„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten
+Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein
+Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in
+Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich
+war gegen dich immer freundlich ...“
+
+Petruschka schwieg.
+
+„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber
+sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“
+
+„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier
+Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja
+selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr,
+hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie
+eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“
+
+„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein
+Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“
+
+„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim
+General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach
+Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“
+
+„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein
+lieber Freund ...“
+
+„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst
+zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden.
+Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen,
+beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General
+Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt
+...“
+
+„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein
+Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein
+Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein
+Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere
+Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“
+
+„Soll ich alles in ein Bündel packen?“
+
+„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch
+alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole
+mir einen Wagen ...“
+
+„Einen Wagen?“
+
+„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere
+Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“
+
+„Wollen Sie weit fahren? ...“
+
+„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke,
+ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich
+verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“
+
+„Wünschen Sie sofort abzufahren?“
+
+„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein
+Lieber, so steht es ...“
+
+„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem
+Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“
+
+„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“
+
+„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon
+vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene
+Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“
+
+„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das,
+mein Lieber?“
+
+„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir
+wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich
+sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so
+ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen
+Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“
+
+„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ...
+Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also
+tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“
+
+„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann
+müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes
+Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn
+unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen,
+den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie
+werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen
+...“
+
+„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden;
+ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur
+schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz
+kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes
+willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“
+
+Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, Decken, Laken und all den
+anderen Kram zu Boden und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff
+unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte er ihn nicht. Mit
+beiden Händen griff er nach seinem armen Kopf und lehnte sich vor
+Verwunderung an die Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch
+nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. Endlich, als er
+bemerkte, daß die Zeit verstrich, und weder Petruschka noch der
+Fuchspelz erschienen war, entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu
+gehen. Als er die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der Treppe
+lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute schrien und stritten
+sich – und Herr Goljädkin wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas
+Stimme und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! sie werden die ganze
+Welt zusammenrufen!“ stöhnte Herr Goljädkin, rang die Hände vor
+Verzweiflung und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich fast
+besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in die Kissen. Nachdem er
+einen Augenblick so gelegen hatte, sprang er wieder auf und ohne
+Petruschka zu erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel an,
+setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren und stürzte auf die
+Treppe hinaus.
+
+„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, ich werde alles
+selbst besorgen. Laß nur vorläufig alles so stehen, unterdessen wird
+sich vielleicht das Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin
+eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. Darauf lief er die
+Treppe hinunter und zum Hause hinaus. Sein Herz stand ihm still – er
+konnte sich zu nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie
+sollte er in dieser kritischen Lage handeln ...
+
+„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, das mußte gerade noch
+kommen!“ rief er endlich verzweifelt aus und strich ziellos die Straße
+entlang, „das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das nicht wäre, gerade
+das, dann würde sich noch alles ordnen und beilegen lassen, mit einem
+Schlage, mit einem gewandten und festen Schlage würde es sich machen
+lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, daß es sich machen ließe!
+Und ich weiß sogar, auf welche Weise es zu machen ginge. Es würde so
+gemacht werden: Ich würde also – ich würde das und das, das heißt würde
+so und so sagen ... ‚mein Herr, mit Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut
+man nicht, mein sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und mit
+Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, mein Herr, ist ein
+unnützer Mensch, das heißt ein Mensch, der seinem Vaterlande keinen
+Nutzen bringt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein sehr
+geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! ...“
+
+„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das wäre auch nicht das
+Richtige, durchaus nicht das Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf,
+Erzdummkopf! Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, so wird
+es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt verkriechen? Was werde ich
+zum Beispiel jetzt mit mir anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu
+taugst du jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun?
+
+Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, einen Wagen für sie, sonst
+macht sie sich die Füßchen naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer
+hätte das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein
+wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, meine Herrin,
+ausgezeichnet ... Und das kommt alles von der schlechten Erziehung. Wie
+ich das jetzt übersehe und es durchschaut habe – so ist alles
+Sittenlosigkeit. Man hätte ihr von Jugend auf – die Rute, tüchtig die
+Rute geben sollen, sie aber haben sie statt dessen mit Konfekt und allen
+Süßigkeiten gefüttert und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll:
+‚Ach, du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen Grafen
+verheiraten! ...‘
+
+Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns jetzt ihre Karten gezeigt,
+da – habt ihr es, das ist mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen
+hätten, statt sie in die Pension zu der französischen Madame zu geben,
+irgend so einer Emigrantin! Da lernen sie wohl viel Gutes, bei der
+Emigrantin ... und – da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt und
+freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um so und so viel Uhr unter
+meinem Fenster und singen Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich
+werde Sie erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir zusammen,
+um in einer Hütte zu leben!‘
+
+Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon so weit gehen, meine
+Dame ... das geht nicht an! Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und
+unschuldiges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem Elternhause zu
+entführen! Und schließlich auch: warum? Ich sehe gar keine
+Notwendigkeit. Mag sie heiraten, wie es sich gehört, und wen das
+Geschick ihr bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich aber bin
+ein Beamter und kann deshalb meine Stellung verlieren. Ich, meine Dame,
+kann deshalb vor Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das noch
+nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles eingebrockt, dieser
+ganze Wirrwarr geht von ihr aus. Deshalb haben sie einen Menschen
+verleumdet. Deshalb haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, auf
+den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt alles her. Denn sonst,
+warum haben sie Petruschka hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache
+zu schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun?
+
+‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich nicht, ich kann nicht
+... Für dieses Mal, meine Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das
+kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der Deutschen, nicht von
+der Hexe, sondern einfach von Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute
+Frau, die Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, Sie sind
+schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen mich vors Gericht, – unter
+falschen Anschuldigungen ...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da muß
+der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und kann sich selbst nicht
+erhalten, – wie kann man denn da noch heiraten! Und wie wird denn das
+alles enden? Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel darum
+geben, wenn ich das wissen könnte! ...“
+
+So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er plötzlich zu sich
+kam, bemerkte er, daß er irgendwo auf der Liteinaja stand. Das Wetter
+war schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und Schnee zusammen,
+genau wie zu jener unvergeßlichen Stunde um Mitternacht, als das Unglück
+Herrn Goljädkins seinen Anfang nahm.
+
+„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, nach dem Wetter
+sehend, „das wäre einfach Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich
+denn hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint etwas Schwarzes
+zu dämmern! Wir wollen sehen! ... Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held
+fort und lenkte seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas
+Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich weiß, was ich tue! Ich gehe zu
+ihm, falle ihm zu Füßen und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So
+und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände der Behörde,
+Ew. Exzellenz, beschützen Sie und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre
+ein ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, ich flehe
+Sie an, als meinen Vater flehe ich Sie an, verlassen Sie mich nicht ...
+Retten Sie meine Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie mich
+vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen ... Er ist ein anderer
+Mensch, Ew. Exzellenz, und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer
+für sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz für mich,
+Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. Ew. Exzellenz, so ist’s! Das
+heißt, ich kann gar nicht Er sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu
+ändern mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum Beispiel für
+andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu Ihnen, wie zu meinem Vater! Die
+Behörde, die wohltätige und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas
+unterstützen ... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. Das
+heißt, wie gesagt, ich wende mich an die Behörde, wie an einen Vater,
+und vertraue ihr mein Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst
+werde mich von allen zurückziehen, so ist’s!“
+
+„Nun, mein Lieber, bist du frei?“
+
+„Ja, Herr.“
+
+„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“
+
+„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“
+
+„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, wie es kommt.“
+
+„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“
+
+„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß es selbst noch nicht
+genau, mein Lieber, ich kann es deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen.
+Siehst du, mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. Es
+ist ja bekannt, mein Freund ...“
+
+„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“
+
+„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. Aber was nimmst du
+dafür, mein Lieber? ...“
+
+„Belieben Sie sofort zu fahren?“
+
+„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest du ein wenig ...
+so, nur ein wenig, nicht lange, mein Lieber ...“
+
+„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend nehmen wollen, so kann ich
+bei diesem Wetter nicht weniger als sechs Rubel ...“
+
+„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, mein Lieber. Und jetzt
+kannst du mich gleich fahren, mein Lieber.“
+
+„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier noch ein wenig
+zurechtzumachen ... Steigen Sie nur ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“
+
+„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“
+
+Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und setzte seine beiden
+Gäule, die er nur mit aller Gewalt vom Heusack wegreißen konnte, in der
+Richtung auf die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog Herr
+Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten und bat mit flehender
+Stimme den Kutscher, nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine
+bestimmte andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um und in zehn
+Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins vor dem Hause, welches Seine
+Exzellenz bewohnte. Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat seinen
+Kutscher inständig, zu warten und lief selbst mit zitterndem und
+zagendem Herzen die Treppe hinauf, in den zweiten Stock. Er klingelte,
+die Tür wurde geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der
+Exzellenz.
+
+„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr Goljädkin an den
+Menschen, der ihm die Tür öffnete.
+
+„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der Herrn Goljädkin vom Kopf
+bis zu den Füßen betrachtete.
+
+„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat Goljädkin. Ich wünsche –
+Exzellenz zu sprechen ...“
+
+„Warten Sie bis morgen.“
+
+„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine Sache ist zu wichtig ...
+meine Sache duldet keinen Aufschub ...“
+
+„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie eine Aufforderung?“
+
+„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde mich, mein Freund, sage:
+so und so, um zu erklären ... Und ich werde mich dir dankbar erweisen,
+mein Lieber ...“
+
+„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden vorzulassen.
+Es sind Gäste da. Kommen Sie morgen um zehn Uhr ...“
+
+„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich warten! Sie, mein
+Lieber, werden sonst die Verantwortung ...“
+
+„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ sagte ein anderer
+Lakai, der sich auf einer Bank rekelte und bis jetzt noch kein Wort
+gesagt hatte.
+
+„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden vorzulassen,
+verstehst du? Die Empfangsstunden sind am Morgen.“
+
+„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte deiner Zunge schaden!“
+
+„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge wird’s nicht schaden! Es ist
+aber befohlen ... Treten Sie in dieses Zimmer.“
+
+Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Uhr,
+er sah, daß es halb neun war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er
+wollte schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief der Diener,
+der an der Schwelle zum nächsten Zimmer stand, laut seinen Namen.
+
+„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher Verwirrung unser
+Held. „Was werde ich nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s
+... ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten ... geruhen
+Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist die ganze Sache verdorben, alles
+in den Wind zerstreut. Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens keine
+Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück und führte Herrn
+Goljädkin ins Kabinett Seiner Exzellenz.
+
+Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, er konnte
+überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei Gestalten tauchten undeutlich vor
+seinen Augen auf: „Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn
+Goljädkin durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held den Stern auf
+dem schwarzen Frack der Exzellenz deutlich erkennen. Damit kam er denn
+zur Besinnung und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen wieder
+...
+
+„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme Herrn Goljädkin.
+
+„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
+
+„Nun?“
+
+„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“
+
+„Wie? Was?“
+
+„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, um zu erklären,
+Ew. Exzellenz ...“
+
+„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“
+
+„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
+
+„Nun, was wünschen Sie?“
+
+„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen Vater: ich selbst
+halte mich ganz aus der Sache, und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde
+zu beschützen, – das ist alles!“
+
+„Was heißt das?“
+
+„Es ist doch bekannt ...“
+
+„Was ist bekannt?“
+
+Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an zu zittern ...
+
+„Nun?“
+
+„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich meinte, in moralischem
+Sinne: Ew. Exzellenz als Vater anerkennen ... das heißt, so und so,
+beschützen Sie mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas zu – zu –
+un–ter–stützen ...“
+
+Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte für einen Augenblick
+wieder nichts mehr wahrnehmen. Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der
+Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich auf den Beinen
+halten sollte ... Er schämte sich und unsagbar traurig war ihm zumute.
+Gott weiß, was ihn erwartete ...
+
+Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit
+seinen Gästen sehr lebhaft sprach und sich mit ihnen zu beraten schien.
+Einen der Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch.
+Den anderen dagegen erkannte er nicht, obgleich ihm das Gesicht sehr
+bekannt schien: eine hohe volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit
+buschigen Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem
+Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing ein Orden und eine Zigarre stak
+zwischen den Zähnen. Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus
+dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem Kopfe, von Zeit zu Zeit
+zu Herrn Goljädkin hinüberblickend.
+
+Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. Er wandte seinen
+Blick zur Seite, und dabei bemerkte er – einen sehr sonderbaren Gast. In
+der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie
+es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir wissen ja schon,
+wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins. Herr Goljädkin der
+Jüngere hatte sich bis dahin offenbar in einem kleinen Zimmer
+aufgehalten, um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man ihn
+wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren unter dem Arm, ging er
+auf Seine Exzellenz zu und in Erwartung, daß sich die allgemeine
+Aufmerksamkeit auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich alsbald
+sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung mit einzumischen. Er
+nahm seinen Platz hinter dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde
+teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre rauchte.
+
+Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere Anteil am Gespräch, dem er
+mit Eifer folgte, zu dem er mit dem Kopfe nickte, während er in einem
+fort lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, ganz als
+flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, auch ein Wörtchen
+einzuflechten.
+
+„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich einen Schritt
+auf ihn zu. In diesem Augenblicke kehrte sich Seine Exzellenz um und
+näherte sich selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin.
+
+„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde Ihre Sache nachprüfen, und
+Sie werde ich begleiten lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den
+Unbekannten mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen seiner
+Einwilligung mit dem Kopf.
+
+Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu genau, daß man ihn für
+etwas anderes nahm und ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich
+gehörte. „So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, „das
+heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete er in der Verwirrung
+seine Augen zu Boden und zu seiner äußersten Verwunderung sah er auf den
+Stiefeln Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck.
+
+„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. Doch bald entdeckte
+Herr Goljädkin, daß die Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt
+waren, sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das sich daraus
+erklärte, daß die Stiefel von Lack waren und stark glänzten. „Das nennt
+man aber blank sein,“ dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick
+wieder erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil die Sache
+sich sonst zu einem schlechten Ende wenden konnte ... Unser Held trat
+also einen Schritt nach vorn.
+
+„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte er. „Ich meine doch,
+einen falschen Namen zu tragen, ist in unserer Zeit doch wohl nicht
+erlaubt.“
+
+Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern zog nur heftig an
+der Glockenschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor.
+
+„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, Ew. Exzellenz,“ sagte unser
+Held, ohne sich zu besinnen, ersterbend vor Furcht, und wies trotz
+alledem kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, der
+sich diesen Augenblick dicht bei Seiner Exzellenz zu schaffen machte.
+„So und so ... das heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“
+
+Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine allgemeine Bewegung. Andrej
+Philippowitsch und der Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine
+Exzellenz riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der
+Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem Augenblick trat
+Herr Goljädkin der Jüngere vor.
+
+„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich um die Erlaubnis,
+sprechen zu dürfen.“ In der Stimme Herrn Goljädkins des Jüngeren lag
+äußerste Entschlossenheit. Alles an ihm drückte aus, daß er sich
+vollkommen in seinem Recht fühlte.
+
+„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, eifrig einer Antwort
+Seiner Exzellenz zuvorkommend, und wandte sich diesmal an Herrn
+Goljädkin selbst. „Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie sich
+so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem Sie stehen und in wessen
+Kabinett Sie sich befinden? ...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer
+sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: Tränen der
+Empörung traten ihm in die Augen.
+
+„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick der Lakai mit
+lauter Stimme, indem er in der Tür des Kabinetts erschien.
+
+„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ dachte Herr Goljädkin
+und fühlte im selben Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr
+freundschaftlicher Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte sich ihm
+noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine Ebenbild von Herrn
+Goljädkin lief voran und zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg –
+Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam auf die große
+Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt wurde.
+
+„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte er, als er sich schon im
+Vorzimmer befand, begleitet von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von
+seinem unvermeidlichen Ebenbilde.
+
+„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines
+besten Freundes!“ schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den
+Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung den Mantel Herrn
+Goljädkin über den Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel
+wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter der Diener. Doch er
+achtete nicht darauf und kümmerte sich um nichts. Ruhig trat er aus dem
+Vorzimmer auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr Goljädkin der
+Jüngere folgte ihm.
+
+„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser Herrn Goljädkin dem Älteren
+nach.
+
+„Schurke!“ sagte unser Held außer sich.
+
+„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“
+
+„Verworfener Mensch! ...“
+
+„Nun, meinetwegen auch ein verworfener Mensch ...“ antwortete dem
+würdigen Herrn Goljädkin sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen
+Gemeinheit und sah frech, oben von der Treppe hinunter und ohne die
+Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin an, als forderte er ihn auf, so
+weiter fortzufahren. Unser Held spie aus vor Empörung und stürzte zum
+Hause hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, wie er in den
+Wagen gelangte. Als er endlich zu sich kam, sah er, daß er an der
+Fontanka entlang fuhr. „Wahrscheinlich fährt er nach der
+Ismailoffbrücke,“ dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin noch
+etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war etwas so Entsetzliches,
+das zu erklären unmöglich schien ...
+
+„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr weiter zur
+Ismailoffbrücke.
+
+
+ XIII.
+
+... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte. Der nasse Schnee, der
+bis jetzt in großen Massen niederfiel, wurde allmählich dünner und immer
+dünner, und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde klarer und
+hin und wieder sah man Sterne blinken. Es war jedoch noch immer feucht,
+schmutzig und schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin nur
+mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und schwerer Mantel umhüllte mit
+einer unangenehmen warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer
+auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften Herrn
+Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief seinen Körper mit spitzen scharfen
+Nadeln. Die Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Herr
+Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß, wie bei sonstigen
+Gelegenheiten, mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit seine
+Lieblingsphrase zu wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch
+zum besten wenden würde.
+
+„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“ behauptete unser starker
+und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher Held nur, indem er sich vom
+Gesicht das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande seines runden
+Hutes tropfte, der, aufgeweicht und durchnäßt wie er war, das Wasser
+nicht mehr aufnehmen konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung war,
+daß das alles noch nichts zu sagen hätte, so versuchte er sich
+wenigstens auf den dicken Holzklotz zu setzen, der sich auf dem Hofe von
+Olssuph Iwanowitsch neben einem großen Holzstoß befand.
+
+Natürlich war von der spanischen Serenade nicht die Rede: viel eher
+mußte er an seinen, wenn auch nicht großen, so doch immerhin warmen,
+gemütlichen und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt, sehnte
+er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf dem Treppenflur der Wohnung
+von Olssuph Iwanowitsch, in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer
+Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank, zwischen alten
+Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden hatte. Die Sache war nämlich
+die, daß Herr Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem Hofe
+Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen und gemütlichen
+Winkel waren diesmal Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben
+hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich bemerkt und
+infolgedessen waren seit der Geschichte auf dem Balle bei Olssuph
+Iwanowitsch gewisse Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf
+das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna warten, denn es war doch
+sicher von einem solchen verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war
+es immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen, und nicht
+mit uns wird es aufhören“.
+
+Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans, den er schon vor
+langer Zeit gelesen hatte, in dem die Heldin unter denselben Umständen
+ihrem Alfred ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie ans Fenster
+befestigte. Ein rosa Band aber, in der Nacht und beim Petersburger
+Klima, das ja durch seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht
+an, nein: das war einfach unmöglich!
+
+„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ dachte unser Held,
+„besser ist sicher, ich verhalte mich still! Und suche mir einen anderen
+Platz!“ Und richtig, er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern
+gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über den Hof
+verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, die Wagen rasselten, die
+Pferde wieherten usw. Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn nun
+bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte der Platz den Vorteil,
+daß die Sache im Schatten vor sich ging und Herrn Goljädkin niemand
+sehen konnte, er selbst aber alles sah.
+
+Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. Es schien wieder eine
+feierliche Gesellschaft bei Olssuph Iwanowitsch versammelt zu sein.
+Musik war übrigens noch nicht zu vernehmen.
+
+„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur so eine Gesellschaft
+sein,“ dachte Herr Goljädkin. „Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm
+dann durch den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? Es kann
+sein, alles kann sein ... alles ist möglich! Vielleicht war der Brief
+gestern geschrieben worden und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka
+ihn vergessen hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen bestimmt ...
+so, daß ich ... erst morgen alles hätte vorbereiten sollen, das heißt,
+mit dem Wagen hätte warten sollen ...“
+
+Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff nach dem Briefe in der
+Tasche, um sich zu überzeugen. Doch zu seiner Verwunderung fand sich
+kein Brief in der Tasche.
+
+„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken Herr Goljädkin: „Wo
+kann er sein? Sollte ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte
+er auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, vielleicht ist es
+schon geschehen! Herrgott! Was kann sich daraus ergeben! Das wäre ja ...
+Ach, du mein verfluchtes Schicksal!“
+
+Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem Gedanken, daß
+vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, als er ihm den Mantel über
+den Kopf geworfen, damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu
+entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden Herrn Goljädkins etwas
+erfahren hatte. „Da hätte er einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin,
+„einen Beweis ... und was für einen Beweis! ...“
+
+Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens stieg Herrn Goljädkin
+das Blut heiß in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach
+seiner glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz und fing an
+nachzudenken ... Aber seine Gedanken hatten keinen Zusammenhang. Es
+tauchten verschiedene Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald
+undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener Vorgänge –
+Motive dummer Lieder, die ihm durch den Kopf gingen ... Es war ein
+Elend, ein Elend, ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte
+unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem Versuch, das dumpfe
+Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, „gib mir Festigkeit in der
+unerschöpflichen Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin,
+vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das liegt in der
+Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch nicht anders sein! Erstens habe
+ich meine Stellung verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch
+nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine Möglichkeit
+geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht noch für die erste Zeit: ich
+nehme mir irgendeine kleine Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka
+wird zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne den Schuft
+auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen und zurückkommen, wann es mir
+paßt, und Petruschka wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich spät
+nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne ihn ... Nun, nehmen wir
+also an, daß das alles sehr gut ginge. Nur handelt es sich noch immer
+nicht darum, noch immer nicht darum! ...“
+
+Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage in Herrn Goljädkin auf, in
+der er sich unmittelbar befand. Er blickte um sich. „Ach, du mein großer
+Gott! Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ dachte er, und
+griff wieder ganz und gar verloren nach seinem brummenden Kopf.
+
+„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte plötzlich eine Stimme
+neben ihm. Herr Goljädkin fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein
+Kutscher, gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom Warten
+ungeduldig geworden und wollte nach seinem Herrn hinter dem Holzstoß
+sehen.
+
+„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein Freund, komme bald, sehr
+bald, sehr bald – warte noch ein wenig ...“
+
+Der Kutscher ging fort und brummte etwas in den Bart.
+
+„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin unter Tränen, „ich habe
+ihn doch für den ganzen Abend genommen, ich bin durchaus in meinem
+Recht, so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und damit ist die
+Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! Das hängt von meinem Willen
+ab. Willigt er ein, oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter
+dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat hier nichts zu
+meinen: will der Herr hinter dem Holz stehen, so mag er es tun ...
+seiner Ehre wird das nicht schaden! So ist’s!
+
+So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte,
+meine Dame, das heißt, so und so, kann in unserer Zeit niemand mehr
+leben. Und ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen Zeit auch
+nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst jetzt ein bedauernswertes
+Beispiel sind ... Das heißt, Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer
+des Meeres in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, braucht man an den
+Ufern des Meeres keine Titularräte und zweitens hätten wir da überhaupt
+nicht zum Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte
+beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so und so, möchte
+Titularrat werden ... begünstigen Sie mich trotz meiner Feinde ... dann
+wird man Ihnen sagen, meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, und
+daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo Sie gute Sitten lernen
+sollen, um als gutes Beispiel zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame,
+bedeutet, zu Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit an
+Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden sich schon mit der Zeit
+von selbst – so ist’s! Freilich muß man verschiedene Talente besitzen
+wie: Klavierspielen, Französisch sprechen, in der Geschichte,
+Geographie, Religion und Arithmetik bewandert sein, – so ist’s! Mehr ist
+auch nicht nötig. Und dazu dann die Küche. Jedenfalls sollte jedes
+sittsame Mädchen die Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie,
+meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst überlassen, man
+wird Ihnen nachsetzen und wird Sie zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und
+was, meine Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen Sie
+mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich wie in dummen Romanen mich auf
+den nächsten Hügel setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf
+die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder soll ich etwa der
+Vorschrift einiger schlechter deutscher Poeten und Romanschriftsteller
+folgen und freiwillig sterben? Wollen Sie das, meine Dame?
+
+Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft auszudrücken, daß die
+Dinge so nicht gehen, und daß man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen
+müßte, weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben haben. Denn
+französische Bücher lehren einen nichts Gutes. Das ist Gift ... reines
+Gift, meine Dame! Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß ich Sie frage,
+denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft und ... leben dann in einer
+Hütte am Meer! Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie die
+Tauben zu girren und verbringen so unser Leben in Zufriedenheit und
+Glück! Und wenn dann ein Kleines kommt, dann werden wir ... – dann sagen
+wir so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, ein
+Kleines ist da, also nehmen Sie bei der Gelegenheit Ihren Fluch zurück
+und segnen Sie uns!
+
+Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und auf das Girren hoffen Sie
+nicht, denn von alledem wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der
+Herr, und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem gehorchen.
+Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen Zeit nicht, die
+Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann
+zum Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, fragt er seine
+Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen Hering, ein Gläschen
+Schnaps?‘ Also müssen Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten.
+Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er sich gar nicht, er sagt
+nur: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘
+Er küßt Sie vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut er sehr
+gleichgültig! ...
+
+So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das tun wir nur
+gleichgültig! ... So ist es, wenn man sich’s genau überlegt, wenn es
+darauf ankommt ... Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, haben
+Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? ‚Tugendhafter, für mich
+leidender und meinem Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu
+Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im Komplimentemachen
+kein Meister bin und es nicht liebe, Damen gefühlvollen Unsinn
+vorzuschwatzen, meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte
+Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht finden, das sage ich
+Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. Ich besitze einen offenen Charakter
+und einen gesunden Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das
+heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz – so ist’s! ...
+Guten Menschen gegenüber trage ich keine Maske, und um Ihnen alles zu
+sagen ...“
+
+Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das rote Gesicht seines
+Kutschers mit ganz durchnäßtem Bart blickte wieder nach ihm hinter den
+Holzstoß ...
+
+„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, mein Freund, weißt du.
+Ich komme sofort, sofort ...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend
+mit zitternder und weinerlicher Stimme.
+
+Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete seinen Bart, trat
+einen Schritt zurück, blieb wieder stehen und blickte mißtrauisch Herrn
+Goljädkin an.
+
+„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du ... mein Freund ... ich
+werde nur ein wenig, nur eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein
+Freund ...“
+
+„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ sagte endlich der Kutscher
+und trat entschlossen auf Herrn Goljädkin zu.
+
+„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, siehst du, mein
+Freund, warte nur ...“
+
+„Ja, Herr ...“
+
+„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem Dorfe bist du, mein
+Lieber?“
+
+„Wir sind Leibeigene ...“
+
+„Ist dein Herr gut? ...“
+
+„Ziemlich.“
+
+„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Suche gute
+Menschen! Gute Menschen sind jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt
+dir Essen und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. Denn
+oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen die Tränen fließen ...
+Du siehst hier ein beklagenswertes Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“
+
+Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. „Nun, wie Sie wollen,
+ich werde warten. Wird es noch lange dauern?“
+
+„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, nicht mehr lange warten,
+mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf
+dich verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten ...“
+
+„Dann werden Sie also fahren?“
+
+„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... hier ... wieviel hast du zu
+bekommen, mein Lieber?“
+
+„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. Ich habe lange gewartet,
+Herr, Sie werden mich armen Menschen nicht schädigen, Herr.“
+
+„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei gab ihm Herr Goljädkin
+sechs Rubel und beschloß ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das
+heißt, einfach fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch schon
+entschieden und der Kutscher entlassen war. Folglich brauchte er hier
+nicht mehr zu warten, er kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum
+Hoftor hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich umzusehen,
+keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen.
+
+„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ dachte er, „und ich
+bin auf diese Weise dem Unglück entronnen.“
+
+Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz leicht ums Herz. „Ach,
+wenn doch alles wieder gut würde!“ dachte unser Held, glaubte aber
+selbst kaum daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, besser,
+von der Seite, das heißt, so ...“
+
+Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln quälte und den Schlüssel zu
+ihrer Lösung suchte, war unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und
+beschloß hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – wieder
+umzukehren.
+
+„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme von der anderen Seite,
+das heißt, so. Dann bin ich ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache
+hat ihr Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, weiter
+nichts, und was da auch vorgehen mag – daran bin ich nicht schuldig! So
+ist’s! So wird es jetzt sein!“
+
+Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, kehrte unser Held auch
+wirklich wieder um – sehr zufrieden darüber, daß er, dank seinem
+glücklichen Einfall, jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen
+würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, du siehst
+nur zu – weiter nichts!“ Die Rechnung war richtig, und die Sache mochte
+damit ihr Ende haben!
+
+Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich wieder in den friedlichen
+Schatten des ihn beschützenden Holzstoßes und begann von neuem
+aufmerksam nach den Fenstern zu blicken.
+
+Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und zu warten. Es zeigte
+sich plötzlich an allen Fenstern eine lebhafte Bewegung, Gestalten
+tauchten auf, die Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von Leuten
+drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, alle sahen auf den Hof
+hinaus und schienen etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß,
+begann auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen Bewegung zu
+folgen, er wandte voll Teilnahme seinen Kopf nach links und nach rechts,
+soweit es ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, erlaubte.
+
+Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe vor Schreck
+hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, und er war sofort vollkommen
+davon überzeugt, daß man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen
+suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. Denn alle blickten
+nach ihm hin. Davonzulaufen war unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der
+entsetzte Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah als es
+möglich war, an das Holz und bemerkte dabei erst jetzt, daß der Schatten
+des Stoßes ihn nicht mehr ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in
+ein Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich gesessen!
+wenn es nur gegangen wäre! Doch ging es nicht, entschieden ging es
+nicht! In seiner Angst sprang er endlich auf und sah entschlossen nach
+allen Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... Und plötzlich
+errötete er über und über. Alle hatten sie ihn bemerkt, alle winkten sie
+ihm mit den Händen und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu.
+Die Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man rufen ... „Ich
+wundere mich, warum man diese Mädchen nicht von Kindheit an
+durchgeprügelt hat,“ murmelte unser Held vor sich hin, ganz und gar
+verwirrt.
+
+Plötzlich kam _er_ (es ist bekannt _wer_) die Treppe herunter gelaufen,
+im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos auf ihn zugestürzt und heuchelte
+äußerste Freude darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte.
+
+„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene Mensch. „Jakoff
+Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Hier ist es kalt,
+Jakoff Petrowitsch. Kommen Sie doch hinein!“
+
+„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff Petrowitsch,“
+murmelte unser Held mit schüchterner Stimme.
+
+„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff Petrowitsch, man bittet
+Sie, gefälligst einzutreten, man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die
+Ehre und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen Sie!“
+
+„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre besser ... wenn ich
+nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch ...“ antwortete unser Held, und
+verging zugleich vor Scham und vor Schreck.
+
+„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche Mensch, „nein, nein, nein,
+für nichts in der Welt! Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn
+Goljädkin den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin wollte
+durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm sahen und ein Widerstreben
+dumm gewesen wäre, so ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen,
+daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Es war ja
+doch alles gleichgültig!
+
+Noch bevor sich unser Held recht besinnen und sein Äußeres etwas in
+Ordnung bringen konnte, befand er sich schon im Saal. Er sah bleich,
+zerstört und verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze
+Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – alles, alles war
+überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, Damen, ein ganzer Blumengarten:
+sie alle drängten sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn zu,
+sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern heben, wobei er das
+Gefühl hatte, er schwebe in einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa
+zur Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und wirklich, sie
+trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl aber gerade zum Lehnstuhl von
+Olssuph Iwanowitsch.
+
+Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand Klara Olssuphjewna,
+bleich, düster und traurig, doch wundersam geschmückt. Besonders fielen
+Herrn Goljädkin die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren schwarzen
+Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. Auf der anderen Seite des
+Lehnstuhls stand Wladimir Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen
+neuen Ordensbändern im Knopfloch.
+
+Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der Hand gerade aus Olssuph
+Iwanowitsch zu. Auf der einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der
+Jüngere, der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr
+Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – und auf der anderen
+Seite wurde er von Andrej Philippowitsch begleitet, der eine höchst
+feierliche Miene zur Schau trug.
+
+„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er aber bemerkte, daß man ihn
+zu Olssuph Iwanowitsch brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz
+erleuchtet. Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte in seinem Kopfe
+auf. In schrecklicher Angst stand unser Held vor dem Lehnstuhl Olssuph
+Iwanowitschs.
+
+„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei sich. „Natürlich
+werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher Ehrbarkeit ... das
+heißt ... so und so, usw.“
+
+Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht ein. Olssuph
+Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr wohlwollend zu empfangen, und
+wenn er ihm auch nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen
+ehrfurchteinflößenden Graukopf, feierlich und zugleich traurig, mit
+einem gütigen Ausdruck. So schien es wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam
+es sogar vor, als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: er
+schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an den Wimpern Klara
+Olssuphjewnas eine Träne blinkte – und mit den Augen Wladimir
+Ssemjonowitschs schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die
+unerschütterliche ruhige Würde Andrej Philippowitschs war dem
+allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, – auch der Jüngling, der
+dem alten Staatsrat Olssuph Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits
+bittere Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn Goljädkin nur
+so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die
+kalten Backen rannen ...
+
+Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen und seinem Schicksal
+und im Augenblick voll Liebe, nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern
+zu allen Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, der durchaus
+nicht mehr böse, der gar nicht mehr der Doppelgänger zu sein schien,
+sondern ein ganz gleichgültiger und liebenswürdiger Mensch, – also
+wandte sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte nicht
+auszudrücken, was seine Seele erfüllte, in der sich so viel angesammelt
+hatte, er konnte nichts sagen, nicht das geringste, und nur mit einer
+beredten Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ...
+
+Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl um das Gefühl des
+Greises zu schonen – Herrn Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd
+und irgend etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, doch
+jedenfalls ganz versöhnt mit seinem Schicksal und den Menschen, begann
+unser Held die dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben ihm
+den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer Neugierde und mit
+unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme an. Unser Held ging ins zweite
+Zimmer: überall die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie
+alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie
+sich heimlich gegenseitig anstießen und über etwas sehr Merkwürdiges
+sprachen, urteilten, flüsterten und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin
+hätte furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen!
+
+Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljädkin
+den Jüngeren. Er fühlte die Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und
+ihn beiseite zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff Petrowitsch“
+inständigst, ihn bei allen seinen Unternehmungen behilflich zu sein und
+ihn im kritischen Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin der
+Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und drückte kräftig die Hand Herrn
+Goljädkins des Älteren. Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz in
+der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, er fühlte, wie ihn
+irgend etwas mehr und mehr beengte, wie alle die Blicke, die auf ihn
+gerichtet waren, ihn verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin
+sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem Kopfe eine Perücke
+trug. Der Herr Rat sah ihn mit strengem, fragendem Blick an, der durch
+die allgemeine Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser Held
+beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm zulächeln, sich ihm
+erklären, doch gelang ihm seine Absicht nicht. In dem Augenblick, als er
+es tun wollte, verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis ... Als
+er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich, in einem weiten Kreise
+von Gästen, um sich selber drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen
+Zimmer nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich über die ganze
+Menge. Alles regte sich auf, alles geriet in Bewegung, alles stürzte zur
+Tür des ersten Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen
+hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke Seite an Seite mit
+ihm zu stehen kam. Endlich ergriff er seine Hand und setzte sich dem
+Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich
+weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, setzten sich in
+einem großen Kreise um Olssuph Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles
+wurde still und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, alle
+richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch und schienen etwas
+Besonderes zu erwarten. Herr Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem
+Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn Rat, der
+andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch aufstellten. Das
+Schweigen dauerte an: man erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie
+wenn in irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange Reise
+anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und ein Gebet sprechen,“ dachte
+unser Held. Plötzlich entstand eine ungewöhnliche Bewegung und
+unterbrach Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das
+Langerwartete einzutreten.
+
+„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge.
+
+„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und er zuckte vor
+einem sonderbaren Gefühl zusammen.
+
+„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll Andrej
+Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph Iwanowitsch an. Feierlich
+nickte Olssuph Iwanowitsch mit seinem Kopfe.
+
+„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn Goljädkin. Alle erhoben
+sich. Dann ergriff der Rat die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und
+Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins des Jüngeren und führten
+sie beide feierlich mitten durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah
+verwundert um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn Goljädkin den
+Jüngeren, der ihm bereits die Hand entgegenstreckte.
+
+„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser Held, streckte ihm
+gleichfalls freundschaftlich seine Hände entgegen, und reichte ihm sogar
+seine Backe zum Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin ...
+Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, daß sein treuloser Freund
+ein wenig lächelte: ganz so, als lächelte er schelmisch die sie
+umgebende Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen Gesicht
+Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – die Grimasse des Judaskusses ...
+
+Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen Augen wurde es
+dunkel: ihm schien eine endlose Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit
+großem Geräusch durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch es war schon
+zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben worden, und ...
+
+Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die Türen des Saales wurden
+ausgerissen und auf der Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick
+Herr Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am Boden. Ein Schrei
+erstarb auf den Lippen. Übrigens hatte Herr Goljädkin schon früher alles
+gewußt und Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte sich selbstbewußt
+und feierlich Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin erkannte seine Gestalt nur
+zu gut. Er hatte ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen
+... Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch in schwarzem Frack mit
+einem hohen Orden am Halse und trug einen schwarzen Backenbart. Es
+fehlte ihm nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit voll zu
+machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie gesagt, Herrn Goljädkin vor
+Schreck erstarren. Mit wichtiger und feierlicher Miene ging der
+schreckliche Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... Unser Held
+reichte ihm die Hand. Der Unbekannte ergriff sie und zog ihn an sich.
+Mit verlorenem Ausdruck blickte unser Held um sich.
+
+„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin
+und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte
+irgendeine widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er blickte sich
+um: er war es wieder, der abscheuliche, der in der Seele verderbte
+Doppelgänger Herrn Goljädkins. Eine boshafte Freude glänzte auf seinem
+Gesicht, triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend wandte er
+seinen Kopf ringsum, triumphierend trippelte er zu allen und jedem, und
+es schien beinahe, als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen.
+Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das Licht, um Herrn
+Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljädkin hörte
+deutlich, wie alle, die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm
+nachdrängten, sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin
+nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, Jakoff Petrowitsch, brauche
+sich nicht zu fürchten, da Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein
+alter Bekannter sei! ...“
+
+Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete Treppe hinaus. Auch
+hier war eine Menge Volk versammelt. Geräuschvoll wurde die Tür
+aufgerissen und Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit
+Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, bespannt mit vier
+Pferden, die vor Ungeduld schnauften. Der schadenfrohe Herr Goljädkin
+der Jüngere lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen.
+Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung Herrn Goljädkin
+auf, Platz zu nehmen.
+
+Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: die ganze
+hellerleuchtete Treppe war von Menschen besetzt: neugierige Augen
+blickten ihn von allen Seiten an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem
+obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und betrachtete voll
+Anteil und Aufmerksamkeit alles, was vorging. Alle warteten. Ein
+Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljädkin
+zurückblickte.
+
+„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... nichts, was Veranlassung
+zur Strenge geben, nichts, was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse
+beziehen könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel und
+Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten verneinend den Kopf. Tränen
+stürzten Herrn Goljädkin aus den Augen.
+
+„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue mich vollkommen ... ich
+lege mein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs ...“
+
+Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er sein Geschick in die Hände
+Krestjan Iwanowitschs lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender
+Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr und unheilverkündend
+aus der ganzen wartenden Menge widerhallte. Da faßten Krestjan
+Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, Herrn
+Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den Wagen, der Doppelgänger
+aber half, nach seiner verräterischen Angewohnheit, noch von
+hinterrücks. Der arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen Blick
+auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein Katzenjunges, das man mit
+kaltem Wasser begossen hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe
+der anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch Krestjan
+Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde zugeklappt. Ein Peitschenknall –
+und die Pferde zogen an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit
+... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz unbändige Schreie
+seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße auf den Weg. Eine Zeitlang
+hielten noch mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt und
+sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch wurden ihrer immer weniger,
+bis sie schließlich verschwanden und nur noch der schamlose Doppelgänger
+Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen seiner grünen
+Uniformbeinkleider, so lief er mit zufriedenem Gesicht bald links, bald
+rechts neben dem Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf den
+Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster und warf Herrn
+Goljädkin zum Abschied Kußhände zu. Doch auch er wurde schließlich des
+Laufens müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich verschwand
+und fortblieb ...
+
+Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. Das Blut pochte heiß in
+seinem Kopf. Er empfand eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken
+zu müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine Brust entblößen, um
+sie mit Schnee zu kühlen. Dann kam endlich, wie ein großes Vergessen,
+Bewußtlosigkeit über ihn ...
+
+Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen auf einem ihm
+unbekannten Wege fuhr. Links und rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es
+war öde und leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende
+Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen zwei Augen funkelte
+teuflische Freude.
+
+„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist das? Oder ist er es
+doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere,
+sondern ein anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan
+Iwanowitsch ist es! ...“
+
+„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, ein Mensch für mich
+... und ein Nichts – Krestjan Iwanowitsch, ein Nichts von einem
+Menschen,“ begann unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch seine
+Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen Krestjan Iwanowitsch zum
+Mitleid zu bewegen.
+
+„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, Beheizung, Beleuchtung,
+Bedienung, was wollen Sie denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng
+und furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs.
+
+Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich an den Kopf. Das war
+es: und das hatte er schon lange geahnt!
+
+
+
+
+ Fußnoten
+
+
+[1] Ein Stadtteil von Petersburg. E. K. R.
+
+[2] Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden „Linien“ genannt. E. K.
+R.
+
+[3] Diminutiv von Pjotr. E. K. R.
+
+[4] Größte Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.
+
+[5] Eine der Meistererzählungen Gogols. E. K. R.
+
+[6] Abkürzung von Glafira. E. K. R.
+
+[7] (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in den
+größeren Städten. E. K. R.
+
+[8] Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung „Der Mantel“, die Warwara
+Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch ausdrücklich aufmerksam
+gemacht hatte. Der Held der Erzählung – gleichfalls ein kleiner Beamter
+– gleicht Makar Alexejewitsch so auffallend, daß dieser glaubt, Gogol
+habe ihn, Makar Alexejewitsch, geschildert und damit bloßgestellt. –
+Fedor Fedorowitsch ist der Name eines der Vorgesetzten jenes kleinen
+Helden der Erzählung. E. K. R.
+
+[9] Ein Stadtteil von St. Petersburg. E. K. R.
+
+[10] Große Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.
+
+[11] Berühmte Kolonialwarenhandlungen in St. Petersburg. E. K. R.
+
+[12] Armer Schlucker. E. K. R.
+
+[13] Das Warnungszeichen von der Peter-Paulus-Festung, daß das Wasser
+der Newa steigt und die niedriger gelegenen Stadtteile zu überschwemmen
+droht. E. K. R.
+
+[14] Der eigentliche Name des falschen Demetrius. E. K. R.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
+Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
+Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
+nach:
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
+ Zweite Abteilung: Vierzehnter Band
+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920.
+ Sechstes bis zehntes Tausend
+
+Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
+Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
+ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
+Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
+nach der Titelseite eingefügt.
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben.
+Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
+
+Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
+(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
+Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
+
+Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
+Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
+„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht
+(nicht verwendete Varianten in Klammern):
+
+ Ssjetotschkin (Ssetotschkin)
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
+russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 87]:
+ ... Was wollen Sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ...
+ ... Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ...
+
+ [S. 98]:
+ ... geschehen? Nun, sagen wird zum Beispiel, und nehmen ...
+ ... geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen ...
+
+ [S. 124]:
+ ... Ihr Gehalt, daß Sie sich noch dazu vorauszahlen ...
+ ... Ihr Gehalt, das Sie sich noch dazu vorauszahlen ...
+
+ [S. 180]:
+ ... weil Sie schutzlos sind, weil sie keinen starken ...
+ ... weil Sie schutzlos sind, weil Sie keinen starken ...
+
+ [S. 261]:
+ ... ihm auch, Herr Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...
+ ... ihm auch, Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...
+
+ [S. 314]:
+ ... der nächsten Laterne, so daß man ihm deutlich erkennen ...
+ ... der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen ...
+
+ [S. 417]:
+ ... etwas endgültig vor ihm Erworbenes an. ...
+ ... etwas endgültig von ihm Erworbenes an. ...
+
+ [S. 418]:
+ ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Micheleff zu ...
+ ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu ...
+
+ [S. 431]:
+ ... trat in Begleitung einiger Beamten heraus. Alle, die ...
+ ... trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die ...
+
+ [S. 465]:
+ ... auf dem Liteinij Prospekt stand. Das Wetter war ...
+ ... auf der Liteinaja stand. Das Wetter war ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***
diff --git a/35339-h/35339-h.htm b/35339-h/35339-h.htm
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+</style>
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="ser">
+F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
+</p>
+
+<p class="ed">
+<span class="line1">Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,</span><br>
+<span class="line2">herausgegeben von Moeller van den Bruck</span>
+</p>
+
+<p class="trn">
+Übertragen von E. K. Rahsin
+</p>
+
+<p class="division">
+Zweite Abteilung: Vierzehnter Band
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="aut">
+F. M. Dostojewski
+</p>
+
+<h1 class="title">
+Arme Leute<br>
+Der Doppelgänger
+</h1>
+
+<p class="subt">
+Zwei Romane
+</p>
+
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt=""></div>
+
+<p class="pub">
+<span class="line1">R. Piper &amp; Co. Verlag, München</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="impr">
+R. Piper &amp; Co. Verlag, München, 1920<br>
+Sechstes bis zehntes Tausend
+</p>
+
+<p class="cop">
+Copyright 1920 by R. Piper &amp; Co., G. m. b. H.<br>
+Verlag in München
+</p>
+
+<p class="printer">
+Buchdruckerei Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="toc" id="part-1">
+Inhalt
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="table">
+<table class="toc">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1">Vorbemerkung</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-V">V</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Arme Leute</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der Doppelgänger</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-237">237</a></td>
+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="intro" id="part-2">
+<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a>
+Vorbemerkung
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis:
+den Briefroman der „Armen Leute“ und die
+Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie ausdrücklich
+nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist
+in der Reihenfolge der Werke Dostojewskis mit dem
+Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846 verbunden.
+</p>
+
+<p>
+Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis:
+sie wirkten, trotz Gogol, der vorhergegangen
+war, wie der Einbruch einer neuen Literaturrichtung,
+der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
+und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von
+ganz Jung-Rußland auf den neuen Dichter. Heute
+lesen wir das Werk nicht wegen seines zeitlichen und
+literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite
+kaum noch verstehen, sondern um des Ewigen und
+Lyrisch-Mächtigen willen, von dem es in seiner rührenden
+Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.
+</p>
+
+<p>
+Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen
+und unberechenbaren Mächten, die wie ein nächtiges
+Schattenspiel in dem Dichter lebten, kündete den
+späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
+der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern
+Dostojewski den Fatalisten und Tragiker. Schon in
+<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a>
+den „Armen Leuten“ war die ungemeine Psychologie
+in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war
+eine Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen.
+Jetzt, in dem „Doppelgänger“, wurde eine Psychologie
+des Abgrundes und der Erschütterung daraus, und man
+ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen Weltanschauung
+und russischen Menschenanschauung auswachsen
+konnte. – Das Doppelgängerproblem selbst lag in der
+Zeit. Poe hatte ihm im William Wilson den romantischen
+Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den
+Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre
+gezogen. Dostojewski dagegen – und eben dies
+kennzeichnete ihn so – brachte dasselbe Problem mit
+der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche, das
+Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden
+aus dem kranken Hirn eines Menschen steigen,
+der äußerlich zunächst nicht anders ist wie Tausende
+um ihn.
+</p>
+
+<p class="sign">
+M. v. d. B.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="part" id="part-3">
+<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a>
+Arme Leute
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-1" title="1. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
+</h3>
+
+</div>
+
+<div class="epi">
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> ich danke für diese Märchendichter!
+Anstatt etwas Nützliches, Angenehmes, Erquickendes
+zu schreiben, kratzen sie da die kleinsten Kleinigkeiten
+aus der Erde hervor und schnüffeln
+überall herum! ... Ich würde Ihnen einfach verbieten,
+zu schreiben! Zum Beispiel, was soll das:
+man liest ... unwillkürlich denkt man doch nach,
+– aber ... aber ... es kommen einem nur alle
+möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein,
+wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben,
+ganz einfach und unter allen Umständen: schlankweg
+verbieten!“
+</p>
+
+<p class="attr">
+Fürst W. F. Odojewskij.
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+8. April.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich,
+wie man glücklicher gar nicht sein kann! So haben
+Sie Eigensinnige doch wenigstens einmal im Leben
+auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen acht
+Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich
+mich nach dem Dienst ein bis zwei Stündchen etwas
+auszustrecken liebe), da holte ich mir meine Kerze –
+und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
+und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich
+<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
+ganz unversehens auf – da: wirklich, mein Herz begann
+zu hüpfen! So haben Sie doch erraten, was ich
+wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster
+war zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit
+Balsaminen angesteckt, genau so, wie ich es Ihnen damals
+anzudeuten versuchte. Dabei schien es mir noch,
+daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig
+auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach
+mir ausschauten, daß Sie gleichfalls an mich dachten!
+Und wie es mich verdroß, mein Täubchen, daß ich Ihr
+liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
+Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit
+klaren Augen sahen, mein Kind. Das Alter ist keine
+Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es wieder so, als
+flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
+noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die
+Augen am nächsten Morgen gleich rot und tränen so,
+daß man sich vor fremden Leuten fast schämen muß.
+Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein
+Kind, Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem
+Herzen hatte ich ganz dieselbe Empfindung, wie damals,
+als ich Sie einmal küßte, Warinka – erinnern
+Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen,
+es schien mir sogar, als ob Sie mir mit dem
+Finger drohten. War es so, Sie Unart? Das müssen
+Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir
+wieder einmal schreiben.
+</p>
+
+<p>
+Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich
+meine, das mit Ihrem Fenstervorhang, Warinka? Gar
+zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der Arbeit, oder lege
+ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner
+erinnern, und auch selbst gesund und heiter sind. Lassen
+Sie den Vorhang herab, so heißt das: „Gute Nacht,
+Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“
+Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen,
+Makar Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen,
+und wie steht es mit Ihrer Gesundheit, Makar Alexejewitsch?
+Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund und
+wohlgemut!“
+</p>
+
+<p>
+Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen
+ist. So sind gar keine Briefe nötig! Schlau,
+nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung stammt
+von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara
+Alexejewna?
+</p>
+
+<p>
+Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind,
+daß ich diese Nacht recht gut geschlafen habe, eigentlich
+gegen alle Erwartung gut, womit ich denn auch sehr
+zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung,
+schon aus Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen
+pflegt; es ist eben doch immer nicht alles so, wie es
+sein muß. Als ich heute aufstand, war es mir ganz
+wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums
+Herz – froh und sorgenfrei! Was ist das doch heute
+für ein schöner Morgen, mein Kind! Unser Fenster
+wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die Vögel
+zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und
+die ganze Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere
+war genau so, wie es sich gehört, genau wie es
+sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar
+ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur
+an Sie, Warinka. Ich verglich Sie in Gedanken mit
+<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
+einem Himmelsvögelchen, das so recht zur Freude der
+Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen
+ist. Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir
+Menschen, die wir in Sorgen und Ängsten leben, die
+kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und unschuldiges
+Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches
+mehr, alles von der Art, dachte ich. Das heißt, ich
+machte nur so entfernte Vergleiche ... Ich habe da ein
+Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen
+die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben.
+Ich schreibe das deshalb, weil ich nur sagen will, daß
+es doch sonst immer verschiedene Auffassungen gibt,
+nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling,
+und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken,
+so geistreiche und erfinderische obendrein, und sogar
+zärtliche Träumereien kommen einem. Die ganze Welt
+erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich
+auch dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist
+dem Büchelchen entnommen. Dort äußert der Verfasser
+ganz denselben Wunsch, nur in Versen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene
+andere Gedanken vor, aber – nun, Gott mit
+Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
+morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch
+nicht zum Dienst aufgemacht, da gingen Sie bereits
+fröhlich über den Hof, hatten schon wie ein Frühlingsvöglein
+Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein
+Herz sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka!
+Grämen Sie sich doch nicht! Mit Tränen hilft
+man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich weiß es,
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch
+so ruhig und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit
+geht es besser. – Nun, was macht Ihre Fedora?
+Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir
+alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit
+ihr leben und ob Sie auch mit allem zufrieden sind?
+Fedora ist mitunter etwas brummig, aber Sie müssen
+das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr!
+Sie ist doch eine gute Seele.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa
+geschrieben – sie ist gleichfalls eine gute und treue
+Person. Was hab’ ich mir doch um unsere Briefe für
+Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da
+kam uns denn zu unserem Glück diese Theresa, kam wie
+von Gott gesandt. Sie ist eine gute, bescheidene, stille
+Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft erbarmungslos,
+so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird
+mit Arbeit ganz überhäuft.
+</p>
+
+<p>
+Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten,
+Warwara Alexejewna! Das ist mir mal eine Wohnung,
+das muß ich sagen! Früher lebte ich doch in
+einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still,
+wenn einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier
+aber – Lärm, Geschrei, Gezeter! Aber Sie wissen ja
+noch gar nicht, wie das hier eigentlich alles ist. Denken
+Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen
+ganz dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer,
+ohne Fenster, ohne Türen; links aber ist Tür
+an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange Reihe
+Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer,
+Nummer Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+wohnen zwei bis drei zusammen, je nachdem, und die
+zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie
+nicht verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah!
+Doch sind es, glaube ich, trotzdem gute Menschen, alle
+sind sie so gebildet, sogar gelehrt. Unter anderen
+wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann:
+er spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen
+Schriftstellern, von allem spricht er, – ein kluger
+Mensch! Dann wohnen hier noch zwei ehemalige
+Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein
+Seemann, der englische Stunden gibt. – Warten Sie
+mal, ich werde Sie einmal zum Lachen bringen, mein
+Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die
+Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen,
+und zwar ganz ausführlich!
+</p>
+
+<p>
+Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes
+altes Weib, geht den ganzen Tag in Pantoffeln und
+in einem Schlafrock umher und schimpft ununterbrochen
+die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger
+gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier
+neben der Küche ist noch ein Zimmer (unsere Küche ist,
+muß ich Ihnen sagen, rein und hell und sehr anständig),
+ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
+Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird
+es so sein: die Küche ist groß und hat drei Fenster, und
+bei mir ist nun parallel der Querwand eine Scheidewand
+angebracht, so daß es sozusagen noch ein Zimmerchen
+gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man
+sagt. Alles ist geräumig und bequem, und sogar ein
+Fenster habe ich und überhaupt alles, – mit einem
+Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+also mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa
+denken, Kind, daß irgend etwas dabei sei und ich einen
+Hintergedanken habe: weil das immerhin nur eine Küche
+ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in
+demselben Raum, nur hinter einer Scheidewand, aber
+das hat nichts zu sagen! Ich lebe hier ganz heimlich
+und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe hier
+mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei
+Stühle, jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild
+aufgehängt. Es gibt gewiß bessere Wohnungen,
+sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist doch die
+Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil
+ich es so am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu
+denken, daß ich es aus irgendeinem anderen Grunde
+tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade gegenüber, über
+den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines Höfchen,
+da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder
+im Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger
+für mich Armen, und auch billiger.
+</p>
+
+<p>
+Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit
+der Beköstigung zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich.
+Das ist nichts für meinen Beutel! Mein
+Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die
+Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für
+alles in allem runde dreißig Rubel zahlte, dafür aber
+auf vieles verzichten mußte: so konnte ich nicht immer
+Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
+für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so –
+tatsächlich: man schämt sich irgendwie, wenn man keinen
+Tee trinken kann, Warinka. Hier wohnen nur
+Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+sich eben. Und eigentlich: nur wegen der anderen
+trinkt man ihn, den Tee, Warinka, nur des Ansehens
+wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre
+es ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf
+Genüsse gibt.
+</p>
+
+<p>
+Und dann, was man so noch als Taschengeld
+braucht – denn irgend etwas hat man doch immer
+nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein Kleidungsstück
+– wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn
+mein ganzes Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin
+ganz zufrieden. Für mich genügt es. Hat es doch
+schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es
+auch noch Gratifikationen.
+</p>
+
+<p>
+Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe
+da ein paar Blumen gekauft, zwei Töpfchen, eines mit
+Balsaminen und eines mit Geranium – nicht teuer.
+Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda
+ist zu haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich,
+ja? Übrigens müssen Sie da nicht irgendwie
+etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was mich betrifft,
+und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein,
+nur die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß
+es in allem so bequem war, das verleitete mich. – Ich
+habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen, Kind, ich
+habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt:
+oh ja: ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf,
+daß ich so still und zaghaft bin, daß es aussieht, als
+könne mich eine Fliege mit den Flügeln umstoßen.
+Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und
+habe gerade den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem
+Gewissen und in der Festigkeit, die uns unsere
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie wohl, mein
+Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
+und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst.
+Ich küsse Ihre Fingerchen, Warinka, und verbleibe
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr ergebenster Diener und treuester Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie
+mir recht ausführlich, mein Engelchen. Ich sende Ihnen
+hier eine Düte Konfekt, Warinka; verschmausen
+Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes
+willen keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur
+nicht irgend etwas übel. Und nun leben Sie wohl,
+mein Kind.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-2" title="2. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+8. April.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die
+Freundschaft wird kündigen müssen? Ich schwöre Ihnen,
+guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir furchtbar
+schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch,
+wieviel sie kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht,
+zu wieviel Entbehrungen Sie sich deshalb zwingen,
+wie Sie sich das Notwendigste selbst verweigern.
+Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts
+nötig habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen
+Kräften steht, die Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten,
+zu erwidern. Und wozu diese Blumen? Die
+Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun
+noch Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes
+Wort zu entschlüpfen, wie zum Beispiel meine Bemerkung
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+über Geranium, da müssen Sie auch schon sofort
+Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer?
+Wie wundervoll die Blüten sind! So leuchtend rot,
+und Stern steht an Stern. Wo haben Sie nur ein so
+schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
+auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste
+Stelle. Auf das Bänkchen vor dem Fenster werde ich
+noch andere Blumen stellen, lassen Sie mich nur erst
+reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen –
+unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber
+und hell und freundlich. Aber wozu war denn das
+Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet es sogleich aus
+Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist: Frühling
+und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein,
+dachte ich, sollte nicht gar noch ein Gedicht folgen?
+Denn wirklich, es fehlen nur noch Verse in Ihrem
+Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind
+zärtlich und die Gedanken rosafarben – alles, wie es
+sich gehört! An den Vorhang habe ich überhaupt nicht
+gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen geblieben
+sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da
+haben Sie es!
+</p>
+
+<p>
+Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und
+rechnen mir Ihre Einnahmen und Ausgaben vor, um
+mich zu beruhigen und glauben zu machen, daß Sie
+alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie
+damit doch nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich
+des Notwendigsten um meinetwillen berauben. Was
+ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein solches
+Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man
+beunruhigt Sie doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+wird gewiß eng und unbequem und ungemütlich
+sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber –
+was wird denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem
+Gehalt könnten Sie doch viel besser wohnen. Fedora
+sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt
+hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben
+so verbracht, immer einsam, immer mit Entbehrungen,
+ohne Freude, ohne ein gutes, liebes Wort zu hören, immer
+in einem bei fremden Menschen gemieteten Winkel?
+Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid
+tun! So schonen Sie doch wenigstens Ihre Gesundheit,
+Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß Ihre
+Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht
+bei Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn
+noch? Ihr Diensteifer wird Ihren Vorgesetzten doch
+wohl ohnehin schon bekannt sein.
+</p>
+
+<p>
+Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden
+Sie nicht soviel Geld für mich. Ich weiß, daß Sie
+mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht reich ...
+Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte.
+Es war mir so leicht zumut. Fedora war schon lange
+an der Arbeit und hatte auch mir Arbeit verschafft.
+Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch aus,
+um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls
+an die Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag
+war ich so heiter! Jetzt aber – wieder trübe Gedanken,
+alles so traurig, das Herz tut mir weh.
+</p>
+
+<p>
+Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird
+mein Schicksal sein! Das Schwerste ist, daß man so
+nichts, nichts davon weiß, was einem bevorsteht, daß
+man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+erraten kann, was aus einem werden wird. Und
+zurückzuschauen, davor graut mir einfach! Dort liegt
+soviel Leid und Qual, daß das Herz mir schon bei der
+bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang
+werde ich unter Tränen die Menschen anklagen, die
+mich zugrunde gerichtet haben. Diese schrecklichen
+Menschen!
+</p>
+
+<p>
+Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder
+an die Arbeit mache. Ich würde Ihnen gern noch vieles
+schreiben, doch diesmal geht es nicht: die Arbeit
+muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß
+ich mich beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer
+angenehm: es ist dann doch nicht so langweilig.
+Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns? Wirklich,
+warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen
+ja jetzt so nahe, und soviel freie Zeit werden Sie
+doch wohl haben. Also bitte, besuchen Sie uns! Ich
+sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie
+hat mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken
+gab.
+</p>
+
+<p>
+Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir
+unbedingt alles möglichst ausführlichst – wie Sie leben,
+was um Sie herum vorgeht – alles! – Was es für
+Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in Frieden
+mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr
+gern wissen. Also vergessen Sie es nicht, schreiben Sie
+es unbedingt! Heute werde ich unabsichtlich ganz gewiß
+keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen Sie
+früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht
+Licht bei Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist
+wieder alles da: Trauer und Trübsal und Langeweile!
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre<br>
+Warwara Dobrosseloff.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-3" title="3. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+8. April.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder
+einmal so ein Tag sein, wie er einem vom Schicksal
+öfter beschieden ist! Da haben Sie sich nun über mich
+Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens
+bin ich selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer
+hieß mich auch, in meinem Alter, mit meinem spärlichen
+Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer ausgehen ...
+Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch
+ist bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du
+lieber Gott! auf was er mitunter nicht zu sprechen
+kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
+schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber
+heraus kommt dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns
+behüte und bewahre! Ich, mein Kind, ich ärgere mich
+ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt daran
+zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und
+dumm geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich
+heute so stolz und stutzerhaft: es war solch ein Leuchten
+in meinem Herzen, war so wie ein Feiertag in der
+Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut
+war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte
+ich mich an die Arbeit, an die Papiere – und was
+wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah,
+war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern.
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Überall dieselben Tintenflecke, wie immer dieselben
+Tische und Papiere, und auch ich ganz derselbe: wie ich
+war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da
+für ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und
+woher war denn alles gekommen? Daher, daß die Sonne
+einmal durch die Wolken geschaut und der Himmel
+sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles?
+Und was können das für Frühlingsdüfte sein, wenn
+man auf einen Hof hinaussieht, auf dem aller Unrat
+der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur
+so aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es
+kommt doch bisweilen vor, daß ein Mensch sich in seinen
+eigenen Gefühlen verwirrt und in die Weite
+schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem,
+als von alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine
+Rolle spielt. Nach Hause kam ich nicht mehr wie andere
+Menschen, sondern schleppte mich heim: der Kopf
+schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen.
+Ich muß wohl meinen Rücken erkältet haben. Ich
+hatte mich, recht wie ein alter Esel, über den Frühling
+gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen.
+Auch das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie
+sich getäuscht, meine Liebe! Sie haben meine Äußerungen
+in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur
+um väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka,
+denn ich nehme bei Ihnen, in Ihrer bitteren Verwaistheit,
+die Stelle Ihres Vaters ein, das sage ich aus
+reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei:
+ich bin doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch
+nur ein ganz entfernter Verwandter, vielleicht wie das
+Sprichwort sagt: das siebente Wasser in der Suppe,
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch,
+und jetzt bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger
+Beschützer. Denn dort, wo es am nächsten lag,
+daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden Sie
+nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft,
+so muß ich Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich
+für mich nicht schickt, mich auf meine alten Tage noch
+im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute werden
+in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie
+dichten ... da sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.
+</p>
+
+<p>
+Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna,
+von Bequemlichkeit, Ruhe und was nicht noch alles?
+Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich habe niemals
+besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
+zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und
+Schuh – was will man mehr? Nicht uns steht es zu,
+Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin nicht
+von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger
+und bezog mit seiner ganzen Familie ein geringeres
+Gehalt, als ich. Ich bin nicht verwöhnt. Übrigens,
+wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen
+soll, so war ja wirklich in meiner früheren Wohnung
+alles unvergleichlich besser. Man war freier, unabhängiger,
+gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine jetzige
+Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar
+ihre Vorzüge: es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es
+gibt mehr Abwechslung und Zerstreuung. Dagegen
+will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um die
+alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das
+heißt, wenn wir Menschen schon anfangen, älter zu
+werden. Die alten Sachen, an die wir uns gewöhnt
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung
+war, wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich
+hatte ein Zimmerchen für mich. Die Wände waren ...
+ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren
+wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt
+es sich, aber die Erinnerungen an all das Frühere, die
+machen mich etwas wehmütig ... Sonderbar – sie
+bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm,
+als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück.
+Sogar das Unangenehme, worüber ich mich bisweilen
+geärgert habe, sogar das erscheint jetzt in der Erinnerung
+wie von allem Schlechten gesäubert und ich sehe
+es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir
+lebten ganz still und friedlich, Warinka, ich und meine
+Wirtin, die selige Alte. Ja, auch an die Gute denke ich
+jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war eine brave
+Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie
+strickte immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale
+Bänder zerschnitt, mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken,
+damit allein beschäftigte sie sich. Das Licht benutzten
+wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir
+abends an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei
+ihr, Mascha, ich erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz
+klein war – jetzt wird sie dreizehn sein, schon ein großes
+Mädchen. Und so unartig war sie, so ausgelassen,
+immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn
+zu dreien, saßen an langen Winterabenden am runden
+Tisch, tranken unseren Tee, und dann machten wir uns
+wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft Märchen
+zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder
+auch, damit sie nicht unartig sei. Und was das für
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Märchen waren! Da konnte nicht nur ein Kind, nein,
+auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da
+zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein
+Pfeifchen angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit
+Spannung zugehört und die ganze Arbeit darüber vergessen.
+Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde
+ganz nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die
+Hand, öffnete seinen kleinen Kindermund und horchte
+mit großen Augen; und wenn es ein Märchen zum
+Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer
+angstvoller an die Alte an. Uns aber war es eine
+Lust, das Kindchen zu betrachten. Und so saß man oft
+und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und vergaß
+ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. –
+</p>
+
+<p>
+Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben
+wir fast ganze zwanzig Jahre gemeinsam verlebt.
+– Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen werden
+solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir
+sind diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich
+jetzt in der Dämmerung. Theresa klappert dort mit
+dem Geschirr – ich habe Kopfschmerzen, auch mein
+Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken sind alle
+so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin
+heute traurig gestimmt, Warinka!
+</p>
+
+<p>
+Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute?
+Wie soll ich denn zu Ihnen kommen? Mein Täubchen,
+was werden die Leute dazu sagen? Da müßte ich doch
+über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann
+fragen, – da gäbe es denn ein Gerede und daraus
+entstünden Klatschgeschichten und man würde die
+Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+schon besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse
+sehe; das wird vernünftiger sein und für uns beide
+unschädlicher. Seien Sie mir nicht böse, mein Kind,
+weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
+Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos
+ist. Ich bin ein alter ungelehrter Mensch,
+Warinka; in der Jugend habe ich nichts zu Ende gelernt,
+jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen,
+wenn man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte.
+Ich muß schon gestehen, mein Kind, ich bin kein Meister
+der Feder und weiß, auch ohne fremde Hinweise und
+spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas
+Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze.
+– Ich sah Sie heute am Fenster,
+ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie
+wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara
+Alexejewna.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund
+sein will,
+</p>
+
+<p class="sign">
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden
+mehr Satiren schreiben. Ich bin zu alt geworden, Kind,
+um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man würde
+dann auch über mich lachen, denn es ist schon so,
+wie unser Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine
+Grube gräbt, der – fällt selbst hinein.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-4" title="4. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+9. April.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und
+Wohltäter, sich so etwas in den Kopf zu setzen! Haben
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach, ich bin
+oft so unvorsichtig in meinen Äußerungen, aber diesmal
+hätte ich doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos
+scherzhaften Ton für Spott halten könnten. Seien
+Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen werde, über
+Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe
+es nur – wie soll ich sagen –: aus Leichtsinn geschrieben,
+aus Gedankenlosigkeit, oder vielleicht auch nur
+deshalb, weil es gerade furchtbar langweilig war ...
+was aber tut man mitunter nicht alles aus Langeweile?
+Außerdem glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem
+Brief ein wenig lustig hätten machen wollen. Nun
+macht es mich sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit
+mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer,
+Sie täuschen sich, wenn Sie mich der Gefühllosigkeit
+und Undankbarkeit verdächtigen. In meinem Herzen
+weiß ich alles, was Sie für mich taten, als sie mich
+gegen den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen
+verteidigten, nach seinem wahren Wert zu schätzen.
+Ewig werde ich für Sie beten, und wenn mein
+Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich erhört, dann
+werden Sie glücklich sein.
+</p>
+
+<p>
+Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und
+Fieber wechseln ununterbrochen. Fedora beunruhigt
+sich sehr. Es ist übrigens ganz grundlos, was Sie da
+schreiben – und weswegen Sie sich fürchten, uns zu
+besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit
+uns bekannt und damit Basta!
+</p>
+
+<p>
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben
+weiß ich nichts mehr, und ich kann auch nicht: fühle
+mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie nochmals, mir
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und
+Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre
+habe zu verbleiben
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre dankbare und ergebene<br>
+Warwara Dobrosseloff.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-5" title="5. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+12. April.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen!
+Jedesmal erschrecken Sie mich! Ich schreibe Ihnen
+in jedem Brief, daß Sie sich schonen sollen, sich
+warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen,
+daß Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber,
+mein Engelchen, hören gar nicht darauf, was ich sage!
+Ach, mein Täubchen, Sie sind doch wirklich noch ganz
+wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so ein
+Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein
+Windchen zu wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb
+müssen Sie sich auch in acht nehmen, müssen Sie
+selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr auszusetzen
+und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und
+Trübsal zu bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein
+Kind, über meine Lebensweise und alles, was mich umgibt
+und angeht, Genaueres zu erfahren. Gern will ich
+Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also – beginne
+mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung
+in der Sache.
+</p>
+
+<p>
+Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind
+ziemlich mittelmäßig; die Paradetreppe ist noch ganz
+gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen: rein, hell, breit,
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes Holzgeländer.
+Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber
+gar nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen
+Stufen, und die Wände sind so fettig, daß die
+Hand kleben bleibt, wenn man sich an sie stützen will.
+Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle und
+Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum
+Trocknen aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen;
+Waschkübel stehen da mit allem möglichen Schmutz, mit
+Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und Tischresten;
+der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
+schön.
+</p>
+
+<p>
+Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben;
+sie ist – dagegen läßt sich nichts sagen – wirklich
+bequem, das ist wahr, aber es ist auch in ihnen eine
+etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu
+sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so
+– es ist nur ein etwas fauliger Geruch, wenn man
+sich so ausdrücken darf, in den Zimmern, irgend so ein
+süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der
+erste Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch
+das hat nichts zu sagen, man braucht nur ein paar Minuten
+bei uns zu sein, so vergeht das, und man merkt
+nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an,
+so zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht
+bald ebenso, – nun, und da gewöhnt man sich eben
+daran. Aber alle Zeisige krepieren bei uns. Der Seemann
+hat schon den fünften gekauft, aber sie können
+nun einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist
+nichts zu machen. Unsere Küche ist groß, geräumig und
+hell. Morgens ist es allerdings etwas dunstig in ihr,
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann
+nach Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen
+wird, und auch der Fußboden ist morgens meist naß,
+aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der
+Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen
+auf Schnüren, und da mein Zimmer nicht weit ist, das
+heißt, fast unmittelbar an die Küche stößt, so stört
+mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
+hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger
+gelebt, wird man sich auch daran gewöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei
+uns das Leben, da steht man auf, geht, lärmt, poltert,
+– dann stehen nämlich <em>alle</em> auf, die einen, um in den
+Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
+eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken.
+Die Ssamoware gehören fast alle der Wirtin, es sind
+ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein jeder aufpassen,
+wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt
+und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf,
+dem wird sogleich, und zwar tüchtig, der Kopf zurecht
+gerückt. Das geschah mit mir auch einmal, gleich am
+ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei
+der Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt.
+Näher bekannt wurde ich zunächst mit dem Seemann.
+Der ist so ein Offenherziger, hat mir alles gleich erzählt:
+von seinem Vater und seiner Mutter, von der Schwester,
+die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und
+von Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach
+mir auch seinen Beistand, wenn ich seiner bedürfen
+sollte, und lud mich gleich zu sich zum Abendtee ein.
+Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt.
+Dort wurde ich mit Tee bewirtet und dann verlangte
+man von mir, daß ich an ihrem Hazardspiel teilnehmen
+sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig machen
+oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten
+sie selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten
+sie. Überall Kreide, Karten, und ein Rauch war im
+Zimmer, daß es einen förmlich in die Augen biß. Nun,
+spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten sie mir,
+ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
+niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein
+Wort mehr mit mir. Doch darüber war ich, wenn ich
+aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt gehe ich nicht
+mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der
+reine Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so
+etwas wie ein Literat ist, kommt man abends gleichfalls
+zusammen. Und bei dem geht es anders her, dort ist
+alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich
+tüchtiges Leben.
+</p>
+
+<p>
+Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen,
+daß unsere Wirtin eine sehr schlechte Person
+ist, eine richtige Hexe. Sie haben doch Theresa gesehen,
+– also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
+dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein
+gerupftes Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur
+zwei Dienstboten: diese Theresa und den Faldoni. Ich
+weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat er auch
+noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn
+man ihn so ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so.
+Er ist rothaarig, irgendein Finne, ein schielender Grobian
+mit einer aufgestülpten Nase: auf die Theresa
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so
+würde er sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen,
+daß das Leben hier nicht ganz so ist, daß man es
+gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum Beispiel
+abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen –
+das kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo
+noch gesessen und gespielt, manchmal wird aber
+sogar so etwas getrieben, daß man sich schämt, es auch
+nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
+an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar
+verheiratete Leute in einem solchen Sodom leben
+können. Da ist eine ganze arme Familie, die hier in einem
+Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit den anderen
+Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem
+Eckzimmer, also etwas weiter ab. Stille Leutchen!
+Niemand hört von ihnen was. Und sie leben alle in
+dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine Scheidewand
+haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein –
+vor etwa sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man
+weiß nicht, weshalb. Sein Familienname ist Gorschkoff.
+Er ist ein kleines, graues Männchen, geht in alten,
+abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut,
+ihn anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges,
+kränkliches Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen
+auf dem Korridor. Die Kniee zittern ihm immer, auch
+die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer
+Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon.
+Schüchtern ist er, alle fürchtet er, geht jedem scheu aus
+dem Wege und drückt sich ganz still und leise längs der
+Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja mitunter
+etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+Vergleich! Seine Familie besteht aus seiner Frau und
+drei Kindern. Der älteste Knabe ist ganz nach dem
+Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen. Seine
+Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man
+jetzt noch ... sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern
+– oh, so alten!! Wie ich hörte, schulden sie der
+Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt sie sie
+nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff
+selbst irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben
+soll, weshalb er verabschiedet worden sei, – war es nun
+ein Prozeß oder etwas anderes, vielleicht eine Anklage,
+oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden, das weiß
+ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm,
+Gott im Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer,
+so still, als wohnte dort keine Seele. Nicht einmal die
+Kinder hört man. Und daß sie mal unartig wären
+oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht
+vor, und ein schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal
+kam ich abends an ihrer Tür vorüber – es war
+gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich
+ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder
+Schluchzen, ganz als weine dort jemand, aber so still,
+so hoffnungslos verzweifelt, so traurig, daß es mir das
+Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die halbe
+Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los,
+so daß ich lange nicht einschlafen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen!
+Da habe ich Ihnen jetzt alles beschrieben, so, wie ich es
+verstand. Heute habe ich den ganzen Tag nur an Sie
+gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.
+Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch,
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+daß Sie kein warmes Mäntelchen haben. Und ich
+kenne doch dieses Petersburger Frühlingswetter, diese
+Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
+Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da
+gibt es doch solche Wetterumschläge, daß Gott uns behüte
+und bewahre! Nehmen Sie mir, Herzchen, mein
+Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,
+ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen
+hätte! Ich schreibe, was mir gerade einfällt, damit
+Sie eine kleine Zerstreuung haben, also nur so, um
+Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt hätte,
+dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich
+denn gelernt? Meine Erziehung hat wenig gekostet!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr ewiger und treuer Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-6" title="6. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+25. April.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich!
+Auch sie wird zugrunde gehen, die Ärmste!
+Auch habe ich zufällig auf Umwegen erfahren, daß
+Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und
+natürlich alles ausforschen will. Sie wird wohl niemals
+aufhören, mich zu verfolgen. Sie soll gesagt haben,
+daß sie mir alles <em>verzeihen</em> wolle! Sie wolle
+alles Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt
+besuchen. Von Ihnen hat sie gesagt, Sie seien gar nicht
+mein Verwandter, nur sie selbst sei meine nächste und
+einzige Verwandte, und Sie hätten kein Recht, sich in
+unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine
+Schande für mich und ich müsse mich schämen, mich von
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+Ihnen ernähren zu lassen und auf Ihre Kosten zu leben
+... Sie sagt, ich hätte das Gnadenbrot, das sie
+uns gegeben, vergessen – hätte vergessen, daß sie meine
+Mutter und mich vor dem Hungertode bewahrt, daß sie
+uns ernährt und gepflegt und fast zweieinhalb Jahre
+lang nur Unkosten durch uns gehabt, und daß sie uns
+außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht einmal
+Mama will sie in ihrem Grabe in Ruhe lassen!
+Wenn meine Mutter wüßte, was sie mir angetan haben!
+Gott sieht es! ...
+</p>
+
+<p>
+Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur
+aus Dummheit nicht verstanden habe, mein Glück festzuhalten,
+daß sie selbst mir das Glück zugeführt und
+sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht
+verstanden – oder vielleicht auch nicht gewollt – für meine
+Ehre einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn,
+großer Gott! Sie sagt, Herr Bükoff sei durchaus im
+Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede heiraten,
+die ... doch wozu das alles schreiben!
+</p>
+
+<p>
+Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu
+müssen, Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere,
+ich weine, ich schluchze. An diesem Brief schreibe
+ich schon seit zwei Stunden. Und ich war schon in dem
+Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld eingesehen
+haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, –
+und da redet sie so!
+</p>
+
+<p>
+Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein
+Freund, um Gottes willen nicht, mein einziger guter
+Freund! Fedora übertreibt ja doch immer: ich bin gar
+nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem Wolkoff-Friedhof
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse
+für mein totes Mütterchen hörte. Warum kamen
+Sie nicht mit mir? – ich hatte Sie doch so darum gebeten.
+Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus
+dem Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest,
+was sie mit mir getan haben! ...
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-7" title="7. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+20. Mai.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen Warinka!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein
+Herzchen, die sind gut für Genesende, sagt man, und
+auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den Durst, –
+also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn
+Sie durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen
+besitzen, Kind, da schicke ich Ihnen denn jetzt
+welche. Haben Sie aber auch Appetit, Herzchen? –
+Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun
+alles vorüber und überstanden ist, und daß auch unser
+Unglück bald ein Ende nehmen wird. Danken wir dafür
+dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher betrifft,
+so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
+hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines,
+das in sehr hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei
+wirklich ein gutes Buch, ich habe es selbst nicht gelesen,
+aber es wird hier sehr gelobt. Ich habe gebeten, man
+möge es mir geben, und man wollte es mir auch verschaffen.
+Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie
+sind ja so wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer
+hält, für Ihren Geschmack gerade das Richtige zu finden,
+ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich weiß schon,
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die
+von Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich
+Ihnen auch Gedichte verschaffen, alles, alles, was Sie
+nur haben wollen. Hier gibt es ein ganzes Heft mit
+abgeschriebenen Gedichten.
+</p>
+
+<p>
+Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen,
+Kind. Was Ihnen die Fedora wieder erzählt hat,
+ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht immer lügen, sagen
+Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
+Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock
+gar nicht verkauft, ist mir nicht eingefallen! Und weshalb
+sollte ich ihn verkaufen, sagen Sie doch selbst?
+Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon
+sprach, daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln
+zusprechen werde, weshalb sollte ich da verkaufen?
+Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich nicht beunruhigen.
+Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das
+ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir
+werden noch mal gut leben, mein Täubchen! Nur müssen
+Sie erst gesund werden, mein Engelchen, das müssen
+Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,
+damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten.
+Wer hat Ihnen gesagt, daß ich abgemagert sei? Das
+ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund und
+munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich
+schon selbst zu schämen anfange. Bin satt und zufrieden
+und mir fehlt nichts, – wenn nur Sie wieder gesund
+wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen;
+ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder
+geschrieben! Daß Sie sich doch immer etwas ins
+Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so oft zu Ihnen
+kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa
+im Schutze der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die
+Nächte hernehmen, jetzt gibt es ja gar keine, in dieser
+Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so, Engelchen, während
+Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
+bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich
+es selbst nicht mehr, wie ich meine Zeit einteilte und
+mit allem doch noch fertig wurde. Aber dann stellte
+ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
+und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon
+Klatschgeschichten entstanden. Ich verlasse mich aber
+ganz auf Theresa, sie ist zum Glück nicht schwatzhaft.
+Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,
+Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns
+schwatzen? Was werden sie denn von uns denken und
+was sagen? Deshalb beißen Sie mal die Zähnchen zusammen,
+Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
+geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo
+außerhalb des Hauses treffen können.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-8" title="8. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+1. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Bester Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um
+Ihnen meinen Dank für Ihre Mühen und die Opfer,
+die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe ich
+mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes
+Heft hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende.
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Ich begann diese Aufzeichnungen noch in der
+glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben mich so oft
+mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und
+mich gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij,
+von meinem Aufenthalt bei Anna Fedorowna
+und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu erzählen,
+und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses
+Heft einmal zu lesen, in dem ich – Gott weiß wozu –
+einiges aus meinem Leben erzählt habe, daß ich glaube,
+Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude
+zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich
+es jetzt durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem
+Augenblick, in dem ich die letzte Zeile dieser Aufzeichnungen
+schrieb, noch einmal so alt geworden bin, als
+ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen
+Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl,
+Makar Alexejewitsch! Ich habe jetzt oft schreckliche Langeweile
+und nachts quält mich meine Schlaflosigkeit.
+Ein höchst langweiliges Genesen!
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<h4 class="section" id="subchap-3-8-1">
+I.
+</h4>
+
+<p class="noindent">
+Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater
+starb. Meine Kindheit war die glücklichste Zeit meines
+Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier, sondern fern in
+der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
+eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte.
+Und dort lebten wir – still, einsam und glücklich
+... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat ich den
+ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
+überall wo ich nur wollte, denn
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+niemand kümmerte sich um mich. Mein Vater war immer
+beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft
+zu tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und
+darüber war ich sehr froh. So lief ich schon frühmorgens
+zum großen Teich oder in den Wald, oder auf die
+Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte
+es mir aus, daß die Sonne brannte, daß ich selbst nicht
+mehr wußte, wo ich war und wie ich mich zurechtfinden
+sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein Kleid
+zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging
+das mich an!
+</p>
+
+<p>
+Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben,
+wenn wir auch das ganze Leben dort auf dem
+Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich schon
+als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen
+und mich von all den trauten Stellen trennen. Ich war
+erst zwölf Jahre alt, als wir nach Petersburg übersiedelten.
+Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
+weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen
+mußte! Ich weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater
+umarmte und ihn unter Tränen bat, er möge doch
+wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben,
+und wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter
+auch weinte. Sie sagte, es sei notwendig, es seien geschäftliche
+Angelegenheiten, die es verlangten. Der
+alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben
+hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir
+nach Petersburg, wo einige Privatleute lebten, denen
+mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte
+er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln.
+Das erfuhr ich alles von meiner Mutter. Hier mieteten
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+wir auf der Petersburger Seite<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> eine Wohnung, in
+der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.
+</p>
+
+<p>
+Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu
+gewöhnen! Wir kamen im Herbst nach Petersburg.
+Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig heller,
+klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten
+Arbeiten beendet. Auf den Tennen lag schon das
+Getreide in hohen Haufen, um die ganze Scharen lebhaft
+zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell
+und fröhlich!
+</p>
+
+<p>
+Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war
+statt dessen nichts als Regen, Herbstkälte, Unwetter,
+Schmutz, und viele fremde Menschen, die alle unfreundlich,
+unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns
+ein, so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab,
+bis man den Haushalt endlich eingerichtet hatte! Mein
+Vater war fast den ganzen Tag nicht zu Hause und
+meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß
+man ganz. Es war ein trauriges Aufstehen am nächsten
+Morgen – nach der ersten Nacht in der neuen Wohnung.
+Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf
+der Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige
+Menschen gingen vorüber, und alle waren so vermummt
+in Kleider und Tücher, und alle schienen sie
+zu frieren.
+</p>
+
+<p>
+Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur
+Kummer und entsetzliche Langeweile. Verwandte oder
+nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna Fedorowna
+hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr
+etwas.) Es kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+mit dem Vater Geschäftliches zu besprechen hatten. Gewöhnlich
+wurde dann gestritten, gelärmt und geschrien.
+Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa
+immer so unzufrieden und böse. Stundenlang ging er
+dann im Zimmer auf und ab, mit gerunzelter Stirn,
+ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
+nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem
+Buch still in einen Winkel zurück und wagte mich nicht
+zu rühren.
+</p>
+
+<p>
+Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg
+wurde ich in eine Pension gegeben. War das eine
+traurige Zeit, anfangs, unter den vielen fremden Menschen!
+Alles war so trocken, so kurz angebunden, so unfreundlich
+und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen
+schalten und die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert
+– wie ein Wildling kam ich mir vor. Diese
+pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur bestimmten
+Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen
+Tafel, die langweiligen Lehrer – das
+machte mich anfangs haltlos! Ich konnte dort nicht
+einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte
+Nacht habe ich bis zum Morgen geweint. Abends,
+wenn die anderen alle ihre Lektionen lernten oder wiederholten,
+saß ich über meinem Buch oder dem Vokabelheft
+und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen
+Gedanken war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater
+und die Mutter und an meine alte gute Kinderfrau
+und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh
+mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause
+erinnert man sich, und selbst an den noch denkt man
+mit einem so eigentümlichen, wehmütigen Vergnügen.
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut, wie
+schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in
+unserem kleinen Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der
+Ssamowar summt, und mit am Tisch säßen die Eltern:
+wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie
+würde ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest,
+ganz fest, o, so mit aller Inbrunst umarmen! – Und
+so denkt man weiter, bis man vor Heimweh leise zu
+weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt
+– die Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf.
+Wieder kann man die Aufgabe für den nächsten Tag
+nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
+Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen;
+die ganze Nacht träumt man, daß man die
+Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß man natürlich
+nichts. Da muß man wieder im Winkel knien
+und erhält nur eine Speise. Ich war so unlustig, so
+wortkarg. Die Mädchen lachten über mich, neckten mich
+und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
+Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in
+langer Reihe paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten
+sich bei der Lehrerin über mich. Doch welche Seligkeit,
+wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
+Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte
+– ich wußte mich kaum zu lassen vor
+Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
+mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie
+mir die Tücher um den Kopf band. Unterwegs aber
+konnte sie mir nie schnell genug folgen und ich – konnte
+doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze
+Zeit erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+ausgelassen vor Freude, lief ich ins Haus und warf
+mich den Eltern um den Hals, als hätten wir uns seit
+neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das Erzählen
+und Fragen, und ich lachte und lief umher und
+feierte mit allem und allem Wiedersehen. Papa begann
+alsbald ernstere Gespräche: über die Lehrer, über Mathematik,
+über die französische Sprache und die Grammatik
+von L’Homond, – und alle waren wir so guter
+Dinge und zufrieden und gesprächig. Auch jetzt noch ist
+mir die bloße Erinnerung an jene Stunden ein Vergnügen.
+</p>
+
+<p>
+Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um
+meinen Vater damit zu erfreuen. Ich sah doch, daß er
+das Letzte für mich ausgab, während ihm selbst die
+Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde
+er finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter
+veränderte sich sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang
+ihm, alles schlug fehl und die Schulden wuchsen
+ins Ungeheuerliche.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur
+ein Wort der Klage zu sagen, da der Vater sich dann
+nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich und
+schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam
+ich aus der Pension, so sah ich nur traurige Gesichter:
+die Mutter wischte sich heimlich die Tränen aus den
+Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann kamen
+wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine
+Freude, ich brächte ihm auch keinen Trost, und doch
+gebe er für mich das Letzte hin, ich aber verstände noch
+immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem Wort,
+ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge,
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+alles hatten wir zu verantworten, ich und die arme
+Mama. Wie war es aber nur möglich, die arme Mama
+noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte
+einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen,
+die Augen lagen tief in den Höhlen – wie eine
+Schwindsüchtige sah sie aus.
+</p>
+
+<p>
+Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich
+begann es mit irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit
+und dann kam oft Gott weiß was alles zur
+Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa
+sprach. Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst
+die französische Sprache, daß ich ein großer Dummkopf
+und unsere Pensionsvorsteherin eine fahrlässige, dumme
+Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere
+sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer
+keine Anstellung finden könne und daß die Grammatik
+von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij sei bedeutend
+besser; daß man für mich viel Geld verschwendet
+habe, ohne Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses,
+hartherziges Mädchen sei, – kurz, ich Arme, die
+ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln
+und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem
+schuld und mußte alle Vorwürfe hinnehmen. Aber er
+tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns nicht liebte:
+im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war
+nun einmal sein Charakter ...
+</p>
+
+<p>
+Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen
+und Mißerfolge, die seinen ursprünglich guten
+Charakter so verändert hatten: er wurde mißtrauisch,
+war oft ganz verbittert und der Verzweiflung
+nahe, begann seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+sich und – starb dann auch nach kurzem Krankenlager,
+so plötzlich, so unerwartet, daß wir es noch
+tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt
+von diesem Schlage. Mama war wie erstarrt,
+ich fürchtete anfänglich für ihren Verstand. Kaum
+aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger
+in Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir
+ihnen hin. Unser Häuschen auf der Petersburger
+Seite, das Papa ein halbes Jahr nach unserer Ankunft
+in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft
+werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen
+wurde, wir blieben jedenfalls ohne Obdach, ohne
+Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war krank – es
+war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte
+– verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem
+Verderben preisgegeben. Ich war erst vierzehn Jahre
+alt.
+</p>
+
+<p>
+Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna.
+Sie gibt sich immer für eine Gutsbesitzerin aus und
+versichert, sie sei mit uns nahe verwandt. Mama aber
+sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
+Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch
+lebte, war sie nie zu uns gekommen. Sie erschien mit
+Tränen in den Augen und beteuerte, daß sie an unserem
+Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete
+uns lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa
+an unserem ganzen Mißgeschick schuld sei: er habe gar
+zu hoch hinaus gewollt und gar zu sehr auf seine eigene
+Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige Verwandte“
+den Wunsch, uns näher zu treten, und machte
+den Vorschlag, Gewesenes zu vergessen. Als Mama
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+darauf erwiderte, daß sie nie irgendwelchen Groll gegen
+sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter Rührung,
+führte Mama in die Kirche und bestellte eine
+Seelenmesse für den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen
+plötzlich nannte. Darauf versöhnte sie sich
+in aller Feierlichkeit mit Mama.
+</p>
+
+<p>
+Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen
+und nachdem sie uns in grellen Farben unsere
+ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
+Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte
+sie uns auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie
+sich ausdrückte. Mama dankte für ihre Freundlichkeit,
+konnte sich aber lange nicht entschließen, der Aufforderung
+Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig
+blieb, so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna
+mitzuteilen, daß sie ihr Anerbieten dankbar
+annehmen wolle.
+</p>
+
+<p>
+Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens,
+an dem wir von der Petersburger Seite nach
+dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff, übersiedelten!
+Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen.
+Mama weinte. Und ich war so traurig: es
+war mir, als schnüre mir eine unerklärliche Angst die
+Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ...
+</p>
+
+<p class="dashes">
+– – –
+</p>
+
+<h4 class="section" id="subchap-3-8-2">
+II.
+</h4>
+
+<p class="noindent">
+Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt
+hatten, empfanden wir beide, Mama und ich, eine gewisse
+Bangigkeit in der Wohnung Anna Fedorownas,
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas
+nicht ganz geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte
+in ihrem eigenen Hause an der Sechsten Linie<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>. Im
+ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer.
+In dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit
+meiner Kusine Ssascha, die als armes Waisenkind von
+ihr angenommen war und erzogen wurde. Im vierten
+Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben
+dem unsrigen lag, wohnte ein armer Student,
+Pokrowskij, der einzige Mieter im Hause.
+</p>
+
+<p>
+Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als
+man es für möglich gehalten hätte, doch ihre Geldquelle
+war ebenso rätselhaft wie ihre Beschäftigung.
+Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und
+lief besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie
+mehrmals aus. Doch wohin sie ging, mit was sie sich
+draußen beschäftigte und was sie zu tun hatte, das vermochte
+ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen
+und sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen
+welche zu ihr gefahren und immer in Geschäften und
+nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich jedesmal
+in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber
+ärgerte sich Anna Fedorowna sehr und machte meiner
+Mutter beständig den Vorwurf, daß wir gar zu stolz
+seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
+Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein,
+aber so! ... und stundenlang fuhr sie dann in diesem
+Tone fort. Damals begriff ich diese Vorwürfe nicht,
+und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen
+konnte, Anna Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna.
+Ewig quälte sie uns. Aber eins ist mir auch
+jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns überhaupt zu
+sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns,
+dann aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein,
+als sie sah, daß wir vollständig hilflos und nur
+auf ihre Gnade angewiesen waren. Später wurde sie
+zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
+sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher
+hatte ich ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig
+machte sie uns Vorwürfe und sprach zu uns von nichts
+anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
+Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen
+Verwandten vor, als mittellose, schutzlose Witwe
+und Waise, die sie nur aus Mitleid und christlicher
+Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre.
+Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir
+zu nehmen wagten, mit den Augen, wenn wir aber
+nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
+wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns
+wohl nicht gut genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was
+sie habe und begnüge sich selbst damit – vielleicht
+könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
+könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa
+mußte sie jeden Augenblick etwas Schlechtes sagen,
+anders ging es nicht. Sie behauptete, er habe immer
+nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man
+nun davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen,
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+wo sie blieben, und wenn sich nicht unter ihren Verwandten
+eine christlich liebevolle Seele – das war sie
+selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf
+der Straße Hungers sterben können. Und was sie da
+nicht noch alles vorbrachte! Es war nicht einmal so
+bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören.
+</p>
+
+<p>
+Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand
+verschlimmerte sich mit jedem Tage, sie
+welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir vom
+Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung,
+was Anna Fedorowna sehr mißfiel. Sie sagte, ihr
+Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten uns doch
+Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen,
+um auf alle Fälle wenigstens etwas eigenes
+Geld zu haben. Und so arbeiteten und sparten wir
+denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein
+Zimmerchen mieten zu können. Doch die anstrengende
+Arbeit verschlimmerte den Zustand der Mutter sehr:
+mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die Krankheit
+untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem
+Grabe näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte
+doch nicht helfen!
+</p>
+
+<p>
+Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem
+vorhergegangenen. Wir lebten still für uns, als wären
+wir gar nicht in der Stadt. Anna Fedorowna
+beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie
+ihre unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr
+für sie zu fürchten brauchte. Übrigens hatten wir
+ihr noch nie in irgend etwas widersprochen. Unser
+Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
+durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+nur noch das Zimmer Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte.
+Er unterrichtete Ssascha, lehrte sie Französisch und
+Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle
+Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte,
+und dafür brauchte er für Kost und Logis nichts zu
+zahlen.
+</p>
+
+<p>
+Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich
+unartig und lebhaft. Sie war damals erst dreizehn
+Jahre alt. Schließlich sagte Anna Fedorowna
+zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich
+mit ihr zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension
+den Kursus sowieso nicht beendet hatte. Mama
+war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und so
+wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von
+Pokrowskij unterrichtet.
+</p>
+
+<p>
+Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch.
+Seine Gesundheit erlaubte es ihm nicht, regelmäßig
+die Universität zu besuchen, und so war er eigentlich
+gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit
+noch genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in
+seinem Zimmer, daß wir im Nebenzimmer nichts von
+ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus, bewegte
+und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam,
+daß ich ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte,
+ohne über ihn lachen zu müssen. Ssascha machte immer
+ihre unartigen Streiche, und das besonders während
+des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß
+auch noch heftig, ärgerte sich beständig, jede Kleinigkeit
+brachte ihn aus der Haut: er schalt uns, schrie uns
+an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort,
+noch bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+wieder in seinem Zimmer ein. Dort aber, in seinem
+Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er hatte
+viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare.
+Er gab noch an ein paar anderen Stellen Stunden
+und erhielt dafür Geld, doch kaum hatte er welches erhalten,
+so ging er sogleich hin und kaufte sich wieder
+Bücher.
+</p>
+
+<p>
+Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war
+der beste und ehrenwerteste Mensch, der beste von
+allen, die mir bis dahin im Leben begegnet waren.
+Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er
+auch mein treuer Freund und stand mir am nächsten
+von allen, – natürlich nach Mama.
+</p>
+
+<p>
+In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich
+doch schon ein großes Mädchen war – an allen Streichen,
+die Ssascha gegen ihn ausheckte, und bisweilen
+überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder necken
+und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es
+war furchtbar spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir
+wollten unser Vergnügen haben. (Noch jetzt schäme ich
+mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten
+wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten,
+und da hörte ich deutlich, wie er zwischen den
+Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts grausamer als
+Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte
+sich in mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid.
+Ich errötete bis über die Ohren und bat ihn fast
+unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch unsere
+dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er
+klappte das Buch zu und ging in sein Zimmer, ohne
+den Unterricht fortzusetzen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke,
+daß wir Kinder ihn durch unsere boshaften
+Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir
+unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen
+abgesehen! So verlangte es uns, uns an seiner sicher
+krankhaften Gereiztheit auch noch zu weiden! So war
+es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
+Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen,
+armen Menschen, gezwungen, unter seinem
+grausamen Los noch mehr zu leiden!
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie
+mich die Reue quälte! Man sagt, Reue erleichtere das
+Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie es kam,
+daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich
+wollte nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war
+damals bereits fünfzehn Jahre alt.
+</p>
+
+<p>
+Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen,
+wie ich Pokrowskij veranlassen könnte, seine Meinung
+über mich zu ändern. Doch an der Ausführung dieser
+meiner tausend Pläne hinderte mich meine Schüchternheit:
+ich konnte mich zu nichts entschließen, und so
+blieb es denn bei den Plänen und Träumereien (und
+was man nicht alles so zusammenträumt, mein Gott!).
+Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr an Ssaschas
+unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger.
+Das hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr
+über uns ärgerte. Doch das war zu wenig für meinen
+Ehrgeiz.
+</p>
+
+<p>
+Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten
+Menschen, den ich jemals im Leben
+kennen gelernt habe. Ich will es deshalb an dieser
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
+so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage
+an aufs lebhafteste in meinen Gedanken zu beschäftigen
+begann.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein
+schlecht und unsauber gekleideter, kleiner, grauer
+Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar plump
+und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah.
+Auf den ersten Blick konnte man glauben, daß
+er sich gewissermaßen seiner selbst schäme, daß er für
+seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte. Wenigstens
+duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte
+wenigstens immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam
+in nichts zu verwandeln, und diese ängstlichen,
+verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden
+erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei
+vollem Verstande sei. Wenn er zu uns kam, blieb er
+gewöhnlich im Flur hinter der Glastür stehen und
+wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von
+uns – ich oder Ssascha – oder jemand von den
+Dienstboten, die ihm freundlicher gesinnt waren – durch
+den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der
+Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu
+rufen und verschiedene Zeichen zu machen: nickte man
+ihm dann zu – damit erteilte man ihm die Erlaubnis,
+und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute
+im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte
+er endlich, leise die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten,
+worauf er sich froh die Hände rieb und sogleich
+auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs schlich.
+Dieser Alte war sein Vater.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen.
+Er war einmal irgendwo Beamter gewesen,
+hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz untergeordnete
+Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die
+Mutter des Studenten Pokrowskij) gestorben war,
+hatte er zum zweitenmal geheiratet, und zwar eine
+halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im
+Hause kein Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte
+das erste Wort geführt und war mit jedem womöglich
+handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student
+Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger
+Knabe – hatte unter ihrem Haß viel zu leiden gehabt,
+doch zum Glück war es anders gekommen. Der Gutsbesitzer
+Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij,
+früher gekannt und ihm einmal so etwas wie
+eine Wohltat erwiesen hatte, nahm sich des Jungen an
+und steckte ihn in irgendeine Schule. Er interessierte
+sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine
+verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als
+Mädchen von Anna Fedorowna „Wohltaten“ erfahren
+und von ihr an den Beamten Pokrowskij verheiratet
+worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter
+Bekannter und Freund Anna Fedorownas, der
+Braut aus Großmut eine Mitgift von fünftausend
+Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war
+– ist unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna.
+Der Student Pokrowskij selbst sprach nie von
+seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht, wenn
+man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine
+Mutter sei sehr schön gewesen, deshalb wundert es
+mich, daß sie so unvorteilhaft und noch dazu einen so
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist
+schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der
+Heirat.
+</p>
+
+<p>
+Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein
+Gymnasium und von dort auf die Universität. Herr
+Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen pflegte,
+ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte
+ihn. Leider konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen
+Gesundheit sein Studium nicht fortsetzen, und da
+machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna bekannt,
+stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn
+Pokrowskij zu ihr, um für Kost und Logis Ssascha in
+„allen Wissenschaften“ zu unterrichten.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer
+über die rohe Behandlung, die ihm seine zweite Frau
+zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller Laster: er begann
+zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine
+Frau prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und
+brachte es mit der Zeit so weit, daß er sich alles widerspruchslos
+gefallen ließ und sich auch an die Schläge
+gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
+seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits
+erwähnte, tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.
+</p>
+
+<p>
+Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem
+Menschen seine grenzenlose Liebe zu seinem Sohne.
+Man sagte mir, der junge Pokrowskij sei seiner Mutter
+so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen.
+War es dann vielleicht die Erinnerung an die erste,
+gute Frau, die im Herzen dieses heruntergekommenen
+Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem Sohne erweckt
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts
+anderem, als von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte
+er ihn zweimal. Öfter zu kommen, wagte
+er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen
+Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters
+war gewiß sein größter Fehler. Übrigens konnte
+der Alte mitunter auch mehr als unerträglich sein. Erstens
+war er furchtbar neugierig, zweitens störte er den
+Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen,
+sinnlosen Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien
+er nicht immer ganz nüchtern. Der Sohn gewöhnte
+dem Alten mit der Zeit seine schlechten Angewohnheiten,
+seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und
+zu guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott
+und wagte ohne seine Erlaubnis nicht einmal mehr,
+den Mund aufzutun.
+</p>
+
+<p>
+Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>
+– so nannte er den Sohn – nicht genug wundern
+und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer bedrückt,
+besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich
+deshalb, weil er noch nicht wußte, wie der Sohn ihn
+empfangen werde. Gewöhnlich konnte er sich lange
+nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann
+erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich
+oft eine ganze halbe Stunde lang auszufragen, wie es
+dem Petinka gehe, was er mache, ob er gesund sei und
+in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
+Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere
+wieder ein philosophisches Werk? Und wenn ich
+ihn dann genügend beruhigt und ermutigt hatte, entschloß
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+er sich endlich, ganz, ganz leise und vorsichtig
+die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken:
+sah er, daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht
+sogar zum Gruß zunickte, dann trat er ganz behutsam
+ein, nahm den Mantel und den Hut ab –
+letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn
+nicht gar mit abgerissener Krempe – und hängte beides
+an einen Haken. Alles tat er so vorsichtig und lautlos
+wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig auf
+einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von
+seinem Sohn, verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden
+Blick, um nur ja die Stimmung seines Petinka zu
+erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter
+Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem
+Platz und sagte, daß er eben „nur so, Petinka, nur auf
+ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei. „Ich bin, sieh
+mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier vorüber,
+und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um
+mich etwas auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“
+Und dann nahm er still und ergeben seinen alten dünnen
+Mantel und den alten, abgetragenen Hut, klinkte
+vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er
+sich noch zu einem Lächeln zwang, um das aufwallende
+Leid im Herzen zu unterdrücken und den Sohn nichts
+merken zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann
+wußte er sich vor Freude kaum zu lassen. Sein
+Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles
+sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn
+mit ihm gar zu sprechen begann, erhob sich der Alte
+stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise und gleichsam
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt,
+sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die
+in diesem Fall natürlich nur komisch wirkten. Hinzu
+kam, daß er entschieden nicht zu sprechen verstand: nach
+jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz, wurde
+verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst
+lassen sollte – und nachher flüsterte er dann noch
+mehrmals die Antwort vor sich hin, wie um das Gesagte
+zu verbessern. War es ihm aber gelungen, gut
+zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt,
+rückte an der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen,
+und seine Miene nahm sogar den Ausdruck
+eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber
+fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn
+wurde: er stand vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal,
+nahm irgendein Buch und begann zu lesen, gleichviel
+was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit
+einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit
+vortäuschen sollte, als habe er von jeher das Recht, mit
+den Büchern des Sohnes nach Belieben umzugehen,
+und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts Ungewohntes.
+Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak,
+als der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren:
+er verlor vollständig den Kopf, beeilte sich,
+sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
+zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte
+es aber, schob es mit dem Kopf nach unten hinein,
+zog es dann schnell wieder hervor, drehte es um und
+dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
+diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt
+nach außen, lächelte dabei hilflos, wurde rot und wußte
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+entschieden nicht, wie er sein Verbrechen sühnen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater
+durch Vorhaltungen und gutes Zureden von seinen
+schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
+Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen
+war, gab er ihm das nächste Mal fünfundzwanzig
+oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr. Bisweilen
+kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine
+Krawatte, und wenn der Alte dann in seinem neuen
+Kleidungsstück erschien, war er stolz wie ein Hahn.
+Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
+mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich
+nur von seinem Petinka. Er bat uns, während des
+Unterrichts aufmerksam und fleißig zu sein, und unserem
+Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter
+Sohn, sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte,
+und obendrein, „ein so gelehrter Sohn“. Wenn er
+das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit dem linken
+Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam
+an, daß wir uns gewöhnlich nicht bezwingen konnten
+und herzlich über ihn lachten. Mama hatte den Alten
+sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt,
+obschon er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als
+Wasser“ war.
+</p>
+
+<p>
+Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen.
+Pokrowskij hielt mich nach wie vor nur für
+ein Kind, für ein unartiges kleines Mädchen, wie Ssascha.
+Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
+nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder
+gut zu machen. Aber vergeblich: ich wurde überhaupt
+nicht beachtet. Das reizte und kränkte mich noch mehr.
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des
+Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich
+wurde rot und nachher weinte ich irgendwo in einem
+Winkel – vor Ärger über mich selbst.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben
+würde, wenn uns nicht ein Zufall einander näher gebracht
+hätte. Das geschah folgendermaßen:
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna
+saß, schlich ich mich heimlich in Pokrowskijs Zimmer.
+Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag ich
+wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken
+kam, in das Zimmer eines fremden Menschen zu gehen.
+Ich tat es zum erstenmal, obschon wir über ein
+Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
+so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit
+einer eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war
+ganz einfach, sogar ärmlich eingerichtet, von Ordnung
+war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf den
+Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall
+nichts als Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke
+überkam mich plötzlich: es schien mir, daß
+meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn
+bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm,
+ich wußte nichts, las nichts, besaß kein einziges Buch
+... Mit einem gewissen Neid blickte ich nach den langen
+Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter
+der schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und
+Sehnsucht und Wut! – Ich wollte gleichfalls Bücher
+lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos, und das so
+schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte
+ich, daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+seine Freundschaft erwerben könnte, als so, da ich
+nichts wußte. Ich ging entschlossen zum ersten Bücherregal
+und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken,
+den ersten besten Band heraus – zufällig
+ein ganz altes, bestaubtes Buch – und brachte es, zitternd
+vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um
+es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein
+des Nachtlämpchens zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem
+Zimmer glücklich angelangt, das geraubte Buch
+aufschlug und sah, daß es ein uraltes, vergilbtes und
+von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war.
+Ich besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein
+Zimmer zurück. Doch gerade wie ich im Begriff war,
+das Buch wieder auf seinen alten Platz zurückzulegen,
+hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und
+schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte
+mich beeilen, doch das abscheuliche Buch war so eng
+in der Reihe eingepreßt gewesen, daß die anderen Bücher,
+als ich dieses herausgenommen, unter dem verringerten
+Druck sogleich wieder dicker geworden waren,
+weshalb der frühere Schicksalsgenosse nicht mehr
+hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft, um das Buch hineinzuzwängen.
+Die Schritte kamen näher: ich stieß
+mit aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete
+Nagel, der das eine Ende des Bücherregals
+hielt und wohl nur auf diesen Augenblick gewartet
+hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend
+mit dem einen Ende zu Boden und die Bücher
+fielen mit Geräusch herab. Da ging die Tür auf und
+Pokrowskij trat ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen
+konnte, wenn jemand in seinem Zimmer sich zu tun
+machte. Wehe dem, der gar seine Bücher anzurühren
+wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle
+die großen und kleinen Bücher, die dicken und dünnen,
+eingebundenen und uneingebundenen herabstürzten,
+übereinander kollerten und unter dem Tisch und unter
+Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen
+lagen. Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät.
+„Jetzt ist es aus,“ dachte ich, „für immer aus! Ich
+bin verloren! Ich bin unartig, wie eine Zehnjährige,
+wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch
+und albern!“
+</p>
+
+<p>
+Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich.
+</p>
+
+<p>
+„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen
+Sie sich denn nicht! Werden Sie denn niemals
+Vernunft annehmen und die Kindertollheiten lassen?“
+Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben.
+</p>
+
+<p>
+Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch
+er verbot es mir barsch:
+</p>
+
+<p>
+„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie
+täten besser, sich nicht da einzufinden, wohin man Sie
+nicht gerufen!“
+</p>
+
+<p>
+Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein
+Schuldbewußtsein verriet, mochten ihn etwas besänftigen,
+wenigstens fuhr er in milderem, ermahnendem
+Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu
+mir gesprochen:
+</p>
+
+<p>
+„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten
+aufgeben, wann endlich etwas vernünftiger werden?
+So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind doch kein
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch
+schon fünfzehn Jahre alt!“
+</p>
+
+<p>
+Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen,
+ob ich auch wirklich nicht mehr ein kleines Mädchen
+sei – sah er mich an und plötzlich errötete er bis über
+die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete: ich
+stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert
+an. Er wußte nicht, was tun, trat verlegen ein
+paar Schritte auf mich zu, geriet in noch größere Verwirrung,
+murmelte irgend etwas, als wolle er sich entschuldigen
+– vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt
+bemerkt hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei!
+Endlich begriff ich. Ich weiß nicht, was dann in mir
+vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu Boden, errötete
+noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht
+mit den Händen und lief aus dem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich
+mich vor Scham verstecken sollte. Schon das allein, daß
+er mich in seinem Zimmer vorgefunden hatte! Ganze
+drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich errötete bis
+zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken
+jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten
+war wohl der, daß ich zu ihm gehen, ihm alles
+erklären, alles gestehen und offen alles erzählen wollte,
+um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes
+Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht.
+Ich hatte mich sogar schon fest dazu entschlossen, doch
+zum Glück sank mein Mut und ich wagte es nicht, meinen
+Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was
+ich damit angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich
+auch jetzt noch, überhaupt nur daran zu denken.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich
+und sogar sehr gefährlich. In der dritten Nacht
+stieg das Fieber und sie phantasierte heftig. Ich hatte
+schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an
+ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten
+Stunden die vom Doktor verschriebene Arznei. In der
+folgenden Nacht versagte meine Widerstandskraft, ich
+war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen mir
+die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf
+drehte sich alles und jeden Augenblick wollte mich die
+Bewußtlosigkeit überwältigen, doch dann weckte mich
+wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf
+und erwachte für einen Augenblick, um von neuem,
+übermannt von der Mattigkeit, einzuschlummern. Ich
+quälte mich. Ich kann mich des Traumes, den ich damals
+hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war
+aber irgendein schrecklicher Spuk, der mich während
+meines Kampfes gegen die mich immer wieder überwältigende
+Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte.
+Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel,
+das Nachtlicht im Erlöschen: bald schlug die
+Flamme flackernd auf und heller Lichtschein erfüllte
+das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen
+und an den Wänden zitterten Schatten, um für
+Augenblicke fast vollständiger Dunkelheit zu weichen.
+Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames Entsetzen
+erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie
+standen noch unter dem Eindruck des grauenvollen
+Traumes und die Angst schnürte mir das Herz zusammen
+... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und
+schrie leise auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+Angstgefühls. In demselben Augenblick ging
+die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus
+der Bewußtlosigkeit erwachte. Behutsam setzte er mich
+auf einen Stuhl, gab mir zu trinken und fragte mich
+besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich erinnere
+mich nicht, was ich ihm antwortete.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte
+er, indem er meine Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie
+setzen Ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, wenn Sie
+sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
+sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden
+wecken, beruhigen Sie sich nur ... Legen Sie sich
+hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er mir zu, ohne
+mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
+Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die
+Augen fielen mir vor Schwäche zu. Ich legte mich hin,
+um, wie ich mir fest vornahm, nur eine halbe Stunde
+zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij
+weckte mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei
+einzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen
+Erholung wieder zur Nachtwache anschickte, entschlossen,
+diesmal nicht wieder einzuschlafen, wurde etwa
+gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete –
+es war Pokrowskij.
+</p>
+
+<p>
+„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu
+sitzen,“ sagte er, „hier, nehmen Sie dieses Buch, es
+wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für
+eines es war –, doch obschon ich die ganze Nacht nicht
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+schlief, sah ich kaum einmal hinein. Es war eine
+eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe
+ließ: ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal
+längere Zeit ruhig im Lehnstuhl sitzen, – mehrmals
+stand ich auf, um eine Weile im Zimmer umherzugehen.
+Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein
+ganzes Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit
+Pokrowskijs. Ich war stolz auf seine Sorge,
+auf seine Bemühungen um mich. Die ganze
+Nacht dachte ich nur daran und träumte mit offenen
+Augen. Er kam nicht wieder und ich wußte, daß er in
+dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber ich
+malte mir dafür die nächste Begegnung aus.
+</p>
+
+<p>
+Am folgenden Abend, als die anderen alle schon
+zu Bett gegangen waren, öffnete Pokrowskij seine Tür
+und begann mit mir eine Unterhaltung, indem er auf
+der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne
+mich keines Wortes mehr von dem, was wir damals
+sprachen; ich weiß nur noch, daß ich schüchtern
+und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über
+mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der
+Unterhaltung erwartete, obschon ich mit allen Fibern
+an ihr hing und den ganzen Tag an nichts anderes
+gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
+zurecht gelegt hatte ...
+</p>
+
+<p>
+Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft.
+Während der ganzen Dauer von Mamas Krankheit
+verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
+Allmählich überwand ich meine Schüchternheit,
+wenn ich auch nach jedem Gespräch immer noch Ursache
+hatte, über mich selbst ungehalten zu sein. Übrigens
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer
+Genugtuung, als ich sah, daß er um meinetwillen seine
+unausstehlichen Bücher vergaß. Einmal kamen wir zufällig
+darauf zu sprechen, wie sie damals vom Bücherbrett
+gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war
+ein seltsamer Augenblick: ich glaube, ich war <em>gar</em> zu
+aufrichtig und naiv. Eine seltsame Begeisterung riß
+mich mit sich fort und ich gestand ihm alles ... gestand
+ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es
+mich geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen
+gehalten ... Wie gesagt, ich befand mich in einer sehr
+sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich und in
+meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte
+ihm nichts, ich sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von
+meiner Freundschaft zu ihm, von meinem Wunsch, ihn
+zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu trösten,
+zu beruhigen ...
+</p>
+
+<p>
+Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt
+und erstaunt zugleich zu sein und sagte kein Wort. Das
+tat mir plötzlich sehr weh und machte mich traurig. Ich
+glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
+vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich
+brach ich in Tränen aus und weinte wie ein Kind: es
+war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie ein
+Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände,
+küßte sie, drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete
+mich. Es mußte ihm sehr nahe gegangen sein, denn er
+war tief gerührt. Ich erinnere mich nicht mehr, was er
+zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und
+weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst
+kein Wort hervorbringen. Dennoch entging mir nicht,
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+daß in Pokrowskij eine gewisse Verwirrung und Gezwungenheit
+zurückblieb. Offenbar konnte er sich über
+meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende
+Freundschaft nicht genug wundern. Vielleicht
+war zu Anfang nur sein Interesse geweckt, doch späterhin
+verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte
+meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine
+Aufmerksamkeit mit ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen,
+wie ich sie ihm entgegenbrachte, und war so aufmerksam
+und freundlich zu mir, wie ein aufrichtiger
+Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen
+war es so warm, so gut ... Ich verheimlichte
+nichts und verstellte mich nicht: was ich fühlte, das
+sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde
+seine Freundschaft zu mir größer.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir
+in jenen qualvollen und doch süßen Stunden unseres
+nächtlichen Beisammenseins beim zitternden Licht des
+Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
+Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir
+sprachen von allem, was uns einfiel, wovon das Herz
+voll war – und wir waren fast glücklich ... Ach,
+es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich.
+Auch jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn
+ich an sie zurückdenke. Erinnerungen sind immer quälend,
+gleichviel ob es traurige oder frohe sind. Wenigstens
+ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual
+zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem
+schwer wird ums Herz und weh, und wenn man sich
+quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen erfrischend
+und belebend wie nach einem heißen Tage kühler
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+Tau, der am feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut
+des Tages welk gewordene Blume erfrischt
+und wieder belebt.
+</p>
+
+<p>
+Mama war bereits auf dem Wege der Besserung
+– trotzdem fuhr ich fort, die Nächte an ihrem Bett
+zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher: anfangs
+las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer
+und zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als
+täte sich eine ganze Welt neuer, mir bis dahin unbekannter,
+ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken, neue
+Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und
+je mehr Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich
+die Aufnahme dieser neuen Eindrücke kostete, um so
+lieber waren sie mir, um so freudvoller erschütterten
+sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz
+plötzlich drängten sie sich in mein Herz und ließen es
+keine Ruhe mehr finden. Es war ein eigentümliches
+Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
+Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch
+nicht vernichten. Ich war gar zu verschwärmt und
+träumerisch, und das rettete mich.
+</p>
+
+<p>
+Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden
+hatte, hörten unsere abendlichen Zusammenkünfte
+und langen Gespräche auf. Nur hin und wieder fanden
+wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
+gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete
+ich mich damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort
+eine besondere Bedeutung verlieh und ihm einen geheimen
+Sinn unterschob. Mein Leben war voll Inhalt,
+ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so
+vergingen mehrere Wochen ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij
+zu uns ins Zimmer. Er schwatzte wieder alles mögliche,
+war bei auffallend guter Laune, scherzte und war
+sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich
+mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des
+Rätsels seiner guten Laune war, herauskam, und uns
+mitteilte, daß genau eine Woche später Petinkas Geburtstag
+sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu
+seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue
+Weste anlegen, und seine Frau, sagte er, habe versprochen,
+ihm neue Stiefel zu kaufen. Kurz, der Alte war
+mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich.
+</p>
+
+<p>
+Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ
+mir Tag und Nacht keine Ruhe. Ich beschloß sogleich,
+ihm zum Beweis meiner Freundschaft unbedingt etwas
+zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
+Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte,
+daß er gern die neueste Gesamtausgabe der Werke
+Puschkins besessen hätte und so beschloß ich, ihm dieselbe
+zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig
+Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte.
+Dieses Geld war eigentlich für ein neues Kleid bestimmt,
+das ich mir anschaffen sollte. Doch ich schickte
+sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum
+nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel
+die neueste Ausgabe der Werke Puschkins koste. O,
+das Unglück! Der Preis aller elf Bände war, wenn
+man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig
+Rubel. Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte
+und wußte nicht, was tun. Mama um Geld
+bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren,
+daß wir ihm ein Geschenk machten. Und außerdem
+wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen, sondern
+gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe,
+die er das ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber
+wollte ihm die Bücher ganz allein, ganz heimlich schenken.
+Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit
+mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet
+sein, ohne ein anderes Entgelt dafür, als meine
+Freundschaft. Endlich verfiel ich auf einen Ausweg.
+</p>
+
+<p>
+Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj
+Dworr<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> die neuesten Bücher für den halben Preis
+erstehen konnte, wenn man nur zu handeln verstand.
+Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast
+ganz neue Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor,
+bei nächster Gelegenheit nach dem Gostinnyj Dworr zu
+gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am folgenden
+Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus
+einer Handlung besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna
+gleichfalls, doch Mama fühlte sich nicht ganz
+wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade
+keine Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit
+Matrjona alles besorgen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und
+zwar in einem hübschen und gut erhaltenen Einbande.
+Ich fragte nach dem Preise. Zuerst verlangte der
+Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung
+kostete, doch nach und nach brachte ich ihn so weit –
+was übrigens gar nicht so leicht war – daß er, nachdem
+ich mehrmals fortgegangen und so getan hatte, als
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach
+vom Preise abließ und seine Forderung schließlich auf
+fünfunddreißig Rubel festsetzte. Welch ein Vergnügen
+es mir war, zu handeln! Die arme Matrjona konnte gar
+nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
+in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch
+wer beschreibt schließlich meinen Ärger: ich besaß im
+ganzen nur meine dreißig Rubel, und der Kaufmann
+wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger
+abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so
+lange, bis er sich zu guter Letzt doch erweichen ließ: er
+ließ noch etwas ab, aber nur zweieinhalb Rubel, mehr,
+sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht ablassen, und
+er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur
+für mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und
+daß er einem anderen Käufer nie und nimmer so viel
+abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel fehlten mir! Ich
+war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen.
+Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.
+</p>
+
+<p>
+Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten
+Pokrowskij, der an einem der anderen Büchertische
+stand. Vier oder fünf der Antiquare umringten ihn
+und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen
+bereits ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot
+ihm einige seiner Bücher an, die verschiedensten, die
+man sich nur denken kann: mein Gott, was er nicht
+alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf-
+und ratlos und wußte nicht, für welches der vielen
+Bücher, die ihm von allen Seiten empfohlen wurden,
+er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat auf
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte
+war sehr froh über mein Erscheinen; er liebte mich
+sehr, vielleicht gar nicht so viel weniger als seinen
+Petinka.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen,
+Warwara Alexejewna,“ antwortete er, „für Petinka
+kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein Geburtstag
+ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da
+kaufe ich sie denn eben für ihn ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus,
+diesmal aber war er noch dazu völlig verwirrt. Was
+er auch kaufen wollte, immer kostete es über einen Rubel,
+zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände
+wagte er sich schon gar nicht heran, blickte nur so von
+der Seite mit verlangendem Lächeln nach ihnen hin,
+blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und ehrfurchtsvoll
+langsam – besah wohl auch das eine oder
+andere Buch von allen Seiten, drehte es in der Hand
+und stellte es wieder an seinen Platz zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut,
+„aber von hier vielleicht etwas ...“ Und er begann,
+unter den dünnen Broschüren und Heftchen, unter
+Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen:
+die waren natürlich billig.
+</p>
+
+<p>
+„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“
+fragte ich ihn, „diese Heftchen sind doch nichts wert!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was
+für hübsche Büchelchen hier unter diesen sind, sehen
+Sie, wie hübsch!“ – Die letzten Worte sprach er so
+wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone,
+daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+anfangen – vor lauter Kummer darüber, daß die
+hübschen Bücher so teuer waren – und daß sogleich
+ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten
+Nase vorüberrollen werde.
+</p>
+
+<p>
+Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.
+</p>
+
+<p>
+„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes
+Vermögen hervor, das in ein schmutziges Stückchen
+Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen Sie,
+ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier
+Kupfer, auch so zwanzig Kopeken ...“
+</p>
+
+<p>
+Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.
+</p>
+
+<p>
+„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen
+zweiunddreißig Rubel und fünfzig Kopeken
+kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt zweieinhalb
+hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken
+sie ihm gemeinsam!“
+</p>
+
+<p>
+Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte
+mit zitternden Händen all sein Geld aus der Tasche,
+worauf ihm dann der Antiquar unsere ganze neuerstandene
+Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte
+die Bücher in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme
+und Hände, und trug sie dann alle zu sich nach Haus,
+nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am nächsten
+Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.
+</p>
+
+<p>
+Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn,
+saß wie gewöhnlich ein Stündchen bei ihm, kam dann
+zu uns und setzte sich mit einer unsagbar komischen und
+geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände
+reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis
+besaß, teilte er mir heimlich mit, daß er die Bücher
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und in der
+Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas
+Schutz bis zum Geburtstage unbemerkt verbleiben
+konnten.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende
+große „Fest“. Der Alte begann sehr weitschweifig
+darüber zu reden, wie die Überreichung des
+Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in
+dieses Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er
+darüber sprach, um so deutlicher merkte ich, daß er etwas
+auf dem Herzen hatte, was er nicht sagen wollte
+oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
+recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete.
+Seine geheime Freude und seine groteske Vergnügtheit,
+die sich anfangs in seinen Gebärden, in seinem
+ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem
+gewissen Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten,
+waren allmählich verschwunden. Er war sichtlich
+von innerer Unruhe geplagt und schaute immer bekümmerter
+drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und
+begann zaghaft:
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara
+Alexejewna ... wissen Sie was, Warwara
+Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen
+Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen
+Sie zehn Bücher und schenken ihm diese selbst,
+das heißt also von sich aus, von Ihrer Seite sozusagen
+... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und
+ihn ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen
+ausdrücklich von meiner Seite. Sehen Sie,
+dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich habe
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen
+beide etwas zu schenken haben ...“
+</p>
+
+<p>
+Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht,
+wie er fortfahren sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf:
+er saß ganz still und erwartete schüchtern, was ich wohl
+dazu sagen werde.
+</p>
+
+<p>
+„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam
+mit mir schenken, Sachar Petrowitsch?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so,
+wie gesagt ... – ich meine ja nur eben sozusagen ...“
+</p>
+
+<p>
+Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken,
+blieb wieder stecken und kam nicht weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen
+von neuem an, „ich habe nämlich, müssen Sie wissen,
+den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so bin, wie
+man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen,
+Warwara Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme
+Streiche mache ... das ist nun schon einmal so mit
+mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ... Das
+kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist
+draußen mitunter so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten,
+oder man ist eben einmal wehmütig
+gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
+Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und
+schlage eben über die Schnur und trinke ein überflüssiges
+Gläschen. Dem Petruscha aber ist das sehr unangenehm.
+Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber
+und schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also
+deshalb, sehen Sie, würde ich ihm jetzt gern mit meinem
+Geschenk beweisen, daß ich anfange, mich gut aufzuführen,
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+seine Lehren zu beherzigen und überhaupt
+mich zu bessern. Daß ich also, mit anderen Worten,
+gespart habe, um das Buch zu kaufen, lange gespart,
+denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen Sie, es
+sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches
+gibt. Das weiß er. Also wird er dann sehen, wozu
+ich sein Geld benutzt habe: daß ich alles nur für ihn
+tue.“
+</p>
+
+<p>
+Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange
+nach. Der Alte sah mich in erwartungsvoller Unruhe
+an.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken
+Sie sie ihm alle.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie alle? Alle Bände?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja, alle Bände.“
+</p>
+
+<p>
+„Und das von mir, von meiner Seite?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, von Ihrer Seite.“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem
+Namen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte,
+doch es dauerte eine Zeitlang, bis der Alte mich begriff.
+</p>
+
+<p>
+„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! –
+das würde sehr gut sein, wirklich sehr gut, aber wie
+bleibt es dann mit Ihnen, Warwara Alexejewna?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde dann einfach nichts schenken.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden
+Petinka nichts schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk
+machen?“
+</p>
+
+<p>
+Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+im Begriff war, das Angebot zurückzuweisen, nur
+damit auch ich seinem Sohne etwas schenken könne. Er
+war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!
+</p>
+
+<p>
+Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern
+schenken würde, nur wolle ich ihm die Freude nicht
+schmälern.
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden
+sein wird,“ fuhr ich fort, „und Sie sich freuen werden,
+dann werde auch ich mich freuen.“
+</p>
+
+<p>
+Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er
+blieb noch ganze zwei Stunden bei uns, vermochte aber
+in dieser Zeit keine Minute lang ruhig zu sitzen: er
+erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
+Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt
+Gesichter hinter Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn
+endlich nach Hause schickte. Kurz, der Alte war rein
+aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
+dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen des feierlichen Tages erschien er
+pünktlich um elf Uhr, gleich von der Frühmesse aus,
+erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und tatsächlich
+in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder
+Hand trug er ein Bündel Bücher – Matrjona hatte
+ihm dazu zwei Servietten geliehen. Wir saßen gerade
+alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war
+ein Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit,
+daß Puschkin ein sehr guter Dichter gewesen sei; davon
+ging er, übrigens nicht ohne gewisse Unsicherheit und
+Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
+ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+darauf, daß man sich gut aufführen müsse: wenn der
+Mensch das nicht tue, so sei das ein Zeichen, daß er
+„dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten
+eben von jeher den Menschen herabgezogen und
+verdorben. Ja, er zählte sogar mehrere abschreckende
+Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß damit,
+daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert
+habe und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher
+schon die Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt
+und sie schon lange innerlich beherzigt, jetzt aber
+habe er begonnen, sich auch in der Tat aller schlechten
+Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
+Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber
+schenke er hiermit die Bücher, für die er sich im Laufe
+einer langen Zeit das nötige Geld zusammengespart
+habe.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen
+zu verbeißen, während der arme Alte redete. So hatte
+er es doch verstanden, zu lügen, sobald es nötig war!
+</p>
+
+<p>
+Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs
+Zimmer gebracht und auf dem Bücherbrett aufgestellt.
+Pokrowskij selbst hatte natürlich sofort die
+Wahrheit erraten.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu
+bleiben. Wir waren an diesem Tage alle recht lustig.
+Nach dem Essen spielten wir ein Pfänderspiel und
+dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen
+wie nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij
+war sehr aufmerksam gegen mich und suchte
+immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier Augen
+zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+war der schönste Tag in diesen vier Jahren meines
+Lebens!
+</p>
+
+<p>
+Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige,
+schwere Erinnerungen, jetzt beginnt die Geschichte meiner
+dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir scheinen,
+als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie,
+müde zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen
+mit dem Erzählen. Deshalb habe ich wohl auch
+so ausführlich und mit so viel Liebe alle Einzelheiten
+meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens
+beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage.
+So bald wurden sie von Kummer, von schwerem Kummer
+verdrängt, und nur Gott allein mag wissen, wann
+der einmal ein Ende nehmen wird.
+</p>
+
+<p>
+Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem
+Tode Pokrowskijs.
+</p>
+
+<p>
+Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage
+vergangen, als er erkrankte. In diesen zwei Monaten
+hatte er sich unermüdlich um eine Anstellung, die
+ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht,
+denn bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle
+Schwindsüchtigen, gab auch er die Hoffnung, noch
+lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht auf.
+Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden,
+doch hatte er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen
+diesen Beruf. In den Staatsdienst zu treten, verbot
+ihm seine angegriffene Gesundheit. Außerdem
+hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt
+warten müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts
+als Mißerfolge. Das war natürlich von schlechtem
+Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte seine
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst
+kam. Jeden Tag ging er in seinem leichten Mantel
+aus, um wieder irgendwo um eine Anstellung zu bitten,
+– was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er
+dann immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und
+mit nassen Füßen nach Haus, bis er endlich so weit
+war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht wieder
+aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober.
+</p>
+
+<p>
+Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner
+Krankheit verließ ich nur selten sein Zimmer. Oft
+schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er bewußtlos
+im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß
+wovon, zuweilen auch von der Anstellung, die er in
+Aussicht hatte, von seinen Büchern, von mir, vom Vater
+... und da erst hörte ich vieles von seinen Verhältnissen,
+was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal
+geahnt hatte.
+</p>
+
+<p>
+In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner
+Pflege sahen mich alle im Hause etwas sonderbar an,
+und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch ich
+blickte allen offen in die Augen, und da hörte man
+denn auf, meine Teilnahme für den Kranken zu
+verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah
+das verhältnismäßig selten. Er war fast die
+ganze Zeit nicht bei Besinnung. Bisweilen sprach er
+lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren,
+dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere
+Stimme klang in dem engen Zimmer so dumpf wie in
+einem Sarge. Dann fürchtete ich mich. Namentlich
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
+und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das
+Herz. Alle im Hause waren erschüttert. Anna Fedorowna
+betete die ganze Zeit, Gott möge ihn schneller
+erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der
+Kranke wohl nur noch bis zum nächsten Morgen leben
+werde.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im
+Korridor, dicht an der Tür zum Zimmer seines Sohnes:
+dort hatte man ihm ein Lager zurecht gemacht,
+irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden
+gelegt. Jeden Augenblick kam er ins Zimmer,
+– es war schrecklich, ihn anzusehen. Der Schmerz
+hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos,
+ganz gefühllos und gedankenlos erschien.
+Sein Kopf zitterte. Sein ganzer Körper zitterte und
+sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich
+hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand
+verlieren werde.
+</p>
+
+<p>
+Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte
+im Korridor endlich in Schlaf. Gegen acht Uhr begann
+der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
+Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von
+uns allen Abschied. Seltsam! Ich konnte nicht weinen,
+aber ich glaubte es körperlich zu fühlen, wie mein Herz
+in Stücke zerriß.
+</p>
+
+<p>
+Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten
+Augenblicke. Er bat lange, lange um irgend etwas,
+doch konnte ich seine Worte nicht mehr verstehen, da
+seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
+zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+immer wieder bat er um irgend etwas, bemühte er sich,
+mit seiner bereits steif gewordenen Hand ein Zeichen
+zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
+Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte
+waren nur zusammenhanglose Laute, und wieder konnte
+ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln an sein Bett,
+reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur
+langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich
+erriet ich, was er wollte: er bat, den Fenstervorhang
+aufzuziehen und die Läden zu öffnen. Er wollte wohl
+noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.
+</p>
+
+<p>
+Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf,
+doch der anbrechende Tag war trübe und traurig, wie
+das erlöschende arme Leben des Sterbenden. Von der
+Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den
+Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster
+und schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug
+leise an die Fensterscheiben und rann in klaren, kalten
+Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb und dunkel.
+Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer,
+wo es das zitternde Licht des Lämpchens vor dem
+Heiligenbilde kaum merklich verdrängte. Der Sterbende
+sah mich traurig, so traurig an und bewegte dann
+leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach
+einer Minute starb er.
+</p>
+
+<p>
+Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es
+wurde ein ganz, ganz einfacher Sarg gekauft und ein
+Lastwagen gemietet. Zur Deckung der Unkosten aber
+wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von
+Anna Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr
+die Hinterlassenschaft seines Sohnes nicht abtreten,
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die Bücher fort, stopfte
+sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie nur
+unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich
+herum und trennte sich auch dann nicht von ihnen, als
+wir zur Kirche gehen mußten. Alle diese Tage war er
+ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer seltsamen
+Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu
+schaffen: bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter
+zurecht, bald zündete er die Kerzen an, um sie wieder
+auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man sah
+es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick
+bei etwas Bestimmtem verweilen konnten.
+</p>
+
+<p>
+Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama
+noch Anna Fedorowna bei. Mama war krank, Anna
+Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
+geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte
+sich und blieb zu Haus. So waren nur ich und
+der Alte in der Kirche. Während des Gottesdienstes
+ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine
+dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte
+mich kaum auf den Füßen halten.
+</p>
+
+<p>
+Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen
+gehoben und fortgeführt. Ich begleitete ihn nur
+bis zum Ende der Straße. Dann fuhr der Fuhrmann
+im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und
+weinte laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab,
+da das Laufen ihn erschütterte. Der Arme verlor seinen
+Hut, blieb aber nicht stehen, um ihn aufzuheben,
+sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen.
+Ein scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins
+Gesicht. Doch der Alte schien nichts davon zu spüren
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+und lief weinend weiter, bald an der einen, bald an der
+anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines
+fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel
+im Winde. Aus allen Taschen sahen Bücher hervor
+und im Arm trug er irgendein großes schweres Buch,
+das er krampfhaft umklammerte und an die Brust
+drückte. Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab
+und bekreuzten sich. Einige blieben stehen und schauten
+verwundert dem armen Alten nach. Alle Augenblicke
+fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz.
+Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und
+machte ihn auf seinen Verlust aufmerksam. Und er hob
+das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge nach.
+Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin
+an und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog
+der Wagen um die Straßenecke und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich
+mich meiner Mutter an die Brust. Ich umschlang sie
+fest mit meinen Armen und küßte sie und plötzlich brach
+ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll
+an die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben
+war, als hätte ich sie für immer festhalten wollen,
+damit der Tod mir nicht auch sie noch entreiße ...
+</p>
+
+<p>
+Doch der Tod schwebte damals schon über meiner
+armen Mutter ...
+</p>
+
+<p class="dashes">
+– – –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-9" title="9. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+11. Juni.
+</p>
+
+<p class="noindent noindent">
+Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch,
+für den gestrigen Spaziergang nach den Inseln! Wie
+schön es dort war, wie wundervoll grün, und die Luft
+wie köstlich! – Ich hatte so lange keinen Rasen und
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+keine Bäume gesehen, – als ich krank war, dachte ich
+doch, daß ich sterben müsse, daß ich bestimmt sterben
+werde – nun können Sie sich denken, was ich gestern
+fühlen mußte, und was empfinden!
+</p>
+
+<p>
+Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war.
+Ich fühlte mich sehr wohl und leicht, aber gerade in
+meinen besten Stunden werde ich aus irgendeinem
+Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich
+weinte, das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst
+nicht, weshalb ich immer weinen muß. Ich bin, das
+fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke, die ich
+empfange, sind krankhaft – krankhaft heftig. Der wolkenlose
+blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die
+Abendstille – alles das – ich weiß wirklich nicht, –
+ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle Eindrücke
+schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz
+bald übervoll war und die Seele nach Tränen verlangte.
+Doch wozu schreibe ich Ihnen das alles? Das
+Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um
+wie viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben!
+Aber vielleicht verstehen Sie mich doch.
+</p>
+
+<p>
+Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar
+Alexejewitsch! Gestern blickten Sie mir so in die Augen,
+als wollten Sie in ihnen lesen, was ich empfand, und
+Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein
+Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen – immer
+standen Sie da vor mir und fühlten sich ganz stolz und
+schauten mir immer wieder in die Augen, als wäre
+alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen.
+Das beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar
+Alexejewitsch. Deshalb liebe ich Sie ja auch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank:
+gestern bekam ich nasse Füße und habe mich infolgedessen
+erkältet. Fedora ist noch nicht ganz gesund –
+ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide
+krank. Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter
+zu uns.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre<br>
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-10" title="10. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+12. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen
+Ausflug in lauter Gedichten beschreiben, und da
+erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges kleines Blättchen!
+Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir
+nur wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles
+ungewöhnlich gut und schön beschrieben. Die Natur,
+die verschiedenen Landschaftsstimmungen, was Sie selber
+empfanden – das haben Sie mit einem Worte
+kurz, aber ganz wunderbar geschildert. Ich habe dagegen
+ganz und gar kein Talent, irgend etwas zu beschreiben:
+wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt
+dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben.
+Das weiß ich selbst nur zu genau.
+</p>
+
+<p>
+Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter
+Mensch sei, sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig,
+dem Nächsten etwas Böses zuzufügen, und daß
+ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in der
+Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie
+beehren mich noch mit verschiedenen anderen Lobsprüchen.
+– Das ist gewiß alles wahr, mein Kind, nichts
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie
+Sie sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen
+auch, wenn man von anderen so etwas geschrieben
+sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben haben: es
+wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut –
+aber schließlich kommen einem doch wieder allerlei
+schwere Gedanken. Nun hören Sie mich mal an, mein
+Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife,
+als ich erst siebzehn Lenze zählte und in den
+Staatsdienst trat: nun werden es bald runde dreißig
+Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in
+der Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen,
+bin darüber Mann geworden, auch vernünftiger
+und klüger, habe Menschen gesehen und kennen gelernt,
+habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann
+schon sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte
+man mich sogar zur Auszeichnung vorschlagen: man
+wollte mir nämlich für meine Dienste ein Kreuz verleihen.
+Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
+aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor.
+Nun, was kam dabei heraus, mein Kind? Ja, sehen
+Sie, es finden sich immer und überall schlechte Menschen.
+Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde,
+meine Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch,
+meinetwegen sogar ein dummer Mensch, aber das
+Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das Herz
+anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein
+böser Mensch mir antat? Man schämt sich ordentlich,
+es zu sagen. Sie fragen, warum er es tat? Einfach darum,
+weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht
+nach ihrem Geschmack, und so wurde denn alles mir,
+und immer mir, in die Schuhe geschoben. Anfangs hieß
+es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:
+</p>
+
+<p>
+„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“
+– Daraus wurde mit der Zeit:
+</p>
+
+<p>
+„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn
+sonst!“
+</p>
+
+<p>
+Jetzt aber heißt es ganz einfach:
+</p>
+
+<p>
+„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch,
+was fragen Sie noch!“
+</p>
+
+<p>
+Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An
+allem war Makar Alexejewitsch schuld. Sie verstanden
+weiter nichts, als „Makar Alexejewitsch“ sozusagen
+zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
+Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise
+aus mir ein geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten
+Tadel, wenn nicht gar ein Schmähwort machten
+– nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
+meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem,
+was an mir war, etwas auszusetzen: alles war
+ihnen nicht recht, alles mußte anders gemacht werden!
+Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
+Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil
+ich mich an alles gewöhne, weil ich ein stiller Mensch
+bin, weil ich ein kleiner Mensch bin. Aber, fragt man
+sich schließlich, womit habe ich denn das alles verdient?
+Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich
+etwa jemandem den Rang abgelaufen? Oder jemanden
+bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um dafür belohnt
+zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+jemanden angestiftet? Sie würden sündigen, Kind,
+wenn Sie so etwas auch nur denken wollten! Bin ich
+denn einer, der so etwas überhaupt fertig brächte? So
+betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe,
+und dann sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit
+zu Intrigen und zum Strebertum habe? Also wofür
+treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch vergib,
+Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten
+Menschen, Sie aber sind auch unvergleichlich
+besser, als alle die anderen, jawohl Warinka!
+</p>
+
+<p>
+Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese
+Frage äußerte sich noch vor ein paar Tagen Jewstafij
+Iwanowitsch in einem Privatgespräch. Er sagte: Die
+größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er
+sagte es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur
+im Scherz sagte), was aber in dem Worte für eine
+Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte), das war,
+daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen
+solle. Ich aber falle niemandem zur Last! Ich habe
+mein eigenes Stück Brot. Es ist ja wohl nur ein einfaches
+Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes
+Brot, aber <em>ich</em> habe es doch, es ist <em>mein</em> Brot, durch
+<em>meine</em> Arbeit rechtlich und redlich erworben!
+</p>
+
+<p>
+Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja
+selbst, daß ich nichts sonderlich Großes vollbringe,
+wenn ich in meinem Bureau sitze und Schriftstücke abschreibe.
+Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite doch,
+leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit.
+Nun, und was ist denn dabei, daß ich nur abschreibe?
+Ist denn das etwa eine Sünde? „Na ja, doch eben immer
+nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben,
+so leserlich, jeder Buchstabe wie gestochen, daß es
+eine Freude ist, so einen ganzen Bogen zu sehen, und
+– Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die
+wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja,
+aber ich habe keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich
+ihn nicht habe, den verwünschten Stil! Mir fehlen die
+Redewendungen! Ich weiß es, und deshalb habe ich es
+auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
+mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt,
+ohne alle Kunst und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen
+in den Sinn strömt ... Das weiß ich selbst
+ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes
+schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben?
+</p>
+
+<p>
+Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten
+Sie sie mir, meine Liebe.
+</p>
+
+<p>
+So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich
+braucht, daß ich notwendig, daß ich unentbehrlich bin,
+und daß kein Grund vorliegt, sich durch müßiges Geschwätz
+irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen
+bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit
+mit ihr herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist
+nützlich, ohne diese Ratte käme man nicht aus, diese
+Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man rechnet, und
+dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
+zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte
+ist!
+</p>
+
+<p>
+Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte
+ja eigentlich gar nicht davon sprechen, aber nun – es
+kam mal so zur Sprache, und da hat’s mich denn hingerissen.
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich
+selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine
+Trösterin! Ich werde schon kommen, gewiß werde ich
+kommen und Sie besuchen, mein Sternchen, um zu sehen,
+wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen
+Sie sich bis dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen
+ein Buch mitbringen. Also leben Sie wohl bis dahin,
+Warinka.
+</p>
+
+<p>
+Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-11" title="11. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+20. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr
+wenig Zeit, – muß eine Arbeit zu einem bestimmten
+Termin beenden.
+</p>
+
+<p>
+Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich
+ein guter Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter
+von ihr habe einen fast neuen Uniformrock, sowie
+Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und alles,
+wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen
+wollten! Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr
+in Verlegenheit, – Sie sagten mir ja selbst, daß Sie
+Geld haben. Also seien Sie vernünftig und schaffen
+Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig.
+Sehen Sie sich doch nur selbst an, in was für alten
+Kleidern Sie umhergehen. Eine wahre Schande! Alles
+ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott
+weiß, was Sie mit Ihrem neuen Anzug angefangen
+haben. So hören Sie doch diesmal auf mich und kaufen
+Sie die Kleider, bitte, tun Sie’s! Tun Sie es für
+mich, wenn Sie mich lieb haben!
+</p>
+
+<p>
+Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar
+Alexejewitsch, das geht wirklich nicht so weiter!
+Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch kein Spaß,
+was Sie schon für mich ausgegeben haben, – entsetzlich,
+wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich
+habe ja nichts nötig, das war ja alles ganz, ganz überflüssig!
+Ich weiß, glauben Sie mir, ich weiß, daß Sie
+mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen,
+mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe
+vergewissern zu wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer
+es mir fällt, sie anzunehmen! Ich weiß doch, was sie
+Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es
+gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie?
+Ich bitte Sie, ich flehe Sie an!
+</p>
+
+<p>
+Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner
+Aufzeichnungen zuzusenden, Sie wollen, daß ich sie beende.
+Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das fertig
+gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben
+ist! Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner
+Vergangenheit zu sprechen. Ich will an sie nicht
+einmal zurückdenken. Ich fürchte mich vor diesen Erinnerungen.
+Und gar von meiner armen Mutter zu
+sprechen, deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen
+Ungeheuern preisgegeben war: das wäre mir ganz unmöglich!
+Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken
+auch nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+Wunden sind noch zu frisch! Ich habe noch keine Ruhe,
+um zu denken, habe mich selbst noch lange nicht beruhigen
+können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen
+ist. Doch Sie wissen das ja alles!
+</p>
+
+<p>
+Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten
+mitgeteilt. Sie wirft mir Undankbarkeit vor
+und leugnet es, mit Herrn Bükoff im Einverständnis
+gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr zurückzukehren.
+Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf
+einen schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren
+würde, so wolle sie es übernehmen, die ganze
+Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn zu veranlassen,
+seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen.
+Sie hat sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine
+Aussteuer geben wolle. Gott mit ihnen! Ich habe es
+auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner guten
+Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine
+alte selige Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar
+nur ein entfernter Verwandter von mir, trotzdem beschützen
+Sie mich und treten mit Ihrem Namen und
+Ruf für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich
+werde sie vergessen! – wenn ich es nur vermag?!
+Was wollen <a id="corr-1"></a>sie denn noch von mir? Fedora sagt, das
+sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt
+doch in Ruhe lassen. Gott gebe es!
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-12" title="12. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+21. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen, mein Liebling!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht – womit
+beginnen?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so
+miteinander leben! Ich sage das nur deshalb, müssen
+Sie wissen, weil ich meine Tage noch nie so froh verbracht
+habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit
+einem Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein
+Kindchen sind Sie, mein kleines reizendes!
+</p>
+
+<p>
+Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich
+Ihnen geschickt habe! Sie hatten sie doch nötig – Fedora
+sagte es mir. Und mich, liebes Kind, mich macht
+es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun
+einmal mein größtes Vergnügen – also lassen Sie
+mich nur gewähren, Kind, und widersprechen Sie mir
+nicht! Noch niemals habe ich so etwas erlebt, Herzchen.
+Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens
+gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen
+darf, denn Sie leben doch jetzt in meiner nächsten
+Nähe, was mir ein großer Trost und eine große Freude
+ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar,
+Ratasäjeff – jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische
+Abende stattfinden –, also der hat mich heute
+zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich wieder
+so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches
+vorgelesen werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt
+leben, Kindchen – was?!
+</p>
+
+<p>
+Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur
+so geschrieben, ohne besonderen Zweck, nur um Sie von
+meinem Wohlbefinden zu unterrichten. Sie haben mir
+durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide
+zur Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen,
+ich werde sie Ihnen besorgen, gleich morgen werde ich
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch schon, wo ich sie
+am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr aufrichtiger Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-13" title="13. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+22. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei
+uns im Hause etwas sehr Trauriges geschehen ist, etwas,
+das jedes Menschen Mitleid erwecken muß. Heute
+um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner
+Sohn. Ich weiß nicht recht, woran, – an den Masern
+oder, Gott weiß, vielleicht war es auch Scharlach.
+Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,
+Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was
+für eine Unordnung! Aber das ist ja schließlich kein
+Wunder: die ganze Familie lebt doch nur in diesem
+einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen
+Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein
+ganz einfacher, billiger, aber er sieht doch ganz nett
+aus, sie haben ihn gleich fertig gekauft. Der Knabe
+war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen
+Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid,
+sie anzusehen, Warinka. Die Mutter weint nicht,
+aber sie ist so traurig, die Arme. Es ist für sie ja vielleicht
+eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen abgenommen
+ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu
+ernähren haben: ein Brustkind und ein kleines Töchterchen
+so von etwa sechs Jahren, viel älter kann das
+zarte Ding noch nicht sein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht,
+wie ein Kindchen leidet, und noch dazu das eigene, leibliche
+Kindchen, und man hat nichts, womit man ihm
+helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten,
+schmutzigen und fadenscheinigen Rock auf einem halb
+zerbrochenen Stuhl. Die Tränen laufen ihm über die
+Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern
+nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er
+ist so ein Sonderling! Immer wird er rot, wenn man
+mit ihm spricht, und niemals weiß er, was er antworten
+soll. Das kleine Mädchen stand dort an den Sarg
+gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich.
+Ich liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen
+nachdenklich ist: es beunruhigt einen. Eine Puppe aus
+alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden, – sie spielte
+aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so
+stand sie, – stand und rührte sich nicht. Die Wirtin
+gab ihr ein Bonbonchen: sie nahm es, aß es aber nicht.
+Traurig das alles – nicht wahr, Warinka?
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-14" title="14. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+25. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Bester Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein
+ganz elendes Ding! – man kann es überhaupt nicht in
+die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese Kostbarkeit
+aufgetrieben? Scherz beiseite – gefallen Ihnen
+denn wirklich solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie
+versprachen mir doch vor ein paar Tagen, mir etwas
+zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch mit Ihnen
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf
+Wiedersehen! Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu
+schreiben.
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-15" title="15. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+26. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Liebe Warinka!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein
+selbst gar nicht gelesen habe. Es ist wahr, ich las
+ein wenig, sah, daß es irgendein Unsinn war, nur so
+zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu unterhalten.
+Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges
+sein und vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm
+ich es und schickte es Ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas
+wirklich Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da
+werden Sie also wieder gute Bücher erhalten, mein
+Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er
+schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt
+schreibt er, und einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach
+großartig! In jedem Wort ist ein Etwas – sogar
+im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem
+einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal
+Faldoni oder Theresa etwas sage, – selbst da versteht
+er noch, sich stilvoll auszudrücken. Ich wohne jetzt
+seinen literarischen Abenden regelmäßig bei. Wir rauchen
+Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden
+in einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das
+sind nun einfach Perlen, nicht Literatur! Einfach
+Blumen, duftende Blumen – auf jeder Seite so viel
+Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann!
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+Und im Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig.
+Was bin ich im Vergleich mit ihm, nun was? –
+Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann
+von Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut
+wie nichts, bin neben ihm überhaupt nichts! Er aber
+beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich habe
+für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur
+denken Sie deshalb nicht, Warinka, daß das irgend
+etwas auf sich habe, ich meine, daß er mir deshalb
+wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören Sie
+nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie
+ihnen nicht, beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein,
+ich tue es ganz aus freien Stücken, um ihm damit
+etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir
+sein Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus
+freien Stücken, tut’s, um mir eine Freude zu bereiten.
+Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu verstehen:
+man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter
+birgt. Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und
+außerdem ein ganz unvergleichlicher Schriftsteller.
+</p>
+
+<p>
+Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka,
+eine sehr schöne, das habe ich vorgestern bei ihnen
+erfahren. Und zugleich eine tiefe Sache! Sie stärkt und
+festigt und belehrt die Menschen – und noch verschiedenes
+andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
+steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die
+Literatur – das ist ein Bild, das heißt in gewissem
+Sinne, versteht sich; ein Bild und ein Spiegel; ein
+Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge;
+sie ist Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und
+ein großes menschliches Dokument. Das habe ich mir
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+alles von ihnen sagen lassen und aus ihren Reden gemerkt.
+Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling,
+wenn man so unter ihnen sitzt und zuhört – und man
+raucht dabei sein Pfeifchen, ganz wie sie – und wenn
+sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und über
+die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich
+denn einfach wie im Kartenspiel sagen: – ich passe.
+Denn wenn die erst mal loslegen, Kind, dann bleibt
+unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide
+passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf
+und schäme mich vor mir selber. Und wenn
+man sich auch den ganzen Abend die größte Mühe gibt,
+irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch
+mit einzuflechten, so ist man doch nicht einmal
+dazu fähig. Man kann und kann dieses halbe Wörtchen
+nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein gar
+nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist
+wie verhext, Warinka, und man tut sich schließlich selber
+leid, daß man so ist, wie man nun einmal ist, und
+daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann:
+dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.
+</p>
+
+<p>
+Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? –
+Schlafe, schlafe wie ein alter Esel. An Stelle dieses
+unnützen Schlafens aber könnte man sich doch auch mit
+etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so
+zum Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben,
+so ganz frei von sich aus, – was? Sich selbst zu
+Nutz und Frommen und anderen zum Vergnügen.
+Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen
+bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel
+gleich dieser Ratasäjeff, was der Mann einnimmt!
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben? An
+manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben,
+und dabei erhält er, wie er sagt, volle dreihundert
+Rubel für jeden Bogen! Da hat er irgend so eine
+kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
+Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute –
+fünfhundert, gib oder gib nicht, aber darunter kriegst
+du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn du willst.
+Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend!
+Was sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?
+</p>
+
+<p>
+Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum
+Beispiel ein Heftchen Gedichte, alles solche kleinen
+Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz, – siebentausend,
+Kind, siebentausend will er dafür haben, denken
+Sie sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein
+ganzes Besitztum, das sind ja die Prozente eines Hauses
+von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er, biete man
+ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet
+und vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen
+Sie doch, Bester, die fünftausend, nehmen Sie sie
+nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken kehren
+und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend –
+das ist doch Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch
+sieben geben, die Schufte. Solch ein Schlaukopf ist er,
+wirklich!
+</p>
+
+<p>
+Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon
+die Rede ist, eine Stelle aus den „Italienischen
+Leidenschaften“ abschreiben. So heißt nämlich eines
+seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
+Sie selbst:
+</p>
+
+<p>
+– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+brausten wild in ihm auf und sein Blut geriet
+in Wallung ...
+</p>
+
+<p>
+„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie
+schrecklich diese Leidenschaft, wie grenzenlos dieser
+Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne täuschen mich nicht!
+Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe rasend,
+wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde
+nicht ausreichen, die wallende Leidenschaft meiner
+Seele zu ersticken! Diese kleinen Hindernisse sind unfähig,
+das allesvernichtende, höllische Feuer, das in
+meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom
+aufzuhalten. O Sinaida, Sinaida! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos
+und schmiegte ihr Haupt an seine Schulter.
+</p>
+
+<p>
+„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht.
+</p>
+
+<p>
+Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem
+Altar der Liebe schlug die Lohe hellflammend auf und
+umfing mit ihrer Glut die Seelen der Liebenden.
+</p>
+
+<p>
+„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr
+Busen wogte, ihre Wangen röteten sich, ihre Augen
+glühten ...
+</p>
+
+<p>
+Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!
+</p>
+
+<p class="dashes">
+– – –
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in
+das Boudoir seiner Frau.
+</p>
+
+<p>
+„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für
+unseren teuren Gast den Ssamowar aufstellen lassen?“
+fragte er, seiner Frau die Wange tätschelnd. –
+</p>
+
+<p>
+Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist
+ja wahr, – es ist ein wenig frei, das läßt sich nicht
+leugnen, aber dafür doch schwungvoll und gut geschrieben.
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen
+doch noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und
+Suleika“ abschreiben.
+</p>
+
+<p>
+Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak,
+der tollkühne Eroberer Sibiriens, in Suleika, die Tochter
+des sibirischen Herrschers Kutschum, die er gefangen
+genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade
+in der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte –
+wie Sie sehen. Hier schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch
+zwischen Jermak und Suleika ab:
+</p>
+
+<p>
+– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole
+es! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika.
+</p>
+
+<p>
+„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich!
+Ihr habt mir alles gegeben, alles, wonach mein wilder
+Geist seit meinen Jünglingsjahren strebte! Also hierher
+hast du mich geführt, mein Leitstern, über den steinernen
+Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich
+meine Suleika zeigen, und die Menschen, diese wilden
+Ungeheuer, werden es nicht wagen, mich zu beschuldigen!
+O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer zärtlichen
+Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer
+Träne meiner Suleika eine ganze Welt von Poesie zu
+erblicken wüßten! O, laß mich mit Küssen diese Träne
+trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du himmlisches
+Wesen!“
+</p>
+
+<p>
+„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die
+Menschen sind ungerecht! Sie werden uns verfolgen
+und verurteilen, mein Liebster! Was soll das arme
+Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
+in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+in eurer kalten, eisigen, seelenlosen, eigennützigen Welt
+anfangen? Die Menschen werden mich nicht verstehen,
+mein Geliebter, mein Ersehnter!“
+</p>
+
+<p>
+„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief
+Jermak, wild die Augen rollend. –
+</p>
+
+<p>
+Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak,
+wie er erfährt, daß seine Suleika ermordet ist. Der verblendete
+Greis Kutschum hat sich im Schutz der nächtlichen
+Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks
+in dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet,
+um sich an Jermak, der ihn um Zepter und
+Krone gebracht hat, zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief
+Jermak in wilder Rachgier, und er wetzte den Stahl
+am Schamanenstein. „Ich muß Blut sehen, Blut! Rächen,
+rächen, rächen muß ich sie!!!“
+</p>
+
+<p>
+Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch
+nicht überleben, er wirft sich in den Irtysch und ertrinkt,
+und damit ist dann alles zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist
+humoristisch, was nun kommt, und nur so zum Lachen
+geschrieben:
+</p>
+
+<p>
+– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch
+Sheltopus? Na, das ist doch derselbe, der den Prokofij
+Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan Prokofjewitsch
+ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein
+selten tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen
+liebt außerordentlich Rettich mit Honig. Als er
+aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war ...
+Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist
+doch dieselbe, die ihren Rock immer mit dem Futter
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+nach außen anzieht, um das Oberzeug zu schonen.“ –
+</p>
+
+<p>
+Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor!
+Wir wälzten uns vor Lachen, als er uns dies vorlas.
+Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
+Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch,
+aber im Grunde doch ganz unschuldig, ganz
+ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle liberalen
+Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß
+Ratasäjeff vortreffliche Umgangsformen besitzt, und
+vielleicht liegt hier mit ein Grund, warum er ein so
+ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als das,
+was die anderen sind.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem
+mitunter der Gedanke in den Kopf – wie wär’s, wenn
+auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann wohl
+geschehen? Nun, sagen <a id="corr-3"></a>wir zum Beispiel, und nehmen
+wir an, daß plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in
+der Welt erschiene und auf dem Deckel stände: „<em>Gedichte
+von Makar Djewuschkin.</em>“ Was?!
+Ja, was würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen?
+Wie würde Ihnen das vorkommen, was würden Sie
+dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen freilich sagen,
+mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen
+wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij
+zu zeigen wagte. Wie wäre denn das, wenn ein jeder
+sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter Djewuschkin!“
+und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?
+</p>
+
+<p>
+Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen
+Stiefeln machen? Die sind ja doch bei mir, nebenbei
+bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und auch die
+Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+recht weit vom wünschenswerten Zustande entfernt.
+Nun, wie wäre denn das, wenn alle wüßten, daß der
+Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
+das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe,
+was würde sie dazu sagen, mein Seelchen?
+Selbst würde sie es ja vielleicht nicht bemerken, denn
+Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit
+Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber
+schließlich bleiben ja Stiefel immer Stiefel), – nur
+würde man ihr alles erzählen, meine eigenen Freunde
+würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel
+wäre der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der
+Gräfin B., besucht sie, wie er sagt, sogar ohne besondere
+Einladung, wann es ihm gerade paßt. Eine gute
+Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch gebildete
+Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!
+</p>
+
+<p>
+Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das
+ja alles nur so, mein Engelchen, um Sie zu zerstreuen,
+also nur zum Scherz. Leben Sie wohl, mein Täubchen.
+Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber
+das eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders
+froh gestimmt bin. Wir speisten nämlich heute alle
+bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch Schlingel, mein
+Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen Likör
+hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel
+davon schreiben! Nur sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht
+gleich etwas Schlechtes von mir denken, Warinka. Es
+war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen
+schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von
+Hand zu Hand, nur werden Sie diesen Paul de Kock
+nicht in die Fingerchen bekommen, mein Kind ... Nein,
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts
+für Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen
+anständigen Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung
+hervorgerufen habe.
+</p>
+
+<p>
+Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt –
+habe es speziell für Sie gekauft. Und hören Sie, mein
+Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie an mich.
+Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen!
+Lutschen Sie sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die
+Zähnchen nachher wehtun. Aber vielleicht lieben Sie
+auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!
+</p>
+
+<p>
+Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei
+mit Ihnen, mein Täubchen. Ich aber verbleibe nach
+wie vor
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr treuester Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-16" title="16. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+27. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner
+Lage herzlich gern helfen und, wenn ich nur wolle, eine
+sehr gute Stelle als Gouvernante in einem Hause verschaffen
+würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll
+ich darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht
+mehr zur Last fallen – und die Stelle scheint gut zu
+sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch etwas
+beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen.
+Es soll eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden
+sie über mich Erkundigungen einziehen, werden mich
+ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und überdies
+bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+liebsten lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt
+habe. Es ist nun einmal gemütlicher und trauter in
+dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt hat, –
+und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es
+ist dennoch besser. Außerdem müßte ich da noch reisen,
+und Gott weiß, was sie alles von mir verlangen werden:
+vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder warten!
+Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt
+binnen zwei Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante
+wechseln? Raten Sie mir, Makar Alexejewitsch,
+um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
+soll ich nicht?
+</p>
+
+<p>
+Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns?
+Sie zeigen sich so selten! Außer Sonntags in der Kirche
+sehen wir uns ja fast überhaupt nicht mehr. Wie
+menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich!
+Aber wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben
+Sie mich nicht mehr, Makar Alexejewitsch? Ich bin,
+wenn ich mich allein weiß, oft sehr traurig. Zuweilen,
+namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz mutterseelenallein:
+Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas
+zu besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt
+– man erinnert sich an alles was einst gewesen ist, an
+Frohes und Trauriges, alles zieht wie ein Nebel an
+einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor
+meinen Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen
+zu sehen, wie man sonst nur im Traum etwas
+sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und
+was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine
+Gesundheit untergraben ist. Ich bin so schwach. Als
+ich heute morgen aufstand, wurde mir übel, und zum
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten!
+Ich fühle, ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer
+wird mich wohl beerdigen? Wer wird wohl meinem
+Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und
+da müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem
+fremden Hause, bei fremden Menschen sterben! ...
+Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben, Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p>
+Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer
+Konfekt? Ich begreife wirklich nicht, woher Sie soviel
+Geld nehmen. Ach, mein guter Freund, sparen Sie
+doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora
+hat einen Käufer gefunden für den Teppich, den
+ich genäht habe. Man will für ihn fünfzehn Rubel
+geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
+würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen,
+und für mich werde ich einen Stoff zu
+einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
+und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich
+eine Weste machen, ein schöne Weste: ich werde guten
+Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.
+</p>
+
+<p>
+Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins
+Erzählungen –, das ich Ihnen hiermit zusende, damit
+auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie es und behalten
+Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es
+ist ein Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es
+mit Mama – da hat es denn in mir traurige Erinnerungen
+wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten Male
+las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie
+es mir, – aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht
+von Ratasäjeff erhalten haben. Er wird gewiß eines
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon etwas
+von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen
+nur seine Romane gefallen, Makar Alexejewitsch?
+Solche Dummheiten! ...
+</p>
+
+<p>
+Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt
+habe! Wenn ich mich bedrückt fühle, dann bin
+ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die beste
+Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich
+wenn ich alles sagen kann, was ich auf dem Herzen
+habe.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!<br>
+Ihre<br>
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-17" title="17. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+28. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Warwara Alexejewna, meine Liebe!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie
+sich denn nicht? So machen Sie doch ein Ende, mein
+Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen Gedanken
+abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen,
+ganz und gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben
+Sie mir: nur ein wenig bleich sind Sie noch, aber
+trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das für
+Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen
+Sie sich, mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es
+ist! Kümmern Sie sich nicht weiter um diese dummen
+Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach!
+Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt
+mir denn nichts? Sehen Sie mich einmal an, mein
+Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe ruhig, bin gesund
+– mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+hat seine wahre Freude daran, es zu sein! Also hören
+Sie auf, mein Seelchen, schämen Sie sich und bessern
+Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen, Kind: kaum
+hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an
+mit dem Grübeln und Grämen, und Sie machen sich
+von neuem allerlei Gedanken. Schon allein mir zuliebe
+sollten Sie doch wirklich einmal damit aufhören,
+Warinka!
+</p>
+
+<p>
+Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein
+und nein und nochmals nein! Was ist Ihnen eingefallen,
+daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen?
+Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen
+Sie mich schlecht: das lasse ich nie und nimmermehr
+zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit allen Kräften.
+Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
+verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben
+würde, aber Not leiden, das sollen und werden Sie
+bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich kenne Sie
+ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was
+aber wahr ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein
+die Schuld trägt – nur sie, dies dumme Frauenzimmer,
+hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf gesetzt.
+Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was
+sie sagt. Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles,
+mein Seelchen? ... Wissen nicht, daß sie eine dumme,
+schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist, die auch
+ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich
+sauer gemacht hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie
+nicht geärgert, irgendwie gekränkt?
+</p>
+
+<p>
+Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da
+schrieben, wird nichts! Und was sollte denn aus mir
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka, mein
+Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen.
+Was fehlt Ihnen denn bei uns? Wir können
+uns nicht genug über Sie freuen und auch Sie haben
+uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
+weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen
+Sie auch nicht – ganz wie Sie wollen, nur bleiben
+Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst: wie
+würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher
+verschaffen – und dann können wir ja auch wieder
+einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
+müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt
+wirklich ein Ende machen und vernünftig werden und
+sich nicht grundlos um alles Alltägliche sorgen und
+grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
+bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades
+und offenes Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen,
+Herzchen, gar nicht schön!
+</p>
+
+<p>
+Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich
+weiß es selbst, daß ich nichts gelernt habe, daß ich
+kaum unterrichtet worden bin, aber darum handelt es
+sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
+wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da
+machen Sie, was Sie wollen! Er ist mein Freund,
+deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt gut,
+schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann
+Ihnen unter keinen Umständen beistimmen. Er schreibt
+farbenreich und gewählt, es sind auch Gedanken darin,
+kurz, es ist sehr schön! Sie haben es vielleicht ohne Anteil
+gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade nicht
+bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+über Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder
+es ist vielleicht sonst irgendwie ein Unglückstag für Sie
+gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen
+und aufmerksam, wenn Sie froh und zufrieden und bei
+guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie gerade ein
+Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es
+noch einmal. Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das
+behauptet?), daß es nicht noch bessere Schriftsteller
+gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere, aber
+deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht
+schlecht zu sein: sie sind eben alle gut; er schreibt gut
+und die anderen schreiben meinetwegen auch gut. Außerdem
+schreibt er, vergessen wir das nicht, nur für sich
+– tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden –
+und das merkt man ihm dann an, daß er es tut, und
+zwar zu seinem Vorteil!
+</p>
+
+<p>
+Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde
+ich heute nicht mehr: ich habe da noch etwas abzuschreiben
+und muß mich beeilen. Also sehen Sie zu, mein
+Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge
+Gott der Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr treuer Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen
+wir Puschkin. Heute aber komme ich gegen Abend ganz
+bestimmt zu Ihnen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-18" title="18. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="addr">
+Mein teurer Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich
+noch länger hier lebe. Ich habe nachgedacht und eingesehen,
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+daß es sehr falsch von mir ist, eine so vorteilhafte
+Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich
+mir doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen.
+Ich werde mir Mühe geben, ich werde versuchen,
+mir die Neigung der fremden Menschen zu erwerben,
+und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter
+zu ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei
+fremden Menschen zu leben, sich ihnen in allem anzupassen,
+sich selbst zu verleugnen und von ihnen abhängig
+zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man
+kann doch nicht sein Leben lang menschenfern bleiben!
+Und ich habe ja auch früher schon Ähnliches erlebt. Zum
+Beispiel als ich noch in der Pension war. Den ganzen
+Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter
+Wildfang umher, und wenn Mama bisweilen auch
+schalt – was tat das, ich war doch froh, und im Herzen
+war es so hell und warm. Kam aber dann der
+Abend, da fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich:
+um neun Uhr hieß es – nach der Pension
+zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die
+Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und
+ich fühlte mich so bedrückt, so elend, daß die Tränen
+sich nicht mehr zurückdrängen ließen. Da schlich ich
+denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter Einsamkeit
+und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich
+sei faul und wolle nicht lernen. Und doch war das gar
+nicht der Grund, weshalb ich weinte.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte
+mich schließlich an alles, und als ich die Pension verlassen
+mußte, weinte ich gar beim Abschied von den
+Freundinnen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora
+hier zur Last bin. Der Gedanke ist mir eine Qual. Ich
+sage Ihnen alles ganz offen, weil ich gewohnt bin, Ihnen
+nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
+jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und
+sich ans Waschen macht, und dann bis in die späte
+Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber bedürfen
+der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für
+mich opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen,
+um Ihr ganzes Geld nur für mich auszugeben?
+Ich weiß doch, daß das über Ihre Verhältnisse geht,
+mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das
+Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden
+ließen. Ich glaube es Ihnen, mein Freund, ich weiß,
+daß Sie ein gutes Herz haben, – doch das sagen Sie
+jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld,
+haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten.
+Aber dann? Sie wissen doch – ich bin immer krank.
+Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon ich froh
+wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch
+nicht immer Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen
+und quälen, indem ich Sie und Fedora für mich sorgen
+lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte
+ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten,
+wie Ihnen auch nur im geringsten nützlich sein? Inwiefern
+bin ich Ihnen denn so unentbehrlich, mein
+Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin
+Ihnen nur von ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie
+aufrichtig und von ganzem Herzen, doch das ist auch
+alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein bitteres
+Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun,
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+Ihre Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann
+ich nicht. Also halten Sie mich nicht mehr zurück, überlegen
+Sie sich meinen Plan nochmals gründlich und
+sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.
+</p>
+
+<p class="sign">
+In Erwartung derselben verbleibe ich<br>
+Ihre<br>
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-19" title="19. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+1. Juli.
+</p>
+
+<p class="noindent noindent">
+Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn,
+reiner Unsinn! Wollte man Sie so sich selbst überlassen,
+was würden Sie sich da nicht alles ins Köpfchen
+setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes! Ich
+sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt
+Ihnen denn bei uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben
+Sie und Sie lieben uns, wir sind alle zufrieden
+und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was
+aber wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen?
+Sie wissen noch nicht, was das heißt: fremde
+Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen, denn
+ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen
+sagen, wie er ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur
+zu gut. Ich habe sein Brot gegessen. Bös ist er, Warinka,
+sehr böse, so böse, daß das kleine Herz, das man
+hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es,
+einen mit Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen
+Blicken zu martern. – Bei uns haben Sie es
+wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen haben
+Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun
+mit einem Male so etwas antun wollen? Was
+werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten mir
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn
+nicht nützlich? Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas
+nach und dann urteilen Sie, inwiefern Sie mir
+nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar sehr
+nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen
+wohltuenden Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt
+zum Beispiel an Sie und bin ohne weiteres froh gestimmt
+... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
+Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte
+darauf eine ausführliche Antwort von Ihnen.
+Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für Sie gekauft,
+manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für
+mich, na, und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige
+... Nein, wie sollten Sie denn nicht nützlich sein?
+Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in meinen
+Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie
+haben vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka,
+aber denken Sie mal wirklich darüber nach und
+fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen könnte
+ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka.
+Und was käme denn dabei heraus, was wäre das Ende
+vom Liede? – Ich würde in die Newa gehen und damit
+wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
+was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun
+übrig?!
+</p>
+
+<p>
+Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen
+wohl, daß mich ein Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof
+führt, daß irgendeine alte Herumtreiberin
+meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der
+Gruft mit Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich
+allein zurückläßt. Das ist sündhaft von Ihnen, sündhaft,
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott, sündhaft!
+</p>
+
+<p>
+Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine
+Freundin, und wenn Sie, Warinka, meine Meinung
+über dasselbe wissen wollen, so kann ich Ihnen nur sagen,
+daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes
+Buch zu lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt
+selbst, mein Kind, wie ich denn bisher so habe leben
+können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir! Was
+habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem
+Walde komme ich eigentlich? Ich weiß ja doch nichts,
+mein Kind, rein gar nichts! Ich gestehe es Ihnen ganz
+offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
+habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts.
+„Das Bild des Menschen“ – ein sehr kluges Buch,
+das habe ich gelesen, dann noch ein anderes: „Vom
+Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“,
+und dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles,
+weiter habe ich nichts gelesen. Jetzt aber habe ich hier,
+in Ihrem Büchlein, den „Stationsaufseher“ gelesen,
+und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind, es
+kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß
+da neben einem ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben
+dargestellt ist, wie an den Fingern hergezählt, und noch
+mancherlei, worauf man früher selbst gar nicht verfallen
+ist. Das findet man nun hier, wenn man solch
+ein Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem
+denn nach und nach vieles ein, und allmählich begreift
+man so manches und wird sich über die Dinge klar.
+Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch
+lieb gewonnen habe: manches Werk, was für eines es
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+auch immer sein mag, das liest man und liest – aber
+lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das
+Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt
+geschrieben und mit soviel Klugheit, daß man es
+nicht recht begreifen kann. Ich zum Beispiel, –
+ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
+geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke
+lesen. Dies aber – ja dies liest man und es ist einem
+fast, als hätte man es selber geschrieben, ganz als
+stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so mag
+es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und
+vor allen Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen,
+und dann ausführlich beschrieben – sehen Sie,
+so ist es! Und dabei ist es doch so einfach, mein Gott!
+Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
+warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe
+und genau so, wie es in diesem Büchelchen steht! Habe
+ich mich doch auch mitunter in ganz derselben Lage
+befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
+dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins
+gibt es nicht unter uns, ganz genau so arme, herzensgute
+Menschen! Und wie richtig alles beschrieben ist!
+Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich
+das las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank,
+als das Unglück ihn heimgesucht hatte, und wie er
+dann den ganzen Tag unter seinem Schafspelz schlief
+und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte
+und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit
+dem schmierigen Pelzaufschlag die Tränen von den
+Wangen wischte, wenn er an sein verirrtes Lämmlein
+dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal,
+dann werden Sie sehen: das ist so wahr wie das Leben
+selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren, –
+das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da
+finden wir gleich die Theresa – wozu so weit suchen!
+– da ist auch unser armer Beamter, – denn der ist
+doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin,
+nur daß er einen anderen Namen hat und eben zufällig
+Gorschkoff heißt. Das ist etwas, was ein jeder
+von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie,
+mein Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder
+am Newakai wohnt, selbst der kann dasselbe erleben,
+nur daß er sich äußerlich anders verhalten wird – denn
+dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders,
+aber auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie
+mir.
+</p>
+
+<p>
+Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben.
+Sie aber wollen noch wegreisen und uns im Stich
+lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir damit
+antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich
+und mich damit zugrunde richten. Ach, mein Sternchen,
+so treiben Sie doch um Gottes willen diese wilden
+Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie
+mich nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch
+selbst, Sie mein kleines, schwaches Vögelchen, das
+noch nicht einmal flügge geworden ist –: wie könnten
+Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben
+bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht
+verteidigen! Nein, lassen Sie es jetzt gut und genug
+sein, Warinka, und bessern Sie sich! Hören Sie nicht
+auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+Sie Ihr Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen
+Nutzen bringen.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“
+gesprochen. Der sagte, das sei alles altes
+Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit Bildern und
+solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich
+habe es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich
+meinte. Er schloß aber doch damit, daß Puschkin gut
+sei und daß er das heilige Rußland besungen habe,
+und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn.
+Ja, es ist gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch
+einmal aufmerksam, folgen Sie meinem Rat und machen
+Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
+glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen,
+meine Gute, wird Sie bestimmt belohnen!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr treuer Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-20" title="20. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="addr">
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den
+Teppich gebracht. Wie froh sie war, die Arme, als ich
+ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen in größter
+Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten,
+– der Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene
+Geschichten, von denen ich einige schon gelesen
+habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem Titel „Der
+Mantel“.<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a>
+</p>
+
+<p>
+Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen.
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+Wird es aber nicht zu teuer sein? Vielleicht auf
+die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon lange
+nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich
+fürchte immer nur eines: wird uns der Spaß nicht
+zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf und meint,
+daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben.
+Das sehe auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein
+schon für mich ausgegeben! Nehmen Sie sich in acht,
+mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora hat
+mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit
+Ihrer Wirtin in Streit geraten seien, weil Sie irgend
+etwas nicht bezahlt hätten. Ich sorge mich sehr um
+Sie.
+</p>
+
+<p>
+Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit:
+ich garniere nämlich meinen Hut mit Band.
+</p>
+
+<p>
+P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen,
+werde ich meinen neuen Hut aufsetzen und die schwarze
+Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so gefallen?
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-21" title="21. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+7. Juli.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch
+zurück. – Ja, mein Kind, auch wir haben seinerzeit
+dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich einstmals
+wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
+sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch
+nichts gewesen, das Wunderliche aber war dabei, daß
+ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen und auch im
+Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch
+verliebte ich mich in sie.
+</p>
+
+<p>
+Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+Leute, alle Wand an Wand und Tür an Tür. Ich geriet
+in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein, obschon
+ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt
+hatte. Dann aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen,
+ging ich auf alles ein. Und was sie mir nicht
+von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden Abend, so
+oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei
+– für Notwendiges hatten sie nie einen Heller –
+schob die ganze Kumpanei ins Theater auf die Galerie
+und klatschte und klatschte und rief immer nur diese
+eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen
+gebärdeten sie sich! Und dann ließen sie einen
+natürlich nicht einschlafen: die ganze Nacht wurde
+nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine
+Glascha<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a>, alle waren sie in sie verliebt, alle hatten
+sie nur den einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da
+regten sie denn schließlich auch mich auf. Ich war ja
+damals noch ganz jung!
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit
+ihnen im Theater saß, oben auf der Galerie. Sehen
+konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang, dafür aber
+hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen
+– hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten
+uns die Hände rot und blau, schrien, schrien – mit
+einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen genommen,
+ja, einer wurde wirklich hinausgeführt.
+</p>
+
+<p>
+Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich!
+In der Tasche hatte ich nur noch einen Rubel, bis
+zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja,
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf
+dem Wege zum Dienst, trat ich in einen Parfümerieladen
+ein und kaufte für mein ganzes Kapital Parfüm
+und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst
+nicht mehr zu sagen, wozu ich dies alles damals kaufte.
+Und dann speiste ich nicht einmal zu Mittag, sondern
+ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte
+am Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus,
+saß ein Weilchen, erholte mich, und dann ging ich wieder
+auf den Newskij, um ihr von neuem Fensterpromenaden
+zu machen.
+</p>
+
+<p>
+So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick
+nahm ich Droschken, immer Lichatschi<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a>, und fuhr
+hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich brachte all
+mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis
+ich dann schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben,
+und das Ganze mir langweilig wurde.
+</p>
+
+<p>
+Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem
+ordentlichen Menschen zu machen imstande ist! Doch
+ich war damals wirklich noch jung, Warinka, noch
+ganz, ganz jung! ...
+</p>
+
+<p class="sign">
+M. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-22" title="22. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+8. Juli.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten
+habe, beeile ich mich, Ihnen zurückzusenden.
+Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit Ihnen in diesem
+Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Kind, wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine
+Zwangslage gebracht haben.
+</p>
+
+<p>
+Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist
+sein Stand von dem Höchsten zugeteilt. Dem einen
+ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
+anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem,
+zu befehlen, diesem, widerspruchslos und in
+Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal so, ist genau
+nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der
+eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem,
+die Fähigkeiten selbst aber, die stammen von
+Gott.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich
+erfülle meine Pflicht mit Peinlichkeit, pflege stets
+nüchtern zu sein, und habe mir noch nie etwas zuschulden
+kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte
+ich mich nach eigener Erkenntnis für einen Mann,
+der sowohl seine Fehler, wie auch seine Tugenden besitzt.
+Die Vorgesetzten achten mich und selbst Seine
+Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher
+auch noch keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben
+haben, so weiß ich doch auch so, daß sie mit mir
+zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig, nicht
+allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich
+am besten mit Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls
+aber befriedigt sie! Bei uns kann allerhöchstens
+Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das
+heißt, auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist
+im Dienst allgemach grau geworden. Eine große Sünde
+wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich, wer
+sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+sogar Sie sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen
+oder auch nur eine bewußte Unbotmäßigkeit
+habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die
+öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so
+etwas habe ich mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich
+bei so etwas betroffen. Sogar ein Kreuzchen habe ich
+erhalten – doch was soll man davon reden! Das müßten
+Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen
+müssen, denn wenn er sich schon einmal an das Beschreiben
+machte, dann hätte er sich eben vorher nach
+allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von
+Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen
+nicht, Warinka!<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a>
+</p>
+
+<p>
+Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem
+Winkelchen leben – gleichviel wie und wo es
+auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein Wässerchen
+zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig
+und zurückgezogen, damit auch die anderen
+einen nicht anrühren, ihre Nasen nicht in deine Hütte
+stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es denn bei
+dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste,
+hast du auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch
+Stiefel und wie sind sie besohlt, was ißt du, was
+trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn dabei,
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter
+auf den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen?
+Warum muß man gleich von einem anderen geschwätzig
+schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit
+sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle
+Menschen unbedingt Tee trinken müßten! Sehe ich
+denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen, was
+für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe
+ich denn schon so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb
+andere beleidigen, die einem nichts Böses getan
+haben?
+</p>
+
+<p>
+Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara
+Alexejewna, da sehen Sie, was das heißt: dienen,
+dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine Pflicht
+erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich
+(was man da auch immer reden wird, aber sie achten
+dich doch), – und da setzt sich nun plötzlich jemand
+dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne alle Veranlassung
+mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift
+über dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines,
+wie es dort in dem Buche steht!
+</p>
+
+<p>
+Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues
+angeschafft, so freut man sich darüber, schläft womöglich
+vor lauter Freude nicht, wie sonst: hat man zum
+Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht
+man sie an. Das ist wahr, das habe auch ich schon
+empfunden, denn es ist angenehm, seinen Fuß in
+einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz richtig beschrieben!
+Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig,
+daß Fedor Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen
+lassen und nicht für sich selbst eingetreten ist.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und
+schreit manchmal ganz gern seine Untergebenen an.
+Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen? Warum
+soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit
+unsereinem anders doch nicht auskommt? Nun
+ja, sagen wir, er tut es nur um des Tones willen, –
+nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel
+stramm halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter
+uns gesagt, Warinka – ohne Strenge, ohne
+Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
+seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene
+dort und dort,“ doch um die Arbeit sucht sich ein jeder,
+so gut es eben geht, herumzudrücken. Da es aber verschiedene
+Ränge gibt und jeder Rang den verdienten
+Rüffel in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften
+Tonart verlangt, so ergibt das naturgemäß verschiedene
+Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle durchnimmt,
+– das liegt nun schon in der Ordnung der
+Dinge! Darauf ruht doch die Welt, mein Kind, daß
+immer einer den anderen beherrscht und im Zaum
+hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die
+Welt gar nicht bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung?
+Nein, ich wundere mich wirklich, wie Fedor
+Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
+durchlassen können!
+</p>
+
+<p>
+Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig?
+Wird denn jemand von den Lesern auch nur
+einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar
+Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und
+verlangt noch obendrein eine Fortsetzung!
+</p>
+
+<p>
+Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+und verkriecht sich, man fürchtet sich, auch nur seine
+Nase zu zeigen, weil man davor zittert, bespöttelt zu
+werden, weil man weiß, daß alles, was es in der Welt
+gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst
+du, zieht dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben
+durch die Literatur, alles ist gedruckt, gelesen, belacht,
+verspottet! Man kann sich ja nicht einmal mehr
+auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
+beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt
+werden muß! Wenn er sich doch wenigstens zum
+Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas wieder
+gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener
+Stelle, an der man seinem Helden die Papierschnitzel
+auf den Kopf streut, gesagt hätte, daß er bei alledem
+ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und
+eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient
+hätte, daß er den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft
+seine Pflicht erfüllt (hier hätte er dann
+noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er
+niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt
+und, als er gestorben (wenn er ihn nun einmal unbedingt
+sterben lassen wollte), von allen beweint worden
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den
+Armen, gar nicht hätte sterben lassen, sondern wenn
+er es so gemacht hätte, daß sein Mantel wieder aufgefunden
+worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch
+– nein, was sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte
+Näheres über seine Tugenden erfahren und ihn in
+seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren
+Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+bisherigen gegeben hätte, so daß es dann, sehen
+Sie, so herausgekommen wäre, daß das Böse bestraft
+wird und die Tugend triumphiert – die anderen
+Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann
+alle das Nachsehen gehabt!
+</p>
+
+<p>
+Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so
+wie er es geschrieben hat – was ist denn dabei Besonderes,
+was ist dabei Schönes? Das ist ja doch einfach
+nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen
+niedrigen Leben! Und wie haben <em>Sie</em> sich nur entschließen
+können, mir ein solches Buch zu senden, meine
+Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein vorsätzlich
+Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach
+nicht wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen,
+daß es einen solchen Beamten irgendwo
+geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen, Warinka,
+werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr gehorsamster Diener<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-23" title="23. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+27. Juli.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich
+recht erschreckt, und zwar um so mehr, als ich mir anfangs
+nichts zu erklären wußte – bis Fedora mir
+dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn
+gleich so verzweifeln und in einen solchen Abgrund
+stürzen, Makar Alexejewitsch? Ihre Erklärungen haben
+mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt,
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte
+Stelle anzunehmen? Überdies ängstigt mich
+mein letztes Abenteuer sehr.
+</p>
+
+<p>
+Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt,
+mir manches zu verheimlichen. Ich habe es ja schon
+damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu Dank verpflichtet
+war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für
+mich nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie,
+wie Sie sagten, auf der Kasse liegen hätten. Jetzt aber,
+nachdem ich erfahren habe, daß Sie überhaupt kein
+erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von
+meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen,
+Ihr Gehalt, <a id="corr-8"></a>das Sie sich noch dazu vorauszahlen
+ließen, für mich auszugeben, und daß Sie während
+meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft
+haben – jetzt sehe ich mich in eine so qualvolle Lage
+versetzt, daß ich gar nicht weiß, wie ich alles das auffassen
+und was ich überhaupt denken soll!
+</p>
+
+<p>
+Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der
+notwendigsten Hilfe, die Sie mir aus Mitleid und
+verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden lassen
+und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges
+verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen,
+Makar Alexejewitsch, Sie haben mein Vertrauen
+mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß Sie Ihr
+letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge,
+Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben
+– jetzt bezahle ich das teuer mit Selbstvorwürfen und
+der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen Leichtsinns,
+denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen,
+ohne nach Ihrem Auskommen zu fragen. Auf
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+diese Weise verwandelt sich jetzt alles, womit Sie mir
+einst Freude machen wollten, in eine drückende Last,
+und alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern
+verdrängt.
+</p>
+
+<p>
+Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen,
+daß Sie bedrückt waren, aber obschon ich
+selbst ahnungsvoll irgendein Unheil erwartete, konnte
+ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht fassen.
+Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße
+den Mut verlieren können, Makar Alexejewitsch! Was
+werden jetzt diejenigen, die Sie kennen, von Ihnen sagen?
+Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer Herzensgüte,
+Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet
+habe, Sie haben sich plötzlich einem so widerlichen
+Laster ergeben können, dem Sie doch, soviel mir
+scheint, früher noch nie gefrönt haben.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora
+mir erzählte, daß man Sie in berauschtem Zustande
+auf der Straße gefunden und die Polizei Sie
+nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, – obschon
+ich mich auf etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht
+hatte, da Sie ja doch schon seit ganzen vier Tagen verschwunden
+waren. Haben Sie denn nicht daran gedacht,
+Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten
+dazu sagen werden, wenn sie die wirkliche Ursache Ihres
+Ausbleibens vernehmen? Sie sagen, daß alle über
+Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben,
+und daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden
+auch meiner Erwähnung tun. Beachten Sie das nicht,
+Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um Gottes
+willen!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte
+mit jenen Offizieren, – ich habe nichts Genaueres erfahren
+können, nur so ein Gerücht. Erklären Sie
+mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat.
+</p>
+
+<p>
+Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die
+Wahrheit mitzuteilen, weil Sie dann vielleicht meine
+Freundschaft verloren haben würden, daß Sie während
+meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb
+alles verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und
+somit verhindern zu können, daß man mich ins Hospital
+brachte, daß Sie soviel Schulden gemacht, wie es
+Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin
+Ihnen jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, –
+aber indem Sie mir alles dies verheimlichten, wählten
+Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch alles erfahren!
+Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß
+ich die Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben
+mir aber nun durch Ihre Aufführung doppelten Kummer
+bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen, Makar
+Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist
+eine ansteckende Krankheit. Arme und Unglückliche
+müßten sich fernhalten voneinander, um sich gegenseitig
+nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen
+solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem
+bescheidenen stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben.
+Das quält mich entsetzlich und nimmt mir jede
+Kraft.
+</p>
+
+<p>
+Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort
+mit Ihnen geschehen ist und wie Sie sich so weit haben
+vergessen können. Beruhigen Sie mich, wenn es
+Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus,
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+sondern nur aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen,
+die nichts aus meinem Herzen tilgen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit
+Ungeduld. Sie haben schlecht von mir gedacht, Makar
+Alexejewitsch.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre Sie von Herzen liebende<br>
+Warwara Dobrosseloff.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-24" title="24. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+28. Juli.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden
+ist und alles allmählich wieder ins alte Geleise kommt,
+kann ich ja zu Ihnen ganz aufrichtig sein, mein Kind.
+Also: es beunruhigt Sie, was man von mir denken
+und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich
+mich, Ihnen mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte
+mir höher steht, als alles andere. Und da kann ich Ihnen
+denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen Unglücksfällen
+und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen,
+daß von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas
+erfahren hat, so daß sie mich alle nach wie vor
+achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich
+Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin,
+aber nachdem ich ihr jetzt mittels Ihrer zehn Rubel
+einen Teil meiner Schuld bezahlt habe, brummt sie
+nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht
+so schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten,
+dann sind sie ganz gut. Zum Schluß aber dieser meiner
+Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein Kind,
+daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und
+jedes in der Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+habe, tröste ich mich nun in der Zeit meiner
+Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und
+die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß
+Sie es so milde auffassen, daß Sie mich deshalb nicht
+für einen treulosen Freund und selbstsüchtigen Menschen
+halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt und
+Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte,
+mich von Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe
+mich mit Eifer von neuem an meine Arbeit gemacht
+und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im
+Dienst mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij
+Iwanowitsch sagte kein Wort, als ich gestern an
+ihm vorüberging.
+</p>
+
+<p>
+Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein
+Kind, daß meine Schulden und der schlechte Zustand
+meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber darauf
+kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie
+nur inständig, sich wegen dieser Nebensachen keine
+Sorgen zu machen. Sie senden mir noch ein halbes
+Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat
+mir mein Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so
+hat sich das Blatt gewandt! Nicht ich, der alte
+Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern
+Sie, mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir!
+Das war sehr gut von Fedora, daß sie Geld verschafft
+hat. Ich habe vorläufig gar keine Aussichten, irgendwo
+welches auftreiben zu können, mein Kind, doch sobald
+sich irgendeine Aussicht auf eine Möglichkeit einstellen
+sollte, werde ich Ihnen darüber ausführlich näheres
+schreiben. Nur der Klatsch, der Klatsch beunruhigt
+mich!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich küsse Ihr
+Händchen und bitte Sie flehentlich, nur ja wieder gesund
+zu werden. Ich schreibe deshalb so kurz, weil
+ich zum Dienst eilen muß, denn durch Eifer und Fleiß
+will ich alle meine Versäumnisse nachholen und so
+mein Gewissen langsam beruhigen. Die ausführlichere
+Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener Geschichte
+mit den Offizieren verschiebe ich auf den
+Abend. Dann habe ich mehr Zeit.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-25" title="25. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+28. Juli.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Warinka, mein Liebes!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld
+auf Ihrer Seite und wird auf Ihrem Gewissen lasten
+bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich um den
+Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß,
+und mich ganz und gar vor den Kopf gestoßen:
+erst jetzt, nachdem ich in Muße nachgedacht und mir
+bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich und
+weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen
+im Recht. Ich rede jetzt nicht von meinen drei
+wüsten Tagen (lassen wir das gut sein, Kind,
+reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer
+wieder, daß ich Sie liebe und daß es keineswegs
+unvernünftig von mir war, Sie zu lieben, nein, durchaus
+nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja
+doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das
+alles kam, warum ich Sie lieben muß, so würden Sie
+ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur so,
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz
+anders denken.
+</p>
+
+<p>
+Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz
+genau, was ich mit jenen Offizieren eigentlich hatte.
+Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein Engelchen, daß
+ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.
+Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon
+einen ganzen Monat sozusagen nur noch an einem
+Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß, daß
+ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte.
+Vor Ihnen versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte
+ich mich gleichfalls, aber meine Wirtin schrie
+trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich hätte
+mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien
+lassen, die schändliche Person, so viel sie wollte, aber
+erstens war es doch eine Schande, und zweitens kam
+hinzu, daß sie Gott weiß woher von unserer Freundschaft
+erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen
+Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören
+und Sehen verging und ich mir die Ohren zuhielt.
+Die anderen aber hielten sich ihre Ohren nicht zu, sondern
+rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf.
+Auch jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich
+vor ihnen verbergen soll ...
+</p>
+
+<p>
+Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm
+von Unglück in allen seinen Arten war ich eben
+nicht gewachsen. Und da hörte ich nun plötzlich von
+Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen
+sei und Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe.
+Daß er Sie tief und grausam beleidigt haben
+mußte, das konnte ich schon nach mir selbst beurteilen,
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt.
+Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich
+eben den Verstand, verlor den Kopf und verlor mich
+selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen Wut
+fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden.
+Ich wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer,
+dem nichts mehr heilig war! Doch ich weiß selbst
+nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein Engelchen,
+daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig
+war es! Regen und Schmutz draußen und Weh und
+Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon zurückzukehren
+... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind.
+Ich begegnete dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, –
+er ist ein Beamter, d. h. er war Beamter, jetzt aber
+ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem
+Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit
+er sich jetzt beschäftigt – irgendwie wird er sich
+wohl schon durchzuschlagen wissen und so gingen wir
+denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll
+man da reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude,
+von den Verirrungen und Prüfungen Ihres Freundes
+zu lesen – und den Bericht von all dem Unglück
+mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage,
+gegen Abend – der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte
+mich aufgehetzt – ging ich schließlich hin zu dem
+Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem Hausknecht
+erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal
+die Rede davon ist – schon lange diesen jungen
+Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon lange beobachtet,
+als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt
+sehe ich ja ein, daß ich mich nicht richtig benommen
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+habe, denn ich war nicht in einem klaren Zustande,
+als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und
+dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß
+ich nichts mehr, was dann noch geschah. Ich erinnere
+mich nur noch, daß sehr viele Offiziere bei ihm waren,
+oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen
+alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort
+eigentlich tat, ich weiß nur, daß ich viel sprach, und
+zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun und da wurde
+ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe
+hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich
+hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich
+wurde hinausbefördert. Wie ich wieder nach Hause
+kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,
+Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und
+meine Ehre hat darunter gelitten, aber von dem ganzen
+weiß ja doch niemand, von fremden Menschen niemand,
+außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch
+ebenso gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja,
+vielleicht ist es auch wirklich so, Warinka, was meinen
+Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß, das ist, daß
+im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns
+ganz ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er
+tat es nicht öffentlich, tat es unter vier Augen. Er
+ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber sah alles
+zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm,
+wie er es für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung
+von Ehre und Haltung: denn wie gesagt, es sah
+niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun,
+ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß
+ich nichts davon habe verlauten lassen, es ist also ganz
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+so, als hätte auch ich nichts gewußt. Nun und nachher
+haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij Ossipowitsch
+immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas
+zwischen ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen
+Sie, solch ein Ehrgeiziger, daher hat er denn auch
+niemand etwas gesagt, und jetzt grüßen sie sich, als
+ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar die
+Hand.
+</p>
+
+<p>
+Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja
+gar nicht, Ihnen zu widersprechen, ich sehe es selbst
+ein, daß ich tief gesunken bin und ich habe sogar, was
+am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr
+viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon
+von Geburt an so bestimmt gewesen sein: das war eben
+mein Schicksal, – dem Schicksal aber entgeht man
+nicht, wie Sie wissen.
+</p>
+
+<p>
+So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles
+dessen, was mich in meiner Not und meinem Elend
+noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie sehen, ist es
+von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu
+denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir
+alle bessern Gefühle abhanden gekommen. Ich schließe,
+indem ich Sie, verehrte Warwara Alexejewna,
+meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere,
+und verbleibe
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr ergebenster Diener<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-26" title="26. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+29. Juni.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hände
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+zusammengeschlagen! Mein Gott, mein Gott!
+Hören Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie
+mir etwas oder Sie haben mir überhaupt nur einen
+Teil Ihrer Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ...
+wirklich, Makar Alexejewitsch, aus Ihren Briefen lese
+ich noch immer eine gewisse Verstörtheit heraus ...
+Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen
+Sie! Und hören Sie: kommen Sie einfach zum Mittagessen
+zu uns. Ich weiß nicht, wie Sie dort leben
+und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie
+schreiben davon nichts, und zwar scheinbar absichtlich,
+als wollten Sie wieder etwas verschweigen.
+</p>
+
+<p>
+Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie
+unbedingt heute zu uns. Überhaupt wäre es besser,
+wenn Sie immer bei uns essen würden. Fedora kocht
+sehr gut. Leben Sie wohl.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre<br>
+Warwara Dobrosseloff.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-27" title="27. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+1. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Warwara Alexejewna, meine Liebe!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr
+Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben hat, Gutes mit Gutem
+zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu beweisen.
+Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die
+Engelsgüte Ihres Herzchens, und will Ihnen keinen
+Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir nicht wie
+damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein
+Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal
+gesündigt, was ist da zu machen! – wenn Sie durchaus
+wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen Sie,
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut
+weh!
+</p>
+
+<p>
+Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen
+das sage. In meinem Herzen ist alles krank, mein
+Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von der Natur
+selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon
+beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist
+empfindlich: Gottes Welt sieht er anders an, auf jeden
+Vorübergehenden sieht er mißtrauisch von der
+Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt
+um, und horcht auf jedes Wort – ob da nicht
+etwa von ihm gesprochen wird? Ob man sich nicht gerade
+zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er
+ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in
+diesem Augenblick wohl empfinde? Vielleicht auch,
+wie er denn eigentlich von dieser, und wie er wohl
+von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder,
+Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als
+ein alter Lappen ist und keinerlei Achtung von anderen
+Menschen verlangen kann, was man da auch immer
+schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen
+da schreiben: es bleibt am armen Menschen doch alles
+so, wie es war. Und weshalb bleibt es so, wie es war?
+Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen
+mit der linken Seite nach außen sein muß, er darf da
+nichts tiefinnerlich Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz
+beispielsweise oder sonst sowas, das duldet man
+einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß
+man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht
+habe, und daß er dabei für jeden Heller gewissermaßen
+einer Besichtigung unterzogen worden sei. Die Menschen
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen
+nicht umsonst geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür,
+daß man ihnen einen armen Menschen zeigte.
+Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz
+eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer
+so erwiesen worden sind, wer kann das wissen! Entweder
+verstehen es die Leute nicht oder sie sind schon
+gar zu große Meister darin – eins von beiden.
+</p>
+
+<p>
+Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann
+merken Sie es sich! Glauben Sie mir, Warinka,
+wenn ich auch über manches nicht mitreden kann –
+hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere!
+Woher aber weiß ein armer Mensch alles dies?
+Und warum denkt er überhaupt so etwas? Ja, woher
+weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung!
+Ebensogut wie er weiß, daß dort der feine Herr, der
+neben ihm geht und sogleich in ein Restaurant treten
+wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser
+arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde
+mir jedenfalls <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sauté aux papillotes</span> bestellen, er
+aber wird vielleicht einen Brei ohne Butter essen!“ –
+Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter
+essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen,
+Warinka, es gibt wirklich solche Menschen, die
+nur an so etwas denken. Und die gehen dann noch umher,
+diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln
+überall und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß
+auftritt, oder nur mit der Fußspitze, und notieren es
+sich noch, daß der und der Beamte in dem und dem
+Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen
+hervorgucken, daß die Ärmel seiner Uniform an den
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+Ellenbogen durchgescheuert sind und Löcher aufweisen
+– und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und
+obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an,
+daß meine Ellenbogen zerrissen sind? Ja, wenn Sie
+mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so sage ich
+Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung
+ganz dieselbe Scham empfindet, wie Sie beispielsweise
+Ihre Mädchenscham empfinden. Sie werden sich doch
+auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das
+grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie,
+genau so ungern sieht es der arme Mensch, daß man
+in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu sehen,
+wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag
+aber für ein Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit
+meinen Feinden, die es auf die Ehre und den guten
+Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu
+beleidigen?
+</p>
+
+<p>
+Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz
+mäuschenstill und geduckt, und kam mir selbst wie ein
+gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham fast
+vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man
+verliert ja unwillkürlich den Mut, wenn man weiß,
+daß durch das durchgescheuerte Ärmelzeug die Ellenbogen
+schimmern und die Knöpfe nur noch an einem
+Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext,
+alles buchstäblich wie behext, und in der größten
+Verwahrlosung! Da verliert man denn ganz unwillkürlich
+seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst Stepan
+Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir
+zu sprechen begann: er sprach nämlich und sprach,
+und dann plötzlich entfuhr es ihm ganz unversehens:
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+„Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach aber das andere
+nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich
+es durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so,
+daß sogar meine Glatze rot wurde. Es hat ja im
+Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist doch immer irgendwie
+beunruhigend und bringt einen auf ganz
+schwermütige Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon
+etwas erfahren haben? Gott behüte, wenn Sie nun
+doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich, aufrichtig
+gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark
+im Verdacht. Diesen Räubern macht es doch nichts
+aus! Die verraten einen ohne weiteres! Sie sind fähig,
+dein ganzes Privatleben für nichts und wieder
+nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff
+hat’s getan! Er muß mit jemandem aus unserem Ressort
+bekannt sein, und da hat er dem Betreffenden so
+gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine
+Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er
+hat’s vielleicht in seinem Bureau erzählt, und von dort
+ist es dann hinausgetragen worden und auch zu uns
+gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau
+unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem
+Fenster. Ich weiß schon, daß sie’s tun. Und als ich
+gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging, steckten sie
+aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin
+sagte, da habe nun der Teufel mit einem Säugling
+einen Bund geschlossen, und dann drückte sie sich außerdem
+noch unanständig über Sie aus.
+</p>
+
+<p>
+Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche
+Absicht Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+und uns in einer pikanten Satire zu
+schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir deuteten
+es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt
+an nichts mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal,
+wozu ich mich entschließen muß. Ja, – soll
+man da noch länger seine Sünde in Abrede stellen,
+wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt,
+mein Engelchen!
+</p>
+
+<p>
+Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken,
+damit ich mich nicht langweile. Lassen Sie es gut sein,
+Liebling, was mach ich damit! Und was ist denn solch
+ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und
+auch Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um
+des Unsinns willen geschrieben, nur so, damit müßige
+Leute etwas zu lesen haben. Glauben Sie mir, mein
+Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen
+Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von
+Shakespeare anfangen – in der Literatur, siehst du,
+gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch ihr
+ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn,
+und nichts weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe
+und nur zu solchem Zweck von diesem Pasquillanten
+verfaßt!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-28" title="28. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+2. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht
+mehr! Gott wird uns schon helfen und alles wird wieder
+gut werden. Fedora hat für sich und mich eine
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergnügt
+sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir
+dadurch alles wieder gutmachen können. Fedora sagte
+mir, sie glaube, daß Anna Fedorowna über alle meine
+Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet
+sei, doch mir ist jetzt alles gleichgültig. Ich bin
+heute ganz besonders froh gestimmt.
+</p>
+
+<p>
+Sie wollen Geld borgen – Gott bewahre Sie davor!
+Damit würden Sie sich noch mehr Unglück auf
+den Hals laden, denn Sie müssen es zurückzahlen,
+und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben
+Sie jetzt lieber noch etwas sparsamer, kommen Sie
+öfter zu uns und achten Sie nicht darauf, was Ihre
+Wirtin da schreit. Was aber Ihre übrigen Feinde und
+alle Ihnen mißgünstig Gesinnten betrifft, so bin ich
+überzeugt, daß Sie sich mit ganz grundlosen Befürchtungen
+quälen, Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p>
+Sie könnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten,
+ich habe Ihnen schon das vorige Mal gesagt, daß
+Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also leben
+Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter
+allen Umständen.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre<br>
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-29" title="29. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+3. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Engelchen Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen,
+daß ich jetzt doch wieder eine kleine Aussicht habe und
+damit auch wieder Hoffnung. Aber zunächst erlauben
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle
+keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht
+ohne sie. Mir geht es schon schlecht, aber wie wird
+das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen doch plötzlich
+etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches
+Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn
+auch, daß man sich unbedingt Geld verschaffen muß.
+Und nun hören Sie weiter.
+</p>
+
+<p>
+Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im
+Bureau neben Jemeljan Iwanowitsch sitze. Das ist
+nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon erzählt
+habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber.
+Wir beide sind so ziemlich die Ältesten im ganzen
+Departement, die Alteingesessenen, wie man uns zu
+nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch, ein uneigennütziger
+Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig,
+wissen Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein
+richtiger Brummbär aus. Dafür arbeitet er gut, hat
+eine sogenannte englische Handschrift, und wenn man
+die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als
+ich. Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch!
+Sehr intim sind wir beide nie gewesen, nur so auf
+„Guten Tag!“ und „Leben Sie wohl!“ haben wir gestanden,
+doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein
+Federmesser nötig hatte, nun, dann sagte ich eben:
+„Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr Messerchen, auf
+einen Augenblick!“ Also eine richtige Unterhaltung
+gab’s zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen,
+was man sich so gelegentlich zu sagen hat,
+wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen Sie,
+da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir:
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+„Makar Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so
+nachdenklich?“
+</p>
+
+<p>
+Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir – und
+da vertraute ich mich ihm denn an. So und so, sagte
+ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles erzählte ich
+ihm nicht – und natürlich, Gott behüte, werde ich das
+auch nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka,
+aber so dies und jenes habe ich ihm doch anvertraut,
+mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß ich „etwas
+in Geldverlegenheit“ sei, nun, und so weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Aber Sie könnten doch, Väterchen,“ sagte darauf
+Jemeljan Iwanowitsch, „könnten sich doch von jemandem
+Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von
+Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe
+auch von ihm geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar
+so hohe Prozente, wirklich, nicht gar so hohe.“
+</p>
+
+<p>
+Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders
+vor lauter Freude – es hüpfte nur so! Ich dachte
+und dachte hin und her und setzte mein Vertrauen
+auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch
+vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht.
+Und ich begann schon, alles auszurechnen: wie ich
+dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen und
+auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen
+verleihen würde – denn so ist es doch eine wahre
+Schande, man schämt sich ordentlich, auf seinem
+Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die Jungen
+ewig über einen lachen – nun, Gott verzeih’ ihnen!
+Aber auch Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem
+Tisch vorüber: nun, sagen wir, wenn sie einmal –
+wovor Gott uns behüte und bewahre! – wenn sie
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+einmal im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen
+geruhten und bemerken sollten, daß ich, sagen wir,
+ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner Exzellenz aber
+sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie
+würden ja wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka,
+ich würde auf der Stelle sterben vor Scham, –
+sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn all
+meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut
+es ging, und begab mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits
+voll Hoffnung und andererseits weder tot noch
+lebendig vor Erwartung – beides zugleich.
+</p>
+
+<p>
+Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es
+endete mit – nichts. Er war da sehr beschäftigt und
+sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich trat von
+der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am
+Ärmel: bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle,
+mit Pjotr Petrowitsch. Er sah sich nach mir um – und
+da begann ich denn und sagte ungefähr: „So und so,
+Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa
+dreißig Rubel usw.“ – Er schien mich zuerst nicht
+ganz zu verstehen, als ich ihm aber dann nochmals
+alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber
+nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er
+aber fragte plötzlich: „Haben Sie ein Pfand?“ –
+selbst jedoch vertiefte er sich wieder ganz in seine Papiere
+und schrieb weiter, ohne sich nach mir umzusehen.
+Das machte mich ein wenig befangen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte ich, „ein Pfand habe ich nicht,
+Pjotr Petrowitsch“ – und ich erklärte ihm: „So und
+so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen, sobald ich
+meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun,
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+werde es für meine erste Pflicht erachten.“ In diesem
+Augenblick rief ihn jemand und er ging fort, ich blieb
+aber und erwartete ihn. Er kam denn auch bald wieder
+zurück, setzte sich, spitzte seine Feder – mich aber
+bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch
+wieder darauf zu sprechen, „also so und so, Pjotr Petrowitsch,
+ginge es denn nicht doch irgendwie?“
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu
+hören, ich aber stand, stand. – Nun, dachte ich, ich
+will es doch noch einmal, zum letztenmal, versuchen,
+und zupfte ihn wieder ein wenig am Ärmel. Er sagte
+aber keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen
+von seiner Federspitze und schrieb weiter. Da ging ich
+denn.
+</p>
+
+<p>
+Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht
+sehr ehrenwerte Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz,
+– nichts für unsereinen! Wo reichen wir an diese
+hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe
+ich Ihnen auch alles das geschrieben.
+</p>
+
+<p>
+Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen
+und schüttelte den Kopf, aber er machte mir doch
+wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan Iwanowitsch
+ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich
+einem gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann,
+Warinka, der auf der Wiborger Seite<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> wohnt, leiht
+gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan Iwanowitsch
+sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt.
+Ich werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen
+werde ich zu ihm gehen. Was meinen Sie dazu? Es
+geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon,
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen
+geben. Und meine Stiefel sind schrecklich schlecht, mein
+Kind, und Knöpfe fehlen mir überall, und was mir
+nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der Vorgesetzten
+eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein
+Unglück, Warinka, wirklich ein Unglück!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-30" title="30. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+4. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen
+Sie so bald als möglich Geld! Ich würde Sie unter
+den jetzigen Umständen natürlich für keinen Preis
+um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher
+Lage ich mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser
+Wohnung bleiben, ich muß fort! Ich habe die schrecklichsten
+Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können es sich
+nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin!
+</p>
+
+<p>
+Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen
+erscheint bei uns plötzlich ein fremder Herr, ein schon
+bejahrter Mann, nahezu ein Greis, mit Orden auf der
+Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er
+von uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um
+noch etwas zu kaufen. Er begann mich auszufragen:
+wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und darauf
+erklärte er mir – ohne meine Antwort abzuwarten,
+– er sei der Onkel jenes Offiziers und habe sich über
+das flegelhafte Betragen seines Neffen sehr geärgert:
+er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in
+einen schlechten Ruf gebracht habe – sein Neffe sei
+ein leichtsinniger Bengel, der zu nichts tauge, er aber
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+fühle sich als Onkel verpflichtet, die Schuld seines
+Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu nehmen.
+Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen
+Leute zu hören, er dagegen habe wie ein Vater Mitleid
+mit mir, empfinde überhaupt väterliche Liebe für
+mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu helfen.
+</p>
+
+<p>
+Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was
+ich denken sollte, weshalb ich ihm natürlich auch nicht
+dankte. Er nahm meine Hand und hielt sie fest, obschon
+ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte meine Wange,
+sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders
+gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe.
+– Gott weiß, was er da noch sprach! – und zu guter
+Letzt wollte er mich auch noch küssen: er sei ja schon ein
+Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! – Da trat
+Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen
+und begann wieder damit, daß er mich wegen meiner
+Bescheidenheit und Wohlerzogenheit überaus achte:
+er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor
+ihm verlöre. Dann rief er Fedora beiseite und wollte
+ihr unter einem seltsamen Vorwand Geld in die Hand
+drücken. Doch Fedora nahm es natürlich nicht an. Da
+brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals alle
+seine Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder
+zu besuchen und mir dann Ohrringe mitzubringen (ich
+glaube, er war zum Schluß selbst etwas verlegen). Er
+riet mir außerdem, in eine andere Wohnung überzusiedeln,
+und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei
+und mich nichts kosten würde. Er sagte, daß er mich
+namentlich deshalb sehr liebgewonnen habe, weil ich
+ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen sei. Darauf
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+riet er mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend
+in acht zu nehmen, und zum Schluß erklärte er,
+daß er mit Anna Fedorowna bekannt sei und sie ihn
+beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen
+werde. Da begriff ich denn alles! Ich weiß nicht mehr,
+was mit mir geschah – ich habe das zum erstenmal
+gefühlt und mich zum erstenmal in einer solchen Lage
+befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn tüchtig
+– und Fedora stand mir bei und jagte ihn förmlich
+aus dem Zimmer. Das ist natürlich Anna Fedorownas
+Machwerk – woher hätte er sonst etwas von
+uns erfahren können?
+</p>
+
+<p>
+Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch,
+und flehe Sie an, mir beizustehen. Helfen Sie mir,
+um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt nicht im Stich!
+Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur
+ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten
+eines Umzuges bestreiten könnten, hierbleiben aber
+können wir unter keinen Umständen, das ist ganz ausgeschlossen.
+Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen
+wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde
+Ihnen dieses Geld zurückgeben, ich werde es mir schon
+verdienen! Fedora wird mir in den nächsten Tagen
+noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht
+durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf,
+gehen Sie auf jede Bedingung ein! Ich werde
+Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen Sie mich jetzt
+nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen
+unter den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu
+kommen, aber Sie sind doch meine einzige Stütze, meine
+einzige Hoffnung!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie
+an mich, und Gott gebe Ihnen Erfolg!
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-31" title="31. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+4. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schläge
+sind es, die mich erschüttern! Gerade diese schrecklichen
+Heimsuchungen schlagen mich zu Boden! Dieses
+Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswürdigen
+Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf
+das Krankenlager bringen, durch alle die Aufregungen,
+die sie Ihnen bereiten, sondern auch mir wollen
+sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden
+sie, ich schwöre es, das werden sie! Ich wäre doch
+jetzt eher zu sterben bereit, als Ihnen nicht zu helfen!
+Und wenn ich Ihnen nicht helfen könnte, so wäre das
+mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich Ihnen
+aber, so fliegen Sie mir schließlich wie ein Vöglein
+fort, und dann werden Sie von diesen Nachteulen,
+diesen Raubvögeln, die Sie jetzt aus dem Nestchen
+locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist
+es, was mich am meisten quält, mein Kind. Aber auch
+Ihnen, Warinka, trage ich eines nach: warum müssen
+Sie denn gleich so grausam sein? Wie können Sie
+nur! Sie werden gequält, Sie werden beleidigt, Sie,
+mein Vögelchen, mein kleines, armes Herzchen, haben
+nur zu leiden, und da – da machen Sie sich noch deshalb
+Sorgen, daß Sie mich beunruhigen müssen, und
+versprechen, das Geld zurückzuzahlen, und es zu erarbeiten:
+das aber heißt doch in Wirklichkeit, daß Sie sich
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+bei Ihrer schwachen Gesundheit zuschanden arbeiten
+wollen, um für mich zum richtigen Termin das Geld
+zu beschaffen! So bedenken Sie doch bloß, Warinka,
+was Sie da sprechen! Wozu sollen Sie denn nähen
+und arbeiten und Ihr armes Köpfchen mit Sorgen
+quälen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka,
+Warinka!
+</p>
+
+<p>
+Sehen Sie, mein Täubchen, ich tauge zu nichts, zu
+gar nichts, und ich weiß es selbst, daß ich zu nichts
+tauge, aber ich werde dafür sorgen, daß ich doch noch
+zu etwas tauge! Ich werde alles überwinden, ich
+werde mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde für
+unsere Schriftsteller Abschriften machen, ich werde zu
+ihnen gehen, werde selbst zu ihnen gehen und mir Arbeit
+von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute Abschreiber,
+ich weiß es, daß sie sie suchen! Sie aber sollen
+sich nicht krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich
+das zu!
+</p>
+
+<p>
+Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt
+Geld auftreiben, ich sterbe eher, als daß ich es nicht
+tue. Sie schreiben, mein Täubchen, ich solle vor hohen
+Prozenten nicht zurückschrecken: – das werde ich gewiß
+nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurückschrecken,
+jetzt vor nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel
+erbitten, mein Kind. Das ist doch nicht zu viel,
+Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig
+Rubel auf mein Wort ohne weiteres anvertrauen?
+Das heißt, ich will nur wissen, ob Sie mich für fähig
+halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen einzuflößen?
+So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und
+überhaupt – kann man mich da auf den ersten Blick
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+hin günstig beurteilen? Denken Sie zurück, mein Engelchen,
+denken Sie nach, kann ich wohl einen guten
+Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal
+sieht? Bin ich wohl der Mann dazu? Was meinen
+Sie? Wissen Sie, man fühlt doch solch eine Angst –
+krankhaft geradezu, wirklich krankhaft!
+</p>
+
+<p>
+Von den vierzig Rubeln gebe ich fünfundzwanzig
+Ihnen, Warinka, zwei der Wirtin und den Rest behalte
+ich für mich, für meine Ausgaben.
+</p>
+
+<p>
+Zwar sehen Sie: der Wirtin müßte ich eigentlich
+mehr geben, sogar unbedingt mehr, aber überlegen
+Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen Sie mal zusammen,
+was ich nur fürs Allernotwendigste brauche:
+Sie werden einsehen, daß ich ihr unter keinen Umständen
+mehr geben kann – folglich lohnt es sich gar nicht,
+noch weiter darüber zu reden, und man kann die Frage
+einfach ausschalten. Für fünf Rubel kaufe ich mir ein
+Paar Stiefel. Ich weiß wirklich nicht, ob ich morgen
+noch mit den alten in den Dienst gehen kann. Eine
+Halsbinde wäre wohl auch sehr nötig, da die jetzige
+schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem
+alten Schürzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern
+auch eine Halsbinde zu verfertigen versprachen, so will
+ich daran nicht weiter denken. Somit hätten wir Stiefel
+und Halsbinde. Jetzt noch Knöpfe, mein Liebes!
+Sie werden doch zugeben, Kindchen, daß ich ohne
+Knöpfe nicht auskommen kann, von meinem Uniformrock
+ist aber die Hälfte der Garnitur schon abgefallen.
+Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Seine Exzellenz
+eine solche Nachlässigkeit bemerken und sagen könnten
+– ja, was!? Das würde ich ja doch nicht mehr hören,
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+denn ich würde dort sterben, auf der Stelle sterben, tot
+hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloßen Gedanken
+den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das würde
+ich! – Ja, und dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen
+drei Rubel, die blieben mir dann zum Leben
+und für ein halbes Pfündchen Tabak, denn sehen
+Sie, mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben,
+heute aber ist es schon der neunte Tag, daß ich mein
+Pfeifchen nicht mehr angerührt habe. Ich hätte ja,
+offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es Ihnen
+vorher zu sagen, aber man schämt sich vor seinem Gewissen.
+Sie dort sind unglücklich, Sie entbehren alles,
+ich aber sollte mir hier gar Vergnügungen leisten?
+Also deshalb sage ich es Ihnen, daß ich mich nicht mit
+Gewissensbissen zu quälen brauche. Ich gestehe Ihnen
+ganz offen, Warinka, daß ich mich jetzt in einer
+äußerst verzweifelten Lage befinde, das heißt, bisher
+habe ich in meinem Leben noch nichts Ähnliches durchgemacht.
+Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder
+Schätzung – davon kann keine Rede sein. Überall
+Mangel, überall Schulden, im Dienst aber, wo mich
+die Kollegen auch früher schon nicht auf Rosen gebettet
+haben, im Dienst – nun, schweigen wir lieber davon.
+Ich verberge alles, ich suche es vor allen sorgfältig zu
+verbergen, und auch mich selbst verberge ich: wenn ich
+in den Dienst gehe, drücke ich mich nach Möglichkeit
+unbemerkt und seitlich an allen vorüber. Ich habe gerade
+nur noch so viel Mut, daß ich Ihnen dies offen
+eingestehen kann ...
+</p>
+
+<p>
+Aber wie, wenn er nichts gibt?
+</p>
+
+<p>
+Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+daran und quält sich nicht unnütz mit solchen Vorstellungen,
+die einem schon im voraus jeden Mut rauben.
+Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und
+davor zu bewahren, daß Sie nicht im voraus daran
+denken und sich mit bösen Gedanken quälen. Tun Sie
+es nicht! Aber, mein Gott, was würde aus Ihnen werden!
+Freilich würden Sie dann die Wohnung nicht
+wechseln, vielmehr hier in meiner Nähe bleiben –
+aber nein, ich käme dann überhaupt nicht mehr zurück,
+ich würde einfach untergehen, verschwinden, verderben!
+</p>
+
+<p>
+Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel
+geschrieben, und hätte mich doch statt dessen rasieren
+können, denn rasiert sieht man stets etwas sauberer
+und anständiger aus, das aber hat viel zu sagen und
+hilft einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott
+gebe es! Ich werde beten und dann – mich auf den
+Weg machen!
+</p>
+
+<p class="sign">
+M. Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-32" title="32. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+5. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Liebster Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln würden!
+Es gibt ohnehin schon Sorgen genug! – Ich
+sende Ihnen dreißig Kopeken, mehr kann ich nicht.
+Kaufen Sie sich dafür, was Sie da gerade am notwendigsten
+brauchen, um sich wenigstens noch bis morgen
+irgendwie durchzuschlagen. Wir haben selbst fast nichts
+mehr, was morgen aus uns werden wird – ich weiß es
+nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Übrigens
+sollen Sie deshalb den Kopf nicht hängen lassen: nun,
+er hat Ihnen nichts gegeben, was ist denn schließlich
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir
+könnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben – und
+selbst wenn wir in eine andere Wohnung übergesiedelt
+wären, hätten wir damit doch nur wenig gewonnen,
+denn wer es wolle, der könne uns überall
+finden. Freilich ist es deshalb noch immer nicht schön,
+jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles so traurig wäre,
+würde ich Ihnen noch mancherlei schreiben.
+</p>
+
+<p>
+Was Sie doch für einen sonderbaren Charakter
+haben, Makar Alexejewitsch! Sie nehmen sich alles
+viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch immer
+der unglücklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe
+sehr aufmerksam und sehe, daß Sie sich in einem jeden
+dermaßen um mich sorgen und quälen, wie Sie
+sich um sich selbst noch nie gesorgt und gequält haben.
+Man wird natürlich sagen, daß Sie ein gutes Herz haben.
+Ich aber sage, daß Ihr Herz viel zu gut ist. Ich
+möchte Ihnen einen freundschaftlichen Rat geben, Makar
+Alexejewitsch. Ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar
+für alles, was Sie für mich getan haben, ich
+empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie
+jetzt selbst, wie mir zumute ist, wenn ich sehen muß, daß
+Sie nach all Ihrem Unglück und Ihren Sorgen, deren
+unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, – daß Sie auch
+jetzt noch nur für mich leben, gewissermaßen sogar nur
+um meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden,
+mein Leid ist Ihr Leid, und meine Gefühle sind Ihnen
+wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man sich aber
+den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen
+so viel Mitleid empfindet, dann hat man allerdings
+Ursache, der unglücklichste Mensch zu sein. Als Sie
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+heute nach dem Dienst bei uns eintraten, erschrak ich
+förmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so abgehärmt
+und mitgenommen, so zerstört und verzweifelt
+aus: Sie waren kaum wiederzuerkennen, – und das
+alles nur deshalb, weil Sie sich fürchteten, mir Ihren
+Mißerfolg mitzuteilen, mich zu betrüben und zu
+erschrecken. Als Sie aber sahen, daß ich ob dieses kleinen
+Unglücks zu lachen begann, da atmeten Sie geradezu
+befreit auf. Makar Alexejewitsch! So grämen Sie
+sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie
+doch vernünftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwöre
+Sie! Sie werden sehen, es wird alles gut werden,
+alles wird sich zum Besseren wenden. Sie machen sich
+das Leben ganz unnötigerweise schwer, indem Sie sich
+ewig um andere grämen und sorgen.
+</p>
+
+<p>
+Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals,
+sorgen Sie sich nicht um mich!
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-33" title="33. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen Warinka!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu
+der Überzeugung gelangt, daß es noch kein Unglück ist,
+daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun gut, ich bin
+also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil
+Sie mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung
+bleiben. Ja und wenn man schon alles sagen soll,
+so muß ich gestehen, daß mein Herz voll Freude war,
+als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über
+mich schrieben und sich über meine Gefühle so lobend
+äußerten. Ich sage das nicht aus Stolz, sondern weil
+ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen, wenn Sie sich
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch
+was soll man jetzt noch viel von meinem Herzen reden!
+Das Herz ist eine Sache für sich, – aber Sie sagen
+da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein soll. Ja,
+mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig
+ist, daß man ihn wirklich nicht braucht – den Kleinmut,
+meine ich. Aber, bei alledem: sagen Sie mir jetzt
+bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln ich mich morgen
+in den Dienst begeben soll? – Da sehen Sie, mein
+Kind, wo der Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch
+einen Menschen zugrunde richten, kann ihn einfach
+vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist freilich,
+daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß
+ich nicht um meinetwillen darunter leide. Mir persönlich
+ist das doch ganz gleich, und müßte ich auch in der
+größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen: ich
+würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus,
+ich bin doch ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber
+was werden die Leute dazu sagen? – was werden
+meine Feinde sagen, und alle diese boshaften Zungen,
+wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch
+nur um der Leute willen, und auch die Stiefel trägt
+man nur ihretwegen. Die Stiefel sind in diesem Falle,
+mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur Aufrechterhaltung
+der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen
+Stiefeln aber geht die eine wie der andere verloren
+– glauben Sie mir, was ich Ihnen sage, mein
+Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige Erfahrung,
+hören Sie auf mich Alten, der die Menschen
+kennt, und nicht auf irgend solche Sudler.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+erzählt, Kind, wie das heute alles in Wirklichkeit war.
+Ich habe an diesem einen Morgen so viel ausgestanden,
+so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch
+einer vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun
+hören Sie, wie es war:
+</p>
+
+<p>
+Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn
+anzutreffen und dann selbst noch rechtzeitig in den
+Dienst kommen zu können. Es war solch ein Regenwetter
+heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in
+meinen Mantel, mein Herzchen, und ging und ging,
+und dabei dachte ich die ganze Zeit: Lieber Gott! Vergib
+mir alle meine Übertretungen deiner Gebote
+und laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich
+an der –schen Kirche vorüberging, bekreuzte ich mich,
+bereute alle meine Sünden, besann mich aber darauf,
+daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu unterhandeln.
+Da versenkte ich mich denn in meine eigenen
+Gedanken und wollte nichts mehr ansehen. Und so
+ging ich denn, ohne auf den Weg zu achten, immer
+weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen,
+denen man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt
+und gehetzt aus – freilich war das auch kein Wunder:
+wer wird denn um diese Zeit und bei diesem Wetter
+spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam
+mir entgegen: die stießen mich roh zur Seite, die Kerle.
+Da überfiel mich wieder Schüchternheit, mir wurde
+bange, und an das Geld, um die Wahrheit zu sagen,
+wollte ich überhaupt nicht mehr denken – geht man
+auf gut Glück, nun, dann eben auf gut Glück!
+</p>
+
+<p>
+Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine
+meiner Stiefelsohlen liegen, so daß ich selbst nicht mehr
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+weiß, auf was ich eigentlich weiterging. Und gerade
+dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff entgegen,
+stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als
+wolle er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja,
+Bruderherz, dachte ich, ein Trinkgeld, was ist ein
+Trinkgeld!
+</p>
+
+<p>
+Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich
+ein bißchen, und dann schleppte ich mich wieder weiter.
+Jetzt sah ich absichtlich überall hin, um irgendwo was
+zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften können,
+so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern,
+aber ich fand nichts: kein einziger Gedanke
+wollte haften bleiben, und zum Überfluß war ich auch
+noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir selber
+schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes
+hölzernes Haus mit einem Giebelausbau, eine Art
+Villa: nun, da ist es, dachte ich gleich, so hat es mir
+auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben – das Haus
+Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der
+Geld auf Prozente leiht.) Nun, und da gingen mir
+denn die Gedanken alle ganz durcheinander: ich wußte,
+daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem den
+Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn
+dies dort eigentlich sei, das heißt also, wer darin wohne.
+Der Schutzmann aber, solch ein Grobian, antwortete
+mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und
+brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem
+gewissen Markoff. Diese Polizeibeamten sind alle so
+gefühllose Menschen – doch was gehen sie mich
+schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer
+Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+andern. In allem findet man etwas, was gerade der
+eigenen Lage entspricht oder was man als gewissermaßen
+zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer
+so. – An dem Hause ging ich dreimal vorüber,
+aber je mehr ich ging, um so schlimmer wurde es: nein,
+denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir bestimmt
+kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein
+fremder, ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle
+Sache, und auch mein Äußeres ist nicht gerade einnehmend.
+Nun, denke ich, wie es das Schicksal will, dann
+bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es überhaupt
+nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja
+auch nicht gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich
+denn leise das Hofpförtchen. Aber nun kam schon das
+andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da stürzte
+solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger
+Hackenbeißer, auf mich los und kläffte und kläffte, daß
+einem die Ohren klangen. Und sehen Sie, immer sind
+es gerade derartige nichtswürdige kleine Zwischenfälle,
+mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen
+und von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit,
+zu der man sich schon zusammengerafft
+hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot halb
+lebendig ins Haus – dort aber stieß ich gleich auf
+ein neues Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und
+was im halbdunklen Flur neben der Schwelle stand –
+plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes Weib,
+das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß,
+und da verschüttete sie denn die ganze Milch. Das
+dumme Weib schrie natürlich und keifte sogleich und
+zeterte: „Siehst du denn nicht, wohin du rennst, mach
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+doch die Augen auf, was suchst du hier?“ und so ging
+es weiter ohne Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles,
+mein Kind, schreibe es nur deshalb, weil mir in solchen
+Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß mir
+wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate
+ich mit etwas anderem, ganz Nebensächlichem zusammen
+und durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein,
+eine Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an
+sie: ob hier Herr Markoff wohne? Nein, sagte sie zunächst
+barsch, blieb dann aber stehen und musterte mich
+eingehend.
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie denn von ihm?“ fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+Nun, ich erklärte ihr alles: „So und so, Jemeljan
+Iwanowitsch ...“ – erzählte auch alles übrige –
+kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief die Alte ihre
+Tochter herbei – die kam: ein erwachsenes Mädchen,
+und barfuß.
+</p>
+
+<p>
+„Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern.
+Bitte, treten Sie näher.“
+</p>
+
+<p>
+Ich trat ein. Das Zimmer war – nun, wie so gewöhnlich
+diese Zimmer sind: an den Wänden Bilder,
+größtenteils Porträts von Generälen, ein Sofa, ein
+runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen
+– ich denke und denke: soll ich mich nicht lieber
+drücken, solange es noch Zeit ist? Und bei Gott, mein
+Kind, ich war wirklich schon im Begriff, fortzulaufen!
+Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens,
+dann wird auch das Wetter besser sein, ich werde
+noch bis dahin warten! Heute aber ist sowieso
+die Milch verschüttet, die Generale sehen mich alle so
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+böse an ... Und ich wandte mich, ich gesteh’s wirklich,
+schon zur Tür, Warinka, da kam auch schon Er: – so,
+nichts Besonderes, ein kleines, graues Kerlchen, mit
+solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen Äuglein,
+dabei in einem schmierigen Schlafrock, mit einer
+Schnur um den Leib.
+</p>
+
+<p>
+Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und
+womit er mir dienen könne, worauf ich ihm sagte: „So
+und so, Jemeljan Iwanowitsch – etwa vierzig Rubel,“
+sagte ich, „die habe ich nötig –.“ Aber ich sprach
+nicht zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich
+verspielt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte er, „tut mir leid, ich habe kein Geld.
+Oder haben Sie ein Pfand?“
+</p>
+
+<p>
+Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand
+zwar nicht habe, „Jemeljan Iwanowitsch aber – und
+so weiter,“ mit einem Wort, ich erklärte ihm alles, was
+da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was,“ sagte er, „Jemeljan Iwanowitsch
+kann mir nichts helfen, ich habe kein Geld.“
+</p>
+
+<p>
+Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das
+wußte ich, das habe ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka,
+es wäre besser gewesen, die Erde hätte sich unter
+mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief
+mir über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich
+an, fast als wolle er sagen: „Nun, geh mal jetzt, mein
+Bester, du hast hier nichts mehr zu suchen,“ – so daß
+ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt
+hätte.
+</p>
+
+<p>
+„Wozu brauchen Sie denn das Geld?“ – (das
+hat er mich wirklich gefragt, mein Kind!).
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig
+dazustehen, aber er wollte mich gar nicht mehr anhören.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte er, „ich habe kein Geld, sonst,“
+sagte er, „sonst würde ich mit dem größten Vergnügen ...“
+</p>
+
+<p>
+Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen,
+sagte ihm, daß ich ja nicht viel brauche, daß ich
+ihm alles wieder zurückgeben würde, genau zum Termin,
+ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe
+Prozente nehmen könne, wie er nur wolle, und daß ich
+ihm, noch einmal, bei Gott alles zurückzahlen werde.
+Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein Kind, an
+Ihr Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr
+Fünfzigkopekenstückchen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte er, „wer redet hier von Prozenten,
+aber wenn Sie ein Pfand hätten ... Ich habe im Augenblick
+kein Geld, bei Gott, ich habe keines, sonst natürlich
+mit dem größten Vergnügen ...“
+</p>
+
+<p>
+Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber!
+</p>
+
+<p>
+Nun und da, meine Liebe, – ich weiß selbst nicht
+mehr, wie ich das Haus verließ und wieder auf die
+Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur furchtbar
+müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren
+und kam erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte
+meine Kleider etwas abbürsten, vom Schmutz reinigen,
+aber der Amtsdiener sagte, das gehe nicht an, ich würde
+die Bürste verderben, die Bürste sei aber Kronseigentum.
+Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt
+von diesen Leuten angesehen werde: als wäre ich noch
+nicht einmal eine alte Matte, an der man die Füße abwischen
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+kann. Was ist es denn, Warinka, was mich so
+niederdrückt? – Doch nicht das Geld, das ich nicht habe,
+sondern alle diese Aufregungen, und daß man mit
+Menschen in Berührung kommt: all dieses Geflüster,
+dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz
+kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden
+oder über mein Äußeres eine Bemerkung machen! Ach,
+Kind, meine goldenen Zeiten sind jetzt vorüber! Heute
+habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen,
+– traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen,
+Gott schütze Sie!
+</p>
+
+<p class="sign">
+M. Djewuschkin.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglück
+halb scherzhaft beschreiben, Warinka, aber man sieht,
+daß es mir nicht mehr gelingen will, das Scherzen
+nämlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde zu
+Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-34" title="34. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+11. August.
+</p>
+
+<p class="noindent noindent">
+Warwara Alexejewna! Mein Täubchen! Verloren
+bin ich, beide sind wir verloren, unrettbar verloren!
+Mein Ruf, meine Ehre – alles ist verloren! Und ich
+bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde
+geschmäht, mein Kind, verachtet, verspottet, und die
+Wirtin beschimpft mich schon laut und vor allen Menschen.
+Heute hat sie wieder geschrien, geschrien und
+mich mit Vorwürfen überhäuft, als wäre ich ein
+Nichts und ein Dreck! Und am Abend begann dann jemand
+von ihnen bei Ratasäjeff einen meiner Briefe an
+Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht beendet
+und in die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+aus der Tasche verloren haben muß. Mein
+liebes, liebes Kind, wie haben sie da gelacht! Wie sie
+uns betitelt haben und wie sie höhnten, wie sie höhnten,
+die Verräter! Ich hielt es nicht aus und ging zu
+ihnen und beschuldigte Ratasäjeff des Treubruchs und
+sagte ihm, daß er ein Falscher sei! Ratasäjeff aber erwiderte
+mir darauf, ich sei selbst ein Falscher und beschäftige
+mich nur mit Eroberungen. Ich hätte sie alle
+getäuscht, sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen
+ein Lovelace! Und jetzt, mein Kind, werde ich nun von
+allen hier nur noch Lovelace genannt, einen anderen
+Namen habe ich überhaupt nicht mehr! Hören Sie,
+mein Engelchen, hören Sie – die wissen doch jetzt
+alles von uns, sind von allem unterrichtet, und auch
+von Ihnen, meine Gute, wissen sie alles, alles ist ihnen
+bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen, betrifft! Und
+auch der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich
+wollte ihn heute hier in den kleinen Laden schicken, damit
+er mir ein Stückchen Wurst kaufe, aber nein, er
+geht nicht, er habe zu tun, sagt er. – Du mußt doch,
+es ist doch deine Pflicht, sage ich.
+</p>
+
+<p>
+„Auch was Gutes – meine Pflicht!“ höhnte er,
+„Sie zahlen doch meiner Herrin kein Geld, folglich
+gibt’s da nichts von Pflicht.“
+</p>
+
+<p>
+Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten,
+frechen Menschen eine solche Beleidigung, und so
+schalt ich ihn denn einen „Dummkopf!“, er aber sagte
+mir darauf bloß kurz: „Das sagt mir nun so einer!“
+– Ich dachte erst, daß er betrunken sei, hielt es ihm
+denn auch vor: „Hör mal,“ sagte ich, „du bist wohl betrunken?“
+– Er aber grobte mich an:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+„Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben?
+Sie haben doch nicht einmal so viel, daß Sie sich selber
+betrinken könnten!“ und dann brummte er noch:
+„Das soll nun ein Herr sein!“
+</p>
+
+<p>
+Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen
+ist, mein Kind! Man schämt sich, zu leben, Warinka!
+Ganz wie ein Verrufener kommt man sich vor, schlimmer
+noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es,
+Warinka! Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar
+verloren!
+</p>
+
+<p class="sign">
+M. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-35" title="35. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+13. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Uns sucht jetzt ein Unglück nach dem anderen heim,
+auch ich weiß nicht mehr, was man noch tun soll! Was
+wird nun aus Ihnen werden, auf meine Arbeit können
+wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute
+mit dem Bügeleisen die linke Hand verbrannt: ich
+ließ es versehentlich fallen und beschädigte und verbrannte
+mich, gleich beides zusammen. Arbeiten kann
+ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten
+Tag krank. Oh, diese Sorge und Angst!
+</p>
+
+<p>
+Hier sende ich Ihnen dreißig Kopeken: das ist fast
+das Letzte, was wir haben, Gott weiß, wie gern ich Ihnen
+jetzt in Ihrer Not helfen würde. Es ist zum
+Weinen!
+</p>
+
+<p>
+Leben Sie wohl, mein Freund! Sie würden mich
+sehr beruhigen, wenn Sie heute zu uns kämen.
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-36" title="36. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+14. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Was ist das mit Ihnen? Sie fürchten wohl Gott
+nicht mehr? Und mich bringen Sie um meinen Verstand.
+Schämen Sie sich denn nicht!? Sie richten sich
+zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie
+sind ein ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch –
+was werden die Menschen sagen, wenn sie das erfahren?
+Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie werden
+doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht
+mehr leid um Ihre grauen Haare? So fürchten Sie
+doch wenigstens Gott!
+</p>
+
+<p>
+Fedora sagt, daß sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen
+werde, und auch ich kann Ihnen unter diesen Umständen
+kein Geld mehr schicken. Was haben Sie aus mir
+gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es
+sei mir ganz gleichgültig, daß Sie sich so schlecht aufführen.
+Sie wissen noch nicht, was ich Ihretwegen
+auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf
+unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen
+mit dem Finger auf mich und sagen solche Schändlichkeiten,
+– ja, sie sagen geradezu, daß ich mit einem
+<em>Trunkenbold ein Verhältnis habe</em>. Wie
+glauben Sie, daß mir zumute ist, wenn ich so etwas
+hören muß! Und wenn man Sie nach Hause bringt,
+sagt alles mit Verachtung von Ihnen: „Da wird der
+Beamte wieder gebracht.“ Ich aber – ich schäme mich
+zu Tode für Sie. Ich schwöre Ihnen, daß ich diese
+Wohnung hier verlassen werde. Und sollte ich auch
+Stubenmagd oder Wäscherin werden – hier bleibe ich
+auf keinen Fall!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+Ich schrieb Ihnen, daß ich Sie erwarte, Sie sind
+aber nicht gekommen. Meine Tränen und Bitten sind
+Ihnen also schon gleichgültig, Makar Alexejewitsch?
+Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das
+Geld dazu aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen
+Sie sich in acht! Sie werden doch sonst verkommen,
+ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese
+Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen,
+da haben Sie auf der Treppe die Nacht
+verbracht – ich weiß alles. Wenn Sie wüßten, wie
+weh es mir tat, als ich das von Ihnen hören mußte!
+</p>
+
+<p>
+Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter
+werden: wir können zusammen lesen, können von früheren
+Zeiten reden. Fedora kann uns von ihren Erlebnissen
+erzählen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir
+nicht an, daß Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit
+auch mich zugrunde, glauben Sie es mir! Ich lebe
+doch nur noch für Sie allein, nur Ihretwegen bleibe
+ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein anständiger
+Mensch, seien Sie doch charakterfest und
+standhaft, auch im Unglück. Sie wissen doch: Armut
+ist keine Schande. Und weshalb denn verzweifeln?
+Das ist doch alles nur vorübergehend. Gott wird uns
+schon helfen und alles wird wieder gut werden, wenn
+Sie sich nur jetzt noch etwas zusammennehmen!
+</p>
+
+<p>
+Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich
+dafür Tabak, oder was Sie da wollen, nur geben Sie
+sie um Gottes willen nicht für Schlechtes aus. Kommen
+Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie
+werden sich vielleicht wieder schämen, wie neulich –
+aber lassen Sie das, das wäre ja bloß falsche Scham.
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten! Vertrauen
+Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden.
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-37" title="37. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+19. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Warwara Alexejewna, mein Kindchen!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich schäme mich, mein Sternchen, ich schäme mich.
+Doch übrigens, Liebling, was ist denn dabei so Besonderes?
+Warum soll man nicht sein Herz etwas erleichtern?
+Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine
+Stiefelsohlen – eine Sohle ist doch nichts und bleibt
+ewig nur eine einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle.
+Und auch Stiefel sind nichts! Sind doch die
+griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu also
+soll sich unsereiner mit einem so nichtswürdigen Gegenstande
+abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen
+und verachten? Ach, Kind, mein Kind, da haben
+Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben können!
+– Der Fedora aber sagen Sie, daß sie ein närrisches,
+unzurechnungsfähiges Weib ist, mit allerlei
+Schrullen im Kopf, und zum Überfluß auch noch
+dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare
+betrifft, so täuschen Sie sich auch darin, meine Gute,
+denn ich bin noch lange nicht so ein Alter, wie Sie
+denken.
+</p>
+
+<p>
+Jemeljä läßt Sie grüßen. Sie schreiben, Sie hätten
+sich gegrämt und hätten geweint, und ich schreibe Ihnen,
+daß auch ich mich gegrämt habe und weine. Zum
+Schluß aber wünsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen,
+und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+gesund und wohl und verbleibe mit besten Grüßen,
+mein Engelchen, Ihr Freund
+</p>
+
+<p class="sign">
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-38" title="38. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+21. August.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara
+Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß
+Sie mir viel zu verzeihen haben, aber meiner Meinung
+nach ist damit nichts gewonnen, Kind, daß ich alles
+dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem
+Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im
+vollen Bewußtsein meiner Schuld.
+</p>
+
+<p>
+Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse.
+Um aber Ihr Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu
+können, müßte man gar ein blutdürstiger Tiger sein.
+Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen bekannt
+sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger Raubtierwildheit.
+Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht
+eigentlich schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein
+Herz und meine Gedanken nicht schuldig sind. Das ist
+nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was oder
+wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so
+eine dunkle Sache mit uns, mein Kind!
+</p>
+
+<p>
+Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann
+noch zwanzig Kopeken: mein Herz weinte, als ich Ihre
+Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben sich das
+Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie
+hungern müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir
+noch Tabak kaufen. Nun sagen Sie selbst: was sollte ich
+denn tun? Einfach und ohne alle Gewissensbisse, recht
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu berauben
+anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind,
+das heißt, zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu
+nichts tauge und daß ich selbst höchstens nur um ein
+Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle. Ja, ich
+hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas
+von Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu
+halten, sondern fing an, in mir etwas Unwürdiges
+und bis zu einem gewissen Grade geradezu Gemeines
+und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte
+Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung
+der eigenen guten Eigenschaften und der Verleugnung
+meiner Menschenwürde überließ, da war
+denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte
+kommen, der Sturz, der unvermeidliche! Das war mir
+offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich aber bin nicht
+schuld daran.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen.
+Doch da kam gleich eins zum anderen: auch die
+Natur war so regnerisch, verweint und kalt. Und dann
+kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte
+bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß,
+und schon seit zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn
+mehr im Munde gehabt, so daß er bereits solche Sachen
+versetzen wollte, die man überhaupt nicht versetzen
+kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.
+</p>
+
+<p>
+Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und
+zwar mehr aus Mitleid mit der Menschheit als aus
+eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein
+Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch
+von Ihnen! Er ist ein sehr guter, ein herzensguter
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch. Das fühlte
+ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so
+gekommen, eben weil ich das alles fühlte.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen
+schuldig bin! Als ich Sie kennen lernte, begann ich,
+auch mich selbst besser kennen zu lernen und Sie zu lieben.
+Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer
+einsam gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben
+verdämmert und gar nicht wirklich auf der Erde gelebt,
+wie die anderen! Die bösen Menschen, die da ewig sagten,
+daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich
+schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß
+auch ich mich schließlich ruppig fand und mich meiner
+selbst zu schämen begann. Sie sagten, ich sei stumpfsinnig,
+und ich dachte auch wirklich, daß ich stumpfsinnig
+sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind,
+haben Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem
+Herzen wie in meiner Seele licht geworden ist. Ich
+lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen und
+erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen.
+Daß ich dabei bin, wie ich bin, daß ich durch nichts
+glänze, keinen Schliff besitze, keine Umgangsformen:
+das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch ein
+Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein
+ganzer Mensch! Nun, und dann, als ich fühlte, daß
+das Schicksal mich verfolgte, als ich, durch das Schicksal
+erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde
+selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen
+zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren:
+und das war das Unglück!
+</p>
+
+<p>
+Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+Sie unter Tränen, mich nie mehr über diesen Zwischenfall
+auszufragen oder auch nur davon zu reden, denn
+mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben
+wird mir schwer und bitter.
+</p>
+
+<p>
+Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung
+und verbleibe Ihr treuer
+</p>
+
+<p class="sign">
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-39" title="39. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+3. September.
+</p>
+
+<p class="noindent noindent">
+Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar
+Alexejewitsch, es fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen
+habe ich Augenblicke, wo es mich freut, allein zu
+sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können,
+allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche
+Stimmungen überfallen mich jetzt immer häufiger. In
+meinen Erinnerungen liegt etwas mir Unerklärliches,
+das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar
+in einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für
+alles mich Umgebende vollständig unempfindlich bin
+und die Gegenwart, alles Gegenwärtige, vergesse. Ja,
+es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck,
+gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Ähnliches
+aus meinem früheren Leben erinnerte, am häufigsten
+an meine Kindheit, meine goldene Kindheit!
+Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich
+schwer zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet,
+meine Schwärmerei erschöpft mich und meine Gesundheit
+wird sowieso schon immer schwächer.
+</p>
+
+<p>
+Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen,
+wie wir ihn jetzt selten haben, hat mich heute neu belebt
+und mit Freude erfüllt. So haben wir schon
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande!
+Ich war ja damals noch ein Kind, aber doch fühlte und
+empfand ich schon alles in gesteigertem Maße. Den
+Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als den
+Morgen. Ich erinnere mich noch – nur ein paar
+Schritte weit von unserem Hause, am Berge, lag der
+See. Dieser See – es ist mir, als sehe ich ihn jetzt
+wirklich vor mir – so hell und rein, wie Kristall! War
+der Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See.
+Kein Blatt rührte sich in den Bäumen am Ufer, der
+See lag blank und regungslos wie ein großer Spiegel.
+Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer
+Hütte fern am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die
+Herden werden heimgetrieben – da schleiche ich denn
+heimlich aus dem Hause zum See und schaue und
+schaue und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig
+brennt bei den Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein
+fließt in einem langen Streifen auf dem Wasserspiegel
+zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und
+kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote
+feurige Streifen, die nach und nach bleicher werden
+und schließlich ganz blaß vergehen. Der Mond geht
+auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still – bald
+fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter
+einem Windhauch – alles, selbst das leiseste Geräusch
+ist deutlich zu hören. Über dem blauen Wasser erhebt
+sich langsam weißer Nebel, so leicht und durchsichtig.
+In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles
+im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen
+– das Boot, das Ufer, die Insel – eine alte Tonne,
+die im Schilf vergessen ist, schaukelt kaum-kaum
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit vertrockneten
+Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf.
+Eine verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser,
+fliegt wieder auf und verschwindet im Nebel, – und
+ich schaute und horchte, – wundervoll, so wundervoll
+war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind! ...
+</p>
+
+<p>
+Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst,
+wenn das Korn schon eingeerntet ist, die Feldarbeiten
+beendet sind, man des Abends in den Hütten zusammenkommt
+und alle sich auf den Winter vorbereiten.
+Dann werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt
+sich, die Wälder werden gelb, das Laub fällt von den
+Bäumen und die Bäume stehen kahl und schwarz, – namentlich
+abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt,
+dann erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie
+schreckliche Gespenster. Und wenn man sich auf dem
+Spaziergang etwas verspätet und hinter den anderen
+zurückbleibt – wie eilt man ihnen dann nach, und wie
+groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt,
+auf einmal – hinter jenem Baumstamm – hat
+sich dort nicht etwas Schreckliches versteckt, das gleich
+hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den
+Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen
+Stimmen zu heulen und zu klagen, und Blätter
+fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde, und
+plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze
+Wolke Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte,
+und da ist es – als hörte man jemand, eine
+fremde Stimme raunen: „Laufe, laufe, Kind, verspäte
+dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein,
+laufe, Kind!“ – und Entsetzen erfaßt das Herz und
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+man läuft und läuft, bis man außer Atem zu Hause
+anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit:
+uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen
+oder Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln.
+Im Ofen prasselt das Feuer, Mama beaufsichtigt
+lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte Kinderfrau
+Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von
+Zauberern und Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich
+einander näher, aber das Lächeln will doch nicht
+von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles still ...
+Hu! da, ein Surren und Klopfen – pocht jemand an
+der Tür? – Nein, es ist nur das Spinnrad der alten
+Frolowna! Und wie wir lachen! Dann aber kommt die
+Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen, Schreckbilder
+und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und
+wacht man auf, so wagt man nicht sich zu rühren und
+liegt zitternd bis zum Morgengrauen unter der Decke.
+Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint,
+steht man doch wieder frisch und munter auf und schaut
+neugierig durch das Fenster: auf dem Stoppelfelde
+liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume und Büsche
+sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis
+auf dem See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig.
+Und Sonne, überall Sonne, wie Glas bricht das
+dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es,
+so klar, so ... so wonnig!
+</p>
+
+<p>
+Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns
+an den Tisch, auf dem schon der Ssamowar summt,
+und durch das Fenster sieht unser schwarzer Hofhund
+Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz.
+Ein Bäuerlein fährt am Hause vorüber, in den Wald,
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+nach Holz. Alle sind so zufrieden, so frohgemut! ...
+In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft,
+in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung
+der großen, großen Heuschober – es ist eine wahre
+Lust, das alles anzusehen! Und alle sind ruhig, alle sind
+froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der
+Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter
+nicht darben werden, und der Bauer weiß, daß er seinen
+Kindern Brot zu geben hat und sie satt sein werden.
+Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen,
+die fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht
+man sie alle am Feiertage ihr Dankgebet im Gotteshause
+sprechen ... Ach wie wundervoll, wie wundervoll
+war meine Kindheit! ...
+</p>
+
+<p>
+Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran
+sind natürlich nur diese Erinnerungen schuld. Ich habe
+so lebhaft, so deutlich alles vor mir gesehen, die ganze
+Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint
+mir jetzt doppelt trüb und dunkel! ... Wie wird das
+enden, was wird aus uns werden? Wissen Sie, ich
+habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die Überzeugung,
+daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle
+mich sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod,
+aber eigentlich möchte ich doch nicht so sterben – würde
+nicht in dieser Erde ruhen wollen ... Vielleicht werde
+ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe
+mich von jener Krankheit noch nicht erholt.
+</p>
+
+<p>
+Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen
+und ich bin allein. Seit einiger Zeit fürchte ich mich,
+wenn ich allein bin: es scheint mir dann immer, daß
+noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+mir spricht, und zwar besonders dann, wenn ich aus
+meinen Träumereien, die mich mit ihren Erinnerungen
+ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen
+lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir
+dann, als habe sich etwas Unheimliches im Zimmer
+versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich Ihnen auch einen
+so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht es
+wieder – Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief,
+ich habe weder Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben.
+Von dem Gelde für meine verkauften Kleider und den
+Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben Ihrer
+Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie
+hoffentlich eine Weile schweigen. – Versuchen Sie
+doch, Ihre Kleider irgendwie ein wenig auszubessern.
+Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht,
+wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung
+ermüdet mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit
+verschafft – wie soll ich dann arbeiten? Das ist
+es, was mir den Mut raubt.
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-40" title="40. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+5. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen Warinka!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke
+empfangen. Mein Kopf tat mir den ganzen Tag über
+weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging ich
+schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens
+etwas frische Luft schöpfen. Der Abend war
+düster und feucht. Jetzt dunkelt es doch schon um sechs!
+Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch unangenehmer
+zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+Himmel zogen die Wolken in langen, breiten Streifen
+dahin. Viel Volk ging auf dem Kai. Es waren lauter
+schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie sie
+einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene
+Kerle, stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln
+und mit strähnigem Haar, Handwerker und
+Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel: irgendein
+Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel,
+so ein ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem,
+rußglänzendem Gesicht, ein Schloß in der Hand, oder
+irgendein ausgedienter Soldat von Riesengröße, der
+Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet –
+das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde
+gewesen sein, in der sich ein anderes dort gar nicht
+zeigt!
+</p>
+
+<p>
+Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar
+Schiffe können ihn passieren. Frachtkähne lagen
+da, in einer solchen Menge, daß man gar nicht begriff,
+wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka
+ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß.
+Auf den Brücken saßen Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen
+und verfaulten Äpfeln, so schmutzige, garstige
+Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren
+zu gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser:
+unten die Füße im Nebel, über dem Kopf gleichfalls
+Nebel ... So ein trauriger, so ein dunkler, lichtloser
+Abend war es heute.
+</p>
+
+<p>
+Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja,
+einbog, war es schon ganz dunkel geworden. Man zündete
+gerade das Gas an. Ich war lange nicht mehr auf
+der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht.
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+Eine belebte, großartige Straße! Was für Läden,
+was für Schaufenster! – alles glänzt nur so und
+leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter
+Glas ... und was für Hüte mit Bändern und
+Schleifen! Man denkt, das sei alles nur so zur Verschönerung
+der Straße ausgestellt, aber nein: es gibt
+doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren
+Frauen schenken! Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche
+Bäcker haben dort ihre Läden – das müssen auch
+wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren
+alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das
+nur aushält! Und alles so feine Kutschen, die Fenster
+wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und Seide, und
+die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und
+Schnüren und Degen an der Seite! Ich blickte in alle
+Wagen hinein und sah dort immer Damen sitzen, alle so
+geputzt und großartig. Vielleicht waren es lauter Fürstinnen
+und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit,
+in der sie auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers.
+Es muß doch sehr eigen sein, eine Fürstin oder überhaupt
+eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu sehen.
+Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals
+eine in der Nähe gesehen: höchstens so in einer
+Kutsche und im Vorüberfahren. Da mußte ich denn
+heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen,
+meine Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke,
+da will mir mein Herz brechen! Warum müssen Sie
+denn so unglücklich sein, Warinka? Mein Engelchen!
+Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind
+schön, sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches
+Los beschieden? Warum ist es so eingerichtet, daß ein
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+guter Mensch in Armut und Elend leben muß, während
+einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt?
+Ich weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht
+gut, so zu denken: das ist Freidenkerei! Aber offen und
+aufrichtig, wenn man so über die Gerechtigkeit der
+Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur
+dem einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück
+fürs ganze Leben bereitet, während der andere aus
+dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt? Und
+es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem
+Närrchen Iwanuschka zufällt.
+</p>
+
+<p>
+„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust
+in den Goldsäcken deiner Väter, iß, trink, freue
+dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die Lippen,
+mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für
+einer bist!“
+</p>
+
+<p>
+Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft,
+so zu denken, aber wenn man nachdenkt, dann
+drängt sich einem nun einmal ganz unwillkürlich die
+Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in
+so einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen!
+Hohe Generäle und Staatsbeamte würden nach
+einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen –
+und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem
+alten Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide
+und mit funkelnden Edelsteinen geschmückt. Sie würden
+auch nicht so mager und kränklich sein, wie jetzt,
+sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und
+gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein,
+wenn ich wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten
+Fenstern hinaufschauen und vielleicht einmal
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+Ihren Schatten erblicken könnte. Allein schon der Gedanke,
+daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein
+Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich
+gleichfalls fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ...
+Nicht genug, daß böse Menschen Sie ins Unglück gebracht
+haben, nun muß auch noch ein Wüstling Sie beleidigen!
+Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie
+durch eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der
+Schamlose, bloß deshalb ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb
+muß man seine schamlosen Reden noch untertänig
+anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb
+darf man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka,
+weil Sie schutzlos sind, weil <a id="corr-10"></a>Sie keinen starken
+Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen Schutz
+und Schirm gewähren könnte!
+</p>
+
+<p>
+Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für
+Menschen, denen es nichts ausmacht, eine schutzlose
+Waise zu beleidigen? – Das sind eben nicht Menschen,
+das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas,
+das bloß als Summe zählt, als Begriff, ein
+trübes Etwas, das es in Wirklichkeit und als Einzelwesen
+überhaupt nicht gibt – davon bin ich überzeugt.
+Sehen Sie, <em>das</em> sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht
+nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem
+ich heute auf der Gorochowaja begegnet bin, viel eher
+die Achtung der Menschen, als diese. Er schleppt sich
+zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen Kopeken,
+um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist
+er sein eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will
+nicht umsonst um Almosen bitten, er dreht zur Freude
+der Menschen seine Orgel, dreht und dreht wie eine
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten:
+womit er eben kann, damit bringt er Nutzen, auch er!
+Er ist arm, ist bettelarm, das ist wahr, und er bleibt
+arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist müde
+und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich
+doch, und wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist,
+wie die der anderen, er müht sich trotzdem. Und von der
+Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein Kind, solche,
+die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig
+verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen
+brauchen, die keinen untertänig grüßen müssen und niemand
+um Gnadenbrot bitten. Und so einer, wie dieser
+Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich
+etwas ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und
+zwar in einem ehrenwerten Sinne, bin ich ganz so wie
+er, denn auch ich leiste das, was in meinen Kräften
+steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als
+gar nichts.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen
+gekommen, mein Kind, weil ich durch die Begegnung
+mit ihm heute meine Armut doppelt empfand. Ich
+war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.
+Es waren mir gerade so besondere Gedanken
+durch den Kopf gegangen – da blieb ich denn stehen
+und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken abzulenken.
+Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher
+standen da, auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen,
+und noch ein anderes, ein ganz kleines Mädchen,
+das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte sich
+dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich
+einen kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+wäre ein netter Junge gewesen, wenn er nicht so kränklich,
+so mager und verhungert ausgesehen hätte. Er hatte
+nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes
+Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte
+mit offenem Mäulchen der Musik zu – Kinder sind
+eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich ganz in
+kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten
+tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren
+schon blau vor Kälte und dabei zitterte er am ganzen
+Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen, das
+er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand
+hatte er ein Papier. Ein Herr ging vorüber und warf
+dem Leiermann eine kleine Münze zu, die gerade auf
+das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum
+hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er
+plötzlich aus seiner Versonnenheit auf, sah sich schüchtern
+um und glaubte wohl, daß ich das Geld geworfen
+habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen
+zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir
+das Papier entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm das Papier, entfaltete es und las –
+nun, man kennt das ja schon: Wohltäter ... und so
+weiter, drei Kinder hungern, die Mutter liegt im Sterben,
+habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem
+Throne Gottes stehen werde, will ich in meiner Fürbitte
+diejenigen nicht vergessen, die hienieden meinen
+armen Kindern geholfen haben.“
+</p>
+
+<p>
+Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar
+und oft genug erlebt. Was aber – ja, was sollte ich
+ihm wohl geben? Nun, so gab ich ihm denn nichts.
+Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus,
+und er log doch nicht, bei Gott, er log nicht! – ich
+weiß, wie das ist! Schlecht ist nur, daß diese Mütter
+ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und bei
+dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht
+so ein dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine
+Pflicht wäre, vielleicht kümmert sich niemand um sie
+und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut nichts!
+Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin
+könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein
+wenden, oder sich bei der Polizei melden, wie es
+sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach eine Betrügerin,
+die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße
+hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das
+Kindchen schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt?
+Und was lernt denn der Knabe bei diesem Betteln?
+Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom Morgen
+bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen
+gehen an ihm vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn.
+Ihre Herzen sind hart, ihre Worte grausam.
+</p>
+
+<p>
+„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles,
+was er an Worten zu hören bekommt, und das Herz
+des Kindes krampft sich zusammen, und vergeblich
+zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte.
+Seine Hände und Füße erstarren. Wie lange noch,
+und da – er hustet ja schon – kriecht ihm die Krankheit
+wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die
+Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon
+der Tod über ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank
+in irgendeinem feuchten, schmutzigen, stinkenden Winkel,
+ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist dann sein
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben!
+Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi
+willen“ zu hören und vorübergehen zu müssen, ohne
+etwas geben zu können, und dem Hungrigen sagen zu
+müssen: „Gott wird dir geben.“
+</p>
+
+<p>
+Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen
+nicht zu berühren. (Es gibt ja doch verschiedene „um
+Christi willen“, mein Kind.) Manch eines ist gewohnheitsmäßig
+bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen, eingeleiert,
+gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne
+Gabe vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man
+denkt: der ist Bettler von Beruf, der wird es verwinden,
+der weiß schon, wie man es verwindet. Aber manch
+ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten,
+heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das
+geht einem wie etwas Unheimliches durch Mark und
+Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem kleinen
+Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer,
+der dort am Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden
+–: „Ein Almosen, Herr, um Christi willen!“ –
+sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß ich
+unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck
+einer schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein
+Almosen: denn ich hatte nichts. Und dabei gibt es
+reiche Leute, die es nicht lieben, daß die Armen über
+ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches
+Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als
+„lästig“: – Das Gestöhn der Hungrigen läßt diese
+Satten wohl nicht schlafen?!
+</p>
+
+<p>
+Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles
+dies zum Teil deshalb zu schreiben angefangen, um
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+mein Herz zu erleichtern, zum Teil aber auch deshalb,
+und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe
+meines guten Stils zu geben. Denn Sie werden es
+doch sicher schon bemerkt haben, mein Kind, daß mein
+Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert hat? Doch
+jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur
+in einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich
+anfange, selbst von Herzensgrund mit meinen Gedanken
+Mitgefühl zu empfinden, obschon ich sehr wohl
+weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts
+erreicht ... aber man läßt sich damit wenigstens in
+einer gewissen Weise Gerechtigkeit widerfahren!
+</p>
+
+<p>
+Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich
+selbst ganz grundlos, hält sich nicht einmal für eine
+Kopeke wert, schätzt sich für weniger als ein Holzspänchen
+ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,
+vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und
+verängstigt ist, ganz so wie jener kleine Junge, der mich
+heute um ein Almosen bat.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen
+reden, in einem Gleichnis, sozusagen. Also hören
+Sie mich an.
+</p>
+
+<p>
+Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh
+am Morgen auf dem Wege zum Dienst bin, mich ganz
+vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da erwacht
+und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu
+brodeln, zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man
+sich vor diesem Schauspiel schließlich ganz klein und
+gering vorkommt, als hätte man auf seine neugierige
+Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen
+– und da schleppt man sich denn ganz klein und still
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+weiter, und wagt überhaupt nicht mehr, etwas zu denken!
+Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen schwarzen,
+verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen
+Sie, sich das einmal vorzustellen, und dann urteilen
+Sie selbst, ob es richtig war, sich so ohne Sinn und
+Verstand so gering einzuschätzen und sich so unwürdigerweise
+einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht,
+Warinka, daß ich bloß bildlich spreche, nur so im
+Gleichnis.
+</p>
+
+<p>
+Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn
+dort in diesen Häusern vorgeht.
+</p>
+
+<p>
+Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes,
+den nur die Not zu einer Menschenwohnung
+machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker aufgewacht.
+Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze
+Zeit über nur von einem Paar Stiefel geträumt, das
+er gestern versehentlich falsch zugeschnitten – ganz als
+müsse einem Menschen gerade nur von solchen Nichtigkeiten
+träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist
+ein Schuster: bei ihm ist es also noch erklärlich. Er
+hat kleine Kinder und eine hungrige Frau. Übrigens,
+nicht Schuster allein stehen mitunter so auf, meine Liebe.
+Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch
+nicht, sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie,
+mein Kind, was hierbei bemerkenswert ist. In demselben
+Hause, nur in einem anderen, höher gelegenen
+Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach
+hat in derselben Nacht einem vornehmen Herrn
+vielleicht von ganz denselben Stiefeln geträumt, das
+heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer Art,
+von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+Stiefeln ... denn in dem Sinne meines Gleichnisses
+sind wir schließlich alle ein wenig und irgendwie
+Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts
+auf sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen
+neben jenem Reichen gibt, keinen einzigen, der
+ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das doch, denk nicht
+daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein
+armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau
+klagt nicht über Hunger, so sieh dich doch um, ob du
+denn nicht etwas anderes, etwas Edleres und Höheres
+für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“
+</p>
+
+<p>
+Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein
+Gleichnis klar machen wollte, Warinka. Es ist das
+vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er kommt einem
+mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in
+einem heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb
+sage ich denn auch, daß man sich ganz grundlos so
+gering eingeschätzt, da einen doch nur das Geräusch
+und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß
+Sie, mein Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige
+Verdrehung sei, was ich Ihnen hier erzähle,
+oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus einem
+Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es
+nicht, beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas
+zu verdrehen und schlecht zu machen, auch Grillen
+fange ich nicht, und abgeschrieben habe ich das erst recht
+nicht – damit Sie’s wissen!
+</p>
+
+<p>
+Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte
+mich an meinen Tisch, machte mir etwas heißes Wasser
+und schickte mich dann an, ein Gläschen Tee zu
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu
+mir ins Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war
+mir eigentlich schon am Morgen aufgefallen, daß er im
+Korridor immer an den anderen Zimmertüren vorüberstrich
+und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte.
+Nebenbei bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel,
+viel schlechter, als meine. Gar keinen Vergleich kann
+man machen! Er hat doch eine Frau und Kinder zu
+ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, –
+ja, ich weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde!
+Also, mein Gorschkoff kommt zu mir herein, grüßt
+– hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –, macht
+so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort
+hervorbringen. Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings
+einen zerbrochenen, denn einen anderen habe ich nicht.
+Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte sich, entschuldigte
+sich sehr lange, endlich nahm er doch das
+Glas. Dann wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken,
+er entschuldigte sich wieder und wieder, als ich
+ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt Zucker
+dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte,
+entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das
+kleinste Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee
+sei ungewöhnlich süß. Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin
+die Armut den Menschen zu bringen vermag!
+</p>
+
+<p>
+„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein
+Wohltäter, Makar Alexejewitsch, stehen Sie mir bei,
+helfen Sie einer armen Familie! Meine Kinder und
+meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber,
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+als Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei
+empfinde ...“
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach
+mich:
+</p>
+
+<p>
+„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das
+heißt, nicht gerade, daß ich sie fürchte, aber so, wissen
+Sie, man schämt sich, sie sind alle so stolz und hochmütig.
+Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht belästigen,“
+sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten
+gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel
+geben können, aber vielleicht werden Sie mir doch wenigstens
+etwas – leihen? Ich wage es nur deshalb,
+Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil
+ich weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie
+selbst arm sind – da wird Ihr Herz eher mitfühlen.“
+Und zum Schluß bat er mich noch ausdrücklich, ihm
+seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen.
+</p>
+
+<p>
+Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern
+helfen würde, daß ich aber selbst nichts hätte, oder doch
+so gut wie nichts.
+</p>
+
+<p>
+„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich
+will Sie ja nicht um viel bitten,“ – dabei errötete er
+bis über die Stirn – „aber meine Frau ... meine
+Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar
+Alexejewitsch!“
+</p>
+
+<p>
+Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete,
+als ich seine Bitte um „nur zehn Kopeken“ hörte. Da
+war ich doch noch reich im Vergleich zu ihm! In Wirklichkeit
+besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit
+denen ich für die nächsten Tage rechnete, um mich
+noch irgendwie bis zum Zahltage durchzuschlagen. Und
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+so sagte ich ihm denn auch, ich könne wirklich nicht ...
+und ich erklärte ihm die Sache.
+</p>
+
+<p>
+„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern
+doch, Makar Alexejewitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen
+und gab ihm meine letzten zwanzig Kopeken, mein
+Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die
+Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen
+Unterhaltung zwischen uns, und da fragte ich ihn denn
+so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in solche Armut
+geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in
+einem Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf
+Silberrubel zahlen müsse.
+</p>
+
+<p>
+Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er
+habe das Zimmer vor einem halben Jahr gemietet und
+die Miete für drei Monate im voraus bezahlt. Dann
+aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert,
+daß er die weitere Miete schuldig bleiben mußte und
+auch nicht die Mittel zu einem Umzuge hatte. Inzwischen
+erwartete er vergeblich das Ende seines Rechtsstreites.
+Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka.
+Er ist nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen
+Angelegenheit mit angeklagt, und zwar handelt
+es sich da um die Schurkereien eines gewissen Kaufmanns,
+der bei Lieferungen an die Krone irgendwie
+betrogen hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der
+Kaufmann in Haft genommen, worauf dieser letztere
+nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese Angelegenheit
+hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur
+einer gewissen Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm
+höchstens den Vorwurf machen, daß er nicht umsichtig
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer
+Acht gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon
+ein paar Jahre so hin: es herrscht immer noch nicht
+volle Klarheit in der Angelegenheit, so daß auch Gorschkoff
+nicht freigesprochen werden kann, – „der Ehrlosigkeit
+aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff,
+„des Betruges und der Hehlerei bin ich nicht
+schuldig, nicht im geringsten!“ Das ändert jedoch
+nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem
+Dienst entlassen worden ist, obschon man ihm,
+wie gesagt, ein eigentliches Verschulden nicht hat nachweisen
+können. Auch hat er eine nicht unbedeutende
+Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann
+nun vor Gericht streitig macht, noch immer
+nicht durch den Prozeß herausbekommen können,
+was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er
+sagte, noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.
+</p>
+
+<p>
+Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht
+aber denkt anders. Es ist, wie gesagt, eine so verzwickte
+Sache, daß man sie selbst in hundert Jahren
+nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig
+aufgeklärt, da bringt der Kaufmann wieder eine neue
+Unklarheit hinein und ändert die Lage der Sache abermals.
+Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs Mißgeschick,
+meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen.
+Ein Mensch ohne Stellung, niemand will ihn annehmen,
+da er nun einmal in dem Ruf der Unzuverlässigkeit
+steht. Was sie erspart hatten, haben sie aufgezehrt. Die
+Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen
+doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so
+ungelegener Zeit ein Kindchen zur Welt – das verursachte
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+natürlich erst recht Ausgaben. Dann erkrankte
+der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb –
+und das hat neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau
+ist krank und auch er leidet an irgendeiner schleichenden
+Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist schwer, sehr
+schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in
+einigen Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher
+günstig für ihn, daran könne man jetzt nicht mehr
+zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein Kind!
+Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er
+ist ja doch ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener
+Mensch, er hat Bedürfnis nach einem aufmunternden
+Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen. Da
+habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.
+</p>
+
+<p>
+Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit
+Ihnen, bleiben Sie gesund. Mein Täubchen Sie!
+Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege sich Balsam
+auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch
+um Sie sorge, so sind mir doch auch diese Sorgen eine
+Lust.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr aufrichtiger Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-41" title="41. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+9. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin.
+Durch diesen Vorfall bin ich so aufgeregt, bis zur
+Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem Kopf dreht
+sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie
+sich ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe,
+wie soll ich Ihnen das nun erzählen! Das haben
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder doch –
+ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt!
+Mein Herz hat das schon vorher gewußt, hat
+gefühlt, wie es kam ... Und wirklich, ich habe neulich
+etwas Ähnliches im Traume gesehen!
+</p>
+
+<p>
+Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde
+Ihnen alles erzählen, ohne diesmal auf den Stil Sorgfalt
+zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es mir eingibt.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in
+den Dienst. Komme hin, setze mich, schreibe weiter.
+Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß ich gestern
+gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam
+Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein
+wichtiges Dokument, das schnell abgeschrieben werden
+muß. Also machen Sie sich sogleich daran – sauber
+und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch
+unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen,
+daß ich gestern gar nicht so war, wie man
+eigentlich sein muß – will sagen, daß ich eigentlich
+überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram
+bedrückten mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele
+dunkel. Meine Gedanken aber waren alle bei Ihnen,
+mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn
+daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft,
+nur – ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer
+erklären soll, ob mich der leibhaftige Gottseibeiuns
+selber dazu verleitete oder ob da sonst welche geheimen
+Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach
+so und nicht anders kommen mußte: – nur ließ ich
+beim Abschreiben eine ganze Zeile aus! So daß denn
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich
+überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern
+zu spät fertig und erst heute Seiner Exzellenz zur
+Unterschrift vorgelegt.
+</p>
+
+<p>
+Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich
+hin, und nehme meinen Platz neben Jemeljan Iwanowitsch
+ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine Liebe,
+daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte
+und noch mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der
+letzten Zeit hatte ich überhaupt niemanden mehr anzusehen
+gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen Stuhl
+rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun,
+und heute war alles ebenso: ich duckte mich und saß
+ganz still, wie ein Igel, so daß Jefim Akimowitsch (der
+spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes Erdboden
+gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es
+hörten:
+</p>
+
+<p>
+„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn
+da wie solch ein U–u–u?“ – und dabei schnitt er
+eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen, sich
+die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich
+allein lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es
+denn los! – Ich klappte meine Ohren zu und kniff
+auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue ich
+immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher
+wieder in Ruhe. Plötzlich höre ich erregte Stimmen,
+hastige Schritte, ein Laufen, Rufen. Ich höre – täuschen
+mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen
+Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich
+weiß selbst nicht, wie es kam, daß mir der Schreck
+so in die Glieder fuhr, wie noch nie zuvor in meinem
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl,
+– ich rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht
+mehr ich. Aber da rief man schon wieder, immer näher
+kam es, schon in nächster Nähe: „Djewuschkin!
+Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die
+Augen auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch –
+und ich höre noch, wie er sagt:
+</p>
+
+<p>
+„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell!
+Sie haben mit Ihrer Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“
+Das war alles, was er sagte, aber es war
+auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es
+war schon genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich
+empfand überhaupt nichts mehr, ich ging – das
+heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot
+noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt,
+durch noch eines und noch ein drittes – ins Kabinett –
+jedenfalls sah ich dann, daß ich dort stand. Rechenschaft
+darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen
+nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz
+und um sie herum alle die anderen. Ich glaube,
+ich habe nicht einmal eine Verbeugung gemacht: ich
+vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine Lippen
+und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund
+dazu vorhanden, mein Kind! Erstens schämte ich mich,
+und dann, als ich noch zufällig nach rechts in einen
+Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in die
+Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch
+immer so zu verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt
+nicht vorhanden, so daß es kaum anzunehmen war,
+daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten.
+Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört,
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+daß dort im vierten Zimmer ein Beamter
+Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren
+Exzellenz nie zu ihm getreten.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:
+</p>
+
+<p>
+„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben,
+Herr! Wo haben Sie Ihre Augen gehabt! Ein
+so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt werden
+muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses
+zusammen! Was haben Sie sich dabei eigentlich gedacht,
+–“ und zugleich wandten sich seine Exzellenz
+an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne
+Worte wie aus dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ...
+nur Unannehmlichkeiten zu bereiten ...“
+</p>
+
+<p>
+Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich
+wollte mich entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten,
+ich konnte aber nicht. Fortlaufen – daran war nicht
+zu denken, nun aber ... nun geschah plötzlich noch etwas
+– geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt
+noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein
+Knopf nämlich – nun, hol’ ihn der Teufel! – mein
+Knopf, der nur noch an einem Fädchen gebaumelt hatte,
+fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt haben),
+fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte
+– und rollte ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz,
+fiel und rollte mitten in dieser Grabesstille, die
+herrschte! Das war also meine ganze Rechtfertigung,
+meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner Exzellenz
+zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach!
+Seine Exzellenz wurde sogleich auf mein Aussehen und
+meine Kleider aufmerksam. Ich dachte daran, was ich
+im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles – und
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich,
+um den Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben
+ganz und gar den Verstand verloren! Ich hockte und
+haschte nach dem Knopf, der aber rollte und rollte wie
+ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher
+und kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich
+also auch noch in bezug auf meine Gewandtheit recht
+auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich die letzten
+Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das
+ganze Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet!
+Obendrein begann es auch noch in meinen beiden Ohren
+zu summen und dazwischen war es mir, als hörte
+ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni
+schimpfen, wie ich sie immer in der Küche schimpfen
+höre. Endlich hatte ich den Knopf, erhob mich, richtete
+mich auf – doch anstatt nun die Dummheit einigermaßen
+gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an
+der Hosennaht – statt dessen drücke ich den Knopf
+immer wieder an die Stelle, wo er früher angenäht
+war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen,
+ganz als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu
+aber lächelte ich noch, ja, bei Gott, ich lächelte noch!
+</p>
+
+<p>
+Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie
+mich wieder an – ich hörte sie nur noch zu Jewstafij
+Iwanowitsch sagen:
+</p>
+
+<p>
+„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ...
+In welchem Zustande! ... Was ist das mit ihm?“
+</p>
+
+<p>
+Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen!
+Hatte mich ausgezeichnet, wie man’s besser nicht machen
+kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch antwortet
+ihm:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz,
+hat sich bisher musterhaft aufgeführt ... gut
+angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte
+Seine Exzellenz, „geben Sie ihm Vorschuß ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen,
+schon für soundsoviele Monate. Offenbar sind
+seine Verhältnisse im Augenblick derart ... seine Aufführung
+ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos ...“
+</p>
+
+<p>
+Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem
+höllischen Feuer umgeben, das mich bei lebendigem
+Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab einfach
+meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.
+</p>
+
+<p>
+„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das
+muß also nochmals abgeschrieben werden. Djewuschkin,
+kommen Sie mal her: also schreiben Sie mir das
+nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“
+hier wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und
+erteilten verschiedene Aufträge, so daß sie alle einer
+nach dem anderen fortgingen. Kaum aber war der
+letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche
+hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. –
+</p>
+
+<p>
+„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen
+Sie’s gut sein ...“ und damit drückten sie mir den
+Schein in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine
+ganze Seele erbebte: ich weiß nicht mehr, wie mir geschah!
+Ich wollte seine Hand ergreifen, um sie zu küssen,
+er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche
+hier nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+Kind – und er nahm diese meine unwürdige Hand und
+schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und schüttelte sie,
+ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig Gleichstehenden,
+etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes,
+wie er selbst einer ist.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen
+kann ... Schreiben Sie das nochmals ab, aber machen
+Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man zerreißen
+...“
+</p>
+
+<p>
+Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen
+habe: Sie und Fedora bitte ich, und wenn ich Kinder
+hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie zu Gott beten
+sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen
+Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich
+und bis an ihr Lebensende beten sollten! Und ich will
+Ihnen noch etwas sagen, und das sage ich feierlichst –
+also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es, daß ich
+– so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch
+unter unserem Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn
+ich an Ihre Not und Ihr Ungemach dachte und desgleichen
+an meine Erniedrigung und Unfähigkeit –
+also ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß
+diese hundert Rubel mir nicht soviel wert sind, wie
+diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz selbst und
+leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter
+den Geringen, die Hand, diese meine unwürdige
+Hand zu drücken geruhten! Damit haben sie mich mir
+selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen Geist
+von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt,
+und ich bin fest überzeugt, daß – so sündig ich
+auch vor dem Allerhöchsten sein mag – mein Gebet
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch
+bis zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört
+werden wird! –
+</p>
+
+<p>
+Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung,
+wie ich sie noch nie erlebt habe. Mein
+Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle mich so erschöpft,
+als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe
+ich der Wirtin und den Rest von 35 behalte ich für
+mich: davon will ich mir für 20 Kleidungsstücke anschaffen,
+und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben
+mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert,
+daß ich mich ganz schwach fühle. Ich werde mich etwas
+hinlegen. Ich bin jetzt übrigens ganz ruhig, vollständig
+ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem Herzen
+und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie
+meine Seele bebt und zittert.
+</p>
+
+<p>
+Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt
+von all diesen Empfindungen ... Gott sieht alles,
+mein Kind, alles!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr würdiger Freund<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-42" title="42. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+10. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein bester Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß
+die Hilfe Ihres Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu
+würdigen. So können Sie jetzt endlich aufatmen und
+sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines
+bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen
+nicht wieder für unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+und still, leben Sie möglichst sparsam, und bitte, fangen
+Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite zu legen,
+damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um
+uns brauchen Sie sich wirklich nicht mehr zu sorgen.
+Werden uns schon durchschlagen. Wozu haben Sie uns
+soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen
+es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem,
+was wir uns verdienen. Es ist wahr, wir werden bald
+zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora hofft, daß
+man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird.
+Ich behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den
+Rest sende ich Ihnen zurück. Geben Sie das Geld nur
+nicht für Unnötiges aus, Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p>
+Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden
+Sie gesund und fröhlich. Ich würde Ihnen mehr
+schreiben, fühle mich aber schrecklich müde. Gestern lag
+ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich
+besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald,
+Makar Alexejewitsch. Ich erwarte Sie.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre<br>
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-43" title="43. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="addr">
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich
+jetzt nicht, jetzt, wo ich vollkommen glücklich und mit
+allem zufrieden bin! Mein Täubchen! Hören Sie nicht
+auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was
+Sie nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein
+schon aus Hochachtung für Seine Exzellenz werde ich
+mich ehrenhaft und anständig aufführen. Wir werden
+einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere
+Freuden und Sorgen – wenn es wieder einmal Sorgen
+geben sollte – miteinander teilen: und so werden
+wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander
+leben. Wir werden uns mit der Literatur beschäftigen
+... Mein Engelchen! In meinem Leben hat sich
+doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin
+läßt wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger
+geworden und sogar Faldoni wird diensteifrig. Mit
+Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich ging in meiner
+Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl,
+mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt
+hat, beruht auf Unsinn und Irrtum: jetzt habe ich erfahren,
+daß alles nur eine häßliche Verleumdung gewesen
+ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire
+auf uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las
+mir sein neuestes Werk vor. Und was das betrifft, daß
+er mich damals Lovelace benannt hat: nun – so ist
+das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige
+Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung
+erklärt. Lovelace ist ein Fremdwort und bedeutet
+ungefähr „ein gewandter Bursche“, oder wenn man es
+hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: „ein
+schneidiger Kavalier“. Sehen Sie, das bedeutet es,
+nicht aber irgend so etwas – anderes! Es war also ein
+ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein Engelchen.
+Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für
+eine Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich
+denn auch deswegen heute bei ihm entschuldigt ...
+</p>
+
+<p>
+Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen
+hatten wir zwar leichten Frost, aber das tut nichts:
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+dafür ist die Luft jetzt etwas frischer. Ich ging und
+kaufte mir ein Paar Stiefel – es sind wirklich tadellos
+schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich
+noch etwas auf dem Newskij spazieren. Habe dann die
+Zeitung gelesen. Ja, richtig! und das Wichtigste habe
+ich vergessen, Ihnen zu erzählen!
+</p>
+
+<p>
+Also hören Sie jetzt, wie es war:
+</p>
+
+<p>
+Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch
+und mit Akssentij Michailowitsch ein Gespräch
+an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja, Warinka,
+Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen.
+Sie haben schon vielen Gutes erwiesen und die
+Herzensgüte Seiner Exzellenz ist aller Welt bekannt.
+Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und vergießen
+Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen
+Hilfe gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme
+Waise bei sich im Hause erzogen, und die ist dann verheiratet
+worden, an einen angesehenen Beamten, der
+zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört,
+und Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer
+mitgegeben. Ferner haben Exzellenz auch noch den
+Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei untergebracht,
+und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den
+Menschen erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht,
+mein Kind, auch mein Scherflein beizusteuern und erzählte
+allen laut, was Exzellenz an mir getan: ich erzählte
+ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine Verlegenheit
+steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit,
+was Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt!
+Ganz laut erzählte ich es, so daß alle es hören konnten,
+ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten Seiner Exzellenz
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung
+und errötete nicht: im Gegenteil, ich war
+stolz, daß ich so etwas erzählen konnte. Und ich erzählte
+alles (nur von Ihnen, mein Kind, erzählte ich zum
+Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit
+Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und
+Faldoni, und von Ratasäjeff und Markoff und von
+meinen Stiefeln – alles das erzählte ich rückhaltlos.
+Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich
+spotteten alle – alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich
+haben sie an meiner Erscheinung etwas Lächerliches
+gefunden. Vielleicht haben sie auch nur über
+meine Stiefel gelacht – ja, ganz sicher nur über meine
+Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben
+sie gewiß nicht gelacht, das hätten sie nie und nimmer
+tun können. Es kam eben nur so, es war ihre Jugend
+– oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer
+schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls – da hätten
+sie mich und meine Worte bestimmt nicht verspottet.
+Das heißt, ich meine: etwa über Seine Exzellenz lachen
+– das hätten sie unter keinen Umständen getan. Hab’
+ich nicht recht, Warinka?
+</p>
+
+<p>
+Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung
+kommen, mein Kind. Alle diese Geschehnisse
+haben mich so verwirrt! Haben Sie auch Holz zum Heizen?
+Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten,
+Warinka, wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott,
+mein Kind, er möge Sie behüten und beschützen. Haben
+Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder was
+da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter
+nötig ist? Seien Sie nur vorsichtig, mein Täubchen.
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas fehlen sollte,
+dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie
+sich sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten
+vorüber und vor uns liegt das Leben so hell und so
+schön!
+</p>
+
+<p>
+Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka!
+Nun ja, was soll man da noch reden, jetzt, da sie überstanden
+ist! Wenn erst Jahre darüber vergangen sein
+werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd
+zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an
+seine Jugendjahre zurückdenkt! Was man da nicht alles
+durchgemacht hat! Wie oft hatte man nicht einen einzigen
+Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war
+man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man
+über den Newskij, begegnete einem netten Gesichtchen
+– und da wurde man denn für den ganzen Tag glücklich.
+Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch,
+mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka!
+Namentlich in Petersburg. Ich habe gestern mit
+Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn meine
+Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die
+ich in dieser traurigen Zeit begangen habe, verzeihen
+möge, als da sind: Freidenkerei, Leichtsinn und Spiel.
+Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit
+Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben
+mich getröstet und gestärkt, haben mir guten Rat erteilt
+und mir mit Ihrem Beistand über alles Schwere
+hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen
+niemals vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle
+einzeln abgeküßt, mein Täubchen, mein Engelchen!
+Nun, und jetzt – leben Sie wohl!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine
+Uniform zu verkaufen hat. Nun werde ich mich auch
+äußerlich wieder etwas instand setzen. Leben Sie
+wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr Ihnen innig zugetaner<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-44" title="44. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+15. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was
+geschehen ist. Ich ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen
+Sie selbst, mein bester Freund: Herr Bükoff ist in
+Petersburg!
+</p>
+
+<p>
+Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen
+an ihr vorübergefahren, hat sie erkannt, hat sogleich
+befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf sie zugegangen
+und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natürlich
+nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung
+hingeworfen – na, er wisse ja schon, wer bei ihr sei.
+(Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles erzählt.)
+Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort
+auf der Straße Vorwürfe gemacht, ihm gesagt, daß er
+ein sittenloser Mensch sei und ganz allein die Schuld
+an meinem Unglück trage. Darauf hat er erwidert,
+wenn man keinen Kopeken habe, müsse man allerdings
+unglücklich sein!
+</p>
+
+<p>
+Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklärt, daß ich
+mich sehr wohl mit meiner Hände Arbeit ernähren, daß
+ich heiraten oder schlimmstenfalls eine Stelle hätte annehmen
+können, jetzt aber sei mein Glück für immer
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+vernichtet: ich sei außerdem krank und werde wohl bald
+sterben.
+</p>
+
+<p>
+Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung,
+in meinem Kopfe gäre es noch, und er hat hinzugefügt,
+unsere Tugenden seien wohl ein bißchen trüb geworden
+(das sind genau seine Worte).
+</p>
+
+<p>
+Wir dachten schon, Fedora und ich, daß er nicht
+wisse, wo wir wohnen, doch plötzlich, gestern – kaum
+war ich ausgegangen, um im Gostinnyj Dworr einige
+Zutaten zu kaufen – da taucht er ganz unerwartet hier
+auf! Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen
+wollen. Zunächst hat er Fedora lange über unser
+Leben ausgefragt und alles bei uns genau betrachtet,
+auch meine Handarbeit. Und dann hat er plötzlich gefragt:
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn das für ein Beamter, der mit euch
+bekannt ist?“
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick sind Sie gerade über den Hof
+gegangen und da hat Fedora auf Sie hingewiesen: er
+hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und dann gelacht.
+Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all
+dem Kummer ohnehin schon krank sei und es mir sehr
+unangenehm wäre, ihn hier zu sehen, hat er nichts geantwortet
+und eine Weile geschwiegen: dann hat er
+gesagt, daß er „nur so“ gekommen sei, er habe gerade
+nichts zu tun gehabt, und schließlich hat er Fedora
+25 Rubel geben wollen, die sie natürlich nicht angenommen
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Was könnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb,
+wozu ist er zu uns gekommen? Ich begreife nicht,
+woher er alles über uns erfahren haben kann? Ich verliere
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+mich in allen möglichen Mutmaßungen. Fedora
+sagt, Axinja, ihre Schwägerin, die bisweilen zu uns
+kommt, sei gut bekannt mit der Wäscherin Nastassja,
+ein Vetter von dieser Nastassja aber sei Amtsdiener in
+dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen
+von Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der
+Klatsch nicht auf diesem Umwege zu ihm gedrungen
+sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken sollen.
+Könnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der
+bloße Gedanke daran entsetzt mich! Als Fedora mir
+gestern das alles erzählte, erschrak ich so, daß ich fast
+ohnmächtig wurde – vor Angst. Was wollen diese
+Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen
+wissen! Was gehe ich sie an? Ach, wenn Sie wüßten,
+in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden Augenblick fürchte
+ich, Bükoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was
+wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi
+willen, kommen Sie sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch!
+Ich flehe Sie an, kommen Sie!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-45" title="45. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+18. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges,
+Unerklärliches und ganz Unerwartetes geschehen.
+Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge nach erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff
+freigesprochen wurde. Das Urteil war wohl schon
+lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute hatte
+man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die
+Sache endete für ihn sehr günstig. All der Dinge,
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+deren man ihn beschuldigt hatte – der Unachtsamkeit,
+Nachlässigkeit usw. – wurde er freigesprochen.
+Das Gericht stellte in vollem Umfange
+seine Ehre wieder her und verurteilte den Kaufmann
+zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme
+an Gorschkoff, so daß sich jetzt auch seine äußere
+Lage mit einem Schlage gebessert hat, da das Geld
+ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem
+Wege eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber
+war natürlich, daß der Schandfleck entfernt wurde,
+der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag. Mit einem
+Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung.
+</p>
+
+<p>
+Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum
+wiederzuerkennen. Sein Gesicht war bleich wie Kreide.
+Die Lippen zitterten, und dabei lächelte er in einem
+fort – so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir
+gingen alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen.
+Ich glaube, unsere Handlungsweise
+rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und drückte
+einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar,
+als ob er ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er
+sich weit strammer, als sonst, und auch die Augen tränten
+nicht mehr, sondern glänzten förmlich. Er war so
+erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es
+auf ein und derselben Stelle aus: alles nahm er in die
+Hand, um es sogleich wieder zurückzulegen, bald faßte
+er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann setzte er sich,
+stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
+und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal
+sagte er: „Meine Ehre, ja, meine Ehre – ein guter
+Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...“ und Sie
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen
+ihm voll Tränen, und auch wir waren den Tränen
+nahe. Ratasäjeff wollte wohl ablenken und sagte deshalb:
+</p>
+
+<p>
+„I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre,
+wenn man nichts zu essen hat! Geld, Väterchen, Geld
+ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür können Sie
+Gott danken!“ – und dabei klopfte er ihm auf die
+Schulter.
+</p>
+
+<p>
+Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie
+gekränkt fühlte. Nicht gerade, daß er den Beleidigten
+gespielt hätte, aber er sah doch den Ratasäjeff
+so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand
+von seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht
+geschehen, mein Kind. Übrigens sind die Charaktere
+verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der Freude
+ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht
+man doch, meine Liebe, macht man doch oft genug einen
+ganz unnötigen Bückling, macht ihn aus keinem
+anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger Weichheit
+oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit
+... Doch handelt es sich hier nicht um mich –
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagte Gorschkoff nach einer Weile, „auch das
+Geld ist gut. Gott sei Dank ... Gott sei Dank ...“
+</p>
+
+<p>
+Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich
+hin: „Gott sei Dank ... Gott sei Dank ...“
+</p>
+
+<p>
+Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und
+besseres Mittagessen. Unsere Wirtin kochte es selbst.
+Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine gute Frau.
+</p>
+
+<p>
+Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick
+stillsitzen. Er ging zu allen in die Zimmer, gleichviel,
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+ob man ihn aufgefordert hatte oder nicht. Er trat ganz
+einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich auf einen
+Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts
+– und dann ging er wieder. Bei unserem Seemann,
+bei dem man gerade spielte, nahm er sogar Karten in
+die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen.
+Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins
+Spiel und warf die Karten nach drei oder vier Runden
+wieder hin.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich habe ja nur so ...“ soll er gesagt haben,
+„ich habe ja nur so ...“ und damit ist er wieder
+aus dem Zimmer gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden
+Hände und sah mir lange in die Augen, aber mit einem
+ganz eigentümlichen Blick. Dann drückte er meine
+Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf
+den Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln,
+das so unbeweglich, so bedrückend war, wie das
+Lächeln eines Toten. Seine Frau weinte vor Freude.
+Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das
+Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen,
+hat er plötzlich zu seiner Frau gesagt:
+</p>
+
+<p>
+„Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,“ – und
+damit hatte er sich auch schon auf dem Bett ausgestreckt.
+</p>
+
+<p>
+Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte
+die Hand auf das Kinderköpfchen und streichelte es
+immer wieder. Dann wandte er sich von neuem an
+seine Frau:
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,“ fragte er,
+„unser Petinka? ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch
+tot sei.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im
+Himmelreich.“
+</p>
+
+<p>
+Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war,
+daß die Erlebnisse an diesem Tage ihn ganz erschüttert
+hatten, und sagte deshalb, er solle doch versuchen, einzuschlafen
+und auszuruhen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein
+wenig ...“ und damit drehte er sich auf die Seite, lag
+ein Weilchen, dann wandte er sich wieder zurück und
+wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn
+noch gefragt: „Was ist, mein Freund?“ – aber er
+antwortete schon nicht mehr. „Nun, er wird wohl eingeschlafen
+sein,“ sagte sie sich und ging aus dem Zimmer,
+um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen.
+Nach etwa einer Stunde kam sie zurück – der Mann,
+sah sie, war noch nicht aufgewacht, er schlief noch ganz
+ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur
+schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde
+so gesessen habe, doch könne sie nicht mehr sagen, an
+was sie eigentlich gedacht, obschon sie in Nachdenken
+versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz
+vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen,
+und zwar habe ein gewisses beunruhigendes Gefühl
+sie aus ihrer Traumverlorenheit aufgeschreckt, und
+da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer aufgefallen.
+</p>
+
+<p>
+Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann
+immer noch so lag, wie vor anderthalb Stunden. Da
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+trat sie denn zu ihm und berührte ihn – er aber war
+schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot,
+war ganz plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen.
+Woran er aber gestorben ist, das mag Gott wissen!
+</p>
+
+<p>
+Das ist’s, was mich so erschüttert hat, Warinka,
+daß ich noch immer nicht recht zur Besinnung kommen
+kann. Ich kann es nicht glauben, daß ein Mensch so
+einfach – stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch!
+Warum mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten
+Freudentage sterben! Ja, das Schicksal, das Schicksal!
+Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch ganz
+verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine
+Mädchen aber hat sich verschüchtert in einen Winkel
+verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur ein einziges Kommen
+und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung
+stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht.
+Leid tut es mir, ach, so leid! Es ist doch traurig,
+wenn man bedenkt, daß man wirklich weder Tag noch
+Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir
+nichts weg und aus ist es ...
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-46" title="46. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+19. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind,
+daß Ratasäjeff mir Arbeit verschafft hat, Arbeit für
+einen Schriftsteller. – Heute kam einer zu ihm und
+brachte so ein dickes Manuskript – Gott sei Dank,
+viel Arbeit. Nur ist es alles so unleserlich geschrieben,
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+daß ich gar nicht weiß, wie ich das entziffern soll, dabei
+wird die Arbeit so schnell verlangt. Außerdem handelt
+es von so schweren Dingen, daß man es gar nicht
+mal recht verstehen kann. Über den Preis sind wir
+auch schon einig geworden: 40 Kopeken pro Bogen.
+Ich schreibe Ihnen das alles nur deshalb, meine Liebe,
+um Sie schneller wissen zu lassen, daß ich jetzt noch
+obendrein einen Nebenverdienst haben werde. Und nun
+leben Sie wohl, Kind. Ich will mich gleich an die Arbeit
+machen.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr treuer<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-47" title="47. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+23. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben,
+mein Freund, und doch war es eine Zeit großer Sorge
+und Aufregung für mich.
+</p>
+
+<p>
+Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war
+allein, Fedora war ausgegangen. Ich öffnete die Tür
+und erschrak dermaßen, als ich ihn erblickte, daß ich
+mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte,
+wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit
+lautem Lachen ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen
+Stuhl und setzte sich. Es dauerte eine Weile, bis ich
+meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich
+wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens
+bald auf, zu lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen
+doch überrascht. Ich habe ja in der letzten Zeit
+so abgenommen, meine Wangen und Augen sind eingefallen,
+und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+muß allerdings schwer sein für die, die mich vor einem
+Jahre gekannt haben, mich jetzt wiederzusehen.
+</p>
+
+<p>
+Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich
+heiterte sich seine Miene wieder auf. Er machte irgendeine
+Bemerkung – ich weiß nicht mehr, was ich
+antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde
+saß er so bei mir, fragte mich nach diesem und jenem
+und unterhielt sich mit mir ganz ungezwungen. Endlich,
+bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und
+sagte (ich schreibe es Ihnen wortwörtlich):
+</p>
+
+<p>
+„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna
+Fedorowna, Ihre Verwandte und meine alte Bekannte
+und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er benannte
+sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen
+Wort.) „Sie hat jetzt auch Ihre Kusine vom rechten
+Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie dem Verderben
+zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in
+diesem Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich,
+was soll man darüber viel Worte verlieren, das ist so
+eine alltägliche Geschichte, wie das Leben sie eben mit
+sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte
+er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das
+Wichtigste, was er zu sagen hatte, ja, was zu verschweigen
+ihm seine Anständigkeit einfach verboten
+hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das
+Übrige in kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so
+tat er es auch: er erklärte mir, daß er um meine Hand
+anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte, mir meine
+Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der
+Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde.
+Dort gedenke er Hasen zu jagen, nach Petersburg
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+aber wolle er nie mehr zurückkehren, denn das Großstadtleben
+sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier
+einen Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie
+er ihn nannte, und er habe sich geschworen, diesen um
+die erwartete Erbschaft zu bringen. Hauptsächlich deshalb
+habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt, er
+wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte
+er sich noch über unsere Wohnung, meinte, es wäre
+schließlich kein Wunder, daß ich krank geworden sei,
+wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube
+wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn
+ich noch lange hierbliebe. In Petersburg seien die
+Wohnungen überhaupt elend, sagte er, und dann
+fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.
+</p>
+
+<p>
+Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich
+plötzlich – ich weiß selbst nicht, weshalb – in Tränen
+ausbrach. Er hielt sie natürlich für Tränen der Dankbarkeit
+und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen,
+daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen
+sei, doch habe er sich nicht früher zu seinem Antrag
+entschlossen, als nachdem er alles Nähere über
+mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte
+er sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles,
+Sie seien ein anständiger Mensch, und er wolle
+nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen 500 Rubel
+genug wären für alles, was Sie für mich getan haben?
+Als ich ihm darauf antwortete, daß Sie für mich
+das getan, was man mit Geld nicht zu bezahlen vermöge,
+sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl in
+Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben
+nach Büchern: Romane aber setzten jungen Mädchen
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+bloß verschrobene Ideen in den Kopf, und überhaupt
+möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten,
+daß sie nur die Sitten verdürben, weshalb er Bücher
+nicht leiden könne. Er riet mir, erst sein Alter zu
+erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann
+erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt
+haben.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken
+und mir alles reiflich zu überlegen, denn es wäre
+ihm sehr unangenehm, wenn ich einen so wichtigen
+Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu,
+daß Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die
+unerfahrene Jugend stets ins Verderben zu führen
+pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine zusagende
+Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde
+er sich gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter
+zu heiraten, da er, wie gesagt, nun einmal geschworen
+habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die
+Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte
+fünfhundert Rubel auf meinen Stickrahmen, für
+Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich fast mit
+Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er
+noch, daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen,
+dick, rosig und gesund werden würde, ich könne
+dort essen, soviel ich nur wolle. Augenblicklich habe er
+hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte hätten ihn
+schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er
+sei auch nur auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit
+ging er ...
+</p>
+
+<p>
+Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt
+und mich recht gequält, mein Freund, und endlich
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+habe ich mich entschlossen. Ja: ich werde ihn heiraten,
+ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich
+jemand von meiner Schande erlösen, mir meine Ehre
+wiedergeben und mich in Zukunft vor Armut und Entbehrungen
+und Unglück bewahren kann, so ist er ganz
+allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst
+von der Zukunft erwarten, was noch vom Schicksal
+verlangen? Fedora sagt, daß man sein Glück nicht
+verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,
+was man denn in diesem Falle Glück nennen
+solle. Ich jedenfalls finde keinen anderen Ausweg für
+mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit der
+Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit
+untergraben. Ununterbrochen arbeiten – das kann ich
+nicht. Bei fremden Menschen dienen? – Ich käme um
+vor Leid, und überdies würde ich niemanden zufriedenstellen.
+Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich
+Fremden immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich
+ja auch jetzt nicht in ein Paradies, aber was soll ich
+denn tun, mein Freund, was soll ich denn tun? Was
+soll ich denn vorziehen?
+</p>
+
+<p>
+Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich
+wollte ganz allein alles überlegen. Mein Entschluß,
+den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht fest und ich
+werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon
+sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung
+erwartet. Er sagte mir, daß seine Geschäfte keinen
+Aufschub dulden, er müsse abreisen, und „wegen
+dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch nicht
+aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen
+Macht über mein Schicksal weiß, ob ich
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+glücklich sein werde, aber mein Entschluß ist gefaßt.
+Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird mich
+achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten.
+Was aber sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe
+erwarten?
+</p>
+
+<p>
+Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch,
+denn ich weiß, daß Sie meinen ganzen Jammer verstehen
+werden. Versuchen Sie nicht, mich von meinem
+Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären
+zwecklos. Erwägen Sie lieber in Ihrem eigenen Herzen
+alle Gründe, die mich zu diesem Schritt veranlaßt
+haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin
+ich ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht.
+Was geschehen wird, das wird geschehen, wie Gott es
+schickt! ...
+</p>
+
+<p>
+Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden.
+Ich wollte Ihnen noch vieles sagen. Bükoff ist
+schon hier.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-48" title="48. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+23. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Kind, Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich,
+Kind, ich beeile mich, Ihnen zu erklären, daß ich –
+daß ich erstaunt bin. Alles das ist doch ganz sicher irgendwie
+nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff beerdigt.
+Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bükoff hat
+ehrenhaft gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe,
+Sie haben ihm also wirklich zugesagt? Natürlich
+wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so, das muß unbedingt
+so sein, das heißt, hier – auch hier muß unbedingt
+Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen
+Schöpfers hat natürlich, obschon uns unerforschlich,
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+immer nur das Wohl der Menschen im
+Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie
+Gott.
+</p>
+
+<p>
+Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natürlich,
+Sie werden jetzt glücklich sein, Kind, Sie werden in
+Reichtum und Überfluß leben, mein Täubchen, mein
+Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen,
+mein Engelchen, – nur eins, sehen Sie, Warinka, wie
+denn das, warum so schnell? ... Ja, die Geschäfte –
+Herr Bükoff hat Geschäfte vor ... natürlich – wer
+hat denn nicht Geschäfte, auch er kann sie haben. Ich
+habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender
+Mann, sogar ein sehr imponierender
+Mann, das heißt eine imposante Erscheinung, eine sogar
+sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles
+... nein, es ist ja gar nicht das, um was es sich
+eigentlich handelt. Ich, sehen Sie, ich bin schon jetzt
+gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn
+künftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja
+und ich – wie bleibe ich denn hier so allein
+zurück? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwäge,
+wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen
+erwäge ich alles, alle diese Gründe, meine ich, und
+so weiter. Ich hatte schon fast den zwanzigsten Bogen
+abgeschrieben, da kam dann plötzlich dieses Ereignis!
+Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so müssen
+Sie doch noch verschiedene Einkäufe machen, verschiedene
+Stiefelchen und Kleidchen, und da, meine ich,
+kommt es denn sehr gelegen, daß ich gerade ein gutes
+Magazin kenne, an der Gorochowaja – erinnern Sie
+sich noch, wie ich es Ihnen einmal beschrieb? – Aber
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+nein! Was rede ich, was fällt Ihnen ein, mein Kind,
+was denken Sie! Sie dürfen doch nicht, es ist ganz unmöglich:
+Sie können jetzt einfach nicht so ohne weiteres
+fortfahren! Sie müssen doch große Einkäufe machen,
+Sie müssen einen Wagen mieten. Überdies ist
+auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur,
+es regnet wie aus Eimern, unaufhörlich regnet es, und
+überdies ... es wird doch noch kalt werden, mein Engelchen,
+Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden
+erfrieren! Und Sie fürchten doch jeden fremden Menschen:
+und nun wollen Sie mit diesem da fortfahren!
+Wie soll ich denn hier so allein zurückbleiben? Ja! Die
+Fedora sagt, daß ein großes Glück Sie erwarte ...
+aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir
+mein Letztes nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse
+in die Kirche gehen, mein Kind? Ich würde
+dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist wahr, Kind, es ist richtig, daß Sie ein gebildetes,
+gutes, gefühlvolles Mädchen sind, nur wissen
+Sie, – mag er doch lieber eine Kaufmannstochter heiraten!
+Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber
+eine Kaufmannstochter heiraten! – Ich werde zu Ihnen
+kommen, Warinka, sobald es dunkelt, werde ich
+auf ein Stündchen hinüberkommen. Jetzt wird es doch
+schon früh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt
+auf ein Stündchen! Jetzt erwarten Sie Bükoff,
+das weiß ich, aber wenn er fortgegangen ist, dann ...
+Also warten Sie, Kindchen, ich komme unbedingt ...
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-49" title="49. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+27. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Freund Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Herr Bükoff sagt, ich müsse mindestens drei
+Dutzend Hemden von holländischer Leinewand haben.
+Daher müssen wir so schnell wie möglich Weißnäherinnen
+für zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich
+wenig Zeit. Herr Bükoff ärgert sich, weil er nicht
+geahnt hat, wie er sagt, daß diese Lappen soviel Schererei
+verursachen können.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Hochzeit wird in fünf Tagen stattfinden,
+und am Tage darauf reisen wir ab. Herr Bükoff hat
+Eile und sagt, für diese Dummheiten brauche man
+nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den
+Scherereien schon so müde, daß ich mich kaum noch auf
+den Füßen halten kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit,
+und doch, weiß Gott, wäre es besser, wenn nichts
+von all diesen Sachen nötig wäre. Ja, und noch etwas:
+wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir müssen
+noch welche zukaufen, denn Herr Bükoff sagt, er wünsche
+nicht, daß seine Frau wie eine Küchenmagd gekleidet
+gehe, ich müsse „alle Gutsbesitzersfrauen in den
+Schatten stellen“ – das sind seine Worte.
+</p>
+
+<p>
+Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie
+zu Madame Chiffon (Gorochowaja, Sie wissen schon)
+und bitten Sie sie, uns schnell einige Nähterinnen zu
+schicken, dies erstens, und zweitens, daß sie sich selbst
+herbemühen möge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich
+bin heute krank. Hier in unserer neuen Wohnung ist es
+so kalt und alles ist in schrecklicher Unordnung. Herrn
+Bükoffs Tante kann kaum noch atmen vor Altersschwäche.
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+Ich fürchte, daß sie vielleicht noch vor unserer Abreise
+sterben könnte, doch Herr Bükoff sagt, das habe
+nichts auf sich, sie würde sich schon wieder erholen.
+</p>
+
+<p>
+Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem
+Kopf. Da Herr Bükoff nicht hier wohnt, laufen die
+Leute nach allen Seiten fort und tun, was sie
+gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu
+unserer Bedienung haben. Herrn Bükoffs Kammerdiener,
+der hier nach dem Rechten sehen soll, ist schon seit
+drei Tagen verschwunden. Herr Bükoff kommt jeden
+Morgen angefahren und ärgert sich, gestern aber hat
+er den Hausknecht geprügelt, weshalb er dann mit der
+Polizei Unannehmlichkeiten bekam ... Ich habe hier
+im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen
+den Brief zusenden könnte. Ich schreibe Ihnen durch
+die Stadtpost. Ach, natürlich, das Wichtigste hätte ich
+fast vergessen! Sagen Sie Madame Chiffon, daß sie
+die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern gewählten
+Muster passende, aussuchen, und daß sie dann
+selbst zu mir kommen soll, um mir die neue Auswahl
+zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr noch, daß ich mich
+in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie
+muß gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas:
+Die Buchstaben in den Taschentüchern soll sie in Tamburinstickerei
+nähen, verstehen Sie? – in Tamburinstickerei
+und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht:
+Tamburinstickerei! So, und da hätte ich doch noch
+etwas vergessen! Sagen Sie ihr, um Gottes willen,
+daß die Blättchen auf der Pelerine erhaben ausgenäht
+werden müssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber,
+an den Kragen muß sie dann noch eine Spitze nähen,
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+oder eine breite Falbel. Bitte, sagen Sie ihr das, Makar
+Alexejewitsch.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre<br>
+W. D.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Ich schäme mich so, daß ich Sie wieder mit
+meinen Aufträgen belästige. Vorgestern sind Sie ja
+schon den ganzen Nachmittag gelaufen. Doch was soll
+ich tun! Bei uns im Hause gibt es überhaupt keine
+Ordnung und ich selbst bin krank. Also ärgern Sie sich
+nicht gar zu sehr über mich, Makar Alexejewitsch. Es
+ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das noch werden,
+mein Freund, mein lieber, mein guter Makar
+Alexejewitsch! Ich fürchte mich, an die Zukunft auch
+nur zu denken. Es ist mir, als hätte ich tausend schlimme
+Vorahnungen und mein Kopf ist wie eingenommen.
+</p>
+
+<p>
+P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen
+Sie nur nichts von dem, was Sie Madame Chiffon zu
+sagen haben. Ich fürchte, Sie verwechseln mir alles.
+Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei
+und <em>nicht</em> blank!
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-50" title="50. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+27. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ihre Aufträge habe ich alle gewissenhaft ausgeführt.
+Madame Chiffon sagte, daß sie auch schon an
+Tamburinstickerei gedacht habe: das sei vornehmer,
+sagte sie, oder was sie da sagte – ich habe es nicht
+ganz begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann,
+Sie hatten dort etwas von einer Falbel geschrieben,
+da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur habe
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der
+Falbel sagte. Ich weiß nur noch, daß sie sehr viel über
+diese Falbel zu sagen hatte. Solch ein schändliches
+Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen
+heute noch alles selbst sagen. Ich bin nämlich, mein
+Kind, ich bin nämlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin
+ich auch nicht in den Dienst gegangen. Nur ängstigen
+Sie sich, meine Liebe, ganz unnötigerweise. Für Ihre
+Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Läden
+Petersburgs zu laufen. Sie schreiben, daß Sie sich
+fürchten, in die Zukunft zu blicken, oder an sie auch
+nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch
+alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen
+kommen. – Also verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen
+Sie, Kind, vielleicht wird sich doch noch alles zum
+besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese
+verwünschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem
+Sinn, das geht nur so – Falbel, Falbel, Falbel! ...
+</p>
+
+<p>
+Ich würde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen,
+mein Engelchen, würde unbedingt auf ein Weilchen
+vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal Ihrer
+Tür genähert, aber Bükoff, das heißt, ich wollte
+sagen, Herr Bükoff ist immer so böse, und da ist es
+wohl nicht gerade angebracht ... Nicht wahr? ...
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-51" title="51. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+28. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier!
+Sagen Sie ihm, daß er die Ohrgehänge mit Perlen
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bükoff
+sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel.
+Er ärgert sich. Er sagt, daß es ihm ohnehin schon
+ein Heidengeld koste und daß wir ihn plündern. Und
+gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen
+hätte, würde er sich die Sache noch sehr überlegt
+haben. Er sagt, daß wir sogleich nach der Trauung abreisen
+werden, ich solle mir also keine Illusionen machen:
+es kämen weder Gäste, noch werde nachher getanzt
+werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich
+solle mir nur nicht einbilden, gleich tanzen zu können.
+So spricht er jetzt! Und Gott weiß doch, ob ich das
+alles nötig habe, oder nicht! Herr Bükoff hat doch
+selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen:
+er ist so heftig. Was wird nur aus mir werden?!
+</p>
+
+<p class="sign">
+W. D.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-52" title="52. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+28. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Täubchen, meine liebe Warwara Alexejewna!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich, das heißt der Juwelier sagt – gut. Von mir
+aber wollte ich nur sagen, daß ich erkrankt bin und
+nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo so viel zu besorgen
+ist, wo Sie meiner Hilfe bedürfen, jetzt müssen die
+Erkältungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch
+habe ich Ihnen noch mitzuteilen, daß zur Vollendung
+meines Unglücks Seine Exzellenz heute geruht haben,
+sehr böse zu sein: sie haben sich über Jemeljan Iwanowitsch
+geärgert, haben sehr gescholten und sahen zu guter
+Letzt ganz erschöpft aus, so daß sie mir über alle Maßen
+leid getan haben. Sie sehen, ich teile Ihnen alles
+mit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben,
+aber ich fürchte, Ihnen damit nur unnütz Zeit zu rauben.
+Ich bin ja doch, mein Kind, ein dummer Mensch,
+bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade
+kommt und was mir einfällt, so daß Sie vielleicht dort
+irgendwie so etwas ... ich kann ja nicht wissen was
+... Ach, nun, was soll man da reden!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr<br>
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-53" title="53. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+28. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Warwara Alexejewna, mein Herzchen!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen,
+mein Täubchen. Sie sagt, Sie werden schon morgen
+getraut und übermorgen reisen Sie ab! Herr Bükoff
+habe schon die Pferde bestellt.
+</p>
+
+<p>
+Über Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben,
+mein Kind. Ja und dann: die Rechnungen
+der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es
+stimmt alles, nur daß es sehr teuer ist. Aber warum
+ärgert sich denn Herr Bükoff über Sie? Nun, so seien
+Sie glücklich, Kind! Ich freue mich. Ja, ich werde
+mich immer freuen, wenn Sie glücklich sind, Kind! Ich
+würde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich
+kann nicht, mein Kreuz schmerzt.
+</p>
+
+<p>
+Doch wie wird es denn nun mit den Briefen –
+ich komme wieder darauf zurück –, wie werden wir
+uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns zustellen,
+Kind?
+</p>
+
+<p>
+Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora
+so sehr beschenkt, meine Gute! Damit haben Sie ein
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+gutes Werk getan, das war schön von Ihnen. Für jede
+gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt
+und der Tugend ist immer Gottes Lohn gewiß.
+</p>
+
+<p>
+Kind, mein Kind! Ich würde Ihnen vieles schreiben,
+ich würde Ihnen jede Stunde, jede Minute schreiben,
+immer nur schreiben! Ich habe hier noch ein
+Büchlein von Ihnen, „Bjelkins Erzählungen“, das ist
+noch bei mir geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen
+Sie das bei mir, nehmen Sie mir das nicht fort, schenken
+Sie es mir ganz, mein Täubchen! Nicht deshalb,
+weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals
+lesen möchte. Aber Sie wissen doch selbst, Kind, der
+Winter kommt, die Abende werden lang: da wird man
+denn traurig – und da ist es dann gut, wenn man
+etwas zum Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus
+meiner Wohnung in Ihre alte Wohnung ziehen und
+werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser ehrenwerten
+alten Frau werde ich mich jetzt für keinen
+Preis mehr trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam.
+Gestern habe ich mir in Ihrer verlassenen Wohnung
+alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner Stickrahmen
+mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles
+geblieben, unangerührt, wie es war. Ich habe auch
+Ihre Stickerei betrachtet. Dann sind da noch verschiedene
+kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stückchen von
+einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn
+aufzuwickeln. In Ihrem Tischchen fand ich noch einen
+Bogen Postpapier, auf dem Sie geschrieben haben:
+„Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich“
+– und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand
+gleich zu Anfang unterbrochen. In der Ecke hinter dem
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+Schirm steht Ihr schmales Bettchen ... Mein Täubchen
+Sie!!!
+</p>
+
+<p>
+Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten
+Sie mir nur um Gottes willen etwas auf meinen
+Brief, und recht bald!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Makar Djewuschkin.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-54" title="54. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="date">
+30. September.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden.
+Ich weiß nicht, was die Zukunft mir bringen
+wird, aber ich füge mich in den Willen des Herrn.
+Morgen reisen wir.
+</p>
+
+<p>
+Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen,
+mein einziger, mein treuer, lieber, guter Freund!
+Sind Sie doch mein einziger Verwandter, der in der
+Not treu zu mir gehalten hat!
+</p>
+
+<p>
+Grämen Sie sich nicht um mich, leben Sie glücklich,
+denken Sie zuweilen an mich und möge Gott Sie
+segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie in meinem
+Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese
+Zeit vorüber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die
+ich aus der Vergangenheit ins neue Leben mitnehme,
+um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr Andenken,
+um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen
+sein. Sie sind mein einziger Freund, nur Sie allein
+haben mich hier geliebt. Ich bin doch nicht blind gewesen,
+ich habe es doch gesehen und gewußt, wie Sie
+mich liebten! Mein Lächeln genügte, um Sie glücklich
+zu machen, eine Zeile von mir söhnte Sie mit allem
+aus. Jetzt müssen Sie sich daran gewöhnen, ohne mich
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier weiterleben?
+Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter,
+unschätzbarer, einziger Freund!
+</p>
+
+<p>
+Ich überlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen,
+den angefangenen Brief. Wenn Sie diese angefangenen
+Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken weiter: lesen
+Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie
+von mir gern gehört oder gelesen hätten, alles, was ich
+Ihnen hätte schreiben können – was aber würde ich
+Ihnen jetzt nicht alles schreiben! Vergessen Sie nicht
+Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem
+Herzen geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora
+in der Kommode geblieben, in der obersten Schublade.
+</p>
+
+<p>
+Sie schreiben, daß Sie krank seien. Ich würde Sie
+besuchen, aber Herr Bükoff läßt mich heute nicht fort.
+Ich werde Ihnen schreiben, mein Freund, das verspreche
+ich Ihnen, aber nur Gott allein weiß, was
+alles geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt für
+immer Abschied voneinander nehmen, mein Freund,
+mein Täubchen, wie Sie mich nennen, mein Liebster!
+Auf immer! ... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen würde,
+Sie! Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht,
+recht, recht wohl! Seien Sie glücklich! Bleiben Sie gesund.
+Nie werde ich vergessen, für Sie zu beten. O!
+wenn Sie wüßten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll
+bedrückt meine Seele ist!
+</p>
+
+<p>
+Herr Bükoff ruft mich.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihre Sie ewig liebende<br>
+W.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Meine Seele ist so voll, so voll von Tränen
+... Sie drohen, mich zu ersticken, zu zerreißen!
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott! wie ist
+es traurig!
+</p>
+
+<p>
+Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre
+arme Warinka.
+</p>
+
+<p class="sign">
+W.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="letter blank" id="chapter-3-55" title="55. Brief">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling!
+Man bringt Sie fort, Sie fahren. Ja, jetzt wäre es
+doch besser, man risse mir das Herz aus der Brust, als
+daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das
+nur möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und
+doch fahren Sie?! Da habe ich soeben Ihren Brief erhalten,
+der stellenweise noch feucht ist von Tränen. So
+wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren?
+Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es
+tut Ihnen leid um mich? Ja, aber – dann lieben Sie
+mich doch! Wie ist denn das? Was soll jetzt geschehen?
+Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist
+dort öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr
+Herzchen krank machen, die Trauer wird es zerreißen.
+Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in die
+feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein,
+der Sie beweint! Herr Bükoff wird immer Hasen jagen
+... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie sich da
+entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun?
+Was haben Sie getan, was haben Sie getan, was haben
+Sie sich selbst angetan! Man wird Sie doch dort
+ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach umbringen,
+mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein
+Federchen, so zart und schwach! Und wo war ich
+denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn hier mit
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein
+Kindskopf sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich
+denn nicht, daß dem Kinde einfach nur das Köpfchen
+versagte! Da hätte ich doch ganz einfach – aber nein!
+Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch
+sehe ich etwas, als sei das gerade das Richtige, als
+ginge die ganze Sache mich gar nichts an, und laufe
+sogar noch nach Falbeln! ... Nein, Warinka, ich
+werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon
+soweit sein, dann stehe ich einfach auf! Und dann, dann
+werde ich mich einfach unter die Räder werfen. Ich
+lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn das
+eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht
+geschieht das denn alles? Ich werde mit Ihnen fahren!
+Ich werde Ihrem Wagen nachlaufen, wenn Sie mich
+nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde laufen,
+solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis
+ich meinen Geist aufgebe!
+</p>
+
+<p>
+Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was
+Sie erwartet, dort, wohin Sie fahren, Kind? Wenn
+Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich, ich
+weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe,
+nichts als flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie
+meine Hand, so nackt! Dort leben nur stumpfe, gefühllose
+Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle. Jetzt
+ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen,
+dort regnet es, dort ist es kalt – und dorthin fahren
+Sie!
+</p>
+
+<p>
+Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird
+da seine Hasen jagen. Aber was werden Sie dort anfangen?
+Sie wollen Gutsherrin sein, mein Kind?
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+Aber, mein Engelchen! – so sehen Sie sich doch nur
+an, sehen Sie denn nach einer Gutsherrin aus?
+</p>
+
+<p>
+Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen
+werde ich denn jetzt noch Briefe schreiben, Kind? Ja!
+so bedenken Sie und fragen Sie sich doch bloß dies
+eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben
+können? Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind,
+mein liebes Kind nennen, wem gebe ich diesen zärtlichen
+Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo
+soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich
+werde sterben, Warinka, ich werde bestimmt sterben.
+Nein, solchem Unglück ist mein Herz nicht gewachsen!
+</p>
+
+<p>
+Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie
+mein leibliches Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte
+alles an Ihnen, mein Liebling! Nur für Sie allein
+lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und geschrieben,
+bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen
+in meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie,
+mein Kind, hier in meiner Nähe lebten. Sie haben das
+vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich so, es war
+wirklich so!
+</p>
+
+<p>
+Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen
+Sie doch, mein Täubchen, wie ist denn das nur
+möglich, daß Sie uns verlassen? – Nein, meine Liebe,
+das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist
+völlig ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so
+kränklich – Sie werden sich bestimmt erkälten. Ihre
+Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein Wagen ist
+kein Haus – sie wird bestimmt durchnäßt werden!
+Und kaum werden Sie aus der Stadt hinausgefahren
+sein, da wird ein Rad brechen, oder der ganze Wagen
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen
+schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese
+Wagenbauer: denen ist es nur um die Fasson zu tun,
+um irgend so ein Spielzeug herzustellen, aber von
+Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich schwöre
+es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle
+nichts!
+</p>
+
+<p>
+Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die
+Knie niederwerfen und ihm alles sagen, alles! Und
+auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen! Sie
+werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn
+so überzeugen! Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben,
+daß Sie nicht mit ihm fahren können! ... Ach,
+warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter
+geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter
+ausgesucht! Das wäre für alle besser gewesen,
+die würde viel besser zu ihm passen, ich weiß schon,
+warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was
+ist er Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist
+er Ihnen denn plötzlich so lieb und wert geworden?
+Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden, weil er
+Ihnen Falbeln kauft und alles dieses – deshalb
+etwa? Wozu sind denn diese Falbeln? Wozu hat man
+die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein Stück Zeug, solch
+ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein Menschenleben,
+Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach
+nur Lappen, wirklich – nichts anderes, als nichtsnutzige
+Lappen! Ich aber, ich kann Ihnen doch gleichfalls
+solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein
+nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen
+diese Falbeln, mein Kind, und ich weiß schon wo, ich
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+kenne dort einen kleinen Laden, nur müssen Sie noch
+etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt
+bekomme, mein Engelchen, Warinka!
+</p>
+
+<p>
+Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit
+Herrn Bükoff fort in die Steppe, auf immer fort! Ach,
+Kind! ... Nein, Sie müssen mir noch schreiben, noch
+ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn
+Sie schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von
+dort einen Brief. Denn sonst, mein Engelchen, wäre
+dies der letzte Brief, das aber kann doch nicht sein, daß
+dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte
+das, so plötzlich – der letzte, wirklich der letzte Brief
+sein? Aber nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie
+müssen mir schreiben ... Fängt doch gerade jetzt mein
+Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind, aber was
+heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst
+zu wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts
+weiß ich und will auch nichts durchlesen, nichts verbessern,
+nichts, nichts. Ich schreibe nur, um zu schreiben,
+immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen,
+mein Liebling, mein Kind Sie!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="part" id="part-4">
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+Der Doppelgänger
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-1">
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+I.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat
+Jakoff Petrowitsch Goljädkin nach langem
+Schlaf erwachte.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen,
+streckte langsam die Glieder, und erst nach
+und nach öffnete er die Augen vollständig. Doch blieb
+er noch eine gute Weile regungslos in seinem Bett liegen,
+wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht
+ganz klar darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich
+schon erwacht und rings von Wirklichkeit umgeben
+ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild vor
+sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit,
+daß er mit besserem Bewußtsein und regerer Vernunft
+die geschauten Eindrücke in sich aufnehmen und in der
+Tat als bereits längst bekannte und ganz alltägliche
+Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten
+ihn die grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten
+Wände seines kleinen Zimmers an, wohl vertraut seine
+rotbraune Kommode und die Stühle von derselben
+Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische
+Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen,
+doch grüngeblümten Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut
+schließlich auch die gestern abend in der Eile
+abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+diesem Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der
+unfreundliche Herbsttag mit seinem trüben, fast
+schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so mißvergnügt
+durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer,
+daß Herr Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte,
+daß er sich in keinem Wolkenkuckucksheim befand, sondern
+in Petersburg, in der Hauptstadt des russischen
+Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem
+großen, vier Stockwerke hohen Hause, das an der
+Straße lag, die man die Schestilawotschnaja nennt.
+Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis gelangt
+war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck zusammenzuckend,
+zunächst blitzschnell wieder die Augen,
+um, wenn möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre
+nichts geschehen. Doch hielt er diesen Zustand nicht
+lange aus, denn plötzlich – es war noch keine Minute
+vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal
+sofort aus dem Bett, ganz als seien seine Gedanken
+endlich auf denjenigen Punkt gestoßen, um den sie
+bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in blinder
+Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten.
+</p>
+
+<p>
+Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so
+war das erste, was er tat, daß er zu dem runden Spiegelchen
+stürzte, das auf der Kommode stand. Und obwohl
+das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen
+Augen und dem ziemlich gelichteten Haupthaar, das
+ihm aus dem Spiegel entgegenschaute, von so unbedeutender
+Art war, daß es ganz entschieden sonst keines
+einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können,
+schien der Besitzer desselben doch mit dem Erblickten
+sehr zufrieden zu sein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin
+halblaut vor sich hin, „gerade was Nettes, wenn
+mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum Beispiel
+irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt
+wäre, oder eine ähnliche Unannehmlichkeit.
+Aber bis jetzt ist noch alles gut gegangen ... jawohl:
+vorläufig ist alles gut!“
+</p>
+
+<p>
+Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über
+diese Feststellung, den Spiegel wieder auf die Kommode,
+worauf er selbst, obschon er noch barfuß und nur
+mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um
+mit großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar
+wurde er durch das, was er dort unten erblickte,
+vollkommen zufriedengestellt, denn ein Lächeln erhellte
+sein Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter
+die Scheidewand in die Kammer Petruschkas, seines
+„Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt hatte,
+daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise
+zum Tisch, schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten
+Winkel dieses Schubfaches zwischen alten vergilbten
+Papieren und anderem Kram, bis er schließlich
+eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die
+er vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit
+wonnevollem Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste
+Täschchen hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten
+auch die grünen und grauen und blauen und roten
+Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich
+und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens
+legte er die offene Tasche mit geradezu strahlender
+Miene vor sich auf den Tisch, worauf er sich
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände
+rieb.
+</p>
+
+<p>
+Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche
+und entnahm dem letzten und verborgensten Täschchen
+das ganze, ihn so ungemein erfreuende bunte Paketchen
+Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom
+letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen,
+wobei er jeden Schein gewissenhaft mit Daumen
+und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht etwa zwei für
+einen durchgingen.
+</p>
+
+<p>
+„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“
+murmelte er dann vor sich hin. „Siebenhundertfünfzig
+Rubel ... eine große Summe! Eine sehr annehmbare
+Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz
+weich klingender Stimme in seinem Selbstgespräch
+fort, indem er das Paket mit den Geldscheinen in der
+geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte:
+„Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für
+einen jeden eine überaus annehmbare Summe! Ich
+wollte den Menschen sehen, für den diese Summe eine
+geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen
+Menschen weit bringen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin
+aus seinem fröhlichen Gedankengang plötzlich auf, „wo
+ist denn mein Petruschka?“ Und er begab sich, immer
+noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur
+Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in
+seiner Kammer nicht zu erblicken. Statt seiner stand
+dort nur der Samowar auf der Diele und brummte
+und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten
+Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+er mit heißestem Eifer in den Gutturallauten seiner
+sich überstürzenden und unverständlichen Sprache
+brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen
+schien: So nimm mich doch endlich, guter Mann, ich
+bin ja schon längst und vollkommen fertig und mehr
+wie bereit!
+</p>
+
+<p>
+„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin,
+„diese faule Bestie kann einen Menschen ja um
+seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur wieder herumtreibt?!“
+</p>
+
+<p>
+Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum
+Vorzimmer – einem kleinen Korridor, aus dem eine
+Tür auf den Treppenflur führte – und erblickte dort
+seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer
+Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten
+Art, eifrig umringte. Petruschka erzählte und die
+anderen hörten zu. Augenscheinlich mißfiel jedoch sowohl
+das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung
+selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich
+seinen Petruschka und kehrte nicht nur unzufrieden,
+sondern ordentlich aus dem Gleichgewicht gebracht
+in sein Zimmer zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger
+als eine Kopeke einen Menschen zu verkaufen, um
+wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“ dachte er bei sich,
+„und das hat er, oh, das hat er auch schon getan, ich
+wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er
+sich an den eingetretenen Petruschka.
+</p>
+
+<p>
+„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann zieh sie an und komm her.“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+mit einem dummen Grinsen wieder im Zimmer seines
+Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich seltsamen
+Aufzuge.
+</p>
+
+<p>
+Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen
+Dienerfrack mit mehr als schadhaften goldenen Tressen,
+eine Livree, die für einen Menschen gemacht worden
+war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte,
+als Petruschka.
+</p>
+
+<p>
+In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen
+und mit grünen Federn garnierten Hut, und an
+der Seite hing ihm ein Dienerschwert in einer ledernen
+Scheide.
+</p>
+
+<p>
+Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt,
+daß Petruschka, der seiner ausgesprochenen Vorliebe
+für alles Bequeme zufolge fast nur im Negligee zu gehen
+pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack,
+barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen
+Petruschka von allen Seiten, schien aber zufriedengestellt
+zu sein. Die Livree war offenbar zu irgendeinem
+feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend war
+an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren
+ihn sein Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und
+mit größter Neugier jede Bewegung dieses seines Herrn
+verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es merkte, geradezu
+befangen machte.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und die Equipage?“
+</p>
+
+<p>
+„Auch die Equipage ist gekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Für den ganzen Tag?“
+</p>
+
+<p>
+„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“
+</p>
+
+<p>
+„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“
+</p>
+
+<p>
+„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib
+sie her!“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit
+mit der Leistung des Schusters ausgedrückt hatte, wollte
+er Tee trinken, sich waschen und rasieren. Letzteres tat
+er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er viel
+Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig
+im Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die
+weitere Bekleidung seiner Person. Zunächst zog er ein
+Paar fast nagelneuer Beinkleider an, dann ein Plätthemd
+mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie
+von Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten
+Blümchen. Um den Hals band er sich eine bunte, seidene
+Krawatte, und zu guter Letzt zog er noch seinen
+Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig
+gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er
+mehrmals mit liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel
+hinab, hob bald diesen, bald jenen Fuß, betrachtete
+mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas Unverständliches
+vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel,
+das hier und da entfernt an ein Gesichterschneiden
+gemahnte, seinen Gedanken beifällig zustimmte. Übrigens
+war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr zerstreut,
+weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel
+der Mundwinkel und Augenbrauen Petruschkas, während
+ihm dieser beim Ankleiden behilflich war, völlig
+entging.
+</p>
+
+<p>
+Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr
+Goljädkin vollständig angekleidet dastand, steckte er als
+Letztes noch seine Brieftasche in die Brusttasche, weidete
+sich nochmals am Anblick Petruschkas, der inzwischen
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls
+vollständig angekleidet war –, und als er sich
+dann sagen mußte, daß „somit alles fertig“ sei und
+folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten,
+wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen
+Herzensunruhe dem Ausgang zu und eilte die Treppe
+hinab. Eine hellblaue Mietsequipage mit eigentümlichem
+Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen
+und hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch
+mit dem Kutscher und ein paar anderen Maulaffen
+schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den Wagenschlag
+zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme
+und kaum zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum
+Kutscher hinauf, sprang selbst auf den Dienersitz hinten
+am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd
+und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige
+Steinpflaster unter dem Torbogen auf die Straße
+hinaus und weiter zum Newskij Prospekt.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen
+verlassen, als Herr Goljädkin sich auch schon geschwind
+die Hände rieb und sichtbar, doch unhörbar vor sich hinlachte,
+wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart,
+dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber
+selbst königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens
+schlug dieser Anfall von Lustigkeit sogleich in eine andere
+Stimmung um: das Lachen im Gesicht Herrn Goljädkins
+wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck.
+</p>
+
+<p>
+Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er
+beide Fenster herab und begann vorsichtig nach den
+Vorübergehenden auszuschauen, um dann blitzschnell
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald
+er bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung
+– der Wagen bog gerade von der Liteinaja
+auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem
+Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung
+zusammen, als wäre ihm jemand versehentlich auf ein
+Hühnerauge getreten, und zog sich schleunigst in den
+dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er sich
+fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache
+seines Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich
+zwei junge Beamte erblickt hatte, die seine Kollegen
+waren. Zum Unglück hatten diese auch ihn erblickt und,
+wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster Verwunderung
+angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren
+Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der
+eine von ihnen hatte sogar mit dem Finger nach ihm
+gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin, daß der andere
+ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch
+auf der Straße entschieden unzulässig war. Doch unser
+Held versteckte sich und tat, als hätte er nichts gehört.
+</p>
+
+<p>
+„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei
+sich selbst, „was ist denn da für eine Veranlassung, sich
+zu wundern? Ein Mensch in einer Equipage! Der Betreffende
+mußte eben einmal in einer Equipage fahren,
+und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen?
+Aber ich kenne sie ja! – grüne Jungen, die
+noch versohlt werden müßten! Die haben nichts als
+Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können,
+das ist ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen
+mal etwas sagen, etwas ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck:
+rechts neben seiner Equipage war ein ihm merkwürdig
+bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde aufgetaucht,
+in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen
+Wagen, der seine Equipage alsbald überholte. Der
+Herr aber, der im Wagen saß, und zufällig den gerade
+recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden Kopf
+Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach
+gleichfalls höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und
+indem er sich so weit als möglich vorbeugte, blickte er
+mit dem größten Interesse gerade nach jenem Winkel
+der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst
+zurückgezogen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej
+Philippowitsch, der Chef derselben Abteilung, der
+Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah und
+begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt
+hatte, daß er ihm starr in die Augen sah, und
+ein Entrinnen oder Verstecken vollkommen ausgeschlossen
+war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick bis
+über die Ohren errötete, doch –
+</p>
+
+<p>
+„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich
+unser Held trotzdem unentschlossen und in unbeschreiblich
+qualvoller Beklemmung, „soll ich ihn erkennen oder soll
+ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern irgendein
+anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? –
+und soll ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts
+vor? – Jawohl, ich bin einfach nicht ich – und damit
+basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit stockendem
+Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch
+zu ziehen und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden.
+<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
+„Ich ... ich, ich bin eben einfach gar nicht ich,“ dachte
+er unter Gefühlen, als müsse er auf der Stelle vergehen,
+„gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer
+– und nichts weiter!“
+</p>
+
+<p>
+Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt
+und damit war der Magnetismus, der in den
+Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen. Freilich,
+Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte
+und murmelte Unverständliches vor sich hin ...
+</p>
+
+<p>
+„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht
+zu grüßen,“ sagte er sich endlich in besserer Erkenntnis,
+„ich hätte ganz ruhig und dreist handeln sollen,
+offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej Philippowitsch,
+bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen,
+sehen Sie!“
+</p>
+
+<p>
+Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß
+der Fehler war, den er begangen hatte: er wurde nochmals
+feuerrot, runzelte die Stirn und warf einen fürchterlichen
+und zugleich herausfordernden Blick nach dem
+Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem
+einen Blick auf der Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern.
+Plötzlich aber kam ihm ein Gedanke –
+wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der
+Schnur, die an den linken Arm des Kutschers gebunden
+war, ließ anhalten und befahl, nach der Liteinaja
+zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand nämlich das
+dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas
+sehr Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch
+mitzuteilen. Er war freilich erst seit kurzer Zeit mit
+ihm bekannt – er hatte ihn erst in der vergangenen
+Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit
+<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
+seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt
+soll doch, wie man sagt, so etwas wie ein Beichtiger
+des Menschen sein, dessen Pflicht es ist, seinen Patienten
+zu kennen.
+</p>
+
+<p>
+„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte
+sich unser Held, von gelinden Zweifeln erfaßt, indem er
+vor dem Portal eines fünf Stockwerke hohen Hauses
+an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg,
+„wird das nun auch das Richtige sein? – und
+gut und wohl? und zur rechten Zeit?“ fuhr er auf der
+Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er holte tief
+Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf
+fremden Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig
+ausruhen zu lassen. „Aber – was? – was
+ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen
+Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das
+zu tadeln wäre ... Es würde dumm sein, sich zu verstecken.
+Gerade auf diese Weise tue ich, als hätte ich
+nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im
+Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen,
+daß es nun einmal so ist und daß etwas anderes überhaupt
+nicht möglich war.“
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin
+zum zweiten Stockwerk empor und blieb vor einer
+Tür stehen, an der ein kleines Messingschild befestigt
+war, das die Aufschrift trug:
+</p>
+
+<p class="nowrap center">
+Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,<br>
+Doktor der Medizin und Chirurgie.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er
+sich zunächst, seiner Physiognomie einen anständigen,
+harmlos freundlichen und in etwa sogar liebenswürdigen
+<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
+Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den
+Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff,
+dies zu tun, da fiel ihm plötzlich noch rechtzeitig ein,
+daß es vielleicht doch besser wäre, erst am nächsten Tage
+vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so notwendig
+sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er
+Schritte auf der Treppe, und das bewirkte wiederum,
+daß er sogleich seinen neuen Entschluß aufgab und so,
+wie es kam und kommen sollte, doch mit der entschlossensten
+Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die
+Klingel zog.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-2">
+<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
+II.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan
+Iwanowitsch Rutenspitz, ein überaus gesunder, obschon
+bejahrter Mann mit dichten, bereits ergrauenden Augenbrauen
+und ebensolchem Backenbart, einem ausdrucksvollen,
+funkelnden Blick, mit dem allein er dem
+Anscheine nach schon Krankheiten zu vertreiben vermochte,
+und, nicht zu vergessen, mit einem bedeutenden
+Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust
+trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem
+Kabinett, bequem im Stuhl zurückgelehnt, trank den
+Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu bringen pflegte,
+rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit
+Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein
+solches für einen leidenden alten Herrn aufgeschrieben
+und diesen zur Tür geleitet hatte, setzte sich Krestjan
+Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete
+den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein.
+</p>
+
+<p>
+Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen
+Herrn nicht im geringsten erwartet – und wie es
+schien, wünschte er auch gar nicht, ihn vor sich zu sehen,
+denn in seinem Gesicht machte sich im ersten Augenblick
+eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten
+Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen,
+<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
+recht unzufriedenen Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin
+seinerseits fast immer den Mut und gewissermaßen
+auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in
+seinen eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte,
+so geriet er auch diesmal beim ersten Satz, der bei ihm
+stets im wahren Sinn des Wortes der Stein des Anstoßes
+war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend
+etwas, das wohl so etwas wie eine Entschuldigung
+sein sollte, und da er nun entschieden nicht mehr wußte,
+was weiter tun, nahm er einen Stuhl und –
+setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es
+ihm auch schon ein, daß er unaufgefordert Platz genommen
+hatte, errötete ob seiner Unhöflichkeit, und beeilte
+sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton möglichst
+ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen.
+Leider kam er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und
+begriff trotz seiner etwas wirren Verfassung, daß er
+der ersten Dummheit nur eine zweite hatte folgen lassen,
+weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem
+er irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte,
+dazu lächelte, verwirrt errötete, vielsagend verstummte
+und sich schließlich wieder hinsetzte, diesmal jedoch endgültig,
+worauf er sich auf alle Fälle mit einem gewissen
+herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die
+ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn
+Goljädkins im Geiste niederzuschmettern und zu vernichten.
+Überdies drückte besagter Blick die vollkommene
+Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er
+gab deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden
+etwas anzugehen wünsche und daß er wie alle
+Menschen ein Mensch für sich sei.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
+Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides
+offenbar zum Zeichen seines Einverständnisses und
+des Beifalls, den er dem gewählten Standpunkt zollte
+– und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf
+Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“
+begann Herr Goljädkin mit einem Lächeln, „bin gekommen,
+um Sie nochmals mit meinem Besuch zu belästigen
+... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht
+zu bitten ...“
+</p>
+
+<p>
+Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz
+und bündig auszudrücken.
+</p>
+
+<p>
+„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch,
+indem er langsam den Rauch ausstieß und die
+Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen die Vorschriften
+befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen
+doch erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung
+der Lebensweise bestehen muß ... Also etwa
+Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei Freunden
+... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht
+feind sein ... fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht
+meiden ...“
+</p>
+
+<p>
+Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte,
+schnell die Bemerkung, daß er, wie er annehme,
+ganz ebenso lebe, wie alle, daß er seine eigene Wohnung
+habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen
+... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen
+könne, zumal er ja gleichfalls, ganz wie alle anderen,
+die Mittel dazu habe, daß er tagsüber im Amte
+sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete flüchtig
+an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter
+<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
+ginge als anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene
+Wohnung habe, und auch noch den Petruschka. Hier
+stockte Herr Goljädkin plötzlich.
+</p>
+
+<p>
+„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich
+wollte Sie etwas anderes fragen. Ich möchte ganz im
+allgemeinen nur wissen, ob Sie gern in munterer Gesellschaft
+sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ...
+Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein
+heiteres Leben führen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich ... Herr Doktor ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der
+Doktor, „daß Sie ein von Grund aus verändertes Leben
+führen und in gewissem Sinne auch Ihren Charakter
+von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan
+Iwanowitsch betonte das „von Grund aus“ ganz besonders,
+worauf er, um der größeren Wirkung willen,
+eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich
+fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem
+Wege gehen, Sie müssen das Theater und den Klub besuchen,
+und vor allem geistigen Getränken nicht abhold
+sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ... oder
+vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause
+sitzen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die
+Stille,“ wandte Herr Goljädkin ein, indem er den
+Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach Worten
+suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken
+können, „in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka
+... das heißt, mein Diener, Herr Doktor. Ich
+will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich meinen
+eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr
+<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
+Doktor. Wirklich: ich lebe ganz für mich, und wie mir
+scheint, bin ich von niemandem abhängig. Gewiß: ich
+gehe zuweilen spazieren ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen
+einem gerade kein Vergnügen: das Wetter
+ist nicht danach.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen
+Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch,
+wie ich Ihnen bereits mitzuteilen, glaube ich, die Ehre
+hatte, und mein Weg führt mich nicht mit anderen zusammen.
+Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan
+Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen
+... Entschuldigen Sie, ich bin kein Meister in der
+Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hm! ... Sie sagen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen,
+Krestjan Iwanowitsch, da ich kein Meister in der
+Redekunst bin,“ versetzte Herr Goljädkin in halbwegs
+gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und unsicher.
+„In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt,
+nicht so wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen
+Lächeln fort, „ich verstehe nicht logisch zu reden ...
+ebensowenig wie der Rede Schönheit zu verleihen ...
+das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan Iwanowitsch,
+handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan
+Iwanowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“
+forschte Krestjan Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges
+Schweigen. Der Arzt blickte etwas seltsam und
+mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits
+heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
+„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr
+Herr Goljädkin schließlich im selben Tone fort, ein wenig
+gereizt und zugleich verwundert über das Verhalten
+Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie gesagt, die
+Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den
+Lärm und alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der
+großen Gesellschaft, dort muß man verstehen, das Parkett
+mit den Stiefeln zu polieren ...“ – hierbei scharrte
+auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem
+Fußboden –, „dort wird das verlangt, und auch Geist
+und Witz wird dort verlangt ... duftige Komplimente
+muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie, so etwas
+wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht
+gelernt, sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich
+habe keine Zeit gehabt, so etwas zu lernen. Ich bin
+ein einfacher Mensch, bin nicht erfinderisch, es ist auch
+nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit strecke ich
+die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach,
+das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem
+Sinne rede.“
+</p>
+
+<p>
+Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor,
+die deutlich zu erkennen gab, daß er es nicht im geringsten
+bedauere, daß er „in diesem Sinne“ die Waffen
+strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, –
+vielmehr ganz im Gegenteil!
+</p>
+
+<p>
+Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit
+einem sehr unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden
+und schien schon einiges vorauszusehen oder vielleicht
+auch nur zu ahnen.
+</p>
+
+<p>
+Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein
+ziemlich langes und bedeutsames Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
+„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“
+sagte schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut,
+„ich habe Sie, offen gesagt, nicht ganz verstanden.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst,
+Krestjan Iwanowitsch ... ich hatte bereits die
+Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich im Schönreden kein
+Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in
+scharfem und energischem Tone.
+</p>
+
+<p>
+„Hm! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held
+etwas stiller fort, doch mit einer vielsagenden Klangfarbe
+in seiner Stimme, die etwas feierlich anmutete,
+welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er
+nach jedem Satz eine kleine Kunstpause machte.
+„Krestjan Iwanowitsch! als ich hier eintrat, begann
+ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es
+und bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze
+Zeit. Ich habe vor Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,
+nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch, wie
+Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht
+leid, daß ich ein kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil,
+Krestjan Iwanowitsch: ich bin sogar stolz darauf,
+daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch
+bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf
+bin ich stolz. Ich tue nichts heimlich und hinterrücks,
+sondern offen und ohne alle Berechnung, und obschon
+auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das
+sogar sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie,
+das heißt, wem ich schaden könnte und wie das anzustellen
+wäre, so will ich mich mit solchen Sachen doch
+<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
+nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung
+meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung
+wasche ich sie, Krestjan Iwanowitsch – in diesem
+Sinne!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick
+sehr ausdrucksvoll. Er hatte mit bescheidenem Stolz
+gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,
+bereits sagte,“ fuhr er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife
+und Umwege vorzugehen: ich verachte Umwege
+und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht,
+jene zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir
+beide ... das heißt, ich wollte sagen, als unsereiner,
+Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner, und nicht, als
+wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei
+und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und
+Klatsch verachte ich. Eine Maske trage ich nur, wenn
+ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich mit einer
+solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur,
+Krestjan Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde
+rächen würden, an Ihrem ärgsten Feinde – an dem,
+den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr Goljädkin
+plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf
+Krestjan Iwanowitsch.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich
+ausgesprochen, wie man es deutlicher nicht hätte aussprechen
+können: ruhig, klar, verständlich und mit
+Überzeugung, indem er von vornherein des größten
+Eindrucks gewiß war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger
+mit Unruhe, mit großer Unruhe, sogar mit
+äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der
+<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
+ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast
+schüchtern in peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan
+Iwanowitschs. Doch wer beschreibt die Verwunderung
+und Überraschung Herrn Goljädkins, als er sehen
+mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur
+etwas in den Bart murmelte, dann seinen Stuhl näher
+an den Tisch rückte und endlich ziemlich trocken, doch
+noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr knapp bemessen
+sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei
+er ja gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde,
+doch alles übrige, was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn
+nichts an. Damit griff er zur Feder, nahm ein Blatt
+Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept zurecht und
+sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch!
+Nein, wirklich, glauben Sie mir, es tut hier gar nichts
+not!“ versicherte Herr Goljädkin, der plötzlich vom
+Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte
+Hand ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut
+gar nichts not ...“
+</p>
+
+<p>
+Doch während er das noch sprach, ging bereits eine
+seltsame Veränderung in ihm vor. Seine grauen Augen
+blitzten eigentümlich, seine Lippen bebten und alle
+Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu
+bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem
+er im ersten Augenblick Krestjan Iwanowitschs Hand
+erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt unbeweglich,
+als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung,
+die ihm sagte, was er nun weiter tun solle.
+</p>
+
+<p>
+Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes.
+</p>
+
+<p>
+Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt
+<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
+auf seinem Platz und sah Herrn Goljädkin sprachlos
+mit großen Augen an, ganz wie jener auch ihn ansah.
+Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin
+am Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile
+regungslos, ohne einen Blick voneinander abzuwenden.
+Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu zittern,
+und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend,
+schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit
+der Hand vor die Brust und erfaßte mit der linken
+Hand gleichfalls den Rockaufschlag Krestjan Iwanowitschs:
+er wollte irgend etwas sprechen, erklären, vermochte
+aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich
+Krestjan Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung
+ab und nahm sich zusammen.
+</p>
+
+<p>
+„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen
+Sie sich!“ sagte er, und versuchte, ihn auf den Stuhl
+zu drücken.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe
+Feinde ... ich habe gehässige Feinde, die sich verschworen
+haben, mich zugrunde zu richten ...“ beteuerte
+Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren
+Feinden! Denken Sie nicht an so etwas! Das ist ganz
+überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich nur ruhig
+hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang
+ihm auch, <a id="corr-16"></a>Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er
+setzte sich endlich, verwandte aber keinen Blick von Krestjan
+Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch nicht zu
+behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann,
+in seinem Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen
+beide eine lange Zeit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
+„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach
+endlich Herr Goljädkin das Schweigen, indem er sich
+mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich bin Ihnen
+sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für
+mich getan haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis
+zum Tode nicht vergessen.“
+</p>
+
+<p>
+„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete
+Krestjan Iwanowitsch in ziemlich strengem Tone auf
+den Ausfall Herrn Goljädkins, den er hierdurch zum
+zweitenmal zum Sitzen brachte.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir
+doch, was Sie dort Unangenehmes vorhaben,“ fuhr
+Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind denn das
+für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt
+es sich denn, erzählen Sie mir doch!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir
+jetzt lieber nicht reden,“ lenkte Herr Goljädkin gesenkten
+Blickes ab, „das wollen wir vorläufig bleiben lassen
+... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu
+einer besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer
+bequemeren Zeit, wenn alles bereits zutage getreten,
+die Maske von gewissen Gesichtern abgerissen und
+dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird.
+Jetzt aber – das heißt vorläufig ... und nach
+dem, was hier vorgefallen ist ... werden Sie doch
+selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten
+Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ –
+Und damit griff Herr Goljädkin plötzlich entschlossen
+nach seinem Hut.
+</p>
+
+<p>
+„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“
+</p>
+
+<p>
+Es folgte ein kurzes Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
+„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern
+tun, was in meinen Kräften steht ... und ich wünsche
+Ihnen von Herzen alles Gute ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe
+Sie: ich verstehe Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls
+bitte ich um Entschuldigung, daß ich Sie belästigt
+habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen.
+Übrigens – wie Sie wollen. Was die Medikamente
+betrifft, so können Sie fortfahren, dieselben zu nehmen
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch,
+das werde ich, – dieselben Medikamente und
+aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist Apotheker
+sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt
+haben?“
+</p>
+
+<p>
+„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan
+Iwanowitsch. Ich will nur sagen, daß die Welt heutzutage
+so ist ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel,
+vor einem anständigen Menschen die Nase
+hoch trägt.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm! Wie meinen Sie denn das?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan
+Iwanowitsch ... von unserem gemeinsamen Bekannten
+... sagen wir zum Beispiel – nun, meinetwegen
+von Wladimir Ssemjonowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ah! ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige
+Menschen, denen an der öffentlichen Meinung nicht gar
+so viel gelegen ist, um nicht mitunter die Wahrheit zu
+sagen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ah! ... Und wie denn das?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine
+nur: sie verstehen zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung
+zu verabreichen.“
+</p>
+
+<p>
+„Was? ... Was zu verabreichen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch:
+das ist so eine russische Redensart. Sie verstehen zum
+Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu gratulieren, –
+es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Zu gratulieren, sagen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor
+einigen Tagen einer meiner näheren Bekannten tat! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber
+wie denn das?“ forschte Krestjan Iwanowitsch, der
+Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte
+einem anderen gleichfalls sehr nahen Bekannten und
+sogar Freunde zum Assessor, zu dem er neuerdings ernannt
+worden war. Und da sagte er denn wörtlich:
+‚Freue mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen
+zum Assessor gratulieren zu können, empfangen Sie
+meinen <em>aufrichtigen</em> Glückwunsch. Ich freue mich
+um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich
+keine Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr
+Goljädkin nickte listig mit dem Kopf und blickte blinzelnd
+zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ...
+</p>
+
+<p>
+„Hm. Gesagt hat das also ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
+„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und
+indem er es sagte, blickte er noch zu Andrej Philippowitsch
+hinüber, der nämlich der Onkel unseres Nesthäkchens
+Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht
+das mich an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert
+das mich? Nur – sehen Sie, er will doch heiraten,
+er, dem die Lippen noch nicht trocken von der Kindermilch
+geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch.
+Ganz einfach sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich
+Ihnen wirklich alles erzählt. Gestatten Sie daher, daß
+ich aufbreche und mich entferne.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt,
+wiederhole ich, mich zu entfernen. Doch hier – um
+gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu treffen –
+nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs
+Trockene gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara
+Olssuphjewna – die ganze Sache spielte sich vorgestern
+bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte gerade
+eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr
+ungefähr: ‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen,
+nur hört man Ihnen nicht reinen Herzens zu.‘
+Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte ich deutlich
+darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge
+hat, sondern weiter blickt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ah! Nun und was tat er?“
+</p>
+
+<p>
+„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch,
+wie man zu sagen pflegt, sogar ohne die Miene zu verziehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte
+<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
+ich ungefähr: ‚Olssuph Iwanowitsch, ich weiß, was ich
+Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß die Wohltaten,
+die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben,
+zu schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph
+Iwanowitsch,‘ sagte ich. ‚Schauen Sie mit offenen
+Augen um sich. Ich selbst gehe offen und ehrlich vor,
+Olssuph Iwanowitsch.‘“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, also so!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und er?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch?
+Brummte da etwas: dies und jenes, ich kenne dich, Se.
+Exzellenz sei ein guter Mensch – und so weiter, und so
+weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber
+was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas
+altersschwach geworden.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm! Also so steht es jetzt!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch
+so – was rede ich vom Alten! – Der ist wohl schon
+mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen pflegt.
+Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in
+Umlauf gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit
+beiden Ohren dabei. Anders geht es nicht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Klatschgeschichten, sagen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte
+in Umlauf gebracht. Beteiligt haben sich daran
+außer anderen unser Bär und dessen Neffe, unser
+Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern zusammengetan
+und dann die Sache ausgeheckt. Was
+glauben Sie wohl, was sie ersonnen haben – um einen
+Menschen zu töten?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
+„Zu töten?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu
+töten, um ihn moralisch zu töten. Sie haben das Gerücht
+verbreitet ... ich rede immer von einem nahen
+Bekannten ...“
+</p>
+
+<p>
+Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ...
+Offen gestanden, Krestjan Iwanowitsch, ich schäme
+mich fast, so etwas nur auszusprechen!“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ...“
+</p>
+
+<p>
+„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits
+schriftlich verpflichtet habe, zu heiraten: daß er
+bereits der Bräutigam einer anderen sei ... Und was
+glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der Bräutigam
+wessen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun?“
+</p>
+
+<p>
+„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen,
+die ihn beköstigt: und anstatt seine Schuld für das Essen
+zu bezahlen, habe er um ihre Hand angehalten!“
+</p>
+
+<p>
+„Das haben sie also verbreitet?“
+</p>
+
+<p>
+„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch?
+Eine Deutsche, eine gemeine, schamlose, unverschämte
+Person, die Karolina Iwanowna heißt, wenn Sie es
+wissen wollen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe
+Sie, und fühle auch meinerseits ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“
+</p>
+
+<p>
+„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube
+ich ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
+„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich,
+gewiß lebte ich auch früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach
+ihn schnell Herr Goljädkin mit einem leisen
+Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch
+ein wenig stutzig gemacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte
+meinerseits ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich
+wollte gleichfalls meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin
+lachend fort. „Aber ich, verzeihen Sie, Krestjan Iwanowitsch,
+ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange
+auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen
+einen Guten Morgen zu wünschen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich
+verstehe Sie jetzt vollkommen,“ versetzte unser Held ein
+wenig geziert. „Also, wie gesagt, gestatten Sie, Ihnen
+einen Guten Morgen zu wünschen ...“
+</p>
+
+<p>
+Damit verbeugte sich unser Held und verließ das
+Zimmer, begleitet von den Blicken Krestjan Iwanowitschs,
+der ihm in höchster Verwunderung nachsah.
+</p>
+
+<p>
+Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg,
+schmunzelte er und rieb sich froh die Hände. Draußen
+angelangt, atmete er tief die frische Luft ein, und da er
+sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich für
+den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen
+er schon den Weg zu seinem Departement einschlagen
+wollte, – als plötzlich eine Equipage ratternd
+vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie zunächst
+unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles
+<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
+wieder ein. Petruschka riß bereits den Wagenschlag
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte
+den ganzen Herrn Goljädkin. Für einen Augenblick
+schien er wieder zu erröten. Wie ein Stich traf es
+ihn.
+</p>
+
+<p>
+Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen,
+wandte er sich plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern
+Krestjan Iwanowitschs. Richtig! Dort stand
+Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der
+Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und
+aufmerksam unserem Helden nach.
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin,
+indem er einstieg, „äußerst dumm. Es ist ja möglich,
+daß er seine Kranken ganz gut kuriert, aber immerhin
+... er selbst ist unglaublich dumm.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr
+zu!“ und die Equipage rollte davon, wieder geradeaus
+zum Newskij Prospekt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-3">
+<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
+III.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt
+waren, ließ Herr Goljädkin vor dem Gostinnyj
+Dworr<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> halten, stieg aus, trat in Begleitung Petruschkas
+schnell unter die Arkaden und begab sich unverzüglich
+zum Juwelierladen. Schon an der Miene
+Herrn Goljädkins konnte man erkennen, daß er an diesem
+Morgen unendlich viele Gänge vorhatte. Nachdem
+er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise
+von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von
+sehr origineller Form und ein vollständiges Rasierzeug
+in Silber, ferner noch dies und jenes, kleine,
+nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von
+allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt
+hatte, schloß er seinen Kauf damit, daß er
+sich an den Juwelier wandte und versprach, am nächsten
+Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an diesem
+selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte
+sich die Nummer des Juwelierladens, hörte höflich
+den Juwelier an, dem es sehr um eine „kleine Anzahlung“
+zu tun war, versprach auch eine solche, verabschiedete
+sich von dem etwas betreten dreinschauenden
+<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
+Manne, als wäre nichts geschehen, worauf er unter den
+Arkaden weiterging, begleitet von einem ganzen
+Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten,
+und begab sich, immer gefolgt von Petruschka,
+nach dem er sich übrigens fortwährend umsah, in einen
+anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch in eine
+Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren
+Geldscheine gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor
+– doch wurde seine Brieftasche dadurch bedeutend
+dicker, was Herrn Goljädkin augenscheinlich sehr angenehm
+war. Dann suchte er einen anderen Laden auf,
+in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe
+auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann,
+am nächsten Tage wiederzukommen, notierte sich
+die Nummer des Geschäfts, und auf die Frage nach
+der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten.
+Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden
+ein, wählte aus, handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern,
+ging sogar zwei- bis dreimal fort, um dann
+doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine ungeheure
+Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser
+Held nach einem bekannten Möbelmagazin, wo er
+Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er begutachtete auch
+noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem betreffenden
+Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem
+Tage nach den Sachen schicken werde, und verließ das
+Geschäft wieder mit dem Versprechen, einen Teil anzuzahlen.
+Und so besuchte er noch ein paar andere
+Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit
+einem Wort, das Ende seiner Besorgungen war gar
+nicht abzusehen. Endlich aber schien diese Art von Beschäftigung
+<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
+Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden.
+Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb,
+Gewissensbisse ein. Um keinen Preis würde er
+eingewilligt haben, wenn ihm jemand den Vorschlag
+gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in
+den Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch.
+Endlich schlug die Uhr vom Rathausturm drei und nun
+setzte sich Herr Goljädkin endgültig in seine Equipage,
+d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen,
+die er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem
+Besitz nur ein Paar Handschuhe und ein Fläschchen
+Parfüm, das er für einen Rubel fünfundfünfzig Kopeken
+erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin
+noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich
+zu einem bekannten Restaurant am Newskij fahren,
+das er selbst freilich nur vom Hörensagen kannte, stieg
+aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen,
+sich etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten
+Stunde zu verbringen.
+</p>
+
+<p>
+Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer,
+dem ein reiches Diner bevorsteht, d. h. er aß nur, um
+sich, wie man zu sagen pflegt, gegen Magenknurren zu
+sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu,
+setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm
+nach einem etwas unsicheren Blick auf seine Umgebung
+ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las zwei Zeilen, stand
+dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an seinen
+Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf
+zum Fenster und sah, daß seine Equipage noch dort
+stand ... kehrte dann wieder zu seinem Sessel zurück,
+griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es
+<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
+ihm an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war.
+Er sah nach der Uhr, sah, daß es erst ein Viertel nach
+drei war und daß er folglich noch ziemlich lange zu
+warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht angehe,
+so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen,
+und bestellte eine Tasse Schokolade, nach der er im
+Augenblick gar kein Verlangen verspürte. Als er dann
+die Schokolade ausgetrunken und zugleich festgestellt
+hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er
+auf, ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich
+schlug ihn jemand auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen
+– dieselben, denen er am Morgen an der Straßenecke
+begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm sowohl
+an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und
+mit denen unser Held weder besonders befreundet, noch
+offen verfeindet war. Selbstverständlich wurde von
+beiden Seiten eine gewisse Stellung und Haltung gewahrt,
+doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals
+jemand von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende
+Begegnung hier im Restaurant Herrn Goljädkin
+äußerst unangenehm.
+</p>
+
+<p>
+„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen
+beide wie aus einem Munde, „Sie hier? – aber was
+in aller Welt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie
+Herr Goljädkin etwas verwirrt und verletzt durch die
+Verwunderung der jungen, dem Range nach unter ihm
+stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über
+ihren ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens
+notgedrungen – den Harmlosen und bemühte
+<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
+sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also desertiert,
+meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit
+dieser Kanzleijugend gegenüber zu bewahren,
+mit der er sich sonst nie eingelassen hatte, wollte er
+einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter klopfen;
+zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich
+und aus der jovial herablassend gedachten Geste wurde
+etwas ganz anderes.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt
+wohl noch? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wer das? Wen meinen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen
+wir den Bären nennen? ...“ Herr Goljädkin wandte
+sich lachend wieder zur Kasse, um das zurückgegebene
+Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej
+Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder
+ihnen zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht.
+Die beiden jungen Beamten tauschten untereinander
+einen Blick aus.
+</p>
+
+<p>
+„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen
+erkundigt, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete einer von
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir
+ihn sitzen, meine Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt,
+sagen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist
+denn heute mit Ihnen los?! Parfümiert, geschniegelt
+und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer Stutzer geworden?!
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin
+blickte zur Seite und lächelte gezwungen. Als
+<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
+die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen sie in lautes
+Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt
+und setzte eine hochmütige Miene auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann
+unser Held nach kurzem Schweigen, als habe er
+sich entschlossen – „mochte es denn so sein!“ – sie über
+etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren,
+kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von
+der einen Seite gekannt. Einen Vorwurf kann man
+deshalb niemandem machen, zum Teil, das gebe ich
+selbst zu, war es meine eigene Schuld.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und
+sah die beiden bedeutsam an. Jene tauschten wieder einen
+Blick aus.
+</p>
+
+<p>
+„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt.
+Es ist hier weder der richtige Ort noch die richtige
+Zeit zu ausführlichen Erklärungen. Deshalb will
+ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt
+Menschen, meine Herren, die Umwege und Schliche
+nicht lieben, und die sich wirklich nur zum Maskenball
+maskieren. Es gibt Menschen, die in der Geschicklichkeit,
+das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den
+einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit
+sehen. Es gibt auch solche Menschen, meine Herren,
+die sich nicht für restlos glücklich und ihr Leben
+schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das
+Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch
+Menschen, die sich nicht gern ohne jeden Grund ducken
+und müßigerweise scharwenzeln, sich einschmeicheln
+und den Leuten um den Mund reden, und die, was die
+Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin
+<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
+stecken, wohin man Sie die Nase zu stecken nicht gebeten
+hat ... So, meine Herren, jetzt habe ich
+alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen
+zu empfehlen ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten
+in ihrer Wißbegier jetzt vollkommen befriedigt
+waren, brachen sie höchst unhöflich in schallendes Gelächter
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung.
+</p>
+
+<p>
+„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur –
+vorläufig! Leben Sie erst etwas länger in der Welt,
+dann werden Sie schon sehen!“ sagte er mit gekränkter
+Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur
+Tür.
+</p>
+
+<p>
+„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“
+fuhr er fort, sich zum letztenmal zu den beiden
+Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier gewissermaßen
+unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine
+Grundsätze, meine Herren: mißlingt es, so werde ich
+mich trotzdem zusammennehmen – gelingt es aber, so
+habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die Stellung
+eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied,
+und bin stolz darauf, daß ich es nicht bin.
+Zum Diplomaten würde ich nicht taugen. Man sagt,
+meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger
+fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist
+hier der Jäger, und wer der Vogel? Das ist die Frage,
+meine Herren!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem
+vielsagendsten Gesichtsausdruck, d. h. indem er die
+Brauen hochzog und die Lippen zusammenpreßte, beides
+<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
+bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich und
+trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung
+zurücklassend.
+</p>
+
+<p>
+„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch,
+da es ihn offenbar schon langweilte, in der Kälte zu
+warten und sich von Ort zu Ort schleppen zu lassen.
+„Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den
+fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit
+dem unser Held sich an diesem Morgen schon zweimal
+versehen hatte und mit dem er sich jetzt beim Verlassen
+des Restaurants zum drittenmal waffnete.
+</p>
+
+<p>
+„Zur Ismailoffbrücke.“
+</p>
+
+<p>
+„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher
+zu.
+</p>
+
+<p>
+„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt,
+oder sogar erst um fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird
+es jetzt nicht noch zu früh sein? Übrigens kann ich ja
+ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist
+es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans façon</span> ... wie feine Leute zu sagen pflegen.
+– Weshalb sollte ich denn nicht <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans façon</span> erscheinen
+können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans
+façon</span> sein werde, da kann doch auch ich ...“
+</p>
+
+<p>
+So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet
+wuchs seine Aufregung und wurde mit jedem Augenblick
+größer. Man merkte es ihm an, daß er sich zu
+etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen
+– vorbereitete: er flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte
+mit der rechten Hand, blickte in einem fort zu den
+Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich alles eher
+vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit
+<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
+begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen
+werden sollte, ganz <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sans façon</span>, wie feine
+Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der Ismailoffbrücke
+wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus,
+zu dem er ihn fahren sollte. Die Equipage rollte wieder
+mit ohrenbetäubendem Getöse unter den Torbogen und
+weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des rechten
+Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr
+Goljädkin an einem Fenster des zweiten Stockwerkes
+eine junge Dame, der er, kaum daß er sie erblickt, eine
+Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht, was
+er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot
+als lebendig war. Beim Aussteigen war er bleich und
+unsicher. Er trat ein, nahm den Hut ab, rückte mechanisch
+an seinen Kleidern und begann – mit einem sonderbaren
+Schwächegefühl in den Knien: es war, als
+zitterten sie – die Treppe hinaufzusteigen.
+</p>
+
+<p>
+„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten,
+der ihm die Tür öffnete.
+</p>
+
+<p>
+„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht
+zu Haus.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich
+bin eingeladen, mein Bester. Du kennst mich doch?“
+</p>
+
+<p>
+„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn
+nicht zu empfangen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich
+bin es. Und ich bin doch eingeladen, ich ... ich komme
+zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr Goljädkin und
+warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht,
+sogleich die Zimmer zu betreten.
+</p>
+
+<p>
+„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl,
+<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
+den Herrn nicht eintreten zu lassen, man will
+den Herrn nicht empfangen. Ich habe Befehl!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf
+und Gerassimowitsch, der alte Diener Olssuph Iwanowitschs,
+erschien.
+</p>
+
+<p>
+„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der
+Herr will eintreten, ich aber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen
+Sie und schicken Sie den Schuft Ssemjonytsch her.
+– Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf höflich,
+doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es
+geht nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen,
+man kann nicht empfangen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen
+kann?“ fragte Herr Goljädkin unentschlossen.
+„Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb kann
+man denn nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde
+mir gesagt: bitte, zu entschuldigen. Es ist unmöglich.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch
+nicht so! Melden Sie ... Was soll denn das heißen!
+Ich bin zum Diner ...“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache –
+wenn man zu entschuldigen bittet. Aber wie ist denn
+das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie mir
+doch! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn
+<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
+wieder Gerassimowitsch, indem er ihn recht nachdrücklich
+mit dem Arm zur Seite schob, um zwei Herren eintreten
+zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej Philippowitsch
+und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch.
+Beide blickten sehr verwundert Herrn Goljädkin an.
+</p>
+
+<p>
+Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn
+anzureden, doch Herr Goljädkin hatte seinen Entschluß
+schon gefaßt: er trat schnell aus dem Vorzimmer und
+sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in
+dem verwirrten Gesicht:
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ...
+ich hoffe, daß alles sich bald aufklären wird,“ sagte er
+vom Treppenflur aus ...
+</p>
+
+<p>
+„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte
+die Stimme Andrej Philippowitschs.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz
+erreicht. Er wandte sich schnell zurück und sah hinauf
+zu Andrej Philippowitsch.
+</p>
+
+<p>
+„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“
+fragte er ziemlich scharf.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was
+ist hier ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier
+niemanden etwas an. Das ist meine Privatangelegenheit,
+Andrej Philippowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Wa–as?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das
+mein Privatleben ist, und daß man, wie mir scheint,
+hinsichtlich meiner offiziellen Beziehungen hier, nichts
+Tadelnswertes finden kann.“
+</p>
+
+<p>
+„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer
+<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
+offiziellen ... Was ist mit Ihnen geschehen, mein
+Herr?“
+</p>
+
+<p>
+„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar
+nichts ... ein verzogenes Mädchen, nichts weiter ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte
+nicht, was er vor lauter Verwunderung denken sollte.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch
+sprach, auf dem Treppenabsatz von unten
+nach oben blickte und so aussah, als wolle er seinem
+Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen,
+trat, als er dessen Verwirrung gewahrte, eine
+Stufe höher. Andrej Philippowitsch wich etwas zurück.
+Herr Goljädkin stieg wieder eine und dann noch
+eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich
+unruhig um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich
+schnell noch über die anderen Stufen hinauf – doch
+noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück ins
+Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr
+Goljädkin sah sich allein im Treppenhaus. Es wurde
+ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen Gedanken im
+Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken, regungslos
+auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch
+an eine ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer
+Zeit befunden hatte?
+</p>
+
+<p>
+Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs
+wie ein Seufzer klang, und zwang sich zu einem
+schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er plötzlich Stimmen
+und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die
+Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin
+kam wieder zu sich, klappte schnell den Waschbärkragen
+an seinem Herbstpaletot auf, um nicht erkannt
+<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
+zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd
+und bebend die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte
+eine große Schwäche in sich, eine gewisse Abgetaubtheit
+in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen, ein
+lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er
+noch so verwirrt, daß er nicht wartete, bis seine Equipage
+vorfuhr, sondern selbst über den schmutzigen Hof
+zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand
+Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die
+Erde zu versinken oder mitsamt der Equipage in ein
+Mauseloch zu verschwinden, denn es schien ihm, oder
+richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher
+Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der
+Wohnung Olssuph Iwanowitschs gab, an den Fenstern
+stand und ihn mit den Blicken verfolgte. Und er
+wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde,
+wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde.
+</p>
+
+<p>
+„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an,
+der ihm beim Einsteigen helfen wollte.
+</p>
+
+<p>
+„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“
+</p>
+
+<p>
+„Nach Hause, sofort ...“
+</p>
+
+<p>
+„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher
+zu und kletterte auf seinen Dienersitz.
+</p>
+
+<p>
+„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin
+wütend.
+</p>
+
+<p>
+Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke
+erreicht. Plötzlich griff unser Held nach der
+Schnur, riß an ihr wie ein Verzweifelter und schrie
+seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren solle. Der
+Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten
+<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
+fuhr die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph
+Iwanowitsch.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich
+Herr Goljädkin, der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl
+schon vorausgesehen zu haben: denn ohne ein
+Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal anzuhalten,
+fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus
+auf die Straße.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern
+befahl, nicht weit von der Ssemjonoffbrücke, in
+eine kleine Querstraße einzubiegen und vor einem Restaurant
+von recht unansehnlichem Aussehen zu halten.
+Dort stieg er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf
+diese Weise seine Equipage los. Petruschka schickte er
+nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann trat er
+ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte
+ein Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In
+seinem Kopf war ein einziges Chaos. Lange ging er
+im Zimmer erregt auf und ab: endlich setzte er sich auf
+einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm
+sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige
+Situation nachzudenken und irgendeinen Entschluß
+zu fassen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-4">
+<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
+IV.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages
+Klara Olssuphjewnas, der einzigen Tochter
+des Staatsrats Berendejeff, der seinerzeit Herrn Goljädkins
+Gönner gewesen war, stattfand und durch ein
+glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie
+es die Wände der Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke
+und im näheren Umkreise daselbst noch nicht
+gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars
+als an ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes
+erinnerte – zumal ihm hinsichtlich
+des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter
+denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff
+und Miljutin<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> befanden, entschieden etwas
+Babylonisches anhaftete, – dieses feierliche Fest, das
+durch ein so feierliches Diner eröffnet wurde, sollte seinen
+Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der
+nach Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner
+Familienball war, zu dem man noch die nächsten
+Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach dem Geschmack,
+der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als
+glänzend bezeichnet werden mußte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
+Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche
+Bälle auch anderweitig gegeben werden, jedoch – selten.
+Solche Bälle, die eher einem Familienfreudenfeste
+gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können
+nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es
+das Haus des Staatsrats Berendejeff ist. Ja, ich
+bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich solche
+Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter!
+– doch, versteht sich, mindestens einer wie Homer oder
+Puschkin, denn mit einer geringeren Begabung dürfte
+man sich an diese Aufgabe gar nicht heranwagen –
+also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser!
+dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben
+mit kühnem Pinsel diesen ganzen hochfeierlichen Tag
+zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde meine
+Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade
+mit jenem weihevollen Augenblick, in dem das erste
+Glas auf das Wohl der Königin des Festes geleert
+wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in
+andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in
+einem Schweigen, das mehr der Beredsamkeit eines
+Demosthenes glich, als – nun, als einem Schweigen.
+Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern,
+der als ältester unter den Gästen ein gewisses
+Recht auf den Vorrang hatte, wie er sich im Schmuck
+seines Silberhaares und der entsprechenden Orden auf
+der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit
+dem funkelnden Weine griff – mit dem Weine, der
+aus einem fernen Königreich herbeigeschafft war, um
+so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe zu verleihen,
+– mit dem Weine, der eher dem Nektar der
+<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
+Götter gleicht, als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen
+die glücklichen Eltern der Königin des Festes und
+die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem Beispiel
+Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren
+Gläsern griffen und die erwartungsvollen Blicke auf
+den Redner hefteten. Ich würde Ihnen schildern, wie
+dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit geradezu
+tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des
+Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der
+größte Dichter, nie würde meine Kunst ausreichen, um
+die ganze Weihe dieses Augenblicks zu geben, als die
+Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit
+dem Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit
+auf dem lieblichen Antlitz, der Mutter im
+Überschwang der Gefühle in die Arme sank, wie die
+zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann
+und wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des
+Hauses, dem ehrwürdigen Greise und Staatsrat
+Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst
+der Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal
+mit einem Vermögen, einem großen Hause, mehreren
+Gütern und einer so schönen Tochter belohnt hatte –
+wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter
+Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten,
+und wie er mit zitternder Stimme stammelte, Seine
+Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich brächte es nicht
+fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende
+allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern,
+– diese eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem
+Benehmen eines jungen Registrators äußerte, der –
+obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein Staatsrat
+<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
+als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine
+Rührung nicht zu unterdrücken vermochte und seine
+Augen feucht werden fühlte. Andrej Philippowitsch
+dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs nach
+einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach
+ganz etwas anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen,
+wonach eigentlich – aber jedenfalls nicht nach einem
+Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann ...
+O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren
+man in erster Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden
+Augenblicke wiederzugeben, die gleichsam
+zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter
+die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit,
+Freidenkerei, Laster und Neid den Sieg davonträgt!
+Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur schweigend
+– das sagt mehr, als es Worte vermöchten –
+auf jenen glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig
+Lenze zählt, auf jenen Neffen Andrej Philippowitschs,
+den jungen Wladimir Ssemjonowitsch,
+der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete,
+während auf ihm die tränenfeuchten Blicke der Eltern
+des Geburtstagskindes ruhten, die stolzen Blicke Andrej
+Philippowitschs, die verschämten der Königin des Festes,
+die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen
+Grenzen zurückgehalten neidischen Blicke einiger
+jungen Kollegen dieses ausgezeichneten Jünglings. Ich
+will nichts weiter sagen, obwohl ich nicht umhin kann,
+zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens
+eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling,
+wenn auch in einem für ihn vorteilhaften Sinne
+des Wortes – in dieser feierlichen Minute alles, von
+<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
+seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen
+Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht,
+bis zu welch einer Höhe Tüchtigkeit, Ordentlichkeit,
+Sittsamkeit einen Menschen emporheben können! Ich
+will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs
+und einst auch Olssuph Iwanowitschs, der
+außerdem ein alter Hausfreund und Taufvater Klara
+Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar
+– nun auch seinerseits eine Rede halten wollte
+und mit einer Stimme wie ein krähender Hahn fröhliche
+Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch, daß er,
+wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise
+jeden Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen
+erheiterte, und wie Klara Olssuphjewna ihn zum
+Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf Wunsch
+der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur
+anzudeuten, daß die Gäste, die sich nach einem solchen
+Mahle naturgemäß einander nahestehend und verbrüdert
+fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch aufstanden,
+daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach
+kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein
+anderes Zimmer zurückzogen, wo sie, um die kostbare
+Zeit nicht zu verlieren, sogleich an den Spieltischen
+Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen
+begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt
+hatten, alle ungeheuer liebenswürdig waren und
+sich alsbald lebhaft über die verschiedensten Dinge unterhielten;
+daß endlich der hochverehrte Gastgeber unter
+Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch
+und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter
+<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
+den Damen erschien, und, da Liebenswürdigkeit ansteckend
+ist, gleichfalls sehr liebenswürdig wurde und
+sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu improvisieren,
+trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht;
+daß zu diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich
+derselbe Wladimir Ssemjonowitsch, persönlich nach
+Musikanten geschickt wurde, und wie dann, als diese
+– ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb
+neun Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in
+den lockenden Tönen einer französischen Quadrille erklang,
+der die weiteren Tänze folgten ... Es versteht
+sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und
+zu stumpf ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die
+Liebenswürdigkeit des greisen Gastgebers veranstalteten
+Ball zu schildern. Ja, und wie könnte ich, frage ich, wie
+könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer Art
+gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins,
+– wie könnte ich diese außergewöhnliche Mischung
+von Schönheit, Vornehmheit und Heiterkeit,
+von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit,
+von Schelmerei und Freude, alle die Reize
+dieser Beamtendamen, die eher Feen als Damen glichen
+– mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern
+und Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und
+reizend hervorlugenden Füßchen –: ja, wie könnte
+ich alles das schildern? Wie könnte ich diese glänzenden
+Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen,
+gesetzt, gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig
+benebelt dastanden, in den Tanzpausen rauchten,
+oder auch nicht rauchten, und sich in ein fernes grünes
+Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten,
+<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
+die alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch
+eine Familie besaßen, – wie diese jungen Offiziere,
+die von den Begriffen der Eleganz und den Gefühlen
+des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die
+mit ihren Damen größtenteils nur Französisch sprachen,
+oder, falls es Russisch war, dann doch nur in den
+höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei Komplimenten
+und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst
+versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer
+einige liebenswürdige Abweichungen von besagtem
+hohen Tone erlaubten und sich in freundschaftlicher
+Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z.
+B.: „Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert
+getanzt!“ oder: „Na, du, Wassjä, scheinst ja bei deiner
+Dame großartig abgeschnitten zu haben!“ Alles das
+zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie gesagt,
+meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige
+ich lieber. Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin
+zu, dem wirklichen und einzigen Helden unserer
+durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer,
+sagen wir kurz, sehr seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich
+gleichfalls dort auf, d. h. er war nicht gerade auf
+dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf
+dem Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein
+Mensch für sich, und ging niemanden etwas an. Nur
+stand er, während man dort oben tanzte, nicht – wie
+soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich
+– es ist etwas peinlich, das zu sagen – er stand nämlich
+währenddessen im Flur der Küchentreppe des Hauses.
+Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er dort
+<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
+stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch
+für sich, wie immer. Er stand, meine verehrten Leser,
+er stand in einem Winkel, in dem es zwar nicht gerade
+wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand
+halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und
+einem alten Wandschirm, stand zwischen verschiedenem
+Gerümpel, Hausgerät und anderem Kram, und wartete
+vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein müßiger
+Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar
+ist. Er wartete und beobachtete – ja, meine verehrten
+Leser – er wartete und beobachtete vorläufig
+nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick gleichfalls
+eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus
+seinem Versteck hervorzukommen und weiterzugehen:
+und er kam wie jeder andere in den Saal, mit der
+größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er dort
+schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt
+zwischen der Wand, dem Schrank und dem Schirm und
+neben verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderen
+Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß
+in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner
+Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen
+Ministers Villèle seligen Angedenkens, daß nämlich
+„alles zu seiner Zeit an die Reihe komme, wenn man
+nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch
+hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens
+ganz belanglosen Buch gelesen und sich gemerkt, weshalb
+er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr zur rechten Zeit,
+wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte
+dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen
+Lage, und zweitens, was kommt einem Menschen
+<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
+schließlich nicht in den Sinn, wenn er in einem Treppenflur,
+in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang
+auf den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet?
+</p>
+
+<p>
+Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur
+rechten Zeit den passenden Ausspruch zitierte, fiel ihm
+gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde die Lebensgeschichte
+des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris
+ein, und gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin
+Louise, deren Biographie er gleichfalls einmal gelesen
+hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß die Jesuiten
+nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes
+Mittel durch den Zweck geheiligt werde, daß man also
+jedes Mittel anwenden könne, wenn man damit nur
+das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache flößte
+Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon
+im nächsten Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“
+– die Jesuiten, die könne er allesamt ins Bockshorn
+jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich
+nur das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren
+wollte (das Zimmer, von dem aus eine kleine Tür unmittelbar
+nach dem Flur führte, in dem Herr Goljädkin
+sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten,
+nämlich ohne weiteres – dort eintreten und
+schnurstracks durch das Büfettzimmer ins Teezimmer gehen
+und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten
+spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem
+getanzt wurde. Und er würde hindurch gehen, würde tatsächlich
+und ohne jede Rücksicht oder irgendwelche Bedenken,
+ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen –
+würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen,
+und, noch eh’ ihn jemand bemerkte, mitten im Saal stehen!
+<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
+Dort aber – o! was er dann dort zu machen
+hatte, das wußte er selbst schon ganz genau.
+</p>
+
+<p>
+Also in einem solchen Zustande befand sich unser
+Held, obschon es übrigens schwer zu erklären wäre,
+was alles während des Wartens in ihm vorging. Die
+Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis
+in den Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte:
+weshalb, fragte er sich, sollte er ihn auch nicht finden?
+– weshalb sollte er nicht eintreten, wenn doch
+alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur,
+doch weiter wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens
+nicht offen und allen sichtbar ... aber das
+nicht etwa deshalb, weil er es nicht <em>wagte</em>, sondern
+so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er
+lieber kein Aufsehen erregte – nur das war der
+Grund. Und da wartete er eben, wartete ganz mäuschenstill
+geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er
+auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet!
+</p>
+
+<p>
+„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was
+hat Villèle damit zu schaffen! Aber wie könnte ich
+jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach du Eckensteher,
+du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst,
+samt seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der
+steifgefrorenen Hand in die steifgefrorene Wange, „du
+Narr, der du bist, du elender Goljädka<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a>, da hat dich
+das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es dir einen
+solchen Namen gab! ...“
+</p>
+
+<p>
+Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen
+er sich plötzlich selbst bedachte, nur so eine zeitweilige
+<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
+kleine Gedankenverirrung, ohne jeden sichtbaren Zweck
+oder besonderen Grund.
+</p>
+
+<p>
+Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck
+hervor und schlich zur Tür: der Augenblick war
+günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr
+Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der
+Tür. Schon legte er die Hand auf die Klinke, um
+zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen – doch plötzlich
+fragte er sich:
+</p>
+
+<p>
+„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht?
+... Ach was, ich trete ein! ... weshalb sollte ich
+denn nicht? Dem Mutigen gehört die Welt!“
+</p>
+
+<p>
+Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert
+hatte – flüchtete er plötzlich, für ihn selbst
+ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das
+Zimmer kommt? Da haben wir’s! – da sind richtig
+welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als niemand
+dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn
+man doch so ... ganz einfach sich ein Herz fassen und
+ohne weiteres und geradezu hineindringen könnte! ...
+Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal solch
+einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung
+geben muß! Da ist dir das Herz wieder gleich in
+die Hühnerbeine gefallen! Ja, den Mut verlieren, das
+ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts ausrichten
+oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche!
+Das können wir! Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel
+und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus könnte man
+jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich
+ganz angenehm. So aber – spät zurückkehren? ...
+<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
+Petruschka würde brummen ... Soll ich nicht einfach
+jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die
+ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“
+</p>
+
+<p>
+Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß
+gefaßt, als er plötzlich schon an der Tür stand, mit zwei
+Schritten in das Büfettzimmer schlüpfte, Paletot und
+Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in einen
+Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und
+sich umsah: dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer,
+von dort schlüpfte er fast unbemerkt durch das
+Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere
+Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann
+... ja dann vergaß Herr Goljädkin alles, was ringsum
+war oder geschah, und befand sich im Saal.
+</p>
+
+<p>
+Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht
+getanzt. Die Damen saßen oder gingen umher in malerischen
+Gruppen. Die Herren standen hier und dort in
+leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen
+zum nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch
+nichts davon. Er sah nur Klara Olssuphjewna,
+neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir Ssemjonowitsch,
+dann noch zwei oder drei Offiziere – und
+vielleicht ein paar junge Beamte, die alle, wie man auf
+den ersten Blick erkennen konnte, hinsichtlich ihrer
+Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen berechtigten
+... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere
+Gestalten. Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder
+doch so gut wie nichts, wenigstens sah er niemanden
+an, und bewegte sich nicht aus eigener Kraft, sondern
+gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach
+<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
+seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden
+keinen eigenen mehr besaß, immer weiter schob, immer
+weiter, und durch die er, indem er ihr folgte, auf diese
+Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal erschien.
+Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten,
+oder vielleicht auch schon mehr oder weniger vergangen
+waren, trat er versehentlich einem Geheimrat auf den
+Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen Matrone,
+verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur,
+der er etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an
+einen Diener, der mit einem Präsentierteller an ihm
+vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden, ohne es
+selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen
+Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können,
+– bis er plötzlich nur eines begriff: daß er vor
+Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er in
+diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den
+Boden versunken: doch was nicht geht, das geht nun
+einmal nicht, ebensowenig wie Geschehenes sich ungeschehen
+machen läßt. Was sollte er tun? Mißlingt es,
+dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren
+sie? Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte
+er vollkommen recht – kein Meister in der Kunst, das
+Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ... Möglich,
+daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die
+Jesuiten in den Sinn ...
+</p>
+
+<p>
+Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte
+und lachte – verstummte plötzlich wie durch einen
+Zauberschlag. Man sah sich um, man fragte sich mit
+den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und allmählich
+drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah
+<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
+und hörte selbst nichts davon – er stand und sah zu
+Boden und gab sich sein Ehrenwort, daß er sich noch in
+dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich sein
+Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was
+wolle!“ Doch plötzlich vernahm er zu seiner eigenen
+größten Verwunderung, daß er zu sprechen begann.
+</p>
+
+<p>
+Er begann mit der üblichen Gratulation und dann
+folgten einige sogar sehr geschickte und vernünftige
+Worte, mit denen er ihr Glück und alles Gute wünschte.
+Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei
+den Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher
+und fühlte, daß er, sobald er nur einmal stockte, dann
+überhaupt nicht weiter können würde, und ... und so
+stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat
+nicht mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er
+stand ... und errötete! Hochrot stand er da und wußte
+sich nicht zu helfen ... und in seiner Hilflosigkeit sah er
+plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles stand,
+alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden
+erhob sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises
+Gelächter. Herr Goljädkin warf einen verlorenen
+Blick auf Andrej Philippowitsch, doch der Blick, der
+ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren
+Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen
+tot gewesen wäre, auf der Stelle getötet hätte. Alles
+schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten
+und fällt in mein Privatleben, Andrej
+Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum hörbar
+hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej Philippowitsch
+...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
+„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“
+sagte Andrej Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen
+Ausdruck des Unwillens, – sagte es,
+reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie
+fort von Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“
+erwiderte Herr Goljädkin leise, sah auf und
+ließ seinen unglücklichen Blick über die Umgebung irren,
+als wolle er sich zunächst über seine eigentliche
+Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar
+werden.
+</p>
+
+<p>
+„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren!
+Was ist denn dabei? Nun was, das kann doch
+einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin kaum
+verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um
+sich der ihn umringenden Schar zu entziehen.
+</p>
+
+<p>
+Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg
+frei. So schob sich unser Held denn zwischen zwei Reihen
+neugieriger und verwunderter Beobachter weiter.
+Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es
+selbst, daß er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich
+hätte er viel darum gegeben, wenn er jetzt wieder
+im Flur hinter dem Schrank hätte stehen, wenn er
+sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“
+unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können!
+Doch da das leider ausgeschlossen war, so sah er sich
+nach einer Möglichkeit um, sich wenigstens im Saal irgendwo
+zu verstecken oder in einem möglichst unbeachteten
+Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen
+bis zum Morgen auszuharren, bescheiden, anständig,
+ganz für sich, ohne die geringste Aufmerksamkeit auf sich
+<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
+zu lenken, ohne jemanden anzurühren, um auf diese
+Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die
+Verzeihung des Hausherrn zu erwerben.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe
+irgend etwas den Boden, auf dem er stand, als wanke
+dieser Boden bereits, als müsse er selbst sogleich fallen.
+Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er sich
+zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer
+auszusehen, der niemanden etwas anging und
+der selbst mit ziemlichem Gleichmut dem Treiben zusah,
+indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle stützte, die
+er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt,
+während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst
+heiterem Blick die ihn immer noch anschauenden Gäste
+Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von allen am
+nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor
+dem Herr Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam.
+</p>
+
+<p>
+„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden
+Stühle sind für zwei Damen bestimmt: der eine für
+Klara Olssuphjewna, der andere für die Prinzessin
+Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie
+nicht von anderen fortgenommen werden,“ stammelte
+Herr Goljädkin unter Herzklopfen, indem er seinen flehenden
+Blick auf den jungen Leutnant richtete. Statt
+einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem
+wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab.
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der
+einen Seite wollte Herr Goljädkin auf der anderen
+Seite sein Glück versuchen, und wandte sich mit irgendeiner
+Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat,
+<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
+dessen Brust einer unserer höchsten Orden schmückte.
+Doch der Herr Rat maß ihn mit einem Blick, daß Herr
+Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über den
+Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß,
+lieber zu schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen
+und mit seinem Schweigen zu sagen, daß er
+ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle anderen,
+und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden
+kommen lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken
+wortlos auszudrücken, heftete er seine Blicke
+auf den Aufschlag seines Uniformrockes, doch nach
+einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie auf einen
+Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren.
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin,
+„und wenn man ihm diese Perücke abnähme,
+würde man einen vollständig kahlen Kopf sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin
+alles dessen, was er über die arabischen Emire
+gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer Verwandtschaft
+mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban
+trügen, unter dem auch nur ein nackter, das heißt
+haarloser Kopf sichtbar wurde. Von den Köpfen der
+Emire sprangen seine Gedanken auf türkische Pantoffeln
+über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich
+noch, daß Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel
+trug, die mehr bequemen Pantoffeln glichen, als Stiefeln.
+Doch allmählich wurde er mit seiner Umgebung
+vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und
+dorthin zu schauen.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich
+herabfiele, gerade auf die versammelte Gesellschaft, so
+<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
+würde ich sogleich zu Klara Olssuphjewna stürzen und
+sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit wäre, würde
+ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges
+Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin
+Ihr Retter.‘ Und dann ...“
+</p>
+
+<p>
+Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung,
+in der er Klara Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte,
+und da erblickte er plötzlich Gerassimowitsch, den alten
+Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch kam
+mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen
+Miene gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte
+zusammen und runzelte die Stirn unter dem jähen
+Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr unangenehmen
+Empfindung. Ganz mechanisch blickte er
+sich nach beiden Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich
+der Gedanke, daß es vielleicht sehr gut und ratsam
+wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ...
+zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach
+zu verschwinden, als hätte er nie hier gestanden. Doch
+noch bevor unser Held sich zu irgend etwas entschließen
+oder gar etwas tun konnte, stand dieser Gerassimowitsch
+schon vor ihm.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich
+unser Held mit einem Lächeln an den alten Diener,
+„sagen Sie einem von den Dienstboten – sehen Sie
+dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen,
+sie steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell,
+daß man sie wieder gerade einsetzt – sie wird wirklich
+sogleich fallen, Gerassimowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade,
+aber es ist dort jemand, der Sie sprechen will.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
+„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein
+Mensch, den irgend jemand geschickt hat. Er fragte, ob
+Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier sei. So rufen Sie
+ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen
+und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so
+sagte er ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie
+werden sich verhört haben, Gerassimowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Schwerlich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem
+Falle kann es nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch.
+Niemand kann hier nach mir fragen,
+Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen
+wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt,
+ich gehe hier keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um.
+Natürlich! Alles, was im Saale war, alles hatte sich
+mit Augen und Ohren ihm zugewandt und schwieg in
+nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas
+näher und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde
+schienen erregt zu tuscheln. Sogar der Hausherr
+erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe, und
+obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den
+Erlebnissen Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren
+Anteil nahm, zumal in dieser Angelegenheit die
+äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so fühlte
+und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der
+entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war.
+Herr Goljädkin sah es deutlich, daß sich ihm jetzt oder
+<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
+nie die Gelegenheit zu einem kühnen Handstreich bot,
+die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner
+Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin
+empfand plötzlich eine gewisse Begeisterung und
+wandte sich wieder an den wartenden Gerassimowitsch
+und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme:
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen.
+Du irrst dich. Ja, ich sage noch mehr: du hast dich auch
+heute vormittag geirrt, als du mir zu versichern suchtest
+... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“
+– Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph
+Iwanowitsch, mein Wohltäter seit undenklichen
+Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater ersetzt
+hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines
+Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin
+sah sich selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl
+im Kreise um. In seinen Augen erglänzten Tränen.
+„Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt,
+hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr
+Goljädkin fühlte es, daß seine Rede einen Eindruck,
+einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr Goljädkin
+stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete
+die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter
+den Gästen machte sich eine gewisse Aufregung und
+Verwunderung bemerkbar, und selbst der unerschütterliche
+Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder
+„schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach,
+und blieb stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester
+ein und spielte eine rauschende Polka. Alles
+zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen, Gerassimowitsch
+<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
+zog sich schleunigst zurück, und alles, was im
+Saal war, geriet wie ein Meer ins Wogen: da
+schwebte bereits das erste Paar, Wladimir Ssemjonowitsch
+mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites
+der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die
+Zuschauer drängten sich entzückt und begeistert herbei
+und lächelten vor Lust beim Anblick des neuen Tanzes
+– der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch
+nach einiger Zeit geriet wieder alles durcheinander,
+der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte aus,
+die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war
+atemlos, mit geröteten Wangen und ganz erschöpft auf
+einen Stuhl gesunken. Alle Herzen flogen der bezaubernden
+Königin des Festes zu, alle eilten zu ihr, um
+ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das
+man beim Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken,
+und – da stand auch schon Herr Goljädkin vor ihr.
+Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst nicht,
+was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und
+schob bittend den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd.
+Klara Olssuphjewna sah zwar sehr verwundert zu ihm
+auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso
+mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin
+beugte sich nach vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten
+Male, erhob gleichzeitig einen Fuß, mit dem er irgendwie
+nach hinten ausschlug, dann stampfte er plötzlich
+auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen
+Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen!
+Klara Olssuphjewna kam plötzlich zu sich und schrie
+leise auf: im Nu stürzten alle herbei, um sie von Herrn
+<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
+Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser
+Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt,
+sah sich von einem empörten Kreise umgeben,
+vernahm das Gekreisch und die Klagen von zwei
+alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen
+oder getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die
+Aufregung war unbeschreiblich: alles rief, schrie,
+sprach durcheinander. Das Orchester verstummte. Unser
+Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte
+halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß
+er doch gleichfalls ... weshalb denn nicht ... die
+Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts dafür ...
+ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung
+der Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun
+einmal nicht ginge, so sei er ja bereit, zurückzutreten
+... Leider schien sich aber niemand um seine Bereitwilligkeit
+zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß
+eine Hand sich um seinen Oberarm legte und eine andere
+kräftig gegen seinen Rücken drückte und daß man
+ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese
+Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr
+Goljädkin wollte irgend etwas sagen, irgend etwas tun
+... oder nein, er wollte gar nichts mehr. Er lächelte
+nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung
+war dann, daß man ihm den Mantel anzog und den
+Hut auf den Kopf drückte, irgendwie schief auf die
+Stirn und in die Augen. Dann befand er sich, wie ihm
+schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit
+und Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte
+er und glaubte, in einen Abgrund zu fallen: er
+wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon auf
+<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
+dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand
+und fühlte nur ein Drehen im Kopf. Da vernahm er
+mit einem Male die gedämpften Klänge der Musik, die
+wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich erinnerte
+er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig
+verlassen hatten, waren wie mit einem Schlage
+wieder da. Er fuhr auf, griff sich an den Kopf und
+stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die Freiheit,
+geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-5">
+<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
+V.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht,
+als Herr Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals
+in der Nähe der Ismailoffbrücke hinauslief,
+um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen
+Feinden und Verfolgern, dem Gekreisch der empörten
+alten und dem Ach und Weh der jungen Damen, und
+vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet,
+wie man das so zu sagen pflegt, sondern vollständig
+und buchstäblich erschlagen – erschlagen und tot, und
+wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit des
+Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem
+Wunder zu erklären, einem Wunder, an das zu glauben
+er sich schließlich selber weigerte. Das Wetter war
+grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht: naß,
+neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle
+Gaben des Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus,
+Schnupfen, Influenza und alle möglichen
+sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich
+brachten und in sich trugen. Der Wind heulte durch die
+menschenleeren Straßen und über den Kanal, daß das
+schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich regte,
+rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein
+<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
+Pfeifen mit leisem Kreischen und Knarren antworteten,
+was dann alles zusammen wie eine weinerlich schrille,
+fernher schwirrende Musik klang, die jedem Petersburger
+so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen
+Regenströme samt dem nassen Schnee trafen – als
+kämen sie aus einer Feuerspritze – den armen Herrn
+Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen
+ihn ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das
+nächtliche Schweigen, das nur fernes Wagenrollen,
+das Heulen des Windes und das Knarren der Laternen
+unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des
+Wassers von den Dächern und Fenstervorsprüngen auf
+die Steine des Trottoirs, und das leise gurgelnde murmelnde
+Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen.
+Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen,
+und es konnte ja auch um diese Zeit und bei diesem
+Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn auf dem
+Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz
+allein mit seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit
+und den Regen, eilte in seiner eigentümlichen Gangart
+mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie im
+Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie
+möglich die Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den
+Torbogen zu schlüpfen und dann die Treppe hinaufzueilen,
+bis er in seiner Wohnung in Sicherheit war.
+</p>
+
+<p>
+Doch obschon der Schnee und Regen und alles das,
+was sich kaum nennen und schildern läßt, wenn die Novemberstürme
+Petersburg heimsuchen, von allen Seiten
+zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn
+schonungs- und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf
+die Knochen ging, die Augen blendete und ihn fast vom
+<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
+Wege blies, als habe das Wetter sich mit seinen Feinden
+verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen:
+so konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin,
+der an diesem Tage schon genugsam vom Unglück
+verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht
+den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum
+ernsthaft und wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert
+war er durch das, was er vor wenigen Minuten im
+Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben müssen!
+Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem
+Augenblick von der Seite hätte beobachten können,
+wie er so, gleichsam blind und taub, durch das Unwetter
+einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze
+fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl
+gesagt, Herr Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor
+sich selbst verstecken, als wolle er am liebsten vor sich
+selbst fortlaufen. Und so war es auch wirklich. Ja,
+wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am
+liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts
+verwandelt hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff
+er etwas von dem, was ihn umgab: er sah aus,
+als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom
+Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für
+den rechten Stiefel etwas zu groß war, fiel ab, doch
+Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es überhaupt zu bemerken.
+Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh
+stehen blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem
+Gedanken an eine unfaßbare Schmach, und daß er dann
+unbeweglich, wie zu einer Bildsäule erstarrt, mitten
+auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er
+fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr
+<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
+und wie ein Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne
+sich umzusehen, als wolle er sich vor Verfolgern retten
+oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren Unglück zu
+entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend
+...
+</p>
+
+<p>
+Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich
+auf das Geländer am Kanal und starrte auf das
+schwarze Wasser der Fontanka. So stand er eine lange
+Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber
+jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual
+so ungeheuerlich und sein Mut so erschöpft, daß
+er alles vergaß, alles, das Haus an der Ismailoffbrücke
+und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja,
+selbst vergaß, wo er sich im Augenblick befand ...
+Und warum sollte er auch nicht? Es war doch nichts
+mehr daran zu ändern, was ging es ihn im Grunde
+noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am
+ganzen Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein
+paar Schritte zur Seite. Mit einer unerklärlichen Unruhe
+sah er sich um: es war niemand zu sehen, es
+konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ...
+und doch schien es ihm, daß im Augenblick jemand neben
+ihm, dicht neben ihm gestanden hatte, gleichfalls auf
+das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war, als
+habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell
+und kurz und nicht ganz deutlich, aber irgend etwas
+ihm Naheliegendes, etwas, das ihn persönlich anging.
+</p>
+
+<p>
+„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen
+sein?“ fragte sich Herr Goljädkin, indem er sich nochmals
+suchend umsah. „Aber wo bin ich denn? ...
+<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
+Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig,
+mit einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit
+einer gewissen Angst, alle Kräfte zusammenzunehmen,
+um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die trübe, feuchte
+Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges
+zu sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es
+schien alles ruhig zu sein, alles wie es sein mußte, es
+schneite nur stärker als vorher und in größeren Flocken:
+keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen,
+so stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger,
+noch klagender sein banges Lied, ganz wie ein
+Bettler, der nicht von einem läßt und traurig um ein
+Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können.
+</p>
+
+<p>
+„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich
+Herr Goljädkin, und er setzte seinen Weg fort, blickte
+sich aber immer noch etwas unsicher um. Inzwischen
+bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war
+wie eine Beklemmung, und doch wieder nicht, es war
+wie Angst ... und doch anders als Angst ... Ein
+fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper
+und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich,
+um sich etwas zu ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht
+hat so etwas nichts auf sich und geht niemandem
+an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“
+fuhr er fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach,
+„vielleicht wird das gerade zum Guten führen, mir
+noch ein Glück eintragen, weshalb also ungehalten
+sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet
+sein kann?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
+Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen
+beschäftigt, schüttelte Herr Goljädkin den Schnee
+von sich ab, der schon mit einer dicken Schicht seinen
+Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel bedeckte,
+– doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung
+konnte er nicht abschütteln. Irgendwo fern
+fiel ein Kanonenschuß<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a>.
+</p>
+
+<p>
+Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu!
+wenn es nicht noch eine Überschwemmung gibt? Das
+Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein ...
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er
+nicht weit vor sich einen Menschen erblickte, der ihm
+entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein verspäteter
+Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige
+Begegnung, die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch
+Herr Goljädkin wurde aus einem unbekannten Grunde
+ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf.
+Nicht, daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte,
+– nein, das nicht, aber ... „was kann man wissen,
+wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn, „vielleicht ist
+auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die
+Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen,
+sondern in einer besonderen Absicht, um meinen
+Weg zu kreuzen und mich anzurempeln ...“
+</p>
+
+<p>
+Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch
+nicht, sondern empfand nur eine Sekunde lang etwas
+Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte
+<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
+auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde
+war keine zwei Schritte mehr von ihm entfernt. Herr
+Goljädkin beeilte sich seiner Gewohnheit gemäß, eine
+Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab, daß
+er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden
+etwas angehe, daß der Weg für alle breit genug, und
+er, Goljädkin selbst, niemanden anrühre und ruhig
+vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz getroffen,
+und dann wandte er sich schnell zurück und sah
+dem anderen nach, der kaum an ihm vorübergegangen
+war, – wandte sich zurück, als habe ihn jemand an
+einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte
+sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig,
+war gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in
+die Stirn gezogen und den Kragen aufgeschlagen,
+und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen,
+schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im
+Trab.
+</p>
+
+<p>
+„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin
+mit einem ungläubigen Lächeln, – schauderte aber
+doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm kalt
+über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte
+vollends in der Dunkelheit, auch seine Schritte
+waren nicht mehr zu hören, Herr Goljädkin aber stand
+immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er
+wieder zu sich.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich
+denn etwa rein von Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“
+Und er ging wieder seines Weges, beschleunigte
+aber immer mehr den Schritt und bemühte sich,
+an gar nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen,
+<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
+um nicht zu denken. Plötzlich, durch das Heulen
+des Windes und das Geräusch des Unwetters, vernahm
+er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr
+zusammen und öffnete die Augen. Vor ihm, etwa
+zwanzig Schritte weit, tauchte von neuem irgendein
+dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam.
+Die Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin
+konnte schon deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen
+erkennen, – und plötzlich schrie er auf vor
+Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden
+schwach. Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant,
+der vor etwa zehn Minuten an ihm vorübergegangen
+war, und der ihm jetzt plötzlich wieder entgegenkam.
+Das Erlebnis war seltsam und unheimlich.
+Herr Goljädkin war so überrascht, daß er stehen blieb,
+zitterte, irgend etwas sagen wollte, und – plötzlich
+dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an,
+wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte
+blieb auch wirklich stehen, etwa zehn Schritte
+weit von Herrn Goljädkin, und zwar gerade im Schein
+der nächsten Laterne, so daß man <a id="corr-22"></a>ihn deutlich erkennen
+konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin
+um und wartete mit ungeduldiger Miene darauf,
+was jener nun sagen werde.
+</p>
+
+<p>
+„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“
+stammelte unser Held mit zitternder Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich
+ungehalten wieder von ihm ab und ging schnell
+weiter, als wolle er sich beeilen, die verlorenen zwei
+Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am
+ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen
+<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
+zu halten. Mit einem Stöhnen sank er auf einen der
+Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich allen Grund,
+so die Fassung zu verlieren.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt
+erschienen. Doch das hätte allein noch nicht viel
+besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte ihn jetzt
+vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn
+schon gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal
+gesehen, sogar vor ganz kurzer Zeit. Aber wo? – wo
+konnte das gewesen sein? – und wann? War es nicht
+erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das
+die Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen
+hatte. Es war ja auch fast gar nichts Besonderes an
+diesem Menschen – auf den ersten Blick hätte dieser
+Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit
+erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle
+anderen, war natürlich auch anständig, wie alle anständigen
+Menschen, und vielleicht besaß er sogar irgendwelche
+Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein
+Mensch für sich.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft
+noch selbst eine Abneigung gegen diesen Menschen,
+sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in diesem
+Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für
+nichts in der Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht,
+und nun noch gar eine, wie jetzt in der Nacht.
+Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin
+kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar,
+wie er hieß, mit dem Familiennamen und mit dem
+Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn selbst
+für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, –
+<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
+er wollte ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben,
+daß jener so und so hieß.
+</p>
+
+<p>
+Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß,
+was er dachte oder empfand, das vermag ich nicht zu
+sagen, doch als er endlich wieder zu sich kam, raffte er
+sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er lief,
+was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der
+Atem ging ihm aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin
+– und bei der Gelegenheit verlor er auch die andere
+Galosche. Endlich gab er das Laufen auf, verlangsamte
+den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell
+um und stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon
+eine ganze Wegstrecke längs der Fontanka zurückgelegt
+hatte, ging dann über die Anitschkoffbrücke, ging über
+den Newskij und stand schließlich an der Straßenkreuzung
+des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann
+bog er in die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick
+einem Menschen, der am Rande eines Abgrundes
+steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den Boden
+schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick
+in die Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß
+und selbst sieht, und der doch nicht die Kraft hat und
+auch nicht die Geistesgegenwart, auf den noch feststehenden
+Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke,
+den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden:
+die Tiefe zieht ihn vielmehr an, zieht ihn und
+läßt ihn nicht los, und so springt er denn schließlich
+beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang
+zu beschleunigen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt,
+daß ihm sogleich, noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles
+<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
+zustoßen, daß er z. B. wieder jenem Unbekannten
+begegnen würde: doch – so seltsam es auch
+erscheinen mag – er wünschte diese Begegnung jetzt
+beinahe selbst herbei, wünschte sie schneller herbei, so
+schnell wie möglich. Da er sie doch für unvermeidlich
+hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein
+Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch,
+rasch! Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege
+ihn eine fremde Macht, denn von seinem eigenen
+Wesen fühlte er nichts als eine unendliche Erschöpfung
+und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr
+denken, obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen
+wie Dornen an alles und jedes hefteten. Ein verirrtes
+Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so zitterte,
+schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken
+dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten
+Ohren, und von Zeit zu Zeit sah es schüchtern
+und verständnisvoll zu ihm auf.
+</p>
+
+<p>
+Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke
+oder vielmehr die Erinnerung an etwas vor langer Zeit
+einmal Geschehenes kam ihm jetzt in den Sinn und begann
+in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und
+hämmerte und ließ sich nicht abweisen.
+</p>
+
+<p>
+„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin
+vor sich hin, ohne sich selbst zu verstehen. Endlich
+erblickte er den Unbekannten wieder, gerade wie er um
+die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder
+entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung,
+ging wenige Schritte vor ihm und eilte ebenso
+wie er in leichtem Trab. Bald hatten sie die Schestilawotschnaja
+erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag
+<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
+setzte aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause
+stehen, in dem Herr Goljädkin wohnte. Man hörte die
+Klingel unter dem Torbogen und fast in demselben
+Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels.
+Das Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte
+beugte sich und verschwand. Im nächsten Augenblick
+hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und
+schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas
+brummte; er lief auf den Hof und erblickte wieder den
+Unbekannten, den er einen Moment aus dem Auge
+verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang
+zu der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung
+hinaufführte. Herr Goljädkin eilte ihm nach. Die
+Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen
+Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so
+daß ein Fremder, der zum erstenmal und noch dazu im
+Dunkeln diese Treppe hinaufstieg, mindestens eine
+halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte.
+Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß
+man sich Hals und Beine brach, verwünschte immer
+wieder nicht nur die Treppe, sondern mit dieser auch
+seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen,
+zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch
+jener Unbekannte, den Herr Goljädkin verfolgte,
+schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut
+zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit
+der größten Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal
+zu zögern, als wäre ihm jede Stufe bekannt. Herr
+Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder dreimal
+schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten
+an seine Nase. Das Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle
+<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
+Fremde blieb gerade vor der Tür der Wohnung
+des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka –
+was zu einer anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in
+Verwunderung gesetzt hätte, – Petruschka, ganz als
+hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen gelegt,
+öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen
+mit dem Licht in der Hand entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung
+in seine Wohnung. Ohne Hut und Mantel im Vorraum
+abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt,
+auf der Schwelle seines Zimmers stehen.
+</p>
+
+<p>
+Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich
+vollständig, alles, was er gefürchtet hatte, trat jetzt in
+die Erscheinung. Der Atem ging ihm aus, der Kopf
+schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem
+Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte
+ein wenig, blinzelte ihm zu und nickte freundschaftlich
+mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte schreien, konnte
+aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die
+Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge
+und er setzte sich starr vor Schreck neben den anderen
+hin. Dazu hatte er freilich Ursache. Herr Goljädkin
+erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein
+nächtlicher Freund aber war niemand anders als er
+selbst – ja: Herr Goljädkin selbst, ein anderer Herr
+Goljädkin und doch Herr Goljädkin selbst – mit einem
+Wort und in jeder Beziehung war er das, was man
+einen Doppelgänger nennt.
+</p>
+
+<p class="dashes">
+– – – – – – – – – –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-6">
+<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
+VI.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte
+Herr Goljädkin in seinem Bett. Sofort erschienen
+mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen erregten
+Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen
+Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien
+die ganze wilde und unwahrscheinliche Nacht mit ihren
+fast mysteriösen Ereignissen. Eine so grausame, eine
+so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und besonders
+dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn
+Goljädkins Herz zu Eis erstarren. Dazu schien alles
+das so sonderbar unverständlich und wüst, schien so
+sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm
+wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin
+wäre sogar sehr geneigt gewesen, das alles einfach
+für einen Traum, für eine augenblickliche Verwirrung
+seiner Phantasie, für eine vorübergehende
+Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht
+zu seinem Glück und aus seiner bitteren Lebenserfahrung
+heraus gewußt hätte, bis wohin die Bosheit bereits
+manchen Menschen gebracht hat, wie weit die
+Grausamkeit eines Feindes gehen kann, der sich für
+seine verletzte Ehre rächen mochte. Obendrein legten
+die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins, sein
+<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
+schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger
+Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und
+bestanden unabweislich auf der Wirklichkeit des nächtlichen
+Spazierganges samt allen Abenteuern, die mit ihm
+verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja
+Herr Goljädkin schon längst, daß sie da etwas gegen ihn
+vorbereiteten, daß noch etwas anderes dahintersteckte!
+</p>
+
+<p>
+Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß
+Herr Goljädkin zu schweigen, sich zu fügen und
+in der Sache fürs erste nichts zu tun.
+</p>
+
+<p>
+„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen,
+und wenn sie sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere
+und mich in alles füge, dann werden sie vielleicht
+zurücktreten, von selbst zurücktreten, als erste zurücktreten.“
+</p>
+
+<p>
+Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins
+umgingen, als er sich im Bette ausstreckte, um
+seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und auf das gewohnte
+Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete.
+Er wartete bereits eine ganze Viertelstunde und hörte,
+wie der Faulpelz Petruschka hinter dem Verschlag den
+Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht entschließen,
+ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin
+fürchtete sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen.
+</p>
+
+<p>
+„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott,
+wie der Schuft diese ganze Sache ansieht. Er schweigt
+und schweigt und macht sich dabei seine eigenen Gedanken.“
+</p>
+
+<p>
+Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien
+mit dem Teebrett in beiden Händen. Herr Goljädkin
+<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
+schielte schüchtern nach ihm hin und wartete ungeduldig,
+was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich
+über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch
+Petruschka sagte nichts, im Gegenteil, er war noch
+schweigsamer, finsterer und erboster als gewöhnlich
+und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen
+hervor nur mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte
+daraus entnehmen, daß er äußerst unzufrieden war.
+Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was,
+nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm
+berührte. Er stellte alles, was er gebracht hatte, auf
+den Tisch, kehrte um und ging schweigend hinter seinen
+Verschlag.
+</p>
+
+<p>
+„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte
+Herr Goljädkin, während er seinen Tee einnahm.
+Unser Held jedoch richtete keine Frage an seinen
+Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen
+Anlässen, ins Zimmer kam.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung.
+Peinlich war es ihm vor allem, in die
+Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes Vorgefühl, daß
+dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über
+irgend etwas stolpern! Ist es nicht besser, hier noch etwas
+abzuwarten? Mögen sie da tun – was sie wollen:
+ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln,
+werde meine Gedanken über die Sache in Ordnung
+bringen, um dann den günstigen Augenblick zu
+erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den
+Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen
+auftauchen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
+Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte,
+rauchte er eine Pfeife nach der anderen. Die
+Zeit verging indessen schnell – es war bereits fast
+halb zehn geworden.
+</p>
+
+<p>
+„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte
+Herr Goljädkin, „es ist jetzt wirklich zu spät geworden.
+Dazu bin ich krank, versteht sich, krank, durchaus
+krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es
+mich an! Und wenn man jemanden schickt, der hier
+nachsehen soll – ja, was geht das mich an? Mir tut
+der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen, und
+schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen,
+ich kann mich ernstlich erkälten und sogar sterben
+– die Sterblichkeit ist ja zurzeit so groß ...“
+</p>
+
+<p>
+Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin
+schließlich sein Gewissen vollkommen und rechtfertigte
+sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm von Andrej
+Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung
+des Dienstes“. Überhaupt liebte es unser
+Held bei allen ähnlichen Gelegenheiten, sich vor sich
+selbst durch die verschiedensten Vernunftgründe zu verteidigen
+und auf diese Weise sein Gewissen vollkommen
+zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen
+vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte
+sie aus: doch kaum hatte er ordentlich zu rauchen begonnen
+– als er plötzlich vom Diwan sprang, seine
+Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und frisierte,
+seine Uniform und alles Übrige anzog, einige
+Papiere ergriff und in die Kanzlei davoneilte.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung
+ein, in zitternder Erwartung von etwas sehr
+<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
+Unangenehmem, in einer Erwartung, die unklar und
+dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern
+setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher
+Anton Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne
+sich umzublicken oder sich durch etwas ablenken zu lassen,
+vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm liegenden
+Papiere. Er hatte beschlossen und sich das
+Wort gegeben, sich so wenig wie möglich einer Herausforderung
+auszusetzen und sich vor allem, was ihn
+kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen,
+vor allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen
+Abend möglichst weit weg zu halten. Er beschloß
+sogar, von den gewöhnlichen Höflichkeiten im Verkehr
+mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel Fragen
+nach dem Befinden usw. zu unterlassen.
+</p>
+
+<p>
+Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es
+dabei bleiben konnte. Unruhe und Ungewißheit über
+etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn viel
+quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher,
+trotz des Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf
+nichts einzugehen, was es auch sei, und sich von allem
+fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch zuweilen den
+Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach
+rechts und links, und beobachtete die Gesichter seiner
+Mitarbeiter, um aus ihren Mienen zu schließen, ob
+etwas Neues und Besonderes bevorstehe und aus irgendwelchen
+Absichten vor ihm verborgen werde. Er
+setzte ohne weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen
+den gestrigen Vorfällen und allem bestand, was
+um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus wünschte
+er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß
+<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
+sich alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge,
+wenn es dabei auch ein Unglück gäbe!
+</p>
+
+<p>
+Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal
+auch ereilte: kaum hatte er dies zu wünschen gewagt, als
+seine Zweifel plötzlich gelöst wurden, und zwar auf die
+allersonderbarste und unerwartetste Weise.
+</p>
+
+<p>
+Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich
+leise und schüchtern, als wollte sie damit vorausschicken,
+daß die eintretende Person herzlich unbedeutend
+sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr
+bekannt vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern
+dem Tisch, an dem unser Held saß. Unser Held wagte
+seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die Gestalt nur
+flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles,
+begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte
+vor Scham und steckte seinen armen Kopf in
+die Papiere mit der gleichen Absicht, wie der Vogel
+Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom
+Jäger verfolgt wird.
+</p>
+
+<p>
+Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej
+Philippowitsch und man hörte darauf dessen förmliche,
+höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten in allen
+Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen.
+</p>
+
+<p>
+„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch
+an ihn und wies den Neuling an den Tisch
+Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich Herrn Goljädkin
+gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“
+</p>
+
+<p>
+Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den
+Neuangekommenen mit einer höflich einladenden Gebärde
+sich selbst überließ und sich sofort wieder in seine
+<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
+Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und
+wenn er nicht in Ohnmacht fiel, so geschah es nur deshalb
+nicht, weil er schon vorher alles das vorausgefühlt
+hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet
+war und die Ankunft des Neulings bereits in
+seiner Seele geahnt hatte. Die erste Bewegung Herrn
+Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich nicht ein
+Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz
+vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen
+verzog und schließlich nicht irgend jemand vor Schreck
+vom Stuhle fiel. Doch zur größten Verwunderung
+Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches. Das
+Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte
+ihn in Erstaunen und schien ihm vollständig unerklärlich.
+Herr Goljädkin erschrak fast vor diesem ungewöhnlichen
+Schweigen. Die Tatsache sprach für sich
+selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen.
+Es mußte einen verwundern.
+</p>
+
+<p>
+Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich
+durch den Kopf. Er fühlte sich wie auf einem kleinen
+Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte seinen Grund.
+Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß,
+war – der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die
+Schande Herrn Goljädkins, war – der gestrige Albdruck
+Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin
+selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem
+Munde und mit der Feder in der Hand auf
+dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der als Gehilfe seines
+Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser,
+der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken
+<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
+liebte, nicht der schließlich, dessen Verhalten deutlich
+aussprach: „Rühre mich nicht an und auch ich werde
+dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an,
+denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war
+ein anderer Herr Goljädkin, ein vollkommen anderer,
+und zugleich doch einer, der vollkommen ähnlich dem
+ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben Gestalt
+und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz,
+es war nichts, aber auch nichts zur vollkommenen
+Ähnlichkeit vergessen worden, so daß, wenn man die
+beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand, aber
+auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der
+wirkliche Herr Goljädkin und wer der nachgemachte
+sei, wer der alte und wer der neue, wer das Original
+und wer die Kopie.
+</p>
+
+<p>
+Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen,
+über den, wenn der Vergleich möglich ist, jemand zum
+Spaß ein Brennglas hält.
+</p>
+
+<p>
+„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er,
+„ist es die Gegenwart oder die Fortsetzung von gestern.
+Wie kommt das, mit welchem Recht geht das alles hier
+vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer
+gab ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt
+es mir?“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch
+noch einen anderen ... Nein, es war nicht nur ein
+Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der Schweiß
+in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch
+etwas nie Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete:
+und zur Vollendung des Unglücks begriff und fühlte
+Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in
+<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
+einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel
+zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln,
+und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen
+war und selbst gewünscht hatte, daß sich seine Zweifel
+irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache
+doch ganz unerwartet eingetreten.
+</p>
+
+<p>
+Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend
+war er seiner Gedanken und seines Gedächtnisses
+vollständig beraubt. Wenn er nach solchen
+Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er
+ganz mechanisch und unbewußt seine Feder über das
+Papier führte. Da er sich selbst nicht mehr trauen konnte,
+fing er an, alles Geschriebene nachzuprüfen, und
+siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der
+andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und
+ehrbar dagesessen hatte, und verschwand mit seiner Arbeit
+durch die Tür, in die andere Abteilung. Herr
+Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu
+hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch
+beim Umwenden der Blätter und das Geflüster in denjenigen
+Ecken, die am weitesten von dem Platz Andrej
+Philippowitschs ablagen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher,
+an, und da der Gesichtsausdruck unseres
+Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen Gedanken
+übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr
+auffallend war, so legte der gute Anton Antonowitsch
+die Feder beiseite und erkundigte sich mit außergewöhnlicher
+Teilnahme nach der Gesundheit Herrn
+Goljädkins.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
+„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott
+sei Dank,“ antwortete stotternd Herr Goljädkin, „ich,
+Anton Antonowitsch ... bin vollkommen gesund. Mir
+fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er
+entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch
+nicht ganz zu überzeugen vermochte.
+</p>
+
+<p>
+„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so
+ganz gesund sind: übrigens, es wäre kein Wunder!
+Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen Sie ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter
+schlecht ist ... Ich, Anton Antonowitsch, ich ...
+spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin fort, indem
+er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen
+Sie, Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht,
+... das heißt, ich möchte sagen ... wie Sie die Sache
+auffassen, Anton Antonowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß
+gestehen, nicht ganz verstanden; Sie ... wissen Sie ...
+erklären Sie sich deutlicher, woran Sie sich hierbei stoßen,“
+sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig
+betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die
+Tränen in die Augen traten.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch
+... hier ist – ein Beamter, Anton Antonowitsch
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier
+ein neueingetretener Beamter ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“
+</p>
+
+<p>
+„Was?“ rief Herr Goljädkin aus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
+„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt
+auch Goljädkin. Ist es nicht Ihr Bruder?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es
+sogar ein sehr naher Verwandter von Ihnen sein
+müßte. Wissen Sie, es ist da eine Familienähnlichkeit
+vorhanden.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und
+die Zunge versagte ihm zeitweise ihren Dienst. So
+einfach über eine so unerhörte, noch nie dagewesene
+Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden interessierten
+Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer
+Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild
+handelte!
+</p>
+
+<p>
+„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff
+Petrowitsch,“ fuhr Anton Antonowitsch fort. „Gehen
+Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit ihm.
+Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre
+Augen sind so sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen
+Ausdruck haben sie ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das
+heißt, ich möchte fragen, wie dieser Beamte? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch,
+haben Sie nicht an ihm etwas Besonderes
+bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch,
+eine erstaunliche Ähnlichkeit mit irgend jemandem,
+das heißt zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben,
+Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit,
+<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
+Sie machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen
+Sie, daß es Zwillinge gibt, die sich wie zwei Tropfen
+Wasser gleichen, so daß man sie nicht voneinander
+unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte
+ich –“
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich
+– als ob er jetzt zum erstenmal über die Sache
+wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben recht, die Ähnlichkeit
+ist tatsächlich erstaunlich und man könnte wirklich
+den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu
+und riß die Augen immer weiter auf. „Und, wissen
+Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist sogar eine ganz sonderbare
+phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen
+pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie
+bemerkt, Jakoff Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar
+selbst danach fragen. Ja, ich gestehe, anfangs habe
+ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein
+wirkliches Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch,
+Sie sind doch kein Hiesiger? Ich meine
+nur ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus
+demselben Orte, wo Sie her sind. Ich wage nur zu
+fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt dauernd aufgehalten?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch,
+daß er kein Hiesiger ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar
+ist,“ fuhr der gesprächige Anton Antonowitsch
+fort, für den es ein rechter Feiertag war, wenn er
+einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich
+<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
+Anteil erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber,
+ohne es zu bemerken! Übrigens, regen Sie sich
+nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen. Wissen
+Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe
+passierte meiner Tante, mütterlicherseits; sie hat sich
+auch einmal, es war kurz vor dem Tode, doppelt gesehen
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie
+unterbreche, Anton Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch,
+wollte wissen, wie es mit diesem Beamten
+steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“
+</p>
+
+<p>
+„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen
+Ssemjon Iwanowitsch. Dessen Posten war frei geworden,
+und so wurde er angestellt. Nein, wirklich, dieser
+gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er
+hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere.
+Die Witwe ist seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man
+sagt übrigens, sie habe Geld, sie verheimliche es nur.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn
+das so sehr? Ich sage Ihnen doch: regen Sie sich
+nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes, und es ist
+Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes
+Weisheit. Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht
+schuld daran. Als ob es keine Wunder auf der Welt
+gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie werden
+doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen
+ein Beispiel zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört,
+wie die siamesischen Zwillinge mit dem Rücken
+<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
+aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und schlafen
+zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was?
+Tut nichts! Ich sage Ihnen doch, nach meiner persönlichen
+Überzeugung haben Sie sich keineswegs aufzuregen.
+Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein
+Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein
+tüchtiger Mensch. Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht
+von hier und führe den Titel Titularrat. Er hat selbst
+mit Seiner Exzellenz gesprochen.“
+</p>
+
+<p>
+„Und was hat er gesagt?“
+</p>
+
+<p>
+„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende
+Erklärungen gegeben und die Gründe dargelegt, sagt
+man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein Vermögen,
+ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer
+schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so
+gehört ... er hat sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt.
+Ein kluger Mensch muß er sein. Nun, versteht
+sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die
+geht’s doch nicht ...“
+</p>
+
+<p>
+„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte
+sagen, wer hat denn in diese schmutzige Angelegenheit
+seine Hand gesteckt?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein,
+Seine Exzellenz, sagt man, und Andrej Philippowitsch
+hätten gelacht.“
+</p>
+
+<p>
+„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und
+sie hätten nichts dagegen, wenn er nur seine Pflicht
+tue!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
+„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder,
+Anton Antonowitsch, ich flehe Sie an – und weiter.“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts
+zu bedeuten, ich sage Ihnen, regen Sie sich nicht auf,
+die Sache hat nichts Bedenkliches.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen,
+Anton Antonowitsch, ob Seine Exzellenz nichts mehr
+hinzugefügt hat ... über mich, zum Beispiel?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts,
+nichts, Sie können ganz ruhig sein. Wissen Sie, natürlich
+ist der Umstand sehr sonderbar ... aber ich selbst
+– ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht.
+Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts
+dabei dachte, bis Sie, Sie selbst, mich darauf aufmerksam
+gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts gesagt,“
+fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob
+sich vom Stuhl.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze
+hier von Nichtigkeiten und da ist eine wichtige Sache
+zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“
+</p>
+
+<p>
+„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die
+klangvolle Stimme Andrej Philippowitschs, „Seine
+Exzellenz fragt nach Ihnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich
+komme schon.“ Und Anton Antonowitsch griff nach einem
+Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej Philippowitsch
+und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz.
+</p>
+
+<p>
+„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin
+bei sich. „So ist also das Spiel jetzt bei uns? Von daher
+<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
+weht der Wind? ... Das ist nicht übel, die Dinge
+haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser
+Held, rieb sich die Hände und fühlte vor Freude
+kaum den Stuhl unter sich. „Unsere Sache ist also eine
+gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas ganz
+Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum,
+sie sitzen alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist
+nett, wirklich nett! Einen guten Menschen liebe ich,
+habe ich geliebt und werde ihn immer lieben ... Doch,
+wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer
+... zu trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den
+Zusammenhang. Eine vorzügliche, eine großartige Sache
+ist es, daß Seine Exzellenz nichts gesagt hat und ihn
+so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur
+dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da
+einzumischen? Was geht es ihn an? Du alter Strick!
+Immer läufst du mir über den Weg, wie eine schwarze
+Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere,
+immer den Menschen in die Quere ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder
+belebte sich seine Hoffnung. Er fühlte sich aber doch
+noch von gewissen vagen Gedanken, und von nicht
+gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam
+ihm sogar in den Sinn, mit den Beamten anzubändeln,
+den Hasen sozusagen zu stellen, vielleicht am
+Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten
+mit ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche
+zu bemerken: „meine Herren, so und so, ob
+da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein sonderbarer
+Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese
+Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in
+<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
+einem tiefen Abgrund hausen die Teufel,“ schloß in Gedanken
+unser Held. Übrigens war das nur ein flüchtiger
+Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte
+sich noch beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich
+selbst, und schlug sich leicht mit der Hand vor die
+Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu phantasieren
+und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser,
+wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir
+halten aus und warten!“
+</p>
+
+<p>
+Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten,
+war Herr Goljädkin voll Hoffnung und wie von
+den Toten auferstanden.
+</p>
+
+<p>
+„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut,
+als ob mir fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären!
+Was ist das für eine Sache! Er aber – er, –
+nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu
+seiner Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem
+hinderlich wird, wenn er nur niemanden stört, dann
+mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“
+</p>
+
+<p>
+Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge
+und es schlug bereits vier Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen.
+Andrej Philippowitsch griff nach seinem
+Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel.
+Herr Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging
+absichtlich später als die anderen, er war der Letzte
+und trat hinaus, als die anderen sich bereits in die
+verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße
+fühlte er sich wie im Paradies, so daß in ihm der
+<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
+Wunsch aufstieg, einen Umweg zu machen und über
+den Newskij zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held,
+„diese unerwartete Wendung der ganzen Sache. Und
+was für ein Wetterchen, mit Frost und Schlittenbahn!
+Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn ordentlich
+von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe
+den russischen Menschen, und Schnee liebe ich und
+Kälte liebe ich ...“
+</p>
+
+<p>
+So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken,
+und doch fühlte er etwas wie Unruhe in seinem Herzen
+nagen, so daß er nicht wußte, womit er sich beschwichtigen
+sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag –
+und dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das
+nur eigentlich sein, was mich da so beunruhigt!? Nun,
+denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke nach, junger
+Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau
+so wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn
+es solch einen Menschen gibt, muß ich denn gleich
+darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte mich
+fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles!
+Mag er dienen! Nun, und was sie da von den siamesischen
+Zwillingen reden ... wozu siamesisch? Nehmen
+wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben
+ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte
+ist bekannt, daß der berühmte Ssuworoff wie ein Hahn
+krähte ... Nun, das tat er wohl alles nur aus Politik;
+und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen
+mich die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will
+niemanden kennen und im Gefühl meiner Unschuld
+verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant und
+<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
+ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig
+...“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen,
+zitterte wie ein Blatt am Baum und schloß auf einen
+Augenblick seine Augen. In der Hoffnung jedoch, daß
+der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion sei,
+öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern
+nach rechts. Nein, es war keine Illusion! ... Neben
+ihm trippelte sein Bekannter von heute morgen, lächelte
+ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die
+Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen.
+Es kam aber nicht dazu. So gingen sie beide
+etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze Bestreben
+Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr
+in seinen Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief
+wie möglich über die Augen zu ziehen. Es erhöhte noch
+die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines
+Freundes genau den seinen glichen.
+</p>
+
+<p>
+„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem
+er sich mühte, fast flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen
+Freund anzusehen, „mir scheint, wir haben einen
+verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon überzeugt,“
+sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich
+bin ich auch fest davon überzeugt, daß Sie mich
+verstanden haben,“ fügte er ziemlich streng zum Schluß
+hinzu.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund,
+„ich hätte gewünscht, und Sie werden mir großmütig
+verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden
+soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen
+mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir
+<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
+sogar, Sie hätten heute morgen Anteil an mir genommen.
+Meinerseits fühlte ich auf den ersten Blick Zuneigung
+für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin
+in Gedanken seinen neuen Kollegen unter die
+Erde –
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff
+Petrowitsch, geneigt wären, mich anzuhören ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“
+antwortete ihm Herr Goljädkin. „Wir wollen hinüber
+auf die andere Seite des Newskij gehen, dort wird es
+bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse
+einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte
+schüchtern und bescheiden Herrn Goljädkins Begleiter,
+als ob er durch den Ton seiner Antwort ausdrücken
+wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse
+zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt,
+so begriff er überhaupt nicht mehr, was mit ihm
+vorging. Er traute sich selber nicht und hatte sich
+von seinem Erstaunen noch nicht erholt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-7">
+<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
+VII.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf
+der Treppe zu seiner Wohnung befand. „Ach ich
+Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in Gedanken,
+„wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen
+Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka sagen,
+wenn er uns beide zusammen sieht. Was wird
+dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso
+schon so mißtrauisch ...“
+</p>
+
+<p>
+Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr
+Goljädkin klopfte, die Tür wurde geöffnet und Petruschka
+nahm seinem Herrn sowie dem Gast die Mäntel ab.
+Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka
+hin, um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich
+hinter seine Gedanken zu kommen. Doch zu
+seiner großen Verwunderung sah er, daß sein Diener
+auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil,
+etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch
+erwartet zu haben schien. Freilich sah er auch jetzt noch
+recht wie ein Wolf aus, der sich anschickte, jemanden
+zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie verhext,“
+dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären
+sie alle von Dämonen besessen! Etwas Besonderes
+muß vorgehen oder in der Luft liegen. Zum Teufel,
+was ist das für eine Qual!“
+</p>
+
+<p>
+Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen
+<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
+Gast ins Zimmer und forderte ihn höflichst auf,
+sich zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung,
+war sehr schüchtern und folgte gehorsam allen
+Bewegungen seines Wirtes, fing dessen Blicke auf und
+bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten. Etwas
+Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag
+in all seinen Gebärden, so daß er, wenn ein solcher
+Vergleich gestattet ist, in diesem Augenblick einem
+Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen
+Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu
+kurz, die Taille sitzt fast unter den Achseln und jeden
+Augenblick zieht er sich seine zu kurze Weste zurecht: bald
+dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken zu
+wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und
+horcht, ob die Leute nicht über ihn sprechen, über ihn
+lachen, sich seiner schämen – und der Arme errötet,
+windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und Ehrgeiz
+und Selbstgefühl leiden maßlos.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster –
+durch eine unvorsichtige Bewegung fiel er auf den Boden.
+Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn aufzuheben,
+den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren
+Platz zu legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben
+sich auf den Fußboden und selbst nahm er nur
+auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine Umstand
+öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über
+ihn. Er begriff, daß der andere großen Mangel litt,
+und nun wußte er mit einem Mal, wie er das Gespräch
+mit ihm beginnen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete
+<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
+scheinbar, sei es nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht,
+daß der Wirt den Anfang machte – übrigens,
+mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war
+schwer zu entscheiden.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an
+der Tür stehen, sah aber weder seinen Herrn noch den
+Gast an, sondern blickte auf die entgegengesetzte Seite.
+</p>
+
+<p>
+„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“
+fragte er nachlässig, mit barscher Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn,
+bringe zwei Portionen.“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast
+an. Dieser errötete bis über die Ohren. Herr Goljädkin
+war ein guter Mensch, und deshalb, aus Seelengüte,
+stellte er folgende Theorie auf:
+</p>
+
+<p>
+„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist
+er erst einen Tag. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben
+viel gelitten, vielleicht ist das bißchen saubere Kleidung
+alles was er besitzt und zum Essen reicht es nicht mehr.
+Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist
+einesteils sogar besser so ...“
+</p>
+
+<p>
+„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr
+Goljädkin, „übrigens, erlauben Sie, zu fragen, wie ich
+Sie nennen soll?“
+</p>
+
+<p>
+„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte
+fast flüsternd der Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen,
+als schäme er sich, als bäte er um Entschuldigung,
+daß auch <em>er</em> Jakoff Petrowitsch heiße.
+</p>
+
+<p>
+„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande,
+seine Erregung zu verbergen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter
+<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
+von Ihnen,“ antwortete bescheiden der Gast und
+wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch etwas
+Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort,
+nahm eine ernste und unterwürfige Miene an, als er
+bemerkte, daß sein Wirt nicht zu Scherzen aufgelegt
+war.
+</p>
+
+<p>
+„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft
+mir die Ehre? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit
+kenne,“ unterbrach ihn eilig, doch mit schüchterner
+Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig vom Stuhl,
+„wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft
+und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte
+seine Worte stockend zusammen und bemühte sich, nicht
+allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl um
+sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen
+– aber auch, um allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung
+beansprucht hätten, zu vermeiden. Überhaupt
+konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn Goljädkin
+wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem
+Frack und guten Papieren in der Tasche benahm –
+gleich einem, der noch nicht geübt war, die Hand so
+auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.
+</p>
+
+<p>
+„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr
+Goljädkin, sich umsehend, betrachtete dann die Wände
+und schließlich wieder den Gast. „Worin könnte ich
+Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in
+welcher Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich
+sein?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den
+ersten Blick zu Ihnen hingezogen und: verzeihen Sie
+<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
+mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich wagte zu
+hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein
+ganz hilfloser Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe
+viel durchgemacht, Jakoff Petrowitsch, und will nun
+wieder von neuem ... Da ich aber erfahren habe, daß
+Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen,
+sondern außerdem noch ein Namensvetter von
+mir sind ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin runzelte die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+„... Mein Namensvetter sind und aus derselben
+Stadt wie ich gebürtig, so beschloß ich, mich an Sie zu
+wenden und Ihnen meine schwierige Lage vorzustellen.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was
+ich Ihnen sagen soll,“ antwortete etwas betroffen Herr
+Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir sehen ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen.
+Petruschka deckte den Tisch und trug auf.
+Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das Essen
+dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt
+beeilte sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein
+fand, daß das Essen schlecht sei – er fand es zum
+Teil deshalb, weil er seinen Gast gut bewirten wollte,
+und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen gedachte,
+daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der
+Gast wiederum befand sich in großer Verlegenheit und
+Erregung. Nachdem er Brot genommen und ein Stück
+Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die Hand nach
+einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er
+versicherte darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht
+hungrig und daß das Essen sehr gut sei, und daß er
+<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
+sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach
+dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an
+und reichte seinem Freunde und Gast eine andere. Beide
+setzten sich einander gegenüber und der Gast begann
+seine Erzählung.
+</p>
+
+<p>
+Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte
+drei bis vier Stunden. Es war die Geschichte seiner
+Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten und
+kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich
+um den Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement,
+um Staatsanwälte und Präsidenten, es
+handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der
+Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor
+und dem plötzlichen Wechsel des Vorgesetzten und davon,
+wie Herr Goljädkin der Jüngere unter alledem
+ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von
+seiner alten Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie
+er durch die Intrigen seiner Feinde seine gute Stellung
+verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er
+hier in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch
+vergeblich eine Stellung suchte, immer mehr und mehr
+verarmte und zuletzt auf der Straße lebte, hartes Brot
+aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts
+auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter
+Mensch sich seiner annahm, ihm eine Empfehlung gab
+und in großmütiger Weise zu der neuen Stellung verhalf.
+Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich
+mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch
+aussah, in einem fort die Tränen aus den Augen.
+Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin alles offen mitgeteilt
+und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts
+<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
+zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten,
+und nicht einmal eine Uniform anschaffen könne. Auf
+seine Stiefel dürfe er sich auch nicht mehr verlassen.
+Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit geliehen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt.
+Und obwohl die Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche
+war, legten sich dessen Worte doch wie
+himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war
+nämlich die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung
+seine letzten Zweifel, er gab seinem Herzen die
+Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken
+einen Dummkopf.
+</p>
+
+<p>
+Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so
+beunruhigt, sich so aufgeregt! Zwar gab es da noch einen
+peinlichen Umstand, aber auch der war nicht gar so
+schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde
+richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch
+unschuldig war und die Natur selbst sich hier eingemischt
+hatte! Außerdem bat ihn der Gast um seinen
+Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien
+so harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich
+und nichtig vor ihm. Er machte sich vielleicht
+im geheimen selbst Vorwürfe über die Ähnlichkeit seines
+Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so
+vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und
+sah ganz so drein wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse
+macht und sich vor dem anderen schuldig fühlt.
+Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen
+Punkt, so stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn
+Goljädkins bei. Wenn irgendwie aus Versehen seine
+<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
+Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich
+und er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte
+alsbald, daß er ganz derselben Meinung sei wie
+sein Wirt, daß er ganz so denke wie dieser und alles mit
+denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die
+größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen
+in ihm aufzugehen, und Herr Goljädkin wiederum
+überzeugte sich davon, daß sein Gast in jeder Beziehung
+ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen
+Tee gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war
+in sehr angenehmer Stimmung, heiter und angeregt,
+und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes und bemerkenswertes
+Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin
+liebte es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes
+zu erzählen. So auch jetzt: er erzählte seinem
+Gast viel aus dem Petersburger Leben, von dessen
+Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater,
+von den Klubs und den schönen Bildern, auch davon,
+wie zwei Engländer aus England nach Petersburg gekommen
+seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens
+anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren.
+Auch vom Dienst erzählte er, von Olssuph Iwanowitsch
+und Andrej Philippowitsch, und davon, daß
+Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe
+entgegengehe, daß „die Künste in ihm blühten“; von
+einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“ gelesen,
+und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche
+Kraft hätten; und noch von vielem anderen. Kurz
+Herr Goljädkin war vollkommen zufrieden. Erstens,
+weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens
+weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern
+<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
+sie am liebsten gleich zum entscheidenden Zweikampf
+herausgefordert hätte; drittens, weil er selbst als Gönner
+auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk tat.
+</p>
+
+<p>
+Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß
+er in diesem Augenblick doch noch nicht ganz glücklich
+sein konnte, daß in ihm immer noch ein Würmchen
+steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das
+aber nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.
+</p>
+
+<p>
+Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen
+Abend bei Olssuph Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel
+darum gegeben, wenn – dieses Gestern nicht gewesen
+wäre.
+</p>
+
+<p>
+„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser
+Held und gab sich das feste Versprechen, sich in Zukunft
+immer gut aufzuführen und sich nicht mehr selbst
+in solche Verlegenheiten zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen
+war und sich fast glücklich fühlte, so stieg auch
+in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu genießen.
+Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch
+bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei
+Gläschen. Der Gast wurde jetzt noch liebenswürdiger
+als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur einen gefälligen
+und offenen Charakter, sondern ging ganz auf
+die Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich
+über seine Freude und sah auf ihn, wie auf seinen einzigen
+und aufrichtigen Wohltäter.
+</p>
+
+<p>
+Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat
+Herrn Goljädkin, nicht zu sehen, was er schreiben werde,
+und als er darauf geendet hatte, überreichte er dem
+<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
+Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr
+gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben
+und, wie es schien, vom Gast selbst verfaßt.
+Er lautete folgendermaßen:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Wenn auch du mich je vergißt,</p>
+ <p class="verse">Ich vergeß dich nicht;</p>
+ <p class="verse">Wechselvoll ist alles Leben,</p>
+ <p class="verse">Drum vergiß mich nicht!</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin
+seinen Gast und voll von Mitgefühl und Überschwang
+weihte er ihn in seine verschiedenen großen
+und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von
+Andrej Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die
+Rede war.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns
+schon gegenseitig verstehen,“ beteuerte unser Held seinem
+Gast. „Wir werden miteinander, Jakoff Petrowitsch,
+wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische
+im Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau
+sein und ihnen eine Intrige drehen ... und sie ordentlich
+an der Nase herumführen. Sage aber niemandem
+etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch,
+deinen Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen
+müssen, du aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen,
+halte dich lieber fern von ihnen!“
+</p>
+
+<p>
+Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn
+Goljädkin und zerfloß in Tränen.
+</p>
+
+<p>
+„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit
+schwacher, zitternder Stimme fort, „du, Jascha, bleibe
+jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir werden
+uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder?
+<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
+Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, klage auch nicht,
+daß zwischen uns ein so sonderbares Verhältnis besteht:
+zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur hat’s
+so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so
+ist es, Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich,
+sage ich dir. Aber zusammen, Jascha, da wollen
+wir ihnen einen Streich spielen.“
+</p>
+
+<p>
+So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch
+und bei der Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin
+sich von zwei Empfindungen beherrscht fühlte: die
+eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei, und die
+andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu
+übernachten. Das Bett wurde irgendwie aus zwei
+Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der Jüngere
+erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei
+auch auf dem härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde
+sich jetzt wie im Paradiese, zumal er in seinem
+Leben schon viel Ungemach und Kummer ertragen habe
+und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in
+Zukunft alles bevorstehe! ...
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen
+und fing an, ihm darzulegen, wie man in Zukunft
+seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der Gast war
+natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch
+damit, daß es nichts Höheres und Größeres gebe als
+Gott. Darauf bemerkte Goljädkin der Ältere, daß die
+Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten,
+mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen.
+Im übrigen verteidigte er den türkischen Propheten
+<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
+Mohammed gegen die Verleumdungen mancher Gelehrten
+und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei
+welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier
+zu sprechen kam, eine Figur aus einem Witzblatt.
+Wirt und Gast lachten anhaltend über die Gutmütigkeit
+dieses Türken und konnten sich andererseits nicht
+genug über den vom Opium erzeugten Fanatismus der
+Türken wundern.
+</p>
+
+<p>
+Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und
+Herr Goljädkin begab sich hinter den Verschlag, zum
+Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen vom
+Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu
+setzen, im Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen
+Hemdes sein sollte – zum Teil auch, um mit Petruschka
+zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm
+womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.
+</p>
+
+<p>
+Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer
+noch beunruhigte.
+</p>
+
+<p>
+„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin
+milde, als er in den Verschlag seines Dieners
+eintrat, „du lege dich jetzt schlafen, morgen aber um
+acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden,
+Petruschka?“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde
+zu ihm, aber Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem
+Bett zu schaffen und wandte sich nicht einmal
+nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.
+</p>
+
+<p>
+„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin
+fort. „Du legst dich jetzt zu Bett und morgen, Petruschka,
+wirst du mich um acht Uhr wecken; hast du
+mich verstanden?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
+„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit
+du ruhig und zufrieden bist. Denn, sieh, wir sind jetzt
+alle miteinander glücklich und ich wünsche, daß du es
+auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute Nacht,
+schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen
+arbeiten. Du, Freund, denke nicht etwa, daß
+ich ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht
+zu weit gegangen?“ dachte er. „So ist es immer, ich
+gehe immer zu weit.“
+</p>
+
+<p>
+Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden
+mit sich selbst. Die Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas
+hatten ihn beleidigt. „Dieser Schelm, sein
+Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das
+nicht einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist
+das bei dieser Sorte immer so!“
+</p>
+
+<p>
+Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte,
+und da er sah, daß der Gast sich bereits hingelegt
+hatte, setzte er sich auf einen Augenblick zu ihm
+aufs Bett.
+</p>
+
+<p>
+„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd
+mit wackelndem Kopf: „Du bist doch ein Taugenichts!
+Du bist ein Namensdieb, weißt du das auch? ... Das
+bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort,
+sich mit seinem Gast zu unterhalten.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich
+von ihm, um selbst auch schlafen zu gehen. Der Gast
+hatte mittlerweile bereits zu schnarchen begonnen. Herr
+Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und murmelte
+vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein
+<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
+Täubchen, Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du,
+ein Hungerleider – dein Name sagt es schon!! Worüber
+hast du dich denn so zu freuen? Morgen wirst du
+dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“
+</p>
+
+<p>
+Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl,
+ähnlich wie Zweifel und Bedauern. „Bist zu weit
+gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der Kopf und
+ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten,
+du Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet,
+und dabei willst du noch feine Intrigen spinnen, du
+Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist eine Tugend,
+doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da
+liegt er nun!“
+</p>
+
+<p>
+Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in
+die Hand und ging auf den Fußspitzen noch einmal an
+das Bett, um seinen schlafenden Gast zu betrachten.
+Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken:
+„Ein unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill!
+Ein leibhaftiges Pasquill! Oh, die Sache hat einen
+Haken!“
+</p>
+
+<p>
+Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen.
+In seinem Kopf rumorte es. Seine Sinne schwanden
+ihm, er bemühte sich, noch an etwas sehr Interessantes
+zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden,
+über eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil
+zu gelangen – aber er konnte nicht mehr. Der
+Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest
+ein, wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht
+gewohnt sind und plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer
+Gesellschaft getrunken haben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-8">
+<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
+VIII.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen
+Tage um acht Uhr. Sofort erinnerte er sich aller
+Begebenheiten des vergangenen Abends – erinnerte
+sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich
+aber gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte
+er, erhob sich ein wenig und sah zu dem Bette seines
+Gastes hinüber. Doch wie groß war sein Erstaunen,
+als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte!
+„Was hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin
+beinahe laut aufgeschrien. „Was soll denn das
+heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“
+</p>
+
+<p>
+Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen,
+mit offenem Munde auf die leere Stelle starrte,
+öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit dem Teebrett
+ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit
+kaum hörbarer Stimme hervor und wies mit dem Finger
+auf die leere Stelle.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah
+nicht einmal seinen Herrn an, sondern wandte seine
+Augen nur stumm in die rechte Ecke des Zimmers, so
+daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in
+die Ecke zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte
+<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
+Petruschka mit rauher und grober Stimme: „Der
+Herr ist nicht zu Haus.“
+</p>
+
+<p>
+„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“
+sagte Herr Goljädkin ratlos und starrte seinen
+Diener mit großen Augen an.
+</p>
+
+<p>
+Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin
+in einer Weise an, daß dieser bis über die Ohren
+errötete. In seinem Blick lag ein so beleidigender Vorwurf,
+der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin
+ließ die Hände sinken und sagte kein Wort.
+</p>
+
+<p>
+Endlich bemerkte Petruschka, der <em>andere</em> sei vor
+anderthalb Stunden bereits ausgegangen und habe
+nicht mehr warten wollen. Die Auskunft klang sehr
+wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn
+Petruschka nicht, denn was seinen beleidigenden Blick
+und die Bezeichnung <em>der andere</em> anbetraf, so waren
+diese wohl durch einen unangenehmen Umstand
+veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch,
+wenn auch nur dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung
+war, und daß das Schicksal ihm etwas vorzubehalten
+schien, das nicht angenehm war.
+</p>
+
+<p>
+„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir
+werden sehen und werden daran glauben müssen ...
+Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er plötzlich mit
+ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn
+aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich
+habe selbst den Kopf in die Schlinge gelegt, und habe
+mir dazu noch die Schlinge mit eigenen Händen gedreht.
+Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du
+konntest auch nichts anderes tun, als dich verplappern
+<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
+wie ein kleiner Junge, wie irgend so ein Kanzlist, wie
+ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen, ein verfaulter
+Lumpen, du Schwätzer, du! ...
+</p>
+
+<p>
+Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm
+gemacht, von seiner Liebe zu mir gesprochen! Wie ist
+das nur alles möglich gewesen ... Wie kann ich diesem
+Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen,
+wenn er zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja
+verschiedene Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen
+Gehalt ... oder, man kann ihm auch Furcht
+einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und
+jenes sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er
+solle die Hälfte für Wohnung und Kost bezahlen und
+das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum Teufel, nein,
+das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder,
+wäre es nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen,
+so daß der es ihm einsalzte, ihn vernachlässigte
+und angrobte? um ihn auf diese Art los zu werden?!
+Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum
+Teufel auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann
+auch, von dem Standpunkte aus betrachtet ... nun,
+durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht schön!
+Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch
+das wäre nicht angenehm. Habe mich doch gestern
+abend so verplappert! ... Das ist schlimm, wirklich
+schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich
+Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du
+dich zu benehmen hast, kannst du dich nicht endlich beherrschen!
+Nun, wenn er jetzt kommt und absagt?
+Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn
+er nur käme ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
+So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen
+Tee und sah nach der Wanduhr.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist
+Zeit, zu gehen. Aber was wird nun werden! Was wird
+geschehen? Ich würde gar zu gern wissen, was wohl
+eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke
+und Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen,
+was eigentlich alle diese Leute denken und welche
+Schritte sie tun wollen ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht
+mehr beherrschen, er warf die Pfeife fort, zog sich an
+und begab sich in das Departement – mit dem Wunsche,
+wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und
+sich persönlich zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab
+es: das wußte er genau, eine Gefahr gab es!!!
+</p>
+
+<p>
+„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“
+beschloß Herr Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen
+und Mantel ablegte. „Wir werden diesen Dingen
+sofort auf den Grund kommen, sofort!“
+</p>
+
+<p>
+Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser
+Held eine würdige Miene an und war eben im Begriff,
+in das nächstliegende Zimmer einzutreten, als
+er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und
+Busenfreund stieß.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn
+Goljädkin den Älteren gar nicht zu bemerken, obgleich
+sie fast mit den Nasen aufeinander rannten. Herr Goljädkin
+der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu
+sein, er hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr
+geschäftige und offizielle Miene an, so daß ihm jeder
+<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
+am Gesicht ablesen konnte: „scht, ich bin kommandiert
+zu ganz besonderen Aufträgen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser
+Held und griff nach der Hand seines gestrigen Gastes.
+</p>
+
+<p>
+„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“
+rief Herr Goljädkin der Jüngere, und wollte davoneilen.
+</p>
+
+<p>
+„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei
+blieb der gestrige Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend
+vor diesem stehen und neigte sein Ohr zur Nase
+des anderen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch,
+daß ich sehr erstaunt bin – über den Empfang ...
+einen Empfang, den ich durchaus nicht erwartet habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär
+Seiner Exzellenz, und darauf begeben Sie sich, wie es
+sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie haben wohl eine
+Bittschrift? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie
+setzen mich einfach in Erstaunen, Jakoff Petrowitsch!
+Wahrscheinlich haben Sie mich nicht wiedererkannt
+oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen
+Heiterkeit Ihres Charakters.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der
+Jüngere, als hätte er erst jetzt Herrn Goljädkin den
+Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie haben
+Sie geruht?“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein
+wenig offiziell, und zwar durchaus nicht, wie es sich
+<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
+gehörte (denn auf jeden Fall hätte er Herrn Goljädkin
+dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er
+aber lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte
+dabei hinzu, daß er seinerseits sehr froh darüber sei,
+daß Herr Goljädkin so gut geruht habe. Dann verneigte
+er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach
+rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte
+sich nach der Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er
+einen „ganz besonderen Auftrag“ habe, und schlüpfte
+ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er schon
+verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte
+unser Held, einen Augenblick starr vor Verwunderung,
+„da haben wir’s! Also so stehen die Sachen!
+...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln
+über den Körper lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem
+Selbstgespräch fort, „übrigens habe ich das längst
+gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er
+in einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte
+ich’s noch, daß dieser Mensch in einem besonderen Auftrage
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt,
+Jakoff Petrowitsch?“ fragte ihn Anton Antonowitsch
+Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich neben ihn setzte,
+„haben Sie sie hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher
+ganz verloren anschaute.
+</p>
+
+<p>
+„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch
+bereits zweimal nach ihnen verlangte, und weil
+es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden Augenblick
+einfordern werden ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
+„Sie sind fertig ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, gut, gut.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine
+Schuldigkeit getan, so wie es sich gehört, und, erfreut
+über die mir anvertrauten Arbeiten, wie ich zu
+sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit
+sagen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur
+erklären, Anton Antonowitsch, daß ich ... das heißt,
+ich wollte sagen, daß mitunter Neid und Bosheit niemanden
+verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche
+Beute suchen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz.
+Das heißt, auf wen wollen Sie anspielen?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch,
+daß ich meinen Weg gerade gehe und einen
+krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant bin,
+und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken,
+gerechterweise stolz sein kann ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie
+ich darüber denke, Ihrer Meinung vollständig zustimmen:
+doch erlauben Sie mir, Jakoff Petrowitsch, zu
+bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft
+nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen –
+wenn Sie das zu tun wünschen, nun, so ist es Ihr
+freier Wille. Ich aber, mein Herr, lasse mir keine Unverschämtheiten
+ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin
+im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir
+auf meine alten Tage auch keine Frechheiten ... –“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
+„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie,
+Anton Antonowitsch, Sie scheinen, Anton Antonowitsch,
+mich nicht ganz verstanden zu haben. Erbarmen
+Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur
+auf Ehre versichern, daß ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen
+bitten. Ich bin nach alter Art erzogen, und es ist
+für mich zu spät, nach Ihrer Art umzulernen. Für den
+Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es
+scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein
+Herr, besitze ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige
+untadelhafte Dienstzeit ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das
+meinerseits vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint,
+ich habe von der Maske gesprochen, Anton Antonowitsch
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Von der Maske?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte,
+Anton Antonowitsch, daß Sie auch hier meine Gedanken
+anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie
+Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja
+nur meine Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch,
+daß es jetzt selten Leute ohne Maske gibt, und
+daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu
+erkennen ...“
+</p>
+
+<p>
+„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so
+schwer. Manchmal ist es sogar sehr leicht und man
+braucht nicht weit zu suchen.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte
+ja nur für meine Person, daß ich mich nie einer
+Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn es die
+<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
+Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer
+Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen
+Leben, im übertragenen Sinne gesprochen, niemals
+maskieren würde. Das ist es, was ich sagen wollte,
+Anton Antonowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden
+jetzt keine Zeit dazu,“ sagte Anton Antonowitsch,
+der von seinem Stuhle aufstand und einige Papiere
+zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte.
+„Ihre Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung
+von selbst aufklären. Sie werden selbst sehen,
+wen Sie anzuklagen und wen Sie zu beschuldigen haben,
+mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den
+Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr
+Goljädkin, ein wenig erbleichend, dem sich entfernenden
+Anton Antonowitsch noch nach, „ich, Anton Antonowitsch,
+habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte
+Herr Goljädkin zu sich selbst, als er allein geblieben
+war. „Woher weht denn dieser Wind, und was soll
+denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“
+</p>
+
+<p>
+In demselben Augenblick, als unser verdutzter und
+halbtoter Held sich vorbereitete, diese neue Frage zu
+beantworten, hörte man im Nebenzimmer ein Geräusch
+und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung.
+Die Tür wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch,
+der soeben in Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner
+Exzellenz gewesen war, erschien aufgeregt in der
+<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
+Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin,
+der wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej
+Philippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang
+von seinem Platz und bereitete sich vor, so wie es sich
+gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu
+überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch
+und ins Kabinett seiner Exzellenz zu tragen.
+Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej Philippowitsch vorüber,
+Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und
+stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger
+und sehr geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin
+den Älteren, der alles eher erwartete, als
+einen solchen Überfall ...
+</p>
+
+<p>
+„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ...
+Seine Exzellenz geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig
+sind?“ flüsterte eilig und kaum hörbar der Freund
+Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch
+erwartet Sie ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete
+ihm Herr Goljädkin der Ältere gleichfalls eilig
+und flüsternd.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff
+Petrowitsch, ich bin ganz anders, Jakoff Petrowitsch,
+und nehme herzlich Anteil ...“
+</p>
+
+<p>
+„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen.
+Erlauben Sie, erlauben Sie, bitte ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen,
+Jakoff Petrowitsch, und in die dritte Seite
+legen Sie ein Zeichen, Jakoff Petrowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
+„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch!
+Haben Sie den Tintenfleck bemerkt? ...“
+</p>
+
+<p>
+Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal
+nach Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen
+Augenblick, hier, gleich ... werter Herr, verstehen Sie
+kein Russisch?“
+</p>
+
+<p>
+„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen,
+Jakoff Petrowitsch, überlassen Sie es lieber
+mir: rühren Sie selbst lieber gar nicht daran, Jakoff
+Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich werde
+mit dem Federmesser ...“
+</p>
+
+<p>
+Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach
+Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck?
+Ich sehe hier überhaupt nichts ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen
+Sie, hier! Erlauben Sie, ich habe ihn soeben gesehen,
+hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir nur erlauben
+wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus
+Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch,
+mit dem Messer und aus aufrichtigem Herzen ... sehen
+Sie, so, so muß man’s tun ...“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr
+Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren
+in einem sekundenlangen Kampfe, der sich zwischen ihnen
+entspann: und entschieden ganz gegen den Willen
+des letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte
+Papier, und statt aus aufrichtigem Herzen den Tintenfleck
+mit dem Messerchen zu entfernen, wie er treulos
+Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß
+<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
+er plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie
+unter den Arm, war in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch,
+der von alledem nichts bemerkt hatte, und
+flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr Goljädkin
+der Ältere stand versteinert da an seinem Platz,
+in den Händen das Federmesser, als ob er soeben etwas
+radieren wollte ...
+</p>
+
+<p>
+Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort.
+Er konnte noch nicht zu sich kommen. Er fühlte
+wohl den Schlag, konnte sich aber über seine Folgen
+nicht klar werden. In schrecklicher und ganz unbeschreiblicher
+Verzweiflung riß er sich endlich von der
+Stelle los und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett
+seines Chefs, indem er unterwegs den Himmel
+anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden ...
+Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs
+stieß er mit Andrej Philippowitsch und seinem Namensvetter
+fast mit der Nase zusammen. Beide kehrten
+schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej
+Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter
+Herrn Goljädkins des Älteren lächelte
+gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller Entfernung neben
+ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej Philippowitsch
+etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch
+wohlwollend seinen Kopf hin und her wiegte.
+</p>
+
+<p>
+Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache
+war, daß seine Arbeit, wie er nachher erfuhr, die
+Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen hatte
+und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war.
+Seine Exzellenz waren äußerst zufrieden damit, und
+man sagte sogar, er habe sich bei Herrn Goljädkin dem
+<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
+Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei Gelegenheit
+nicht vergessen ... –
+</p>
+
+<p>
+Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun
+mußte, war – protestieren, aus allen Kräften protestieren,
+bis zum äußersten protestieren. Ohne sich zu
+besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej
+Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch
+vernommen hatte, daß die Angelegenheit eine Privatsache
+des Herrn Goljädkin sei, weigerte er sich, ihm
+Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung,
+er habe kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen
+Augenblick Zeit übrig.
+</p>
+
+<p>
+Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit
+der Abweisung wirkten auf Herrn Goljädkin niederschmetternd.
+„Besser, ich versuche es von einer anderen
+Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“
+Zum Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch
+Anton Antonowitsch nicht zu sprechen: auch er war irgendwie
+beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er mich,
+ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“
+dachte unser Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes
+übrig, als Seine Exzellenz selbst anzurufen.“
+</p>
+
+<p>
+Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm
+der Kopf rund ging, wußte Herr Goljädkin nicht, wozu
+er sich entschließen sollte, und setzte sich an seinen Tisch.
+</p>
+
+<p>
+„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“
+dachte er ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat
+dürfte eine so verwickelte, dunkle Geschichte gar nicht
+möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn, und zweitens
+ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich
+hat mir alles nur so geschienen, oder es geschah in
+<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
+Wirklichkeit etwas ganz anderes. Wahrscheinlich war
+ich es selbst, der hinging ... und habe mich für den
+anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz
+unmögliche Geschichte.“
+</p>
+
+<p>
+Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen,
+als Herr Goljädkin der Jüngere, beladen mit
+Papieren, die er in beiden Händen und unter dem
+Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte
+er Andrej Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen,
+unterhielt sich mit noch jemandem, sagte sogar
+einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr Goljädkin
+der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden
+hatte, wollte er aller Wahrscheinlichkeit nach das
+Zimmer sofort wieder verlassen, als er zum Glück
+Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein
+paar jungen Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen
+auch mit ihnen zu sprechen begann. Herr Goljädkin
+der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als
+Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn
+Goljädkin des Älteren bemerkte, blickte er mit großer
+Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am schnellsten
+verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen
+Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten
+drängten sich um die beiden Titularräte und warteten
+gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere begriff
+sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff,
+daß sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr
+mußte er sich selbst beherrschen ... Der Augenblick war
+entscheidend.
+</p>
+
+<p>
+„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn
+Goljädkin den Älteren, ihn dreist anschauend.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
+Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen.
+„Ich weiß nicht, mein Herr,“ begann er, „wie ich Ihr
+sonderbares Betragen zu mir erklären soll.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin
+der Jüngere sah dabei im Kreise um sich und zwinkerte
+den anderen Beamten zu, als gäbe er ihnen das
+Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne.
+</p>
+
+<p>
+„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein
+verehrter Herr, spricht im vorliegenden Falle noch
+mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun könnten.
+Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht
+schlecht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir
+mal, wie Sie geschlafen haben?“ antwortete Herr Goljädkin
+der Jüngere und sah Herrn Goljädkin dem Älteren
+gerade in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“
+sagte der Ältere vollständig fassungslos und fühlte dabei
+kaum mehr den Boden unter den Füßen. „Ich
+hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“
+</p>
+
+<p>
+„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der
+Jüngere, schnitt Herrn Goljädkin dem Älteren eine
+ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff ihn plötzlich
+ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine
+ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie
+ein Feuerbrand.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin
+bemerkt, daß sein Gegner an allen Gliedern zitterte,
+dabei stumm vor Verwunderung und rot wie ein
+Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich
+zu einem Überfall auf ihn entschließen wollte – als
+<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
+er ihm auf die allerunverschämteste Weise zuvorkam.
+Er klopfte Herrn Goljädkin noch zweimal auf die
+Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm sein
+Spiel, während der andere immer noch unbeweglich
+und sprachlos vor Erstaunen dastand, zum nicht geringen
+Ergötzen der um sie herumstehenden Beamtenschaft.
+Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen
+Seele ging noch weiter, er klopfte schließlich
+Herrn Goljädkin den Älteren auf den vollen Magen
+und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln:
+</p>
+
+<p>
+„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine
+dummen Streiche, Jakoff Petrowitsch! Wir wollten ja
+zusammen Intrigen spinnen, Jakoff Petrowitsch, Intrigen.“
+</p>
+
+<p>
+Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke
+zu sich kommen konnte, lächelte Herr Goljädkin der
+Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu, setzte
+eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu
+Boden, kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte
+etwas über „einen besonderen Auftrag“, trippelte mit
+seinen kurzen Füßen davon und verschwand im Nebenzimmer.
+Unser Held traute seinen Augen nicht und
+konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen
+...
+</p>
+
+<p>
+Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm
+klar, daß er beleidigt war, in gewissem Sinne verloren
+– daß sein Ruf beschmutzt und befleckt, er selbst
+in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden
+war, beschimpft von demjenigen, von dem er gestern
+noch gehofft hatte, daß er sein einziger, bester Freund
+werden würde, und er erkannte, daß er sich vor der
+<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
+ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht
+zum Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht
+lange, sondern – stürzte seinem Feinde nach, ohne
+auch nur an die Zeugen seiner Erniedrigung zu denken.
+</p>
+
+<p>
+„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“
+dachte er bei sich, „einer steht für den anderen und
+einer hetzt den anderen gegen mich auf.“ Doch kaum
+hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als
+er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb
+kehrte er um.
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du
+kommst mir noch in die Falle und wirst als Wolf
+Lämmertränen weinen!“ Mit wütender Kaltblütigkeit
+und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu
+seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder.
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er
+noch einmal.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine
+passive Verteidigung, seine Haltung sah nach Entschlossenheit
+aus, und wer Herrn Goljädkin in diesem
+Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung
+mächtig seine Feder ins Tintenfaß steckte, und
+mit welcher Wut er seine Zeilen aufs Papier warf, der
+mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache nicht
+so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele
+faßte er einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens
+schwor er sich, ihn auch auszuführen. Dabei wußte
+er aber noch gar nicht so recht, wie er hier vorgehen
+sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch
+nichts Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er,
+das war ja gleichgültig!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
+„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter
+Herr, richten Sie in unserer Zeit nichts aus. Anmaßung
+und Unverschämtheit, mein verehrter Herr, führen
+nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka
+Otrepieff<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> allein, mein Herr, erdreistete sich, das
+blinde Volk durch Anmaßung und Unverschämtheit zu
+betrügen, und auch das gelang ihm nur auf sehr, sehr
+kurze Zeit.“
+</p>
+
+<p>
+Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr
+Goljädkin, zu warten, bis die Maske von manchen Gesichtern
+fallen und alles aufgedeckt werden würde.
+Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen.
+Bis dahin wollte unser Held nichts unternehmen.
+Dann aber würde er zu Maßregeln greifen – dann
+würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er
+wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den
+„Hochmut zu fällen“ und die „kriechende Schlange
+ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte es doch
+nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte,
+mit dem man schmutzige Stiefel reinigt! Das
+konnte er sich doch unmöglich gefallen lassen, besonders
+in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden nicht dieser
+letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er
+sich doch noch entschließen können, sich zu überwinden
+und zu schweigen, oder wenigstens nicht so erbittert zu
+handeln. Er hätte sich dann vielleicht nur ein wenig
+herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem
+Recht sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur
+ein wenig, nachgegeben, und dann noch ein wenig
+nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen
+<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
+ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner
+feierlich zugestanden hätten, daß er in seinem Recht
+sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher ausgesöhnt haben
+und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre
+daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße,
+starke Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft,
+als die gestrige, eine, durch die diese gestrige
+ganz verdunkelt worden wäre. So würde denn zuletzt
+die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein,
+und die beiden Titularräte konnten froh und glücklich
+miteinander leben – hundert Jahre lang!
+</p>
+
+<p>
+Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin
+fing bereits an, ein wenig zu bereuen, daß er
+für sich und sein Recht zu weit gegangen sei und sich
+dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er
+nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt,
+daß alles das nur Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte
+ihm verziehen, ganz und gar verziehen, zumal, wenn er
+es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen
+lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht
+von solchen Leuten. Oh, und daß gerade ein so verworfener
+Mensch den Versuch mit mir macht! Ich bin kein
+Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz,
+unser Held war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein
+Herr sind an allem schuld!“ Er beschloß also – zu protestieren,
+mit allen Kräften und bis zur letzten Möglichkeit
+– zu protestieren.
+</p>
+
+<p>
+Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt,
+sich beleidigen und noch viel weniger, sich „als
+Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem so verkommenen
+Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten,
+<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
+nein, nicht streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt
+hätte, Herrn Goljädkin „in einen Lappen“ zu verwandeln,
+wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz
+ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich
+selbst manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht
+Herr Goljädkin gewesen, sondern eben ... irgendein
+Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen,
+sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen,
+allerdings ganz unverantwortlichen Gefühlen,
+Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten des Lappens
+steckten!
+</p>
+
+<p>
+Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin.
+Endlich schlug es vier. Bald darauf erhoben sich
+alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause zu
+gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge:
+es entging ihm aber nichts, er verlor denjenigen,
+den er suchte, nicht aus den Augen. Zuletzt sah
+unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern
+lief, die die Mäntel ausgaben. In der
+Erwartung des Mantels schwänzelte er nach seiner
+gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick
+war entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich
+irgendwie durch die Menge, da er nicht zurückbleiben
+wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel. Doch,
+natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel,
+weil es ihm auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel
+um und blickte dabei Herrn Goljädkin dem Älteren
+ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn auf diese
+Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit
+<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
+gemäß, rings um, bändelte mit allen Beamten an,
+wahrscheinlich, um auf sie einen guten Eindruck zu
+machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem andern
+etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte
+einem vierten zu, reichte dem fünften die Hand
+und schlüpfte vergnügt die Treppe hinab. Herr Goljädkin
+der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner unbeschreiblichen
+Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten
+Stufe und packte ihn am Kragen seines Mantels.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht
+zu sein und blickte mit verstörtem Gesicht um sich.
+</p>
+
+<p>
+„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich
+mit leiser Stimme Herrn Goljädkin zu.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch
+sind, so werden Sie sich unserer freundschaftlichen Beziehungen
+von gestern erinnern,“ sagte unser Held.
+</p>
+
+<p>
+„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“
+</p>
+
+<p>
+Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin
+die Sprache.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ...
+Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel
+sehr schlecht steht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete
+hastig jener, der sich auch Herr Goljädkin
+nannte, und befreite sich bei diesen Worten ganz unerwartet
+aus den schwachen Händen des wirklichen
+Herrn Goljädkin. Befreit stürzte er die Treppe hinunter,
+sah sich um und erblickte eine Droschke – er
+lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick
+den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden.
+<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
+Unser verzweifelter und von allen verlassener
+Titularrat blickte sich zwar auch um, fand aber
+keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine
+Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und
+offenem Munde stützte er sich kraftlos und gebrochen
+an eine Straßenlaterne und stand so einige Augenblicke
+auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie
+vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-9">
+<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
+IX.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur,
+hatte sich gegen Herrn Goljädkin verschworen: doch
+war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja er fühlte
+es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu
+kämpfen. Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher
+Energie die Hände, als er nach der ersten
+Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen
+Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte,
+daß er nicht nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr
+lag auf der Hand, war offensichtlich; Herr Goljädkin
+fühlte das auch; doch wie sollte er ihr entgegentreten,
+sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick
+tauchte sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins
+auf, „wie wenn er einfach alles so ließe, auf alles verzichtete?
+Was wäre denn dabei? Nun, einfach nichts!
+Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte
+Herr Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es
+geht; ich bin einfach nicht ich, und das ist alles. Er
+ist auch für sich, mag er auch verzichten, er schwänzelt
+herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben!
+Ja, das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen.
+Und wo ist die Gefahr? Nun, was für eine Gefahr
+denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin
+<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
+denn die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine
+ganz einfache Sache! ...“
+</p>
+
+<p>
+Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben
+ihm auf der Zunge; er machte sich sogar Vorwürfe
+über diese Gedanken, er schalt sich feig und niedrig;
+indessen, die Sache rührte sich nicht von der
+Stelle.
+</p>
+
+<p>
+Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit
+sei, sich für etwas zu entschließen; ja, er
+hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand gesagt,
+wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das
+aber wissen!
+</p>
+
+<p>
+Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen!
+Auf jeden Fall und um keine Zeit zu verlieren nahm er
+sich eine Droschke und fuhr so schnell wie möglich nach
+Haus.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei
+sich, „wie erlauben Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch?
+Was tust du jetzt? Was tust du jetzt, du
+Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum
+letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“
+</p>
+
+<p>
+So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in
+eine alte klapprige Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten
+und seine Wunde aufzureißen, bereitete nämlich
+Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen,
+fast eine Genugtuung.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer
+käme, oder wenn man mir offiziell erklärte:
+gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand –
+und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin
+<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
+geben und du wirst wieder glücklich sein, nur deinen
+Finger wirst du nicht mehr haben – so würde ich den
+Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch
+nur eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“
+schrie endlich der Titularrat außer sich, „nun,
+wozu das alles? wozu ist das alles nötig gewesen,
+warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem
+anderen! Und alles war so gut zu Anfang, alle
+waren zufrieden und glücklich: wozu war denn gerade
+das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts
+erreicht, hier muß gehandelt werden.“
+</p>
+
+<p>
+Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem
+Entschluß gekommen, als er in seine Wohnung trat.
+Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr aus allen
+Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken
+aus, wobei er in außerordentlicher Erregung
+im Zimmer auf und ab lief.
+</p>
+
+<p>
+Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken.
+Endlich hatte Herr Goljädkin seinen Entschluß
+gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin, nahm
+den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen
+und lief hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka
+keuchend ein und übergab ihm den vergessenen Hut.
+Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch irgendwie,
+so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen,
+damit Petruschka sich nur nicht wegen dieses
+sonderbaren Umstandes, daß er den Hut vergessen, seine
+Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht einmal
+ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin
+ohne weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief
+die Treppe hinunter und redete sich Mut ein: daß sich alles
+<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
+vielleicht noch zum besten kehren werde und die
+Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost
+packte ihn. Er trat auf die Straße hinaus, nahm eine
+Droschke und fuhr zu Andrej Philippowitsch.
+</p>
+
+<p>
+„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte
+Herr Goljädkin, als er die Klingel zur Wohnung Andrej
+Philippowitschs zog – „ja, und was hätte ich
+ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes.
+Die Sache ist ja so erbärmlich, so miserabel,
+einfach zum Ausspeien! ... Was doch nicht alles die
+Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich
+an der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen
+hörte man Schritte nahen ... Jetzt verwünschte sich
+Herr Goljädkin selbst wegen seiner Übereiltheit und
+Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten Unannehmlichkeiten,
+die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte,
+und der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, –
+alles fiel ihm mit einem Male wieder ein. Doch zum
+Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür wurde
+geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete
+man ihm, Andrej Philippowitsch sei von der
+Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt und werde auch
+außer dem Hause speisen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke
+speist er,“ dachte bei sich unser Held und war außer
+sich vor Freude. Auf die Anfrage des Dieners, wen er
+melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein
+Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen,
+mein Freund, – und er eilte darauf mit einer gewissen
+Freudigkeit und Behendigkeit die Treppe hinab.
+Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen
+<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
+und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn
+noch um ein Trinkgeld anging: „habe gewartet, Herr,
+lange gewartet, und meinen Gaul vorhin nicht geschont
+...“ da gab er ihm, und sogar mit großem
+Vergnügen, fünf Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin,
+„daß sie in Wirklichkeit so nicht bleiben kann;
+wenn man’s sich aber überlegt, und vernünftig überlegt
+– was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man
+muß sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu
+sich hier herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen
+und nicht mehr rückgängig zu machen! Überlegen
+wir uns einmal: es erscheint ein Mensch –
+ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen,
+das heißt, ein fähiger Beamter mit gutem Betragen,
+nur daß er arm ist und Unannehmlichkeiten erlebt hat
+... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß also abtreten.
+Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat
+sich so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein
+Mensch dem andern, wie ein Wassertropfen dem andern
+ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie des anderen
+ist: sollte man ihn deshalb etwa <em>nicht</em> anstellen,
+wenn das Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein
+daran schuld ist? Soll man ihn deshalb wie einen
+Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst zulassen?
+Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein
+armer, verlorener und geängstigter Mensch: da muß
+einem ja das Herz wehtun und das Mitleid einen packen!
+Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn
+sie so gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf!
+<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
+Nein, nein, und sie hat gut getan, daß sie den armen
+Menschen versorgte ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen
+wir an, zum Beispiel, wir seien Zwillinge, von der
+Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja, und – das
+wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und
+was wäre denn dabei? Einfach, nichts! Man könnte
+es ja allen Beamten mitteilen ... und, wenn ein
+Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch
+sicher nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in
+diesem Umstand sehen. Es liegt darin sogar etwas
+Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei Zwillinge
+geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot
+Gottes achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“
+und Herr Goljädkin hielt den Atem an und senkte ein
+wenig seine Stimme, „freilich, freilich wäre es besser,
+wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber
+überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge
+das alles holen! Wozu war das alles nötig? Warum
+konnte es wenigstens nicht aufgeschoben werden?
+Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes
+eingebrockt! Er hat einmal schon so einen Charakter,
+schlechte, verlogene Manieren, – so ein Schuft,
+so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so
+ein Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht
+aufführen und meinen Namen schänden, der Taugenichts,
+jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn aufzupassen.
+Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe
+ich das nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft
+... mag er es sein, der andere ist dafür ein – Ehrenmann.
+Er ist also der Schuft, ich aber bin der Anständige!
+<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
+Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin
+ist ein Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn
+nicht mit dem anderen; der andere aber ist ehrlich und
+tugendhaft, bescheiden und nicht boshaft, sehr gut im
+Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s!
+Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ...
+so verwechselt!
+</p>
+
+<p>
+Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das
+ist! ...“
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin
+und her überlegend, lief Herr Goljädkin immer weiter,
+ohne auf den Weg zu achten, und ohne eigentlich zu
+wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er
+zu sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem
+Vorübergehenden so zusammenstieß, daß vor seinen Augen
+Funken sprühten. Herr Goljädkin wagte kaum
+den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung.
+Erst als der andere schon in einer bedeutenden
+Entfernung von ihm war, wagte er endlich seine Nase
+zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er sich
+eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade
+vor dem Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt
+hatte, bevor er sich zur Galatafel bei Olssuph
+Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held plötzlich ein
+mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte
+sich, daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm
+auch kein ähnliches Diner bevorstand, wie damals, und
+so lief er denn eilig die Treppe zum Restaurant hinauf,
+um so schnell wie möglich und unbemerkt eine Kleinigkeit
+zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig
+teuer war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn
+<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
+Goljädkin nicht im geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten
+abzugeben, hatte Herr Goljädkin jetzt keine Zeit.
+Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag eine
+große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack
+eines verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett
+war daher ständig von einer Menge wartender Menschen
+belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem Eingießen,
+Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden.
+Auch Herr Goljädkin mußte seine Zeit abwarten
+und streckte endlich seine Hand bescheiden nach einem
+Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er damit
+in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu
+und aß mit Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück,
+legte das Tellerchen auf den Tisch und da er den
+Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben,
+machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen:
+„hier liegt das Geld für eine Pastete usw.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“
+sagte der Kellner.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie
+meinen Sie das? – Ich ... ich ... habe, glaube ich,
+nur eine Pastete genommen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten
+Bestimmtheit der Kellner.
+</p>
+
+<p>
+„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ...
+Ich habe, glaube ich, wirklich nur eine Pastete genommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück.
+Was Sie genommen haben, müssen Sie auch bezahlen
+– bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien
+<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
+gehen mit mir jetzt wieder vor?“ dachte er. Der
+Kellner wartete gespannt auf Herrn Goljädkins Entschluß.
+Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit
+aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich
+in die Tasche, um den Silberrubel sofort zu bezahlen
+und von der Schuld loszukommen.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde
+rot wie ein Krebs, „was ist denn auch dabei, wenn
+man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war eben
+hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß
+sie zu seiner Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern,
+dabei ist doch nichts Lächerliches ...“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen
+Ruck, er blickte auf und begriff sofort – das ganze
+Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür zum Nebenzimmer,
+hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht
+zu Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben
+Tür, die unser Held vorhin als Spiegelglas angesehen,
+stand ein Mensch, stand er, stand Herr Goljädkin
+selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer
+Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin,
+der neue Herr Goljädkin. Dieser andere Herr Goljädkin
+befand sich offenbar in der allerbesten Laune. Er
+lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit
+dem Kopf, zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig
+hin und her und sah ganz so aus, als ob er, wenn
+man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer
+verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen
+würde ... – jede Verfolgung wäre vergebens gewesen!
+In seinen Händen befand sich noch das letzte
+Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen
+<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
+des Herrn Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in
+seinen Mund steckte.
+</p>
+
+<p>
+„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“
+dachte Herr Goljädkin und fühlte, wie er sich schämte.
+„Er hat es gewagt mich öffentlich bloßzustellen! Sieht
+ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich niemand
+zu bemerken ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch,
+als hätte er sich an ihm alle Finger verbrannt, und
+schien das freche Lächeln des Kellners gar nicht zu bemerken
+– dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit
+und Macht. Er drängte sich durch die Menge
+und stürzte zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders
+bloßgestellt wurde!“ dachte Herr Goljädkin der Ältere.
+„Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem Schicksal, daß
+diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner
+wurde frech, aber er war doch in seinem Recht! Es
+kostete doch einen Rubel und zehn Kopeken, also war
+er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem
+etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“
+</p>
+
+<p>
+Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die
+Treppe hinabging. Kaum aber war er an der letzten
+Stufe angelangt, als er plötzlich wie angewurzelt stehen
+blieb und über und über errötete, daß ihm die
+Tränen in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun
+doch in seiner Eitelkeit verletzt. Als er eine Minute in
+dieser Weise unbeweglich dagestanden hatte, stampfte
+er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz
+von der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen,
+<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
+ohne seine Müdigkeit zu fühlen, begab er sich
+nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße.
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die
+Zeit, seinen Mantel auszuziehen. Ganz gegen seine
+sonstige Gewohnheit, sich häuslich niederzulassen und
+seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er war,
+auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück
+Briefpapier und begann mit vor innerer Erregung
+zitternden Händen folgenden Brief zu schreiben:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die
+Umstände und Sie, geehrter Herr, mich dazu nötigten.
+Glauben Sie mir, daß nur die Notwendigkeit mich dazu
+zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen einzutreten,
+darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung
+nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein
+verehrter Herr zu beleidigen, sondern – sondern als
+eine unumgängliche Folge der Umstände, die uns zueinander
+in Beziehung gebracht haben.“
+</p>
+
+<p>
+„So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben
+zu sein, wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit
+... Beleidigt kann er sich dadurch nicht
+fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“
+dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein
+geehrter Herr, in der stürmischen Nacht, nach einem
+ausfallenden und rohen Benehmen meiner Feinde gegen
+mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben
+verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse,
+<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
+die in gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen.
+Ihr hartnäckiges Bestreben, mein geehrter Herr, mit
+aller Gewalt in mein Sein und in meinen Lebenskreis
+einzudringen, übersteigt alle Grenzen der Höflichkeit
+und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt,
+Sie daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie
+sich meiner Papiere und meines Namens bedient haben,
+um sich bei der Regierung einzuschmeicheln – um
+eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst nicht verdient
+haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre vorbedachte,
+beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen
+Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen.
+Und zuletzt, um nicht alles zu sagen, möchte ich noch
+Ihre sonderbare Handlungsweise im Restaurant mir
+gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die
+unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich
+doch einen heftigen Unwillen bei der Erinnerung an
+Ihre deutliche Absicht, mein geehrter Herr, meiner
+Ehre zu schaden, und das noch dazu in Gegenwart einiger
+Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar
+aus der guten Gesellschaft waren ...“
+</p>
+
+<p>
+„Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr
+Goljädkin. „Wird das nicht zu viel sein? Ist das nicht
+beleidigend – diese Anspielung auf die gute Gesellschaft
+zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen!
+Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man
+ihm zur Besänftigung zum Schluß ein wenig schmeicheln,
+ihm Butter aufs Brot schmieren. Wir wollen
+sehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem
+Brief nicht belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt
+<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
+wäre, daß Ihr edles Herz und Ihr offener und gerader
+Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen werden,
+um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen
+ist.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu
+sein, daß Sie meinen Brief nicht in beleidigendem
+Sinne auffassen werden, daß Sie aber auch nicht verfehlen
+werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch
+die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein,
+geehrter Herr, Ihr gehorsamster Diener.
+</p>
+
+<p class="sign">
+J. Goljädkin.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache
+wäre also erledigt: die Sache ging nun schon bis zu
+schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist schuld daran?
+Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so
+weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich
+bin in meinem Recht ...“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief
+durchgelesen hatte, faltete er ihn zusammen, adressierte
+ihn und rief dann Petruschka. Petruschka erschien wie
+immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter
+Laune.
+</p>
+
+<p>
+„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst
+du?“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement,
+dort suchst du den diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär
+Wachramejeff. Wachramejeff hat
+heute den Tagdienst. Verstehst du das?“
+</p>
+
+<p>
+„Verstehe.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
+„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du
+fragst also nach dem Beamten Wachramejeff und sagst
+ihm: so und so, der Herr hat befohlen, Sie von ihm
+zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im Adressenregister
+unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat
+Goljädkin wohnt?“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin
+schien, lächelte er.
+</p>
+
+<p>
+„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse
+und wo der neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt:
+verstehst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe.“
+</p>
+
+<p>
+„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser
+Adresse diesen Brief: verstehst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief
+bringst, so wird dieser Herr, dem du diesen Brief gibst,
+Herr Goljädkin also ... Was lachst du, Schafskopf?“
+</p>
+
+<p>
+„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich
+habe nichts ... unsereins hat nichts zu lachen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen
+sollte, wie es mit deinem Herrn steht ... wenn er
+dich also irgendwie ausfragen möchte – so schweigst
+du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut,
+er bittet um eine schriftliche Antwort auf seinen
+Brief.‘ Verstehst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Verstehe.“
+</p>
+
+<p>
+„Also, fort mit dir.“
+</p>
+
+<p>
+„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf!
+Er lacht. Warum lacht er denn? Es wird von
+Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das
+<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
+schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles
+zum Guten wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher
+jetzt noch zwei Stunden herumtreiben oder überhaupt
+nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja nirgendwohin
+schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch
+ein Unglück! ...“
+</p>
+
+<p>
+Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines
+ganzen Unglücks, zu der passiven Rolle einer zweistündigen
+Erwartung Petruschkas. Eine Stunde lang ging
+er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder
+seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf
+legte er sich auf den Diwan, griff dann wieder zur
+Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf und ab ...
+Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken
+nicht zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden
+Zustand nicht länger, und Herr Goljädkin beschloß
+bei sich, lieber wieder zu handeln.
+</p>
+
+<p>
+„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“
+dachte er, „ich kann also den Schlüssel dem
+Hausknecht geben – und selbst werde ich unterdessen
+... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits
+etwas für sie tun.“
+</p>
+
+<p>
+Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach
+seinem Hut, verließ das Zimmer, schloß seine Wohnung
+zu, ging zum Hausknecht, händigte dem den
+Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld
+– Herr Goljädkin wurde in letzter Zeit ungeheuer
+freigebig – und ging – ging, wohin ihn der Weg
+führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke.
+</p>
+
+<p>
+Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das
+<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
+Ziel seiner Wanderung erreicht hatte, ging er geradeaus
+auf den Hof des ihm bekannten Hauses und blickte
+zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff
+hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten
+Vorhängen verhangenen Fenstern waren die übrigen
+alle dunkel.
+</p>
+
+<p>
+„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine
+Gäste,“ dachte Herr Goljädkin, „sie werden wohl jetzt
+allein zu Hause sitzen.“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden
+hatte, wollte er sich augenscheinlich zu etwas
+entschließen. Aber es sollte anders kommen. Herr Goljädkin
+winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf
+die Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was
+soll ich denn hier machen? ... Ich werde besser tun ...
+selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit diesem Entschluß
+begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der
+Weg war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig
+und nasser Schnee fiel in dichten Flocken, doch für unseren
+Helden schien es keine Hindernisse mehr zu geben.
+Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar
+durchnäßt und beschmutzt, „wenn schon, denn schon:
+das heißt, wenn man das Ziel erreichen will!“ Und
+Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem
+Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes
+stieg in der Ferne vor ihm auf.
+</p>
+
+<p>
+„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde
+ich hier machen? Nehmen wir an, ich erfahre, wo er
+wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits zurückgekehrt
+<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
+sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich
+verliere nur meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst.
+Nun, tut nichts, man kann alles wieder gut machen ...
+Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen! Aber
+so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich
+muß immer vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr
+ist es? Sicherlich schon neun Uhr. Petruschka könnte
+kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe
+wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ...
+Ach, wirklich, diese Konfusion!“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung
+gekommen war, daß er eine Dummheit begangen,
+lief er sofort zurück zu seiner Schestilawotschnaja-Straße.
+Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und
+erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht
+einmal daran gedacht hatte, wieder auf der Bildfläche
+zu erscheinen.
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser
+Held: „Und dabei ist es schon neun Uhr! Solch ein
+Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr du
+meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen
+Lohn bezahlt, damit er Geld in den Händen hat.“
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine
+Wohnung auf, machte Licht, kleidete sich aus, steckte
+seine Pfeife an und müde, zerschlagen, hungrig, wie
+er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf
+den Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht
+flackerte an den Wänden ... Herr Goljädkin starrte
+vor sich hin, dachte und dachte und schlief endlich ein,
+wie tot.
+</p>
+
+<p>
+Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt
+<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
+und flammte noch hin und wieder auf, um
+dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin sprang auf,
+ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles,
+mit einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte
+man Petruschka schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans
+Fenster – nirgendwo ein Licht zu sehen. Er öffnete
+das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief.
+Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig,
+die Uhr hinter dem Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin
+stürzte in den Verschlag.
+</p>
+
+<p>
+Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es
+ihm, Petruschka zu wecken und ihn im Bett aufzurichten.
+In diesem Augenblick verlöschte das Licht vollkommen.
+Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin
+ein anderes Licht fand und es anzündete. In
+der Zeit war aber Petruschka von neuem eingeschlafen.
+</p>
+
+<p>
+„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn
+Herr Goljädkin und rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du
+wohl aufwachen, wirst du wohl aufstehen!“ Nach halbstündiger
+Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin, seinen
+Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem
+Verschlag herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held,
+daß Petruschka vollkommen betrunken war und sich
+kaum auf den Füßen halten konnte.
+</p>
+
+<p>
+„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du
+Lump! Am liebsten würdest du mir wohl, weiß der
+Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den
+Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus
+ihm geworden ... Und warum habe ich ihn geschrieben?
+Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz. Wozu
+stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon
+<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
+... Und du, du Räuber, wohin hast du den Brief
+gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und
+habe überhaupt keinen Brief gehabt ... so ist’s!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>
+„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich höre ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin
+ich gegangen! Was ist denn dabei?“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst
+du zuerst? Warst du in der Kanzlei? ... Du, höre
+mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der
+Stelle ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken
+bist ... Ich fragte ja nur so ... gut, gut, daß du betrunken
+bist: ich meinte ja nur, Petruschka ... Du hast
+vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst dich
+jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff
+– warst du oder warst du nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar
+nicht. Und wenn man mich auch sogleich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja
+nichts. Du siehst doch, daß ich nichts ... Nun, was ist
+denn dabei? Nun, draußen war es kalt, feucht und der
+Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das
+besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst
+habe heute etwas getrunken, mein Lieber. Gestehe es
+<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
+nur ein, denke nur nach, mein Lieber, warst du heute
+beim Wachramejeff?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich
+war da ... und wenn ich auch sogleich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen
+bist. Siehst du, ich ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“
+fuhr unser Held fort, seinen Diener aufzurütteln, schüttelte
+ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun,
+und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts,
+nur ein wenig ... für zehn Kopeken ein Schlückchen?
+Du Saufbold! Nun, tut nichts. Siehst du, daß
+ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse
+darüber, mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein
+Saufbold. Bei guten Menschen bin ich gewesen, denn
+ich bin kein Säufer, bin niemals ein Säufer gewesen
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich
+will dich ja auch gar nicht schimpfen, wenn ich dich
+einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur zur Beruhigung
+gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es
+dir gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne
+schimpft, so fühlt er sich geschmeichelt, Petruschka. Ein
+anderer liebt es sogar! ... Nun, Petruschka, sage mir
+jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du beim
+Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“
+</p>
+
+<p>
+„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse.
+Ein guter Beamter ist er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er,
+‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und also sage
+ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und
+sage ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein
+<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
+Herr,‘ sagt er, ‚ein guter Mensch ist, und du, Petruschka,
+bist auch ein guter Mensch, siehst du‘ ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse!
+Judas du!“ Die letzten Worte sprach Herr Goljädkin
+fast flüsternd.
+</p>
+
+<p>
+„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin,
+der Titularrat Goljädkin?“
+</p>
+
+<p>
+„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße.
+So wie du in die Schestilawotschnaja
+eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts die Treppe
+hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin
+...‘“
+</p>
+
+<p>
+„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich
+die Geduld verlor: „Du Taugenichts! Das bin doch
+ich, das bin ja ich, von dem du sprichst. Da ist aber
+ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche
+ich, du Räuber, du!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie
+Sie wollen! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aber der Brief, der Brief? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich
+habe keinen Brief gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke,
+du!?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben.
+‚Grüße ihn,‘ sagt er, ‚grüße und danke deinem
+Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“
+</p>
+
+<p>
+„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das
+gesagt?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
+Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er
+übers ganze Gesicht und sah seinem Herrn gerade in die
+Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin,
+schnaubend vor Wut, „was hast du mit mir gemacht?
+Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht? Du
+hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen
+Kopf von den Schultern gerissen. So ein Judas!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“
+sagte in bestimmtem Tone Petruschka und zog sich hinter
+seine Scheidewand zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Komm her, hierher, du Räuber! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt
+nicht mehr. Was geht’s mich an! Ich gehe zu
+den guten Menschen ... Gute Menschen, die ehrlich
+und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“
+Herrn Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und
+der Atem ging ihm aus ...
+</p>
+
+<p>
+„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht
+doppelt und beleidigen nicht Gott und die Menschen!“
+</p>
+
+<p>
+„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe
+jetzt lieber schlafen, du Räuber! Aber morgen werde
+ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr Goljädkin mit
+kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch
+etwas: dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett
+legte, daß es in allen Fugen krachte, wie er laut gähnte
+und sich ausstreckte, und dann, wie man sagt, den
+Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das
+Betragen Petruschkas, seine sonderbaren, wenn auch
+sehr entfernten Anspielungen, über die man sich „folglich
+<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
+nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er
+betrunken war, und schließlich die ganze bösartige
+Wendung, die die Sache nahm – alles das erschütterte
+Herrn Goljädkin bis auf den Grund.
+</p>
+
+<p>
+„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu
+wecken?“ fragte sich unser Held, am ganzen Körper
+vor krankhafter Erregung zitternd, „und was plagte
+mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln!
+Und was kann man denn von einem betrunkenen Menschen
+erwarten? Jedes Wort ist ja gelogen! Worauf
+spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott,
+mein Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben,
+ich Selbstmörder, ich Selbstmörder! Konnte
+ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn geschehen?
+Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen.
+Wenn aber meine Ehre leidet – seine Ehre muß
+man doch retten! Ach, ich Selbstmörder, ich!“
+</p>
+
+<p>
+So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan
+sitzend, und wagte sich vor Furcht kaum zu bewegen.
+Plötzlich fielen seine Augen auf einen Gegenstand, der
+seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der
+Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner
+Phantasie sein, wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst
+und unbeschreiblicher Neugier, seine Hand danach
+auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war
+Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief,
+ein wirklich an ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin
+griff nach dem Brief auf dem Tisch. Sein Herz schlug
+heftig.
+</p>
+
+<p>
+„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“
+dachte er, „hat ihn dort hingelegt und ihn dann vergessen;
+<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
+so wird es wohl gewesen sein, sicher wird es
+so gewesen sein ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten
+und ehemaligen Freunde Goljädkins.
+</p>
+
+<p>
+„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser
+Held, „und alles, was im Briefe hier stehen wird, habe
+ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief lautete folgendermaßen:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts
+Gescheites aus ihm herausbringen. Aus dem Grunde
+ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu antworten.
+</p>
+
+<p>
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit
+bin, Ihren Auftrag, den mir übergebenen Brief an
+eine gewisse Person zu befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit
+und Treue auszuführen. Diese Person, die
+Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener
+Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich
+möchte nicht unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen
+schaden!) wohnt mit uns zusammen in der Wohnung
+Karolina Iwanownas, und zwar in demselben
+Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren,
+der Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person
+gehört zu den ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges
+Herz haben, was man bekanntlich nicht bei
+allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen beabsichtige
+ich von heute ab vollständig abzubrechen, in
+dem freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher
+miteinander verkehrten, können wir nicht mehr
+zueinander stehen, und darum bitte ich Sie, sehr
+<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
+geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen
+Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei
+Rubel für das Rasiermesser ausländischen Fabrikats,
+das ich Ihnen verschaffte, zu schicken. Wie Sie sich erinnern
+werden, hatte ich es Ihnen bereits vor sieben
+Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu
+der Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina
+Iwanowna lebten, die ich von ganzem Herzen achte
+und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da Sie, nach
+der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung
+und Ihren guten Ruf verloren haben und
+der Verkehr mit Ihnen für junge, sittsame und unverdorbene
+Menschen daher sehr gefährlich geworden
+ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und
+dazu sind ihre Worte falsch und ihre wohlanständige
+Haltung ist verdächtig. Es wird immer Leute geben,
+die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna
+annehmen werden, die stets von gutem Betragen und
+eine ehrbare Dame gewesen ist und die dazu ein Mädchen,
+wenn auch nicht von jungen Jahren, so doch aus
+anständiger ausländischer Familie ist. Man hat mich
+gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe
+beiläufig in Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall
+werden Sie schon alles zu seiner Zeit erfahren, falls
+Sie es bis jetzt noch nicht erfahren haben sollten, obgleich
+Sie nach Aussagen verständiger Leute an allen
+Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und
+wenigstens an vielen Stellen Auskunft über sich selbst,
+geehrter Herr, erhalten können.
+</p>
+
+<p>
+Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter
+Herr, daß die Ihnen bekannte Person, deren Namen
+<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
+ich aus wohlbegründeten Ursachen hier nicht erwähnen
+möchte, von allen wohlgesinnten Menschen
+sehr geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem,
+heiterem Charakter, in ihrem Beruf wie unter den
+Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort und jeder
+Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt
+und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher
+Beziehung befindet.
+</p>
+
+<p>
+Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener
+</p>
+
+<p class="sign">
+N. Wachramejeff.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker
+und wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu
+schaffen machen. Nehmen Sie doch Eustachius, der
+früher hier bei mir diente und gegenwärtig stellenlos
+ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch
+ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina
+Iwanowna ein Pfund Zucker zu billigerem
+Preise verkauft, das er, meiner Meinung nach, nur
+in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von Ihnen
+gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich
+Ihnen Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche
+Personen nur zu beleidigen und die Menschen zu betrügen
+verstehen, besonders anständige Leute von gutem
+und ehrlichem Charakter. Außerdem versuchen sie
+diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und
+zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht
+rechnen können.
+</p>
+
+<p class="sign">
+W.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs
+gelesen hatte, blieb er noch lange unbeweglich auf
+<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
+seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den dichten,
+rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit
+zwei Tagen umgab. Unser Held fing allmählich an,
+alles, alles zu begreifen ... Er versuchte sich vom Diwan
+zu erheben und einige Male durch das Zimmer
+zu gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten
+Gedanken zu sammeln und sie auf einen bestimmten
+Gegenstand zu konzentrieren – um dann reiflich seine
+Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte,
+fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was
+schreibt er denn und was ist der Sinn seiner Worte?
+Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt das alles?
+Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt
+wird das und das, ich würde es sofort tun! Der
+ganze Gang der Sache ist ein so unangenehmer! Wenn
+es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache
+annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen
+würde. So und so, sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft
+zu kommen, doch meine Ehre gebe ich nicht
+preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme
+Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt?
+Und warum hat sie sich da hineingemischt?
+Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis
+dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren!
+Die Hauptsache – nur keine Zeit verlieren!
+Jetzt, zum Beispiel, sollte ich da nicht einen Brief
+schreiben: so und so, und das und das, bin damit und
+damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die
+Sonne aufgeht, oder noch früher ... werde ich von der
+<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
+anderen Seite entgegenarbeiten und den Burschen zuvorkommen
+... Sie werden nur lästern über mich, ja,
+und das ist alles!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die
+Feder und schrieb folgende Antwort auf den Brief
+des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung
+las ich Ihren für mich so beleidigenden Brief, denn
+ich habe wohl verstanden, daß Sie mit den nicht wohlanständigen,
+falschen und lügnerischen Personen mich
+bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe
+ich, wie schnell und wie tief die Verleumdung Wurzeln
+gefaßt hat, zum Schaden meines Wohlergehens,
+meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so
+beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich
+wohlmeinende Leute und hauptsächlich die, welche
+mit einem offenen und geraden Charakter begabt sind,
+sich von dem Leben anständiger Leute abwenden und
+an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie
+es Menschen führen, welche in jener Sittenlosigkeit
+versunken sind, die zum Unglück unserer Zeit unter uns
+so schädliche Früchte zeitigt.
+</p>
+
+<p>
+Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für
+meine heilige Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von
+zwei Rubeln unverzüglich zurückzuerstatten.
+</p>
+
+<p>
+Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt,
+in bezug auf eine sehr bekannte Person weiblichen
+Geschlechts und in bezug auf die Absichten, Berechnungen
+und verschiedenen Ränke dieser Person,
+so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß
+<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
+ich alle diese Anspielungen bloß halbwegs verstanden
+habe. Erlauben Sie mir auch, geehrter Herr, meine
+anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen unbefleckt
+zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf
+persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche
+Erörterung der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls
+bin ich zu friedlicher, gegenseitiger Verständigung bereit.
+Daher ersuche ich Sie, sehr geehrter Herr, meine
+Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache dieser
+Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den
+Ort des Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir
+schmerzlich, mein geehrter Herr, Ihre Anspielungen
+zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre frühere
+Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten
+Sinne über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese
+Mißverständnisse schnöder Verleumdung, dem Neid
+mir gegenüber zu, und zwar derjenigen, die ich mit
+Recht meine erbittertsten Feinde nennen kann. Aber
+wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld
+durch sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit
+und Frechheit früher oder später zu einer
+allgemeinen Verachtung führt, die sie treffen wird,
+und daß solche Personen durch ihre eigenen schlechten
+Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde
+gehen müssen.
+</p>
+
+<p>
+Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen
+Personen zu sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung
+und ihre unedlen phantastischen Wünsche und
+Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen,
+die sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen
+und Bedauern erweckt und sie selbst für das
+<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
+Irrenhaus reif macht. Überdies sind solche Bestrebungen
+durch das Gesetz strengstens verboten, was
+meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder
+mit seiner eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles
+hat seine Grenzen, und wenn das ein Scherz sein soll,
+so ist es ein unwürdiger Scherz, ich sage mehr: ein
+unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein
+geehrter Herr, daß meine Anschauung über die
+Stellung eines jeden hier auf Erden auf ethischen
+Voraussetzungen beruht.
+</p>
+
+<p>
+In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein
+</p>
+
+<p class="sign">
+Ihr gehorsamer Diener<br>
+J. Goljädkin.“
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-10">
+<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
+X.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen
+Tages Herrn Goljädkin bis auf den Grund seines
+Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief sehr
+schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf
+Minuten wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte
+irgendein mutwilliger Schelm ihm geschnittene
+Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht
+verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt
+von der einen Seite auf die andere. Schlief er einmal
+– stöhnend, ächzend – auf einen Augenblick ein, so
+erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das
+war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer,
+unklaren Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern,
+mit einem Wort von allem, was es nur an Unangenehmem
+geben kann ... So erschien ihm in rätselhaftem
+Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs,
+eine trockene Erscheinung, mit bösem Blick
+und gefühllos höflicher Sprechweise ... Als aber
+Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej Philippowitsch
+zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen,
+„so oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen
+und ihm zu beweisen, daß er durchaus nicht so sei, wie
+seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr ein ganz
+<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
+anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen
+Fähigkeiten noch diese und jene besitze –
+da erschien plötzlich eine ihm durch ihre übelwollende
+Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein empörendes
+Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen
+des Herrn Goljädkin vereitelt, und Herr Goljädkin
+sah vor seinen eigenen Augen seine Würde und seine
+Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz
+gezogen, während diese Person seine, jawohl, seine
+Stellung im Dienst wie in der Gesellschaft einnahm.
+Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung
+eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem
+erhalten und demütig hingenommen hatte: war es
+nun im gewöhnlichen Leben oder in dienstlicher Angelegenheit
+gewesen – jedenfalls war es unmöglich,
+gegen diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen
+oder zu leugnen ... Während aber Herr Goljädkin
+sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum es
+denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber
+zu wehren – ging der Nasenstüber unmerklich in eine
+andere Form über – in die Form einer ziemlich bekannten,
+kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit,
+die er gesehen oder gehört oder selbst unlängst
+vollbracht hatte, und zwar nicht etwa aus schlechter
+Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb, sondern so
+– nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht
+auch aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus,
+und schließlich, weil ... weil, nun, Herr Goljädkin
+wußte sehr gut, warum!
+</p>
+
+<p>
+Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum,
+und weil er sich beherrschen wollte, murmelte er vor
+<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
+sich hin, daß man, zum Beispiel, jetzt Charakterfestigkeit
+zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was
+Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie
+auffassen solle.
+</p>
+
+<p>
+Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin
+und versetzte ihn in Wut, daß gerade in diesem
+Augenblick, gerufen oder ungerufen, die Person auftauchte,
+die ihm in ihrer fast karikaturenhaften Abscheulichkeit
+nur zu bekannt war, und ihm, obwohl
+ihm damit gar nichts Neues, sondern nur zu Bekanntes
+gesagt wurde, mit einem bösartigen Lächeln zuflüsterte:
+„Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche
+Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch,
+wohl aufzuweisen! ...“
+</p>
+
+<p>
+Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er
+sich in einer prächtigen Gesellschaft befände, die sich
+durch Geist und den vornehmen Ton aller anwesenden
+Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits
+durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete,
+daß alle ihn liebten, sogar einige seiner
+Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan zeigten,
+was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm
+alle den Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit
+Vergnügen anhören durfte, wie der Wirt einen
+seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes
+über Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir
+nichts dir nichts, erschien wieder dasselbe mißvergnügte
+und mit wahrhaft tierischen Zügen begabte Gesicht
+des Herrn Goljädkin <span class="antiqua">junior</span> und zerstörte den
+ganzen Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin
+<span class="antiqua">senior</span>, verdunkelte seine glänzende gesellschaftliche
+<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
+Erscheinung, trat ihn abermals in den Schmutz und
+bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere,
+daß der wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche
+sei, sondern ein nachgemachter, während er, er selbst,
+der wirkliche wäre ... Herr Goljädkin der Ältere aber,
+der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige, als der er
+erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich
+habe er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so
+trefflicher Leute von gutem Ton zu gehören!
+</p>
+
+<p>
+Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin
+der Ältere vor Erstaunen nicht einmal den
+Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch zusehen
+konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem
+abscheulichen und falschen Herrn Goljädkin hingegeben
+hatten und sich mit der tiefsten Verachtung von
+ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin,
+abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf
+die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, bei der sich
+nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit seinen süßen
+Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt
+hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit
+gemäß, Weihrauch ausstreute, angenehmen und süßduftenden
+Weihrauch, so daß die auf diese Weise angeräucherten
+Personen bis zu Tränen niesen mußten
+– zum Zeichen ihres höchsten Vergnügens.
+</p>
+
+<p>
+Und was die Hauptsache war – alles das geschah
+in einem Augenblick: die Geschwindigkeit des Vorgangs
+war erstaunlich! Kaum gelang es dem falschen
+Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm
+auch schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen
+– und im selben Augenblick stand er auch
+<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
+schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin, schmeichelte
+her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem
+ein Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm
+mit seinen kurzen, runden, übrigens recht steifen Beinchen
+– und siehe da, schon machte er einem Neuen
+den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund
+konnte man kaum öffnen, nicht aus dem Erstaunen
+heraus konnte man kommen, und er war schon bei
+einem vierten, und mit diesem vierten in denselben
+Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es
+zu sein! Und alle waren sie entzückt von ihm und alle
+liebten ihn und bemühten sich um ihn. Alle wiederholten
+im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein
+blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die
+Liebenswürdigkeit und der Geist des anderen Herrn
+Goljädkin, und beschämten dadurch diesen wirklichen
+und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich
+von dem wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den
+wohlgesinnten Herrn Goljädkin, den durch seine Nächstenliebe
+bekannten echten Herrn Goljädkin mit Puffern
+und Nasenstübern einfach hinaus! ...
+</p>
+
+<p>
+Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte
+Herr Goljädkin auf die Straße und
+wollte sich eine Droschke nehmen, um geradewegs
+zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm,
+dann doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o
+Schrecken! Der Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn
+Goljädkin aufzunehmen, „wie, Herr, kann man einen
+Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter
+Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber
+nicht so wie Sie – nicht ... irgendwie – doppelt!!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
+Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen
+ehrenwerte Herr Goljädkin sich um, und konnte sich
+so selbst und mit seinen eigenen Augen überzeugen,
+daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar
+mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht
+waren, denn der andere, der nichtsnutzige Herr Goljädkin
+stand in der Tat in greifbarer Nähe neben ihm
+und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er
+auch hier, in diesem kritischen Augenblick, im Begriff,
+etwas sehr Gemeines zu tun, etwas, das allerdings
+keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch Erziehung
+erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine
+Form, keinen Takt, mit denen der widerwärtige Herr
+Goljädkin der Zweite doch bei jeder Gelegenheit zu
+prahlen pflegte.
+</p>
+
+<p>
+Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung
+floh der unglückliche und ehrenwerte Herr Goljädkin
+von dannen, floh, lief, wohin ihn seine Füße
+trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch
+bei jedem Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag
+seiner Füße auf das harte Trottoir, sprang wie aus
+der Erde hervor, ein ebensolcher Herr Goljädkin, jener
+andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose,
+abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder
+begannen nun, kaum, daß sie erschienen, einer dem
+anderen nachzulaufen. In einer langen Kette, wie
+einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter
+Herrn Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich
+war, ihnen zu entfliehen, so daß dem bedauernswerten
+Herrn Goljädkin der Atem stockte, so daß
+zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich
+<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
+ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt
+war und ein Polizist, der diese Störung der
+öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte, sich veranlaßt
+sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und
+sie auf die Wache zu führen ...
+</p>
+
+<p>
+Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser
+Held und gebannt und erstarrt vor Schrecken fühlte
+er sich auch noch im wachen Zustande nicht besser.
+Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte
+ein Gefühl, als ob ihm jemand das Herz aus der Brust
+risse ...
+</p>
+
+<p>
+Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger
+aushalten. „Das darf nicht sein!“ rief er mit Entschlossenheit
+aus, und erhob sich vom Bett, woraufhin
+er vollständig wach wurde.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen.
+Im Zimmer war es ganz außergewöhnlich hell. Die
+Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen Fensterscheiben
+und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer,
+was Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte.
+Denn nur zu Mittag konnte die Sonne zu ihm hineinsehen,
+und zu anderer Stunde war so etwas, soweit
+Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen.
+Während unser Held noch ganz verwundert
+darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem
+Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie
+gleich darauf schlagen werde.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und
+horchte auf, in gespannter Erwartung ... Doch zu
+seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und
+schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für
+<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
+eine Geschichte?“ rief unser Held aus und sprang jetzt
+endgültig aus dem Bett. Wie es schien, traute er seinen
+eigenen Ohren nicht und lief hinter den Verschlag.
+Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin
+blickte auf Petruschkas Bett, doch im Zimmer war
+von Petruschka keine Spur zu sehen. Sein Bett war
+augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel
+waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen,
+daß Petruschka wirklich nicht zu Hause war. Herr
+Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war verschlossen.
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort,
+in schrecklicher Erregung, an allen Gliedern zitternd.
+Plötzlich kam ihm ein Gedanke ... Herr Goljädkin
+stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig:
+sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ...
+Petruschka war auch nicht im Verschlag ... die Uhr
+war eins ... und im gestrigen Brief von Wachramejeff
+waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten
+Blick sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn
+jetzt vollkommen aufklärten ... Also auch Petruschka
+war erkauft worden! Das war es!
+</p>
+
+<p>
+„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von
+Ränken und Verrat!“ rief Herr Goljädkin aus, schlug
+sich an die Stirn und riß immer noch mehr die Augen
+auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt
+sich die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat
+mich nur höchst geschickt ablenken wollen, indem sie
+mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen schlug
+sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in
+dieser Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es!
+Wenn man die Sache von dieser Seite betrachtet, dann
+<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
+ist es eben so! Und die Erscheinung dieses Taugenichts
+ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum
+anderen. Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und
+für den schwarzen Tag zurecht gemacht. So also ist’s,
+wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das nur gekommen?
+Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren!
+...“
+</p>
+
+<p>
+Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken
+daran, daß es bereits halb zwei Uhr nachmittags sei.
+„Wie, wenn es ihnen inzwischen gelungen ...“ Ein
+Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein,
+nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch
+sehen ...“ Er kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff
+Papier und Feder und schrieb folgenden Brief:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz
+unmöglich! Und darum erkläre ich Ihnen, daß Ihr
+sonderbarer, lächerlicher und unsinniger Wunsch, sich
+für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts anderem
+führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin.
+Ich bitte Sie daher, und um Ihres eigenen Vorteils
+willen, ehrenwerten Leuten mit wohlgesinnten Absichten
+den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin ich
+bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen.
+Ich lege die Feder hin und warte ... Im übrigen
+stehe ich zu Ihrer Verfügung – auch mit der Pistole.
+</p>
+
+<p class="sign">
+J. Goljädkin.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er
+dieses Schreiben beendet hatte. Dann zog er sich den
+Mantel an, setzte den Hut auf, öffnete mit einem zweiten
+Schlüssel die Tür und begab sich in die Kanzlei.
+<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
+Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte
+sich aber nicht entschließen hinein zu gehen, denn es
+war wirklich schon zu spät. Die Uhr des Herrn Goljädkin
+zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein scheinbar
+sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei
+Herrn Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte
+nämlich mit einem Male eine erhitzte und keuchende
+Figur auf, schlich sich verstohlen auf die Treppe und
+von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber
+Ostaffjeff, ein Mensch, der Herrn Goljädkin genau
+bekannt, ein Mensch, der zuweilen für einige zehn
+Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin
+die schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete,
+daß er, der offenbar gerade aus einer benachbarten
+Kneipe kam, wahrscheinlich mehr denn je Verlangen
+nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser
+Held, diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die
+Treppe und folgte Ostaffjeff in den Vorraum, rief
+ihn an und forderte ihn geheimnisvoll auf, mit ihm
+zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen
+hinter einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn
+dahin geführt hatte, begann unser Held ihn auszufragen.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du
+verstehst mich doch? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew.
+Wohlgeboren Gesundheit.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein
+Lieber. Nun, aber, wie steht es denn, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff
+hielt dabei die Hand vor den Mund.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
+„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du
+brauchst aber nun nicht etwa zu denken ... Sage, ist
+Andrej Philippowitsch hier? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Er ist hier.“
+</p>
+
+<p>
+„Und die Beamten sind auch hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“
+</p>
+
+<p>
+„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“
+</p>
+
+<p>
+„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der
+Schreiber seine Hand vor den Mund und blickte neugierig
+und verwundert Herrn Goljädkin an. Wenigstens
+schien es unserem Helden so.
+</p>
+
+<p>
+„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein
+Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, gar nichts, gar nichts.“
+</p>
+
+<p>
+„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so
+... irgendwas von mir zu hören gewesen? ... Wie?
+Nur so, mein Freund, verstehst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“
+wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund
+und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar an. Unser
+Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs herauszulesen,
+ob er etwas vor ihm verheimliche. Und
+wirklich schien in ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff
+wurde nämlich immer trockener, fast unhöflich und
+zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel
+Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist
+auf gewisse Weise in seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin,
+„was gehe ich ihn eigentlich an? Vielleicht
+hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen?
+Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe
+ihn, weil – Aber auch ich werde ihm ...“ Herr Goljädkin
+<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
+begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld gekommen
+war.
+</p>
+
+<p>
+„Hier, mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde dir noch mehr geben.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön, Ew. Wohlgeboren.“
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und
+wenn die Sache beendigt ist, gebe ich dir noch einmal
+soviel. Verstehst du?“
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor
+Herrn Goljädkin und sah ihn unbeweglich an.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören?
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ...
+nichts, bis jetzt wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in
+Pausen und ganz wie Herr Goljädkin, nahm auch er
+eine geheimnisvolle Miene an, zog die Augenbrauen
+hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu
+treffen, kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene
+zu verdienen, denn das Erhaltene sah er bereits für
+etwas endgültig <a id="corr-31"></a>von ihm Erworbenes an.
+</p>
+
+<p>
+„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Bis jetzt noch nichts.“
+</p>
+
+<p>
+„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt
+werden? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt
+werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast
+du noch, mein Freund.“
+</p>
+
+<p>
+„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
+</p>
+
+<p>
+„War Wachramejeff gestern hier? ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
+„Ja, er war hier.“
+</p>
+
+<p>
+„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal
+nach, mein Lieber!“
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen
+Erinnerungen: offenbar fiel ihm nichts ein.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, es war sonst niemand hier.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du
+weißt.“
+</p>
+
+<p>
+„Zu Befehl.“
+</p>
+
+<p>
+„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“
+</p>
+
+<p>
+„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber
+und sah mit großen Augen auf Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Wie das, ... gut –?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen
+noch bedeutend höher. Er stand dumm da und
+wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.
+</p>
+
+<p>
+„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man
+sonst etwas über Wachramejeff?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, alles ganz wie früher.“
+</p>
+
+<p>
+„Denke mal nach.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, man sagt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, was denn? ...“
+</p>
+
+<p>
+Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.
+</p>
+
+<p>
+„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, heute ging der Kanzleidiener <a id="corr-32"></a>Michejeff zu
+Wachramejeff in die Wohnung, ging zu einer Deutschen
+– wenn es nötig ist, kann ich auch hingehen und
+fragen?“
+</p>
+
+<p>
+„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels
+willen! Das heißt, ich meine nur so ... Du, mein
+<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
+Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt, ich
+meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche,
+ob man da etwas vorbereitet – auf meine Rechnung?
+Und was er tun wird? Das muß ich wissen, versuche
+es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür danken,
+mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm
+heute Iwan Ssemjonowitsch ein.“
+</p>
+
+<p>
+„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“
+</p>
+
+<p>
+„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren
+Platz zu begeben.“
+</p>
+
+<p>
+„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche
+es zu erfahren, mein Lieber; versuche alles zu erfahren
+– und ich werde dir danken, mein Lieber, das ist
+es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du
+aber, glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und
+Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie gehen heute nicht hin?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin
+nur so gekommen, um zu sehn, mein Lieber – ich
+würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig
+die Treppe hinauf und Herr Goljädkin blieb allein.
+</p>
+
+<p>
+„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm!
+Ach, sehr schlimm steht jetzt unsere Sache! Was hatte
+das alles zu bedeuten? Was bedeuteten einige Anspielungen
+dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah!
+Jetzt weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und
+ihn infolgedessen hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt?
+Dieser Andrej Philippowitsch hat Iwan
+Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum
+<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
+hat er ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt?
+Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Dieser
+Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht Wachramejeff,
+er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff!
+Sie machen das alles für ihn und haben
+diesen Halunken nun hingesetzt. Oh, die Deutsche
+hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den
+Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und
+daß hinter diesem Altweiberklatsch etwas steckt ...
+Dasselbe habe ich auch Krestjan Iwanowitsch gesagt,
+daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne
+einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich
+denn Karolina Iwanownas. Nein, hier sind Meister
+an der Arbeit, das sieht man! Hier, mein Herr, erkennt
+man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs.
+Wie gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm,
+doch ich weiß, wer für sie alle jetzt arbeitet: dieser
+Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens ist
+es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil
+seine Erfolge in der Gesellschaft bewiesen haben. Es
+wäre wirklich wünschenswert, zu wissen, auf welchem
+Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?
+</p>
+
+<p>
+Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch
+genommen? Zum Teufel, wozu hatten sie denn
+den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden ließe.
+Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre
+doch immer dasselbe gewesen! Das einzige, was ich
+weiß, ist, daß mir dieser Iwan Ssemjonowitsch schon
+längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher
+Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen.
+Doch das macht ja alles der Bär, in alle
+<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
+diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das fing
+so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war
+es ...“
+</p>
+
+<p>
+Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein
+Gesicht, ganz, als hätte er in eine Zitrone gebissen –
+jedenfalls dachte er an etwas für ihn sehr Unangenehmes.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich
+werde schon für mich stehen ... Warum kommt denn
+der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben sie ihn
+dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere
+und auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff
+brauche ich nur ein Trinkgeld zu geben und so
+habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht tun sie das
+auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen
+mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber,
+der reine Räuber! Er verheimlicht alles, der
+Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew. Wohlgeboren,‘
+sagt er. Solch ein Räuber!“
+</p>
+
+<p>
+Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch
+ganz in sich zusammen und sprang hinter den Ofen.
+Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die
+Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte
+Herr Goljädkin bei sich. Nach einer Weile hörte man
+wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr Goljädkin
+nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase
+aus dem Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder
+zurück, als wäre sie ihm mit einer Nadel gestochen
+worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken, wer
+da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber
+<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
+selbst ... Er ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen
+gemeinen, kleinen Schrittchen, und warf seine Beinchen
+aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein
+stellen.
+</p>
+
+<p>
+„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin.
+Übrigens konnte es Herrn Goljädkin nicht entgehen,
+daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne
+Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.
+</p>
+
+<p>
+„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte
+Herr Goljädkin, verkroch sich noch mehr und wurde rot
+vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der Jüngere
+an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen,
+ohne ihn zu bemerken, als man zum dritten Male
+Schritte hörte: wie Herr Goljädkin sich gedacht, waren
+es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war
+das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm
+hinter den Ofen sah: nur war es nicht das Gesicht
+Ostaffjeffs, sondern das eines anderen Schreibers,
+Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in
+Erstaunen. „Warum hat er andere in das Geheimnis
+eingeweiht?“ dachte unser Held. „Ach, diese Schurken
+– alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt.
+„Von wem kommst du, mein Lieber? ...“
+</p>
+
+<p>
+„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar
+keine Nachrichten, wenn was kommen sollte, so werde
+ich es Ihnen überbringen.“
+</p>
+
+<p>
+„Und Ostaffjeff?“
+</p>
+
+<p>
+„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen.
+Seine Exzellenz ist schon zweimal durch unsere
+Abteilung gekommen, und auch ich habe keine Zeit.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
+„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du
+sagst mir doch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick
+werden wir gerufen ... Aber belieben Sie hier
+noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff Ihrer
+Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen.
+–“
+</p>
+
+<p>
+„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber!
+... Hier, nimm diesen Brief, mein Lieber, ich
+werde dir danken, mein Freund.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut!“
+</p>
+
+<p>
+„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“
+</p>
+
+<p>
+„Goljädkin?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“
+</p>
+
+<p>
+„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit
+finde. Sie aber bleiben hier inzwischen stehen. Hier
+wird Sie niemand sehen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß
+ich hier stehe, damit mich niemand sieht. Ich, mein
+Freund, werde nicht mehr hier ... ich werde dort in
+der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort
+werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du
+mich benachrichtigen, verstehst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“
+rief Herr Goljädkin dem Schreiber nach, der sich
+endlich von ihm befreit hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte
+unser Held und schlich sich hinter dem Ofen hervor.
+„Dort steckt noch ein Haken ... Das ist klar ... Zuerst
+<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
+war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte
+er sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort
+viel zu tun. Und Seine Exzellenz ging zweimal durch
+ihre Abteilung ... Aus welcher Veranlassung geschah
+das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts
+... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und
+wollte soeben auf die Straße hinaustreten, als plötzlich,
+gerade in dem Augenblick, der Wagen Seiner
+Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das
+kaum erst bewußt geworden, als auch schon die Tür
+der Equipage von innen geöffnet wurde und der in
+ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der
+Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr
+Goljädkin der Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen
+hatte, vor etwa zehn Minuten weggegangen war.
+Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich gleichzeitig,
+daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten
+Nähe befand.
+</p>
+
+<p>
+„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich
+unser Held. Unterdessen hatte Herr Goljädkin der
+Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne Aktenmappe
+und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem
+Kutscher noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit
+ihr beinahe gegen Herrn Goljädkin den Älteren und
+– als ob er ihn beleidigen und absichtlich nicht bemerken
+wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei
+hinauf.
+</p>
+
+<p>
+„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die
+Sache doch jetzt für eine Wendung genommen! Gott,
+mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held unbeweglich
+<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
+da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange
+nachzudenken, doch unter starkem Herzklopfen, an allen
+Gliedern zitternd, lief er gleichfalls die Treppe
+hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie es
+ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“
+Im Vorraum nahm er seinen Hut ab, zog Mantel und
+Galoschen aus.
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es
+bereits halbdunkel. Weder Andrej Philippowitsch noch
+Anton Antonowitsch waren anwesend. Beide befanden
+sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen
+zu machen. Der Direktor wiederum war, wie es hieß,
+von neuem zur Exzellenz geeilt. Infolge dieser Umstände,
+und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln begonnen
+hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte,
+hatten die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich
+bereits süßer Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen
+auf und ab, unterhielten sich miteinander, balgten
+sich und lachten. Und einige der allerjüngsten, die
+ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten
+im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch,
+in einer Ecke am Fenster, „Schrift oder Adler“
+zu spielen begonnen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und
+zudem das lebhafte Bedürfnis fühlte, sich jemandem
+anzuschließen, ging auf einen Kollegen zu, mit dem er
+sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag
+usw. Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn
+Goljädkin auf eine seltsame Weise. Er wurde unangenehm
+überrascht durch die allgemeine Kälte, Trockenheit
+und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges.
+<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
+Es reichte ihm niemand die Hand. Einige
+sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich ab, andere
+nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte
+sich einfach um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und
+einige sogar – und was Herrn Goljädkin am meisten
+beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend,
+halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig
+ausdrückte, nur erst „Adler oder Schrift“ zu spielen
+verstanden und sich im übrigen umherzutreiben pflegten
+– umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich
+um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten.
+Alle blickten sie ihn mit einer beleidigenden
+Neugier an.
+</p>
+
+<p>
+Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr
+Goljädkin fühlte es und bereitete sich vernünftigerweise
+vor, seinerseits nichts zu bemerken. Plötzlich trat
+aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man
+sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.
+</p>
+
+<p>
+In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen
+erschien plötzlich und gerade für Herrn Goljädkin
+in dem allerpeinlichsten Augenblick – erschien
+Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie
+immer mit einem Lächeln auf den Lippen, wie immer
+tänzelnd, kurz, wie immer als der geborene Spaßmacher
+und Gesellschaftsmensch, der er war, mit leichter
+Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien,
+so wie er schon früher, so wie er noch gestern erschienen
+war, als er so ungelegen und verhängnisvoll
+wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte.
+Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen
+zu sagen schien: „Guten Abend“, drehte er sich im
+<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
+Kreise der Beamten herum, reichte dem die Hand,
+klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den
+dritten, erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen
+er für Seine Exzellenz beschäftigt gewesen sei, wohin
+er gefahren war, was er getan und was er mit sich
+gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten
+Freund, küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah
+genau so, wie es Herrn Goljädkin dem Älteren geträumt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er genug herumgesprungen war und alle
+auf seine Art begrüßt und für sich eingenommen hatte,
+ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er nur Herrn
+Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar
+nicht bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und
+wahrscheinlich –, und auch nur aus Versehen –, weil
+er den betrügerischen Herrn Goljädkin den Jüngeren
+jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig
+und ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf
+die allerkräftigste, freundschaftlichste Weise, drückte sie
+mit ganz sonderbarer innerer Bewegung und mit den
+rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob unser
+Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und
+durch die eine Bewegung seines scheinheiligen Feindes
+verführt wurde – oder ob er in seiner tiefsten Seele
+die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit spürte
+und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin
+der Ältere, bei gesundem Verstande, aus freiem
+Willen und vor allen Zeugen feierlich die Hand dessen
+drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen
+und die Wut, wie groß war der Schreck und die
+<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
+Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als sein Verräter
+und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin
+der Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen
+und treulos verratenen Menschen bemerkte und gefühllos,
+schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit unerhörter
+Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand
+aus der Hand Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und
+nicht genug damit, daß er ihm seine Hand entzog und
+sie abwischte, als hätte er sie durch etwas Unreines beschmutzt
+– er spie auch noch zur Seite und begleitete
+das mit einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch
+nicht genug damit, er zog auch noch sein Taschentuch
+heraus und wischte sich auf die unerlaubteste Weise die
+Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand
+des Herrn Goljädkin befunden hatten.
+</p>
+
+<p>
+Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin
+der Jüngere nach seiner niederträchtigen Gewohnheit
+im Kreise um, tat es, damit alle sein Benehmen bemerken
+sollten, blickte allen verständnisinnig in die
+Augen und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen
+Eindruck von Herrn Goljädkin dem Älteren
+hervorzurufen.
+</p>
+
+<p>
+Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins
+des Jüngeren schien jedoch offenbar eher Unwillen
+bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar die
+„Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum
+erhob sich Gespräch und Murren. Die allgemeine Bewegung
+konnte Herrn Goljädkin dem Älteren nicht
+entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort,
+ein gelungener Witz von den Lippen Herrn Goljädkins
+des Jüngeren – und die letzte Hoffnung unseres Helden
+<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
+wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich von
+neuem zugunsten seines Todfeindes.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren!
+Erlauben Sie, Ihnen den jungen Faublas vorzustellen,“
+quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der ihm
+eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten
+echten Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher
+Familiarität fort, indem er auf den von
+ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser nichtswürdige
+Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es,
+der ein williges Echo fand, um so mehr, als in ihm
+eine Anspielung auf einen Umstand enthalten schien,
+der augenscheinlich allen bekannt war. Unser Held
+fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern
+lasten. Doch er hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden
+Blicken, mit bleichem Gesicht und einem starren Lächeln
+riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren,
+wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum
+Kabinett Seiner Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch
+auf Andrej Philippowitsch, der soeben das Kabinett
+Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich
+auch noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen
+anwesend war, schenkte unser Held diesen doch
+nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen, kühn,
+innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit
+sich rühmend, redete er vielmehr unumwunden
+Andrej Philippowitsch an, der über diesen plötzlichen
+Überfall nicht wenig erstaunt war.
+</p>
+
+<p>
+„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen
+<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
+gefällig?“ fragte der Abteilungschef, ohne den auf ihn
+zustolpernden Herrn Goljädkin weiter anzuhören.
+</p>
+
+<p>
+„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej
+Philippowitsch, kann ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung
+mit Seiner Exzellenz haben?“ sagte klar
+und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen
+Blick auf Andrej Philippowitsch.
+</p>
+
+<p>
+„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch
+maß Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich
+meine Verwunderung ausdrücken, daß hier niemand
+den Usurpator und Schurken erkennt.“
+</p>
+
+<p>
+„W–a–a–s?“
+</p>
+
+<p>
+„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Von wem belieben Sie zu sprechen?“
+</p>
+
+<p>
+„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch.
+Ja, Andrej Philippowitsch, ich spiele auf eine
+bekannte Person an. Ich bin in meinem Recht ... Ich
+denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung solch
+eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen
+müßte,“ fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz
+außer sich geraten. „Andrej Philippowitsch ... Sie
+sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß diese
+Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten
+Ansichten und Absichten ausdrückt – den Chef als
+einen Vater anzusehen, die Regierung als einen Vater
+anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings anzuvertrauen.
+So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins
+Stimme fing an zu zittern, sein Gesicht wurde
+dunkelrot und zwei Tränen hingen an seinen Wimpern.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
+Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in
+dieser Weise reden hörte, war er so verwundert, daß er
+unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. Dann blickte
+er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie
+die Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die
+Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz und dieser selbst
+trat in Begleitung einiger <a id="corr-33"></a>Beamter heraus. Alle, die
+im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine Exzellenz
+rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich
+mit ihm unterredend, weiter.
+</p>
+
+<p>
+Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten,
+besann sich auch Herr Goljädkin. Unterwürfig
+suchte er Schutz unter den Flügeln Anton Antonowitsch
+Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her
+hinkte, mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr
+strengen und nachdenklichen Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich
+nur Unfug angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei
+sich, „nun, tut nichts. Ich hoffe, wenigstens Sie, Anton
+Antonowitsch, werden geneigt sein, mich anzuhören
+und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte
+er sich an diesen mit leiser und noch vor Erregung
+zitternder Stimme. „Von allen verlassen, wende ich mich
+an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte Andrej
+Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können
+Sie sie mir erklären, wenn möglich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete
+ihm nach einer langen Pause streng Anton Antonowitsch,
+und, wie es Herrn Goljädkin schien, mit
+einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch
+durchaus nicht wünschte, das Gespräch
+<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
+weiter fortzusetzen. „Sie werden in kurzer Zeit alles
+erfahren, noch heute werden Sie formell von allem
+unterrichtet werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch?
+Warum denn gerade formell?“ fragte kleinlaut unser
+Held.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber
+zu urteilen, wie die Regierung entscheidet.“
+</p>
+
+<p>
+„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“
+fragte Herr Goljädkin noch kleinlauter, „warum
+denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund, warum
+man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton
+Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas
+in bezug auf das Gestrige sagen, Anton Antonowitsch?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas
+anderes bei Ihnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch?
+Mir scheint, Anton Antonowitsch, daß nichts an mir
+hinkt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach
+Anton Antonowitsch den völlig bestürzten Herrn
+Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte zusammen
+und wurde weiß wie ein Tuch.
+</p>
+
+<p>
+„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum
+hörbarer Stimme, „wenn man nur die Stimme der
+Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die
+Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann,
+freilich ... freilich, Anton Antonowitsch, dann muß
+man unschuldig leiden, Anton Antonowitsch, unschuldig
+und um nichts leiden.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
+„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf
+den Ruf eines wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten,
+achtenswerten und bekannten Familie, die
+Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem
+anderen Mädchen gegenüber, wenn auch einem armen,
+doch von ehrlicher ausländischer Herkunft –
+davon wissen Sie wohl auch nichts?“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben
+Sie mich, Anton Antonowitsch, anzuhören ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere
+Person – und die verleumderische Beschuldigung
+dieser anderen Person in Dingen, in denen Sie selbst,
+gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn
+das?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“
+sprach zitternd unser Held – „und
+Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe ich nicht
+dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton
+Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“
+fügte ausdrucksvoll und mit tiefem Gefühl unser
+Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern anfing
+und er schon wieder Tränen vergießen wollte.
+</p>
+
+<p>
+„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß
+er Ihr Brot gegessen,“ erwiderte Anton Antonowitsch
+und in seiner Stimme hörte man ordentlich die Hinterlist,
+so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft
+zusammenzog.
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch,
+<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
+untertänigst zu fragen, ist von alledem etwas Seiner
+Exzellenz bekannt?“
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich
+bitte jetzt, ich habe keine Zeit, mit Ihnen ... Heute
+noch werden Sie alles erfahren, was Sie zu erfahren
+nötig haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen
+Augenblick, Anton Antonowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Später, später, erzählen Sie später ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören
+Sie nur, Anton Antonowitsch ... Ich liebe durchaus
+nicht die Freigeisterei, Anton Antonowitsch: ich fliehe
+sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe sogar die
+Idee gehabt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch.
+Das ist etwas ganz anderes, Anton Antonowitsch,
+das ist gut, wirklich gut und angenehm zu
+hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt,
+Anton Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes
+zwei ganz ähnliche Wesen geschaffen wurden, und daß
+die Regierung, die diese Fügung Gottes sah, diese
+beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch,
+Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß
+ich weit entfernt von aller Freidenkerei bin. Ich sehe
+die wohltätige Behörde als Vater an. Der Staat –
+das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das
+heißt ... ein junger Mensch muß seinen Dienst tun.
+Unterstützen Sie mich, Anton Antonowitsch ... stehen
+Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue nichts
+<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
+Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen,
+noch ein Wort ... Anton Antonowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt
+von Herrn Goljädkin ... Unser Held wußte nicht
+mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und was
+mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn
+alles Gehörte und Geschehene.
+</p>
+
+<p>
+Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge
+von Beamten nach Anton Antonowitsch, um sich noch
+weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und ihm
+irgend etwas Edles und Angenehmes von sich
+zu sagen ... Doch zugleich begann, nach und nach,
+ein neues Licht durch die Verwirrung des Herrn Goljädkin
+zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das
+ihm plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte,
+ganz ungeahnte Umstände eröffnete ... In
+diesem Augenblick stieß jemand unseren Helden in die
+Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand Pissarenko.
+</p>
+
+<p>
+„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“
+</p>
+
+<p>
+„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr
+hierher gebracht. Ssergej Michejeff brachte ihn aus
+der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich
+sein, mein Lieber.“
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den
+Brief in die Seitentasche seines Uniformrockes und
+knöpfte den letzteren von oben bis unten zu, dann
+blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung,
+<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
+daß er sich bereits in der Vorhalle des Departements
+befand, umgeben von Beamten, die dem Ausgange
+zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten.
+Herr Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand
+nicht nur nicht bemerkt, er konnte auch nicht begreifen,
+daß er sich plötzlich in Mantel und Galoschen befand
+und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die
+Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung
+da. Die Ursache war nämlich die: Exzellenz selbst
+wartete unten auf seine Equipage, die sich aus irgendwelchen
+Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei
+Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes
+Gespräch. Etwas entfernt von ihnen stand Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkin und noch einige andere
+Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen,
+daß Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte.
+Die Beamten, die sich oben auf der Treppe drängten,
+lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß Exzellenz
+wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke
+aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld
+den Augenblick seiner täglichen Genugtuung erwartete,
+die darin bestand, daß er mit einem gewaltigen
+Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann,
+zu einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz
+ehrerbietig den Weg freizugeben. Doch mehr als
+alle freute sich offenbar der unwürdige, unehrenwerte
+Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß
+er sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er
+sich sonst immer nach seiner unangenehmen Manier so
+beliebt zu machen suchte, und ließ die gute Gelegenheit
+unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich
+<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
+ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor,
+wahrscheinlich um Seine Exzellenz besser sehen und hören
+zu können, und hin und wieder nur, an der krampfhaften
+Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man
+die Aufregung seiner Seele.
+</p>
+
+<p>
+„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held.
+„Tut, als wäre er ein Günstling, der Schurke! Ich
+möchte gern wissen, wie er es nur macht, um sich in der
+höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch
+Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt
+dem Schurken! Mein Gott, wie schnell doch ein Mensch
+vorwärts kommen kann – wenn man das bedenkt –
+und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören,
+daß dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat
+so ein Schuft! Ich möchte nur wissen, was er ihnen
+da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse
+zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch
+ich mit ihm ein wenig ... – wenn ich ihn vielleicht
+fragen würde ... so und so ... ich werde vom Kampf
+zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der
+Schuldige ... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch
+neue Beamte geben ... über alles aber, was mich angeht,
+über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich mich
+nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde
+ich nicht mehr und alles in Geduld und Ergebung
+tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln? ... Er
+ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten
+nicht zu schlagen. Vernunft kann man ihm auch
+nicht in den Kopf bringen! Also ... wollen wir es
+versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen Augenblick
+erwische, so werde ich es versuchen ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
+In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte
+er, daß es so nicht bleiben könne, daß der entscheidende
+Augenblick gekommen sei, um sich endlich mit jemandem
+auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher
+ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher
+und rätselhafter Feind stand, doch in demselben Augenblick
+rollte die langerwartete Equipage Seiner Exzellenz
+vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf,
+machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz
+an ihm vorüberging. Die Wartenden stürzten
+alle auf einmal zum Ausgang und drängten Herrn
+Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem
+Jüngeren ab.
+</p>
+
+<p>
+„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und
+schob sich durch die Menge, ohne den anderen aus dem
+Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich endlich zerstreut,
+unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte
+seinem Feinde nach.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-11">
+<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
+XI.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin
+dem sich seinerseits gleichfalls sehr beeilenden
+Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine außerordentlich
+große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie,
+schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke,
+wenn eine solche zurzeit in Petersburg gelebt hätte,
+mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln überholen könnte. Er
+fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank,
+daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß
+er selbst nicht mehr gehen konnte und seine Füße den
+Dienst versagten. Konnte sich alles das überhaupt noch
+zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“
+dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen,
+„daß die Sache ... doch verspielt ist ... darüber besteht
+jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel ... daß ich
+vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen
+... entschieden und unterschrieben!“
+</p>
+
+<p>
+Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie
+von den Toten auferstanden, es war, als hätte er eine
+Schlacht gewonnen und einen großen Sieg erfochten,
+als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der soeben im
+Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens
+zu setzen, am Mantel zu packen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
+„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin
+dem Jüngeren zu, froh, daß er ihn doch noch
+erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß Sie ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber
+nichts,“ antwortete ablehnend der gefühllose Feind
+Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus allen
+Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen
+zu gelangen und seinen Mantel aus den Händen
+Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben Mantel,
+an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm
+von Natur zu Gebote stehenden Kräften geklammert
+hielt.
+</p>
+
+<p>
+„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“
+</p>
+
+<p>
+„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ...
+bitte, Jakoff Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff
+Petrowitsch ... Sehen Sie doch ein ... daß ich
+mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem
+Fuße ... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der
+lügnerische Feind Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären
+Tone und mit erheuchelter Güte.
+„Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer
+Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es
+wirklich unmöglich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff
+Petrowitsch!“ rief er kläglich, „Ihr Feind bin ich
+niemals gewesen. Böse Menschen haben mich unbilligerweise
+verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ...
+Ist es Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten
+wir beide zusammen ... dort in dieses Café gehen
+<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
+und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön sagten,
+und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird
+sich alles von selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch!
+Dann wird sich alles von selbst aufklären ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen,
+nur unter einer Bedingung, du mein besseres Selbst
+... unter einer Bedingung – daß sich dort alles
+von selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein
+Lieber ...“ Herr Goljädkin der Jüngere stieg aus dem
+Wagen und klopfte unserem Helden unverschämt vertraulich
+auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch,
+bin ich bereit, überall hinzugehen! So ein
+Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen, was er
+will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins
+fort, indem er sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um
+ihn herum drehte.
+</p>
+
+<p>
+Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte
+Café, wohin die beiden Herren gingen, war in diesem
+Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke Deutsche
+erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die
+Türglocke ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem
+unwürdigen Freunde in das zweite Zimmer, wo ein
+glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene
+Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf
+Wunsch des Herrn Goljädkin des Jüngeren wurde
+Schokolade gebracht.
+</p>
+
+<p>
+„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr
+Goljädkin der Jüngere, indem er Herrn Goljädkin
+dem Älteren schalkhaft zulächelte.
+</p>
+
+<p>
+Unser Held errötete und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
+„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich
+kenne Ihren Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine
+Vorliebe für schlanke Deutsche. Wir, Jakoff Petrowitsch,
+redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn
+sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei
+ihnen unsere Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit,
+schenken ihnen ob der Bier- und Milchsuppen, die sie
+kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche Versprechen
+... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du
+Verführer!“
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr
+unnütze und boshaft schlaue Anspielung auf eine bekannte
+Person weiblichen Geschlechts, lächelte unserem
+Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit
+zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen
+mit ihm zur Schau. Als er aber bemerkte,
+daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus nicht
+so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen,
+beschloß er, seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser
+zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen
+Herrn Goljädkin, der mit wahrhaft empörender
+Unverschämtheit und Vertraulichkeit dem biederen
+und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter klopfte
+und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in
+anständiger Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und
+nur, um seine Abscheulichkeit noch zu übertrumpfen,
+ohne auf den Widerstand des empörten Herrn Goljädkin
+zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick
+dieser Verworfenheit verstummte, innerlich rasend,
+unser Held ... fürs erste wenigstens.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
+„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er
+schließlich, nachdem er sich vernünftigerweise bezähmt
+hatte, mit zitternder Stimme. Im selben Augenblick
+sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr
+Goljädkin der Jüngere war offenbar so vorzüglicher
+Laune und bereit zu allerlei weiteren kleinen Scherzen,
+wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und überhaupt
+in der höheren Gesellschaft nicht zum guten,
+sondern zum sehr schlechten Ton gehören.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte
+Herr Goljädkin der Jüngere ernsthaft Herrn
+Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit unanständiger
+Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie
+lange nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie
+denn jetzt, Jakoff Petrowitsch?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“
+antwortete ihm kaltblütig und mit Würde
+unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen.“
+</p>
+
+<p>
+„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt
+er doch ... nun ja, wie geht es ihm? Gut? Ganz wie
+früher?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete
+ein wenig erstaunt Herr Goljädkin der Ältere.
+„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch ...
+ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich
+bin, Jakoff Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff
+Petrowitsch ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“
+antwortete mit leiser und wehmütiger Stimme Herr
+Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise Reue und
+Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in
+<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
+unserer Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf
+Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind ja ein kluger
+Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr Goljädkin
+der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen
+Art zu schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel,
+das wissen Sie doch, Jakoff Petrowitsch,“ schloß wieder
+vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und stellte
+sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen
+hin, der über hohe Dinge zu urteilen verstand.
+</p>
+
+<p>
+„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete
+unser Held voll Bewegung, „meinerseits verachte ich
+jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und geradeaus
+... und stelle die ganze Sache damit auf einen
+anständigen Grund und Boden ... und kann offen
+und ehrlich behaupten, Jakoff Petrowitsch ...
+daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen
+selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung
+... vielleicht nur ein Mißverständnis ... alles ist
+möglich – das Urteil der Welt und die Meinung
+der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff
+Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr,
+Jakoff Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man
+von einem edlen und hohen Standpunkt aus auf diese
+Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff Petrowitsch
+... es ist mir sogar angenehm zu bekennen,
+daß ich auf Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar
+angenehm, das einzugestehen. Sie können sich das
+doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und
+obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham,
+bin ich bereit, dies einzugestehen ...“ so schloß unser
+Held würdevoll.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
+„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch
+... doch lassen wir das alles,“ sagte mit einem
+Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere. „Gebrauchen
+wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins
+zu einem nützlicheren und angenehmeren Gespräch, –
+wie es sich zwischen Kollegen geziemt ... Es gelang
+mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei Worte
+mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld,
+Jakoff Petrowitsch!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach
+ihn freudig unser Held – „ich auch nicht. Mein Herz
+sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in allen diesen
+Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir
+das Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte
+Herr Goljädkin der Ältere in versöhnlichem Tone
+hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer
+und zitterte.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer
+Gesundheit?“ fragte der Verworfene mit süßer
+Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser
+Held.
+</p>
+
+<p>
+„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse
+Winde, man kann sich sehr leicht eine Lungenentzündung
+holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich allmählich
+daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken
+noch Flanell zu tragen.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich
+lieber keine Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“
+stieß nach kurzem Schweigen unser Held
+hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich
+<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
+geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen
+Augenblicke, die uns vergönnt waren, zusammen
+zu verbringen, unter meinem armen, aber ich
+kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen
+Dach.“
+</p>
+
+<p>
+„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“
+bemerkte halb vorwurfsvoll, aber mit vollem
+Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn auch
+nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.
+</p>
+
+<p>
+„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe
+es jetzt ganz deutlich, daß ich mich in dem unglücklichen
+Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch, es ist
+mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch,
+glauben Sie es mir ... Geben Sie mir den Brief zurück,
+damit ich ihn vor Ihren Augen zerreißen kann,
+Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich
+ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine,
+ganz und gar im umgekehrten Sinne, das heißt, in
+freundschaftlicher Absicht, indem Sie allen Worten in
+meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich
+habe mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch,
+ich habe mich ganz und gar geirrt, Jakoff
+Petrowitsch.“
+</p>
+
+<p>
+„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig
+der treulose Freund Herrn Goljädkins des Älteren.
+</p>
+
+<p>
+„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe,
+Jakoff Petrowitsch, und daß ich meinerseits ganz ohne
+falsche Scham ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt
+<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
+haben,“ antwortete ihm grob Herr Goljädkin
+der Jüngere.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“
+fügte unser Held in seiner anständigen Weise offenherzig
+hinzu, ohne die Falschheit seines verlogenen
+Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß
+hier zwei ganz ähnliche ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ah, das ist Ihre Idee! ...“
+</p>
+
+<p>
+Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte
+Herr Goljädkin der Jüngere auf und griff nach seinem
+Hut. Ohne die schlechte Absicht zu bemerken, erhob
+sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem
+Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in
+seiner Unschuld bemühte er sich noch weiter, ihm zu
+schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft zu gewinnen
+...
+</p>
+
+<p>
+„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich
+Herr Goljädkin der Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen
+und bemerkte im Gesicht seines Freundes etwas
+Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte
+er in die ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger
+seiner Hand. Nun aber ... nun überstieg die Schamlosigkeit
+Herrn Goljädkins des Jüngeren alle Grenzen
+und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das
+man haben konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn
+Goljädkins des Älteren gedrückt hatte, wiederholte der
+Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den Augen
+des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von
+heute morgen ...
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein
+Taschentuch wieder eingesteckt, mit dem er seine Finger
+<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
+abgewischt, als Herr Goljädkin der Ältere erst zu
+sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte,
+wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner
+schändlichen Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob
+nichts geschehen wäre, stand er vor dem Büfett und
+aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter
+Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.
+</p>
+
+<p>
+„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“
+dachte unser Held und ging gleichfalls ans Büfett,
+ganz besinnungslos vor Aufregung.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie
+denken Sie darüber?“ begann von neuem Herr Goljädkin
+<span class="antiqua">junior</span> mit seinen unpassenden Bemerkungen,
+denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld
+Herrn Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah
+auf ihre beiden Gäste mit blöden Augen, da sie wohl
+die russische Sprache nicht verstand, und lächelte nur
+zuvorkommend.
+</p>
+
+<p>
+Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des
+Jüngeren sprang unser Held auf, und unfähig, sich
+noch länger zu beherrschen, stürzte er sich endlich auf
+ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm
+– mit allem zu machen. Doch Herr Goljädkin der
+Jüngere war nach seiner üblen Gewohnheit schon
+längst auf und davon und befand sich bereits auf der
+Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte
+sich auf und folgte, so schnell als möglich, seinem Beleidiger,
+der sich in eine Droschke setzte, die offenbar
+auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit
+ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett
+<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
+die Flucht ihrer beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf
+und klingelte aus aller Kraft mit der Glocke. Unser
+Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für
+sich und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder
+nicht bezahlt hatte, verlangte auch nichts zurück,
+raste nur hinaus, und ungeachtet dieser Verzögerung
+gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.
+</p>
+
+<p>
+Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur
+zur Gebote stehenden Kräften an die Droschke und
+lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm schließlich
+gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr
+Goljädkin der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte.
+Der Kutscher bearbeitete unterdessen seinen
+alten Gaul, der seiner schlechten Gewohnheit nach
+sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten
+Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute,
+mit den Zügeln, und selbst mit den Füßen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert.
+Er stemmte sich mit dem Rücken an den Kutscher, war
+also mit dem Gesicht und Knie an Knie seinem Feinde
+zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den
+schäbigen Pelzkragen seines Feindes gepackt.
+</p>
+
+<p>
+So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend
+dahin. Unser Held wagte kaum zu atmen, der
+Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte er
+hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den
+Hals zu brechen. Dazu wollte sein erbitterter Feind
+sich ihm immer noch nicht ergeben, mühte sich vielmehr,
+seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen.
+Das Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten
+<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
+noch hinzukam, geradezu entsetzlich. Der
+Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den offenen
+Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen.
+Ringsum war es dunkel und man konnte kaum
+die Hand vor den Augen sehen. Es war daher schwer
+zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren
+... Herrn Goljädkin schien es dabei, als erlebte er
+etwas, das ihm bereits längst bekannt war. Einen
+Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte
+nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches
+– geahnt hatte – ... im Traum –? Endlich erreichte
+sein Zustand die äußerste Grenze. Schreiend
+wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der
+Schrei erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick,
+in dem Herr Goljädkin alles zu vergessen
+schien und überzeugt war, daß das ganze gar nichts
+bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche
+Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle
+eine ganz verlorene Sache wäre, dagegen anzukämpfen.
+</p>
+
+<p>
+Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als
+unser Held zu diesem Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger
+Stoß die Lage der Dinge. Herr Goljädkin
+fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte
+während des Falles ganz vernünftiger Weise,
+daß er sich wirklich ganz zur unrechten Zeit erhitzt
+hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er,
+daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke
+stand auf einem Hof, und Herr Goljädkin sah auf den
+ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war, in
+dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben
+<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
+Augenblick bemerkte er, daß sich sein Freund bereits
+auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch befand.
+</p>
+
+<p>
+In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon
+seinem Feinde nachjagen, doch zu seinem Glück bedachte
+er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht, den
+Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und
+lief so schnell er konnte und wohin ihn seine Füße trugen.
+Es schneite wie vorhin und es war feucht und
+dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf
+alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber
+und Kinder, und stolperte selbst über die Männer,
+Weiber und Kinder, die er umgeworfen hatte. Um
+ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen
+... hörte schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin,
+schien es, war nicht bei Besinnung und schenkte
+alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er
+kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke
+befand und da auch nur dank dem Umstande, daß es
+ihm gelungen war, zwei Weiber, die Eßwaren trugen,
+umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles
+das kann sich noch zum besten wenden!“ Er griff in
+die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel für die
+rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen.
+Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem
+neuen Licht erleuchtet: in der Tasche fand er den Brief,
+den ihm der Schreiber am Morgen überreicht hatte.
+Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht
+weit entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und
+so lief er denn, ohne Zeit zu verlieren, sofort dahin,
+setzte sich an einen mit einem Talglicht erleuchteten
+<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
+Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit,
+hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen
+Wünschen fragte, zerbrach das Siegel und begann
+den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun allerdings
+vollständig fassungslos machte:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Edler, für mich leidender und auf ewig meinem
+Herzen teurer Mann!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der
+Verleumder, der Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit
+bekannte Mensch hat mich mit seinen Netzen
+umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel!
+– Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat
+uns voneinander gerissen, meine Briefe an dich gestohlen
+– und alles das tat der Unwürdige, indem er
+sich seiner besten Eigenschaft bediente – der Ähnlichkeit
+mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und
+dennoch durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren
+entzücken ...
+</p>
+
+<p>
+Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt
+verheiraten, und am meisten intrigiert dafür mein Vater
+und Wohltäter, Staatsrat Olssuph Iwanowitsch,
+der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren
+Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen
+will ...
+</p>
+
+<p>
+Aber ich bin entschlossen und widersetze mich,
+mit allen mir von der Natur geliehenen Mitteln. Erwarte
+mich heute im Wagen um neun Uhr vor den
+Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball
+und der schöne Leutnant wird da sein. Ich werde
+herauskommen und wir fliehen dann. Gibt es doch
+<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
+auch noch andere Beamtenstellen, in denen man seinem
+Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran,
+mein Freund, daß die Unschuld stark ist durch sich
+selbst!
+</p>
+
+<p>
+Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür.
+Ich flüchte mich in den Schutz deiner Arme,
+punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis zum
+Grabe!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Klara Olssuphjewna.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war
+er einige Augenblicke wie betäubt. In schrecklicher
+Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich wie ein Tuch,
+mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf
+und ab. Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner
+Lage, bemerkte unser Held nicht, daß er der Gegenstand
+gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller
+Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung,
+seine heftige Aufregung, sein Auf und Ab, das Gestikulieren
+mit beiden Händen, vielleicht einige rätselhafte
+Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen
+– alles das machte wahrscheinlich auf die
+Anwesenden keinen gerade guten Eindruck und namentlich
+dem Kellner schien er verdächtig.
+</p>
+
+<p>
+Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich
+kam, daß er mitten im Zimmer stand und fast unhöflich
+einen Greis von ehrwürdigem Aussehen anstarrte,
+der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde
+gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn
+Goljädkin nicht abwandte. Verwirrt blickte unser
+Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich alle,
+ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit
+<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
+rotem Kragen laut die „Polizeinachrichten“. Herr
+Goljädkin fuhr zusammen und errötete: dabei senkte
+er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung
+geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider
+und die ganze linke Seite waren vollständig
+beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an mehreren
+Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser
+Held an einen Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn
+ununterbrochen und frech beobachtete. Ganz verloren
+und niedergedrückt fing nun unser Held an, den Tisch
+zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen
+gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen,
+lagen schmutzige Servietten und soeben gebrauchte
+Löffel, Gabeln und Messer.
+</p>
+
+<p>
+„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held.
+„Doch nicht etwa ich? Alles ist ja möglich! Ich
+habe vielleicht gegessen und es nur nicht bemerkt.“
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder
+den Kellner neben sich, der im Begriff schien, ihm etwas
+zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“
+fragte unser Held mit zitternder Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn
+Goljädkin. Auch der Kellner lachte. Herr Goljädkin
+begriff, daß er wieder einmal eine schreckliche Dummheit
+begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so
+verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem
+Taschentuch zu greifen, wahrscheinlich nur, um irgend
+etwas zu tun und nicht so dazustehen. Doch zu seiner
+und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit seinem
+Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus,
+<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
+das ihm vor vier Tagen Krestjan Iwanowitsch,
+der Doktor, verschrieben hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging
+es Herrn Goljädkin durch den Kopf und plötzlich zuckte
+er zusammen und schrie auf vor Schreck. Ein neues
+Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote
+Flüssigkeit schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den
+Augen des Herrn Goljädkin ... Das Fläschchen fiel
+zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie
+nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der
+umherspritzenden Flüssigkeit zurück ... er zitterte an
+allen Gliedern und der Schweiß brach ihm aus Stirn
+und Schläfen.
+</p>
+
+<p>
+„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen
+erhob sich im Raum eine Bewegung und ein Gedränge.
+Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten auf ihn
+ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser
+Held stand da, unbeweglich, er sah nichts, er hörte
+nichts, er fühlte nichts ... Endlich riß er sich los
+und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn halten wollten,
+sprang fast ohne Besinnung in die erste beste
+Droschke und floh nach Haus.
+</p>
+
+<p>
+Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er
+Michejeff, dem Kanzleidiener, mit einem Schreiben in
+der Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete
+mit schwacher, kläglicher Stimme unser Held.
+„Das ist ein offizieller ...“
+</p>
+
+<p>
+Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet,
+mit einer Unterschrift von Andrej Philippowitsch
+versehen, und in ihm wurde er aufgefordert, alle in
+<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
+seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener
+zu übergeben. Herr Goljädkin nahm das Schreiben
+und gab dem Diener ein Zehnkopekenstück, trat in sein
+Zimmer und sah, wie Petruschka seine Sachen in einen
+Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn
+Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna,
+die ihn seinem Herrn abspenstig gemacht hatte, deren
+Eustaphia zu ersetzen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-12">
+<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
+XII.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer
+triumphierenden Miene. Man sah ihm an, daß er
+sich irgend etwas dabei dachte und sich vollkommen
+in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so
+aus, wie jemand, der keinen Dienst mehr ausübte, der
+bereits der Diener eines anderen war, und nicht mehr
+der seines früheren Herrn.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend
+unser Held. „Wieviel Uhr ist es jetzt?“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag,
+kehrte darauf langsam zurück und meldete in
+ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald halb acht
+Uhr sei!
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein
+Lieber ... erlaube, daß ich dir sage, mein Lieber, daß
+zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende ist.“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist,
+sage mir aufrichtig, wie ein Freund sage mir, wo du
+warst, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war
+mit dir immer zufrieden, mein Lieber und werde dir
+<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
+ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn jetzt
+bei ihnen dienen?“
+</p>
+
+<p>
+„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein
+guter Mensch kann einen nichts Schlechtes lehren.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute
+Menschen gibt es jetzt selten. Schätze sie hoch, mein
+Freund. Nun, wer sind sie denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann
+ich bei Ihnen, Herr, nicht länger dienen. Sie belieben
+das selbst zu wissen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne
+deinen Eifer, ich habe alles gesehen, alles bemerkt.
+Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte jeden guten
+und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener
+ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin
+gehen, wo es besser ist. So ist’s. Sie belieben zu wissen,
+Herr, ohne einen guten Menschen kann ich
+nicht ... –“
+</p>
+
+<p>
+„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es
+... Nun, hier hast du dein Geld und ein Zeugnis.
+Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns gegenseitig
+...“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka blickte ihn an.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen
+Dienst, um einen letzten Dienst,“ sagte Herr Goljädkin
+in feierlichem Tone. „Siehst du, mein Lieber, alles
+ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in
+Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du
+weißt, mein Freund, ich war gegen dich immer
+freundlich ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
+Petruschka schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich,
+mein Lieber ... Aber sag, was haben wir denn jetzt
+noch an Wäsche, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken
+drei Paar, vier Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider
+zwei. Sie wissen ja selbst alles. Ich, Herr,
+rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr, hüte
+Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt,
+habe mir nie eine Sünde ... Herr, Sie wissen
+doch selbst, Herr ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir.
+Nicht das meine ich, mein Freund, nicht das, siehst du,
+mein Freund ...“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als
+ich damals noch beim General Stolbujäkoff diente, da
+entließen sie mich, als sie selbst nach Saratoff reisten
+... ein Gut haben sie dort ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke
+nicht etwa ... mein lieber Freund ...“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins –
+Sie belieben das ja selbst zu wissen –, Leute verleumden!
+Aber mit mir war man überall zufrieden.
+Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen.
+Ich diente bei vielen, beim Fürsten Swintschatkin,
+beim Hauptmann Pereborkin, beim General Njedobaroff,
+sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch
+bekannt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund,
+gut. Siehst du, mein Freund, auch ich werde jetzt verreisen
+... Jeder hat seinen Weg, mein Lieber, und
+<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
+keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt,
+mein Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die
+Uniform heraus, andere Beinkleider, Tücher, Betten,
+Kissen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Soll ich alles in ein Bündel packen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein
+Bündel! Wer weiß, was noch alles mit mir geschehen
+wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole mir
+einen Wagen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Einen Wagen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen
+– miete einen auf längere Zeit! Aber du, mein
+Freund, mußt nicht etwa denken ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie weit fahren? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich
+selbst nicht. Ich denke, ein Federbett muß man auch
+hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich verlasse
+mich ganz auf dich, mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wünschen Sie sofort abzufahren?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen
+es ... so steht es, mein Lieber, so steht es ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment,
+war das mit einem Leutnant ebenso: von einem
+Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“
+</p>
+
+<p>
+„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut.
+Alles war schon vorbereitet worden ... Es gab
+eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene Fürst jagte ihnen
+selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber,
+wie weißt du denn das, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
+„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das
+Gerücht weiter, Herr! Wir wissen doch alles, Herr.
+Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich sage
+Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr:
+wenn das jetzt so ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie
+einen Feind haben, einen Nebenbuhler, Herr, einen
+starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es
+also auch, mein Lieber ... Nun, darin kann ich mich
+ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also tun,
+mein Freund, was kannst du mir raten?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt
+haben, Herr, dann müssen Sie noch etwas dazukaufen,
+wie Laken, Kissen, ein anderes Federpfühl,
+ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim
+Nachbarn unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat
+einen Fuchspelz zu verkaufen, den könnte man sich
+ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie
+werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz
+mit Atlas bezogen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz
+mit dir einverstanden; ich verlasse mich ganz auf dich.
+Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur schnell,
+schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den
+Pelz kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr,
+schneller, um Gottes willen, schneller, mein Freund!
+Beeile dich, mein Freund! ...“
+</p>
+
+<p>
+Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen,
+Decken, Laken und all den anderen Kram zu Boden
+und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff
+unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte
+<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
+er ihn nicht. Mit beiden Händen griff er nach seinem
+armen Kopf und lehnte sich vor Verwunderung an die
+Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch
+nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte.
+Endlich, als er bemerkte, daß die Zeit verstrich, und
+weder Petruschka noch der Fuchspelz erschienen war,
+entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu gehen. Als er
+die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der
+Treppe lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute
+schrien und stritten sich – und Herr Goljädkin
+wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas Stimme
+und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel!
+sie werden die ganze Welt zusammenrufen!“ stöhnte
+Herr Goljädkin, rang die Hände vor Verzweiflung
+und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich
+fast besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in
+die Kissen. Nachdem er einen Augenblick so gelegen
+hatte, sprang er wieder auf und ohne Petruschka zu
+erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel
+an, setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren
+und stürzte auf die Treppe hinaus.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst,
+ich werde alles selbst besorgen. Laß nur vorläufig
+alles so stehen, unterdessen wird sich vielleicht das
+Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin
+eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete.
+Darauf lief er die Treppe hinunter und zum Hause
+hinaus. Sein Herz stand ihm still – er konnte sich zu
+nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie
+sollte er in dieser kritischen Lage handeln ...
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott,
+<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
+das mußte gerade noch kommen!“ rief er endlich
+verzweifelt aus und strich ziellos die Straße entlang,
+„das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das
+nicht wäre, gerade das, dann würde sich noch alles
+ordnen und beilegen lassen, mit einem Schlage, mit
+einem gewandten und festen Schlage würde es sich
+machen lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden,
+daß es sich machen ließe! Und ich weiß sogar, auf welche
+Weise es zu machen ginge. Es würde so gemacht
+werden: Ich würde also – ich würde das und das,
+das heißt würde so und so sagen ... ‚mein Herr, mit
+Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut man nicht, mein
+sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und
+mit Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator,
+mein Herr, ist ein unnützer Mensch, das heißt ein
+Mensch, der seinem Vaterlande keinen Nutzen bringt.
+Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein
+sehr geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen!
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das
+wäre auch nicht das Richtige, durchaus nicht das
+Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf, Erzdummkopf!
+Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch,
+so wird es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt
+verkriechen? Was werde ich zum Beispiel jetzt mit mir
+anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu taugst du
+jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun?
+</p>
+
+<p>
+Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte,
+einen Wagen für sie, sonst macht sie sich die Füßchen
+naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer hätte
+das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein
+<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
+wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet,
+meine Herrin, ausgezeichnet ... Und das kommt
+alles von der schlechten Erziehung. Wie ich das jetzt
+übersehe und es durchschaut habe – so ist alles Sittenlosigkeit.
+Man hätte ihr von Jugend auf – die
+Rute, tüchtig die Rute geben sollen, sie aber haben sie
+statt dessen mit Konfekt und allen Süßigkeiten gefüttert
+und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll: ‚Ach,
+du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen
+Grafen verheiraten! ...‘
+</p>
+
+<p>
+Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns
+jetzt ihre Karten gezeigt, da – habt ihr es, das ist
+mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen hätten,
+statt sie in die Pension zu der französischen Madame
+zu geben, irgend so einer Emigrantin! Da lernen
+sie wohl viel Gutes, bei der Emigrantin ... und
+– da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt
+und freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um
+so und so viel Uhr unter meinem Fenster und singen
+Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich werde Sie
+erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir
+zusammen, um in einer Hütte zu leben!‘
+</p>
+
+<p>
+Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon
+so weit gehen, meine Dame ... das geht nicht an!
+Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und unschuldiges
+Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem
+Elternhause zu entführen! Und schließlich auch: warum?
+Ich sehe gar keine Notwendigkeit. Mag sie heiraten,
+wie es sich gehört, und wen das Geschick ihr
+bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich
+aber bin ein Beamter und kann deshalb meine Stellung
+<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
+verlieren. Ich, meine Dame, kann deshalb vor
+Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das
+noch nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles
+eingebrockt, dieser ganze Wirrwarr geht von ihr aus.
+Deshalb haben sie einen Menschen verleumdet. Deshalb
+haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht,
+auf den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt
+alles her. Denn sonst, warum haben sie Petruschka
+hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache zu
+schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun?
+</p>
+
+<p>
+‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich
+nicht, ich kann nicht ... Für dieses Mal, meine
+Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das
+kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der
+Deutschen, nicht von der Hexe, sondern einfach von
+Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute Frau, die
+Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame,
+Sie sind schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen
+mich vors Gericht, – unter falschen Anschuldigungen
+...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da
+muß der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und
+kann sich selbst nicht erhalten, – wie kann man denn
+da noch heiraten! Und wie wird denn das alles enden?
+Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel
+darum geben, wenn ich das wissen könnte! ...“
+</p>
+
+<p>
+So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als
+er plötzlich zu sich kam, bemerkte er, daß er irgendwo
+auf <a id="corr-38"></a>der Liteinaja stand. Das Wetter war
+schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und
+Schnee zusammen, genau wie zu jener unvergeßlichen
+<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
+Stunde um Mitternacht, als das Unglück Herrn Goljädkins
+seinen Anfang nahm.
+</p>
+
+<p>
+„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin,
+nach dem Wetter sehend, „das wäre einfach
+Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich denn
+hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint
+etwas Schwarzes zu dämmern! Wir wollen sehen! ...
+Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held fort und lenkte
+seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas
+Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich
+weiß, was ich tue! Ich gehe zu ihm, falle ihm zu Füßen
+und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So
+und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die
+Hände der Behörde, Ew. Exzellenz, beschützen Sie
+und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre ein
+ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde,
+ich flehe Sie an, als meinen Vater flehe ich
+Sie an, verlassen Sie mich nicht ... Retten Sie meine
+Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie
+mich vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen
+... Er ist ein anderer Mensch, Ew. Exzellenz,
+und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer für
+sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz
+für mich, Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich.
+Ew. Exzellenz, so ist’s! Das heißt, ich kann gar nicht Er
+sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu ändern
+mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum
+Beispiel für andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu
+Ihnen, wie zu meinem Vater! Die Behörde, die wohltätige
+und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas unterstützen
+... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde.
+<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
+Das heißt, wie gesagt, ich wende mich an die
+Behörde, wie an einen Vater, und vertraue ihr mein
+Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst werde
+mich von allen zurückziehen, so ist’s!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, mein Lieber, bist du frei?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Herr.“
+</p>
+
+<p>
+„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“
+</p>
+
+<p>
+„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“
+</p>
+
+<p>
+„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber,
+wie es kommt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß
+es selbst noch nicht genau, mein Lieber, ich kann es
+deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen. Siehst du,
+mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden.
+Es ist ja bekannt, mein Freund ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber.
+Aber was nimmst du dafür, mein Lieber? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Belieben Sie sofort zu fahren?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest
+du ein wenig ... so, nur ein wenig, nicht lange,
+mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend
+nehmen wollen, so kann ich bei diesem Wetter nicht
+weniger als sechs Rubel ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir,
+mein Lieber. Und jetzt kannst du mich gleich fahren,
+mein Lieber.“
+</p>
+
+<p>
+„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier
+<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a>
+noch ein wenig zurechtzumachen ... Steigen Sie nur
+ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“
+</p>
+
+<p>
+„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“
+</p>
+
+<p>
+Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und
+setzte seine beiden Gäule, die er nur mit aller Gewalt
+vom Heusack wegreißen konnte, in der Richtung auf
+die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog
+Herr Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten
+und bat mit flehender Stimme den Kutscher,
+nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine bestimmte
+andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um
+und in zehn Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins
+vor dem Hause, welches Seine Exzellenz bewohnte.
+Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat
+seinen Kutscher inständig, zu warten und lief selbst
+mit zitterndem und zagendem Herzen die Treppe hinauf,
+in den zweiten Stock. Er klingelte, die Tür wurde
+geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der
+Exzellenz.
+</p>
+
+<p>
+„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr
+Goljädkin an den Menschen, der ihm die Tür öffnete.
+</p>
+
+<p>
+„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der
+Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat
+Goljädkin. Ich wünsche – Exzellenz zu sprechen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Warten Sie bis morgen.“
+</p>
+
+<p>
+„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine
+Sache ist zu wichtig ... meine Sache duldet keinen
+Aufschub ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a>
+„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie
+eine Aufforderung?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde
+mich, mein Freund, sage: so und so, um zu erklären ...
+Und ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden
+vorzulassen. Es sind Gäste da. Kommen Sie
+morgen um zehn Uhr ...“
+</p>
+
+<p>
+„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich
+warten! Sie, mein Lieber, werden sonst die
+Verantwortung ...“
+</p>
+
+<p>
+„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“
+sagte ein anderer Lakai, der sich auf einer Bank
+rekelte und bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden
+vorzulassen, verstehst du? Die Empfangsstunden
+sind am Morgen.“
+</p>
+
+<p>
+„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte
+deiner Zunge schaden!“
+</p>
+
+<p>
+„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge
+wird’s nicht schaden! Es ist aber befohlen ... Treten
+Sie in dieses Zimmer.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf
+dem Tisch stand eine Uhr, er sah, daß es halb neun
+war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er wollte
+schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief
+der Diener, der an der Schwelle zum nächsten Zimmer
+stand, laut seinen Namen.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher
+Verwirrung unser Held. „Was werde ich
+<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a>
+nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s ...
+ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten
+... geruhen Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist
+die ganze Sache verdorben, alles in den Wind zerstreut.
+Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens
+keine Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück
+und führte Herrn Goljädkin ins Kabinett Seiner
+Exzellenz.
+</p>
+
+<p>
+Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet,
+er konnte überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei
+Gestalten tauchten undeutlich vor seinen Augen auf:
+„Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn Goljädkin
+durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held
+den Stern auf dem schwarzen Frack der Exzellenz
+deutlich erkennen. Damit kam er denn zur Besinnung
+und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen
+wieder ...
+</p>
+
+<p>
+„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme
+Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wie? Was?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen,
+um zu erklären, Ew. Exzellenz ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“
+</p>
+
+<p>
+„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, was wünschen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen
+Vater: ich selbst halte mich ganz aus der Sache,
+<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
+und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde zu beschützen,
+– das ist alles!“
+</p>
+
+<p>
+„Was heißt das?“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist doch bekannt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist bekannt?“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an
+zu zittern ...
+</p>
+
+<p>
+„Nun?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich
+meinte, in moralischem Sinne: Ew. Exzellenz als Vater
+anerkennen ... das heißt, so und so, beschützen Sie
+mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas
+zu – zu – un–ter–stützen ...“
+</p>
+
+<p>
+Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte
+für einen Augenblick wieder nichts mehr wahrnehmen.
+Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der
+Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich
+auf den Beinen halten sollte ... Er schämte sich und
+unsagbar traurig war ihm zumute. Gott weiß, was
+ihn erwartete ...
+</p>
+
+<p>
+Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er,
+daß Seine Exzellenz mit seinen Gästen sehr lebhaft
+sprach und sich mit ihnen zu beraten schien. Einen der
+Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch.
+Den anderen dagegen erkannte er nicht,
+obgleich ihm das Gesicht sehr bekannt schien: eine hohe
+volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit buschigen
+Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem
+Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing
+ein Orden und eine Zigarre stak zwischen den Zähnen.
+Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus
+<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a>
+dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem
+Kopfe, von Zeit zu Zeit zu Herrn Goljädkin hinüberblickend.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich.
+Er wandte seinen Blick zur Seite, und dabei bemerkte
+er – einen sehr sonderbaren Gast. In der Tür, die unser
+Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie
+es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir
+wissen ja schon, wer: der Bekannte und Freund Herrn
+Goljädkins. Herr Goljädkin der Jüngere hatte sich bis
+dahin offenbar in einem kleinen Zimmer aufgehalten,
+um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man
+ihn wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren
+unter dem Arm, ging er auf Seine Exzellenz zu und
+in Erwartung, daß sich die allgemeine Aufmerksamkeit
+auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich
+alsbald sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung
+mit einzumischen. Er nahm seinen Platz hinter
+dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde
+teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre
+rauchte.
+</p>
+
+<p>
+Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere
+Anteil am Gespräch, dem er mit Eifer folgte, zu dem
+er mit dem Kopfe nickte, während er in einem fort
+lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah,
+ganz als flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis,
+auch ein Wörtchen einzuflechten.
+</p>
+
+<p>
+„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich
+einen Schritt auf ihn zu. In diesem Augenblicke
+kehrte sich Seine Exzellenz um und näherte sich
+selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a>
+„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde
+Ihre Sache nachprüfen, und Sie werde ich begleiten
+lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den Unbekannten
+mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen
+seiner Einwilligung mit dem Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu
+genau, daß man ihn für etwas anderes nahm und
+ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich gehörte.
+„So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er,
+„das heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete
+er in der Verwirrung seine Augen zu Boden und zu
+seiner äußersten Verwunderung sah er auf den Stiefeln
+Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck.
+</p>
+
+<p>
+„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin.
+Doch bald entdeckte Herr Goljädkin, daß die
+Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt waren,
+sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das
+sich daraus erklärte, daß die Stiefel von Lack waren
+und stark glänzten. „Das nennt man aber blank sein,“
+dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick wieder
+erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil
+die Sache sich sonst zu einem schlechten Ende wenden
+konnte ... Unser Held trat also einen Schritt nach
+vorn.
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte
+er. „Ich meine doch, einen falschen Namen zu tragen,
+ist in unserer Zeit doch wohl nicht erlaubt.“
+</p>
+
+<p>
+Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern
+zog nur heftig an der Glockenschnur. Unser Held
+trat noch einen Schritt vor.
+</p>
+
+<p>
+„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch,
+<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a>
+Ew. Exzellenz,“ sagte unser Held, ohne sich zu besinnen,
+ersterbend vor Furcht, und wies trotz alledem
+kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger,
+der sich diesen Augenblick dicht bei Seiner
+Exzellenz zu schaffen machte. „So und so ... das
+heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine
+allgemeine Bewegung. Andrej Philippowitsch und der
+Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine Exzellenz
+riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der
+Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem
+Augenblick trat Herr Goljädkin der Jüngere vor.
+</p>
+
+<p>
+„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich
+um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen.“ In der Stimme
+Herrn Goljädkins des Jüngeren lag äußerste Entschlossenheit.
+Alles an ihm drückte aus, daß er sich
+vollkommen in seinem Recht fühlte.
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem,
+eifrig einer Antwort Seiner Exzellenz zuvorkommend,
+und wandte sich diesmal an Herrn Goljädkin selbst.
+„Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie
+sich so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem
+Sie stehen und in wessen Kabinett Sie sich befinden?
+...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer
+sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen:
+Tränen der Empörung traten ihm in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick
+der Lakai mit lauter Stimme, indem er in der
+Tür des Kabinetts erschien.
+</p>
+
+<p>
+„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“
+dachte Herr Goljädkin und fühlte im selben
+<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a>
+Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr freundschaftlicher
+Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte
+sich ihm noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine
+Ebenbild von Herrn Goljädkin lief voran und
+zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg –
+Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam
+auf die große Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte
+er, als er sich schon im Vorzimmer befand, begleitet
+von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von seinem
+unvermeidlichen Ebenbilde.
+</p>
+
+<p>
+„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines
+Freundes! Den Mantel meines besten Freundes!“
+schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den
+Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung
+den Mantel Herrn Goljädkin über den
+Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel
+wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter
+der Diener. Doch er achtete nicht darauf und kümmerte
+sich um nichts. Ruhig trat er aus dem Vorzimmer
+auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr
+Goljädkin der Jüngere folgte ihm.
+</p>
+
+<p>
+„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser
+Herrn Goljädkin dem Älteren nach.
+</p>
+
+<p>
+„Schurke!“ sagte unser Held außer sich.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“
+</p>
+
+<p>
+„Verworfener Mensch! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, meinetwegen auch ein verworfener
+Mensch ...“ antwortete dem würdigen Herrn Goljädkin
+sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen Gemeinheit
+<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a>
+und sah frech, oben von der Treppe hinunter
+und ohne die Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin
+an, als forderte er ihn auf, so weiter fortzufahren. Unser
+Held spie aus vor Empörung und stürzte zum Hause
+hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte,
+wie er in den Wagen gelangte. Als er endlich zu sich
+kam, sah er, daß er an der Fontanka entlang fuhr.
+„Wahrscheinlich fährt er nach der Ismailoffbrücke,“
+dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin
+noch etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war
+etwas so Entsetzliches, das zu erklären unmöglich
+schien ...
+</p>
+
+<p>
+„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr
+weiter zur Ismailoffbrücke.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="chapter" id="chapter-4-13">
+<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a>
+XIII.
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte.
+Der nasse Schnee, der bis jetzt in großen Massen niederfiel,
+wurde allmählich dünner und immer dünner,
+und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde
+klarer und hin und wieder sah man Sterne blinken.
+Es war jedoch noch immer feucht, schmutzig und
+schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin
+nur mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und
+schwerer Mantel umhüllte mit einer unangenehmen
+warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer
+auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften
+Herrn Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief
+seinen Körper mit spitzen scharfen Nadeln. Die
+Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn.
+Herr Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß,
+wie bei sonstigen Gelegenheiten, mit der ihm
+eigenen Charakterfestigkeit seine Lieblingsphrase zu
+wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch
+zum besten wenden würde.
+</p>
+
+<p>
+„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“
+behauptete unser starker und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher
+Held nur, indem er sich vom Gesicht
+das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande
+<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a>
+seines runden Hutes tropfte, der, aufgeweicht und
+durchnäßt wie er war, das Wasser nicht mehr aufnehmen
+konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung
+war, daß das alles noch nichts zu sagen hätte,
+so versuchte er sich wenigstens auf den dicken Holzklotz
+zu setzen, der sich auf dem Hofe von Olssuph Iwanowitsch
+neben einem großen Holzstoß befand.
+</p>
+
+<p>
+Natürlich war von der spanischen Serenade nicht
+die Rede: viel eher mußte er an seinen, wenn auch
+nicht großen, so doch immerhin warmen, gemütlichen
+und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt,
+sehnte er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf
+dem Treppenflur der Wohnung von Olssuph Iwanowitsch,
+in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer
+Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank,
+zwischen alten Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden
+hatte. Die Sache war nämlich die, daß Herr
+Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem
+Hofe Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen
+und gemütlichen Winkel waren diesmal
+Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben
+hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich
+bemerkt und infolgedessen waren seit der Geschichte
+auf dem Balle bei Olssuph Iwanowitsch gewisse
+Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf
+das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna
+warten, denn es war doch sicher von einem solchen
+verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war es
+immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen,
+und nicht mit uns wird es aufhören“.
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans,
+<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a>
+den er schon vor langer Zeit gelesen hatte, in
+dem die Heldin unter denselben Umständen ihrem Alfred
+ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie
+ans Fenster befestigte. Ein rosa Band aber, in der
+Nacht und beim Petersburger Klima, das ja durch
+seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht
+an, nein: das war einfach unmöglich!
+</p>
+
+<p>
+„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“
+dachte unser Held, „besser ist sicher, ich verhalte mich
+still! Und suche mir einen anderen Platz!“ Und richtig,
+er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern
+gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über
+den Hof verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher,
+die Wagen rasselten, die Pferde wieherten usw.
+Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn
+nun bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte
+der Platz den Vorteil, daß die Sache im Schatten vor
+sich ging und Herrn Goljädkin niemand sehen konnte,
+er selbst aber alles sah.
+</p>
+
+<p>
+Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet.
+Es schien wieder eine feierliche Gesellschaft bei Olssuph
+Iwanowitsch versammelt zu sein. Musik war
+übrigens noch nicht zu vernehmen.
+</p>
+
+<p>
+„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur
+so eine Gesellschaft sein,“ dachte Herr Goljädkin.
+„Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm dann durch
+den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht?
+Es kann sein, alles kann sein ... alles ist möglich!
+Vielleicht war der Brief gestern geschrieben worden
+und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka ihn vergessen
+hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen
+<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a>
+bestimmt ... so, daß ich ... erst morgen alles hätte
+vorbereiten sollen, das heißt, mit dem Wagen hätte
+warten sollen ...“
+</p>
+
+<p>
+Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff
+nach dem Briefe in der Tasche, um sich zu überzeugen.
+Doch zu seiner Verwunderung fand sich kein Brief in
+der Tasche.
+</p>
+
+<p>
+„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken
+Herr Goljädkin: „Wo kann er sein? Sollte
+ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte er
+auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja,
+vielleicht ist es schon geschehen! Herrgott! Was kann
+sich daraus ergeben! Das wäre ja ... Ach, du mein
+verfluchtes Schicksal!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem
+Gedanken, daß vielleicht sein übelwollender Doppelgänger,
+als er ihm den Mantel über den Kopf geworfen,
+damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu
+entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden
+Herrn Goljädkins etwas erfahren hatte. „Da hätte er
+einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin, „einen Beweis
+... und was für einen Beweis! ...“
+</p>
+
+<p>
+Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens
+stieg Herrn Goljädkin das Blut heiß in den Kopf.
+Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach seiner
+glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz
+und fing an nachzudenken ... Aber seine Gedanken
+hatten keinen Zusammenhang. Es tauchten verschiedene
+Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald
+undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener
+Vorgänge – Motive dummer Lieder, die ihm durch
+<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a>
+den Kopf gingen ... Es war ein Elend, ein Elend,
+ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte
+unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem
+Versuch, das dumpfe Schluchzen in der Brust zu unterdrücken,
+„gib mir Festigkeit in der unerschöpflichen
+Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin,
+vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das
+liegt in der Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch
+nicht anders sein! Erstens habe ich meine Stellung
+verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch
+nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine
+Möglichkeit geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht
+noch für die erste Zeit: ich nehme mir irgendeine kleine
+Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka wird
+zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne
+den Schuft auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen
+und zurückkommen, wann es mir paßt, und Petruschka
+wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich
+spät nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne
+ihn ... Nun, nehmen wir also an, daß das alles sehr
+gut ginge. Nur handelt es sich noch immer nicht darum,
+noch immer nicht darum! ...“
+</p>
+
+<p>
+Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage
+in Herrn Goljädkin auf, in der er sich unmittelbar befand.
+Er blickte um sich. „Ach, du mein großer Gott!
+Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“
+dachte er, und griff wieder ganz und gar verloren
+nach seinem brummenden Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte
+plötzlich eine Stimme neben ihm. Herr Goljädkin
+fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein Kutscher,
+<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a>
+gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom
+Warten ungeduldig geworden und wollte nach seinem
+Herrn hinter dem Holzstoß sehen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein
+Freund, komme bald, sehr bald, sehr bald – warte
+noch ein wenig ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Kutscher ging fort und brummte etwas in
+den Bart.
+</p>
+
+<p>
+„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin
+unter Tränen, „ich habe ihn doch für den ganzen
+Abend genommen, ich bin durchaus in meinem Recht,
+so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und
+damit ist die Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei!
+Das hängt von meinem Willen ab. Willigt er ein,
+oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter
+dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat
+hier nichts zu meinen: will der Herr hinter dem Holz
+stehen, so mag er es tun ... seiner Ehre wird das nicht
+schaden! So ist’s!
+</p>
+
+<p>
+So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen.
+Und in einer Hütte, meine Dame, das heißt, so
+und so, kann in unserer Zeit niemand mehr leben. Und
+ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen
+Zeit auch nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst
+jetzt ein bedauernswertes Beispiel sind ... Das heißt,
+Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer des Meeres
+in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame,
+braucht man an den Ufern des Meeres keine Titularräte
+und zweitens hätten wir da überhaupt nicht zum
+Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte
+beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so
+<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a>
+und so, möchte Titularrat werden ... begünstigen Sie
+mich trotz meiner Feinde ... dann wird man Ihnen sagen,
+meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt,
+und daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo
+Sie gute Sitten lernen sollen, um als gutes Beispiel
+zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame, bedeutet, zu
+Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit
+an Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden
+sich schon mit der Zeit von selbst – so ist’s! Freilich
+muß man verschiedene Talente besitzen wie: Klavierspielen,
+Französisch sprechen, in der Geschichte, Geographie,
+Religion und Arithmetik bewandert sein, –
+so ist’s! Mehr ist auch nicht nötig. Und dazu dann die
+Küche. Jedenfalls sollte jedes sittsame Mädchen die
+Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie,
+meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst
+überlassen, man wird Ihnen nachsetzen und wird Sie
+zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und was, meine
+Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen
+Sie mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich
+wie in dummen Romanen mich auf den nächsten Hügel
+setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf
+die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder
+soll ich etwa der Vorschrift einiger schlechter deutscher
+Poeten und Romanschriftsteller folgen und freiwillig
+sterben? Wollen Sie das, meine Dame?
+</p>
+
+<p>
+Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft
+auszudrücken, daß die Dinge so nicht gehen, und daß
+man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen müßte,
+weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben
+haben. Denn französische Bücher lehren einen nichts
+<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a>
+Gutes. Das ist Gift ... reines Gift, meine Dame!
+Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß
+ich Sie frage, denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft
+und ... leben dann in einer Hütte am Meer!
+Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie
+die Tauben zu girren und verbringen so unser Leben
+in Zufriedenheit und Glück! Und wenn dann ein Kleines
+kommt, dann werden wir ... – dann sagen wir
+so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch,
+ein Kleines ist da, also nehmen Sie bei der
+Gelegenheit Ihren Fluch zurück und segnen Sie uns!
+</p>
+
+<p>
+Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und
+auf das Girren hoffen Sie nicht, denn von alledem
+wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der Herr,
+und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem
+gehorchen. Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen
+Zeit nicht, die Zeiten Jean Jacques Rousseaus
+sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann zum
+Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘,
+fragt er seine Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen
+Hering, ein Gläschen Schnaps?‘ Also müssen
+Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten.
+Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er
+sich gar nicht, er sagt nur: ‚Geh in die Küche, mein
+Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘ Er küßt Sie
+vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut
+er sehr gleichgültig! ...
+</p>
+
+<p>
+So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das
+tun wir nur gleichgültig! ... So ist es, wenn man
+sich’s genau überlegt, wenn es darauf ankommt ...
+Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame,
+<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a>
+haben Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht?
+‚Tugendhafter, für mich leidender und meinem
+Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu
+Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im
+Komplimentemachen kein Meister bin und es nicht
+liebe, Damen gefühlvollen Unsinn vorzuschwatzen,
+meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte
+Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht
+finden, das sage ich Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit.
+Ich besitze einen offenen Charakter und einen gesunden
+Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das
+heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz
+– so ist’s! ... Guten Menschen gegenüber trage ich
+keine Maske, und um Ihnen alles zu sagen ...“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das
+rote Gesicht seines Kutschers mit ganz durchnäßtem
+Bart blickte wieder nach ihm hinter den Holzstoß ...
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort,
+mein Freund, weißt du. Ich komme sofort, sofort
+...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend
+mit zitternder und weinerlicher Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete
+seinen Bart, trat einen Schritt zurück, blieb wieder
+stehen und blickte mißtrauisch Herrn Goljädkin an.
+</p>
+
+<p>
+„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du
+... mein Freund ... ich werde nur ein wenig, nur
+eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein
+Freund ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“
+sagte endlich der Kutscher und trat entschlossen auf
+Herrn Goljädkin zu.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a>
+„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich,
+siehst du, mein Freund, warte nur ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Herr ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem
+Dorfe bist du, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind Leibeigene ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ist dein Herr gut? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ziemlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein
+Freund! Suche gute Menschen! Gute Menschen sind
+jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt dir Essen
+und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch.
+Denn oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen
+die Tränen fließen ... Du siehst hier ein beklagenswertes
+Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“
+</p>
+
+<p>
+Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun.
+„Nun, wie Sie wollen, ich werde warten. Wird es
+noch lange dauern?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du,
+nicht mehr lange warten, mein Lieber ... Wie denkst
+du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf dich
+verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Dann werden Sie also fahren?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ...
+hier ... wieviel hast du zu bekommen, mein Lieber?“
+</p>
+
+<p>
+„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte.
+Ich habe lange gewartet, Herr, Sie werden mich armen
+Menschen nicht schädigen, Herr.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei
+gab ihm Herr Goljädkin sechs Rubel und beschloß
+<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a>
+ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das heißt, einfach
+fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch
+schon entschieden und der Kutscher entlassen war.
+Folglich brauchte er hier nicht mehr zu warten, er
+kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum Hoftor
+hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich
+umzusehen, keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“
+dachte er, „und ich bin auf diese Weise dem Unglück
+entronnen.“
+</p>
+
+<p>
+Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz
+leicht ums Herz. „Ach, wenn doch alles wieder gut
+würde!“ dachte unser Held, glaubte aber selbst kaum
+daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein,
+besser, von der Seite, das heißt, so ...“
+</p>
+
+<p>
+Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln
+quälte und den Schlüssel zu ihrer Lösung suchte, war
+unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und beschloß
+hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, –
+wieder umzukehren.
+</p>
+
+<p>
+„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme
+von der anderen Seite, das heißt, so. Dann bin ich
+ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache hat ihr
+Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson,
+weiter nichts, und was da auch vorgehen mag – daran
+bin ich nicht schuldig! So ist’s! So wird es jetzt
+sein!“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren,
+kehrte unser Held auch wirklich wieder um – sehr zufrieden
+darüber, daß er, dank seinem glücklichen Einfall,
+<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a>
+jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen
+würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten,
+du siehst nur zu – weiter nichts!“ Die
+Rechnung war richtig, und die Sache mochte damit ihr
+Ende haben!
+</p>
+
+<p>
+Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich
+wieder in den friedlichen Schatten des ihn beschützenden
+Holzstoßes und begann von neuem aufmerksam
+nach den Fenstern zu blicken.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und
+zu warten. Es zeigte sich plötzlich an allen Fenstern
+eine lebhafte Bewegung, Gestalten tauchten auf, die
+Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von
+Leuten drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs,
+alle sahen auf den Hof hinaus und schienen
+etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß, begann
+auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen
+Bewegung zu folgen, er wandte voll Teilnahme
+seinen Kopf nach links und nach rechts, soweit es
+ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg,
+erlaubte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe
+vor Schreck hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male,
+und er war sofort vollkommen davon überzeugt, daß
+man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen
+suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin.
+Denn alle blickten nach ihm hin. Davonzulaufen war
+unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der entsetzte
+Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah
+als es möglich war, an das Holz und bemerkte dabei
+erst jetzt, daß der Schatten des Stoßes ihn nicht mehr
+<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a>
+ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in ein
+Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich
+gesessen! wenn es nur gegangen wäre! Doch ging
+es nicht, entschieden ging es nicht! In seiner Angst
+sprang er endlich auf und sah entschlossen nach allen
+Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ...
+Und plötzlich errötete er über und über. Alle hatten
+sie ihn bemerkt, alle winkten sie ihm mit den Händen
+und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu. Die
+Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man
+rufen ... „Ich wundere mich, warum man diese Mädchen
+nicht von Kindheit an durchgeprügelt hat,“ murmelte
+unser Held vor sich hin, ganz und gar verwirrt.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich kam <em>er</em> (es ist bekannt <em>wer</em>) die Treppe
+herunter gelaufen, im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos
+auf ihn zugestürzt und heuchelte äußerste Freude
+darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene
+Mensch. „Jakoff Petrowitsch, Sie hier? Sie werden
+sich erkälten. Hier ist es kalt, Jakoff Petrowitsch.
+Kommen Sie doch hinein!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff
+Petrowitsch,“ murmelte unser Held mit schüchterner
+Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff
+Petrowitsch, man bittet Sie, gefälligst einzutreten,
+man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die Ehre
+und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen
+Sie!“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre
+besser ... wenn ich nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch
+<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a>
+...“ antwortete unser Held, und verging zugleich
+vor Scham und vor Schreck.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche
+Mensch, „nein, nein, nein, für nichts in der Welt!
+Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn Goljädkin
+den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin
+wollte durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm
+sahen und ein Widerstreben dumm gewesen wäre, so
+ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen,
+daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm
+geschah. Es war ja doch alles gleichgültig!
+</p>
+
+<p>
+Noch bevor sich unser Held recht besinnen und
+sein Äußeres etwas in Ordnung bringen konnte, befand
+er sich schon im Saal. Er sah bleich, zerstört und
+verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze
+Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer –
+alles, alles war überfüllt. Menschen gab es in Unmengen,
+Damen, ein ganzer Blumengarten: sie alle drängten
+sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn
+zu, sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern
+heben, wobei er das Gefühl hatte, er schwebe in
+einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa zur
+Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und
+wirklich, sie trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl
+aber gerade zum Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand
+Klara Olssuphjewna, bleich, düster und traurig, doch
+wundersam geschmückt. Besonders fielen Herrn Goljädkin
+die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren
+schwarzen Haaren eine prachtvolle Wirkung übten.
+Auf der anderen Seite des Lehnstuhls stand Wladimir
+<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a>
+Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen neuen
+Ordensbändern im Knopfloch.
+</p>
+
+<p>
+Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der
+Hand gerade aus Olssuph Iwanowitsch zu. Auf der
+einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der Jüngere,
+der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr
+Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war –
+und auf der anderen Seite wurde er von Andrej Philippowitsch
+begleitet, der eine höchst feierliche Miene
+zur Schau trug.
+</p>
+
+<p>
+„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er
+aber bemerkte, daß man ihn zu Olssuph Iwanowitsch
+brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz erleuchtet.
+Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte
+in seinem Kopfe auf. In schrecklicher Angst stand unser
+Held vor dem Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs.
+</p>
+
+<p>
+„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei
+sich. „Natürlich werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher
+Ehrbarkeit ... das heißt ... so und so,
+usw.“
+</p>
+
+<p>
+Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht
+ein. Olssuph Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr
+wohlwollend zu empfangen, und wenn er ihm auch
+nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen ehrfurchteinflößenden
+Graukopf, feierlich und zugleich
+traurig, mit einem gütigen Ausdruck. So schien es
+wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam es sogar vor,
+als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen:
+er schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an
+den Wimpern Klara Olssuphjewnas eine Träne blinkte
+– und mit den Augen Wladimir Ssemjonowitschs
+<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a>
+schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die unerschütterliche
+ruhige Würde Andrej Philippowitschs war
+dem allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen,
+– auch der Jüngling, der dem alten Staatsrat Olssuph
+Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits bittere
+Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn
+Goljädkin nur so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm
+die heißen Tränen über die kalten Backen rannen ...
+</p>
+
+<p>
+Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen
+und seinem Schicksal und im Augenblick voll Liebe,
+nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern zu allen
+Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger,
+der durchaus nicht mehr böse, der gar nicht mehr der
+Doppelgänger zu sein schien, sondern ein ganz gleichgültiger
+und liebenswürdiger Mensch, – also wandte
+sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte
+nicht auszudrücken, was seine Seele erfüllte,
+in der sich so viel angesammelt hatte, er konnte nichts
+sagen, nicht das geringste, und nur mit einer beredten
+Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ...
+</p>
+
+<p>
+Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl
+um das Gefühl des Greises zu schonen – Herrn
+Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd und irgend
+etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert,
+doch jedenfalls ganz versöhnt mit seinem
+Schicksal und den Menschen, begann unser Held die
+dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben
+ihm den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer
+Neugierde und mit unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme
+an. Unser Held ging ins zweite Zimmer: überall
+die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie
+<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a>
+alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten,
+wie sie sich heimlich gegenseitig anstießen und
+über etwas sehr Merkwürdiges sprachen, urteilten, flüsterten
+und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin hätte
+furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen!
+</p>
+
+<p>
+Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben
+sich Herrn Goljädkin den Jüngeren. Er fühlte die
+Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und ihn beiseite
+zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff
+Petrowitsch“ inständigst, ihn bei allen seinen
+Unternehmungen behilflich zu sein und ihn im kritischen
+Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin
+der Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und
+drückte kräftig die Hand Herrn Goljädkins des Älteren.
+Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz
+in der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken,
+er fühlte, wie ihn irgend etwas mehr und mehr beengte,
+wie alle die Blicke, die auf ihn gerichtet waren, ihn
+verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin
+sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem
+Kopfe eine Perücke trug. Der Herr Rat sah ihn mit
+strengem, fragendem Blick an, der durch die allgemeine
+Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser
+Held beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm
+zulächeln, sich ihm erklären, doch gelang ihm seine
+Absicht nicht. In dem Augenblick, als er es tun wollte,
+verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis
+... Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er
+sich, in einem weiten Kreise von Gästen, um sich selber
+drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen Zimmer
+nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich
+<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a>
+über die ganze Menge. Alles regte sich auf, alles geriet
+in Bewegung, alles stürzte zur Tür des ersten
+Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen
+hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke
+Seite an Seite mit ihm zu stehen kam. Endlich ergriff
+er seine Hand und setzte sich dem Lehnstuhl Olssuph
+Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich
+weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren,
+setzten sich in einem großen Kreise um Olssuph
+Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles wurde still
+und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen,
+alle richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch
+und schienen etwas Besonderes zu erwarten. Herr
+Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem Lehnstuhl von
+Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn
+Rat, der andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch
+aufstellten. Das Schweigen dauerte an: man
+erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie wenn in
+irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange
+Reise anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und
+ein Gebet sprechen,“ dachte unser Held. Plötzlich entstand
+eine ungewöhnliche Bewegung und unterbrach
+Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das
+Langerwartete einzutreten.
+</p>
+
+<p>
+„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge.
+</p>
+
+<p>
+„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch
+den Kopf und er zuckte vor einem sonderbaren Gefühl
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll
+Andrej Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph
+<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a>
+Iwanowitsch an. Feierlich nickte Olssuph Iwanowitsch
+mit seinem Kopfe.
+</p>
+
+<p>
+„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn
+Goljädkin. Alle erhoben sich. Dann ergriff der Rat
+die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und
+Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins
+des Jüngeren und führten sie beide feierlich mitten
+durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah verwundert
+um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn
+Goljädkin den Jüngeren, der ihm bereits die Hand
+entgegenstreckte.
+</p>
+
+<p>
+„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser
+Held, streckte ihm gleichfalls freundschaftlich seine
+Hände entgegen, und reichte ihm sogar seine Backe zum
+Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin
+... Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren,
+daß sein treuloser Freund ein wenig lächelte:
+ganz so, als lächelte er schelmisch die sie umgebende
+Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen
+Gesicht Herrn Goljädkins des Jüngeren auf –
+die Grimasse des Judaskusses ...
+</p>
+
+<p>
+Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor
+seinen Augen wurde es dunkel: ihm schien eine endlose
+Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit großem Geräusch
+durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch
+es war schon zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben
+worden, und ...
+</p>
+
+<p>
+Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die
+Türen des Saales wurden ausgerissen und auf der
+Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick Herr
+Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am
+<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a>
+Boden. Ein Schrei erstarb auf den Lippen. Übrigens
+hatte Herr Goljädkin schon früher alles gewußt und
+Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte
+sich selbstbewußt und feierlich Herrn Goljädkin. Herr
+Goljädkin erkannte seine Gestalt nur zu gut. Er hatte
+ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen ...
+Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch
+in schwarzem Frack mit einem hohen Orden am Halse
+und trug einen schwarzen Backenbart. Es fehlte ihm
+nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit
+voll zu machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie
+gesagt, Herrn Goljädkin vor Schreck erstarren. Mit
+wichtiger und feierlicher Miene ging der schreckliche
+Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ...
+Unser Held reichte ihm die Hand. Der Unbekannte
+ergriff sie und zog ihn an sich. Mit verlorenem Ausdruck
+blickte unser Held um sich.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
+Doktor der Medizin und Chirurgie, Ihr alter
+Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte irgendeine
+widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er
+blickte sich um: er war es wieder, der abscheuliche, der
+in der Seele verderbte Doppelgänger Herrn Goljädkins.
+Eine boshafte Freude glänzte auf seinem Gesicht,
+triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend
+wandte er seinen Kopf ringsum, triumphierend
+trippelte er zu allen und jedem, und es schien beinahe,
+als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen.
+Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das
+Licht, um Herrn Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch
+zu leuchten. Herr Goljädkin hörte deutlich, wie alle,
+<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a>
+die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm nachdrängten,
+sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin
+nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er,
+Jakoff Petrowitsch, brauche sich nicht zu fürchten, da
+Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein alter Bekannter
+sei! ...“
+</p>
+
+<p>
+Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete
+Treppe hinaus. Auch hier war eine Menge Volk versammelt.
+Geräuschvoll wurde die Tür aufgerissen und
+Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit
+Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage,
+bespannt mit vier Pferden, die vor Ungeduld schnauften.
+Der schadenfrohe Herr Goljädkin der Jüngere
+lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen.
+Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung
+Herrn Goljädkin auf, Platz zu nehmen.
+</p>
+
+<p>
+Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück:
+die ganze hellerleuchtete Treppe war von Menschen
+besetzt: neugierige Augen blickten ihn von allen Seiten
+an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem
+obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und
+betrachtete voll Anteil und Aufmerksamkeit alles, was
+vorging. Alle warteten. Ein Gemurmel der Ungeduld
+lief durch die Menge, als Herr Goljädkin zurückblickte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ...
+nichts, was Veranlassung zur Strenge geben, nichts,
+was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse beziehen
+könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel
+und Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten
+<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a>
+verneinend den Kopf. Tränen stürzten Herrn Goljädkin
+aus den Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue
+mich vollkommen ... ich lege mein Geschick in die
+Hände Krestjan Iwanowitschs ...“
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er
+sein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs
+lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender
+Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr
+und unheilverkündend aus der ganzen wartenden
+Menge widerhallte. Da faßten Krestjan Iwanowitsch
+und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite,
+Herrn Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den
+Wagen, der Doppelgänger aber half, nach seiner verräterischen
+Angewohnheit, noch von hinterrücks. Der
+arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen
+Blick auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein
+Katzenjunges, das man mit kaltem Wasser begossen
+hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe der
+anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch
+Krestjan Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde
+zugeklappt. Ein Peitschenknall – und die Pferde zogen
+an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit
+... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz
+unbändige Schreie seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße
+auf den Weg. Eine Zeitlang hielten noch
+mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt
+und sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch
+wurden ihrer immer weniger, bis sie schließlich verschwanden
+und nur noch der schamlose Doppelgänger
+Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen
+<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a>
+seiner grünen Uniformbeinkleider, so lief er mit
+zufriedenem Gesicht bald links, bald rechts neben dem
+Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf
+den Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster
+und warf Herrn Goljädkin zum Abschied Kußhände
+zu. Doch auch er wurde schließlich des Laufens
+müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich
+verschwand und fortblieb ...
+</p>
+
+<p>
+Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen.
+Das Blut pochte heiß in seinem Kopf. Er empfand
+eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken zu
+müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine
+Brust entblößen, um sie mit Schnee zu kühlen. Dann
+kam endlich, wie ein großes Vergessen, Bewußtlosigkeit
+über ihn ...
+</p>
+
+<p>
+Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen
+auf einem ihm unbekannten Wege fuhr. Links und
+rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es war öde und
+leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende
+Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen
+zwei Augen funkelte teuflische Freude.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist
+das? Oder ist er es doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch!
+Nur ist es nicht der frühere, sondern ein
+anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan
+Iwanowitsch ist es! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich,
+ein Mensch für mich ... und ein Nichts – Krestjan
+Iwanowitsch, ein Nichts von einem Menschen,“ begann
+unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch
+<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a>
+seine Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen
+Krestjan Iwanowitsch zum Mitleid zu bewegen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung,
+Beheizung, Beleuchtung, Bedienung, was wollen Sie
+denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng und
+furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs.
+</p>
+
+<p>
+Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich
+an den Kopf. Das war es: und das hatte er schon
+lange geahnt!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="footnotes" id="part-5">
+Fußnoten
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Ein Stadtteil von Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden „Linien“
+genannt. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Diminutiv von Pjotr. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Größte Kaufhalle in Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Eine der Meistererzählungen Gogols. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Abkürzung von Glafira. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in
+den größeren Städten. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung „Der Mantel“,
+die Warwara Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch
+ausdrücklich aufmerksam gemacht hatte. Der Held der Erzählung
+– gleichfalls ein kleiner Beamter – gleicht Makar Alexejewitsch
+so auffallend, daß dieser glaubt, Gogol habe ihn, Makar Alexejewitsch,
+geschildert und damit bloßgestellt. – Fedor Fedorowitsch
+ist der Name eines der Vorgesetzten jenes kleinen Helden der
+Erzählung. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Ein Stadtteil von St. Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Große Kaufhalle in Petersburg. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Berühmte Kolonialwarenhandlungen in St. Petersburg.
+<span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Armer Schlucker. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Das Warnungszeichen von der Peter-Paulus-Festung, daß
+das Wasser der Newa steigt und die niedriger gelegenen Stadtteile
+zu überschwemmen droht. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<p class="footnote">
+<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Der eigentliche Name des falschen Demetrius. <span class="ekr">E. K. R.</span>
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung
+der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren
+Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde
+transkribiert nach:
+</p>
+
+<p class="nowrap center">
+F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.<br>
+Zweite Abteilung: Vierzehnter Band<br>
+R. Piper &amp; Co. Verlag, München, 1920.<br>
+Sechstes bis zehntes Tausend
+</p>
+
+<p class="skip_in_txt">
+Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen
+Bucheinbänden nachempfunden und der <em>public domain</em> zur Verfügung gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“
+vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen
+Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw.
+sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
+</p>
+
+<p>
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+</p>
+
+<p>
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben.
+Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
+</p>
+
+<p>
+Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“)
+eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen
+wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen:
+Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“.
+Die Schreibweise häufig vorkommender Namen
+wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
+</p>
+
+<p class="list">
+Ssjetotschkin (Ssetotschkin)
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
+russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... Was wollen <span class="underline">Sie</span> denn noch von mir? Fedora sagt, das ...<br>
+... Was wollen <a href="#corr-1"><span class="underline">sie</span></a> denn noch von mir? Fedora sagt, das ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... geschehen? Nun, sagen <span class="underline">wird</span> zum Beispiel, und nehmen ...<br>
+... geschehen? Nun, sagen <a href="#corr-3"><span class="underline">wir</span></a> zum Beispiel, und nehmen ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Ihr Gehalt, <span class="underline">daß</span> Sie sich noch dazu vorauszahlen ...<br>
+... Ihr Gehalt, <a href="#corr-8"><span class="underline">das</span></a> Sie sich noch dazu vorauszahlen ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... weil Sie schutzlos sind, weil <span class="underline">sie</span> keinen starken ...<br>
+... weil Sie schutzlos sind, weil <a href="#corr-10"><span class="underline">Sie</span></a> keinen starken ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... ihm auch, <span class="underline">Herr</span> Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...<br>
+... ihm auch, <a href="#corr-16"><span class="underline">Herrn</span></a> Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... der nächsten Laterne, so daß man <span class="underline">ihm</span> deutlich erkennen ...<br>
+... der nächsten Laterne, so daß man <a href="#corr-22"><span class="underline">ihn</span></a> deutlich erkennen ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... etwas endgültig <span class="underline">vor</span> ihm Erworbenes an. ...<br>
+... etwas endgültig <a href="#corr-31"><span class="underline">von</span></a> ihm Erworbenes an. ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... „Ja, heute ging der Kanzleidiener <span class="underline">Micheleff</span> zu ...<br>
+... „Ja, heute ging der Kanzleidiener <a href="#corr-32"><span class="underline">Michejeff</span></a> zu ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... trat in Begleitung einiger <span class="underline">Beamten</span> heraus. Alle, die ...<br>
+... trat in Begleitung einiger <a href="#corr-33"><span class="underline">Beamter</span></a> heraus. Alle, die ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... auf <span class="underline">dem Liteinij Prospekt</span> stand. Das Wetter war ...<br>
+... auf <a href="#corr-38"><span class="underline">der Liteinaja</span></a> stand. Das Wetter war ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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