summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/35339-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '35339-0.txt')
-rw-r--r--35339-0.txt13353
1 files changed, 13353 insertions, 0 deletions
diff --git a/35339-0.txt b/35339-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..1c054a8
--- /dev/null
+++ b/35339-0.txt
@@ -0,0 +1,13353 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***
+
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
+
+ Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
+ herausgegeben von Moeller van den Bruck
+
+ Übertragen von E. K. Rahsin
+
+
+ Zweite Abteilung: Vierzehnter Band
+
+
+ F. M. Dostojewski
+
+
+
+
+ Arme Leute
+ Der Doppelgänger
+
+
+ Zwei Romane
+
+ R. Piper & Co. Verlag, München
+
+
+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
+ Sechstes bis zehntes Tausend
+
+
+ Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.
+ Verlag in München
+
+ Buchdruckerei Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Vorbemerkung V
+ Arme Leute 1
+ Der Doppelgänger 237
+
+
+
+
+ Vorbemerkung
+
+
+Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der
+„Armen Leute“ und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie
+ausdrücklich nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist in der Reihenfolge
+der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846
+verbunden.
+
+Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz
+Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen
+Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
+und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Rußland auf
+den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines
+zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum
+noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mächtigen willen, von
+dem es in seiner rührenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.
+
+Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren
+Mächten, die wie ein nächtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten,
+kündete den späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
+der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den
+Fatalisten und Tragiker. Schon in den „Armen Leuten“ war die ungemeine
+Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine
+Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem
+„Doppelgänger“, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der
+Erschütterung daraus, und man ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen
+Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. –
+Das Doppelgängerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William
+Wilson den romantischen Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den
+Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre gezogen.
+Dostojewski dagegen – und eben dies kennzeichnete ihn so – brachte
+dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche,
+das Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden aus dem
+kranken Hirn eines Menschen steigen, der äußerlich zunächst nicht anders
+ist wie Tausende um ihn.
+
+ M. v. d. B.
+
+
+
+
+ Arme Leute
+
+
+ „Nein, ich danke für diese Märchendichter! Anstatt
+ etwas Nützliches, Angenehmes, Erquickendes zu
+ schreiben, kratzen sie da die kleinsten
+ Kleinigkeiten aus der Erde hervor und schnüffeln
+ überall herum! ... Ich würde Ihnen einfach
+ verbieten, zu schreiben! Zum Beispiel, was soll
+ das: man liest ... unwillkürlich denkt man doch
+ nach, – aber ... aber ... es kommen einem nur alle
+ möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein,
+ wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben,
+ ganz einfach und unter allen Umständen: schlankweg
+ verbieten!“
+
+ Fürst W. F. Odojewskij.
+
+ 8. April.
+
+Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
+
+Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man
+glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch
+wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen
+acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem
+Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich
+mir meine Kerze – und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
+und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens
+auf – da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch
+erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war
+zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,
+genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es
+mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig
+auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß
+Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen,
+daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
+Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,
+mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es
+wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
+noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten
+Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast
+schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind,
+Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz
+dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka –
+erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien
+mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?
+Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder
+einmal schreiben.
+
+Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem
+Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der
+Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich
+dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und auch
+selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so heißt
+das: „Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“
+Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, Makar
+Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer
+Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund
+und wohlgemut!“
+
+Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar
+keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung
+stammt von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara
+Alexejewna?
+
+Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht
+gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn
+auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus
+Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch
+immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es
+mir ganz wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums Herz – froh
+und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein
+Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die
+Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze
+Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich
+gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar
+ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich
+verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur
+Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist.
+Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen
+und Ängsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und
+unschuldiges Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches mehr, alles von
+der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte Vergleiche
+... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen
+die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich schreibe das
+deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer verschiedene
+Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling,
+und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so geistreiche und
+erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien kommen einem.
+Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich auch
+dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist dem Büchelchen
+entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch, nur in
+Versen:
+
+ „Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“
+
+Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,
+aber – nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
+morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst
+aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon
+wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz
+sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich
+doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich
+weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig
+und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. – Nun, was
+macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir
+alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie
+auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber
+Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist
+doch eine gute Seele.
+
+Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben – sie ist
+gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab’ ich mir doch um unsere
+Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn
+zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine
+gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft
+erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit
+Arbeit ganz überhäuft.
+
+Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!
+Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch
+in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn
+einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber – Lärm, Geschrei,
+Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich
+alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz
+dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne
+Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange
+Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer
+Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,
+je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht
+verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube
+ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.
+Unter anderen wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: er
+spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,
+von allem spricht er, – ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei
+ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der
+englische Stunden gibt. – Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum
+Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die
+Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar
+ganz ausführlich!
+
+Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den
+ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft
+ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger
+gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch
+ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und
+sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
+Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die
+Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der
+Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein
+Zimmerchen gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man sagt. Alles ist
+geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles,
+– mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also
+mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend
+etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur
+eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,
+nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe
+hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe
+hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle,
+jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt
+gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist
+doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so
+am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus
+irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade
+gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines
+Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im
+Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und
+auch billiger.
+
+Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung
+zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen
+Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die
+Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde
+dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte
+ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
+für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – tatsächlich: man
+schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier
+wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.
+Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,
+nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es
+ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt.
+
+Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht – denn irgend etwas
+hat man doch immer nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein
+Kleidungsstück – wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes
+Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt
+es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch
+noch Gratifikationen.
+
+Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen
+gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium –
+nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu
+haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Übrigens
+müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was
+mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur
+die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem
+war, das verleitete mich. – Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen,
+Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: oh ja:
+ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so still und
+zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit den Flügeln
+umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und habe gerade
+den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in der
+Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie
+wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
+und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen,
+Warinka, und verbleibe
+
+ Ihr ergebenster Diener und treuester Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich,
+mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka;
+verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen
+keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und
+nun leben Sie wohl, mein Kind.
+
+
+ 8. April.
+
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+
+Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen
+müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir
+furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie
+kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen
+Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst
+verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig
+habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die
+Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese
+Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch
+Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie
+zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon
+sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll
+die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben
+Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
+auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das
+Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen
+Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen –
+unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und
+freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet
+es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist:
+Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, dachte ich, sollte
+nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur noch
+Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind zärtlich
+und die Gedanken rosafarben – alles, wie es sich gehört! An den Vorhang
+habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen
+geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da haben Sie es!
+
+Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre
+Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,
+daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch
+nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um
+meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein
+solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie
+doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und
+ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – was wird
+denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch viel
+besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt
+hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht,
+immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein gutes,
+liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen gemieteten
+Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So schonen Sie
+doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß
+Ihre Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht bei
+Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr Diensteifer wird
+Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt sein.
+
+Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für
+mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht
+reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war
+mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch
+mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch
+aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die
+Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt
+aber – wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.
+
+Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das
+Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem
+bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal
+erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor
+graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir
+schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich
+unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.
+Diese schrecklichen Menschen!
+
+Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache.
+Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:
+die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich
+beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann
+doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?
+Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,
+und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen
+Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat
+mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab.
+
+Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles
+möglichst ausführlichst – wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht –
+alles! – Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in
+Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also
+vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich
+unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen
+Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei
+Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und
+Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.
+
+ Ihre
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 8. April.
+
+Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
+
+Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag
+sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich
+nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens bin ich
+selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem
+Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer
+ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist
+bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er
+mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
+schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt
+dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein
+Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt
+daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm
+geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und
+stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein
+Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut
+war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an
+die Papiere – und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah,
+war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. Überall dieselben
+Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch ich ganz
+derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da für
+ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war denn alles
+gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken geschaut und der
+Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? Und was
+können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen Hof hinaussieht,
+auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur so
+aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt doch bisweilen
+vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen verwirrt und in die
+Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, als von
+alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle spielt. Nach Hause kam
+ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern schleppte mich heim: der
+Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. Ich muß wohl
+meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich, recht wie ein alter Esel,
+über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Auch
+das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie sich getäuscht, meine Liebe!
+Sie haben meine Äußerungen in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur um
+väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, denn ich nehme bei Ihnen,
+in Ihrer bitteren Verwaistheit, die Stelle Ihres Vaters ein, das sage
+ich aus reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: ich bin
+doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch nur ein ganz entfernter
+Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt: das siebente Wasser in
+der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, und jetzt
+bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger Beschützer. Denn dort,
+wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden
+Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, so muß ich
+Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für mich nicht schickt, mich auf
+meine alten Tage noch im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute
+werden in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie dichten ... da
+sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.
+
+Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe
+und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich
+habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
+zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh – was will man
+mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin
+nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit
+seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht
+verwöhnt. Übrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so
+war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich besser.
+Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine
+jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar ihre Vorzüge:
+es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr Abwechslung und
+Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um
+die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das heißt, wenn wir
+Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten Sachen, an die wir
+uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung war,
+wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich.
+Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren
+wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die
+Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ...
+Sonderbar – sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm,
+als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das
+Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das
+erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und
+ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz
+still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja,
+auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war
+eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte
+immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit
+ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich.
+Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends
+an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei ihr, Mascha, ich
+erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war – jetzt wird sie
+dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig war sie, so
+ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn zu
+dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken unseren
+Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft
+Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder auch, damit
+sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da konnte nicht
+nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da
+zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein Pfeifchen
+angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und die ganze
+Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde ganz
+nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand, öffnete seinen
+kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn es ein Märchen
+zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer angstvoller
+an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das Kindchen zu betrachten.
+Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und
+vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. –
+
+Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze
+zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. – Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen
+werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind
+diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich jetzt in der
+Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr – ich habe
+Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken
+sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute
+traurig gestimmt, Warinka!
+
+Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu
+Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte
+ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, –
+da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und
+man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon
+besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird
+vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht
+böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
+Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich
+bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts
+zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn
+man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen,
+mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde
+Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas
+Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. – Ich sah Sie
+heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie
+wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.
+
+Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will,
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich
+bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man
+würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser
+Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der – fällt selbst
+hinein.
+
+
+ 9. April.
+
+Makar Alexejewitsch!
+
+Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltäter, sich so etwas in
+den Kopf zu setzen! Haben Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach,
+ich bin oft so unvorsichtig in meinen Äußerungen, aber diesmal hätte ich
+doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos scherzhaften Ton für Spott
+halten könnten. Seien Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen werde,
+über Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe es nur – wie
+soll ich sagen –: aus Leichtsinn geschrieben, aus Gedankenlosigkeit,
+oder vielleicht auch nur deshalb, weil es gerade furchtbar langweilig
+war ... was aber tut man mitunter nicht alles aus Langeweile? Außerdem
+glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem Brief ein wenig lustig hätten
+machen wollen. Nun macht es mich sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit
+mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer, Sie täuschen sich,
+wenn Sie mich der Gefühllosigkeit und Undankbarkeit verdächtigen. In
+meinem Herzen weiß ich alles, was Sie für mich taten, als sie mich gegen
+den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen verteidigten, nach
+seinem wahren Wert zu schätzen. Ewig werde ich für Sie beten, und wenn
+mein Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich erhört, dann werden Sie
+glücklich sein.
+
+Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und Fieber wechseln
+ununterbrochen. Fedora beunruhigt sich sehr. Es ist übrigens ganz
+grundlos, was Sie da schreiben – und weswegen Sie sich fürchten, uns zu
+besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit uns bekannt und damit
+Basta!
+
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben weiß ich nichts mehr,
+und ich kann auch nicht: fühle mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie
+nochmals, mir nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und
+Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre habe zu verbleiben
+
+ Ihre dankbare und ergebene
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 12. April.
+
+Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
+
+Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken
+Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen
+sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß
+Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, mein Engelchen, hören
+gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch
+wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so
+ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu
+wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht
+nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr
+auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu
+bereiten.
+
+Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine
+Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu
+erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also –
+beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der
+Sache.
+
+Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig;
+die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:
+rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes
+Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar
+nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,
+und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich
+an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle
+und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen
+aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit
+allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und
+Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
+schön.
+
+Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist – dagegen
+läßt sich nichts sagen – wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist auch
+in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu
+sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so – es ist nur ein
+etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern,
+irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste
+Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu
+sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,
+und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so
+zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, –
+nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei
+uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun
+einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere
+Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas
+dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach
+Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden
+ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der
+Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da
+mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche
+stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
+hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man
+sich auch daran gewöhnen.
+
+Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht
+man auf, geht, lärmt, poltert, – dann stehen nämlich _alle_ auf, die
+einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
+eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören
+fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein
+jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt
+und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich,
+und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch
+einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der
+Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde
+ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir
+alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der
+Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von
+Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen
+Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich
+zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben
+Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit
+Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem
+Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig
+machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie
+selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Überall
+Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in
+die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten
+sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
+niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch
+darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt
+gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine
+Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,
+kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,
+dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich
+tüchtiges Leben.
+
+Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere
+Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben
+doch Theresa gesehen, – also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
+dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes
+Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa
+und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat
+er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so
+ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein
+Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die
+Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er
+sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht
+ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum
+Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – das
+kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und
+gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich
+schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
+an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete
+Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme
+Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit
+den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,
+also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und
+sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine
+Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – vor etwa
+sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein
+Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht
+in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn
+anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches
+Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee zittern
+ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer
+Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist er,
+alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz
+still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja
+mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!
+Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste
+Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen.
+Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...
+sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern – oh, so alten!! Wie ich
+hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt
+sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst
+irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er
+verabschiedet worden sei, – war es nun ein Prozeß oder etwas anderes,
+vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,
+das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im
+Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort
+keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig
+wären oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht vor, und ein
+schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür
+vorüber – es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich
+ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz
+als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so
+traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die
+halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich
+lange nicht einschlafen konnte.
+
+Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt
+alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen
+Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.
+Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes
+Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger
+Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
+Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche
+Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir,
+Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,
+ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich
+schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung
+haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt
+hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich denn gelernt?
+Meine Erziehung hat wenig gekostet!
+
+ Ihr ewiger und treuer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 25. April.
+
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+
+Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! Auch sie wird
+zugrunde gehen, die Ärmste! Auch habe ich zufällig auf Umwegen erfahren,
+daß Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und natürlich alles
+ausforschen will. Sie wird wohl niemals aufhören, mich zu verfolgen. Sie
+soll gesagt haben, daß sie mir alles _verzeihen_ wolle! Sie wolle alles
+Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt besuchen. Von Ihnen hat
+sie gesagt, Sie seien gar nicht mein Verwandter, nur sie selbst sei
+meine nächste und einzige Verwandte, und Sie hätten kein Recht, sich in
+unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine Schande für mich und
+ich müsse mich schämen, mich von Ihnen ernähren zu lassen und auf Ihre
+Kosten zu leben ... Sie sagt, ich hätte das Gnadenbrot, das sie uns
+gegeben, vergessen – hätte vergessen, daß sie meine Mutter und mich vor
+dem Hungertode bewahrt, daß sie uns ernährt und gepflegt und fast
+zweieinhalb Jahre lang nur Unkosten durch uns gehabt, und daß sie uns
+außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht einmal Mama will sie in
+ihrem Grabe in Ruhe lassen! Wenn meine Mutter wüßte, was sie mir angetan
+haben! Gott sieht es! ...
+
+Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur aus Dummheit nicht
+verstanden habe, mein Glück festzuhalten, daß sie selbst mir das Glück
+zugeführt und sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht
+verstanden – oder vielleicht auch nicht gewollt – für meine Ehre
+einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, großer Gott! Sie sagt, Herr
+Bükoff sei durchaus im Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede
+heiraten, die ... doch wozu das alles schreiben!
+
+Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu müssen, Makar
+Alexejewitsch!
+
+Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, ich weine, ich
+schluchze. An diesem Brief schreibe ich schon seit zwei Stunden. Und ich
+war schon in dem Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld
+eingesehen haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, – und da redet
+sie so!
+
+Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein Freund, um Gottes
+willen nicht, mein einziger guter Freund! Fedora übertreibt ja doch
+immer: ich bin gar nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem
+Wolkoff-Friedhof ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse für mein
+totes Mütterchen hörte. Warum kamen Sie nicht mit mir? – ich hatte Sie
+doch so darum gebeten. Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus dem
+Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, was sie mit mir getan
+haben! ...
+
+ W. D.
+
+
+ 20. Mai.
+
+Mein Täubchen Warinka!
+
+Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für
+Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den
+Durst, – also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie
+durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind,
+da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,
+Herzchen? – Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles
+vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende
+nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher
+betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
+hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr
+hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,
+ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich
+habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch
+verschaffen. Nur – werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so
+wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack
+gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich
+weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von
+Liebe und Sehnsucht handelt, – deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte
+verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein
+ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.
+
+Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen
+die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht
+immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
+Klatschbase! ... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,
+ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen
+Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach,
+daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,
+weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich
+nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das
+ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut
+leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,
+das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,
+damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß
+ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund
+und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu
+schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, – wenn nur
+Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein Engelchen;
+ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe
+
+ Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie
+sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so
+oft zu Ihnen kommen, Kind – das frage ich Sie, – wie? Etwa im Schutze
+der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es
+ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,
+Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
+bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht
+mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.
+Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
+und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten
+entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück
+nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,
+Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden
+sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die
+Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
+geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses
+treffen können.
+
+
+ 1. Juni.
+
+Bester Makar Alexejewitsch!
+
+Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um Ihnen meinen Dank für
+Ihre Mühen und die Opfer, die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe
+ich mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes Heft
+hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. Ich begann diese
+Aufzeichnungen noch in der glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben
+mich so oft mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und mich
+gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, von meinem Aufenthalt
+bei Anna Fedorowna und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu
+erzählen, und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses Heft einmal zu
+lesen, in dem ich – Gott weiß wozu – einiges aus meinem Leben erzählt
+habe, daß ich glaube, Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude
+zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich es jetzt
+durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem Augenblick, in dem ich die
+letzte Zeile dieser Aufzeichnungen schrieb, noch einmal so alt geworden
+bin, als ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen
+Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich habe
+jetzt oft schreckliche Langeweile und nachts quält mich meine
+Schlaflosigkeit. Ein höchst langweiliges Genesen!
+
+ W. D.
+
+
+ I.
+
+Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit
+war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier,
+sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
+eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. Und dort lebten wir –
+still, einsam und glücklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat
+ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
+überall wo ich nur wollte, denn niemand kümmerte sich um mich. Mein
+Vater war immer beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu
+tun. Ich wurde nicht unterrichtet – und darüber war ich sehr froh. So
+lief ich schon frühmorgens zum großen Teich oder in den Wald, oder auf
+die Wiese zu den Schnittern – je nachdem –: was machte es mir aus, daß
+die Sonne brannte, daß ich selbst nicht mehr wußte, wo ich war und wie
+ich mich zurechtfinden sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein
+Kleid zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging das mich an!
+
+Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, wenn wir auch das
+ganze Leben dort auf dem Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich
+schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von
+all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir
+nach Petersburg übersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
+weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mußte! Ich
+weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Tränen
+bat, er möge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und
+wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte,
+es sei notwendig, es seien geschäftliche Angelegenheiten, die es
+verlangten. Der alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben
+hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige
+Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte – und da wollte
+er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr ich
+alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger Seite[1]
+eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.
+
+Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewöhnen! Wir kamen im
+Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig
+heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten
+beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die
+ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell
+und fröhlich!
+
+Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als
+Regen, Herbstkälte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die
+alle unfreundlich, unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns ein,
+so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt
+endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu
+Hause und meine Mutter war immer beschäftigt, – mich vergaß man ganz. Es
+war ein trauriges Aufstehen am nächsten Morgen – nach der ersten Nacht
+in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun. Auf der
+Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen vorüber,
+und alle waren so vermummt in Kleider und Tücher, und alle schienen sie
+zu frieren.
+
+Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche
+Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna
+Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es
+kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschäftliches
+zu besprechen hatten. Gewöhnlich wurde dann gestritten, gelärmt und
+geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so
+unzufrieden und böse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit
+gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
+nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in
+einen Winkel zurück und wagte mich nicht zu rühren.
+
+Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine
+Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen
+fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so
+unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und
+die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert – wie ein Wildling
+kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur
+bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel,
+die langweiligen Lehrer – das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte
+dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht
+habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre
+Lektionen lernten oder wiederholten, saß ich über meinem Buch oder dem
+Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen Gedanken
+war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine
+alte gute Kinderfrau und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh
+mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man
+sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentümlichen,
+wehmütigen Vergnügen. Und so denkt man und denkt man denn, – wie gut,
+wie schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in unserem kleinen
+Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch
+säßen die Eltern: wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie würde
+ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit
+aller Inbrunst umarmen! – Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh
+leise zu weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt – die
+Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe
+für den nächsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
+Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; die ganze
+Nacht träumt man, daß man die Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß
+man natürlich nichts. Da muß man wieder im Winkel knien und erhält nur
+eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mädchen lachten über
+mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
+Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe
+paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin über
+mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
+Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte – ich wußte mich
+kaum zu lassen vor Freude – mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
+mich an, immer „hübsch warm“, wie sie sagte, wenn sie mir die Tücher um
+den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen
+und ich – konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze Zeit
+erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz ausgelassen vor
+Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als
+hätten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das
+Erzählen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem
+und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gespräche: über die
+Lehrer, über Mathematik, über die französische Sprache und die Grammatik
+von L’Homond, – und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und
+gesprächig. Auch jetzt noch ist mir die bloße Erinnerung an jene Stunden
+ein Vergnügen.
+
+Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu
+erfreuen. Ich sah doch, daß er das Letzte für mich ausgab, während ihm
+selbst die Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er
+finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter veränderte sich
+sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die
+Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche.
+
+Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu
+sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich
+und schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der
+Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich
+heimlich die Tränen aus den Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann
+kamen wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich
+brächte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er für mich das Letzte hin,
+ich aber verstände noch immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem
+Wort, ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, alles
+hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur
+möglich, die arme Mama noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte
+einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen
+tief in den Höhlen – wie eine Schwindsüchtige sah sie aus.
+
+Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich begann es mit
+irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit und dann kam oft Gott weiß was
+alles zur Sprache, – oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach.
+Was er da nicht alles vorbrachte! ... Zuerst die französische Sprache,
+daß ich ein großer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine
+fahrlässige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere
+sittliche Entwickelung; dann – daß er noch immer keine Anstellung finden
+könne und daß die Grammatik von L’Homond nichts tauge, die von Sapolskij
+sei bedeutend besser; daß man für mich viel Geld verschwendet habe, ohne
+Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, hartherziges Mädchen sei, –
+kurz, ich Arme, die ich mir die größte Mühe gab, französische Vokabeln
+und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem schuld und mußte alle
+Vorwürfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa deshalb, weil er uns
+nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns über alle Maßen! Es war nun
+einmal sein Charakter ...
+
+Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen und Mißerfolge, die
+seinen ursprünglich guten Charakter so verändert hatten: er wurde
+mißtrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann
+seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich und – starb dann
+auch nach kurzem Krankenlager, so plötzlich, so unerwartet, daß wir es
+noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt von diesem
+Schlage. Mama war wie erstarrt, ich fürchtete anfänglich für ihren
+Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger in
+Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser
+Häuschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach
+unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft
+werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Übrigen wurde, wir blieben
+jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war
+krank – es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte –
+verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben.
+Ich war erst vierzehn Jahre alt.
+
+Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer für
+eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt.
+Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
+Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch lebte, war sie nie
+zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und beteuerte, daß
+sie an unserem Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns
+lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa an unserem ganzen
+Mißgeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu
+sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als „einzige
+Verwandte“ den Wunsch, uns näher zu treten, und machte den Vorschlag,
+Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, daß sie nie
+irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter
+Rührung, führte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für
+den „toten Liebling“, wie sie den Entschlafenen plötzlich nannte. Darauf
+versöhnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama.
+
+Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in
+grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
+Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns
+auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrückte. Mama dankte
+für ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschließen, der
+Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig blieb,
+so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen,
+daß sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle.
+
+Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der
+Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff,
+übersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama
+weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnüre mir eine
+unerklärliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ...
+
+ * * * * *
+
+
+ II.
+
+Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir
+beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna
+Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz
+geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der
+Sechsten Linie[2]. Im ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. In
+dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die
+als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im
+vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem
+unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter
+im Hause.
+
+Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es für möglich
+gehalten hätte, doch ihre Geldquelle war ebenso rätselhaft wie ihre
+Beschäftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief
+besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin
+sie ging, mit was sie sich draußen beschäftigte und was sie zu tun
+hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und
+sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und
+immer in Geschäften und nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich
+jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber ärgerte sich Anna
+Fedorowna sehr und machte meiner Mutter beständig den Vorwurf, daß wir
+gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
+Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, aber so! ... und
+stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese
+Vorwürfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
+erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen konnte, Anna
+Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.
+
+Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig quälte sie
+uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns
+überhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann
+aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, daß wir
+vollständig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Später
+wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
+sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich
+ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwürfe und sprach
+zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
+Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor,
+als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und
+christlicher Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre.
+Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den
+Augen, wenn wir aber nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
+wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut
+genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnüge sich selbst
+damit – vielleicht könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
+könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Über Papa mußte sie jeden
+Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete,
+er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun
+davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn
+sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele – das
+war sie selbst – gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf der Straße
+Hungers sterben können. Und was sie da nicht noch alles vorbrachte! Es
+war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie anzuhören.
+
+Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich
+mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir
+vom Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, was Anna Fedorowna
+sehr mißfiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten
+uns doch Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, um auf alle
+Fälle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und
+sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen
+mieten zu können. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den
+Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die
+Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe
+näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte doch nicht helfen!
+
+Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir
+lebten still für uns, als wären wir gar nicht in der Stadt. Anna
+Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit – beruhigte sich, je mehr sie ihre
+unbegrenzte Übermacht einsah und nichts mehr für sie zu fürchten
+brauchte. Übrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas
+widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
+durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer
+Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte
+sie Französisch und Deutsch, Geschichte und Geographie – d. h. „alle
+Wissenschaften“, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafür brauchte
+er für Kost und Logis nichts zu zahlen.
+
+Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich unartig und
+lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schließlich sagte Anna
+Fedorowna zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mit ihr
+zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht
+beendet hatte. Mama war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und
+so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij
+unterrichtet.
+
+Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte
+es ihm nicht, regelmäßig die Universität zu besuchen, und so war er
+eigentlich gar kein richtiger „Student“, wie er aus Gewohnheit noch
+genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, daß wir im
+Nebenzimmer nichts von ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus,
+bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, daß ich
+ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne über ihn lachen zu müssen.
+Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders während
+des Unterrichts. Er aber war zum Überfluß auch noch heftig, ärgerte sich
+beständig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt uns,
+schrie uns an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, noch
+bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich wieder in seinem Zimmer
+ein. Dort aber, in seinem Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er
+hatte viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. Er gab noch
+an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafür Geld, doch kaum
+hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich
+wieder Bücher.
+
+Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war der beste und
+ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben
+begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch
+mein treuer Freund und stand mir am nächsten von allen, – natürlich nach
+Mama.
+
+In der ersten Zeit beteiligte ich mich – obwohl ich doch schon ein
+großes Mädchen war – an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn
+ausheckte, und bisweilen überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder
+necken und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es war furchtbar
+spaßig, wenn er sich ärgerte – und wir wollten unser Vergnügen haben.
+(Noch jetzt schäme ich mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten
+wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, und da hörte ich
+deutlich, wie er zwischen den Zähnen halblaut hervorstieß: „Nichts
+grausamer als Kinder!“ Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in
+mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errötete bis über die
+Ohren und bat ihn fast unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch
+unsere dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er klappte das Buch
+zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen.
+
+Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, daß wir Kinder ihn
+durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir
+unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen abgesehen! So
+verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch
+zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
+Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, armen
+Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden!
+
+Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen – wie mich die Reue quälte!
+Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie
+es kam, daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte
+nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war damals bereits fünfzehn
+Jahre alt.
+
+Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, wie ich Pokrowskij
+veranlassen könnte, seine Meinung über mich zu ändern. Doch an der
+Ausführung dieser meiner tausend Pläne hinderte mich meine
+Schüchternheit: ich konnte mich zu nichts entschließen, und so blieb es
+denn bei den Plänen und Träumereien (und was man nicht alles so
+zusammenträumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr
+an Ssaschas unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. Das
+hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr über uns ärgerte. Doch das war
+zu wenig für meinen Ehrgeiz.
+
+Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten
+Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es
+deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
+so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste
+in meinen Gedanken zu beschäftigen begann.
+
+Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber
+gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar
+plump und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. Auf den
+ersten Blick konnte man glauben, daß er sich gewissermaßen seiner selbst
+schäme, daß er für seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte.
+Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens
+immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln,
+und diese ängstlichen, verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden
+erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei vollem Verstande
+sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewöhnlich im Flur hinter der Glastür
+stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von uns – ich
+oder Ssascha – oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher
+gesinnt waren – durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter der
+Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und
+verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu – damit erteilte
+man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute
+im Hause waren – oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise
+die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, worauf er sich froh die
+Hände rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs
+schlich. Dieser Alte war sein Vater.
+
+Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal
+irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz
+untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des
+Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet,
+und zwar eine halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein
+Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort geführt und
+war mit jedem womöglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn – der Student
+Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger Knabe – hatte unter ihrem
+Haß viel zu leiden gehabt, doch zum Glück war es anders gekommen. Der
+Gutsbesitzer Bükoff, der den Vater, den Beamten Pokrowskij, früher
+gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat erwiesen hatte, nahm
+sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine Schule. Er
+interessierte sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er seine
+verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mädchen von Anna
+Fedorowna „Wohltaten“ erfahren und von ihr an den Beamten Pokrowskij
+verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter Bekannter
+und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Großmut eine Mitgift von
+fünftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war – ist
+unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij
+selbst sprach nie von seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht,
+wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr
+schön gewesen, deshalb wundert es mich, daß sie so unvorteilhaft und
+noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. – Sie ist
+schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat.
+
+Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort
+auf die Universität. Herr Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen
+pflegte, ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte ihn. Leider
+konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium
+nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna
+bekannt, stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu
+ihr, um für Kost und Logis Ssascha in „allen Wissenschaften“ zu
+unterrichten.
+
+Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer über die rohe Behandlung,
+die ihm seine zweite Frau zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller
+Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine Frau
+prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und brachte es mit der Zeit
+so weit, daß er sich alles widerspruchslos gefallen ließ und sich auch
+an die Schläge gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
+seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwähnte,
+tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.
+
+Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem Menschen seine
+grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij
+sei seiner Mutter so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es
+dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen
+dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem
+Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts anderem, als
+von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Öfter zu
+kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen
+Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewiß sein
+größter Fehler. Übrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als
+unerträglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens störte
+er den Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, sinnlosen
+Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz
+nüchtern. Der Sohn gewöhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten
+Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu
+guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine
+Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun.
+
+Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka[3] – so nannte er den Sohn
+– nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer
+bedrückt, besorgt, sogar ängstlich aus – wahrscheinlich deshalb, weil er
+noch nicht wußte, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewöhnlich konnte er
+sich lange nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann
+erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze
+halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob
+er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
+Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein
+philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann genügend beruhigt und
+ermutigt hatte, entschloß er sich endlich, ganz, ganz leise und
+vorsichtig die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er,
+daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht sogar zum Gruß
+zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab
+– letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn nicht gar mit
+abgerissener Krempe – und hängte beides an einen Haken. Alles tat er so
+vorsichtig und lautlos wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig
+auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn,
+verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung
+seines Petinka zu erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter
+Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte,
+daß er eben „nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen“ zu ihm gekommen sei.
+„Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier
+vorüber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas
+auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.“ Und dann nahm er still und
+ergeben seinen alten dünnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut,
+klinkte vorsichtig wieder die Tür auf und ging – indem er sich noch zu
+einem Lächeln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrücken
+und den Sohn nichts merken zu lassen.
+
+Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wußte er sich vor Freude
+kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände – alles
+sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen
+begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise
+und gleichsam untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt,
+sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die in diesem Fall
+natürlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, daß er entschieden nicht zu
+sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz,
+wurde verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst lassen
+sollte – und nachher flüsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor
+sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen,
+gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rückte an
+der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, und seine Miene nahm
+sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber
+fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn wurde: er stand
+vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, nahm irgendein Buch und begann zu
+lesen, gleichviel was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit
+einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit vortäuschen sollte,
+als habe er von jeher das Recht, mit den Büchern des Sohnes nach
+Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts
+Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, als
+der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: er verlor vollständig den
+Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
+zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte es aber, schob es
+mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor,
+drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
+diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt nach außen, lächelte dabei
+hilflos, wurde rot und wußte entschieden nicht, wie er sein Verbrechen
+sühnen sollte.
+
+Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes
+Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
+Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen war, gab er ihm das
+nächste Mal fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr.
+Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte,
+und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstück erschien, war er
+stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
+mir Pfefferkuchen oder Äpfel und sprach dann natürlich nur von seinem
+Petinka. Er bat uns, während des Unterrichts aufmerksam und fleißig zu
+sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn,
+sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, und obendrein, „ein
+so gelehrter Sohn“. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit
+dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, daß wir uns
+gewöhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich über ihn lachten. Mama
+hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, obschon
+er vor ihr „niedriger als Gras und stiller als Wasser“ war.
+
+Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij
+hielt mich nach wie vor nur für ein Kind, für ein unartiges kleines
+Mädchen, wie Ssascha. Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
+nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber
+vergeblich: ich wurde überhaupt nicht beachtet. Das reizte und kränkte
+mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des
+Unterrichts, – ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und
+nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel – vor Ärger über mich
+selbst.
+
+Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben würde, wenn uns nicht ein
+Zufall einander näher gebracht hätte. Das geschah folgendermaßen:
+
+Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna saß, schlich ich mich heimlich
+in Pokrowskijs Zimmer. Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag
+ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das
+Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal,
+obschon wir über ein Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
+so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer
+eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar ärmlich
+eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf
+den Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Überall nichts als
+Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke überkam mich plötzlich: es
+schien mir, daß meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn
+bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wußte nichts,
+las nichts, besaß kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte
+ich nach den langen Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter der
+schweren Last. Ärger erfaßte mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! –
+Ich wollte gleichfalls Bücher lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos,
+und das so schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich,
+daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher seine Freundschaft
+erwerben könnte, als so, da ich nichts wußte. Ich ging entschlossen zum
+ersten Bücherregal und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken,
+den ersten besten Band heraus – zufällig ein ganz altes, bestaubtes Buch
+– und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser Zimmer, um
+es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des Nachtlämpchens zu
+lesen.
+
+Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem Zimmer glücklich
+angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, daß es ein uraltes,
+vergilbtes und von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich
+besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurück. Doch
+gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz
+zurückzulegen, hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und
+schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch
+das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepreßt gewesen, daß
+die anderen Bücher, als ich dieses herausgenommen, unter dem
+verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der
+frühere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft,
+um das Buch hineinzuzwängen. Die Schritte kamen näher: ich stieß mit
+aller Kraft die Bücher zur Seite, und – der verrostete Nagel, der das
+eine Ende des Bücherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick
+gewartet hatte, um zu brechen, – brach. Das Brett stürzte krachend mit
+dem einen Ende zu Boden und die Bücher fielen mit Geräusch herab. Da
+ging die Tür auf und Pokrowskij trat ins Zimmer.
+
+Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in
+seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bücher
+anzurühren wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle die großen
+und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, eingebundenen und
+uneingebundenen herabstürzten, übereinander kollerten und unter dem
+Tisch und unter Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen.
+Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. „Jetzt ist es aus,“
+dachte ich, „für immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine
+Zehnjährige, wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch und
+albern!“
+
+Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich.
+
+„Das fehlte gerade noch!“ rief er zornig. „Schämen Sie sich denn nicht!
+Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten
+lassen?“ Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben.
+
+Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir
+barsch:
+
+„Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie täten besser, sich
+nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!“
+
+Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewußtsein
+verriet, mochten ihn etwas besänftigen, wenigstens fuhr er in milderem,
+ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir
+gesprochen:
+
+„Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich
+etwas vernünftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind
+doch kein Kind, kein kleines Mädchen mehr, – Sie sind doch schon
+fünfzehn Jahre alt!“
+
+Und da – wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob ich auch wirklich
+nicht mehr ein kleines Mädchen sei – sah er mich an und plötzlich
+errötete er bis über die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete:
+ich stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert an. Er wußte
+nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in
+noch größere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich
+entschuldigen – vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt
+hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! Endlich begriff ich. Ich
+weiß nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu
+Boden, errötete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den
+Händen und lief aus dem Zimmer.
+
+Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham
+verstecken sollte. Schon das allein, daß er mich in seinem Zimmer
+vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich
+errötete bis zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken
+jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten war wohl der, daß ich
+zu ihm gehen, ihm alles erklären, alles gestehen und offen alles
+erzählen wollte, um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes
+Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar
+schon fest dazu entschlossen, doch zum Glück sank mein Mut und ich wagte
+es nicht, meinen Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was ich damit
+angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich auch jetzt noch, überhaupt
+nur daran zu denken.
+
+Einige Tage darauf erkrankte Mama – ganz plötzlich und sogar sehr
+gefährlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte
+heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an
+ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor
+verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine
+Widerstandskraft, ich war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen
+mir die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles
+und jeden Augenblick wollte mich die Bewußtlosigkeit überwältigen, doch
+dann weckte mich wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf und
+erwachte für einen Augenblick, um von neuem, übermannt von der
+Mattigkeit, einzuschlummern. Ich quälte mich. Ich kann mich des Traumes,
+den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein
+schrecklicher Spuk, der mich während meines Kampfes gegen die mich immer
+wieder überwältigende Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte.
+Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im
+Erlöschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein
+erfüllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen und an
+den Wänden zitterten Schatten, um für Augenblicke fast vollständiger
+Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames
+Entsetzen erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen
+noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnürte
+mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise
+auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten Angstgefühls. In
+demselben Augenblick ging die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins
+Zimmer.
+
+Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus der Bewußtlosigkeit
+erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken
+und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich
+erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete.
+
+„Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,“ sagte er, indem er meine
+Hand erfaßte. „Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs
+Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
+sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen
+Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig!“ redete er
+mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
+Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die Augen fielen mir vor
+Schwäche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine
+halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte
+mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben.
+
+Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur
+Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen,
+wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete – es war
+Pokrowskij.
+
+„Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen,“ sagte er,
+„hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.“
+
+Ich nahm das Buch – ich habe vergessen, was für eines es war –, doch
+obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein.
+Es war eine eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe ließ: ich
+konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal längere Zeit ruhig im
+Lehnstuhl sitzen, – mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer
+umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein ganzes
+Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war
+stolz auf seine Sorge, auf seine Bemühungen um mich. Die ganze Nacht
+dachte ich nur daran und träumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder
+und ich wußte, daß er in dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber
+ich malte mir dafür die nächste Begegnung aus.
+
+Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren,
+öffnete Pokrowskij seine Tür und begann mit mir eine Unterhaltung, indem
+er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich
+keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich weiß nur noch,
+daß ich schüchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über
+mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung
+erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag
+an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
+zurecht gelegt hatte ...
+
+Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. Während der ganzen Dauer
+von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
+Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, wenn ich auch nach jedem
+Gespräch immer noch Ursache hatte, über mich selbst ungehalten zu sein.
+Übrigens erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung,
+als ich sah, daß er um meinetwillen seine unausstehlichen Bücher vergaß.
+Einmal kamen wir zufällig darauf zu sprechen, wie sie damals vom
+Bücherbrett gefallen waren – natürlich im Scherz. Es war ein seltsamer
+Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine
+seltsame Begeisterung riß mich mit sich fort und ich gestand ihm alles
+... gestand ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich
+geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen gehalten ... Wie gesagt,
+ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich
+und in meinen Augen standen Tränen, – ich verheimlichte ihm nichts, ich
+sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von
+meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu
+trösten, zu beruhigen ...
+
+Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu
+sein und sagte kein Wort. Das tat mir plötzlich sehr weh und machte mich
+traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
+vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich brach ich in Tränen aus
+und weinte wie ein Kind: es war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie
+ein Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, küßte sie,
+drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete mich. Es mußte ihm
+sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerührt. Ich erinnere mich
+nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und
+weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort
+hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, daß in Pokrowskij eine gewisse
+Verwirrung und Gezwungenheit zurückblieb. Offenbar konnte er sich über
+meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende Freundschaft
+nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse
+geweckt, doch späterhin verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte
+meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit
+ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, wie ich sie ihm
+entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein
+aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es
+so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht:
+was ich fühlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde
+seine Freundschaft zu mir größer.
+
+Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen
+und doch süßen Stunden unseres nächtlichen Beisammenseins beim
+zitternden Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
+Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem,
+was uns einfiel, wovon das Herz voll war – und wir waren fast glücklich
+... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch
+jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurückdenke.
+Erinnerungen sind immer quälend, gleichviel ob es traurige oder frohe
+sind. Wenigstens ist es bei mir so – freilich liegt in dieser Qual
+zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz
+und weh, und wenn man sich quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen
+erfrischend und belebend wie nach einem heißen Tage kühler Tau, der am
+feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene
+Blume erfrischt und wieder belebt.
+
+Mama war bereits auf dem Wege der Besserung – trotzdem fuhr ich fort,
+die Nächte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher:
+anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und
+zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als täte sich eine ganze Welt
+neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken,
+neue Eindrücke stürmten in Überfülle auf mich ein. Und je mehr
+Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen
+Eindrücke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller
+erschütterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz plötzlich
+drängten sie sich in mein Herz und ließen es keine Ruhe mehr finden. Es
+war ein eigentümliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
+Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich
+war gar zu verschwärmt und träumerisch, und das rettete mich.
+
+Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden hatte, hörten
+unsere abendlichen Zusammenkünfte und langen Gespräche auf. Nur hin und
+wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
+gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete ich mich
+damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung
+verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll
+Inhalt, ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so
+vergingen mehrere Wochen ...
+
+Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er
+schwatzte wieder alles mögliche, war bei auffallend guter Laune,
+scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, – bis er endlich
+mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des Rätsels seiner
+guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, daß genau eine Woche
+später Petinkas Geburtstag sei und daß er an jenem Tage unbedingt zu
+seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und
+seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen.
+Kurz, der Alte war mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich.
+
+Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ mir Tag und Nacht keine
+Ruhe. Ich beschloß sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft
+unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
+Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, daß er gern die
+neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen hätte und so beschloß
+ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig
+Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war
+eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte.
+Doch ich schickte sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum
+nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe
+der Werke Puschkins koste. O, das Unglück! Der Preis aller elf Bände
+war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel.
+Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte und wußte nicht, was tun.
+Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich
+sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, daß wir ihm ein
+Geschenk machten. Und außerdem wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen,
+sondern gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, die er das
+ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bücher ganz allein,
+ganz heimlich schenken. Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit
+mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein
+anderes Entgelt dafür, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf
+einen Ausweg.
+
+Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr[4] die neuesten
+Bücher für den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln
+verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue
+Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach
+dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am
+folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus einer Handlung
+besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fühlte
+sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade keine
+Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit Matrjona alles besorgen mußte.
+
+Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hübschen
+und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst
+verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete,
+doch nach und nach brachte ich ihn so weit – was übrigens gar nicht so
+leicht war – daß er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan
+hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom
+Preise abließ und seine Forderung schließlich auf fünfunddreißig Rubel
+festsetzte. Welch ein Vergnügen es mir war, zu handeln! Die arme
+Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
+in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch wer beschreibt
+schließlich meinen Ärger: ich besaß im ganzen nur meine dreißig Rubel,
+und der Kaufmann wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger
+abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich
+zu guter Letzt doch erweichen ließ: er ließ noch etwas ab, aber nur
+zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht
+ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur für
+mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und daß er einem anderen
+Käufer nie und nimmer so viel abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel
+fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen.
+Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.
+
+Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten Pokrowskij, der an
+einem der anderen Büchertische stand. Vier oder fünf der Antiquare
+umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits
+ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bücher
+an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er
+nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und
+wußte nicht, für welches der vielen Bücher, die ihm von allen Seiten
+empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat
+auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh
+über mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel
+weniger als seinen Petinka.
+
+„Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, Warwara Alexejewna,“
+antwortete er, „für Petinka kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein
+Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da kaufe
+ich sie denn eben für ihn ...“
+
+Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch
+dazu völlig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es über
+einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände wagte er sich
+schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem
+Lächeln nach ihnen hin, blätterte etwas in ihnen – ganz zaghaft und
+ehrfurchtsvoll langsam – besah wohl auch das eine oder andere Buch von
+allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen
+Platz zurück.
+
+„Nein, nein, das ist zu teuer,“ sagte er dann halblaut, „aber von hier
+vielleicht etwas ...“ Und er begann, unter den dünnen Broschüren und
+Heftchen, unter Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: die waren
+natürlich billig.
+
+„Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,“ fragte ich ihn, „diese
+Heftchen sind doch nichts wert!“
+
+„Ach nein,“ versetzte er, „nein, sehen Sie nur, was für hübsche
+Büchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hübsch!“ – Die letzten
+Worte sprach er so wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem Tone,
+daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen – vor
+lauter Kummer darüber, daß die hübschen Bücher so teuer waren – und daß
+sogleich ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten Nase
+vorüberrollen werde.
+
+Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.
+
+„Da, hier,“ – damit zog der Arme sein ganzes Vermögen hervor, das in ein
+schmutziges Stückchen Zeitungspapier eingewickelt war – „hier, sehen
+Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier Kupfer, auch so
+zwanzig Kopeken ...“
+
+Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.
+
+„Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen zweiunddreißig
+Rubel und fünfzig Kopeken kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt
+zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken sie
+ihm gemeinsam!“
+
+Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte mit zitternden
+Händen all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere
+ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bücher
+in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hände, und trug sie dann
+alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am
+nächsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.
+
+Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, saß wie gewöhnlich ein
+Stündchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar
+komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände
+reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis besaß, teilte er mir
+heimlich mit, daß er die Bücher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und
+in der Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum
+Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten.
+
+Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende große „Fest“. Der
+Alte begann sehr weitschweifig darüber zu reden, wie die Überreichung
+des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses
+Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darüber sprach, um so
+deutlicher merkte ich, daß er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht
+sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
+recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und
+seine groteske Vergnügtheit, die sich anfangs in seinen Gebärden, in
+seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen
+Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmählich
+verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute
+immer bekümmerter drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und begann
+zaghaft:
+
+„Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen
+Sie was, Warwara Alexejewna? ...“ Der Alte war ganz konfus. „Ja, sehen
+Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bücher
+und schenken ihm diese selbst, das heißt also von sich aus, von Ihrer
+Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn
+ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen ausdrücklich von
+meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich
+habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu
+schenken haben ...“
+
+Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, wie er fortfahren
+sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er saß ganz still und erwartete
+schüchtern, was ich wohl dazu sagen werde.
+
+„Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar
+Petrowitsch?“ fragte ich.
+
+„Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... – ich meine
+ja nur eben sozusagen ...“
+
+Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, blieb wieder stecken
+und kam nicht weiter.
+
+„Sehen Sie,“ hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, „ich habe
+nämlich, müssen Sie wissen, den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so
+bin, wie man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, Warwara
+Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist
+nun schon einmal so mit mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ...
+Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist draußen mitunter
+so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben
+einmal wehmütig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
+Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben über
+die Schnur und trinke ein überflüssiges Gläschen. Dem Petruscha aber ist
+das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber und
+schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie,
+würde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, daß ich anfange,
+mich gut aufzuführen, seine Lehren zu beherzigen und überhaupt mich zu
+bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu
+kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen
+Sie, es sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das weiß
+er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: daß ich
+alles nur für ihn tue.“
+
+Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah
+mich in erwartungsvoller Unruhe an.
+
+„Hören Sie, Sachar Petrowitsch,“ sagte ich, „schenken Sie sie ihm alle.“
+
+„Wie alle? Alle Bände?“
+
+„Nun ja, alle Bände.“
+
+„Und das von mir, von meiner Seite?“
+
+„Ja, von Ihrer Seite.“
+
+„Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem Namen?“
+
+„Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.“
+
+Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, doch es dauerte eine
+Zeitlang, bis der Alte mich begriff.
+
+„Na ja,“ sagte er schließlich nachdenklich, „ja! – das würde sehr gut
+sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara
+Alexejewna?“
+
+„Ich werde dann einfach nichts schenken.“
+
+„Wie!“ rief der Alte fast erschrocken, „Sie werden Petinka nichts
+schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?“
+
+Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das
+Angebot zurückzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken
+könne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!
+
+Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern schenken würde, nur
+wolle ich ihm die Freude nicht schmälern.
+
+„Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird,“ fuhr ich fort,
+„und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.“
+
+Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei
+Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig
+zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
+Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter
+Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz,
+der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
+dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.
+
+Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pünktlich um elf Uhr, gleich
+von der Frühmesse aus, erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und
+tatsächlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er
+ein Bündel Bücher – Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen.
+Wir saßen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein
+Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, daß Puschkin ein sehr
+guter Dichter gewesen sei; davon ging er, übrigens nicht ohne gewisse
+Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
+ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich darauf, daß man
+sich gut aufführen müsse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein
+Zeichen, daß er „dumme Streiche mache“. Schlechte Neigungen hätten eben
+von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zählte sogar
+mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß
+damit, daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe
+und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher schon die
+Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange
+innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat
+aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
+Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit
+die Bücher, für die er sich im Laufe einer langen Zeit das nötige Geld
+zusammengespart habe.
+
+Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen zu verbeißen, während der
+arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lügen, sobald es
+nötig war!
+
+Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und
+auf dem Bücherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natürlich
+sofort die Wahrheit erraten.
+
+Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an
+diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein
+Pfänderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie
+nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam
+gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier
+Augen zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das war der
+schönste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens!
+
+Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt
+beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir
+scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, müde
+zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzählen.
+Deshalb habe ich wohl auch so ausführlich und mit so viel Liebe alle
+Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens
+beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von
+Kummer, von schwerem Kummer verdrängt, und nur Gott allein mag wissen,
+wann der einmal ein Ende nehmen wird.
+
+Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs.
+
+Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er
+erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermüdlich um eine
+Anstellung, die ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, denn
+bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindsüchtigen, gab auch
+er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht
+auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte
+er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den
+Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit.
+Außerdem hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt warten
+müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts als Mißerfolge. Das war
+natürlich von schlechtem Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte
+seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden
+Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine
+Anstellung zu bitten, – was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann
+immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und mit nassen Füßen nach Haus,
+bis er endlich so weit war, daß er sich zu Bett legen mußte – um nicht
+wieder aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober.
+
+Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner Krankheit verließ ich
+nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er
+bewußtlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß wovon,
+zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen
+Büchern, von mir, vom Vater ... und da erst hörte ich vieles von seinen
+Verhältnissen, was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal geahnt
+hatte.
+
+In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im
+Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch
+ich blickte allen offen in die Augen, und da hörte man denn auf, meine
+Teilnahme für den Kranken zu verurteilen – wenigstens Mama tat es nicht
+mehr.
+
+Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das
+verhältnismäßig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung.
+Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren,
+dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem
+engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann fürchtete ich mich.
+Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
+und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das Herz. Alle im Hause
+waren erschüttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott möge ihn
+schneller erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der Kranke wohl
+nur noch bis zum nächsten Morgen leben werde.
+
+Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der
+Tür zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht
+gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden gelegt. Jeden
+Augenblick kam er ins Zimmer, – es war schrecklich, ihn anzusehen. Der
+Schmerz hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos,
+ganz gefühllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer
+Körper zitterte und sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich
+hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand verlieren werde.
+
+Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in
+Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
+Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von uns allen Abschied.
+Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es körperlich zu
+fühlen, wie mein Herz in Stücke zerriß.
+
+Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten Augenblicke. Er bat
+lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr
+verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
+zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um
+irgend etwas, bemühte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand
+ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
+Stimme um etwas zu bitten – doch die Worte waren nur zusammenhanglose
+Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln
+an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur
+langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er
+wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Läden zu öffnen.
+Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.
+
+Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, doch der anbrechende
+Tag war trübe und traurig, wie das erlöschende arme Leben des
+Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den
+Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster und
+schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben
+und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb
+und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, wo es
+das zitternde Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich
+verdrängte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte
+dann leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach einer Minute
+starb er.
+
+Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz
+einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der
+Unkosten aber wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von Anna
+Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft
+seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die
+Bücher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie
+nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und
+trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen mußten.
+Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer
+seltsamen Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen:
+bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter zurecht, bald zündete er die
+Kerzen an, um sie wieder auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man
+sah es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick bei etwas
+Bestimmtem verweilen konnten.
+
+Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei.
+Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
+geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte sich und blieb
+zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Während des
+Gottesdienstes ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst – wie eine
+dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den
+Füßen halten.
+
+Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und
+fortgeführt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Straße. Dann fuhr
+der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte
+laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn
+erschütterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um
+ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. Ein
+scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte
+schien nichts davon zu spüren und lief weinend weiter, bald an der
+einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines
+fadenscheinigen alten Überrocks flatterten wie Flügel im Winde. Aus
+allen Taschen sahen Bücher hervor und im Arm trug er irgendein großes
+schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drückte.
+Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab und bekreuzten sich. Einige
+blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle
+Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz.
+Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und machte ihn auf seinen Verlust
+aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge
+nach. Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin an
+und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die
+Straßenecke und verschwand.
+
+Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die
+Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und küßte sie und
+plötzlich brach ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an
+die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als
+hätte ich sie für immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch
+sie noch entreiße ...
+
+Doch der Tod schwebte damals schon über meiner armen Mutter ...
+
+ * * * * *
+
+
+ 11. Juni.
+
+Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, für den gestrigen
+Spaziergang nach den Inseln! Wie schön es dort war, wie wundervoll grün,
+und die Luft wie köstlich! – Ich hatte so lange keinen Rasen und keine
+Bäume gesehen, – als ich krank war, dachte ich doch, daß ich sterben
+müsse, daß ich bestimmt sterben werde – nun können Sie sich denken, was
+ich gestern fühlen mußte, und was empfinden!
+
+Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war. Ich fühlte mich sehr
+wohl und leicht, aber gerade in meinen besten Stunden werde ich aus
+irgendeinem Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich weinte,
+das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst nicht, weshalb ich immer
+weinen muß. Ich bin, das fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke,
+die ich empfange, sind krankhaft – krankhaft heftig. Der wolkenlose
+blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die Abendstille – alles das – ich
+weiß wirklich nicht, – ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle
+Eindrücke schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz bald übervoll
+war und die Seele nach Tränen verlangte. Doch wozu schreibe ich Ihnen
+das alles? Das Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um wie
+viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! Aber vielleicht
+verstehen Sie mich doch.
+
+Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar Alexejewitsch! Gestern
+blickten Sie mir so in die Augen, als wollten Sie in ihnen lesen, was
+ich empfand, und Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein
+Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen – immer standen Sie da vor
+mir und fühlten sich ganz stolz und schauten mir immer wieder in die
+Augen, als wäre alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. Das
+beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar Alexejewitsch. Deshalb
+liebe ich Sie ja auch.
+
+Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: gestern bekam ich nasse
+Füße und habe mich infolgedessen erkältet. Fedora ist noch nicht ganz
+gesund – ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide krank.
+Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter zu uns.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 12. Juni.
+
+Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
+
+Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter
+Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges
+kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur
+wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und
+schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,
+was Sie selber empfanden – das haben Sie mit einem Worte kurz, aber ganz
+wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent, irgend
+etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es kommt
+dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das weiß
+ich selbst nur zu genau.
+
+Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei,
+sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses
+zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in
+der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch
+mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. – Das ist gewiß alles wahr, mein
+Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie
+sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von
+anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben
+haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut – aber
+schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun
+hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas
+erzählen.
+
+Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst
+siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald
+runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der
+Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber
+Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und
+kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht – ich kann schon
+sagen, daß ich gelebt habe –, und einmal wollte man mich sogar zur
+Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein
+Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
+aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei
+heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall
+schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine
+Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein
+dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das
+Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch
+mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er
+es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
+bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem
+Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe
+geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:
+
+„Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!“ – Daraus wurde mit der
+Zeit:
+
+„Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!“
+
+Jetzt aber heißt es ganz einfach:
+
+„Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!“
+
+Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar
+Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als „Makar
+Alexejewitsch“ sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
+Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein
+geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein
+Schmähwort machten – nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
+meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,
+etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders
+gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
+Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles
+gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch
+bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles
+verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem
+den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um
+dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden
+angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur
+denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig
+brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann
+sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum
+Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch
+vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen,
+Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl
+Warinka!
+
+Was ist die größte bürgerliche Tugend? Über diese Frage äußerte sich
+noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch.
+Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei – Geld zu schaffen. Er sagte
+es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte), was
+aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne hatte),
+das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen solle. Ich
+aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück Brot. Es ist
+ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes, trockenes
+Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch _meine_ Arbeit
+rechtlich und redlich erworben!
+
+Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts
+sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und
+Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite
+doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was
+ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde?
+„Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!“ – Aber was ist denn dabei
+Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,
+jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen
+Bogen zu sehen, und – Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die
+wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe
+keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den
+verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und
+deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
+mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst
+und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß
+ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes
+schreiben wollten, wer würde dann – abschreiben?
+
+Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,
+meine Liebe.
+
+So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich
+notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich
+durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen
+bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Ähnlichkeit mit ihr
+herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte
+käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man
+rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
+zusprechen, – da sehen Sie, was das für eine Ratte ist!
+
+Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar
+nicht davon sprechen, aber nun – es kam mal so zur Sprache, und da hat’s
+mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu Zeit sich
+selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
+
+Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde
+schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,
+um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis
+dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben
+Sie wohl bis dahin, Warinka.
+
+Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 20. Juni.
+
+Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
+
+Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr wenig Zeit, – muß eine
+Arbeit zu einem bestimmten Termin beenden.
+
+Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich ein guter
+Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter von ihr habe einen fast
+neuen Uniformrock, sowie Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und
+alles, wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen wollten!
+Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr in Verlegenheit, – Sie
+sagten mir ja selbst, daß Sie Geld haben. Also seien Sie vernünftig und
+schaffen Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig. Sehen Sie
+sich doch nur selbst an, in was für alten Kleidern Sie umhergehen. Eine
+wahre Schande! Alles ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das
+weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott weiß, was Sie mit
+Ihrem neuen Anzug angefangen haben. So hören Sie doch diesmal auf mich
+und kaufen Sie die Kleider, bitte, tun Sie’s! Tun Sie es für mich, wenn
+Sie mich lieb haben!
+
+Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar Alexejewitsch, das geht
+wirklich nicht so weiter! Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch
+kein Spaß, was Sie schon für mich ausgegeben haben, – entsetzlich,
+wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich habe ja nichts nötig, das
+war ja alles ganz, ganz überflüssig! Ich weiß, glauben Sie mir, ich
+weiß, daß Sie mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen,
+mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe vergewissern zu
+wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer es mir fällt, sie anzunehmen! Ich
+weiß doch, was sie Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es
+gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie? Ich bitte Sie, ich
+flehe Sie an!
+
+Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner Aufzeichnungen zuzusenden,
+Sie wollen, daß ich sie beende. Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das
+fertig gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben ist!
+Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner Vergangenheit zu
+sprechen. Ich will an sie nicht einmal zurückdenken. Ich fürchte mich
+vor diesen Erinnerungen. Und gar von meiner armen Mutter zu sprechen,
+deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen Ungeheuern preisgegeben war:
+das wäre mir ganz unmöglich! Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken auch
+nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die Wunden sind noch zu
+frisch! Ich habe noch keine Ruhe, um zu denken, habe mich selbst noch
+lange nicht beruhigen können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen
+ist. Doch Sie wissen das ja alles!
+
+Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten mitgeteilt. Sie
+wirft mir Undankbarkeit vor und leugnet es, mit Herrn Bükoff im
+Einverständnis gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr
+zurückzukehren. Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf einen
+schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren würde, so wolle sie
+es übernehmen, die ganze Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn
+zu veranlassen, seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen. Sie hat
+sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine Aussteuer geben wolle. Gott mit
+ihnen! Ich habe es auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner
+guten Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine alte selige
+Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar nur ein entfernter Verwandter
+von mir, trotzdem beschützen Sie mich und treten mit Ihrem Namen und Ruf
+für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich werde sie vergessen! –
+wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,
+das sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt doch in
+Ruhe lassen. Gott gebe es!
+
+ W. D.
+
+
+ 21. Juni.
+
+Mein Täubchen, mein Liebling!
+
+Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht – womit beginnen?
+
+Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so miteinander leben!
+Ich sage das nur deshalb, müssen Sie wissen, weil ich meine Tage noch
+nie so froh verbracht habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit einem
+Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein Kindchen sind Sie, mein
+kleines reizendes!
+
+Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich Ihnen geschickt habe!
+Sie hatten sie doch nötig – Fedora sagte es mir. Und mich, liebes Kind,
+mich macht es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun
+einmal mein größtes Vergnügen – also lassen Sie mich nur gewähren, Kind,
+und widersprechen Sie mir nicht! Noch niemals habe ich so etwas erlebt,
+Herzchen. Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens
+gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen darf, denn Sie leben doch
+jetzt in meiner nächsten Nähe, was mir ein großer Trost und eine große
+Freude ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, Ratasäjeff –
+jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische Abende stattfinden –,
+also der hat mich heute zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich
+wieder so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches vorgelesen
+werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt leben, Kindchen – was?!
+
+Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur so geschrieben, ohne
+besonderen Zweck, nur um Sie von meinem Wohlbefinden zu unterrichten.
+Sie haben mir durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide zur
+Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, ich werde sie Ihnen
+besorgen, gleich morgen werde ich sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch
+schon, wo ich sie am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich
+
+ Ihr aufrichtiger Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 22. Juni.
+
+Liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei uns im Hause etwas
+sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken
+muß. Heute um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich weiß
+nicht recht, woran, – an den Masern oder, Gott weiß, vielleicht war es
+auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,
+Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was für eine Unordnung!
+Aber das ist ja schließlich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur
+in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen
+Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.
+
+Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, – ein ganz einfacher,
+billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig
+gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen
+Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen,
+Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es
+ist für sie ja vielleicht eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen
+abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernähren haben:
+ein Brustkind und ein kleines Töchterchen so von etwa sechs Jahren, viel
+älter kann das zarte Ding noch nicht sein.
+
+Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet,
+und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit
+man ihm helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen
+und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Tränen
+laufen ihm über die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern
+nur so, aus Gewohnheit – die Augen tränen eben. Er ist so ein
+Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals
+weiß er, was er antworten soll. Das kleine Mädchen stand dort an den
+Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich
+liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es
+beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden,
+– sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie,
+– stand und rührte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie
+nahm es, aß es aber nicht. Traurig das alles – nicht wahr, Warinka?
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 25. Juni.
+
+Bester Makar Alexejewitsch!
+
+Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein ganz elendes Ding! – man
+kann es überhaupt nicht in die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese
+Kostbarkeit aufgetrieben? Scherz beiseite – gefallen Ihnen denn wirklich
+solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie versprachen mir doch vor ein
+paar Tagen, mir etwas zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch mit
+Ihnen teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf Wiedersehen!
+Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu schreiben.
+
+ W. D.
+
+
+ 26. Juni.
+
+Liebe Warinka!
+
+Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht
+gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein
+Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu
+unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und
+vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es
+Ihnen.
+
+Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich
+Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute
+Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er
+schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und
+einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist
+ein Etwas – sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem
+einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder
+Theresa etwas sage, – selbst da versteht er noch, sich stilvoll
+auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig
+bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in
+einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach
+Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen – auf jeder
+Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im
+Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich
+mit ihm, nun was? – Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von
+Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm
+überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich
+habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie
+deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine,
+daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören
+Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,
+beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien
+Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein
+Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut’s, um
+mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu
+verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt.
+Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz
+unvergleichlicher Schriftsteller.
+
+Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne,
+das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe
+Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen – und noch
+verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
+steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur – das ist ein
+Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein
+Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist
+Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches
+Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren
+Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so
+unter ihnen sitzt und zuhört – und man raucht dabei sein Pfeifchen, ganz
+wie sie – und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und
+über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn einfach
+wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. Denn wenn die erst mal loslegen,
+Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide
+passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf und schäme
+mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend die größte
+Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch mit
+einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man kann und
+kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein
+gar nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist wie verhext,
+Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so ist, wie
+man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann:
+dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.
+
+Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – Schlafe, schlafe wie ein
+alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich
+doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum
+Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von
+sich aus, – was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum
+Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen
+bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff,
+was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben?
+An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält
+er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er
+irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
+Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – fünfhundert, gib oder gib
+nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn
+du willst. Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! Was
+sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?
+
+Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen
+Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz,
+– siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie
+sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind
+ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er,
+biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und
+vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen Sie doch, Bester, die
+fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken
+kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – das ist doch
+Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.
+Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!
+
+Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine
+Stelle aus den „Italienischen Leidenschaften“ abschreiben. So heißt
+nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
+Sie selbst:
+
+– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm
+auf und sein Blut geriet in Wallung ...
+
+„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese
+Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne
+täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe
+rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen,
+die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen
+Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in
+meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O
+Sinaida, Sinaida! ...“
+
+„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt
+an seine Schulter.
+
+„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht.
+
+Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug
+die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der
+Liebenden.
+
+„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen
+röteten sich, ihre Augen glühten ...
+
+Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!
+
+ * * * * *
+
+Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.
+
+„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den
+Ssamowar aufstellen lassen?“ fragte er, seiner Frau die Wange
+tätschelnd. –
+
+Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, – es ist ein
+wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und
+gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch
+noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und Suleika“ abschreiben.
+
+Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer
+Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,
+die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in
+der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – wie Sie sehen. Hier
+schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab:
+
+– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es! ...“
+
+„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika.
+
+„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles
+gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren
+strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den
+steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika
+zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,
+mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer
+zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner
+Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit
+Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du
+himmlisches Wesen!“
+
+„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die Menschen sind
+ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was
+soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
+in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,
+seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht
+verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!“
+
+„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief Jermak, wild die
+Augen rollend. –
+
+Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß
+seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im
+Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in
+dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an
+Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen.
+
+„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief Jermak in wilder
+Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. „Ich muß Blut
+sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!“
+
+Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er
+wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu
+Ende.
+
+Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun
+kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:
+
+– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist doch
+derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan
+Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten
+tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich
+Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war
+... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die
+ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu
+schonen.“ –
+
+Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen,
+als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
+Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im Grunde
+doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle
+liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß Ratasäjeff
+vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt hier mit ein
+Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als
+das, was die anderen sind.
+
+Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den
+Kopf – wie wär’s, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann
+wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß
+plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf
+dem Deckel stände: „_Gedichte von Makar Djewuschkin._“ Was?! Ja, was
+würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das
+vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen
+freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen
+wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre
+denn das, wenn ein jeder sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter
+Djewuschkin!“ und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?
+
+Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die
+sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und
+auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit
+vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle
+wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
+das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie
+dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht
+bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit
+Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja
+Stiefel immer Stiefel), – nur würde man ihr alles erzählen, meine
+eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre
+der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht
+sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade
+paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch
+gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!
+
+Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein
+Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,
+mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das
+eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.
+Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch
+Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen
+Likör hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur
+sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir
+denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen
+schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur
+werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein
+Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für
+Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen
+Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe.
+
+Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – habe es speziell für Sie
+gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie
+an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie
+sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber
+vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!
+
+Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein
+Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor
+
+ Ihr treuester Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 27. Juni.
+
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern
+helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in
+einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich
+darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen – und
+die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch
+etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll
+eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen
+einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und
+überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten
+lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal
+gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt
+hat, – und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch
+besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles
+von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder
+warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei
+Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,
+Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
+soll ich nicht?
+
+Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so
+selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt
+nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber
+wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,
+Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr
+traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz
+mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu
+besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt – man erinnert sich
+an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie
+ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen
+Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst
+nur im Traum etwas sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und
+was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben
+ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel,
+und zum Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle,
+ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer
+wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und da
+müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei
+fremden Menschen sterben! ... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben,
+Makar Alexejewitsch!
+
+Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife
+wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,
+sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat
+einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für
+ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
+würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde
+ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
+und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein
+schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.
+
+Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins Erzählungen –, das ich
+Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie
+es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein
+Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama – da hat es denn
+in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten
+Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, –
+aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben.
+Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon
+etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane
+gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten! ...
+
+Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich
+bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die
+beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich
+alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.
+
+ Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 28. Juni.
+
+Warwara Alexejewna, meine Liebe!
+
+Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie sich denn nicht? So machen
+Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen
+Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und
+gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig
+bleich sind Sie noch, aber trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das
+für Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen Sie sich,
+mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kümmern Sie sich nicht
+weiter um diese dummen Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach!
+Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn nichts?
+Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe
+ruhig, bin gesund – mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man hat seine
+wahre Freude daran, es zu sein! Also hören Sie auf, mein Seelchen,
+schämen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen,
+Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an mit dem
+Grübeln und Grämen, und Sie machen sich von neuem allerlei Gedanken.
+Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal damit
+aufhören, Warinka!
+
+Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein und nein und nochmals nein!
+Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen?
+Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht: das
+lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit
+allen Kräften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
+verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben würde, aber Not leiden,
+das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich
+kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr
+ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein die Schuld trägt – nur
+sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf
+gesetzt. Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was sie sagt.
+Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen? ... Wissen
+nicht, daß sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist,
+die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht
+hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie nicht geärgert, irgendwie gekränkt?
+
+Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts!
+Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka,
+mein Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. Was fehlt
+Ihnen denn bei uns? Wir können uns nicht genug über Sie freuen und auch
+Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
+weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen Sie auch nicht – ganz wie
+Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst:
+wie würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher verschaffen – und
+dann können wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
+müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende
+machen und vernünftig werden und sich nicht grundlos um alles
+Alltägliche sorgen und grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
+bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes
+Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, Herzchen, gar nicht schön!
+
+Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich weiß es selbst, daß ich
+nichts gelernt habe, daß ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum
+handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
+wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie
+wollen! Er ist mein Freund, deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt
+gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter
+keinen Umständen beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewählt, es
+sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schön! Sie haben es
+vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade
+nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade über
+Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder es ist vielleicht sonst
+irgendwie ein Unglückstag für Sie gewesen.
+
+Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen und aufmerksam, wenn Sie
+froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie
+gerade ein Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es noch einmal.
+Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch
+bessere Schriftsteller gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere,
+aber deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht schlecht zu sein:
+sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen schreiben
+meinetwegen auch gut. Außerdem schreibt er, vergessen wir das nicht, nur
+für sich – tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden – und das
+merkt man ihm dann an, daß er es tut, und zwar zu seinem Vorteil!
+
+Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich
+habe da noch etwas abzuschreiben und muß mich beeilen. Also sehen Sie
+zu, mein Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge Gott der
+Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe
+
+ Ihr treuer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute
+aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen.
+
+
+Mein teurer Makar Alexejewitsch!
+
+Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich noch länger hier lebe.
+Ich habe nachgedacht und eingesehen, daß es sehr falsch von mir ist,
+eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir
+doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. Ich werde mir Mühe
+geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu
+erwerben, und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter zu
+ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu
+leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von
+ihnen abhängig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch
+nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch früher
+schon Ähnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war.
+Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang
+umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt – was tat das, ich war doch
+froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da
+fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: um neun Uhr hieß es
+– nach der Pension zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die
+Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und ich fühlte mich so
+bedrückt, so elend, daß die Tränen sich nicht mehr zurückdrängen ließen.
+Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter
+Einsamkeit und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich sei faul und
+wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich
+weinte.
+
+Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte mich schließlich an alles, und
+als ich die Pension verlassen mußte, weinte ich gar beim Abschied von
+den Freundinnen.
+
+Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der
+Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich
+gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
+jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und sich ans Waschen macht,
+und dann bis in die späte Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber
+bedürfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für mich
+opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes
+Geld nur für mich auszugeben? Ich weiß doch, daß das über Ihre
+Verhältnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das
+Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden ließen. Ich glaube
+es Ihnen, mein Freund, ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben, – doch
+das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld,
+haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen
+doch – ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon
+ich froh wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch nicht immer
+Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen und quälen, indem ich Sie und
+Fedora für mich sorgen lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte
+ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch nur im
+geringsten nützlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so unentbehrlich,
+mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin Ihnen nur von
+ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von ganzem Herzen,
+doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein
+bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun, Ihre
+Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also halten
+Sie mich nicht mehr zurück, überlegen Sie sich meinen Plan nochmals
+gründlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.
+
+ In Erwartung derselben verbleibe ich
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 1. Juli.
+
+Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn!
+Wollte man Sie so sich selbst überlassen, was würden Sie sich da nicht
+alles ins Köpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes!
+Ich sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei
+uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind
+alle zufrieden und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was aber
+wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht,
+was das heißt: fremde Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen,
+denn ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er
+ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot
+gegessen. Bös ist er, Warinka, sehr böse, so böse, daß das kleine Herz,
+das man hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit
+Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. –
+Bei uns haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen
+haben Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun mit einem Male so
+etwas antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten
+mir nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn nicht nützlich?
+Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie,
+inwiefern Sie mir nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar
+sehr nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden
+Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne
+weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
+Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte darauf eine
+ausführliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für
+Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für mich, na,
+und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige ... Nein, wie sollten Sie
+denn nicht nützlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in
+meinen Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie haben
+vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal
+wirklich darüber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen
+könnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. Und was käme
+denn dabei heraus, was wäre das Ende vom Liede? – Ich würde in die Newa
+gehen und damit wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
+was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun übrig?!
+
+Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen wohl, daß mich ein
+Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof führt, daß irgendeine alte
+Herumtreiberin meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der Gruft mit
+Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich allein zurückläßt. Das ist
+sündhaft von Ihnen, sündhaft, mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott,
+sündhaft!
+
+Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine Freundin, und wenn
+Sie, Warinka, meine Meinung über dasselbe wissen wollen, so kann ich
+Ihnen nur sagen, daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu
+lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich
+denn bisher so habe leben können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir!
+Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich
+eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich
+gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
+habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. „Das Bild des
+Menschen“ – ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein
+anderes: „Vom Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“, und
+dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles, weiter habe ich nichts
+gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Büchlein, den
+„Stationsaufseher“ gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind,
+es kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß da neben einem
+ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den
+Fingern hergezählt, und noch mancherlei, worauf man früher selbst gar
+nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein
+Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem denn nach und nach vieles
+ein, und allmählich begreift man so manches und wird sich über die Dinge
+klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch lieb gewonnen
+habe: manches Werk, was für eines es auch immer sein mag, das liest man
+und liest – aber lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das
+Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben
+und mit soviel Klugheit, daß man es nicht recht begreifen kann. Ich zum
+Beispiel, – ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
+geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber –
+ja dies liest man und es ist einem fast, als hätte man es selber
+geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so
+mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen
+Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, und dann ausführlich
+beschrieben – sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach,
+mein Gott! Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
+warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in
+diesem Büchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz
+derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
+dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter
+uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles
+beschrieben ist! Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich das
+las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, als das Unglück ihn
+heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem
+Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte
+und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit dem schmierigen
+Pelzaufschlag die Tränen von den Wangen wischte, wenn er an sein
+verirrtes Lämmlein dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha!
+
+Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das
+ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren,
+– das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da finden wir gleich
+die Theresa – wozu so weit suchen! – da ist auch unser armer Beamter, –
+denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin, nur daß
+er einen anderen Namen hat und eben zufällig Gorschkoff heißt. Das ist
+etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie, mein
+Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai wohnt, selbst
+der kann dasselbe erleben, nur daß er sich äußerlich anders verhalten
+wird – denn dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders, aber
+auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir.
+
+Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. Sie aber wollen noch
+wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir
+damit antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich und mich damit
+zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes
+willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie mich
+nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch selbst, Sie mein
+kleines, schwaches Vögelchen, das noch nicht einmal flügge geworden ist
+–: wie könnten Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben
+bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht verteidigen! Nein,
+lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie sich!
+Hören Sie nicht auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen Sie Ihr
+Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen.
+
+Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“ gesprochen. Der
+sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit
+Bildern und solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich habe
+es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schloß aber
+doch damit, daß Puschkin gut sei und daß er das heilige Rußland besungen
+habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. Ja, es ist
+gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie
+meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
+glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, meine Gute, wird Sie
+bestimmt belohnen!
+
+ Ihr treuer Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den Teppich gebracht. Wie
+froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen
+in größter Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, – der
+Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen.
+
+Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von
+denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem
+Titel „Der Mantel“.[5]
+
+Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu
+teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon
+lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich fürchte immer nur
+eines: wird uns der Spaß nicht zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf
+und meint, daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. Das sehe
+auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon für mich ausgegeben!
+Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora
+hat mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin
+in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt hätten. Ich
+sorge mich sehr um Sie.
+
+Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nämlich
+meinen Hut mit Band.
+
+P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut
+aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so
+gefallen?
+
+
+ 7. Juli.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch zurück. – Ja, mein Kind,
+auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich
+einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
+sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch nichts gewesen, das
+Wunderliche aber war dabei, daß ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen
+und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch verliebte
+ich mich in sie.
+
+Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige Leute, alle Wand an Wand und
+Tür an Tür. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein,
+obschon ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann
+aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles
+ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden
+Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei – für
+Notwendiges hatten sie nie einen Heller – schob die ganze Kumpanei ins
+Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur
+diese eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen gebärdeten
+sie sich! Und dann ließen sie einen natürlich nicht einschlafen: die
+ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine
+Glascha[6], alle waren sie in sie verliebt, alle hatten sie nur den
+einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn schließlich auch
+mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung!
+
+Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit ihnen im Theater
+saß, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang,
+dafür aber hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen –
+hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hände rot und
+blau, schrien, schrien – mit einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen
+genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgeführt.
+
+Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich nur
+noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja,
+und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf dem Wege zum Dienst,
+trat ich in einen Parfümerieladen ein und kaufte für mein ganzes Kapital
+Parfüm und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst nicht mehr zu sagen,
+wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht einmal zu
+Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte am
+Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, saß ein Weilchen, erholte
+mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem
+Fensterpromenaden zu machen.
+
+So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken,
+immer Lichatschi[7], und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich
+brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann
+schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, und das Ganze mir
+langweilig wurde.
+
+Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu
+machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka,
+noch ganz, ganz jung! ...
+
+ M. D.
+
+
+ 8. Juli.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich
+mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit
+Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind,
+wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht
+haben.
+
+Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten
+zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
+anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, zu befehlen,
+diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal
+so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der
+eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten
+selbst aber, die stammen von Gott.
+
+Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht
+mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie
+etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich
+nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie
+auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst
+Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher auch noch
+keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch
+so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig,
+nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit
+Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann
+allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt,
+auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau
+geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich,
+wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie
+sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte
+Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die
+öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so etwas habe ich
+mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar
+ein Kreuzchen habe ich erhalten – doch was soll man davon reden! Das
+müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn
+wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich
+eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von
+Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka![8]
+
+Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben –
+gleichviel wie und wo es auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein
+Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und
+zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen
+nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es
+denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du
+auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie
+besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn
+dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf
+den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von
+einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit
+sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee
+trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,
+was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon
+so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem
+nichts Böses getan haben?
+
+Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen
+Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine
+Pflicht erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man
+da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), – und da setzt
+sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne
+alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über
+dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche
+steht!
+
+Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut
+man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:
+hat man zum Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht man sie
+an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist
+angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz
+richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor
+Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst
+eingetreten ist.
+
+Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz
+gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen?
+Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem
+anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des
+Tones willen, – nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm
+halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter uns gesagt, Warinka –
+ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
+seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene dort und dort,“ doch
+um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken.
+Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel
+in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt
+das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle
+durchnimmt, – das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht
+doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im
+Zaum hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht
+bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich
+wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
+durchlassen können!
+
+Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von
+den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar
+Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch obendrein
+eine Fortsetzung!
+
+Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,
+man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor
+zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der
+Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht
+dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles
+ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht
+einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
+beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er
+sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas
+wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der
+man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte,
+daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und
+eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er
+den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier
+hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er
+niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben
+(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen
+beweint worden sei.
+
+Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte
+sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel
+wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch – nein, was
+sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden
+erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren
+Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen
+gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß
+das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert – die anderen
+Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen
+gehabt!
+
+Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben
+hat – was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja
+doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen
+Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches
+Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein
+vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht
+wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen
+solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen,
+Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!
+
+ Ihr gehorsamster Diener
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 27. Juli.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich recht erschreckt, und
+zwar um so mehr, als ich mir anfangs nichts zu erklären wußte – bis
+Fedora mir dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn gleich so
+verzweifeln und in einen solchen Abgrund stürzen, Makar Alexejewitsch?
+Ihre Erklärungen haben mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt,
+daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte Stelle
+anzunehmen? Überdies ängstigt mich mein letztes Abenteuer sehr.
+
+Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt, mir manches zu
+verheimlichen. Ich habe es ja schon damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu
+Dank verpflichtet war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für mich
+nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie, wie Sie sagten, auf der
+Kasse liegen hätten. Jetzt aber, nachdem ich erfahren habe, daß Sie
+überhaupt kein erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von
+meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, Ihr Gehalt,
+das Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß
+Sie während meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft haben – jetzt
+sehe ich mich in eine so qualvolle Lage versetzt, daß ich gar nicht
+weiß, wie ich alles das auffassen und was ich überhaupt denken soll!
+
+Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der notwendigsten Hilfe, die
+Sie mir aus Mitleid und verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden
+lassen und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges
+verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, Makar Alexejewitsch,
+Sie haben mein Vertrauen mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß
+Sie Ihr letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge,
+Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben – jetzt bezahle ich das teuer
+mit Selbstvorwürfen und der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen
+Leichtsinns, denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, ohne nach
+Ihrem Auskommen zu fragen. Auf diese Weise verwandelt sich jetzt alles,
+womit Sie mir einst Freude machen wollten, in eine drückende Last, und
+alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern verdrängt.
+
+Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen, daß Sie
+bedrückt waren, aber obschon ich selbst ahnungsvoll irgendein Unheil
+erwartete, konnte ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht
+fassen. Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße den Mut verlieren
+können, Makar Alexejewitsch! Was werden jetzt diejenigen, die Sie
+kennen, von Ihnen sagen? Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer
+Herzensgüte, Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet habe, Sie
+haben sich plötzlich einem so widerlichen Laster ergeben können, dem Sie
+doch, soviel mir scheint, früher noch nie gefrönt haben.
+
+Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora mir erzählte, daß
+man Sie in berauschtem Zustande auf der Straße gefunden und die Polizei
+Sie nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, – obschon ich mich auf
+etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht hatte, da Sie ja doch schon seit
+ganzen vier Tagen verschwunden waren. Haben Sie denn nicht daran
+gedacht, Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten dazu sagen werden,
+wenn sie die wirkliche Ursache Ihres Ausbleibens vernehmen? Sie sagen,
+daß alle über Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, und
+daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden auch meiner Erwähnung tun.
+Beachten Sie das nicht, Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um
+Gottes willen!
+
+Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte mit jenen Offizieren, –
+ich habe nichts Genaueres erfahren können, nur so ein Gerücht. Erklären
+Sie mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat.
+
+Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die Wahrheit mitzuteilen,
+weil Sie dann vielleicht meine Freundschaft verloren haben würden, daß
+Sie während meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb alles
+verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und somit verhindern zu
+können, daß man mich ins Hospital brachte, daß Sie soviel Schulden
+gemacht, wie es Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin Ihnen
+jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, – aber indem Sie mir alles
+dies verheimlichten, wählten Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch
+alles erfahren! Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß ich die
+Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben mir aber nun durch Ihre
+Aufführung doppelten Kummer bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen,
+Makar Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist eine ansteckende
+Krankheit. Arme und Unglückliche müßten sich fernhalten voneinander, um
+sich gegenseitig nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen
+solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem bescheidenen
+stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben. Das quält mich entsetzlich
+und nimmt mir jede Kraft.
+
+Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort mit Ihnen geschehen
+ist und wie Sie sich so weit haben vergessen können. Beruhigen Sie mich,
+wenn es Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, sondern nur
+aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, die nichts aus meinem Herzen tilgen
+könnte.
+
+Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Sie haben
+schlecht von mir gedacht, Makar Alexejewitsch.
+
+ Ihre Sie von Herzen liebende
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 28. Juli.
+
+Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
+
+Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden ist und alles
+allmählich wieder ins alte Geleise kommt, kann ich ja zu Ihnen ganz
+aufrichtig sein, mein Kind. Also: es beunruhigt Sie, was man von mir
+denken und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich mich, Ihnen
+mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte mir höher steht, als alles andere.
+Und da kann ich Ihnen denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen
+Unglücksfällen und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, daß
+von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas erfahren hat, so daß sie mich
+alle nach wie vor achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich
+Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, aber nachdem ich ihr
+jetzt mittels Ihrer zehn Rubel einen Teil meiner Schuld bezahlt habe,
+brummt sie nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht so
+schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten, dann sind sie ganz gut.
+Zum Schluß aber dieser meiner Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein
+Kind, daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und jedes in der
+Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt habe, tröste ich mich nun
+in der Zeit meiner Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und
+die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß Sie es so milde
+auffassen, daß Sie mich deshalb nicht für einen treulosen Freund und
+selbstsüchtigen Menschen halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt
+und Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, mich von
+Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe mich mit Eifer von neuem an meine
+Arbeit gemacht und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im Dienst
+mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij Iwanowitsch sagte kein
+Wort, als ich gestern an ihm vorüberging.
+
+Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein Kind, daß meine Schulden
+und der schlechte Zustand meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber
+darauf kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie nur inständig,
+sich wegen dieser Nebensachen keine Sorgen zu machen. Sie senden mir
+noch ein halbes Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat mir mein
+Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so hat sich das Blatt gewandt!
+Nicht ich, der alte Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern Sie,
+mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir! Das war sehr gut von Fedora,
+daß sie Geld verschafft hat. Ich habe vorläufig gar keine Aussichten,
+irgendwo welches auftreiben zu können, mein Kind, doch sobald sich
+irgendeine Aussicht auf eine Möglichkeit einstellen sollte, werde ich
+Ihnen darüber ausführlich näheres schreiben. Nur der Klatsch, der
+Klatsch beunruhigt mich!
+
+Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich küsse Ihr Händchen und bitte Sie
+flehentlich, nur ja wieder gesund zu werden. Ich schreibe deshalb so
+kurz, weil ich zum Dienst eilen muß, denn durch Eifer und Fleiß will ich
+alle meine Versäumnisse nachholen und so mein Gewissen langsam
+beruhigen. Die ausführlichere Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener
+Geschichte mit den Offizieren verschiebe ich auf den Abend. Dann habe
+ich mehr Zeit.
+
+ Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 28. Juli.
+
+Warinka, mein Liebes!
+
+Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und
+wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich
+um den Rest von Überlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, und mich
+ganz und gar vor den Kopf gestoßen: erst jetzt, nachdem ich in Muße
+nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich
+und weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich
+rede jetzt nicht von meinen drei wüsten Tagen (lassen wir das gut sein,
+Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, daß
+ich Sie liebe und daß es keineswegs unvernünftig von mir war, Sie zu
+lieben, nein, durchaus nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja
+doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das alles kam, warum ich Sie
+lieben muß, so würden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur
+so, und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken.
+
+Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit
+jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein
+Engelchen, daß ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.
+Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon einen ganzen Monat
+sozusagen nur noch an einem Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß,
+daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen
+versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls,
+aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich
+hätte mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien lassen,
+die schändliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch
+eine Schande, und zweitens kam hinzu, daß sie Gott weiß woher von
+unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen
+Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören und Sehen verging und
+ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren
+nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch
+jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen
+soll ...
+
+Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglück in allen
+seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hörte ich nun
+plötzlich von Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen sei und
+Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. Daß er Sie tief und
+grausam beleidigt haben mußte, das konnte ich schon nach mir selbst
+beurteilen, mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt.
+Ja – und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor den
+Kopf und verlor mich selbst vollständig dazu. Ich lief in einer solchen
+Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden. Ich
+wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, dem nichts mehr heilig war!
+Doch ich weiß selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls, mein
+Engelchen, daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen und
+Schmutz draußen und Weh und Kummer im Herzen! ... Ich gedachte schon
+zurückzukehren ... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. Ich begegnete
+dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, – er ist ein Beamter, d. h. er war
+Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem
+Grunde davongejagt. – Ich weiß eigentlich nicht, womit er sich jetzt
+beschäftigt – irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen
+und so gingen wir denn beide. Gingen. – Und dann, – ja, was soll man da
+reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, von den Verirrungen
+und Prüfungen Ihres Freundes zu lesen – und den Bericht von all dem
+Unglück mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend –
+der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt – ging ich
+schließlich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem
+Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch – da nun einmal die Rede davon
+ist – schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon
+lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja
+ein, daß ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in
+einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und
+dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß ich nichts mehr, was
+dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, daß sehr viele Offiziere
+bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen
+alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat,
+ich weiß nur, daß ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun
+und da wurde ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe
+hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich
+hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich wurde hinausbefördert. Wie ich
+wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,
+Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und meine Ehre hat
+darunter gelitten, aber von dem ganzen weiß ja doch niemand, von fremden
+Menschen niemand, außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso
+gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch
+wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß,
+das ist, daß im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz
+ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht öffentlich,
+tat es unter vier Augen. Er ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber
+sah alles zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es
+für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung:
+denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon – außer mir. Ich aber – nun,
+ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß ich nichts
+davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als hätte auch ich
+nichts gewußt. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij
+Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas zwischen
+ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein
+Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt
+grüßen sie sich, als ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar
+die Hand.
+
+Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu
+widersprechen, ich sehe es selbst ein, daß ich tief gesunken bin und ich
+habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr
+viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so
+bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, – dem Schicksal aber
+entgeht man nicht, wie Sie wissen.
+
+So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles dessen, was mich in
+meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie
+sehen, ist es von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu
+denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefühle
+abhanden gekommen. Ich schließe, indem ich Sie, verehrte Warwara
+Alexejewna, meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und
+verbleibe
+
+ Ihr ergebenster Diener
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 29. Juni.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hände zusammengeschlagen!
+Mein Gott, mein Gott! Hören Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie
+mir etwas oder Sie haben mir überhaupt nur einen Teil Ihrer
+Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ... wirklich, Makar Alexejewitsch,
+aus Ihren Briefen lese ich noch immer eine gewisse Verstörtheit heraus
+... Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen Sie! Und hören Sie:
+kommen Sie einfach zum Mittagessen zu uns. Ich weiß nicht, wie Sie dort
+leben und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie schreiben davon
+nichts, und zwar scheinbar absichtlich, als wollten Sie wieder etwas
+verschweigen.
+
+Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie unbedingt heute zu uns.
+Überhaupt wäre es besser, wenn Sie immer bei uns essen würden. Fedora
+kocht sehr gut. Leben Sie wohl.
+
+ Ihre
+ Warwara Dobrosseloff.
+
+
+ 1. August.
+
+Warwara Alexejewna, meine Liebe!
+
+Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit
+gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu
+beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgüte Ihres
+Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir
+nicht wie damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein
+Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesündigt, was ist da
+zu machen! – wenn Sie durchaus wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen
+Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut weh!
+
+Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen das sage. In meinem
+Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: – das ist von
+der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon
+beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes
+Welt sieht er anders an, auf jeden Vorübergehenden sieht er mißtrauisch
+von der Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt um, und
+horcht auf jedes Wort – ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob man
+sich nicht gerade zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er
+ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick
+wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und
+wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder,
+Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und
+keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch
+immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt
+am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so,
+wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der
+linken Seite nach außen sein muß, er darf da nichts tiefinnerlich
+Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas,
+das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß
+man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht habe, und daß er dabei
+für jeden Heller gewissermaßen einer Besichtigung unterzogen worden sei.
+Die Menschen waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen nicht umsonst
+geben müßten – oh nein: sie zahlten dafür, daß man ihnen einen armen
+Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz
+eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer so erwiesen
+worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht
+oder sie sind schon gar zu große Meister darin – eins von beiden.
+
+Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann merken Sie es sich!
+Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch über manches nicht mitreden kann
+– hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber
+weiß ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er überhaupt so etwas?
+Ja, woher weiß er es? – Nun, eben so – aus Erfahrung! Ebensogut wie er
+weiß, daß dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein
+Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: „Was wird wohl dieser
+arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _sauté
+aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne
+Butter essen!“ – Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter
+essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt
+wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann
+noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln überall
+und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß auftritt, oder nur mit der
+Fußspitze, und notieren es sich noch, daß der und der Beamte in dem und
+dem Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, daß
+die Ärmel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und
+Löcher aufweisen – und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und
+obendrein wird’s gedruckt ... Was geht das dich an, daß meine Ellenbogen
+zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so
+sage ich Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe
+Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mädchenscham empfinden. Sie
+werden sich doch auch nicht vor allen Leuten – verzeihen Sie mir das
+grobe Beispiel – auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht
+es der arme Mensch, daß man in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu
+sehen, wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag aber für ein
+Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die
+Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu
+beleidigen?
+
+Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz mäuschenstill und geduckt,
+und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham
+fast vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man verliert ja
+unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, daß durch das durchgescheuerte
+Ärmelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knöpfe nur noch an einem
+Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles
+buchstäblich wie behext, und in der größten Verwahrlosung! Da verliert
+man denn ganz unwillkürlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst
+Stepan Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir zu
+sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, und dann plötzlich
+entfuhr es ihm ganz unversehens: „Ach ja, Makar Alexejewitsch!“ sprach
+aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es
+durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, daß sogar meine
+Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist
+doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermütige
+Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott
+behüte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich,
+aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht.
+Diesen Räubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne
+weiteres! Sie sind fähig, dein ganzes Privatleben für nichts und wieder
+nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!
+
+Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff hat’s getan! Er muß
+mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem
+Betreffenden so gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine
+Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er hat’s vielleicht in
+seinem Bureau erzählt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden
+und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau
+unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich weiß
+schon, daß sie’s tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging,
+steckten sie aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin sagte,
+da habe nun der Teufel mit einem Säugling einen Bund geschlossen, und
+dann drückte sie sich außerdem noch unanständig über Sie aus.
+
+Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche Absicht
+Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in
+einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir
+deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts
+mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, wozu ich mich
+entschließen muß. Ja, – soll man da noch länger seine Sünde in Abrede
+stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, mein
+Engelchen!
+
+Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht
+langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was
+ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch
+Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen
+geschrieben, nur so, damit müßige Leute etwas zu lesen haben. Glauben
+Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen
+Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen – in der
+Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! – so ist ja doch auch
+ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts
+weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe und nur zu solchem Zweck von
+diesem Pasquillanten verfaßt!
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 2. August.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht mehr! Gott wird uns
+schon helfen und alles wird wieder gut werden. Fedora hat für sich und
+mich eine Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergnügt
+sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir dadurch alles wieder
+gutmachen können. Fedora sagte mir, sie glaube, daß Anna Fedorowna über
+alle meine Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet
+sei, doch mir ist jetzt alles gleichgültig. Ich bin heute ganz besonders
+froh gestimmt.
+
+Sie wollen Geld borgen – Gott bewahre Sie davor! Damit würden Sie sich
+noch mehr Unglück auf den Hals laden, denn Sie müssen es zurückzahlen,
+und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber
+noch etwas sparsamer, kommen Sie öfter zu uns und achten Sie nicht
+darauf, was Ihre Wirtin da schreit. Was aber Ihre übrigen Feinde und
+alle Ihnen mißgünstig Gesinnten betrifft, so bin ich überzeugt, daß Sie
+sich mit ganz grundlosen Befürchtungen quälen, Makar Alexejewitsch!
+
+Sie könnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten, ich habe Ihnen schon
+das vorige Mal gesagt, daß Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also
+leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter allen
+Umständen.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+ 3. August.
+
+Mein Engelchen Warwara Alexejewna!
+
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, daß ich jetzt doch
+wieder eine kleine Aussicht habe und damit auch wieder Hoffnung. Aber
+zunächst erlauben Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle
+keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht ohne sie. Mir geht es
+schon schlecht, aber wie wird das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen
+doch plötzlich etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches
+Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn auch, daß man sich
+unbedingt Geld verschaffen muß. Und nun hören Sie weiter.
+
+Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im Bureau neben Jemeljan
+Iwanowitsch sitze. Das ist nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon
+erzählt habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. Wir
+beide sind so ziemlich die Ältesten im ganzen Departement, die
+Alteingesessenen, wie man uns zu nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch,
+ein uneigennütziger Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig, wissen
+Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein richtiger Brummbär aus.
+Dafür arbeitet er gut, hat eine sogenannte englische Handschrift, und
+wenn man die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als ich.
+Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! Sehr intim sind wir beide
+nie gewesen, nur so auf „Guten Tag!“ und „Leben Sie wohl!“ haben wir
+gestanden, doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein Federmesser nötig
+hatte, nun, dann sagte ich eben: „Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr
+Messerchen, auf einen Augenblick!“ Also eine richtige Unterhaltung gab’s
+zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, was man sich so
+gelegentlich zu sagen hat, wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen
+Sie, da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir: „Makar
+Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so nachdenklich?“
+
+Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir – und da vertraute ich mich
+ihm denn an. So und so, sagte ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles
+erzählte ich ihm nicht – und natürlich, Gott behüte, werde ich das auch
+nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, aber so dies und jenes
+habe ich ihm doch anvertraut, mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß
+ich „etwas in Geldverlegenheit“ sei, nun, und so weiter.
+
+„Aber Sie könnten doch, Väterchen,“ sagte darauf Jemeljan Iwanowitsch,
+„könnten sich doch von jemandem Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von
+Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe auch von ihm
+geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar so hohe Prozente, wirklich,
+nicht gar so hohe.“
+
+Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders vor lauter Freude – es
+hüpfte nur so! Ich dachte und dachte hin und her und setzte mein
+Vertrauen auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch
+vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht. Und ich begann schon,
+alles auszurechnen: wie ich dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen
+und auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen verleihen
+würde – denn so ist es doch eine wahre Schande, man schämt sich
+ordentlich, auf seinem Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die
+Jungen ewig über einen lachen – nun, Gott verzeih’ ihnen! Aber auch
+Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem Tisch vorüber: nun, sagen wir,
+wenn sie einmal – wovor Gott uns behüte und bewahre! – wenn sie einmal
+im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen geruhten und bemerken
+sollten, daß ich, sagen wir, ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner
+Exzellenz aber sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie würden ja
+wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, ich würde auf der Stelle
+sterben vor Scham, – sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn
+all meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut es ging, und begab
+mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits voll Hoffnung und andererseits
+weder tot noch lebendig vor Erwartung – beides zugleich.
+
+Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es endete mit – nichts. Er
+war da sehr beschäftigt und sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich
+trat von der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am Ärmel:
+bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle, mit Pjotr Petrowitsch. Er
+sah sich nach mir um – und da begann ich denn und sagte ungefähr: „So
+und so, Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa dreißig Rubel
+usw.“ – Er schien mich zuerst nicht ganz zu verstehen, als ich ihm aber
+dann nochmals alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber
+nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er aber fragte
+plötzlich: „Haben Sie ein Pfand?“ – selbst jedoch vertiefte er sich
+wieder ganz in seine Papiere und schrieb weiter, ohne sich nach mir
+umzusehen. Das machte mich ein wenig befangen.
+
+„Nein,“ sagte ich, „ein Pfand habe ich nicht, Pjotr Petrowitsch“ – und
+ich erklärte ihm: „So und so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen,
+sobald ich meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, werde es
+für meine erste Pflicht erachten.“ In diesem Augenblick rief ihn jemand
+und er ging fort, ich blieb aber und erwartete ihn. Er kam denn auch
+bald wieder zurück, setzte sich, spitzte seine Feder – mich aber
+bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch wieder darauf zu
+sprechen, „also so und so, Pjotr Petrowitsch, ginge es denn nicht doch
+irgendwie?“
+
+Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu hören, ich aber stand,
+stand. – Nun, dachte ich, ich will es doch noch einmal, zum letztenmal,
+versuchen, und zupfte ihn wieder ein wenig am Ärmel. Er sagte aber
+keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen von seiner Federspitze
+und schrieb weiter. Da ging ich denn.
+
+Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht sehr ehrenwerte
+Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, – nichts für unsereinen! Wo
+reichen wir an diese hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe
+ich Ihnen auch alles das geschrieben.
+
+Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen und schüttelte den
+Kopf, aber er machte mir doch wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan
+Iwanowitsch ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich einem
+gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, Warinka, der auf der
+Wiborger Seite[9] wohnt, leiht gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan
+Iwanowitsch sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. Ich
+werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen werde ich zu ihm gehen. Was
+meinen Sie dazu? Es geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon,
+mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen geben. Und meine
+Stiefel sind schrecklich schlecht, mein Kind, und Knöpfe fehlen mir
+überall, und was mir nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der
+Vorgesetzten eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein Unglück, Warinka,
+wirklich ein Unglück!
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 4. August.
+
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen Sie so bald als
+möglich Geld! Ich würde Sie unter den jetzigen Umständen natürlich für
+keinen Preis um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher Lage ich
+mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser Wohnung bleiben, ich muß
+fort! Ich habe die schrecklichsten Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können
+es sich nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin!
+
+Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen erscheint bei uns
+plötzlich ein fremder Herr, ein schon bejahrter Mann, nahezu ein Greis,
+mit Orden auf der Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er von
+uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um noch etwas zu kaufen. Er
+begann mich auszufragen: wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und
+darauf erklärte er mir – ohne meine Antwort abzuwarten, – er sei der
+Onkel jenes Offiziers und habe sich über das flegelhafte Betragen seines
+Neffen sehr geärgert: er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in
+einen schlechten Ruf gebracht habe – sein Neffe sei ein leichtsinniger
+Bengel, der zu nichts tauge, er aber fühle sich als Onkel verpflichtet,
+die Schuld seines Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu
+nehmen. Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen Leute zu hören, er
+dagegen habe wie ein Vater Mitleid mit mir, empfinde überhaupt
+väterliche Liebe für mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu
+helfen.
+
+Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was ich denken sollte,
+weshalb ich ihm natürlich auch nicht dankte. Er nahm meine Hand und
+hielt sie fest, obschon ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte
+meine Wange, sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders
+gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe. – Gott weiß, was er
+da noch sprach! – und zu guter Letzt wollte er mich auch noch küssen: er
+sei ja schon ein Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! – Da trat
+Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen und begann wieder damit,
+daß er mich wegen meiner Bescheidenheit und Wohlerzogenheit überaus
+achte: er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor ihm verlöre.
+Dann rief er Fedora beiseite und wollte ihr unter einem seltsamen
+Vorwand Geld in die Hand drücken. Doch Fedora nahm es natürlich nicht
+an. Da brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals alle seine
+Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder zu besuchen und mir dann
+Ohrringe mitzubringen (ich glaube, er war zum Schluß selbst etwas
+verlegen). Er riet mir außerdem, in eine andere Wohnung überzusiedeln,
+und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei und mich nichts kosten
+würde. Er sagte, daß er mich namentlich deshalb sehr liebgewonnen habe,
+weil ich ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen sei. Darauf riet er
+mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend in acht zu nehmen, und zum
+Schluß erklärte er, daß er mit Anna Fedorowna bekannt sei und sie ihn
+beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen werde. Da begriff
+ich denn alles! Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah – ich habe das
+zum erstenmal gefühlt und mich zum erstenmal in einer solchen Lage
+befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn tüchtig – und Fedora
+stand mir bei und jagte ihn förmlich aus dem Zimmer. Das ist natürlich
+Anna Fedorownas Machwerk – woher hätte er sonst etwas von uns erfahren
+können?
+
+Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, und flehe Sie an, mir
+beizustehen. Helfen Sie mir, um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt
+nicht im Stich! Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur
+ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten eines Umzuges
+bestreiten könnten, hierbleiben aber können wir unter keinen Umständen,
+das ist ganz ausgeschlossen. Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen
+wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde Ihnen dieses Geld
+zurückgeben, ich werde es mir schon verdienen! Fedora wird mir in den
+nächsten Tagen noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht
+durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, gehen Sie auf
+jede Bedingung ein! Ich werde Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen
+Sie mich jetzt nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen unter
+den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu kommen, aber Sie sind
+doch meine einzige Stütze, meine einzige Hoffnung!
+
+Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie an mich, und Gott gebe
+Ihnen Erfolg!
+
+ W. D.
+
+
+ 4. August.
+
+Mein Täubchen Warwara Alexejewna!
+
+Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schläge sind es, die mich
+erschüttern! Gerade diese schrecklichen Heimsuchungen schlagen mich zu
+Boden! Dieses Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswürdigen
+Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf das Krankenlager
+bringen, durch alle die Aufregungen, die sie Ihnen bereiten, sondern
+auch mir wollen sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden
+sie, ich schwöre es, das werden sie! Ich wäre doch jetzt eher zu sterben
+bereit, als Ihnen nicht zu helfen! Und wenn ich Ihnen nicht helfen
+könnte, so wäre das mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich
+Ihnen aber, so fliegen Sie mir schließlich wie ein Vöglein fort, und
+dann werden Sie von diesen Nachteulen, diesen Raubvögeln, die Sie jetzt
+aus dem Nestchen locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist es,
+was mich am meisten quält, mein Kind. Aber auch Ihnen, Warinka, trage
+ich eines nach: warum müssen Sie denn gleich so grausam sein? Wie können
+Sie nur! Sie werden gequält, Sie werden beleidigt, Sie, mein Vögelchen,
+mein kleines, armes Herzchen, haben nur zu leiden, und da – da machen
+Sie sich noch deshalb Sorgen, daß Sie mich beunruhigen müssen, und
+versprechen, das Geld zurückzuzahlen, und es zu erarbeiten: das aber
+heißt doch in Wirklichkeit, daß Sie sich bei Ihrer schwachen Gesundheit
+zuschanden arbeiten wollen, um für mich zum richtigen Termin das Geld zu
+beschaffen! So bedenken Sie doch bloß, Warinka, was Sie da sprechen!
+Wozu sollen Sie denn nähen und arbeiten und Ihr armes Köpfchen mit
+Sorgen quälen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka, Warinka!
+
+Sehen Sie, mein Täubchen, ich tauge zu nichts, zu gar nichts, und ich
+weiß es selbst, daß ich zu nichts tauge, aber ich werde dafür sorgen,
+daß ich doch noch zu etwas tauge! Ich werde alles überwinden, ich werde
+mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde für unsere Schriftsteller
+Abschriften machen, ich werde zu ihnen gehen, werde selbst zu ihnen
+gehen und mir Arbeit von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute
+Abschreiber, ich weiß es, daß sie sie suchen! Sie aber sollen sich nicht
+krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich das zu!
+
+Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt Geld auftreiben, ich
+sterbe eher, als daß ich es nicht tue. Sie schreiben, mein Täubchen, ich
+solle vor hohen Prozenten nicht zurückschrecken: – das werde ich gewiß
+nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurückschrecken, jetzt vor
+nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel erbitten, mein Kind. Das ist doch
+nicht zu viel, Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig Rubel auf
+mein Wort ohne weiteres anvertrauen? Das heißt, ich will nur wissen, ob
+Sie mich für fähig halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen
+einzuflößen? So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und überhaupt –
+kann man mich da auf den ersten Blick hin günstig beurteilen? Denken Sie
+zurück, mein Engelchen, denken Sie nach, kann ich wohl einen guten
+Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal sieht? Bin ich wohl
+der Mann dazu? Was meinen Sie? Wissen Sie, man fühlt doch solch eine
+Angst – krankhaft geradezu, wirklich krankhaft!
+
+Von den vierzig Rubeln gebe ich fünfundzwanzig Ihnen, Warinka, zwei der
+Wirtin und den Rest behalte ich für mich, für meine Ausgaben.
+
+Zwar sehen Sie: der Wirtin müßte ich eigentlich mehr geben, sogar
+unbedingt mehr, aber überlegen Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen
+Sie mal zusammen, was ich nur fürs Allernotwendigste brauche: Sie werden
+einsehen, daß ich ihr unter keinen Umständen mehr geben kann – folglich
+lohnt es sich gar nicht, noch weiter darüber zu reden, und man kann die
+Frage einfach ausschalten. Für fünf Rubel kaufe ich mir ein Paar
+Stiefel. Ich weiß wirklich nicht, ob ich morgen noch mit den alten in
+den Dienst gehen kann. Eine Halsbinde wäre wohl auch sehr nötig, da die
+jetzige schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem alten
+Schürzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern auch eine Halsbinde zu
+verfertigen versprachen, so will ich daran nicht weiter denken. Somit
+hätten wir Stiefel und Halsbinde. Jetzt noch Knöpfe, mein Liebes! Sie
+werden doch zugeben, Kindchen, daß ich ohne Knöpfe nicht auskommen kann,
+von meinem Uniformrock ist aber die Hälfte der Garnitur schon
+abgefallen. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Seine Exzellenz eine
+solche Nachlässigkeit bemerken und sagen könnten – ja, was!? Das würde
+ich ja doch nicht mehr hören, denn ich würde dort sterben, auf der
+Stelle sterben, tot hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloßen
+Gedanken den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das würde ich! – Ja, und
+dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen drei Rubel, die blieben
+mir dann zum Leben und für ein halbes Pfündchen Tabak, denn sehen Sie,
+mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben, heute aber ist es schon
+der neunte Tag, daß ich mein Pfeifchen nicht mehr angerührt habe. Ich
+hätte ja, offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es Ihnen vorher
+zu sagen, aber man schämt sich vor seinem Gewissen. Sie dort sind
+unglücklich, Sie entbehren alles, ich aber sollte mir hier gar
+Vergnügungen leisten? Also deshalb sage ich es Ihnen, daß ich mich nicht
+mit Gewissensbissen zu quälen brauche. Ich gestehe Ihnen ganz offen,
+Warinka, daß ich mich jetzt in einer äußerst verzweifelten Lage befinde,
+das heißt, bisher habe ich in meinem Leben noch nichts Ähnliches
+durchgemacht. Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder Schätzung –
+davon kann keine Rede sein. Überall Mangel, überall Schulden, im Dienst
+aber, wo mich die Kollegen auch früher schon nicht auf Rosen gebettet
+haben, im Dienst – nun, schweigen wir lieber davon. Ich verberge alles,
+ich suche es vor allen sorgfältig zu verbergen, und auch mich selbst
+verberge ich: wenn ich in den Dienst gehe, drücke ich mich nach
+Möglichkeit unbemerkt und seitlich an allen vorüber. Ich habe gerade nur
+noch so viel Mut, daß ich Ihnen dies offen eingestehen kann ...
+
+Aber wie, wenn er nichts gibt?
+
+Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht daran und quält sich
+nicht unnütz mit solchen Vorstellungen, die einem schon im voraus jeden
+Mut rauben. Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und davor zu
+bewahren, daß Sie nicht im voraus daran denken und sich mit bösen
+Gedanken quälen. Tun Sie es nicht! Aber, mein Gott, was würde aus Ihnen
+werden! Freilich würden Sie dann die Wohnung nicht wechseln, vielmehr
+hier in meiner Nähe bleiben – aber nein, ich käme dann überhaupt nicht
+mehr zurück, ich würde einfach untergehen, verschwinden, verderben!
+
+Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel geschrieben, und hätte
+mich doch statt dessen rasieren können, denn rasiert sieht man stets
+etwas sauberer und anständiger aus, das aber hat viel zu sagen und hilft
+einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott gebe es! Ich werde beten
+und dann – mich auf den Weg machen!
+
+ M. Djewuschkin.
+
+
+ 5. August.
+
+Liebster Makar Alexejewitsch!
+
+Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln würden! Es gibt ohnehin schon
+Sorgen genug! – Ich sende Ihnen dreißig Kopeken, mehr kann ich nicht.
+Kaufen Sie sich dafür, was Sie da gerade am notwendigsten brauchen, um
+sich wenigstens noch bis morgen irgendwie durchzuschlagen. Wir haben
+selbst fast nichts mehr, was morgen aus uns werden wird – ich weiß es
+nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Übrigens sollen Sie deshalb
+den Kopf nicht hängen lassen: nun, er hat Ihnen nichts gegeben, was ist
+denn schließlich dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir
+könnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben – und selbst wenn wir in
+eine andere Wohnung übergesiedelt wären, hätten wir damit doch nur wenig
+gewonnen, denn wer es wolle, der könne uns überall finden. Freilich ist
+es deshalb noch immer nicht schön, jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles
+so traurig wäre, würde ich Ihnen noch mancherlei schreiben.
+
+Was Sie doch für einen sonderbaren Charakter haben, Makar Alexejewitsch!
+Sie nehmen sich alles viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch
+immer der unglücklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe sehr
+aufmerksam und sehe, daß Sie sich in einem jeden dermaßen um mich sorgen
+und quälen, wie Sie sich um sich selbst noch nie gesorgt und gequält
+haben. Man wird natürlich sagen, daß Sie ein gutes Herz haben. Ich aber
+sage, daß Ihr Herz viel zu gut ist. Ich möchte Ihnen einen
+freundschaftlichen Rat geben, Makar Alexejewitsch. Ich bin Ihnen
+dankbar, sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben, ich
+empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie jetzt selbst, wie
+mir zumute ist, wenn ich sehen muß, daß Sie nach all Ihrem Unglück und
+Ihren Sorgen, deren unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, – daß Sie
+auch jetzt noch nur für mich leben, gewissermaßen sogar nur um
+meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden, mein Leid ist Ihr
+Leid, und meine Gefühle sind Ihnen wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man
+sich aber den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen so viel
+Mitleid empfindet, dann hat man allerdings Ursache, der unglücklichste
+Mensch zu sein. Als Sie heute nach dem Dienst bei uns eintraten,
+erschrak ich förmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so
+abgehärmt und mitgenommen, so zerstört und verzweifelt aus: Sie waren
+kaum wiederzuerkennen, – und das alles nur deshalb, weil Sie sich
+fürchteten, mir Ihren Mißerfolg mitzuteilen, mich zu betrüben und zu
+erschrecken. Als Sie aber sahen, daß ich ob dieses kleinen Unglücks zu
+lachen begann, da atmeten Sie geradezu befreit auf. Makar Alexejewitsch!
+So grämen Sie sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie
+doch vernünftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwöre Sie! Sie werden
+sehen, es wird alles gut werden, alles wird sich zum Besseren wenden.
+Sie machen sich das Leben ganz unnötigerweise schwer, indem Sie sich
+ewig um andere grämen und sorgen.
+
+Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals, sorgen Sie sich
+nicht um mich!
+
+ W. D.
+
+
+Mein Täubchen Warinka!
+
+Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu der Überzeugung gelangt,
+daß es noch kein Unglück ist, daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun
+gut, ich bin also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil Sie
+mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung bleiben. Ja und
+wenn man schon alles sagen soll, so muß ich gestehen, daß mein Herz voll
+Freude war, als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über mich
+schrieben und sich über meine Gefühle so lobend äußerten. Ich sage das
+nicht aus Stolz, sondern weil ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen,
+wenn Sie sich gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch was soll man
+jetzt noch viel von meinem Herzen reden! Das Herz ist eine Sache für
+sich, – aber Sie sagen da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein soll.
+Ja, mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig ist, daß man ihn
+wirklich nicht braucht – den Kleinmut, meine ich. Aber, bei alledem:
+sagen Sie mir jetzt bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln ich mich
+morgen in den Dienst begeben soll? – Da sehen Sie, mein Kind, wo der
+Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch einen Menschen zugrunde richten,
+kann ihn einfach vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist freilich,
+daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß ich nicht um
+meinetwillen darunter leide. Mir persönlich ist das doch ganz gleich,
+und müßte ich auch in der größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen:
+ich würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, ich bin doch
+ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber was werden die Leute dazu
+sagen? – was werden meine Feinde sagen, und alle diese boshaften Zungen,
+wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch nur um der Leute
+willen, und auch die Stiefel trägt man nur ihretwegen. Die Stiefel sind
+in diesem Falle, mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur Aufrechterhaltung
+der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen Stiefeln aber geht
+die eine wie der andere verloren – glauben Sie mir, was ich Ihnen sage,
+mein Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige Erfahrung, hören Sie
+auf mich Alten, der die Menschen kennt, und nicht auf irgend solche
+Sudler.
+
+Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich erzählt, Kind, wie das
+heute alles in Wirklichkeit war. Ich habe an diesem einen Morgen so viel
+ausgestanden, so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch einer
+vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun hören Sie, wie es war:
+
+Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn anzutreffen und dann
+selbst noch rechtzeitig in den Dienst kommen zu können. Es war solch ein
+Regenwetter heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in meinen
+Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, und dabei dachte ich die ganze
+Zeit: Lieber Gott! Vergib mir alle meine Übertretungen deiner Gebote und
+laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich an der –schen Kirche
+vorüberging, bekreuzte ich mich, bereute alle meine Sünden, besann mich
+aber darauf, daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu
+unterhandeln. Da versenkte ich mich denn in meine eigenen Gedanken und
+wollte nichts mehr ansehen. Und so ging ich denn, ohne auf den Weg zu
+achten, immer weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen, denen
+man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt und gehetzt aus – freilich
+war das auch kein Wunder: wer wird denn um diese Zeit und bei diesem
+Wetter spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam mir entgegen:
+die stießen mich roh zur Seite, die Kerle. Da überfiel mich wieder
+Schüchternheit, mir wurde bange, und an das Geld, um die Wahrheit zu
+sagen, wollte ich überhaupt nicht mehr denken – geht man auf gut Glück,
+nun, dann eben auf gut Glück!
+
+Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine meiner Stiefelsohlen
+liegen, so daß ich selbst nicht mehr weiß, auf was ich eigentlich
+weiterging. Und gerade dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff
+entgegen, stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als wolle
+er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, Bruderherz, dachte ich,
+ein Trinkgeld, was ist ein Trinkgeld!
+
+Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich ein bißchen, und dann
+schleppte ich mich wieder weiter. Jetzt sah ich absichtlich überall hin,
+um irgendwo was zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften
+können, so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, aber
+ich fand nichts: kein einziger Gedanke wollte haften bleiben, und zum
+Überfluß war ich auch noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir
+selber schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes hölzernes
+Haus mit einem Giebelausbau, eine Art Villa: nun, da ist es, dachte ich
+gleich, so hat es mir auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben – das Haus
+Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der Geld auf Prozente
+leiht.) Nun, und da gingen mir denn die Gedanken alle ganz
+durcheinander: ich wußte, daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem
+den Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn dies dort eigentlich
+sei, das heißt also, wer darin wohne. Der Schutzmann aber, solch ein
+Grobian, antwortete mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und
+brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem gewissen Markoff.
+Diese Polizeibeamten sind alle so gefühllose Menschen – doch was gehen
+sie mich schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer
+Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum andern. In allem findet man
+etwas, was gerade der eigenen Lage entspricht oder was man als
+gewissermaßen zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer so. –
+An dem Hause ging ich dreimal vorüber, aber je mehr ich ging, um so
+schlimmer wurde es: nein, denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir
+bestimmt kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein fremder,
+ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle Sache, und auch mein
+Äußeres ist nicht gerade einnehmend. Nun, denke ich, wie es das
+Schicksal will, dann bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es
+überhaupt nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja auch nicht
+gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich denn leise das Hofpförtchen.
+Aber nun kam schon das andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da
+stürzte solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger Hackenbeißer,
+auf mich los und kläffte und kläffte, daß einem die Ohren klangen. Und
+sehen Sie, immer sind es gerade derartige nichtswürdige kleine
+Zwischenfälle, mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und
+von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, zu der man
+sich schon zusammengerafft hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot
+halb lebendig ins Haus – dort aber stieß ich gleich auf ein neues
+Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und was im halbdunklen Flur neben
+der Schwelle stand – plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes
+Weib, das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß, und da
+verschüttete sie denn die ganze Milch. Das dumme Weib schrie natürlich
+und keifte sogleich und zeterte: „Siehst du denn nicht, wohin du rennst,
+mach doch die Augen auf, was suchst du hier?“ und so ging es weiter ohne
+Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles, mein Kind, schreibe es nur
+deshalb, weil mir in solchen Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß
+mir wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate ich mit etwas
+anderem, ganz Nebensächlichem zusammen und durcheinander.
+
+Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, eine
+Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an sie: ob hier Herr Markoff
+wohne? Nein, sagte sie zunächst barsch, blieb dann aber stehen und
+musterte mich eingehend.
+
+„Was wollen Sie denn von ihm?“ fragte sie.
+
+Nun, ich erklärte ihr alles: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch ...“ –
+erzählte auch alles übrige – kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief
+die Alte ihre Tochter herbei – die kam: ein erwachsenes Mädchen, und
+barfuß.
+
+„Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. Bitte, treten Sie näher.“
+
+Ich trat ein. Das Zimmer war – nun, wie so gewöhnlich diese Zimmer sind:
+an den Wänden Bilder, größtenteils Porträts von Generälen, ein Sofa, ein
+runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen – ich denke und
+denke: soll ich mich nicht lieber drücken, solange es noch Zeit ist? Und
+bei Gott, mein Kind, ich war wirklich schon im Begriff, fortzulaufen!
+Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens, dann wird auch
+das Wetter besser sein, ich werde noch bis dahin warten! Heute aber ist
+sowieso die Milch verschüttet, die Generale sehen mich alle so böse an
+... Und ich wandte mich, ich gesteh’s wirklich, schon zur Tür, Warinka,
+da kam auch schon Er: – so, nichts Besonderes, ein kleines, graues
+Kerlchen, mit solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen Äuglein, dabei
+in einem schmierigen Schlafrock, mit einer Schnur um den Leib.
+
+Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und womit er mir dienen
+könne, worauf ich ihm sagte: „So und so, Jemeljan Iwanowitsch – etwa
+vierzig Rubel,“ sagte ich, „die habe ich nötig –.“ Aber ich sprach nicht
+zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich verspielt hatte.
+
+„Nein,“ sagte er, „tut mir leid, ich habe kein Geld. Oder haben Sie ein
+Pfand?“
+
+Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand zwar nicht habe,
+„Jemeljan Iwanowitsch aber – und so weiter,“ mit einem Wort, ich
+erklärte ihm alles, was da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an.
+
+„Ja, was,“ sagte er, „Jemeljan Iwanowitsch kann mir nichts helfen, ich
+habe kein Geld.“
+
+Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das wußte ich, das habe
+ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, es wäre besser gewesen, die Erde
+hätte sich unter mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief mir
+über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich an, fast als wolle er
+sagen: „Nun, geh mal jetzt, mein Bester, du hast hier nichts mehr zu
+suchen,“ – so daß ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt
+hätte.
+
+„Wozu brauchen Sie denn das Geld?“ – (das hat er mich wirklich gefragt,
+mein Kind!).
+
+Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig dazustehen, aber er
+wollte mich gar nicht mehr anhören.
+
+„Nein,“ sagte er, „ich habe kein Geld, sonst,“ sagte er, „sonst würde
+ich mit dem größten Vergnügen ...“
+
+Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, sagte ihm, daß ich
+ja nicht viel brauche, daß ich ihm alles wieder zurückgeben würde, genau
+zum Termin, ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe Prozente nehmen
+könne, wie er nur wolle, und daß ich ihm, noch einmal, bei Gott alles
+zurückzahlen werde. Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein
+Kind, an Ihr Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr
+Fünfzigkopekenstückchen.
+
+„Nein,“ sagte er, „wer redet hier von Prozenten, aber wenn Sie ein Pfand
+hätten ... Ich habe im Augenblick kein Geld, bei Gott, ich habe keines,
+sonst natürlich mit dem größten Vergnügen ...“
+
+Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber!
+
+Nun und da, meine Liebe, – ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das Haus
+verließ und wieder auf die Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur
+furchtbar müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren und kam
+erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte meine Kleider etwas
+abbürsten, vom Schmutz reinigen, aber der Amtsdiener sagte, das gehe
+nicht an, ich würde die Bürste verderben, die Bürste sei aber
+Kronseigentum. Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt von diesen
+Leuten angesehen werde: als wäre ich noch nicht einmal eine alte Matte,
+an der man die Füße abwischen kann. Was ist es denn, Warinka, was mich
+so niederdrückt? – Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, sondern alle
+diese Aufregungen, und daß man mit Menschen in Berührung kommt: all
+dieses Geflüster, dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz
+kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden oder über mein
+Äußeres eine Bemerkung machen! Ach, Kind, meine goldenen Zeiten sind
+jetzt vorüber! Heute habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen,
+– traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen, Gott schütze Sie!
+
+ M. Djewuschkin.
+
+P. S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglück halb scherzhaft
+beschreiben, Warinka, aber man sieht, daß es mir nicht mehr gelingen
+will, das Scherzen nämlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde
+zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen.
+
+
+ 11. August.
+
+Warwara Alexejewna! Mein Täubchen! Verloren bin ich, beide sind wir
+verloren, unrettbar verloren! Mein Ruf, meine Ehre – alles ist verloren!
+Und ich bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde geschmäht,
+mein Kind, verachtet, verspottet, und die Wirtin beschimpft mich schon
+laut und vor allen Menschen. Heute hat sie wieder geschrien, geschrien
+und mich mit Vorwürfen überhäuft, als wäre ich ein Nichts und ein Dreck!
+Und am Abend begann dann jemand von ihnen bei Ratasäjeff einen meiner
+Briefe an Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht beendet und in
+die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie aus der Tasche
+verloren haben muß. Mein liebes, liebes Kind, wie haben sie da gelacht!
+Wie sie uns betitelt haben und wie sie höhnten, wie sie höhnten, die
+Verräter! Ich hielt es nicht aus und ging zu ihnen und beschuldigte
+Ratasäjeff des Treubruchs und sagte ihm, daß er ein Falscher sei!
+Ratasäjeff aber erwiderte mir darauf, ich sei selbst ein Falscher und
+beschäftige mich nur mit Eroberungen. Ich hätte sie alle getäuscht,
+sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen ein Lovelace! Und jetzt,
+mein Kind, werde ich nun von allen hier nur noch Lovelace genannt, einen
+anderen Namen habe ich überhaupt nicht mehr! Hören Sie, mein Engelchen,
+hören Sie – die wissen doch jetzt alles von uns, sind von allem
+unterrichtet, und auch von Ihnen, meine Gute, wissen sie alles, alles
+ist ihnen bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen, betrifft! Und auch
+der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich wollte ihn heute hier in
+den kleinen Laden schicken, damit er mir ein Stückchen Wurst kaufe, aber
+nein, er geht nicht, er habe zu tun, sagt er. – Du mußt doch, es ist
+doch deine Pflicht, sage ich.
+
+„Auch was Gutes – meine Pflicht!“ höhnte er, „Sie zahlen doch meiner
+Herrin kein Geld, folglich gibt’s da nichts von Pflicht.“
+
+Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten, frechen Menschen
+eine solche Beleidigung, und so schalt ich ihn denn einen „Dummkopf!“,
+er aber sagte mir darauf bloß kurz: „Das sagt mir nun so einer!“ – Ich
+dachte erst, daß er betrunken sei, hielt es ihm denn auch vor: „Hör
+mal,“ sagte ich, „du bist wohl betrunken?“ – Er aber grobte mich an:
+
+„Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben? Sie haben doch nicht einmal
+so viel, daß Sie sich selber betrinken könnten!“ und dann brummte er
+noch: „Das soll nun ein Herr sein!“
+
+Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen ist, mein Kind! Man
+schämt sich, zu leben, Warinka! Ganz wie ein Verrufener kommt man sich
+vor, schlimmer noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es, Warinka!
+Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar verloren!
+
+ M. D.
+
+
+ 13. August.
+
+Lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Uns sucht jetzt ein Unglück nach dem anderen heim, auch ich weiß nicht
+mehr, was man noch tun soll! Was wird nun aus Ihnen werden, auf meine
+Arbeit können wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute mit
+dem Bügeleisen die linke Hand verbrannt: ich ließ es versehentlich
+fallen und beschädigte und verbrannte mich, gleich beides zusammen.
+Arbeiten kann ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten Tag
+krank. Oh, diese Sorge und Angst!
+
+Hier sende ich Ihnen dreißig Kopeken: das ist fast das Letzte, was wir
+haben, Gott weiß, wie gern ich Ihnen jetzt in Ihrer Not helfen würde. Es
+ist zum Weinen!
+
+Leben Sie wohl, mein Freund! Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie
+heute zu uns kämen.
+
+ W. D.
+
+
+ 14. August.
+
+Makar Alexejewitsch!
+
+Was ist das mit Ihnen? Sie fürchten wohl Gott nicht mehr? Und mich
+bringen Sie um meinen Verstand. Schämen Sie sich denn nicht!? Sie
+richten sich zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie sind ein
+ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch – was werden die Menschen
+sagen, wenn sie das erfahren? Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie
+werden doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht mehr leid um
+Ihre grauen Haare? So fürchten Sie doch wenigstens Gott!
+
+Fedora sagt, daß sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen werde, und auch ich
+kann Ihnen unter diesen Umständen kein Geld mehr schicken. Was haben Sie
+aus mir gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es sei mir ganz
+gleichgültig, daß Sie sich so schlecht aufführen. Sie wissen noch nicht,
+was ich Ihretwegen auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf
+unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen mit dem Finger
+auf mich und sagen solche Schändlichkeiten, – ja, sie sagen geradezu,
+daß ich mit einem _Trunkenbold ein Verhältnis habe_. Wie glauben Sie,
+daß mir zumute ist, wenn ich so etwas hören muß! Und wenn man Sie nach
+Hause bringt, sagt alles mit Verachtung von Ihnen: „Da wird der Beamte
+wieder gebracht.“ Ich aber – ich schäme mich zu Tode für Sie. Ich
+schwöre Ihnen, daß ich diese Wohnung hier verlassen werde. Und sollte
+ich auch Stubenmagd oder Wäscherin werden – hier bleibe ich auf keinen
+Fall!
+
+Ich schrieb Ihnen, daß ich Sie erwarte, Sie sind aber nicht gekommen.
+Meine Tränen und Bitten sind Ihnen also schon gleichgültig, Makar
+Alexejewitsch? Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das Geld dazu
+aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen Sie sich in acht! Sie werden doch
+sonst verkommen, ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese
+Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen, da haben
+Sie auf der Treppe die Nacht verbracht – ich weiß alles. Wenn Sie
+wüßten, wie weh es mir tat, als ich das von Ihnen hören mußte!
+
+Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter werden: wir können
+zusammen lesen, können von früheren Zeiten reden. Fedora kann uns von
+ihren Erlebnissen erzählen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir nicht
+an, daß Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit auch mich zugrunde,
+glauben Sie es mir! Ich lebe doch nur noch für Sie allein, nur
+Ihretwegen bleibe ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein
+anständiger Mensch, seien Sie doch charakterfest und standhaft, auch im
+Unglück. Sie wissen doch: Armut ist keine Schande. Und weshalb denn
+verzweifeln? Das ist doch alles nur vorübergehend. Gott wird uns schon
+helfen und alles wird wieder gut werden, wenn Sie sich nur jetzt noch
+etwas zusammennehmen!
+
+Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich dafür Tabak, oder was
+Sie da wollen, nur geben Sie sie um Gottes willen nicht für Schlechtes
+aus. Kommen Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie werden sich
+vielleicht wieder schämen, wie neulich – aber lassen Sie das, das wäre
+ja bloß falsche Scham. Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten!
+Vertrauen Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden.
+
+ W. D.
+
+
+ 19. August.
+
+Warwara Alexejewna, mein Kindchen!
+
+Ich schäme mich, mein Sternchen, ich schäme mich. Doch übrigens,
+Liebling, was ist denn dabei so Besonderes? Warum soll man nicht sein
+Herz etwas erleichtern? Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine
+Stiefelsohlen – eine Sohle ist doch nichts und bleibt ewig nur eine
+einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle. Und auch Stiefel sind
+nichts! Sind doch die griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu
+also soll sich unsereiner mit einem so nichtswürdigen Gegenstande
+abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen und verachten? Ach, Kind,
+mein Kind, da haben Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben
+können! – Der Fedora aber sagen Sie, daß sie ein närrisches,
+unzurechnungsfähiges Weib ist, mit allerlei Schrullen im Kopf, und zum
+Überfluß auch noch dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare
+betrifft, so täuschen Sie sich auch darin, meine Gute, denn ich bin noch
+lange nicht so ein Alter, wie Sie denken.
+
+Jemeljä läßt Sie grüßen. Sie schreiben, Sie hätten sich gegrämt und
+hätten geweint, und ich schreibe Ihnen, daß auch ich mich gegrämt habe
+und weine. Zum Schluß aber wünsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen,
+und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls gesund und wohl und
+verbleibe mit besten Grüßen, mein Engelchen, Ihr Freund
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 21. August.
+
+Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna!
+
+Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß Sie mir viel zu
+verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen,
+Kind, daß ich alles dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem
+Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewußtsein
+meiner Schuld.
+
+Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. Um aber Ihr
+Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu können, müßte man gar ein
+blutdürstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen
+bekannt sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger
+Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich
+schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht
+schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was
+oder wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so eine dunkle
+Sache mit uns, mein Kind!
+
+Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken:
+mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben
+sich das Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern
+müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun
+sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle
+Gewissensbisse, recht wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu
+berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heißt,
+zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu nichts tauge und daß ich
+selbst höchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle.
+Ja, ich hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas von
+Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an,
+in mir etwas Unwürdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu
+Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte
+Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten
+Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwürde überließ, da war
+denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz,
+der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich
+aber bin nicht schuld daran.
+
+Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam
+gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und
+kalt. Und dann kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte
+bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, und schon seit
+zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so daß er
+bereits solche Sachen versetzen wollte, die man überhaupt nicht
+versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.
+
+Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit
+der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein
+Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch von Ihnen! Er ist ein
+sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch.
+Das fühlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so
+gekommen, eben weil ich das alles fühlte.
+
+Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich
+Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen
+und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam
+gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdämmert und gar nicht
+wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bösen Menschen, die
+da ewig sagten, daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich
+schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß auch ich mich
+schließlich ruppig fand und mich meiner selbst zu schämen begann. Sie
+sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, daß ich
+stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben
+Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem Herzen wie in meiner Seele
+licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen
+und erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. Daß ich dabei
+bin, wie ich bin, daß ich durch nichts glänze, keinen Schliff besitze,
+keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch
+ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch!
+Nun, und dann, als ich fühlte, daß das Schicksal mich verfolgte, als
+ich, durch das Schicksal erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde
+selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen
+zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das
+Unglück!
+
+Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Tränen,
+mich nie mehr über diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon
+zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird
+mir schwer und bitter.
+
+Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr
+treuer
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 3. September.
+
+Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar Alexejewitsch, es
+fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen habe ich Augenblicke, wo es
+mich freut, allein zu sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können,
+allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche Stimmungen
+überfallen mich jetzt immer häufiger. In meinen Erinnerungen liegt etwas
+mir Unerklärliches, das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar in
+einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für alles mich Umgebende
+vollständig unempfindlich bin und die Gegenwart, alles Gegenwärtige,
+vergesse. Ja, es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck,
+gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Ähnliches aus meinem
+früheren Leben erinnerte, am häufigsten an meine Kindheit, meine goldene
+Kindheit! Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich schwer
+zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet, meine Schwärmerei erschöpft mich
+und meine Gesundheit wird sowieso schon immer schwächer.
+
+Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen, wie wir ihn jetzt
+selten haben, hat mich heute neu belebt und mit Freude erfüllt. So haben
+wir schon Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! Ich war ja
+damals noch ein Kind, aber doch fühlte und empfand ich schon alles in
+gesteigertem Maße. Den Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als
+den Morgen. Ich erinnere mich noch – nur ein paar Schritte weit von
+unserem Hause, am Berge, lag der See. Dieser See – es ist mir, als sehe
+ich ihn jetzt wirklich vor mir – so hell und rein, wie Kristall! War der
+Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. Kein Blatt rührte sich in
+den Bäumen am Ufer, der See lag blank und regungslos wie ein großer
+Spiegel. Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer Hütte fern
+am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die Herden werden heimgetrieben – da
+schleiche ich denn heimlich aus dem Hause zum See und schaue und schaue
+und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig brennt bei den
+Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein fließt in einem langen
+Streifen auf dem Wasserspiegel zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und
+kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote feurige Streifen,
+die nach und nach bleicher werden und schließlich ganz blaß vergehen.
+Der Mond geht auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still – bald
+fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter einem Windhauch
+– alles, selbst das leiseste Geräusch ist deutlich zu hören. Über dem
+blauen Wasser erhebt sich langsam weißer Nebel, so leicht und
+durchsichtig. In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles
+im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen – das Boot, das
+Ufer, die Insel – eine alte Tonne, die im Schilf vergessen ist,
+schaukelt kaum-kaum merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit
+vertrockneten Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf. Eine
+verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser, fliegt wieder auf und
+verschwindet im Nebel, – und ich schaute und horchte, – wundervoll, so
+wundervoll war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind! ...
+
+Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst, wenn das Korn schon
+eingeerntet ist, die Feldarbeiten beendet sind, man des Abends in den
+Hütten zusammenkommt und alle sich auf den Winter vorbereiten. Dann
+werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt sich, die Wälder werden
+gelb, das Laub fällt von den Bäumen und die Bäume stehen kahl und
+schwarz, – namentlich abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt, dann
+erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie schreckliche
+Gespenster. Und wenn man sich auf dem Spaziergang etwas verspätet und
+hinter den anderen zurückbleibt – wie eilt man ihnen dann nach, und wie
+groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, auf einmal –
+hinter jenem Baumstamm – hat sich dort nicht etwas Schreckliches
+versteckt, das gleich hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den
+Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen Stimmen zu heulen
+und zu klagen, und Blätter fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde,
+und plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze Wolke
+Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte, und da ist es – als
+hörte man jemand, eine fremde Stimme raunen: „Laufe, laufe, Kind,
+verspäte dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, laufe,
+Kind!“ – und Entsetzen erfaßt das Herz und man läuft und läuft, bis man
+außer Atem zu Hause anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit:
+uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen oder
+Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln. Im Ofen prasselt das Feuer,
+Mama beaufsichtigt lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte
+Kinderfrau Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von Zauberern und
+Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich einander näher, aber das
+Lächeln will doch nicht von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles
+still ... Hu! da, ein Surren und Klopfen – pocht jemand an der Tür? –
+Nein, es ist nur das Spinnrad der alten Frolowna! Und wie wir lachen!
+Dann aber kommt die Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen,
+Schreckbilder und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und wacht man auf,
+so wagt man nicht sich zu rühren und liegt zitternd bis zum Morgengrauen
+unter der Decke. Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, steht
+man doch wieder frisch und munter auf und schaut neugierig durch das
+Fenster: auf dem Stoppelfelde liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume
+und Büsche sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis auf dem
+See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig. Und Sonne, überall Sonne,
+wie Glas bricht das dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es,
+so klar, so ... so wonnig!
+
+Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns an den Tisch, auf dem
+schon der Ssamowar summt, und durch das Fenster sieht unser schwarzer
+Hofhund Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. Ein Bäuerlein
+fährt am Hause vorüber, in den Wald, nach Holz. Alle sind so zufrieden,
+so frohgemut! ... In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft,
+in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung der großen, großen
+Heuschober – es ist eine wahre Lust, das alles anzusehen! Und alle sind
+ruhig, alle sind froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der
+Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter nicht darben werden,
+und der Bauer weiß, daß er seinen Kindern Brot zu geben hat und sie satt
+sein werden. Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen, die
+fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht man sie alle am Feiertage
+ihr Dankgebet im Gotteshause sprechen ... Ach wie wundervoll, wie
+wundervoll war meine Kindheit! ...
+
+Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran sind natürlich nur diese
+Erinnerungen schuld. Ich habe so lebhaft, so deutlich alles vor mir
+gesehen, die ganze Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint
+mir jetzt doppelt trüb und dunkel! ... Wie wird das enden, was wird aus
+uns werden? Wissen Sie, ich habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die
+Überzeugung, daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle mich
+sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, aber eigentlich möchte
+ich doch nicht so sterben – würde nicht in dieser Erde ruhen wollen ...
+Vielleicht werde ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe mich
+von jener Krankheit noch nicht erholt.
+
+Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen und ich bin allein. Seit
+einiger Zeit fürchte ich mich, wenn ich allein bin: es scheint mir dann
+immer, daß noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu mir spricht,
+und zwar besonders dann, wenn ich aus meinen Träumereien, die mich mit
+ihren Erinnerungen ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen
+lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir dann, als habe
+sich etwas Unheimliches im Zimmer versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich
+Ihnen auch einen so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht
+es wieder – Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief, ich habe weder
+Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. Von dem Gelde für meine
+verkauften Kleider und den Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben
+Ihrer Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie hoffentlich
+eine Weile schweigen. – Versuchen Sie doch, Ihre Kleider irgendwie ein
+wenig auszubessern. Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht,
+wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung ermüdet
+mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit verschafft – wie soll ich dann
+arbeiten? Das ist es, was mir den Mut raubt.
+
+ W. D.
+
+
+ 5. September.
+
+Mein Täubchen Warinka!
+
+Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke empfangen. Mein Kopf tat
+mir den ganzen Tag über weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging
+ich schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens etwas
+frische Luft schöpfen. Der Abend war düster und feucht. Jetzt dunkelt es
+doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch
+unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen
+die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem
+Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie
+sie einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene Kerle,
+stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln und mit strähnigem
+Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel:
+irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein
+ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, rußglänzendem Gesicht,
+ein Schloß in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von
+Riesengröße, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet –
+das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der
+sich ein anderes dort gar nicht zeigt!
+
+Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe können ihn
+passieren. Frachtkähne lagen da, in einer solchen Menge, daß man gar
+nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka
+ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. Auf den Brücken saßen
+Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Äpfeln, so
+schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu
+gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: unten die Füße im
+Nebel, über dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein
+dunkler, lichtloser Abend war es heute.
+
+Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, einbog, war es schon
+ganz dunkel geworden. Man zündete gerade das Gas an. Ich war lange nicht
+mehr auf der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht. Eine
+belebte, großartige Straße! Was für Läden, was für Schaufenster! – alles
+glänzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter
+Glas ... und was für Hüte mit Bändern und Schleifen! Man denkt, das sei
+alles nur so zur Verschönerung der Straße ausgestellt, aber nein: es
+gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen schenken!
+Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche Bäcker haben dort ihre Läden –
+das müssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren
+alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das nur aushält! Und alles
+so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und
+Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und Schnüren
+und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und sah dort
+immer Damen sitzen, alle so geputzt und großartig. Vielleicht waren es
+lauter Fürstinnen und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit, in der sie
+auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. Es muß doch sehr eigen sein,
+eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu
+sehen. Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals eine in der
+Nähe gesehen: höchstens so in einer Kutsche und im Vorüberfahren. Da
+mußte ich denn heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen, meine
+Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz
+brechen! Warum müssen Sie denn so unglücklich sein, Warinka? Mein
+Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schön,
+sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum
+ist es so eingerichtet, daß ein guter Mensch in Armut und Elend leben
+muß, während einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? Ich
+weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist
+Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so über die
+Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur dem
+einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück fürs ganze Leben bereitet,
+während der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt?
+Und es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem Närrchen
+Iwanuschka zufällt.
+
+„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust in den Goldsäcken deiner
+Väter, iß, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die
+Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für einer
+bist!“
+
+Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, so zu denken,
+aber wenn man nachdenkt, dann drängt sich einem nun einmal ganz
+unwillkürlich die Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in so
+einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generäle und
+Staatsbeamte würden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen –
+und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem alten
+Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden
+Edelsteinen geschmückt. Sie würden auch nicht so mager und kränklich
+sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und
+gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, wenn ich
+wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten Fenstern
+hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken könnte.
+Allein schon der Gedanke, daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein
+Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich gleichfalls
+fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ... Nicht genug, daß böse
+Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, nun muß auch noch ein Wüstling
+Sie beleidigen! Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie durch
+eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, bloß deshalb
+ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb muß man seine schamlosen Reden noch
+untertänig anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf
+man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind,
+weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen
+Schutz und Schirm gewähren könnte!
+
+Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, denen es
+nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? – Das sind eben
+nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das
+bloß als Summe zählt, als Begriff, ein trübes Etwas, das es in
+Wirklichkeit und als Einzelwesen überhaupt nicht gibt – davon bin ich
+überzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht
+nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der
+Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese.
+Er schleppt sich zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen
+Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist er sein
+eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen
+bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht
+wie eine aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten: womit er eben
+kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das
+ist wahr, und er bleibt arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist
+müde und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich doch, und
+wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er müht
+sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein
+Kind, solche, die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig
+verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen
+untertänig grüßen müssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer,
+wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich etwas
+ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten
+Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen
+Kräften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar
+nichts.
+
+Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein
+Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt
+empfand. Ich war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.
+Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen – da
+blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken
+abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da,
+auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein
+ganz kleines Mädchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte
+sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen
+kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wäre ein netter Junge
+gewesen, wenn er nicht so kränklich, so mager und verhungert ausgesehen
+hätte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes
+Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte mit offenem Mäulchen
+der Musik zu – Kinder sind eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich
+ganz in kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten
+tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren schon blau vor Kälte und
+dabei zitterte er am ganzen Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen,
+das er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand hatte er ein
+Papier. Ein Herr ging vorüber und warf dem Leiermann eine kleine Münze
+zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum
+hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er plötzlich aus seiner
+Versonnenheit auf, sah sich schüchtern um und glaubte wohl, daß ich das
+Geld geworfen habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen
+zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir das Papier
+entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“
+
+Ich nahm das Papier, entfaltete es und las – nun, man kennt das ja
+schon: Wohltäter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter
+liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem Throne Gottes
+stehen werde, will ich in meiner Fürbitte diejenigen nicht vergessen,
+die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.“
+
+Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug
+erlebt. Was aber – ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich
+ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,
+ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, und er log doch
+nicht, bei Gott, er log nicht! – ich weiß, wie das ist! Schlecht ist
+nur, daß diese Mütter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und
+bei dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein
+dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine Pflicht wäre, vielleicht
+kümmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut
+nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin
+könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein wenden, oder sich bei
+der Polizei melden, wie es sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach
+eine Betrügerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße
+hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen
+schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der
+Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom
+Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm
+vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre
+Worte grausam.
+
+„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, was er an Worten zu
+hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und
+vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine
+Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da – er hustet ja schon –
+kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die
+Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod über
+ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten,
+schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist
+dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben!
+Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi willen“ zu hören und
+vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen
+sagen zu müssen: „Gott wird dir geben.“
+
+Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen nicht zu berühren.
+(Es gibt ja doch verschiedene „um Christi willen“, mein Kind.) Manch
+eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen,
+eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe
+vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler
+von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet.
+Aber manch ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten,
+heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas
+Unheimliches durch Mark und Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem
+kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort am
+Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden –: „Ein Almosen, Herr, um
+Christi willen!“ – sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß
+ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer
+schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte
+nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die
+Armen über ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches
+Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als „lästig“: – Das
+Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?!
+
+Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil
+deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil
+aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines
+guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt
+haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert
+hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in
+einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst
+von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich
+sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht
+... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise
+Gerechtigkeit widerfahren!
+
+Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz
+grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für
+weniger als ein Holzspänchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,
+vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist,
+ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.
+
+Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem
+Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an.
+
+Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege
+zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da
+erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln,
+zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel
+schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine
+neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen – und da
+schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt
+nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen
+schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das
+einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war,
+sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so
+unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, Warinka,
+daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis.
+
+Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern
+vorgeht.
+
+Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not
+zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker
+aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von
+einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch
+zugeschnitten – ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen
+Nichtigkeiten träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist ein Schuster:
+bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine
+hungrige Frau. Übrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf,
+meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht,
+sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei
+bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher
+gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in
+derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben
+Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer
+Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln
+... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein
+wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf
+sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem
+Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das
+doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein
+armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über
+Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas
+Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“
+
+Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen
+wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er
+kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem
+heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß
+man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das
+Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein
+Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was
+ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus
+einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht,
+beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und
+schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe
+ich das erst recht nicht – damit Sie’s wissen!
+
+Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch,
+machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen
+Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins
+Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen
+aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren
+vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei
+bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als
+meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und
+Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – ja, ich
+weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff
+kommt zu mir herein, grüßt – hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –,
+macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort hervorbringen.
+Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen zerbrochenen, denn einen
+anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte
+sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm er doch das Glas. Dann
+wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er entschuldigte sich wieder
+und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt
+Zucker dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte,
+entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das kleinste
+Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei ungewöhnlich süß.
+Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den Menschen zu bringen
+vermag!
+
+„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich ihn.
+
+Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein Wohltäter, Makar
+Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine
+Kinder und meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, als
+Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...“
+
+Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:
+
+„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade,
+daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle
+so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht
+belästigen,“ sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten
+gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber
+vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas – leihen? Ich wage es
+nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich
+weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind – da
+wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ Und zum Schluß bat er mich noch
+ausdrücklich, ihm seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen.
+
+Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich
+aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts.
+
+„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich will Sie ja nicht um
+viel bitten,“ – dabei errötete er bis über die Stirn – „aber meine Frau
+... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar
+Alexejewitsch!“
+
+Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um
+„nur zehn Kopeken“ hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu
+ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen
+ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum
+Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne
+wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache.
+
+„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar
+Alexejewitsch ...“
+
+Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten
+zwanzig Kopeken, mein Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die
+Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen
+uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in
+solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem
+Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse.
+
+Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem
+halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt.
+Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die
+weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem
+Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines
+Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist
+nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit
+angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines
+gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen
+hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen,
+worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese
+Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen
+Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er
+nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht
+gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so
+hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit,
+so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, – „der
+Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, „des Betruges
+und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!“ Das
+ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst
+entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches
+Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht
+unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor
+Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen
+können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte,
+noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.
+
+Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es
+ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert
+Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da
+bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die
+Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs
+Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch
+ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf
+der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie
+aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen
+doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein
+Kindchen zur Welt – das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann
+erkrankte der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – und das hat
+neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an
+irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist
+schwer, sehr schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in einigen
+Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn, daran könne
+man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein
+Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er ist ja doch
+ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er hat
+Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen.
+Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.
+
+Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie
+gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege
+sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge,
+so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.
+
+ Ihr aufrichtiger Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 9. September.
+
+Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!
+
+Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall
+bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem
+Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich
+ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen
+das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder
+doch – ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! Mein
+Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und
+wirklich, ich habe neulich etwas Ähnliches im Traume gesehen!
+
+Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde Ihnen alles erzählen, ohne
+diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es
+mir eingibt.
+
+Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin,
+setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß
+ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam
+Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein wichtiges Dokument,
+das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich
+daran – sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch
+unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern
+gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß – will sagen, daß ich
+eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten
+mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber
+waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn
+daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur – ich weiß
+wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der
+leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche
+geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht
+anders kommen mußte: – nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile
+aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich
+überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und
+erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.
+
+Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen
+Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine
+Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch
+mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich
+überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen
+Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war
+alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß
+Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes
+Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es
+hörten:
+
+„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U–u–u?“ –
+und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen,
+sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein
+lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! – Ich klappte
+meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue
+ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe.
+Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen.
+Ich höre – täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen
+Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht,
+wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie
+zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, – ich
+rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief
+man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe:
+„Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die Augen
+auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – und ich höre noch, wie er
+sagt:
+
+„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer
+Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ Das war alles, was er sagte,
+aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon
+genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts
+mehr, ich ging – das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot
+noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und
+noch ein drittes – ins Kabinett – jedenfalls sah ich dann, daß ich dort
+stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen
+nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie
+herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine
+Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine
+Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden,
+mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig
+nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in
+die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu
+verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es
+kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten.
+Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten
+Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren
+Exzellenz nie zu ihm getreten.
+
+Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:
+
+„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie
+Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt
+werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben
+Sie sich dabei eigentlich gedacht, –“ und zugleich wandten sich seine
+Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus
+dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... nur Unannehmlichkeiten
+zu bereiten ...“
+
+Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich
+entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht.
+Fortlaufen – daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah
+plötzlich noch etwas – geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt
+noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein Knopf nämlich – nun,
+hol’ ihn der Teufel! – mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen
+gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt
+haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte – und rollte
+ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in
+dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze
+Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner
+Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz
+wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich
+dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles –
+und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den
+Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand
+verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und
+rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und
+kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich also auch noch in bezug
+auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich
+die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze
+Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch
+noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als
+hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie
+ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf,
+erhob mich, richtete mich auf – doch anstatt nun die Dummheit
+einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht –
+statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er
+früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz
+als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja,
+bei Gott, ich lächelte noch!
+
+Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an – ich
+hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:
+
+„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... In welchem
+Zustande! ... Was ist das mit ihm?“
+
+Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet,
+wie man’s besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch
+antwortet ihm:
+
+„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher
+musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“
+
+„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte Seine Exzellenz, „geben Sie
+ihm Vorschuß ...“
+
+„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für
+soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick
+derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos
+...“
+
+Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben,
+das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab
+einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.
+
+„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das muß also nochmals
+abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben
+Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ hier
+wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene
+Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber
+war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche
+hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. –
+
+„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen Sie’s gut sein ...“ und
+damit drückten sie mir den Schein in die Hand.
+
+Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich
+weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um
+sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche hier
+nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind – und er nahm diese
+meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und
+schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig
+Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er
+selbst einer ist.
+
+„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das
+nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man
+zerreißen ...“
+
+Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora
+bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie
+zu Gott beten sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen
+Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich und bis an ihr
+Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das
+sage ich feierlichst – also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es,
+daß ich – so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch unter unserem
+Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr Ungemach
+dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfähigkeit – also
+ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß diese hundert Rubel mir
+nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz
+selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den
+Geringen, die Hand, diese meine unwürdige Hand zu drücken geruhten!
+Damit haben sie mich mir selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen
+Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, und ich
+bin fest überzeugt, daß – so sündig ich auch vor dem Allerhöchsten sein
+mag – mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch bis
+zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört werden wird! –
+
+Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, wie ich
+sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle
+mich so erschöpft, als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen.
+
+Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den
+Rest von 35 behalte ich für mich: davon will ich mir für 20
+Kleidungsstücke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben
+mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, daß ich mich ganz
+schwach fühle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt übrigens
+ganz ruhig, vollständig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem
+Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie meine Seele bebt
+und zittert.
+
+Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt von all diesen
+Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles!
+
+ Ihr würdiger Freund
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 10. September.
+
+Mein bester Makar Alexejewitsch!
+
+Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß die Hilfe Ihres
+Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu würdigen. So können Sie jetzt
+endlich aufatmen und sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines
+bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen nicht wieder für
+unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig und still, leben Sie möglichst
+sparsam, und bitte, fangen Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite
+zu legen, damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um uns brauchen Sie
+sich wirklich nicht mehr zu sorgen. Werden uns schon durchschlagen. Wozu
+haben Sie uns soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen
+es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, was wir uns verdienen.
+Es ist wahr, wir werden bald zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora
+hofft, daß man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. Ich
+behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den Rest sende ich Ihnen
+zurück. Geben Sie das Geld nur nicht für Unnötiges aus, Makar
+Alexejewitsch!
+
+Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden Sie gesund und
+fröhlich. Ich würde Ihnen mehr schreiben, fühle mich aber schrecklich
+müde. Gestern lag ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich
+besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar
+Alexejewitsch. Ich erwarte Sie.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich jetzt nicht, jetzt, wo
+ich vollkommen glücklich und mit allem zufrieden bin! Mein Täubchen!
+Hören Sie nicht auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was Sie
+nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein schon aus Hochachtung
+für Seine Exzellenz werde ich mich ehrenhaft und anständig aufführen.
+Wir werden einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns
+gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere Freuden und Sorgen –
+wenn es wieder einmal Sorgen geben sollte – miteinander teilen: und so
+werden wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander leben. Wir
+werden uns mit der Literatur beschäftigen ... Mein Engelchen! In meinem
+Leben hat sich doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin läßt
+wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger geworden und sogar
+Faldoni wird diensteifrig. Mit Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich
+ging in meiner Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl,
+mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt hat, beruht auf Unsinn
+und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, daß alles nur eine häßliche
+Verleumdung gewesen ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire auf
+uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las mir sein neuestes
+Werk vor. Und was das betrifft, daß er mich damals Lovelace benannt hat:
+nun – so ist das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige
+Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung erklärt. Lovelace
+ist ein Fremdwort und bedeutet ungefähr „ein gewandter Bursche“, oder
+wenn man es hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: „ein
+schneidiger Kavalier“. Sehen Sie, das bedeutet es, nicht aber irgend so
+etwas – anderes! Es war also ein ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein
+Engelchen. Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für eine
+Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich denn auch deswegen heute
+bei ihm entschuldigt ...
+
+Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen hatten wir zwar
+leichten Frost, aber das tut nichts: dafür ist die Luft jetzt etwas
+frischer. Ich ging und kaufte mir ein Paar Stiefel – es sind wirklich
+tadellos schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich noch etwas
+auf dem Newskij spazieren. Habe dann die Zeitung gelesen. Ja, richtig!
+und das Wichtigste habe ich vergessen, Ihnen zu erzählen!
+
+Also hören Sie jetzt, wie es war:
+
+Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Akssentij
+Michailowitsch ein Gespräch an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja,
+Warinka, Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen. Sie
+haben schon vielen Gutes erwiesen und die Herzensgüte Seiner Exzellenz
+ist aller Welt bekannt. Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und
+vergießen Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen Hilfe
+gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme Waise bei sich im
+Hause erzogen, und die ist dann verheiratet worden, an einen angesehenen
+Beamten, der zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört, und
+Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer mitgegeben. Ferner
+haben Exzellenz auch noch den Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei
+untergebracht, und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den Menschen
+erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, mein Kind, auch mein
+Scherflein beizusteuern und erzählte allen laut, was Exzellenz an mir
+getan: ich erzählte ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine
+Verlegenheit steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, was
+Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! Ganz laut erzählte ich es, so
+daß alle es hören konnten, ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten
+Seiner Exzellenz allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung
+und errötete nicht: im Gegenteil, ich war stolz, daß ich so etwas
+erzählen konnte. Und ich erzählte alles (nur von Ihnen, mein Kind,
+erzählte ich zum Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit
+Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und Faldoni, und von
+Ratasäjeff und Markoff und von meinen Stiefeln – alles das erzählte ich
+rückhaltlos. Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich
+spotteten alle – alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich haben sie an
+meiner Erscheinung etwas Lächerliches gefunden. Vielleicht haben sie
+auch nur über meine Stiefel gelacht – ja, ganz sicher nur über meine
+Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben sie gewiß nicht
+gelacht, das hätten sie nie und nimmer tun können. Es kam eben nur so,
+es war ihre Jugend – oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer
+schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls – da hätten sie mich und
+meine Worte bestimmt nicht verspottet. Das heißt, ich meine: etwa über
+Seine Exzellenz lachen – das hätten sie unter keinen Umständen getan.
+Hab’ ich nicht recht, Warinka?
+
+Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung kommen, mein
+Kind. Alle diese Geschehnisse haben mich so verwirrt! Haben Sie auch
+Holz zum Heizen? Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten, Warinka,
+wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, mein Kind, er möge Sie
+behüten und beschützen. Haben Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder
+was da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter nötig ist? Seien
+Sie nur vorsichtig, mein Täubchen. Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas
+fehlen sollte, dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie sich
+sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten vorüber und vor
+uns liegt das Leben so hell und so schön!
+
+Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! Nun ja, was soll man da
+noch reden, jetzt, da sie überstanden ist! Wenn erst Jahre darüber
+vergangen sein werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd
+zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an seine Jugendjahre
+zurückdenkt! Was man da nicht alles durchgemacht hat! Wie oft hatte man
+nicht einen einzigen Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war
+man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man über den Newskij,
+begegnete einem netten Gesichtchen – und da wurde man denn für den
+ganzen Tag glücklich. Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch,
+mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka! Namentlich in
+Petersburg. Ich habe gestern mit Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn
+meine Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die ich in dieser
+traurigen Zeit begangen habe, verzeihen möge, als da sind: Freidenkerei,
+Leichtsinn und Spiel. Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit
+Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben mich getröstet und
+gestärkt, haben mir guten Rat erteilt und mir mit Ihrem Beistand über
+alles Schwere hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen niemals
+vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle einzeln abgeküßt, mein
+Täubchen, mein Engelchen! Nun, und jetzt – leben Sie wohl!
+
+Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine Uniform zu verkaufen
+hat. Nun werde ich mich auch äußerlich wieder etwas instand setzen.
+Leben Sie wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen!
+
+ Ihr Ihnen innig zugetaner
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 15. September.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was geschehen ist. Ich
+ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen Sie selbst, mein bester Freund:
+Herr Bükoff ist in Petersburg!
+
+Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen an ihr vorübergefahren,
+hat sie erkannt, hat sogleich befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf
+sie zugegangen und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natürlich
+nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung hingeworfen – na, er
+wisse ja schon, wer bei ihr sei. (Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles
+erzählt.) Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort auf der
+Straße Vorwürfe gemacht, ihm gesagt, daß er ein sittenloser Mensch sei
+und ganz allein die Schuld an meinem Unglück trage. Darauf hat er
+erwidert, wenn man keinen Kopeken habe, müsse man allerdings unglücklich
+sein!
+
+Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklärt, daß ich mich sehr wohl mit
+meiner Hände Arbeit ernähren, daß ich heiraten oder schlimmstenfalls
+eine Stelle hätte annehmen können, jetzt aber sei mein Glück für immer
+vernichtet: ich sei außerdem krank und werde wohl bald sterben.
+
+Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung, in meinem Kopfe gäre
+es noch, und er hat hinzugefügt, unsere Tugenden seien wohl ein bißchen
+trüb geworden (das sind genau seine Worte).
+
+Wir dachten schon, Fedora und ich, daß er nicht wisse, wo wir wohnen,
+doch plötzlich, gestern – kaum war ich ausgegangen, um im Gostinnyj
+Dworr einige Zutaten zu kaufen – da taucht er ganz unerwartet hier auf!
+Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen wollen. Zunächst hat
+er Fedora lange über unser Leben ausgefragt und alles bei uns genau
+betrachtet, auch meine Handarbeit. Und dann hat er plötzlich gefragt:
+
+„Was ist denn das für ein Beamter, der mit euch bekannt ist?“
+
+In diesem Augenblick sind Sie gerade über den Hof gegangen und da hat
+Fedora auf Sie hingewiesen: er hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und
+dann gelacht. Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all dem Kummer
+ohnehin schon krank sei und es mir sehr unangenehm wäre, ihn hier zu
+sehen, hat er nichts geantwortet und eine Weile geschwiegen: dann hat er
+gesagt, daß er „nur so“ gekommen sei, er habe gerade nichts zu tun
+gehabt, und schließlich hat er Fedora 25 Rubel geben wollen, die sie
+natürlich nicht angenommen hat.
+
+Was könnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb, wozu ist er zu uns
+gekommen? Ich begreife nicht, woher er alles über uns erfahren haben
+kann? Ich verliere mich in allen möglichen Mutmaßungen. Fedora sagt,
+Axinja, ihre Schwägerin, die bisweilen zu uns kommt, sei gut bekannt mit
+der Wäscherin Nastassja, ein Vetter von dieser Nastassja aber sei
+Amtsdiener in dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen von
+Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der Klatsch nicht auf diesem
+Umwege zu ihm gedrungen sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken
+sollen. Könnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der bloße Gedanke
+daran entsetzt mich! Als Fedora mir gestern das alles erzählte, erschrak
+ich so, daß ich fast ohnmächtig wurde – vor Angst. Was wollen diese
+Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen wissen! Was gehe ich
+sie an? Ach, wenn Sie wüßten, in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden
+Augenblick fürchte ich, Bükoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was
+wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi willen, kommen Sie
+sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch! Ich flehe Sie an, kommen Sie!
+
+
+ 18. September.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, Unerklärliches und
+ganz Unerwartetes geschehen. Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge
+nach erzählen.
+
+Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff freigesprochen wurde. Das
+Urteil war wohl schon lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute
+hatte man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die Sache endete
+für ihn sehr günstig. All der Dinge, deren man ihn beschuldigt hatte –
+der Unachtsamkeit, Nachlässigkeit usw. – wurde er freigesprochen. Das
+Gericht stellte in vollem Umfange seine Ehre wieder her und verurteilte
+den Kaufmann zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme an Gorschkoff,
+so daß sich jetzt auch seine äußere Lage mit einem Schlage gebessert
+hat, da das Geld ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem Wege
+eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber war natürlich, daß der
+Schandfleck entfernt wurde, der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag.
+Mit einem Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung.
+
+Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum wiederzuerkennen. Sein
+Gesicht war bleich wie Kreide. Die Lippen zitterten, und dabei lächelte
+er in einem fort – so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir gingen
+alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. Ich glaube,
+unsere Handlungsweise rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und
+drückte einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, als ob er
+ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er sich weit strammer, als
+sonst, und auch die Augen tränten nicht mehr, sondern glänzten förmlich.
+Er war so erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es auf ein und
+derselben Stelle aus: alles nahm er in die Hand, um es sogleich wieder
+zurückzulegen, bald faßte er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann
+setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
+und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal sagte er: „Meine Ehre,
+ja, meine Ehre – ein guter Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...“
+und Sie hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen ihm
+voll Tränen, und auch wir waren den Tränen nahe. Ratasäjeff wollte wohl
+ablenken und sagte deshalb:
+
+„I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre, wenn man nichts zu essen
+hat! Geld, Väterchen, Geld ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür
+können Sie Gott danken!“ – und dabei klopfte er ihm auf die Schulter.
+
+Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie gekränkt fühlte.
+Nicht gerade, daß er den Beleidigten gespielt hätte, aber er sah doch
+den Ratasäjeff so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand von
+seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht geschehen, mein Kind.
+Übrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der
+Freude ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht man doch,
+meine Liebe, macht man doch oft genug einen ganz unnötigen Bückling,
+macht ihn aus keinem anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger
+Weichheit oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit ... Doch
+handelt es sich hier nicht um mich –
+
+„Ja,“ sagte Gorschkoff nach einer Weile, „auch das Geld ist gut. Gott
+sei Dank ... Gott sei Dank ...“
+
+Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich hin: „Gott sei Dank ...
+Gott sei Dank ...“
+
+Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und besseres Mittagessen.
+Unsere Wirtin kochte es selbst. Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine
+gute Frau.
+
+Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick stillsitzen. Er ging
+zu allen in die Zimmer, gleichviel, ob man ihn aufgefordert hatte oder
+nicht. Er trat ganz einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich
+auf einen Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts – und dann
+ging er wieder. Bei unserem Seemann, bei dem man gerade spielte, nahm er
+sogar Karten in die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen.
+Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins Spiel und warf die
+Karten nach drei oder vier Runden wieder hin.
+
+„Nein, ich habe ja nur so ...“ soll er gesagt haben, „ich habe ja nur so
+...“ und damit ist er wieder aus dem Zimmer gegangen.
+
+Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden Hände und sah mir
+lange in die Augen, aber mit einem ganz eigentümlichen Blick. Dann
+drückte er meine Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf den
+Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln, das so
+unbeweglich, so bedrückend war, wie das Lächeln eines Toten. Seine Frau
+weinte vor Freude. Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das
+Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, hat er plötzlich zu
+seiner Frau gesagt:
+
+„Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,“ – und damit hatte er sich auch
+schon auf dem Bett ausgestreckt.
+
+Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte die Hand auf das
+Kinderköpfchen und streichelte es immer wieder. Dann wandte er sich von
+neuem an seine Frau:
+
+„Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,“ fragte er, „unser Petinka? ...“
+
+Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch tot sei.
+
+„Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im Himmelreich.“
+
+Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war, daß die Erlebnisse
+an diesem Tage ihn ganz erschüttert hatten, und sagte deshalb, er solle
+doch versuchen, einzuschlafen und auszuruhen.
+
+„Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein wenig ...“ und damit
+drehte er sich auf die Seite, lag ein Weilchen, dann wandte er sich
+wieder zurück und wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn noch
+gefragt: „Was ist, mein Freund?“ – aber er antwortete schon nicht mehr.
+„Nun, er wird wohl eingeschlafen sein,“ sagte sie sich und ging aus dem
+Zimmer, um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. Nach etwa einer
+Stunde kam sie zurück – der Mann, sah sie, war noch nicht aufgewacht, er
+schlief noch ganz ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur
+schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit.
+
+Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde so gesessen habe, doch
+könne sie nicht mehr sagen, an was sie eigentlich gedacht, obschon sie
+in Nachdenken versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz
+vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, und zwar habe
+ein gewisses beunruhigendes Gefühl sie aus ihrer Traumverlorenheit
+aufgeschreckt, und da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer
+aufgefallen.
+
+Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann immer noch so lag, wie
+vor anderthalb Stunden. Da trat sie denn zu ihm und berührte ihn – er
+aber war schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, war ganz
+plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. Woran er aber gestorben
+ist, das mag Gott wissen!
+
+Das ist’s, was mich so erschüttert hat, Warinka, daß ich noch immer
+nicht recht zur Besinnung kommen kann. Ich kann es nicht glauben, daß
+ein Mensch so einfach – stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch! Warum
+mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten Freudentage sterben! Ja, das
+Schicksal, das Schicksal! Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch
+ganz verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine Mädchen aber hat
+sich verschüchtert in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur
+ein einziges Kommen und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung
+stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht. Leid tut es mir,
+ach, so leid! Es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß man wirklich
+weder Tag noch Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir
+nichts weg und aus ist es ...
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 19. September.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind, daß Ratasäjeff mir Arbeit
+verschafft hat, Arbeit für einen Schriftsteller. – Heute kam einer zu
+ihm und brachte so ein dickes Manuskript – Gott sei Dank, viel Arbeit.
+Nur ist es alles so unleserlich geschrieben, daß ich gar nicht weiß, wie
+ich das entziffern soll, dabei wird die Arbeit so schnell verlangt.
+Außerdem handelt es von so schweren Dingen, daß man es gar nicht mal
+recht verstehen kann. Über den Preis sind wir auch schon einig geworden:
+40 Kopeken pro Bogen. Ich schreibe Ihnen das alles nur deshalb, meine
+Liebe, um Sie schneller wissen zu lassen, daß ich jetzt noch obendrein
+einen Nebenverdienst haben werde. Und nun leben Sie wohl, Kind. Ich will
+mich gleich an die Arbeit machen.
+
+ Ihr treuer
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 23. September.
+
+Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!
+
+Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch
+war es eine Zeit großer Sorge und Aufregung für mich.
+
+Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war allein, Fedora war
+ausgegangen. Ich öffnete die Tür und erschrak dermaßen, als ich ihn
+erblickte, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte,
+wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen
+ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte
+eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich
+wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens bald auf, zu
+lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch überrascht. Ich habe
+ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind
+eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es muß
+allerdings schwer sein für die, die mich vor einem Jahre gekannt haben,
+mich jetzt wiederzusehen.
+
+Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine
+Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung – ich weiß nicht mehr,
+was ich antwortete – und lachte wieder. Eine ganze Stunde saß er so bei
+mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz
+ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und sagte
+(ich schreibe es Ihnen wortwörtlich):
+
+„Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte
+und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.“ (Er
+benannte sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen Wort.) „Sie hat
+jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie
+dem Verderben zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem
+Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, was soll man darüber
+viel Worte verlieren, das ist so eine alltägliche Geschichte, wie das
+Leben sie eben mit sich bringt.“ Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte
+er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das Wichtigste, was er zu
+sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anständigkeit einfach
+verboten hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das Übrige in
+kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so tat er es auch: er erklärte
+mir, daß er um meine Hand anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte,
+mir meine Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der
+Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er
+Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurückkehren,
+denn das Großstadtleben sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier einen
+Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe
+sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen.
+Hauptsächlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt,
+er wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte er sich noch
+über unsere Wohnung, meinte, es wäre schließlich kein Wunder, daß ich
+krank geworden sei, wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube
+wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange
+hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen überhaupt elend, sagte er,
+und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.
+
+Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich plötzlich – ich weiß
+selbst nicht, weshalb – in Tränen ausbrach. Er hielt sie natürlich für
+Tränen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen,
+daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen sei, doch habe er
+sich nicht früher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles
+Nähere über mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte er
+sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein
+anständiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen – ob Ihnen
+500 Rubel genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? Als ich
+ihm darauf antwortete, daß Sie für mich das getan, was man mit Geld
+nicht zu bezahlen vermöge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl
+in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Büchern:
+Romane aber setzten jungen Mädchen bloß verschrobene Ideen in den Kopf,
+und überhaupt möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, daß sie nur
+die Sitten verdürben, weshalb er Bücher nicht leiden könne. Er riet mir,
+erst sein Alter zu erreichen, dann könne ich von Menschen reden, „dann
+erst,“ sagte er, „werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.“
+
+Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken und mir alles
+reiflich zu überlegen, denn es wäre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen
+so wichtigen Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, daß
+Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die unerfahrene Jugend stets
+ins Verderben zu führen pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine
+zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich
+gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie
+gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die
+Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fünfhundert Rubel
+auf meinen Stickrahmen, für Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich
+fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er noch,
+daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und
+gesund werden würde, ich könne dort essen, soviel ich nur wolle.
+Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte
+hätten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur
+auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er ...
+
+Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt und mich recht
+gequält, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich
+werde ihn heiraten, ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von
+meiner Schande erlösen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft
+vor Armut und Entbehrungen und Unglück bewahren kann, so ist er ganz
+allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft
+erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, daß man sein
+Glück nicht verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,
+was man denn in diesem Falle Glück nennen solle. Ich jedenfalls finde
+keinen anderen Ausweg für mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit
+der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben.
+Ununterbrochen arbeiten – das kann ich nicht. Bei fremden Menschen
+dienen? – Ich käme um vor Leid, und überdies würde ich niemanden
+zufriedenstellen. Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich Fremden
+immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein
+Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn
+tun? Was soll ich denn vorziehen?
+
+Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles
+überlegen. Mein Entschluß, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht
+fest und ich werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon
+sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung erwartet. Er
+sagte mir, daß seine Geschäfte keinen Aufschub dulden, er müsse
+abreisen, und „wegen dieser Nichtigkeiten“ könne er die Abreise doch
+nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen
+Macht über mein Schicksal weiß, ob ich glücklich sein werde, aber mein
+Entschluß ist gefaßt. Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird
+mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber
+sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten?
+
+Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich weiß, daß Sie
+meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von
+meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären zwecklos. Erwägen Sie
+lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Gründe, die mich zu diesem Schritt
+veranlaßt haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich
+ruhiger. Was mich erwartet – ich weiß es nicht. Was geschehen wird, das
+wird geschehen, wie Gott es schickt! ...
+
+Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen
+noch vieles sagen. Bükoff ist schon hier.
+
+
+ 23. September.
+
+Kind, Warwara Alexejewna!
+
+Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich, Kind, ich beeile mich,
+Ihnen zu erklären, daß ich – daß ich erstaunt bin. Alles das ist doch
+ganz sicher irgendwie nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff
+beerdigt. Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bükoff hat ehrenhaft
+gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe, Sie haben ihm also
+wirklich zugesagt? Natürlich wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so,
+das muß unbedingt so sein, das heißt, hier – auch hier muß unbedingt
+Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen Schöpfers hat
+natürlich, obschon uns unerforschlich, immer nur das Wohl der Menschen
+im Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie Gott.
+
+Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natürlich, Sie werden jetzt glücklich
+sein, Kind, Sie werden in Reichtum und Überfluß leben, mein Täubchen,
+mein Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen, mein
+Engelchen, – nur eins, sehen Sie, Warinka, wie denn das, warum so
+schnell? ... Ja, die Geschäfte – Herr Bükoff hat Geschäfte vor ...
+natürlich – wer hat denn nicht Geschäfte, auch er kann sie haben. Ich
+habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender Mann,
+sogar ein sehr imponierender Mann, das heißt eine imposante Erscheinung,
+eine sogar sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles ... nein, es
+ist ja gar nicht das, um was es sich eigentlich handelt. Ich, sehen Sie,
+ich bin schon jetzt gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn
+künftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja und ich – wie bleibe ich
+denn hier so allein zurück? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwäge,
+wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen erwäge ich alles,
+alle diese Gründe, meine ich, und so weiter. Ich hatte schon fast den
+zwanzigsten Bogen abgeschrieben, da kam dann plötzlich dieses Ereignis!
+Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so müssen Sie doch noch
+verschiedene Einkäufe machen, verschiedene Stiefelchen und Kleidchen,
+und da, meine ich, kommt es denn sehr gelegen, daß ich gerade ein gutes
+Magazin kenne, an der Gorochowaja – erinnern Sie sich noch, wie ich es
+Ihnen einmal beschrieb? – Aber nein! Was rede ich, was fällt Ihnen ein,
+mein Kind, was denken Sie! Sie dürfen doch nicht, es ist ganz unmöglich:
+Sie können jetzt einfach nicht so ohne weiteres fortfahren! Sie müssen
+doch große Einkäufe machen, Sie müssen einen Wagen mieten. Überdies ist
+auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur, es regnet wie aus
+Eimern, unaufhörlich regnet es, und überdies ... es wird doch noch kalt
+werden, mein Engelchen, Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden
+erfrieren! Und Sie fürchten doch jeden fremden Menschen: und nun wollen
+Sie mit diesem da fortfahren! Wie soll ich denn hier so allein
+zurückbleiben? Ja! Die Fedora sagt, daß ein großes Glück Sie erwarte ...
+aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir mein Letztes
+nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse in die Kirche gehen, mein Kind?
+Ich würde dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen.
+
+Es ist wahr, Kind, es ist richtig, daß Sie ein gebildetes, gutes,
+gefühlvolles Mädchen sind, nur wissen Sie, – mag er doch lieber eine
+Kaufmannstochter heiraten! Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber eine
+Kaufmannstochter heiraten! – Ich werde zu Ihnen kommen, Warinka, sobald
+es dunkelt, werde ich auf ein Stündchen hinüberkommen. Jetzt wird es
+doch schon früh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt auf ein
+Stündchen! Jetzt erwarten Sie Bükoff, das weiß ich, aber wenn er
+fortgegangen ist, dann ... Also warten Sie, Kindchen, ich komme
+unbedingt ...
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 27. September.
+
+Mein Freund Makar Alexejewitsch!
+
+Herr Bükoff sagt, ich müsse mindestens drei Dutzend Hemden von
+holländischer Leinewand haben. Daher müssen wir so schnell wie möglich
+Weißnäherinnen für zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich wenig
+Zeit. Herr Bükoff ärgert sich, weil er nicht geahnt hat, wie er sagt,
+daß diese Lappen soviel Schererei verursachen können.
+
+Unsere Hochzeit wird in fünf Tagen stattfinden, und am Tage darauf
+reisen wir ab. Herr Bükoff hat Eile und sagt, für diese Dummheiten
+brauche man nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den
+Scherereien schon so müde, daß ich mich kaum noch auf den Füßen halten
+kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit, und doch, weiß Gott, wäre es
+besser, wenn nichts von all diesen Sachen nötig wäre. Ja, und noch
+etwas: wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir müssen noch welche
+zukaufen, denn Herr Bükoff sagt, er wünsche nicht, daß seine Frau wie
+eine Küchenmagd gekleidet gehe, ich müsse „alle Gutsbesitzersfrauen in
+den Schatten stellen“ – das sind seine Worte.
+
+Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie zu Madame Chiffon
+(Gorochowaja, Sie wissen schon) und bitten Sie sie, uns schnell einige
+Nähterinnen zu schicken, dies erstens, und zweitens, daß sie sich selbst
+herbemühen möge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich bin heute krank.
+Hier in unserer neuen Wohnung ist es so kalt und alles ist in
+schrecklicher Unordnung. Herrn Bükoffs Tante kann kaum noch atmen vor
+Altersschwäche. Ich fürchte, daß sie vielleicht noch vor unserer Abreise
+sterben könnte, doch Herr Bükoff sagt, das habe nichts auf sich, sie
+würde sich schon wieder erholen.
+
+Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem Kopf. Da Herr Bükoff
+nicht hier wohnt, laufen die Leute nach allen Seiten fort und tun, was
+sie gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu unserer
+Bedienung haben. Herrn Bükoffs Kammerdiener, der hier nach dem Rechten
+sehen soll, ist schon seit drei Tagen verschwunden. Herr Bükoff kommt
+jeden Morgen angefahren und ärgert sich, gestern aber hat er den
+Hausknecht geprügelt, weshalb er dann mit der Polizei Unannehmlichkeiten
+bekam ... Ich habe hier im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen
+den Brief zusenden könnte. Ich schreibe Ihnen durch die Stadtpost. Ach,
+natürlich, das Wichtigste hätte ich fast vergessen! Sagen Sie Madame
+Chiffon, daß sie die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern
+gewählten Muster passende, aussuchen, und daß sie dann selbst zu mir
+kommen soll, um mir die neue Auswahl zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr
+noch, daß ich mich in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie
+muß gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas: Die Buchstaben in
+den Taschentüchern soll sie in Tamburinstickerei nähen, verstehen Sie? –
+in Tamburinstickerei und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht:
+Tamburinstickerei! So, und da hätte ich doch noch etwas vergessen! Sagen
+Sie ihr, um Gottes willen, daß die Blättchen auf der Pelerine erhaben
+ausgenäht werden müssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber, an den
+Kragen muß sie dann noch eine Spitze nähen, oder eine breite Falbel.
+Bitte, sagen Sie ihr das, Makar Alexejewitsch.
+
+ Ihre
+ W. D.
+
+P. S. Ich schäme mich so, daß ich Sie wieder mit meinen Aufträgen
+belästige. Vorgestern sind Sie ja schon den ganzen Nachmittag gelaufen.
+Doch was soll ich tun! Bei uns im Hause gibt es überhaupt keine Ordnung
+und ich selbst bin krank. Also ärgern Sie sich nicht gar zu sehr über
+mich, Makar Alexejewitsch. Es ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das
+noch werden, mein Freund, mein lieber, mein guter Makar Alexejewitsch!
+Ich fürchte mich, an die Zukunft auch nur zu denken. Es ist mir, als
+hätte ich tausend schlimme Vorahnungen und mein Kopf ist wie
+eingenommen.
+
+P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen Sie nur nichts von dem,
+was Sie Madame Chiffon zu sagen haben. Ich fürchte, Sie verwechseln mir
+alles. Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei und _nicht_
+blank!
+
+ W. D.
+
+
+ 27. September.
+
+Meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ihre Aufträge habe ich alle gewissenhaft ausgeführt. Madame Chiffon
+sagte, daß sie auch schon an Tamburinstickerei gedacht habe: das sei
+vornehmer, sagte sie, oder was sie da sagte – ich habe es nicht ganz
+begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann, Sie hatten dort etwas von
+einer Falbel geschrieben, da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur
+habe ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der Falbel sagte.
+Ich weiß nur noch, daß sie sehr viel über diese Falbel zu sagen hatte.
+Solch ein schändliches Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen
+heute noch alles selbst sagen. Ich bin nämlich, mein Kind, ich bin
+nämlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin ich auch nicht in den Dienst
+gegangen. Nur ängstigen Sie sich, meine Liebe, ganz unnötigerweise. Für
+Ihre Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Läden Petersburgs zu
+laufen. Sie schreiben, daß Sie sich fürchten, in die Zukunft zu blicken,
+oder an sie auch nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch
+alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen kommen. – Also
+verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen Sie, Kind, vielleicht wird sich
+doch noch alles zum besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese
+verwünschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem Sinn, das geht nur so –
+Falbel, Falbel, Falbel! ...
+
+Ich würde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen, mein Engelchen, würde
+unbedingt auf ein Weilchen vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal
+Ihrer Tür genähert, aber Bükoff, das heißt, ich wollte sagen, Herr
+Bükoff ist immer so böse, und da ist es wohl nicht gerade angebracht ...
+Nicht wahr? ...
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 28. September.
+
+Mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier! Sagen Sie ihm, daß er
+die Ohrgehänge mit Perlen und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bükoff
+sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel. Er ärgert
+sich. Er sagt, daß es ihm ohnehin schon ein Heidengeld koste und daß wir
+ihn plündern. Und gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen
+hätte, würde er sich die Sache noch sehr überlegt haben. Er sagt, daß
+wir sogleich nach der Trauung abreisen werden, ich solle mir also keine
+Illusionen machen: es kämen weder Gäste, noch werde nachher getanzt
+werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich solle mir nur nicht
+einbilden, gleich tanzen zu können. So spricht er jetzt! Und Gott weiß
+doch, ob ich das alles nötig habe, oder nicht! Herr Bükoff hat doch
+selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen: er ist so
+heftig. Was wird nur aus mir werden?!
+
+ W. D.
+
+
+ 28. September.
+
+Mein Täubchen, meine liebe Warwara Alexejewna!
+
+Ich, das heißt der Juwelier sagt – gut. Von mir aber wollte ich nur
+sagen, daß ich erkrankt bin und nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo
+so viel zu besorgen ist, wo Sie meiner Hilfe bedürfen, jetzt müssen die
+Erkältungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch habe ich Ihnen
+noch mitzuteilen, daß zur Vollendung meines Unglücks Seine Exzellenz
+heute geruht haben, sehr böse zu sein: sie haben sich über Jemeljan
+Iwanowitsch geärgert, haben sehr gescholten und sahen zu guter Letzt
+ganz erschöpft aus, so daß sie mir über alle Maßen leid getan haben. Sie
+sehen, ich teile Ihnen alles mit.
+
+Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben, aber ich fürchte,
+Ihnen damit nur unnütz Zeit zu rauben. Ich bin ja doch, mein Kind, ein
+dummer Mensch, bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade
+kommt und was mir einfällt, so daß Sie vielleicht dort irgendwie so
+etwas ... ich kann ja nicht wissen was ... Ach, nun, was soll man da
+reden!
+
+ Ihr
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 28. September.
+
+Warwara Alexejewna, mein Herzchen!
+
+Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen, mein Täubchen. Sie sagt,
+Sie werden schon morgen getraut und übermorgen reisen Sie ab! Herr
+Bükoff habe schon die Pferde bestellt.
+
+Über Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben, mein Kind. Ja
+und dann: die Rechnungen der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es
+stimmt alles, nur daß es sehr teuer ist. Aber warum ärgert sich denn
+Herr Bükoff über Sie? Nun, so seien Sie glücklich, Kind! Ich freue mich.
+Ja, ich werde mich immer freuen, wenn Sie glücklich sind, Kind! Ich
+würde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich kann nicht, mein Kreuz
+schmerzt.
+
+Doch wie wird es denn nun mit den Briefen – ich komme wieder darauf
+zurück –, wie werden wir uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns
+zustellen, Kind?
+
+Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora so sehr beschenkt, meine
+Gute! Damit haben Sie ein gutes Werk getan, das war schön von Ihnen. Für
+jede gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt und der
+Tugend ist immer Gottes Lohn gewiß.
+
+Kind, mein Kind! Ich würde Ihnen vieles schreiben, ich würde Ihnen jede
+Stunde, jede Minute schreiben, immer nur schreiben! Ich habe hier noch
+ein Büchlein von Ihnen, „Bjelkins Erzählungen“, das ist noch bei mir
+geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen Sie das bei mir, nehmen Sie mir
+das nicht fort, schenken Sie es mir ganz, mein Täubchen! Nicht deshalb,
+weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals lesen möchte. Aber
+Sie wissen doch selbst, Kind, der Winter kommt, die Abende werden lang:
+da wird man denn traurig – und da ist es dann gut, wenn man etwas zum
+Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus meiner Wohnung in Ihre alte
+Wohnung ziehen und werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser
+ehrenwerten alten Frau werde ich mich jetzt für keinen Preis mehr
+trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam. Gestern habe ich mir in Ihrer
+verlassenen Wohnung alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner
+Stickrahmen mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles geblieben,
+unangerührt, wie es war. Ich habe auch Ihre Stickerei betrachtet. Dann
+sind da noch verschiedene kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stückchen
+von einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn aufzuwickeln. In
+Ihrem Tischchen fand ich noch einen Bogen Postpapier, auf dem Sie
+geschrieben haben: „Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich“ –
+und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand gleich zu Anfang
+unterbrochen. In der Ecke hinter dem Schirm steht Ihr schmales Bettchen
+... Mein Täubchen Sie!!!
+
+Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten Sie mir nur um
+Gottes willen etwas auf meinen Brief, und recht bald!
+
+ Makar Djewuschkin.
+
+
+ 30. September.
+
+Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch!
+
+Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. Ich weiß nicht, was
+die Zukunft mir bringen wird, aber ich füge mich in den Willen des
+Herrn. Morgen reisen wir.
+
+Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen, mein einziger, mein
+treuer, lieber, guter Freund! Sind Sie doch mein einziger Verwandter,
+der in der Not treu zu mir gehalten hat!
+
+Grämen Sie sich nicht um mich, leben Sie glücklich, denken Sie zuweilen
+an mich und möge Gott Sie segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie
+in meinem Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese Zeit
+vorüber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die ich aus der Vergangenheit
+ins neue Leben mitnehme, um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr
+Andenken, um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen sein. Sie sind
+mein einziger Freund, nur Sie allein haben mich hier geliebt. Ich bin
+doch nicht blind gewesen, ich habe es doch gesehen und gewußt, wie Sie
+mich liebten! Mein Lächeln genügte, um Sie glücklich zu machen, eine
+Zeile von mir söhnte Sie mit allem aus. Jetzt müssen Sie sich daran
+gewöhnen, ohne mich auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier
+weiterleben? Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter, unschätzbarer,
+einziger Freund!
+
+Ich überlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen, den angefangenen Brief.
+Wenn Sie diese angefangenen Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken
+weiter: lesen Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie von mir
+gern gehört oder gelesen hätten, alles, was ich Ihnen hätte schreiben
+können – was aber würde ich Ihnen jetzt nicht alles schreiben! Vergessen
+Sie nicht Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem Herzen
+geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora in der Kommode geblieben,
+in der obersten Schublade.
+
+Sie schreiben, daß Sie krank seien. Ich würde Sie besuchen, aber Herr
+Bükoff läßt mich heute nicht fort. Ich werde Ihnen schreiben, mein
+Freund, das verspreche ich Ihnen, aber nur Gott allein weiß, was alles
+geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt für immer Abschied
+voneinander nehmen, mein Freund, mein Täubchen, wie Sie mich nennen,
+mein Liebster! Auf immer! ... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen würde, Sie!
+Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht, recht, recht wohl! Seien
+Sie glücklich! Bleiben Sie gesund. Nie werde ich vergessen, für Sie zu
+beten. O! wenn Sie wüßten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll
+bedrückt meine Seele ist!
+
+Herr Bükoff ruft mich.
+
+ Ihre Sie ewig liebende
+ W.
+
+P. S. Meine Seele ist so voll, so voll von Tränen ... Sie drohen, mich
+zu ersticken, zu zerreißen! Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott!
+wie ist es traurig!
+
+Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka.
+
+ W.
+
+
+Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling! Man bringt Sie fort, Sie
+fahren. Ja, jetzt wäre es doch besser, man risse mir das Herz aus der
+Brust, als daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das nur
+möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und doch fahren Sie?! Da habe
+ich soeben Ihren Brief erhalten, der stellenweise noch feucht ist von
+Tränen. So wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren?
+Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es tut Ihnen leid um
+mich? Ja, aber – dann lieben Sie mich doch! Wie ist denn das? Was soll
+jetzt geschehen? Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist dort
+öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr Herzchen krank machen, die
+Trauer wird es zerreißen. Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in
+die feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, der Sie beweint!
+Herr Bükoff wird immer Hasen jagen ... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie
+sich da entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? Was haben
+Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich selbst angetan! Man
+wird Sie doch dort ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach
+umbringen, mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein Federchen, so
+zart und schwach! Und wo war ich denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn
+hier mit offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein Kindskopf
+sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich denn nicht, daß dem Kinde
+einfach nur das Köpfchen versagte! Da hätte ich doch ganz einfach – aber
+nein! Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch sehe ich
+etwas, als sei das gerade das Richtige, als ginge die ganze Sache mich
+gar nichts an, und laufe sogar noch nach Falbeln! ... Nein, Warinka, ich
+werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon soweit sein, dann
+stehe ich einfach auf! Und dann, dann werde ich mich einfach unter die
+Räder werfen. Ich lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn das
+eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht geschieht das denn
+alles? Ich werde mit Ihnen fahren! Ich werde Ihrem Wagen nachlaufen,
+wenn Sie mich nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde laufen,
+solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis ich meinen Geist
+aufgebe!
+
+Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was Sie erwartet, dort, wohin
+Sie fahren, Kind? Wenn Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich,
+ich weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, nichts als
+flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie meine Hand, so nackt! Dort
+leben nur stumpfe, gefühllose Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle.
+Jetzt ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen, dort regnet
+es, dort ist es kalt – und dorthin fahren Sie!
+
+Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird da seine Hasen jagen.
+Aber was werden Sie dort anfangen? Sie wollen Gutsherrin sein, mein
+Kind? Aber, mein Engelchen! – so sehen Sie sich doch nur an, sehen Sie
+denn nach einer Gutsherrin aus?
+
+Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen werde ich denn jetzt noch
+Briefe schreiben, Kind? Ja! so bedenken Sie und fragen Sie sich doch
+bloß dies eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben können?
+Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, mein liebes Kind nennen, wem
+gebe ich diesen zärtlichen Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo
+soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich werde sterben,
+Warinka, ich werde bestimmt sterben. Nein, solchem Unglück ist mein Herz
+nicht gewachsen!
+
+Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie mein leibliches
+Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte alles an Ihnen, mein Liebling!
+Nur für Sie allein lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und
+geschrieben, bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen in
+meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, mein Kind, hier in meiner
+Nähe lebten. Sie haben das vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich
+so, es war wirklich so!
+
+Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen Sie doch, mein
+Täubchen, wie ist denn das nur möglich, daß Sie uns verlassen? – Nein,
+meine Liebe, das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist völlig
+ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so kränklich – Sie werden
+sich bestimmt erkälten. Ihre Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein
+Wagen ist kein Haus – sie wird bestimmt durchnäßt werden! Und kaum
+werden Sie aus der Stadt hinausgefahren sein, da wird ein Rad brechen,
+oder der ganze Wagen bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen
+schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese Wagenbauer: denen
+ist es nur um die Fasson zu tun, um irgend so ein Spielzeug
+herzustellen, aber von Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich
+schwöre es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle nichts!
+
+Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die Knie niederwerfen und ihm
+alles sagen, alles! Und auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen!
+Sie werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn so überzeugen!
+Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben, daß Sie nicht mit ihm fahren
+können! ... Ach, warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter
+geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter ausgesucht!
+Das wäre für alle besser gewesen, die würde viel besser zu ihm passen,
+ich weiß schon, warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was ist er
+Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist er Ihnen denn plötzlich so
+lieb und wert geworden? Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden,
+weil er Ihnen Falbeln kauft und alles dieses – deshalb etwa? Wozu sind
+denn diese Falbeln? Wozu hat man die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein
+Stück Zeug, solch ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein
+Menschenleben, Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach nur Lappen,
+wirklich – nichts anderes, als nichtsnutzige Lappen! Ich aber, ich kann
+Ihnen doch gleichfalls solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein
+nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen diese Falbeln, mein
+Kind, und ich weiß schon wo, ich kenne dort einen kleinen Laden, nur
+müssen Sie noch etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt
+bekomme, mein Engelchen, Warinka!
+
+Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit Herrn Bükoff fort in die
+Steppe, auf immer fort! Ach, Kind! ... Nein, Sie müssen mir noch
+schreiben, noch ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn Sie
+schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von dort einen Brief. Denn
+sonst, mein Engelchen, wäre dies der letzte Brief, das aber kann doch
+nicht sein, daß dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte
+das, so plötzlich – der letzte, wirklich der letzte Brief sein? Aber
+nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie müssen mir schreiben ...
+Fängt doch gerade jetzt mein Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind,
+aber was heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst zu
+wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts weiß ich und will
+auch nichts durchlesen, nichts verbessern, nichts, nichts. Ich schreibe
+nur, um zu schreiben, immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen,
+mein Liebling, mein Kind Sie!
+
+
+
+
+ Der Doppelgänger
+
+
+ I.
+
+Es war kurz vor acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakoff Petrowitsch
+Goljädkin nach langem Schlaf erwachte.
+
+Er blinzelte zunächst nur ein wenig, gähnte verschlafen, streckte
+langsam die Glieder, und erst nach und nach öffnete er die Augen
+vollständig. Doch blieb er noch eine gute Weile regungslos in seinem
+Bett liegen, wie eben ein Mensch, der sich selbst noch nicht ganz klar
+darüber zu werden vermag, ob er nun wirklich schon erwacht und rings von
+Wirklichkeit umgeben ist, oder ob er noch schläft und nur ein Traumbild
+vor sich sieht. Bald jedoch klärten sich seine Sinne so weit, daß er mit
+besserem Bewußtsein und regerer Vernunft die geschauten Eindrücke in
+sich aufnehmen und in der Tat als bereits längst bekannte und ganz
+alltägliche Wirklichkeit erkennen konnte. Wohl vertraut blickten ihn die
+grünlichen, verräucherten und ewig bestaubten Wände seines kleinen
+Zimmers an, wohl vertraut seine rotbraune Kommode und die Stühle von
+derselben Farbe, wohlvertraut der rotbraune Tisch und der türkische
+Diwan mit dem in der Grundfarbe rötlichen, doch grüngeblümten
+Wachsleinwandbezug, und wohlvertraut schließlich auch die gestern abend
+in der Eile abgeworfenen Kleider, die in einem Haufen auf eben diesem
+Diwan lagen. Bei alledem sah auch noch der unfreundliche Herbsttag mit
+seinem trüben, fast schmutzig trüben Licht so griesgrämig und so
+mißvergnügt durch die grauen Fensterscheiben ins Zimmer, daß Herr
+Goljädkin unmöglich daran zweifeln konnte, daß er sich in keinem
+Wolkenkuckucksheim befand, sondern in Petersburg, in der Hauptstadt des
+russischen Reiches, und zwar in seiner eigenen Wohnung, in einem großen,
+vier Stockwerke hohen Hause, das an der Straße lag, die man die
+Schestilawotschnaja nennt. Nachdem er zu dieser wichtigen Erkenntnis
+gelangt war, schloß Herr Goljädkin, plötzlich vor Schreck
+zusammenzuckend, zunächst blitzschnell wieder die Augen, um, wenn
+möglich, weiterzuschlafen – ganz als wäre nichts geschehen. Doch hielt
+er diesen Zustand nicht lange aus, denn plötzlich – es war noch keine
+Minute vergangen – fuhr er von neuem auf und sprang diesmal sofort aus
+dem Bett, ganz als seien seine Gedanken endlich auf denjenigen Punkt
+gestoßen, um den sie bis dahin aus Mangel an jeglicher Ordnung in
+blinder Reihenfolge ergebnislos gekreist hatten.
+
+Kaum war er nun aus dem Bett gesprungen, so war das erste, was er tat,
+daß er zu dem runden Spiegelchen stürzte, das auf der Kommode stand. Und
+obwohl das verschlafene Gesicht mit den kurzsichtigen Augen und dem
+ziemlich gelichteten Haupthaar, das ihm aus dem Spiegel entgegenschaute,
+von so unbedeutender Art war, daß es ganz entschieden sonst keines
+einzigen Menschen Aufmerksamkeit hätte fesseln können, schien der
+Besitzer desselben doch mit dem Erblickten sehr zufrieden zu sein.
+
+„Das wäre was Nettes,“ murmelte Herr Goljädkin halblaut vor sich hin,
+„gerade was Nettes, wenn mir heute irgend etwas fehlen würde, wenn zum
+Beispiel irgend so etwas ... sagen wir, ein Pustelchen aufgekeimt wäre,
+oder eine ähnliche Unannehmlichkeit. Aber bis jetzt ist noch alles gut
+gegangen ... jawohl: vorläufig ist alles gut!“
+
+Und damit setzte Herr Goljädkin, sehr erfreut über diese Feststellung,
+den Spiegel wieder auf die Kommode, worauf er selbst, obschon er noch
+barfuß und nur mit einem Hemde bekleidet war, zum Fenster eilte, um mit
+großer Neugier in den Hof hinabzuspähen. Offenbar wurde er durch das,
+was er dort unten erblickte, vollkommen zufriedengestellt, denn ein
+Lächeln erhellte sein Antlitz.
+
+Dann – nachdem er zuvor noch einen Blick hinter die Scheidewand in die
+Kammer Petruschkas, seines „Kammerdieners“, geworfen und sich überzeugt
+hatte, daß Petruschka nicht anwesend war – schlich er leise zum Tisch,
+schloß das Schubfach auf, suchte im verborgensten Winkel dieses
+Schubfaches zwischen alten vergilbten Papieren und anderem Kram, bis er
+schließlich eine abgenutzte grüne Brieftasche zutage förderte, die er
+vorsichtig aufklappte, um ebenso vorsichtig und mit wonnevollem
+Entzücken und offenbarem Genuß in das geheimste Täschchen
+hineinzuspähen. Wahrscheinlich blickten auch die grünen und grauen und
+blauen und roten Papierchen, die sich darin befanden, ebenso freundlich
+und zustimmend Herrn Goljädkin an, wie er sie: wenigstens legte er die
+offene Tasche mit geradezu strahlender Miene vor sich auf den Tisch,
+worauf er sich zum Ausdruck seines Vergnügens kräftig die Hände rieb.
+
+Endlich beugte er sich wieder über die Brieftasche und entnahm dem
+letzten und verborgensten Täschchen das ganze, ihn so ungemein
+erfreuende bunte Paketchen Papier, um zum hundertsten Male – bloß vom
+letzten Abend gerechnet – die Geldscheine nachzuzählen, wobei er jeden
+Schein gewissenhaft mit Daumen und Zeigefinger rieb, damit ihm nicht
+etwa zwei für einen durchgingen.
+
+„Siebenhundertfünfzig Rubel in Papiergeld!“ murmelte er dann vor sich
+hin. „Siebenhundertfünfzig Rubel ... eine große Summe! Eine sehr
+annehmbare Summe,“ fuhr er mit bebender, vor Wonne ganz weich klingender
+Stimme in seinem Selbstgespräch fort, indem er das Paket mit den
+Geldscheinen in der geschlossenen Hand wog und bedeutsam dazu lächelte:
+„Sogar eine überaus annehmbare Summe! Sogar für einen jeden eine überaus
+annehmbare Summe! Ich wollte den Menschen sehen, für den diese Summe
+eine geringe Summe wäre! Eine solche Summe kann einen Menschen weit
+bringen ...“
+
+„Aber was ist denn das?“ fuhr Herr Goljädkin aus seinem fröhlichen
+Gedankengang plötzlich auf, „wo ist denn mein Petruschka?“ Und er begab
+sich, immer noch ohne weitere Bekleidung, zum zweiten Male zur
+Scheidewand – doch Petruschka war auch diesmal in seiner Kammer nicht zu
+erblicken. Statt seiner stand dort nur der Samowar auf der Diele und
+brummte und ärgerte sich und kochte vor Wut, unter der unausgesetzten
+Drohung, jeden Augenblick überzulaufen, indem er mit heißestem Eifer in
+den Gutturallauten seiner sich überstürzenden und unverständlichen
+Sprache brodelnd und zischend Herrn Goljädkin sagen zu wollen schien: So
+nimm mich doch endlich, guter Mann, ich bin ja schon längst und
+vollkommen fertig und mehr wie bereit!
+
+„Das ist doch des Teufels!“ dachte Herr Goljädkin, „diese faule Bestie
+kann einen Menschen ja um seine letzte Geduld bringen! Wo er sich nur
+wieder herumtreibt?!“
+
+Und in gerechtem Unwillen öffnete er die Tür zum Vorzimmer – einem
+kleinen Korridor, aus dem eine Tür auf den Treppenflur führte – und
+erblickte dort seinen Diener, den eine stattliche Anzahl dienstbarer
+Geister, aus der Nachbarschaft und von der verschiedensten Art, eifrig
+umringte. Petruschka erzählte und die anderen hörten zu. Augenscheinlich
+mißfiel jedoch sowohl das Thema der Unterhaltung wie die Unterhaltung
+selbst Herrn Goljädkin nicht wenig. Er rief sogleich seinen Petruschka
+und kehrte nicht nur unzufrieden, sondern ordentlich aus dem
+Gleichgewicht gebracht in sein Zimmer zurück.
+
+„Diese Bestie ist ja wahrhaftig bereit, für weniger als eine Kopeke
+einen Menschen zu verkaufen, um wieviel mehr noch seinen Brotherrn,“
+dachte er bei sich, „und das hat er, oh, das hat er auch schon getan,
+ich wette, daß er’s getan hat! – Nun, was?“ wandte er sich an den
+eingetretenen Petruschka.
+
+„Die Livree ist gebracht worden, Herr.“
+
+„Dann zieh sie an und komm her.“
+
+Petruschka tat, wie ihm befohlen, und erschien darauf mit einem dummen
+Grinsen wieder im Zimmer seines Herrn, diesmal in einem unbeschreiblich
+seltsamen Aufzuge.
+
+Er trug einen grünen, bereits stark mitgenommenen Dienerfrack mit mehr
+als schadhaften goldenen Tressen, eine Livree, die für einen Menschen
+gemacht worden war, der mindestens um eine Elle länger sein mußte, als
+Petruschka.
+
+In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Goldtressen und mit grünen
+Federn garnierten Hut, und an der Seite hing ihm ein Dienerschwert in
+einer ledernen Scheide.
+
+Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, daß Petruschka, der
+seiner ausgesprochenen Vorliebe für alles Bequeme zufolge fast nur im
+Negligee zu gehen pflegte, auch jetzt, trotz Hut und Schwert und Frack,
+barfuß erschienen war. Herr Goljädkin betrachtete seinen Petruschka von
+allen Seiten, schien aber zufriedengestellt zu sein. Die Livree war
+offenbar zu irgendeinem feierlichen Vorhaben gemietet worden. Auffallend
+war an Petruschka noch, daß er während der Musterung, deren ihn sein
+Herr unterzog, seltsam erwartungsvoll und mit größter Neugier jede
+Bewegung dieses seines Herrn verfolgte, was Herrn Goljädkin, der es
+merkte, geradezu befangen machte.
+
+„Nun, und die Equipage?“
+
+„Auch die Equipage ist gekommen.“
+
+„Für den ganzen Tag?“
+
+„Für den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.“
+
+„Und auch die Stiefel sind gebracht worden?“
+
+„Auch die Stiefel sind gebracht worden.“
+
+„Esel! Kannst du nicht einfach jawohl sagen? Gib sie her!“
+
+Nachdem Herr Goljädkin dann seine Zufriedenheit mit der Leistung des
+Schusters ausgedrückt hatte, wollte er Tee trinken, sich waschen und
+rasieren. Letzteres tat er sehr gewissenhaft, auch beim Waschen legte er
+viel Sorgfalt an den Tag, doch vom Tee trank er nur eilig im
+Vorübergehen, und dann machte er sich sofort an die weitere Bekleidung
+seiner Person. Zunächst zog er ein Paar fast nagelneuer Beinkleider an,
+dann ein Plätthemd mit Knöpfen, die ganz so aussahen, als wären sie von
+Gold, und eine Weste mit sehr grellen, aber netten Blümchen. Um den Hals
+band er sich eine bunte, seidene Krawatte, und zu guter Letzt zog er
+noch seinen Uniformrock an, der gleichfalls fast ganz neu und sorgfältig
+gebürstet war. Während des Ankleidens schaute er mehrmals mit
+liebevollen Blicken auf seine neuen Stiefel hinab, hob bald diesen, bald
+jenen Fuß, betrachtete mit Wohlgefallen die Form, und murmelte etwas
+Unverständliches vor sich hin, wobei sein beredtes Mienenspiel, das hier
+und da entfernt an ein Gesichterschneiden gemahnte, seinen Gedanken
+beifällig zustimmte. Übrigens war Herr Goljädkin an diesem Morgen sehr
+zerstreut, weshalb ihm denn auch das sonderbare Spiel der Mundwinkel und
+Augenbrauen Petruschkas, während ihm dieser beim Ankleiden behilflich
+war, völlig entging.
+
+Als endlich alles getan, was zu tun war, und Herr Goljädkin vollständig
+angekleidet dastand, steckte er als Letztes noch seine Brieftasche in
+die Brusttasche, weidete sich nochmals am Anblick Petruschkas, der
+inzwischen Stiefel angezogen hatte und folglich gleichfalls vollständig
+angekleidet war –, und als er sich dann sagen mußte, daß „somit alles
+fertig“ sei und folglich kein Grund vorhanden, noch länger zu warten,
+wandte er sich eilig und geschäftig und mit einer leisen Herzensunruhe
+dem Ausgang zu und eilte die Treppe hinab. Eine hellblaue Mietsequipage
+mit eigentümlichem Wappen fuhr donnernd vom Hof unter den Torbogen und
+hielt vor der Treppe. Petruschka, der noch mit dem Kutscher und ein paar
+anderen Maulaffen schnell ein Augenzwinkern austauschte, klappte den
+Wagenschlag zu, rief mit einer ganz ungewohnten Stimme und kaum
+zurückgehaltenem Lachen „fahr zu!“ zum Kutscher hinauf, sprang selbst
+auf den Dienersitz hinten am Wagen – und dann rollte das Ganze donnernd
+und knatternd, wackelnd und klirrend über das holperige Steinpflaster
+unter dem Torbogen auf die Straße hinaus und weiter zum Newskij
+Prospekt.
+
+Kaum hatte die hellblaue Equipage den Torbogen verlassen, als Herr
+Goljädkin sich auch schon geschwind die Hände rieb und sichtbar, doch
+unhörbar vor sich hinlachte, wie eben ein Mensch von heiterer Gemütsart,
+dem ein köstlicher Streich gelungen ist und der sich darüber selbst
+königlich freut, zu lachen pflegt. Übrigens schlug dieser Anfall von
+Lustigkeit sogleich in eine andere Stimmung um: das Lachen im Gesicht
+Herrn Goljädkins wich plötzlich einem eigentümlich besorgten Ausdruck.
+
+Obgleich das Wetter feucht und trübe war, ließ er beide Fenster herab
+und begann vorsichtig nach den Vorübergehenden auszuschauen, um dann
+blitzschnell wieder eine sozusagen vornehme Miene aufzusetzen, sobald er
+bemerkte, daß jemand ihn ansah. An einer Straßenkreuzung – der Wagen bog
+gerade von der Liteinaja auf den Newskij Prospekt – zuckte er mit einem
+Male wie von einer höchst unangenehmen Empfindung zusammen, als wäre ihm
+jemand versehentlich auf ein Hühnerauge getreten, und zog sich
+schleunigst in den dunkelsten Winkel seiner Equipage zurück, in den er
+sich fast mit einem Angstgefühl hineindrückte. Die Ursache seines
+Schrecks war nichts anderes, als daß er plötzlich zwei junge Beamte
+erblickt hatte, die seine Kollegen waren. Zum Unglück hatten diese auch
+ihn erblickt und, wie es Herrn Goljädkin schien, in höchster
+Verwunderung angestarrt: als trauten sie ihren Augen nicht, ihren
+Kollegen in einem solchen Aufzuge zu sehen. Der eine von ihnen hatte
+sogar mit dem Finger nach ihm gewiesen. Ja, es schien Herrn Goljädkin,
+daß der andere ihn laut beim Namen angerufen habe, was doch auf der
+Straße entschieden unzulässig war. Doch unser Held versteckte sich und
+tat, als hätte er nichts gehört.
+
+„Diese dummen Jungen!“ dachte er statt dessen bei sich selbst, „was ist
+denn da für eine Veranlassung, sich zu wundern? Ein Mensch in einer
+Equipage! Der Betreffende mußte eben einmal in einer Equipage fahren,
+und da hat er sich eine gemietet! Weshalb sich da aufregen? Aber ich
+kenne sie ja! – grüne Jungen, die noch versohlt werden müßten! Die haben
+nichts als Tingeltangel im Kopf! Wie sie sich amüsieren können, das ist
+ihr ganzer Lebensinhalt. Ich würde ihnen mal etwas sagen, etwas ...“
+
+Herr Goljädkin stockte und erstarrte vor Schreck: rechts neben seiner
+Equipage war ein ihm merkwürdig bekanntes Paar feuriger Kasaner Pferde
+aufgetaucht, in blitzendem Geschirr vor einem eleganten offenen Wagen,
+der seine Equipage alsbald überholte. Der Herr aber, der im Wagen saß,
+und zufällig den gerade recht unvorsichtig zum Fenster hinausschauenden
+Kopf Herrn Goljädkins erblickte, war allem Anscheine nach gleichfalls
+höchlichst erstaunt über diese Begegnung, und indem er sich so weit als
+möglich vorbeugte, blickte er mit dem größten Interesse gerade nach
+jenem Winkel der Equipage, in den sich unser Held wieder schleunigst
+zurückgezogen hatte.
+
+Der Herr im offenen Wagen war Staatsrat Andrej Philippowitsch, der Chef
+derselben Abteilung, der Herr Goljädkin angehörte. Herr Goljädkin sah
+und begriff sehr wohl, daß sein hoher Vorgesetzter ihn erkannt hatte,
+daß er ihm starr in die Augen sah, und ein Entrinnen oder Verstecken
+vollkommen ausgeschlossen war, und er fühlte, wie er unter seinem Blick
+bis über die Ohren errötete, doch –
+
+„Soll ich grüßen, oder soll ich nicht?“ fragte sich unser Held trotzdem
+unentschlossen und in unbeschreiblich qualvoller Beklemmung, „soll ich
+ihn erkennen oder soll ich tun, als wäre ich gar nicht ich, sondern
+irgendein anderer, der mir nur zum Verwechseln ähnlich sieht? – und soll
+ich ihn ansehen, genau so, als läge gar nichts vor? – Jawohl, ich bin
+einfach nicht ich – und damit basta!“ beschloß Herr Goljädkin mit
+stockendem Herzschlag, ohne den Hut vor Andrej Philippowitsch zu ziehen
+und ohne seinen Blick von ihm wegzuwenden. „Ich ... ich, ich bin eben
+einfach gar nicht ich,“ dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der
+Stelle vergehen, „gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz anderer –
+und nichts weiter!“
+
+Bald jedoch hatte der Wagen die Equipage überholt und damit war der
+Magnetismus, der in den Blicken des Gestrengen gelegen hatte, gebrochen.
+Freilich, Herr Goljädkin war immer noch feuerrot und lächelte und
+murmelte Unverständliches vor sich hin ...
+
+„... Es war doch eine Dummheit von mir, nicht zu grüßen,“ sagte er sich
+endlich in besserer Erkenntnis, „ich hätte ganz ruhig und dreist handeln
+sollen, offen und anständig, – einfach: so und so, Andrej
+Philippowitsch, bin eben gleichfalls zu einem Diner geladen, sehen Sie!“
+
+Und da leuchtete es ihm erst so recht ein, wie groß der Fehler war, den
+er begangen hatte: er wurde nochmals feuerrot, runzelte die Stirn und
+warf einen fürchterlichen und zugleich herausfordernden Blick nach dem
+Wagenwinkel ihm gegenüber, als wolle er mit diesem einen Blick auf der
+Stelle seine sämtlichen Feinde niederschmettern. Plötzlich aber kam ihm
+ein Gedanke – wie eine höhere Eingebung war es: er zog an der Schnur,
+die an den linken Arm des Kutschers gebunden war, ließ anhalten und
+befahl, nach der Liteinaja zurückzufahren. Herr Goljädkin empfand
+nämlich das dringende Bedürfnis, zu seiner eigenen Beruhigung etwas sehr
+Wichtiges seinem Arzt Krestjan Iwanowitsch mitzuteilen. Er war freilich
+erst seit kurzer Zeit mit ihm bekannt – er hatte ihn erst in der
+vergangenen Woche zum erstenmal besucht, um in irgendeiner Angelegenheit
+seinen Rat einzuholen, aber ... der Arzt soll doch, wie man sagt, so
+etwas wie ein Beichtiger des Menschen sein, dessen Pflicht es ist,
+seinen Patienten zu kennen.
+
+„Wird das nun auch das Richtige sein?“ fragte sich unser Held, von
+gelinden Zweifeln erfaßt, indem er vor dem Portal eines fünf Stockwerke
+hohen Hauses an der Liteinaja, vor dem er hatte halten lassen, ausstieg,
+„wird das nun auch das Richtige sein? – und gut und wohl? und zur
+rechten Zeit?“ fuhr er auf der Treppe beim Hinaufsteigen fort, und er
+holte tief Atem, um das Herz, das die Angewohnheit hatte, auf fremden
+Treppen regelmäßig stärker zu pochen, ein wenig ausruhen zu lassen.
+„Aber – was? – was ist denn dabei? Ich komme doch nur in meiner eigenen
+Angelegenheit, dabei ist nichts Anstößiges, nichts, das zu tadeln wäre
+... Es würde dumm sein, sich zu verstecken. Gerade auf diese Weise tue
+ich, als hätte ich nichts Besonderes ... als käme ich eben nur so im
+Vorüberfahren ... Da wird er sich doch sagen müssen, daß es nun einmal
+so ist und daß etwas anderes überhaupt nicht möglich war.“
+
+Mit diesen Gedanken beschäftigt, stieg Herr Goljädkin zum zweiten
+Stockwerk empor und blieb vor einer Tür stehen, an der ein kleines
+Messingschild befestigt war, das die Aufschrift trug:
+
+ Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
+ Doktor der Medizin und Chirurgie.
+
+Als unser Held stehen geblieben war, bemühte er sich zunächst, seiner
+Physiognomie einen anständigen, harmlos freundlichen und in etwa sogar
+liebenswürdigen Ausdruck zu verleihen, worauf er sich anschickte, den
+Klingelzug zu ziehen. Kaum aber war er im Begriff, dies zu tun, da fiel
+ihm plötzlich noch rechtzeitig ein, daß es vielleicht doch besser wäre,
+erst am nächsten Tage vorzusprechen, und daß es ja heute gar nicht so
+notwendig sei. Doch in diesem Augenblick vernahm er Schritte auf der
+Treppe, und das bewirkte wiederum, daß er sogleich seinen neuen
+Entschluß aufgab und so, wie es kam und kommen sollte, doch mit der
+entschlossensten Miene, an der Tür Krestjan Iwanowitschs die Klingel
+zog.
+
+
+ II.
+
+Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
+ein überaus gesunder, obschon bejahrter Mann mit dichten, bereits
+ergrauenden Augenbrauen und ebensolchem Backenbart, einem
+ausdrucksvollen, funkelnden Blick, mit dem allein er dem Anscheine nach
+schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, und, nicht zu vergessen, mit
+einem bedeutenden Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust
+trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem Kabinett, bequem im
+Stuhl zurückgelehnt, trank den Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu
+bringen pflegte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit
+Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein solches für einen
+leidenden alten Herrn aufgeschrieben und diesen zur Tür geleitet hatte,
+setzte sich Krestjan Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete
+den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein.
+
+Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen Herrn nicht im
+geringsten erwartet – und wie es schien, wünschte er auch gar nicht, ihn
+vor sich zu sehen, denn in seinem Gesicht machte sich im ersten
+Augenblick eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten
+Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, recht unzufriedenen
+Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin seinerseits fast immer den Mut und
+gewissermaßen auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in seinen
+eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, so geriet er auch diesmal
+beim ersten Satz, der bei ihm stets im wahren Sinn des Wortes der Stein
+des Anstoßes war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend etwas,
+das wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein sollte, und da er nun
+entschieden nicht mehr wußte, was weiter tun, nahm er einen Stuhl und –
+setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es ihm auch schon ein,
+daß er unaufgefordert Platz genommen hatte, errötete ob seiner
+Unhöflichkeit, und beeilte sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton
+möglichst ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. Leider kam
+er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und begriff trotz seiner etwas
+wirren Verfassung, daß er der ersten Dummheit nur eine zweite hatte
+folgen lassen, weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem er
+irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, dazu lächelte,
+verwirrt errötete, vielsagend verstummte und sich schließlich wieder
+hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, worauf er sich auf alle Fälle mit
+einem gewissen herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die
+ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn Goljädkins im Geiste
+niederzuschmettern und zu vernichten. Überdies drückte besagter Blick
+die vollkommene Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er gab
+deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden etwas anzugehen
+wünsche und daß er wie alle Menschen ein Mensch für sich sei.
+
+Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides offenbar zum
+Zeichen seines Einverständnisses und des Beifalls, den er dem gewählten
+Standpunkt zollte – und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf
+Herrn Goljädkin.
+
+„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ begann Herr Goljädkin
+mit einem Lächeln, „bin gekommen, um Sie nochmals mit meinem Besuch zu
+belästigen ... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht zu bitten ...“
+
+Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz und bündig
+auszudrücken.
+
+„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, indem er langsam
+den Rauch ausstieß und die Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen
+die Vorschriften befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen doch
+erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung der Lebensweise
+bestehen muß ... Also etwa Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei
+Freunden ... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht feind sein ...
+fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht meiden ...“
+
+Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, schnell die
+Bemerkung, daß er, wie er annehme, ganz ebenso lebe, wie alle, daß er
+seine eigene Wohnung habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen
+... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen könne, zumal er ja
+gleichfalls, ganz wie alle anderen, die Mittel dazu habe, daß er
+tagsüber im Amte sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete
+flüchtig an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter ginge als
+anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene Wohnung habe, und auch noch
+den Petruschka. Hier stockte Herr Goljädkin plötzlich.
+
+„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich wollte Sie etwas
+anderes fragen. Ich möchte ganz im allgemeinen nur wissen, ob Sie gern
+in munterer Gesellschaft sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ...
+Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein heiteres Leben
+führen?“
+
+„Ich ... Herr Doktor ...“
+
+„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der Doktor, „daß Sie ein von
+Grund aus verändertes Leben führen und in gewissem Sinne auch Ihren
+Charakter von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan Iwanowitsch
+betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, worauf er, um der größeren
+Wirkung willen, eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich
+fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem Wege gehen, Sie
+müssen das Theater und den Klub besuchen, und vor allem geistigen
+Getränken nicht abhold sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ...
+oder vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause sitzen.“
+
+„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die Stille,“ wandte Herr
+Goljädkin ein, indem er den Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach
+Worten suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken können,
+„in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka ... das heißt, mein
+Diener, Herr Doktor. Ich will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich
+meinen eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr Doktor. Wirklich:
+ich lebe ganz für mich, und wie mir scheint, bin ich von niemandem
+abhängig. Gewiß: ich gehe zuweilen spazieren ...“
+
+„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen einem gerade
+kein Vergnügen: das Wetter ist nicht danach.“
+
+„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen Sie, Krestjan
+Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, wie ich Ihnen bereits
+mitzuteilen, glaube ich, die Ehre hatte, und mein Weg führt mich nicht
+mit anderen zusammen. Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan
+Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen ... Entschuldigen
+Sie, ich bin kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“
+
+„Hm! ... Sie sagen ...“
+
+„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, Krestjan
+Iwanowitsch, da ich kein Meister in der Redekunst bin,“ versetzte Herr
+Goljädkin in halbwegs gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und
+unsicher. „In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, nicht so
+wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen Lächeln fort, „ich
+verstehe nicht logisch zu reden ... ebensowenig wie der Rede Schönheit
+zu verleihen ... das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan
+Iwanowitsch, handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan Iwanowitsch.“
+
+„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ forschte Krestjan
+Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges Schweigen. Der Arzt blickte
+etwas seltsam und mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits
+heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf.
+
+„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr Herr Goljädkin
+schließlich im selben Tone fort, ein wenig gereizt und zugleich
+verwundert über das Verhalten Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie
+gesagt, die Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den Lärm und
+alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der großen Gesellschaft, dort
+muß man verstehen, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren ...“ –
+hierbei scharrte auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem Fußboden
+–, „dort wird das verlangt, und auch Geist und Witz wird dort verlangt
+... duftige Komplimente muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie,
+so etwas wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht gelernt,
+sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich habe keine Zeit gehabt,
+so etwas zu lernen. Ich bin ein einfacher Mensch, bin nicht
+erfinderisch, es ist auch nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit
+strecke ich die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach,
+das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem Sinne rede.“
+
+Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, die deutlich zu
+erkennen gab, daß er es nicht im geringsten bedauere, daß er „in diesem
+Sinne“ die Waffen strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, –
+vielmehr ganz im Gegenteil!
+
+Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit einem sehr
+unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden und schien schon einiges
+vorauszusehen oder vielleicht auch nur zu ahnen.
+
+Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein ziemlich langes und
+bedeutsames Schweigen.
+
+„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ sagte
+schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, „ich habe Sie, offen gesagt,
+nicht ganz verstanden.“
+
+„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, Krestjan
+Iwanowitsch ... ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich
+im Schönreden kein Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in
+scharfem und energischem Tone.
+
+„Hm! ...“
+
+„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held etwas stiller fort, doch
+mit einer vielsagenden Klangfarbe in seiner Stimme, die etwas feierlich
+anmutete, welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er nach jedem
+Satz eine kleine Kunstpause machte. „Krestjan Iwanowitsch! als ich hier
+eintrat, begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es und
+bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze Zeit. Ich habe vor Ihnen,
+Krestjan Iwanowitsch, nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch,
+wie Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht leid, daß ich ein
+kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch: ich bin
+sogar stolz darauf, daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch
+bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf bin ich stolz. Ich tue
+nichts heimlich und hinterrücks, sondern offen und ohne alle Berechnung,
+und obschon auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das sogar
+sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, das heißt, wem ich
+schaden könnte und wie das anzustellen wäre, so will ich mich mit
+solchen Sachen doch nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung
+meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung wasche ich sie,
+Krestjan Iwanowitsch – in diesem Sinne!“
+
+Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick sehr ausdrucksvoll. Er
+hatte mit bescheidenem Stolz gesprochen.
+
+„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, bereits sagte,“ fuhr
+er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife und Umwege vorzugehen: ich
+verachte Umwege und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, jene
+zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir beide ... das heißt,
+ich wollte sagen, als unsereiner, Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner,
+und nicht, als wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei
+und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und Klatsch verachte ich. Eine
+Maske trage ich nur, wenn ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich
+mit einer solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, Krestjan
+Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde rächen würden, an Ihrem
+ärgsten Feinde – an dem, den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr
+Goljädkin plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf Krestjan
+Iwanowitsch.
+
+Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich ausgesprochen, wie man
+es deutlicher nicht hätte aussprechen können: ruhig, klar, verständlich
+und mit Überzeugung, indem er von vornherein des größten Eindrucks gewiß
+war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger mit Unruhe, mit großer
+Unruhe, sogar mit äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der
+ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast schüchtern in
+peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan Iwanowitschs. Doch wer
+beschreibt die Verwunderung und Überraschung Herrn Goljädkins, als er
+sehen mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur etwas in den Bart
+murmelte, dann seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und endlich
+ziemlich trocken, doch noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr
+knapp bemessen sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei er ja
+gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, doch alles übrige,
+was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn nichts an. Damit griff er zur
+Feder, nahm ein Blatt Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept
+zurecht und sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue.
+
+„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! Nein, wirklich, glauben
+Sie mir, es tut hier gar nichts not!“ versicherte Herr Goljädkin, der
+plötzlich vom Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte Hand
+ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut gar nichts not ...“
+
+Doch während er das noch sprach, ging bereits eine seltsame Veränderung
+in ihm vor. Seine grauen Augen blitzten eigentümlich, seine Lippen
+bebten und alle Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu
+bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem er im ersten Augenblick
+Krestjan Iwanowitschs Hand erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt
+unbeweglich, als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung,
+die ihm sagte, was er nun weiter tun solle.
+
+Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes.
+
+Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt auf seinem Platz und
+sah Herrn Goljädkin sprachlos mit großen Augen an, ganz wie jener auch
+ihn ansah. Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin am
+Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile regungslos, ohne einen
+Blick voneinander abzuwenden. Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu
+zittern, und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend,
+schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit der Hand vor die
+Brust und erfaßte mit der linken Hand gleichfalls den Rockaufschlag
+Krestjan Iwanowitschs: er wollte irgend etwas sprechen, erklären,
+vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich Krestjan
+Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung ab und nahm sich zusammen.
+
+„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich!“ sagte
+er, und versuchte, ihn auf den Stuhl zu drücken.
+
+„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde ... ich habe
+gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten
+...“ beteuerte Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd.
+
+„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren Feinden! Denken Sie nicht
+an so etwas! Das ist ganz überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich
+nur ruhig hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang ihm auch,
+Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er setzte sich endlich, verwandte
+aber keinen Blick von Krestjan Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch
+nicht zu behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, in seinem
+Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen beide eine lange Zeit.
+
+„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach endlich Herr Goljädkin
+das Schweigen, indem er sich mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich
+bin Ihnen sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan
+haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis zum Tode nicht vergessen.“
+
+„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete Krestjan Iwanowitsch in
+ziemlich strengem Tone auf den Ausfall Herrn Goljädkins, den er
+hierdurch zum zweitenmal zum Sitzen brachte.
+
+„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir doch, was Sie dort
+Unangenehmes vorhaben,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind
+denn das für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt es sich
+denn, erzählen Sie mir doch!“
+
+„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir jetzt lieber nicht reden,“
+lenkte Herr Goljädkin gesenkten Blickes ab, „das wollen wir vorläufig
+bleiben lassen ... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu einer
+besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer bequemeren Zeit, wenn
+alles bereits zutage getreten, die Maske von gewissen Gesichtern
+abgerissen und dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. Jetzt
+aber – das heißt vorläufig ... und nach dem, was hier vorgefallen ist
+... werden Sie doch selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten
+Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – Und damit griff Herr
+Goljädkin plötzlich entschlossen nach seinem Hut.
+
+„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“
+
+Es folgte ein kurzes Schweigen.
+
+„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern tun, was in meinen
+Kräften steht ... und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute ...“
+
+„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie: ich verstehe
+Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls bitte ich um Entschuldigung, daß ich
+Sie belästigt habe.“
+
+„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. Übrigens – wie Sie
+wollen. Was die Medikamente betrifft, so können Sie fortfahren,
+dieselben zu nehmen ...“
+
+„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, das werde ich, –
+dieselben Medikamente und aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist
+Apotheker sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch ...“
+
+„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt haben?“
+
+„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will nur
+sagen, daß die Welt heutzutage so ist ...“
+
+„Hm ...“
+
+„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, vor
+einem anständigen Menschen die Nase hoch trägt.“
+
+„Hm! Wie meinen Sie denn das?“
+
+„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von
+unserem gemeinsamen Bekannten ... sagen wir zum Beispiel – nun,
+meinetwegen von Wladimir Ssemjonowitsch ...“
+
+„Ah! ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige Menschen, denen an der
+öffentlichen Meinung nicht gar so viel gelegen ist, um nicht mitunter
+die Wahrheit zu sagen.“
+
+„Ah! ... Und wie denn das?“
+
+„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine nur: sie verstehen
+zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung zu verabreichen.“
+
+„Was? ... Was zu verabreichen?“
+
+„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: das ist so eine russische
+Redensart. Sie verstehen zum Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu
+gratulieren, – es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“
+
+„Zu gratulieren, sagen Sie?“
+
+„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor einigen Tagen einer
+meiner näheren Bekannten tat! ...“
+
+„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber wie denn das?“ forschte
+Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete.
+
+„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte einem anderen
+gleichfalls sehr nahen Bekannten und sogar Freunde zum Assessor, zu dem
+er neuerdings ernannt worden war. Und da sagte er denn wörtlich: ‚Freue
+mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen zum Assessor gratulieren
+zu können, empfangen Sie meinen _aufrichtigen_ Glückwunsch. Ich freue
+mich um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich keine
+Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr Goljädkin nickte listig mit dem
+Kopf und blickte blinzelnd zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ...
+
+„Hm. Gesagt hat das also ...“
+
+„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und indem er es sagte,
+blickte er noch zu Andrej Philippowitsch hinüber, der nämlich der Onkel
+unseres Nesthäkchens Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht das mich
+an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert das mich? Nur – sehen Sie,
+er will doch heiraten, er, dem die Lippen noch nicht trocken von der
+Kindermilch geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. Ganz einfach
+sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich Ihnen wirklich alles erzählt.
+Gestatten Sie daher, daß ich aufbreche und mich entferne.“
+
+„Hm ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, wiederhole ich, mich
+zu entfernen. Doch hier – um gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu
+treffen – nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs Trockene
+gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara Olssuphjewna – die ganze Sache
+spielte sich vorgestern bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte
+gerade eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr ungefähr:
+‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, nur hört man Ihnen
+nicht reinen Herzens zu.‘ Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte
+ich deutlich darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge hat,
+sondern weiter blickt ...“
+
+„Ah! Nun und was tat er?“
+
+„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen pflegt,
+sogar ohne die Miene zu verziehen.“
+
+„Hm ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte ich ungefähr: ‚Olssuph
+Iwanowitsch, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß
+die Wohltaten, die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, zu
+schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph Iwanowitsch,‘ sagte
+ich. ‚Schauen Sie mit offenen Augen um sich. Ich selbst gehe offen und
+ehrlich vor, Olssuph Iwanowitsch.‘“
+
+„Ah, also so!“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“
+
+„Nun, und er?“
+
+„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? Brummte da etwas: dies und
+jenes, ich kenne dich, Se. Exzellenz sei ein guter Mensch – und so
+weiter, und so weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber
+was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas altersschwach
+geworden.“
+
+„Hm! Also so steht es jetzt!“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch so – was rede ich vom
+Alten! – Der ist wohl schon mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen
+pflegt. Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in Umlauf
+gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit beiden Ohren dabei. Anders
+geht es nicht ...“
+
+„Klatschgeschichten, sagen Sie?“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte in Umlauf
+gebracht. Beteiligt haben sich daran außer anderen unser Bär und dessen
+Neffe, unser Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern
+zusammengetan und dann die Sache ausgeheckt. Was glauben Sie wohl, was
+sie ersonnen haben – um einen Menschen zu töten?“
+
+„Zu töten?“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu töten, um ihn moralisch
+zu töten. Sie haben das Gerücht verbreitet ... ich rede immer von einem
+nahen Bekannten ...“
+
+Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf.
+
+„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... Offen gestanden, Krestjan
+Iwanowitsch, ich schäme mich fast, so etwas nur auszusprechen!“
+
+„Hm ...“
+
+„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits schriftlich
+verpflichtet habe, zu heiraten: daß er bereits der Bräutigam einer
+anderen sei ... Und was glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der
+Bräutigam wessen?“
+
+„Nun?“
+
+„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, die ihn beköstigt: und
+anstatt seine Schuld für das Essen zu bezahlen, habe er um ihre Hand
+angehalten!“
+
+„Das haben sie also verbreitet?“
+
+„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine
+gemeine, schamlose, unverschämte Person, die Karolina Iwanowna heißt,
+wenn Sie es wissen wollen ...“
+
+„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“
+
+„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, und fühle auch
+meinerseits ...“
+
+„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“
+
+„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“
+
+„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube ich ...“
+
+„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, gewiß lebte ich auch
+früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach ihn schnell Herr Goljädkin mit
+einem leisen Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch
+ein wenig stutzig gemacht hatte.
+
+„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte meinerseits ...“
+
+„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte gleichfalls
+meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin lachend fort. „Aber ich, verzeihen
+Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange
+auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen einen Guten
+Morgen zu wünschen ...“
+
+„Hm ...“
+
+„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt
+vollkommen,“ versetzte unser Held ein wenig geziert. „Also, wie gesagt,
+gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“
+
+Damit verbeugte sich unser Held und verließ das Zimmer, begleitet von
+den Blicken Krestjan Iwanowitschs, der ihm in höchster Verwunderung
+nachsah.
+
+Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, schmunzelte er und rieb
+sich froh die Hände. Draußen angelangt, atmete er tief die frische Luft
+ein, und da er sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich
+für den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen er
+schon den Weg zu seinem Departement einschlagen wollte, – als plötzlich
+eine Equipage ratternd vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie
+zunächst unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles wieder ein.
+Petruschka riß bereits den Wagenschlag auf.
+
+Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte den ganzen Herrn
+Goljädkin. Für einen Augenblick schien er wieder zu erröten. Wie ein
+Stich traf es ihn.
+
+Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, wandte er sich
+plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern Krestjan Iwanowitschs.
+Richtig! Dort stand Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der
+Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und aufmerksam unserem
+Helden nach.
+
+„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, indem er einstieg,
+„äußerst dumm. Es ist ja möglich, daß er seine Kranken ganz gut kuriert,
+aber immerhin ... er selbst ist unglaublich dumm.“
+
+Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr zu!“ und die Equipage
+rollte davon, wieder geradeaus zum Newskij Prospekt.
+
+
+ III.
+
+Als sie wieder auf dem Newskij Prospekt angelangt waren, ließ Herr
+Goljädkin vor dem Gostinnyj Dworr[10] halten, stieg aus, trat in
+Begleitung Petruschkas schnell unter die Arkaden und begab sich
+unverzüglich zum Juwelierladen. Schon an der Miene Herrn Goljädkins
+konnte man erkennen, daß er an diesem Morgen unendlich viele Gänge
+vorhatte. Nachdem er bei dem Juwelier ein ganzes Teebesteck zum Preise
+von tausendfünfhundert Rubeln, ein Zigarettenetui von sehr origineller
+Form und ein vollständiges Rasierzeug in Silber, ferner noch dies und
+jenes, kleine, nette und auch nützliche Sächelchen ausgesucht und von
+allen diesen Dingen im Preise mehr oder weniger abgehandelt hatte,
+schloß er seinen Kauf damit, daß er sich an den Juwelier wandte und
+versprach, am nächsten Tage wiederzukommen oder vielleicht auch noch an
+diesem selben Tage die Sachen abholen zu lassen. Er notierte sich die
+Nummer des Juwelierladens, hörte höflich den Juwelier an, dem es sehr um
+eine „kleine Anzahlung“ zu tun war, versprach auch eine solche,
+verabschiedete sich von dem etwas betreten dreinschauenden Manne, als
+wäre nichts geschehen, worauf er unter den Arkaden weiterging, begleitet
+von einem ganzen Schwarm von Straßenhändlern, die alle etwas feilboten,
+und begab sich, immer gefolgt von Petruschka, nach dem er sich übrigens
+fortwährend umsah, in einen anderen Laden. Unterwegs trat er auch noch
+in eine Wechselbude und wechselte seine sämtlichen größeren Geldscheine
+gegen kleinere ein, obgleich er dabei verlor – doch wurde seine
+Brieftasche dadurch bedeutend dicker, was Herrn Goljädkin
+augenscheinlich sehr angenehm war. Dann suchte er einen anderen Laden
+auf, in dem er, wieder für eine ansehnliche Summe, Damenstoffe
+auswählte. Auch hier versprach er dem Kaufmann, am nächsten Tage
+wiederzukommen, notierte sich die Nummer des Geschäfts, und auf die
+Frage nach der Anzahlung versprach er, sie schon rechtzeitig zu leisten.
+Darauf trat er noch in verschiedene andere Läden ein, wählte aus,
+handelte, stritt oft lange mit den Verkäufern, ging sogar zwei- bis
+dreimal fort, um dann doch zurückzukehren, – kurz, er entfaltete eine
+ungeheure Tätigkeit. Vom Gostinnyj Dworr begab sich unser Held nach
+einem bekannten Möbelmagazin, wo er Möbel für sechs Zimmer bestellte. Er
+begutachtete auch noch verschiedene Modeartikel, versicherte dem
+betreffenden Kaufmann, daß er unbedingt noch an diesem Tage nach den
+Sachen schicken werde, und verließ das Geschäft wieder mit dem
+Versprechen, einen Teil anzuzahlen. Und so besuchte er noch ein paar
+andere Handlungen, in denen sich dasselbe wiederholte. Mit einem Wort,
+das Ende seiner Besorgungen war gar nicht abzusehen. Endlich aber schien
+diese Art von Beschäftigung Herrn Goljädkin selbst langweilig zu werden.
+Ja, plötzlich stellten sich bei ihm, Gott weiß weshalb, Gewissensbisse
+ein. Um keinen Preis würde er eingewilligt haben, wenn ihm jemand den
+Vorschlag gemacht hätte, ihm jetzt z. B. Andrej Philippowitsch in den
+Weg zu führen, oder auch nur Krestjan Iwanowitsch. Endlich schlug die
+Uhr vom Rathausturm drei und nun setzte sich Herr Goljädkin endgültig in
+seine Equipage, d. h. er gab alle weiteren Einkäufe auf. Aus denen, die
+er bereits gemacht, befanden sich wirklich in seinem Besitz nur ein Paar
+Handschuhe und ein Fläschchen Parfüm, das er für einen Rubel
+fünfundfünfzig Kopeken erstanden hatte. Da drei Uhr nachmittags immerhin
+noch ziemlich früh für ihn war, so ließ er sich zu einem bekannten
+Restaurant am Newskij fahren, das er selbst freilich nur vom Hörensagen
+kannte, stieg aus und trat ein, um einen kleinen Imbiß zu nehmen, sich
+etwas zu erholen und so die Zeit bis zur bestimmten Stunde zu
+verbringen.
+
+Er aß nur ein belegtes Brötchen, also wie einer, dem ein reiches Diner
+bevorsteht, d. h. er aß nur, um sich, wie man zu sagen pflegt, gegen
+Magenknurren zu sichern, kippte auch nur ein einziges Gläschen dazu,
+setzte sich dann in einen der bequemen Sessel und nahm nach einem etwas
+unsicheren Blick auf seine Umgebung ein Zeitungsblatt zur Hand. Er las
+zwei Zeilen, stand dann wieder auf, blickte in den Spiegel, rückte an
+seinen Kleidern, strich sich über das Haar; trat darauf zum Fenster und
+sah, daß seine Equipage noch dort stand ... kehrte dann wieder zu seinem
+Sessel zurück, griff wieder nach der Zeitung ... Kurz, man sah es ihm
+an, daß er aufgeregt und ungeduldig zugleich war. Er sah nach der Uhr,
+sah, daß es erst ein Viertel nach drei war und daß er folglich noch
+ziemlich lange zu warten habe, sagte sich gleichzeitig, daß es nicht
+angehe, so lange hier zu sitzen, ohne etwas zu genießen, und bestellte
+eine Tasse Schokolade, nach der er im Augenblick gar kein Verlangen
+verspürte. Als er dann die Schokolade ausgetrunken und zugleich
+festgestellt hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, brach er auf,
+ging zur Kasse und wollte bezahlen. Plötzlich schlug ihn jemand auf die
+Schulter.
+
+Er sah sich um und erblickte zwei seiner Kollegen – dieselben, denen er
+am Morgen an der Straßenecke begegnet war, – zwei junge Leute, die ihm
+sowohl an Jahren wie an Rang bedeutend nachstanden, und mit denen unser
+Held weder besonders befreundet, noch offen verfeindet war.
+Selbstverständlich wurde von beiden Seiten eine gewisse Stellung und
+Haltung gewahrt, doch an ein Sichnähertreten hatte noch niemals jemand
+von ihnen gedacht. Jedenfalls war diese überraschende Begegnung hier im
+Restaurant Herrn Goljädkin äußerst unangenehm.
+
+„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch!“ riefen beide wie aus einem
+Munde, „Sie hier? – aber was in aller Welt ...“
+
+„Ah, Sie sind es, meine Herren!“ unterbrach sie Herr Goljädkin etwas
+verwirrt und verletzt durch die Verwunderung der jungen, dem Range nach
+unter ihm stehenden Beamten. Innerlich war er fast empört über ihren
+ungenierten Ton, spielte aber äußerlich – übrigens notgedrungen – den
+Harmlosen und bemühte sich tapfer, seinen Mann zu stellen. „Also
+desertiert, meine Herren, hehehe! ...“ Und um seine Überlegenheit dieser
+Kanzleijugend gegenüber zu bewahren, mit der er sich sonst nie
+eingelassen hatte, wollte er einem von ihnen gönnerhaft auf die Schulter
+klopfen; zum Unglück aber mißriet seine Herablassung gänzlich und aus
+der jovial herablassend gedachten Geste wurde etwas ganz anderes.
+
+„Nun, und was macht denn unser Bär, – der sitzt wohl noch? ...“
+
+„Wer das? Wen meinen Sie?“
+
+„Mit dem Bären? Als ob Sie nicht wüßten, wen wir den Bären nennen? ...“
+Herr Goljädkin wandte sich lachend wieder zur Kasse, um das
+zurückgegebene Geld in Empfang zu nehmen. „Ich rede von Andrej
+Philippowitsch, meine Herren,“ fuhr er fort, sich wieder ihnen
+zuwendend, doch jetzt mit sehr ernstem Gesicht. Die beiden jungen
+Beamten tauschten untereinander einen Blick aus.
+
+„Der sitzt natürlich noch, hat sich aber nach Ihnen erkundigt, Jakoff
+Petrowitsch,“ antwortete einer von ihnen.
+
+„Also er sitzt noch, ah! In dem Fall – lassen wir ihn sitzen, meine
+Herren. Und er hat sich nach mir erkundigt, sagen Sie?“
+
+„Ja, ausdrücklich, Jakoff Petrowitsch. Aber was ist denn heute mit Ihnen
+los?! Parfümiert, geschniegelt und gestriegelt, – Sie sind ja ein ganzer
+Stutzer geworden?! ...“
+
+„Ja, meine Herren, wie Sie sehen.“ – Herr Goljädkin blickte zur Seite
+und lächelte gezwungen. Als die anderen sein Lächeln bemerkten, brachen
+sie in lautes Lachen aus. Herr Goljädkin fühlte sich gekränkt und setzte
+eine hochmütige Miene auf.
+
+„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,“ begann unser Held nach
+kurzem Schweigen, als habe er sich entschlossen – „mochte es denn so
+sein!“ – sie über etwas Wichtiges aufzuklären. „Sie, meine Herren,
+kennen mich alle, doch bisher haben Sie mich nur von der einen Seite
+gekannt. Einen Vorwurf kann man deshalb niemandem machen, zum Teil, das
+gebe ich selbst zu, war es meine eigene Schuld.“
+
+Herr Goljädkin preßte die Lippen zusammen und sah die beiden bedeutsam
+an. Jene tauschten wieder einen Blick aus.
+
+„Bisher, meine Herren, haben Sie mich nicht gekannt. Es ist hier weder
+der richtige Ort noch die richtige Zeit zu ausführlichen Erklärungen.
+Deshalb will ich Ihnen nur ein paar kurze Worte sagen. Es gibt Menschen,
+meine Herren, die Umwege und Schliche nicht lieben, und die sich
+wirklich nur zum Maskenball maskieren. Es gibt Menschen, die in der
+Geschicklichkeit, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren, nicht den
+einzigen Lebenszweck und die Bestimmung der Menschheit sehen. Es gibt
+auch solche Menschen, meine Herren, die sich nicht für restlos glücklich
+und ihr Leben schon für ausgefüllt halten, wenn zum Beispiel das
+Beinkleid ihnen gut sitzt. Und es gibt schließlich auch Menschen, die
+sich nicht gern ohne jeden Grund ducken und müßigerweise scharwenzeln,
+sich einschmeicheln und den Leuten um den Mund reden, und die, was die
+Hauptsache ist, meine Herren, ihre Nase nicht dorthin stecken, wohin man
+Sie die Nase zu stecken nicht gebeten hat ... So, meine Herren, jetzt
+habe ich alles gesagt – erlauben Sie mir daher, mich Ihnen zu empfehlen
+...“
+
+Herr Goljädkin stockte. Da die beiden jungen Beamten in ihrer Wißbegier
+jetzt vollkommen befriedigt waren, brachen sie höchst unhöflich in
+schallendes Gelächter aus.
+
+Herr Goljädkin wurde feuerrot vor Empörung.
+
+„Lachen Sie nur, meine Herren, lachen Sie nur – vorläufig! Leben Sie
+erst etwas länger in der Welt, dann werden Sie schon sehen!“ sagte er
+mit gekränkter Würde, nahm seinen Hut und ging bereits zur Tür.
+
+„Doch eins will ich Ihnen noch sagen, meine Herren,“ fuhr er fort, sich
+zum letztenmal zu den beiden Herren zurückwendend, „wir sind jetzt hier
+gewissermaßen unter vier Augen. Also vernehmen Sie meine Grundsätze,
+meine Herren: mißlingt es, so werde ich mich trotzdem zusammennehmen –
+gelingt es aber, so habe ich gesiegt, doch in keinem Fall will ich die
+Stellung eines anderen untergraben. Ich bin kein Ränkeschmied, und bin
+stolz darauf, daß ich es nicht bin. Zum Diplomaten würde ich nicht
+taugen. Man sagt, meine Herren, daß der Vogel von selbst auf den Jäger
+fliege. Das ist wahr, ich geb es zu: doch wer ist hier der Jäger, und
+wer der Vogel? Das ist die Frage, meine Herren!“
+
+Herr Goljädkin verstummte beredt und mit dem vielsagendsten
+Gesichtsausdruck, d. h. indem er die Brauen hochzog und die Lippen
+zusammenpreßte, beides bis zur äußersten Möglichkeit – verbeugte sich
+und trat hinaus, die anderen in höchster Verwunderung zurücklassend.
+
+„Wohin jetzt?“ fragte Petruschka ziemlich unwirsch, da es ihn offenbar
+schon langweilte, in der Kälte zu warten und sich von Ort zu Ort
+schleppen zu lassen. „Wohin befehlen?“ fragte er kleinlauter, als er den
+fürchterlichen, alles vernichtenden Blick auffing, mit dem unser Held
+sich an diesem Morgen schon zweimal versehen hatte und mit dem er sich
+jetzt beim Verlassen des Restaurants zum drittenmal waffnete.
+
+„Zur Ismailoffbrücke.“
+
+„Zur Ismailoffbrücke!“ rief Petruschka dem Kutscher zu.
+
+„Das Diner ist bei ihnen erst nach vier angesagt, oder sogar erst um
+fünf,“ dachte Herr Goljädkin, „wird es jetzt nicht noch zu früh sein?
+Übrigens kann ich ja ganz gut auch etwas früher erscheinen. Außerdem ist
+es nur ein Familiendiner. Da kann man also ganz _sans façon_ ... wie
+feine Leute zu sagen pflegen. – Weshalb sollte ich denn nicht _sans
+façon_ erscheinen können? Unser Bär sagte ja auch, daß alles ganz _sans
+façon_ sein werde, da kann doch auch ich ...“
+
+So dachte Herr Goljädkin, doch dessen ungeachtet wuchs seine Aufregung
+und wurde mit jedem Augenblick größer. Man merkte es ihm an, daß er sich
+zu etwas äußerst Mühevollem – um nicht mehr zu sagen – vorbereitete: er
+flüsterte leise vor sich hin, gestikulierte mit der rechten Hand,
+blickte in einem fort zu den Fenstern hinaus, kurz, man hätte wahrlich
+alles eher vermuten können, als daß er sich zu einer guten Mahlzeit
+begab, die noch dazu „im Familienkreise“ eingenommen werden sollte, ganz
+_sans façon_, wie feine Leute zu sagen pflegen. Kurz vor der
+Ismailoffbrücke wies Herr Goljädkin dem Kutscher das Haus, zu dem er ihn
+fahren sollte. Die Equipage rollte wieder mit ohrenbetäubendem Getöse
+unter den Torbogen und weiter auf den Hof, wo sie vor dem Portal des
+rechten Flügels hielt. Im selben Augenblick bemerkte Herr Goljädkin an
+einem Fenster des zweiten Stockwerkes eine junge Dame, der er, kaum daß
+er sie erblickt, eine Kußhand zuwarf. Übrigens wußte er selbst nicht,
+was er tat, zumal er in dieser Minute entschieden mehr tot als lebendig
+war. Beim Aussteigen war er bleich und unsicher. Er trat ein, nahm den
+Hut ab, rückte mechanisch an seinen Kleidern und begann – mit einem
+sonderbaren Schwächegefühl in den Knien: es war, als zitterten sie – die
+Treppe hinaufzusteigen.
+
+„Olssuph Iwanowitsch?“ fragte er den Bedienten, der ihm die Tür öffnete.
+
+„Zu Haus ... das heißt nein, der Herr sind nicht zu Haus.“
+
+„Wie? Was sagst du, mein Lieber? Ich – ich bin eingeladen, mein Bester.
+Du kennst mich doch?“
+
+„Wie denn nicht! Aber ich habe Befehl, den Herrn nicht zu empfangen.“
+
+„Wie ... mein Bester ... du irrst dich gewiß. Ich bin es. Und ich bin
+doch eingeladen, ich ... ich komme zum Diner, mein Bester,“ sagte Herr
+Goljädkin und warf schnell seinen Paletot ab, in der deutlichen Absicht,
+sogleich die Zimmer zu betreten.
+
+„Verzeihen der Herr, das geht nicht. Ich habe Befehl, den Herrn nicht
+eintreten zu lassen, man will den Herrn nicht empfangen. Ich habe
+Befehl!“
+
+Herr Goljädkin erbleichte. Da ging eine Tür auf und Gerassimowitsch, der
+alte Diener Olssuph Iwanowitschs, erschien.
+
+„Da sehen Sie, Jemeljan Gerassimowitsch, der Herr will eintreten, ich
+aber ...“
+
+„Sie aber sind ein Dummkopf, Alexejewitsch. Gehen Sie und schicken Sie
+den Schuft Ssemjonytsch her. – Entschuldigen Sie,“ wandte er sich darauf
+höflich, doch in sehr bestimmtem Tone an Herrn Goljädkin, „es geht
+nicht. Es ist ganz unmöglich. Man läßt sich entschuldigen, man kann
+nicht empfangen.“
+
+„Ist Ihnen das gesagt worden, daß man nicht empfangen kann?“ fragte Herr
+Goljädkin unentschlossen. „Verzeihen Sie, Gerassimowitsch, aber weshalb
+kann man denn nicht?“
+
+„Es geht nicht. Ich habe angemeldet; darauf wurde mir gesagt: bitte, zu
+entschuldigen. Es ist unmöglich.“
+
+„Aber weshalb denn? Wie ist denn das? Wie ...“
+
+„Erlauben Sie, erlauben Sie ...“
+
+„Aber weshalb, warum denn nicht? Das geht doch nicht so! Melden Sie ...
+Was soll denn das heißen! Ich bin zum Diner ...“
+
+„Erlauben Sie, erlauben Sie! ...“
+
+„Nun ja, freilich, das ist eine andere Sache – wenn man zu entschuldigen
+bittet. Aber wie ist denn das, Gerassimowitsch, das ... so erklären Sie
+mir doch! ...“
+
+„Erlauben Sie, erlauben Sie!“ unterbrach ihn wieder Gerassimowitsch,
+indem er ihn recht nachdrücklich mit dem Arm zur Seite schob, um zwei
+Herren eintreten zu lassen. Die Eintretenden waren: Andrej
+Philippowitsch und sein Neffe Wladimir Ssemjonowitsch. Beide blickten
+sehr verwundert Herrn Goljädkin an.
+
+Andrej Philippowitsch machte bereits Miene, ihn anzureden, doch Herr
+Goljädkin hatte seinen Entschluß schon gefaßt: er trat schnell aus dem
+Vorzimmer und sagte gesenkten Blicks, rot und mit einem Lächeln in dem
+verwirrten Gesicht:
+
+„Ich komme später, Gerassimowitsch, ich werde ... ich hoffe, daß alles
+sich bald aufklären wird,“ sagte er vom Treppenflur aus ...
+
+„Jakoff Petrowitsch, Jakoff Petrowitsch ...“ ertönte die Stimme Andrej
+Philippowitschs.
+
+Herr Goljädkin hatte schon den ersten Treppenabsatz erreicht. Er wandte
+sich schnell zurück und sah hinauf zu Andrej Philippowitsch.
+
+„Was wünschen Sie, Andrej Philippowitsch?“ fragte er ziemlich scharf.
+
+„Was ist das mit Ihnen, Jakoff Petrowitsch? Was ist hier ...“
+
+„Nichts, Andrej Philippowitsch. Ich gehe hier niemanden etwas an. Das
+ist meine Privatangelegenheit, Andrej Philippowitsch.“
+
+„Wa–as?“
+
+„Ich sage Ihnen, Andrej Philippowitsch, daß das mein Privatleben ist,
+und daß man, wie mir scheint, hinsichtlich meiner offiziellen
+Beziehungen hier, nichts Tadelnswertes finden kann.“
+
+„Was! Was reden Sie da ... hinsichtlich Ihrer offiziellen ... Was ist
+mit Ihnen geschehen, mein Herr?“
+
+„Nichts, Andrej Philippowitsch, ganz und gar nichts ... ein verzogenes
+Mädchen, nichts weiter ...“
+
+„Was ... Was?“ Andrej Philippowitsch wußte nicht, was er vor lauter
+Verwunderung denken sollte.
+
+Herr Goljädkin, der, während er mit Andrej Philippowitsch sprach, auf
+dem Treppenabsatz von unten nach oben blickte und so aussah, als wolle
+er seinem Abteilungschef jeden Augenblick ins Gesicht springen, trat,
+als er dessen Verwirrung gewahrte, eine Stufe höher. Andrej
+Philippowitsch wich etwas zurück. Herr Goljädkin stieg wieder eine und
+dann noch eine Stufe höher – Andrej Philippowitsch blickte sich unruhig
+um. Da sprang Herr Goljädkin plötzlich schnell noch über die anderen
+Stufen hinauf – doch noch schneller sprang Andrej Philippowitsch zurück
+ins Vorzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Herr Goljädkin sah sich
+allein im Treppenhaus. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. Ohne einen
+Gedanken im Kopf, stand er, scheinbar in Nachdenken versunken,
+regungslos auf einem Fleck. Oder vielleicht dachte er doch an eine
+ähnliche Situation, in der er sich vor kurzer Zeit befunden hatte?
+
+Er flüsterte dann etwas vor sich hin, das halbwegs wie ein Seufzer
+klang, und zwang sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Da vernahm er
+plötzlich Stimmen und Schritte, unten auf der Treppe – Gäste, die
+Olssuph Iwanowitsch eingeladen hatte. Herr Goljädkin kam wieder zu sich,
+klappte schnell den Waschbärkragen an seinem Herbstpaletot auf, um nicht
+erkannt zu werden, und begann, stolpernd, unsicher, zitternd und bebend
+die Treppe hinabzusteigen. Er fühlte eine große Schwäche in sich, eine
+gewisse Abgetaubtheit in allen Gliedern. Er wäre nicht imstande gewesen,
+ein lautes Wort zu sprechen. Als er hinaustrat, war er noch so verwirrt,
+daß er nicht wartete, bis seine Equipage vorfuhr, sondern selbst über
+den schmutzigen Hof zu ihr hin ging. Im Begriff, einzusteigen, empfand
+Herr Goljädkin plötzlich den größten Wunsch, in die Erde zu versinken
+oder mitsamt der Equipage in ein Mauseloch zu verschwinden, denn es
+schien ihm, oder richtiger, er fühlte und wußte plötzlich mit tödlicher
+Sicherheit, daß jetzt alles, was es an Lebewesen in der Wohnung Olssuph
+Iwanowitschs gab, an den Fenstern stand und ihn mit den Blicken
+verfolgte. Und er wußte auch, daß er auf der Stelle tot hinfallen würde,
+wenn er sich jetzt nach diesen Fenstern umsehen würde.
+
+„Was lachst du, Tölpel?“ fuhr er Petruschka an, der ihm beim Einsteigen
+helfen wollte.
+
+„Worüber soll ich denn lachen? Wohin jetzt?“
+
+„Nach Hause, sofort ...“
+
+„Zurück nach Hause!“ rief Petruschka dem Kutscher zu und kletterte auf
+seinen Dienersitz.
+
+„Wie der Kerl krähen kann!“ dachte Herr Goljädkin wütend.
+
+Die Equipage hatte inzwischen schon die Ismailoffbrücke erreicht.
+Plötzlich griff unser Held nach der Schnur, riß an ihr wie ein
+Verzweifelter und schrie seinem Kutscher zu, daß er wieder umkehren
+solle. Der Kutscher wendete die Pferde und nach kaum zwei Minuten fuhr
+die Equipage wieder auf den Hof zu Olssuph Iwanowitsch.
+
+„Nicht, nicht, zurück, Esel, zurück!“ schrie plötzlich Herr Goljädkin,
+der Kutscher aber schien diesen Gegenbefehl schon vorausgesehen zu
+haben: denn ohne ein Wort des Widerspruchs und ohne vor dem Portal
+anzuhalten, fuhr er rund um den Hof und wieder hinaus auf die Straße.
+
+Herr Goljädkin aber fuhr nicht nach Hause, sondern befahl, nicht weit
+von der Ssemjonoffbrücke, in eine kleine Querstraße einzubiegen und vor
+einem Restaurant von recht unansehnlichem Aussehen zu halten. Dort stieg
+er aus, bezahlte den Kutscher und wurde auf diese Weise seine Equipage
+los. Petruschka schickte er nach Hause, wo er ihn erwarten sollte. Dann
+trat er ins Restaurant, wünschte ein Zimmer für sich und bestellte ein
+Mittagessen. Er fühlte sich sehr schlecht. In seinem Kopf war ein
+einziges Chaos. Lange ging er im Zimmer erregt auf und ab: endlich
+setzte er sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und nahm
+sich mit aller Gewalt zusammen, um über seine gegenwärtige Situation
+nachzudenken und irgendeinen Entschluß zu fassen.
+
+
+ IV.
+
+Das Fest, das feierliche Fest, das zu Ehren des Geburtstages Klara
+Olssuphjewnas, der einzigen Tochter des Staatsrats Berendejeff, der
+seinerzeit Herrn Goljädkins Gönner gewesen war, stattfand und durch ein
+glänzendes Diner eröffnet wurde, – ein Diner, wie es die Wände der
+Beamtenwohnungen an der Ismailoffbrücke und im näheren Umkreise daselbst
+noch nicht gesehen hatten, das eher an ein Krönungsmahl Belsazars als an
+ein Diner zu Ehren eines einzelnen Geburtstagskindes erinnerte – zumal
+ihm hinsichtlich des Glanzes, der Pracht und der Delikatessen, unter
+denen sich Champagner, Austern und Früchte von Jekissejeff und
+Miljutin[11] befanden, entschieden etwas Babylonisches anhaftete, –
+dieses feierliche Fest, das durch ein so feierliches Diner eröffnet
+wurde, sollte seinen Abschluß finden in einem glänzenden Ball, der nach
+Zahl und Rang der Tanzenden zwar nur ein kleiner Familienball war, zu
+dem man noch die nächsten Bekannten hinzugezogen hatte, der aber nach
+dem Geschmack, der bei ihm entwickelt wurde, immerhin als glänzend
+bezeichnet werden mußte.
+
+Ich gebe natürlich ohne weiteres zu, daß solche Bälle auch anderweitig
+gegeben werden, jedoch – selten. Solche Bälle, die eher einem
+Familienfreudenfeste gleichen, als dem, was man so Bälle nennt, können
+nur in solchen Häusern gegeben werden, wie es das Haus des Staatsrats
+Berendejeff ist. Ja, ich bezweifle sogar sehr, daß alle Staatsräte sich
+solche Bälle leisten können. O, wäre ich doch ein Dichter! – doch,
+versteht sich, mindestens einer wie Homer oder Puschkin, denn mit einer
+geringeren Begabung dürfte man sich an diese Aufgabe gar nicht
+heranwagen – also: wäre ich ein Dichter, dann, meine verehrten Leser!
+dann würde ich Ihnen in leuchtenden Farben mit kühnem Pinsel diesen
+ganzen hochfeierlichen Tag zu schildern versuchen. Oder nein, ich würde
+meine Schilderung mit dem Diner beginnen, und zwar gerade mit jenem
+weihevollen Augenblick, in dem das erste Glas auf das Wohl der Königin
+des Festes geleert wurde. Ich würde Ihnen diese Gäste schildern, die in
+andächtigem Schweigen erwartungsvoll verharrten, in einem Schweigen, das
+mehr der Beredsamkeit eines Demosthenes glich, als – nun, als einem
+Schweigen. Ich würde Ihnen diesen Andrej Philippowitsch schildern, der
+als ältester unter den Gästen ein gewisses Recht auf den Vorrang hatte,
+wie er sich im Schmuck seines Silberhaares und der entsprechenden Orden
+auf der Brust von seinem Platze erhob und zum Kelch mit dem funkelnden
+Weine griff – mit dem Weine, der aus einem fernen Königreich
+herbeigeschafft war, um so erhabenen Augenblicken erst die rechte Weihe
+zu verleihen, – mit dem Weine, der eher dem Nektar der Götter gleicht,
+als irdischem Rebensaft. Ich würde Ihnen die glücklichen Eltern der
+Königin des Festes und die Schar ihrer Gäste schildern, die, dem
+Beispiel Andrej Philippowitschs folgend, gleichfalls zu ihren Gläsern
+griffen und die erwartungsvollen Blicke auf den Redner hefteten. Ich
+würde Ihnen schildern, wie dieser oft genannte Andrej Philippowitsch mit
+geradezu tränenfeuchten Augen toastete und auf das Wohl des
+Geburtstagskindes trank ... Doch, wäre ich auch der größte Dichter, nie
+würde meine Kunst ausreichen, um die ganze Weihe dieses Augenblicks zu
+geben, als die Königin des Festes, Klara Olssuphjewna selbst, mit dem
+Rosenhauch der Seligkeit und jungfräulichen Verschämtheit auf dem
+lieblichen Antlitz, der Mutter im Überschwang der Gefühle in die Arme
+sank, wie die zärtliche Mutter vor Rührung leise zu weinen begann und
+wie bei der Gelegenheit dem Vater und Herrn des Hauses, dem ehrwürdigen
+Greise und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, den der langjährige Dienst der
+Gehfähigkeit beraubt und den dafür das Schicksal mit einem Vermögen,
+einem großen Hause, mehreren Gütern und einer so schönen Tochter belohnt
+hatte – wie diesem ehrwürdigen Greise, sage ich, vor lauter
+Ergriffenheit die Tränen über die Wangen rollten, und wie er mit
+zitternder Stimme stammelte, Seine Exzellenz sei ein guter Mensch. Ich
+brächte es nicht fertig, Ihnen die diesem Anblick unverzüglich folgende
+allgemeine Herzerhebung wahrheitsgetreu zu schildern, – diese
+eigenartige Stimmung, die sich sogar in dem Benehmen eines jungen
+Registrators äußerte, der – obschon er in diesem Augenblick mehr wie ein
+Staatsrat als wie ein Registrator aussah – gleichfalls seine Rührung
+nicht zu unterdrücken vermochte und seine Augen feucht werden fühlte.
+Andrej Philippowitsch dagegen sah in seiner Ergriffenheit keineswegs
+nach einem Staatsrat und Abteilungschef aus, sondern nach ganz etwas
+anderem ... nur vermag ich nicht zu sagen, wonach eigentlich – aber
+jedenfalls nicht nach einem Staatsrat. Er war etwas Höheres! Und dann
+... O! Mir fehlen all die großen, feierlichen Worte, deren man in erster
+Linie bedarf, um jene wundervollen erhebenden Augenblicke wiederzugeben,
+die gleichsam zum Beweise dessen geschaffen sind, daß und wie mitunter
+die Tugend über jede Art von Schlechtigkeit, Freidenkerei, Laster und
+Neid den Sieg davonträgt! Ich will nichts weiter darüber sagen, und nur
+schweigend – das sagt mehr, als es Worte vermöchten – auf jenen
+glücklichen Jüngling hinweisen, der sechsundzwanzig Lenze zählt, auf
+jenen Neffen Andrej Philippowitschs, den jungen Wladimir Ssemjonowitsch,
+der sich nun gleichfalls erhob und gleichfalls toastete, während auf ihm
+die tränenfeuchten Blicke der Eltern des Geburtstagskindes ruhten, die
+stolzen Blicke Andrej Philippowitschs, die verschämten der Königin des
+Festes, die begeisterten der Gäste und die noch in bescheidenen Grenzen
+zurückgehalten neidischen Blicke einiger jungen Kollegen dieses
+ausgezeichneten Jünglings. Ich will nichts weiter sagen, obwohl ich
+nicht umhin kann, zu bemerken, daß in besagtem Jüngling, – der übrigens
+eher an einen Greis erinnerte, als an einen Jüngling, wenn auch in einem
+für ihn vorteilhaften Sinne des Wortes – in dieser feierlichen Minute
+alles, von seinen blühenden Wangen bis zu seinem jüngst erworbenen
+Assessortitel, förmlich vernehmbar sprach: seht, bis zu welch einer Höhe
+Tüchtigkeit, Ordentlichkeit, Sittsamkeit einen Menschen emporheben
+können! Ich will nicht weiter beschreiben, wie zu guter Letzt Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkin, ein Kollege Andrej Philippowitschs und einst
+auch Olssuph Iwanowitschs, der außerdem ein alter Hausfreund und
+Taufvater Klara Olssuphjewnas war, – ein Greis mit weichem Silberhaar –
+nun auch seinerseits eine Rede halten wollte und mit einer Stimme wie
+ein krähender Hahn fröhliche Knüttelverse vorbrachte; wie er dadurch,
+daß er, wenn man sich so ausdrücken darf, anständiger Weise jeden
+Anstand vergaß, die ganze Gesellschaft bis zu Tränen erheiterte, und wie
+Klara Olssuphjewna ihn zum Dank für diesen liebenswürdigen Beitrag auf
+Wunsch der Eltern einen Kuß gab. Ich begnüge mich damit, nur anzudeuten,
+daß die Gäste, die sich nach einem solchen Mahle naturgemäß einander
+nahestehend und verbrüdert fühlen mußten, zum Schluß doch vom Tisch
+aufstanden, daß die älteren Jahrgänge und solideren Leute sich nach
+kurzem Herumstehen in plaudernden Gruppen in ein anderes Zimmer
+zurückzogen, wo sie, um die kostbare Zeit nicht zu verlieren, sogleich
+an den Spieltischen Platz nahmen und würdevoll die Karten zu mischen
+begannen; daß die Damen, die sich im Saal versammelt hatten, alle
+ungeheuer liebenswürdig waren und sich alsbald lebhaft über die
+verschiedensten Dinge unterhielten; daß endlich der hochverehrte
+Gastgeber unter Zuhilfenahme von Krücken und auf Wladimir Ssemjonowitsch
+und Klara Olssuphjewna gestützt, im Saal unter den Damen erschien, und,
+da Liebenswürdigkeit ansteckend ist, gleichfalls sehr liebenswürdig
+wurde und sich entschloß, einen bescheidenen, kleinen Ball zu
+improvisieren, trotz der Unkosten, die ein solcher verursacht; daß zu
+diesem Zweck ein gewandter Jüngling, nämlich derselbe Wladimir
+Ssemjonowitsch, persönlich nach Musikanten geschickt wurde, und wie
+dann, als diese – ganze elf an der Zahl – erschienen waren, um halb neun
+Uhr abends die erste Aufforderung zum Tanz in den lockenden Tönen einer
+französischen Quadrille erklang, der die weiteren Tänze folgten ... Es
+versteht sich wohl von selbst, daß meine Feder zu schwach und zu stumpf
+ist, um, wie es sich gehört, diesen durch die Liebenswürdigkeit des
+greisen Gastgebers veranstalteten Ball zu schildern. Ja, und wie könnte
+ich, frage ich, wie könnte ich, der bescheidene Erzähler der in ihrer
+Art gewiß sehr beachtenswerten Erlebnisse Herrn Goljädkins, – wie könnte
+ich diese außergewöhnliche Mischung von Schönheit, Vornehmheit und
+Heiterkeit, von liebenswürdiger Solidität und solider Liebenswürdigkeit,
+von Schelmerei und Freude, alle die Reize dieser Beamtendamen, die eher
+Feen als Damen glichen – mit ihren rosa angehauchten Lilienschultern und
+Gesichtchen, mit ihren himmlischen Gestalten und reizend hervorlugenden
+Füßchen –: ja, wie könnte ich alles das schildern? Wie könnte ich diese
+glänzenden Kavaliere schildern, wie sie heiter und wohlerzogen, gesetzt,
+gutmütig, aufgeräumt und anstandsvoll, ein wenig benebelt dastanden, in
+den Tanzpausen rauchten, oder auch nicht rauchten, und sich in ein
+fernes grünes Zimmerchen zurückzogen, – wie diese Herren Beamten, die
+alle, ausnahmslos, einen Rang und zumeist auch eine Familie besaßen, –
+wie diese jungen Offiziere, die von den Begriffen der Eleganz und den
+Gefühlen des Selbstbewußtseins tief durchdrungen waren, die mit ihren
+Damen größtenteils nur Französisch sprachen, oder, falls es Russisch
+war, dann doch nur in den höchsten Ausdrücken, so wie sich das bei
+Komplimenten und tiefsinnigen gesellschaftlichen Phrasen von selbst
+versteht, – wie diese Dandys, die sich nur im Rauchzimmer einige
+liebenswürdige Abweichungen von besagtem hohen Tone erlaubten und sich
+in freundschaftlicher Kürze ausdrückten, in Redewendungen, wie z. B.:
+„Eh, du Petjka, hast ja den Walzer wie geschmiert getanzt!“ oder: „Na,
+du, Wassjä, scheinst ja bei deiner Dame großartig abgeschnitten zu
+haben!“ Alles das zu schildern, meine verehrten Leser, dazu reicht, wie
+gesagt, meine Begabung nicht aus, und deshalb schweige ich lieber.
+Wenden wir uns daher wieder Herrn Goljädkin zu, dem wirklichen und
+einzigen Helden unserer durchaus wahrheitsgetreuen Erzählung.
+
+Herr Goljädkin befand sich währenddessen in einer, sagen wir kurz, sehr
+seltsamen Lage. Er hielt sich nämlich gleichfalls dort auf, d. h. er war
+nicht gerade auf dem Ball, aber genau genommen doch so gut wie auf dem
+Ball. Er war wie immer ein freier Mensch, ein Mensch für sich, und ging
+niemanden etwas an. Nur stand er, während man dort oben tanzte, nicht –
+wie soll ich sagen – nicht ganz gerade. Er stand nämlich – es ist etwas
+peinlich, das zu sagen – er stand nämlich währenddessen im Flur der
+Küchentreppe des Hauses. Es hatte das nichts weiter auf sich, daß er
+dort stand: er war auch dort ein freier Mensch, ein Mensch für sich, wie
+immer. Er stand, meine verehrten Leser, er stand in einem Winkel, in dem
+es zwar nicht gerade wärmer, doch dafür etwas dunkler war, stand
+halbwegs verborgen hinter einem großen Schrank und einem alten
+Wandschirm, stand zwischen verschiedenem Gerümpel, Hausgerät und anderem
+Kram, und wartete vorläufig nur die Zeit ab, gewissermaßen wie ein
+müßiger Zuschauer, dem das Schauspiel selbst nicht sichtbar ist. Er
+wartete und beobachtete – ja, meine verehrten Leser – er wartete und
+beobachtete vorläufig nur. Übrigens konnte er jeden Augenblick
+gleichfalls eintreten ... warum auch nicht? Er brauchte nur aus seinem
+Versteck hervorzukommen und weiterzugehen: und er kam wie jeder andere
+in den Saal, mit der größten Leichtigkeit. Indessen aber – während er
+dort schon die dritte Stunde in der Kälte stand, eingekeilt zwischen der
+Wand, dem Schrank und dem Schirm und neben verschiedenem Gerümpel,
+Hausgerät und anderen Sachen – zitierte er in einem fort, wenn auch bloß
+in Gedanken, sich zum Trost und zur Rechtfertigung seiner
+Handlungsweise, einen Ausspruch des französischen Ministers Villèle
+seligen Angedenkens, daß nämlich „alles zu seiner Zeit an die Reihe
+komme, wenn man nur die Geduld zum Abwarten habe“. Diesen Ausspruch
+hatte Herr Goljädkin einst in einem übrigens ganz belanglosen Buch
+gelesen und sich gemerkt, weshalb er ihn sich denn jetzt, und zwar sehr
+zur rechten Zeit, wieder ins Gedächtnis rufen konnte. Erstens paßte
+dieser Ausspruch ganz vortrefflich zu seiner augenblicklichen Lage, und
+zweitens, was kommt einem Menschen schließlich nicht in den Sinn, wenn
+er in einem Treppenflur, in Dunkelheit und Kälte, drei Stunden lang auf
+den glücklichen Ausgang seines Vorhabens wartet?
+
+Während Herr Goljädkin, wie gesagt, sehr zur rechten Zeit den passenden
+Ausspruch zitierte, fiel ihm gleichzeitig aus einem unbekannten Grunde
+die Lebensgeschichte des einstigen türkischen Wesirs Marzimiris ein, und
+gleich darauf diejenige der schönen Markgräfin Louise, deren Biographie
+er gleichfalls einmal gelesen hatte. Dann fiel ihm auch noch ein, daß
+die Jesuiten nach dem Grundsatz zu handeln pflegten, daß jedes Mittel
+durch den Zweck geheiligt werde, daß man also jedes Mittel anwenden
+könne, wenn man damit nur das Ziel erreiche. Diese historische Tatsache
+flößte Herrn Goljädkin eine gewisse Hoffnung ein, doch schon im nächsten
+Augenblick meinte er – „Ach was, Jesuiten!“ – die Jesuiten, die könne er
+allesamt ins Bockshorn jagen, die seien dümmer als dumm. Wenn sich nur
+das Büfettzimmer auf einen Augenblick leeren wollte (das Zimmer, von dem
+aus eine kleine Tür unmittelbar nach dem Flur führte, in dem Herr
+Goljädkin sich aufhielt), dann würde er ganz ohne alle Jesuiten, nämlich
+ohne weiteres – dort eintreten und schnurstracks durch das Büfettzimmer
+ins Teezimmer gehen und von dort durch das Zimmer, in dem man Karten
+spielte, und von dort weiter in den Saal, in dem getanzt wurde. Und er
+würde hindurch gehen, würde tatsächlich und ohne jede Rücksicht oder
+irgendwelche Bedenken, ungeachtet aller Hindernisse, hindurchgehen –
+würde einfach so durchschlüpfen, im Handumdrehen, und, noch eh’ ihn
+jemand bemerkte, mitten im Saal stehen! Dort aber – o! was er dann dort
+zu machen hatte, das wußte er selbst schon ganz genau.
+
+Also in einem solchen Zustande befand sich unser Held, obschon es
+übrigens schwer zu erklären wäre, was alles während des Wartens in ihm
+vorging. Die Sache war nämlich die, daß er bis zum Hause und bis in den
+Treppenflur den Weg glücklich gefunden hatte: weshalb, fragte er sich,
+sollte er ihn auch nicht finden? – weshalb sollte er nicht eintreten,
+wenn doch alle anderen eintraten? So kam er bis in den Flur, doch weiter
+wagte er nicht vorzudringen, wagte es wenigstens nicht offen und allen
+sichtbar ... aber das nicht etwa deshalb, weil er es nicht _wagte_,
+sondern so, weil er es eben selbst nicht wollte, weil er lieber kein
+Aufsehen erregte – nur das war der Grund. Und da wartete er eben,
+wartete ganz mäuschenstill geschlagene drei Stunden. Weshalb sollte er
+auch nicht warten? Hat doch auch Villèle gewartet!
+
+„Ach was, Villèle!“ dachte Herr Goljädkin, „was hat Villèle damit zu
+schaffen! Aber wie könnte ich jetzt ... einfach dort eintreten? ... Ach
+du Eckensteher, du vermaledeiter!“ verwünschte er sich selbst, samt
+seinem Kleinmut, und kniff sich vor Wut mit der steifgefrorenen Hand in
+die steifgefrorene Wange, „du Narr, der du bist, du elender
+Goljädka[12], da hat dich das Schicksal grad’ richtig benannt, indem es
+dir einen solchen Namen gab! ...“
+
+Übrigens waren diese Schmeicheleien, mit denen er sich plötzlich selbst
+bedachte, nur so eine zeitweilige kleine Gedankenverirrung, ohne jeden
+sichtbaren Zweck oder besonderen Grund.
+
+Dann wagte er sich ein wenig aus seinem Versteck hervor und schlich zur
+Tür: der Augenblick war günstig – im Büfettzimmer war kein Mensch. Herr
+Goljädkin sah das alles durch das kleine Fenster der Tür. Schon legte er
+die Hand auf die Klinke, um zu öffnen und schnell hineinzuschlüpfen –
+doch plötzlich fragte er sich:
+
+„Soll ich? ... Soll ich eintreten oder lieber nicht? ... Ach was, ich
+trete ein! ... weshalb sollte ich denn nicht? Dem Mutigen gehört die
+Welt!“
+
+Doch als er sich damit schon angefeuert und ermuntert hatte – flüchtete
+er plötzlich, für ihn selbst ganz unerwartet, wieder hinter den Schirm
+zurück.
+
+„Nein,“ dachte er, „wenn nun jemand in das Zimmer kommt? Da haben wir’s!
+– da sind richtig welche eingetreten. Worauf wartete ich denn, als
+niemand dort war? Warum trat ich nicht ein? Wenn man doch so ... ganz
+einfach sich ein Herz fassen und ohne weiteres und geradezu
+hineindringen könnte! ... Ja, schön gesagt, wenn der Mensch nun einmal
+solch einen Charakter hat! Daß es doch solch eine Veranlagung geben muß!
+Da ist dir das Herz wieder gleich in die Hühnerbeine gefallen! Ja, den
+Mut verlieren, das ist eben alles, was unsereiner kann. Nichts
+ausrichten oder alles verpfuschen – das einzig Mögliche! Das können wir!
+Jetzt steh’ hier wie ein Tölpel und sieh zu, was aus dir wird! Zu Haus
+könnte man jetzt ein Täßchen Tee trinken ... Das wäre eigentlich ganz
+angenehm. So aber – spät zurückkehren? ... Petruschka würde brummen ...
+Soll ich nicht einfach jetzt gleich nach Haus gehen? Der Teufel hole die
+ganze Geschichte! Ich gehe nach Haus und damit basta!“
+
+Doch kaum hatte Herr Goljädkin diesen Entschluß gefaßt, als er plötzlich
+schon an der Tür stand, mit zwei Schritten in das Büfettzimmer
+schlüpfte, Paletot und Hut abwarf und beides schnell irgendwohin in
+einen Winkel stopfte, schnell an seinen Kleidern rückte und sich umsah:
+dann ... dann schlich er leise in das Teezimmer, von dort schlüpfte er
+fast unbemerkt durch das Spielzimmer – es gingen gerade ein paar andere
+Herren an den Tischen vorüber, – und dann ... dann ... ja dann vergaß
+Herr Goljädkin alles, was ringsum war oder geschah, und befand sich im
+Saal.
+
+Zum Unglück wurde in dem Augenblick gerade nicht getanzt. Die Damen
+saßen oder gingen umher in malerischen Gruppen. Die Herren standen hier
+und dort in leiser Unterhaltung beisammen oder forderten Damen zum
+nächsten Tanz auf. Herr Goljädkin bemerkte jedoch nichts davon. Er sah
+nur Klara Olssuphjewna, neben ihr Andrej Philippowitsch und Wladimir
+Ssemjonowitsch, dann noch zwei oder drei Offiziere – und vielleicht ein
+paar junge Beamte, die alle, wie man auf den ersten Blick erkennen
+konnte, hinsichtlich ihrer Laufbahn zu den verschiedensten Hoffnungen
+berechtigten ... Vielleicht sah er auch noch ein paar andere Gestalten.
+Oder nein: er sah eigentlich nichts, oder doch so gut wie nichts,
+wenigstens sah er niemanden an, und bewegte sich nicht aus eigener
+Kraft, sondern gleichsam einer fremden folgend, die ihn, ohne nach
+seinem Willen zu fragen, obschon er ganz entschieden keinen eigenen mehr
+besaß, immer weiter schob, immer weiter, und durch die er, indem er ihr
+folgte, auf diese Weise unaufgefordert in einem fremden Ballsaal
+erschien. Da ihm aber alle Sinne zu vergehen drohten, oder vielleicht
+auch schon mehr oder weniger vergangen waren, trat er versehentlich
+einem Geheimrat auf den Fuß, trat auf die Schleppe einer ehrwürdigen
+Matrone, verwickelte sich mit den Füßen in einer Spitzengarnitur, der er
+etliche Risse beibrachte, stieß stolpernd an einen Diener, der mit einem
+Präsentierteller an ihm vorüberging, stieß vielleicht noch jemanden,
+ohne es selbst zu gewahren, oder richtiger, ohne alle die einzelnen
+Unglücksfälle noch auseinanderhalten zu können, – bis er plötzlich nur
+eines begriff: daß er vor Klara Olssuphjewna stand. Zweifellos wäre er
+in diesem Augenblick mit der größten Bereitwilligkeit in den Boden
+versunken: doch was nicht geht, das geht nun einmal nicht, ebensowenig
+wie Geschehenes sich ungeschehen machen läßt. Was sollte er tun?
+Mißlingt es, dann ... – Wo waren seine Grundsätze? Wie waren sie?
+Jedenfalls war Herr Goljädkin – darin hatte er vollkommen recht – kein
+Meister in der Kunst, das Parkett mit den Stiefelsohlen zu polieren ...
+Möglich, daß er daran dachte ... vielleicht kamen ihm auch die Jesuiten
+in den Sinn ...
+
+Alles, was dort ringsum ging und stand und plauderte und lachte –
+verstummte plötzlich wie durch einen Zauberschlag. Man sah sich um, man
+fragte sich mit den Blicken, aller Augen richteten sich auf ihn, und
+allmählich drängte man sich näher. Herr Goljädkin sah und hörte selbst
+nichts davon – er stand und sah zu Boden und gab sich sein Ehrenwort,
+daß er sich noch in dieser Nacht erschießen werde. Und nachdem er sich
+sein Ehrenwort gegeben, dachte er: „Nun komme, was wolle!“ Doch
+plötzlich vernahm er zu seiner eigenen größten Verwunderung, daß er zu
+sprechen begann.
+
+Er begann mit der üblichen Gratulation und dann folgten einige sogar
+sehr geschickte und vernünftige Worte, mit denen er ihr Glück und alles
+Gute wünschte. Die Gratulation ging tadellos vonstatten, doch bei den
+Wünschen wurde er unsicher – wurde er unsicher und fühlte, daß er,
+sobald er nur einmal stockte, dann überhaupt nicht weiter können würde,
+und ... und so stockte er denn auch und konnte – konnte in der Tat nicht
+mehr weiter ... und alles ging zum Teufel. Er stand ... und errötete!
+Hochrot stand er da und wußte sich nicht zu helfen ... und in seiner
+Hilflosigkeit sah er plötzlich auf und sah und – erstarrte ... Alles
+stand, alles schwieg, alles wartete: unter den Fernerstehenden erhob
+sich ein Geflüster, unter den Näherstehenden leises Gelächter. Herr
+Goljädkin warf einen verlorenen Blick auf Andrej Philippowitsch, doch
+der Blick, der ihn aus dessen Augen traf, war derart, daß er unseren
+Helden, wenn er nicht ohnehin schon tot, vollkommen tot gewesen wäre,
+auf der Stelle getötet hätte. Alles schwieg.
+
+„Das ... das gehört zu meinen persönlichen Angelegenheiten und fällt in
+mein Privatleben, Andrej Philippowitsch,“ brachte Herr Goljädkin kaum
+hörbar hervor, „das ist kein dienstliches Erlebnis, Andrej
+Philippowitsch ...“
+
+„Schämen Sie sich, mein Herr, schämen Sie sich!“ sagte Andrej
+Philippowitsch halblaut mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des
+Unwillens, – sagte es, reichte Klara Olssuphjewna den Arm und führte sie
+fort von Herrn Goljädkin.
+
+„Ich brauche mich nicht zu schämen, Andrej Philippowitsch,“ erwiderte
+Herr Goljädkin leise, sah auf und ließ seinen unglücklichen Blick über
+die Umgebung irren, als wolle er sich zunächst über seine eigentliche
+Stellung inmitten dieser verwunderten Gesellschaft klar werden.
+
+„Das ... das hat doch nichts zu sagen, meine Herren! Was ist denn dabei?
+Nun was, das kann doch einem jeden zustoßen,“ murmelte Herr Goljädkin
+kaum verständlich, schüchtern ein wenig zur Seite tretend, um sich der
+ihn umringenden Schar zu entziehen.
+
+Man trat vor ihm zurück und gab ihm den Weg frei. So schob sich unser
+Held denn zwischen zwei Reihen neugieriger und verwunderter Beobachter
+weiter. Das Verhängnis leitete ihn. Herr Goljädkin fühlte es selbst, daß
+er dem Verhängnis preisgegeben war. Natürlich hätte er viel darum
+gegeben, wenn er jetzt wieder im Flur hinter dem Schrank hätte stehen,
+wenn er sich „ohne Verletzung des gesellschaftlichen Anstandes“
+unbemerkt wieder dorthin hätte zurückziehen können! Doch da das leider
+ausgeschlossen war, so sah er sich nach einer Möglichkeit um, sich
+wenigstens im Saal irgendwo zu verstecken oder in einem möglichst
+unbeachteten Winkel zu verbergen, um dann dort meinetwegen bis zum
+Morgen auszuharren, bescheiden, anständig, ganz für sich, ohne die
+geringste Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ohne jemanden anzurühren,
+um auf diese Weise gleichzeitig das Wohlwollen der Gäste wie die
+Verzeihung des Hausherrn zu erwerben.
+
+Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe irgend etwas den Boden,
+auf dem er stand, als wanke dieser Boden bereits, als müsse er selbst
+sogleich fallen. Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er
+sich zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer
+auszusehen, der niemanden etwas anging und der selbst mit ziemlichem
+Gleichmut dem Treiben zusah, indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle
+stützte, die er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt,
+während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst heiterem Blick die ihn
+immer noch anschauenden Gäste Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von
+allen am nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor dem Herr
+Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam.
+
+„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden Stühle sind für zwei
+Damen bestimmt: der eine für Klara Olssuphjewna, der andere für die
+Prinzessin Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie nicht von
+anderen fortgenommen werden,“ stammelte Herr Goljädkin unter
+Herzklopfen, indem er seinen flehenden Blick auf den jungen Leutnant
+richtete. Statt einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem
+wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab.
+
+Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der einen Seite wollte Herr
+Goljädkin auf der anderen Seite sein Glück versuchen, und wandte sich
+mit irgendeiner Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, dessen Brust
+einer unserer höchsten Orden schmückte. Doch der Herr Rat maß ihn mit
+einem Blick, daß Herr Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über
+den Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, lieber zu
+schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen und mit seinem
+Schweigen zu sagen, daß er ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle
+anderen, und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden kommen
+lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken wortlos
+auszudrücken, heftete er seine Blicke auf den Aufschlag seines
+Uniformrockes, doch nach einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie
+auf einen Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren.
+
+„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, „und wenn man
+ihm diese Perücke abnähme, würde man einen vollständig kahlen Kopf
+sehen.“
+
+Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin alles dessen, was
+er über die arabischen Emire gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer
+Verwandtschaft mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban trügen,
+unter dem auch nur ein nackter, das heißt haarloser Kopf sichtbar wurde.
+Von den Köpfen der Emire sprangen seine Gedanken auf türkische
+Pantoffeln über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich noch, daß
+Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel trug, die mehr bequemen
+Pantoffeln glichen, als Stiefeln. Doch allmählich wurde er mit seiner
+Umgebung vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und dorthin
+zu schauen.
+
+„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich herabfiele, gerade auf
+die versammelte Gesellschaft, so würde ich sogleich zu Klara
+Olssuphjewna stürzen und sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit
+wäre, würde ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges
+Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin Ihr Retter.‘ Und dann
+...“
+
+Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, in der er Klara
+Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, und da erblickte er plötzlich
+Gerassimowitsch, den alten Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch
+kam mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen Miene
+gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte zusammen und runzelte die Stirn
+unter dem jähen Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr
+unangenehmen Empfindung. Ganz mechanisch blickte er sich nach beiden
+Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht sehr
+gut und ratsam wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ...
+zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach zu verschwinden, als
+hätte er nie hier gestanden. Doch noch bevor unser Held sich zu irgend
+etwas entschließen oder gar etwas tun konnte, stand dieser
+Gerassimowitsch schon vor ihm.
+
+„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich unser Held mit einem
+Lächeln an den alten Diener, „sagen Sie einem von den Dienstboten –
+sehen Sie dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, sie
+steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, daß man sie wieder
+gerade einsetzt – sie wird wirklich sogleich fallen, Gerassimowitsch
+...“
+
+„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, aber es ist dort jemand,
+der Sie sprechen will.“
+
+„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“
+
+„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein Mensch, den irgend
+jemand geschickt hat. Er fragte, ob Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier
+sei. So rufen Sie ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen
+und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so sagte er ...“
+
+„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie werden sich verhört
+haben, Gerassimowitsch.“
+
+„Schwerlich ...“
+
+„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem Falle kann es
+nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. Niemand kann hier
+nach mir fragen, Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen
+wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, ich gehe hier
+keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“
+
+Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. Natürlich! Alles, was im
+Saale war, alles hatte sich mit Augen und Ohren ihm zugewandt und
+schwieg in nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas näher
+und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde schienen erregt zu
+tuscheln. Sogar der Hausherr erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe,
+und obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den Erlebnissen
+Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren Anteil nahm, zumal in
+dieser Angelegenheit die äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so
+fühlte und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der
+entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. Herr Goljädkin sah
+es deutlich, daß sich ihm jetzt oder nie die Gelegenheit zu einem kühnen
+Handstreich bot, die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner
+Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin empfand plötzlich eine
+gewisse Begeisterung und wandte sich wieder an den wartenden
+Gerassimowitsch und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme:
+
+„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. Du irrst dich. Ja, ich
+sage noch mehr: du hast dich auch heute vormittag geirrt, als du mir zu
+versichern suchtest ... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“
+– Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph Iwanowitsch, mein
+Wohltäter seit undenklichen Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater
+ersetzt hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines
+Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin sah sich
+selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl im Kreise um. In seinen Augen
+erglänzten Tränen. „Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt,
+hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“
+
+Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr Goljädkin fühlte es, daß
+seine Rede einen Eindruck, einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr
+Goljädkin stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete
+die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter den Gästen machte sich eine
+gewisse Aufregung und Verwunderung bemerkbar, und selbst der
+unerschütterliche Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder
+„schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, und blieb
+stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester ein und spielte eine
+rauschende Polka. Alles zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen,
+Gerassimowitsch zog sich schleunigst zurück, und alles, was im Saal war,
+geriet wie ein Meer ins Wogen: da schwebte bereits das erste Paar,
+Wladimir Ssemjonowitsch mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites
+der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die Zuschauer drängten sich
+entzückt und begeistert herbei und lächelten vor Lust beim Anblick des
+neuen Tanzes – der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka.
+
+Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch nach einiger Zeit geriet
+wieder alles durcheinander, der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte
+aus, die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war atemlos, mit
+geröteten Wangen und ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken. Alle
+Herzen flogen der bezaubernden Königin des Festes zu, alle eilten zu
+ihr, um ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das man beim
+Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, und – da stand auch schon
+Herr Goljädkin vor ihr. Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst
+nicht, was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und schob bittend
+den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. Klara Olssuphjewna sah zwar sehr
+verwundert zu ihm auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso
+mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin beugte sich nach
+vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten Male, erhob gleichzeitig einen
+Fuß, mit dem er irgendwie nach hinten ausschlug, dann stampfte er
+plötzlich auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen
+Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! Klara Olssuphjewna
+kam plötzlich zu sich und schrie leise auf: im Nu stürzten alle herbei,
+um sie von Herrn Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser
+Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, sah sich
+von einem empörten Kreise umgeben, vernahm das Gekreisch und die Klagen
+von zwei alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen oder
+getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die Aufregung war
+unbeschreiblich: alles rief, schrie, sprach durcheinander. Das Orchester
+verstummte. Unser Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte
+halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß er doch gleichfalls ...
+weshalb denn nicht ... die Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts
+dafür ... ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung der
+Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun einmal nicht ginge, so sei er
+ja bereit, zurückzutreten ... Leider schien sich aber niemand um seine
+Bereitwilligkeit zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß eine Hand sich
+um seinen Oberarm legte und eine andere kräftig gegen seinen Rücken
+drückte und daß man ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese
+Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr Goljädkin wollte
+irgend etwas sagen, irgend etwas tun ... oder nein, er wollte gar nichts
+mehr. Er lächelte nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung war
+dann, daß man ihm den Mantel anzog und den Hut auf den Kopf drückte,
+irgendwie schief auf die Stirn und in die Augen. Dann befand er sich,
+wie ihm schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit und
+Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte er und glaubte, in einen
+Abgrund zu fallen: er wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon
+auf dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand und fühlte nur
+ein Drehen im Kopf. Da vernahm er mit einem Male die gedämpften Klänge
+der Musik, die wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich
+erinnerte er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig verlassen
+hatten, waren wie mit einem Schlage wieder da. Er fuhr auf, griff sich
+an den Kopf und stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die
+Freiheit, geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen.
+
+
+ V.
+
+Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht, als Herr
+Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals in der Nähe der Ismailoffbrücke
+hinauslief, um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen Feinden und
+Verfolgern, dem Gekreisch der empörten alten und dem Ach und Weh der
+jungen Damen, und vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs.
+
+Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet, wie man das so zu
+sagen pflegt, sondern vollständig und buchstäblich erschlagen –
+erschlagen und tot, und wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit
+des Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem Wunder zu
+erklären, einem Wunder, an das zu glauben er sich schließlich selber
+weigerte. Das Wetter war grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht:
+naß, neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle Gaben des
+Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus, Schnupfen, Influenza und
+alle möglichen sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich brachten
+und in sich trugen. Der Wind heulte durch die menschenleeren Straßen und
+über den Kanal, daß das schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich
+regte, rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein Pfeifen
+mit leisem Kreischen und Knarren antworteten, was dann alles zusammen
+wie eine weinerlich schrille, fernher schwirrende Musik klang, die jedem
+Petersburger so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen Regenströme
+samt dem nassen Schnee trafen – als kämen sie aus einer Feuerspritze –
+den armen Herrn Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen ihn
+ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das nächtliche Schweigen, das
+nur fernes Wagenrollen, das Heulen des Windes und das Knarren der
+Laternen unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des Wassers von den
+Dächern und Fenstervorsprüngen auf die Steine des Trottoirs, und das
+leise gurgelnde murmelnde Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen.
+Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen, und es konnte ja auch um
+diese Zeit und bei diesem Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn
+auf dem Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz allein mit
+seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit und den Regen, eilte in seiner
+eigentümlichen Gangart mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie
+im Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie möglich die
+Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den Torbogen zu schlüpfen und
+dann die Treppe hinaufzueilen, bis er in seiner Wohnung in Sicherheit
+war.
+
+Doch obschon der Schnee und Regen und alles das, was sich kaum nennen
+und schildern läßt, wenn die Novemberstürme Petersburg heimsuchen, von
+allen Seiten zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn schonungs-
+und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf die Knochen ging, die Augen
+blendete und ihn fast vom Wege blies, als habe das Wetter sich mit
+seinen Feinden verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen: so
+konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin, der an diesem Tage
+schon genugsam vom Unglück verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht
+den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum ernsthaft und
+wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert war er durch das, was er vor
+wenigen Minuten im Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben
+müssen! Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem Augenblick von
+der Seite hätte beobachten können, wie er so, gleichsam blind und taub,
+durch das Unwetter einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze
+fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl gesagt, Herr
+Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor sich selbst verstecken, als
+wolle er am liebsten vor sich selbst fortlaufen. Und so war es auch
+wirklich. Ja, wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am
+liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts verwandelt
+hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff er etwas von dem, was ihn
+umgab: er sah aus, als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom
+Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für den rechten Stiefel
+etwas zu groß war, fiel ab, doch Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es
+überhaupt zu bemerken. Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh stehen
+blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem Gedanken an eine
+unfaßbare Schmach, und daß er dann unbeweglich, wie zu einer Bildsäule
+erstarrt, mitten auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er
+fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr und wie ein
+Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne sich umzusehen, als wolle er
+sich vor Verfolgern retten oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren
+Unglück zu entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend ...
+
+Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich auf das Geländer
+am Kanal und starrte auf das schwarze Wasser der Fontanka. So stand er
+eine lange Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber
+jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual so ungeheuerlich und
+sein Mut so erschöpft, daß er alles vergaß, alles, das Haus an der
+Ismailoffbrücke und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja, selbst
+vergaß, wo er sich im Augenblick befand ... Und warum sollte er auch
+nicht? Es war doch nichts mehr daran zu ändern, was ging es ihn im
+Grunde noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am ganzen
+Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein paar Schritte zur Seite.
+Mit einer unerklärlichen Unruhe sah er sich um: es war niemand zu sehen,
+es konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ... und doch schien
+es ihm, daß im Augenblick jemand neben ihm, dicht neben ihm gestanden
+hatte, gleichfalls auf das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war,
+als habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell und kurz und
+nicht ganz deutlich, aber irgend etwas ihm Naheliegendes, etwas, das ihn
+persönlich anging.
+
+„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen sein?“ fragte sich Herr
+Goljädkin, indem er sich nochmals suchend umsah. „Aber wo bin ich denn?
+... Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig, mit
+einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit einer gewissen Angst, alle
+Kräfte zusammenzunehmen, um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die
+trübe, feuchte Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges zu
+sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es schien alles ruhig zu sein,
+alles wie es sein mußte, es schneite nur stärker als vorher und in
+größeren Flocken: keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen, so
+stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger, noch klagender
+sein banges Lied, ganz wie ein Bettler, der nicht von einem läßt und
+traurig um ein Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können.
+
+„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich Herr Goljädkin, und er
+setzte seinen Weg fort, blickte sich aber immer noch etwas unsicher um.
+Inzwischen bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war wie eine
+Beklemmung, und doch wieder nicht, es war wie Angst ... und doch anders
+als Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper
+und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich.
+
+„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich, um sich etwas zu
+ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht hat so etwas nichts auf sich und
+geht niemandem an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“ fuhr er
+fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach, „vielleicht wird das
+gerade zum Guten führen, mir noch ein Glück eintragen, weshalb also
+ungehalten sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet sein
+kann?“
+
+Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen beschäftigt,
+schüttelte Herr Goljädkin den Schnee von sich ab, der schon mit einer
+dicken Schicht seinen Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel
+bedeckte, – doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung konnte
+er nicht abschütteln. Irgendwo fern fiel ein Kanonenschuß[13].
+
+Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu! wenn es nicht noch eine
+Überschwemmung gibt? Das Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein
+...
+
+Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er nicht weit vor sich einen
+Menschen erblickte, der ihm entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein
+verspäteter Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige Begegnung,
+die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch Herr Goljädkin wurde aus einem
+unbekannten Grunde ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf. Nicht,
+daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte, – nein, das nicht, aber
+... „was kann man wissen, wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn,
+„vielleicht ist auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die
+Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen, sondern in
+einer besonderen Absicht, um meinen Weg zu kreuzen und mich anzurempeln
+...“
+
+Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch nicht, sondern empfand
+nur eine Sekunde lang etwas Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte
+auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde war keine zwei
+Schritte mehr von ihm entfernt. Herr Goljädkin beeilte sich seiner
+Gewohnheit gemäß, eine Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab,
+daß er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden etwas angehe,
+daß der Weg für alle breit genug, und er, Goljädkin selbst, niemanden
+anrühre und ruhig vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz
+getroffen, und dann wandte er sich schnell zurück und sah dem anderen
+nach, der kaum an ihm vorübergegangen war, – wandte sich zurück, als
+habe ihn jemand an einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte
+sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig, war
+gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in die Stirn gezogen und den
+Kragen aufgeschlagen, und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen,
+schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im Trab.
+
+„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin mit einem ungläubigen
+Lächeln, – schauderte aber doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm
+kalt über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte vollends in
+der Dunkelheit, auch seine Schritte waren nicht mehr zu hören, Herr
+Goljädkin aber stand immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er
+wieder zu sich.
+
+„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich denn etwa rein von
+Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“ Und er ging wieder seines Weges,
+beschleunigte aber immer mehr den Schritt und bemühte sich, an gar
+nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen, um nicht zu denken.
+Plötzlich, durch das Heulen des Windes und das Geräusch des Unwetters,
+vernahm er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr zusammen und
+öffnete die Augen. Vor ihm, etwa zwanzig Schritte weit, tauchte von
+neuem irgendein dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam. Die
+Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin konnte schon
+deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen erkennen, – und plötzlich
+schrie er auf vor Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden schwach.
+Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant, der vor etwa zehn
+Minuten an ihm vorübergegangen war, und der ihm jetzt plötzlich wieder
+entgegenkam. Das Erlebnis war seltsam und unheimlich. Herr Goljädkin war
+so überrascht, daß er stehen blieb, zitterte, irgend etwas sagen wollte,
+und – plötzlich dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an,
+wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte blieb auch
+wirklich stehen, etwa zehn Schritte weit von Herrn Goljädkin, und zwar
+gerade im Schein der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen
+konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin um und wartete
+mit ungeduldiger Miene darauf, was jener nun sagen werde.
+
+„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“ stammelte unser
+Held mit zitternder Stimme.
+
+Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich ungehalten wieder
+von ihm ab und ging schnell weiter, als wolle er sich beeilen, die
+verlorenen zwei Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am
+ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Mit einem
+Stöhnen sank er auf einen der Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich
+allen Grund, so die Fassung zu verlieren.
+
+Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt erschienen. Doch das
+hätte allein noch nicht viel besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte
+ihn jetzt vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn schon
+gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal gesehen, sogar vor ganz
+kurzer Zeit. Aber wo? – wo konnte das gewesen sein? – und wann? War es
+nicht erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das die
+Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen hatte. Es war ja auch
+fast gar nichts Besonderes an diesem Menschen – auf den ersten Blick
+hätte dieser Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit
+erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle anderen, war natürlich auch
+anständig, wie alle anständigen Menschen, und vielleicht besaß er sogar
+irgendwelche Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein Mensch für sich.
+
+Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft noch selbst eine
+Abneigung gegen diesen Menschen, sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in
+diesem Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für nichts in der
+Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht, und nun noch gar eine, wie
+jetzt in der Nacht. Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin
+kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar, wie er hieß, mit dem
+Familiennamen und mit dem Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn
+selbst für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, – er wollte
+ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben, daß jener so und so
+hieß.
+
+Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß, was er dachte oder
+empfand, das vermag ich nicht zu sagen, doch als er endlich wieder zu
+sich kam, raffte er sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er
+lief, was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der Atem ging ihm
+aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin – und bei der Gelegenheit
+verlor er auch die andere Galosche. Endlich gab er das Laufen auf,
+verlangsamte den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell um und
+stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon eine ganze Wegstrecke
+längs der Fontanka zurückgelegt hatte, ging dann über die
+Anitschkoffbrücke, ging über den Newskij und stand schließlich an der
+Straßenkreuzung des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann bog er in
+die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick einem Menschen, der am
+Rande eines Abgrundes steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den
+Boden schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick in die
+Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß und selbst sieht, und der
+doch nicht die Kraft hat und auch nicht die Geistesgegenwart, auf den
+noch feststehenden Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke,
+den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden: die Tiefe zieht ihn
+vielmehr an, zieht ihn und läßt ihn nicht los, und so springt er denn
+schließlich beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang
+zu beschleunigen.
+
+Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt, daß ihm sogleich,
+noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles zustoßen, daß er z. B. wieder
+jenem Unbekannten begegnen würde: doch – so seltsam es auch erscheinen
+mag – er wünschte diese Begegnung jetzt beinahe selbst herbei, wünschte
+sie schneller herbei, so schnell wie möglich. Da er sie doch für
+unvermeidlich hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein
+Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch, rasch!
+Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege ihn eine fremde Macht,
+denn von seinem eigenen Wesen fühlte er nichts als eine unendliche
+Erschöpfung und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr denken,
+obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen wie Dornen an alles und jedes
+hefteten. Ein verirrtes Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so
+zitterte, schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken
+dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten Ohren, und von
+Zeit zu Zeit sah es schüchtern und verständnisvoll zu ihm auf.
+
+Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke oder vielmehr die
+Erinnerung an etwas vor langer Zeit einmal Geschehenes kam ihm jetzt in
+den Sinn und begann in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und
+hämmerte und ließ sich nicht abweisen.
+
+„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin vor sich hin, ohne
+sich selbst zu verstehen. Endlich erblickte er den Unbekannten wieder,
+gerade wie er um die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder
+entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung, ging wenige
+Schritte vor ihm und eilte ebenso wie er in leichtem Trab. Bald hatten
+sie die Schestilawotschnaja erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag setzte
+aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in dem Herr
+Goljädkin wohnte. Man hörte die Klingel unter dem Torbogen und fast in
+demselben Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels. Das
+Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte beugte sich und verschwand. Im
+nächsten Augenblick hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und
+schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas brummte; er lief auf
+den Hof und erblickte wieder den Unbekannten, den er einen Moment aus
+dem Auge verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang zu
+der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung hinaufführte. Herr Goljädkin
+eilte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen
+Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so daß ein Fremder, der
+zum erstenmal und noch dazu im Dunkeln diese Treppe hinaufstieg,
+mindestens eine halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte.
+Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß man sich Hals und
+Beine brach, verwünschte immer wieder nicht nur die Treppe, sondern mit
+dieser auch seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen,
+zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch jener Unbekannte, den Herr
+Goljädkin verfolgte, schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut
+zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit der größten
+Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal zu zögern, als wäre ihm jede
+Stufe bekannt. Herr Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder
+dreimal schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten an seine Nase. Das
+Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle Fremde blieb gerade vor der Tür
+der Wohnung des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka – was zu einer
+anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in Verwunderung gesetzt hätte, –
+Petruschka, ganz als hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen
+gelegt, öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen mit dem
+Licht in der Hand entgegen.
+
+Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung in seine Wohnung. Ohne
+Hut und Mantel im Vorraum abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt,
+auf der Schwelle seines Zimmers stehen.
+
+Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich vollständig, alles, was
+er gefürchtet hatte, trat jetzt in die Erscheinung. Der Atem ging ihm
+aus, der Kopf schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem
+Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte ein wenig, blinzelte
+ihm zu und nickte freundschaftlich mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte
+schreien, konnte aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die
+Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge und er setzte sich
+starr vor Schreck neben den anderen hin. Dazu hatte er freilich Ursache.
+Herr Goljädkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein
+nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr
+Goljädkin selbst, ein anderer Herr Goljädkin und doch Herr Goljädkin
+selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen
+Doppelgänger nennt.
+
+ * * * * *
+
+
+ VI.
+
+Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljädkin in seinem
+Bett. Sofort erschienen mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen
+erregten Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen
+Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien die ganze wilde und
+unwahrscheinliche Nacht mit ihren fast mysteriösen Ereignissen. Eine so
+grausame, eine so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und
+besonders dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn Goljädkins Herz
+zu Eis erstarren. Dazu schien alles das so sonderbar unverständlich und
+wüst, schien so sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm
+wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin wäre sogar sehr
+geneigt gewesen, das alles einfach für einen Traum, für eine
+augenblickliche Verwirrung seiner Phantasie, für eine vorübergehende
+Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht zu seinem Glück und
+aus seiner bitteren Lebenserfahrung heraus gewußt hätte, bis wohin die
+Bosheit bereits manchen Menschen gebracht hat, wie weit die Grausamkeit
+eines Feindes gehen kann, der sich für seine verletzte Ehre rächen
+mochte. Obendrein legten die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins,
+sein schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger
+Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und bestanden unabweislich auf der
+Wirklichkeit des nächtlichen Spazierganges samt allen Abenteuern, die
+mit ihm verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja Herr Goljädkin
+schon längst, daß sie da etwas gegen ihn vorbereiteten, daß noch etwas
+anderes dahintersteckte!
+
+Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß Herr Goljädkin zu
+schweigen, sich zu fügen und in der Sache fürs erste nichts zu tun.
+
+„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, und wenn sie
+sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere und mich in alles füge,
+dann werden sie vielleicht zurücktreten, von selbst zurücktreten, als
+erste zurücktreten.“
+
+Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins umgingen, als er
+sich im Bette ausstreckte, um seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und
+auf das gewohnte Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. Er wartete
+bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, wie der Faulpelz Petruschka
+hinter dem Verschlag den Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht
+entschließen, ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin fürchtete
+sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen.
+
+„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, wie der Schuft diese ganze
+Sache ansieht. Er schweigt und schweigt und macht sich dabei seine
+eigenen Gedanken.“
+
+Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien mit dem Teebrett in
+beiden Händen. Herr Goljädkin schielte schüchtern nach ihm hin und
+wartete ungeduldig, was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich
+über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch Petruschka sagte
+nichts, im Gegenteil, er war noch schweigsamer, finsterer und erboster
+als gewöhnlich und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen hervor nur
+mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte daraus entnehmen, daß er äußerst
+unzufrieden war. Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was,
+nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm berührte. Er stellte
+alles, was er gebracht hatte, auf den Tisch, kehrte um und ging
+schweigend hinter seinen Verschlag.
+
+„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte Herr Goljädkin,
+während er seinen Tee einnahm. Unser Held jedoch richtete keine Frage an
+seinen Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen
+Anlässen, ins Zimmer kam.
+
+Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. Peinlich war
+es ihm vor allem, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes
+Vorgefühl, daß dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde.
+
+„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über irgend etwas stolpern!
+Ist es nicht besser, hier noch etwas abzuwarten? Mögen sie da tun – was
+sie wollen: ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, werde meine
+Gedanken über die Sache in Ordnung bringen, um dann den günstigen
+Augenblick zu erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den
+Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen auftauchen.“
+
+Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, rauchte er eine
+Pfeife nach der anderen. Die Zeit verging indessen schnell – es war
+bereits fast halb zehn geworden.
+
+„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte Herr Goljädkin, „es ist
+jetzt wirklich zu spät geworden. Dazu bin ich krank, versteht sich,
+krank, durchaus krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es mich
+an! Und wenn man jemanden schickt, der hier nachsehen soll – ja, was
+geht das mich an? Mir tut der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen,
+und schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, ich kann
+mich ernstlich erkälten und sogar sterben – die Sterblichkeit ist ja
+zurzeit so groß ...“
+
+Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin schließlich sein Gewissen
+vollkommen und rechtfertigte sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm
+von Andrej Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung des
+Dienstes“. Überhaupt liebte es unser Held bei allen ähnlichen
+Gelegenheiten, sich vor sich selbst durch die verschiedensten
+Vernunftgründe zu verteidigen und auf diese Weise sein Gewissen
+vollkommen zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen
+vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte sie aus: doch kaum
+hatte er ordentlich zu rauchen begonnen – als er plötzlich vom Diwan
+sprang, seine Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und
+frisierte, seine Uniform und alles Übrige anzog, einige Papiere ergriff
+und in die Kanzlei davoneilte.
+
+Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung ein, in
+zitternder Erwartung von etwas sehr Unangenehmem, in einer Erwartung,
+die unklar und dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern
+setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne sich umzublicken oder sich durch etwas
+ablenken zu lassen, vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm
+liegenden Papiere. Er hatte beschlossen und sich das Wort gegeben, sich
+so wenig wie möglich einer Herausforderung auszusetzen und sich vor
+allem, was ihn kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, vor
+allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen Abend möglichst
+weit weg zu halten. Er beschloß sogar, von den gewöhnlichen
+Höflichkeiten im Verkehr mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel
+Fragen nach dem Befinden usw. zu unterlassen.
+
+Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es dabei bleiben konnte.
+Unruhe und Ungewißheit über etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn
+viel quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, trotz des
+Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf nichts einzugehen, was es
+auch sei, und sich von allem fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch
+zuweilen den Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach rechts
+und links, und beobachtete die Gesichter seiner Mitarbeiter, um aus
+ihren Mienen zu schließen, ob etwas Neues und Besonderes bevorstehe und
+aus irgendwelchen Absichten vor ihm verborgen werde. Er setzte ohne
+weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen den gestrigen Vorfällen
+und allem bestand, was um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus
+wünschte er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß sich
+alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, wenn es dabei auch
+ein Unglück gäbe!
+
+Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal auch ereilte: kaum hatte
+er dies zu wünschen gewagt, als seine Zweifel plötzlich gelöst wurden,
+und zwar auf die allersonderbarste und unerwartetste Weise.
+
+Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich leise und schüchtern,
+als wollte sie damit vorausschicken, daß die eintretende Person herzlich
+unbedeutend sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr bekannt
+vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem unser
+Held saß. Unser Held wagte seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die
+Gestalt nur flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles,
+begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte vor Scham
+und steckte seinen armen Kopf in die Papiere mit der gleichen Absicht,
+wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom Jäger
+verfolgt wird.
+
+Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej Philippowitsch und man
+hörte darauf dessen förmliche, höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten
+in allen Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen.
+
+„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch an ihn und
+wies den Neuling an den Tisch Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich
+Herrn Goljädkin gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“
+
+Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den Neuangekommenen mit einer
+höflich einladenden Gebärde sich selbst überließ und sich sofort wieder
+in seine Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen.
+
+Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und wenn er nicht in Ohnmacht
+fiel, so geschah es nur deshalb nicht, weil er schon vorher alles das
+vorausgefühlt hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet war
+und die Ankunft des Neulings bereits in seiner Seele geahnt hatte. Die
+erste Bewegung Herrn Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich
+nicht ein Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz
+vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen verzog und
+schließlich nicht irgend jemand vor Schreck vom Stuhle fiel. Doch zur
+größten Verwunderung Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches.
+Das Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte ihn in Erstaunen
+und schien ihm vollständig unerklärlich. Herr Goljädkin erschrak fast
+vor diesem ungewöhnlichen Schweigen. Die Tatsache sprach für sich
+selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. Es mußte einen
+verwundern.
+
+Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich durch den Kopf. Er
+fühlte sich wie auf einem kleinen Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte
+seinen Grund. Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, war –
+der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die Schande Herrn Goljädkins, war
+– der gestrige Albdruck Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin
+selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem Munde
+und mit der Feder in der Hand auf dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der
+als Gehilfe seines Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser,
+der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken liebte, nicht der
+schließlich, dessen Verhalten deutlich aussprach: „Rühre mich nicht an
+und auch ich werde dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an,
+denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war ein anderer Herr
+Goljädkin, ein vollkommen anderer, und zugleich doch einer, der
+vollkommen ähnlich dem ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben
+Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, es war
+nichts, aber auch nichts zur vollkommenen Ähnlichkeit vergessen worden,
+so daß, wenn man die beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand,
+aber auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der wirkliche Herr
+Goljädkin und wer der nachgemachte sei, wer der alte und wer der neue,
+wer das Original und wer die Kopie.
+
+Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, über den, wenn der
+Vergleich möglich ist, jemand zum Spaß ein Brennglas hält.
+
+„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, „ist es die Gegenwart
+oder die Fortsetzung von gestern. Wie kommt das, mit welchem Recht geht
+das alles hier vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer gab
+ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt es mir?“
+
+Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch noch einen anderen
+... Nein, es war nicht nur ein Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der
+Schweiß in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch etwas nie
+Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: und zur Vollendung des Unglücks
+begriff und fühlte Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in
+einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel zu sein.
+
+Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher
+auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß sich
+seine Zweifel irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache
+doch ganz unerwartet eingetreten.
+
+Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend war er seiner
+Gedanken und seines Gedächtnisses vollständig beraubt. Wenn er nach
+solchen Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er ganz
+mechanisch und unbewußt seine Feder über das Papier führte. Da er sich
+selbst nicht mehr trauen konnte, fing er an, alles Geschriebene
+nachzuprüfen, und siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der
+andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und ehrbar dagesessen
+hatte, und verschwand mit seiner Arbeit durch die Tür, in die andere
+Abteilung. Herr Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu
+hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch beim Umwenden der
+Blätter und das Geflüster in denjenigen Ecken, die am weitesten von dem
+Platz Andrej Philippowitschs ablagen.
+
+Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, an, und da
+der Gesichtsausdruck unseres Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen
+Gedanken übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr auffallend
+war, so legte der gute Anton Antonowitsch die Feder beiseite und
+erkundigte sich mit außergewöhnlicher Teilnahme nach der Gesundheit
+Herrn Goljädkins.
+
+„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott sei Dank,“ antwortete
+stotternd Herr Goljädkin, „ich, Anton Antonowitsch ... bin vollkommen
+gesund. Mir fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er
+entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch nicht ganz zu
+überzeugen vermochte.
+
+„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so ganz gesund sind:
+übrigens, es wäre kein Wunder! Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen
+Sie ...“
+
+„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter schlecht ist ... Ich,
+Anton Antonowitsch, ich ... spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin
+fort, indem er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen Sie,
+Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, ... das heißt, ich möchte
+sagen ... wie Sie die Sache auffassen, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß gestehen, nicht ganz
+verstanden; Sie ... wissen Sie ... erklären Sie sich deutlicher, woran
+Sie sich hierbei stoßen,“ sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig
+betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die Tränen in die Augen
+traten.
+
+„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch ... hier ist – ein
+Beamter, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“
+
+„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier ein neueingetretener
+Beamter ist.“
+
+„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“
+
+„Was?“ rief Herr Goljädkin aus.
+
+„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt auch Goljädkin. Ist es
+nicht Ihr Bruder?“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“
+
+„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es sogar ein sehr naher
+Verwandter von Ihnen sein müßte. Wissen Sie, es ist da eine
+Familienähnlichkeit vorhanden.“
+
+Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und die Zunge versagte ihm
+zeitweise ihren Dienst. So einfach über eine so unerhörte, noch
+nie dagewesene Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden
+interessierten Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer
+Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild handelte!
+
+„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff Petrowitsch,“ fuhr
+Anton Antonowitsch fort. „Gehen Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit
+ihm. Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre Augen sind so
+sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen Ausdruck haben sie ...“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das heißt, ich möchte
+fragen, wie dieser Beamte? ...“
+
+„Nun?“
+
+„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, haben Sie nicht
+an ihm etwas Besonderes bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“
+
+„Das heißt?“
+
+„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, eine erstaunliche
+Ähnlichkeit mit irgend jemandem, das heißt zum Beispiel mit mir. Sie
+sprachen soeben, Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, Sie
+machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, daß es Zwillinge
+gibt, die sich wie zwei Tropfen Wasser gleichen, so daß man sie nicht
+voneinander unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte ich –“
+
+„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich – als ob er jetzt
+zum erstenmal über die Sache wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben
+recht, die Ähnlichkeit ist tatsächlich erstaunlich und man könnte
+wirklich den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu und riß die
+Augen immer weiter auf. „Und, wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist
+sogar eine ganz sonderbare phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen
+pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie bemerkt, Jakoff
+Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar selbst danach fragen. Ja, ich gestehe,
+anfangs habe ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein wirkliches
+Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind doch kein
+Hiesiger? Ich meine nur ...“
+
+„Nein.“
+
+„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus demselben Orte, wo Sie
+her sind. Ich wage nur zu fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt
+dauernd aufgehalten?“
+
+„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, daß er kein Hiesiger
+ist?“
+
+„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar ist,“ fuhr der
+gesprächige Anton Antonowitsch fort, für den es ein rechter Feiertag
+war, wenn er einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich Anteil
+erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, ohne es zu bemerken!
+Übrigens, regen Sie sich nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen.
+Wissen Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe passierte meiner
+Tante, mütterlicherseits; sie hat sich auch einmal, es war kurz vor dem
+Tode, doppelt gesehen ...“
+
+„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton
+Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, wollte wissen, wie es mit
+diesem Beamten steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“
+
+„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen Ssemjon Iwanowitsch.
+Dessen Posten war frei geworden, und so wurde er angestellt. Nein,
+wirklich, dieser gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er
+hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. Die Witwe ist
+seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man sagt übrigens, sie habe Geld,
+sie verheimliche es nur.“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand ...“
+
+„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn das so sehr? Ich sage
+Ihnen doch: regen Sie sich nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes,
+und es ist Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes Weisheit.
+Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht schuld daran. Als ob es
+keine Wunder auf der Welt gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie
+werden doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen ein Beispiel
+zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, wie die siamesischen
+Zwillinge mit dem Rücken aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und
+schlafen zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“
+
+„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? Tut nichts! Ich sage
+Ihnen doch, nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie sich
+keineswegs aufzuregen. Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein
+Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein tüchtiger Mensch.
+Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht von hier und führe den Titel
+Titularrat. Er hat selbst mit Seiner Exzellenz gesprochen.“
+
+„Und was hat er gesagt?“
+
+„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende Erklärungen gegeben und
+die Gründe dargelegt, sagt man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein
+Vermögen, ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer
+schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so gehört ... er hat
+sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. Ein kluger Mensch muß er
+sein. Nun, versteht sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die
+geht’s doch nicht ...“
+
+„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte sagen, wer hat denn in
+diese schmutzige Angelegenheit seine Hand gesteckt?“
+
+„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, Seine Exzellenz, sagt
+man, und Andrej Philippowitsch hätten gelacht.“
+
+„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“
+
+„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und sie hätten nichts
+dagegen, wenn er nur seine Pflicht tue!“
+
+„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, Anton Antonowitsch, ich flehe
+Sie an – und weiter.“
+
+„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts zu bedeuten, ich sage
+Ihnen, regen Sie sich nicht auf, die Sache hat nichts Bedenkliches.“
+
+„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, Anton Antonowitsch, ob
+Seine Exzellenz nichts mehr hinzugefügt hat ... über mich, zum
+Beispiel?“
+
+„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, nichts, Sie können ganz
+ruhig sein. Wissen Sie, natürlich ist der Umstand sehr sonderbar ...
+aber ich selbst – ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht.
+Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts dabei dachte, bis Sie, Sie
+selbst, mich darauf aufmerksam gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts
+gesagt,“ fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob sich vom
+Stuhl.
+
+„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“
+
+„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze hier von Nichtigkeiten
+und da ist eine wichtige Sache zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“
+
+„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die klangvolle Stimme Andrej
+Philippowitschs, „Seine Exzellenz fragt nach Ihnen.“
+
+„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich komme schon.“ Und
+Anton Antonowitsch griff nach einem Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej
+Philippowitsch und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz.
+
+„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. „So ist also das
+Spiel jetzt bei uns? Von daher weht der Wind? ... Das ist nicht übel,
+die Dinge haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser Held,
+rieb sich die Hände und fühlte vor Freude kaum den Stuhl unter sich.
+„Unsere Sache ist also eine gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas
+ganz Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, sie sitzen
+alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist nett, wirklich nett! Einen
+guten Menschen liebe ich, habe ich geliebt und werde ihn immer lieben
+... Doch, wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer ... zu
+trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den Zusammenhang. Eine
+vorzügliche, eine großartige Sache ist es, daß Seine Exzellenz nichts
+gesagt hat und ihn so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur
+dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da einzumischen? Was
+geht es ihn an? Du alter Strick! Immer läufst du mir über den Weg, wie
+eine schwarze Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, immer den
+Menschen in die Quere ...“
+
+Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder belebte sich seine
+Hoffnung. Er fühlte sich aber doch noch von gewissen vagen Gedanken, und
+von nicht gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam ihm sogar in
+den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, den Hasen sozusagen zu stellen,
+vielleicht am Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten mit
+ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche zu bemerken: „meine
+Herren, so und so, ob da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein
+sonderbarer Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese Weise die
+Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in einem tiefen Abgrund hausen die
+Teufel,“ schloß in Gedanken unser Held. Übrigens war das nur ein
+flüchtiger Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte sich noch
+beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen konnte.
+
+„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich selbst, und schlug
+sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu
+phantasieren und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser,
+wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir halten aus und
+warten!“
+
+Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, war Herr Goljädkin
+voll Hoffnung und wie von den Toten auferstanden.
+
+„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, als ob mir
+fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! Was ist das für eine Sache!
+Er aber – er, – nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu seiner
+Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem hinderlich wird, wenn er nur
+niemanden stört, dann mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“
+
+Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge und es schlug bereits vier
+Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. Andrej Philippowitsch griff nach
+seinem Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. Herr
+Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging absichtlich später als die
+anderen, er war der Letzte und trat hinaus, als die anderen sich bereits
+in die verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße fühlte er
+sich wie im Paradies, so daß in ihm der Wunsch aufstieg, einen Umweg zu
+machen und über den Newskij zu gehen.
+
+„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, „diese unerwartete Wendung
+der ganzen Sache. Und was für ein Wetterchen, mit Frost und
+Schlittenbahn! Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn
+ordentlich von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe den russischen
+Menschen, und Schnee liebe ich und Kälte liebe ich ...“
+
+So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, und doch fühlte er
+etwas wie Unruhe in seinem Herzen nagen, so daß er nicht wußte, womit er
+sich beschwichtigen sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – und
+dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das nur eigentlich sein, was
+mich da so beunruhigt!? Nun, denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke
+nach, junger Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau so
+wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn es solch einen Menschen
+gibt, muß ich denn gleich darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte
+mich fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! Mag er dienen!
+Nun, und was sie da von den siamesischen Zwillingen reden ... wozu
+siamesisch? Nehmen wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben
+ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte ist bekannt, daß der
+berühmte Ssuworoff wie ein Hahn krähte ... Nun, das tat er wohl alles
+nur aus Politik; und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen mich
+die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will niemanden kennen und im
+Gefühl meiner Unschuld verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant
+und ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig
+...“
+
+Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, zitterte wie ein
+Blatt am Baum und schloß auf einen Augenblick seine Augen. In der
+Hoffnung jedoch, daß der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion
+sei, öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts.
+Nein, es war keine Illusion! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter von
+heute morgen, lächelte ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die
+Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es kam aber
+nicht dazu. So gingen sie beide etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze
+Bestreben Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr in seinen
+Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief wie möglich über die Augen zu
+ziehen. Es erhöhte noch die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines
+Freundes genau den seinen glichen.
+
+„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem er sich mühte, fast
+flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen Freund anzusehen, „mir scheint,
+wir haben einen verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon
+überzeugt,“ sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich bin ich
+auch fest davon überzeugt, daß Sie mich verstanden haben,“ fügte er
+ziemlich streng zum Schluß hinzu.
+
+„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, „ich hätte gewünscht,
+und Sie werden mir großmütig verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich
+mich hier wenden soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen
+mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir sogar, Sie hätten heute
+morgen Anteil an mir genommen. Meinerseits fühlte ich auf den ersten
+Blick Zuneigung für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin in
+Gedanken seinen neuen Kollegen unter die Erde –
+
+„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff Petrowitsch, geneigt
+wären, mich anzuhören ...“
+
+„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ antwortete ihm Herr
+Goljädkin. „Wir wollen hinüber auf die andere Seite des Newskij gehen,
+dort wird es bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse
+einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“
+
+„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte schüchtern und bescheiden
+Herrn Goljädkins Begleiter, als ob er durch den Ton seiner Antwort
+ausdrücken wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse
+zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, so begriff er
+überhaupt nicht mehr, was mit ihm vorging. Er traute sich selber nicht
+und hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt.
+
+
+ VII.
+
+Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner
+Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in
+Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in
+die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen
+sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon
+so mißtrauisch ...“
+
+Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür
+wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die
+Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin,
+um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine
+Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein
+Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil,
+etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien.
+Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich
+anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie
+verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle
+von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft
+liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“
+
+Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und
+forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen.
+
+Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr
+schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing
+dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten.
+Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen
+Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem
+Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen
+Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt
+fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze
+Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken
+zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die
+Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen –
+und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und
+Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos.
+
+Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige
+Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn
+aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu
+legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und
+selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine
+Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff,
+daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie
+er das Gespräch mit ihm beginnen sollte.
+
+Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es
+nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte –
+übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu
+entscheiden.
+
+In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah
+aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die
+entgegengesetzte Seite.
+
+„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig,
+mit barscher Stimme.
+
+„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“
+
+Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete
+bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb,
+aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf:
+
+„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag.
+Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das
+bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es
+nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist
+einesteils sogar besser so ...“
+
+„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens,
+erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“
+
+„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der
+Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte
+er um Entschuldigung, daß auch _er_ Jakoff Petrowitsch heiße.
+
+„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine
+Erregung zu verbergen.
+
+„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete
+bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch
+etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine
+ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht
+zu Scherzen aufgelegt war.
+
+„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“
+
+„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn
+eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig
+vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft
+und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen
+und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl
+um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um
+allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu
+vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn
+Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten
+Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war,
+die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.
+
+„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend,
+betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin
+könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher
+Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“
+
+„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen
+hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich
+wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser
+Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff
+Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren
+habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen,
+sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“
+
+Herr Goljädkin runzelte die Stirn.
+
+„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so
+beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage
+vorzustellen.“
+
+„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“
+antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir
+sehen ...“
+
+Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte
+den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das
+Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte
+sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen
+schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut
+bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen
+gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum
+befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot
+genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die
+Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte
+darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr
+gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach
+dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem
+Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und
+der Gast begann seine Erzählung.
+
+Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden.
+Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten
+und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den
+Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte
+und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der
+Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen
+Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter
+alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten
+Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde
+seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier
+in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine
+Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße
+lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts
+auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner
+annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen
+Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich
+mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem
+fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin
+alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts
+zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal
+eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch
+nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit
+geliehen.
+
+Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die
+Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen
+Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich
+die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er
+gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken
+einen Dummkopf.
+
+Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so
+aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der
+war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde
+richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und
+die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast
+um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so
+harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig
+vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die
+Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so
+vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein
+wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen
+schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so
+stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie
+aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und
+er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß
+er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie
+dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die
+größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen,
+und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in
+jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee
+gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer
+Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes
+und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte
+es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So
+auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von
+dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und
+den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach
+Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens
+anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte
+er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß
+Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste
+in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“
+gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft
+hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen
+zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens
+weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten
+gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens,
+weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk
+tat.
+
+Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick
+doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein
+Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber
+nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.
+
+Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph
+Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern
+nicht gewesen wäre.
+
+„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich
+das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich
+nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen.
+
+Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast
+glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu
+genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten.
+
+Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde
+jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur
+einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die
+Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah
+auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter.
+
+Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht
+zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte,
+überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr
+gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es
+schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen:
+
+ Wenn auch du mich je vergißt,
+ Ich vergeß dich nicht;
+ Wechselvoll ist alles Leben,
+ Drum vergiß mich nicht!
+
+Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von
+Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen
+und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej
+Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war.
+
+„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig
+verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander,
+Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im
+Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige
+drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber
+niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen
+Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du
+aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von
+ihnen!“
+
+Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in
+Tränen.
+
+„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme
+fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir
+werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich
+nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so
+sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur
+hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es,
+Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir.
+Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“
+
+So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der
+Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen
+beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei,
+und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.
+
+Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett
+wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der
+Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem
+härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im
+Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer
+ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft
+alles bevorstehe! ...
+
+Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm
+darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der
+Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß
+es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin
+der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten,
+mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen
+verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen
+mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei
+welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam,
+eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die
+Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug
+über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern.
+
+Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich
+hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen
+vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im
+Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum
+Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm
+womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.
+
+Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte.
+
+„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in
+den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen,
+morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden,
+Petruschka?“
+
+Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber
+Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte
+sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.
+
+„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt
+zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast
+du mich verstanden?“
+
+„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.
+
+„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden
+bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich
+wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute
+Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten.
+Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“
+
+Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“
+dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“
+
+Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die
+Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser
+Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht
+einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer
+so!“
+
+Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß
+der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen
+Augenblick zu ihm aufs Bett.
+
+„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf:
+„Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das
+auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort,
+sich mit seinem Gast zu unterhalten.
+
+Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst
+auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu
+schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und
+murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen,
+Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein
+Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen
+wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“
+
+Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel
+und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der
+Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du
+Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du
+noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist
+eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“
+
+Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf
+den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu
+betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein
+unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill!
+Oh, die Sache hat einen Haken!“
+
+Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf
+rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas
+sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über
+eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte
+nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein,
+wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und
+plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben.
+
+
+ VIII.
+
+Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen Tage um acht Uhr.
+Sofort erinnerte er sich aller Begebenheiten des vergangenen Abends –
+erinnerte sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich aber
+gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte er, erhob sich ein wenig und
+sah zu dem Bette seines Gastes hinüber. Doch wie groß war sein
+Erstaunen, als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! „Was
+hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin beinahe laut aufgeschrien.
+„Was soll denn das heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“
+
+Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, mit offenem Munde auf
+die leere Stelle starrte, öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit
+dem Teebrett ins Zimmer.
+
+„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit kaum hörbarer Stimme
+hervor und wies mit dem Finger auf die leere Stelle.
+
+Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah nicht einmal seinen
+Herrn an, sondern wandte seine Augen nur stumm in die rechte Ecke des
+Zimmers, so daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in die Ecke
+zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte Petruschka mit rauher
+und grober Stimme: „Der Herr ist nicht zu Haus.“
+
+„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ sagte Herr Goljädkin
+ratlos und starrte seinen Diener mit großen Augen an.
+
+Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin in einer Weise an,
+daß dieser bis über die Ohren errötete. In seinem Blick lag ein so
+beleidigender Vorwurf, der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin ließ
+die Hände sinken und sagte kein Wort.
+
+Endlich bemerkte Petruschka, der _andere_ sei vor anderthalb Stunden
+bereits ausgegangen und habe nicht mehr warten wollen. Die Auskunft
+klang sehr wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn Petruschka
+nicht, denn was seinen beleidigenden Blick und die Bezeichnung _der
+andere_ anbetraf, so waren diese wohl durch einen unangenehmen Umstand
+veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, wenn auch nur
+dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung war, und daß das Schicksal ihm
+etwas vorzubehalten schien, das nicht angenehm war.
+
+„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir werden sehen und
+werden daran glauben müssen ... Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er
+plötzlich mit ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn
+aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich habe selbst den Kopf
+in die Schlinge gelegt, und habe mir dazu noch die Schlinge mit eigenen
+Händen gedreht. Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du konntest auch
+nichts anderes tun, als dich verplappern wie ein kleiner Junge, wie
+irgend so ein Kanzlist, wie ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen,
+ein verfaulter Lumpen, du Schwätzer, du! ...
+
+Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm gemacht, von seiner
+Liebe zu mir gesprochen! Wie ist das nur alles möglich gewesen ... Wie
+kann ich diesem Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, wenn er
+zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja verschiedene
+Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen Gehalt ... oder, man kann
+ihm auch Furcht einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und jenes
+sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er solle die Hälfte für
+Wohnung und Kost bezahlen und das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum
+Teufel, nein, das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, wäre es
+nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, so daß der es
+ihm einsalzte, ihn vernachlässigte und angrobte? um ihn auf diese Art
+los zu werden?! Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum Teufel
+auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann auch, von dem Standpunkte aus
+betrachtet ... nun, durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht
+schön! Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch das wäre
+nicht angenehm. Habe mich doch gestern abend so verplappert! ... Das ist
+schlimm, wirklich schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich
+Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du dich zu benehmen hast,
+kannst du dich nicht endlich beherrschen! Nun, wenn er jetzt kommt und
+absagt? Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn er nur käme
+...“
+
+So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen Tee und sah nach
+der Wanduhr.
+
+„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist Zeit, zu gehen. Aber
+was wird nun werden! Was wird geschehen? Ich würde gar zu gern wissen,
+was wohl eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke und
+Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, was eigentlich alle
+diese Leute denken und welche Schritte sie tun wollen ...“
+
+Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht mehr beherrschen, er warf
+die Pfeife fort, zog sich an und begab sich in das Departement – mit dem
+Wunsche, wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und sich persönlich
+zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab es: das wußte er genau, eine
+Gefahr gab es!!!
+
+„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ beschloß Herr
+Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen und Mantel ablegte. „Wir
+werden diesen Dingen sofort auf den Grund kommen, sofort!“
+
+Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser Held eine würdige Miene
+an und war eben im Begriff, in das nächstliegende Zimmer einzutreten,
+als er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und Busenfreund
+stieß.
+
+Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn Goljädkin den Älteren gar
+nicht zu bemerken, obgleich sie fast mit den Nasen aufeinander rannten.
+Herr Goljädkin der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu sein, er
+hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr geschäftige und
+offizielle Miene an, so daß ihm jeder am Gesicht ablesen konnte: „scht,
+ich bin kommandiert zu ganz besonderen Aufträgen ...“
+
+„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser Held und griff nach
+der Hand seines gestrigen Gastes.
+
+„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ rief Herr Goljädkin
+der Jüngere, und wollte davoneilen.
+
+„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch ...“
+
+„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei blieb der gestrige
+Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend vor diesem stehen und neigte sein
+Ohr zur Nase des anderen.
+
+„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, daß ich sehr erstaunt
+bin – über den Empfang ... einen Empfang, den ich durchaus nicht
+erwartet habe.“
+
+„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär Seiner Exzellenz, und
+darauf begeben Sie sich, wie es sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie
+haben wohl eine Bittschrift? ...“
+
+„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie setzen mich einfach in
+Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! Wahrscheinlich haben Sie mich nicht
+wiedererkannt oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen
+Heiterkeit Ihres Charakters.“
+
+„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, als hätte er erst
+jetzt Herrn Goljädkin den Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie
+haben Sie geruht?“
+
+Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein wenig offiziell, und
+zwar durchaus nicht, wie es sich gehörte (denn auf jeden Fall hätte er
+Herrn Goljädkin dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er aber
+lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte dabei hinzu, daß er
+seinerseits sehr froh darüber sei, daß Herr Goljädkin so gut geruht
+habe. Dann verneigte er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach
+rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte sich nach der
+Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er einen „ganz besonderen
+Auftrag“ habe, und schlüpfte ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er
+schon verschwunden.
+
+„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte unser Held, einen
+Augenblick starr vor Verwunderung, „da haben wir’s! Also so stehen die
+Sachen! ...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln über den Körper
+lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „übrigens habe
+ich das längst gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er in
+einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte ich’s noch, daß
+dieser Mensch in einem besonderen Auftrage ...“
+
+„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, Jakoff Petrowitsch?“
+fragte ihn Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich
+neben ihn setzte, „haben Sie sie hier?“
+
+„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher ganz verloren
+anschaute.
+
+„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch bereits zweimal
+nach ihnen verlangte, und weil es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden
+Augenblick einfordern werden ...“
+
+„Sie sind fertig ...“
+
+„Nun, gut, gut.“
+
+„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine Schuldigkeit getan, so
+wie es sich gehört, und, erfreut über die mir anvertrauten Arbeiten, wie
+ich zu sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“
+
+„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit sagen?“
+
+„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur erklären, Anton
+Antonowitsch, daß ich ... das heißt, ich wollte sagen, daß mitunter Neid
+und Bosheit niemanden verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche
+Beute suchen ...“
+
+„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, auf wen
+wollen Sie anspielen?“
+
+„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen Weg
+gerade gehe und einen krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant
+bin, und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken,
+gerechterweise stolz sein kann ...“
+
+„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie ich darüber denke, Ihrer
+Meinung vollständig zustimmen: doch erlauben Sie mir, Jakoff
+Petrowitsch, zu bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft
+nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – wenn Sie das zu
+tun wünschen, nun, so ist es Ihr freier Wille. Ich aber, mein Herr,
+lasse mir keine Unverschämtheiten ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin
+im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir auf meine alten
+Tage auch keine Frechheiten ... –“
+
+„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, Anton Antonowitsch, Sie
+scheinen, Anton Antonowitsch, mich nicht ganz verstanden zu haben.
+Erbarmen Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur auf Ehre
+versichern, daß ...“
+
+„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen bitten. Ich bin
+nach alter Art erzogen, und es ist für mich zu spät, nach Ihrer Art
+umzulernen. Für den Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es
+scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein Herr, besitze
+ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige untadelhafte Dienstzeit
+...“
+
+„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das meinerseits
+vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, ich habe von der Maske
+gesprochen, Anton Antonowitsch ...“
+
+„Von der Maske?“
+
+„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, Anton Antonowitsch, daß
+Sie auch hier meine Gedanken anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie
+Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja nur meine
+Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, daß es jetzt selten Leute
+ohne Maske gibt, und daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen
+zu erkennen ...“
+
+„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so schwer. Manchmal ist es sogar
+sehr leicht und man braucht nicht weit zu suchen.“
+
+„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte ja nur für meine
+Person, daß ich mich nie einer Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn
+es die Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer
+Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen Leben, im
+übertragenen Sinne gesprochen, niemals maskieren würde. Das ist es, was
+ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“
+
+„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden jetzt keine Zeit
+dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, der von seinem Stuhle aufstand und
+einige Papiere zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. „Ihre
+Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung von selbst
+aufklären. Sie werden selbst sehen, wen Sie anzuklagen und wen Sie zu
+beschuldigen haben, mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den
+Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen ...“
+
+„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljädkin, ein wenig
+erbleichend, dem sich entfernenden Anton Antonowitsch noch nach, „ich,
+Anton Antonowitsch, habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht ...“
+
+„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte Herr Goljädkin zu sich
+selbst, als er allein geblieben war. „Woher weht denn dieser Wind, und
+was soll denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“
+
+In demselben Augenblick, als unser verdutzter und halbtoter Held sich
+vorbereitete, diese neue Frage zu beantworten, hörte man im Nebenzimmer
+ein Geräusch und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. Die Tür
+wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, der soeben in
+Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner Exzellenz gewesen war, erschien
+aufgeregt in der Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, der
+wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej Philippowitsch nicht
+warten lassen wollte, sprang von seinem Platz und bereitete sich vor, so
+wie es sich gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu
+überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch und ins Kabinett
+seiner Exzellenz zu tragen. Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej
+Philippowitsch vorüber, Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und
+stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger und sehr
+geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin den Älteren, der alles
+eher erwartete, als einen solchen Überfall ...
+
+„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz
+geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig sind?“ flüsterte eilig und kaum
+hörbar der Freund Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch
+erwartet Sie ...“
+
+„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete ihm Herr Goljädkin
+der Ältere gleichfalls eilig und flüsternd.
+
+„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff Petrowitsch, ich bin
+ganz anders, Jakoff Petrowitsch, und nehme herzlich Anteil ...“
+
+„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. Erlauben Sie,
+erlauben Sie, bitte ...“
+
+„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, Jakoff
+Petrowitsch, und in die dritte Seite legen Sie ein Zeichen, Jakoff
+Petrowitsch ...“
+
+„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“
+
+„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! Haben Sie den
+Tintenfleck bemerkt? ...“
+
+Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal nach Herrn
+Goljädkin.
+
+„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen Augenblick, hier, gleich
+... werter Herr, verstehen Sie kein Russisch?“
+
+„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, Jakoff
+Petrowitsch, überlassen Sie es lieber mir: rühren Sie selbst lieber gar
+nicht daran, Jakoff Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich
+werde mit dem Federmesser ...“
+
+Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach Herrn Goljädkin.
+
+„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Ich sehe hier überhaupt
+nichts ...“
+
+„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen Sie, hier! Erlauben
+Sie, ich habe ihn soeben gesehen, hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir
+nur erlauben wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus
+Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, mit dem Messer und
+aus aufrichtigem Herzen ... sehen Sie, so, so muß man’s tun ...“
+
+Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr Goljädkin der Jüngere
+Herrn Goljädkin den Älteren in einem sekundenlangen Kampfe, der sich
+zwischen ihnen entspann: und entschieden ganz gegen den Willen des
+letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte Papier, und statt aus
+aufrichtigem Herzen den Tintenfleck mit dem Messerchen zu entfernen, wie
+er treulos Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß er
+plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie unter den Arm, war
+in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, der von alledem nichts
+bemerkt hatte, und flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr
+Goljädkin der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, in den Händen
+das Federmesser, als ob er soeben etwas radieren wollte ...
+
+Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. Er konnte noch
+nicht zu sich kommen. Er fühlte wohl den Schlag, konnte sich aber über
+seine Folgen nicht klar werden. In schrecklicher und ganz
+unbeschreiblicher Verzweiflung riß er sich endlich von der Stelle los
+und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett seines Chefs, indem er
+unterwegs den Himmel anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden
+... Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs stieß er mit Andrej
+Philippowitsch und seinem Namensvetter fast mit der Nase zusammen. Beide
+kehrten schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej
+Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter Herrn
+Goljädkins des Älteren lächelte gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller
+Entfernung neben ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej
+Philippowitsch etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch wohlwollend
+seinen Kopf hin und her wiegte.
+
+Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache war, daß seine Arbeit,
+wie er nachher erfuhr, die Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen
+hatte und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. Seine Exzellenz
+waren äußerst zufrieden damit, und man sagte sogar, er habe sich bei
+Herrn Goljädkin dem Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei
+Gelegenheit nicht vergessen ... –
+
+Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun mußte, war – protestieren,
+aus allen Kräften protestieren, bis zum äußersten protestieren. Ohne
+sich zu besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej
+Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch vernommen hatte, daß
+die Angelegenheit eine Privatsache des Herrn Goljädkin sei, weigerte er
+sich, ihm Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, er habe
+kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen Augenblick Zeit übrig.
+
+Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit der Abweisung wirkten
+auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. „Besser, ich versuche es von
+einer anderen Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ Zum
+Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch Anton Antonowitsch nicht zu
+sprechen: auch er war irgendwie beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er
+mich, ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ dachte unser
+Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als Seine Exzellenz
+selbst anzurufen.“
+
+Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm der Kopf rund ging, wußte
+Herr Goljädkin nicht, wozu er sich entschließen sollte, und setzte sich
+an seinen Tisch.
+
+„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ dachte er
+ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat dürfte eine so verwickelte,
+dunkle Geschichte gar nicht möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn,
+und zweitens ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich hat
+mir alles nur so geschienen, oder es geschah in Wirklichkeit etwas ganz
+anderes. Wahrscheinlich war ich es selbst, der hinging ... und habe mich
+für den anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz unmögliche
+Geschichte.“
+
+Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, als Herr Goljädkin
+der Jüngere, beladen mit Papieren, die er in beiden Händen und unter dem
+Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte er Andrej
+Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, unterhielt sich mit noch
+jemandem, sagte sogar einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr
+Goljädkin der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden hatte, wollte
+er aller Wahrscheinlichkeit nach das Zimmer sofort wieder verlassen, als
+er zum Glück Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein paar jungen
+Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen auch mit ihnen zu sprechen
+begann. Herr Goljädkin der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als
+Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn Goljädkin des Älteren
+bemerkte, blickte er mit großer Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am
+schnellsten verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen
+Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten drängten sich um die beiden
+Titularräte und warteten gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere
+begriff sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, daß
+sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr mußte er sich selbst
+beherrschen ... Der Augenblick war entscheidend.
+
+„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren,
+ihn dreist anschauend.
+
+Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. „Ich weiß nicht, mein
+Herr,“ begann er, „wie ich Ihr sonderbares Betragen zu mir erklären
+soll.“
+
+„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin der Jüngere sah dabei
+im Kreise um sich und zwinkerte den anderen Beamten zu, als gäbe er
+ihnen das Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne.
+
+„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein verehrter Herr, spricht im
+vorliegenden Falle noch mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun
+könnten. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht schlecht ...“
+
+„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir mal, wie Sie geschlafen
+haben?“ antwortete Herr Goljädkin der Jüngere und sah Herrn Goljädkin
+dem Älteren gerade in die Augen.
+
+„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ sagte der Ältere
+vollständig fassungslos und fühlte dabei kaum mehr den Boden unter den
+Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“
+
+„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere, schnitt Herrn
+Goljädkin dem Älteren eine ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff
+ihn plötzlich ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine
+ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie ein Feuerbrand.
+
+Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin bemerkt, daß sein
+Gegner an allen Gliedern zitterte, dabei stumm vor Verwunderung und rot
+wie ein Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich zu einem
+Überfall auf ihn entschließen wollte – als er ihm auf die
+allerunverschämteste Weise zuvorkam. Er klopfte Herrn Goljädkin noch
+zweimal auf die Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm
+sein Spiel, während der andere immer noch unbeweglich und sprachlos vor
+Erstaunen dastand, zum nicht geringen Ergötzen der um sie herumstehenden
+Beamtenschaft. Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen Seele
+ging noch weiter, er klopfte schließlich Herrn Goljädkin den Älteren auf
+den vollen Magen und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln:
+
+„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine dummen Streiche, Jakoff
+Petrowitsch! Wir wollten ja zusammen Intrigen spinnen, Jakoff
+Petrowitsch, Intrigen.“
+
+Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke zu sich kommen konnte,
+lächelte Herr Goljädkin der Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu,
+setzte eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu Boden,
+kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte etwas über „einen
+besonderen Auftrag“, trippelte mit seinen kurzen Füßen davon und
+verschwand im Nebenzimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und
+konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen ...
+
+Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm klar, daß er beleidigt
+war, in gewissem Sinne verloren – daß sein Ruf beschmutzt und befleckt,
+er selbst in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden war,
+beschimpft von demjenigen, von dem er gestern noch gehofft hatte, daß er
+sein einziger, bester Freund werden würde, und er erkannte, daß er sich
+vor der ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht zum
+Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht lange, sondern –
+stürzte seinem Feinde nach, ohne auch nur an die Zeugen seiner
+Erniedrigung zu denken.
+
+„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ dachte er bei sich,
+„einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich
+auf.“ Doch kaum hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als
+er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb kehrte er um.
+
+„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du kommst mir noch in die
+Falle und wirst als Wolf Lämmertränen weinen!“ Mit wütender
+Kaltblütigkeit und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu
+seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder.
+
+„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er noch einmal.
+
+Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine passive Verteidigung,
+seine Haltung sah nach Entschlossenheit aus, und wer Herrn Goljädkin in
+diesem Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung mächtig
+seine Feder ins Tintenfaß steckte, und mit welcher Wut er seine Zeilen
+aufs Papier warf, der mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache
+nicht so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele faßte er
+einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens schwor er sich, ihn auch
+auszuführen. Dabei wußte er aber noch gar nicht so recht, wie er hier
+vorgehen sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch nichts
+Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, das war ja gleichgültig!
+
+„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter Herr, richten Sie in
+unserer Zeit nichts aus. Anmaßung und Unverschämtheit, mein verehrter
+Herr, führen nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka
+Otrepieff[14] allein, mein Herr, erdreistete sich, das blinde Volk durch
+Anmaßung und Unverschämtheit zu betrügen, und auch das gelang ihm nur
+auf sehr, sehr kurze Zeit.“
+
+Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr Goljädkin, zu warten,
+bis die Maske von manchen Gesichtern fallen und alles aufgedeckt werden
+würde. Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. Bis dahin
+wollte unser Held nichts unternehmen. Dann aber würde er zu Maßregeln
+greifen – dann würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er
+wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den „Hochmut zu fällen“ und
+die „kriechende Schlange ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte
+es doch nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, mit dem
+man schmutzige Stiefel reinigt! Das konnte er sich doch unmöglich
+gefallen lassen, besonders in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden
+nicht dieser letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er sich
+doch noch entschließen können, sich zu überwinden und zu schweigen, oder
+wenigstens nicht so erbittert zu handeln. Er hätte sich dann vielleicht
+nur ein wenig herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem Recht
+sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur ein wenig, nachgegeben, und
+dann noch ein wenig nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen
+ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner feierlich zugestanden
+hätten, daß er in seinem Recht sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher
+ausgesöhnt haben und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre
+daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, starke
+Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, als die gestrige,
+eine, durch die diese gestrige ganz verdunkelt worden wäre. So würde
+denn zuletzt die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, und
+die beiden Titularräte konnten froh und glücklich miteinander leben –
+hundert Jahre lang!
+
+Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin fing bereits an,
+ein wenig zu bereuen, daß er für sich und sein Recht zu weit gegangen
+sei und sich dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er
+nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, daß alles das nur
+Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte ihm verziehen, ganz und gar verziehen,
+zumal, wenn er es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen
+lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht von solchen Leuten. Oh,
+und daß gerade ein so verworfener Mensch den Versuch mit mir macht! Ich
+bin kein Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, unser Held
+war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein Herr sind an allem schuld!“
+Er beschloß also – zu protestieren, mit allen Kräften und bis zur
+letzten Möglichkeit – zu protestieren.
+
+Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, sich beleidigen und
+noch viel weniger, sich „als Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem
+so verkommenen Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, nein, nicht
+streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt hätte, Herrn Goljädkin „in
+einen Lappen“ zu verwandeln, wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz
+ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich selbst
+manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht Herr Goljädkin gewesen, sondern
+eben ... irgendein Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen,
+sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, allerdings ganz
+unverantwortlichen Gefühlen, Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten
+des Lappens steckten!
+
+Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. Endlich schlug es vier.
+Bald darauf erhoben sich alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause
+zu gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: es entging ihm
+aber nichts, er verlor denjenigen, den er suchte, nicht aus den Augen.
+Zuletzt sah unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern lief, die
+die Mäntel ausgaben. In der Erwartung des Mantels schwänzelte er nach
+seiner gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick war
+entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich irgendwie durch die Menge, da
+er nicht zurückbleiben wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel.
+Doch, natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, weil es ihm
+auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln.
+
+Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel um und blickte dabei
+Herrn Goljädkin dem Älteren ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn
+auf diese Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit gemäß,
+rings um, bändelte mit allen Beamten an, wahrscheinlich, um auf sie
+einen guten Eindruck zu machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem
+andern etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte einem vierten
+zu, reichte dem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe
+hinab. Herr Goljädkin der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner
+unbeschreiblichen Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten Stufe und
+packte ihn am Kragen seines Mantels.
+
+Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht zu sein und
+blickte mit verstörtem Gesicht um sich.
+
+„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich mit leiser Stimme
+Herrn Goljädkin zu.
+
+„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch sind, so werden Sie sich
+unserer freundschaftlichen Beziehungen von gestern erinnern,“ sagte
+unser Held.
+
+„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“
+
+Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin die Sprache.
+
+„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... Doch erlauben Sie mir,
+Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel sehr schlecht steht ...“
+
+„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete hastig jener, der
+sich auch Herr Goljädkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten
+ganz unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljädkin.
+Befreit stürzte er die Treppe hinunter, sah sich um und erblickte eine
+Droschke – er lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick
+den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. Unser
+verzweifelter und von allen verlassener Titularrat blickte sich zwar
+auch um, fand aber keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine
+Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und offenem Munde stützte
+er sich kraftlos und gebrochen an eine Straßenlaterne und stand so
+einige Augenblicke auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie
+vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ...
+
+
+ IX.
+
+Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn
+Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja
+er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen.
+Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als
+er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen
+Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht
+nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war
+offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr
+entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte
+sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach
+alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach
+nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr
+Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht
+ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er
+schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja,
+das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun,
+was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn
+die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“
+
+Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge;
+er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig
+und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle.
+
+Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für
+etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand
+gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen!
+
+Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um
+keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell
+wie möglich nach Haus.
+
+„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben
+Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was
+tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum
+letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“
+
+So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige
+Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen,
+bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen,
+fast eine Genugtuung.
+
+„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man
+mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand
+– und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du
+wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben
+– so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur
+eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der
+Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig
+gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen!
+Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu
+war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts
+erreicht, hier muß gehandelt werden.“
+
+Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als
+er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr
+aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus,
+wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief.
+
+Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr
+Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin,
+nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief
+hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm
+den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch
+irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit
+Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den
+Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht
+einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne
+weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete
+sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und
+die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er
+trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej
+Philippowitsch.
+
+„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er
+die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte
+ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache
+ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch
+nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an
+der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte
+nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen
+seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten
+Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und
+der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem
+Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür
+wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm,
+Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt
+und werde auch außer dem Hause speisen.
+
+„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei
+sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des
+Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein
+Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, –
+und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die
+Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen
+und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld
+anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin
+nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf
+Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter.
+
+„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in
+Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und
+vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß
+sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier
+herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr
+rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch
+– ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein
+fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und
+Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß
+also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich
+so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein
+Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie
+des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa _nicht_ anstellen, wenn das
+Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll
+man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst
+zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener
+und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid
+einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so
+gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut
+getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“
+
+„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel,
+wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja,
+und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn
+dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ...
+und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher
+nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es
+liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei
+Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes
+achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin
+hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich
+wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber
+überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu
+war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben
+werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt!
+Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, –
+so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein
+Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen
+schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn
+aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das
+nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der
+andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin
+der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein
+Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen;
+der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht
+boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s!
+Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt!
+
+Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das ist! ...“
+
+Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin und her überlegend,
+lief Herr Goljädkin immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, und ohne
+eigentlich zu wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er zu
+sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem Vorübergehenden so
+zusammenstieß, daß vor seinen Augen Funken sprühten. Herr Goljädkin
+wagte kaum den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung.
+Erst als der andere schon in einer bedeutenden Entfernung von ihm war,
+wagte er endlich seine Nase zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er
+sich eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade vor dem
+Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt hatte, bevor er sich
+zur Galatafel bei Olssuph Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held
+plötzlich ein mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte sich,
+daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm auch kein ähnliches Diner
+bevorstand, wie damals, und so lief er denn eilig die Treppe zum
+Restaurant hinauf, um so schnell wie möglich und unbemerkt eine
+Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig teuer
+war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn Goljädkin nicht im
+geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben, hatte Herr
+Goljädkin jetzt keine Zeit. Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag
+eine große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack eines
+verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett war daher ständig von
+einer Menge wartender Menschen belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem
+Eingießen, Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. Auch Herr
+Goljädkin mußte seine Zeit abwarten und streckte endlich seine Hand
+bescheiden nach einem Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er
+damit in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu und aß mit
+Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, legte das Tellerchen auf den
+Tisch und da er den Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben,
+machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: „hier liegt das
+Geld für eine Pastete usw.“
+
+„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ sagte der Kellner.
+
+Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie meinen Sie das? – Ich ...
+ich ... habe, glaube ich, nur eine Pastete genommen ...“
+
+„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten Bestimmtheit der
+Kellner.
+
+„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... Ich habe, glaube ich,
+wirklich nur eine Pastete genommen.“
+
+„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. Was Sie genommen haben,
+müssen Sie auch bezahlen – bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“
+
+Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien gehen mit mir jetzt
+wieder vor?“ dachte er. Der Kellner wartete gespannt auf Herrn
+Goljädkins Entschluß. Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit
+aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich in die Tasche, um
+den Silberrubel sofort zu bezahlen und von der Schuld loszukommen.
+
+„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde rot wie ein Krebs, „was
+ist denn auch dabei, wenn man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war
+eben hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß sie zu seiner
+Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, dabei ist doch nichts
+Lächerliches ...“
+
+Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen Ruck, er blickte auf
+und begriff sofort – das ganze Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür
+zum Nebenzimmer, hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht zu
+Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben Tür, die unser Held vorhin
+als Spiegelglas angesehen, stand ein Mensch, stand er, stand Herr
+Goljädkin selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer
+Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, der neue Herr Goljädkin.
+Dieser andere Herr Goljädkin befand sich offenbar in der allerbesten
+Laune. Er lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit dem Kopf,
+zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig hin und her und sah ganz so
+aus, als ob er, wenn man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer
+verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen würde ... – jede
+Verfolgung wäre vergebens gewesen! In seinen Händen befand sich noch das
+letzte Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen des Herrn
+Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in seinen Mund steckte.
+
+„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ dachte Herr Goljädkin und
+fühlte, wie er sich schämte. „Er hat es gewagt mich öffentlich
+bloßzustellen! Sieht ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich
+niemand zu bemerken ...“
+
+Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, als hätte er sich an ihm
+alle Finger verbrannt, und schien das freche Lächeln des Kellners gar
+nicht zu bemerken – dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit
+und Macht. Er drängte sich durch die Menge und stürzte zur Tür hinaus.
+
+„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders bloßgestellt wurde!“
+dachte Herr Goljädkin der Ältere. „Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem
+Schicksal, daß diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner wurde
+frech, aber er war doch in seinem Recht! Es kostete doch einen Rubel und
+zehn Kopeken, also war er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem
+etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“
+
+Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die Treppe hinabging. Kaum
+aber war er an der letzten Stufe angelangt, als er plötzlich wie
+angewurzelt stehen blieb und über und über errötete, daß ihm die Tränen
+in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun doch in seiner Eitelkeit
+verletzt. Als er eine Minute in dieser Weise unbeweglich dagestanden
+hatte, stampfte er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz von
+der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, ohne seine Müdigkeit
+zu fühlen, begab er sich nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße.
+
+Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die Zeit, seinen Mantel
+auszuziehen. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich häuslich
+niederzulassen und seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er
+war, auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück Briefpapier und
+begann mit vor innerer Erregung zitternden Händen folgenden Brief zu
+schreiben:
+
+ „Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+
+ Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die Umstände und Sie,
+ geehrter Herr, mich dazu nötigten. Glauben Sie mir, daß nur die
+ Notwendigkeit mich dazu zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen
+ einzutreten, darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung
+ nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein verehrter Herr zu
+ beleidigen, sondern – sondern als eine unumgängliche Folge der
+ Umstände, die uns zueinander in Beziehung gebracht haben.“
+
+ „So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben zu sein,
+ wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit ... Beleidigt kann er
+ sich dadurch nicht fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“
+ dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen.
+
+ „Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein geehrter Herr, in
+ der stürmischen Nacht, nach einem ausfallenden und rohen Benehmen
+ meiner Feinde gegen mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben
+ verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, die in
+ gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. Ihr hartnäckiges
+ Bestreben, mein geehrter Herr, mit aller Gewalt in mein Sein und in
+ meinen Lebenskreis einzudringen, übersteigt alle Grenzen der
+ Höflichkeit und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, Sie
+ daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie sich meiner Papiere
+ und meines Namens bedient haben, um sich bei der Regierung
+ einzuschmeicheln – um eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst
+ nicht verdient haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre
+ vorbedachte, beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen
+ Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. Und zuletzt, um
+ nicht alles zu sagen, möchte ich noch Ihre sonderbare Handlungsweise
+ im Restaurant mir gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die
+ unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich doch einen
+ heftigen Unwillen bei der Erinnerung an Ihre deutliche Absicht, mein
+ geehrter Herr, meiner Ehre zu schaden, und das noch dazu in
+ Gegenwart einiger Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar
+ aus der guten Gesellschaft waren ...“
+
+ „Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr Goljädkin. „Wird das
+ nicht zu viel sein? Ist das nicht beleidigend – diese Anspielung auf
+ die gute Gesellschaft zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen!
+ Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung
+ zum Schluß ein wenig schmeicheln, ihm Butter aufs Brot schmieren.
+ Wir wollen sehen.“
+
+ „Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem Brief nicht
+ belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Ihr edles Herz
+ und Ihr offener und gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen
+ werden, um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen ist.
+
+ In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu sein, daß Sie meinen
+ Brief nicht in beleidigendem Sinne auffassen werden, daß Sie aber
+ auch nicht verfehlen werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch
+ die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen.
+
+ In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, geehrter Herr, Ihr
+ gehorsamster Diener.
+
+ J. Goljädkin.“
+
+„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache wäre also erledigt: die
+Sache ging nun schon bis zu schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist
+schuld daran? Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so
+weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich bin in meinem
+Recht ...“
+
+Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief durchgelesen hatte, faltete
+er ihn zusammen, adressierte ihn und rief dann Petruschka. Petruschka
+erschien wie immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter
+Laune.
+
+„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst du?“
+
+Petruschka schwieg.
+
+„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, dort suchst du den
+diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär Wachramejeff.
+Wachramejeff hat heute den Tagdienst. Verstehst du das?“
+
+„Verstehe.“
+
+„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du fragst also nach
+dem Beamten Wachramejeff und sagst ihm: so und so, der Herr hat
+befohlen, Sie von ihm zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im
+Adressenregister unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat
+Goljädkin wohnt?“
+
+Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin schien, lächelte er.
+
+„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse und wo der
+neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: verstehst du?“
+
+„Ich verstehe.“
+
+„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser Adresse diesen
+Brief: verstehst du?“
+
+„Ich verstehe.“
+
+„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief bringst, so wird
+dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, Herr Goljädkin also ... Was
+lachst du, Schafskopf?“
+
+„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich habe nichts ...
+unsereins hat nichts zu lachen ...“
+
+„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen sollte, wie es mit deinem
+Herrn steht ... wenn er dich also irgendwie ausfragen möchte – so
+schweigst du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, er bittet um
+eine schriftliche Antwort auf seinen Brief.‘ Verstehst du?“
+
+„Verstehe.“
+
+„Also, fort mit dir.“
+
+„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! Er lacht. Warum lacht
+er denn? Es wird von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das
+schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles zum Guten
+wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher jetzt noch zwei Stunden
+herumtreiben oder überhaupt nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja
+nirgendwohin schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch ein Unglück!
+...“
+
+Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines ganzen Unglücks, zu
+der passiven Rolle einer zweistündigen Erwartung Petruschkas. Eine
+Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder
+seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf legte er sich auf den
+Diwan, griff dann wieder zur Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf
+und ab ... Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken nicht
+zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden Zustand nicht
+länger, und Herr Goljädkin beschloß bei sich, lieber wieder zu handeln.
+
+„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ dachte er, „ich
+kann also den Schlüssel dem Hausknecht geben – und selbst werde ich
+unterdessen ... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits etwas für
+sie tun.“
+
+Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach seinem Hut, verließ
+das Zimmer, schloß seine Wohnung zu, ging zum Hausknecht, händigte dem
+den Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld – Herr Goljädkin
+wurde in letzter Zeit ungeheuer freigebig – und ging – ging, wohin ihn
+der Weg führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke.
+
+Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das Ziel seiner Wanderung
+erreicht hatte, ging er geradeaus auf den Hof des ihm bekannten Hauses
+und blickte zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff
+hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten Vorhängen verhangenen
+Fenstern waren die übrigen alle dunkel.
+
+„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine Gäste,“ dachte Herr
+Goljädkin, „sie werden wohl jetzt allein zu Hause sitzen.“
+
+Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden hatte, wollte er
+sich augenscheinlich zu etwas entschließen. Aber es sollte anders
+kommen. Herr Goljädkin winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf die
+Straße.
+
+„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was soll ich denn hier machen?
+... Ich werde besser tun ... selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit
+diesem Entschluß begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der Weg
+war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig und nasser Schnee fiel
+in dichten Flocken, doch für unseren Helden schien es keine Hindernisse
+mehr zu geben. Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar durchnäßt und
+beschmutzt, „wenn schon, denn schon: das heißt, wenn man das Ziel
+erreichen will!“ Und Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem
+Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes stieg in der
+Ferne vor ihm auf.
+
+„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde ich hier machen? Nehmen
+wir an, ich erfahre, wo er wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits
+zurückgekehrt sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich verliere nur
+meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. Nun, tut nichts, man kann alles
+wieder gut machen ... Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen!
+Aber so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich muß immer
+vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr ist es? Sicherlich schon neun Uhr.
+Petruschka könnte kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe
+wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... Ach, wirklich,
+diese Konfusion!“
+
+Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung gekommen war, daß er
+eine Dummheit begangen, lief er sofort zurück zu seiner
+Schestilawotschnaja-Straße. Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und
+erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht einmal daran gedacht
+hatte, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.
+
+„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser Held: „Und dabei ist es
+schon neun Uhr! Solch ein Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr
+du meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen Lohn bezahlt, damit
+er Geld in den Händen hat.“
+
+Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine Wohnung auf, machte
+Licht, kleidete sich aus, steckte seine Pfeife an und müde, zerschlagen,
+hungrig, wie er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf den
+Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht flackerte an den Wänden
+... Herr Goljädkin starrte vor sich hin, dachte und dachte und schlief
+endlich ein, wie tot.
+
+Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt und flammte
+noch hin und wieder auf, um dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin
+sprang auf, ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, mit
+einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte man Petruschka
+schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans Fenster – nirgendwo ein Licht zu
+sehen. Er öffnete das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief.
+Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, die Uhr hinter dem
+Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin stürzte in den Verschlag.
+
+Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es ihm, Petruschka zu
+wecken und ihn im Bett aufzurichten. In diesem Augenblick verlöschte das
+Licht vollkommen. Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin ein
+anderes Licht fand und es anzündete. In der Zeit war aber Petruschka von
+neuem eingeschlafen.
+
+„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn Herr Goljädkin und
+rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du wohl aufwachen, wirst du wohl
+aufstehen!“ Nach halbstündiger Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin,
+seinen Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem Verschlag
+herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, daß Petruschka vollkommen
+betrunken war und sich kaum auf den Füßen halten konnte.
+
+„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du Lump! Am liebsten würdest
+du mir wohl, weiß der Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den
+Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus ihm geworden ... Und
+warum habe ich ihn geschrieben? Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz.
+Wozu stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon ... Und du, du
+Räuber, wohin hast du den Brief gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben?
+...“
+
+„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und habe überhaupt keinen Brief
+gehabt ... so ist’s!“
+
+Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung.
+
+„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“
+
+„Ich höre ...“
+
+„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“
+
+„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin ich gegangen! Was ist denn
+dabei?“
+
+„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst du zuerst? Warst du in der
+Kanzlei? ... Du, höre mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“
+
+„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der Stelle ...“
+
+„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich fragte ja
+nur so ... gut, gut, daß du betrunken bist: ich meinte ja nur,
+Petruschka ... Du hast vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst
+dich jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff –
+warst du oder warst du nicht?“
+
+„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar nicht. Und wenn man mich
+auch sogleich ...“
+
+„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja nichts. Du siehst
+doch, daß ich nichts ... Nun, was ist denn dabei? Nun, draußen war es
+kalt, feucht und der Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das
+besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst habe heute etwas
+getrunken, mein Lieber. Gestehe es nur ein, denke nur nach, mein Lieber,
+warst du heute beim Wachramejeff?“
+
+„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich war da ... und wenn ich
+auch sogleich ...“
+
+„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen bist. Siehst du, ich
+ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ fuhr unser Held fort, seinen Diener
+aufzurütteln, schüttelte ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun,
+und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, nur ein wenig
+... für zehn Kopeken ein Schlückchen? Du Saufbold! Nun, tut nichts.
+Siehst du, daß ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse
+darüber, mein Lieber ...“
+
+„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein Saufbold. Bei guten
+Menschen bin ich gewesen, denn ich bin kein Säufer, bin niemals ein
+Säufer gewesen ...“
+
+„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich will dich ja auch gar
+nicht schimpfen, wenn ich dich einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur
+zur Beruhigung gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es dir
+gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne schimpft, so fühlt er
+sich geschmeichelt, Petruschka. Ein anderer liebt es sogar! ... Nun,
+Petruschka, sage mir jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du
+beim Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“
+
+„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. Ein guter Beamter ist
+er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, ‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und
+also sage ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und sage
+ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein Herr,‘ sagt er, ‚ein
+guter Mensch ist, und du, Petruschka, bist auch ein guter Mensch, siehst
+du‘ ...“
+
+„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! Judas du!“ Die letzten
+Worte sprach Herr Goljädkin fast flüsternd.
+
+„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“
+
+„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, der Titularrat Goljädkin?“
+
+„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. So wie
+du in die Schestilawotschnaja eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts
+die Treppe hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin
+...‘“
+
+„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich die Geduld verlor:
+„Du Taugenichts! Das bin doch ich, das bin ja ich, von dem du sprichst.
+Da ist aber ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche ich,
+du Räuber, du!“
+
+„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie Sie wollen! ...“
+
+„Aber der Brief, der Brief? ...“
+
+„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich habe keinen Brief
+gesehen.“
+
+„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, du!?“
+
+„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. ‚Grüße ihn,‘ sagt
+er, ‚grüße und danke deinem Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“
+
+„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das gesagt?“
+
+Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er übers ganze Gesicht und
+sah seinem Herrn gerade in die Augen.
+
+„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, schnaubend vor Wut, „was
+hast du mit mir gemacht? Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht?
+Du hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen Kopf von den
+Schultern gerissen. So ein Judas!“
+
+„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ sagte in bestimmtem Tone
+Petruschka und zog sich hinter seine Scheidewand zurück.
+
+„Komm her, hierher, du Räuber! ...“
+
+„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt nicht mehr. Was
+geht’s mich an! Ich gehe zu den guten Menschen ... Gute Menschen, die
+ehrlich und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ Herrn
+Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und der Atem ging ihm aus ...
+
+„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht doppelt und beleidigen
+nicht Gott und die Menschen!“
+
+„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe jetzt lieber schlafen, du
+Räuber! Aber morgen werde ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr
+Goljädkin mit kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch etwas:
+dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett legte, daß es in allen
+Fugen krachte, wie er laut gähnte und sich ausstreckte, und dann, wie
+man sagt, den Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte.
+
+Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das Betragen Petruschkas,
+seine sonderbaren, wenn auch sehr entfernten Anspielungen, über die man
+sich „folglich nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er betrunken
+war, und schließlich die ganze bösartige Wendung, die die Sache nahm –
+alles das erschütterte Herrn Goljädkin bis auf den Grund.
+
+„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu wecken?“ fragte sich
+unser Held, am ganzen Körper vor krankhafter Erregung zitternd, „und was
+plagte mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! Und was kann
+man denn von einem betrunkenen Menschen erwarten? Jedes Wort ist ja
+gelogen! Worauf spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, mein
+Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich Selbstmörder,
+ich Selbstmörder! Konnte ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn
+geschehen? Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. Wenn aber
+meine Ehre leidet – seine Ehre muß man doch retten! Ach, ich
+Selbstmörder, ich!“
+
+So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan sitzend, und wagte sich vor
+Furcht kaum zu bewegen. Plötzlich fielen seine Augen auf einen
+Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der
+Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner Phantasie sein,
+wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst und unbeschreiblicher Neugier, seine
+Hand danach auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war
+Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, ein wirklich an
+ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin griff nach dem Brief auf dem
+Tisch. Sein Herz schlug heftig.
+
+„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ dachte er, „hat ihn
+dort hingelegt und ihn dann vergessen; so wird es wohl gewesen sein,
+sicher wird es so gewesen sein ...“
+
+Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten und ehemaligen Freunde
+Goljädkins.
+
+„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser Held, „und alles, was
+im Briefe hier stehen wird, habe ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief
+lautete folgendermaßen:
+
+ „Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+
+ Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts Gescheites aus ihm
+ herausbringen. Aus dem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu
+ antworten.
+
+ Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit bin, Ihren
+ Auftrag, den mir übergebenen Brief an eine gewisse Person zu
+ befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit und Treue auszuführen. Diese
+ Person, die Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener
+ Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich möchte nicht
+ unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen schaden!) wohnt mit uns
+ zusammen in der Wohnung Karolina Iwanownas, und zwar in demselben
+ Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, der
+ Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person gehört zu den
+ ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges Herz haben, was man
+ bekanntlich nicht bei allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen
+ beabsichtige ich von heute ab vollständig abzubrechen, in dem
+ freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher miteinander
+ verkehrten, können wir nicht mehr zueinander stehen, und darum bitte
+ ich Sie, sehr geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen
+ Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei Rubel für das
+ Rasiermesser ausländischen Fabrikats, das ich Ihnen verschaffte, zu
+ schicken. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich es Ihnen bereits
+ vor sieben Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu der
+ Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina Iwanowna lebten, die ich
+ von ganzem Herzen achte und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da
+ Sie, nach der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung und
+ Ihren guten Ruf verloren haben und der Verkehr mit Ihnen für junge,
+ sittsame und unverdorbene Menschen daher sehr gefährlich geworden
+ ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und dazu sind ihre
+ Worte falsch und ihre wohlanständige Haltung ist verdächtig. Es wird
+ immer Leute geben, die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna
+ annehmen werden, die stets von gutem Betragen und eine ehrbare Dame
+ gewesen ist und die dazu ein Mädchen, wenn auch nicht von jungen
+ Jahren, so doch aus anständiger ausländischer Familie ist. Man hat
+ mich gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe beiläufig in
+ Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall werden Sie schon alles zu
+ seiner Zeit erfahren, falls Sie es bis jetzt noch nicht erfahren
+ haben sollten, obgleich Sie nach Aussagen verständiger Leute an
+ allen Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und wenigstens
+ an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, geehrter Herr, erhalten
+ können.
+
+ Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter Herr, daß die
+ Ihnen bekannte Person, deren Namen ich aus wohlbegründeten Ursachen
+ hier nicht erwähnen möchte, von allen wohlgesinnten Menschen sehr
+ geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, heiterem Charakter,
+ in ihrem Beruf wie unter den Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort
+ und jeder Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt
+ und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher Beziehung
+ befindet.
+
+ Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener
+
+ N. Wachramejeff.
+
+ P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker und wird Ihnen
+ aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu schaffen machen. Nehmen Sie
+ doch Eustachius, der früher hier bei mir diente und gegenwärtig
+ stellenlos ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch
+ ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina Iwanowna
+ ein Pfund Zucker zu billigerem Preise verkauft, das er, meiner
+ Meinung nach, nur in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von
+ Ihnen gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich Ihnen
+ Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche Personen nur zu
+ beleidigen und die Menschen zu betrügen verstehen, besonders
+ anständige Leute von gutem und ehrlichem Charakter. Außerdem
+ versuchen sie diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und
+ zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht rechnen
+ können.
+
+ W.“
+
+Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs gelesen hatte, blieb er noch
+lange unbeweglich auf seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den
+dichten, rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit zwei Tagen
+umgab. Unser Held fing allmählich an, alles, alles zu begreifen ... Er
+versuchte sich vom Diwan zu erheben und einige Male durch das Zimmer zu
+gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten Gedanken zu sammeln
+und sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren – um dann
+reiflich seine Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte,
+fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan zurück.
+
+„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was schreibt er denn und was
+ist der Sinn seiner Worte? Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt
+das alles? Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt wird
+das und das, ich würde es sofort tun! Der ganze Gang der Sache ist ein
+so unangenehmer! Wenn es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache
+annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen würde. So und so,
+sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft zu kommen, doch meine Ehre gebe
+ich nicht preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme
+Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? Und warum hat
+sie sich da hineingemischt? Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis
+dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! Die
+Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! Jetzt, zum Beispiel, sollte ich
+da nicht einen Brief schreiben: so und so, und das und das, bin damit
+und damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die Sonne aufgeht,
+oder noch früher ... werde ich von der anderen Seite entgegenarbeiten
+und den Burschen zuvorkommen ... Sie werden nur lästern über mich, ja,
+und das ist alles!“
+
+Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die Feder und schrieb
+folgende Antwort auf den Brief des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff:
+
+ „Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch!
+
+ Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung las ich Ihren für mich
+ so beleidigenden Brief, denn ich habe wohl verstanden, daß Sie mit
+ den nicht wohlanständigen, falschen und lügnerischen Personen mich
+ bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe ich, wie schnell
+ und wie tief die Verleumdung Wurzeln gefaßt hat, zum Schaden meines
+ Wohlergehens, meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so
+ beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich wohlmeinende
+ Leute und hauptsächlich die, welche mit einem offenen und geraden
+ Charakter begabt sind, sich von dem Leben anständiger Leute abwenden
+ und an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie es Menschen
+ führen, welche in jener Sittenlosigkeit versunken sind, die zum
+ Unglück unserer Zeit unter uns so schädliche Früchte zeitigt.
+
+ Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für meine heilige
+ Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von zwei Rubeln unverzüglich
+ zurückzuerstatten.
+
+ Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, in bezug auf
+ eine sehr bekannte Person weiblichen Geschlechts und in bezug auf
+ die Absichten, Berechnungen und verschiedenen Ränke dieser Person,
+ so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß ich alle diese
+ Anspielungen bloß halbwegs verstanden habe. Erlauben Sie mir auch,
+ geehrter Herr, meine anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen
+ unbefleckt zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf
+ persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche Erörterung
+ der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls bin ich zu friedlicher,
+ gegenseitiger Verständigung bereit. Daher ersuche ich Sie, sehr
+ geehrter Herr, meine Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache
+ dieser Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den Ort des
+ Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir schmerzlich, mein geehrter
+ Herr, Ihre Anspielungen zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre
+ frühere Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten Sinne
+ über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese Mißverständnisse
+ schnöder Verleumdung, dem Neid mir gegenüber zu, und zwar
+ derjenigen, die ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen
+ kann. Aber wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld durch
+ sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit und
+ Frechheit früher oder später zu einer allgemeinen Verachtung führt,
+ die sie treffen wird, und daß solche Personen durch ihre eigenen
+ schlechten Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde
+ gehen müssen.
+
+ Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen Personen zu
+ sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung und ihre unedlen phantastischen
+ Wünsche und Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, die
+ sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen und Bedauern
+ erweckt und sie selbst für das Irrenhaus reif macht. Überdies sind
+ solche Bestrebungen durch das Gesetz strengstens verboten, was
+ meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder mit seiner
+ eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles hat seine Grenzen, und
+ wenn das ein Scherz sein soll, so ist es ein unwürdiger Scherz, ich
+ sage mehr: ein unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein
+ geehrter Herr, daß meine Anschauung über die Stellung eines jeden
+ hier auf Erden auf ethischen Voraussetzungen beruht.
+
+ In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein
+
+ Ihr gehorsamer Diener
+ J. Goljädkin.“
+
+
+ X.
+
+Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages Herrn Goljädkin
+bis auf den Grund seines Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief
+sehr schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf Minuten
+wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte irgendein mutwilliger Schelm
+ihm geschnittene Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht
+verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt von der einen
+Seite auf die andere. Schlief er einmal – stöhnend, ächzend – auf einen
+Augenblick ein, so erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das
+war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, unklaren
+Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, mit einem Wort von allem,
+was es nur an Unangenehmem geben kann ... So erschien ihm in
+rätselhaftem Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, eine
+trockene Erscheinung, mit bösem Blick und gefühllos höflicher
+Sprechweise ... Als aber Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej
+Philippowitsch zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, „so
+oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er
+durchaus nicht so sei, wie seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr
+ein ganz anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen
+Fähigkeiten noch diese und jene besitze – da erschien plötzlich eine ihm
+durch ihre übelwollende Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein
+empörendes Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen des Herrn Goljädkin
+vereitelt, und Herr Goljädkin sah vor seinen eigenen Augen seine Würde
+und seine Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz gezogen,
+während diese Person seine, jawohl, seine Stellung im Dienst wie in der
+Gesellschaft einnahm. Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung
+eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem erhalten und
+demütig hingenommen hatte: war es nun im gewöhnlichen Leben oder in
+dienstlicher Angelegenheit gewesen – jedenfalls war es unmöglich, gegen
+diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen oder zu leugnen ...
+Während aber Herr Goljädkin sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum
+es denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber zu wehren – ging
+der Nasenstüber unmerklich in eine andere Form über – in die Form einer
+ziemlich bekannten, kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, die
+er gesehen oder gehört oder selbst unlängst vollbracht hatte, und zwar
+nicht etwa aus schlechter Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb,
+sondern so – nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht auch
+aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, und schließlich, weil ...
+weil, nun, Herr Goljädkin wußte sehr gut, warum!
+
+Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, und weil er sich
+beherrschen wollte, murmelte er vor sich hin, daß man, zum Beispiel,
+jetzt Charakterfestigkeit zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was
+Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie auffassen solle.
+
+Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin und versetzte ihn
+in Wut, daß gerade in diesem Augenblick, gerufen oder ungerufen, die
+Person auftauchte, die ihm in ihrer fast karikaturenhaften
+Abscheulichkeit nur zu bekannt war, und ihm, obwohl ihm damit gar nichts
+Neues, sondern nur zu Bekanntes gesagt wurde, mit einem bösartigen
+Lächeln zuflüsterte: „Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche
+Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, wohl
+aufzuweisen! ...“
+
+Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er sich in einer prächtigen
+Gesellschaft befände, die sich durch Geist und den vornehmen Ton aller
+anwesenden Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits
+durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, daß alle ihn
+liebten, sogar einige seiner Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan
+zeigten, was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm alle den
+Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit Vergnügen anhören durfte, wie
+der Wirt einen seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes über
+Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir nichts dir nichts,
+erschien wieder dasselbe mißvergnügte und mit wahrhaft tierischen Zügen
+begabte Gesicht des Herrn Goljädkin _junior_ und zerstörte den ganzen
+Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin _senior_, verdunkelte seine
+glänzende gesellschaftliche Erscheinung, trat ihn abermals in den
+Schmutz und bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, daß der
+wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche sei, sondern ein
+nachgemachter, während er, er selbst, der wirkliche wäre ... Herr
+Goljädkin der Ältere aber, der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige,
+als der er erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich habe
+er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so trefflicher Leute
+von gutem Ton zu gehören!
+
+Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin der Ältere vor
+Erstaunen nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch
+zusehen konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem abscheulichen
+und falschen Herrn Goljädkin hingegeben hatten und sich mit der tiefsten
+Verachtung von ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin,
+abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf die unbedeutendste der
+ganzen Gesellschaft, bei der sich nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit
+seinen süßen Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt
+hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit gemäß, Weihrauch
+ausstreute, angenehmen und süßduftenden Weihrauch, so daß die auf diese
+Weise angeräucherten Personen bis zu Tränen niesen mußten – zum Zeichen
+ihres höchsten Vergnügens.
+
+Und was die Hauptsache war – alles das geschah in einem Augenblick: die
+Geschwindigkeit des Vorgangs war erstaunlich! Kaum gelang es dem
+falschen Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm auch
+schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen – und im selben
+Augenblick stand er auch schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin,
+schmeichelte her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem ein
+Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm mit seinen kurzen, runden,
+übrigens recht steifen Beinchen – und siehe da, schon machte er einem
+Neuen den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund konnte man kaum
+öffnen, nicht aus dem Erstaunen heraus konnte man kommen, und er war
+schon bei einem vierten, und mit diesem vierten in denselben
+Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es zu sein! Und alle
+waren sie entzückt von ihm und alle liebten ihn und bemühten sich um
+ihn. Alle wiederholten im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein
+blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die Liebenswürdigkeit
+und der Geist des anderen Herrn Goljädkin, und beschämten dadurch diesen
+wirklichen und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich von dem
+wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den wohlgesinnten Herrn Goljädkin,
+den durch seine Nächstenliebe bekannten echten Herrn Goljädkin mit
+Puffern und Nasenstübern einfach hinaus! ...
+
+Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte Herr
+Goljädkin auf die Straße und wollte sich eine Droschke nehmen, um
+geradewegs zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, dann
+doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o Schrecken! Der
+Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn Goljädkin aufzunehmen, „wie,
+Herr, kann man einen Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter
+Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber nicht so wie Sie –
+nicht ... irgendwie – doppelt!!“
+
+Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen ehrenwerte Herr Goljädkin
+sich um, und konnte sich so selbst und mit seinen eigenen Augen
+überzeugen, daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar
+mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht waren, denn der andere, der
+nichtsnutzige Herr Goljädkin stand in der Tat in greifbarer Nähe neben
+ihm und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er auch hier, in
+diesem kritischen Augenblick, im Begriff, etwas sehr Gemeines zu tun,
+etwas, das allerdings keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch
+Erziehung erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine Form, keinen
+Takt, mit denen der widerwärtige Herr Goljädkin der Zweite doch bei
+jeder Gelegenheit zu prahlen pflegte.
+
+Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung floh der unglückliche
+und ehrenwerte Herr Goljädkin von dannen, floh, lief, wohin ihn seine
+Füße trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch bei jedem
+Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag seiner Füße auf das harte
+Trottoir, sprang wie aus der Erde hervor, ein ebensolcher Herr
+Goljädkin, jener andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose,
+abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum, daß
+sie erschienen, einer dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette,
+wie einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter Herrn
+Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich war, ihnen zu
+entfliehen, so daß dem bedauernswerten Herrn Goljädkin der Atem stockte,
+so daß zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich
+ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt war und ein
+Polizist, der diese Störung der öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte,
+sich veranlaßt sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und sie
+auf die Wache zu führen ...
+
+Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser Held und gebannt und
+erstarrt vor Schrecken fühlte er sich auch noch im wachen Zustande nicht
+besser. Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte ein Gefühl, als
+ob ihm jemand das Herz aus der Brust risse ...
+
+Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger aushalten. „Das darf nicht
+sein!“ rief er mit Entschlossenheit aus, und erhob sich vom Bett,
+woraufhin er vollständig wach wurde.
+
+Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. Im Zimmer war es ganz
+außergewöhnlich hell. Die Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen
+Fensterscheiben und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, was
+Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. Denn nur zu Mittag konnte die
+Sonne zu ihm hineinsehen, und zu anderer Stunde war so etwas, soweit
+Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. Während unser Held
+noch ganz verwundert darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem
+Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie gleich darauf schlagen
+werde.
+
+„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und horchte auf, in gespannter
+Erwartung ... Doch zu seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und
+schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für eine Geschichte?“
+rief unser Held aus und sprang jetzt endgültig aus dem Bett. Wie es
+schien, traute er seinen eigenen Ohren nicht und lief hinter den
+Verschlag. Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin blickte auf
+Petruschkas Bett, doch im Zimmer war von Petruschka keine Spur zu sehen.
+Sein Bett war augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel
+waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, daß Petruschka
+wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war
+verschlossen.
+
+„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, in schrecklicher
+Erregung, an allen Gliedern zitternd. Plötzlich kam ihm ein Gedanke ...
+Herr Goljädkin stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig:
+sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... Petruschka war
+auch nicht im Verschlag ... die Uhr war eins ... und im gestrigen Brief
+von Wachramejeff waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten Blick
+sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn jetzt vollkommen
+aufklärten ... Also auch Petruschka war erkauft worden! Das war es!
+
+„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von Ränken und Verrat!“ rief
+Herr Goljädkin aus, schlug sich an die Stirn und riß immer noch mehr die
+Augen auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt sich
+die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat mich nur höchst geschickt
+ablenken wollen, indem sie mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen
+schlug sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in dieser
+Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! Wenn man die Sache von
+dieser Seite betrachtet, dann ist es eben so! Und die Erscheinung dieses
+Taugenichts ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum anderen.
+Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und für den schwarzen Tag zurecht
+gemacht. So also ist’s, wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das
+nur gekommen? Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! ...“
+
+Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken daran, daß es
+bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. „Wie, wenn es ihnen inzwischen
+gelungen ...“ Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein,
+nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch sehen ...“ Er
+kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff Papier und Feder und schrieb
+folgenden Brief:
+
+ „Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
+
+ Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz unmöglich! Und darum
+ erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbarer, lächerlicher und unsinniger
+ Wunsch, sich für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts
+ anderem führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. Ich bitte Sie
+ daher, und um Ihres eigenen Vorteils willen, ehrenwerten Leuten mit
+ wohlgesinnten Absichten den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin
+ ich bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. Ich lege
+ die Feder hin und warte ... Im übrigen stehe ich zu Ihrer Verfügung
+ – auch mit der Pistole.
+
+ J. Goljädkin.“
+
+Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben
+beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf,
+öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die
+Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber
+nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät.
+Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein
+scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn
+Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male
+eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die
+Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein
+Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für
+einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die
+schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der
+offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr
+denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held,
+diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte
+Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll
+auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter
+einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann
+unser Held ihn auszufragen.
+
+„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“
+
+„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“
+
+„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie
+steht es denn, mein Lieber?“
+
+„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den
+Mund.
+
+„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht
+etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“
+
+„Er ist hier.“
+
+„Und die Beamten sind auch hier?“
+
+„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“
+
+„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“
+
+„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor
+den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an.
+Wenigstens schien es unserem Helden so.
+
+„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“
+
+„Nein, gar nichts, gar nichts.“
+
+„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu
+hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“
+
+„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der
+Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar
+an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs
+herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in
+ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener,
+fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel
+Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in
+seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an?
+Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen?
+Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich
+werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld
+gekommen war.
+
+„Hier, mein Lieber ...“
+
+„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„Ich werde dir noch mehr geben.“
+
+„Schön, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache
+beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“
+
+Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah
+ihn unbeweglich an.
+
+„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“
+
+„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt
+wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr
+Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die
+Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen,
+kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das
+Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an.
+
+„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“
+
+„Bis jetzt noch nichts.“
+
+„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“
+
+„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“
+
+„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“
+
+„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„War Wachramejeff gestern hier? ...“
+
+„Ja, er war hier.“
+
+„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“
+
+Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar
+fiel ihm nichts ein.
+
+„Nein, es war sonst niemand hier.“
+
+„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.
+
+„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“
+
+„Zu Befehl.“
+
+„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“
+
+„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf
+Herrn Goljädkin.
+
+„Wie das, ... gut –?“
+
+„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher.
+Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.
+
+„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über
+Wachramejeff?“
+
+„Ja, alles ganz wie früher.“
+
+„Denke mal nach.“
+
+„Ja, man sagt ...“
+
+„Nun, was denn? ...“
+
+Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.
+
+„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“
+
+„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die
+Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch
+hingehen und fragen?“
+
+„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich
+meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt,
+ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da
+etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich
+wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür
+danken, mein Lieber ...“
+
+„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch
+ein.“
+
+„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“
+
+„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“
+
+„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein
+Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein
+Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber,
+glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“
+
+„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie
+gehen heute nicht hin?“
+
+„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu
+sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“
+
+„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und
+Herr Goljädkin blieb allein.
+
+„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht
+jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten
+einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt
+weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen
+hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch
+hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er
+ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich
+haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht
+Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff!
+Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt.
+Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den
+Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem
+Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan
+Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne
+einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina
+Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier,
+mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie
+gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle
+jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens
+ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in
+der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu
+wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?
+
+Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel,
+wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden
+ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer
+dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan
+Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher
+Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht
+ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das
+fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“
+
+Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als
+hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für
+ihn sehr Unangenehmes.
+
+„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich
+stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben
+sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und
+auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein
+Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht
+tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen
+mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er
+verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew.
+Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“
+
+Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen
+und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf
+die Straße.
+
+„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich.
+Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr
+Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem
+Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm
+mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken,
+wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er
+ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen,
+und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein
+stellen.
+
+„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn
+Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne
+Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.
+
+„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch
+sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der
+Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu
+bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin
+sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war
+das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah:
+nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen
+Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen.
+„Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held.
+„Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“
+
+„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du,
+mein Lieber? ...“
+
+„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn
+was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“
+
+„Und Ostaffjeff?“
+
+„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist
+schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine
+Zeit.“
+
+„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“
+
+„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen
+... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff
+Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“
+
+„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen
+Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“
+
+„Gut!“
+
+„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“
+
+„Goljädkin?“
+
+„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“
+
+„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben
+hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“
+
+„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit
+mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich
+werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort
+werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich
+benachrichtigen, verstehst du?“
+
+„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“
+
+„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin
+dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte.
+
+„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und
+schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das
+ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er
+sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und
+Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher
+Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts
+... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“
+
+Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die
+Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen
+Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst
+bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet
+wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der
+Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der
+Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten
+weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich
+gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe
+befand.
+
+„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen
+hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne
+Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher
+noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn
+Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich
+nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf.
+
+„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine
+Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held
+unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken,
+doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er
+gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie
+es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er
+seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus.
+
+Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel.
+Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend.
+Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen.
+Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt.
+Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln
+begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten
+die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer
+Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten
+sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der
+allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten
+im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am
+Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen.
+
+Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte
+Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen
+zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw.
+Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame
+Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte,
+Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte
+ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich
+ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach
+um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn
+Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend,
+halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur
+erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen
+umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich
+um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten
+sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an.
+
+Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und
+bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken.
+Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man
+sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.
+
+In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und
+gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick –
+erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit
+einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als
+der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit
+leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er
+schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen
+und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte.
+Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien:
+„Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem
+die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten,
+erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz
+beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er
+mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund,
+küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn
+Goljädkin dem Älteren geträumt hatte.
+
+Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und
+für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er
+nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht
+bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und
+auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den
+Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und
+ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste,
+freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer
+Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob
+unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine
+Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in
+seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit
+spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere,
+bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich
+die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.
+
+Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie
+groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als
+sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der
+Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen
+Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit
+unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand
+Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm
+seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas
+Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit
+einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog
+auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste
+Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des
+Herrn Goljädkin befunden hatten.
+
+Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner
+niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein
+Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen
+und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von
+Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen.
+
+Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien
+jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar
+die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch
+und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren
+nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener
+Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte
+Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich
+von neuem zugunsten seines Todfeindes.
+
+„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den
+jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der
+ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten
+Herrn Goljädkin.
+
+„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität
+fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser
+nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein
+williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen
+Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser
+Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er
+hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und
+einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren,
+wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner
+Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der
+soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch
+noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte
+unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen,
+kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich
+rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der
+über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war.
+
+„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der
+Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter
+anzuhören.
+
+„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann
+ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“
+sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen
+Blick auf Andrej Philippowitsch.
+
+„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom
+Kopf bis zu den Füßen.
+
+„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung
+ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“
+
+„W–a–a–s?“
+
+„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“
+
+„Von wem belieben Sie zu sprechen?“
+
+„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej
+Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in
+meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung
+solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“
+fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej
+Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß
+diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und
+Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung
+als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings
+anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme
+fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen
+an seinen Wimpern.
+
+Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte,
+war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat.
+Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die
+Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett
+Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter
+heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine
+Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm
+unterredend, weiter.
+
+Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch
+Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton
+Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte,
+mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und
+nachdenklichen Gesicht.
+
+„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug
+angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich
+hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich
+anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an
+diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen
+verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte
+Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir
+erklären, wenn möglich ...“
+
+„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer
+langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin
+schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch
+durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden
+in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem
+unterrichtet werden.“
+
+„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“
+fragte kleinlaut unser Held.
+
+„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die
+Regierung entscheidet.“
+
+„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin
+noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund,
+warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ...
+Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton
+Antonowitsch?“
+
+„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“
+
+„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton
+Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“
+
+„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den
+völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte
+zusammen und wurde weiß wie ein Tuch.
+
+„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn
+man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die
+Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ...
+freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton
+Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“
+
+„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines
+wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und
+bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“
+
+„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“
+
+„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn
+auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon
+wissen Sie wohl auch nichts?“
+
+„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton
+Antonowitsch, anzuhören ...“
+
+„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die
+verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen
+Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“
+
+„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach
+zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe
+ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton
+Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll
+und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern
+anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte.
+
+„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“
+erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich
+die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft
+zusammenzog.
+
+„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen,
+ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“
+
+„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe
+keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie
+zu erfahren nötig haben.“
+
+„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton
+Antonowitsch.“
+
+„Später, später, erzählen Sie später ...“
+
+„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton
+Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton
+Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe
+sogar die Idee gehabt ...“
+
+„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“
+
+„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas
+ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm
+zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton
+Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen
+geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah,
+diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch,
+Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller
+Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der
+Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ...
+ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton
+Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue
+nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ...
+Anton Antonowitsch ...“
+
+Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ...
+Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und
+was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles
+Gehörte und Geschehene.
+
+Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton
+Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und
+ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch
+zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des
+Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm
+plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz
+ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand
+unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand
+Pissarenko.
+
+„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“
+
+„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“
+
+„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej
+Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs
+Wachramejeff.“
+
+„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein
+Lieber.“
+
+Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche
+seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu,
+dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich
+bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten,
+die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr
+Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er
+konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und
+Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die
+Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache
+war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die
+sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei
+Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas
+entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch
+einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine
+Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben
+auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß
+Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke
+aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick
+seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit
+einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu
+einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg
+freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige,
+unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er
+sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach
+seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die
+gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich
+ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um
+Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder
+nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die
+Aufregung seiner Seele.
+
+„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein
+Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um
+sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch
+Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein
+Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das
+bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß
+dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte
+nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse
+zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig
+... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde
+vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige
+... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über
+alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich
+mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und
+alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln?
+... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu
+schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ...
+wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen
+Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“
+
+In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht
+bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich
+endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher
+ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter
+Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete
+Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf,
+machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm
+vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und
+drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren
+ab.
+
+„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die
+Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich
+endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte
+seinem Feinde nach.
+
+
+ XI.
+
+Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits
+gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine
+außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie,
+schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche
+zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln
+überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank,
+daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr
+gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das
+überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“
+dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch
+verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel
+... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen
+... entschieden und unterschrieben!“
+
+Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten
+auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen
+großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der
+soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen,
+am Mantel zu packen.
+
+„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu,
+froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß
+Sie ...“
+
+Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend
+der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus
+allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und
+seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben
+Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur
+zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt.
+
+„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“
+
+„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“
+
+„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff
+Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch
+ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße
+... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“
+
+„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind
+Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit
+erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer
+Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich
+unmöglich ...“
+
+„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er
+kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich
+unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es
+Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ...
+dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön
+sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von
+selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von
+selbst aufklären ...“
+
+„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du
+mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von
+selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr
+Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden
+unverschämt vertraulich auf die Schulter.
+
+„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit,
+überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen,
+was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er
+sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte.
+
+Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden
+Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke
+Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke
+ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite
+Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene
+Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des
+Jüngeren wurde Schokolade gebracht.
+
+„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere,
+indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte.
+
+Unser Held errötete und schwieg.
+
+„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren
+Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche.
+Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn
+sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere
+Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und
+Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche
+Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“
+
+Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft
+schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts,
+lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit
+zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur
+Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus
+nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er,
+seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben.
+
+Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn
+Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und
+Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter
+klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger
+Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit
+noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn
+Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser
+Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste
+wenigstens.
+
+„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er
+sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben
+Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der
+Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei
+weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und
+überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr
+schlechten Ton gehören.
+
+„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der
+Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit
+unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange
+nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff
+Petrowitsch?“
+
+„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm
+kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals
+gewesen.“
+
+„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie
+geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“
+
+„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt
+Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch
+... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff
+Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“
+
+„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser
+und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise
+Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer
+Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch,
+Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr
+Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu
+schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff
+Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und
+stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der
+über hohe Dinge zu urteilen verstand.
+
+„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung,
+„meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und
+geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen
+Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff
+Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen
+selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht
+nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und
+die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff
+Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff
+Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen
+Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff
+Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf
+Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen.
+Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und
+obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies
+einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll.
+
+„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir
+das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere.
+„Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem
+nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen
+geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei
+Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff
+Petrowitsch!“
+
+„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held
+– „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in
+allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das
+Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere
+in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer
+und zitterte.
+
+„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der
+Verworfene mit süßer Stimme.
+
+„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held.
+
+„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich
+sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich
+allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch
+Flanell zu tragen.“
+
+„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine
+Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem
+Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich
+geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke,
+die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber
+ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“
+
+„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb
+vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn
+auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.
+
+„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich,
+daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch,
+es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es
+mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen
+zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich
+ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im
+umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie
+allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe
+mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich
+ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“
+
+„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund
+Herrn Goljädkins des Älteren.
+
+„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch,
+und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“
+
+„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete
+ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere.
+
+„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in
+seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines
+verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier
+zwei ganz ähnliche ...“
+
+„Ah, das ist Ihre Idee! ...“
+
+Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der
+Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu
+bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem
+Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er
+sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft
+zu gewinnen ...
+
+„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der
+Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines
+Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die
+ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ...
+nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle
+Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben
+konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt
+hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den
+Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ...
+
+Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder
+eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der
+Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte,
+wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen
+Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor
+dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter
+Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.
+
+„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und
+ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung.
+
+„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“
+begann von neuem Herr Goljädkin _junior_ mit seinen unpassenden
+Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn
+Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit
+blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und
+lächelte nur zuvorkommend.
+
+Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser
+Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich
+endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem
+zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen
+Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der
+Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte,
+so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke
+setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit
+ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer
+beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit
+der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich
+und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte,
+verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser
+Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.
+
+Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden
+Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm
+schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin
+der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher
+bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten
+Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten
+Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln,
+und selbst mit den Füßen.
+
+Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit
+dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie
+seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen
+Pelzkragen seines Feindes gepackt.
+
+So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held
+wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte
+er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen.
+Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben,
+mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das
+Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu
+entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den
+offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es
+dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher
+schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn
+Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst
+bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte
+nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte –
+... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze.
+Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei
+erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr
+Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar
+nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche
+Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache
+wäre, dagegen anzukämpfen.
+
+Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem
+Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr
+Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während
+des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur
+unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er,
+daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und
+Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war,
+in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte
+er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch
+befand.
+
+In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen,
+doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht,
+den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell
+er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es
+war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf
+alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und
+stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen
+hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte
+schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei
+Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er
+kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da
+auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die
+Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.
+
+„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum
+besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel
+für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen.
+Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der
+Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht
+hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit
+entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit
+zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht
+erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit,
+hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach
+das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun
+allerdings vollständig fassungslos machte:
+
+ „Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann!
+
+ Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der
+ Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich
+ mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! –
+ Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander
+ gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der
+ Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der
+ Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch
+ durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ...
+
+ Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am
+ meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph
+ Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren
+ Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ...
+
+ Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der
+ Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr
+ vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der
+ schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen
+ dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man
+ seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund,
+ daß die Unschuld stark ist durch sich selbst!
+
+ Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich
+ in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis
+ zum Grabe!
+
+ Klara Olssuphjewna.“
+
+Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Augenblicke
+wie betäubt. In schrecklicher Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich
+wie ein Tuch, mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf und ab.
+Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner Lage, bemerkte unser Held
+nicht, daß er der Gegenstand gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller
+Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung, seine heftige Aufregung,
+sein Auf und Ab, das Gestikulieren mit beiden Händen, vielleicht einige
+rätselhafte Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen – alles
+das machte wahrscheinlich auf die Anwesenden keinen gerade guten
+Eindruck und namentlich dem Kellner schien er verdächtig.
+
+Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich kam, daß er mitten im
+Zimmer stand und fast unhöflich einen Greis von ehrwürdigem Aussehen
+anstarrte, der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde
+gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn Goljädkin nicht abwandte.
+Verwirrt blickte unser Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich
+alle, ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten.
+
+Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit rotem Kragen laut
+die „Polizeinachrichten“. Herr Goljädkin fuhr zusammen und errötete:
+dabei senkte er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung
+geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider und die ganze linke
+Seite waren vollständig beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an
+mehreren Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser Held an einen
+Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn ununterbrochen und frech
+beobachtete. Ganz verloren und niedergedrückt fing nun unser Held an,
+den Tisch zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen
+gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen, lagen schmutzige
+Servietten und soeben gebrauchte Löffel, Gabeln und Messer.
+
+„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held. „Doch nicht etwa ich?
+Alles ist ja möglich! Ich habe vielleicht gegessen und es nur nicht
+bemerkt.“
+
+Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder den Kellner neben
+sich, der im Begriff schien, ihm etwas zu sagen.
+
+„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“ fragte unser Held mit
+zitternder Stimme.
+
+Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn Goljädkin. Auch der
+Kellner lachte. Herr Goljädkin begriff, daß er wieder einmal eine
+schreckliche Dummheit begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so
+verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem Taschentuch zu
+greifen, wahrscheinlich nur, um irgend etwas zu tun und nicht so
+dazustehen. Doch zu seiner und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit
+seinem Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus, das ihm vor
+vier Tagen Krestjan Iwanowitsch, der Doktor, verschrieben hatte.
+
+„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging es Herrn Goljädkin durch
+den Kopf und plötzlich zuckte er zusammen und schrie auf vor Schreck.
+Ein neues Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote Flüssigkeit
+schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den Augen des Herrn Goljädkin ...
+Das Fläschchen fiel zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie
+nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der umherspritzenden
+Flüssigkeit zurück ... er zitterte an allen Gliedern und der Schweiß
+brach ihm aus Stirn und Schläfen.
+
+„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen erhob sich im Raum eine
+Bewegung und ein Gedränge. Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten
+auf ihn ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser Held stand da,
+unbeweglich, er sah nichts, er hörte nichts, er fühlte nichts ...
+Endlich riß er sich los und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn
+halten wollten, sprang fast ohne Besinnung in die erste beste Droschke
+und floh nach Haus.
+
+Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er Michejeff, dem Kanzleidiener,
+mit einem Schreiben in der Hand.
+
+„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete mit schwacher,
+kläglicher Stimme unser Held. „Das ist ein offizieller ...“
+
+Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet, mit einer Unterschrift
+von Andrej Philippowitsch versehen, und in ihm wurde er aufgefordert,
+alle in seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener zu übergeben.
+Herr Goljädkin nahm das Schreiben und gab dem Diener ein
+Zehnkopekenstück, trat in sein Zimmer und sah, wie Petruschka seine
+Sachen in einen Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn
+Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna, die ihn seinem Herrn
+abspenstig gemacht hatte, deren Eustaphia zu ersetzen.
+
+
+ XII.
+
+Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden
+Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich
+vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand,
+der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen
+war, und nicht mehr der seines früheren Herrn.
+
+„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel
+Uhr ist es jetzt?“
+
+Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf
+langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald
+halb acht Uhr sei!
+
+„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich
+dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende
+ist.“
+
+Petruschka schwieg.
+
+„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig,
+wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“
+
+„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“
+
+„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden,
+mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn
+jetzt bei ihnen dienen?“
+
+„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen
+nichts Schlechtes lehren.“
+
+„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt
+selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“
+
+„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr,
+nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“
+
+„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe
+alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte
+jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“
+
+„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So
+ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich
+nicht ... –“
+
+„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du
+dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns
+gegenseitig ...“
+
+Petruschka blickte ihn an.
+
+„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten
+Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein
+Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in
+Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich
+war gegen dich immer freundlich ...“
+
+Petruschka schwieg.
+
+„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber
+sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“
+
+„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier
+Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja
+selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr,
+hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie
+eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“
+
+„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein
+Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“
+
+„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim
+General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach
+Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“
+
+„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein
+lieber Freund ...“
+
+„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst
+zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden.
+Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen,
+beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General
+Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt
+...“
+
+„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein
+Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein
+Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein
+Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere
+Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“
+
+„Soll ich alles in ein Bündel packen?“
+
+„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch
+alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole
+mir einen Wagen ...“
+
+„Einen Wagen?“
+
+„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere
+Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“
+
+„Wollen Sie weit fahren? ...“
+
+„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke,
+ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich
+verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“
+
+„Wünschen Sie sofort abzufahren?“
+
+„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein
+Lieber, so steht es ...“
+
+„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem
+Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“
+
+„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“
+
+„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon
+vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene
+Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“
+
+„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das,
+mein Lieber?“
+
+„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir
+wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich
+sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so
+ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen
+Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“
+
+„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ...
+Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also
+tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“
+
+„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann
+müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes
+Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn
+unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen,
+den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie
+werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen
+...“
+
+„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden;
+ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur
+schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz
+kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes
+willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“
+
+Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, Decken, Laken und all den
+anderen Kram zu Boden und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff
+unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte er ihn nicht. Mit
+beiden Händen griff er nach seinem armen Kopf und lehnte sich vor
+Verwunderung an die Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch
+nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. Endlich, als er
+bemerkte, daß die Zeit verstrich, und weder Petruschka noch der
+Fuchspelz erschienen war, entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu
+gehen. Als er die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der Treppe
+lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute schrien und stritten
+sich – und Herr Goljädkin wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas
+Stimme und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! sie werden die ganze
+Welt zusammenrufen!“ stöhnte Herr Goljädkin, rang die Hände vor
+Verzweiflung und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich fast
+besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in die Kissen. Nachdem er
+einen Augenblick so gelegen hatte, sprang er wieder auf und ohne
+Petruschka zu erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel an,
+setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren und stürzte auf die
+Treppe hinaus.
+
+„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, ich werde alles
+selbst besorgen. Laß nur vorläufig alles so stehen, unterdessen wird
+sich vielleicht das Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin
+eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. Darauf lief er die
+Treppe hinunter und zum Hause hinaus. Sein Herz stand ihm still – er
+konnte sich zu nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie
+sollte er in dieser kritischen Lage handeln ...
+
+„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, das mußte gerade noch
+kommen!“ rief er endlich verzweifelt aus und strich ziellos die Straße
+entlang, „das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das nicht wäre, gerade
+das, dann würde sich noch alles ordnen und beilegen lassen, mit einem
+Schlage, mit einem gewandten und festen Schlage würde es sich machen
+lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, daß es sich machen ließe!
+Und ich weiß sogar, auf welche Weise es zu machen ginge. Es würde so
+gemacht werden: Ich würde also – ich würde das und das, das heißt würde
+so und so sagen ... ‚mein Herr, mit Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut
+man nicht, mein sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und mit
+Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, mein Herr, ist ein
+unnützer Mensch, das heißt ein Mensch, der seinem Vaterlande keinen
+Nutzen bringt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein sehr
+geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! ...“
+
+„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das wäre auch nicht das
+Richtige, durchaus nicht das Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf,
+Erzdummkopf! Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, so wird
+es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt verkriechen? Was werde ich
+zum Beispiel jetzt mit mir anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu
+taugst du jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun?
+
+Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, einen Wagen für sie, sonst
+macht sie sich die Füßchen naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer
+hätte das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein
+wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, meine Herrin,
+ausgezeichnet ... Und das kommt alles von der schlechten Erziehung. Wie
+ich das jetzt übersehe und es durchschaut habe – so ist alles
+Sittenlosigkeit. Man hätte ihr von Jugend auf – die Rute, tüchtig die
+Rute geben sollen, sie aber haben sie statt dessen mit Konfekt und allen
+Süßigkeiten gefüttert und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll:
+‚Ach, du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen Grafen
+verheiraten! ...‘
+
+Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns jetzt ihre Karten gezeigt,
+da – habt ihr es, das ist mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen
+hätten, statt sie in die Pension zu der französischen Madame zu geben,
+irgend so einer Emigrantin! Da lernen sie wohl viel Gutes, bei der
+Emigrantin ... und – da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt und
+freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um so und so viel Uhr unter
+meinem Fenster und singen Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich
+werde Sie erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir zusammen,
+um in einer Hütte zu leben!‘
+
+Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon so weit gehen, meine
+Dame ... das geht nicht an! Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und
+unschuldiges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem Elternhause zu
+entführen! Und schließlich auch: warum? Ich sehe gar keine
+Notwendigkeit. Mag sie heiraten, wie es sich gehört, und wen das
+Geschick ihr bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich aber bin
+ein Beamter und kann deshalb meine Stellung verlieren. Ich, meine Dame,
+kann deshalb vor Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das noch
+nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles eingebrockt, dieser
+ganze Wirrwarr geht von ihr aus. Deshalb haben sie einen Menschen
+verleumdet. Deshalb haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, auf
+den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt alles her. Denn sonst,
+warum haben sie Petruschka hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache
+zu schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun?
+
+‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich nicht, ich kann nicht
+... Für dieses Mal, meine Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das
+kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der Deutschen, nicht von
+der Hexe, sondern einfach von Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute
+Frau, die Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, Sie sind
+schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen mich vors Gericht, – unter
+falschen Anschuldigungen ...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da muß
+der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und kann sich selbst nicht
+erhalten, – wie kann man denn da noch heiraten! Und wie wird denn das
+alles enden? Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel darum
+geben, wenn ich das wissen könnte! ...“
+
+So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er plötzlich zu sich
+kam, bemerkte er, daß er irgendwo auf der Liteinaja stand. Das Wetter
+war schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und Schnee zusammen,
+genau wie zu jener unvergeßlichen Stunde um Mitternacht, als das Unglück
+Herrn Goljädkins seinen Anfang nahm.
+
+„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, nach dem Wetter
+sehend, „das wäre einfach Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich
+denn hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint etwas Schwarzes
+zu dämmern! Wir wollen sehen! ... Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held
+fort und lenkte seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas
+Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich weiß, was ich tue! Ich gehe zu
+ihm, falle ihm zu Füßen und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So
+und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände der Behörde,
+Ew. Exzellenz, beschützen Sie und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre
+ein ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, ich flehe
+Sie an, als meinen Vater flehe ich Sie an, verlassen Sie mich nicht ...
+Retten Sie meine Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie mich
+vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen ... Er ist ein anderer
+Mensch, Ew. Exzellenz, und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer
+für sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz für mich,
+Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. Ew. Exzellenz, so ist’s! Das
+heißt, ich kann gar nicht Er sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu
+ändern mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum Beispiel für
+andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu Ihnen, wie zu meinem Vater! Die
+Behörde, die wohltätige und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas
+unterstützen ... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. Das
+heißt, wie gesagt, ich wende mich an die Behörde, wie an einen Vater,
+und vertraue ihr mein Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst
+werde mich von allen zurückziehen, so ist’s!“
+
+„Nun, mein Lieber, bist du frei?“
+
+„Ja, Herr.“
+
+„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“
+
+„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“
+
+„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, wie es kommt.“
+
+„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“
+
+„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß es selbst noch nicht
+genau, mein Lieber, ich kann es deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen.
+Siehst du, mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. Es
+ist ja bekannt, mein Freund ...“
+
+„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“
+
+„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. Aber was nimmst du
+dafür, mein Lieber? ...“
+
+„Belieben Sie sofort zu fahren?“
+
+„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest du ein wenig ...
+so, nur ein wenig, nicht lange, mein Lieber ...“
+
+„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend nehmen wollen, so kann ich
+bei diesem Wetter nicht weniger als sechs Rubel ...“
+
+„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, mein Lieber. Und jetzt
+kannst du mich gleich fahren, mein Lieber.“
+
+„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier noch ein wenig
+zurechtzumachen ... Steigen Sie nur ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“
+
+„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“
+
+Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und setzte seine beiden
+Gäule, die er nur mit aller Gewalt vom Heusack wegreißen konnte, in der
+Richtung auf die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog Herr
+Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten und bat mit flehender
+Stimme den Kutscher, nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine
+bestimmte andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um und in zehn
+Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins vor dem Hause, welches Seine
+Exzellenz bewohnte. Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat seinen
+Kutscher inständig, zu warten und lief selbst mit zitterndem und
+zagendem Herzen die Treppe hinauf, in den zweiten Stock. Er klingelte,
+die Tür wurde geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der
+Exzellenz.
+
+„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr Goljädkin an den
+Menschen, der ihm die Tür öffnete.
+
+„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der Herrn Goljädkin vom Kopf
+bis zu den Füßen betrachtete.
+
+„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat Goljädkin. Ich wünsche –
+Exzellenz zu sprechen ...“
+
+„Warten Sie bis morgen.“
+
+„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine Sache ist zu wichtig ...
+meine Sache duldet keinen Aufschub ...“
+
+„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie eine Aufforderung?“
+
+„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde mich, mein Freund, sage:
+so und so, um zu erklären ... Und ich werde mich dir dankbar erweisen,
+mein Lieber ...“
+
+„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden vorzulassen.
+Es sind Gäste da. Kommen Sie morgen um zehn Uhr ...“
+
+„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich warten! Sie, mein
+Lieber, werden sonst die Verantwortung ...“
+
+„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ sagte ein anderer
+Lakai, der sich auf einer Bank rekelte und bis jetzt noch kein Wort
+gesagt hatte.
+
+„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden vorzulassen,
+verstehst du? Die Empfangsstunden sind am Morgen.“
+
+„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte deiner Zunge schaden!“
+
+„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge wird’s nicht schaden! Es ist
+aber befohlen ... Treten Sie in dieses Zimmer.“
+
+Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Uhr,
+er sah, daß es halb neun war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er
+wollte schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief der Diener,
+der an der Schwelle zum nächsten Zimmer stand, laut seinen Namen.
+
+„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher Verwirrung unser
+Held. „Was werde ich nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s
+... ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten ... geruhen
+Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist die ganze Sache verdorben, alles
+in den Wind zerstreut. Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens keine
+Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück und führte Herrn
+Goljädkin ins Kabinett Seiner Exzellenz.
+
+Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, er konnte
+überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei Gestalten tauchten undeutlich vor
+seinen Augen auf: „Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn
+Goljädkin durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held den Stern auf
+dem schwarzen Frack der Exzellenz deutlich erkennen. Damit kam er denn
+zur Besinnung und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen wieder
+...
+
+„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme Herrn Goljädkin.
+
+„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
+
+„Nun?“
+
+„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“
+
+„Wie? Was?“
+
+„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, um zu erklären,
+Ew. Exzellenz ...“
+
+„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“
+
+„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
+
+„Nun, was wünschen Sie?“
+
+„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen Vater: ich selbst
+halte mich ganz aus der Sache, und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde
+zu beschützen, – das ist alles!“
+
+„Was heißt das?“
+
+„Es ist doch bekannt ...“
+
+„Was ist bekannt?“
+
+Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an zu zittern ...
+
+„Nun?“
+
+„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich meinte, in moralischem
+Sinne: Ew. Exzellenz als Vater anerkennen ... das heißt, so und so,
+beschützen Sie mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas zu – zu –
+un–ter–stützen ...“
+
+Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte für einen Augenblick
+wieder nichts mehr wahrnehmen. Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der
+Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich auf den Beinen
+halten sollte ... Er schämte sich und unsagbar traurig war ihm zumute.
+Gott weiß, was ihn erwartete ...
+
+Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit
+seinen Gästen sehr lebhaft sprach und sich mit ihnen zu beraten schien.
+Einen der Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch.
+Den anderen dagegen erkannte er nicht, obgleich ihm das Gesicht sehr
+bekannt schien: eine hohe volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit
+buschigen Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem
+Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing ein Orden und eine Zigarre stak
+zwischen den Zähnen. Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus
+dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem Kopfe, von Zeit zu Zeit
+zu Herrn Goljädkin hinüberblickend.
+
+Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. Er wandte seinen
+Blick zur Seite, und dabei bemerkte er – einen sehr sonderbaren Gast. In
+der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie
+es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir wissen ja schon,
+wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins. Herr Goljädkin der
+Jüngere hatte sich bis dahin offenbar in einem kleinen Zimmer
+aufgehalten, um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man ihn
+wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren unter dem Arm, ging er
+auf Seine Exzellenz zu und in Erwartung, daß sich die allgemeine
+Aufmerksamkeit auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich alsbald
+sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung mit einzumischen. Er
+nahm seinen Platz hinter dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde
+teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre rauchte.
+
+Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere Anteil am Gespräch, dem er
+mit Eifer folgte, zu dem er mit dem Kopfe nickte, während er in einem
+fort lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, ganz als
+flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, auch ein Wörtchen
+einzuflechten.
+
+„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich einen Schritt
+auf ihn zu. In diesem Augenblicke kehrte sich Seine Exzellenz um und
+näherte sich selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin.
+
+„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde Ihre Sache nachprüfen, und
+Sie werde ich begleiten lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den
+Unbekannten mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen seiner
+Einwilligung mit dem Kopf.
+
+Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu genau, daß man ihn für
+etwas anderes nahm und ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich
+gehörte. „So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, „das
+heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete er in der Verwirrung
+seine Augen zu Boden und zu seiner äußersten Verwunderung sah er auf den
+Stiefeln Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck.
+
+„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. Doch bald entdeckte
+Herr Goljädkin, daß die Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt
+waren, sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das sich daraus
+erklärte, daß die Stiefel von Lack waren und stark glänzten. „Das nennt
+man aber blank sein,“ dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick
+wieder erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil die Sache
+sich sonst zu einem schlechten Ende wenden konnte ... Unser Held trat
+also einen Schritt nach vorn.
+
+„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte er. „Ich meine doch,
+einen falschen Namen zu tragen, ist in unserer Zeit doch wohl nicht
+erlaubt.“
+
+Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern zog nur heftig an
+der Glockenschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor.
+
+„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, Ew. Exzellenz,“ sagte unser
+Held, ohne sich zu besinnen, ersterbend vor Furcht, und wies trotz
+alledem kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, der
+sich diesen Augenblick dicht bei Seiner Exzellenz zu schaffen machte.
+„So und so ... das heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“
+
+Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine allgemeine Bewegung. Andrej
+Philippowitsch und der Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine
+Exzellenz riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der
+Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem Augenblick trat
+Herr Goljädkin der Jüngere vor.
+
+„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich um die Erlaubnis,
+sprechen zu dürfen.“ In der Stimme Herrn Goljädkins des Jüngeren lag
+äußerste Entschlossenheit. Alles an ihm drückte aus, daß er sich
+vollkommen in seinem Recht fühlte.
+
+„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, eifrig einer Antwort
+Seiner Exzellenz zuvorkommend, und wandte sich diesmal an Herrn
+Goljädkin selbst. „Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie sich
+so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem Sie stehen und in wessen
+Kabinett Sie sich befinden? ...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer
+sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: Tränen der
+Empörung traten ihm in die Augen.
+
+„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick der Lakai mit
+lauter Stimme, indem er in der Tür des Kabinetts erschien.
+
+„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ dachte Herr Goljädkin
+und fühlte im selben Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr
+freundschaftlicher Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte sich ihm
+noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine Ebenbild von Herrn
+Goljädkin lief voran und zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg –
+Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam auf die große
+Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt wurde.
+
+„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte er, als er sich schon im
+Vorzimmer befand, begleitet von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von
+seinem unvermeidlichen Ebenbilde.
+
+„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines
+besten Freundes!“ schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den
+Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung den Mantel Herrn
+Goljädkin über den Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel
+wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter der Diener. Doch er
+achtete nicht darauf und kümmerte sich um nichts. Ruhig trat er aus dem
+Vorzimmer auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr Goljädkin der
+Jüngere folgte ihm.
+
+„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser Herrn Goljädkin dem Älteren
+nach.
+
+„Schurke!“ sagte unser Held außer sich.
+
+„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“
+
+„Verworfener Mensch! ...“
+
+„Nun, meinetwegen auch ein verworfener Mensch ...“ antwortete dem
+würdigen Herrn Goljädkin sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen
+Gemeinheit und sah frech, oben von der Treppe hinunter und ohne die
+Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin an, als forderte er ihn auf, so
+weiter fortzufahren. Unser Held spie aus vor Empörung und stürzte zum
+Hause hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, wie er in den
+Wagen gelangte. Als er endlich zu sich kam, sah er, daß er an der
+Fontanka entlang fuhr. „Wahrscheinlich fährt er nach der
+Ismailoffbrücke,“ dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin noch
+etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war etwas so Entsetzliches,
+das zu erklären unmöglich schien ...
+
+„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr weiter zur
+Ismailoffbrücke.
+
+
+ XIII.
+
+... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte. Der nasse Schnee, der
+bis jetzt in großen Massen niederfiel, wurde allmählich dünner und immer
+dünner, und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde klarer und
+hin und wieder sah man Sterne blinken. Es war jedoch noch immer feucht,
+schmutzig und schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin nur
+mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und schwerer Mantel umhüllte mit
+einer unangenehmen warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer
+auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften Herrn
+Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief seinen Körper mit spitzen scharfen
+Nadeln. Die Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Herr
+Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß, wie bei sonstigen
+Gelegenheiten, mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit seine
+Lieblingsphrase zu wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch
+zum besten wenden würde.
+
+„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“ behauptete unser starker
+und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher Held nur, indem er sich vom
+Gesicht das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande seines runden
+Hutes tropfte, der, aufgeweicht und durchnäßt wie er war, das Wasser
+nicht mehr aufnehmen konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung war,
+daß das alles noch nichts zu sagen hätte, so versuchte er sich
+wenigstens auf den dicken Holzklotz zu setzen, der sich auf dem Hofe von
+Olssuph Iwanowitsch neben einem großen Holzstoß befand.
+
+Natürlich war von der spanischen Serenade nicht die Rede: viel eher
+mußte er an seinen, wenn auch nicht großen, so doch immerhin warmen,
+gemütlichen und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt, sehnte
+er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf dem Treppenflur der Wohnung
+von Olssuph Iwanowitsch, in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer
+Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank, zwischen alten
+Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden hatte. Die Sache war nämlich
+die, daß Herr Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem Hofe
+Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen und gemütlichen
+Winkel waren diesmal Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben
+hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich bemerkt und
+infolgedessen waren seit der Geschichte auf dem Balle bei Olssuph
+Iwanowitsch gewisse Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf
+das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna warten, denn es war doch
+sicher von einem solchen verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war
+es immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen, und nicht
+mit uns wird es aufhören“.
+
+Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans, den er schon vor
+langer Zeit gelesen hatte, in dem die Heldin unter denselben Umständen
+ihrem Alfred ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie ans Fenster
+befestigte. Ein rosa Band aber, in der Nacht und beim Petersburger
+Klima, das ja durch seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht
+an, nein: das war einfach unmöglich!
+
+„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ dachte unser Held,
+„besser ist sicher, ich verhalte mich still! Und suche mir einen anderen
+Platz!“ Und richtig, er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern
+gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über den Hof
+verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, die Wagen rasselten, die
+Pferde wieherten usw. Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn nun
+bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte der Platz den Vorteil,
+daß die Sache im Schatten vor sich ging und Herrn Goljädkin niemand
+sehen konnte, er selbst aber alles sah.
+
+Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. Es schien wieder eine
+feierliche Gesellschaft bei Olssuph Iwanowitsch versammelt zu sein.
+Musik war übrigens noch nicht zu vernehmen.
+
+„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur so eine Gesellschaft
+sein,“ dachte Herr Goljädkin. „Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm
+dann durch den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? Es kann
+sein, alles kann sein ... alles ist möglich! Vielleicht war der Brief
+gestern geschrieben worden und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka
+ihn vergessen hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen bestimmt ...
+so, daß ich ... erst morgen alles hätte vorbereiten sollen, das heißt,
+mit dem Wagen hätte warten sollen ...“
+
+Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff nach dem Briefe in der
+Tasche, um sich zu überzeugen. Doch zu seiner Verwunderung fand sich
+kein Brief in der Tasche.
+
+„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken Herr Goljädkin: „Wo
+kann er sein? Sollte ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte
+er auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, vielleicht ist es
+schon geschehen! Herrgott! Was kann sich daraus ergeben! Das wäre ja ...
+Ach, du mein verfluchtes Schicksal!“
+
+Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem Gedanken, daß
+vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, als er ihm den Mantel über
+den Kopf geworfen, damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu
+entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden Herrn Goljädkins etwas
+erfahren hatte. „Da hätte er einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin,
+„einen Beweis ... und was für einen Beweis! ...“
+
+Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens stieg Herrn Goljädkin
+das Blut heiß in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach
+seiner glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz und fing an
+nachzudenken ... Aber seine Gedanken hatten keinen Zusammenhang. Es
+tauchten verschiedene Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald
+undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener Vorgänge –
+Motive dummer Lieder, die ihm durch den Kopf gingen ... Es war ein
+Elend, ein Elend, ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte
+unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem Versuch, das dumpfe
+Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, „gib mir Festigkeit in der
+unerschöpflichen Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin,
+vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das liegt in der
+Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch nicht anders sein! Erstens habe
+ich meine Stellung verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch
+nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine Möglichkeit
+geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht noch für die erste Zeit: ich
+nehme mir irgendeine kleine Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka
+wird zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne den Schuft
+auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen und zurückkommen, wann es mir
+paßt, und Petruschka wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich spät
+nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne ihn ... Nun, nehmen wir
+also an, daß das alles sehr gut ginge. Nur handelt es sich noch immer
+nicht darum, noch immer nicht darum! ...“
+
+Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage in Herrn Goljädkin auf, in
+der er sich unmittelbar befand. Er blickte um sich. „Ach, du mein großer
+Gott! Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ dachte er, und
+griff wieder ganz und gar verloren nach seinem brummenden Kopf.
+
+„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte plötzlich eine Stimme
+neben ihm. Herr Goljädkin fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein
+Kutscher, gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom Warten
+ungeduldig geworden und wollte nach seinem Herrn hinter dem Holzstoß
+sehen.
+
+„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein Freund, komme bald, sehr
+bald, sehr bald – warte noch ein wenig ...“
+
+Der Kutscher ging fort und brummte etwas in den Bart.
+
+„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin unter Tränen, „ich habe
+ihn doch für den ganzen Abend genommen, ich bin durchaus in meinem
+Recht, so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und damit ist die
+Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! Das hängt von meinem Willen
+ab. Willigt er ein, oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter
+dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat hier nichts zu
+meinen: will der Herr hinter dem Holz stehen, so mag er es tun ...
+seiner Ehre wird das nicht schaden! So ist’s!
+
+So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte,
+meine Dame, das heißt, so und so, kann in unserer Zeit niemand mehr
+leben. Und ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen Zeit auch
+nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst jetzt ein bedauernswertes
+Beispiel sind ... Das heißt, Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer
+des Meeres in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, braucht man an den
+Ufern des Meeres keine Titularräte und zweitens hätten wir da überhaupt
+nicht zum Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte
+beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so und so, möchte
+Titularrat werden ... begünstigen Sie mich trotz meiner Feinde ... dann
+wird man Ihnen sagen, meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, und
+daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo Sie gute Sitten lernen
+sollen, um als gutes Beispiel zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame,
+bedeutet, zu Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit an
+Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden sich schon mit der Zeit
+von selbst – so ist’s! Freilich muß man verschiedene Talente besitzen
+wie: Klavierspielen, Französisch sprechen, in der Geschichte,
+Geographie, Religion und Arithmetik bewandert sein, – so ist’s! Mehr ist
+auch nicht nötig. Und dazu dann die Küche. Jedenfalls sollte jedes
+sittsame Mädchen die Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie,
+meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst überlassen, man
+wird Ihnen nachsetzen und wird Sie zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und
+was, meine Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen Sie
+mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich wie in dummen Romanen mich auf
+den nächsten Hügel setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf
+die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder soll ich etwa der
+Vorschrift einiger schlechter deutscher Poeten und Romanschriftsteller
+folgen und freiwillig sterben? Wollen Sie das, meine Dame?
+
+Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft auszudrücken, daß die
+Dinge so nicht gehen, und daß man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen
+müßte, weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben haben. Denn
+französische Bücher lehren einen nichts Gutes. Das ist Gift ... reines
+Gift, meine Dame! Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß ich Sie frage,
+denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft und ... leben dann in einer
+Hütte am Meer! Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie die
+Tauben zu girren und verbringen so unser Leben in Zufriedenheit und
+Glück! Und wenn dann ein Kleines kommt, dann werden wir ... – dann sagen
+wir so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, ein
+Kleines ist da, also nehmen Sie bei der Gelegenheit Ihren Fluch zurück
+und segnen Sie uns!
+
+Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und auf das Girren hoffen Sie
+nicht, denn von alledem wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der
+Herr, und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem gehorchen.
+Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen Zeit nicht, die
+Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann
+zum Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, fragt er seine
+Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen Hering, ein Gläschen
+Schnaps?‘ Also müssen Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten.
+Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er sich gar nicht, er sagt
+nur: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘
+Er küßt Sie vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut er sehr
+gleichgültig! ...
+
+So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das tun wir nur
+gleichgültig! ... So ist es, wenn man sich’s genau überlegt, wenn es
+darauf ankommt ... Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, haben
+Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? ‚Tugendhafter, für mich
+leidender und meinem Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu
+Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im Komplimentemachen
+kein Meister bin und es nicht liebe, Damen gefühlvollen Unsinn
+vorzuschwatzen, meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte
+Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht finden, das sage ich
+Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. Ich besitze einen offenen Charakter
+und einen gesunden Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das
+heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz – so ist’s! ...
+Guten Menschen gegenüber trage ich keine Maske, und um Ihnen alles zu
+sagen ...“
+
+Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das rote Gesicht seines
+Kutschers mit ganz durchnäßtem Bart blickte wieder nach ihm hinter den
+Holzstoß ...
+
+„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, mein Freund, weißt du.
+Ich komme sofort, sofort ...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend
+mit zitternder und weinerlicher Stimme.
+
+Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete seinen Bart, trat
+einen Schritt zurück, blieb wieder stehen und blickte mißtrauisch Herrn
+Goljädkin an.
+
+„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du ... mein Freund ... ich
+werde nur ein wenig, nur eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein
+Freund ...“
+
+„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ sagte endlich der Kutscher
+und trat entschlossen auf Herrn Goljädkin zu.
+
+„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, siehst du, mein
+Freund, warte nur ...“
+
+„Ja, Herr ...“
+
+„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem Dorfe bist du, mein
+Lieber?“
+
+„Wir sind Leibeigene ...“
+
+„Ist dein Herr gut? ...“
+
+„Ziemlich.“
+
+„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Suche gute
+Menschen! Gute Menschen sind jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt
+dir Essen und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. Denn
+oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen die Tränen fließen ...
+Du siehst hier ein beklagenswertes Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“
+
+Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. „Nun, wie Sie wollen,
+ich werde warten. Wird es noch lange dauern?“
+
+„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, nicht mehr lange warten,
+mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf
+dich verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten ...“
+
+„Dann werden Sie also fahren?“
+
+„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... hier ... wieviel hast du zu
+bekommen, mein Lieber?“
+
+„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. Ich habe lange gewartet,
+Herr, Sie werden mich armen Menschen nicht schädigen, Herr.“
+
+„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei gab ihm Herr Goljädkin
+sechs Rubel und beschloß ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das
+heißt, einfach fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch schon
+entschieden und der Kutscher entlassen war. Folglich brauchte er hier
+nicht mehr zu warten, er kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum
+Hoftor hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich umzusehen,
+keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen.
+
+„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ dachte er, „und ich
+bin auf diese Weise dem Unglück entronnen.“
+
+Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz leicht ums Herz. „Ach,
+wenn doch alles wieder gut würde!“ dachte unser Held, glaubte aber
+selbst kaum daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, besser,
+von der Seite, das heißt, so ...“
+
+Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln quälte und den Schlüssel zu
+ihrer Lösung suchte, war unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und
+beschloß hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – wieder
+umzukehren.
+
+„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme von der anderen Seite,
+das heißt, so. Dann bin ich ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache
+hat ihr Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, weiter
+nichts, und was da auch vorgehen mag – daran bin ich nicht schuldig! So
+ist’s! So wird es jetzt sein!“
+
+Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, kehrte unser Held auch
+wirklich wieder um – sehr zufrieden darüber, daß er, dank seinem
+glücklichen Einfall, jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen
+würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, du siehst
+nur zu – weiter nichts!“ Die Rechnung war richtig, und die Sache mochte
+damit ihr Ende haben!
+
+Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich wieder in den friedlichen
+Schatten des ihn beschützenden Holzstoßes und begann von neuem
+aufmerksam nach den Fenstern zu blicken.
+
+Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und zu warten. Es zeigte
+sich plötzlich an allen Fenstern eine lebhafte Bewegung, Gestalten
+tauchten auf, die Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von Leuten
+drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, alle sahen auf den Hof
+hinaus und schienen etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß,
+begann auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen Bewegung zu
+folgen, er wandte voll Teilnahme seinen Kopf nach links und nach rechts,
+soweit es ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, erlaubte.
+
+Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe vor Schreck
+hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, und er war sofort vollkommen
+davon überzeugt, daß man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen
+suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. Denn alle blickten
+nach ihm hin. Davonzulaufen war unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der
+entsetzte Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah als es
+möglich war, an das Holz und bemerkte dabei erst jetzt, daß der Schatten
+des Stoßes ihn nicht mehr ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in
+ein Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich gesessen!
+wenn es nur gegangen wäre! Doch ging es nicht, entschieden ging es
+nicht! In seiner Angst sprang er endlich auf und sah entschlossen nach
+allen Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... Und plötzlich
+errötete er über und über. Alle hatten sie ihn bemerkt, alle winkten sie
+ihm mit den Händen und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu.
+Die Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man rufen ... „Ich
+wundere mich, warum man diese Mädchen nicht von Kindheit an
+durchgeprügelt hat,“ murmelte unser Held vor sich hin, ganz und gar
+verwirrt.
+
+Plötzlich kam _er_ (es ist bekannt _wer_) die Treppe herunter gelaufen,
+im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos auf ihn zugestürzt und heuchelte
+äußerste Freude darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte.
+
+„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene Mensch. „Jakoff
+Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Hier ist es kalt,
+Jakoff Petrowitsch. Kommen Sie doch hinein!“
+
+„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff Petrowitsch,“
+murmelte unser Held mit schüchterner Stimme.
+
+„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff Petrowitsch, man bittet
+Sie, gefälligst einzutreten, man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die
+Ehre und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen Sie!“
+
+„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre besser ... wenn ich
+nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch ...“ antwortete unser Held, und
+verging zugleich vor Scham und vor Schreck.
+
+„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche Mensch, „nein, nein, nein,
+für nichts in der Welt! Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn
+Goljädkin den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin wollte
+durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm sahen und ein Widerstreben
+dumm gewesen wäre, so ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen,
+daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Es war ja
+doch alles gleichgültig!
+
+Noch bevor sich unser Held recht besinnen und sein Äußeres etwas in
+Ordnung bringen konnte, befand er sich schon im Saal. Er sah bleich,
+zerstört und verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze
+Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – alles, alles war
+überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, Damen, ein ganzer Blumengarten:
+sie alle drängten sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn zu,
+sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern heben, wobei er das
+Gefühl hatte, er schwebe in einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa
+zur Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und wirklich, sie
+trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl aber gerade zum Lehnstuhl von
+Olssuph Iwanowitsch.
+
+Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand Klara Olssuphjewna,
+bleich, düster und traurig, doch wundersam geschmückt. Besonders fielen
+Herrn Goljädkin die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren schwarzen
+Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. Auf der anderen Seite des
+Lehnstuhls stand Wladimir Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen
+neuen Ordensbändern im Knopfloch.
+
+Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der Hand gerade aus Olssuph
+Iwanowitsch zu. Auf der einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der
+Jüngere, der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr
+Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – und auf der anderen
+Seite wurde er von Andrej Philippowitsch begleitet, der eine höchst
+feierliche Miene zur Schau trug.
+
+„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er aber bemerkte, daß man ihn
+zu Olssuph Iwanowitsch brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz
+erleuchtet. Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte in seinem Kopfe
+auf. In schrecklicher Angst stand unser Held vor dem Lehnstuhl Olssuph
+Iwanowitschs.
+
+„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei sich. „Natürlich
+werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher Ehrbarkeit ... das
+heißt ... so und so, usw.“
+
+Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht ein. Olssuph
+Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr wohlwollend zu empfangen, und
+wenn er ihm auch nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen
+ehrfurchteinflößenden Graukopf, feierlich und zugleich traurig, mit
+einem gütigen Ausdruck. So schien es wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam
+es sogar vor, als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: er
+schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an den Wimpern Klara
+Olssuphjewnas eine Träne blinkte – und mit den Augen Wladimir
+Ssemjonowitschs schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die
+unerschütterliche ruhige Würde Andrej Philippowitschs war dem
+allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, – auch der Jüngling, der
+dem alten Staatsrat Olssuph Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits
+bittere Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn Goljädkin nur
+so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die
+kalten Backen rannen ...
+
+Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen und seinem Schicksal
+und im Augenblick voll Liebe, nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern
+zu allen Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, der durchaus
+nicht mehr böse, der gar nicht mehr der Doppelgänger zu sein schien,
+sondern ein ganz gleichgültiger und liebenswürdiger Mensch, – also
+wandte sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte nicht
+auszudrücken, was seine Seele erfüllte, in der sich so viel angesammelt
+hatte, er konnte nichts sagen, nicht das geringste, und nur mit einer
+beredten Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ...
+
+Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl um das Gefühl des
+Greises zu schonen – Herrn Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd
+und irgend etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, doch
+jedenfalls ganz versöhnt mit seinem Schicksal und den Menschen, begann
+unser Held die dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben ihm
+den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer Neugierde und mit
+unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme an. Unser Held ging ins zweite
+Zimmer: überall die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie
+alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie
+sich heimlich gegenseitig anstießen und über etwas sehr Merkwürdiges
+sprachen, urteilten, flüsterten und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin
+hätte furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen!
+
+Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljädkin
+den Jüngeren. Er fühlte die Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und
+ihn beiseite zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff Petrowitsch“
+inständigst, ihn bei allen seinen Unternehmungen behilflich zu sein und
+ihn im kritischen Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin der
+Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und drückte kräftig die Hand Herrn
+Goljädkins des Älteren. Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz in
+der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, er fühlte, wie ihn
+irgend etwas mehr und mehr beengte, wie alle die Blicke, die auf ihn
+gerichtet waren, ihn verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin
+sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem Kopfe eine Perücke
+trug. Der Herr Rat sah ihn mit strengem, fragendem Blick an, der durch
+die allgemeine Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser Held
+beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm zulächeln, sich ihm
+erklären, doch gelang ihm seine Absicht nicht. In dem Augenblick, als er
+es tun wollte, verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis ... Als
+er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich, in einem weiten Kreise
+von Gästen, um sich selber drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen
+Zimmer nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich über die ganze
+Menge. Alles regte sich auf, alles geriet in Bewegung, alles stürzte zur
+Tür des ersten Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen
+hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke Seite an Seite mit
+ihm zu stehen kam. Endlich ergriff er seine Hand und setzte sich dem
+Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich
+weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, setzten sich in
+einem großen Kreise um Olssuph Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles
+wurde still und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, alle
+richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch und schienen etwas
+Besonderes zu erwarten. Herr Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem
+Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn Rat, der
+andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch aufstellten. Das
+Schweigen dauerte an: man erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie
+wenn in irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange Reise
+anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und ein Gebet sprechen,“ dachte
+unser Held. Plötzlich entstand eine ungewöhnliche Bewegung und
+unterbrach Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das
+Langerwartete einzutreten.
+
+„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge.
+
+„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und er zuckte vor
+einem sonderbaren Gefühl zusammen.
+
+„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll Andrej
+Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph Iwanowitsch an. Feierlich
+nickte Olssuph Iwanowitsch mit seinem Kopfe.
+
+„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn Goljädkin. Alle erhoben
+sich. Dann ergriff der Rat die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und
+Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins des Jüngeren und führten
+sie beide feierlich mitten durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah
+verwundert um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn Goljädkin den
+Jüngeren, der ihm bereits die Hand entgegenstreckte.
+
+„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser Held, streckte ihm
+gleichfalls freundschaftlich seine Hände entgegen, und reichte ihm sogar
+seine Backe zum Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin ...
+Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, daß sein treuloser Freund
+ein wenig lächelte: ganz so, als lächelte er schelmisch die sie
+umgebende Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen Gesicht
+Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – die Grimasse des Judaskusses ...
+
+Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen Augen wurde es
+dunkel: ihm schien eine endlose Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit
+großem Geräusch durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch es war schon
+zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben worden, und ...
+
+Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die Türen des Saales wurden
+ausgerissen und auf der Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick
+Herr Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am Boden. Ein Schrei
+erstarb auf den Lippen. Übrigens hatte Herr Goljädkin schon früher alles
+gewußt und Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte sich selbstbewußt
+und feierlich Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin erkannte seine Gestalt nur
+zu gut. Er hatte ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen
+... Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch in schwarzem Frack mit
+einem hohen Orden am Halse und trug einen schwarzen Backenbart. Es
+fehlte ihm nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit voll zu
+machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie gesagt, Herrn Goljädkin vor
+Schreck erstarren. Mit wichtiger und feierlicher Miene ging der
+schreckliche Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... Unser Held
+reichte ihm die Hand. Der Unbekannte ergriff sie und zog ihn an sich.
+Mit verlorenem Ausdruck blickte unser Held um sich.
+
+„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin
+und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte
+irgendeine widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er blickte sich
+um: er war es wieder, der abscheuliche, der in der Seele verderbte
+Doppelgänger Herrn Goljädkins. Eine boshafte Freude glänzte auf seinem
+Gesicht, triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend wandte er
+seinen Kopf ringsum, triumphierend trippelte er zu allen und jedem, und
+es schien beinahe, als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen.
+Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das Licht, um Herrn
+Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljädkin hörte
+deutlich, wie alle, die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm
+nachdrängten, sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin
+nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, Jakoff Petrowitsch, brauche
+sich nicht zu fürchten, da Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein
+alter Bekannter sei! ...“
+
+Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete Treppe hinaus. Auch
+hier war eine Menge Volk versammelt. Geräuschvoll wurde die Tür
+aufgerissen und Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit
+Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, bespannt mit vier
+Pferden, die vor Ungeduld schnauften. Der schadenfrohe Herr Goljädkin
+der Jüngere lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen.
+Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung Herrn Goljädkin
+auf, Platz zu nehmen.
+
+Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: die ganze
+hellerleuchtete Treppe war von Menschen besetzt: neugierige Augen
+blickten ihn von allen Seiten an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem
+obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und betrachtete voll
+Anteil und Aufmerksamkeit alles, was vorging. Alle warteten. Ein
+Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljädkin
+zurückblickte.
+
+„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... nichts, was Veranlassung
+zur Strenge geben, nichts, was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse
+beziehen könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel und
+Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten verneinend den Kopf. Tränen
+stürzten Herrn Goljädkin aus den Augen.
+
+„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue mich vollkommen ... ich
+lege mein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs ...“
+
+Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er sein Geschick in die Hände
+Krestjan Iwanowitschs lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender
+Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr und unheilverkündend
+aus der ganzen wartenden Menge widerhallte. Da faßten Krestjan
+Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, Herrn
+Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den Wagen, der Doppelgänger
+aber half, nach seiner verräterischen Angewohnheit, noch von
+hinterrücks. Der arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen Blick
+auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein Katzenjunges, das man mit
+kaltem Wasser begossen hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe
+der anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch Krestjan
+Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde zugeklappt. Ein Peitschenknall –
+und die Pferde zogen an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit
+... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz unbändige Schreie
+seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße auf den Weg. Eine Zeitlang
+hielten noch mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt und
+sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch wurden ihrer immer weniger,
+bis sie schließlich verschwanden und nur noch der schamlose Doppelgänger
+Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen seiner grünen
+Uniformbeinkleider, so lief er mit zufriedenem Gesicht bald links, bald
+rechts neben dem Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf den
+Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster und warf Herrn
+Goljädkin zum Abschied Kußhände zu. Doch auch er wurde schließlich des
+Laufens müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich verschwand
+und fortblieb ...
+
+Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. Das Blut pochte heiß in
+seinem Kopf. Er empfand eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken
+zu müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine Brust entblößen, um
+sie mit Schnee zu kühlen. Dann kam endlich, wie ein großes Vergessen,
+Bewußtlosigkeit über ihn ...
+
+Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen auf einem ihm
+unbekannten Wege fuhr. Links und rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es
+war öde und leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende
+Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen zwei Augen funkelte
+teuflische Freude.
+
+„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist das? Oder ist er es
+doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere,
+sondern ein anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan
+Iwanowitsch ist es! ...“
+
+„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, ein Mensch für mich
+... und ein Nichts – Krestjan Iwanowitsch, ein Nichts von einem
+Menschen,“ begann unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch seine
+Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen Krestjan Iwanowitsch zum
+Mitleid zu bewegen.
+
+„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, Beheizung, Beleuchtung,
+Bedienung, was wollen Sie denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng
+und furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs.
+
+Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich an den Kopf. Das war
+es: und das hatte er schon lange geahnt!
+
+
+
+
+ Fußnoten
+
+
+[1] Ein Stadtteil von Petersburg. E. K. R.
+
+[2] Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden „Linien“ genannt. E. K.
+R.
+
+[3] Diminutiv von Pjotr. E. K. R.
+
+[4] Größte Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.
+
+[5] Eine der Meistererzählungen Gogols. E. K. R.
+
+[6] Abkürzung von Glafira. E. K. R.
+
+[7] (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in den
+größeren Städten. E. K. R.
+
+[8] Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung „Der Mantel“, die Warwara
+Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch ausdrücklich aufmerksam
+gemacht hatte. Der Held der Erzählung – gleichfalls ein kleiner Beamter
+– gleicht Makar Alexejewitsch so auffallend, daß dieser glaubt, Gogol
+habe ihn, Makar Alexejewitsch, geschildert und damit bloßgestellt. –
+Fedor Fedorowitsch ist der Name eines der Vorgesetzten jenes kleinen
+Helden der Erzählung. E. K. R.
+
+[9] Ein Stadtteil von St. Petersburg. E. K. R.
+
+[10] Große Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.
+
+[11] Berühmte Kolonialwarenhandlungen in St. Petersburg. E. K. R.
+
+[12] Armer Schlucker. E. K. R.
+
+[13] Das Warnungszeichen von der Peter-Paulus-Festung, daß das Wasser
+der Newa steigt und die niedriger gelegenen Stadtteile zu überschwemmen
+droht. E. K. R.
+
+[14] Der eigentliche Name des falschen Demetrius. E. K. R.
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
+Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
+Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
+nach:
+
+ F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
+ Zweite Abteilung: Vierzehnter Band
+ R. Piper & Co. Verlag, München, 1920.
+ Sechstes bis zehntes Tausend
+
+Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
+Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
+ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
+Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
+nach der Titelseite eingefügt.
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben.
+Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
+
+Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
+(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
+Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
+
+Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
+Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
+„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht
+(nicht verwendete Varianten in Klammern):
+
+ Ssjetotschkin (Ssetotschkin)
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
+russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 87]:
+ ... Was wollen Sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ...
+ ... Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ...
+
+ [S. 98]:
+ ... geschehen? Nun, sagen wird zum Beispiel, und nehmen ...
+ ... geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen ...
+
+ [S. 124]:
+ ... Ihr Gehalt, daß Sie sich noch dazu vorauszahlen ...
+ ... Ihr Gehalt, das Sie sich noch dazu vorauszahlen ...
+
+ [S. 180]:
+ ... weil Sie schutzlos sind, weil sie keinen starken ...
+ ... weil Sie schutzlos sind, weil Sie keinen starken ...
+
+ [S. 261]:
+ ... ihm auch, Herr Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...
+ ... ihm auch, Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...
+
+ [S. 314]:
+ ... der nächsten Laterne, so daß man ihm deutlich erkennen ...
+ ... der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen ...
+
+ [S. 417]:
+ ... etwas endgültig vor ihm Erworbenes an. ...
+ ... etwas endgültig von ihm Erworbenes an. ...
+
+ [S. 418]:
+ ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Micheleff zu ...
+ ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu ...
+
+ [S. 431]:
+ ... trat in Begleitung einiger Beamten heraus. Alle, die ...
+ ... trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die ...
+
+ [S. 465]:
+ ... auf dem Liteinij Prospekt stand. Das Wetter war ...
+ ... auf der Liteinaja stand. Das Wetter war ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 35339 ***