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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:03:13 -0700
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@@ -0,0 +1,1980 @@
+The Project Gutenberg EBook of Kant und Goethe by Georg Simmel
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Kant und Goethe
+
+Author: Georg Simmel
+
+Release Date: February 6, 2011 [Ebook #35192]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Umschlagseite]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ SAMMLUNG ILLUSTRIERTER
+ EINZELDARSTELLUNGEN
+
+ HERAUSGEGEBEN VON
+ CORNELIUS GURLITT
+
+ ZEHNTER BAND
+
+ [Illustration: Monogramm]
+
+ [Illustration: _Giorgio Barbarelli_:
+ DIE DREI MORGENLÄNDISCHE WEISEN
+ _Wien: Kaiserliche Gemäldegalerie_]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Titelseite]
+DIE KULTUR
+
+
+KANT UND
+GOETHE
+ VON
+ GEORG SIMMEL
+
+_MIT EINER HELIOGRAVÜRE_
+_UND ZWÖLF VOLLBILDERN_
+_IN TONÄTZUNG_
+
+BARD MARQUARDT & CO. BERLIN
+
+
+HERAUSGEGEBEN
+von
+CORNELIUS GURLITT
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ Published November 15. 1906. Privilege of Copyright in the
+ United States reserved under the act approved March 3. 1905 by
+ Bard, Marquardt & Co. in Berlin
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+
+ _AUGUSTE RODIN_
+
+ _DEM BILDHAUER_
+
+ _ZUGEEIGNET_
+
+ [Illustration: Ornament]
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+
+In die Zustände der Halbkulturen, aber auch in die Kultur vor der
+Herrschaft des Christentums pflegen wir die Einheit von Lebenselementen zu
+verlegen, die die spätere Entwicklung auseinandergetrieben und zu
+Gegensätzen ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen
+Existenzbedingungen, so unbarmherzig die Vergewaltigung des Individuums
+durch die gesellschaftlichen Forderungen gewesen sein mag — zu dem Gefühl
+einer fundamentalen Spaltung innerhalb des Menschen und innerhalb der
+Welt, zwischen dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem Verfall der
+klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen zu sein. Das Christentum
+erst hat den Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch, zwischen dem
+natürlichen Sein und den Werten, zwischen dem eigenwilligen Ich und dem
+Gott, dem Eigenwille Sünde ist, bis in das Letzte der Seele hinein
+empfunden. Aber da es eben Religion war, hat es mit derselben Hand, mit
+der es die Entzweiung stiftete, die Versöhnung gereicht. Es mußte erst
+seine bedingungslose Macht über die Seelen verlieren, seine Lösung des
+Problems mußte erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden sein,
+ehe das Problem selbst in seiner ganzen Weite auftrat. Daß der Mensch von
+Grund aus ein dualistisches Wesen ist, daß Entzweiung und Gegensatz die
+Grundform bildet, in die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die
+deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung und Lebendigkeit
+bedingen — das hat das Bewußtsein erst nach der Renaissance als seine
+Ägide erfaßt. Mit diesem Herabreichen des Gegensatzes in die tiefste und
+breiteste Schicht unser und unseres Bildes vom Dasein wird die Forderung
+seiner Vereinheitlichung umfassender und heftiger; indem sich das innere
+und äußere Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es nach einem um so
+kräftigeren, um so lückenloseren Bande, das über den Fremdheiten der
+Seinselemente ihre trotz allem gefühlte Einheit wieder begreiflich mache.
+
+Zunächst ist es das Gegenüber von Subjekt und Objekt, das die Neuzeit zu
+schärfstem Gegensatz herausarbeitet. Das denkende Ich fühlt sich souverän
+gegenüber der ganzen, von ihm vorgestellten Welt, das: „ich denke, und
+also bin ich“ wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit des
+Daseins. Aber andrerseits hat diese objektive Welt doch eine unbarmherzige
+Tatsächlichkeit, das Ich erscheint als ihr Produkt, zu der ihre Kräfte
+sich nicht anders als zu der Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke
+verwebt haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt der Natur, sondern
+auch die der Gesellschaft. In ihr fordert der Einzelne das Recht der
+Freiheit und Besonderheit, während sie ihn nur als ein Element, das ihren
+überpersönlichen Gesetzen untertan ist, anerkennen will. In beiden Fällen
+droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder von einer ihm fremden
+Objektivität verschlungen zu werden oder in anarchistische Willkür und
+Isolierung zu verfallen. Neben oder über diesen Gegensatz stellt die
+moderne Entwicklung den zwischen dem natürlichen Mechanismus und dem Sinn
+und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft deutet, seit Galilei und
+Kopernikus, das Weltbild mit steigender Konsequenz als einen Mechanismus
+von strenger, mathematisch ausdrückbarer Kausalität. Mag dies noch
+unvollkommen durchgeführt sein, mögen Druck und Stoß, auf die alles
+Weltgeschehen schließlich reduzierbar schien, noch anderen Prinzipien
+neben sich Raum geben — dieses Geschehen bleibt prinzipiell ein
+naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben von Stoffen und
+Energien, ein abrollendes Uhrwerk, das aber nicht, wie das von Menschen
+konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken dient. Durch das
+mechanistisch-naturwissenschaftliche Prinzip scheint die Wirklichkeit in
+völligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser Wirklichkeit bis dahin
+Sinn zu geben schien: sie hat keinen Raum mehr für Ideen, Werte, Zwecke,
+für religiöse Bedeutung und sittliche Freiheit. Aber da der Geist, das
+Gemüt, der metaphysische Trieb ihre Ansprüche an das Dasein nicht
+aufgeben, so erwächst dem Denken, mindestens seit dem 18. Jahrhundert, die
+große Kulturaufgabe, die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,
+Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher Objektivität und der
+gefühlten Wertbedeutung des Lebens und der Dinge auf einer höheren Basis
+wiederzugewinnen.
+
+
+
+
+
+Von zwei prinzipiellen Gesinnungen, die in sehr mannigfaltigen
+Ausgestaltungen die Kultur durchziehen, gehen die nächstliegenden
+Vereinheitlichungen des Weltbildes aus; von der materialistischen und der
+spiritualistischen — jene alles Geistige und Ideelle in seiner
+Sonderexistenz leugnend und die Körperwelt mit ihrem äußeren Mechanismus
+für das allein Seiende und Absolute erklärend, diese umgekehrt alles
+Äußerlich-Anschauliche zu einem nichtigen Schein herabsetzend, und in dem
+Geistigen mit seinen Werten und Ordnungen die ausschließliche Substanz des
+Daseins erblickend.
+
+Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen gebildet, deren
+Einheitsgedanke jenem Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische
+und die Goethesche. Es ist die ungeheure Tat Kants, daß er den
+Subjektivismus der neueren Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine
+Unzurückführbarkeit auf das Materielle zu ihrem Gipfel hob, ohne dabei die
+Festigkeit und Bedeutsamkeit der objektiven Welt im geringsten
+preiszugeben. Er zeigte, daß zwar alle Gegenstände des Erkennens für uns
+in nichts anderem bestehen können, als in den erkennenden Vorstellungen
+selbst, und daß alle Dinge für uns nur als Vereinigungen sinnlicher
+Eindrücke, also subjektiver, durch unsere Organe bestimmter Vorgänge
+existieren. Aber er zeigte zugleich, daß alle Zuverlässigkeit und
+Objektivität des Seins gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich
+würde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind als unsere Vorstellungen, kann
+unser Vorstellen, über das wir niemals hinauskönnen, uns ihrer sicher
+machen; nur so können wir unbedingt Notwendiges von ihnen aussagen,
+nämlich die Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von ihnen, weil
+sie eben unsere Vorstellungen sind, unbedingt gelten müssen. Müßten wir
+darauf warten, daß die Dinge, uns wesensfremde Existenzen, in unsern Geist
+von außen hineingeschüttet würden, wie in ein passiv aufnehmendes Gefäß,
+so könnte das Erkennen nie über den Einzelfall hinausgehen. Indem nun aber
+die vorstellende Tätigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze
+unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge selbst. Das Ich, die nicht
+weiter erklärliche Einheit des Bewußtseins, bindet die sinnlichen
+Eindrücke zu Gegenständen der Erfahrung zusammen, die unsere objektive
+Welt restlos ausmachen. Dahinter, jenseits aller Möglichkeit des
+Erkennens, mögen wir uns die Dinge-an-sich denken, d. h. also die Dinge,
+die nicht mehr _für uns_ da sind; und in ihnen mögen für unsere Phantasie
+alle Träume der Vernunft, des Gemüts, der Idealbildung verwirklicht sein,
+während sie in der Welt unserer Erfahrungen, die für uns allein Objekt
+sein kann, keine Stelle finden.
+
+ [Illustration: IMMANUEL KANT
+ _Nach dem Gemälde von Döbler_
+ _Königsberg: Totenkopfloge_]
+
+Genauer angesehen, ist die Kantische Lösung des Hauptproblems, des
+Dualismus von Subjekt und Objekt, Geistigkeit und Körperlichkeit, die: daß
+diesem Gegensatz die Tatsache des Bewußtseins und Erkennens überhaupt
+untergebaut wird; die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, daß wir sie
+_wissen_. Denn die Bilder, in denen wir uns selbst erkennen und für uns
+selbst existieren, sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen
+eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen ist. Körper und Geist
+sind empirische Phänomene innerhalb eines allgemeinen
+Bewußtseinszusammenhangs aneinander gebunden durch das Faktum, daß sie
+beide vorgestellt werden und den gleichen Bedingungen des Erkennens
+unterliegen. In der Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie
+unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander zurückführbar, weder der
+Materialismus, der den Geist durch den Körper, noch der Spiritualismus,
+der den Körper durch den Geist erklären will, sind zulässig, jedes muß
+vielmehr nach den ihm allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber
+dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden _eine_
+Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden Bewußtsein überhaupt, dem sie
+erscheinen, und seiner Einheit zusammengehalten werden, und weil jenseits
+beider die zwar nie erkennbaren, aber doch immerhin denkbaren
+Dinge-an-sich ruhen; und diese mögen — so können wir _glauben_ — in ihrer
+Einheit den Grund jener Erscheinungen bewahren, die nun, von unseren
+Erkenntniskräften gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit von Geist und
+Körper, von empirischem Subjekt und empirischem Objekt auseinandergehen.
+Während also die äußere Natur, als Objekt für uns, keine Spur von Geist
+enthalten darf, so daß die vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik
+und Mathematik wäre, und während der Geist seinerseits völlig anderen,
+immanenten Gesetzen folgt, binden die beiden Gedanken des übergreifenden,
+erkennenden Bewußtseins und des Dinges-an-sich, in dem ideale Ahnungen den
+gemeinsamen Grund aller Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen
+Weltanschauung zusammen. Damit ist die
+wissenschaftlich-intellektualistische Deutung des Weltbildes auf ihren
+Höhepunkt gekommen: nicht die Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird
+für Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung der großen
+Zweiheiten: Natur und Geist, Körper und Seele gelingt ihm um den Preis,
+nur die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen zu wollen; die
+wissenschaftliche Erfahrung mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der
+Rahmen, der alle Inhalte des Daseins in _eine_ Form: die der
+verstandesmäßigen Begreifbarkeit, zusammenfaßt.
+
+Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe die Elemente, um aus ihnen eine
+gleich beruhigende Einheit zu gewinnen. Über Goethes Philosophie kann man
+nicht von der trivialen Formel aus sprechen, daß er zwar eine vollständige
+Philosophie besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmäßiger
+Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das System und die Schultechnik
+fehlten ihm, sondern die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:
+unser Gefühl vom Wert und Zusammenhang des Weltganzen in die Sphäre
+abstrakter Begriffe zu erheben; unser unmittelbares Verhältnis zur Welt,
+das innere Anklingen und Mitfühlen ihrer Kräfte und ihres Sinnes spiegelt
+sich, wenn wir wissenschaftlich philosophieren, in dem ihm gleichsam
+gegenüberstehenden Denken; dieses drückt in der ihm eigenen Sprache jenen
+Sachverhalt aus, mit dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich aber
+Goethe recht verstehe, handelt es sich bei ihm immer nur um eine
+_unmittelbare_ Äußerung seines Weltgefühles; er fängt es nicht erst in dem
+Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin zu objektivieren und in
+eine ganz neue Existenzart zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes
+Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und seines inneren Zusammenhanges
+nach Ideen treibt seine „philosophischen“ Äußerungen hervor wie die Wurzel
+die Blüte. Mit einem ganz freien Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht
+den Lauten, die die Lust- und Schmerzgefühle uns unmittelbar entlocken,
+während die wissenschaftliche Philosophie den Worten gleicht, mit denen
+man jene Gefühle sprachlich-begrifflich _bezeichnet_. Da er nun aber
+zuerst und zuletzt _Künstler_ ist, so wird jenes natürliche Sich-Geben von
+selbst zu einem Kunstwerk. Er durfte „singen, wie der Vogel singt“, ohne
+daß seine Äußerung ein unförmig zudringlicher Naturalismus wurde, weil die
+Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete — gerade wie das
+wissenschaftliche Erkennen von vornherein durch bestimmte
+Verstandeskategorien geformt wird, die in der sachlich vorliegenden
+Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar sind. Es ist deshalb in Hinsicht
+auf die letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen richtig, was,
+äußerlich genommen, ganz unbegreiflich scheint, wenn er sagt: „Von der
+Philosophie habe ich mich immer frei erhalten.“ Darum wird eine
+Darstellung der Philosophie Goethes bis zu einem gewissen Grad ganz
+unvermeidlich eine Philosophie _über_ Goethe sein. Nicht um
+Systematisierung seines Denkens handelt es sich — das wäre ihm gegenüber
+ein sehr minderwertiges Unternehmen — sondern darum, die unmittelbare
+Fortsetzung und Äußerung des Gefühls für Natur, Welt und Leben bei ihm in
+die mittelbare, abgespiegelte, einer ganz anderen Region und Dimension
+angehörige Form der abstrakten Begrifflichkeit überzuführen.
+
+Der entscheidende und ihn von Kant absolut scheidende Grundzug seiner
+Weltanschauung ist der, daß er die Einheit des subjektiven und des
+objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes _innerhalb ihrer
+Erscheinung selbst_ sucht. Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor
+Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt und Zeugnis geistiger
+Mächte, formender Ideen. Sein ganzes inneres Verhältnis zur Welt ruht,
+theoretisch ausgedrückt, auf der Geistigkeit der Natur und der
+Natürlichkeit des Geistes. Der Künstler lebt in der Erscheinung der Dinge
+als in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie und
+-Mechanismus, das seinem Hinnehmen und Behandeln der Welt allerdings erst
+einen Sinn gibt, muß er in der greifbaren Wirklichkeit selbst suchen, wenn
+es für ihn überhaupt bestehen soll. Dies bestimmt seine besondere
+Bedeutung für die Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den
+abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom Beginn des 19. Jahrhunderts
+war der Materialismus der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen nach einer
+Synthese, die beide in ihrem Gegensatz überwand, rief in den 70er Jahren
+den Ruf: zurück zu Kant! hervor. Aber die _wissenschaftliche_ Lösung, die
+dieser allein geben konnte, scheint nun als Ergänzung ihrer Einseitigkeit
+die ästhetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten ästhetischen
+Interessen bieten eine besondere Form, den Geist wiederum in die Realität
+aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den Ruf: zurück zu Goethe! Für
+ihn sind die beiden Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen
+Dualismus überwindet: er steigt nicht unter die Erscheinungen hinab, um
+sie, als bloße Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische Ich
+umschließen zu lassen, noch kann er sich, über sie hinweg, mit der Idee
+der Dinge an sich und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begnügen.
+An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit seines geistigen Wesens,
+die ihn alles Theoretisieren über das Erkennen perhorreszieren läßt.
+
+ „Wie hast du’s denn so weit gebracht?
+ Sie sagen, du habest es gut vollbracht.“
+ „Mein Kind, ich habe es klug gemacht:
+ Ich habe nie über das Denken gedacht.“
+
+Und:
+
+ „Ja, das ist das rechte Gleis,
+ Daß man nicht weiß, was man denkt,
+ Wenn man denkt:
+ Alles ist als wie geschenkt.“
+
+ [Illustration: J. W. VON GOETHE 1817.
+ _Zeichnung von F. Jagemann_
+ _Weimar: Grossh. Kunstsammlung_]
+
+Seiner im höchsten Sinne praktischen Natur war die Beschäftigung mit den
+Vorbedingungen des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst, seinen
+Inhalten und Resultaten nach, nicht förderten. „Das Schlimme ist,“ sagt er
+zu Eckermann, „daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man muß von Natur
+richtig sein, so daß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor
+uns dastehen, und uns zurufen: da sind wir.“ Die Abneigung gegen
+Erkenntnistheorie, die aus solchen Gründen der psychologischen Praxis
+hervorging, entfernte ihn völlig von dem Kantischen Weg, in den
+Bedingungen des Erkennens, in dem Bewußtseinszusammenhang, der die
+empirische Welt trägt, die Versöhnung ihrer Diskrepanzen zu suchen. Das
+Absolute aber, in dem diese gefunden wird, aus der Erscheinung heraus in
+die Dinge-an-sich zu verlegen, würde für ihn die Welt sinnlos machen.
+„Vom Absoluten im theoretischen Sinne wag’ ich nicht zu reden; behaupten
+aber darf ich: daß, wer es _in der Erscheinung_ anerkannt und immer im
+Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren wird.“ Und ein
+andermal: „Ich glaube einen Gott. Das ist ein schönes und löbliches Wort;
+aber Gott anerkennen, wie und wo er sich _offenbare_, das ist eigentlich
+die Seligkeit auf Erden.“ Nicht außerhalb der Erscheinungen, sondern _in_
+ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip des Ich und das des
+Objekts zusammen. Dieser anschauende Glaube, ohne den es überhaupt kein
+Künstlertum gäbe, hat in ihm sein äußerstes, das ganze Weltfühlen
+durchdringende Bewußtsein erlangt, da er, als die höchste Artistennatur,
+die wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener Gegensatz die
+maximale Spannung und damit das maximale Versöhnungsbedürfnis erreicht
+hatte. Goethe, der „Augenmensch“, war seiner Natur nach zu sehr Realist,
+um die Wirklichkeit zu ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen
+Erscheinung Darstellung der Idee wäre; Kant war zu sehr Idealist, um die
+Welt ertragen zu können, wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem
+spezifischen Sinn der philosophischen Terminologie) nicht die Wirklichkeit
+ausgemacht hätte.
+
+Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen, die doch dem gleichen
+Problem gegenüberstehen, tritt in dem Verhältnis hervor, das sie beide zu
+dem berühmten Satz Hallers haben, daß „kein erschaffener Geist ins Innere
+der Natur dringt“. Beide bekämpfen ihn mit förmlicher Entrüstung, weil er
+jenen Abgrund zwischen Subjekt und Objekt verewigen möchte, den es gerade
+auszufüllen galt. Aber auf wie verschiedene Motive hin! Für Kant ist der
+ganze Ausspruch von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit eines
+Objekts beklagt, das es gar nicht gibt. Denn da die Natur überhaupt nur
+Erscheinung, d. h. Vorstellung in einem vorstellenden Subjekt ist, so hat
+sie überhaupt kein Inneres. Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung
+sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Beobachtung und Zergliederung
+der Erscheinungen wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf dasjenige
+bezieht, was hinter aller Natur liegt, also nicht mehr Natur, weder ihr
+Äußeres noch ihr Inneres ist — so ist sie nicht weniger töricht, weil sie
+etwas zu erkennen verlangt, was seinem Begriff nach sich den Bedingungen
+des Erkennens entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine bloße Idee,
+die niemals angeschaut, also auch nicht erkannt werden kann. Goethe
+hingegen, solcher erkenntnistheoretischen Überlegung ganz fern, verwirft
+jenen Spruch aus dem unmittelbaren Mitfühlen mit dem Wesen der Natur
+heraus:
+
+ Natur hat weder Kern
+ Noch Schale,
+ Alles ist sie mit einem Male.
+
+Und:
+
+ Denn das ist der Natur Gestalt,
+ Daß innen gilt, was außen galt.
+
+Und:
+
+ Müsset im Naturbetrachten
+ Immer eins wie alles achten,
+ Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,
+ Denn was innen, das ist außen.
+
+Daß das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste, nach dem man sich sehnen kann,
+nicht auch in der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm schlechthin
+unerträglich. Der ganze Sinn seiner künstlerischen Existenz wäre ihm
+dadurch erschüttert. Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhält:
+
+ Ist nicht der Kern der Natur
+ Menschen im Herzen —
+
+so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht gleich, die die Natur und
+ihre Gesetze in das menschliche Erkenntnisvermögen, als dessen Produkte,
+hineinverlegt. Denn Goethe will sagen: das Lebensprinzip der Natur ist
+zugleich auch dasjenige der menschlichen Seele, beides sind
+gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend aus der Einheit des Seins,
+die die Gleichheit des schöpferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit der
+Gestaltungen entwickelt; so daß der Mensch in seinem eigenen Herzen das
+ganze Geheimnis des Seins und vielleicht auch seine Lösung zu finden
+vermag. Der ganze künstlerische Rausch der Einheit von Innen und Außen,
+von Gott und Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher Behauptungen
+über die Dinge selbst enthält sich Kant. Er sagt nur das über sie aus, was
+sich aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens ergibt. Nicht weil Natur
+und Menschenseele ihrem Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann
+man das eine aus dem andern ablesen, sondern weil die Natur eine
+Vorstellung in der Menschenseele ist, so daß die Form und Bewegung dieser
+allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten muß. Man kann den
+Gegensatz, um den es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen
+Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt man nach dem eigenen Wesen
+der Natur, so antwortet Kant: sie ist nur Äußeres, da sie ausschließlich
+aus räumlich-mechanischen Beziehungen besteht; und Goethe: sie ist nur
+Inneres, da die Idee, das geistige Schöpfungsprinzip, auch ihr ganzes
+Leben ausmacht. Fragt man aber nach ihrem Verhältnis zum Menschengeist, so
+antwortet Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung in uns ist;
+und Goethe: sie ist nur Äußeres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf
+der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realität haben muß. Goethe meint
+nicht, wie Kant, daß das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;
+sondern daß dieses, wie überall so auch im Menschengeist zu finden sei.
+Beides sind gleichsam parallele Darstellungen des göttlichen Seins, das
+sich in der Natur, dem Äußeren, mit derselben Realität entwickelt, wie in
+der Seele, dem Inneren; so daß die Natur ihre unbedingte äußere,
+anschauliche Wirklichkeit behält, ohne ihre Wesenseinheit mit dem
+Menschenherzen aufzugeben, und dazu nicht erst, wie von Kant, in eine
+Vorstellung in diesem verwandelt zu werden braucht. Beide stellen sich
+gleichmäßig jenseits des Gegensatzes von Materialismus und Spiritualismus.
+Kant, weil sein Prinzip die Materie und den Geist, die beide bloße
+Vorstellungen sind, gleichmäßig und gegensatzlos unter sich begreift,
+Goethe, weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt, doch unmittelbar
+eines bildeten; er meint zu Schiller, die materialistischen Philosophen
+kämen nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht zu den Körpern, „und
+daß man also immer wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu bleiben
+und von seiner ungetrennten Existenz den besten, möglichen Gebrauch zu
+machen“.
+
+Soll aber eine _objektive_, d. h. hier, über dem Bewußtsein gelegene
+Einheit des Seins gesucht werden, so könnte sie für Kant nur in Gott
+liegen, den er ja auch ausdrücklich heranzieht, wo es sich um die
+Vereinigung der divergentesten Lebenselemente, der Sittlichkeit und der
+Glückseligkeit handelt: ein transszendenter Gott, ein Ding-an-sich,
+jenseits aller Anschaulichkeit des Seins. Für Goethe aber kommt alles
+darauf an, daß die Einheit der Dinge nicht jenseits der Dinge selbst
+liegt; er verwirft nicht nur den Gott, „der nur von außen stieße“ — das
+würde auch Kant tun; sondern, indem er das „Bedrängtsein“ des göttlichen
+Prinzips in der Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr wir uns
+verkürzen, wenn wir es „in eine vor unserem äußern und innern Sinne
+verschwindende Einheit zurückdrängen“. Er kann sich die Einheit der Welt
+nur retten, wenn sie nicht in die Einheit eines Wesens projiziert wird,
+das, indem es der ihm gegenüberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,
+sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen würde.
+
+Bei allen scheinbaren Analogien zwischen Goetheschen und Kantischen
+Anschauungen darf diese Grundverschiedenheit nie übersehen werden, daß
+Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und Objekt von der Seite des Objekts
+her löst, Kant aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht des
+zufälligen und personal-differenzierten, sondern des Subjekts, das der
+überindividuelle Träger der objektiven Erkenntnis ist.
+
+Wenn Goethe also sagt:
+
+ „Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
+ Wie könnt’ die Sonne es erblicken?
+ Wär’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
+ Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?“
+
+so erscheint dies nur als eine Paraphrase der Kantischen Idee, daß wir die
+Dinge der Welt nur erkennen, weil und insofern ihre Formen a priori in uns
+ruhen. Tatsächlich aber ist es etwas ganz anderes. Goethe greift unter den
+Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und gründet die
+Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen auf eine Wesensgleichheit zwischen
+ihnen, wie es in primitiver Form schon Empedokles getan hatte, als er
+lehrte: dadurch, daß die Elemente aller Dinge in uns selbst sind, können
+wir die Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser, das Feuer durch das
+Feuer in uns, den Streit in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe
+durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die Sonne, und kann sie deshalb
+erkennen — wie man jenen Vers Kantisch interpretieren müßte — sondern Auge
+und Sonne sind gleichen objektiven Wesens, gleichberechtigte Kinder
+göttlicher Natur, und dadurch befähigt, sich miteinander zu verständigen,
+sich ineinander aufzunehmen. Die Kantische und die Goethesche Lösung des
+Weltproblems, die erkenntnistheoretische und die metaphysische — wobei
+Goethe sozusagen keine Metaphysik _hat_, sondern Metaphysik _ist_ —
+verhalten sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen, die äußerlich
+angesehen den gleichen Inhalt und Bedeutung darbieten, von denen die eine
+aber durch die suggestive Aktivität der einen Partei — so daß sie die
+andere gleichsam nach ihrem Bilde und ihrem Ideal des Verhältnisses formt
+— aufrecht erhalten wird, die andere aber durch die wurzelhafte Einheit
+und natürliche Harmonie beider Parteien.
+
+ [Illustration: _LEONARDO DA VINCI._
+ _SELBSTBILDNIS_
+ _TURIN: PALAZZO REALE._]
+
+An diesem Punkt tritt die persönliche Wesensrichtung Goethes ganz
+besonders deutlich als Träger seiner Weltanschauung hervor. Als die
+glücklichste Beanlagung des Menschen in seinem Verhältnis zur Natur kann
+es wohl gelten, wenn die eigenste, nur den Bedürfnissen und Tendenzen des
+Ich folgende Entwicklung zu einem reinen Aufnehmen und Bilde der Natur
+führt, als ob die Kräfte beider sich wie in einer prästabilierten Harmonie
+äußerten, die einen den Index für die anderen bildeten. Diese
+Konstellation traf bei Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er
+äußerte und wirkte, entwickelte er nur seine Persönlichkeit; den ganzen
+Umkreis seiner Betrachtung und Deutung des Daseins erfüllte er, weil er
+sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck, als ob ihm sein Bild der
+Natur, das, bei allen sachlichen Einwänden, immerhin eines von
+unvergleichlicher Geschlossenheit, Beobachtungstreue und Hoheit der
+Auffassung ist — entstanden wäre, indem er nur die eigene Richtung seiner
+mitgebrachten Denk- und Gefühlsenergien entfaltet hätte. _Deshalb_ darf er
+vom Künstler fordern — was nachher noch näher zu deuten ist — daß er
+„höchst selbstsüchtig“ verfahre. Er schildert sich selbst, wenn er einmal
+von Winkelmann sagt: „Findet sich in besonders begabten Menschen jenes
+gemeinsame Bedürfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,
+noch in der äußern Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch
+(!) das Innere völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man
+versichert sein, daß ein für Welt und Nachwelt höchst erfreuliches Dasein
+sich ausbreiten werde.“ Diese glückliche, zur objektiven Natur harmonische
+Richtung seines subjektiven Wesens rechtfertigt es, daß er, obwohl dieses
+letztere mit völliger Freiheit entfaltend, überall die Natur zum Spiegel
+der eigenen Vergeistigung machend, doch immer behaupten kann: er gäbe sich
+der Natur mit der größten Selbstlosigkeit und Treue hin, er spräche nur
+aus, was sie ihm diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die die
+Unmittelbarkeit ihres Bildes trübte. Wir wissen von vielen der größten
+bildenden Künstler, und zwar solcher, die die strengste Stilisierung, die
+souveränste Umformung des Gegebenen übten, daß sie sich für Naturalisten
+hielten, ausschließlich das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.
+Tatsächlich _sehen_ sie von vornherein so, daß es zu dem Gegensatz
+innerhalb des unkünstlerischen Lebens: zwischen der inneren Anschauung und
+dem äußeren Objekt — bei ihnen nicht kommt. Vermittelst der
+geheimnisvollen Verbindung des Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins
+ist sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen für ihn — und, im
+Maße seiner Genialität, auch für andere — zugleich die Ausschöpfung des
+objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war es tatsächlich ein ganz
+einheitlicher Prozeß, der sich von der einen Seite als Entwicklung seiner
+eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen und Erkennen der
+Natur darstellte. Darum muß ihm die Kantische Vorstellung, daß unser
+Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze vorschreibt (weil Natur erst
+dadurch für uns entstehe, daß der Verstand die Sinneseindrücke in den ihm
+eigenen Formen ausgestaltet) — innerlich völlig fremd, ja eigentlich
+widrig sein. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt muß ihm damit unsäglich
+übertrieben erscheinen: jenes viel zu selbständig, statt demütig
+aufnehmender Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen in sie;
+dieses, mit der letzten Absolutheit seines Wesens dennoch nicht in das
+Subjekt aufgehend, der ungeheuren Anstrengung des Subjekts, es in sich
+einzuziehen, spottend. Ihm, der sein Ich von vornherein gleichsam in
+Parallelität mit der Natur fühlte, mußte es scheinen, als ob die Kantische
+Lösung dem Subjekt einerseits zuviel, anderseits zuwenig zuspräche, und
+als ob sie dem Objekte einerseits Gewalt antäte, statt sich ihm in Treue
+hinzugeben, während es ihr andrerseits doch als ein Unerfaßbares — ein
+„Ding _an sich_“ — aus den Händen glitte.
+
+ [Illustration: DER DELPHISCHE WAGENLENKER.]
+
+In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen auch in bezug auf
+die Grenzen des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit bei scheinbarer
+Verwandtschaft. Wie Kant fortwährend die Unerkennbarkeit dessen betont,
+was die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei, so Goethe, daß hinter
+allem Erforschlichen noch ein Unerforschliches liege, daß wir nur „ruhig
+verehren“ könnten, ein Letztes, Unsagbares, an dem unsre Weisheit ein Ende
+habe. Für Kant bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur unsres
+Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben; für Goethe bedeutet es nur
+jene Schranke, die aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel des
+letzten Weltgrundes hervorgeht — wie auch der Fromme sich bescheidet, Gott
+hienieden nicht schauen zu können, aber nicht eigentlich, weil er sich
+prinzipiell dem Schauen entzöge, sondern weil unser Schauen dazu erst
+einer im Jenseits gewährten Steigerung, Kräftigung, Vertiefung bedürfte.
+Darum sagt er:
+
+ „Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
+ Unverstanden, doch nicht unverständlich.“
+
+Von den letzten Mysterien der Natur trennt uns freilich eine unendliche
+Entfernung, aber sie liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit der
+erkennbaren Natur, weil es ja nichts als Natur gibt, die zugleich Geist,
+Idee, das Göttliche ist. Für Kant aber liegt das Ding an sich in einer
+völlig anderen Dimension als die Natur, als das Erkennbare, und man mag in
+dieser Region bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf jene
+treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller: „Die Natur ist deswegen
+unergründlich, weil sie nicht _ein_ Mensch begreifen kann, obgleich die
+ganze Menschheit sie wohl begreifen könnte. Weil aber die liebe Menschheit
+niemals beisammen ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern Augen
+zu verstecken.“ Nach den Kantischen Voraussetzungen aber ist dasjenige
+allerdings vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein der Menschheit
+vermißt. Jene Formen und Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet, weil
+durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt für uns geschaffen wird, sind
+nichts Persönliches, sondern sie sind das allgemein Menschliche in jedem
+Individuum; in ihnen liegt das Verhältnis restlos beschlossen, das die
+Menschheit überhaupt zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im
+allgemeinen gegenüber bestehen also nicht jene individuellen
+Unzulänglichkeiten, die Goethe erst durch das Beisammensein aller
+auszugleichen glaubt. Deshalb ist für Kant die Natur prinzipiell völlig
+durchsichtig und nur die Empirie über sie ist unvollständig. Da für Goethe
+die Natur selbst von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist, so kommt in
+der Natur selbst der Punkt, in dem die Intensität und Tiefe der Vorgänge
+uns weiteres Eindringen versagt; für Kant, der das Übersinnliche völlig
+aus der Natur hinausverlegt, liegt die Grenze des Erkennens nicht mehr
+innerhalb ihrer, sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhört. Für
+Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine quantitative, keine prinzipielle
+Inkonsequenz, wenn er gelegentlich zu Schiller äußert, die Natur habe kein
+Geheimnis, das sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor
+die Augen stellte, und ein andermal meint: „Isis zeigt sich ohne Schleier
+— nur der Mensch, er hat den Star“ —, während Kant absolut inkonsequent
+wird, wenn er uns doch einen Blick in das Reich des Intelligiblen
+verstattet; wovon wir übrigens hier nicht untersuchen, ob es ihm mit Recht
+oder Unrecht insinuiert wird.
+
+ [Illustration: MICHELANGELO.
+ SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.]
+
+Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen dieser beiden Geister nach
+ihrem Endziel bezeichnen darf — obgleich solche letzten Ziele nur der
+Ausdruck der Wesenskräfte und ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das
+selbständig gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die Richtung gäbe — so
+ist die Formel des Kantischen Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:
+Einheit. Für Kant kam alles darauf an, und so läßt sich seine gesamte
+Leistung zusammenfassen, die Kompetenzen der inneren Mächte, die das
+Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander abzugrenzen: der
+Sinnlichkeit ihre Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die seinige
+gegen die Vernunft, der Vernunft die ihrige gegen den
+Glückseligkeitstrieb, der Individualität die ihre gegen das
+Allgemeingültige zu setzen; damit sind zugleich in der Objektivität von
+Welt und Leben die Grenzstriche für die Kräfte, Ansprüche und
+Bedeutsamkeiten der Dinge selbst gezogen; es gilt für ihn, das praktische,
+wie das theoretische Leben vor den Übergriffen, Ungerechtigkeiten und
+Verschwommenheiten zu schützen, die aus dem Mangel genauer Grenzen
+zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen den objektiven Faktoren
+hervorgehen. Als so grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,
+so ist sie ihm doch sozusagen nur die natürliche Tatsache, die er
+vorfindet, und an der nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung
+zwischen den Elementen des Seins beginnt. Zu jener großen Aufgabe, das
+Subjekt mit dem Objekt in ein einheitliches Verhältnis zu setzen, brachte
+er, als Werkzeuge seiner Detailarbeit daran, von Natur gleichsam die
+Instrumente des Markscheiders mit. Ersichtlich verhält sich der Künstler
+den Erscheinungen gegenüber umgekehrt. So sehr er auch zunächst das
+verwirrende Ineinander der Qualitäten, Betätigungen und Bedeutungen der
+Dinge auseinanderlegen muß, so macht doch seine innere Bewegung erst an
+der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenüber alle Grenzsetzungen
+Interessen zweiten Ranges sind. Gewiß ist die schließliche Einheit der
+Elemente und damit der Weltanschauung auch für Kant das Definitivum. Aber
+die persönliche Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin mündenden
+Bewegungen bestimmt, ist doch das Interesse an der Grenzsetzung; dies ist
+die große Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die inneren
+Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung der Elemente ihren letzten
+Ausdruck finden: „Trennen und Zählen“, bekennt Goethe, „lag nicht in
+meiner Natur“; und ausdrücklich sagt er: „Dich im Unendlichen zu finden,
+mußt unterscheiden und dann verbinden“, während Kant die Verbindung
+vorfindet, und ihre Scheidung für sein dringlichstes Problem hält.
+
+Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung, so setzt sich bei Goethe das der
+Einheit aus der allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten fort.
+Indem die Einheit der Natur sich in diesen dokumentiert, muß sich unter
+ihnen eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die höchstens einer
+Abstufung des Entwicklungsmaßes, aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit
+mehr Raum gibt. Ich will nur ein paar Äußerungen hervorheben, die zugleich
+das plumpe Mißverständnis: Goethes angebliche, hochmütig-aristokratische
+Weltanschauung zurückweisen. Er betont einmal, daß zwischen dem
+gewöhnlichen Menschen und dem Genie doch eigentlich nur ein sehr geringer
+Unterschied gegenüber dem, was ihnen gemeinsam wäre, bestünde. „Das
+poetische Talent,“ sagt er ein anderes Mal, „ist dem Bauer so gut gegeben
+wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand ergreife,
+und ihn nach Würden behandle.“
+
+ „Wollen die Menschen Bestien sein,
+ So bringt nur Tiere zur Stube herein,
+ Das Widerwärtige wird sich mindern,
+ _Wir sind eben alle von Adams Kindern_.“
+
+ [Illustration: _ALBRECHT DÜRER_
+ _HIERONIMUS_
+ _RADIERUNG._]
+
+Und endlich ganz umfassend: „Auch das Unnatürlichste ist Natur. Auch die
+plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben
+sieht, sieht sie nirgendwo recht.“ Die Einheit der Natur ergreift für ihn
+also auch das, was nach der Skala der Werte aufs äußerste einander
+entgegengesetzt scheint. Weil Äußeres und Inneres des gleichen Wesens
+sind, und zwischen ihren letzten Gründen keine Grenzsetzung möglich ist,
+so kann die Verschiedenheit des Maßes, in dem sie sich zu den einzelnen
+Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit dieser begründen.
+Und wie zwischen den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen. Er
+äußert den „Unmut“, den ihm die Lehre von den unteren und oberen
+Seelenkräften erregt habe. In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,
+ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche Rechte an einem
+gemeinsamen Mittelpunkt, der sein geheimes Dasein eben durch das
+Verhältnis aller Teile zu ihm manifestiert. „Alle Streitigkeiten der
+älteren und neueren bis zur neuesten Zeit entspringen aus der Trennung
+dessen, was Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer nicht
+überzeugt ist, daß er alle Manifestationen des menschlichen Wesens,
+Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verstand zu einer
+entschiedenen Einheit ausbilden müsse, der wird sich in einer
+unerfreulichen Beschränkung immerfort abquälen.“ Alles dieses würde Kant
+wohl prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser Tatsache hebt sich
+die Divergenz der Denkrichtungen am deutlichsten ab. Für Goethe kommt es
+auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der Seelenvermögen besteht; für
+Kant auf die Grenzen der Seelenvermögen, die trotz ihrer Einheit bestehen.
+Die Grenzsetzung ist für ihn das unmittelbare Korrelat der Einheit; er
+sagt einmal, nachdem er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten eine
+scharfe Grenze gezogen hat: „Diese _Absonderung_ hat noch einen besonderen
+Reiz, den die _Einheit_ der Erkenntnis bei sich führt, wenn man verhütet,
+daß die Grenzen der Wissenschaft nicht ineinanderlaufen, sondern ihre
+gehörig abgeteilten Felder einnehmen.“ Wenn es das Ziel jeder
+Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander und Auseinander der
+Weltelemente zu einer Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller
+überzuführen, so haben Kant und Goethe dieses gemeinsame Ziel, der eine
+durch die Gerechtigkeit der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere durch
+die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht — und gerade darum auch
+befriedigend erreichen können, weil jeder von ihnen die Tatsache des
+entgegengesetzten Prinzips anerkennt.
+
+ [Illustration: _A. FEUERBACH_
+ _KONZERT_
+ _BERLIN: NATIONALGALERIE._]
+
+Für beide wird diese Anerkennung freilich von seiten des letzten Motivs
+her begrenzt, aus dem überhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das bei
+dem einen ein wissenschaftliches, bei dem andern ein künstlerisches ist.
+Die Wissenschaft befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten Einheit
+des Weltbegriffes, kann sie aber niemals erreichen; auf welchem Punkte sie
+auch stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges in eine andre
+Denkweise: religiöser, metaphysischer, moralischer, ästhetischer Art — um
+das unvermeidlich Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer völligen
+Einheit zu ergänzen und zusammenzuschließen. Das hat Kant sehr gut gewußt,
+und er bestimmt deshalb mit großer Entschiedenheit die Schranken nicht nur
+_innerhalb_ seines Weltbildes sondern auch dieses Weltbildes selbst,
+soweit er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenüber dem Ideal der
+unbedingten Einheit der Dinge. Für Goethe andrerseits wird die Grenze, bis
+zu der die Analyse gehen darf, durch ein nicht weniger bestimmtes
+Kriterium gegeben; sie ist ihm von dem Punkt an unzulässig, wo sie die
+_Schönheit_ der Dinge zerstört. Schönheit, so könnte man in Goethes Sinne
+sagen, ist die Form, in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich
+gegenseitig innewohnen. Daß Schönheit da ist, daß wir sie empfinden, dass
+wir sie selbst bilden können, ist die Gewähr dafür, daß jene Einheit der
+Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung der Zeit suchte, ist die
+Gewähr dafür, daß das geistige Subjekt und die objektive Natur sich
+begegnet sind; und sie können sich nur begegnen — so darf man ihn weiter
+ausdeuten — wenn und weil sie von vornherein identisch sind. Wir müssen
+vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt Lionardo da Vincis zurückgehen,
+um einen Zweiten zu finden, der die Welt so restlos ästhetisch genossen,
+so jede Wirklichkeit zugleich als Schönheit empfunden hat. Weil Schönheit
+die Verkörperung ideellen Gehalts im realen Sein ist, so bedeutet die
+Durchgängigkeit _ihrer_ Herrschaft die Auflösung jenes fundamentalen
+Gegensatzes zwischen dem geistigen und dem natürlichen, dem subjektiven
+und dem objektiven Prinzip des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner
+Nichtigkeit. Darum findet er in der Schönheit das niemals trügende
+Kriterium für die Richtigkeit der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die —
+äußere oder intellektuelle — Zergliederung des Objekts die Schönheit
+seiner Erscheinung nicht mehr bestehen ließe, wäre die Unwahrheit ihrer
+Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreißen der Natur „mit Hebeln und mit
+Schrauben“ ist ihm sozusagen theoretisch falsch, weil es ästhetisch falsch
+ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt er sich nur schwer ab, da sie
+„doch den Eindruck einer schönen Erdoberfläche vor dem Anschauen des
+Geistes zerstückelt“. Daher auch sein Haß gegen die Zerstückelung Homers;
+er will ihn „als Ganzes denken“, weil er nur so seine Schönheit bewahre.
+Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische Auffassung der
+Dinge zerstören, meint er:
+
+ „Was wir Dichter ins Enge bringen,
+ Wird von ihnen ins Weite geklaubt.
+ Das Wahre klären sie an den Dingen,
+ Bis niemand mehr dran glaubt.“
+
+In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das kleine Gedicht: „Die
+Freude.“ Er entzückt sich an den Farben einer Libelle, will sie in der
+Nähe sehen, verfolgt und faßt sie und sieht — ein traurig, dunkles Blau.
+„So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!“ Mit der zuweit getriebenen
+Zergliederung, die den ästhetischen Genuß zerstört, entschwindet also
+nicht etwa eine Illusion, sondern das ganz reale Bild des Gegenstandes.
+Ja, seine Abneigung gegen Brillen ist schließlich doch auch nur die gegen
+das scharfe Zerfasern der Erscheinungen, gegen das Zerstören des natürlich
+schönen Verhältnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden Organ.
+Gewiß mit Recht meint Helmholtz, das letzte Motiv für seine unselige
+Polemik gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen, wo er über die
+durch viele enge Spalten und Gläser hindurchgequälten Spektra spottet, und
+die Versuche im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht nur als besonders
+ergötzlich, sondern auch als besonders beweisend preist. Die Zerstörung
+des ästhetischen Bildes ist ihm zugleich die Zerstörung der Wahrheit. Die
+rechnerische Vorstellung der Dinge, wie die mathematische
+Naturwissenschaft sie durch Zerlegung in ihre, womöglich qualitätslosen,
+Elemente gewinnt, muß ihm wegen ihres Mankos an ästhetisch-anschaulichem
+Werte ein ebenso großer Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt für Kant
+dieses ästhetische Kriterium ein solcher gegenüber den Gegenständen des
+Naturerkennens wäre.
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+Der großen Zweiheit der Weltelemente, durch deren mannigfaltige
+Versöhnungen hin sich die Weltanschauung der neueren Zeit entwickelt,
+steht eine andere zur Seite, die sich viel früher als jene aufarbeitet, in
+ihrem Bildungsschicksal aber mit ihr verwandt ist: der praktische
+Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen Gesamtheit, aus dem
+man die Probleme der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch hier
+beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand: die Interessen des
+Einzelnen und der Gesamtheit haben in primitiven Kulturen überhaupt noch
+keine nennenswerte oder bewußte Entgegengesetztheit: der naive Egoismus
+hat zwar gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen anderen Inhalt
+als der Gruppenegoismus. Sehr bald freilich bildet sich mit der anhebenden
+Individualisierung der Persönlichkeiten ein Gegensatz zwischen beiden
+heraus, und damit die Forderung an den Einzelnen, sein persönliches
+Interesse dem der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt ein Sollen
+gegenüber, der natürlichen Subjektivität ein objektives Moralgebot. Und
+abermals erhebt sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch
+Unterdrückung der einen Seite oder durch gleichmäßige Befriedigung beider
+aufzuheben; wobei es sich hier ersichtlich um eine Lösung handelt, die den
+Wert des Lebens überhaupt auf sein Maximum bringe.
+
+Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe in fast genauem
+Parallelismus mit dem Verhältnis ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei
+Kant durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen besonderen
+Interesses steht, aber in der Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe
+durch eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen
+Lebenselemente, durch eine die Gegensätze einschließende Natur des
+Menschen und der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier auf der
+völligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft; einen Wert
+erhielte das Handeln erst dadurch, daß es unter absoluter
+Rücksichtslosigkeit gegen die erstere ausschließlich der letzteren
+gehorchte. Diese aber enthält zwei Momente: einmal die Selbständigkeit des
+Menschen, die verneint ist, sobald sinnliche Motive uns bestimmen, deren
+Anregung und Befriedigung von außen, von der Gegenwart bestimmter Objekte
+abhängig ist; zweitens die völlige Objektivität des Sittengesetzes, das
+mit allen individuellen Reserven, Besonderheiten und Velleitäten
+schonungslos aufräumt und den ganzen Wert des Menschen ausschließlich
+darauf gründet, daß er seine Pflicht erfüllt, und zwar nicht nur äußerlich
+erfüllt, sondern auch um der Pflicht willen; sobald sich irgend ein
+anderes Motiv als dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen Wert mehr.
+Ist diese Bedingung aber erfüllt, so ist der Mensch in eine höhere,
+über-empirische Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein Handeln
+einen Wert, eine absolute Bedeutung, hinter der all sein bloßes Denken und
+Erkennen, das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht, weit
+zurücksteht.
+
+ [Illustration: PUVIS DE CHAVANNES.
+ MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.]
+
+An diesem letzteren, äußerst charakteristischen Punkte der Kantischen
+Lehre, dem „Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen“ ist
+Goethe mit ihm völlig einverstanden. Unaufhörlich betont er, wie Handeln
+im sittlichen Sinne unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es als
+der Weisheit letzten Schluß erklärt, daß man sich das Leben täglich
+praktisch erobre, wie er den Begriff des Menschen mit dem des Kämpfers
+identifiziert, so erklärt er, daß er überhaupt nur _handelnd_ denken
+könne, und daß ihm alle bloße Belehrung direkt verhaßt wäre, wenn sie
+nicht zugleich seine Tätigkeit belebte. Der Primat der
+sittlich-praktischen Tüchtigkeit vor aller bloßen Intellektualität und
+Theorie steht ihm ebenso fest wie Kant.
+
+Für ihre ethische Anschauung bedeutet dies die gleiche Übereinstimmung wie
+für ihre allgemeine Weltanschauung die Überwindung des oberflächlichen
+Dualismus der inneren und der äußeren Natur. Aber sogleich trennen sich,
+hier wie dort, die Wege oberhalb — oder unterhalb — dieser gleichsam nur
+punktuellen Gemeinsamkeit. Wie für Kant das Unerkennbare des Daseins ein
+absolutes Jenseits ist, von allem Gegebenen brückenlos geschieden, für
+Goethe aber nur die in das Mystische sich verlierende Tiefe der
+Anschauungswelt, in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar, so doch
+ohne Sprung führt — so liegt für Kant der sittliche Wert in einer dem
+Wesen nach anderen Welt, als alles andere Dasein und seine Bedeutungen,
+von diesen aus nur durch eine radikale Wendung und „Revolution“ zu
+erreichen. In der Goetheschen Anschauung aber ist der sittliche Wert mit
+den übrigen Lebensinhalten in einer einheitlichen, kontinuierlich
+aufsteigenden Reihe verbunden, und sein auch für ihn unbezweifelbarer
+Primat ist jenen gegenüber der Rang des primus inter pares. Jener
+fundamentale und unversöhnliche _Wertunterschied_ zwischen der sinnlichen
+und der vernünftigen Seite unseres Wesens, auf dem die ganze Kantische
+Ethik steht, muß Goethe ein Horror sein — wie überhaupt sein eigentlicher
+Todfeind der christliche Dualismus ist, der die Sichtbarkeit der Welt und
+ihren Wert auseinanderreißt. Die metaphysische Einheit der Lebenselemente
+muß sich für ihn unmittelbar in eine Werteinheit derselben umsetzen. Daß
+er, wie wir sahen, das Innere und das Äußere nicht trennen kann, daß er
+statt der „oberen und unteren Seelenkräfte“ einen gemeinsamen Mittelpunkt
+des psychischen Daseins fordert — das entstammt doch wohl der in die
+letzten Tiefen seiner Persönlichkeit hineinreichenden und allem Beweisen
+und Widerlegen unzugänglichen Empfindung einer Gleichheit und Harmonie
+aller unserer Wesensseiten in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie
+für ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein, flüchtig oder
+abseitliegend ist, daß sich nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf
+richten könnte, und daß es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum
+Repräsentanten der Gesamtheit des Alls würde, so läßt es in der
+subjektiven Welt die gewaltige Einheit seines Lebensgefühles nicht zu
+einem prinzipiellen Wertunterschiede seiner einzelnen Energien kommen.
+Goethes Existenz wird durch das glücklichste Gleichgewicht der drei
+Richtungen unserer Kräfte charakterisiert, deren mannigfaltige
+Proportionen die Grundform jedes Lebens abgeben: der aufnehmenden, der
+verarbeitenden, der sich äußernden. In diesem dreifachen Verhältnis steht
+der Mensch zur Welt: zentripetale Strömungen, das Äußere dem Inneren
+vermittelnd, führen die Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale
+Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem geistigen Leben und lassen das
+Äußere zu einem Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Tätigkeiten
+entladen die Kräfte und Inhalte des Ich wieder in die Welt hinein.
+Wahrscheinlich hat dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare
+physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit seiner
+harmonischen Erfüllung entspricht eine gewisse Verteilung der Nervenkraft
+auf diese drei Wege ihrer Betätigung. Beachtet man nun, wie sehr das
+Übergewicht eines derselben die anderen und die Gesamtheit des Lebens
+irritiert, so möchte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in Goethes
+Natur als den physisch-psychischen Ausdruck für deren Schönheit und Kraft
+ansehen. Er hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt, sondern
+seine geistige Tätigkeit war fortwährend von der rezeptiven Hinwendung zur
+Wirklichkeit und allem, was sie bot, genährt; seine inneren Bewegungen
+haben sich nie gegenseitig aufgerieben, sondern seine ungeheure Fähigkeit,
+sich nach außen hin handelnd und redend auszudrücken, verschaffte jeder
+die Entladung, in der sie sich völlig ausleben konnte: in diesem Sinne hat
+er es so dankbar hervorgehoben, daß ihm ein Gott gegeben hat, zu _sagen_,
+was er leidet. So könnte man in seiner Denkrichtung sagen, daß, wenn
+irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen untergeordnet ist, so
+sei sie eben dadurch, daß sie diese ihr zukommende Stelle ausfüllt, gerade
+so wertvoll wie die höhere, die auch nichts kann, als ihre Funktion
+ausüben, und das eben erst im Zusammenwirken mit der ersten kann; so daß
+jene antiaristokratische Meinung über die annähernde Gleichwertigkeit der
+Menschen — vor der er übrigens selbstverständlich im Empirischen und nach
+dem einmal rezipierten Maßstab den Unterschied zwischen der blöden Menge
+und den großen Menschen nie übersieht — ihre Analogie innerhalb des
+einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine Wesenselemente findet. Wenn ich
+vorhin die Einheit des Inneren und des Äußeren, des Subjektiven und des
+Objektiven, des Ideellen und des Realen als die Voraussetzung der
+künstlerischen Weltanschauung hervorhob, so kommen wir hier vielleicht auf
+die noch tiefere Fundamentierung dieses Fundaments; jenes In- und
+Miteinander der Weltelemente ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man
+könnte sagen: die metaphysische Rechtfertigung ihrer _Wert_gleichheit, die
+er empfindet. Das mag auch der Grund sein, weshalb das antike
+Unverhülltsein seiner sinnlichen Derbheiten immer künstlerisch wirkt, weil
+es jene Gleichberechtigung der Wesensseiten aufs schärfste verdeutlicht,
+die, zu einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die Metaphysik aller
+Kunst ausmacht.
+
+Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche Glück gerichtete Ideal mit
+dem Vernunftideal eine Einheit bildet, erhebt er sich ganz über den
+Gegensatz zwischen eudämonistischer und rationalistischer Moral, auf dem
+die Kantische Ethik ruht. Vielen Mißverständnissen gegenüber muß durchaus
+betont werden, daß seine Fremdheit gegen die logische Strenge der
+Vernunftethik absolut nicht bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen
+und Genußideal untertan machen wollen. Ja, um seinen Abstand hiervon zu
+begreifen: er kann es direkt aussprechen (1818), es sei Kants
+unsterbliches Verdienst, daß er die Moral „dem schwankenden Kalkul einer
+bloßen Glückseligkeitstheorie entgegengestellt“ und sie in ihrer höchsten
+übersinnlichen Bedeutung erfaßt habe. Das widerstreitet gar nicht dem
+Ausruf in den Lehrjahren: „O der unnötigen Strenge der Moral, da die Natur
+uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen.“ Denn
+die Übersinnlichkeit, die er dort meint, ist eben nicht die Kantische, die
+einerseits eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits unsere
+Einstellung in eine transszendente Ordnung der Dinge bedeutet. Goethes
+Übersinnliches will hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich
+ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige Vernünftigkeit. Das
+spricht er ganz unzweideutig einige Jahre später in einem Briefe an
+Carlyle aus: „Einige haben den Eigennutz als Triebfeder aller sittlichen
+Handlungen angenommen; andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen, nach
+Glückseligkeit als einzig wirksam finden; _wieder andere setzten das
+apodiktische Pflichtgebot obenan_: und keine dieser Voraussetzungen konnte
+allgemein anerkannt werden, man mußte es zuletzt am geratensten finden,
+aus dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur das Sittliche sowie
+das Schöne zu entwickeln.“ Die eigentliche Großartigkeit des Kantischen
+Moralismus, die immer wieder über seine Verengerung und Vereinseitigung
+der Wertsphären triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfaßt. Das
+sittliche Sollen ist für Kant die eine Karte, auf die der ganze Wert des
+Lebens gesetzt ist; und daran mußte Goethe vor allem die ungeheure
+Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fühlen. „Alles Sollen ist
+despotisch,“ sagt er, und ihm, dem aus der tiefen Einheitlichkeit des
+Seins die gleichberechtigte Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien
+dies unerträglich, weil er nicht in die Tiefe der Kantischen Lehre drang,
+in der dieses Sollen sich als die äußerste und unbedingte Freiheit des Ich
+offenbarte. Denn den „Despotismus“ jenes Sollens kann nach der Kantischen
+Deutung weder ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch eine Sitte
+uns auferlegen, sondern allein wir selbst. Die ganze Peripherie des Lebens
+erscheint Kant von Mächten mindestens mitbestimmt, die außerhalb des
+tiefsten Ich liegen, und nur an dem Punkte der sittlichen Freiheit, d. h.
+an dem Gesetze, das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses hervor — in
+unversöhnlichem Gegensatz freilich zu dem Künstler, dem alles scheinbar
+Äußerliche der Ort für die Bewährung seiner tiefsten Persönlichkeitskräfte
+ist.
+
+Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die Natur überhaupt es ist, so
+zeigt sich damit der ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, sondern
+auch außerhalb unser als nichtig. Sie muß das Ich und seine Interessen mit
+der sozialen Gesamtheit ebenso versöhnen, wie die Sinnlichkeit mit der
+Vernunft. Daraus erklärt sich, daß Goethe den eigentlich sozialen
+Problemen auch in ihren allgemeinsten Formen ganz fremd gegenübersteht.
+Denn immer handelt es sich in diesen darum, das unzulängliche oder
+verschobene Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seinem sozialen
+Kreise herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden seiner Zeit, die
+von dem Einzelnen als Sozialwesen nur zu fordern pflegte, daß er seine
+persönliche Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewähre. Völlig im
+Tone des landläufigen Liberalismus bemerkt er gegen die Saint-Simonisten,
+daß jeder bei sich anfangen und zunächst sein eigenes Glück machen müsse,
+woraus denn zuletzt das Glück des Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies
+mag für ihn auch ästhetisch begründet sein. Er verlangt einmal vom
+Künstler, er solle „höchst selbstsüchtig“ verfahren, nur das tun, was ihm
+Freude und Wert ist. Für die Kunst ist dieser Liberalismus auch völlig
+angebracht, weil hier tatsächlich ein Maximum von Gesamtwert entsteht,
+wenn jeder Künstler _seinem_ individuellen Ideale nachgeht; und weil das
+objektiv Wertvolle der Kunst, das jenseits des Gegensatzes von Ich und Du
+steht, sich dem Künstler allerdings in der Form eines persönlich
+leidenschaftlichen Begehrens darstellt. Für geringwertige ästhetisch
+angelegte Naturen droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,
+der die ästhetischen Werte ausschließlich ihrer subjektiven Genußseite
+wegen kultiviert, unter dem Selbstbetrug, daß sie, als ästhetische, an
+sich selbst etwas Überindividuelles, objektiv Wertvolles seien. Solche
+Tendenz auf den Genuß als das Letztentscheidende lag Goethe völlig fern,
+wenn er das egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewußt, nur seine
+einheitliche Persönlichkeit zu entwickeln — und dasselbe von andern zu
+verlangen — die freilich eine subjektive und eine objektive Seite hatte;
+wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage war, welche von beiden
+gelegentlich die Führung übernahm. Der künstlerische, der Produktion
+objektiver Werte sich bewußte Egoismus verhält sich deshalb durchaus kühl
+den Aufgaben gegenüber, die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen
+und deren Versöhnung nun gerade durch den Verzicht auf allen Egoismus
+gewinnen wollen. Statt der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der
+Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn zu überwinden, interessiert
+Goethe vielmehr das „Allgemein-Menschliche“ als der unmittelbare Ausdruck,
+sozusagen als die menschliche Form der metaphysischen Einheit der Natur;
+die menschliche Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren, sondern
+nur zu entwickeln, wie unsere Theorie sie sich nicht durch künstliche, ihr
+Wesen alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige Beobachtung ihrer
+freiwilligen Entfaltung nahe zu bringen habe. „In jedem Besonderen,“ so
+hofft er, „wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hindurch jenes
+Allgemeine immer mehr durchleuchten sehen.“ In ähnlicher Gesinnung hat
+jetzt Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen Interesses für
+den Menschen und die Gesamtentwicklung der Menschheit, eine absolute
+Gleichgültigkeit gegen alle sozialen Fragen an den Tag gelegt. Dagegen ist
+für den Sozialforscher oder -politiker _der Mensch_ überhaupt kein
+Problem, sondern nur _die Menschen_. Kants Moralgesetz ist, wie
+Schleiermacher sagte, „nur ein politisches“: es gibt die präzise und
+erschöpfende Formel für den Menschen, der seinen sozialen Pflichten
+gleichsam von Natur feindlich gegenübersteht und ein Verhalten sucht, mit
+dem dennoch ein Zusammenleben aller möglich ist. Der äußere wie der innere
+Dualismus des Menschen bleibt für Kant, im Praktischen nicht weniger als
+im Theoretischen, im Vordergrund des Bewußtseins, und seine Lösung ist
+gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand des Konflikts
+rechnet. Wenn Goethe aber es als sein Ideal bezeichnet, „eine gewisse
+sittlich-freisinnige _Übereinstimmung durch die Welt_ zu verbreiten“, so
+ist die Voraussetzung davon die Negation eben jener Scheidung und
+Entgegengesetztheit zwischen Individuum und Gruppe und zwischen Gruppen
+untereinander, aus der die sozialen Probleme entspringen. Das
+kosmopolitische Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen
+Menschennatur, deren Wesensseiten sich gleichberechtigt durchdringen und
+so sehr der Ausdruck _eines_ metaphysischen Sinnes sind, wie die Elemente
+der menschlichen Gesellschaft und der Welt überhaupt.
+
+ [Illustration: JAMES MC. N. WHISTLER
+ _Glasgow: Gallery. Photographie Hanfstängel._
+ THOMAS CARLYLE.]
+
+Da nun aber die Moral in dem landläufigen Sinne des Wortes sich auf jener
+von Kant akzeptierten Spaltung _innerhalb_ des Menschen und _zwischen_ den
+Menschen erhebt, so kann die Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne
+keine moralische heißen; selbstverständlich ist sie darum keine
+unmoralische, sondern steht jenseits dieses Gegensatzes. Da die Natur an
+sich schon Ort und Darstellung der Idee ist, so ist das Höchste, wozu
+Menschen gelangen, der Inhalt der höchsten Forderung an sie, daß sie das,
+was die Natur in sie gelegt hat, aufs vollständigste und reinste
+ausbilden. Das Moralische im engeren Sinne ist wohl auch eine Seite davon,
+aber weil es eben nur eine _Seite_ ist, kann sie gelegentlich hinter einer
+anders gerichteten zurücktreten müssen, wenn dadurch eine vollständigere
+Entwicklung der Natur oder der Idee der Person erreicht wird. Von
+Klopstock sagt er einmal, er wäre, „von der sinnlichen wie von der
+sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Jüngling“ gewesen. Daß er so die
+sinnliche Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet, zeigt einen
+Sittlichkeitsbegriff, der über die Moral im engeren Sinne weit hinausgeht:
+er deutet damit an, daß die sinnliche Reinheit noch lange keine sittliche
+vielleicht sogar, daß die sittliche noch keine sinnliche zu sein braucht.
+So sind auch seine Vorstellungen über das Verhältnis der Geschlechter oder
+über die Taten Napoleons oder über die Verbindung des Einzelnen mit seiner
+Nation sicher den gewöhnlichen ethischen Idealen keineswegs adäquat; sie
+werden eben ganz von dem darüber gelegenen Ideal der Natur beherrscht: daß
+der Mensch — so könnte man in Goethes Sinne sagen — seine Triebe und
+Anlagen in der Art und mit der Auswahl zu entwickeln habe, daß ein Maximum
+von Gesamtentwicklung herauskommt. Da das Sein und der Wert nichts
+Getrenntes sind — „am Sein erhalte dich beglückt!“ — so ist die höchste
+Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren tiefsten Ausdruck scheint
+mir diese übermoralische Moral in dem folgenden merkwürdigen Satz zu
+gewinnen: „Was die Menschen gesetzt haben (nämlich als Gesetze), das will
+nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen,
+das ist immer am Platz, recht oder unrecht.“ Über den Gegensatz von Recht
+und Unrecht, also über den am Kriterium der Moral entstandenen, stellt er
+hier einen höheren Begriff: das „Passen“, d. h. die Fähigkeit der
+Einzelheit, sich in den letzten, höchsten Zusammenhang und Harmonie der
+Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste bezeichnet, wie weit
+er über den Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in dem sittlichen
+Menschen den Endzweck der Welt, den alleinigen, absoluten Wert. Der
+sittliche Mensch hat für ihn etwas Unendliches, weil er die Lösung eines
+eigentlich unlösbaren Konflikts ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt
+es für Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht sein Absolutes und
+Letztes sein, sondern nur eines der Lebensprobleme und andern koordiniert
+— während sie bei Kant die schlechthin einzige Stellung einnimmt: allein
+aus der Welt des Lebens in die transszendente hinaufzureichen. Indem er
+mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage übereinstimmt, und beide
+die Glücksempfindung als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,
+bleibt Kant an dem Gegenteil haften, während Goethe sich über den ganzen
+Gegensatz erhebt und die harmonische Einheit des Seins, in der Glück und
+Unglück, Sittlichkeit und Unsittlichkeit nur einzelne Momente sind, als
+den letzten Sinn, das absolute Maß alles Lebens erkennt. Ich stehe nicht
+an, den angeführten Satz für eine der tiefsten und größten Deutungen vom
+Sinn des Daseins zu halten; er läßt uns einen fundamentalen Zusammenhang,
+eine gegenseitige Beziehung aller Dinge ahnen, in dem die Einheit der
+Natur besteht oder sich offenbart und dem gegenüber es ein kleinlicher
+Anthropomorphismus ist, in dem zufälligen Ausschnitt, den wir als Moral
+bezeichnen, den Höhepunkt des Seins zu erblicken. Und hier kann auch
+darauf hingedeutet werden, daß Goethes Weltanschauung in letzter Instanz
+nicht nur über dem Moralismus, sondern auch über dem Ästhetizismus stehen
+dürfte. Gewiß überragt das ästhetische Motiv bei ihm an Wirksamkeit alle
+in dem gleichen Niveau stehenden, und man kann es, wie wir es getan haben,
+überall zur Interpretation seines Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten
+führen darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein dennoch liegt
+unterhalb seiner eine noch tiefere, sozusagen elementarere Beschaffenheit,
+sein eigentlichstes Sein, von dem auch das künstlerische Motiv nur die
+Erscheinung und Darstellung in empirischem Material ist. Wenn sich nämlich
+das Goethesche Existenzbild so darbietet, daß die Identität von Natur und
+Geist, das pantheistische Eins in Allem, Alles in Einem — als Konsequenz
+seiner ästhetischen Grundtendenz auftritt, so kann sehr wohl im letzten
+Fundamente der Zusammenhang der umgekehrte sein: die tiefste Schicht
+seiner Natur, jenes ganz Primäre und Absolute, in dem alles eigentlich
+Benennbare des Wesens erst wurzelt, mag eben ein Gefühl von dem
+elementaren und ihn selbst einschließenden Zusammenhang alles Seins
+gewesen sein. Mehr als irgend jemand, von dem wir wissen — auch Spinoza
+nicht ausgeschlossen — scheint jene geheimnisvolle Einheit aller Existenz,
+an der die Philosophie von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt des
+Lebensgefühls selbst ausgemacht zu haben. Gerade wie man von religiös
+begeisterten Menschen sagt, daß der Gott in ihnen lebt, so war offenbar in
+seinem subjektiven Existenzgefühl dasjenige lebendig, was man, um irgend
+einen Ausdruck dafür zu haben, nur die metaphysische Einheit der Dinge
+nennen kann; ja, daß sie so in ihm lebt, das machte ihn eben aus, das war
+er. Dieser Bestimmtheit seines Seins überhaupt gegenüber, die sich im
+Selbstbewußtsein erst _spiegelt_, erscheint seine künstlerische Anschauung
+und Betätigung doch nur als das Verhältnis, das eine so qualifizierte
+Natur zu der besonderen Richtung ihrer Talente, zu ihrer kulturell und
+historisch bestimmten Umgebung, zu äußeren Anregungen und
+Betätigungsmöglichkeiten gewinnt, als ein _Ausdruck_ seines eigentlichen
+Wesens, aber nicht als das Wesen selbst. Als Existenz überhaupt, gleichsam
+als Substanz, mit der er in die Formen und Bewegungen der Welt eintritt,
+steht er jenseits des Ästhetischen, das sich vielmehr erst im
+Zusammenschlage jener mit diesen Formen und Bewegungen ergab und sein
+empirisches Bild gestaltete. Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des
+Lebens, auf die man schließlich nur von einer unüberwindlichen Distanz her
+hindeuten, die man aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen kann,
+muß der merkwürdigen Äußerung zugrunde liegen, die er zu Eckermann tut,
+als von seiner Theaterleitung und den vielen für sein künstlerisches
+Schaffen dadurch verlorenen Jahre die Rede ist. Im Grunde gereue ihn
+dieser Verlust doch nicht, sagt er. „Ich habe all mein Wirken und Leisten
+immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich
+gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“ So erscheint
+ihm selbst also sein künstlerisches Tun als ein bloßes Sich-Ausprägen,
+Sich-Umsetzen einer tiefer gelegenen Realität, statt dieses Letzte,
+eigentlich Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von hier aus verstehen
+wir nun noch gründlicher sein fortwährendes Drängen auf praktische
+Betätigung, sein Fühlen und Werten seiner selbst als handelnden Wesens.
+Denn das Handeln ist die Form, durch die jener absolute Urgrund des
+persönlichen Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die deshalb im
+allerumfassendsten Sinn die Einheit des Subjektiven und Objektiven
+ausmacht, das in der bloßen Theorie getrennt, einander gegenübergestellt
+erscheint.
+
+ [Illustration: HANS HOLBEIN D.J.
+ _Paris: Louvre_
+ ERASMUS VON ROTTERDAM.]
+
+Wenn für ihn nach alledem die Aufgabe des Menschen nur ist, seine Kräfte
+bis zum vollen Ausschöpfen aller Möglichkeiten zu entwickeln, damit
+gleichsam die Natur in ihm zu ihrem vollen Sinn komme, so zeigt doch jeder
+Blick auf das empirische Leben, daß es die Zeit und die Bedingungen zu
+einer so vollständigen Entwicklung nur sehr wenigen, vielleicht niemandem
+gewährt. In Wirklichkeit ist dies eine der fürchterlichen
+Menschentragödien, daß die menschlichen _Kräfte_ sich in menschlichen
+_Verhältnissen_ nicht vollkommen ausleben und entfalten können. Was als
+Begabung, als Spannkraft in uns lebt — ganz abgesehen von Velleitäten —,
+könnte nur durch den merkwürdigsten Zufall die Möglichkeit restloser
+Bewährung finden; es fehlt hier, sichtbarer als sonstwo, wie vorbestimmte
+Harmonie oder die nachbestimmende Anpassung. Und es handelt sich nicht nur
+darum, daß das vollendete Werk Befriedigung auf uns zurückstrahle, sondern
+um diejenige eigentlich unerläßliche Genugtuung, die in der Lösung der
+gespannten Kräfte, in der Funktion, die unser Können ganz zum Ausdruck
+bringt, gelegen ist. Wo diese Inkommensurabilität zu vollem Bewußtsein
+gelangt, muß der Mensch untergehen. Das drückt Faust aus; bliebe er in
+seinen ursprünglichen empirischen Verhältnissen, so würde er sich
+verzehren, die unentfalteten Kräfte würden ihn töten. Das Bündnis mit
+Mephisto, die Herstellung seines Lebenswerkes durch dämonische Kräfte ist
+nur die positive Wendung davon: überempirische Verhältnisse müssen
+herbeigerufen werden, um die Entwicklung der Kräfte zu ermöglichen. Aus
+der Forderung an die Natur, daß es bei diesem Widerspruch nicht sein
+Bewenden haben könnte, entspringt die bekannte Äußerung zu Eckermann über
+die Unsterblichkeit: „Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die
+Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die
+jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag.“ Und eine spätere
+Bemerkung betont nochmals den besonderen Sinn und Grund dieser
+Unsterblichkeit: wir seien zwar unsterblich, aber doch nicht alle „auf
+gleiche Weise“; vielmehr nur nach dem Maße der Kraft, die wir einzusetzen
+und auszuleben haben.
+
+ [Illustration: REMBRANDT
+ BÜRGERMEISTER SIX]
+
+Es ist nun sehr merkwürdig, wie auch an diesem Punkt Kantische Argumente
+eine äußere Ähnlichkeit mit den Goetheschen zeigen, bei völliger Divergenz
+der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte fest, daß wir, als endliche und
+natürliche Wesen, den Trieb nach Glückseligkeit als eine nicht zu
+leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in uns finden, gerade wie als
+moralische Wesen die Forderung des Sittengesetzes. Über diesen beiden
+Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer Harmonie: die Weltordnung
+wäre nichts als eine große Dissonanz, wenn nicht das Maß des genossenen
+Glücks dem Maß der sittlichen Vollendung entspräche. Tatsächlich aber ist
+diese Proportion im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit
+und Glückseligkeit zeigt die Erfahrung keinerlei gerechtes und
+harmonisches Verhältnis. Da man aber an dieser Unerträglichkeit
+schlechthin nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung der Dinge als ein
+Definitivum aufbürden kann, so postuliert Kant die Unsterblichkeit der
+Seele, weil sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen eines
+Gottes ihre Vollendung: die Harmonie ihres sittlichen und ihres
+eudämonistischen Seins finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche
+Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche Unsterblichkeitslehre
+vollzieht; beide finden in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens
+gewisse Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren Erfüllung dasselbe
+unter den empirischen Verhältnissen nicht gelangen kann; da sie aber bei
+diesem Widerspruch nicht stehen bleiben können, so fordern sie von der
+Ordnung der Dinge, das Versprechen, das sie mit der Organisation unseres
+Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits einzulösen. Nun aber
+zeigt sich sofort die tiefe Unterschiedenheit der Weltbilder: für Goethe
+könnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns Kräfte zu verleihen,
+denen sie die Entwicklung abschneidet (so sehr fällt ihm objektiv die
+Wirklichkeit mit dem Geist zusammen, daß er in bezug auf die subjektiven
+Formen beider behauptet, alles Falsche wäre auch geistlos!); für Kant
+könnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der Sittlichkeit ihr
+Äquivalent vorzuenthalten. Kant fordert die Unsterblichkeit, weil die
+empirische Entwicklung des Menschen einer Idee nicht genügt, Goethe, weil
+sie den wirklich vorhandenen Kräften nicht genügt; Kant, weil die an sich
+getrennten Elemente, Sittlichkeit und Glückseligkeit, doch eine Einheit
+gewinnen müßten, Goethe, weil der ganze einheitliche Mensch doch das in
+Wirklichkeit werden müßte, was er der Möglichkeit nach von vornherein sei.
+Man erkennt auch hier, daß Kant die Elemente des menschlichen Wesens
+außerordentlich weit auseinander treibt, so daß sie nur in ganz fernen und
+neuen Dimensionen und Ordnungen sich wieder zusammenfinden können, während
+diese Einheit für Goethe in unserer unmittelbaren Wirklichkeit gegeben ist
+und es sich sogar in der Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente
+Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen handelt. Der Übergang der
+Seele von dem irdischen in den transszendenten Zustand ist für Kant der
+radikalste, für den sein Denken Raum hat, für Goethe ein Fortschreiten in
+ungeänderter Richtung, ein bloßes Freiwerden vorhandener Energien. Auch
+dieser vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen spiegelt ebenso
+den Rhythmus des Kantischen Wesens, das die Momente des Seins
+untereinander und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb oder
+unterhalb der Wirklichkeit wieder zu versöhnen, wie den des Goetheschen,
+für den das Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein ein
+einheitliches ist. Hier wie überall ist das Schema ihrer Divergenzen dies,
+daß Kant der Entwicklung eines analytischen Zustandes, Goethe der eines
+synthetischen nachgeht. Goethe steht mit dem gesteigertsten Bewußtsein und
+der vertieftesten Begründung auf dem Boden undifferenzirter
+Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen Bewegungen gewesen
+ist. Kant akzentuiert die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen ist;
+gegenüber jenem sozusagen paradiesischen Zustand — wenngleich es nur ein
+paradise regained ist — hat bei ihm das scientes bonum et malum die
+äußerste Schärfe erlangt, die Einheit, die er gewinnt, trägt die Spuren
+der Entzweiung, die Nähte sind nicht völlig verwachsen.
+
+Aber eben jener Flug an ein äußerstes Ziel des Betrachtens und Empfindens
+der Welt hat Goethe über so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen, die
+das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht übergehen kann; so mögen auf
+dem Zickzackweg der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der Richtung
+des Goetheschen Weges, selbst wenn diese die definitive und objektiv
+richtig wäre, direkt entgegenlaufen. Und so steht es in der Wissenschaft
+der letzten hundert Jahre. Denn diese will — oder wollte wenigstens —
+wirklich der Natur ihre Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben
+abzwingen; sie will wirklich das Wahrheitsinteresse davon ganz unabhängig
+machen, ob es die Schönheit der Erscheinung zerstört oder nicht; sie will
+wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern von möglichst
+atomisierten Elementen ihren Ausgang nehmen; sie sieht wirklich den
+seelenlosen Mechanismus zweckfremder Stoffe und Kräfte als ihr einziges
+Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt aller Sinn, alle
+übermechanische Bedeutung derselben _hinter_ der Erscheinung, in dem Reich
+des Intelligiblen, das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie und
+nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen noch im Ethischen
+jenes Zutrauen zu dem unmittelbar harmonischen Verhältnis zwischen der
+Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen Kant der Mitbegründer
+und Genosse des modernen wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in
+allem Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah, wie Mathematik darin
+ist, und der andrerseits die Gültigkeit der Mathematik auf die Form
+menschlicher Anschauung beschränkte und allem absprach, was nicht
+unmittelbar erscheinen kann; er, der den Geist und Zweck in der Natur für
+eine bloße „subjektive Maxime“ ihrer Beurteilung erklärte, die ihr eigenes
+Sein gar nicht berührte; er, der das Auseinanderklaffen unserer tiefsten
+Wesensbedürfnisse mit erbarmungsloser Schärfe erkannte, um dem Verlangen
+nach ihrer Harmonie schließlich das Almosen eines transszendirenden
+_Glaubens_ zu gewähren. Wir können uns nicht verhehlen, daß die Gleichung
+zwischen diesen beiden Weltanschauungen noch nicht gefunden ist, so sicher
+erst mit ihr alles erfüllt wäre, was wir von unserem geistigen Verhältnis
+zur Welt begehren. Denn nicht so etwa stehen sie sich gegenüber, daß die
+eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des Weltbildes zuführte;
+vielmehr, wodurch würde die Wahrheit als eine Partei in diesen Streit
+eintreten und unser Interesse fordern dürfen, wenn sie nicht auch ein
+_Wert_ wäre? — so daß die Frage im letzten Grund zwischen zwei
+Wertgefühlen steht. Vielleicht aber ist sie überhaupt falsch gestellt,
+wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider sucht; vielleicht ist es
+der eigentliche Rhythmus und Formel des modernen Lebens, daß die
+Grenzlinie zwischen der mechanistischen und der idealistischen Auffassung
+der Welt in fortwährendem Fließen bleibe, so daß die Bewegung zwischen
+ihnen, der Wechsel ihrer Ansprüche auf das Einzelne, die Entwicklung ihrer
+Gegenwirkungen ins Unendliche dem Leben den Reiz gewährt, den wir von der
+unauffindbaren definitiven Entscheidung zwischen ihnen erhofften. Das ist
+freilich Epigonentum; aber es ist auch die äußerste Ausgestaltung und
+Ausnützung der Gunst, die die Natur der Dinge den Epigonen gewährt: daß,
+wenn ihnen die Größe der Einseitigkeit entgeht, sie dafür der
+_Einseitigkeit_ der Größe entgehen können.
+
+ [Illustration: AUGUSTE RODIN.
+ _Ny Carlsberg Glyptothek._
+ DER DENKER.]
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+
+ DIE KULTUR
+
+
+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
+
+Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT
+
+Band Erschienen:
+
+ 1. ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN.
+ 2. DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE.
+ 3. DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE.
+ 4. DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR.
+ 5. ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF.
+ 6. VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI.
+ 7. ERZIEHUNG ZUR SCHÖNHEIT v. M. N. ZEPLER.
+ 8. LANDSTREICHER von HANS OSTWALD.
+ 9. FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT.
+ 10. KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL.
+ 11. DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE.
+ 12. SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM.
+ 13. LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.
+
+ _Weitere Bände in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, Faksimiles und Porträts,
+kartoniert_
+_in Leder gebunden_ _M. 3.—_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50.
+
+
+
+
+ DIE MUSIK
+
+
+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
+
+Herausgegeben von RICHARD STRAUSS
+
+Band _Bisher erschienen:_
+
+_ 1. Beethoven_ von August Göllerich
+_ 2. Intime Musik_ von Oscar Bie
+_ 3. Wagner-Brevier_ herausgegeben von Hans von Wolzogen
+_ 4. Geschichte der französischen Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 5. Bayreuth_ von Hans von Wolzogen
+_ 6. Tanzmusik_ von Oscar Bie
+_ 7. Geschichte der Programm-Musik_ von Wilhelm Klatte
+_ 8. Franz Liszt_ von August Göllerich
+_ 9. Die russische Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 10. Hector Berlioz_ von Max Graf
+_ 11. Paris als Musikstadt_ von Romain Rolland
+_ 12. Die Musik im Zeitalter der Renaissance_ von Max Graf
+_13.‑14. J. B. Bach_ von Ph. Wolfrum
+_ 15. Schaffen und Bekennen_ von Ernst Decsey
+_16.‑17. Das deutsche Lied_ von Herm. Bischoff
+_ 18. Die Musik in Böhmen_ von Richard Batka
+_ 19. Rob. Schumann_ von Ernst Wolff
+_ 20. Georges__ Bizet_ von A. Weissmann
+
+ _Weitere Bände in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen und Vollbildern in Tonätzung kart._
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.—_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
+
+
+
+
+ DIE KUNST
+
+
+SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN
+
+Herausgegeben von RICHARD MUTHER
+
+Band _Bisher erschienen:_
+
+_ 1. Lucas Cranach_ von Richard Muther
+_ 2. Die Lutherstadt Wittenberg_ von Gurlitt
+_ 3. Burne-Jones_ von Malcolm Bell
+_ 4. Max Klinger_ von Franz Servaes
+_ 5. Aubrey Beardsley_ von Rudolf Klein
+_ 6. Venedig als Kunststätte_ von Albert Zacher
+_ 7. Manet und sein Kreis_ von Meier-Graefe
+_ 8. Die Renaissance der Antike_ von R. Muther
+_ 9. Leonardo da Vinci_ von Richard Muther
+_ 10. Auguste Rodin_ von Rainer Maria Rilke
+_ 11. Der mod. Impressionismus_ von Meier-Graefe
+_ 12. William Hogarth_ von Jarno Jessen
+_ 13. Der Japanische Farbenholzschnitt_ von Friedrich Perzyński
+_ 14. Praxiteles_ von Hermann Ubell
+_ 15. Die Maler_ von _Montmartre_ [Willette, Steinlen, T. Lautrec,
+ Léandre] von Erich Klossowski
+_ 16. Botticelli_ von Emil Schaeffer
+_ 17. Jean François Millet_ von Rich. Muther
+_ 18. Rom als Kunststätte_ von Albert Zacher
+_ 19. James Mc. N. Whistler_ von Hans W. Singer
+_ 20. Giorgione_ von Paul Landau
+_ 21. Giovanni Segantini_ von Max Martersteig
+_ 22. Die Wand und ihre künstlerische Behandlung_ von Oscar Bie
+_ 23. Velasquez_ von Richard Muther
+_ 24. Nürnberg_ von Hermann Uhde-Bernays
+_ 25. Constantin Meunier_ von Karl Scheffler
+_ 26. Über Baukunst_ von Cornelius Gurlitt
+_ 27. Hans Thoma_ von Otto Julius Birnbaum
+_ 28. Psychologie der Mode_ von W. Fred
+_ 29. Florenz und seine Kunst_ von G. Biermann
+_ 30. Francisco Goya_ von Richard Muther
+_ 31. Phidias_ von Hermann Ubell
+_ 32. Worpswede_ von Hans Bethge
+_ 33. Jean Honoré Fragonard_ von W. Fred
+_ 34. Handzeichnungen alter Meister_ von O. Bie
+_ 35. Andrea del Sarto_ von Emil Schaeffer
+_ 36. Moderne Zeichenkunst_ von Oscar Bie
+_ 37. Paris_ von Wilhelm Uhde
+_ 38. Pompeji_ von Eduard von Mayer
+_ 39. Moritz von Schwind_ von Otto Grautoff
+_ 40. Michelagniolo_ von Hans Mackowsky
+_ 41. Dante Gabriel Rossetti_ von Hans W. Singer
+_ 42. Albrecht Dürer_ von Franz Servaes
+_ 43. Der Tanz als Kunstwerk_ von Oscar Bie
+_ 44. Cellini_ von W. Fred
+_ 45. Präraffaelismus_ von Jarno Jessen
+_ 46. Donatello_ von W. Pastor
+_ 47. Félicien Rops_ von Franz Biel
+_ 48. Korin_ von Friedrich Perzyński
+
+ _Weitere Bände in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, in Heliogravüre, Farbendruck etc.,
+kartoniert_
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.—_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
+
+
+
+
+ DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 30: „daß“ geändert in „das“
+ Seite 41: „grossen“ geändert in „großen“
+ Seite 70: „transzendirenden“ geändert in „transszendirenden“
+ Werbeseiten: „Georgaes“ geändert in „Georges“, „Perzynski“ in
+ „Perzyński“
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+February 6, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 35192‐0.txt or 35192‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/1/9/35192/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you
+share it without charge with others.
+
+
+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
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+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase
+„Project Gutenberg“ appears, or with which the phrase „Project Gutenberg“
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
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+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+ 1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase „Project Gutenberg“ associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
+
+
+ 1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than
+„Plain Vanilla ASCII“ or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original „Plain Vanilla ASCII“ or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ „Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.“
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg™ works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the „Right of
+Replacement or Refund“ described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file
diff --git a/35192-0.zip b/35192-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..ee47371
--- /dev/null
+++ b/35192-0.zip
Binary files differ
diff --git a/35192-8.txt b/35192-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..cc2b86b
--- /dev/null
+++ b/35192-8.txt
@@ -0,0 +1,1980 @@
+The Project Gutenberg EBook of Kant und Goethe by Georg Simmel
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Kant und Goethe
+
+Author: Georg Simmel
+
+Release Date: February 6, 2011 [Ebook #35192]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Umschlagseite]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ SAMMLUNG ILLUSTRIERTER
+ EINZELDARSTELLUNGEN
+
+ HERAUSGEGEBEN VON
+ CORNELIUS GURLITT
+
+ ZEHNTER BAND
+
+ [Illustration: Monogramm]
+
+ [Illustration: _Giorgio Barbarelli_:
+ DIE DREI MORGENLNDISCHE WEISEN
+ _Wien: Kaiserliche Gemldegalerie_]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Titelseite]
+DIE KULTUR
+
+
+KANT UND
+GOETHE
+ VON
+ GEORG SIMMEL
+
+_MIT EINER HELIOGRAVRE_
+_UND ZWLF VOLLBILDERN_
+_IN TONTZUNG_
+
+BARD MARQUARDT & CO. BERLIN
+
+
+HERAUSGEGEBEN
+von
+CORNELIUS GURLITT
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ Published November 15. 1906. Privilege of Copyright in the
+ United States reserved under the act approved March 3. 1905 by
+ Bard, Marquardt & Co. in Berlin
+
+
+
+
+
+ _AUGUSTE RODIN_
+
+ _DEM BILDHAUER_
+
+ _ZUGEEIGNET_
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+
+In die Zustnde der Halbkulturen, aber auch in die Kultur vor der
+Herrschaft des Christentums pflegen wir die Einheit von Lebenselementen zu
+verlegen, die die sptere Entwicklung auseinandergetrieben und zu
+Gegenstzen ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen
+Existenzbedingungen, so unbarmherzig die Vergewaltigung des Individuums
+durch die gesellschaftlichen Forderungen gewesen sein mag -- zu dem Gefhl
+einer fundamentalen Spaltung innerhalb des Menschen und innerhalb der
+Welt, zwischen dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem Verfall der
+klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen zu sein. Das Christentum
+erst hat den Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch, zwischen dem
+natrlichen Sein und den Werten, zwischen dem eigenwilligen Ich und dem
+Gott, dem Eigenwille Snde ist, bis in das Letzte der Seele hinein
+empfunden. Aber da es eben Religion war, hat es mit derselben Hand, mit
+der es die Entzweiung stiftete, die Vershnung gereicht. Es mute erst
+seine bedingungslose Macht ber die Seelen verlieren, seine Lsung des
+Problems mute erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden sein,
+ehe das Problem selbst in seiner ganzen Weite auftrat. Da der Mensch von
+Grund aus ein dualistisches Wesen ist, da Entzweiung und Gegensatz die
+Grundform bildet, in die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die
+deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung und Lebendigkeit
+bedingen -- das hat das Bewutsein erst nach der Renaissance als seine
+gide erfat. Mit diesem Herabreichen des Gegensatzes in die tiefste und
+breiteste Schicht unser und unseres Bildes vom Dasein wird die Forderung
+seiner Vereinheitlichung umfassender und heftiger; indem sich das innere
+und uere Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es nach einem um so
+krftigeren, um so lckenloseren Bande, das ber den Fremdheiten der
+Seinselemente ihre trotz allem gefhlte Einheit wieder begreiflich mache.
+
+Zunchst ist es das Gegenber von Subjekt und Objekt, das die Neuzeit zu
+schrfstem Gegensatz herausarbeitet. Das denkende Ich fhlt sich souvern
+gegenber der ganzen, von ihm vorgestellten Welt, das: "ich denke, und
+also bin ich" wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit des
+Daseins. Aber andrerseits hat diese objektive Welt doch eine unbarmherzige
+Tatschlichkeit, das Ich erscheint als ihr Produkt, zu der ihre Krfte
+sich nicht anders als zu der Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke
+verwebt haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt der Natur, sondern
+auch die der Gesellschaft. In ihr fordert der Einzelne das Recht der
+Freiheit und Besonderheit, whrend sie ihn nur als ein Element, das ihren
+berpersnlichen Gesetzen untertan ist, anerkennen will. In beiden Fllen
+droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder von einer ihm fremden
+Objektivitt verschlungen zu werden oder in anarchistische Willkr und
+Isolierung zu verfallen. Neben oder ber diesen Gegensatz stellt die
+moderne Entwicklung den zwischen dem natrlichen Mechanismus und dem Sinn
+und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft deutet, seit Galilei und
+Kopernikus, das Weltbild mit steigender Konsequenz als einen Mechanismus
+von strenger, mathematisch ausdrckbarer Kausalitt. Mag dies noch
+unvollkommen durchgefhrt sein, mgen Druck und Sto, auf die alles
+Weltgeschehen schlielich reduzierbar schien, noch anderen Prinzipien
+neben sich Raum geben -- dieses Geschehen bleibt prinzipiell ein
+naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben von Stoffen und
+Energien, ein abrollendes Uhrwerk, das aber nicht, wie das von Menschen
+konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken dient. Durch das
+mechanistisch-naturwissenschaftliche Prinzip scheint die Wirklichkeit in
+vlligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser Wirklichkeit bis dahin
+Sinn zu geben schien: sie hat keinen Raum mehr fr Ideen, Werte, Zwecke,
+fr religise Bedeutung und sittliche Freiheit. Aber da der Geist, das
+Gemt, der metaphysische Trieb ihre Ansprche an das Dasein nicht
+aufgeben, so erwchst dem Denken, mindestens seit dem 18. Jahrhundert, die
+groe Kulturaufgabe, die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,
+Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher Objektivitt und der
+gefhlten Wertbedeutung des Lebens und der Dinge auf einer hheren Basis
+wiederzugewinnen.
+
+
+
+
+
+Von zwei prinzipiellen Gesinnungen, die in sehr mannigfaltigen
+Ausgestaltungen die Kultur durchziehen, gehen die nchstliegenden
+Vereinheitlichungen des Weltbildes aus; von der materialistischen und der
+spiritualistischen -- jene alles Geistige und Ideelle in seiner
+Sonderexistenz leugnend und die Krperwelt mit ihrem ueren Mechanismus
+fr das allein Seiende und Absolute erklrend, diese umgekehrt alles
+uerlich-Anschauliche zu einem nichtigen Schein herabsetzend, und in dem
+Geistigen mit seinen Werten und Ordnungen die ausschlieliche Substanz des
+Daseins erblickend.
+
+Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen gebildet, deren
+Einheitsgedanke jenem Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische
+und die Goethesche. Es ist die ungeheure Tat Kants, da er den
+Subjektivismus der neueren Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine
+Unzurckfhrbarkeit auf das Materielle zu ihrem Gipfel hob, ohne dabei die
+Festigkeit und Bedeutsamkeit der objektiven Welt im geringsten
+preiszugeben. Er zeigte, da zwar alle Gegenstnde des Erkennens fr uns
+in nichts anderem bestehen knnen, als in den erkennenden Vorstellungen
+selbst, und da alle Dinge fr uns nur als Vereinigungen sinnlicher
+Eindrcke, also subjektiver, durch unsere Organe bestimmter Vorgnge
+existieren. Aber er zeigte zugleich, da alle Zuverlssigkeit und
+Objektivitt des Seins gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich
+wrde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind als unsere Vorstellungen, kann
+unser Vorstellen, ber das wir niemals hinausknnen, uns ihrer sicher
+machen; nur so knnen wir unbedingt Notwendiges von ihnen aussagen,
+nmlich die Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von ihnen, weil
+sie eben unsere Vorstellungen sind, unbedingt gelten mssen. Mten wir
+darauf warten, da die Dinge, uns wesensfremde Existenzen, in unsern Geist
+von auen hineingeschttet wrden, wie in ein passiv aufnehmendes Gef,
+so knnte das Erkennen nie ber den Einzelfall hinausgehen. Indem nun aber
+die vorstellende Ttigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze
+unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge selbst. Das Ich, die nicht
+weiter erklrliche Einheit des Bewutseins, bindet die sinnlichen
+Eindrcke zu Gegenstnden der Erfahrung zusammen, die unsere objektive
+Welt restlos ausmachen. Dahinter, jenseits aller Mglichkeit des
+Erkennens, mgen wir uns die Dinge-an-sich denken, d. h. also die Dinge,
+die nicht mehr _fr uns_ da sind; und in ihnen mgen fr unsere Phantasie
+alle Trume der Vernunft, des Gemts, der Idealbildung verwirklicht sein,
+whrend sie in der Welt unserer Erfahrungen, die fr uns allein Objekt
+sein kann, keine Stelle finden.
+
+ [Illustration: IMMANUEL KANT
+ _Nach dem Gemlde von Dbler_
+ _Knigsberg: Totenkopfloge_]
+
+Genauer angesehen, ist die Kantische Lsung des Hauptproblems, des
+Dualismus von Subjekt und Objekt, Geistigkeit und Krperlichkeit, die: da
+diesem Gegensatz die Tatsache des Bewutseins und Erkennens berhaupt
+untergebaut wird; die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, da wir sie
+_wissen_. Denn die Bilder, in denen wir uns selbst erkennen und fr uns
+selbst existieren, sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen
+eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen ist. Krper und Geist
+sind empirische Phnomene innerhalb eines allgemeinen
+Bewutseinszusammenhangs aneinander gebunden durch das Faktum, da sie
+beide vorgestellt werden und den gleichen Bedingungen des Erkennens
+unterliegen. In der Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie
+unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander zurckfhrbar, weder der
+Materialismus, der den Geist durch den Krper, noch der Spiritualismus,
+der den Krper durch den Geist erklren will, sind zulssig, jedes mu
+vielmehr nach den ihm allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber
+dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden _eine_
+Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden Bewutsein berhaupt, dem sie
+erscheinen, und seiner Einheit zusammengehalten werden, und weil jenseits
+beider die zwar nie erkennbaren, aber doch immerhin denkbaren
+Dinge-an-sich ruhen; und diese mgen -- so knnen wir _glauben_ -- in ihrer
+Einheit den Grund jener Erscheinungen bewahren, die nun, von unseren
+Erkenntniskrften gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit von Geist und
+Krper, von empirischem Subjekt und empirischem Objekt auseinandergehen.
+Whrend also die uere Natur, als Objekt fr uns, keine Spur von Geist
+enthalten darf, so da die vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik
+und Mathematik wre, und whrend der Geist seinerseits vllig anderen,
+immanenten Gesetzen folgt, binden die beiden Gedanken des bergreifenden,
+erkennenden Bewutseins und des Dinges-an-sich, in dem ideale Ahnungen den
+gemeinsamen Grund aller Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen
+Weltanschauung zusammen. Damit ist die
+wissenschaftlich-intellektualistische Deutung des Weltbildes auf ihren
+Hhepunkt gekommen: nicht die Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird
+fr Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung der groen
+Zweiheiten: Natur und Geist, Krper und Seele gelingt ihm um den Preis,
+nur die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen zu wollen; die
+wissenschaftliche Erfahrung mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der
+Rahmen, der alle Inhalte des Daseins in _eine_ Form: die der
+verstandesmigen Begreifbarkeit, zusammenfat.
+
+Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe die Elemente, um aus ihnen eine
+gleich beruhigende Einheit zu gewinnen. ber Goethes Philosophie kann man
+nicht von der trivialen Formel aus sprechen, da er zwar eine vollstndige
+Philosophie besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmiger
+Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das System und die Schultechnik
+fehlten ihm, sondern die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:
+unser Gefhl vom Wert und Zusammenhang des Weltganzen in die Sphre
+abstrakter Begriffe zu erheben; unser unmittelbares Verhltnis zur Welt,
+das innere Anklingen und Mitfhlen ihrer Krfte und ihres Sinnes spiegelt
+sich, wenn wir wissenschaftlich philosophieren, in dem ihm gleichsam
+gegenberstehenden Denken; dieses drckt in der ihm eigenen Sprache jenen
+Sachverhalt aus, mit dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich aber
+Goethe recht verstehe, handelt es sich bei ihm immer nur um eine
+_unmittelbare_ uerung seines Weltgefhles; er fngt es nicht erst in dem
+Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin zu objektivieren und in
+eine ganz neue Existenzart zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes
+Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und seines inneren Zusammenhanges
+nach Ideen treibt seine "philosophischen" uerungen hervor wie die Wurzel
+die Blte. Mit einem ganz freien Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht
+den Lauten, die die Lust- und Schmerzgefhle uns unmittelbar entlocken,
+whrend die wissenschaftliche Philosophie den Worten gleicht, mit denen
+man jene Gefhle sprachlich-begrifflich _bezeichnet_. Da er nun aber
+zuerst und zuletzt _Knstler_ ist, so wird jenes natrliche Sich-Geben von
+selbst zu einem Kunstwerk. Er durfte "singen, wie der Vogel singt", ohne
+da seine uerung ein unfrmig zudringlicher Naturalismus wurde, weil die
+Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete -- gerade wie das
+wissenschaftliche Erkennen von vornherein durch bestimmte
+Verstandeskategorien geformt wird, die in der sachlich vorliegenden
+Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar sind. Es ist deshalb in Hinsicht
+auf die letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen richtig, was,
+uerlich genommen, ganz unbegreiflich scheint, wenn er sagt: "Von der
+Philosophie habe ich mich immer frei erhalten." Darum wird eine
+Darstellung der Philosophie Goethes bis zu einem gewissen Grad ganz
+unvermeidlich eine Philosophie _ber_ Goethe sein. Nicht um
+Systematisierung seines Denkens handelt es sich -- das wre ihm gegenber
+ein sehr minderwertiges Unternehmen -- sondern darum, die unmittelbare
+Fortsetzung und uerung des Gefhls fr Natur, Welt und Leben bei ihm in
+die mittelbare, abgespiegelte, einer ganz anderen Region und Dimension
+angehrige Form der abstrakten Begrifflichkeit berzufhren.
+
+Der entscheidende und ihn von Kant absolut scheidende Grundzug seiner
+Weltanschauung ist der, da er die Einheit des subjektiven und des
+objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes _innerhalb ihrer
+Erscheinung selbst_ sucht. Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor
+Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt und Zeugnis geistiger
+Mchte, formender Ideen. Sein ganzes inneres Verhltnis zur Welt ruht,
+theoretisch ausgedrckt, auf der Geistigkeit der Natur und der
+Natrlichkeit des Geistes. Der Knstler lebt in der Erscheinung der Dinge
+als in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie und
+-Mechanismus, das seinem Hinnehmen und Behandeln der Welt allerdings erst
+einen Sinn gibt, mu er in der greifbaren Wirklichkeit selbst suchen, wenn
+es fr ihn berhaupt bestehen soll. Dies bestimmt seine besondere
+Bedeutung fr die Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den
+abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom Beginn des 19. Jahrhunderts
+war der Materialismus der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen nach einer
+Synthese, die beide in ihrem Gegensatz berwand, rief in den 70er Jahren
+den Ruf: zurck zu Kant! hervor. Aber die _wissenschaftliche_ Lsung, die
+dieser allein geben konnte, scheint nun als Ergnzung ihrer Einseitigkeit
+die sthetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten sthetischen
+Interessen bieten eine besondere Form, den Geist wiederum in die Realitt
+aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den Ruf: zurck zu Goethe! Fr
+ihn sind die beiden Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen
+Dualismus berwindet: er steigt nicht unter die Erscheinungen hinab, um
+sie, als bloe Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische Ich
+umschlieen zu lassen, noch kann er sich, ber sie hinweg, mit der Idee
+der Dinge an sich und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begngen.
+An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit seines geistigen Wesens,
+die ihn alles Theoretisieren ber das Erkennen perhorreszieren lt.
+
+ "Wie hast du's denn so weit gebracht?
+ Sie sagen, du habest es gut vollbracht."
+ "Mein Kind, ich habe es klug gemacht:
+ Ich habe nie ber das Denken gedacht."
+
+Und:
+
+ "Ja, das ist das rechte Gleis,
+ Da man nicht wei, was man denkt,
+ Wenn man denkt:
+ Alles ist als wie geschenkt."
+
+ [Illustration: J. W. VON GOETHE 1817.
+ _Zeichnung von F. Jagemann_
+ _Weimar: Grossh. Kunstsammlung_]
+
+Seiner im hchsten Sinne praktischen Natur war die Beschftigung mit den
+Vorbedingungen des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst, seinen
+Inhalten und Resultaten nach, nicht frderten. "Das Schlimme ist," sagt er
+zu Eckermann, "da alles Denken zum Denken nichts hilft; man mu von Natur
+richtig sein, so da die guten Einflle immer wie freie Kinder Gottes vor
+uns dastehen, und uns zurufen: da sind wir." Die Abneigung gegen
+Erkenntnistheorie, die aus solchen Grnden der psychologischen Praxis
+hervorging, entfernte ihn vllig von dem Kantischen Weg, in den
+Bedingungen des Erkennens, in dem Bewutseinszusammenhang, der die
+empirische Welt trgt, die Vershnung ihrer Diskrepanzen zu suchen. Das
+Absolute aber, in dem diese gefunden wird, aus der Erscheinung heraus in
+die Dinge-an-sich zu verlegen, wrde fr ihn die Welt sinnlos machen.
+"Vom Absoluten im theoretischen Sinne wag' ich nicht zu reden; behaupten
+aber darf ich: da, wer es _in der Erscheinung_ anerkannt und immer im
+Auge behalten hat, sehr groen Gewinn davon erfahren wird." Und ein
+andermal: "Ich glaube einen Gott. Das ist ein schnes und lbliches Wort;
+aber Gott anerkennen, wie und wo er sich _offenbare_, das ist eigentlich
+die Seligkeit auf Erden." Nicht auerhalb der Erscheinungen, sondern _in_
+ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip des Ich und das des
+Objekts zusammen. Dieser anschauende Glaube, ohne den es berhaupt kein
+Knstlertum gbe, hat in ihm sein uerstes, das ganze Weltfhlen
+durchdringende Bewutsein erlangt, da er, als die hchste Artistennatur,
+die wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener Gegensatz die
+maximale Spannung und damit das maximale Vershnungsbedrfnis erreicht
+hatte. Goethe, der "Augenmensch", war seiner Natur nach zu sehr Realist,
+um die Wirklichkeit zu ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen
+Erscheinung Darstellung der Idee wre; Kant war zu sehr Idealist, um die
+Welt ertragen zu knnen, wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem
+spezifischen Sinn der philosophischen Terminologie) nicht die Wirklichkeit
+ausgemacht htte.
+
+Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen, die doch dem gleichen
+Problem gegenberstehen, tritt in dem Verhltnis hervor, das sie beide zu
+dem berhmten Satz Hallers haben, da "kein erschaffener Geist ins Innere
+der Natur dringt". Beide bekmpfen ihn mit frmlicher Entrstung, weil er
+jenen Abgrund zwischen Subjekt und Objekt verewigen mchte, den es gerade
+auszufllen galt. Aber auf wie verschiedene Motive hin! Fr Kant ist der
+ganze Ausspruch von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit eines
+Objekts beklagt, das es gar nicht gibt. Denn da die Natur berhaupt nur
+Erscheinung, d. h. Vorstellung in einem vorstellenden Subjekt ist, so hat
+sie berhaupt kein Inneres. Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung
+sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Beobachtung und Zergliederung
+der Erscheinungen wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf dasjenige
+bezieht, was hinter aller Natur liegt, also nicht mehr Natur, weder ihr
+ueres noch ihr Inneres ist -- so ist sie nicht weniger tricht, weil sie
+etwas zu erkennen verlangt, was seinem Begriff nach sich den Bedingungen
+des Erkennens entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine bloe Idee,
+die niemals angeschaut, also auch nicht erkannt werden kann. Goethe
+hingegen, solcher erkenntnistheoretischen berlegung ganz fern, verwirft
+jenen Spruch aus dem unmittelbaren Mitfhlen mit dem Wesen der Natur
+heraus:
+
+ Natur hat weder Kern
+ Noch Schale,
+ Alles ist sie mit einem Male.
+
+Und:
+
+ Denn das ist der Natur Gestalt,
+ Da innen gilt, was auen galt.
+
+Und:
+
+ Msset im Naturbetrachten
+ Immer eins wie alles achten,
+ Nichts ist drinnen, nichts ist drauen,
+ Denn was innen, das ist auen.
+
+Da das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste, nach dem man sich sehnen kann,
+nicht auch in der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm schlechthin
+unertrglich. Der ganze Sinn seiner knstlerischen Existenz wre ihm
+dadurch erschttert. Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhlt:
+
+ Ist nicht der Kern der Natur
+ Menschen im Herzen --
+
+so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht gleich, die die Natur und
+ihre Gesetze in das menschliche Erkenntnisvermgen, als dessen Produkte,
+hineinverlegt. Denn Goethe will sagen: das Lebensprinzip der Natur ist
+zugleich auch dasjenige der menschlichen Seele, beides sind
+gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend aus der Einheit des Seins,
+die die Gleichheit des schpferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit der
+Gestaltungen entwickelt; so da der Mensch in seinem eigenen Herzen das
+ganze Geheimnis des Seins und vielleicht auch seine Lsung zu finden
+vermag. Der ganze knstlerische Rausch der Einheit von Innen und Auen,
+von Gott und Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher Behauptungen
+ber die Dinge selbst enthlt sich Kant. Er sagt nur das ber sie aus, was
+sich aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens ergibt. Nicht weil Natur
+und Menschenseele ihrem Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann
+man das eine aus dem andern ablesen, sondern weil die Natur eine
+Vorstellung in der Menschenseele ist, so da die Form und Bewegung dieser
+allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten mu. Man kann den
+Gegensatz, um den es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen
+Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt man nach dem eigenen Wesen
+der Natur, so antwortet Kant: sie ist nur ueres, da sie ausschlielich
+aus rumlich-mechanischen Beziehungen besteht; und Goethe: sie ist nur
+Inneres, da die Idee, das geistige Schpfungsprinzip, auch ihr ganzes
+Leben ausmacht. Fragt man aber nach ihrem Verhltnis zum Menschengeist, so
+antwortet Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung in uns ist;
+und Goethe: sie ist nur ueres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf
+der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realitt haben mu. Goethe meint
+nicht, wie Kant, da das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;
+sondern da dieses, wie berall so auch im Menschengeist zu finden sei.
+Beides sind gleichsam parallele Darstellungen des gttlichen Seins, das
+sich in der Natur, dem ueren, mit derselben Realitt entwickelt, wie in
+der Seele, dem Inneren; so da die Natur ihre unbedingte uere,
+anschauliche Wirklichkeit behlt, ohne ihre Wesenseinheit mit dem
+Menschenherzen aufzugeben, und dazu nicht erst, wie von Kant, in eine
+Vorstellung in diesem verwandelt zu werden braucht. Beide stellen sich
+gleichmig jenseits des Gegensatzes von Materialismus und Spiritualismus.
+Kant, weil sein Prinzip die Materie und den Geist, die beide bloe
+Vorstellungen sind, gleichmig und gegensatzlos unter sich begreift,
+Goethe, weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt, doch unmittelbar
+eines bildeten; er meint zu Schiller, die materialistischen Philosophen
+kmen nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht zu den Krpern, "und
+da man also immer wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu bleiben
+und von seiner ungetrennten Existenz den besten, mglichen Gebrauch zu
+machen".
+
+Soll aber eine _objektive_, d. h. hier, ber dem Bewutsein gelegene
+Einheit des Seins gesucht werden, so knnte sie fr Kant nur in Gott
+liegen, den er ja auch ausdrcklich heranzieht, wo es sich um die
+Vereinigung der divergentesten Lebenselemente, der Sittlichkeit und der
+Glckseligkeit handelt: ein transszendenter Gott, ein Ding-an-sich,
+jenseits aller Anschaulichkeit des Seins. Fr Goethe aber kommt alles
+darauf an, da die Einheit der Dinge nicht jenseits der Dinge selbst
+liegt; er verwirft nicht nur den Gott, "der nur von auen stiee" -- das
+wrde auch Kant tun; sondern, indem er das "Bedrngtsein" des gttlichen
+Prinzips in der Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr wir uns
+verkrzen, wenn wir es "in eine vor unserem uern und innern Sinne
+verschwindende Einheit zurckdrngen". Er kann sich die Einheit der Welt
+nur retten, wenn sie nicht in die Einheit eines Wesens projiziert wird,
+das, indem es der ihm gegenberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,
+sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen wrde.
+
+Bei allen scheinbaren Analogien zwischen Goetheschen und Kantischen
+Anschauungen darf diese Grundverschiedenheit nie bersehen werden, da
+Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und Objekt von der Seite des Objekts
+her lst, Kant aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht des
+zuflligen und personal-differenzierten, sondern des Subjekts, das der
+berindividuelle Trger der objektiven Erkenntnis ist.
+
+Wenn Goethe also sagt:
+
+ "Wr' nicht das Auge sonnenhaft,
+ Wie knnt' die Sonne es erblicken?
+ Wr' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
+ Wie knnt' uns Gttliches entzcken?"
+
+so erscheint dies nur als eine Paraphrase der Kantischen Idee, da wir die
+Dinge der Welt nur erkennen, weil und insofern ihre Formen a priori in uns
+ruhen. Tatschlich aber ist es etwas ganz anderes. Goethe greift unter den
+Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und grndet die
+Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen auf eine Wesensgleichheit zwischen
+ihnen, wie es in primitiver Form schon Empedokles getan hatte, als er
+lehrte: dadurch, da die Elemente aller Dinge in uns selbst sind, knnen
+wir die Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser, das Feuer durch das
+Feuer in uns, den Streit in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe
+durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die Sonne, und kann sie deshalb
+erkennen -- wie man jenen Vers Kantisch interpretieren mte -- sondern Auge
+und Sonne sind gleichen objektiven Wesens, gleichberechtigte Kinder
+gttlicher Natur, und dadurch befhigt, sich miteinander zu verstndigen,
+sich ineinander aufzunehmen. Die Kantische und die Goethesche Lsung des
+Weltproblems, die erkenntnistheoretische und die metaphysische -- wobei
+Goethe sozusagen keine Metaphysik _hat_, sondern Metaphysik _ist_ --
+verhalten sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen, die uerlich
+angesehen den gleichen Inhalt und Bedeutung darbieten, von denen die eine
+aber durch die suggestive Aktivitt der einen Partei -- so da sie die
+andere gleichsam nach ihrem Bilde und ihrem Ideal des Verhltnisses formt
+-- aufrecht erhalten wird, die andere aber durch die wurzelhafte Einheit
+und natrliche Harmonie beider Parteien.
+
+ [Illustration: _LEONARDO DA VINCI._
+ _SELBSTBILDNIS_
+ _TURIN: PALAZZO REALE._]
+
+An diesem Punkt tritt die persnliche Wesensrichtung Goethes ganz
+besonders deutlich als Trger seiner Weltanschauung hervor. Als die
+glcklichste Beanlagung des Menschen in seinem Verhltnis zur Natur kann
+es wohl gelten, wenn die eigenste, nur den Bedrfnissen und Tendenzen des
+Ich folgende Entwicklung zu einem reinen Aufnehmen und Bilde der Natur
+fhrt, als ob die Krfte beider sich wie in einer prstabilierten Harmonie
+uerten, die einen den Index fr die anderen bildeten. Diese
+Konstellation traf bei Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er
+uerte und wirkte, entwickelte er nur seine Persnlichkeit; den ganzen
+Umkreis seiner Betrachtung und Deutung des Daseins erfllte er, weil er
+sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck, als ob ihm sein Bild der
+Natur, das, bei allen sachlichen Einwnden, immerhin eines von
+unvergleichlicher Geschlossenheit, Beobachtungstreue und Hoheit der
+Auffassung ist -- entstanden wre, indem er nur die eigene Richtung seiner
+mitgebrachten Denk- und Gefhlsenergien entfaltet htte. _Deshalb_ darf er
+vom Knstler fordern -- was nachher noch nher zu deuten ist -- da er
+"hchst selbstschtig" verfahre. Er schildert sich selbst, wenn er einmal
+von Winkelmann sagt: "Findet sich in besonders begabten Menschen jenes
+gemeinsame Bedrfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,
+noch in der uern Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch
+(!) das Innere vllig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man
+versichert sein, da ein fr Welt und Nachwelt hchst erfreuliches Dasein
+sich ausbreiten werde." Diese glckliche, zur objektiven Natur harmonische
+Richtung seines subjektiven Wesens rechtfertigt es, da er, obwohl dieses
+letztere mit vlliger Freiheit entfaltend, berall die Natur zum Spiegel
+der eigenen Vergeistigung machend, doch immer behaupten kann: er gbe sich
+der Natur mit der grten Selbstlosigkeit und Treue hin, er sprche nur
+aus, was sie ihm diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die die
+Unmittelbarkeit ihres Bildes trbte. Wir wissen von vielen der grten
+bildenden Knstler, und zwar solcher, die die strengste Stilisierung, die
+souvernste Umformung des Gegebenen bten, da sie sich fr Naturalisten
+hielten, ausschlielich das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.
+Tatschlich _sehen_ sie von vornherein so, da es zu dem Gegensatz
+innerhalb des unknstlerischen Lebens: zwischen der inneren Anschauung und
+dem ueren Objekt -- bei ihnen nicht kommt. Vermittelst der
+geheimnisvollen Verbindung des Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins
+ist sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen fr ihn -- und, im
+Mae seiner Genialitt, auch fr andere -- zugleich die Ausschpfung des
+objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war es tatschlich ein ganz
+einheitlicher Proze, der sich von der einen Seite als Entwicklung seiner
+eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen und Erkennen der
+Natur darstellte. Darum mu ihm die Kantische Vorstellung, da unser
+Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze vorschreibt (weil Natur erst
+dadurch fr uns entstehe, da der Verstand die Sinneseindrcke in den ihm
+eigenen Formen ausgestaltet) -- innerlich vllig fremd, ja eigentlich
+widrig sein. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt mu ihm damit unsglich
+bertrieben erscheinen: jenes viel zu selbstndig, statt demtig
+aufnehmender Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen in sie;
+dieses, mit der letzten Absolutheit seines Wesens dennoch nicht in das
+Subjekt aufgehend, der ungeheuren Anstrengung des Subjekts, es in sich
+einzuziehen, spottend. Ihm, der sein Ich von vornherein gleichsam in
+Parallelitt mit der Natur fhlte, mute es scheinen, als ob die Kantische
+Lsung dem Subjekt einerseits zuviel, anderseits zuwenig zusprche, und
+als ob sie dem Objekte einerseits Gewalt antte, statt sich ihm in Treue
+hinzugeben, whrend es ihr andrerseits doch als ein Unerfabares -- ein
+"Ding _an sich_" -- aus den Hnden glitte.
+
+ [Illustration: DER DELPHISCHE WAGENLENKER.]
+
+In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen auch in bezug auf
+die Grenzen des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit bei scheinbarer
+Verwandtschaft. Wie Kant fortwhrend die Unerkennbarkeit dessen betont,
+was die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei, so Goethe, da hinter
+allem Erforschlichen noch ein Unerforschliches liege, da wir nur "ruhig
+verehren" knnten, ein Letztes, Unsagbares, an dem unsre Weisheit ein Ende
+habe. Fr Kant bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur unsres
+Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben; fr Goethe bedeutet es nur
+jene Schranke, die aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel des
+letzten Weltgrundes hervorgeht -- wie auch der Fromme sich bescheidet, Gott
+hienieden nicht schauen zu knnen, aber nicht eigentlich, weil er sich
+prinzipiell dem Schauen entzge, sondern weil unser Schauen dazu erst
+einer im Jenseits gewhrten Steigerung, Krftigung, Vertiefung bedrfte.
+Darum sagt er:
+
+ "Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
+ Unverstanden, doch nicht unverstndlich."
+
+Von den letzten Mysterien der Natur trennt uns freilich eine unendliche
+Entfernung, aber sie liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit der
+erkennbaren Natur, weil es ja nichts als Natur gibt, die zugleich Geist,
+Idee, das Gttliche ist. Fr Kant aber liegt das Ding an sich in einer
+vllig anderen Dimension als die Natur, als das Erkennbare, und man mag in
+dieser Region bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf jene
+treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller: "Die Natur ist deswegen
+unergrndlich, weil sie nicht _ein_ Mensch begreifen kann, obgleich die
+ganze Menschheit sie wohl begreifen knnte. Weil aber die liebe Menschheit
+niemals beisammen ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern Augen
+zu verstecken." Nach den Kantischen Voraussetzungen aber ist dasjenige
+allerdings vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein der Menschheit
+vermit. Jene Formen und Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet, weil
+durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt fr uns geschaffen wird, sind
+nichts Persnliches, sondern sie sind das allgemein Menschliche in jedem
+Individuum; in ihnen liegt das Verhltnis restlos beschlossen, das die
+Menschheit berhaupt zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im
+allgemeinen gegenber bestehen also nicht jene individuellen
+Unzulnglichkeiten, die Goethe erst durch das Beisammensein aller
+auszugleichen glaubt. Deshalb ist fr Kant die Natur prinzipiell vllig
+durchsichtig und nur die Empirie ber sie ist unvollstndig. Da fr Goethe
+die Natur selbst von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist, so kommt in
+der Natur selbst der Punkt, in dem die Intensitt und Tiefe der Vorgnge
+uns weiteres Eindringen versagt; fr Kant, der das bersinnliche vllig
+aus der Natur hinausverlegt, liegt die Grenze des Erkennens nicht mehr
+innerhalb ihrer, sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhrt. Fr
+Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine quantitative, keine prinzipielle
+Inkonsequenz, wenn er gelegentlich zu Schiller uert, die Natur habe kein
+Geheimnis, das sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor
+die Augen stellte, und ein andermal meint: "Isis zeigt sich ohne Schleier
+-- nur der Mensch, er hat den Star" --, whrend Kant absolut inkonsequent
+wird, wenn er uns doch einen Blick in das Reich des Intelligiblen
+verstattet; wovon wir brigens hier nicht untersuchen, ob es ihm mit Recht
+oder Unrecht insinuiert wird.
+
+ [Illustration: MICHELANGELO.
+ SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.]
+
+Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen dieser beiden Geister nach
+ihrem Endziel bezeichnen darf -- obgleich solche letzten Ziele nur der
+Ausdruck der Wesenskrfte und ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das
+selbstndig gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die Richtung gbe -- so
+ist die Formel des Kantischen Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:
+Einheit. Fr Kant kam alles darauf an, und so lt sich seine gesamte
+Leistung zusammenfassen, die Kompetenzen der inneren Mchte, die das
+Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander abzugrenzen: der
+Sinnlichkeit ihre Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die seinige
+gegen die Vernunft, der Vernunft die ihrige gegen den
+Glckseligkeitstrieb, der Individualitt die ihre gegen das
+Allgemeingltige zu setzen; damit sind zugleich in der Objektivitt von
+Welt und Leben die Grenzstriche fr die Krfte, Ansprche und
+Bedeutsamkeiten der Dinge selbst gezogen; es gilt fr ihn, das praktische,
+wie das theoretische Leben vor den bergriffen, Ungerechtigkeiten und
+Verschwommenheiten zu schtzen, die aus dem Mangel genauer Grenzen
+zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen den objektiven Faktoren
+hervorgehen. Als so grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,
+so ist sie ihm doch sozusagen nur die natrliche Tatsache, die er
+vorfindet, und an der nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung
+zwischen den Elementen des Seins beginnt. Zu jener groen Aufgabe, das
+Subjekt mit dem Objekt in ein einheitliches Verhltnis zu setzen, brachte
+er, als Werkzeuge seiner Detailarbeit daran, von Natur gleichsam die
+Instrumente des Markscheiders mit. Ersichtlich verhlt sich der Knstler
+den Erscheinungen gegenber umgekehrt. So sehr er auch zunchst das
+verwirrende Ineinander der Qualitten, Bettigungen und Bedeutungen der
+Dinge auseinanderlegen mu, so macht doch seine innere Bewegung erst an
+der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenber alle Grenzsetzungen
+Interessen zweiten Ranges sind. Gewi ist die schlieliche Einheit der
+Elemente und damit der Weltanschauung auch fr Kant das Definitivum. Aber
+die persnliche Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin mndenden
+Bewegungen bestimmt, ist doch das Interesse an der Grenzsetzung; dies ist
+die groe Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die inneren
+Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung der Elemente ihren letzten
+Ausdruck finden: "Trennen und Zhlen", bekennt Goethe, "lag nicht in
+meiner Natur"; und ausdrcklich sagt er: "Dich im Unendlichen zu finden,
+mut unterscheiden und dann verbinden", whrend Kant die Verbindung
+vorfindet, und ihre Scheidung fr sein dringlichstes Problem hlt.
+
+Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung, so setzt sich bei Goethe das der
+Einheit aus der allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten fort.
+Indem die Einheit der Natur sich in diesen dokumentiert, mu sich unter
+ihnen eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die hchstens einer
+Abstufung des Entwicklungsmaes, aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit
+mehr Raum gibt. Ich will nur ein paar uerungen hervorheben, die zugleich
+das plumpe Miverstndnis: Goethes angebliche, hochmtig-aristokratische
+Weltanschauung zurckweisen. Er betont einmal, da zwischen dem
+gewhnlichen Menschen und dem Genie doch eigentlich nur ein sehr geringer
+Unterschied gegenber dem, was ihnen gemeinsam wre, bestnde. "Das
+poetische Talent," sagt er ein anderes Mal, "ist dem Bauer so gut gegeben
+wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, da jeder seinen Zustand ergreife,
+und ihn nach Wrden behandle."
+
+ "Wollen die Menschen Bestien sein,
+ So bringt nur Tiere zur Stube herein,
+ Das Widerwrtige wird sich mindern,
+ _Wir sind eben alle von Adams Kindern_."
+
+ [Illustration: _ALBRECHT DRER_
+ _HIERONIMUS_
+ _RADIERUNG._]
+
+Und endlich ganz umfassend: "Auch das Unnatrlichste ist Natur. Auch die
+plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben
+sieht, sieht sie nirgendwo recht." Die Einheit der Natur ergreift fr ihn
+also auch das, was nach der Skala der Werte aufs uerste einander
+entgegengesetzt scheint. Weil ueres und Inneres des gleichen Wesens
+sind, und zwischen ihren letzten Grnden keine Grenzsetzung mglich ist,
+so kann die Verschiedenheit des Maes, in dem sie sich zu den einzelnen
+Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit dieser begrnden.
+Und wie zwischen den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen. Er
+uert den "Unmut", den ihm die Lehre von den unteren und oberen
+Seelenkrften erregt habe. In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,
+ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche Rechte an einem
+gemeinsamen Mittelpunkt, der sein geheimes Dasein eben durch das
+Verhltnis aller Teile zu ihm manifestiert. "Alle Streitigkeiten der
+lteren und neueren bis zur neuesten Zeit entspringen aus der Trennung
+dessen, was Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer nicht
+berzeugt ist, da er alle Manifestationen des menschlichen Wesens,
+Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verstand zu einer
+entschiedenen Einheit ausbilden msse, der wird sich in einer
+unerfreulichen Beschrnkung immerfort abqulen." Alles dieses wrde Kant
+wohl prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser Tatsache hebt sich
+die Divergenz der Denkrichtungen am deutlichsten ab. Fr Goethe kommt es
+auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der Seelenvermgen besteht; fr
+Kant auf die Grenzen der Seelenvermgen, die trotz ihrer Einheit bestehen.
+Die Grenzsetzung ist fr ihn das unmittelbare Korrelat der Einheit; er
+sagt einmal, nachdem er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten eine
+scharfe Grenze gezogen hat: "Diese _Absonderung_ hat noch einen besonderen
+Reiz, den die _Einheit_ der Erkenntnis bei sich fhrt, wenn man verhtet,
+da die Grenzen der Wissenschaft nicht ineinanderlaufen, sondern ihre
+gehrig abgeteilten Felder einnehmen." Wenn es das Ziel jeder
+Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander und Auseinander der
+Weltelemente zu einer Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller
+berzufhren, so haben Kant und Goethe dieses gemeinsame Ziel, der eine
+durch die Gerechtigkeit der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere durch
+die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht -- und gerade darum auch
+befriedigend erreichen knnen, weil jeder von ihnen die Tatsache des
+entgegengesetzten Prinzips anerkennt.
+
+ [Illustration: _A. FEUERBACH_
+ _KONZERT_
+ _BERLIN: NATIONALGALERIE._]
+
+Fr beide wird diese Anerkennung freilich von seiten des letzten Motivs
+her begrenzt, aus dem berhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das bei
+dem einen ein wissenschaftliches, bei dem andern ein knstlerisches ist.
+Die Wissenschaft befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten Einheit
+des Weltbegriffes, kann sie aber niemals erreichen; auf welchem Punkte sie
+auch stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges in eine andre
+Denkweise: religiser, metaphysischer, moralischer, sthetischer Art -- um
+das unvermeidlich Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer vlligen
+Einheit zu ergnzen und zusammenzuschlieen. Das hat Kant sehr gut gewut,
+und er bestimmt deshalb mit groer Entschiedenheit die Schranken nicht nur
+_innerhalb_ seines Weltbildes sondern auch dieses Weltbildes selbst,
+soweit er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenber dem Ideal der
+unbedingten Einheit der Dinge. Fr Goethe andrerseits wird die Grenze, bis
+zu der die Analyse gehen darf, durch ein nicht weniger bestimmtes
+Kriterium gegeben; sie ist ihm von dem Punkt an unzulssig, wo sie die
+_Schnheit_ der Dinge zerstrt. Schnheit, so knnte man in Goethes Sinne
+sagen, ist die Form, in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich
+gegenseitig innewohnen. Da Schnheit da ist, da wir sie empfinden, dass
+wir sie selbst bilden knnen, ist die Gewhr dafr, da jene Einheit der
+Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung der Zeit suchte, ist die
+Gewhr dafr, da das geistige Subjekt und die objektive Natur sich
+begegnet sind; und sie knnen sich nur begegnen -- so darf man ihn weiter
+ausdeuten -- wenn und weil sie von vornherein identisch sind. Wir mssen
+vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt Lionardo da Vincis zurckgehen,
+um einen Zweiten zu finden, der die Welt so restlos sthetisch genossen,
+so jede Wirklichkeit zugleich als Schnheit empfunden hat. Weil Schnheit
+die Verkrperung ideellen Gehalts im realen Sein ist, so bedeutet die
+Durchgngigkeit _ihrer_ Herrschaft die Auflsung jenes fundamentalen
+Gegensatzes zwischen dem geistigen und dem natrlichen, dem subjektiven
+und dem objektiven Prinzip des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner
+Nichtigkeit. Darum findet er in der Schnheit das niemals trgende
+Kriterium fr die Richtigkeit der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die --
+uere oder intellektuelle -- Zergliederung des Objekts die Schnheit
+seiner Erscheinung nicht mehr bestehen liee, wre die Unwahrheit ihrer
+Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreien der Natur "mit Hebeln und mit
+Schrauben" ist ihm sozusagen theoretisch falsch, weil es sthetisch falsch
+ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt er sich nur schwer ab, da sie
+"doch den Eindruck einer schnen Erdoberflche vor dem Anschauen des
+Geistes zerstckelt". Daher auch sein Ha gegen die Zerstckelung Homers;
+er will ihn "als Ganzes denken", weil er nur so seine Schnheit bewahre.
+Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische Auffassung der
+Dinge zerstren, meint er:
+
+ "Was wir Dichter ins Enge bringen,
+ Wird von ihnen ins Weite geklaubt.
+ Das Wahre klren sie an den Dingen,
+ Bis niemand mehr dran glaubt."
+
+In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das kleine Gedicht: "Die
+Freude." Er entzckt sich an den Farben einer Libelle, will sie in der
+Nhe sehen, verfolgt und fat sie und sieht -- ein traurig, dunkles Blau.
+"So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!" Mit der zuweit getriebenen
+Zergliederung, die den sthetischen Genu zerstrt, entschwindet also
+nicht etwa eine Illusion, sondern das ganz reale Bild des Gegenstandes.
+Ja, seine Abneigung gegen Brillen ist schlielich doch auch nur die gegen
+das scharfe Zerfasern der Erscheinungen, gegen das Zerstren des natrlich
+schnen Verhltnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden Organ.
+Gewi mit Recht meint Helmholtz, das letzte Motiv fr seine unselige
+Polemik gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen, wo er ber die
+durch viele enge Spalten und Glser hindurchgequlten Spektra spottet, und
+die Versuche im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht nur als besonders
+ergtzlich, sondern auch als besonders beweisend preist. Die Zerstrung
+des sthetischen Bildes ist ihm zugleich die Zerstrung der Wahrheit. Die
+rechnerische Vorstellung der Dinge, wie die mathematische
+Naturwissenschaft sie durch Zerlegung in ihre, womglich qualittslosen,
+Elemente gewinnt, mu ihm wegen ihres Mankos an sthetisch-anschaulichem
+Werte ein ebenso groer Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt fr Kant
+dieses sthetische Kriterium ein solcher gegenber den Gegenstnden des
+Naturerkennens wre.
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+Der groen Zweiheit der Weltelemente, durch deren mannigfaltige
+Vershnungen hin sich die Weltanschauung der neueren Zeit entwickelt,
+steht eine andere zur Seite, die sich viel frher als jene aufarbeitet, in
+ihrem Bildungsschicksal aber mit ihr verwandt ist: der praktische
+Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen Gesamtheit, aus dem
+man die Probleme der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch hier
+beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand: die Interessen des
+Einzelnen und der Gesamtheit haben in primitiven Kulturen berhaupt noch
+keine nennenswerte oder bewute Entgegengesetztheit: der naive Egoismus
+hat zwar gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen anderen Inhalt
+als der Gruppenegoismus. Sehr bald freilich bildet sich mit der anhebenden
+Individualisierung der Persnlichkeiten ein Gegensatz zwischen beiden
+heraus, und damit die Forderung an den Einzelnen, sein persnliches
+Interesse dem der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt ein Sollen
+gegenber, der natrlichen Subjektivitt ein objektives Moralgebot. Und
+abermals erhebt sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch
+Unterdrckung der einen Seite oder durch gleichmige Befriedigung beider
+aufzuheben; wobei es sich hier ersichtlich um eine Lsung handelt, die den
+Wert des Lebens berhaupt auf sein Maximum bringe.
+
+Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe in fast genauem
+Parallelismus mit dem Verhltnis ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei
+Kant durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen besonderen
+Interesses steht, aber in der Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe
+durch eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen
+Lebenselemente, durch eine die Gegenstze einschlieende Natur des
+Menschen und der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier auf der
+vlligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft; einen Wert
+erhielte das Handeln erst dadurch, da es unter absoluter
+Rcksichtslosigkeit gegen die erstere ausschlielich der letzteren
+gehorchte. Diese aber enthlt zwei Momente: einmal die Selbstndigkeit des
+Menschen, die verneint ist, sobald sinnliche Motive uns bestimmen, deren
+Anregung und Befriedigung von auen, von der Gegenwart bestimmter Objekte
+abhngig ist; zweitens die vllige Objektivitt des Sittengesetzes, das
+mit allen individuellen Reserven, Besonderheiten und Velleitten
+schonungslos aufrumt und den ganzen Wert des Menschen ausschlielich
+darauf grndet, da er seine Pflicht erfllt, und zwar nicht nur uerlich
+erfllt, sondern auch um der Pflicht willen; sobald sich irgend ein
+anderes Motiv als dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen Wert mehr.
+Ist diese Bedingung aber erfllt, so ist der Mensch in eine hhere,
+ber-empirische Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein Handeln
+einen Wert, eine absolute Bedeutung, hinter der all sein bloes Denken und
+Erkennen, das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht, weit
+zurcksteht.
+
+ [Illustration: PUVIS DE CHAVANNES.
+ MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.]
+
+An diesem letzteren, uerst charakteristischen Punkte der Kantischen
+Lehre, dem "Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen" ist
+Goethe mit ihm vllig einverstanden. Unaufhrlich betont er, wie Handeln
+im sittlichen Sinne unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es als
+der Weisheit letzten Schlu erklrt, da man sich das Leben tglich
+praktisch erobre, wie er den Begriff des Menschen mit dem des Kmpfers
+identifiziert, so erklrt er, da er berhaupt nur _handelnd_ denken
+knne, und da ihm alle bloe Belehrung direkt verhat wre, wenn sie
+nicht zugleich seine Ttigkeit belebte. Der Primat der
+sittlich-praktischen Tchtigkeit vor aller bloen Intellektualitt und
+Theorie steht ihm ebenso fest wie Kant.
+
+Fr ihre ethische Anschauung bedeutet dies die gleiche bereinstimmung wie
+fr ihre allgemeine Weltanschauung die berwindung des oberflchlichen
+Dualismus der inneren und der ueren Natur. Aber sogleich trennen sich,
+hier wie dort, die Wege oberhalb -- oder unterhalb -- dieser gleichsam nur
+punktuellen Gemeinsamkeit. Wie fr Kant das Unerkennbare des Daseins ein
+absolutes Jenseits ist, von allem Gegebenen brckenlos geschieden, fr
+Goethe aber nur die in das Mystische sich verlierende Tiefe der
+Anschauungswelt, in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar, so doch
+ohne Sprung fhrt -- so liegt fr Kant der sittliche Wert in einer dem
+Wesen nach anderen Welt, als alles andere Dasein und seine Bedeutungen,
+von diesen aus nur durch eine radikale Wendung und "Revolution" zu
+erreichen. In der Goetheschen Anschauung aber ist der sittliche Wert mit
+den brigen Lebensinhalten in einer einheitlichen, kontinuierlich
+aufsteigenden Reihe verbunden, und sein auch fr ihn unbezweifelbarer
+Primat ist jenen gegenber der Rang des primus inter pares. Jener
+fundamentale und unvershnliche _Wertunterschied_ zwischen der sinnlichen
+und der vernnftigen Seite unseres Wesens, auf dem die ganze Kantische
+Ethik steht, mu Goethe ein Horror sein -- wie berhaupt sein eigentlicher
+Todfeind der christliche Dualismus ist, der die Sichtbarkeit der Welt und
+ihren Wert auseinanderreit. Die metaphysische Einheit der Lebenselemente
+mu sich fr ihn unmittelbar in eine Werteinheit derselben umsetzen. Da
+er, wie wir sahen, das Innere und das uere nicht trennen kann, da er
+statt der "oberen und unteren Seelenkrfte" einen gemeinsamen Mittelpunkt
+des psychischen Daseins fordert -- das entstammt doch wohl der in die
+letzten Tiefen seiner Persnlichkeit hineinreichenden und allem Beweisen
+und Widerlegen unzugnglichen Empfindung einer Gleichheit und Harmonie
+aller unserer Wesensseiten in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie
+fr ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein, flchtig oder
+abseitliegend ist, da sich nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf
+richten knnte, und da es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum
+Reprsentanten der Gesamtheit des Alls wrde, so lt es in der
+subjektiven Welt die gewaltige Einheit seines Lebensgefhles nicht zu
+einem prinzipiellen Wertunterschiede seiner einzelnen Energien kommen.
+Goethes Existenz wird durch das glcklichste Gleichgewicht der drei
+Richtungen unserer Krfte charakterisiert, deren mannigfaltige
+Proportionen die Grundform jedes Lebens abgeben: der aufnehmenden, der
+verarbeitenden, der sich uernden. In diesem dreifachen Verhltnis steht
+der Mensch zur Welt: zentripetale Strmungen, das uere dem Inneren
+vermittelnd, fhren die Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale
+Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem geistigen Leben und lassen das
+uere zu einem Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Ttigkeiten
+entladen die Krfte und Inhalte des Ich wieder in die Welt hinein.
+Wahrscheinlich hat dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare
+physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit seiner
+harmonischen Erfllung entspricht eine gewisse Verteilung der Nervenkraft
+auf diese drei Wege ihrer Bettigung. Beachtet man nun, wie sehr das
+bergewicht eines derselben die anderen und die Gesamtheit des Lebens
+irritiert, so mchte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in Goethes
+Natur als den physisch-psychischen Ausdruck fr deren Schnheit und Kraft
+ansehen. Er hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt, sondern
+seine geistige Ttigkeit war fortwhrend von der rezeptiven Hinwendung zur
+Wirklichkeit und allem, was sie bot, genhrt; seine inneren Bewegungen
+haben sich nie gegenseitig aufgerieben, sondern seine ungeheure Fhigkeit,
+sich nach auen hin handelnd und redend auszudrcken, verschaffte jeder
+die Entladung, in der sie sich vllig ausleben konnte: in diesem Sinne hat
+er es so dankbar hervorgehoben, da ihm ein Gott gegeben hat, zu _sagen_,
+was er leidet. So knnte man in seiner Denkrichtung sagen, da, wenn
+irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen untergeordnet ist, so
+sei sie eben dadurch, da sie diese ihr zukommende Stelle ausfllt, gerade
+so wertvoll wie die hhere, die auch nichts kann, als ihre Funktion
+ausben, und das eben erst im Zusammenwirken mit der ersten kann; so da
+jene antiaristokratische Meinung ber die annhernde Gleichwertigkeit der
+Menschen -- vor der er brigens selbstverstndlich im Empirischen und nach
+dem einmal rezipierten Mastab den Unterschied zwischen der blden Menge
+und den groen Menschen nie bersieht -- ihre Analogie innerhalb des
+einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine Wesenselemente findet. Wenn ich
+vorhin die Einheit des Inneren und des ueren, des Subjektiven und des
+Objektiven, des Ideellen und des Realen als die Voraussetzung der
+knstlerischen Weltanschauung hervorhob, so kommen wir hier vielleicht auf
+die noch tiefere Fundamentierung dieses Fundaments; jenes In- und
+Miteinander der Weltelemente ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man
+knnte sagen: die metaphysische Rechtfertigung ihrer _Wert_gleichheit, die
+er empfindet. Das mag auch der Grund sein, weshalb das antike
+Unverhlltsein seiner sinnlichen Derbheiten immer knstlerisch wirkt, weil
+es jene Gleichberechtigung der Wesensseiten aufs schrfste verdeutlicht,
+die, zu einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die Metaphysik aller
+Kunst ausmacht.
+
+Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche Glck gerichtete Ideal mit
+dem Vernunftideal eine Einheit bildet, erhebt er sich ganz ber den
+Gegensatz zwischen eudmonistischer und rationalistischer Moral, auf dem
+die Kantische Ethik ruht. Vielen Miverstndnissen gegenber mu durchaus
+betont werden, da seine Fremdheit gegen die logische Strenge der
+Vernunftethik absolut nicht bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen
+und Genuideal untertan machen wollen. Ja, um seinen Abstand hiervon zu
+begreifen: er kann es direkt aussprechen (1818), es sei Kants
+unsterbliches Verdienst, da er die Moral "dem schwankenden Kalkul einer
+bloen Glckseligkeitstheorie entgegengestellt" und sie in ihrer hchsten
+bersinnlichen Bedeutung erfat habe. Das widerstreitet gar nicht dem
+Ausruf in den Lehrjahren: "O der unntigen Strenge der Moral, da die Natur
+uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen." Denn
+die bersinnlichkeit, die er dort meint, ist eben nicht die Kantische, die
+einerseits eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits unsere
+Einstellung in eine transszendente Ordnung der Dinge bedeutet. Goethes
+bersinnliches will hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich
+ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige Vernnftigkeit. Das
+spricht er ganz unzweideutig einige Jahre spter in einem Briefe an
+Carlyle aus: "Einige haben den Eigennutz als Triebfeder aller sittlichen
+Handlungen angenommen; andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen, nach
+Glckseligkeit als einzig wirksam finden; _wieder andere setzten das
+apodiktische Pflichtgebot obenan_: und keine dieser Voraussetzungen konnte
+allgemein anerkannt werden, man mute es zuletzt am geratensten finden,
+aus dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur das Sittliche sowie
+das Schne zu entwickeln." Die eigentliche Groartigkeit des Kantischen
+Moralismus, die immer wieder ber seine Verengerung und Vereinseitigung
+der Wertsphren triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfat. Das
+sittliche Sollen ist fr Kant die eine Karte, auf die der ganze Wert des
+Lebens gesetzt ist; und daran mute Goethe vor allem die ungeheure
+Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fhlen. "Alles Sollen ist
+despotisch," sagt er, und ihm, dem aus der tiefen Einheitlichkeit des
+Seins die gleichberechtigte Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien
+dies unertrglich, weil er nicht in die Tiefe der Kantischen Lehre drang,
+in der dieses Sollen sich als die uerste und unbedingte Freiheit des Ich
+offenbarte. Denn den "Despotismus" jenes Sollens kann nach der Kantischen
+Deutung weder ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch eine Sitte
+uns auferlegen, sondern allein wir selbst. Die ganze Peripherie des Lebens
+erscheint Kant von Mchten mindestens mitbestimmt, die auerhalb des
+tiefsten Ich liegen, und nur an dem Punkte der sittlichen Freiheit, d. h.
+an dem Gesetze, das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses hervor -- in
+unvershnlichem Gegensatz freilich zu dem Knstler, dem alles scheinbar
+uerliche der Ort fr die Bewhrung seiner tiefsten Persnlichkeitskrfte
+ist.
+
+Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die Natur berhaupt es ist, so
+zeigt sich damit der ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, sondern
+auch auerhalb unser als nichtig. Sie mu das Ich und seine Interessen mit
+der sozialen Gesamtheit ebenso vershnen, wie die Sinnlichkeit mit der
+Vernunft. Daraus erklrt sich, da Goethe den eigentlich sozialen
+Problemen auch in ihren allgemeinsten Formen ganz fremd gegenbersteht.
+Denn immer handelt es sich in diesen darum, das unzulngliche oder
+verschobene Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seinem sozialen
+Kreise herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden seiner Zeit, die
+von dem Einzelnen als Sozialwesen nur zu fordern pflegte, da er seine
+persnliche Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewhre. Vllig im
+Tone des landlufigen Liberalismus bemerkt er gegen die Saint-Simonisten,
+da jeder bei sich anfangen und zunchst sein eigenes Glck machen msse,
+woraus denn zuletzt das Glck des Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies
+mag fr ihn auch sthetisch begrndet sein. Er verlangt einmal vom
+Knstler, er solle "hchst selbstschtig" verfahren, nur das tun, was ihm
+Freude und Wert ist. Fr die Kunst ist dieser Liberalismus auch vllig
+angebracht, weil hier tatschlich ein Maximum von Gesamtwert entsteht,
+wenn jeder Knstler _seinem_ individuellen Ideale nachgeht; und weil das
+objektiv Wertvolle der Kunst, das jenseits des Gegensatzes von Ich und Du
+steht, sich dem Knstler allerdings in der Form eines persnlich
+leidenschaftlichen Begehrens darstellt. Fr geringwertige sthetisch
+angelegte Naturen droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,
+der die sthetischen Werte ausschlielich ihrer subjektiven Genuseite
+wegen kultiviert, unter dem Selbstbetrug, da sie, als sthetische, an
+sich selbst etwas berindividuelles, objektiv Wertvolles seien. Solche
+Tendenz auf den Genu als das Letztentscheidende lag Goethe vllig fern,
+wenn er das egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewut, nur seine
+einheitliche Persnlichkeit zu entwickeln -- und dasselbe von andern zu
+verlangen -- die freilich eine subjektive und eine objektive Seite hatte;
+wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage war, welche von beiden
+gelegentlich die Fhrung bernahm. Der knstlerische, der Produktion
+objektiver Werte sich bewute Egoismus verhlt sich deshalb durchaus khl
+den Aufgaben gegenber, die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen
+und deren Vershnung nun gerade durch den Verzicht auf allen Egoismus
+gewinnen wollen. Statt der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der
+Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn zu berwinden, interessiert
+Goethe vielmehr das "Allgemein-Menschliche" als der unmittelbare Ausdruck,
+sozusagen als die menschliche Form der metaphysischen Einheit der Natur;
+die menschliche Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren, sondern
+nur zu entwickeln, wie unsere Theorie sie sich nicht durch knstliche, ihr
+Wesen alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige Beobachtung ihrer
+freiwilligen Entfaltung nahe zu bringen habe. "In jedem Besonderen," so
+hofft er, "wird man durch Nationalitt und Persnlichkeit hindurch jenes
+Allgemeine immer mehr durchleuchten sehen." In hnlicher Gesinnung hat
+jetzt Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen Interesses fr
+den Menschen und die Gesamtentwicklung der Menschheit, eine absolute
+Gleichgltigkeit gegen alle sozialen Fragen an den Tag gelegt. Dagegen ist
+fr den Sozialforscher oder -politiker _der Mensch_ berhaupt kein
+Problem, sondern nur _die Menschen_. Kants Moralgesetz ist, wie
+Schleiermacher sagte, "nur ein politisches": es gibt die przise und
+erschpfende Formel fr den Menschen, der seinen sozialen Pflichten
+gleichsam von Natur feindlich gegenbersteht und ein Verhalten sucht, mit
+dem dennoch ein Zusammenleben aller mglich ist. Der uere wie der innere
+Dualismus des Menschen bleibt fr Kant, im Praktischen nicht weniger als
+im Theoretischen, im Vordergrund des Bewutseins, und seine Lsung ist
+gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand des Konflikts
+rechnet. Wenn Goethe aber es als sein Ideal bezeichnet, "eine gewisse
+sittlich-freisinnige _bereinstimmung durch die Welt_ zu verbreiten", so
+ist die Voraussetzung davon die Negation eben jener Scheidung und
+Entgegengesetztheit zwischen Individuum und Gruppe und zwischen Gruppen
+untereinander, aus der die sozialen Probleme entspringen. Das
+kosmopolitische Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen
+Menschennatur, deren Wesensseiten sich gleichberechtigt durchdringen und
+so sehr der Ausdruck _eines_ metaphysischen Sinnes sind, wie die Elemente
+der menschlichen Gesellschaft und der Welt berhaupt.
+
+ [Illustration: JAMES MC. N. WHISTLER
+ _Glasgow: Gallery. Photographie Hanfstngel._
+ THOMAS CARLYLE.]
+
+Da nun aber die Moral in dem landlufigen Sinne des Wortes sich auf jener
+von Kant akzeptierten Spaltung _innerhalb_ des Menschen und _zwischen_ den
+Menschen erhebt, so kann die Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne
+keine moralische heien; selbstverstndlich ist sie darum keine
+unmoralische, sondern steht jenseits dieses Gegensatzes. Da die Natur an
+sich schon Ort und Darstellung der Idee ist, so ist das Hchste, wozu
+Menschen gelangen, der Inhalt der hchsten Forderung an sie, da sie das,
+was die Natur in sie gelegt hat, aufs vollstndigste und reinste
+ausbilden. Das Moralische im engeren Sinne ist wohl auch eine Seite davon,
+aber weil es eben nur eine _Seite_ ist, kann sie gelegentlich hinter einer
+anders gerichteten zurcktreten mssen, wenn dadurch eine vollstndigere
+Entwicklung der Natur oder der Idee der Person erreicht wird. Von
+Klopstock sagt er einmal, er wre, "von der sinnlichen wie von der
+sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Jngling" gewesen. Da er so die
+sinnliche Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet, zeigt einen
+Sittlichkeitsbegriff, der ber die Moral im engeren Sinne weit hinausgeht:
+er deutet damit an, da die sinnliche Reinheit noch lange keine sittliche
+vielleicht sogar, da die sittliche noch keine sinnliche zu sein braucht.
+So sind auch seine Vorstellungen ber das Verhltnis der Geschlechter oder
+ber die Taten Napoleons oder ber die Verbindung des Einzelnen mit seiner
+Nation sicher den gewhnlichen ethischen Idealen keineswegs adquat; sie
+werden eben ganz von dem darber gelegenen Ideal der Natur beherrscht: da
+der Mensch -- so knnte man in Goethes Sinne sagen -- seine Triebe und
+Anlagen in der Art und mit der Auswahl zu entwickeln habe, da ein Maximum
+von Gesamtentwicklung herauskommt. Da das Sein und der Wert nichts
+Getrenntes sind -- "am Sein erhalte dich beglckt!" -- so ist die hchste
+Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren tiefsten Ausdruck scheint
+mir diese bermoralische Moral in dem folgenden merkwrdigen Satz zu
+gewinnen: "Was die Menschen gesetzt haben (nmlich als Gesetze), das will
+nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Gtter setzen,
+das ist immer am Platz, recht oder unrecht." ber den Gegensatz von Recht
+und Unrecht, also ber den am Kriterium der Moral entstandenen, stellt er
+hier einen hheren Begriff: das "Passen", d. h. die Fhigkeit der
+Einzelheit, sich in den letzten, hchsten Zusammenhang und Harmonie der
+Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste bezeichnet, wie weit
+er ber den Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in dem sittlichen
+Menschen den Endzweck der Welt, den alleinigen, absoluten Wert. Der
+sittliche Mensch hat fr ihn etwas Unendliches, weil er die Lsung eines
+eigentlich unlsbaren Konflikts ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt
+es fr Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht sein Absolutes und
+Letztes sein, sondern nur eines der Lebensprobleme und andern koordiniert
+-- whrend sie bei Kant die schlechthin einzige Stellung einnimmt: allein
+aus der Welt des Lebens in die transszendente hinaufzureichen. Indem er
+mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage bereinstimmt, und beide
+die Glcksempfindung als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,
+bleibt Kant an dem Gegenteil haften, whrend Goethe sich ber den ganzen
+Gegensatz erhebt und die harmonische Einheit des Seins, in der Glck und
+Unglck, Sittlichkeit und Unsittlichkeit nur einzelne Momente sind, als
+den letzten Sinn, das absolute Ma alles Lebens erkennt. Ich stehe nicht
+an, den angefhrten Satz fr eine der tiefsten und grten Deutungen vom
+Sinn des Daseins zu halten; er lt uns einen fundamentalen Zusammenhang,
+eine gegenseitige Beziehung aller Dinge ahnen, in dem die Einheit der
+Natur besteht oder sich offenbart und dem gegenber es ein kleinlicher
+Anthropomorphismus ist, in dem zuflligen Ausschnitt, den wir als Moral
+bezeichnen, den Hhepunkt des Seins zu erblicken. Und hier kann auch
+darauf hingedeutet werden, da Goethes Weltanschauung in letzter Instanz
+nicht nur ber dem Moralismus, sondern auch ber dem sthetizismus stehen
+drfte. Gewi berragt das sthetische Motiv bei ihm an Wirksamkeit alle
+in dem gleichen Niveau stehenden, und man kann es, wie wir es getan haben,
+berall zur Interpretation seines Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten
+fhren darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein dennoch liegt
+unterhalb seiner eine noch tiefere, sozusagen elementarere Beschaffenheit,
+sein eigentlichstes Sein, von dem auch das knstlerische Motiv nur die
+Erscheinung und Darstellung in empirischem Material ist. Wenn sich nmlich
+das Goethesche Existenzbild so darbietet, da die Identitt von Natur und
+Geist, das pantheistische Eins in Allem, Alles in Einem -- als Konsequenz
+seiner sthetischen Grundtendenz auftritt, so kann sehr wohl im letzten
+Fundamente der Zusammenhang der umgekehrte sein: die tiefste Schicht
+seiner Natur, jenes ganz Primre und Absolute, in dem alles eigentlich
+Benennbare des Wesens erst wurzelt, mag eben ein Gefhl von dem
+elementaren und ihn selbst einschlieenden Zusammenhang alles Seins
+gewesen sein. Mehr als irgend jemand, von dem wir wissen -- auch Spinoza
+nicht ausgeschlossen -- scheint jene geheimnisvolle Einheit aller Existenz,
+an der die Philosophie von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt des
+Lebensgefhls selbst ausgemacht zu haben. Gerade wie man von religis
+begeisterten Menschen sagt, da der Gott in ihnen lebt, so war offenbar in
+seinem subjektiven Existenzgefhl dasjenige lebendig, was man, um irgend
+einen Ausdruck dafr zu haben, nur die metaphysische Einheit der Dinge
+nennen kann; ja, da sie so in ihm lebt, das machte ihn eben aus, das war
+er. Dieser Bestimmtheit seines Seins berhaupt gegenber, die sich im
+Selbstbewutsein erst _spiegelt_, erscheint seine knstlerische Anschauung
+und Bettigung doch nur als das Verhltnis, das eine so qualifizierte
+Natur zu der besonderen Richtung ihrer Talente, zu ihrer kulturell und
+historisch bestimmten Umgebung, zu ueren Anregungen und
+Bettigungsmglichkeiten gewinnt, als ein _Ausdruck_ seines eigentlichen
+Wesens, aber nicht als das Wesen selbst. Als Existenz berhaupt, gleichsam
+als Substanz, mit der er in die Formen und Bewegungen der Welt eintritt,
+steht er jenseits des sthetischen, das sich vielmehr erst im
+Zusammenschlage jener mit diesen Formen und Bewegungen ergab und sein
+empirisches Bild gestaltete. Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des
+Lebens, auf die man schlielich nur von einer unberwindlichen Distanz her
+hindeuten, die man aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen kann,
+mu der merkwrdigen uerung zugrunde liegen, die er zu Eckermann tut,
+als von seiner Theaterleitung und den vielen fr sein knstlerisches
+Schaffen dadurch verlorenen Jahre die Rede ist. Im Grunde gereue ihn
+dieser Verlust doch nicht, sagt er. "Ich habe all mein Wirken und Leisten
+immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich
+gleichgltig gewesen, ob ich Tpfe machte oder Schsseln." So erscheint
+ihm selbst also sein knstlerisches Tun als ein bloes Sich-Ausprgen,
+Sich-Umsetzen einer tiefer gelegenen Realitt, statt dieses Letzte,
+eigentlich Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von hier aus verstehen
+wir nun noch grndlicher sein fortwhrendes Drngen auf praktische
+Bettigung, sein Fhlen und Werten seiner selbst als handelnden Wesens.
+Denn das Handeln ist die Form, durch die jener absolute Urgrund des
+persnlichen Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die deshalb im
+allerumfassendsten Sinn die Einheit des Subjektiven und Objektiven
+ausmacht, das in der bloen Theorie getrennt, einander gegenbergestellt
+erscheint.
+
+ [Illustration: HANS HOLBEIN D.J.
+ _Paris: Louvre_
+ ERASMUS VON ROTTERDAM.]
+
+Wenn fr ihn nach alledem die Aufgabe des Menschen nur ist, seine Krfte
+bis zum vollen Ausschpfen aller Mglichkeiten zu entwickeln, damit
+gleichsam die Natur in ihm zu ihrem vollen Sinn komme, so zeigt doch jeder
+Blick auf das empirische Leben, da es die Zeit und die Bedingungen zu
+einer so vollstndigen Entwicklung nur sehr wenigen, vielleicht niemandem
+gewhrt. In Wirklichkeit ist dies eine der frchterlichen
+Menschentragdien, da die menschlichen _Krfte_ sich in menschlichen
+_Verhltnissen_ nicht vollkommen ausleben und entfalten knnen. Was als
+Begabung, als Spannkraft in uns lebt -- ganz abgesehen von Velleitten --,
+knnte nur durch den merkwrdigsten Zufall die Mglichkeit restloser
+Bewhrung finden; es fehlt hier, sichtbarer als sonstwo, wie vorbestimmte
+Harmonie oder die nachbestimmende Anpassung. Und es handelt sich nicht nur
+darum, da das vollendete Werk Befriedigung auf uns zurckstrahle, sondern
+um diejenige eigentlich unerlliche Genugtuung, die in der Lsung der
+gespannten Krfte, in der Funktion, die unser Knnen ganz zum Ausdruck
+bringt, gelegen ist. Wo diese Inkommensurabilitt zu vollem Bewutsein
+gelangt, mu der Mensch untergehen. Das drckt Faust aus; bliebe er in
+seinen ursprnglichen empirischen Verhltnissen, so wrde er sich
+verzehren, die unentfalteten Krfte wrden ihn tten. Das Bndnis mit
+Mephisto, die Herstellung seines Lebenswerkes durch dmonische Krfte ist
+nur die positive Wendung davon: berempirische Verhltnisse mssen
+herbeigerufen werden, um die Entwicklung der Krfte zu ermglichen. Aus
+der Forderung an die Natur, da es bei diesem Widerspruch nicht sein
+Bewenden haben knnte, entspringt die bekannte uerung zu Eckermann ber
+die Unsterblichkeit: "Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die
+Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die
+jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag." Und eine sptere
+Bemerkung betont nochmals den besonderen Sinn und Grund dieser
+Unsterblichkeit: wir seien zwar unsterblich, aber doch nicht alle "auf
+gleiche Weise"; vielmehr nur nach dem Mae der Kraft, die wir einzusetzen
+und auszuleben haben.
+
+ [Illustration: REMBRANDT
+ BRGERMEISTER SIX]
+
+Es ist nun sehr merkwrdig, wie auch an diesem Punkt Kantische Argumente
+eine uere hnlichkeit mit den Goetheschen zeigen, bei vlliger Divergenz
+der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte fest, da wir, als endliche und
+natrliche Wesen, den Trieb nach Glckseligkeit als eine nicht zu
+leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in uns finden, gerade wie als
+moralische Wesen die Forderung des Sittengesetzes. ber diesen beiden
+Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer Harmonie: die Weltordnung
+wre nichts als eine groe Dissonanz, wenn nicht das Ma des genossenen
+Glcks dem Ma der sittlichen Vollendung entsprche. Tatschlich aber ist
+diese Proportion im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit
+und Glckseligkeit zeigt die Erfahrung keinerlei gerechtes und
+harmonisches Verhltnis. Da man aber an dieser Unertrglichkeit
+schlechthin nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung der Dinge als ein
+Definitivum aufbrden kann, so postuliert Kant die Unsterblichkeit der
+Seele, weil sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen eines
+Gottes ihre Vollendung: die Harmonie ihres sittlichen und ihres
+eudmonistischen Seins finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche
+Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche Unsterblichkeitslehre
+vollzieht; beide finden in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens
+gewisse Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren Erfllung dasselbe
+unter den empirischen Verhltnissen nicht gelangen kann; da sie aber bei
+diesem Widerspruch nicht stehen bleiben knnen, so fordern sie von der
+Ordnung der Dinge, das Versprechen, das sie mit der Organisation unseres
+Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits einzulsen. Nun aber
+zeigt sich sofort die tiefe Unterschiedenheit der Weltbilder: fr Goethe
+knnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns Krfte zu verleihen,
+denen sie die Entwicklung abschneidet (so sehr fllt ihm objektiv die
+Wirklichkeit mit dem Geist zusammen, da er in bezug auf die subjektiven
+Formen beider behauptet, alles Falsche wre auch geistlos!); fr Kant
+knnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der Sittlichkeit ihr
+quivalent vorzuenthalten. Kant fordert die Unsterblichkeit, weil die
+empirische Entwicklung des Menschen einer Idee nicht gengt, Goethe, weil
+sie den wirklich vorhandenen Krften nicht gengt; Kant, weil die an sich
+getrennten Elemente, Sittlichkeit und Glckseligkeit, doch eine Einheit
+gewinnen mten, Goethe, weil der ganze einheitliche Mensch doch das in
+Wirklichkeit werden mte, was er der Mglichkeit nach von vornherein sei.
+Man erkennt auch hier, da Kant die Elemente des menschlichen Wesens
+auerordentlich weit auseinander treibt, so da sie nur in ganz fernen und
+neuen Dimensionen und Ordnungen sich wieder zusammenfinden knnen, whrend
+diese Einheit fr Goethe in unserer unmittelbaren Wirklichkeit gegeben ist
+und es sich sogar in der Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente
+Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen handelt. Der bergang der
+Seele von dem irdischen in den transszendenten Zustand ist fr Kant der
+radikalste, fr den sein Denken Raum hat, fr Goethe ein Fortschreiten in
+ungenderter Richtung, ein bloes Freiwerden vorhandener Energien. Auch
+dieser vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen spiegelt ebenso
+den Rhythmus des Kantischen Wesens, das die Momente des Seins
+untereinander und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb oder
+unterhalb der Wirklichkeit wieder zu vershnen, wie den des Goetheschen,
+fr den das Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein ein
+einheitliches ist. Hier wie berall ist das Schema ihrer Divergenzen dies,
+da Kant der Entwicklung eines analytischen Zustandes, Goethe der eines
+synthetischen nachgeht. Goethe steht mit dem gesteigertsten Bewutsein und
+der vertieftesten Begrndung auf dem Boden undifferenzirter
+Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen Bewegungen gewesen
+ist. Kant akzentuiert die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen ist;
+gegenber jenem sozusagen paradiesischen Zustand -- wenngleich es nur ein
+paradise regained ist -- hat bei ihm das scientes bonum et malum die
+uerste Schrfe erlangt, die Einheit, die er gewinnt, trgt die Spuren
+der Entzweiung, die Nhte sind nicht vllig verwachsen.
+
+Aber eben jener Flug an ein uerstes Ziel des Betrachtens und Empfindens
+der Welt hat Goethe ber so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen, die
+das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht bergehen kann; so mgen auf
+dem Zickzackweg der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der Richtung
+des Goetheschen Weges, selbst wenn diese die definitive und objektiv
+richtig wre, direkt entgegenlaufen. Und so steht es in der Wissenschaft
+der letzten hundert Jahre. Denn diese will -- oder wollte wenigstens --
+wirklich der Natur ihre Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben
+abzwingen; sie will wirklich das Wahrheitsinteresse davon ganz unabhngig
+machen, ob es die Schnheit der Erscheinung zerstrt oder nicht; sie will
+wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern von mglichst
+atomisierten Elementen ihren Ausgang nehmen; sie sieht wirklich den
+seelenlosen Mechanismus zweckfremder Stoffe und Krfte als ihr einziges
+Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt aller Sinn, alle
+bermechanische Bedeutung derselben _hinter_ der Erscheinung, in dem Reich
+des Intelligiblen, das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie und
+nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen noch im Ethischen
+jenes Zutrauen zu dem unmittelbar harmonischen Verhltnis zwischen der
+Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen Kant der Mitbegrnder
+und Genosse des modernen wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in
+allem Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah, wie Mathematik darin
+ist, und der andrerseits die Gltigkeit der Mathematik auf die Form
+menschlicher Anschauung beschrnkte und allem absprach, was nicht
+unmittelbar erscheinen kann; er, der den Geist und Zweck in der Natur fr
+eine bloe "subjektive Maxime" ihrer Beurteilung erklrte, die ihr eigenes
+Sein gar nicht berhrte; er, der das Auseinanderklaffen unserer tiefsten
+Wesensbedrfnisse mit erbarmungsloser Schrfe erkannte, um dem Verlangen
+nach ihrer Harmonie schlielich das Almosen eines transszendirenden
+_Glaubens_ zu gewhren. Wir knnen uns nicht verhehlen, da die Gleichung
+zwischen diesen beiden Weltanschauungen noch nicht gefunden ist, so sicher
+erst mit ihr alles erfllt wre, was wir von unserem geistigen Verhltnis
+zur Welt begehren. Denn nicht so etwa stehen sie sich gegenber, da die
+eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des Weltbildes zufhrte;
+vielmehr, wodurch wrde die Wahrheit als eine Partei in diesen Streit
+eintreten und unser Interesse fordern drfen, wenn sie nicht auch ein
+_Wert_ wre? -- so da die Frage im letzten Grund zwischen zwei
+Wertgefhlen steht. Vielleicht aber ist sie berhaupt falsch gestellt,
+wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider sucht; vielleicht ist es
+der eigentliche Rhythmus und Formel des modernen Lebens, da die
+Grenzlinie zwischen der mechanistischen und der idealistischen Auffassung
+der Welt in fortwhrendem Flieen bleibe, so da die Bewegung zwischen
+ihnen, der Wechsel ihrer Ansprche auf das Einzelne, die Entwicklung ihrer
+Gegenwirkungen ins Unendliche dem Leben den Reiz gewhrt, den wir von der
+unauffindbaren definitiven Entscheidung zwischen ihnen erhofften. Das ist
+freilich Epigonentum; aber es ist auch die uerste Ausgestaltung und
+Ausntzung der Gunst, die die Natur der Dinge den Epigonen gewhrt: da,
+wenn ihnen die Gre der Einseitigkeit entgeht, sie dafr der
+_Einseitigkeit_ der Gre entgehen knnen.
+
+ [Illustration: AUGUSTE RODIN.
+ _Ny Carlsberg Glyptothek._
+ DER DENKER.]
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+
+ DIE KULTUR
+
+
+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
+
+Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT
+
+Band Erschienen:
+
+ 1. ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN.
+ 2. DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE.
+ 3. DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE.
+ 4. DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR.
+ 5. ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF.
+ 6. VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI.
+ 7. ERZIEHUNG ZUR SCHNHEIT v. M. N. ZEPLER.
+ 8. LANDSTREICHER von HANS OSTWALD.
+ 9. FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT.
+ 10. KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL.
+ 11. DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE.
+ 12. SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM.
+ 13. LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.
+
+ _Weitere Bnde in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band in knstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, Faksimiles und Portrts,
+kartoniert_
+_in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50.
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+
+
+
+ DIE MUSIK
+
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+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
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+Herausgegeben von RICHARD STRAUSS
+
+Band _Bisher erschienen:_
+
+_ 1. Beethoven_ von August Gllerich
+_ 2. Intime Musik_ von Oscar Bie
+_ 3. Wagner-Brevier_ herausgegeben von Hans von Wolzogen
+_ 4. Geschichte der franzsischen Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 5. Bayreuth_ von Hans von Wolzogen
+_ 6. Tanzmusik_ von Oscar Bie
+_ 7. Geschichte der Programm-Musik_ von Wilhelm Klatte
+_ 8. Franz Liszt_ von August Gllerich
+_ 9. Die russische Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 10. Hector Berlioz_ von Max Graf
+_ 11. Paris als Musikstadt_ von Romain Rolland
+_ 12. Die Musik im Zeitalter der Renaissance_ von Max Graf
+_13.{~NON-BREAKING HYPHEN~}14. J. B. Bach_ von Ph. Wolfrum
+_ 15. Schaffen und Bekennen_ von Ernst Decsey
+_16.{~NON-BREAKING HYPHEN~}17. Das deutsche Lied_ von Herm. Bischoff
+_ 18. Die Musik in Bhmen_ von Richard Batka
+_ 19. Rob. Schumann_ von Ernst Wolff
+_ 20. Georges__ Bizet_ von A. Weissmann
+
+ _Weitere Bnde in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in knstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen und Vollbildern in Tontzung kart._
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
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+ DIE KUNST
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+SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN
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+Herausgegeben von RICHARD MUTHER
+
+Band _Bisher erschienen:_
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+_ 1. Lucas Cranach_ von Richard Muther
+_ 2. Die Lutherstadt Wittenberg_ von Gurlitt
+_ 3. Burne-Jones_ von Malcolm Bell
+_ 4. Max Klinger_ von Franz Servaes
+_ 5. Aubrey Beardsley_ von Rudolf Klein
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+_ 8. Die Renaissance der Antike_ von R. Muther
+_ 9. Leonardo da Vinci_ von Richard Muther
+_ 10. Auguste Rodin_ von Rainer Maria Rilke
+_ 11. Der mod. Impressionismus_ von Meier-Graefe
+_ 12. William Hogarth_ von Jarno Jessen
+_ 13. Der Japanische Farbenholzschnitt_ von Friedrich Perzynski
+_ 14. Praxiteles_ von Hermann Ubell
+_ 15. Die Maler_ von _Montmartre_ [Willette, Steinlen, T. Lautrec,
+ Landre] von Erich Klossowski
+_ 16. Botticelli_ von Emil Schaeffer
+_ 17. Jean Franois Millet_ von Rich. Muther
+_ 18. Rom als Kunststtte_ von Albert Zacher
+_ 19. James Mc. N. Whistler_ von Hans W. Singer
+_ 20. Giorgione_ von Paul Landau
+_ 21. Giovanni Segantini_ von Max Martersteig
+_ 22. Die Wand und ihre knstlerische Behandlung_ von Oscar Bie
+_ 23. Velasquez_ von Richard Muther
+_ 24. Nrnberg_ von Hermann Uhde-Bernays
+_ 25. Constantin Meunier_ von Karl Scheffler
+_ 26. ber Baukunst_ von Cornelius Gurlitt
+_ 27. Hans Thoma_ von Otto Julius Birnbaum
+_ 28. Psychologie der Mode_ von W. Fred
+_ 29. Florenz und seine Kunst_ von G. Biermann
+_ 30. Francisco Goya_ von Richard Muther
+_ 31. Phidias_ von Hermann Ubell
+_ 32. Worpswede_ von Hans Bethge
+_ 33. Jean Honor Fragonard_ von W. Fred
+_ 34. Handzeichnungen alter Meister_ von O. Bie
+_ 35. Andrea del Sarto_ von Emil Schaeffer
+_ 36. Moderne Zeichenkunst_ von Oscar Bie
+_ 37. Paris_ von Wilhelm Uhde
+_ 38. Pompeji_ von Eduard von Mayer
+_ 39. Moritz von Schwind_ von Otto Grautoff
+_ 40. Michelagniolo_ von Hans Mackowsky
+_ 41. Dante Gabriel Rossetti_ von Hans W. Singer
+_ 42. Albrecht Drer_ von Franz Servaes
+_ 43. Der Tanz als Kunstwerk_ von Oscar Bie
+_ 44. Cellini_ von W. Fred
+_ 45. Prraffaelismus_ von Jarno Jessen
+_ 46. Donatello_ von W. Pastor
+_ 47. Flicien Rops_ von Franz Biel
+_ 48. Korin_ von Friedrich Perzynski
+
+ _Weitere Bnde in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in knstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, in Heliogravre, Farbendruck etc.,
+kartoniert_
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
+
+
+
+
+ DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 30: "da" gendert in "das"
+ Seite 41: "grossen" gendert in "groen"
+ Seite 70: "transzendirenden" gendert in "transszendirenden"
+ Werbeseiten: "Georgaes" gendert in "Georges", "Perzynski" in
+ "Perzynski"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+ CREDITS
+
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+February 6, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
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+This file should be named 35192-8.txt or 35192-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
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+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
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+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
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+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
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+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
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+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
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+permission of the copyright holder), the work can be copied and
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+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
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+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
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+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ 1.E.8.
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+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
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+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
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+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
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+ Archive Foundation."
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+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
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+
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+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
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+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
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+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
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+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
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+
+
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+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
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+the person you received the work from. If you received the work on a
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+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
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+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
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+
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+
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+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
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+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
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+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
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+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
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+newsletter to hear about new eBooks.
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+
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+
+***FINIS***
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+ and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it,
+ give it away or re-use it under the terms of the Project
+ Gutenberg License <a href="#pglicense" class="tei tei-ref">included with this
+ eBook</a> or online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a></p></div><pre class="pre tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">Title: Kant und Goethe
+
+Author: Georg Simmel
+
+Release Date: February 6, 2011 [Ebook #35192]
+
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+
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+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+</pre></div>
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+<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div>
+
+<hr class="page" /><p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em"></p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu004.jpg" alt="Illustration: Giorgio Barbarelli: Die drei morgenländische Weisen" title="Giorgio Barbarelli:DIE DREI MORGENLÄNDISCHE WEISENWien: Kaiserliche Gemäldegalerie" /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Giorgio Barbarelli:</span></span><br />DIE DREI MORGENLÄNDISCHE
+ WEISEN<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Wien: Kaiserliche Gemäldegalerie</span></span></div></div>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center">
+<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div>
+<div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu005.jpg" alt="Illustration: Titelseite" /></div>
+<span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span style="font-size: 173%">DIE KULTUR</span></span>
+<br /><br /><br />
+<span class="tei tei-docTitle" style="text-align: center">
+ <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span style="font-size: 144%">KANT UND</span><br /><span style="font-size: 144%">GOETHE</span></span>
+</span>
+ <br />
+ <div class="tei tei-byline" style="text-align: center">VON<br /><span class="tei tei-docAuthor" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">GEORG SIMMEL</span></span></div>
+ <br />
+ <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">MIT EINER HELIOGRAVÜRE</span><br /><span style="font-style: italic">UND
+ ZWÖLF VOLLBILDERN</span><br /><span style="font-style: italic">IN TONÄTZUNG</span></span></span>
+<br /><br />
+<span class="tei tei-docImprint" style="text-align: center"><span class="tei tei-publisher" style="text-align: center">BARD MARQUARDT &amp; CO.</span> <span class="tei tei-pubPlace" style="text-align: center">BERLIN</span></span>
+<br /><br /><br />
+ <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 144%">HERAUSGEGEBEN</span></span><br />von<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 144%">CORNELIUS GURLITT</span></span></span>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<div class="tei tei-pb"></div>
+<div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu006.png" alt="Illustration: Signet Die Kultur" /></div>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 6.00em; margin-right: 6.00em">
+Published November 15. 1906.
+Privilege of Copyright in the
+United States reserved under the
+act approved March 3. 1905 by
+Bard, Marquardt &amp; Co. in Berlin
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="text-align: center; margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em">
+<span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 144%; font-style: italic">AUGUSTE RODIN</span></span>
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em">
+<span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%; font-style: italic">DEM BILDHAUER</span></span>
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em">
+<span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">ZUGEEIGNET</span></span>
+</p>
+<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div>
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu008.png" alt="Illustration: Ornament" /></div>
+</div>
+</div>
+<hr class="page" /><div class="tei tei-body" style="margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em">
+
+<div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page1">[pg 1]</span><a name="Pg001" id="Pg001" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+In die Zustände der Halbkulturen,
+aber auch in die Kultur
+vor der Herrschaft des Christentums
+pflegen wir die Einheit von
+Lebenselementen zu verlegen, die
+die spätere Entwicklung auseinandergetrieben
+und zu Gegensätzen
+ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen
+Existenzbedingungen, so unbarmherzig die
+Vergewaltigung des Individuums durch die gesellschaftlichen
+Forderungen gewesen sein mag — zu
+dem Gefühl einer fundamentalen Spaltung innerhalb
+des Menschen und innerhalb der Welt, zwischen
+dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem
+Verfall der klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen
+zu sein. Das Christentum erst hat den
+Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch,
+zwischen dem natürlichen Sein und den Werten,
+zwischen dem eigenwilligen Ich und dem Gott,
+dem Eigenwille Sünde ist, bis in das Letzte der
+Seele hinein empfunden. Aber da es eben Religion
+war, hat es mit derselben Hand, mit der es die
+Entzweiung stiftete, die Versöhnung gereicht. Es
+mußte erst seine bedingungslose Macht über die
+<span class="tei tei-pb" id="page2">[pg 2]</span><a name="Pg002" id="Pg002" class="tei tei-anchor"></a>Seelen verlieren, seine Lösung des Problems mußte
+erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden
+sein, ehe das Problem selbst in seiner
+ganzen Weite auftrat. Daß der Mensch von
+Grund aus ein dualistisches Wesen ist, daß Entzweiung
+und Gegensatz die Grundform bildet, in
+die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die
+deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung
+und Lebendigkeit bedingen — das hat
+das Bewußtsein erst nach der Renaissance als
+seine Ägide erfaßt. Mit diesem Herabreichen
+des Gegensatzes in die tiefste und breiteste Schicht
+unser und unseres Bildes vom Dasein wird die
+Forderung seiner Vereinheitlichung umfassender
+und heftiger; indem sich das innere und äußere
+Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es
+nach einem um so kräftigeren, um so lückenloseren
+Bande, das über den Fremdheiten der Seinselemente
+ihre trotz allem gefühlte Einheit wieder begreiflich
+mache.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Zunächst ist es das Gegenüber von Subjekt
+und Objekt, das die Neuzeit zu schärfstem Gegensatz
+herausarbeitet. Das denkende Ich fühlt sich
+souverän gegenüber der ganzen, von ihm
+vor<span class="tei tei-pb" id="page3">[pg 3]</span><a name="Pg003" id="Pg003" class="tei tei-anchor"></a>gestellten
+Welt, das: „ich denke, und also bin ich“
+wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit
+des Daseins. Aber andrerseits hat diese
+objektive Welt doch eine unbarmherzige Tatsächlichkeit,
+das Ich erscheint als ihr Produkt,
+zu der ihre Kräfte sich nicht anders als zu der
+Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke verwebt
+haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt
+der Natur, sondern auch die der Gesellschaft. In
+ihr fordert der Einzelne das Recht der Freiheit
+und Besonderheit, während sie ihn nur als ein
+Element, das ihren überpersönlichen Gesetzen
+untertan ist, anerkennen will. In beiden Fällen
+droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder
+von einer ihm fremden Objektivität verschlungen
+zu werden oder in anarchistische Willkür und
+Isolierung zu verfallen. Neben oder über diesen
+Gegensatz stellt die moderne Entwicklung den
+zwischen dem natürlichen Mechanismus und dem
+Sinn und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft
+deutet, seit Galilei und Kopernikus, das
+Weltbild mit steigender Konsequenz als einen
+Mechanismus von strenger, mathematisch ausdrückbarer
+Kausalität. Mag dies noch unvoll<span class="tei tei-pb" id="page4">[pg 4]</span><a name="Pg004" id="Pg004" class="tei tei-anchor"></a>kommen
+durchgeführt sein, mögen Druck und
+Stoß, auf die alles Weltgeschehen schließlich reduzierbar
+schien, noch anderen Prinzipien neben sich
+Raum geben — dieses Geschehen bleibt prinzipiell
+ein naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben
+von Stoffen und Energien, ein abrollendes
+Uhrwerk, das aber nicht, wie das von
+Menschen konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken
+dient. Durch das mechanistisch-naturwissenschaftliche
+Prinzip scheint die Wirklichkeit in
+völligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser
+Wirklichkeit bis dahin Sinn zu geben schien: sie
+hat keinen Raum mehr für Ideen, Werte, Zwecke,
+für religiöse Bedeutung und sittliche Freiheit.
+Aber da der Geist, das Gemüt, der metaphysische
+Trieb ihre Ansprüche an das Dasein nicht aufgeben,
+so erwächst dem Denken, mindestens seit
+dem 18. Jahrhundert, die große Kulturaufgabe,
+die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,
+Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher
+Objektivität und der gefühlten Wertbedeutung
+des Lebens und der Dinge auf einer
+höheren Basis wiederzugewinnen.
+</p>
+</div>
+
+<hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name="Pg005" id="Pg005" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Von zwei prinzipiellen Gesinnungen,
+die in sehr mannigfaltigen
+Ausgestaltungen die Kultur
+durchziehen, gehen die nächstliegenden
+Vereinheitlichungen des
+Weltbildes aus; von der materialistischen
+und der spiritualistischen — jene
+alles Geistige und Ideelle in
+seiner Sonderexistenz leugnend und die Körperwelt
+mit ihrem äußeren Mechanismus für das allein
+Seiende und Absolute erklärend, diese umgekehrt
+alles Äußerlich-Anschauliche zu einem nichtigen
+Schein herabsetzend, und in dem Geistigen mit
+seinen Werten und Ordnungen die ausschließliche
+Substanz des Daseins erblickend.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen
+gebildet, deren Einheitsgedanke jenem
+Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische
+und die Goethesche. Es ist die ungeheure
+Tat Kants, daß er den Subjektivismus der neueren
+Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine Unzurückführbarkeit
+auf das Materielle zu ihrem
+Gipfel hob, ohne dabei die Festigkeit und Bedeutsamkeit
+der objektiven Welt im geringsten
+<span class="tei tei-pb" id="page6">[pg 6]</span><a name="Pg006" id="Pg006" class="tei tei-anchor"></a>preiszugeben. Er zeigte, daß zwar alle Gegenstände
+des Erkennens für uns in nichts anderem
+bestehen können, als in den erkennenden Vorstellungen
+selbst, und daß alle Dinge für uns nur
+als Vereinigungen sinnlicher Eindrücke, also subjektiver,
+durch unsere Organe bestimmter Vorgänge
+existieren. Aber er zeigte zugleich, daß
+alle Zuverlässigkeit und Objektivität des Seins
+gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich
+würde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind
+als unsere Vorstellungen, kann unser Vorstellen,
+über das wir niemals hinauskönnen, uns ihrer
+sicher machen; nur so können wir unbedingt
+Notwendiges von ihnen aussagen, nämlich die
+Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von
+ihnen, weil sie eben unsere Vorstellungen sind,
+unbedingt gelten müssen. Müßten wir darauf
+warten, daß die Dinge, uns wesensfremde Existenzen,
+in unsern Geist von außen hineingeschüttet
+würden, wie in ein passiv aufnehmendes Gefäß,
+so könnte das Erkennen nie über den Einzelfall
+hinausgehen. Indem nun aber die vorstellende
+Tätigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze
+unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge
+<span class="tei tei-pb" id="page7">[pg 7]</span><a name="Pg007" id="Pg007" class="tei tei-anchor"></a>selbst. Das Ich, die nicht weiter erklärliche
+Einheit des Bewußtseins, bindet die sinnlichen
+Eindrücke zu Gegenständen der Erfahrung zusammen,
+die unsere objektive Welt restlos ausmachen.
+Dahinter, jenseits aller Möglichkeit des
+Erkennens, mögen wir uns die Dinge-an-sich
+denken, d. h. also die Dinge, die nicht mehr <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">für
+uns</span></span> da sind; und in ihnen mögen für unsere
+Phantasie alle Träume der Vernunft, des Gemüts,
+der Idealbildung verwirklicht sein, während sie in
+der Welt unserer Erfahrungen, die für uns allein
+Objekt sein kann, keine Stelle finden.
+</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu015.jpg" alt="Illustration: Immanuel Kant" title="IMMANUEL KANTNach dem Gemälde von DöblerKönigsberg: Totenkopfloge" /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">IMMANUEL KANT<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Nach dem Gemälde von
+ Döbler</span></span><br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Königsberg: Totenkopfloge</span></span></div></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Genauer angesehen, ist die Kantische Lösung
+des Hauptproblems, des Dualismus von Subjekt
+und Objekt, Geistigkeit und Körperlichkeit, die:
+daß diesem Gegensatz die Tatsache des Bewußtseins
+und Erkennens überhaupt untergebaut wird;
+die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, daß
+wir sie <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">wissen</span></span>. Denn die Bilder, in denen wir
+uns selbst erkennen und für uns selbst existieren,
+sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen
+eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen
+ist. Körper und Geist sind empirische Phänomene
+innerhalb eines allgemeinen Bewußtseinszusammen<span class="tei tei-pb" id="page8">[pg 8]</span><a name="Pg008" id="Pg008" class="tei tei-anchor"></a>hangs
+aneinander gebunden durch das Faktum,
+daß sie beide vorgestellt werden und den gleichen
+Bedingungen des Erkennens unterliegen. In der
+Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie
+unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander
+zurückführbar, weder der Materialismus, der den
+Geist durch den Körper, noch der Spiritualismus,
+der den Körper durch den Geist erklären will,
+sind zulässig, jedes muß vielmehr nach den ihm
+allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber
+dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">eine</span></span> Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden
+Bewußtsein überhaupt, dem sie erscheinen,
+und seiner Einheit zusammengehalten werden,
+und weil jenseits beider die zwar nie erkennbaren,
+aber doch immerhin denkbaren Dinge-an-sich
+ruhen; und diese mögen — so können wir <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">glauben</span></span>
+— in ihrer Einheit den Grund jener Erscheinungen
+bewahren, die nun, von unseren Erkenntniskräften
+gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit
+von Geist und Körper, von empirischem Subjekt
+und empirischem Objekt auseinandergehen. Während
+also die äußere Natur, als Objekt für uns,
+keine Spur von Geist enthalten darf, so daß die
+<span class="tei tei-pb" id="page9">[pg 9]</span><a name="Pg009" id="Pg009" class="tei tei-anchor"></a>vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik und
+Mathematik wäre, und während der Geist seinerseits
+völlig anderen, immanenten Gesetzen folgt,
+binden die beiden Gedanken des übergreifenden, erkennenden
+Bewußtseins und des Dinges-an-sich, in
+dem ideale Ahnungen den gemeinsamen Grund aller
+Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen
+Weltanschauung zusammen. Damit ist die
+wissenschaftlich-intellektualistische
+Deutung des Weltbildes
+auf ihren Höhepunkt gekommen: nicht die
+Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird für
+Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung
+der großen Zweiheiten: Natur und Geist,
+Körper und Seele gelingt ihm um den Preis, nur
+die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen
+zu wollen; die wissenschaftliche Erfahrung
+mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der Rahmen,
+der alle Inhalte des Daseins in <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">eine</span></span> Form:
+die der verstandesmäßigen Begreifbarkeit, zusammenfaßt.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe
+die Elemente, um aus ihnen eine gleich beruhigende
+Einheit zu gewinnen. Über Goethes Philosophie
+kann man nicht von der trivialen Formel aus
+<span class="tei tei-pb" id="page10">[pg 10]</span><a name="Pg010" id="Pg010" class="tei tei-anchor"></a>sprechen, daß er zwar eine vollständige Philosophie
+besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmäßiger
+Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das
+System und die Schultechnik fehlten ihm, sondern
+die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:
+unser Gefühl vom Wert und Zusammenhang des
+Weltganzen in die Sphäre abstrakter Begriffe zu
+erheben; unser unmittelbares Verhältnis zur Welt,
+das innere Anklingen und Mitfühlen ihrer Kräfte
+und ihres Sinnes spiegelt sich, wenn wir wissenschaftlich
+philosophieren, in dem ihm gleichsam
+gegenüberstehenden Denken; dieses drückt in der
+ihm eigenen Sprache jenen Sachverhalt aus, mit
+dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich
+aber Goethe recht verstehe, handelt es sich bei
+ihm immer nur um eine <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">unmittelbare</span></span> Äußerung
+seines Weltgefühles; er fängt es nicht erst in dem
+Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin
+zu objektivieren und in eine ganz neue Existenzart
+zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes
+Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und
+seines inneren Zusammenhanges nach Ideen treibt
+seine „philosophischen“ Äußerungen hervor wie
+die Wurzel die Blüte. Mit einem ganz freien
+<span class="tei tei-pb" id="page11">[pg 11]</span><a name="Pg011" id="Pg011" class="tei tei-anchor"></a>Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht den Lauten,
+die die Lust- und Schmerzgefühle uns unmittelbar
+entlocken, während die wissenschaftliche Philosophie
+den Worten gleicht, mit denen man jene
+Gefühle sprachlich-begrifflich <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">bezeichnet</span></span>. Da
+er nun aber zuerst und zuletzt <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Künstler</span></span> ist, so
+wird jenes natürliche Sich-Geben von selbst zu
+einem Kunstwerk. Er durfte „singen, wie der
+Vogel singt“, ohne daß seine Äußerung ein unförmig
+zudringlicher Naturalismus wurde, weil die
+Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete
+— gerade wie das wissenschaftliche Erkennen
+von vornherein durch bestimmte Verstandeskategorien
+geformt wird, die in der sachlich
+vorliegenden Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar
+sind. Es ist deshalb in Hinsicht auf die
+letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen
+richtig, was, äußerlich genommen, ganz unbegreiflich
+scheint, wenn er sagt: „Von der Philosophie
+habe ich mich immer frei erhalten.“ Darum wird
+eine Darstellung der Philosophie Goethes bis zu
+einem gewissen Grad ganz unvermeidlich eine
+Philosophie <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">über</span></span> Goethe sein. Nicht um Systematisierung
+seines Denkens handelt es sich — das
+<span class="tei tei-pb" id="page12">[pg 12]</span><a name="Pg012" id="Pg012" class="tei tei-anchor"></a>wäre ihm gegenüber ein sehr minderwertiges
+Unternehmen — sondern darum, die unmittelbare
+Fortsetzung und Äußerung des Gefühls für Natur,
+Welt und Leben bei ihm in die mittelbare, abgespiegelte,
+einer ganz anderen Region und Dimension
+angehörige Form der abstrakten Begrifflichkeit
+überzuführen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der entscheidende und ihn von Kant absolut
+scheidende Grundzug seiner Weltanschauung ist
+der, daß er die Einheit des subjektiven und des
+objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">innerhalb ihrer Erscheinung selbst</span></span> sucht.
+Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor
+Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt
+und Zeugnis geistiger Mächte, formender Ideen.
+Sein ganzes inneres Verhältnis zur Welt ruht,
+theoretisch ausgedrückt, auf der Geistigkeit der
+Natur und der Natürlichkeit des Geistes. Der
+Künstler lebt in der Erscheinung der Dinge als
+in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie
+und -Mechanismus, das seinem Hinnehmen
+und Behandeln der Welt allerdings erst einen Sinn
+gibt, muß er in der greifbaren Wirklichkeit selbst
+suchen, wenn es für ihn überhaupt bestehen soll.
+<span class="tei tei-pb" id="page13">[pg 13]</span><a name="Pg013" id="Pg013" class="tei tei-anchor"></a>Dies bestimmt seine besondere Bedeutung für die
+Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den
+abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom
+Beginn des 19. Jahrhunderts war der Materialismus
+der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen
+nach einer Synthese, die beide in ihrem Gegensatz
+überwand, rief in den 70er Jahren den Ruf: zurück
+zu Kant! hervor. Aber die <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">wissenschaftliche</span></span>
+Lösung, die dieser allein geben konnte,
+scheint nun als Ergänzung ihrer Einseitigkeit die
+ästhetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten
+ästhetischen Interessen bieten eine besondere
+Form, den Geist wiederum in die Realität
+aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den
+Ruf: zurück zu Goethe! Für ihn sind die beiden
+Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen
+Dualismus überwindet: er steigt nicht
+unter die Erscheinungen hinab, um sie, als bloße
+Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische
+Ich umschließen zu lassen, noch kann er sich,
+über sie hinweg, mit der Idee der Dinge an sich
+und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begnügen.
+An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit
+seines geistigen Wesens, die ihn alles
+<span class="tei tei-pb" id="page14">[pg 14]</span><a name="Pg014" id="Pg014" class="tei tei-anchor"></a>Theoretisieren über das Erkennen perhorreszieren
+läßt.
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Wie hast du’s denn so weit gebracht?</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Sie sagen, du habest es gut vollbracht.“</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Mein Kind, ich habe es klug gemacht:</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Ich habe nie über das Denken gedacht.“</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Ja, das ist das rechte Gleis,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Daß man nicht weiß, was man denkt,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Wenn man denkt:</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Alles ist als wie geschenkt.“</div>
+</div>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu025.jpg" alt="Illustration: J. W. von Goethe 1817" title="J. W. VON GOETHE 1817.Zeichnung von F. JagemannWeimar: Grossh. Kunstsammlung" /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">J. W. VON GOETHE 1817.<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Zeichnung von
+ F. Jagemann</span></span><br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Weimar: Grossh. Kunstsammlung</span></span></div></div>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Seiner im höchsten Sinne praktischen Natur
+war die Beschäftigung mit den Vorbedingungen
+des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst,
+seinen Inhalten und Resultaten nach, nicht förderten.
+„Das Schlimme ist,“ sagt er zu Eckermann,
+„daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man
+muß von Natur richtig sein, so daß die guten Einfälle
+immer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen,
+und uns zurufen: da sind wir.“ Die Abneigung
+gegen Erkenntnistheorie, die aus solchen
+Gründen der psychologischen Praxis hervorging,
+entfernte ihn völlig von dem Kantischen Weg,
+in den Bedingungen des Erkennens, in dem Bewußtseinszusammenhang,
+der die empirische Welt
+<span class="tei tei-pb" id="page15">[pg 15]</span><a name="Pg015" id="Pg015" class="tei tei-anchor"></a>trägt, die Versöhnung ihrer Diskrepanzen zu
+suchen. Das Absolute aber, in dem diese gefunden
+wird, aus der Erscheinung heraus in die
+Dinge-an-sich zu verlegen, würde für ihn die
+Welt sinnlos machen. „Vom Absoluten im
+theoretischen Sinne wag’ ich nicht zu reden; behaupten
+aber darf ich: daß, wer es <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">in der Erscheinung</span></span>
+anerkannt und immer im Auge behalten
+hat, sehr großen Gewinn davon erfahren
+wird.“ Und ein andermal: „Ich glaube einen
+Gott. Das ist ein schönes und löbliches Wort;
+aber Gott anerkennen, wie und wo er sich <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">offenbare</span></span>,
+das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden.“
+Nicht außerhalb der Erscheinungen, sondern <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">in</span></span>
+ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip
+des Ich und das des Objekts zusammen. Dieser
+anschauende Glaube, ohne den es überhaupt kein
+Künstlertum gäbe, hat in ihm sein äußerstes,
+das ganze Weltfühlen durchdringende Bewußtsein
+erlangt, da er, als die höchste Artistennatur, die
+wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener
+Gegensatz die maximale Spannung und damit das
+maximale Versöhnungsbedürfnis erreicht hatte.
+Goethe, der „Augenmensch“, war seiner Natur
+<span class="tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pg016" id="Pg016" class="tei tei-anchor"></a>nach zu sehr Realist, um die Wirklichkeit zu
+ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen Erscheinung
+Darstellung der Idee wäre; Kant war
+zu sehr Idealist, um die Welt ertragen zu können,
+wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem spezifischen
+Sinn der philosophischen Terminologie)
+nicht die Wirklichkeit ausgemacht hätte.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen,
+die doch dem gleichen Problem gegenüberstehen,
+tritt in dem Verhältnis hervor, das
+sie beide zu dem berühmten Satz Hallers haben,
+daß „kein erschaffener Geist ins Innere der Natur
+dringt“. Beide bekämpfen ihn mit förmlicher
+Entrüstung, weil er jenen Abgrund zwischen Subjekt
+und Objekt verewigen möchte, den es gerade
+auszufüllen galt. Aber auf wie verschiedene
+Motive hin! Für Kant ist der ganze Ausspruch
+von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit
+eines Objekts beklagt, das es gar nicht
+gibt. Denn da die Natur überhaupt nur Erscheinung,
+d. h. Vorstellung in einem vorstellenden
+Subjekt ist, so hat sie überhaupt kein Inneres.
+Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung
+sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Be<span class="tei tei-pb" id="page17">[pg 17]</span><a name="Pg017" id="Pg017" class="tei tei-anchor"></a>obachtung
+und Zergliederung der Erscheinungen
+wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf
+dasjenige bezieht, was hinter aller Natur liegt,
+also nicht mehr Natur, weder ihr Äußeres noch
+ihr Inneres ist — so ist sie nicht weniger töricht,
+weil sie etwas zu erkennen verlangt, was seinem
+Begriff nach sich den Bedingungen des Erkennens
+entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine
+bloße Idee, die niemals angeschaut, also auch
+nicht erkannt werden kann. Goethe hingegen,
+solcher erkenntnistheoretischen Überlegung ganz
+fern, verwirft jenen Spruch aus dem unmittelbaren
+Mitfühlen mit dem Wesen der Natur
+heraus:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Natur hat weder Kern</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Noch Schale,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Alles ist sie mit einem Male.</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Denn das ist der Natur Gestalt,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Daß innen gilt, was außen galt.</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Müsset im Naturbetrachten</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Immer eins wie alles achten,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Denn was innen, das ist außen.</div>
+</div>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name="Pg018" id="Pg018" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Daß das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste,
+nach dem man sich sehnen kann, nicht auch in
+der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm
+schlechthin unerträglich. Der ganze Sinn seiner
+künstlerischen Existenz wäre ihm dadurch erschüttert.
+Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhält:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Ist nicht der Kern der Natur</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Menschen im Herzen —</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht
+gleich, die die Natur und ihre Gesetze in das
+menschliche Erkenntnisvermögen, als dessen Produkte,
+hineinverlegt. Denn Goethe will sagen:
+das Lebensprinzip der Natur ist zugleich auch
+dasjenige der menschlichen Seele, beides sind
+gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend
+aus der Einheit des Seins, die die Gleichheit des
+schöpferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit
+der Gestaltungen entwickelt; so daß der Mensch
+in seinem eigenen Herzen das ganze Geheimnis
+des Seins und vielleicht auch seine Lösung zu
+finden vermag. Der ganze künstlerische Rausch
+der Einheit von Innen und Außen, von Gott und
+Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher
+<span class="tei tei-pb" id="page19">[pg 19]</span><a name="Pg019" id="Pg019" class="tei tei-anchor"></a>Behauptungen über die Dinge selbst enthält sich
+Kant. Er sagt nur das über sie aus, was sich
+aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens
+ergibt. Nicht weil Natur und Menschenseele ihrem
+Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann
+man das eine aus dem andern ablesen, sondern
+weil die Natur eine Vorstellung in der Menschenseele
+ist, so daß die Form und Bewegung dieser
+allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten
+muß. Man kann den Gegensatz, um den
+es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen
+Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt
+man nach dem eigenen Wesen der Natur, so
+antwortet Kant: sie ist nur Äußeres, da sie ausschließlich
+aus räumlich-mechanischen Beziehungen
+besteht; und Goethe: sie ist nur Inneres, da die
+Idee, das geistige Schöpfungsprinzip, auch ihr
+ganzes Leben ausmacht. Fragt man aber nach
+ihrem Verhältnis zum Menschengeist, so antwortet
+Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung
+in uns ist; und Goethe: sie ist nur
+Äußeres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf
+der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realität
+haben muß. Goethe meint nicht, wie Kant, daß
+<span class="tei tei-pb" id="page20">[pg 20]</span><a name="Pg020" id="Pg020" class="tei tei-anchor"></a>das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;
+sondern daß dieses, wie überall so auch im
+Menschengeist zu finden sei. Beides sind gleichsam
+parallele Darstellungen des göttlichen Seins,
+das sich in der Natur, dem Äußeren, mit derselben
+Realität entwickelt, wie in der Seele, dem
+Inneren; so daß die Natur ihre unbedingte äußere,
+anschauliche Wirklichkeit behält, ohne ihre Wesenseinheit
+mit dem Menschenherzen aufzugeben, und
+dazu nicht erst, wie von Kant, in eine Vorstellung
+in diesem verwandelt zu werden braucht.
+Beide stellen sich gleichmäßig jenseits des Gegensatzes
+von Materialismus und Spiritualismus.
+Kant, weil sein Prinzip die Materie und den
+Geist, die beide bloße Vorstellungen sind, gleichmäßig
+und gegensatzlos unter sich begreift, Goethe,
+weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt,
+doch unmittelbar eines bildeten; er meint zu
+Schiller, die materialistischen Philosophen kämen
+nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht
+zu den Körpern, „und daß man also immer
+wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu
+bleiben und von seiner ungetrennten Existenz
+den besten, möglichen Gebrauch zu machen“.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name="Pg021" id="Pg021" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Soll aber eine <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">objektive</span></span>, d. h. hier, über
+dem Bewußtsein gelegene Einheit des Seins gesucht
+werden, so könnte sie für Kant nur in
+Gott liegen, den er ja auch ausdrücklich heranzieht,
+wo es sich um die Vereinigung der divergentesten
+Lebenselemente, der Sittlichkeit und
+der Glückseligkeit handelt: ein transszendenter
+Gott, ein Ding-an-sich, jenseits aller Anschaulichkeit
+des Seins. Für Goethe aber kommt alles
+darauf an, daß die Einheit der Dinge nicht jenseits
+der Dinge selbst liegt; er verwirft nicht nur
+den Gott, „der nur von außen stieße“ — das
+würde auch Kant tun; sondern, indem er das
+„Bedrängtsein“ des göttlichen Prinzips in der
+Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr
+wir uns verkürzen, wenn wir es „in eine vor
+unserem äußern und innern Sinne verschwindende
+Einheit zurückdrängen“. Er kann sich die Einheit
+der Welt nur retten, wenn sie nicht in die Einheit
+eines Wesens projiziert wird, das, indem es der ihm
+gegenüberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,
+sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen würde.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bei allen scheinbaren Analogien zwischen
+Goetheschen und Kantischen Anschauungen darf
+<span class="tei tei-pb" id="page22">[pg 22]</span><a name="Pg022" id="Pg022" class="tei tei-anchor"></a>diese Grundverschiedenheit nie übersehen werden,
+daß Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und
+Objekt von der Seite des Objekts her löst, Kant
+aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht
+des zufälligen und personal-differenzierten, sondern
+des Subjekts, das der überindividuelle Träger der
+objektiven Erkenntnis ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn Goethe also sagt:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Wie könnt’ die Sonne es erblicken?</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Wär’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?“</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+so erscheint dies nur als eine Paraphrase der
+Kantischen Idee, daß wir die Dinge der Welt
+nur erkennen, weil und insofern ihre Formen
+a priori in uns ruhen. Tatsächlich aber ist es
+etwas ganz anderes. Goethe greift unter den
+Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und
+gründet die Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen
+auf eine Wesensgleichheit zwischen ihnen, wie
+es in primitiver Form schon Empedokles getan
+hatte, als er lehrte: dadurch, daß die Elemente
+aller Dinge in uns selbst sind, können wir die
+Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser,
+<span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pg023" id="Pg023" class="tei tei-anchor"></a>das Feuer durch das Feuer in uns, den Streit
+in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe
+durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die
+Sonne, und kann sie deshalb erkennen — wie
+man jenen Vers Kantisch interpretieren müßte — sondern
+Auge und Sonne sind gleichen objektiven
+Wesens, gleichberechtigte Kinder göttlicher Natur,
+und dadurch befähigt, sich miteinander zu verständigen,
+sich ineinander aufzunehmen. Die
+Kantische und die Goethesche Lösung des Weltproblems,
+die erkenntnistheoretische und die
+metaphysische — wobei Goethe sozusagen keine
+Metaphysik <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">hat</span></span>, sondern Metaphysik <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">ist</span></span> — verhalten
+sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen,
+die äußerlich angesehen den gleichen Inhalt und
+Bedeutung darbieten, von denen die eine aber
+durch die suggestive Aktivität der einen Partei — so
+daß sie die andere gleichsam nach ihrem Bilde
+und ihrem Ideal des Verhältnisses formt — aufrecht
+erhalten wird, die andere aber durch die
+wurzelhafte Einheit und natürliche Harmonie
+beider Parteien.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu035.jpg" alt="Illustration: Leonardo da Vinci. Selbstbildnis" title="LEONARDO DA VINCI.SELBSTBILDNISTURIN: PALAZZO REALE." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">LEONARDO DA
+ VINCI.</span></span><br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">SELBSTBILDNIS</span></span><br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">TURIN:
+ PALAZZO REALE.</span></span></div></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+An diesem Punkt tritt die persönliche Wesensrichtung
+Goethes ganz besonders deutlich als
+<span class="tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pg024" id="Pg024" class="tei tei-anchor"></a>Träger seiner Weltanschauung hervor. Als die
+glücklichste Beanlagung des Menschen in seinem
+Verhältnis zur Natur kann es wohl gelten, wenn
+die eigenste, nur den Bedürfnissen und Tendenzen
+des Ich folgende Entwicklung zu einem reinen
+Aufnehmen und Bilde der Natur führt, als ob die
+Kräfte beider sich wie in einer prästabilierten
+Harmonie äußerten, die einen den Index für die
+anderen bildeten. Diese Konstellation traf bei
+Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er
+äußerte und wirkte, entwickelte er nur seine Persönlichkeit;
+den ganzen Umkreis seiner Betrachtung
+und Deutung des Daseins erfüllte er, weil
+er sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck,
+als ob ihm sein Bild der Natur, das, bei allen
+sachlichen Einwänden, immerhin eines von unvergleichlicher
+Geschlossenheit, Beobachtungstreue
+und Hoheit der Auffassung ist — entstanden
+wäre, indem er nur die eigene Richtung seiner
+mitgebrachten Denk- und Gefühlsenergien entfaltet
+hätte. <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Deshalb</span></span> darf er vom Künstler
+fordern — was nachher noch näher zu deuten
+ist — daß er „höchst selbstsüchtig“ verfahre.
+Er schildert sich selbst, wenn er einmal von
+<span class="tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name="Pg025" id="Pg025" class="tei tei-anchor"></a>Winkelmann sagt: „Findet sich in besonders begabten
+Menschen jenes gemeinsame Bedürfnis,
+eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,
+noch in der äußern Welt die antwortenden Gegenbilder
+zu suchen und dadurch (!) das Innere
+völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so
+kann man versichert sein, daß ein für Welt und
+Nachwelt höchst erfreuliches Dasein sich ausbreiten
+werde.“ Diese glückliche, zur objektiven
+Natur harmonische Richtung seines subjektiven
+Wesens rechtfertigt es, daß er, obwohl dieses
+letztere mit völliger Freiheit entfaltend, überall
+die Natur zum Spiegel der eigenen Vergeistigung
+machend, doch immer behaupten kann: er gäbe
+sich der Natur mit der größten Selbstlosigkeit
+und Treue hin, er spräche nur aus, was sie ihm
+diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die
+die Unmittelbarkeit ihres Bildes trübte. Wir
+wissen von vielen der größten bildenden Künstler,
+und zwar solcher, die die strengste Stilisierung,
+die souveränste Umformung des Gegebenen übten,
+daß sie sich für Naturalisten hielten, ausschließlich
+das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.
+Tatsächlich <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">sehen</span></span> sie von vornherein so, daß es
+<span class="tei tei-pb" id="page26">[pg 26]</span><a name="Pg026" id="Pg026" class="tei tei-anchor"></a>zu dem Gegensatz innerhalb des unkünstlerischen
+Lebens: zwischen der inneren Anschauung und
+dem äußeren Objekt — bei ihnen nicht kommt.
+Vermittelst der geheimnisvollen Verbindung des
+Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins ist
+sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen
+für ihn — und, im Maße seiner Genialität, auch
+für andere — zugleich die Ausschöpfung des
+objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war
+es tatsächlich ein ganz einheitlicher Prozeß, der
+sich von der einen Seite als Entwicklung seiner
+eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen
+und Erkennen der Natur darstellte.
+Darum muß ihm die Kantische Vorstellung, daß
+unser Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze
+vorschreibt (weil Natur erst dadurch für
+uns entstehe, daß der Verstand die Sinneseindrücke
+in den ihm eigenen Formen ausgestaltet)
+— innerlich völlig fremd, ja eigentlich widrig sein.
+Der Gegensatz von Subjekt und Objekt muß ihm
+damit unsäglich übertrieben erscheinen: jenes
+viel zu selbständig, statt demütig aufnehmender
+Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen
+in sie; dieses, mit der letzten Absolutheit
+<span class="tei tei-pb" id="page27">[pg 27]</span><a name="Pg027" id="Pg027" class="tei tei-anchor"></a>seines Wesens dennoch nicht in das Subjekt aufgehend,
+der ungeheuren Anstrengung des Subjekts,
+es in sich einzuziehen, spottend. Ihm, der sein
+Ich von vornherein gleichsam in Parallelität mit
+der Natur fühlte, mußte es scheinen, als ob die
+Kantische Lösung dem Subjekt einerseits zuviel,
+anderseits zuwenig zuspräche, und als ob sie
+dem Objekte einerseits Gewalt antäte, statt sich
+ihm in Treue hinzugeben, während es ihr andrerseits
+doch als ein Unerfaßbares — ein „Ding <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">an sich</span></span>“
+— aus den Händen glitte.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu041.jpg" alt="Illustration: Der delphische Wagenlenker" title="DER DELPHISCHE WAGENLENKER." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">DER DELPHISCHE WAGENLENKER.</div></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen
+auch in bezug auf die Grenzen
+des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit
+bei scheinbarer Verwandtschaft. Wie Kant fortwährend
+die Unerkennbarkeit dessen betont, was
+die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei,
+so Goethe, daß hinter allem Erforschlichen noch
+ein Unerforschliches liege, daß wir nur „ruhig
+verehren“ könnten, ein Letztes, Unsagbares, an
+dem unsre Weisheit ein Ende habe. Für Kant
+bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur
+unsres Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben;
+für Goethe bedeutet es nur jene Schranke, die
+<span class="tei tei-pb" id="page28">[pg 28]</span><a name="Pg028" id="Pg028" class="tei tei-anchor"></a>aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel
+des letzten Weltgrundes hervorgeht — wie auch
+der Fromme sich bescheidet, Gott hienieden nicht
+schauen zu können, aber nicht eigentlich, weil
+er sich prinzipiell dem Schauen entzöge, sondern
+weil unser Schauen dazu erst einer im Jenseits
+gewährten Steigerung, Kräftigung, Vertiefung
+bedürfte. Darum sagt er:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Unverstanden, doch nicht unverständlich.“</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Von den letzten Mysterien der Natur trennt
+uns freilich eine unendliche Entfernung, aber sie
+liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit
+der erkennbaren Natur, weil es ja nichts als
+Natur gibt, die zugleich Geist, Idee, das Göttliche
+ist. Für Kant aber liegt das Ding an sich in
+einer völlig anderen Dimension als die Natur, als
+das Erkennbare, und man mag in dieser Region
+bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf
+jene treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller:
+„Die Natur ist deswegen unergründlich, weil sie
+nicht <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">ein</span></span> Mensch begreifen kann, obgleich die
+ganze Menschheit sie wohl begreifen könnte.
+Weil aber die liebe Menschheit niemals beisammen
+<span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pg029" id="Pg029" class="tei tei-anchor"></a>ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern
+Augen zu verstecken.“ Nach den Kantischen
+Voraussetzungen aber ist dasjenige allerdings
+vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein
+der Menschheit vermißt. Jene Formen und
+Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet,
+weil durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt
+für uns geschaffen wird, sind nichts Persönliches,
+sondern sie sind das allgemein Menschliche in
+jedem Individuum; in ihnen liegt das Verhältnis
+restlos beschlossen, das die Menschheit überhaupt
+zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im
+allgemeinen gegenüber bestehen also nicht jene
+individuellen Unzulänglichkeiten, die Goethe erst
+durch das Beisammensein aller auszugleichen
+glaubt. Deshalb ist für Kant die Natur prinzipiell
+völlig durchsichtig und nur die Empirie über sie
+ist unvollständig. Da für Goethe die Natur selbst
+von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist,
+so kommt in der Natur selbst der Punkt, in dem
+die Intensität und Tiefe der Vorgänge uns weiteres
+Eindringen versagt; für Kant, der das Übersinnliche
+völlig aus der Natur hinausverlegt, liegt die
+Grenze des Erkennens nicht mehr innerhalb ihrer,
+<span class="tei tei-pb" id="page30">[pg 30]</span><a name="Pg030" id="Pg030" class="tei tei-anchor"></a>sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhört.
+Für Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine
+quantitative, keine prinzipielle Inkonsequenz, wenn
+er gelegentlich zu Schiller äußert, die Natur habe
+kein Geheimnis, <a name="corr030" id="corr030" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">das</span> sie nicht irgendwo dem aufmerksamen
+Beobachter nackt vor die Augen
+stellte, und ein andermal meint: „Isis zeigt
+sich ohne Schleier — nur der Mensch, er hat
+den Star“ —, während Kant absolut inkonsequent
+wird, wenn er uns doch einen Blick
+in das Reich des Intelligiblen verstattet; wovon
+wir übrigens hier nicht untersuchen, ob
+es ihm mit Recht oder Unrecht insinuiert
+wird.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu047.jpg" alt="Illustration: Michelangelo. Sklave von der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom" title="MICHELANGELO.SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">MICHELANGELO.<br />SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.</div></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen
+dieser beiden Geister nach ihrem Endziel
+bezeichnen darf — obgleich solche letzten
+Ziele nur der Ausdruck der Wesenskräfte und
+ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das selbständig
+gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die
+Richtung gäbe — so ist die Formel des Kantischen
+Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:
+Einheit. Für Kant kam alles darauf an, und
+so läßt sich seine gesamte Leistung zusammen<span class="tei tei-pb" id="page31">[pg 31]</span><a name="Pg031" id="Pg031" class="tei tei-anchor"></a>fassen,
+die Kompetenzen der inneren Mächte, die
+das Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander
+abzugrenzen: der Sinnlichkeit ihre
+Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die
+seinige gegen die Vernunft, der Vernunft die
+ihrige gegen den Glückseligkeitstrieb, der Individualität
+die ihre gegen das Allgemeingültige zu
+setzen; damit sind zugleich in der Objektivität
+von Welt und Leben die Grenzstriche für die
+Kräfte, Ansprüche und Bedeutsamkeiten der Dinge
+selbst gezogen; es gilt für ihn, das praktische,
+wie das theoretische Leben vor den Übergriffen,
+Ungerechtigkeiten und Verschwommenheiten zu
+schützen, die aus dem Mangel genauer Grenzen
+zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen
+den objektiven Faktoren hervorgehen. Als so
+grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,
+so ist sie ihm doch sozusagen nur die
+natürliche Tatsache, die er vorfindet, und an der
+nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung
+zwischen den Elementen des Seins beginnt.
+Zu jener großen Aufgabe, das Subjekt
+mit dem Objekt in ein einheitliches Verhältnis
+zu setzen, brachte er, als Werkzeuge seiner Detail<span class="tei tei-pb" id="page32">[pg 32]</span><a name="Pg032" id="Pg032" class="tei tei-anchor"></a>arbeit
+daran, von Natur gleichsam die Instrumente
+des Markscheiders mit. Ersichtlich verhält sich
+der Künstler den Erscheinungen gegenüber umgekehrt.
+So sehr er auch zunächst das verwirrende
+Ineinander der Qualitäten, Betätigungen
+und Bedeutungen der Dinge auseinanderlegen
+muß, so macht doch seine innere Bewegung erst
+an der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenüber
+alle Grenzsetzungen Interessen zweiten
+Ranges sind. Gewiß ist die schließliche Einheit
+der Elemente und damit der Weltanschauung auch
+für Kant das Definitivum. Aber die persönliche
+Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin
+mündenden Bewegungen bestimmt, ist doch das
+Interesse an der Grenzsetzung; dies ist die große
+Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die
+inneren Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung
+der Elemente ihren letzten Ausdruck
+finden: „Trennen und Zählen“, bekennt Goethe,
+„lag nicht in meiner Natur“; und ausdrücklich
+sagt er: „Dich im Unendlichen zu finden, mußt
+unterscheiden und dann verbinden“, während Kant
+die Verbindung vorfindet, und ihre Scheidung für
+sein dringlichstes Problem hält.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pg033" id="Pg033" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung,
+so setzt sich bei Goethe das der Einheit aus der
+allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten
+fort. Indem die Einheit der Natur sich
+in diesen dokumentiert, muß sich unter ihnen
+eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die
+höchstens einer Abstufung des Entwicklungsmaßes,
+aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit mehr
+Raum gibt. Ich will nur ein paar Äußerungen
+hervorheben, die zugleich das plumpe Mißverständnis:
+Goethes angebliche, hochmütig-aristokratische
+Weltanschauung zurückweisen. Er betont
+einmal, daß zwischen dem gewöhnlichen
+Menschen und dem Genie doch eigentlich nur
+ein sehr geringer Unterschied gegenüber dem,
+was ihnen gemeinsam wäre, bestünde. „Das
+poetische Talent,“ sagt er ein anderes Mal, „ist
+dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es
+kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand
+ergreife, und ihn nach Würden behandle.“
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Wollen die Menschen Bestien sein,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">So bringt nur Tiere zur Stube herein,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Das Widerwärtige wird sich mindern,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left"><span class="tei tei-hi" style="text-align: left; margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wir sind eben alle von Adams Kindern</span></span>.“</div>
+</div>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu053.jpg" alt="Illustration: Albrecht Dürer. Hieronimus" title="ALBRECHT DÜRERHIERONIMUSRADIERUNG." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">ALBRECHT DÜRER</span><br /><span style="font-style: italic">HIERONIMUS</span><br /><span style="font-style: italic">RADIERUNG.</span></span></div></div>
+<span class="tei tei-pb" id="page34">[pg 34]</span><a name="Pg034" id="Pg034" class="tei tei-anchor"></a>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und endlich ganz umfassend: „Auch das Unnatürlichste
+ist Natur. Auch die plumpste Philisterei
+hat etwas von ihrem Genie. Wer sie
+nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo
+recht.“ Die Einheit der Natur ergreift für ihn
+also auch das, was nach der Skala der Werte aufs
+äußerste einander entgegengesetzt scheint. Weil
+Äußeres und Inneres des gleichen Wesens sind,
+und zwischen ihren letzten Gründen keine Grenzsetzung
+möglich ist, so kann die Verschiedenheit
+des Maßes, in dem sie sich zu den einzelnen
+Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit
+dieser begründen. Und wie zwischen
+den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen.
+Er äußert den „Unmut“, den ihm die Lehre von
+den unteren und oberen Seelenkräften erregt habe.
+In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,
+ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche
+Rechte an einem gemeinsamen Mittelpunkt, der
+sein geheimes Dasein eben durch das Verhältnis
+aller Teile zu ihm manifestiert. „Alle Streitigkeiten
+der älteren und neueren bis zur neuesten
+Zeit entspringen aus der Trennung dessen, was
+Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer
+<span class="tei tei-pb" id="page35">[pg 35]</span><a name="Pg035" id="Pg035" class="tei tei-anchor"></a>nicht überzeugt ist, daß er alle Manifestationen
+des menschlichen Wesens, Sinnlichkeit und Vernunft,
+Einbildungskraft und Verstand zu einer
+entschiedenen Einheit ausbilden müsse, der wird
+sich in einer unerfreulichen Beschränkung immerfort
+abquälen.“ Alles dieses würde Kant wohl
+prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser
+Tatsache hebt sich die Divergenz der Denkrichtungen
+am deutlichsten ab. Für Goethe kommt
+es auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der
+Seelenvermögen besteht; für Kant auf die Grenzen
+der Seelenvermögen, die trotz ihrer Einheit bestehen.
+Die Grenzsetzung ist für ihn das unmittelbare
+Korrelat der Einheit; er sagt einmal, nachdem
+er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten
+eine scharfe Grenze gezogen hat: „Diese <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Absonderung</span></span>
+hat noch einen besonderen Reiz, den
+die <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Einheit</span></span> der Erkenntnis bei sich führt, wenn
+man verhütet, daß die Grenzen der Wissenschaft
+nicht ineinanderlaufen, sondern ihre gehörig abgeteilten
+Felder einnehmen.“ Wenn es das Ziel
+jeder Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander
+und Auseinander der Weltelemente zu einer
+Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller
+<span class="tei tei-pb" id="page36">[pg 36]</span><a name="Pg036" id="Pg036" class="tei tei-anchor"></a>überzuführen, so haben Kant und Goethe dieses
+gemeinsame Ziel, der eine durch die Gerechtigkeit
+der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere
+durch die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht
+— und gerade darum auch befriedigend
+erreichen können, weil jeder von ihnen die
+Tatsache des entgegengesetzten Prinzips anerkennt.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu059.jpg" alt="Illustration: A. Feuerbach: Konzert" title="A. FEUERBACHKONZERTBERLIN: NATIONALGALERIE." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">A. FEUERBACH</span><br /><span style="font-style: italic">KONZERT</span><br /><span style="font-style: italic">BERLIN: NATIONALGALERIE.</span></span></div></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Für beide wird diese Anerkennung freilich von
+seiten des letzten Motivs her begrenzt, aus dem
+überhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das
+bei dem einen ein wissenschaftliches, bei dem
+andern ein künstlerisches ist. Die Wissenschaft
+befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten
+Einheit des Weltbegriffes, kann sie aber
+niemals erreichen; auf welchem Punkte sie auch
+stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges
+in eine andre Denkweise: religiöser, metaphysischer,
+moralischer, ästhetischer Art — um das unvermeidlich
+Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer
+völligen Einheit zu ergänzen und zusammenzuschließen.
+Das hat Kant sehr gut gewußt, und
+er bestimmt deshalb mit großer Entschiedenheit
+die Schranken nicht nur <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">innerhalb</span></span>
+seines Welt<span class="tei tei-pb" id="page37">[pg 37]</span><a name="Pg037" id="Pg037" class="tei tei-anchor"></a>bildes
+sondern auch dieses Weltbildes selbst, soweit
+er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenüber
+dem Ideal der unbedingten Einheit der Dinge.
+Für Goethe andrerseits wird die Grenze, bis zu
+der die Analyse gehen darf, durch ein nicht
+weniger bestimmtes Kriterium gegeben; sie ist
+ihm von dem Punkt an unzulässig, wo sie die
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Schönheit</span></span> der Dinge zerstört. Schönheit, so
+könnte man in Goethes Sinne sagen, ist die Form,
+in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich
+gegenseitig innewohnen. Daß Schönheit da ist,
+daß wir sie empfinden, dass wir sie selbst bilden
+können, ist die Gewähr dafür, daß jene Einheit
+der Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung
+der Zeit suchte, ist die Gewähr dafür,
+daß das geistige Subjekt und die objektive Natur
+sich begegnet sind; und sie können sich nur begegnen — so
+darf man ihn weiter ausdeuten — wenn
+und weil sie von vornherein identisch sind.
+Wir müssen vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt
+Lionardo da Vincis zurückgehen, um einen Zweiten
+zu finden, der die Welt so restlos ästhetisch
+genossen, so jede Wirklichkeit zugleich als Schönheit
+empfunden hat. Weil Schönheit die Ver<span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pg038" id="Pg038" class="tei tei-anchor"></a>körperung
+ideellen Gehalts im realen Sein ist, so
+bedeutet die Durchgängigkeit <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">ihrer</span></span> Herrschaft
+die Auflösung jenes fundamentalen Gegensatzes
+zwischen dem geistigen und dem natürlichen,
+dem subjektiven und dem objektiven Prinzip
+des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner Nichtigkeit.
+Darum findet er in der Schönheit das
+niemals trügende Kriterium für die Richtigkeit
+der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die
+— äußere oder intellektuelle — Zergliederung des
+Objekts die Schönheit seiner Erscheinung nicht
+mehr bestehen ließe, wäre die Unwahrheit ihrer
+Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreißen der
+Natur „mit Hebeln und mit Schrauben“ ist ihm
+sozusagen theoretisch falsch, weil es ästhetisch
+falsch ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt
+er sich nur schwer ab, da sie „doch den Eindruck
+einer schönen Erdoberfläche vor dem Anschauen
+des Geistes zerstückelt“. Daher auch sein Haß
+gegen die Zerstückelung Homers; er will ihn „als
+Ganzes denken“, weil er nur so seine Schönheit
+bewahre. Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische
+Auffassung der Dinge zerstören,
+meint er:
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page39">[pg 39]</span><a name="Pg039" id="Pg039" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„Was wir Dichter ins Enge bringen,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Wird von ihnen ins Weite geklaubt.</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Das Wahre klären sie an den Dingen,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">Bis niemand mehr dran glaubt.“</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das
+kleine Gedicht: „Die Freude.“ Er entzückt sich
+an den Farben einer Libelle, will sie in der Nähe
+sehen, verfolgt und faßt sie und sieht — ein
+traurig, dunkles Blau. „So geht es dir, Zergliederer
+deiner Freuden!“ Mit der zuweit getriebenen
+Zergliederung, die den ästhetischen Genuß zerstört,
+entschwindet also nicht etwa eine Illusion, sondern
+das ganz reale Bild des Gegenstandes. Ja, seine
+Abneigung gegen Brillen ist schließlich doch auch
+nur die gegen das scharfe Zerfasern der Erscheinungen,
+gegen das Zerstören des natürlich schönen
+Verhältnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden
+Organ. Gewiß mit Recht meint Helmholtz,
+das letzte Motiv für seine unselige Polemik
+gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen,
+wo er über die durch viele enge Spalten und Gläser
+hindurchgequälten Spektra spottet, und die Versuche
+im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht
+nur als besonders ergötzlich, sondern auch als be<span class="tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pg040" id="Pg040" class="tei tei-anchor"></a>sonders
+beweisend preist. Die Zerstörung des ästhetischen
+Bildes ist ihm zugleich die Zerstörung der
+Wahrheit. Die rechnerische Vorstellung der Dinge,
+wie die mathematische Naturwissenschaft sie durch
+Zerlegung in ihre, womöglich qualitätslosen, Elemente
+gewinnt, muß ihm wegen ihres Mankos an
+ästhetisch-anschaulichem Werte ein ebenso großer
+Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt für Kant
+dieses ästhetische Kriterium ein solcher gegenüber
+den Gegenständen des Naturerkennens wäre.
+</p>
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu062.png" alt="Illustration: Ornament" /></div>
+</div>
+
+<hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page41">[pg 41]</span><a name="Pg041" id="Pg041" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der <a name="corr041" id="corr041" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">großen</span> Zweiheit der
+Weltelemente, durch deren mannigfaltige
+Versöhnungen hin sich
+die Weltanschauung der neueren
+Zeit entwickelt, steht eine andere
+zur Seite, die sich viel früher als
+jene aufarbeitet, in ihrem Bildungsschicksal
+aber mit ihr verwandt ist: der praktische
+Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen
+Gesamtheit, aus dem man die Probleme
+der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch
+hier beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand:
+die Interessen des Einzelnen und der
+Gesamtheit haben in primitiven Kulturen überhaupt
+noch keine nennenswerte oder bewußte
+Entgegengesetztheit: der naive Egoismus hat zwar
+gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen
+anderen Inhalt als der Gruppenegoismus. Sehr
+bald freilich bildet sich mit der anhebenden Individualisierung
+der Persönlichkeiten ein Gegensatz
+zwischen beiden heraus, und damit die Forderung
+an den Einzelnen, sein persönliches Interesse dem
+der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt
+ein Sollen gegenüber, der natürlichen Subjektivität
+<span class="tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pg042" id="Pg042" class="tei tei-anchor"></a>ein objektives Moralgebot. Und abermals erhebt
+sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch
+Unterdrückung der einen Seite oder durch gleichmäßige
+Befriedigung beider aufzuheben; wobei
+es sich hier ersichtlich um eine Lösung handelt,
+die den Wert des Lebens überhaupt auf sein
+Maximum bringe.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe
+in fast genauem Parallelismus mit dem Verhältnis
+ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei Kant
+durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen
+besonderen Interesses steht, aber in der
+Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe durch
+eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen
+Lebenselemente, durch eine die Gegensätze
+einschließende Natur des Menschen und
+der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier
+auf der völligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit
+und der Vernunft; einen Wert erhielte
+das Handeln erst dadurch, daß es unter absoluter
+Rücksichtslosigkeit gegen die erstere ausschließlich
+der letzteren gehorchte. Diese aber
+enthält zwei Momente: einmal die Selbständigkeit
+des Menschen, die verneint ist, sobald sinn<span class="tei tei-pb" id="page43">[pg 43]</span><a name="Pg043" id="Pg043" class="tei tei-anchor"></a>liche
+Motive uns bestimmen, deren Anregung und
+Befriedigung von außen, von der Gegenwart bestimmter
+Objekte abhängig ist; zweitens die
+völlige Objektivität des Sittengesetzes, das mit
+allen individuellen Reserven, Besonderheiten und
+Velleitäten schonungslos aufräumt und den ganzen
+Wert des Menschen ausschließlich darauf gründet,
+daß er seine Pflicht erfüllt, und zwar nicht nur
+äußerlich erfüllt, sondern auch um der Pflicht
+willen; sobald sich irgend ein anderes Motiv als
+dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen
+Wert mehr. Ist diese Bedingung aber erfüllt, so
+ist der Mensch in eine höhere, über-empirische
+Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein
+Handeln einen Wert, eine absolute Bedeutung,
+hinter der all sein bloßes Denken und Erkennen,
+das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht,
+weit zurücksteht.
+</p>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu066.jpg" alt="Illustration: Puvis de Chavannes. Mittelgruppe aus dem Wandgemälde in der Sorbonne zu Paris" title="PUVIS DE CHAVANNES.MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">PUVIS DE CHAVANNES.<br />MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.</div></div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+An diesem letzteren, äußerst charakteristischen
+Punkte der Kantischen Lehre, dem „Primat der
+praktischen Vernunft vor der theoretischen“ ist
+Goethe mit ihm völlig einverstanden. Unaufhörlich
+betont er, wie Handeln im sittlichen Sinne
+unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es
+<span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name="Pg044" id="Pg044" class="tei tei-anchor"></a>als der Weisheit letzten Schluß erklärt, daß man
+sich das Leben täglich praktisch erobre, wie er
+den Begriff des Menschen mit dem des Kämpfers
+identifiziert, so erklärt er, daß er überhaupt nur
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">handelnd</span></span> denken könne, und daß ihm alle bloße
+Belehrung direkt verhaßt wäre, wenn sie nicht
+zugleich seine Tätigkeit belebte. Der Primat der
+sittlich-praktischen Tüchtigkeit vor aller bloßen
+Intellektualität und Theorie steht ihm ebenso fest
+wie Kant.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Für ihre ethische Anschauung bedeutet dies
+die gleiche Übereinstimmung wie für ihre allgemeine
+Weltanschauung die Überwindung des oberflächlichen
+Dualismus der inneren und der äußeren
+Natur. Aber sogleich trennen sich, hier wie dort,
+die Wege oberhalb — oder unterhalb — dieser
+gleichsam nur punktuellen Gemeinsamkeit. Wie
+für Kant das Unerkennbare des Daseins ein absolutes
+Jenseits ist, von allem Gegebenen brückenlos
+geschieden, für Goethe aber nur die in das
+Mystische sich verlierende Tiefe der Anschauungswelt,
+in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar,
+so doch ohne Sprung führt — so liegt
+für Kant der sittliche Wert in einer dem Wesen
+<span class="tei tei-pb" id="page45">[pg 45]</span><a name="Pg045" id="Pg045" class="tei tei-anchor"></a>nach anderen Welt, als alles andere Dasein und
+seine Bedeutungen, von diesen aus nur durch
+eine radikale Wendung und „Revolution“ zu erreichen.
+In der Goetheschen Anschauung aber ist
+der sittliche Wert mit den übrigen Lebensinhalten
+in einer einheitlichen, kontinuierlich aufsteigenden
+Reihe verbunden, und sein auch für ihn unbezweifelbarer
+Primat ist jenen gegenüber der Rang
+des primus inter pares. Jener fundamentale und
+unversöhnliche <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wertunterschied</span></span> zwischen der
+sinnlichen und der vernünftigen Seite unseres
+Wesens, auf dem die ganze Kantische Ethik steht,
+muß Goethe ein Horror sein — wie überhaupt sein
+eigentlicher Todfeind der christliche Dualismus ist,
+der die Sichtbarkeit der Welt und ihren Wert auseinanderreißt.
+Die metaphysische Einheit der
+Lebenselemente muß sich für ihn unmittelbar in
+eine Werteinheit derselben umsetzen. Daß er, wie
+wir sahen, das Innere und das Äußere nicht
+trennen kann, daß er statt der „oberen und unteren
+Seelenkräfte“ einen gemeinsamen Mittelpunkt
+des psychischen Daseins fordert — das entstammt
+doch wohl der in die letzten Tiefen seiner Persönlichkeit
+hineinreichenden und allem Beweisen und
+<span class="tei tei-pb" id="page46">[pg 46]</span><a name="Pg046" id="Pg046" class="tei tei-anchor"></a>Widerlegen unzugänglichen Empfindung einer
+Gleichheit und Harmonie aller unserer Wesensseiten
+in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie für
+ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein,
+flüchtig oder abseitliegend ist, daß sich nicht seine
+ganze Aufmerksamkeit darauf richten könnte, und
+daß es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum
+Repräsentanten der Gesamtheit des Alls würde, so
+läßt es in der subjektiven Welt die gewaltige Einheit
+seines Lebensgefühles nicht zu einem prinzipiellen
+Wertunterschiede seiner einzelnen Energien
+kommen. Goethes Existenz wird durch das glücklichste
+Gleichgewicht der drei Richtungen unserer
+Kräfte charakterisiert, deren mannigfaltige Proportionen
+die Grundform jedes Lebens abgeben:
+der aufnehmenden, der verarbeitenden, der sich
+äußernden. In diesem dreifachen Verhältnis steht
+der Mensch zur Welt: zentripetale Strömungen,
+das Äußere dem Inneren vermittelnd, führen die
+Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale
+Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem
+geistigen Leben und lassen das Äußere zu einem
+Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Tätigkeiten
+entladen die Kräfte und Inhalte des Ich
+<span class="tei tei-pb" id="page47">[pg 47]</span><a name="Pg047" id="Pg047" class="tei tei-anchor"></a>wieder in die Welt hinein. Wahrscheinlich hat
+dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare
+physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit
+seiner harmonischen Erfüllung entspricht
+eine gewisse Verteilung der Nervenkraft auf diese
+drei Wege ihrer Betätigung. Beachtet man nun,
+wie sehr das Übergewicht eines derselben die anderen
+und die Gesamtheit des Lebens irritiert, so
+möchte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in
+Goethes Natur als den physisch-psychischen Ausdruck
+für deren Schönheit und Kraft ansehen. Er
+hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt,
+sondern seine geistige Tätigkeit war fortwährend
+von der rezeptiven Hinwendung zur Wirklichkeit
+und allem, was sie bot, genährt; seine
+inneren Bewegungen haben sich nie gegenseitig
+aufgerieben, sondern seine ungeheure Fähigkeit,
+sich nach außen hin handelnd und redend auszudrücken,
+verschaffte jeder die Entladung, in der
+sie sich völlig ausleben konnte: in diesem Sinne hat
+er es so dankbar hervorgehoben, daß ihm ein Gott
+gegeben hat, zu <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">sagen</span></span>, was er leidet. So könnte
+man in seiner Denkrichtung sagen, daß, wenn
+irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen
+<span class="tei tei-pb" id="page48">[pg 48]</span><a name="Pg048" id="Pg048" class="tei tei-anchor"></a>untergeordnet ist, so sei sie eben dadurch, daß sie
+diese ihr zukommende Stelle ausfüllt, gerade so
+wertvoll wie die höhere, die auch nichts kann, als
+ihre Funktion ausüben, und das eben erst im Zusammenwirken
+mit der ersten kann; so daß jene
+antiaristokratische Meinung über die annähernde
+Gleichwertigkeit der Menschen — vor der er übrigens
+selbstverständlich im Empirischen und nach
+dem einmal rezipierten Maßstab den Unterschied
+zwischen der blöden Menge und den großen Menschen
+nie übersieht — ihre Analogie innerhalb
+des einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine
+Wesenselemente findet. Wenn ich vorhin die Einheit
+des Inneren und des Äußeren, des Subjektiven
+und des Objektiven, des Ideellen und des Realen
+als die Voraussetzung der künstlerischen Weltanschauung
+hervorhob, so kommen wir hier vielleicht
+auf die noch tiefere Fundamentierung dieses
+Fundaments; jenes In- und Miteinander der Weltelemente
+ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man
+könnte sagen: die metaphysische Rechtfertigung
+ihrer <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wert</span></span>gleichheit, die er empfindet. Das mag
+auch der Grund sein, weshalb das antike Unverhülltsein
+seiner sinnlichen Derbheiten immer künst<span class="tei tei-pb" id="page49">[pg 49]</span><a name="Pg049" id="Pg049" class="tei tei-anchor"></a>lerisch
+wirkt, weil es jene Gleichberechtigung der
+Wesensseiten aufs schärfste verdeutlicht, die, zu
+einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die
+Metaphysik aller Kunst ausmacht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche
+Glück gerichtete Ideal mit dem Vernunftideal eine
+Einheit bildet, erhebt er sich ganz über den Gegensatz
+zwischen eudämonistischer und rationalistischer
+Moral, auf dem die Kantische Ethik ruht.
+Vielen Mißverständnissen gegenüber muß durchaus
+betont werden, daß seine Fremdheit gegen die
+logische Strenge der Vernunftethik absolut nicht
+bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen und
+Genußideal untertan machen wollen. Ja, um seinen
+Abstand hiervon zu begreifen: er kann es
+direkt aussprechen (1818), es sei Kants unsterbliches
+Verdienst, daß er die Moral „dem schwankenden
+Kalkul einer bloßen Glückseligkeitstheorie
+entgegengestellt“ und sie in ihrer höchsten übersinnlichen
+Bedeutung erfaßt habe. Das widerstreitet
+gar nicht dem Ausruf in den Lehrjahren: „O der
+unnötigen Strenge der Moral, da die Natur uns
+auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir
+sein sollen.“ Denn die Übersinnlichkeit, die er
+<span class="tei tei-pb" id="page50">[pg 50]</span><a name="Pg050" id="Pg050" class="tei tei-anchor"></a>dort meint, ist eben nicht die Kantische, die einerseits
+eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits
+unsere Einstellung in eine transszendente Ordnung
+der Dinge bedeutet. Goethes Übersinnliches will
+hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich
+ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige
+Vernünftigkeit. Das spricht er ganz unzweideutig
+einige Jahre später in einem Briefe an
+Carlyle aus: „Einige haben den Eigennutz als
+Triebfeder aller sittlichen Handlungen angenommen;
+andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen,
+nach Glückseligkeit als einzig wirksam finden;
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">wieder andere setzten das apodiktische
+Pflichtgebot obenan</span></span>: und keine dieser Voraussetzungen
+konnte allgemein anerkannt werden,
+man mußte es zuletzt am geratensten finden, aus
+dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen
+Natur das Sittliche sowie das Schöne zu entwickeln.“
+Die eigentliche Großartigkeit des Kantischen
+Moralismus, die immer wieder über seine
+Verengerung und Vereinseitigung der Wertsphären
+triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfaßt.
+Das sittliche Sollen ist für Kant die eine Karte,
+auf die der ganze Wert des Lebens gesetzt ist;
+<span class="tei tei-pb" id="page51">[pg 51]</span><a name="Pg051" id="Pg051" class="tei tei-anchor"></a>und daran mußte Goethe vor allem die ungeheure
+Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fühlen.
+„Alles Sollen ist despotisch,“ sagt er, und ihm, dem
+aus der tiefen Einheitlichkeit des Seins die gleichberechtigte
+Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien
+dies unerträglich, weil er nicht in die Tiefe
+der Kantischen Lehre drang, in der dieses Sollen
+sich als die äußerste und unbedingte Freiheit des
+Ich offenbarte. Denn den „Despotismus“ jenes
+Sollens kann nach der Kantischen Deutung weder
+ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch
+eine Sitte uns auferlegen, sondern allein wir selbst.
+Die ganze Peripherie des Lebens erscheint Kant
+von Mächten mindestens mitbestimmt, die außerhalb
+des tiefsten Ich liegen, und nur an dem
+Punkte der sittlichen Freiheit, d. h. an dem Gesetze,
+das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses
+hervor — in unversöhnlichem Gegensatz freilich
+zu dem Künstler, dem alles scheinbar Äußerliche
+der Ort für die Bewährung seiner tiefsten Persönlichkeitskräfte
+ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die
+Natur überhaupt es ist, so zeigt sich damit der
+ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, son<span class="tei tei-pb" id="page52">[pg 52]</span><a name="Pg052" id="Pg052" class="tei tei-anchor"></a>dern
+auch außerhalb unser als nichtig. Sie muß
+das Ich und seine Interessen mit der sozialen Gesamtheit
+ebenso versöhnen, wie die Sinnlichkeit
+mit der Vernunft. Daraus erklärt sich, daß Goethe
+den eigentlich sozialen Problemen auch in ihren
+allgemeinsten Formen ganz fremd gegenübersteht.
+Denn immer handelt es sich in diesen darum, das
+unzulängliche oder verschobene Gleichgewicht zwischen
+dem Individuum und seinem sozialen Kreise
+herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden
+seiner Zeit, die von dem Einzelnen als Sozialwesen
+nur zu fordern pflegte, daß er seine persönliche
+Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewähre.
+Völlig im Tone des landläufigen Liberalismus bemerkt
+er gegen die Saint-Simonisten, daß jeder
+bei sich anfangen und zunächst sein eigenes Glück
+machen müsse, woraus denn zuletzt das Glück des
+Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies mag für
+ihn auch ästhetisch begründet sein. Er verlangt
+einmal vom Künstler, er solle „höchst selbstsüchtig“
+verfahren, nur das tun, was ihm Freude und
+Wert ist. Für die Kunst ist dieser Liberalismus
+auch völlig angebracht, weil hier tatsächlich ein
+Maximum von Gesamtwert entsteht, wenn jeder
+<span class="tei tei-pb" id="page53">[pg 53]</span><a name="Pg053" id="Pg053" class="tei tei-anchor"></a>Künstler <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">seinem</span></span> individuellen Ideale nachgeht;
+und weil das objektiv Wertvolle der Kunst, das
+jenseits des Gegensatzes von Ich und Du steht,
+sich dem Künstler allerdings in der Form eines
+persönlich leidenschaftlichen Begehrens darstellt.
+Für geringwertige ästhetisch angelegte Naturen
+droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,
+der die ästhetischen Werte ausschließlich ihrer
+subjektiven Genußseite wegen kultiviert, unter dem
+Selbstbetrug, daß sie, als ästhetische, an sich selbst
+etwas Überindividuelles, objektiv Wertvolles seien.
+Solche Tendenz auf den Genuß als das Letztentscheidende
+lag Goethe völlig fern, wenn er das
+egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewußt,
+nur seine einheitliche Persönlichkeit zu entwickeln
+— und dasselbe von andern zu verlangen — die freilich
+eine subjektive und eine objektive Seite hatte;
+wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage
+war, welche von beiden gelegentlich die Führung
+übernahm. Der künstlerische, der Produktion objektiver
+Werte sich bewußte Egoismus verhält sich
+deshalb durchaus kühl den Aufgaben gegenüber,
+die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen
+und deren Versöhnung nun gerade durch den Ver<span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pg054" id="Pg054" class="tei tei-anchor"></a>zicht
+auf allen Egoismus gewinnen wollen. Statt
+der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der
+Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn
+zu überwinden, interessiert Goethe vielmehr das
+„Allgemein-Menschliche“ als der unmittelbare Ausdruck,
+sozusagen als die menschliche Form der
+metaphysischen Einheit der Natur; die menschliche
+Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren,
+sondern nur zu entwickeln, wie unsere
+Theorie sie sich nicht durch künstliche, ihr Wesen
+alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige
+Beobachtung ihrer freiwilligen Entfaltung nahe zu
+bringen habe. „In jedem Besonderen,“ so hofft
+er, „wird man durch Nationalität und Persönlichkeit
+hindurch jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten
+sehen.“ In ähnlicher Gesinnung hat jetzt
+Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen
+Interesses für den Menschen und die Gesamtentwicklung
+der Menschheit, eine absolute Gleichgültigkeit
+gegen alle sozialen Fragen an den Tag
+gelegt. Dagegen ist für den Sozialforscher oder
+-politiker <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">der Mensch</span></span> überhaupt kein Problem,
+sondern nur <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">die Menschen</span></span>. Kants Moralgesetz
+ist, wie Schleiermacher sagte, „nur ein politisches“:
+<span class="tei tei-pb" id="page55">[pg 55]</span><a name="Pg055" id="Pg055" class="tei tei-anchor"></a>es gibt die präzise und erschöpfende Formel für
+den Menschen, der seinen sozialen Pflichten gleichsam
+von Natur feindlich gegenübersteht und ein
+Verhalten sucht, mit dem dennoch ein Zusammenleben
+aller möglich ist. Der äußere wie der innere
+Dualismus des Menschen bleibt für Kant, im Praktischen
+nicht weniger als im Theoretischen, im
+Vordergrund des Bewußtseins, und seine Lösung
+ist gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand
+des Konflikts rechnet. Wenn Goethe aber
+es als sein Ideal bezeichnet, „eine gewisse sittlich-freisinnige
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Übereinstimmung durch die Welt</span></span>
+zu verbreiten“, so ist die Voraussetzung davon
+die Negation eben jener Scheidung und Entgegengesetztheit
+zwischen Individuum und Gruppe und
+zwischen Gruppen untereinander, aus der die sozialen
+Probleme entspringen. Das kosmopolitische
+Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen
+Menschennatur, deren Wesensseiten sich
+gleichberechtigt durchdringen und so sehr der Ausdruck
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">eines</span></span> metaphysischen Sinnes sind, wie die
+Elemente der menschlichen Gesellschaft und der
+Welt überhaupt.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu085.jpg" alt="Illustration: James Mc. N. Whistler: Thomas Carlyle" title="JAMES MC. N. WHISTLERGlasgow: Gallery. Photographie Hanfstängel.THOMAS CARLYLE." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">JAMES MC. N. WHISTLER<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Glasgow: Gallery. Photographie
+ Hanfstängel.</span></span><br />THOMAS CARLYLE.</div></div>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Da nun aber die Moral in dem landläufigen
+<span class="tei tei-pb" id="page56">[pg 56]</span><a name="Pg056" id="Pg056" class="tei tei-anchor"></a>Sinne des Wortes sich auf jener von Kant akzeptierten
+Spaltung <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">innerhalb</span></span> des Menschen und
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">zwischen</span></span> den Menschen erhebt, so kann die
+Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne keine
+moralische heißen; selbstverständlich ist sie darum
+keine unmoralische, sondern steht jenseits dieses
+Gegensatzes. Da die Natur an sich schon Ort
+und Darstellung der Idee ist, so ist das Höchste,
+wozu Menschen gelangen, der Inhalt der höchsten
+Forderung an sie, daß sie das, was die Natur in
+sie gelegt hat, aufs vollständigste und reinste ausbilden.
+Das Moralische im engeren Sinne ist wohl
+auch eine Seite davon, aber weil es eben nur eine
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Seite</span></span> ist, kann sie gelegentlich hinter einer anders
+gerichteten zurücktreten müssen, wenn dadurch
+eine vollständigere Entwicklung der Natur oder
+der Idee der Person erreicht wird. Von Klopstock
+sagt er einmal, er wäre, „von der sinnlichen
+wie von der sittlichen Seite betrachtet, ein
+reiner Jüngling“ gewesen. Daß er so die sinnliche
+Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet,
+zeigt einen Sittlichkeitsbegriff, der über die Moral
+im engeren Sinne weit hinausgeht: er deutet damit
+an, daß die sinnliche Reinheit noch lange keine sitt<span class="tei tei-pb" id="page57">[pg 57]</span><a name="Pg057" id="Pg057" class="tei tei-anchor"></a>liche
+vielleicht sogar, daß die sittliche noch keine
+sinnliche zu sein braucht. So sind auch seine Vorstellungen
+über das Verhältnis der Geschlechter oder
+über die Taten Napoleons oder über die Verbindung
+des Einzelnen mit seiner Nation sicher den gewöhnlichen
+ethischen Idealen keineswegs adäquat; sie
+werden eben ganz von dem darüber gelegenen
+Ideal der Natur beherrscht: daß der Mensch —
+so könnte man in Goethes Sinne sagen — seine
+Triebe und Anlagen in der Art und mit der Auswahl
+zu entwickeln habe, daß ein Maximum von Gesamtentwicklung
+herauskommt. Da das Sein und
+der Wert nichts Getrenntes sind — „am Sein
+erhalte dich beglückt!“ — so ist die höchste
+Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren
+tiefsten Ausdruck scheint mir diese übermoralische
+Moral in dem folgenden merkwürdigen Satz zu
+gewinnen: „Was die Menschen gesetzt haben
+(nämlich als Gesetze), das will nicht passen, es
+mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter
+setzen, das ist immer am Platz, recht oder unrecht.“
+Über den Gegensatz von Recht und Unrecht, also
+über den am Kriterium der Moral entstandenen,
+stellt er hier einen höheren Begriff: das „Passen“,
+<span class="tei tei-pb" id="page58">[pg 58]</span><a name="Pg058" id="Pg058" class="tei tei-anchor"></a>d. h. die Fähigkeit der Einzelheit, sich in den
+letzten, höchsten Zusammenhang und Harmonie
+der Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste
+bezeichnet, wie weit er über den
+Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in
+dem sittlichen Menschen den Endzweck der Welt,
+den alleinigen, absoluten Wert. Der sittliche
+Mensch hat für ihn etwas Unendliches, weil er
+die Lösung eines eigentlich unlösbaren Konflikts
+ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt es für
+Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht
+sein Absolutes und Letztes sein, sondern nur
+eines der Lebensprobleme und andern koordiniert — während
+sie bei Kant die schlechthin einzige
+Stellung einnimmt: allein aus der Welt des Lebens
+in die transszendente hinaufzureichen. Indem er
+mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage
+übereinstimmt, und beide die Glücksempfindung
+als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,
+bleibt Kant an dem Gegenteil haften, während
+Goethe sich über den ganzen Gegensatz erhebt
+und die harmonische Einheit des Seins, in der
+Glück und Unglück, Sittlichkeit und Unsittlichkeit
+nur einzelne Momente sind, als den letzten
+<span class="tei tei-pb" id="page59">[pg 59]</span><a name="Pg059" id="Pg059" class="tei tei-anchor"></a>Sinn, das absolute Maß alles Lebens erkennt. Ich
+stehe nicht an, den angeführten Satz für eine
+der tiefsten und größten Deutungen vom Sinn
+des Daseins zu halten; er läßt uns einen fundamentalen
+Zusammenhang, eine gegenseitige Beziehung
+aller Dinge ahnen, in dem die Einheit
+der Natur besteht oder sich offenbart und dem
+gegenüber es ein kleinlicher Anthropomorphismus
+ist, in dem zufälligen Ausschnitt, den wir als
+Moral bezeichnen, den Höhepunkt des Seins zu
+erblicken. Und hier kann auch darauf hingedeutet
+werden, daß Goethes Weltanschauung in
+letzter Instanz nicht nur über dem Moralismus,
+sondern auch über dem Ästhetizismus stehen
+dürfte. Gewiß überragt das ästhetische Motiv
+bei ihm an Wirksamkeit alle in dem gleichen
+Niveau stehenden, und man kann es, wie wir
+es getan haben, überall zur Interpretation seines
+Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten führen
+darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein
+dennoch liegt unterhalb seiner eine noch tiefere,
+sozusagen elementarere Beschaffenheit, sein eigentlichstes
+Sein, von dem auch das künstlerische
+Motiv nur die Erscheinung und Darstellung in
+<span class="tei tei-pb" id="page60">[pg 60]</span><a name="Pg060" id="Pg060" class="tei tei-anchor"></a>empirischem Material ist. Wenn sich nämlich
+das Goethesche Existenzbild so darbietet, daß die
+Identität von Natur und Geist, das pantheistische
+Eins in Allem, Alles in Einem — als Konsequenz
+seiner ästhetischen Grundtendenz auftritt, so kann
+sehr wohl im letzten Fundamente der Zusammenhang
+der umgekehrte sein: die tiefste Schicht
+seiner Natur, jenes ganz Primäre und Absolute,
+in dem alles eigentlich Benennbare des Wesens
+erst wurzelt, mag eben ein Gefühl von dem elementaren
+und ihn selbst einschließenden Zusammenhang
+alles Seins gewesen sein. Mehr als irgend
+jemand, von dem wir wissen — auch Spinoza
+nicht ausgeschlossen — scheint jene geheimnisvolle
+Einheit aller Existenz, an der die Philosophie
+von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt
+des Lebensgefühls selbst ausgemacht zu haben.
+Gerade wie man von religiös begeisterten Menschen
+sagt, daß der Gott in ihnen lebt, so war offenbar
+in seinem subjektiven Existenzgefühl dasjenige
+lebendig, was man, um irgend einen Ausdruck
+dafür zu haben, nur die metaphysische Einheit
+der Dinge nennen kann; ja, daß sie so in ihm
+lebt, das machte ihn eben aus, das war er. Dieser
+<span class="tei tei-pb" id="page61">[pg 61]</span><a name="Pg061" id="Pg061" class="tei tei-anchor"></a>Bestimmtheit seines Seins überhaupt gegenüber,
+die sich im Selbstbewußtsein erst <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">spiegelt</span></span>, erscheint
+seine künstlerische Anschauung und Betätigung
+doch nur als das Verhältnis, das eine so qualifizierte
+Natur zu der besonderen Richtung ihrer
+Talente, zu ihrer kulturell und historisch bestimmten
+Umgebung, zu äußeren Anregungen und
+Betätigungsmöglichkeiten gewinnt, als ein <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Ausdruck</span></span>
+seines eigentlichen Wesens, aber nicht als
+das Wesen selbst. Als Existenz überhaupt, gleichsam
+als Substanz, mit der er in die Formen und
+Bewegungen der Welt eintritt, steht er jenseits
+des Ästhetischen, das sich vielmehr erst im Zusammenschlage
+jener mit diesen Formen und Bewegungen
+ergab und sein empirisches Bild gestaltete.
+Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des
+Lebens, auf die man schließlich nur von einer
+unüberwindlichen Distanz her hindeuten, die man
+aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen
+kann, muß der merkwürdigen Äußerung zugrunde
+liegen, die er zu Eckermann tut, als von seiner
+Theaterleitung und den vielen für sein künstlerisches
+Schaffen dadurch verlorenen Jahre die
+Rede ist. Im Grunde gereue ihn dieser Verlust
+<span class="tei tei-pb" id="page62">[pg 62]</span><a name="Pg062" id="Pg062" class="tei tei-anchor"></a>doch nicht, sagt er. „Ich habe all mein Wirken
+und Leisten immer nur symbolisch angesehen,
+und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen,
+ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“ So
+erscheint ihm selbst also sein künstlerisches Tun
+als ein bloßes Sich-Ausprägen, Sich-Umsetzen einer
+tiefer gelegenen Realität, statt dieses Letzte, eigentlich
+Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von
+hier aus verstehen wir nun noch gründlicher sein
+fortwährendes Drängen auf praktische Betätigung,
+sein Fühlen und Werten seiner selbst als handelnden
+Wesens. Denn das Handeln ist die Form,
+durch die jener absolute Urgrund des persönlichen
+Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die
+deshalb im allerumfassendsten Sinn die Einheit
+des Subjektiven und Objektiven ausmacht, das in
+der bloßen Theorie getrennt, einander gegenübergestellt
+erscheint.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu091.jpg" alt="Illustration: Hans Holbein d. J.: Erasmus von Rotterdam" title="HANS HOLBEIN D.J.Paris: LouvreERASMUS VON ROTTERDAM." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">HANS HOLBEIN D.J.<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Paris: Louvre</span></span><br />ERASMUS VON
+ ROTTERDAM.</div></div>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn für ihn nach alledem die Aufgabe des
+Menschen nur ist, seine Kräfte bis zum vollen
+Ausschöpfen aller Möglichkeiten zu entwickeln,
+damit gleichsam die Natur in ihm zu ihrem vollen
+Sinn komme, so zeigt doch jeder Blick auf das
+empirische Leben, daß es die Zeit und die Be<span class="tei tei-pb" id="page63">[pg 63]</span><a name="Pg063" id="Pg063" class="tei tei-anchor"></a>dingungen
+zu einer so vollständigen Entwicklung
+nur sehr wenigen, vielleicht niemandem gewährt.
+In Wirklichkeit ist dies eine der fürchterlichen
+Menschentragödien, daß die menschlichen <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Kräfte</span></span>
+sich in menschlichen <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Verhältnissen</span></span> nicht vollkommen
+ausleben und entfalten können. Was
+als Begabung, als Spannkraft in uns lebt — ganz
+abgesehen von Velleitäten —, könnte nur durch
+den merkwürdigsten Zufall die Möglichkeit restloser
+Bewährung finden; es fehlt hier, sichtbarer
+als sonstwo, wie vorbestimmte Harmonie oder die
+nachbestimmende Anpassung. Und es handelt sich
+nicht nur darum, daß das vollendete Werk Befriedigung
+auf uns zurückstrahle, sondern um
+diejenige eigentlich unerläßliche Genugtuung, die
+in der Lösung der gespannten Kräfte, in der
+Funktion, die unser Können ganz zum Ausdruck
+bringt, gelegen ist. Wo diese Inkommensurabilität
+zu vollem Bewußtsein gelangt, muß der Mensch
+untergehen. Das drückt Faust aus; bliebe er in
+seinen ursprünglichen empirischen Verhältnissen,
+so würde er sich verzehren, die unentfalteten
+Kräfte würden ihn töten. Das Bündnis mit
+Mephisto, die Herstellung seines Lebenswerkes
+<span class="tei tei-pb" id="page64">[pg 64]</span><a name="Pg064" id="Pg064" class="tei tei-anchor"></a>durch dämonische Kräfte ist nur die positive
+Wendung davon: überempirische Verhältnisse
+müssen herbeigerufen werden, um die Entwicklung
+der Kräfte zu ermöglichen. Aus der Forderung
+an die Natur, daß es bei diesem Widerspruch
+nicht sein Bewenden haben könnte, entspringt
+die bekannte Äußerung zu Eckermann über
+die Unsterblichkeit: „Wenn ich bis an mein Ende
+rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir
+eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn
+die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten
+vermag.“ Und eine spätere Bemerkung betont
+nochmals den besonderen Sinn und Grund dieser
+Unsterblichkeit: wir seien zwar unsterblich, aber
+doch nicht alle „auf gleiche Weise“; vielmehr
+nur nach dem Maße der Kraft, die wir einzusetzen
+und auszuleben haben.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu097.jpg" alt="Illustration: Rembrandt: Bürgermeister Six" title="REMBRANDTBÜRGERMEISTER SIX" /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">REMBRANDT<br />BÜRGERMEISTER SIX</div></div>
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist nun sehr merkwürdig, wie auch an diesem
+Punkt Kantische Argumente eine äußere Ähnlichkeit
+mit den Goetheschen zeigen, bei völliger Divergenz
+der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte
+fest, daß wir, als endliche und natürliche Wesen,
+den Trieb nach Glückseligkeit als eine nicht zu
+leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in
+<span class="tei tei-pb" id="page65">[pg 65]</span><a name="Pg065" id="Pg065" class="tei tei-anchor"></a>uns finden, gerade wie als moralische Wesen die
+Forderung des Sittengesetzes. Über diesen beiden
+Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer
+Harmonie: die Weltordnung wäre nichts als eine
+große Dissonanz, wenn nicht das Maß des genossenen
+Glücks dem Maß der sittlichen Vollendung
+entspräche. Tatsächlich aber ist diese Proportion
+im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit
+und Glückseligkeit zeigt die Erfahrung
+keinerlei gerechtes und harmonisches Verhältnis.
+Da man aber an dieser Unerträglichkeit schlechthin
+nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung
+der Dinge als ein Definitivum aufbürden kann, so
+postuliert Kant die Unsterblichkeit der Seele, weil
+sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen
+eines Gottes ihre Vollendung: die Harmonie
+ihres sittlichen und ihres eudämonistischen Seins
+finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche
+Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche
+Unsterblichkeitslehre vollzieht; beide finden
+in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens gewisse
+Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren
+Erfüllung dasselbe unter den empirischen Verhältnissen
+nicht gelangen kann; da sie aber bei diesem
+<span class="tei tei-pb" id="page66">[pg 66]</span><a name="Pg066" id="Pg066" class="tei tei-anchor"></a>Widerspruch nicht stehen bleiben können, so fordern
+sie von der Ordnung der Dinge, das Versprechen,
+das sie mit der Organisation unseres
+Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits
+einzulösen. Nun aber zeigt sich sofort die tiefe
+Unterschiedenheit der Weltbilder: für Goethe
+könnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns
+Kräfte zu verleihen, denen sie die Entwicklung
+abschneidet (so sehr fällt ihm objektiv die Wirklichkeit
+mit dem Geist zusammen, daß er in bezug
+auf die subjektiven Formen beider behauptet,
+alles Falsche wäre auch geistlos!); für Kant
+könnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der
+Sittlichkeit ihr Äquivalent vorzuenthalten. Kant
+fordert die Unsterblichkeit, weil die empirische
+Entwicklung des Menschen einer Idee nicht genügt,
+Goethe, weil sie den wirklich vorhandenen Kräften
+nicht genügt; Kant, weil die an sich getrennten
+Elemente, Sittlichkeit und Glückseligkeit, doch eine
+Einheit gewinnen müßten, Goethe, weil der ganze
+einheitliche Mensch doch das in Wirklichkeit werden
+müßte, was er der Möglichkeit nach von vornherein
+sei. Man erkennt auch hier, daß Kant die
+Elemente des menschlichen Wesens außerordentlich
+<span class="tei tei-pb" id="page67">[pg 67]</span><a name="Pg067" id="Pg067" class="tei tei-anchor"></a>weit auseinander treibt, so daß sie nur in ganz
+fernen und neuen Dimensionen und Ordnungen
+sich wieder zusammenfinden können, während
+diese Einheit für Goethe in unserer unmittelbaren
+Wirklichkeit gegeben ist und es sich sogar in der
+Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente
+Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen
+handelt. Der Übergang der Seele von dem irdischen
+in den transszendenten Zustand ist für Kant der radikalste,
+für den sein Denken Raum hat, für Goethe
+ein Fortschreiten in ungeänderter Richtung, ein
+bloßes Freiwerden vorhandener Energien. Auch dieser
+vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen
+spiegelt ebenso den Rhythmus des Kantischen
+Wesens, das die Momente des Seins untereinander
+und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb
+oder unterhalb der Wirklichkeit wieder zu
+versöhnen, wie den des Goetheschen, für den das
+Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein
+ein einheitliches ist. Hier wie überall ist das
+Schema ihrer Divergenzen dies, daß Kant der Entwicklung
+eines analytischen Zustandes, Goethe
+der eines synthetischen nachgeht. Goethe steht
+mit dem gesteigertsten Bewußtsein und der ver<span class="tei tei-pb" id="page68">[pg 68]</span><a name="Pg068" id="Pg068" class="tei tei-anchor"></a>tieftesten
+Begründung auf dem Boden undifferenzirter
+Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen
+Bewegungen gewesen ist. Kant akzentuiert
+die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen
+ist; gegenüber jenem sozusagen paradiesischen Zustand —
+wenngleich es nur ein paradise regained
+ist — hat bei ihm das scientes bonum et malum
+die äußerste Schärfe erlangt, die Einheit, die er
+gewinnt, trägt die Spuren der Entzweiung, die
+Nähte sind nicht völlig verwachsen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber eben jener Flug an ein äußerstes Ziel des
+Betrachtens und Empfindens der Welt hat Goethe
+über so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen,
+die das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht
+übergehen kann; so mögen auf dem Zickzackweg
+der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der
+Richtung des Goetheschen Weges, selbst wenn diese
+die definitive und objektiv richtig wäre, direkt entgegenlaufen.
+Und so steht es in der Wissenschaft
+der letzten hundert Jahre. Denn diese will —
+oder wollte wenigstens — wirklich der Natur ihre
+Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben abzwingen;
+sie will wirklich das Wahrheitsinteresse
+davon ganz unabhängig machen, ob es die Schön<span class="tei tei-pb" id="page69">[pg 69]</span><a name="Pg069" id="Pg069" class="tei tei-anchor"></a>heit
+der Erscheinung zerstört oder nicht; sie will
+wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern
+von möglichst atomisierten Elementen ihren Ausgang
+nehmen; sie sieht wirklich den seelenlosen Mechanismus
+zweckfremder Stoffe und Kräfte als ihr einziges
+Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt
+aller Sinn, alle übermechanische Bedeutung derselben
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">hinter</span></span> der Erscheinung, in dem Reich des Intelligiblen,
+das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie
+und nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen
+noch im Ethischen jenes Zutrauen zu dem
+unmittelbar harmonischen Verhältnis zwischen der
+Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen
+Kant der Mitbegründer und Genosse des modernen
+wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in allem
+Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah,
+wie Mathematik darin ist, und der andrerseits die
+Gültigkeit der Mathematik auf die Form menschlicher
+Anschauung beschränkte und allem absprach,
+was nicht unmittelbar erscheinen kann; er, der
+den Geist und Zweck in der Natur für eine bloße
+„subjektive Maxime“ ihrer Beurteilung erklärte,
+die ihr eigenes Sein gar nicht berührte; er, der
+das Auseinanderklaffen unserer tiefsten Wesens<span class="tei tei-pb" id="page70">[pg 70]</span><a name="Pg070" id="Pg070" class="tei tei-anchor"></a>bedürfnisse
+mit erbarmungsloser Schärfe erkannte,
+um dem Verlangen nach ihrer Harmonie schließlich
+das Almosen eines <a name="corr070" id="corr070" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">transszendirenden</span> <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Glaubens</span></span>
+zu gewähren. Wir können uns nicht verhehlen,
+daß die Gleichung zwischen diesen beiden Weltanschauungen
+noch nicht gefunden ist, so sicher
+erst mit ihr alles erfüllt wäre, was wir von unserem
+geistigen Verhältnis zur Welt begehren. Denn
+nicht so etwa stehen sie sich gegenüber, daß die
+eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des
+Weltbildes zuführte; vielmehr, wodurch würde die
+Wahrheit als eine Partei in diesen Streit eintreten
+und unser Interesse fordern dürfen, wenn sie nicht
+auch ein <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wert</span></span> wäre? — so daß die Frage im
+letzten Grund zwischen zwei Wertgefühlen steht.
+Vielleicht aber ist sie überhaupt falsch gestellt,
+wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider
+sucht; vielleicht ist es der eigentliche Rhythmus
+und Formel des modernen Lebens, daß die Grenzlinie
+zwischen der mechanistischen und der idealistischen
+Auffassung der Welt in fortwährendem
+Fließen bleibe, so daß die Bewegung zwischen
+ihnen, der Wechsel ihrer Ansprüche auf das Einzelne,
+die Entwicklung ihrer Gegenwirkungen ins
+<span class="tei tei-pb" id="page71">[pg 71]</span><a name="Pg071" id="Pg071" class="tei tei-anchor"></a>Unendliche dem Leben den Reiz gewährt, den wir
+von der unauffindbaren definitiven Entscheidung
+zwischen ihnen erhofften. Das ist freilich Epigonentum;
+aber es ist auch die äußerste Ausgestaltung
+und Ausnützung der Gunst, die die Natur der
+Dinge den Epigonen gewährt: daß, wenn ihnen die
+Größe der Einseitigkeit entgeht, sie dafür der <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Einseitigkeit</span></span>
+der Größe entgehen können.
+</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ </p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu103.jpg" alt="Illustration: Auguste Rodin: Der Denker" title="AUGUSTE RODIN.Ny Carlsberg Glyptothek.DER DENKER." /><div class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">AUGUSTE RODIN.<br /><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-style: italic">Ny Carlsberg Glyptothek.</span></span><br />DER DENKER.</div></div>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p><div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/illu105.png" alt="Illustration: Ornament" /></div>
+</div>
+ </div>
+ <div class="tei tei-back" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em">
+ <hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">DIE KULTUR</span></h1>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi"><span style="font-size: 90%">Band</span></span>              Erschienen:</p>
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">1.  </th><td class="tei tei-item">ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">2.  </th><td class="tei tei-item">DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">3.  </th><td class="tei tei-item">DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">4.  </th><td class="tei tei-item">DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">5.  </th><td class="tei tei-item">ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">6.  </th><td class="tei tei-item">VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">7.  </th><td class="tei tei-item">ERZIEHUNG ZUR SCHÖNHEIT v. M. N. ZEPLER.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">8.  </th><td class="tei tei-item">LANDSTREICHER von HANS OSTWALD.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">9.  </th><td class="tei tei-item">FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">10.  </th><td class="tei tei-item">KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">11.  </th><td class="tei tei-item">DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">12.  </th><td class="tei tei-item">SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM.</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">13.  </th><td class="tei tei-item">LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.</td></tr></tbody></table>
+ <p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 90%; text-decoration: underline">Weitere Bände in Vorbereitung</span></span></p>
+ <table summary="This is a table" cellspacing="0" class="tei tei-table" style="margin-bottom: 1.00em"><colgroup span="2"></colgroup><tbody><tr class="tei tei-row">
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Jeder Band in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen, Faksimiles und Porträts,
+ kartoniert</span></span></td>
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">M. 1.50</span></span></td>
+ </tr><tr class="tei tei-row">
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">in Leder gebunden</span></span></td>
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">M. 3.—</span></span></td>
+ </tr></tbody></table>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">BARD, MARQUARDT &amp; Co., BERLIN W. 50.</p>
+ </div>
+ <hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">DIE MUSIK</span></h1>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herausgegeben von RICHARD STRAUSS</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi"><span style="font-size: 90%">Band</span></span>              <span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Bisher erschienen:</span></span></p>
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">1.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Beethoven</span></span> von August Göllerich</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">2.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Intime Musik</span></span> von Oscar Bie</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">3.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wagner-Brevier</span></span> herausgegeben von Hans von Wolzogen</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">4.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Geschichte der französischen Musik</span></span> von Alfred Bruneau</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">5.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Bayreuth</span></span> von Hans von Wolzogen</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">6.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Tanzmusik</span></span> von Oscar Bie</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">7.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Geschichte der Programm-Musik</span></span> von Wilhelm Klatte</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">8.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Franz Liszt</span></span> von August Göllerich</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">9.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die russische Musik</span></span> von Alfred Bruneau</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">10.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Hector Berlioz</span></span> von Max Graf</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">11.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Paris als Musikstadt</span></span> von Romain Rolland</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">12.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die Musik im Zeitalter der Renaissance</span></span> von Max Graf</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">13.‑14.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">J. B. Bach</span></span> von Ph. Wolfrum</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">15.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Schaffen und Bekennen</span></span> von Ernst Decsey</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">16.‑17.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Das deutsche Lied</span></span> von Herm. Bischoff</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">18.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die Musik in Böhmen</span></span> von Richard Batka</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">19.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Rob. Schumann</span></span> von Ernst Wolff</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">20.  </th><td class="tei tei-item"><a name="corrwerb1" id="corrwerb1" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span class="tei tei-corr"><span style="letter-spacing: 0.20em">Georges</span></span><span style="letter-spacing: 0.20em"> Bizet</span></span> von A. Weissmann</td></tr></tbody></table>
+ <p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 90%; text-decoration: underline">Weitere Bände in Vorbereitung</span></span></p>
+ <table summary="This is a table" cellspacing="0" class="tei tei-table" style="margin-bottom: 1.00em"><colgroup span="2"></colgroup><tbody><tr class="tei tei-row">
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen
+ und Vollbildern in Tonätzung kart.</span></span></td>
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">M. 1.50</span></span></td>
+ </tr><tr class="tei tei-row">
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">ganz in Leder gebunden</span></span></td>
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">M. 3.—</span></span></td>
+ </tr></tbody></table>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">BARD, MARQUARDT &amp; Co., BERLIN W. 50</p>
+ </div>
+ <hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">DIE KUNST</span></h1>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Herausgegeben von RICHARD MUTHER</p>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi"><span style="font-size: 90%">Band</span></span>              <span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Bisher erschienen:</span></span></p>
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">1.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Lucas Cranach</span></span> von Richard Muther</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">2.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die Lutherstadt Wittenberg</span></span> von Gurlitt</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">3.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Burne-Jones</span></span> von Malcolm Bell</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">4.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Max Klinger</span></span> von Franz Servaes</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">5.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Aubrey Beardsley</span></span> von Rudolf Klein</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">6.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Venedig als Kunststätte</span></span> von Albert Zacher</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">7.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Manet und sein Kreis</span></span> von Meier-Graefe</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">8.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die Renaissance der Antike</span></span> von R. Muther</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">9.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Leonardo da Vinci</span></span> von Richard Muther</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">10.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Auguste Rodin</span></span> von Rainer Maria Rilke</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">11.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Der mod. Impressionismus</span></span> von Meier-Graefe</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">12.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">William Hogarth</span></span> von Jarno Jessen</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">13.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Der Japanische Farbenholzschnitt</span></span> von Friedrich Perzyński</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">14.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Praxiteles</span></span> von Hermann Ubell</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">15.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die Maler</span></span> von <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Montmartre</span></span> [Willette, Steinlen, T. Lautrec, Léandre] von Erich Klossowski</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">16.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Botticelli</span></span> von Emil Schaeffer</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">17.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Jean François Millet</span></span> von Rich. Muther</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">18.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Rom als Kunststätte</span></span> von Albert Zacher</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">19.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">James Mc. N. Whistler</span></span> von Hans W. Singer</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">20.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Giorgione</span></span> von Paul Landau</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">21.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Giovanni Segantini</span></span> von Max Martersteig</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">22.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Die Wand und ihre künstlerische Behandlung</span></span> von Oscar Bie</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">23.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Velasquez</span></span> von Richard Muther</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">24.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Nürnberg</span></span> von Hermann Uhde-Bernays</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">25.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Constantin Meunier</span></span> von Karl Scheffler</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">26.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Über Baukunst</span></span> von Cornelius Gurlitt</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">27.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Hans Thoma</span></span> von Otto Julius Birnbaum</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">28.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Psychologie der Mode</span></span> von W. Fred</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">29.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Florenz und seine Kunst</span></span> von G. Biermann</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">30.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Francisco Goya</span></span> von Richard Muther</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">31.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Phidias</span></span> von Hermann Ubell</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">32.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Worpswede</span></span> von Hans Bethge</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">33.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Jean Honoré Fragonard</span></span> von W. Fred</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">34.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Handzeichnungen alter Meister</span></span> von O. Bie</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">35.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Andrea del Sarto</span></span> von Emil Schaeffer</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">36.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Moderne Zeichenkunst</span></span> von Oscar Bie</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">37.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Paris</span></span> von Wilhelm Uhde</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">38.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Pompeji</span></span> von Eduard von Mayer</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">39.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Moritz von Schwind</span></span> von Otto Grautoff</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">40.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Michelagniolo</span></span> von Hans Mackowsky</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">41.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Dante Gabriel Rossetti</span></span> von Hans W. Singer</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">42.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Albrecht Dürer</span></span> von Franz Servaes</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">43.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Der Tanz als Kunstwerk</span></span> von Oscar Bie</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">44.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Cellini</span></span> von W. Fred</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">45.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Präraffaelismus</span></span> von Jarno Jessen</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">46.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Donatello</span></span> von W. Pastor</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">47.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Félicien Rops</span></span> von Franz Biel</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">48.  </th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Korin</span></span> von Friedrich
+ <a name="corrwerb2" id="corrwerb2" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">Perzyński</span></td></tr></tbody></table>
+ <p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-size: 90%; text-decoration: underline">Weitere Bände in Vorbereitung</span></span></p>
+ <table summary="This is a table" cellspacing="0" class="tei tei-table" style="margin-bottom: 1.00em"><colgroup span="2"></colgroup><tbody><tr class="tei tei-row">
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen,
+ in Heliogravüre, Farbendruck etc., kartoniert</span></span></td>
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">M. 1.50</span></span></td>
+ </tr><tr class="tei tei-row">
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">ganz in Leder gebunden</span></span></td>
+ <td class="tei tei-cell"><span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">M. 3.—</span></span></td>
+ </tr></tbody></table>
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">BARD, MARQUARDT &amp; Co., BERLIN W. 50</p>
+ </div>
+ <hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em">DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" /><div class="boxed tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <a name="toc1" id="toc1"></a><a name="pdf2" id="pdf2"></a>
+ <h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:</p>
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr030" class="tei tei-ref">Seite 30</a>: „daß“ geändert in „das“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr041" class="tei tei-ref">Seite 41</a>: „grossen“ geändert in „großen“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr070" class="tei tei-ref">Seite 70</a>: „transzendirenden“ geändert in „transszendirenden“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corrwerb1" class="tei tei-ref">Werbeseiten</a>: „Georgaes“ geändert in „Georges“,
+ „Perzynski“ in <a href="#corrwerb2" class="tei tei-ref">„Perzyński“</a></td></tr></tbody></table>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"><pre class="pre tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+</pre><hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader3" id="rightpageheader3"></a><a name="pgtoc4" id="pgtoc4"></a><a name="pdf5" id="pdf5"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Credits</span></h1><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr><th class="tei tei-label tei-label-gloss">February 6, 2011  </th></tr><tr><td class="tei tei-item tei-item-gloss"><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI edition 1</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-respStmt">
+ <span class="tei tei-resp">Produced by <span class="tei tei-name">Karl Eichwalder</span>,
+<span class="tei tei-name">Stefan Cramme</span>, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</span>
+ </span></td></tr></tbody></table></td></tr></tbody></table></div><hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader6" id="rightpageheader6"></a><a name="pgtoc7" id="pgtoc7"></a><a name="pdf8" id="pdf8"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">A Word from Project Gutenberg</span></h1><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file should be named
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+
+ <a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/1/9/35192/" class="block tei tei-xref" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style="font-size: 90%">/dirs/3/5/1/9/35192/</span></a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated editions will replace the previous one — the old
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+ work.</span></em></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+ distribution of electronic works, by using or distributing
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+ of the Full Project Gutenberg™ License (<a href="#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or online
+ at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p><div id="pglicense1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">General Terms of Use &amp; Redistributing Project Gutenberg™
+ electronic works</span></h2><div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic
+ work, you indicate that you have read, understand, agree to
+ and accept all the terms of this license and intellectual
+ property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree
+ to abide by all the terms of this agreement, you must cease
+ using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic
+ works in your possession. If you paid a fee for obtaining a
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+ fee as set forth in paragraph <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p></div><div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a registered trademark. It may only be used on or
+ associated in any way with an electronic work by people who agree to be
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+ agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ electronic
+ works. See paragraph <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p></div><div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class="tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a compilation
+ copyright in the collection of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the
+ individual works in the collection are in the public domain in the
+ United States. If an individual work is in the public domain in the
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+ references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope that you will support
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+ without charge with others.</p></div><div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The copyright laws of the place where you are located also govern
+ what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+ a constant state of change. If you are outside the United States, check
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+ access to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever any
+ copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>
+ appears, or with which the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is associated) is
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+
+ </p><div class="block tei tei-q" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em"><span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of
+ anyone anywhere at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it
+ away or re-use it under the terms of the Project
+ Gutenberg License included with this eBook or
+ online at </span><a href="http://www.gutenberg.org" class="tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p></div></div><div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.2.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the public
+ domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+ permission of the copyright holder), the work can be copied and
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+ must comply either with the requirements of paragraphs <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 or obtain permission for
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+ <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p></div><div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.3.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the permission
+ of the copyright holder, your use and distribution must comply with both
+ paragraphs <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 and any
+ additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms will
+ be linked to the Project Gutenberg™ License for all works posted with the permission
+ of the copyright holder found at the beginning of this work.</p></div><div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.4.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License terms from
+ this work, or any files containing a part of this work or any other work
+ associated with Project Gutenberg™.</p></div><div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.5.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+ electronic work, or any part of this electronic work, without
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+ to the full terms of the Project Gutenberg™ License.</p></div><div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.6.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may convert to and distribute this work in any binary,
+ compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+ any word processing or hypertext form. However, if you provide access
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+ <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format used in the official
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+ as specified in paragraph <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p></div><div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.7.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+ copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply with
+ paragraph <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p></div><div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.8.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to
+ or distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that</p><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you already use to
+ calculate your applicable taxes. The fee is owed to the owner of the
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+ paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days
+ following each date on which you prepare (or are legally required to
+ prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly
+ marked as such and sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">Section 4, <span class="tei tei-q">„Information about donations to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation.“</span></a></p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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+ copies of Project Gutenberg™ works.</p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You provide, in accordance with paragraph <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a full refund of any money paid for a
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+ discovered and reported to you within 90 days of receipt of the
+ work.</p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.</p></td></tr></tbody></table></div><div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.9.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic work or
+ group of works on different terms than are set forth in this agreement,
+ you must obtain permission in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+ Hart, the owner of the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set
+ forth in <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">Section 3</a> below.</p></div></div><div id="pglicense1F" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.F.</span></h3><div id="pglicense1F1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.1.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify,
+ do copyright research on, transcribe and proofread public domain works
+ in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™
+ electronic works, and the medium on which they may be stored, may
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+ Replacement or Refund“</span> described in <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">paragraph
+ 1.F.3</a>, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™ trademark, and any
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+ this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a
+ refund of the money (if any) you paid for it by sending a written
+ explanation to the person you received the work from. If you received
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+ written explanation. The person or entity that provided you with the
+ defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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+ is also defective, you may demand a refund in writing without further
+ opportunities to fix the problem.</p></div><div id="pglicense1F4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.4.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+ <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">paragraph 1.F.3</a>, this work is provided
+ to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR
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+ the exclusion or limitation of certain types of damages. If any
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+ trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+ providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this
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+ (a) distribution of this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration,
+ modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any
+ Defect you cause.</p></div></div></div><div id="pglicense2" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 2.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about the Mission of Project Gutenberg™</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic works
+ in formats readable by the widest variety of computers including
+ obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+ efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+ of life.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+ assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals and
+ ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+ generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a
+ secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future generations. To learn
+ more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+ Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a> and <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">4</a> and the Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class="tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a>.</p></div><div id="pglicense3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 3.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation
+ organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax
+ exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or
+ federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter
+ is posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>. Contributions
+ to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
+ federal laws and your state's laws.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+ S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are
+ scattered throughout numerous locations. Its business office is
+ located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801)
+ 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date
+ contact information can be found at the Foundation's web site and
+ official page at <a href="http://www.pglaf.org" class="tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For additional contact information:
+
+ </p><div class="block tei tei-address" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">Dr. Gregory B. Newby</span></span><br /><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">Chief Executive and Director</span></span><br /><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br /></div></div><div id="pglicense4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread public
+ support and donations to carry out its mission of increasing the number
+ of public domain and licensed works that can be freely distributed in
+ machine readable form accessible by the widest array of equipment
+ including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+ particularly important to maintaining tax exempt status with the
+ IRS.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+ charities and charitable donations in all 50 states of the United
+ States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+ considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+ with these requirements. We do not solicit donations in locations where
+ we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+ DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+ visit <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+ have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+ against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+ approach us with offers to donate.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+ any statements concerning tax treatment of donations received from
+ outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and
+ addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+ checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+ visit: <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p></div><div id="pglicense5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">General Information About Project Gutenberg™ electronic
+ works.</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the
+ originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of electronic works that
+ could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and
+ distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of volunteer
+ support.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, all of
+ which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+ notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
+ compliance with any particular paper edition.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+ eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+ compressed (zipped), HTML and others.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace the old file
+ and take over the old filename and etext number. The replaced older file
+ is renamed. <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Versions</span></em> based on separate sources are treated
+ as new eBooks receiving new filenames and etext numbers.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people start at our Web site which has the main PG search
+ facility:
+
+ <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how to
+ make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and
+ how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p></div></div></div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+</body></html>
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+<figure url="images/illu006.png" rend="w40"><figDesc>Illustration: Signet Die Kultur</figDesc></figure>
+<p rend="margin-left: 6; margin-right: 6">
+Published November 15. 1906.
+Privilege of Copyright in the
+United States reserved under the
+act approved March 3. 1905 by
+Bard, Marquardt &amp; Co. in Berlin
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+<hi rend='font-style: italic; font-size: x-large'>AUGUSTE RODIN</hi>
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+<hi rend='font-style: italic; font-size: large'>DEM BILDHAUER</hi>
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+<p>
+<hi rend='font-style: italic'>ZUGEEIGNET</hi>
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+ <figure url="images/illu008.png" rend="w40"><figDesc>Illustration: Ornament</figDesc></figure>
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+
+<div>
+<pb n='1'/><anchor id="Pg001"/>
+
+<p>
+In die Zustände der Halbkulturen,
+aber auch in die Kultur
+vor der Herrschaft des Christentums
+pflegen wir die Einheit von
+Lebenselementen zu verlegen, die
+die spätere Entwicklung auseinandergetrieben
+und zu Gegensätzen
+ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen
+Existenzbedingungen, so unbarmherzig die
+Vergewaltigung des Individuums durch die gesellschaftlichen
+Forderungen gewesen sein mag &mdash; zu
+dem Gefühl einer fundamentalen Spaltung innerhalb
+des Menschen und innerhalb der Welt, zwischen
+dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem
+Verfall der klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen
+zu sein. Das Christentum erst hat den
+Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch,
+zwischen dem natürlichen Sein und den Werten,
+zwischen dem eigenwilligen Ich und dem Gott,
+dem Eigenwille Sünde ist, bis in das Letzte der
+Seele hinein empfunden. Aber da es eben Religion
+war, hat es mit derselben Hand, mit der es die
+Entzweiung stiftete, die Versöhnung gereicht. Es
+mußte erst seine bedingungslose Macht über die
+<pb n='2'/><anchor id="Pg002"/>Seelen verlieren, seine Lösung des Problems mußte
+erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden
+sein, ehe das Problem selbst in seiner
+ganzen Weite auftrat. Daß der Mensch von
+Grund aus ein dualistisches Wesen ist, daß Entzweiung
+und Gegensatz die Grundform bildet, in
+die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die
+deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung
+und Lebendigkeit bedingen &mdash; das hat
+das Bewußtsein erst nach der Renaissance als
+seine Ägide erfaßt. Mit diesem Herabreichen
+des Gegensatzes in die tiefste und breiteste Schicht
+unser und unseres Bildes vom Dasein wird die
+Forderung seiner Vereinheitlichung umfassender
+und heftiger; indem sich das innere und äußere
+Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es
+nach einem um so kräftigeren, um so lückenloseren
+Bande, das über den Fremdheiten der Seinselemente
+ihre trotz allem gefühlte Einheit wieder begreiflich
+mache.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst ist es das Gegenüber von Subjekt
+und Objekt, das die Neuzeit zu schärfstem Gegensatz
+herausarbeitet. Das denkende Ich fühlt sich
+souverän gegenüber der ganzen, von ihm
+vor<pb n='3'/><anchor id="Pg003"/>gestellten
+Welt, das: „ich denke, und also bin ich“
+wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit
+des Daseins. Aber andrerseits hat diese
+objektive Welt doch eine unbarmherzige Tatsächlichkeit,
+das Ich erscheint als ihr Produkt,
+zu der ihre Kräfte sich nicht anders als zu der
+Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke verwebt
+haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt
+der Natur, sondern auch die der Gesellschaft. In
+ihr fordert der Einzelne das Recht der Freiheit
+und Besonderheit, während sie ihn nur als ein
+Element, das ihren überpersönlichen Gesetzen
+untertan ist, anerkennen will. In beiden Fällen
+droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder
+von einer ihm fremden Objektivität verschlungen
+zu werden oder in anarchistische Willkür und
+Isolierung zu verfallen. Neben oder über diesen
+Gegensatz stellt die moderne Entwicklung den
+zwischen dem natürlichen Mechanismus und dem
+Sinn und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft
+deutet, seit Galilei und Kopernikus, das
+Weltbild mit steigender Konsequenz als einen
+Mechanismus von strenger, mathematisch ausdrückbarer
+Kausalität. Mag dies noch unvoll<pb n='4'/><anchor id="Pg004"/>kommen
+durchgeführt sein, mögen Druck und
+Stoß, auf die alles Weltgeschehen schließlich reduzierbar
+schien, noch anderen Prinzipien neben sich
+Raum geben &mdash; dieses Geschehen bleibt prinzipiell
+ein naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben
+von Stoffen und Energien, ein abrollendes
+Uhrwerk, das aber nicht, wie das von
+Menschen konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken
+dient. Durch das mechanistisch-naturwissenschaftliche
+Prinzip scheint die Wirklichkeit in
+völligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser
+Wirklichkeit bis dahin Sinn zu geben schien: sie
+hat keinen Raum mehr für Ideen, Werte, Zwecke,
+für religiöse Bedeutung und sittliche Freiheit.
+Aber da der Geist, das Gemüt, der metaphysische
+Trieb ihre Ansprüche an das Dasein nicht aufgeben,
+so erwächst dem Denken, mindestens seit
+dem 18. Jahrhundert, die große Kulturaufgabe,
+die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,
+Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher
+Objektivität und der gefühlten Wertbedeutung
+des Lebens und der Dinge auf einer
+höheren Basis wiederzugewinnen.
+</p>
+</div>
+
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb n='5'/><anchor id="Pg005"/>
+
+<p>
+Von zwei prinzipiellen Gesinnungen,
+die in sehr mannigfaltigen
+Ausgestaltungen die Kultur
+durchziehen, gehen die nächstliegenden
+Vereinheitlichungen des
+Weltbildes aus; von der materialistischen
+und der spiritualistischen &mdash; jene
+alles Geistige und Ideelle in
+seiner Sonderexistenz leugnend und die Körperwelt
+mit ihrem äußeren Mechanismus für das allein
+Seiende und Absolute erklärend, diese umgekehrt
+alles Äußerlich-Anschauliche zu einem nichtigen
+Schein herabsetzend, und in dem Geistigen mit
+seinen Werten und Ordnungen die ausschließliche
+Substanz des Daseins erblickend.
+</p>
+
+<p>
+Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen
+gebildet, deren Einheitsgedanke jenem
+Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische
+und die Goethesche. Es ist die ungeheure
+Tat Kants, daß er den Subjektivismus der neueren
+Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine Unzurückführbarkeit
+auf das Materielle zu ihrem
+Gipfel hob, ohne dabei die Festigkeit und Bedeutsamkeit
+der objektiven Welt im geringsten
+<pb n='6'/><anchor id="Pg006"/>preiszugeben. Er zeigte, daß zwar alle Gegenstände
+des Erkennens für uns in nichts anderem
+bestehen können, als in den erkennenden Vorstellungen
+selbst, und daß alle Dinge für uns nur
+als Vereinigungen sinnlicher Eindrücke, also subjektiver,
+durch unsere Organe bestimmter Vorgänge
+existieren. Aber er zeigte zugleich, daß
+alle Zuverlässigkeit und Objektivität des Seins
+gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich
+würde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind
+als unsere Vorstellungen, kann unser Vorstellen,
+über das wir niemals hinauskönnen, uns ihrer
+sicher machen; nur so können wir unbedingt
+Notwendiges von ihnen aussagen, nämlich die
+Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von
+ihnen, weil sie eben unsere Vorstellungen sind,
+unbedingt gelten müssen. Müßten wir darauf
+warten, daß die Dinge, uns wesensfremde Existenzen,
+in unsern Geist von außen hineingeschüttet
+würden, wie in ein passiv aufnehmendes Gefäß,
+so könnte das Erkennen nie über den Einzelfall
+hinausgehen. Indem nun aber die vorstellende
+Tätigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze
+unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge
+<pb n='7'/><anchor id="Pg007"/>selbst. Das Ich, die nicht weiter erklärliche
+Einheit des Bewußtseins, bindet die sinnlichen
+Eindrücke zu Gegenständen der Erfahrung zusammen,
+die unsere objektive Welt restlos ausmachen.
+Dahinter, jenseits aller Möglichkeit des
+Erkennens, mögen wir uns die Dinge-an-sich
+denken, d.&nbsp;h. also die Dinge, die nicht mehr <hi rend='gesperrt'>für
+uns</hi> da sind; und in ihnen mögen für unsere
+Phantasie alle Träume der Vernunft, des Gemüts,
+der Idealbildung verwirklicht sein, während sie in
+der Welt unserer Erfahrungen, die für uns allein
+Objekt sein kann, keine Stelle finden.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: IMMANUEL KANT<lb/><hi rend='font-style: italic'>Nach dem Gemälde von
+ Döbler</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>Königsberg: Totenkopfloge</hi>]</p>
+ </then>
+ <else><p>
+ <figure url="images/illu015.jpg" rend="w80">
+ <head>IMMANUEL KANT<lb/><hi rend='font-style: italic'>Nach dem Gemälde von
+ Döbler</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>Königsberg: Totenkopfloge</hi></head>
+ <figDesc>Illustration: Immanuel Kant</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+
+<p>
+Genauer angesehen, ist die Kantische Lösung
+des Hauptproblems, des Dualismus von Subjekt
+und Objekt, Geistigkeit und Körperlichkeit, die:
+daß diesem Gegensatz die Tatsache des Bewußtseins
+und Erkennens überhaupt untergebaut wird;
+die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, daß
+wir sie <hi rend='gesperrt'>wissen</hi>. Denn die Bilder, in denen wir
+uns selbst erkennen und für uns selbst existieren,
+sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen
+eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen
+ist. Körper und Geist sind empirische Phänomene
+innerhalb eines allgemeinen Bewußtseinszusammen<pb n='8'/><anchor id="Pg008"/>hangs
+aneinander gebunden durch das Faktum,
+daß sie beide vorgestellt werden und den gleichen
+Bedingungen des Erkennens unterliegen. In der
+Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie
+unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander
+zurückführbar, weder der Materialismus, der den
+Geist durch den Körper, noch der Spiritualismus,
+der den Körper durch den Geist erklären will,
+sind zulässig, jedes muß vielmehr nach den ihm
+allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber
+dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden
+<hi rend='gesperrt'>eine</hi> Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden
+Bewußtsein überhaupt, dem sie erscheinen,
+und seiner Einheit zusammengehalten werden,
+und weil jenseits beider die zwar nie erkennbaren,
+aber doch immerhin denkbaren Dinge-an-sich
+ruhen; und diese mögen &mdash; so können wir <hi rend='gesperrt'>glauben</hi>
+&mdash; in ihrer Einheit den Grund jener Erscheinungen
+bewahren, die nun, von unseren Erkenntniskräften
+gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit
+von Geist und Körper, von empirischem Subjekt
+und empirischem Objekt auseinandergehen. Während
+also die äußere Natur, als Objekt für uns,
+keine Spur von Geist enthalten darf, so daß die
+<pb n='9'/><anchor id="Pg009"/>vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik und
+Mathematik wäre, und während der Geist seinerseits
+völlig anderen, immanenten Gesetzen folgt,
+binden die beiden Gedanken des übergreifenden, erkennenden
+Bewußtseins und des Dinges-an-sich, in
+dem ideale Ahnungen den gemeinsamen Grund aller
+Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen
+Weltanschauung zusammen. Damit ist die
+wissenschaftlich-intellektualistische
+Deutung des Weltbildes
+auf ihren Höhepunkt gekommen: nicht die
+Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird für
+Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung
+der großen Zweiheiten: Natur und Geist,
+Körper und Seele gelingt ihm um den Preis, nur
+die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen
+zu wollen; die wissenschaftliche Erfahrung
+mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der Rahmen,
+der alle Inhalte des Daseins in <hi rend='gesperrt'>eine</hi> Form:
+die der verstandesmäßigen Begreifbarkeit, zusammenfaßt.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe
+die Elemente, um aus ihnen eine gleich beruhigende
+Einheit zu gewinnen. Über Goethes Philosophie
+kann man nicht von der trivialen Formel aus
+<pb n='10'/><anchor id="Pg010"/>sprechen, daß er zwar eine vollständige Philosophie
+besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmäßiger
+Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das
+System und die Schultechnik fehlten ihm, sondern
+die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:
+unser Gefühl vom Wert und Zusammenhang des
+Weltganzen in die Sphäre abstrakter Begriffe zu
+erheben; unser unmittelbares Verhältnis zur Welt,
+das innere Anklingen und Mitfühlen ihrer Kräfte
+und ihres Sinnes spiegelt sich, wenn wir wissenschaftlich
+philosophieren, in dem ihm gleichsam
+gegenüberstehenden Denken; dieses drückt in der
+ihm eigenen Sprache jenen Sachverhalt aus, mit
+dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich
+aber Goethe recht verstehe, handelt es sich bei
+ihm immer nur um eine <hi rend='gesperrt'>unmittelbare</hi> Äußerung
+seines Weltgefühles; er fängt es nicht erst in dem
+Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin
+zu objektivieren und in eine ganz neue Existenzart
+zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes
+Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und
+seines inneren Zusammenhanges nach Ideen treibt
+seine „philosophischen“ Äußerungen hervor wie
+die Wurzel die Blüte. Mit einem ganz freien
+<pb n='11'/><anchor id="Pg011"/>Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht den Lauten,
+die die Lust- und Schmerzgefühle uns unmittelbar
+entlocken, während die wissenschaftliche Philosophie
+den Worten gleicht, mit denen man jene
+Gefühle sprachlich-begrifflich <hi rend='gesperrt'>bezeichnet</hi>. Da
+er nun aber zuerst und zuletzt <hi rend='gesperrt'>Künstler</hi> ist, so
+wird jenes natürliche Sich-Geben von selbst zu
+einem Kunstwerk. Er durfte „singen, wie der
+Vogel singt“, ohne daß seine Äußerung ein unförmig
+zudringlicher Naturalismus wurde, weil die
+Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete
+&mdash; gerade wie das wissenschaftliche Erkennen
+von vornherein durch bestimmte Verstandeskategorien
+geformt wird, die in der sachlich
+vorliegenden Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar
+sind. Es ist deshalb in Hinsicht auf die
+letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen
+richtig, was, äußerlich genommen, ganz unbegreiflich
+scheint, wenn er sagt: „Von der Philosophie
+habe ich mich immer frei erhalten.“ Darum wird
+eine Darstellung der Philosophie Goethes bis zu
+einem gewissen Grad ganz unvermeidlich eine
+Philosophie <hi rend='gesperrt'>über</hi> Goethe sein. Nicht um Systematisierung
+seines Denkens handelt es sich &mdash; das
+<pb n='12'/><anchor id="Pg012"/>wäre ihm gegenüber ein sehr minderwertiges
+Unternehmen &mdash; sondern darum, die unmittelbare
+Fortsetzung und Äußerung des Gefühls für Natur,
+Welt und Leben bei ihm in die mittelbare, abgespiegelte,
+einer ganz anderen Region und Dimension
+angehörige Form der abstrakten Begrifflichkeit
+überzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Der entscheidende und ihn von Kant absolut
+scheidende Grundzug seiner Weltanschauung ist
+der, daß er die Einheit des subjektiven und des
+objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes
+<hi rend='gesperrt'>innerhalb ihrer Erscheinung selbst</hi> sucht.
+Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor
+Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt
+und Zeugnis geistiger Mächte, formender Ideen.
+Sein ganzes inneres Verhältnis zur Welt ruht,
+theoretisch ausgedrückt, auf der Geistigkeit der
+Natur und der Natürlichkeit des Geistes. Der
+Künstler lebt in der Erscheinung der Dinge als
+in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie
+und -Mechanismus, das seinem Hinnehmen
+und Behandeln der Welt allerdings erst einen Sinn
+gibt, muß er in der greifbaren Wirklichkeit selbst
+suchen, wenn es für ihn überhaupt bestehen soll.
+<pb n='13'/><anchor id="Pg013"/>Dies bestimmt seine besondere Bedeutung für die
+Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den
+abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom
+Beginn des 19. Jahrhunderts war der Materialismus
+der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen
+nach einer Synthese, die beide in ihrem Gegensatz
+überwand, rief in den 70er Jahren den Ruf: zurück
+zu Kant! hervor. Aber die <hi rend='gesperrt'>wissenschaftliche</hi>
+Lösung, die dieser allein geben konnte,
+scheint nun als Ergänzung ihrer Einseitigkeit die
+ästhetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten
+ästhetischen Interessen bieten eine besondere
+Form, den Geist wiederum in die Realität
+aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den
+Ruf: zurück zu Goethe! Für ihn sind die beiden
+Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen
+Dualismus überwindet: er steigt nicht
+unter die Erscheinungen hinab, um sie, als bloße
+Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische
+Ich umschließen zu lassen, noch kann er sich,
+über sie hinweg, mit der Idee der Dinge an sich
+und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begnügen.
+An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit
+seines geistigen Wesens, die ihn alles
+<pb n='14'/><anchor id="Pg014"/>Theoretisieren über das Erkennen perhorreszieren
+läßt.
+</p>
+
+<lg>
+<l>„Wie hast du’s denn so weit gebracht?</l>
+<l>Sie sagen, du habest es gut vollbracht.“</l>
+<l>„Mein Kind, ich habe es klug gemacht:</l>
+<l>Ich habe nie über das Denken gedacht.“</l>
+</lg>
+
+<p>
+Und:
+</p>
+
+<lg>
+<l>„Ja, das ist das rechte Gleis,</l>
+<l>Daß man nicht weiß, was man denkt,</l>
+<l>Wenn man denkt:</l>
+<l>Alles ist als wie geschenkt.“</l>
+</lg>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: J. W. VON GOETHE 1817.<lb/><hi rend='font-style: italic'>Zeichnung von
+ F. Jagemann</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>Weimar: Grossh. Kunstsammlung</hi>]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu025.jpg" rend="w80">
+ <head>J. W. VON GOETHE 1817.<lb/><hi rend='font-style: italic'>Zeichnung von
+ F. Jagemann</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>Weimar: Grossh. Kunstsammlung</hi></head>
+ <figDesc>Illustration: J. W. von Goethe 1817</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+<p>
+Seiner im höchsten Sinne praktischen Natur
+war die Beschäftigung mit den Vorbedingungen
+des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst,
+seinen Inhalten und Resultaten nach, nicht förderten.
+„Das Schlimme ist,“ sagt er zu Eckermann,
+„daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man
+muß von Natur richtig sein, so daß die guten Einfälle
+immer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen,
+und uns zurufen: da sind wir.“ Die Abneigung
+gegen Erkenntnistheorie, die aus solchen
+Gründen der psychologischen Praxis hervorging,
+entfernte ihn völlig von dem Kantischen Weg,
+in den Bedingungen des Erkennens, in dem Bewußtseinszusammenhang,
+der die empirische Welt
+<pb n='15'/><anchor id="Pg015"/>trägt, die Versöhnung ihrer Diskrepanzen zu
+suchen. Das Absolute aber, in dem diese gefunden
+wird, aus der Erscheinung heraus in die
+Dinge-an-sich zu verlegen, würde für ihn die
+Welt sinnlos machen. „Vom Absoluten im
+theoretischen Sinne wag’ ich nicht zu reden; behaupten
+aber darf ich: daß, wer es <hi rend='gesperrt'>in der Erscheinung</hi>
+anerkannt und immer im Auge behalten
+hat, sehr großen Gewinn davon erfahren
+wird.“ Und ein andermal: „Ich glaube einen
+Gott. Das ist ein schönes und löbliches Wort;
+aber Gott anerkennen, wie und wo er sich <hi rend='gesperrt'>offenbare</hi>,
+das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden.“
+Nicht außerhalb der Erscheinungen, sondern <hi rend='gesperrt'>in</hi>
+ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip
+des Ich und das des Objekts zusammen. Dieser
+anschauende Glaube, ohne den es überhaupt kein
+Künstlertum gäbe, hat in ihm sein äußerstes,
+das ganze Weltfühlen durchdringende Bewußtsein
+erlangt, da er, als die höchste Artistennatur, die
+wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener
+Gegensatz die maximale Spannung und damit das
+maximale Versöhnungsbedürfnis erreicht hatte.
+Goethe, der „Augenmensch“, war seiner Natur
+<pb n='16'/><anchor id="Pg016"/>nach zu sehr Realist, um die Wirklichkeit zu
+ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen Erscheinung
+Darstellung der Idee wäre; Kant war
+zu sehr Idealist, um die Welt ertragen zu können,
+wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem spezifischen
+Sinn der philosophischen Terminologie)
+nicht die Wirklichkeit ausgemacht hätte.
+</p>
+
+<p>
+Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen,
+die doch dem gleichen Problem gegenüberstehen,
+tritt in dem Verhältnis hervor, das
+sie beide zu dem berühmten Satz Hallers haben,
+daß „kein erschaffener Geist ins Innere der Natur
+dringt“. Beide bekämpfen ihn mit förmlicher
+Entrüstung, weil er jenen Abgrund zwischen Subjekt
+und Objekt verewigen möchte, den es gerade
+auszufüllen galt. Aber auf wie verschiedene
+Motive hin! Für Kant ist der ganze Ausspruch
+von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit
+eines Objekts beklagt, das es gar nicht
+gibt. Denn da die Natur überhaupt nur Erscheinung,
+d.&nbsp;h. Vorstellung in einem vorstellenden
+Subjekt ist, so hat sie überhaupt kein Inneres.
+Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung
+sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Be<pb n='17'/><anchor id="Pg017"/>obachtung
+und Zergliederung der Erscheinungen
+wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf
+dasjenige bezieht, was hinter aller Natur liegt,
+also nicht mehr Natur, weder ihr Äußeres noch
+ihr Inneres ist &mdash; so ist sie nicht weniger töricht,
+weil sie etwas zu erkennen verlangt, was seinem
+Begriff nach sich den Bedingungen des Erkennens
+entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine
+bloße Idee, die niemals angeschaut, also auch
+nicht erkannt werden kann. Goethe hingegen,
+solcher erkenntnistheoretischen Überlegung ganz
+fern, verwirft jenen Spruch aus dem unmittelbaren
+Mitfühlen mit dem Wesen der Natur
+heraus:
+</p>
+
+<lg>
+<l>Natur hat weder Kern</l>
+<l>Noch Schale,</l>
+<l>Alles ist sie mit einem Male.</l>
+</lg>
+
+<p>
+Und:
+</p>
+
+<lg>
+<l>Denn das ist der Natur Gestalt,</l>
+<l>Daß innen gilt, was außen galt.</l>
+</lg>
+
+<p>
+Und:
+</p>
+
+<lg>
+<l>Müsset im Naturbetrachten</l>
+<l>Immer eins wie alles achten,</l>
+<l>Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,</l>
+<l>Denn was innen, das ist außen.</l>
+</lg>
+
+<pb n='18'/><anchor id="Pg018"/>
+
+<p>
+Daß das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste,
+nach dem man sich sehnen kann, nicht auch in
+der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm
+schlechthin unerträglich. Der ganze Sinn seiner
+künstlerischen Existenz wäre ihm dadurch erschüttert.
+Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhält:
+</p>
+
+<lg>
+<l>Ist nicht der Kern der Natur</l>
+<l>Menschen im Herzen &mdash;</l>
+</lg>
+
+<p>
+so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht
+gleich, die die Natur und ihre Gesetze in das
+menschliche Erkenntnisvermögen, als dessen Produkte,
+hineinverlegt. Denn Goethe will sagen:
+das Lebensprinzip der Natur ist zugleich auch
+dasjenige der menschlichen Seele, beides sind
+gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend
+aus der Einheit des Seins, die die Gleichheit des
+schöpferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit
+der Gestaltungen entwickelt; so daß der Mensch
+in seinem eigenen Herzen das ganze Geheimnis
+des Seins und vielleicht auch seine Lösung zu
+finden vermag. Der ganze künstlerische Rausch
+der Einheit von Innen und Außen, von Gott und
+Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher
+<pb n='19'/><anchor id="Pg019"/>Behauptungen über die Dinge selbst enthält sich
+Kant. Er sagt nur das über sie aus, was sich
+aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens
+ergibt. Nicht weil Natur und Menschenseele ihrem
+Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann
+man das eine aus dem andern ablesen, sondern
+weil die Natur eine Vorstellung in der Menschenseele
+ist, so daß die Form und Bewegung dieser
+allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten
+muß. Man kann den Gegensatz, um den
+es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen
+Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt
+man nach dem eigenen Wesen der Natur, so
+antwortet Kant: sie ist nur Äußeres, da sie ausschließlich
+aus räumlich-mechanischen Beziehungen
+besteht; und Goethe: sie ist nur Inneres, da die
+Idee, das geistige Schöpfungsprinzip, auch ihr
+ganzes Leben ausmacht. Fragt man aber nach
+ihrem Verhältnis zum Menschengeist, so antwortet
+Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung
+in uns ist; und Goethe: sie ist nur
+Äußeres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf
+der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realität
+haben muß. Goethe meint nicht, wie Kant, daß
+<pb n='20'/><anchor id="Pg020"/>das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;
+sondern daß dieses, wie überall so auch im
+Menschengeist zu finden sei. Beides sind gleichsam
+parallele Darstellungen des göttlichen Seins,
+das sich in der Natur, dem Äußeren, mit derselben
+Realität entwickelt, wie in der Seele, dem
+Inneren; so daß die Natur ihre unbedingte äußere,
+anschauliche Wirklichkeit behält, ohne ihre Wesenseinheit
+mit dem Menschenherzen aufzugeben, und
+dazu nicht erst, wie von Kant, in eine Vorstellung
+in diesem verwandelt zu werden braucht.
+Beide stellen sich gleichmäßig jenseits des Gegensatzes
+von Materialismus und Spiritualismus.
+Kant, weil sein Prinzip die Materie und den
+Geist, die beide bloße Vorstellungen sind, gleichmäßig
+und gegensatzlos unter sich begreift, Goethe,
+weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt,
+doch unmittelbar eines bildeten; er meint zu
+Schiller, die materialistischen Philosophen kämen
+nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht
+zu den Körpern, „und daß man also immer
+wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu
+bleiben und von seiner ungetrennten Existenz
+den besten, möglichen Gebrauch zu machen“.
+</p>
+
+<pb n='21'/><anchor id="Pg021"/>
+
+<p>
+Soll aber eine <hi rend='gesperrt'>objektive</hi>, d.&nbsp;h. hier, über
+dem Bewußtsein gelegene Einheit des Seins gesucht
+werden, so könnte sie für Kant nur in
+Gott liegen, den er ja auch ausdrücklich heranzieht,
+wo es sich um die Vereinigung der divergentesten
+Lebenselemente, der Sittlichkeit und
+der Glückseligkeit handelt: ein transszendenter
+Gott, ein Ding-an-sich, jenseits aller Anschaulichkeit
+des Seins. Für Goethe aber kommt alles
+darauf an, daß die Einheit der Dinge nicht jenseits
+der Dinge selbst liegt; er verwirft nicht nur
+den Gott, „der nur von außen stieße“ &mdash; das
+würde auch Kant tun; sondern, indem er das
+„Bedrängtsein“ des göttlichen Prinzips in der
+Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr
+wir uns verkürzen, wenn wir es „in eine vor
+unserem äußern und innern Sinne verschwindende
+Einheit zurückdrängen“. Er kann sich die Einheit
+der Welt nur retten, wenn sie nicht in die Einheit
+eines Wesens projiziert wird, das, indem es der ihm
+gegenüberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,
+sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen würde.
+</p>
+
+<p>
+Bei allen scheinbaren Analogien zwischen
+Goetheschen und Kantischen Anschauungen darf
+<pb n='22'/><anchor id="Pg022"/>diese Grundverschiedenheit nie übersehen werden,
+daß Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und
+Objekt von der Seite des Objekts her löst, Kant
+aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht
+des zufälligen und personal-differenzierten, sondern
+des Subjekts, das der überindividuelle Träger der
+objektiven Erkenntnis ist.
+</p>
+
+<p>
+Wenn Goethe also sagt:
+</p>
+
+<lg>
+<l>„Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,</l>
+<l>Wie könnt’ die Sonne es erblicken?</l>
+<l>Wär’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,</l>
+<l>Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?“</l>
+</lg>
+
+<p>
+so erscheint dies nur als eine Paraphrase der
+Kantischen Idee, daß wir die Dinge der Welt
+nur erkennen, weil und insofern ihre Formen
+a priori in uns ruhen. Tatsächlich aber ist es
+etwas ganz anderes. Goethe greift unter den
+Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und
+gründet die Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen
+auf eine Wesensgleichheit zwischen ihnen, wie
+es in primitiver Form schon Empedokles getan
+hatte, als er lehrte: dadurch, daß die Elemente
+aller Dinge in uns selbst sind, können wir die
+Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser,
+<pb n='23'/><anchor id="Pg023"/>das Feuer durch das Feuer in uns, den Streit
+in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe
+durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die
+Sonne, und kann sie deshalb erkennen &mdash; wie
+man jenen Vers Kantisch interpretieren müßte &mdash; sondern
+Auge und Sonne sind gleichen objektiven
+Wesens, gleichberechtigte Kinder göttlicher Natur,
+und dadurch befähigt, sich miteinander zu verständigen,
+sich ineinander aufzunehmen. Die
+Kantische und die Goethesche Lösung des Weltproblems,
+die erkenntnistheoretische und die
+metaphysische &mdash; wobei Goethe sozusagen keine
+Metaphysik <hi rend='gesperrt'>hat</hi>, sondern Metaphysik <hi rend='gesperrt'>ist</hi> &mdash; verhalten
+sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen,
+die äußerlich angesehen den gleichen Inhalt und
+Bedeutung darbieten, von denen die eine aber
+durch die suggestive Aktivität der einen Partei &mdash; so
+daß sie die andere gleichsam nach ihrem Bilde
+und ihrem Ideal des Verhältnisses formt &mdash; aufrecht
+erhalten wird, die andere aber durch die
+wurzelhafte Einheit und natürliche Harmonie
+beider Parteien.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: <hi rend='font-style: italic'>LEONARDO DA
+ VINCI.</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>SELBSTBILDNIS</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>TURIN:
+ PALAZZO REALE.</hi>]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu035.jpg" rend="w80">
+ <head><hi rend='font-style: italic'>LEONARDO DA
+ VINCI.</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>SELBSTBILDNIS</hi><lb/><hi rend='font-style: italic'>TURIN:
+ PALAZZO REALE.</hi></head>
+ <figDesc>Illustration: Leonardo da Vinci. Selbstbildnis</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+
+<p>
+An diesem Punkt tritt die persönliche Wesensrichtung
+Goethes ganz besonders deutlich als
+<pb n='24'/><anchor id="Pg024"/>Träger seiner Weltanschauung hervor. Als die
+glücklichste Beanlagung des Menschen in seinem
+Verhältnis zur Natur kann es wohl gelten, wenn
+die eigenste, nur den Bedürfnissen und Tendenzen
+des Ich folgende Entwicklung zu einem reinen
+Aufnehmen und Bilde der Natur führt, als ob die
+Kräfte beider sich wie in einer prästabilierten
+Harmonie äußerten, die einen den Index für die
+anderen bildeten. Diese Konstellation traf bei
+Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er
+äußerte und wirkte, entwickelte er nur seine Persönlichkeit;
+den ganzen Umkreis seiner Betrachtung
+und Deutung des Daseins erfüllte er, weil
+er sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck,
+als ob ihm sein Bild der Natur, das, bei allen
+sachlichen Einwänden, immerhin eines von unvergleichlicher
+Geschlossenheit, Beobachtungstreue
+und Hoheit der Auffassung ist &mdash; entstanden
+wäre, indem er nur die eigene Richtung seiner
+mitgebrachten Denk- und Gefühlsenergien entfaltet
+hätte. <hi rend='gesperrt'>Deshalb</hi> darf er vom Künstler
+fordern &mdash; was nachher noch näher zu deuten
+ist &mdash; daß er „höchst selbstsüchtig“ verfahre.
+Er schildert sich selbst, wenn er einmal von
+<pb n='25'/><anchor id="Pg025"/>Winkelmann sagt: „Findet sich in besonders begabten
+Menschen jenes gemeinsame Bedürfnis,
+eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,
+noch in der äußern Welt die antwortenden Gegenbilder
+zu suchen und dadurch (!) das Innere
+völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so
+kann man versichert sein, daß ein für Welt und
+Nachwelt höchst erfreuliches Dasein sich ausbreiten
+werde.“ Diese glückliche, zur objektiven
+Natur harmonische Richtung seines subjektiven
+Wesens rechtfertigt es, daß er, obwohl dieses
+letztere mit völliger Freiheit entfaltend, überall
+die Natur zum Spiegel der eigenen Vergeistigung
+machend, doch immer behaupten kann: er gäbe
+sich der Natur mit der größten Selbstlosigkeit
+und Treue hin, er spräche nur aus, was sie ihm
+diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die
+die Unmittelbarkeit ihres Bildes trübte. Wir
+wissen von vielen der größten bildenden Künstler,
+und zwar solcher, die die strengste Stilisierung,
+die souveränste Umformung des Gegebenen übten,
+daß sie sich für Naturalisten hielten, ausschließlich
+das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.
+Tatsächlich <hi rend='gesperrt'>sehen</hi> sie von vornherein so, daß es
+<pb n='26'/><anchor id="Pg026"/>zu dem Gegensatz innerhalb des unkünstlerischen
+Lebens: zwischen der inneren Anschauung und
+dem äußeren Objekt &mdash; bei ihnen nicht kommt.
+Vermittelst der geheimnisvollen Verbindung des
+Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins ist
+sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen
+für ihn &mdash; und, im Maße seiner Genialität, auch
+für andere &mdash; zugleich die Ausschöpfung des
+objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war
+es tatsächlich ein ganz einheitlicher Prozeß, der
+sich von der einen Seite als Entwicklung seiner
+eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen
+und Erkennen der Natur darstellte.
+Darum muß ihm die Kantische Vorstellung, daß
+unser Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze
+vorschreibt (weil Natur erst dadurch für
+uns entstehe, daß der Verstand die Sinneseindrücke
+in den ihm eigenen Formen ausgestaltet)
+&mdash; innerlich völlig fremd, ja eigentlich widrig sein.
+Der Gegensatz von Subjekt und Objekt muß ihm
+damit unsäglich übertrieben erscheinen: jenes
+viel zu selbständig, statt demütig aufnehmender
+Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen
+in sie; dieses, mit der letzten Absolutheit
+<pb n='27'/><anchor id="Pg027"/>seines Wesens dennoch nicht in das Subjekt aufgehend,
+der ungeheuren Anstrengung des Subjekts,
+es in sich einzuziehen, spottend. Ihm, der sein
+Ich von vornherein gleichsam in Parallelität mit
+der Natur fühlte, mußte es scheinen, als ob die
+Kantische Lösung dem Subjekt einerseits zuviel,
+anderseits zuwenig zuspräche, und als ob sie
+dem Objekte einerseits Gewalt antäte, statt sich
+ihm in Treue hinzugeben, während es ihr andrerseits
+doch als ein Unerfaßbares &mdash; ein „Ding <hi rend='gesperrt'>an sich</hi>“
+&mdash; aus den Händen glitte.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: DER DELPHISCHE WAGENLENKER.]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu041.jpg" rend="w60">
+ <head>DER DELPHISCHE WAGENLENKER.</head>
+ <figDesc>Illustration: Der delphische Wagenlenker</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+
+<p>
+In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen
+auch in bezug auf die Grenzen
+des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit
+bei scheinbarer Verwandtschaft. Wie Kant fortwährend
+die Unerkennbarkeit dessen betont, was
+die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei,
+so Goethe, daß hinter allem Erforschlichen noch
+ein Unerforschliches liege, daß wir nur „ruhig
+verehren“ könnten, ein Letztes, Unsagbares, an
+dem unsre Weisheit ein Ende habe. Für Kant
+bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur
+unsres Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben;
+für Goethe bedeutet es nur jene Schranke, die
+<pb n='28'/><anchor id="Pg028"/>aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel
+des letzten Weltgrundes hervorgeht &mdash; wie auch
+der Fromme sich bescheidet, Gott hienieden nicht
+schauen zu können, aber nicht eigentlich, weil
+er sich prinzipiell dem Schauen entzöge, sondern
+weil unser Schauen dazu erst einer im Jenseits
+gewährten Steigerung, Kräftigung, Vertiefung
+bedürfte. Darum sagt er:
+</p>
+
+<lg>
+<l>„Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,</l>
+<l>Unverstanden, doch nicht unverständlich.“</l>
+</lg>
+
+<p>
+Von den letzten Mysterien der Natur trennt
+uns freilich eine unendliche Entfernung, aber sie
+liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit
+der erkennbaren Natur, weil es ja nichts als
+Natur gibt, die zugleich Geist, Idee, das Göttliche
+ist. Für Kant aber liegt das Ding an sich in
+einer völlig anderen Dimension als die Natur, als
+das Erkennbare, und man mag in dieser Region
+bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf
+jene treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller:
+„Die Natur ist deswegen unergründlich, weil sie
+nicht <hi rend='gesperrt'>ein</hi> Mensch begreifen kann, obgleich die
+ganze Menschheit sie wohl begreifen könnte.
+Weil aber die liebe Menschheit niemals beisammen
+<pb n='29'/><anchor id="Pg029"/>ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern
+Augen zu verstecken.“ Nach den Kantischen
+Voraussetzungen aber ist dasjenige allerdings
+vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein
+der Menschheit vermißt. Jene Formen und
+Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet,
+weil durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt
+für uns geschaffen wird, sind nichts Persönliches,
+sondern sie sind das allgemein Menschliche in
+jedem Individuum; in ihnen liegt das Verhältnis
+restlos beschlossen, das die Menschheit überhaupt
+zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im
+allgemeinen gegenüber bestehen also nicht jene
+individuellen Unzulänglichkeiten, die Goethe erst
+durch das Beisammensein aller auszugleichen
+glaubt. Deshalb ist für Kant die Natur prinzipiell
+völlig durchsichtig und nur die Empirie über sie
+ist unvollständig. Da für Goethe die Natur selbst
+von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist,
+so kommt in der Natur selbst der Punkt, in dem
+die Intensität und Tiefe der Vorgänge uns weiteres
+Eindringen versagt; für Kant, der das Übersinnliche
+völlig aus der Natur hinausverlegt, liegt die
+Grenze des Erkennens nicht mehr innerhalb ihrer,
+<pb n='30'/><anchor id="Pg030"/>sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhört.
+Für Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine
+quantitative, keine prinzipielle Inkonsequenz, wenn
+er gelegentlich zu Schiller äußert, die Natur habe
+kein Geheimnis, <anchor id="corr030"/><corr sic="daß">das</corr> sie nicht irgendwo dem aufmerksamen
+Beobachter nackt vor die Augen
+stellte, und ein andermal meint: „Isis zeigt
+sich ohne Schleier &mdash; nur der Mensch, er hat
+den Star“ &mdash;, während Kant absolut inkonsequent
+wird, wenn er uns doch einen Blick
+in das Reich des Intelligiblen verstattet; wovon
+wir übrigens hier nicht untersuchen, ob
+es ihm mit Recht oder Unrecht insinuiert
+wird.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: MICHELANGELO.<lb/>SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu047.jpg" rend="w80">
+ <head>MICHELANGELO.<lb/>SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.</head>
+ <figDesc>Illustration: Michelangelo. Sklave von der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+
+<p>
+Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen
+dieser beiden Geister nach ihrem Endziel
+bezeichnen darf &mdash; obgleich solche letzten
+Ziele nur der Ausdruck der Wesenskräfte und
+ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das selbständig
+gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die
+Richtung gäbe &mdash; so ist die Formel des Kantischen
+Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:
+Einheit. Für Kant kam alles darauf an, und
+so läßt sich seine gesamte Leistung zusammen<pb n='31'/><anchor id="Pg031"/>fassen,
+die Kompetenzen der inneren Mächte, die
+das Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander
+abzugrenzen: der Sinnlichkeit ihre
+Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die
+seinige gegen die Vernunft, der Vernunft die
+ihrige gegen den Glückseligkeitstrieb, der Individualität
+die ihre gegen das Allgemeingültige zu
+setzen; damit sind zugleich in der Objektivität
+von Welt und Leben die Grenzstriche für die
+Kräfte, Ansprüche und Bedeutsamkeiten der Dinge
+selbst gezogen; es gilt für ihn, das praktische,
+wie das theoretische Leben vor den Übergriffen,
+Ungerechtigkeiten und Verschwommenheiten zu
+schützen, die aus dem Mangel genauer Grenzen
+zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen
+den objektiven Faktoren hervorgehen. Als so
+grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,
+so ist sie ihm doch sozusagen nur die
+natürliche Tatsache, die er vorfindet, und an der
+nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung
+zwischen den Elementen des Seins beginnt.
+Zu jener großen Aufgabe, das Subjekt
+mit dem Objekt in ein einheitliches Verhältnis
+zu setzen, brachte er, als Werkzeuge seiner Detail<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>arbeit
+daran, von Natur gleichsam die Instrumente
+des Markscheiders mit. Ersichtlich verhält sich
+der Künstler den Erscheinungen gegenüber umgekehrt.
+So sehr er auch zunächst das verwirrende
+Ineinander der Qualitäten, Betätigungen
+und Bedeutungen der Dinge auseinanderlegen
+muß, so macht doch seine innere Bewegung erst
+an der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenüber
+alle Grenzsetzungen Interessen zweiten
+Ranges sind. Gewiß ist die schließliche Einheit
+der Elemente und damit der Weltanschauung auch
+für Kant das Definitivum. Aber die persönliche
+Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin
+mündenden Bewegungen bestimmt, ist doch das
+Interesse an der Grenzsetzung; dies ist die große
+Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die
+inneren Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung
+der Elemente ihren letzten Ausdruck
+finden: „Trennen und Zählen“, bekennt Goethe,
+„lag nicht in meiner Natur“; und ausdrücklich
+sagt er: „Dich im Unendlichen zu finden, mußt
+unterscheiden und dann verbinden“, während Kant
+die Verbindung vorfindet, und ihre Scheidung für
+sein dringlichstes Problem hält.
+</p>
+
+<pb n='33'/><anchor id="Pg033"/>
+
+<p>
+Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung,
+so setzt sich bei Goethe das der Einheit aus der
+allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten
+fort. Indem die Einheit der Natur sich
+in diesen dokumentiert, muß sich unter ihnen
+eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die
+höchstens einer Abstufung des Entwicklungsmaßes,
+aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit mehr
+Raum gibt. Ich will nur ein paar Äußerungen
+hervorheben, die zugleich das plumpe Mißverständnis:
+Goethes angebliche, hochmütig-aristokratische
+Weltanschauung zurückweisen. Er betont
+einmal, daß zwischen dem gewöhnlichen
+Menschen und dem Genie doch eigentlich nur
+ein sehr geringer Unterschied gegenüber dem,
+was ihnen gemeinsam wäre, bestünde. „Das
+poetische Talent,“ sagt er ein anderes Mal, „ist
+dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es
+kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand
+ergreife, und ihn nach Würden behandle.“
+</p>
+
+<lg>
+<l>„Wollen die Menschen Bestien sein,</l>
+<l>So bringt nur Tiere zur Stube herein,</l>
+<l>Das Widerwärtige wird sich mindern,</l>
+<l><hi rend='gesperrt'>Wir sind eben alle von Adams Kindern</hi>.“</l>
+</lg>
+<pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: <hi rend='font-style: italic'>ALBRECHT DÜRER<lb/>HIERONIMUS<lb/>RADIERUNG.</hi>]</p>
+</then><else><p>
+ <figure url="images/illu053.jpg" rend="w80">
+ <head><hi rend='font-style: italic'>ALBRECHT DÜRER<lb/>HIERONIMUS<lb/>RADIERUNG.</hi></head>
+ <figDesc>Illustration: Albrecht Dürer. Hieronimus</figDesc>
+</figure>
+</p></else></pgIf>
+<pb n='34'/><anchor id="Pg034"/>
+<p>
+Und endlich ganz umfassend: „Auch das Unnatürlichste
+ist Natur. Auch die plumpste Philisterei
+hat etwas von ihrem Genie. Wer sie
+nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo
+recht.“ Die Einheit der Natur ergreift für ihn
+also auch das, was nach der Skala der Werte aufs
+äußerste einander entgegengesetzt scheint. Weil
+Äußeres und Inneres des gleichen Wesens sind,
+und zwischen ihren letzten Gründen keine Grenzsetzung
+möglich ist, so kann die Verschiedenheit
+des Maßes, in dem sie sich zu den einzelnen
+Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit
+dieser begründen. Und wie zwischen
+den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen.
+Er äußert den „Unmut“, den ihm die Lehre von
+den unteren und oberen Seelenkräften erregt habe.
+In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,
+ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche
+Rechte an einem gemeinsamen Mittelpunkt, der
+sein geheimes Dasein eben durch das Verhältnis
+aller Teile zu ihm manifestiert. „Alle Streitigkeiten
+der älteren und neueren bis zur neuesten
+Zeit entspringen aus der Trennung dessen, was
+Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer
+<pb n='35'/><anchor id="Pg035"/>nicht überzeugt ist, daß er alle Manifestationen
+des menschlichen Wesens, Sinnlichkeit und Vernunft,
+Einbildungskraft und Verstand zu einer
+entschiedenen Einheit ausbilden müsse, der wird
+sich in einer unerfreulichen Beschränkung immerfort
+abquälen.“ Alles dieses würde Kant wohl
+prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser
+Tatsache hebt sich die Divergenz der Denkrichtungen
+am deutlichsten ab. Für Goethe kommt
+es auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der
+Seelenvermögen besteht; für Kant auf die Grenzen
+der Seelenvermögen, die trotz ihrer Einheit bestehen.
+Die Grenzsetzung ist für ihn das unmittelbare
+Korrelat der Einheit; er sagt einmal, nachdem
+er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten
+eine scharfe Grenze gezogen hat: „Diese <hi rend='gesperrt'>Absonderung</hi>
+hat noch einen besonderen Reiz, den
+die <hi rend='gesperrt'>Einheit</hi> der Erkenntnis bei sich führt, wenn
+man verhütet, daß die Grenzen der Wissenschaft
+nicht ineinanderlaufen, sondern ihre gehörig abgeteilten
+Felder einnehmen.“ Wenn es das Ziel
+jeder Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander
+und Auseinander der Weltelemente zu einer
+Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller
+<pb n='36'/><anchor id="Pg036"/>überzuführen, so haben Kant und Goethe dieses
+gemeinsame Ziel, der eine durch die Gerechtigkeit
+der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere
+durch die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht
+&mdash; und gerade darum auch befriedigend
+erreichen können, weil jeder von ihnen die
+Tatsache des entgegengesetzten Prinzips anerkennt.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: <hi rend='font-style: italic'>A. FEUERBACH<lb/>KONZERT<lb/>BERLIN:
+ NATIONALGALERIE.</hi>]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu059.jpg" rend="w60">
+ <head><hi rend='font-style: italic'>A. FEUERBACH<lb/>KONZERT<lb/>BERLIN: NATIONALGALERIE.</hi></head>
+ <figDesc>Illustration: A. Feuerbach: Konzert</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+
+<p>
+Für beide wird diese Anerkennung freilich von
+seiten des letzten Motivs her begrenzt, aus dem
+überhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das
+bei dem einen ein wissenschaftliches, bei dem
+andern ein künstlerisches ist. Die Wissenschaft
+befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten
+Einheit des Weltbegriffes, kann sie aber
+niemals erreichen; auf welchem Punkte sie auch
+stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges
+in eine andre Denkweise: religiöser, metaphysischer,
+moralischer, ästhetischer Art &mdash; um das unvermeidlich
+Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer
+völligen Einheit zu ergänzen und zusammenzuschließen.
+Das hat Kant sehr gut gewußt, und
+er bestimmt deshalb mit großer Entschiedenheit
+die Schranken nicht nur <hi rend='gesperrt'>innerhalb</hi>
+seines Welt<pb n='37'/><anchor id="Pg037"/>bildes
+sondern auch dieses Weltbildes selbst, soweit
+er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenüber
+dem Ideal der unbedingten Einheit der Dinge.
+Für Goethe andrerseits wird die Grenze, bis zu
+der die Analyse gehen darf, durch ein nicht
+weniger bestimmtes Kriterium gegeben; sie ist
+ihm von dem Punkt an unzulässig, wo sie die
+<hi rend='gesperrt'>Schönheit</hi> der Dinge zerstört. Schönheit, so
+könnte man in Goethes Sinne sagen, ist die Form,
+in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich
+gegenseitig innewohnen. Daß Schönheit da ist,
+daß wir sie empfinden, dass wir sie selbst bilden
+können, ist die Gewähr dafür, daß jene Einheit
+der Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung
+der Zeit suchte, ist die Gewähr dafür,
+daß das geistige Subjekt und die objektive Natur
+sich begegnet sind; und sie können sich nur begegnen &mdash; so
+darf man ihn weiter ausdeuten &mdash; wenn
+und weil sie von vornherein identisch sind.
+Wir müssen vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt
+Lionardo da Vincis zurückgehen, um einen Zweiten
+zu finden, der die Welt so restlos ästhetisch
+genossen, so jede Wirklichkeit zugleich als Schönheit
+empfunden hat. Weil Schönheit die Ver<pb n='38'/><anchor id="Pg038"/>körperung
+ideellen Gehalts im realen Sein ist, so
+bedeutet die Durchgängigkeit <hi rend='gesperrt'>ihrer</hi> Herrschaft
+die Auflösung jenes fundamentalen Gegensatzes
+zwischen dem geistigen und dem natürlichen,
+dem subjektiven und dem objektiven Prinzip
+des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner Nichtigkeit.
+Darum findet er in der Schönheit das
+niemals trügende Kriterium für die Richtigkeit
+der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die
+&mdash; äußere oder intellektuelle &mdash; Zergliederung des
+Objekts die Schönheit seiner Erscheinung nicht
+mehr bestehen ließe, wäre die Unwahrheit ihrer
+Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreißen der
+Natur „mit Hebeln und mit Schrauben“ ist ihm
+sozusagen theoretisch falsch, weil es ästhetisch
+falsch ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt
+er sich nur schwer ab, da sie „doch den Eindruck
+einer schönen Erdoberfläche vor dem Anschauen
+des Geistes zerstückelt“. Daher auch sein Haß
+gegen die Zerstückelung Homers; er will ihn „als
+Ganzes denken“, weil er nur so seine Schönheit
+bewahre. Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische
+Auffassung der Dinge zerstören,
+meint er:
+</p>
+
+<pb n='39'/><anchor id="Pg039"/>
+
+<lg>
+<l>„Was wir Dichter ins Enge bringen,</l>
+<l>Wird von ihnen ins Weite geklaubt.</l>
+<l>Das Wahre klären sie an den Dingen,</l>
+<l>Bis niemand mehr dran glaubt.“</l>
+</lg>
+
+<p>
+In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das
+kleine Gedicht: „Die Freude.“ Er entzückt sich
+an den Farben einer Libelle, will sie in der Nähe
+sehen, verfolgt und faßt sie und sieht &mdash; ein
+traurig, dunkles Blau. „So geht es dir, Zergliederer
+deiner Freuden!“ Mit der zuweit getriebenen
+Zergliederung, die den ästhetischen Genuß zerstört,
+entschwindet also nicht etwa eine Illusion, sondern
+das ganz reale Bild des Gegenstandes. Ja, seine
+Abneigung gegen Brillen ist schließlich doch auch
+nur die gegen das scharfe Zerfasern der Erscheinungen,
+gegen das Zerstören des natürlich schönen
+Verhältnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden
+Organ. Gewiß mit Recht meint Helmholtz,
+das letzte Motiv für seine unselige Polemik
+gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen,
+wo er über die durch viele enge Spalten und Gläser
+hindurchgequälten Spektra spottet, und die Versuche
+im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht
+nur als besonders ergötzlich, sondern auch als be<pb n='40'/><anchor id="Pg040"/>sonders
+beweisend preist. Die Zerstörung des ästhetischen
+Bildes ist ihm zugleich die Zerstörung der
+Wahrheit. Die rechnerische Vorstellung der Dinge,
+wie die mathematische Naturwissenschaft sie durch
+Zerlegung in ihre, womöglich qualitätslosen, Elemente
+gewinnt, muß ihm wegen ihres Mankos an
+ästhetisch-anschaulichem Werte ein ebenso großer
+Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt für Kant
+dieses ästhetische Kriterium ein solcher gegenüber
+den Gegenständen des Naturerkennens wäre.
+</p>
+ <figure url="images/illu062.png" rend="w40"><figDesc>Illustration: Ornament</figDesc></figure>
+</div>
+
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb n='41'/><anchor id="Pg041"/>
+
+<p>
+Der <anchor id="corr041"/><corr sic="grossen">großen</corr> Zweiheit der
+Weltelemente, durch deren mannigfaltige
+Versöhnungen hin sich
+die Weltanschauung der neueren
+Zeit entwickelt, steht eine andere
+zur Seite, die sich viel früher als
+jene aufarbeitet, in ihrem Bildungsschicksal
+aber mit ihr verwandt ist: der praktische
+Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen
+Gesamtheit, aus dem man die Probleme
+der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch
+hier beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand:
+die Interessen des Einzelnen und der
+Gesamtheit haben in primitiven Kulturen überhaupt
+noch keine nennenswerte oder bewußte
+Entgegengesetztheit: der naive Egoismus hat zwar
+gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen
+anderen Inhalt als der Gruppenegoismus. Sehr
+bald freilich bildet sich mit der anhebenden Individualisierung
+der Persönlichkeiten ein Gegensatz
+zwischen beiden heraus, und damit die Forderung
+an den Einzelnen, sein persönliches Interesse dem
+der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt
+ein Sollen gegenüber, der natürlichen Subjektivität
+<pb n='42'/><anchor id="Pg042"/>ein objektives Moralgebot. Und abermals erhebt
+sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch
+Unterdrückung der einen Seite oder durch gleichmäßige
+Befriedigung beider aufzuheben; wobei
+es sich hier ersichtlich um eine Lösung handelt,
+die den Wert des Lebens überhaupt auf sein
+Maximum bringe.
+</p>
+
+<p>
+Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe
+in fast genauem Parallelismus mit dem Verhältnis
+ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei Kant
+durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen
+besonderen Interesses steht, aber in der
+Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe durch
+eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen
+Lebenselemente, durch eine die Gegensätze
+einschließende Natur des Menschen und
+der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier
+auf der völligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit
+und der Vernunft; einen Wert erhielte
+das Handeln erst dadurch, daß es unter absoluter
+Rücksichtslosigkeit gegen die erstere ausschließlich
+der letzteren gehorchte. Diese aber
+enthält zwei Momente: einmal die Selbständigkeit
+des Menschen, die verneint ist, sobald sinn<pb n='43'/><anchor id="Pg043"/>liche
+Motive uns bestimmen, deren Anregung und
+Befriedigung von außen, von der Gegenwart bestimmter
+Objekte abhängig ist; zweitens die
+völlige Objektivität des Sittengesetzes, das mit
+allen individuellen Reserven, Besonderheiten und
+Velleitäten schonungslos aufräumt und den ganzen
+Wert des Menschen ausschließlich darauf gründet,
+daß er seine Pflicht erfüllt, und zwar nicht nur
+äußerlich erfüllt, sondern auch um der Pflicht
+willen; sobald sich irgend ein anderes Motiv als
+dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen
+Wert mehr. Ist diese Bedingung aber erfüllt, so
+ist der Mensch in eine höhere, über-empirische
+Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein
+Handeln einen Wert, eine absolute Bedeutung,
+hinter der all sein bloßes Denken und Erkennen,
+das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht,
+weit zurücksteht.
+</p>
+<pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: PUVIS DE CHAVANNES.<lb/>MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE
+ ZU PARIS.]</p>
+</then><else><p>
+ <figure url="images/illu066.jpg" rend="w100">
+ <head>PUVIS DE CHAVANNES.<lb/>MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.</head>
+ <figDesc>Illustration: Puvis de Chavannes. Mittelgruppe aus dem Wandgemälde in der Sorbonne
+ zu Paris</figDesc>
+</figure>
+</p></else></pgIf>
+
+<p>
+An diesem letzteren, äußerst charakteristischen
+Punkte der Kantischen Lehre, dem „Primat der
+praktischen Vernunft vor der theoretischen“ ist
+Goethe mit ihm völlig einverstanden. Unaufhörlich
+betont er, wie Handeln im sittlichen Sinne
+unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es
+<pb n='44'/><anchor id="Pg044"/>als der Weisheit letzten Schluß erklärt, daß man
+sich das Leben täglich praktisch erobre, wie er
+den Begriff des Menschen mit dem des Kämpfers
+identifiziert, so erklärt er, daß er überhaupt nur
+<hi rend='gesperrt'>handelnd</hi> denken könne, und daß ihm alle bloße
+Belehrung direkt verhaßt wäre, wenn sie nicht
+zugleich seine Tätigkeit belebte. Der Primat der
+sittlich-praktischen Tüchtigkeit vor aller bloßen
+Intellektualität und Theorie steht ihm ebenso fest
+wie Kant.
+</p>
+
+<p>
+Für ihre ethische Anschauung bedeutet dies
+die gleiche Übereinstimmung wie für ihre allgemeine
+Weltanschauung die Überwindung des oberflächlichen
+Dualismus der inneren und der äußeren
+Natur. Aber sogleich trennen sich, hier wie dort,
+die Wege oberhalb &mdash; oder unterhalb &mdash; dieser
+gleichsam nur punktuellen Gemeinsamkeit. Wie
+für Kant das Unerkennbare des Daseins ein absolutes
+Jenseits ist, von allem Gegebenen brückenlos
+geschieden, für Goethe aber nur die in das
+Mystische sich verlierende Tiefe der Anschauungswelt,
+in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar,
+so doch ohne Sprung führt &mdash; so liegt
+für Kant der sittliche Wert in einer dem Wesen
+<pb n='45'/><anchor id="Pg045"/>nach anderen Welt, als alles andere Dasein und
+seine Bedeutungen, von diesen aus nur durch
+eine radikale Wendung und „Revolution“ zu erreichen.
+In der Goetheschen Anschauung aber ist
+der sittliche Wert mit den übrigen Lebensinhalten
+in einer einheitlichen, kontinuierlich aufsteigenden
+Reihe verbunden, und sein auch für ihn unbezweifelbarer
+Primat ist jenen gegenüber der Rang
+des primus inter pares. Jener fundamentale und
+unversöhnliche <hi rend='gesperrt'>Wertunterschied</hi> zwischen der
+sinnlichen und der vernünftigen Seite unseres
+Wesens, auf dem die ganze Kantische Ethik steht,
+muß Goethe ein Horror sein &mdash; wie überhaupt sein
+eigentlicher Todfeind der christliche Dualismus ist,
+der die Sichtbarkeit der Welt und ihren Wert auseinanderreißt.
+Die metaphysische Einheit der
+Lebenselemente muß sich für ihn unmittelbar in
+eine Werteinheit derselben umsetzen. Daß er, wie
+wir sahen, das Innere und das Äußere nicht
+trennen kann, daß er statt der „oberen und unteren
+Seelenkräfte“ einen gemeinsamen Mittelpunkt
+des psychischen Daseins fordert &mdash; das entstammt
+doch wohl der in die letzten Tiefen seiner Persönlichkeit
+hineinreichenden und allem Beweisen und
+<pb n='46'/><anchor id="Pg046"/>Widerlegen unzugänglichen Empfindung einer
+Gleichheit und Harmonie aller unserer Wesensseiten
+in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie für
+ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein,
+flüchtig oder abseitliegend ist, daß sich nicht seine
+ganze Aufmerksamkeit darauf richten könnte, und
+daß es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum
+Repräsentanten der Gesamtheit des Alls würde, so
+läßt es in der subjektiven Welt die gewaltige Einheit
+seines Lebensgefühles nicht zu einem prinzipiellen
+Wertunterschiede seiner einzelnen Energien
+kommen. Goethes Existenz wird durch das glücklichste
+Gleichgewicht der drei Richtungen unserer
+Kräfte charakterisiert, deren mannigfaltige Proportionen
+die Grundform jedes Lebens abgeben:
+der aufnehmenden, der verarbeitenden, der sich
+äußernden. In diesem dreifachen Verhältnis steht
+der Mensch zur Welt: zentripetale Strömungen,
+das Äußere dem Inneren vermittelnd, führen die
+Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale
+Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem
+geistigen Leben und lassen das Äußere zu einem
+Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Tätigkeiten
+entladen die Kräfte und Inhalte des Ich
+<pb n='47'/><anchor id="Pg047"/>wieder in die Welt hinein. Wahrscheinlich hat
+dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare
+physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit
+seiner harmonischen Erfüllung entspricht
+eine gewisse Verteilung der Nervenkraft auf diese
+drei Wege ihrer Betätigung. Beachtet man nun,
+wie sehr das Übergewicht eines derselben die anderen
+und die Gesamtheit des Lebens irritiert, so
+möchte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in
+Goethes Natur als den physisch-psychischen Ausdruck
+für deren Schönheit und Kraft ansehen. Er
+hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt,
+sondern seine geistige Tätigkeit war fortwährend
+von der rezeptiven Hinwendung zur Wirklichkeit
+und allem, was sie bot, genährt; seine
+inneren Bewegungen haben sich nie gegenseitig
+aufgerieben, sondern seine ungeheure Fähigkeit,
+sich nach außen hin handelnd und redend auszudrücken,
+verschaffte jeder die Entladung, in der
+sie sich völlig ausleben konnte: in diesem Sinne hat
+er es so dankbar hervorgehoben, daß ihm ein Gott
+gegeben hat, zu <hi rend='gesperrt'>sagen</hi>, was er leidet. So könnte
+man in seiner Denkrichtung sagen, daß, wenn
+irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen
+<pb n='48'/><anchor id="Pg048"/>untergeordnet ist, so sei sie eben dadurch, daß sie
+diese ihr zukommende Stelle ausfüllt, gerade so
+wertvoll wie die höhere, die auch nichts kann, als
+ihre Funktion ausüben, und das eben erst im Zusammenwirken
+mit der ersten kann; so daß jene
+antiaristokratische Meinung über die annähernde
+Gleichwertigkeit der Menschen &mdash; vor der er übrigens
+selbstverständlich im Empirischen und nach
+dem einmal rezipierten Maßstab den Unterschied
+zwischen der blöden Menge und den großen Menschen
+nie übersieht &mdash; ihre Analogie innerhalb
+des einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine
+Wesenselemente findet. Wenn ich vorhin die Einheit
+des Inneren und des Äußeren, des Subjektiven
+und des Objektiven, des Ideellen und des Realen
+als die Voraussetzung der künstlerischen Weltanschauung
+hervorhob, so kommen wir hier vielleicht
+auf die noch tiefere Fundamentierung dieses
+Fundaments; jenes In- und Miteinander der Weltelemente
+ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man
+könnte sagen: die metaphysische Rechtfertigung
+ihrer <hi rend='gesperrt'>Wert</hi>gleichheit, die er empfindet. Das mag
+auch der Grund sein, weshalb das antike Unverhülltsein
+seiner sinnlichen Derbheiten immer künst<pb n='49'/><anchor id="Pg049"/>lerisch
+wirkt, weil es jene Gleichberechtigung der
+Wesensseiten aufs schärfste verdeutlicht, die, zu
+einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die
+Metaphysik aller Kunst ausmacht.
+</p>
+
+<p>
+Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche
+Glück gerichtete Ideal mit dem Vernunftideal eine
+Einheit bildet, erhebt er sich ganz über den Gegensatz
+zwischen eudämonistischer und rationalistischer
+Moral, auf dem die Kantische Ethik ruht.
+Vielen Mißverständnissen gegenüber muß durchaus
+betont werden, daß seine Fremdheit gegen die
+logische Strenge der Vernunftethik absolut nicht
+bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen und
+Genußideal untertan machen wollen. Ja, um seinen
+Abstand hiervon zu begreifen: er kann es
+direkt aussprechen (1818), es sei Kants unsterbliches
+Verdienst, daß er die Moral „dem schwankenden
+Kalkul einer bloßen Glückseligkeitstheorie
+entgegengestellt“ und sie in ihrer höchsten übersinnlichen
+Bedeutung erfaßt habe. Das widerstreitet
+gar nicht dem Ausruf in den Lehrjahren: „O der
+unnötigen Strenge der Moral, da die Natur uns
+auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir
+sein sollen.“ Denn die Übersinnlichkeit, die er
+<pb n='50'/><anchor id="Pg050"/>dort meint, ist eben nicht die Kantische, die einerseits
+eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits
+unsere Einstellung in eine transszendente Ordnung
+der Dinge bedeutet. Goethes Übersinnliches will
+hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich
+ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige
+Vernünftigkeit. Das spricht er ganz unzweideutig
+einige Jahre später in einem Briefe an
+Carlyle aus: „Einige haben den Eigennutz als
+Triebfeder aller sittlichen Handlungen angenommen;
+andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen,
+nach Glückseligkeit als einzig wirksam finden;
+<hi rend='gesperrt'>wieder andere setzten das apodiktische
+Pflichtgebot obenan</hi>: und keine dieser Voraussetzungen
+konnte allgemein anerkannt werden,
+man mußte es zuletzt am geratensten finden, aus
+dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen
+Natur das Sittliche sowie das Schöne zu entwickeln.“
+Die eigentliche Großartigkeit des Kantischen
+Moralismus, die immer wieder über seine
+Verengerung und Vereinseitigung der Wertsphären
+triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfaßt.
+Das sittliche Sollen ist für Kant die eine Karte,
+auf die der ganze Wert des Lebens gesetzt ist;
+<pb n='51'/><anchor id="Pg051"/>und daran mußte Goethe vor allem die ungeheure
+Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fühlen.
+„Alles Sollen ist despotisch,“ sagt er, und ihm, dem
+aus der tiefen Einheitlichkeit des Seins die gleichberechtigte
+Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien
+dies unerträglich, weil er nicht in die Tiefe
+der Kantischen Lehre drang, in der dieses Sollen
+sich als die äußerste und unbedingte Freiheit des
+Ich offenbarte. Denn den „Despotismus“ jenes
+Sollens kann nach der Kantischen Deutung weder
+ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch
+eine Sitte uns auferlegen, sondern allein wir selbst.
+Die ganze Peripherie des Lebens erscheint Kant
+von Mächten mindestens mitbestimmt, die außerhalb
+des tiefsten Ich liegen, und nur an dem
+Punkte der sittlichen Freiheit, d. h. an dem Gesetze,
+das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses
+hervor &mdash; in unversöhnlichem Gegensatz freilich
+zu dem Künstler, dem alles scheinbar Äußerliche
+der Ort für die Bewährung seiner tiefsten Persönlichkeitskräfte
+ist.
+</p>
+
+<p>
+Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die
+Natur überhaupt es ist, so zeigt sich damit der
+ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, son<pb n='52'/><anchor id="Pg052"/>dern
+auch außerhalb unser als nichtig. Sie muß
+das Ich und seine Interessen mit der sozialen Gesamtheit
+ebenso versöhnen, wie die Sinnlichkeit
+mit der Vernunft. Daraus erklärt sich, daß Goethe
+den eigentlich sozialen Problemen auch in ihren
+allgemeinsten Formen ganz fremd gegenübersteht.
+Denn immer handelt es sich in diesen darum, das
+unzulängliche oder verschobene Gleichgewicht zwischen
+dem Individuum und seinem sozialen Kreise
+herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden
+seiner Zeit, die von dem Einzelnen als Sozialwesen
+nur zu fordern pflegte, daß er seine persönliche
+Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewähre.
+Völlig im Tone des landläufigen Liberalismus bemerkt
+er gegen die Saint-Simonisten, daß jeder
+bei sich anfangen und zunächst sein eigenes Glück
+machen müsse, woraus denn zuletzt das Glück des
+Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies mag für
+ihn auch ästhetisch begründet sein. Er verlangt
+einmal vom Künstler, er solle „höchst selbstsüchtig“
+verfahren, nur das tun, was ihm Freude und
+Wert ist. Für die Kunst ist dieser Liberalismus
+auch völlig angebracht, weil hier tatsächlich ein
+Maximum von Gesamtwert entsteht, wenn jeder
+<pb n='53'/><anchor id="Pg053"/>Künstler <hi rend='gesperrt'>seinem</hi> individuellen Ideale nachgeht;
+und weil das objektiv Wertvolle der Kunst, das
+jenseits des Gegensatzes von Ich und Du steht,
+sich dem Künstler allerdings in der Form eines
+persönlich leidenschaftlichen Begehrens darstellt.
+Für geringwertige ästhetisch angelegte Naturen
+droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,
+der die ästhetischen Werte ausschließlich ihrer
+subjektiven Genußseite wegen kultiviert, unter dem
+Selbstbetrug, daß sie, als ästhetische, an sich selbst
+etwas Überindividuelles, objektiv Wertvolles seien.
+Solche Tendenz auf den Genuß als das Letztentscheidende
+lag Goethe völlig fern, wenn er das
+egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewußt,
+nur seine einheitliche Persönlichkeit zu entwickeln
+&mdash; und dasselbe von andern zu verlangen &mdash; die freilich
+eine subjektive und eine objektive Seite hatte;
+wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage
+war, welche von beiden gelegentlich die Führung
+übernahm. Der künstlerische, der Produktion objektiver
+Werte sich bewußte Egoismus verhält sich
+deshalb durchaus kühl den Aufgaben gegenüber,
+die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen
+und deren Versöhnung nun gerade durch den Ver<pb n='54'/><anchor id="Pg054"/>zicht
+auf allen Egoismus gewinnen wollen. Statt
+der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der
+Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn
+zu überwinden, interessiert Goethe vielmehr das
+„Allgemein-Menschliche“ als der unmittelbare Ausdruck,
+sozusagen als die menschliche Form der
+metaphysischen Einheit der Natur; die menschliche
+Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren,
+sondern nur zu entwickeln, wie unsere
+Theorie sie sich nicht durch künstliche, ihr Wesen
+alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige
+Beobachtung ihrer freiwilligen Entfaltung nahe zu
+bringen habe. „In jedem Besonderen,“ so hofft
+er, „wird man durch Nationalität und Persönlichkeit
+hindurch jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten
+sehen.“ In ähnlicher Gesinnung hat jetzt
+Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen
+Interesses für den Menschen und die Gesamtentwicklung
+der Menschheit, eine absolute Gleichgültigkeit
+gegen alle sozialen Fragen an den Tag
+gelegt. Dagegen ist für den Sozialforscher oder
+-politiker <hi rend='gesperrt'>der Mensch</hi> überhaupt kein Problem,
+sondern nur <hi rend='gesperrt'>die Menschen</hi>. Kants Moralgesetz
+ist, wie Schleiermacher sagte, „nur ein politisches“:
+<pb n='55'/><anchor id="Pg055"/>es gibt die präzise und erschöpfende Formel für
+den Menschen, der seinen sozialen Pflichten gleichsam
+von Natur feindlich gegenübersteht und ein
+Verhalten sucht, mit dem dennoch ein Zusammenleben
+aller möglich ist. Der äußere wie der innere
+Dualismus des Menschen bleibt für Kant, im Praktischen
+nicht weniger als im Theoretischen, im
+Vordergrund des Bewußtseins, und seine Lösung
+ist gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand
+des Konflikts rechnet. Wenn Goethe aber
+es als sein Ideal bezeichnet, „eine gewisse sittlich-freisinnige
+<hi rend='gesperrt'>Übereinstimmung durch die Welt</hi>
+zu verbreiten“, so ist die Voraussetzung davon
+die Negation eben jener Scheidung und Entgegengesetztheit
+zwischen Individuum und Gruppe und
+zwischen Gruppen untereinander, aus der die sozialen
+Probleme entspringen. Das kosmopolitische
+Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen
+Menschennatur, deren Wesensseiten sich
+gleichberechtigt durchdringen und so sehr der Ausdruck
+<hi rend='gesperrt'>eines</hi> metaphysischen Sinnes sind, wie die
+Elemente der menschlichen Gesellschaft und der
+Welt überhaupt.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: JAMES MC. N. WHISTLER<lb/><hi rend='font-style: italic'>Glasgow: Gallery.
+ Photographie Hanfstängel.</hi><lb/>THOMAS CARLYLE.]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu085.jpg" rend="w80">
+ <head>JAMES MC. N. WHISTLER<lb/><hi rend='font-style: italic'>Glasgow: Gallery. Photographie
+ Hanfstängel.</hi><lb/>THOMAS CARLYLE.</head>
+ <figDesc>Illustration: James Mc. N. Whistler: Thomas Carlyle</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+<p>
+Da nun aber die Moral in dem landläufigen
+<pb n='56'/><anchor id="Pg056"/>Sinne des Wortes sich auf jener von Kant akzeptierten
+Spaltung <hi rend='gesperrt'>innerhalb</hi> des Menschen und
+<hi rend='gesperrt'>zwischen</hi> den Menschen erhebt, so kann die
+Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne keine
+moralische heißen; selbstverständlich ist sie darum
+keine unmoralische, sondern steht jenseits dieses
+Gegensatzes. Da die Natur an sich schon Ort
+und Darstellung der Idee ist, so ist das Höchste,
+wozu Menschen gelangen, der Inhalt der höchsten
+Forderung an sie, daß sie das, was die Natur in
+sie gelegt hat, aufs vollständigste und reinste ausbilden.
+Das Moralische im engeren Sinne ist wohl
+auch eine Seite davon, aber weil es eben nur eine
+<hi rend='gesperrt'>Seite</hi> ist, kann sie gelegentlich hinter einer anders
+gerichteten zurücktreten müssen, wenn dadurch
+eine vollständigere Entwicklung der Natur oder
+der Idee der Person erreicht wird. Von Klopstock
+sagt er einmal, er wäre, „von der sinnlichen
+wie von der sittlichen Seite betrachtet, ein
+reiner Jüngling“ gewesen. Daß er so die sinnliche
+Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet,
+zeigt einen Sittlichkeitsbegriff, der über die Moral
+im engeren Sinne weit hinausgeht: er deutet damit
+an, daß die sinnliche Reinheit noch lange keine sitt<pb n='57'/><anchor id="Pg057"/>liche
+vielleicht sogar, daß die sittliche noch keine
+sinnliche zu sein braucht. So sind auch seine Vorstellungen
+über das Verhältnis der Geschlechter oder
+über die Taten Napoleons oder über die Verbindung
+des Einzelnen mit seiner Nation sicher den gewöhnlichen
+ethischen Idealen keineswegs adäquat; sie
+werden eben ganz von dem darüber gelegenen
+Ideal der Natur beherrscht: daß der Mensch &mdash;
+so könnte man in Goethes Sinne sagen &mdash; seine
+Triebe und Anlagen in der Art und mit der Auswahl
+zu entwickeln habe, daß ein Maximum von Gesamtentwicklung
+herauskommt. Da das Sein und
+der Wert nichts Getrenntes sind &mdash; „am Sein
+erhalte dich beglückt!“ &mdash; so ist die höchste
+Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren
+tiefsten Ausdruck scheint mir diese übermoralische
+Moral in dem folgenden merkwürdigen Satz zu
+gewinnen: „Was die Menschen gesetzt haben
+(nämlich als Gesetze), das will nicht passen, es
+mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter
+setzen, das ist immer am Platz, recht oder unrecht.“
+Über den Gegensatz von Recht und Unrecht, also
+über den am Kriterium der Moral entstandenen,
+stellt er hier einen höheren Begriff: das „Passen“,
+<pb n='58'/><anchor id="Pg058"/>d. h. die Fähigkeit der Einzelheit, sich in den
+letzten, höchsten Zusammenhang und Harmonie
+der Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste
+bezeichnet, wie weit er über den
+Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in
+dem sittlichen Menschen den Endzweck der Welt,
+den alleinigen, absoluten Wert. Der sittliche
+Mensch hat für ihn etwas Unendliches, weil er
+die Lösung eines eigentlich unlösbaren Konflikts
+ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt es für
+Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht
+sein Absolutes und Letztes sein, sondern nur
+eines der Lebensprobleme und andern koordiniert &mdash; während
+sie bei Kant die schlechthin einzige
+Stellung einnimmt: allein aus der Welt des Lebens
+in die transszendente hinaufzureichen. Indem er
+mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage
+übereinstimmt, und beide die Glücksempfindung
+als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,
+bleibt Kant an dem Gegenteil haften, während
+Goethe sich über den ganzen Gegensatz erhebt
+und die harmonische Einheit des Seins, in der
+Glück und Unglück, Sittlichkeit und Unsittlichkeit
+nur einzelne Momente sind, als den letzten
+<pb n='59'/><anchor id="Pg059"/>Sinn, das absolute Maß alles Lebens erkennt. Ich
+stehe nicht an, den angeführten Satz für eine
+der tiefsten und größten Deutungen vom Sinn
+des Daseins zu halten; er läßt uns einen fundamentalen
+Zusammenhang, eine gegenseitige Beziehung
+aller Dinge ahnen, in dem die Einheit
+der Natur besteht oder sich offenbart und dem
+gegenüber es ein kleinlicher Anthropomorphismus
+ist, in dem zufälligen Ausschnitt, den wir als
+Moral bezeichnen, den Höhepunkt des Seins zu
+erblicken. Und hier kann auch darauf hingedeutet
+werden, daß Goethes Weltanschauung in
+letzter Instanz nicht nur über dem Moralismus,
+sondern auch über dem Ästhetizismus stehen
+dürfte. Gewiß überragt das ästhetische Motiv
+bei ihm an Wirksamkeit alle in dem gleichen
+Niveau stehenden, und man kann es, wie wir
+es getan haben, überall zur Interpretation seines
+Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten führen
+darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein
+dennoch liegt unterhalb seiner eine noch tiefere,
+sozusagen elementarere Beschaffenheit, sein eigentlichstes
+Sein, von dem auch das künstlerische
+Motiv nur die Erscheinung und Darstellung in
+<pb n='60'/><anchor id="Pg060"/>empirischem Material ist. Wenn sich nämlich
+das Goethesche Existenzbild so darbietet, daß die
+Identität von Natur und Geist, das pantheistische
+Eins in Allem, Alles in Einem &mdash; als Konsequenz
+seiner ästhetischen Grundtendenz auftritt, so kann
+sehr wohl im letzten Fundamente der Zusammenhang
+der umgekehrte sein: die tiefste Schicht
+seiner Natur, jenes ganz Primäre und Absolute,
+in dem alles eigentlich Benennbare des Wesens
+erst wurzelt, mag eben ein Gefühl von dem elementaren
+und ihn selbst einschließenden Zusammenhang
+alles Seins gewesen sein. Mehr als irgend
+jemand, von dem wir wissen &mdash; auch Spinoza
+nicht ausgeschlossen &mdash; scheint jene geheimnisvolle
+Einheit aller Existenz, an der die Philosophie
+von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt
+des Lebensgefühls selbst ausgemacht zu haben.
+Gerade wie man von religiös begeisterten Menschen
+sagt, daß der Gott in ihnen lebt, so war offenbar
+in seinem subjektiven Existenzgefühl dasjenige
+lebendig, was man, um irgend einen Ausdruck
+dafür zu haben, nur die metaphysische Einheit
+der Dinge nennen kann; ja, daß sie so in ihm
+lebt, das machte ihn eben aus, das war er. Dieser
+<pb n='61'/><anchor id="Pg061"/>Bestimmtheit seines Seins überhaupt gegenüber,
+die sich im Selbstbewußtsein erst <hi rend='gesperrt'>spiegelt</hi>, erscheint
+seine künstlerische Anschauung und Betätigung
+doch nur als das Verhältnis, das eine so qualifizierte
+Natur zu der besonderen Richtung ihrer
+Talente, zu ihrer kulturell und historisch bestimmten
+Umgebung, zu äußeren Anregungen und
+Betätigungsmöglichkeiten gewinnt, als ein <hi rend='gesperrt'>Ausdruck</hi>
+seines eigentlichen Wesens, aber nicht als
+das Wesen selbst. Als Existenz überhaupt, gleichsam
+als Substanz, mit der er in die Formen und
+Bewegungen der Welt eintritt, steht er jenseits
+des Ästhetischen, das sich vielmehr erst im Zusammenschlage
+jener mit diesen Formen und Bewegungen
+ergab und sein empirisches Bild gestaltete.
+Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des
+Lebens, auf die man schließlich nur von einer
+unüberwindlichen Distanz her hindeuten, die man
+aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen
+kann, muß der merkwürdigen Äußerung zugrunde
+liegen, die er zu Eckermann tut, als von seiner
+Theaterleitung und den vielen für sein künstlerisches
+Schaffen dadurch verlorenen Jahre die
+Rede ist. Im Grunde gereue ihn dieser Verlust
+<pb n='62'/><anchor id="Pg062"/>doch nicht, sagt er. „Ich habe all mein Wirken
+und Leisten immer nur symbolisch angesehen,
+und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen,
+ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“ So
+erscheint ihm selbst also sein künstlerisches Tun
+als ein bloßes Sich-Ausprägen, Sich-Umsetzen einer
+tiefer gelegenen Realität, statt dieses Letzte, eigentlich
+Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von
+hier aus verstehen wir nun noch gründlicher sein
+fortwährendes Drängen auf praktische Betätigung,
+sein Fühlen und Werten seiner selbst als handelnden
+Wesens. Denn das Handeln ist die Form,
+durch die jener absolute Urgrund des persönlichen
+Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die
+deshalb im allerumfassendsten Sinn die Einheit
+des Subjektiven und Objektiven ausmacht, das in
+der bloßen Theorie getrennt, einander gegenübergestellt
+erscheint.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: HANS HOLBEIN D.J.<lb/><hi rend='font-style: italic'>Paris: Louvre</hi><lb/>ERASMUS
+ VON ROTTERDAM.]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu091.jpg" rend="w80">
+ <head>HANS HOLBEIN D.J.<lb/><hi rend='font-style: italic'>Paris: Louvre</hi><lb/>ERASMUS VON
+ ROTTERDAM.</head><lb/><figDesc>Illustration: Hans Holbein d. J.: Erasmus von Rotterdam</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+<p>
+Wenn für ihn nach alledem die Aufgabe des
+Menschen nur ist, seine Kräfte bis zum vollen
+Ausschöpfen aller Möglichkeiten zu entwickeln,
+damit gleichsam die Natur in ihm zu ihrem vollen
+Sinn komme, so zeigt doch jeder Blick auf das
+empirische Leben, daß es die Zeit und die Be<pb n='63'/><anchor id="Pg063"/>dingungen
+zu einer so vollständigen Entwicklung
+nur sehr wenigen, vielleicht niemandem gewährt.
+In Wirklichkeit ist dies eine der fürchterlichen
+Menschentragödien, daß die menschlichen <hi rend='gesperrt'>Kräfte</hi>
+sich in menschlichen <hi rend='gesperrt'>Verhältnissen</hi> nicht vollkommen
+ausleben und entfalten können. Was
+als Begabung, als Spannkraft in uns lebt &mdash; ganz
+abgesehen von Velleitäten &mdash;, könnte nur durch
+den merkwürdigsten Zufall die Möglichkeit restloser
+Bewährung finden; es fehlt hier, sichtbarer
+als sonstwo, wie vorbestimmte Harmonie oder die
+nachbestimmende Anpassung. Und es handelt sich
+nicht nur darum, daß das vollendete Werk Befriedigung
+auf uns zurückstrahle, sondern um
+diejenige eigentlich unerläßliche Genugtuung, die
+in der Lösung der gespannten Kräfte, in der
+Funktion, die unser Können ganz zum Ausdruck
+bringt, gelegen ist. Wo diese Inkommensurabilität
+zu vollem Bewußtsein gelangt, muß der Mensch
+untergehen. Das drückt Faust aus; bliebe er in
+seinen ursprünglichen empirischen Verhältnissen,
+so würde er sich verzehren, die unentfalteten
+Kräfte würden ihn töten. Das Bündnis mit
+Mephisto, die Herstellung seines Lebenswerkes
+<pb n='64'/><anchor id="Pg064"/>durch dämonische Kräfte ist nur die positive
+Wendung davon: überempirische Verhältnisse
+müssen herbeigerufen werden, um die Entwicklung
+der Kräfte zu ermöglichen. Aus der Forderung
+an die Natur, daß es bei diesem Widerspruch
+nicht sein Bewenden haben könnte, entspringt
+die bekannte Äußerung zu Eckermann über
+die Unsterblichkeit: „Wenn ich bis an mein Ende
+rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir
+eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn
+die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten
+vermag.“ Und eine spätere Bemerkung betont
+nochmals den besonderen Sinn und Grund dieser
+Unsterblichkeit: wir seien zwar unsterblich, aber
+doch nicht alle „auf gleiche Weise“; vielmehr
+nur nach dem Maße der Kraft, die wir einzusetzen
+und auszuleben haben.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: REMBRANDT<lb/>BÜRGERMEISTER SIX]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu097.jpg" rend="w80">
+ <head>REMBRANDT<lb/>BÜRGERMEISTER SIX</head>
+ <figDesc>Illustration: Rembrandt: Bürgermeister Six</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+<p>
+Es ist nun sehr merkwürdig, wie auch an diesem
+Punkt Kantische Argumente eine äußere Ähnlichkeit
+mit den Goetheschen zeigen, bei völliger Divergenz
+der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte
+fest, daß wir, als endliche und natürliche Wesen,
+den Trieb nach Glückseligkeit als eine nicht zu
+leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in
+<pb n='65'/><anchor id="Pg065"/>uns finden, gerade wie als moralische Wesen die
+Forderung des Sittengesetzes. Über diesen beiden
+Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer
+Harmonie: die Weltordnung wäre nichts als eine
+große Dissonanz, wenn nicht das Maß des genossenen
+Glücks dem Maß der sittlichen Vollendung
+entspräche. Tatsächlich aber ist diese Proportion
+im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit
+und Glückseligkeit zeigt die Erfahrung
+keinerlei gerechtes und harmonisches Verhältnis.
+Da man aber an dieser Unerträglichkeit schlechthin
+nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung
+der Dinge als ein Definitivum aufbürden kann, so
+postuliert Kant die Unsterblichkeit der Seele, weil
+sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen
+eines Gottes ihre Vollendung: die Harmonie
+ihres sittlichen und ihres eudämonistischen Seins
+finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche
+Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche
+Unsterblichkeitslehre vollzieht; beide finden
+in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens gewisse
+Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren
+Erfüllung dasselbe unter den empirischen Verhältnissen
+nicht gelangen kann; da sie aber bei diesem
+<pb n='66'/><anchor id="Pg066"/>Widerspruch nicht stehen bleiben können, so fordern
+sie von der Ordnung der Dinge, das Versprechen,
+das sie mit der Organisation unseres
+Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits
+einzulösen. Nun aber zeigt sich sofort die tiefe
+Unterschiedenheit der Weltbilder: für Goethe
+könnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns
+Kräfte zu verleihen, denen sie die Entwicklung
+abschneidet (so sehr fällt ihm objektiv die Wirklichkeit
+mit dem Geist zusammen, daß er in bezug
+auf die subjektiven Formen beider behauptet,
+alles Falsche wäre auch geistlos!); für Kant
+könnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der
+Sittlichkeit ihr Äquivalent vorzuenthalten. Kant
+fordert die Unsterblichkeit, weil die empirische
+Entwicklung des Menschen einer Idee nicht genügt,
+Goethe, weil sie den wirklich vorhandenen Kräften
+nicht genügt; Kant, weil die an sich getrennten
+Elemente, Sittlichkeit und Glückseligkeit, doch eine
+Einheit gewinnen müßten, Goethe, weil der ganze
+einheitliche Mensch doch das in Wirklichkeit werden
+müßte, was er der Möglichkeit nach von vornherein
+sei. Man erkennt auch hier, daß Kant die
+Elemente des menschlichen Wesens außerordentlich
+<pb n='67'/><anchor id="Pg067"/>weit auseinander treibt, so daß sie nur in ganz
+fernen und neuen Dimensionen und Ordnungen
+sich wieder zusammenfinden können, während
+diese Einheit für Goethe in unserer unmittelbaren
+Wirklichkeit gegeben ist und es sich sogar in der
+Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente
+Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen
+handelt. Der Übergang der Seele von dem irdischen
+in den transszendenten Zustand ist für Kant der radikalste,
+für den sein Denken Raum hat, für Goethe
+ein Fortschreiten in ungeänderter Richtung, ein
+bloßes Freiwerden vorhandener Energien. Auch dieser
+vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen
+spiegelt ebenso den Rhythmus des Kantischen
+Wesens, das die Momente des Seins untereinander
+und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb
+oder unterhalb der Wirklichkeit wieder zu
+versöhnen, wie den des Goetheschen, für den das
+Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein
+ein einheitliches ist. Hier wie überall ist das
+Schema ihrer Divergenzen dies, daß Kant der Entwicklung
+eines analytischen Zustandes, Goethe
+der eines synthetischen nachgeht. Goethe steht
+mit dem gesteigertsten Bewußtsein und der ver<pb n='68'/><anchor id="Pg068"/>tieftesten
+Begründung auf dem Boden undifferenzirter
+Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen
+Bewegungen gewesen ist. Kant akzentuiert
+die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen
+ist; gegenüber jenem sozusagen paradiesischen Zustand &mdash;
+wenngleich es nur ein paradise regained
+ist &mdash; hat bei ihm das scientes bonum et malum
+die äußerste Schärfe erlangt, die Einheit, die er
+gewinnt, trägt die Spuren der Entzweiung, die
+Nähte sind nicht völlig verwachsen.
+</p>
+
+<p>
+Aber eben jener Flug an ein äußerstes Ziel des
+Betrachtens und Empfindens der Welt hat Goethe
+über so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen,
+die das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht
+übergehen kann; so mögen auf dem Zickzackweg
+der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der
+Richtung des Goetheschen Weges, selbst wenn diese
+die definitive und objektiv richtig wäre, direkt entgegenlaufen.
+Und so steht es in der Wissenschaft
+der letzten hundert Jahre. Denn diese will &mdash;
+oder wollte wenigstens &mdash; wirklich der Natur ihre
+Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben abzwingen;
+sie will wirklich das Wahrheitsinteresse
+davon ganz unabhängig machen, ob es die Schön<pb n='69'/><anchor id="Pg069"/>heit
+der Erscheinung zerstört oder nicht; sie will
+wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern
+von möglichst atomisierten Elementen ihren Ausgang
+nehmen; sie sieht wirklich den seelenlosen Mechanismus
+zweckfremder Stoffe und Kräfte als ihr einziges
+Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt
+aller Sinn, alle übermechanische Bedeutung derselben
+<hi rend='gesperrt'>hinter</hi> der Erscheinung, in dem Reich des Intelligiblen,
+das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie
+und nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen
+noch im Ethischen jenes Zutrauen zu dem
+unmittelbar harmonischen Verhältnis zwischen der
+Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen
+Kant der Mitbegründer und Genosse des modernen
+wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in allem
+Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah,
+wie Mathematik darin ist, und der andrerseits die
+Gültigkeit der Mathematik auf die Form menschlicher
+Anschauung beschränkte und allem absprach,
+was nicht unmittelbar erscheinen kann; er, der
+den Geist und Zweck in der Natur für eine bloße
+„subjektive Maxime“ ihrer Beurteilung erklärte,
+die ihr eigenes Sein gar nicht berührte; er, der
+das Auseinanderklaffen unserer tiefsten Wesens<pb n='70'/><anchor id="Pg070"/>bedürfnisse
+mit erbarmungsloser Schärfe erkannte,
+um dem Verlangen nach ihrer Harmonie schließlich
+das Almosen eines <anchor id="corr070"/><corr sic="transzendirenden">transszendirenden</corr> <hi rend='gesperrt'>Glaubens</hi>
+zu gewähren. Wir können uns nicht verhehlen,
+daß die Gleichung zwischen diesen beiden Weltanschauungen
+noch nicht gefunden ist, so sicher
+erst mit ihr alles erfüllt wäre, was wir von unserem
+geistigen Verhältnis zur Welt begehren. Denn
+nicht so etwa stehen sie sich gegenüber, daß die
+eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des
+Weltbildes zuführte; vielmehr, wodurch würde die
+Wahrheit als eine Partei in diesen Streit eintreten
+und unser Interesse fordern dürfen, wenn sie nicht
+auch ein <hi rend='gesperrt'>Wert</hi> wäre? &mdash; so daß die Frage im
+letzten Grund zwischen zwei Wertgefühlen steht.
+Vielleicht aber ist sie überhaupt falsch gestellt,
+wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider
+sucht; vielleicht ist es der eigentliche Rhythmus
+und Formel des modernen Lebens, daß die Grenzlinie
+zwischen der mechanistischen und der idealistischen
+Auffassung der Welt in fortwährendem
+Fließen bleibe, so daß die Bewegung zwischen
+ihnen, der Wechsel ihrer Ansprüche auf das Einzelne,
+die Entwicklung ihrer Gegenwirkungen ins
+<pb n='71'/><anchor id="Pg071"/>Unendliche dem Leben den Reiz gewährt, den wir
+von der unauffindbaren definitiven Entscheidung
+zwischen ihnen erhofften. Das ist freilich Epigonentum;
+aber es ist auch die äußerste Ausgestaltung
+und Ausnützung der Gunst, die die Natur der
+Dinge den Epigonen gewährt: daß, wenn ihnen die
+Größe der Einseitigkeit entgeht, sie dafür der <hi rend='gesperrt'>Einseitigkeit</hi>
+der Größe entgehen können.
+</p>
+ <pgIf output="txt"><then>
+ <p rend="ill">[Illustration: AUGUSTE RODIN.<lb/><hi rend='font-style: italic'>Ny Carlsberg
+ Glyptothek.</hi><lb/>DER DENKER.]</p>
+ </then><else><p>
+ <figure url="images/illu103.jpg" rend="w80">
+ <head>AUGUSTE RODIN.<lb/><hi rend='font-style: italic'>Ny Carlsberg Glyptothek.</hi><lb/>DER DENKER.</head>
+ <figDesc>Illustration: Auguste Rodin: Der Denker</figDesc>
+</figure>
+ </p></else></pgIf>
+ <p><figure url="images/illu105.png" rend="w40"><figDesc>Illustration: Ornament</figDesc></figure></p>
+</div>
+ </body>
+ <back>
+ <div type="advertisement" rend="page-break-before: always">
+ <div>
+ <head>DIE KULTUR</head>
+ <p>Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen</p>
+ <p>Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT</p>
+ <p><hi rend="font-size: small">Band</hi>              Erschienen:</p>
+ <list type="ordered" rend="list-style-type: decimal">
+ <item>ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN.</item>
+ <item>DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE.</item>
+ <item>DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE.</item>
+ <item>DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR.</item>
+ <item>ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF.</item>
+ <item>VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI.</item>
+ <item>ERZIEHUNG ZUR SCHÖNHEIT v. M. N. ZEPLER.</item>
+ <item>LANDSTREICHER von HANS OSTWALD.</item>
+ <item>FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT.</item>
+ <item>KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL.</item>
+ <item>DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE.</item>
+ <item>SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM.</item>
+ <item>LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.</item>
+ </list>
+ <p rend="center"><hi rend="font-size: small; text-decoration: underline">Weitere Bände in Vorbereitung</hi></p>
+ <table rend="tblcolumns: 'lw(50m) l'; latexcolumns: 'p{5cm}l'">
+ <row>
+ <cell><hi rend="italic">Jeder Band in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen, Faksimiles und Porträts,
+ kartoniert</hi></cell>
+ <cell><hi rend="italic">M. 1.50</hi></cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell><hi rend="italic">in Leder gebunden</hi></cell>
+ <cell><hi rend="italic">M. 3.—</hi></cell>
+ </row>
+ </table>
+ <p>BARD, MARQUARDT &amp; Co., BERLIN W. 50.</p>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+ <head>DIE MUSIK</head>
+ <p>Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen</p>
+ <p>Herausgegeben von RICHARD STRAUSS</p>
+ <p><hi rend="font-size: small">Band</hi>              <hi rend="italic">Bisher erschienen:</hi></p>
+ <list type="ordered" rend="list-style-type: none">
+ <item n="1."><hi rend="gesperrt">Beethoven</hi> von August Göllerich</item>
+ <item n="2."><hi rend="gesperrt">Intime Musik</hi> von Oscar Bie</item>
+ <item n="3."><hi rend="gesperrt">Wagner-Brevier</hi> herausgegeben von Hans von Wolzogen</item>
+ <item n="4."><hi rend="gesperrt">Geschichte der französischen Musik</hi> von Alfred Bruneau</item>
+ <item n="5."><hi rend="gesperrt">Bayreuth</hi> von Hans von Wolzogen</item>
+ <item n="6."><hi rend="gesperrt">Tanzmusik</hi> von Oscar Bie</item>
+ <item n="7."><hi rend="gesperrt">Geschichte der Programm-Musik</hi> von Wilhelm Klatte</item>
+ <item n="8."><hi rend="gesperrt">Franz Liszt</hi> von August Göllerich</item>
+ <item n="9."><hi rend="gesperrt">Die russische Musik</hi> von Alfred Bruneau</item>
+ <item n="10."><hi rend="gesperrt">Hector Berlioz</hi> von Max Graf</item>
+ <item n="11."><hi rend="gesperrt">Paris als Musikstadt</hi> von Romain Rolland</item>
+ <item n="12."><hi rend="gesperrt">Die Musik im Zeitalter der Renaissance</hi> von Max Graf</item>
+ <item n="13.‑14."><hi rend="gesperrt">J. B. Bach</hi> von Ph. Wolfrum</item>
+ <item n="15."><hi rend="gesperrt">Schaffen und Bekennen</hi> von Ernst Decsey</item>
+ <item n="16.‑17."><hi rend="gesperrt">Das deutsche Lied</hi> von Herm. Bischoff</item>
+ <item n="18."><hi rend="gesperrt">Die Musik in Böhmen</hi> von Richard Batka</item>
+ <item n="19."><hi rend="gesperrt">Rob. Schumann</hi> von Ernst Wolff</item>
+ <item n="20."><anchor id="corrwerb1"/><hi rend="gesperrt"><corr sic="Georgaes">Georges</corr> Bizet</hi> von A. Weissmann</item>
+ </list>
+ <p rend="center"><hi rend="font-size: small; text-decoration: underline">Weitere Bände in Vorbereitung</hi></p>
+ <table rend="tblcolumns: 'lw(50m) l'; latexcolumns: 'p{5cm}l'">
+ <row>
+ <cell><hi rend="italic">Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen
+ und Vollbildern in Tonätzung kart.</hi></cell>
+ <cell><hi rend="italic">M. 1.50</hi></cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell><hi rend="italic">ganz in Leder gebunden</hi></cell>
+ <cell><hi rend="italic">M. 3.—</hi></cell>
+ </row>
+ </table>
+ <p>BARD, MARQUARDT &amp; Co., BERLIN W. 50</p>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+ <head>DIE KUNST</head>
+ <p>SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN</p>
+ <p>Herausgegeben von RICHARD MUTHER</p>
+ <p><hi rend="font-size: small">Band</hi>              <hi rend="italic">Bisher erschienen:</hi></p>
+ <list type="ordered" rend="list-style-type: decimal">
+ <item><hi rend="gesperrt">Lucas Cranach</hi> von Richard Muther</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Die Lutherstadt Wittenberg</hi> von Gurlitt</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Burne-Jones</hi> von Malcolm Bell</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Max Klinger</hi> von Franz Servaes</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Aubrey Beardsley</hi> von Rudolf Klein</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Venedig als Kunststätte</hi> von Albert Zacher</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Manet und sein Kreis</hi> von Meier-Graefe</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Die Renaissance der Antike</hi> von R. Muther</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Leonardo da Vinci</hi> von Richard Muther</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Auguste Rodin</hi> von Rainer Maria Rilke</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Der mod. Impressionismus</hi> von Meier-Graefe</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">William Hogarth</hi> von Jarno Jessen</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Der Japanische Farbenholzschnitt</hi> von Friedrich Perzyński</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Praxiteles</hi> von Hermann Ubell</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Die Maler</hi> von <hi rend="gesperrt">Montmartre</hi> [Willette, Steinlen, T. Lautrec, Léandre] von Erich Klossowski</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Botticelli</hi> von Emil Schaeffer</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Jean François Millet</hi> von Rich. Muther</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Rom als Kunststätte</hi> von Albert Zacher</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">James Mc. N. Whistler</hi> von Hans W. Singer</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Giorgione</hi> von Paul Landau</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Giovanni Segantini</hi> von Max Martersteig</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Die Wand und ihre künstlerische Behandlung</hi> von Oscar Bie</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Velasquez</hi> von Richard Muther</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Nürnberg</hi> von Hermann Uhde-Bernays</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Constantin Meunier</hi> von Karl Scheffler</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Über Baukunst</hi> von Cornelius Gurlitt</item>
+ <item><hi rend="gesperrt">Hans Thoma</hi> von Otto Julius Birnbaum</item>
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+ <anchor id="corrwerb2"/><corr sic="Perzynski">Perzyński</corr></item>
+ </list>
+ <p rend="center"><hi rend="font-size: small; text-decoration: underline">Weitere Bände in Vorbereitung</hi></p>
+ <table rend="tblcolumns: 'lw(50m) l'; latexcolumns: 'p{5cm}l'">
+ <row>
+ <cell><hi rend="italic">Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit Kunstbeilagen,
+ in Heliogravüre, Farbendruck etc., kartoniert</hi></cell>
+ <cell><hi rend="italic">M. 1.50</hi></cell>
+ </row>
+ <row>
+ <cell><hi rend="italic">ganz in Leder gebunden</hi></cell>
+ <cell><hi rend="italic">M. 3.—</hi></cell>
+ </row>
+ </table>
+ <p>BARD, MARQUARDT &amp; Co., BERLIN W. 50</p>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+ <p rend="text-align: center">DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG</p>
+ </div>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
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+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <p>Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:</p>
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+</TEI.2>
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+++ b/35192.txt
@@ -0,0 +1,1980 @@
+The Project Gutenberg EBook of Kant und Goethe by Georg Simmel
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Kant und Goethe
+
+Author: Georg Simmel
+
+Release Date: February 6, 2011 [Ebook #35192]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Umschlagseite]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ SAMMLUNG ILLUSTRIERTER
+ EINZELDARSTELLUNGEN
+
+ HERAUSGEGEBEN VON
+ CORNELIUS GURLITT
+
+ ZEHNTER BAND
+
+ [Illustration: Monogramm]
+
+ [Illustration: _Giorgio Barbarelli_:
+ DIE DREI MORGENLAeNDISCHE WEISEN
+ _Wien: Kaiserliche Gemaeldegalerie_]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Titelseite]
+DIE KULTUR
+
+
+KANT UND
+GOETHE
+ VON
+ GEORG SIMMEL
+
+_MIT EINER HELIOGRAVUeRE_
+_UND ZWOeLF VOLLBILDERN_
+_IN TONAeTZUNG_
+
+BARD MARQUARDT & CO. BERLIN
+
+
+HERAUSGEGEBEN
+von
+CORNELIUS GURLITT
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ Published November 15. 1906. Privilege of Copyright in the
+ United States reserved under the act approved March 3. 1905 by
+ Bard, Marquardt & Co. in Berlin
+
+
+
+
+
+ _AUGUSTE RODIN_
+
+ _DEM BILDHAUER_
+
+ _ZUGEEIGNET_
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+
+In die Zustaende der Halbkulturen, aber auch in die Kultur vor der
+Herrschaft des Christentums pflegen wir die Einheit von Lebenselementen zu
+verlegen, die die spaetere Entwicklung auseinandergetrieben und zu
+Gegensaetzen ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen
+Existenzbedingungen, so unbarmherzig die Vergewaltigung des Individuums
+durch die gesellschaftlichen Forderungen gewesen sein mag -- zu dem Gefuehl
+einer fundamentalen Spaltung innerhalb des Menschen und innerhalb der
+Welt, zwischen dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem Verfall der
+klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen zu sein. Das Christentum
+erst hat den Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch, zwischen dem
+natuerlichen Sein und den Werten, zwischen dem eigenwilligen Ich und dem
+Gott, dem Eigenwille Suende ist, bis in das Letzte der Seele hinein
+empfunden. Aber da es eben Religion war, hat es mit derselben Hand, mit
+der es die Entzweiung stiftete, die Versoehnung gereicht. Es musste erst
+seine bedingungslose Macht ueber die Seelen verlieren, seine Loesung des
+Problems musste erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden sein,
+ehe das Problem selbst in seiner ganzen Weite auftrat. Dass der Mensch von
+Grund aus ein dualistisches Wesen ist, dass Entzweiung und Gegensatz die
+Grundform bildet, in die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die
+deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung und Lebendigkeit
+bedingen -- das hat das Bewusstsein erst nach der Renaissance als seine
+Aegide erfasst. Mit diesem Herabreichen des Gegensatzes in die tiefste und
+breiteste Schicht unser und unseres Bildes vom Dasein wird die Forderung
+seiner Vereinheitlichung umfassender und heftiger; indem sich das innere
+und aeussere Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es nach einem um so
+kraeftigeren, um so lueckenloseren Bande, das ueber den Fremdheiten der
+Seinselemente ihre trotz allem gefuehlte Einheit wieder begreiflich mache.
+
+Zunaechst ist es das Gegenueber von Subjekt und Objekt, das die Neuzeit zu
+schaerfstem Gegensatz herausarbeitet. Das denkende Ich fuehlt sich souveraen
+gegenueber der ganzen, von ihm vorgestellten Welt, das: "ich denke, und
+also bin ich" wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit des
+Daseins. Aber andrerseits hat diese objektive Welt doch eine unbarmherzige
+Tatsaechlichkeit, das Ich erscheint als ihr Produkt, zu der ihre Kraefte
+sich nicht anders als zu der Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke
+verwebt haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt der Natur, sondern
+auch die der Gesellschaft. In ihr fordert der Einzelne das Recht der
+Freiheit und Besonderheit, waehrend sie ihn nur als ein Element, das ihren
+ueberpersoenlichen Gesetzen untertan ist, anerkennen will. In beiden Faellen
+droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder von einer ihm fremden
+Objektivitaet verschlungen zu werden oder in anarchistische Willkuer und
+Isolierung zu verfallen. Neben oder ueber diesen Gegensatz stellt die
+moderne Entwicklung den zwischen dem natuerlichen Mechanismus und dem Sinn
+und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft deutet, seit Galilei und
+Kopernikus, das Weltbild mit steigender Konsequenz als einen Mechanismus
+von strenger, mathematisch ausdrueckbarer Kausalitaet. Mag dies noch
+unvollkommen durchgefuehrt sein, moegen Druck und Stoss, auf die alles
+Weltgeschehen schliesslich reduzierbar schien, noch anderen Prinzipien
+neben sich Raum geben -- dieses Geschehen bleibt prinzipiell ein
+naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben von Stoffen und
+Energien, ein abrollendes Uhrwerk, das aber nicht, wie das von Menschen
+konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken dient. Durch das
+mechanistisch-naturwissenschaftliche Prinzip scheint die Wirklichkeit in
+voelligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser Wirklichkeit bis dahin
+Sinn zu geben schien: sie hat keinen Raum mehr fuer Ideen, Werte, Zwecke,
+fuer religioese Bedeutung und sittliche Freiheit. Aber da der Geist, das
+Gemuet, der metaphysische Trieb ihre Ansprueche an das Dasein nicht
+aufgeben, so erwaechst dem Denken, mindestens seit dem 18. Jahrhundert, die
+grosse Kulturaufgabe, die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,
+Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher Objektivitaet und der
+gefuehlten Wertbedeutung des Lebens und der Dinge auf einer hoeheren Basis
+wiederzugewinnen.
+
+
+
+
+
+Von zwei prinzipiellen Gesinnungen, die in sehr mannigfaltigen
+Ausgestaltungen die Kultur durchziehen, gehen die naechstliegenden
+Vereinheitlichungen des Weltbildes aus; von der materialistischen und der
+spiritualistischen -- jene alles Geistige und Ideelle in seiner
+Sonderexistenz leugnend und die Koerperwelt mit ihrem aeusseren Mechanismus
+fuer das allein Seiende und Absolute erklaerend, diese umgekehrt alles
+Aeusserlich-Anschauliche zu einem nichtigen Schein herabsetzend, und in dem
+Geistigen mit seinen Werten und Ordnungen die ausschliessliche Substanz des
+Daseins erblickend.
+
+Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen gebildet, deren
+Einheitsgedanke jenem Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische
+und die Goethesche. Es ist die ungeheure Tat Kants, dass er den
+Subjektivismus der neueren Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine
+Unzurueckfuehrbarkeit auf das Materielle zu ihrem Gipfel hob, ohne dabei die
+Festigkeit und Bedeutsamkeit der objektiven Welt im geringsten
+preiszugeben. Er zeigte, dass zwar alle Gegenstaende des Erkennens fuer uns
+in nichts anderem bestehen koennen, als in den erkennenden Vorstellungen
+selbst, und dass alle Dinge fuer uns nur als Vereinigungen sinnlicher
+Eindruecke, also subjektiver, durch unsere Organe bestimmter Vorgaenge
+existieren. Aber er zeigte zugleich, dass alle Zuverlaessigkeit und
+Objektivitaet des Seins gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich
+wuerde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind als unsere Vorstellungen, kann
+unser Vorstellen, ueber das wir niemals hinauskoennen, uns ihrer sicher
+machen; nur so koennen wir unbedingt Notwendiges von ihnen aussagen,
+naemlich die Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von ihnen, weil
+sie eben unsere Vorstellungen sind, unbedingt gelten muessen. Muessten wir
+darauf warten, dass die Dinge, uns wesensfremde Existenzen, in unsern Geist
+von aussen hineingeschuettet wuerden, wie in ein passiv aufnehmendes Gefaess,
+so koennte das Erkennen nie ueber den Einzelfall hinausgehen. Indem nun aber
+die vorstellende Taetigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze
+unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge selbst. Das Ich, die nicht
+weiter erklaerliche Einheit des Bewusstseins, bindet die sinnlichen
+Eindruecke zu Gegenstaenden der Erfahrung zusammen, die unsere objektive
+Welt restlos ausmachen. Dahinter, jenseits aller Moeglichkeit des
+Erkennens, moegen wir uns die Dinge-an-sich denken, d. h. also die Dinge,
+die nicht mehr _fuer uns_ da sind; und in ihnen moegen fuer unsere Phantasie
+alle Traeume der Vernunft, des Gemuets, der Idealbildung verwirklicht sein,
+waehrend sie in der Welt unserer Erfahrungen, die fuer uns allein Objekt
+sein kann, keine Stelle finden.
+
+ [Illustration: IMMANUEL KANT
+ _Nach dem Gemaelde von Doebler_
+ _Koenigsberg: Totenkopfloge_]
+
+Genauer angesehen, ist die Kantische Loesung des Hauptproblems, des
+Dualismus von Subjekt und Objekt, Geistigkeit und Koerperlichkeit, die: dass
+diesem Gegensatz die Tatsache des Bewusstseins und Erkennens ueberhaupt
+untergebaut wird; die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, dass wir sie
+_wissen_. Denn die Bilder, in denen wir uns selbst erkennen und fuer uns
+selbst existieren, sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen
+eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen ist. Koerper und Geist
+sind empirische Phaenomene innerhalb eines allgemeinen
+Bewusstseinszusammenhangs aneinander gebunden durch das Faktum, dass sie
+beide vorgestellt werden und den gleichen Bedingungen des Erkennens
+unterliegen. In der Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie
+unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander zurueckfuehrbar, weder der
+Materialismus, der den Geist durch den Koerper, noch der Spiritualismus,
+der den Koerper durch den Geist erklaeren will, sind zulaessig, jedes muss
+vielmehr nach den ihm allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber
+dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden _eine_
+Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden Bewusstsein ueberhaupt, dem sie
+erscheinen, und seiner Einheit zusammengehalten werden, und weil jenseits
+beider die zwar nie erkennbaren, aber doch immerhin denkbaren
+Dinge-an-sich ruhen; und diese moegen -- so koennen wir _glauben_ -- in ihrer
+Einheit den Grund jener Erscheinungen bewahren, die nun, von unseren
+Erkenntniskraeften gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit von Geist und
+Koerper, von empirischem Subjekt und empirischem Objekt auseinandergehen.
+Waehrend also die aeussere Natur, als Objekt fuer uns, keine Spur von Geist
+enthalten darf, so dass die vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik
+und Mathematik waere, und waehrend der Geist seinerseits voellig anderen,
+immanenten Gesetzen folgt, binden die beiden Gedanken des uebergreifenden,
+erkennenden Bewusstseins und des Dinges-an-sich, in dem ideale Ahnungen den
+gemeinsamen Grund aller Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen
+Weltanschauung zusammen. Damit ist die
+wissenschaftlich-intellektualistische Deutung des Weltbildes auf ihren
+Hoehepunkt gekommen: nicht die Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird
+fuer Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung der grossen
+Zweiheiten: Natur und Geist, Koerper und Seele gelingt ihm um den Preis,
+nur die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen zu wollen; die
+wissenschaftliche Erfahrung mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der
+Rahmen, der alle Inhalte des Daseins in _eine_ Form: die der
+verstandesmaessigen Begreifbarkeit, zusammenfasst.
+
+Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe die Elemente, um aus ihnen eine
+gleich beruhigende Einheit zu gewinnen. Ueber Goethes Philosophie kann man
+nicht von der trivialen Formel aus sprechen, dass er zwar eine vollstaendige
+Philosophie besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmaessiger
+Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das System und die Schultechnik
+fehlten ihm, sondern die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:
+unser Gefuehl vom Wert und Zusammenhang des Weltganzen in die Sphaere
+abstrakter Begriffe zu erheben; unser unmittelbares Verhaeltnis zur Welt,
+das innere Anklingen und Mitfuehlen ihrer Kraefte und ihres Sinnes spiegelt
+sich, wenn wir wissenschaftlich philosophieren, in dem ihm gleichsam
+gegenueberstehenden Denken; dieses drueckt in der ihm eigenen Sprache jenen
+Sachverhalt aus, mit dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich aber
+Goethe recht verstehe, handelt es sich bei ihm immer nur um eine
+_unmittelbare_ Aeusserung seines Weltgefuehles; er faengt es nicht erst in dem
+Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin zu objektivieren und in
+eine ganz neue Existenzart zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes
+Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und seines inneren Zusammenhanges
+nach Ideen treibt seine "philosophischen" Aeusserungen hervor wie die Wurzel
+die Bluete. Mit einem ganz freien Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht
+den Lauten, die die Lust- und Schmerzgefuehle uns unmittelbar entlocken,
+waehrend die wissenschaftliche Philosophie den Worten gleicht, mit denen
+man jene Gefuehle sprachlich-begrifflich _bezeichnet_. Da er nun aber
+zuerst und zuletzt _Kuenstler_ ist, so wird jenes natuerliche Sich-Geben von
+selbst zu einem Kunstwerk. Er durfte "singen, wie der Vogel singt", ohne
+dass seine Aeusserung ein unfoermig zudringlicher Naturalismus wurde, weil die
+Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete -- gerade wie das
+wissenschaftliche Erkennen von vornherein durch bestimmte
+Verstandeskategorien geformt wird, die in der sachlich vorliegenden
+Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar sind. Es ist deshalb in Hinsicht
+auf die letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen richtig, was,
+aeusserlich genommen, ganz unbegreiflich scheint, wenn er sagt: "Von der
+Philosophie habe ich mich immer frei erhalten." Darum wird eine
+Darstellung der Philosophie Goethes bis zu einem gewissen Grad ganz
+unvermeidlich eine Philosophie _ueber_ Goethe sein. Nicht um
+Systematisierung seines Denkens handelt es sich -- das waere ihm gegenueber
+ein sehr minderwertiges Unternehmen -- sondern darum, die unmittelbare
+Fortsetzung und Aeusserung des Gefuehls fuer Natur, Welt und Leben bei ihm in
+die mittelbare, abgespiegelte, einer ganz anderen Region und Dimension
+angehoerige Form der abstrakten Begrifflichkeit ueberzufuehren.
+
+Der entscheidende und ihn von Kant absolut scheidende Grundzug seiner
+Weltanschauung ist der, dass er die Einheit des subjektiven und des
+objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes _innerhalb ihrer
+Erscheinung selbst_ sucht. Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor
+Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt und Zeugnis geistiger
+Maechte, formender Ideen. Sein ganzes inneres Verhaeltnis zur Welt ruht,
+theoretisch ausgedrueckt, auf der Geistigkeit der Natur und der
+Natuerlichkeit des Geistes. Der Kuenstler lebt in der Erscheinung der Dinge
+als in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie und
+-Mechanismus, das seinem Hinnehmen und Behandeln der Welt allerdings erst
+einen Sinn gibt, muss er in der greifbaren Wirklichkeit selbst suchen, wenn
+es fuer ihn ueberhaupt bestehen soll. Dies bestimmt seine besondere
+Bedeutung fuer die Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den
+abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom Beginn des 19. Jahrhunderts
+war der Materialismus der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen nach einer
+Synthese, die beide in ihrem Gegensatz ueberwand, rief in den 70er Jahren
+den Ruf: zurueck zu Kant! hervor. Aber die _wissenschaftliche_ Loesung, die
+dieser allein geben konnte, scheint nun als Ergaenzung ihrer Einseitigkeit
+die aesthetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten aesthetischen
+Interessen bieten eine besondere Form, den Geist wiederum in die Realitaet
+aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den Ruf: zurueck zu Goethe! Fuer
+ihn sind die beiden Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen
+Dualismus ueberwindet: er steigt nicht unter die Erscheinungen hinab, um
+sie, als blosse Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische Ich
+umschliessen zu lassen, noch kann er sich, ueber sie hinweg, mit der Idee
+der Dinge an sich und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begnuegen.
+An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit seines geistigen Wesens,
+die ihn alles Theoretisieren ueber das Erkennen perhorreszieren laesst.
+
+ "Wie hast du's denn so weit gebracht?
+ Sie sagen, du habest es gut vollbracht."
+ "Mein Kind, ich habe es klug gemacht:
+ Ich habe nie ueber das Denken gedacht."
+
+Und:
+
+ "Ja, das ist das rechte Gleis,
+ Dass man nicht weiss, was man denkt,
+ Wenn man denkt:
+ Alles ist als wie geschenkt."
+
+ [Illustration: J. W. VON GOETHE 1817.
+ _Zeichnung von F. Jagemann_
+ _Weimar: Grossh. Kunstsammlung_]
+
+Seiner im hoechsten Sinne praktischen Natur war die Beschaeftigung mit den
+Vorbedingungen des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst, seinen
+Inhalten und Resultaten nach, nicht foerderten. "Das Schlimme ist," sagt er
+zu Eckermann, "dass alles Denken zum Denken nichts hilft; man muss von Natur
+richtig sein, so dass die guten Einfaelle immer wie freie Kinder Gottes vor
+uns dastehen, und uns zurufen: da sind wir." Die Abneigung gegen
+Erkenntnistheorie, die aus solchen Gruenden der psychologischen Praxis
+hervorging, entfernte ihn voellig von dem Kantischen Weg, in den
+Bedingungen des Erkennens, in dem Bewusstseinszusammenhang, der die
+empirische Welt traegt, die Versoehnung ihrer Diskrepanzen zu suchen. Das
+Absolute aber, in dem diese gefunden wird, aus der Erscheinung heraus in
+die Dinge-an-sich zu verlegen, wuerde fuer ihn die Welt sinnlos machen.
+"Vom Absoluten im theoretischen Sinne wag' ich nicht zu reden; behaupten
+aber darf ich: dass, wer es _in der Erscheinung_ anerkannt und immer im
+Auge behalten hat, sehr grossen Gewinn davon erfahren wird." Und ein
+andermal: "Ich glaube einen Gott. Das ist ein schoenes und loebliches Wort;
+aber Gott anerkennen, wie und wo er sich _offenbare_, das ist eigentlich
+die Seligkeit auf Erden." Nicht ausserhalb der Erscheinungen, sondern _in_
+ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip des Ich und das des
+Objekts zusammen. Dieser anschauende Glaube, ohne den es ueberhaupt kein
+Kuenstlertum gaebe, hat in ihm sein aeusserstes, das ganze Weltfuehlen
+durchdringende Bewusstsein erlangt, da er, als die hoechste Artistennatur,
+die wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener Gegensatz die
+maximale Spannung und damit das maximale Versoehnungsbeduerfnis erreicht
+hatte. Goethe, der "Augenmensch", war seiner Natur nach zu sehr Realist,
+um die Wirklichkeit zu ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen
+Erscheinung Darstellung der Idee waere; Kant war zu sehr Idealist, um die
+Welt ertragen zu koennen, wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem
+spezifischen Sinn der philosophischen Terminologie) nicht die Wirklichkeit
+ausgemacht haette.
+
+Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen, die doch dem gleichen
+Problem gegenueberstehen, tritt in dem Verhaeltnis hervor, das sie beide zu
+dem beruehmten Satz Hallers haben, dass "kein erschaffener Geist ins Innere
+der Natur dringt". Beide bekaempfen ihn mit foermlicher Entruestung, weil er
+jenen Abgrund zwischen Subjekt und Objekt verewigen moechte, den es gerade
+auszufuellen galt. Aber auf wie verschiedene Motive hin! Fuer Kant ist der
+ganze Ausspruch von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit eines
+Objekts beklagt, das es gar nicht gibt. Denn da die Natur ueberhaupt nur
+Erscheinung, d. h. Vorstellung in einem vorstellenden Subjekt ist, so hat
+sie ueberhaupt kein Inneres. Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung
+sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Beobachtung und Zergliederung
+der Erscheinungen wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf dasjenige
+bezieht, was hinter aller Natur liegt, also nicht mehr Natur, weder ihr
+Aeusseres noch ihr Inneres ist -- so ist sie nicht weniger toericht, weil sie
+etwas zu erkennen verlangt, was seinem Begriff nach sich den Bedingungen
+des Erkennens entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine blosse Idee,
+die niemals angeschaut, also auch nicht erkannt werden kann. Goethe
+hingegen, solcher erkenntnistheoretischen Ueberlegung ganz fern, verwirft
+jenen Spruch aus dem unmittelbaren Mitfuehlen mit dem Wesen der Natur
+heraus:
+
+ Natur hat weder Kern
+ Noch Schale,
+ Alles ist sie mit einem Male.
+
+Und:
+
+ Denn das ist der Natur Gestalt,
+ Dass innen gilt, was aussen galt.
+
+Und:
+
+ Muesset im Naturbetrachten
+ Immer eins wie alles achten,
+ Nichts ist drinnen, nichts ist draussen,
+ Denn was innen, das ist aussen.
+
+Dass das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste, nach dem man sich sehnen kann,
+nicht auch in der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm schlechthin
+unertraeglich. Der ganze Sinn seiner kuenstlerischen Existenz waere ihm
+dadurch erschuettert. Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhaelt:
+
+ Ist nicht der Kern der Natur
+ Menschen im Herzen --
+
+so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht gleich, die die Natur und
+ihre Gesetze in das menschliche Erkenntnisvermoegen, als dessen Produkte,
+hineinverlegt. Denn Goethe will sagen: das Lebensprinzip der Natur ist
+zugleich auch dasjenige der menschlichen Seele, beides sind
+gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend aus der Einheit des Seins,
+die die Gleichheit des schoepferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit der
+Gestaltungen entwickelt; so dass der Mensch in seinem eigenen Herzen das
+ganze Geheimnis des Seins und vielleicht auch seine Loesung zu finden
+vermag. Der ganze kuenstlerische Rausch der Einheit von Innen und Aussen,
+von Gott und Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher Behauptungen
+ueber die Dinge selbst enthaelt sich Kant. Er sagt nur das ueber sie aus, was
+sich aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens ergibt. Nicht weil Natur
+und Menschenseele ihrem Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann
+man das eine aus dem andern ablesen, sondern weil die Natur eine
+Vorstellung in der Menschenseele ist, so dass die Form und Bewegung dieser
+allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten muss. Man kann den
+Gegensatz, um den es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen
+Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt man nach dem eigenen Wesen
+der Natur, so antwortet Kant: sie ist nur Aeusseres, da sie ausschliesslich
+aus raeumlich-mechanischen Beziehungen besteht; und Goethe: sie ist nur
+Inneres, da die Idee, das geistige Schoepfungsprinzip, auch ihr ganzes
+Leben ausmacht. Fragt man aber nach ihrem Verhaeltnis zum Menschengeist, so
+antwortet Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung in uns ist;
+und Goethe: sie ist nur Aeusseres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf
+der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realitaet haben muss. Goethe meint
+nicht, wie Kant, dass das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;
+sondern dass dieses, wie ueberall so auch im Menschengeist zu finden sei.
+Beides sind gleichsam parallele Darstellungen des goettlichen Seins, das
+sich in der Natur, dem Aeusseren, mit derselben Realitaet entwickelt, wie in
+der Seele, dem Inneren; so dass die Natur ihre unbedingte aeussere,
+anschauliche Wirklichkeit behaelt, ohne ihre Wesenseinheit mit dem
+Menschenherzen aufzugeben, und dazu nicht erst, wie von Kant, in eine
+Vorstellung in diesem verwandelt zu werden braucht. Beide stellen sich
+gleichmaessig jenseits des Gegensatzes von Materialismus und Spiritualismus.
+Kant, weil sein Prinzip die Materie und den Geist, die beide blosse
+Vorstellungen sind, gleichmaessig und gegensatzlos unter sich begreift,
+Goethe, weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt, doch unmittelbar
+eines bildeten; er meint zu Schiller, die materialistischen Philosophen
+kaemen nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht zu den Koerpern, "und
+dass man also immer wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu bleiben
+und von seiner ungetrennten Existenz den besten, moeglichen Gebrauch zu
+machen".
+
+Soll aber eine _objektive_, d. h. hier, ueber dem Bewusstsein gelegene
+Einheit des Seins gesucht werden, so koennte sie fuer Kant nur in Gott
+liegen, den er ja auch ausdruecklich heranzieht, wo es sich um die
+Vereinigung der divergentesten Lebenselemente, der Sittlichkeit und der
+Glueckseligkeit handelt: ein transszendenter Gott, ein Ding-an-sich,
+jenseits aller Anschaulichkeit des Seins. Fuer Goethe aber kommt alles
+darauf an, dass die Einheit der Dinge nicht jenseits der Dinge selbst
+liegt; er verwirft nicht nur den Gott, "der nur von aussen stiesse" -- das
+wuerde auch Kant tun; sondern, indem er das "Bedraengtsein" des goettlichen
+Prinzips in der Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr wir uns
+verkuerzen, wenn wir es "in eine vor unserem aeussern und innern Sinne
+verschwindende Einheit zurueckdraengen". Er kann sich die Einheit der Welt
+nur retten, wenn sie nicht in die Einheit eines Wesens projiziert wird,
+das, indem es der ihm gegenueberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,
+sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen wuerde.
+
+Bei allen scheinbaren Analogien zwischen Goetheschen und Kantischen
+Anschauungen darf diese Grundverschiedenheit nie uebersehen werden, dass
+Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und Objekt von der Seite des Objekts
+her loest, Kant aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht des
+zufaelligen und personal-differenzierten, sondern des Subjekts, das der
+ueberindividuelle Traeger der objektiven Erkenntnis ist.
+
+Wenn Goethe also sagt:
+
+ "Waer' nicht das Auge sonnenhaft,
+ Wie koennt' die Sonne es erblicken?
+ Waer' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
+ Wie koennt' uns Goettliches entzuecken?"
+
+so erscheint dies nur als eine Paraphrase der Kantischen Idee, dass wir die
+Dinge der Welt nur erkennen, weil und insofern ihre Formen a priori in uns
+ruhen. Tatsaechlich aber ist es etwas ganz anderes. Goethe greift unter den
+Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und gruendet die
+Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen auf eine Wesensgleichheit zwischen
+ihnen, wie es in primitiver Form schon Empedokles getan hatte, als er
+lehrte: dadurch, dass die Elemente aller Dinge in uns selbst sind, koennen
+wir die Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser, das Feuer durch das
+Feuer in uns, den Streit in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe
+durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die Sonne, und kann sie deshalb
+erkennen -- wie man jenen Vers Kantisch interpretieren muesste -- sondern Auge
+und Sonne sind gleichen objektiven Wesens, gleichberechtigte Kinder
+goettlicher Natur, und dadurch befaehigt, sich miteinander zu verstaendigen,
+sich ineinander aufzunehmen. Die Kantische und die Goethesche Loesung des
+Weltproblems, die erkenntnistheoretische und die metaphysische -- wobei
+Goethe sozusagen keine Metaphysik _hat_, sondern Metaphysik _ist_ --
+verhalten sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen, die aeusserlich
+angesehen den gleichen Inhalt und Bedeutung darbieten, von denen die eine
+aber durch die suggestive Aktivitaet der einen Partei -- so dass sie die
+andere gleichsam nach ihrem Bilde und ihrem Ideal des Verhaeltnisses formt
+-- aufrecht erhalten wird, die andere aber durch die wurzelhafte Einheit
+und natuerliche Harmonie beider Parteien.
+
+ [Illustration: _LEONARDO DA VINCI._
+ _SELBSTBILDNIS_
+ _TURIN: PALAZZO REALE._]
+
+An diesem Punkt tritt die persoenliche Wesensrichtung Goethes ganz
+besonders deutlich als Traeger seiner Weltanschauung hervor. Als die
+gluecklichste Beanlagung des Menschen in seinem Verhaeltnis zur Natur kann
+es wohl gelten, wenn die eigenste, nur den Beduerfnissen und Tendenzen des
+Ich folgende Entwicklung zu einem reinen Aufnehmen und Bilde der Natur
+fuehrt, als ob die Kraefte beider sich wie in einer praestabilierten Harmonie
+aeusserten, die einen den Index fuer die anderen bildeten. Diese
+Konstellation traf bei Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er
+aeusserte und wirkte, entwickelte er nur seine Persoenlichkeit; den ganzen
+Umkreis seiner Betrachtung und Deutung des Daseins erfuellte er, weil er
+sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck, als ob ihm sein Bild der
+Natur, das, bei allen sachlichen Einwaenden, immerhin eines von
+unvergleichlicher Geschlossenheit, Beobachtungstreue und Hoheit der
+Auffassung ist -- entstanden waere, indem er nur die eigene Richtung seiner
+mitgebrachten Denk- und Gefuehlsenergien entfaltet haette. _Deshalb_ darf er
+vom Kuenstler fordern -- was nachher noch naeher zu deuten ist -- dass er
+"hoechst selbstsuechtig" verfahre. Er schildert sich selbst, wenn er einmal
+von Winkelmann sagt: "Findet sich in besonders begabten Menschen jenes
+gemeinsame Beduerfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,
+noch in der aeussern Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch
+(!) das Innere voellig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man
+versichert sein, dass ein fuer Welt und Nachwelt hoechst erfreuliches Dasein
+sich ausbreiten werde." Diese glueckliche, zur objektiven Natur harmonische
+Richtung seines subjektiven Wesens rechtfertigt es, dass er, obwohl dieses
+letztere mit voelliger Freiheit entfaltend, ueberall die Natur zum Spiegel
+der eigenen Vergeistigung machend, doch immer behaupten kann: er gaebe sich
+der Natur mit der groessten Selbstlosigkeit und Treue hin, er spraeche nur
+aus, was sie ihm diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die die
+Unmittelbarkeit ihres Bildes truebte. Wir wissen von vielen der groessten
+bildenden Kuenstler, und zwar solcher, die die strengste Stilisierung, die
+souveraenste Umformung des Gegebenen uebten, dass sie sich fuer Naturalisten
+hielten, ausschliesslich das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.
+Tatsaechlich _sehen_ sie von vornherein so, dass es zu dem Gegensatz
+innerhalb des unkuenstlerischen Lebens: zwischen der inneren Anschauung und
+dem aeusseren Objekt -- bei ihnen nicht kommt. Vermittelst der
+geheimnisvollen Verbindung des Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins
+ist sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen fuer ihn -- und, im
+Masse seiner Genialitaet, auch fuer andere -- zugleich die Ausschoepfung des
+objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war es tatsaechlich ein ganz
+einheitlicher Prozess, der sich von der einen Seite als Entwicklung seiner
+eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen und Erkennen der
+Natur darstellte. Darum muss ihm die Kantische Vorstellung, dass unser
+Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze vorschreibt (weil Natur erst
+dadurch fuer uns entstehe, dass der Verstand die Sinneseindruecke in den ihm
+eigenen Formen ausgestaltet) -- innerlich voellig fremd, ja eigentlich
+widrig sein. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt muss ihm damit unsaeglich
+uebertrieben erscheinen: jenes viel zu selbstaendig, statt demuetig
+aufnehmender Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen in sie;
+dieses, mit der letzten Absolutheit seines Wesens dennoch nicht in das
+Subjekt aufgehend, der ungeheuren Anstrengung des Subjekts, es in sich
+einzuziehen, spottend. Ihm, der sein Ich von vornherein gleichsam in
+Parallelitaet mit der Natur fuehlte, musste es scheinen, als ob die Kantische
+Loesung dem Subjekt einerseits zuviel, anderseits zuwenig zuspraeche, und
+als ob sie dem Objekte einerseits Gewalt antaete, statt sich ihm in Treue
+hinzugeben, waehrend es ihr andrerseits doch als ein Unerfassbares -- ein
+"Ding _an sich_" -- aus den Haenden glitte.
+
+ [Illustration: DER DELPHISCHE WAGENLENKER.]
+
+In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen auch in bezug auf
+die Grenzen des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit bei scheinbarer
+Verwandtschaft. Wie Kant fortwaehrend die Unerkennbarkeit dessen betont,
+was die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei, so Goethe, dass hinter
+allem Erforschlichen noch ein Unerforschliches liege, dass wir nur "ruhig
+verehren" koennten, ein Letztes, Unsagbares, an dem unsre Weisheit ein Ende
+habe. Fuer Kant bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur unsres
+Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben; fuer Goethe bedeutet es nur
+jene Schranke, die aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel des
+letzten Weltgrundes hervorgeht -- wie auch der Fromme sich bescheidet, Gott
+hienieden nicht schauen zu koennen, aber nicht eigentlich, weil er sich
+prinzipiell dem Schauen entzoege, sondern weil unser Schauen dazu erst
+einer im Jenseits gewaehrten Steigerung, Kraeftigung, Vertiefung beduerfte.
+Darum sagt er:
+
+ "Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
+ Unverstanden, doch nicht unverstaendlich."
+
+Von den letzten Mysterien der Natur trennt uns freilich eine unendliche
+Entfernung, aber sie liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit der
+erkennbaren Natur, weil es ja nichts als Natur gibt, die zugleich Geist,
+Idee, das Goettliche ist. Fuer Kant aber liegt das Ding an sich in einer
+voellig anderen Dimension als die Natur, als das Erkennbare, und man mag in
+dieser Region bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf jene
+treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller: "Die Natur ist deswegen
+unergruendlich, weil sie nicht _ein_ Mensch begreifen kann, obgleich die
+ganze Menschheit sie wohl begreifen koennte. Weil aber die liebe Menschheit
+niemals beisammen ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern Augen
+zu verstecken." Nach den Kantischen Voraussetzungen aber ist dasjenige
+allerdings vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein der Menschheit
+vermisst. Jene Formen und Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet, weil
+durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt fuer uns geschaffen wird, sind
+nichts Persoenliches, sondern sie sind das allgemein Menschliche in jedem
+Individuum; in ihnen liegt das Verhaeltnis restlos beschlossen, das die
+Menschheit ueberhaupt zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im
+allgemeinen gegenueber bestehen also nicht jene individuellen
+Unzulaenglichkeiten, die Goethe erst durch das Beisammensein aller
+auszugleichen glaubt. Deshalb ist fuer Kant die Natur prinzipiell voellig
+durchsichtig und nur die Empirie ueber sie ist unvollstaendig. Da fuer Goethe
+die Natur selbst von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist, so kommt in
+der Natur selbst der Punkt, in dem die Intensitaet und Tiefe der Vorgaenge
+uns weiteres Eindringen versagt; fuer Kant, der das Uebersinnliche voellig
+aus der Natur hinausverlegt, liegt die Grenze des Erkennens nicht mehr
+innerhalb ihrer, sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhoert. Fuer
+Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine quantitative, keine prinzipielle
+Inkonsequenz, wenn er gelegentlich zu Schiller aeussert, die Natur habe kein
+Geheimnis, das sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor
+die Augen stellte, und ein andermal meint: "Isis zeigt sich ohne Schleier
+-- nur der Mensch, er hat den Star" --, waehrend Kant absolut inkonsequent
+wird, wenn er uns doch einen Blick in das Reich des Intelligiblen
+verstattet; wovon wir uebrigens hier nicht untersuchen, ob es ihm mit Recht
+oder Unrecht insinuiert wird.
+
+ [Illustration: MICHELANGELO.
+ SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.]
+
+Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen dieser beiden Geister nach
+ihrem Endziel bezeichnen darf -- obgleich solche letzten Ziele nur der
+Ausdruck der Wesenskraefte und ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das
+selbstaendig gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die Richtung gaebe -- so
+ist die Formel des Kantischen Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:
+Einheit. Fuer Kant kam alles darauf an, und so laesst sich seine gesamte
+Leistung zusammenfassen, die Kompetenzen der inneren Maechte, die das
+Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander abzugrenzen: der
+Sinnlichkeit ihre Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die seinige
+gegen die Vernunft, der Vernunft die ihrige gegen den
+Glueckseligkeitstrieb, der Individualitaet die ihre gegen das
+Allgemeingueltige zu setzen; damit sind zugleich in der Objektivitaet von
+Welt und Leben die Grenzstriche fuer die Kraefte, Ansprueche und
+Bedeutsamkeiten der Dinge selbst gezogen; es gilt fuer ihn, das praktische,
+wie das theoretische Leben vor den Uebergriffen, Ungerechtigkeiten und
+Verschwommenheiten zu schuetzen, die aus dem Mangel genauer Grenzen
+zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen den objektiven Faktoren
+hervorgehen. Als so grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,
+so ist sie ihm doch sozusagen nur die natuerliche Tatsache, die er
+vorfindet, und an der nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung
+zwischen den Elementen des Seins beginnt. Zu jener grossen Aufgabe, das
+Subjekt mit dem Objekt in ein einheitliches Verhaeltnis zu setzen, brachte
+er, als Werkzeuge seiner Detailarbeit daran, von Natur gleichsam die
+Instrumente des Markscheiders mit. Ersichtlich verhaelt sich der Kuenstler
+den Erscheinungen gegenueber umgekehrt. So sehr er auch zunaechst das
+verwirrende Ineinander der Qualitaeten, Betaetigungen und Bedeutungen der
+Dinge auseinanderlegen muss, so macht doch seine innere Bewegung erst an
+der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenueber alle Grenzsetzungen
+Interessen zweiten Ranges sind. Gewiss ist die schliessliche Einheit der
+Elemente und damit der Weltanschauung auch fuer Kant das Definitivum. Aber
+die persoenliche Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin muendenden
+Bewegungen bestimmt, ist doch das Interesse an der Grenzsetzung; dies ist
+die grosse Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die inneren
+Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung der Elemente ihren letzten
+Ausdruck finden: "Trennen und Zaehlen", bekennt Goethe, "lag nicht in
+meiner Natur"; und ausdruecklich sagt er: "Dich im Unendlichen zu finden,
+musst unterscheiden und dann verbinden", waehrend Kant die Verbindung
+vorfindet, und ihre Scheidung fuer sein dringlichstes Problem haelt.
+
+Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung, so setzt sich bei Goethe das der
+Einheit aus der allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten fort.
+Indem die Einheit der Natur sich in diesen dokumentiert, muss sich unter
+ihnen eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die hoechstens einer
+Abstufung des Entwicklungsmasses, aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit
+mehr Raum gibt. Ich will nur ein paar Aeusserungen hervorheben, die zugleich
+das plumpe Missverstaendnis: Goethes angebliche, hochmuetig-aristokratische
+Weltanschauung zurueckweisen. Er betont einmal, dass zwischen dem
+gewoehnlichen Menschen und dem Genie doch eigentlich nur ein sehr geringer
+Unterschied gegenueber dem, was ihnen gemeinsam waere, bestuende. "Das
+poetische Talent," sagt er ein anderes Mal, "ist dem Bauer so gut gegeben
+wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife,
+und ihn nach Wuerden behandle."
+
+ "Wollen die Menschen Bestien sein,
+ So bringt nur Tiere zur Stube herein,
+ Das Widerwaertige wird sich mindern,
+ _Wir sind eben alle von Adams Kindern_."
+
+ [Illustration: _ALBRECHT DUeRER_
+ _HIERONIMUS_
+ _RADIERUNG._]
+
+Und endlich ganz umfassend: "Auch das Unnatuerlichste ist Natur. Auch die
+plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben
+sieht, sieht sie nirgendwo recht." Die Einheit der Natur ergreift fuer ihn
+also auch das, was nach der Skala der Werte aufs aeusserste einander
+entgegengesetzt scheint. Weil Aeusseres und Inneres des gleichen Wesens
+sind, und zwischen ihren letzten Gruenden keine Grenzsetzung moeglich ist,
+so kann die Verschiedenheit des Masses, in dem sie sich zu den einzelnen
+Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit dieser begruenden.
+Und wie zwischen den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen. Er
+aeussert den "Unmut", den ihm die Lehre von den unteren und oberen
+Seelenkraeften erregt habe. In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,
+ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche Rechte an einem
+gemeinsamen Mittelpunkt, der sein geheimes Dasein eben durch das
+Verhaeltnis aller Teile zu ihm manifestiert. "Alle Streitigkeiten der
+aelteren und neueren bis zur neuesten Zeit entspringen aus der Trennung
+dessen, was Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer nicht
+ueberzeugt ist, dass er alle Manifestationen des menschlichen Wesens,
+Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verstand zu einer
+entschiedenen Einheit ausbilden muesse, der wird sich in einer
+unerfreulichen Beschraenkung immerfort abquaelen." Alles dieses wuerde Kant
+wohl prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser Tatsache hebt sich
+die Divergenz der Denkrichtungen am deutlichsten ab. Fuer Goethe kommt es
+auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der Seelenvermoegen besteht; fuer
+Kant auf die Grenzen der Seelenvermoegen, die trotz ihrer Einheit bestehen.
+Die Grenzsetzung ist fuer ihn das unmittelbare Korrelat der Einheit; er
+sagt einmal, nachdem er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten eine
+scharfe Grenze gezogen hat: "Diese _Absonderung_ hat noch einen besonderen
+Reiz, den die _Einheit_ der Erkenntnis bei sich fuehrt, wenn man verhuetet,
+dass die Grenzen der Wissenschaft nicht ineinanderlaufen, sondern ihre
+gehoerig abgeteilten Felder einnehmen." Wenn es das Ziel jeder
+Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander und Auseinander der
+Weltelemente zu einer Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller
+ueberzufuehren, so haben Kant und Goethe dieses gemeinsame Ziel, der eine
+durch die Gerechtigkeit der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere durch
+die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht -- und gerade darum auch
+befriedigend erreichen koennen, weil jeder von ihnen die Tatsache des
+entgegengesetzten Prinzips anerkennt.
+
+ [Illustration: _A. FEUERBACH_
+ _KONZERT_
+ _BERLIN: NATIONALGALERIE._]
+
+Fuer beide wird diese Anerkennung freilich von seiten des letzten Motivs
+her begrenzt, aus dem ueberhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das bei
+dem einen ein wissenschaftliches, bei dem andern ein kuenstlerisches ist.
+Die Wissenschaft befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten Einheit
+des Weltbegriffes, kann sie aber niemals erreichen; auf welchem Punkte sie
+auch stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges in eine andre
+Denkweise: religioeser, metaphysischer, moralischer, aesthetischer Art -- um
+das unvermeidlich Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer voelligen
+Einheit zu ergaenzen und zusammenzuschliessen. Das hat Kant sehr gut gewusst,
+und er bestimmt deshalb mit grosser Entschiedenheit die Schranken nicht nur
+_innerhalb_ seines Weltbildes sondern auch dieses Weltbildes selbst,
+soweit er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenueber dem Ideal der
+unbedingten Einheit der Dinge. Fuer Goethe andrerseits wird die Grenze, bis
+zu der die Analyse gehen darf, durch ein nicht weniger bestimmtes
+Kriterium gegeben; sie ist ihm von dem Punkt an unzulaessig, wo sie die
+_Schoenheit_ der Dinge zerstoert. Schoenheit, so koennte man in Goethes Sinne
+sagen, ist die Form, in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich
+gegenseitig innewohnen. Dass Schoenheit da ist, dass wir sie empfinden, dass
+wir sie selbst bilden koennen, ist die Gewaehr dafuer, dass jene Einheit der
+Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung der Zeit suchte, ist die
+Gewaehr dafuer, dass das geistige Subjekt und die objektive Natur sich
+begegnet sind; und sie koennen sich nur begegnen -- so darf man ihn weiter
+ausdeuten -- wenn und weil sie von vornherein identisch sind. Wir muessen
+vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt Lionardo da Vincis zurueckgehen,
+um einen Zweiten zu finden, der die Welt so restlos aesthetisch genossen,
+so jede Wirklichkeit zugleich als Schoenheit empfunden hat. Weil Schoenheit
+die Verkoerperung ideellen Gehalts im realen Sein ist, so bedeutet die
+Durchgaengigkeit _ihrer_ Herrschaft die Aufloesung jenes fundamentalen
+Gegensatzes zwischen dem geistigen und dem natuerlichen, dem subjektiven
+und dem objektiven Prinzip des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner
+Nichtigkeit. Darum findet er in der Schoenheit das niemals truegende
+Kriterium fuer die Richtigkeit der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die --
+aeussere oder intellektuelle -- Zergliederung des Objekts die Schoenheit
+seiner Erscheinung nicht mehr bestehen liesse, waere die Unwahrheit ihrer
+Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreissen der Natur "mit Hebeln und mit
+Schrauben" ist ihm sozusagen theoretisch falsch, weil es aesthetisch falsch
+ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt er sich nur schwer ab, da sie
+"doch den Eindruck einer schoenen Erdoberflaeche vor dem Anschauen des
+Geistes zerstueckelt". Daher auch sein Hass gegen die Zerstueckelung Homers;
+er will ihn "als Ganzes denken", weil er nur so seine Schoenheit bewahre.
+Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische Auffassung der
+Dinge zerstoeren, meint er:
+
+ "Was wir Dichter ins Enge bringen,
+ Wird von ihnen ins Weite geklaubt.
+ Das Wahre klaeren sie an den Dingen,
+ Bis niemand mehr dran glaubt."
+
+In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das kleine Gedicht: "Die
+Freude." Er entzueckt sich an den Farben einer Libelle, will sie in der
+Naehe sehen, verfolgt und fasst sie und sieht -- ein traurig, dunkles Blau.
+"So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!" Mit der zuweit getriebenen
+Zergliederung, die den aesthetischen Genuss zerstoert, entschwindet also
+nicht etwa eine Illusion, sondern das ganz reale Bild des Gegenstandes.
+Ja, seine Abneigung gegen Brillen ist schliesslich doch auch nur die gegen
+das scharfe Zerfasern der Erscheinungen, gegen das Zerstoeren des natuerlich
+schoenen Verhaeltnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden Organ.
+Gewiss mit Recht meint Helmholtz, das letzte Motiv fuer seine unselige
+Polemik gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen, wo er ueber die
+durch viele enge Spalten und Glaeser hindurchgequaelten Spektra spottet, und
+die Versuche im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht nur als besonders
+ergoetzlich, sondern auch als besonders beweisend preist. Die Zerstoerung
+des aesthetischen Bildes ist ihm zugleich die Zerstoerung der Wahrheit. Die
+rechnerische Vorstellung der Dinge, wie die mathematische
+Naturwissenschaft sie durch Zerlegung in ihre, womoeglich qualitaetslosen,
+Elemente gewinnt, muss ihm wegen ihres Mankos an aesthetisch-anschaulichem
+Werte ein ebenso grosser Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt fuer Kant
+dieses aesthetische Kriterium ein solcher gegenueber den Gegenstaenden des
+Naturerkennens waere.
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+Der grossen Zweiheit der Weltelemente, durch deren mannigfaltige
+Versoehnungen hin sich die Weltanschauung der neueren Zeit entwickelt,
+steht eine andere zur Seite, die sich viel frueher als jene aufarbeitet, in
+ihrem Bildungsschicksal aber mit ihr verwandt ist: der praktische
+Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen Gesamtheit, aus dem
+man die Probleme der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch hier
+beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand: die Interessen des
+Einzelnen und der Gesamtheit haben in primitiven Kulturen ueberhaupt noch
+keine nennenswerte oder bewusste Entgegengesetztheit: der naive Egoismus
+hat zwar gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen anderen Inhalt
+als der Gruppenegoismus. Sehr bald freilich bildet sich mit der anhebenden
+Individualisierung der Persoenlichkeiten ein Gegensatz zwischen beiden
+heraus, und damit die Forderung an den Einzelnen, sein persoenliches
+Interesse dem der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt ein Sollen
+gegenueber, der natuerlichen Subjektivitaet ein objektives Moralgebot. Und
+abermals erhebt sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch
+Unterdrueckung der einen Seite oder durch gleichmaessige Befriedigung beider
+aufzuheben; wobei es sich hier ersichtlich um eine Loesung handelt, die den
+Wert des Lebens ueberhaupt auf sein Maximum bringe.
+
+Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe in fast genauem
+Parallelismus mit dem Verhaeltnis ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei
+Kant durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen besonderen
+Interesses steht, aber in der Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe
+durch eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen
+Lebenselemente, durch eine die Gegensaetze einschliessende Natur des
+Menschen und der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier auf der
+voelligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft; einen Wert
+erhielte das Handeln erst dadurch, dass es unter absoluter
+Ruecksichtslosigkeit gegen die erstere ausschliesslich der letzteren
+gehorchte. Diese aber enthaelt zwei Momente: einmal die Selbstaendigkeit des
+Menschen, die verneint ist, sobald sinnliche Motive uns bestimmen, deren
+Anregung und Befriedigung von aussen, von der Gegenwart bestimmter Objekte
+abhaengig ist; zweitens die voellige Objektivitaet des Sittengesetzes, das
+mit allen individuellen Reserven, Besonderheiten und Velleitaeten
+schonungslos aufraeumt und den ganzen Wert des Menschen ausschliesslich
+darauf gruendet, dass er seine Pflicht erfuellt, und zwar nicht nur aeusserlich
+erfuellt, sondern auch um der Pflicht willen; sobald sich irgend ein
+anderes Motiv als dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen Wert mehr.
+Ist diese Bedingung aber erfuellt, so ist der Mensch in eine hoehere,
+ueber-empirische Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein Handeln
+einen Wert, eine absolute Bedeutung, hinter der all sein blosses Denken und
+Erkennen, das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht, weit
+zuruecksteht.
+
+ [Illustration: PUVIS DE CHAVANNES.
+ MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMAeLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.]
+
+An diesem letzteren, aeusserst charakteristischen Punkte der Kantischen
+Lehre, dem "Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen" ist
+Goethe mit ihm voellig einverstanden. Unaufhoerlich betont er, wie Handeln
+im sittlichen Sinne unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es als
+der Weisheit letzten Schluss erklaert, dass man sich das Leben taeglich
+praktisch erobre, wie er den Begriff des Menschen mit dem des Kaempfers
+identifiziert, so erklaert er, dass er ueberhaupt nur _handelnd_ denken
+koenne, und dass ihm alle blosse Belehrung direkt verhasst waere, wenn sie
+nicht zugleich seine Taetigkeit belebte. Der Primat der
+sittlich-praktischen Tuechtigkeit vor aller blossen Intellektualitaet und
+Theorie steht ihm ebenso fest wie Kant.
+
+Fuer ihre ethische Anschauung bedeutet dies die gleiche Uebereinstimmung wie
+fuer ihre allgemeine Weltanschauung die Ueberwindung des oberflaechlichen
+Dualismus der inneren und der aeusseren Natur. Aber sogleich trennen sich,
+hier wie dort, die Wege oberhalb -- oder unterhalb -- dieser gleichsam nur
+punktuellen Gemeinsamkeit. Wie fuer Kant das Unerkennbare des Daseins ein
+absolutes Jenseits ist, von allem Gegebenen brueckenlos geschieden, fuer
+Goethe aber nur die in das Mystische sich verlierende Tiefe der
+Anschauungswelt, in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar, so doch
+ohne Sprung fuehrt -- so liegt fuer Kant der sittliche Wert in einer dem
+Wesen nach anderen Welt, als alles andere Dasein und seine Bedeutungen,
+von diesen aus nur durch eine radikale Wendung und "Revolution" zu
+erreichen. In der Goetheschen Anschauung aber ist der sittliche Wert mit
+den uebrigen Lebensinhalten in einer einheitlichen, kontinuierlich
+aufsteigenden Reihe verbunden, und sein auch fuer ihn unbezweifelbarer
+Primat ist jenen gegenueber der Rang des primus inter pares. Jener
+fundamentale und unversoehnliche _Wertunterschied_ zwischen der sinnlichen
+und der vernuenftigen Seite unseres Wesens, auf dem die ganze Kantische
+Ethik steht, muss Goethe ein Horror sein -- wie ueberhaupt sein eigentlicher
+Todfeind der christliche Dualismus ist, der die Sichtbarkeit der Welt und
+ihren Wert auseinanderreisst. Die metaphysische Einheit der Lebenselemente
+muss sich fuer ihn unmittelbar in eine Werteinheit derselben umsetzen. Dass
+er, wie wir sahen, das Innere und das Aeussere nicht trennen kann, dass er
+statt der "oberen und unteren Seelenkraefte" einen gemeinsamen Mittelpunkt
+des psychischen Daseins fordert -- das entstammt doch wohl der in die
+letzten Tiefen seiner Persoenlichkeit hineinreichenden und allem Beweisen
+und Widerlegen unzugaenglichen Empfindung einer Gleichheit und Harmonie
+aller unserer Wesensseiten in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie
+fuer ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein, fluechtig oder
+abseitliegend ist, dass sich nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf
+richten koennte, und dass es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum
+Repraesentanten der Gesamtheit des Alls wuerde, so laesst es in der
+subjektiven Welt die gewaltige Einheit seines Lebensgefuehles nicht zu
+einem prinzipiellen Wertunterschiede seiner einzelnen Energien kommen.
+Goethes Existenz wird durch das gluecklichste Gleichgewicht der drei
+Richtungen unserer Kraefte charakterisiert, deren mannigfaltige
+Proportionen die Grundform jedes Lebens abgeben: der aufnehmenden, der
+verarbeitenden, der sich aeussernden. In diesem dreifachen Verhaeltnis steht
+der Mensch zur Welt: zentripetale Stroemungen, das Aeussere dem Inneren
+vermittelnd, fuehren die Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale
+Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem geistigen Leben und lassen das
+Aeussere zu einem Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Taetigkeiten
+entladen die Kraefte und Inhalte des Ich wieder in die Welt hinein.
+Wahrscheinlich hat dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare
+physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit seiner
+harmonischen Erfuellung entspricht eine gewisse Verteilung der Nervenkraft
+auf diese drei Wege ihrer Betaetigung. Beachtet man nun, wie sehr das
+Uebergewicht eines derselben die anderen und die Gesamtheit des Lebens
+irritiert, so moechte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in Goethes
+Natur als den physisch-psychischen Ausdruck fuer deren Schoenheit und Kraft
+ansehen. Er hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt, sondern
+seine geistige Taetigkeit war fortwaehrend von der rezeptiven Hinwendung zur
+Wirklichkeit und allem, was sie bot, genaehrt; seine inneren Bewegungen
+haben sich nie gegenseitig aufgerieben, sondern seine ungeheure Faehigkeit,
+sich nach aussen hin handelnd und redend auszudruecken, verschaffte jeder
+die Entladung, in der sie sich voellig ausleben konnte: in diesem Sinne hat
+er es so dankbar hervorgehoben, dass ihm ein Gott gegeben hat, zu _sagen_,
+was er leidet. So koennte man in seiner Denkrichtung sagen, dass, wenn
+irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen untergeordnet ist, so
+sei sie eben dadurch, dass sie diese ihr zukommende Stelle ausfuellt, gerade
+so wertvoll wie die hoehere, die auch nichts kann, als ihre Funktion
+ausueben, und das eben erst im Zusammenwirken mit der ersten kann; so dass
+jene antiaristokratische Meinung ueber die annaehernde Gleichwertigkeit der
+Menschen -- vor der er uebrigens selbstverstaendlich im Empirischen und nach
+dem einmal rezipierten Massstab den Unterschied zwischen der bloeden Menge
+und den grossen Menschen nie uebersieht -- ihre Analogie innerhalb des
+einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine Wesenselemente findet. Wenn ich
+vorhin die Einheit des Inneren und des Aeusseren, des Subjektiven und des
+Objektiven, des Ideellen und des Realen als die Voraussetzung der
+kuenstlerischen Weltanschauung hervorhob, so kommen wir hier vielleicht auf
+die noch tiefere Fundamentierung dieses Fundaments; jenes In- und
+Miteinander der Weltelemente ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man
+koennte sagen: die metaphysische Rechtfertigung ihrer _Wert_gleichheit, die
+er empfindet. Das mag auch der Grund sein, weshalb das antike
+Unverhuelltsein seiner sinnlichen Derbheiten immer kuenstlerisch wirkt, weil
+es jene Gleichberechtigung der Wesensseiten aufs schaerfste verdeutlicht,
+die, zu einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die Metaphysik aller
+Kunst ausmacht.
+
+Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche Glueck gerichtete Ideal mit
+dem Vernunftideal eine Einheit bildet, erhebt er sich ganz ueber den
+Gegensatz zwischen eudaemonistischer und rationalistischer Moral, auf dem
+die Kantische Ethik ruht. Vielen Missverstaendnissen gegenueber muss durchaus
+betont werden, dass seine Fremdheit gegen die logische Strenge der
+Vernunftethik absolut nicht bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen
+und Genussideal untertan machen wollen. Ja, um seinen Abstand hiervon zu
+begreifen: er kann es direkt aussprechen (1818), es sei Kants
+unsterbliches Verdienst, dass er die Moral "dem schwankenden Kalkul einer
+blossen Glueckseligkeitstheorie entgegengestellt" und sie in ihrer hoechsten
+uebersinnlichen Bedeutung erfasst habe. Das widerstreitet gar nicht dem
+Ausruf in den Lehrjahren: "O der unnoetigen Strenge der Moral, da die Natur
+uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen." Denn
+die Uebersinnlichkeit, die er dort meint, ist eben nicht die Kantische, die
+einerseits eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits unsere
+Einstellung in eine transszendente Ordnung der Dinge bedeutet. Goethes
+Uebersinnliches will hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich
+ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige Vernuenftigkeit. Das
+spricht er ganz unzweideutig einige Jahre spaeter in einem Briefe an
+Carlyle aus: "Einige haben den Eigennutz als Triebfeder aller sittlichen
+Handlungen angenommen; andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen, nach
+Glueckseligkeit als einzig wirksam finden; _wieder andere setzten das
+apodiktische Pflichtgebot obenan_: und keine dieser Voraussetzungen konnte
+allgemein anerkannt werden, man musste es zuletzt am geratensten finden,
+aus dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur das Sittliche sowie
+das Schoene zu entwickeln." Die eigentliche Grossartigkeit des Kantischen
+Moralismus, die immer wieder ueber seine Verengerung und Vereinseitigung
+der Wertsphaeren triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfasst. Das
+sittliche Sollen ist fuer Kant die eine Karte, auf die der ganze Wert des
+Lebens gesetzt ist; und daran musste Goethe vor allem die ungeheure
+Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fuehlen. "Alles Sollen ist
+despotisch," sagt er, und ihm, dem aus der tiefen Einheitlichkeit des
+Seins die gleichberechtigte Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien
+dies unertraeglich, weil er nicht in die Tiefe der Kantischen Lehre drang,
+in der dieses Sollen sich als die aeusserste und unbedingte Freiheit des Ich
+offenbarte. Denn den "Despotismus" jenes Sollens kann nach der Kantischen
+Deutung weder ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch eine Sitte
+uns auferlegen, sondern allein wir selbst. Die ganze Peripherie des Lebens
+erscheint Kant von Maechten mindestens mitbestimmt, die ausserhalb des
+tiefsten Ich liegen, und nur an dem Punkte der sittlichen Freiheit, d. h.
+an dem Gesetze, das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses hervor -- in
+unversoehnlichem Gegensatz freilich zu dem Kuenstler, dem alles scheinbar
+Aeusserliche der Ort fuer die Bewaehrung seiner tiefsten Persoenlichkeitskraefte
+ist.
+
+Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die Natur ueberhaupt es ist, so
+zeigt sich damit der ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, sondern
+auch ausserhalb unser als nichtig. Sie muss das Ich und seine Interessen mit
+der sozialen Gesamtheit ebenso versoehnen, wie die Sinnlichkeit mit der
+Vernunft. Daraus erklaert sich, dass Goethe den eigentlich sozialen
+Problemen auch in ihren allgemeinsten Formen ganz fremd gegenuebersteht.
+Denn immer handelt es sich in diesen darum, das unzulaengliche oder
+verschobene Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seinem sozialen
+Kreise herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden seiner Zeit, die
+von dem Einzelnen als Sozialwesen nur zu fordern pflegte, dass er seine
+persoenliche Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewaehre. Voellig im
+Tone des landlaeufigen Liberalismus bemerkt er gegen die Saint-Simonisten,
+dass jeder bei sich anfangen und zunaechst sein eigenes Glueck machen muesse,
+woraus denn zuletzt das Glueck des Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies
+mag fuer ihn auch aesthetisch begruendet sein. Er verlangt einmal vom
+Kuenstler, er solle "hoechst selbstsuechtig" verfahren, nur das tun, was ihm
+Freude und Wert ist. Fuer die Kunst ist dieser Liberalismus auch voellig
+angebracht, weil hier tatsaechlich ein Maximum von Gesamtwert entsteht,
+wenn jeder Kuenstler _seinem_ individuellen Ideale nachgeht; und weil das
+objektiv Wertvolle der Kunst, das jenseits des Gegensatzes von Ich und Du
+steht, sich dem Kuenstler allerdings in der Form eines persoenlich
+leidenschaftlichen Begehrens darstellt. Fuer geringwertige aesthetisch
+angelegte Naturen droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,
+der die aesthetischen Werte ausschliesslich ihrer subjektiven Genussseite
+wegen kultiviert, unter dem Selbstbetrug, dass sie, als aesthetische, an
+sich selbst etwas Ueberindividuelles, objektiv Wertvolles seien. Solche
+Tendenz auf den Genuss als das Letztentscheidende lag Goethe voellig fern,
+wenn er das egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewusst, nur seine
+einheitliche Persoenlichkeit zu entwickeln -- und dasselbe von andern zu
+verlangen -- die freilich eine subjektive und eine objektive Seite hatte;
+wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage war, welche von beiden
+gelegentlich die Fuehrung uebernahm. Der kuenstlerische, der Produktion
+objektiver Werte sich bewusste Egoismus verhaelt sich deshalb durchaus kuehl
+den Aufgaben gegenueber, die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen
+und deren Versoehnung nun gerade durch den Verzicht auf allen Egoismus
+gewinnen wollen. Statt der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der
+Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn zu ueberwinden, interessiert
+Goethe vielmehr das "Allgemein-Menschliche" als der unmittelbare Ausdruck,
+sozusagen als die menschliche Form der metaphysischen Einheit der Natur;
+die menschliche Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren, sondern
+nur zu entwickeln, wie unsere Theorie sie sich nicht durch kuenstliche, ihr
+Wesen alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige Beobachtung ihrer
+freiwilligen Entfaltung nahe zu bringen habe. "In jedem Besonderen," so
+hofft er, "wird man durch Nationalitaet und Persoenlichkeit hindurch jenes
+Allgemeine immer mehr durchleuchten sehen." In aehnlicher Gesinnung hat
+jetzt Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen Interesses fuer
+den Menschen und die Gesamtentwicklung der Menschheit, eine absolute
+Gleichgueltigkeit gegen alle sozialen Fragen an den Tag gelegt. Dagegen ist
+fuer den Sozialforscher oder -politiker _der Mensch_ ueberhaupt kein
+Problem, sondern nur _die Menschen_. Kants Moralgesetz ist, wie
+Schleiermacher sagte, "nur ein politisches": es gibt die praezise und
+erschoepfende Formel fuer den Menschen, der seinen sozialen Pflichten
+gleichsam von Natur feindlich gegenuebersteht und ein Verhalten sucht, mit
+dem dennoch ein Zusammenleben aller moeglich ist. Der aeussere wie der innere
+Dualismus des Menschen bleibt fuer Kant, im Praktischen nicht weniger als
+im Theoretischen, im Vordergrund des Bewusstseins, und seine Loesung ist
+gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand des Konflikts
+rechnet. Wenn Goethe aber es als sein Ideal bezeichnet, "eine gewisse
+sittlich-freisinnige _Uebereinstimmung durch die Welt_ zu verbreiten", so
+ist die Voraussetzung davon die Negation eben jener Scheidung und
+Entgegengesetztheit zwischen Individuum und Gruppe und zwischen Gruppen
+untereinander, aus der die sozialen Probleme entspringen. Das
+kosmopolitische Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen
+Menschennatur, deren Wesensseiten sich gleichberechtigt durchdringen und
+so sehr der Ausdruck _eines_ metaphysischen Sinnes sind, wie die Elemente
+der menschlichen Gesellschaft und der Welt ueberhaupt.
+
+ [Illustration: JAMES MC. N. WHISTLER
+ _Glasgow: Gallery. Photographie Hanfstaengel._
+ THOMAS CARLYLE.]
+
+Da nun aber die Moral in dem landlaeufigen Sinne des Wortes sich auf jener
+von Kant akzeptierten Spaltung _innerhalb_ des Menschen und _zwischen_ den
+Menschen erhebt, so kann die Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne
+keine moralische heissen; selbstverstaendlich ist sie darum keine
+unmoralische, sondern steht jenseits dieses Gegensatzes. Da die Natur an
+sich schon Ort und Darstellung der Idee ist, so ist das Hoechste, wozu
+Menschen gelangen, der Inhalt der hoechsten Forderung an sie, dass sie das,
+was die Natur in sie gelegt hat, aufs vollstaendigste und reinste
+ausbilden. Das Moralische im engeren Sinne ist wohl auch eine Seite davon,
+aber weil es eben nur eine _Seite_ ist, kann sie gelegentlich hinter einer
+anders gerichteten zuruecktreten muessen, wenn dadurch eine vollstaendigere
+Entwicklung der Natur oder der Idee der Person erreicht wird. Von
+Klopstock sagt er einmal, er waere, "von der sinnlichen wie von der
+sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Juengling" gewesen. Dass er so die
+sinnliche Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet, zeigt einen
+Sittlichkeitsbegriff, der ueber die Moral im engeren Sinne weit hinausgeht:
+er deutet damit an, dass die sinnliche Reinheit noch lange keine sittliche
+vielleicht sogar, dass die sittliche noch keine sinnliche zu sein braucht.
+So sind auch seine Vorstellungen ueber das Verhaeltnis der Geschlechter oder
+ueber die Taten Napoleons oder ueber die Verbindung des Einzelnen mit seiner
+Nation sicher den gewoehnlichen ethischen Idealen keineswegs adaequat; sie
+werden eben ganz von dem darueber gelegenen Ideal der Natur beherrscht: dass
+der Mensch -- so koennte man in Goethes Sinne sagen -- seine Triebe und
+Anlagen in der Art und mit der Auswahl zu entwickeln habe, dass ein Maximum
+von Gesamtentwicklung herauskommt. Da das Sein und der Wert nichts
+Getrenntes sind -- "am Sein erhalte dich beglueckt!" -- so ist die hoechste
+Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren tiefsten Ausdruck scheint
+mir diese uebermoralische Moral in dem folgenden merkwuerdigen Satz zu
+gewinnen: "Was die Menschen gesetzt haben (naemlich als Gesetze), das will
+nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Goetter setzen,
+das ist immer am Platz, recht oder unrecht." Ueber den Gegensatz von Recht
+und Unrecht, also ueber den am Kriterium der Moral entstandenen, stellt er
+hier einen hoeheren Begriff: das "Passen", d. h. die Faehigkeit der
+Einzelheit, sich in den letzten, hoechsten Zusammenhang und Harmonie der
+Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste bezeichnet, wie weit
+er ueber den Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in dem sittlichen
+Menschen den Endzweck der Welt, den alleinigen, absoluten Wert. Der
+sittliche Mensch hat fuer ihn etwas Unendliches, weil er die Loesung eines
+eigentlich unloesbaren Konflikts ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt
+es fuer Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht sein Absolutes und
+Letztes sein, sondern nur eines der Lebensprobleme und andern koordiniert
+-- waehrend sie bei Kant die schlechthin einzige Stellung einnimmt: allein
+aus der Welt des Lebens in die transszendente hinaufzureichen. Indem er
+mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage uebereinstimmt, und beide
+die Gluecksempfindung als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,
+bleibt Kant an dem Gegenteil haften, waehrend Goethe sich ueber den ganzen
+Gegensatz erhebt und die harmonische Einheit des Seins, in der Glueck und
+Unglueck, Sittlichkeit und Unsittlichkeit nur einzelne Momente sind, als
+den letzten Sinn, das absolute Mass alles Lebens erkennt. Ich stehe nicht
+an, den angefuehrten Satz fuer eine der tiefsten und groessten Deutungen vom
+Sinn des Daseins zu halten; er laesst uns einen fundamentalen Zusammenhang,
+eine gegenseitige Beziehung aller Dinge ahnen, in dem die Einheit der
+Natur besteht oder sich offenbart und dem gegenueber es ein kleinlicher
+Anthropomorphismus ist, in dem zufaelligen Ausschnitt, den wir als Moral
+bezeichnen, den Hoehepunkt des Seins zu erblicken. Und hier kann auch
+darauf hingedeutet werden, dass Goethes Weltanschauung in letzter Instanz
+nicht nur ueber dem Moralismus, sondern auch ueber dem Aesthetizismus stehen
+duerfte. Gewiss ueberragt das aesthetische Motiv bei ihm an Wirksamkeit alle
+in dem gleichen Niveau stehenden, und man kann es, wie wir es getan haben,
+ueberall zur Interpretation seines Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten
+fuehren darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein dennoch liegt
+unterhalb seiner eine noch tiefere, sozusagen elementarere Beschaffenheit,
+sein eigentlichstes Sein, von dem auch das kuenstlerische Motiv nur die
+Erscheinung und Darstellung in empirischem Material ist. Wenn sich naemlich
+das Goethesche Existenzbild so darbietet, dass die Identitaet von Natur und
+Geist, das pantheistische Eins in Allem, Alles in Einem -- als Konsequenz
+seiner aesthetischen Grundtendenz auftritt, so kann sehr wohl im letzten
+Fundamente der Zusammenhang der umgekehrte sein: die tiefste Schicht
+seiner Natur, jenes ganz Primaere und Absolute, in dem alles eigentlich
+Benennbare des Wesens erst wurzelt, mag eben ein Gefuehl von dem
+elementaren und ihn selbst einschliessenden Zusammenhang alles Seins
+gewesen sein. Mehr als irgend jemand, von dem wir wissen -- auch Spinoza
+nicht ausgeschlossen -- scheint jene geheimnisvolle Einheit aller Existenz,
+an der die Philosophie von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt des
+Lebensgefuehls selbst ausgemacht zu haben. Gerade wie man von religioes
+begeisterten Menschen sagt, dass der Gott in ihnen lebt, so war offenbar in
+seinem subjektiven Existenzgefuehl dasjenige lebendig, was man, um irgend
+einen Ausdruck dafuer zu haben, nur die metaphysische Einheit der Dinge
+nennen kann; ja, dass sie so in ihm lebt, das machte ihn eben aus, das war
+er. Dieser Bestimmtheit seines Seins ueberhaupt gegenueber, die sich im
+Selbstbewusstsein erst _spiegelt_, erscheint seine kuenstlerische Anschauung
+und Betaetigung doch nur als das Verhaeltnis, das eine so qualifizierte
+Natur zu der besonderen Richtung ihrer Talente, zu ihrer kulturell und
+historisch bestimmten Umgebung, zu aeusseren Anregungen und
+Betaetigungsmoeglichkeiten gewinnt, als ein _Ausdruck_ seines eigentlichen
+Wesens, aber nicht als das Wesen selbst. Als Existenz ueberhaupt, gleichsam
+als Substanz, mit der er in die Formen und Bewegungen der Welt eintritt,
+steht er jenseits des Aesthetischen, das sich vielmehr erst im
+Zusammenschlage jener mit diesen Formen und Bewegungen ergab und sein
+empirisches Bild gestaltete. Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des
+Lebens, auf die man schliesslich nur von einer unueberwindlichen Distanz her
+hindeuten, die man aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen kann,
+muss der merkwuerdigen Aeusserung zugrunde liegen, die er zu Eckermann tut,
+als von seiner Theaterleitung und den vielen fuer sein kuenstlerisches
+Schaffen dadurch verlorenen Jahre die Rede ist. Im Grunde gereue ihn
+dieser Verlust doch nicht, sagt er. "Ich habe all mein Wirken und Leisten
+immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich
+gleichgueltig gewesen, ob ich Toepfe machte oder Schuesseln." So erscheint
+ihm selbst also sein kuenstlerisches Tun als ein blosses Sich-Auspraegen,
+Sich-Umsetzen einer tiefer gelegenen Realitaet, statt dieses Letzte,
+eigentlich Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von hier aus verstehen
+wir nun noch gruendlicher sein fortwaehrendes Draengen auf praktische
+Betaetigung, sein Fuehlen und Werten seiner selbst als handelnden Wesens.
+Denn das Handeln ist die Form, durch die jener absolute Urgrund des
+persoenlichen Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die deshalb im
+allerumfassendsten Sinn die Einheit des Subjektiven und Objektiven
+ausmacht, das in der blossen Theorie getrennt, einander gegenuebergestellt
+erscheint.
+
+ [Illustration: HANS HOLBEIN D.J.
+ _Paris: Louvre_
+ ERASMUS VON ROTTERDAM.]
+
+Wenn fuer ihn nach alledem die Aufgabe des Menschen nur ist, seine Kraefte
+bis zum vollen Ausschoepfen aller Moeglichkeiten zu entwickeln, damit
+gleichsam die Natur in ihm zu ihrem vollen Sinn komme, so zeigt doch jeder
+Blick auf das empirische Leben, dass es die Zeit und die Bedingungen zu
+einer so vollstaendigen Entwicklung nur sehr wenigen, vielleicht niemandem
+gewaehrt. In Wirklichkeit ist dies eine der fuerchterlichen
+Menschentragoedien, dass die menschlichen _Kraefte_ sich in menschlichen
+_Verhaeltnissen_ nicht vollkommen ausleben und entfalten koennen. Was als
+Begabung, als Spannkraft in uns lebt -- ganz abgesehen von Velleitaeten --,
+koennte nur durch den merkwuerdigsten Zufall die Moeglichkeit restloser
+Bewaehrung finden; es fehlt hier, sichtbarer als sonstwo, wie vorbestimmte
+Harmonie oder die nachbestimmende Anpassung. Und es handelt sich nicht nur
+darum, dass das vollendete Werk Befriedigung auf uns zurueckstrahle, sondern
+um diejenige eigentlich unerlaessliche Genugtuung, die in der Loesung der
+gespannten Kraefte, in der Funktion, die unser Koennen ganz zum Ausdruck
+bringt, gelegen ist. Wo diese Inkommensurabilitaet zu vollem Bewusstsein
+gelangt, muss der Mensch untergehen. Das drueckt Faust aus; bliebe er in
+seinen urspruenglichen empirischen Verhaeltnissen, so wuerde er sich
+verzehren, die unentfalteten Kraefte wuerden ihn toeten. Das Buendnis mit
+Mephisto, die Herstellung seines Lebenswerkes durch daemonische Kraefte ist
+nur die positive Wendung davon: ueberempirische Verhaeltnisse muessen
+herbeigerufen werden, um die Entwicklung der Kraefte zu ermoeglichen. Aus
+der Forderung an die Natur, dass es bei diesem Widerspruch nicht sein
+Bewenden haben koennte, entspringt die bekannte Aeusserung zu Eckermann ueber
+die Unsterblichkeit: "Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die
+Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die
+jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag." Und eine spaetere
+Bemerkung betont nochmals den besonderen Sinn und Grund dieser
+Unsterblichkeit: wir seien zwar unsterblich, aber doch nicht alle "auf
+gleiche Weise"; vielmehr nur nach dem Masse der Kraft, die wir einzusetzen
+und auszuleben haben.
+
+ [Illustration: REMBRANDT
+ BUeRGERMEISTER SIX]
+
+Es ist nun sehr merkwuerdig, wie auch an diesem Punkt Kantische Argumente
+eine aeussere Aehnlichkeit mit den Goetheschen zeigen, bei voelliger Divergenz
+der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte fest, dass wir, als endliche und
+natuerliche Wesen, den Trieb nach Glueckseligkeit als eine nicht zu
+leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in uns finden, gerade wie als
+moralische Wesen die Forderung des Sittengesetzes. Ueber diesen beiden
+Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer Harmonie: die Weltordnung
+waere nichts als eine grosse Dissonanz, wenn nicht das Mass des genossenen
+Gluecks dem Mass der sittlichen Vollendung entspraeche. Tatsaechlich aber ist
+diese Proportion im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit
+und Glueckseligkeit zeigt die Erfahrung keinerlei gerechtes und
+harmonisches Verhaeltnis. Da man aber an dieser Unertraeglichkeit
+schlechthin nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung der Dinge als ein
+Definitivum aufbuerden kann, so postuliert Kant die Unsterblichkeit der
+Seele, weil sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen eines
+Gottes ihre Vollendung: die Harmonie ihres sittlichen und ihres
+eudaemonistischen Seins finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche
+Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche Unsterblichkeitslehre
+vollzieht; beide finden in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens
+gewisse Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren Erfuellung dasselbe
+unter den empirischen Verhaeltnissen nicht gelangen kann; da sie aber bei
+diesem Widerspruch nicht stehen bleiben koennen, so fordern sie von der
+Ordnung der Dinge, das Versprechen, das sie mit der Organisation unseres
+Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits einzuloesen. Nun aber
+zeigt sich sofort die tiefe Unterschiedenheit der Weltbilder: fuer Goethe
+koennte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns Kraefte zu verleihen,
+denen sie die Entwicklung abschneidet (so sehr faellt ihm objektiv die
+Wirklichkeit mit dem Geist zusammen, dass er in bezug auf die subjektiven
+Formen beider behauptet, alles Falsche waere auch geistlos!); fuer Kant
+koennte sie nichts so Unmoralisches tun, als der Sittlichkeit ihr
+Aequivalent vorzuenthalten. Kant fordert die Unsterblichkeit, weil die
+empirische Entwicklung des Menschen einer Idee nicht genuegt, Goethe, weil
+sie den wirklich vorhandenen Kraeften nicht genuegt; Kant, weil die an sich
+getrennten Elemente, Sittlichkeit und Glueckseligkeit, doch eine Einheit
+gewinnen muessten, Goethe, weil der ganze einheitliche Mensch doch das in
+Wirklichkeit werden muesste, was er der Moeglichkeit nach von vornherein sei.
+Man erkennt auch hier, dass Kant die Elemente des menschlichen Wesens
+ausserordentlich weit auseinander treibt, so dass sie nur in ganz fernen und
+neuen Dimensionen und Ordnungen sich wieder zusammenfinden koennen, waehrend
+diese Einheit fuer Goethe in unserer unmittelbaren Wirklichkeit gegeben ist
+und es sich sogar in der Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente
+Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen handelt. Der Uebergang der
+Seele von dem irdischen in den transszendenten Zustand ist fuer Kant der
+radikalste, fuer den sein Denken Raum hat, fuer Goethe ein Fortschreiten in
+ungeaenderter Richtung, ein blosses Freiwerden vorhandener Energien. Auch
+dieser vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen spiegelt ebenso
+den Rhythmus des Kantischen Wesens, das die Momente des Seins
+untereinander und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb oder
+unterhalb der Wirklichkeit wieder zu versoehnen, wie den des Goetheschen,
+fuer den das Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein ein
+einheitliches ist. Hier wie ueberall ist das Schema ihrer Divergenzen dies,
+dass Kant der Entwicklung eines analytischen Zustandes, Goethe der eines
+synthetischen nachgeht. Goethe steht mit dem gesteigertsten Bewusstsein und
+der vertieftesten Begruendung auf dem Boden undifferenzirter
+Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen Bewegungen gewesen
+ist. Kant akzentuiert die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen ist;
+gegenueber jenem sozusagen paradiesischen Zustand -- wenngleich es nur ein
+paradise regained ist -- hat bei ihm das scientes bonum et malum die
+aeusserste Schaerfe erlangt, die Einheit, die er gewinnt, traegt die Spuren
+der Entzweiung, die Naehte sind nicht voellig verwachsen.
+
+Aber eben jener Flug an ein aeusserstes Ziel des Betrachtens und Empfindens
+der Welt hat Goethe ueber so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen, die
+das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht uebergehen kann; so moegen auf
+dem Zickzackweg der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der Richtung
+des Goetheschen Weges, selbst wenn diese die definitive und objektiv
+richtig waere, direkt entgegenlaufen. Und so steht es in der Wissenschaft
+der letzten hundert Jahre. Denn diese will -- oder wollte wenigstens --
+wirklich der Natur ihre Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben
+abzwingen; sie will wirklich das Wahrheitsinteresse davon ganz unabhaengig
+machen, ob es die Schoenheit der Erscheinung zerstoert oder nicht; sie will
+wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern von moeglichst
+atomisierten Elementen ihren Ausgang nehmen; sie sieht wirklich den
+seelenlosen Mechanismus zweckfremder Stoffe und Kraefte als ihr einziges
+Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt aller Sinn, alle
+uebermechanische Bedeutung derselben _hinter_ der Erscheinung, in dem Reich
+des Intelligiblen, das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie und
+nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen noch im Ethischen
+jenes Zutrauen zu dem unmittelbar harmonischen Verhaeltnis zwischen der
+Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen Kant der Mitbegruender
+und Genosse des modernen wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in
+allem Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah, wie Mathematik darin
+ist, und der andrerseits die Gueltigkeit der Mathematik auf die Form
+menschlicher Anschauung beschraenkte und allem absprach, was nicht
+unmittelbar erscheinen kann; er, der den Geist und Zweck in der Natur fuer
+eine blosse "subjektive Maxime" ihrer Beurteilung erklaerte, die ihr eigenes
+Sein gar nicht beruehrte; er, der das Auseinanderklaffen unserer tiefsten
+Wesensbeduerfnisse mit erbarmungsloser Schaerfe erkannte, um dem Verlangen
+nach ihrer Harmonie schliesslich das Almosen eines transszendirenden
+_Glaubens_ zu gewaehren. Wir koennen uns nicht verhehlen, dass die Gleichung
+zwischen diesen beiden Weltanschauungen noch nicht gefunden ist, so sicher
+erst mit ihr alles erfuellt waere, was wir von unserem geistigen Verhaeltnis
+zur Welt begehren. Denn nicht so etwa stehen sie sich gegenueber, dass die
+eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des Weltbildes zufuehrte;
+vielmehr, wodurch wuerde die Wahrheit als eine Partei in diesen Streit
+eintreten und unser Interesse fordern duerfen, wenn sie nicht auch ein
+_Wert_ waere? -- so dass die Frage im letzten Grund zwischen zwei
+Wertgefuehlen steht. Vielleicht aber ist sie ueberhaupt falsch gestellt,
+wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider sucht; vielleicht ist es
+der eigentliche Rhythmus und Formel des modernen Lebens, dass die
+Grenzlinie zwischen der mechanistischen und der idealistischen Auffassung
+der Welt in fortwaehrendem Fliessen bleibe, so dass die Bewegung zwischen
+ihnen, der Wechsel ihrer Ansprueche auf das Einzelne, die Entwicklung ihrer
+Gegenwirkungen ins Unendliche dem Leben den Reiz gewaehrt, den wir von der
+unauffindbaren definitiven Entscheidung zwischen ihnen erhofften. Das ist
+freilich Epigonentum; aber es ist auch die aeusserste Ausgestaltung und
+Ausnuetzung der Gunst, die die Natur der Dinge den Epigonen gewaehrt: dass,
+wenn ihnen die Groesse der Einseitigkeit entgeht, sie dafuer der
+_Einseitigkeit_ der Groesse entgehen koennen.
+
+ [Illustration: AUGUSTE RODIN.
+ _Ny Carlsberg Glyptothek._
+ DER DENKER.]
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+
+ DIE KULTUR
+
+
+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
+
+Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT
+
+Band Erschienen:
+
+ 1. ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN.
+ 2. DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE.
+ 3. DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE.
+ 4. DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR.
+ 5. ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF.
+ 6. VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI.
+ 7. ERZIEHUNG ZUR SCHOeNHEIT v. M. N. ZEPLER.
+ 8. LANDSTREICHER von HANS OSTWALD.
+ 9. FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT.
+ 10. KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL.
+ 11. DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE.
+ 12. SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM.
+ 13. LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.
+
+ _Weitere Baende in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band in kuenstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, Faksimiles und Portraets,
+kartoniert_
+_in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50.
+
+
+
+
+ DIE MUSIK
+
+
+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
+
+Herausgegeben von RICHARD STRAUSS
+
+Band _Bisher erschienen:_
+
+_ 1. Beethoven_ von August Goellerich
+_ 2. Intime Musik_ von Oscar Bie
+_ 3. Wagner-Brevier_ herausgegeben von Hans von Wolzogen
+_ 4. Geschichte der franzoesischen Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 5. Bayreuth_ von Hans von Wolzogen
+_ 6. Tanzmusik_ von Oscar Bie
+_ 7. Geschichte der Programm-Musik_ von Wilhelm Klatte
+_ 8. Franz Liszt_ von August Goellerich
+_ 9. Die russische Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 10. Hector Berlioz_ von Max Graf
+_ 11. Paris als Musikstadt_ von Romain Rolland
+_ 12. Die Musik im Zeitalter der Renaissance_ von Max Graf
+_13.{~NON-BREAKING HYPHEN~}14. J. B. Bach_ von Ph. Wolfrum
+_ 15. Schaffen und Bekennen_ von Ernst Decsey
+_16.{~NON-BREAKING HYPHEN~}17. Das deutsche Lied_ von Herm. Bischoff
+_ 18. Die Musik in Boehmen_ von Richard Batka
+_ 19. Rob. Schumann_ von Ernst Wolff
+_ 20. Georges__ Bizet_ von A. Weissmann
+
+ _Weitere Baende in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in kuenstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen und Vollbildern in Tonaetzung kart._
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
+
+
+
+
+ DIE KUNST
+
+
+SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN
+
+Herausgegeben von RICHARD MUTHER
+
+Band _Bisher erschienen:_
+
+_ 1. Lucas Cranach_ von Richard Muther
+_ 2. Die Lutherstadt Wittenberg_ von Gurlitt
+_ 3. Burne-Jones_ von Malcolm Bell
+_ 4. Max Klinger_ von Franz Servaes
+_ 5. Aubrey Beardsley_ von Rudolf Klein
+_ 6. Venedig als Kunststaette_ von Albert Zacher
+_ 7. Manet und sein Kreis_ von Meier-Graefe
+_ 8. Die Renaissance der Antike_ von R. Muther
+_ 9. Leonardo da Vinci_ von Richard Muther
+_ 10. Auguste Rodin_ von Rainer Maria Rilke
+_ 11. Der mod. Impressionismus_ von Meier-Graefe
+_ 12. William Hogarth_ von Jarno Jessen
+_ 13. Der Japanische Farbenholzschnitt_ von Friedrich Perzynski
+_ 14. Praxiteles_ von Hermann Ubell
+_ 15. Die Maler_ von _Montmartre_ [Willette, Steinlen, T. Lautrec,
+ Leandre] von Erich Klossowski
+_ 16. Botticelli_ von Emil Schaeffer
+_ 17. Jean Francois Millet_ von Rich. Muther
+_ 18. Rom als Kunststaette_ von Albert Zacher
+_ 19. James Mc. N. Whistler_ von Hans W. Singer
+_ 20. Giorgione_ von Paul Landau
+_ 21. Giovanni Segantini_ von Max Martersteig
+_ 22. Die Wand und ihre kuenstlerische Behandlung_ von Oscar Bie
+_ 23. Velasquez_ von Richard Muther
+_ 24. Nuernberg_ von Hermann Uhde-Bernays
+_ 25. Constantin Meunier_ von Karl Scheffler
+_ 26. Ueber Baukunst_ von Cornelius Gurlitt
+_ 27. Hans Thoma_ von Otto Julius Birnbaum
+_ 28. Psychologie der Mode_ von W. Fred
+_ 29. Florenz und seine Kunst_ von G. Biermann
+_ 30. Francisco Goya_ von Richard Muther
+_ 31. Phidias_ von Hermann Ubell
+_ 32. Worpswede_ von Hans Bethge
+_ 33. Jean Honore Fragonard_ von W. Fred
+_ 34. Handzeichnungen alter Meister_ von O. Bie
+_ 35. Andrea del Sarto_ von Emil Schaeffer
+_ 36. Moderne Zeichenkunst_ von Oscar Bie
+_ 37. Paris_ von Wilhelm Uhde
+_ 38. Pompeji_ von Eduard von Mayer
+_ 39. Moritz von Schwind_ von Otto Grautoff
+_ 40. Michelagniolo_ von Hans Mackowsky
+_ 41. Dante Gabriel Rossetti_ von Hans W. Singer
+_ 42. Albrecht Duerer_ von Franz Servaes
+_ 43. Der Tanz als Kunstwerk_ von Oscar Bie
+_ 44. Cellini_ von W. Fred
+_ 45. Praeraffaelismus_ von Jarno Jessen
+_ 46. Donatello_ von W. Pastor
+_ 47. Felicien Rops_ von Franz Biel
+_ 48. Korin_ von Friedrich Perzynski
+
+ _Weitere Baende in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in kuenstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, in Heliogravuere, Farbendruck etc.,
+kartoniert_
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
+
+
+
+
+ DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 30: "dass" geaendert in "das"
+ Seite 41: "grossen" geaendert in "grossen"
+ Seite 70: "transzendirenden" geaendert in "transszendirenden"
+ Werbeseiten: "Georgaes" geaendert in "Georges", "Perzynski" in
+ "Perzynski"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+February 6, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 35192.txt or 35192.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/1/9/35192/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
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+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
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+ 1.D.
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+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
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+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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+
+ 1.E.
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+ 1.E.1.
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+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
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+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
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+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
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+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+ 1.E.5.
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+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
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+ 1.E.6.
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
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+ receipt of the work.
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+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
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+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
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+ 1.F.1.
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+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
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+ Section 2.
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+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
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+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
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+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
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+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
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+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
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+ http://www.gutenberg.org
+
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