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+The Project Gutenberg EBook of Kant und Goethe by Georg Simmel
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Kant und Goethe
+
+Author: Georg Simmel
+
+Release Date: February 6, 2011 [Ebook #35192]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
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+ [Illustration: Umschlagseite]
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+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ SAMMLUNG ILLUSTRIERTER
+ EINZELDARSTELLUNGEN
+
+ HERAUSGEGEBEN VON
+ CORNELIUS GURLITT
+
+ ZEHNTER BAND
+
+ [Illustration: Monogramm]
+
+ [Illustration: _Giorgio Barbarelli_:
+ DIE DREI MORGENLÄNDISCHE WEISEN
+ _Wien: Kaiserliche Gemäldegalerie_]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Titelseite]
+DIE KULTUR
+
+
+KANT UND
+GOETHE
+ VON
+ GEORG SIMMEL
+
+_MIT EINER HELIOGRAVÜRE_
+_UND ZWÖLF VOLLBILDERN_
+_IN TONÄTZUNG_
+
+BARD MARQUARDT & CO. BERLIN
+
+
+HERAUSGEGEBEN
+von
+CORNELIUS GURLITT
+
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+ [Illustration: Signet Die Kultur]
+
+ Published November 15. 1906. Privilege of Copyright in the
+ United States reserved under the act approved March 3. 1905 by
+ Bard, Marquardt & Co. in Berlin
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+ _AUGUSTE RODIN_
+
+ _DEM BILDHAUER_
+
+ _ZUGEEIGNET_
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+ [Illustration: Ornament]
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+In die Zustände der Halbkulturen, aber auch in die Kultur vor der
+Herrschaft des Christentums pflegen wir die Einheit von Lebenselementen zu
+verlegen, die die spätere Entwicklung auseinandergetrieben und zu
+Gegensätzen ausgestaltet hat. So hart der Kampf um die physischen
+Existenzbedingungen, so unbarmherzig die Vergewaltigung des Individuums
+durch die gesellschaftlichen Forderungen gewesen sein mag -- zu dem Gefühl
+einer fundamentalen Spaltung innerhalb des Menschen und innerhalb der
+Welt, zwischen dem Menschen und der Welt, scheint es vor dem Verfall der
+klassischen Welt nur ganz vereinzelt gekommen zu sein. Das Christentum
+erst hat den Gegensatz zwischen dem Geist und dem Fleisch, zwischen dem
+natürlichen Sein und den Werten, zwischen dem eigenwilligen Ich und dem
+Gott, dem Eigenwille Sünde ist, bis in das Letzte der Seele hinein
+empfunden. Aber da es eben Religion war, hat es mit derselben Hand, mit
+der es die Entzweiung stiftete, die Versöhnung gereicht. Es mußte erst
+seine bedingungslose Macht über die Seelen verlieren, seine Lösung des
+Problems mußte erst mit dem Beginn der Neuzeit zweifelhaft geworden sein,
+ehe das Problem selbst in seiner ganzen Weite auftrat. Daß der Mensch von
+Grund aus ein dualistisches Wesen ist, daß Entzweiung und Gegensatz die
+Grundform bildet, in die er die Inhalte seiner Welt aufnimmt, und die
+deren ganze Tragik, aber auch ihre ganze Entwicklung und Lebendigkeit
+bedingen -- das hat das Bewußtsein erst nach der Renaissance als seine
+Ägide erfaßt. Mit diesem Herabreichen des Gegensatzes in die tiefste und
+breiteste Schicht unser und unseres Bildes vom Dasein wird die Forderung
+seiner Vereinheitlichung umfassender und heftiger; indem sich das innere
+und äußere Leben in sich bis zum Brechen spannt, sucht es nach einem um so
+kräftigeren, um so lückenloseren Bande, das über den Fremdheiten der
+Seinselemente ihre trotz allem gefühlte Einheit wieder begreiflich mache.
+
+Zunächst ist es das Gegenüber von Subjekt und Objekt, das die Neuzeit zu
+schärfstem Gegensatz herausarbeitet. Das denkende Ich fühlt sich souverän
+gegenüber der ganzen, von ihm vorgestellten Welt, das: "ich denke, und
+also bin ich" wird seit Descartes zur einzigen Unbezweifelbarkeit des
+Daseins. Aber andrerseits hat diese objektive Welt doch eine unbarmherzige
+Tatsächlichkeit, das Ich erscheint als ihr Produkt, zu der ihre Kräfte
+sich nicht anders als zu der Gestalt einer Pflanze oder einer Wolke
+verwebt haben. Und so entzweit lebt nicht nur die Welt der Natur, sondern
+auch die der Gesellschaft. In ihr fordert der Einzelne das Recht der
+Freiheit und Besonderheit, während sie ihn nur als ein Element, das ihren
+überpersönlichen Gesetzen untertan ist, anerkennen will. In beiden Fällen
+droht die Selbstherrlichkeit des Subjekts entweder von einer ihm fremden
+Objektivität verschlungen zu werden oder in anarchistische Willkür und
+Isolierung zu verfallen. Neben oder über diesen Gegensatz stellt die
+moderne Entwicklung den zwischen dem natürlichen Mechanismus und dem Sinn
+und Wert der Dinge. Die Naturwissenschaft deutet, seit Galilei und
+Kopernikus, das Weltbild mit steigender Konsequenz als einen Mechanismus
+von strenger, mathematisch ausdrückbarer Kausalität. Mag dies noch
+unvollkommen durchgeführt sein, mögen Druck und Stoß, auf die alles
+Weltgeschehen schließlich reduzierbar schien, noch anderen Prinzipien
+neben sich Raum geben -- dieses Geschehen bleibt prinzipiell ein
+naturgesetzlich determiniertes Hin- und Herschieben von Stoffen und
+Energien, ein abrollendes Uhrwerk, das aber nicht, wie das von Menschen
+konstruierte, Ideen offenbart und Zwecken dient. Durch das
+mechanistisch-naturwissenschaftliche Prinzip scheint die Wirklichkeit in
+völligem Gegensatz zu allem gestellt, was dieser Wirklichkeit bis dahin
+Sinn zu geben schien: sie hat keinen Raum mehr für Ideen, Werte, Zwecke,
+für religiöse Bedeutung und sittliche Freiheit. Aber da der Geist, das
+Gemüt, der metaphysische Trieb ihre Ansprüche an das Dasein nicht
+aufgeben, so erwächst dem Denken, mindestens seit dem 18. Jahrhundert, die
+große Kulturaufgabe, die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist,
+Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher Objektivität und der
+gefühlten Wertbedeutung des Lebens und der Dinge auf einer höheren Basis
+wiederzugewinnen.
+
+
+
+
+
+Von zwei prinzipiellen Gesinnungen, die in sehr mannigfaltigen
+Ausgestaltungen die Kultur durchziehen, gehen die nächstliegenden
+Vereinheitlichungen des Weltbildes aus; von der materialistischen und der
+spiritualistischen -- jene alles Geistige und Ideelle in seiner
+Sonderexistenz leugnend und die Körperwelt mit ihrem äußeren Mechanismus
+für das allein Seiende und Absolute erklärend, diese umgekehrt alles
+Äußerlich-Anschauliche zu einem nichtigen Schein herabsetzend, und in dem
+Geistigen mit seinen Werten und Ordnungen die ausschließliche Substanz des
+Daseins erblickend.
+
+Neben beiden haben sich zwei Weltanschauungen gebildet, deren
+Einheitsgedanke jenem Dualismus unparteiischer gerecht wird: die Kantische
+und die Goethesche. Es ist die ungeheure Tat Kants, daß er den
+Subjektivismus der neueren Zeit, die Selbstherrlichkeit des Ich und seine
+Unzurückführbarkeit auf das Materielle zu ihrem Gipfel hob, ohne dabei die
+Festigkeit und Bedeutsamkeit der objektiven Welt im geringsten
+preiszugeben. Er zeigte, daß zwar alle Gegenstände des Erkennens für uns
+in nichts anderem bestehen können, als in den erkennenden Vorstellungen
+selbst, und daß alle Dinge für uns nur als Vereinigungen sinnlicher
+Eindrücke, also subjektiver, durch unsere Organe bestimmter Vorgänge
+existieren. Aber er zeigte zugleich, daß alle Zuverlässigkeit und
+Objektivität des Seins gerade erst durch diese Voraussetzung begreiflich
+würde. Denn nur, wenn die Dinge nichts sind als unsere Vorstellungen, kann
+unser Vorstellen, über das wir niemals hinauskönnen, uns ihrer sicher
+machen; nur so können wir unbedingt Notwendiges von ihnen aussagen,
+nämlich die Bedingungen des Vorstellens selbst, die nun von ihnen, weil
+sie eben unsere Vorstellungen sind, unbedingt gelten müssen. Müßten wir
+darauf warten, daß die Dinge, uns wesensfremde Existenzen, in unsern Geist
+von außen hineingeschüttet würden, wie in ein passiv aufnehmendes Gefäß,
+so könnte das Erkennen nie über den Einzelfall hinausgehen. Indem nun aber
+die vorstellende Tätigkeit des Ich die Welt bildet, sind die Gesetze
+unseres geistigen Tuns die Gesetze der Dinge selbst. Das Ich, die nicht
+weiter erklärliche Einheit des Bewußtseins, bindet die sinnlichen
+Eindrücke zu Gegenständen der Erfahrung zusammen, die unsere objektive
+Welt restlos ausmachen. Dahinter, jenseits aller Möglichkeit des
+Erkennens, mögen wir uns die Dinge-an-sich denken, d. h. also die Dinge,
+die nicht mehr _für uns_ da sind; und in ihnen mögen für unsere Phantasie
+alle Träume der Vernunft, des Gemüts, der Idealbildung verwirklicht sein,
+während sie in der Welt unserer Erfahrungen, die für uns allein Objekt
+sein kann, keine Stelle finden.
+
+ [Illustration: IMMANUEL KANT
+ _Nach dem Gemälde von Döbler_
+ _Königsberg: Totenkopfloge_]
+
+Genauer angesehen, ist die Kantische Lösung des Hauptproblems, des
+Dualismus von Subjekt und Objekt, Geistigkeit und Körperlichkeit, die: daß
+diesem Gegensatz die Tatsache des Bewußtseins und Erkennens überhaupt
+untergebaut wird; die Welt wird durch die Tatsache bestimmt, daß wir sie
+_wissen_. Denn die Bilder, in denen wir uns selbst erkennen und für uns
+selbst existieren, sind ebenso wie die wirkliche Welt die Erscheinungen
+eines Etwas, das uns in seinem An-sich verborgen ist. Körper und Geist
+sind empirische Phänomene innerhalb eines allgemeinen
+Bewußtseinszusammenhangs aneinander gebunden durch das Faktum, daß sie
+beide vorgestellt werden und den gleichen Bedingungen des Erkennens
+unterliegen. In der Erscheinungswelt selbst, innerhalb deren allein sie
+unsere Objekte sind, sind sie nicht aufeinander zurückführbar, weder der
+Materialismus, der den Geist durch den Körper, noch der Spiritualismus,
+der den Körper durch den Geist erklären will, sind zulässig, jedes muß
+vielmehr nach den ihm allein eigenen Gesetzen verstanden werden. Aber
+dennoch fallen sie nicht auseinander, sondern bilden _eine_
+Erfahrungswelt, weil sie von dem erkennenden Bewußtsein überhaupt, dem sie
+erscheinen, und seiner Einheit zusammengehalten werden, und weil jenseits
+beider die zwar nie erkennbaren, aber doch immerhin denkbaren
+Dinge-an-sich ruhen; und diese mögen -- so können wir _glauben_ -- in ihrer
+Einheit den Grund jener Erscheinungen bewahren, die nun, von unseren
+Erkenntniskräften gespiegelt und zerlegt, in die Zweiheit von Geist und
+Körper, von empirischem Subjekt und empirischem Objekt auseinandergehen.
+Während also die äußere Natur, als Objekt für uns, keine Spur von Geist
+enthalten darf, so daß die vollendete Wissenschaft von ihr nur Mechanik
+und Mathematik wäre, und während der Geist seinerseits völlig anderen,
+immanenten Gesetzen folgt, binden die beiden Gedanken des übergreifenden,
+erkennenden Bewußtseins und des Dinges-an-sich, in dem ideale Ahnungen den
+gemeinsamen Grund aller Erscheinungen finden, beide zu einer einheitlichen
+Weltanschauung zusammen. Damit ist die
+wissenschaftlich-intellektualistische Deutung des Weltbildes auf ihren
+Höhepunkt gekommen: nicht die Dinge, sondern das Wissen um die Dinge wird
+für Kant das Problem schlechthin. Die Vereinheitlichung der großen
+Zweiheiten: Natur und Geist, Körper und Seele gelingt ihm um den Preis,
+nur die wissenschaftlichen Erkenntnisbilder ihrer vereinen zu wollen; die
+wissenschaftliche Erfahrung mit der Allgleichheit ihrer Gesetze ist der
+Rahmen, der alle Inhalte des Daseins in _eine_ Form: die der
+verstandesmäßigen Begreifbarkeit, zusammenfaßt.
+
+Nach einer ganz anderen Norm mischt Goethe die Elemente, um aus ihnen eine
+gleich beruhigende Einheit zu gewinnen. Über Goethes Philosophie kann man
+nicht von der trivialen Formel aus sprechen, daß er zwar eine vollständige
+Philosophie besessen, dieselbe aber nicht in systematisch-fachmäßiger
+Gestalt niedergelegt habe. Nicht nur das System und die Schultechnik
+fehlten ihm, sondern die ganze Absicht der Philosophie als Wissenschaft:
+unser Gefühl vom Wert und Zusammenhang des Weltganzen in die Sphäre
+abstrakter Begriffe zu erheben; unser unmittelbares Verhältnis zur Welt,
+das innere Anklingen und Mitfühlen ihrer Kräfte und ihres Sinnes spiegelt
+sich, wenn wir wissenschaftlich philosophieren, in dem ihm gleichsam
+gegenüberstehenden Denken; dieses drückt in der ihm eigenen Sprache jenen
+Sachverhalt aus, mit dem es direkt gar nicht verbunden ist. Wenn ich aber
+Goethe recht verstehe, handelt es sich bei ihm immer nur um eine
+_unmittelbare_ Äußerung seines Weltgefühles; er fängt es nicht erst in dem
+Medium des abstrakten Denkens auf, um es darin zu objektivieren und in
+eine ganz neue Existenzart zu formen, sondern sein unvergleichlich starkes
+Empfinden der Bedeutsamkeit des Daseins und seines inneren Zusammenhanges
+nach Ideen treibt seine "philosophischen" Äußerungen hervor wie die Wurzel
+die Blüte. Mit einem ganz freien Gleichnis: Goethes Philosophie gleicht
+den Lauten, die die Lust- und Schmerzgefühle uns unmittelbar entlocken,
+während die wissenschaftliche Philosophie den Worten gleicht, mit denen
+man jene Gefühle sprachlich-begrifflich _bezeichnet_. Da er nun aber
+zuerst und zuletzt _Künstler_ ist, so wird jenes natürliche Sich-Geben von
+selbst zu einem Kunstwerk. Er durfte "singen, wie der Vogel singt", ohne
+daß seine Äußerung ein unförmig zudringlicher Naturalismus wurde, weil die
+Kunstform sie a priori gleich an ihrer Quelle gestaltete -- gerade wie das
+wissenschaftliche Erkennen von vornherein durch bestimmte
+Verstandeskategorien geformt wird, die in der sachlich vorliegenden
+Erkenntnis als deren Formen aufzeigbar sind. Es ist deshalb in Hinsicht
+auf die letzte und entscheidende Gesinnung vollkommen richtig, was,
+äußerlich genommen, ganz unbegreiflich scheint, wenn er sagt: "Von der
+Philosophie habe ich mich immer frei erhalten." Darum wird eine
+Darstellung der Philosophie Goethes bis zu einem gewissen Grad ganz
+unvermeidlich eine Philosophie _über_ Goethe sein. Nicht um
+Systematisierung seines Denkens handelt es sich -- das wäre ihm gegenüber
+ein sehr minderwertiges Unternehmen -- sondern darum, die unmittelbare
+Fortsetzung und Äußerung des Gefühls für Natur, Welt und Leben bei ihm in
+die mittelbare, abgespiegelte, einer ganz anderen Region und Dimension
+angehörige Form der abstrakten Begrifflichkeit überzuführen.
+
+Der entscheidende und ihn von Kant absolut scheidende Grundzug seiner
+Weltanschauung ist der, daß er die Einheit des subjektiven und des
+objektiven Prinzips, der Natur und des Geistes _innerhalb ihrer
+Erscheinung selbst_ sucht. Die Natur selbst, wie sie uns anschaulich vor
+Augen steht, ist ihm das unmittelbare Produkt und Zeugnis geistiger
+Mächte, formender Ideen. Sein ganzes inneres Verhältnis zur Welt ruht,
+theoretisch ausgedrückt, auf der Geistigkeit der Natur und der
+Natürlichkeit des Geistes. Der Künstler lebt in der Erscheinung der Dinge
+als in seinem Element; die Geistigkeit, das Mehr-als-Materie und
+-Mechanismus, das seinem Hinnehmen und Behandeln der Welt allerdings erst
+einen Sinn gibt, muß er in der greifbaren Wirklichkeit selbst suchen, wenn
+es für ihn überhaupt bestehen soll. Dies bestimmt seine besondere
+Bedeutung für die Kulturlage der Gegenwart. Die Reaktion auf den
+abstrakten Idealismus der Weltanschauung vom Beginn des 19. Jahrhunderts
+war der Materialismus der 50er und 60er Jahre. Das Verlangen nach einer
+Synthese, die beide in ihrem Gegensatz überwand, rief in den 70er Jahren
+den Ruf: zurück zu Kant! hervor. Aber die _wissenschaftliche_ Lösung, die
+dieser allein geben konnte, scheint nun als Ergänzung ihrer Einseitigkeit
+die ästhetische zu fordern; die so lebhaft wiedererwachten ästhetischen
+Interessen bieten eine besondere Form, den Geist wiederum in die Realität
+aufzunehmen, und verdichten sich deshalb in den Ruf: zurück zu Goethe! Für
+ihn sind die beiden Wege verschlossen, auf denen Kant jenen fundamentalen
+Dualismus überwindet: er steigt nicht unter die Erscheinungen hinab, um
+sie, als bloße Vorstellungen, durch das erkenntnistheoretische Ich
+umschließen zu lassen, noch kann er sich, über sie hinweg, mit der Idee
+der Dinge an sich und ihrer unanschaulichen, absoluten Einheit begnügen.
+An dem ersteren hindert ihn die Unmittelbarkeit seines geistigen Wesens,
+die ihn alles Theoretisieren über das Erkennen perhorreszieren läßt.
+
+ "Wie hast du's denn so weit gebracht?
+ Sie sagen, du habest es gut vollbracht."
+ "Mein Kind, ich habe es klug gemacht:
+ Ich habe nie über das Denken gedacht."
+
+Und:
+
+ "Ja, das ist das rechte Gleis,
+ Daß man nicht weiß, was man denkt,
+ Wenn man denkt:
+ Alles ist als wie geschenkt."
+
+ [Illustration: J. W. VON GOETHE 1817.
+ _Zeichnung von F. Jagemann_
+ _Weimar: Grossh. Kunstsammlung_]
+
+Seiner im höchsten Sinne praktischen Natur war die Beschäftigung mit den
+Vorbedingungen des Denkens widrig, weil diese das Denken selbst, seinen
+Inhalten und Resultaten nach, nicht förderten. "Das Schlimme ist," sagt er
+zu Eckermann, "daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man muß von Natur
+richtig sein, so daß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor
+uns dastehen, und uns zurufen: da sind wir." Die Abneigung gegen
+Erkenntnistheorie, die aus solchen Gründen der psychologischen Praxis
+hervorging, entfernte ihn völlig von dem Kantischen Weg, in den
+Bedingungen des Erkennens, in dem Bewußtseinszusammenhang, der die
+empirische Welt trägt, die Versöhnung ihrer Diskrepanzen zu suchen. Das
+Absolute aber, in dem diese gefunden wird, aus der Erscheinung heraus in
+die Dinge-an-sich zu verlegen, würde für ihn die Welt sinnlos machen.
+"Vom Absoluten im theoretischen Sinne wag' ich nicht zu reden; behaupten
+aber darf ich: daß, wer es _in der Erscheinung_ anerkannt und immer im
+Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren wird." Und ein
+andermal: "Ich glaube einen Gott. Das ist ein schönes und löbliches Wort;
+aber Gott anerkennen, wie und wo er sich _offenbare_, das ist eigentlich
+die Seligkeit auf Erden." Nicht außerhalb der Erscheinungen, sondern _in_
+ihnen fallen Natur und Geist, das Lebensprinzip des Ich und das des
+Objekts zusammen. Dieser anschauende Glaube, ohne den es überhaupt kein
+Künstlertum gäbe, hat in ihm sein äußerstes, das ganze Weltfühlen
+durchdringende Bewußtsein erlangt, da er, als die höchste Artistennatur,
+die wir kennen, gerade in eine Zeit traf, in der jener Gegensatz die
+maximale Spannung und damit das maximale Versöhnungsbedürfnis erreicht
+hatte. Goethe, der "Augenmensch", war seiner Natur nach zu sehr Realist,
+um die Wirklichkeit zu ertragen, wenn sie nicht in ihrer ganzen
+Erscheinung Darstellung der Idee wäre; Kant war zu sehr Idealist, um die
+Welt ertragen zu können, wenn die Idee (im weitesten, nicht in dem
+spezifischen Sinn der philosophischen Terminologie) nicht die Wirklichkeit
+ausgemacht hätte.
+
+Der tiefe Gegensatz der beiden Weltanschauungen, die doch dem gleichen
+Problem gegenüberstehen, tritt in dem Verhältnis hervor, das sie beide zu
+dem berühmten Satz Hallers haben, daß "kein erschaffener Geist ins Innere
+der Natur dringt". Beide bekämpfen ihn mit förmlicher Entrüstung, weil er
+jenen Abgrund zwischen Subjekt und Objekt verewigen möchte, den es gerade
+auszufüllen galt. Aber auf wie verschiedene Motive hin! Für Kant ist der
+ganze Ausspruch von vornherein unsinnig, weil er die Unerkennbarkeit eines
+Objekts beklagt, das es gar nicht gibt. Denn da die Natur überhaupt nur
+Erscheinung, d. h. Vorstellung in einem vorstellenden Subjekt ist, so hat
+sie überhaupt kein Inneres. Wenn man von einem Inneren ihrer Erscheinung
+sprechen wollte, so sei es dasjenige, in das Beobachtung und Zergliederung
+der Erscheinungen wirklich dringen. Wenn die Klage sich aber auf dasjenige
+bezieht, was hinter aller Natur liegt, also nicht mehr Natur, weder ihr
+Äußeres noch ihr Inneres ist -- so ist sie nicht weniger töricht, weil sie
+etwas zu erkennen verlangt, was seinem Begriff nach sich den Bedingungen
+des Erkennens entzieht. Das Absolute hinter der Natur ist eine bloße Idee,
+die niemals angeschaut, also auch nicht erkannt werden kann. Goethe
+hingegen, solcher erkenntnistheoretischen Überlegung ganz fern, verwirft
+jenen Spruch aus dem unmittelbaren Mitfühlen mit dem Wesen der Natur
+heraus:
+
+ Natur hat weder Kern
+ Noch Schale,
+ Alles ist sie mit einem Male.
+
+Und:
+
+ Denn das ist der Natur Gestalt,
+ Daß innen gilt, was außen galt.
+
+Und:
+
+ Müsset im Naturbetrachten
+ Immer eins wie alles achten,
+ Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,
+ Denn was innen, das ist außen.
+
+Daß das Tiefste, Innerste und Bedeutsamste, nach dem man sich sehnen kann,
+nicht auch in der Wirklichkeit ergreifbar sein sollte, ist ihm schlechthin
+unerträglich. Der ganze Sinn seiner künstlerischen Existenz wäre ihm
+dadurch erschüttert. Wenn er deshalb jenem Spruch entgegenhält:
+
+ Ist nicht der Kern der Natur
+ Menschen im Herzen --
+
+so ist dies nur scheinbar der Kantischen Ansicht gleich, die die Natur und
+ihre Gesetze in das menschliche Erkenntnisvermögen, als dessen Produkte,
+hineinverlegt. Denn Goethe will sagen: das Lebensprinzip der Natur ist
+zugleich auch dasjenige der menschlichen Seele, beides sind
+gleichberechtigte Tatsachen, aber hervorgehend aus der Einheit des Seins,
+die die Gleichheit des schöpferischen Prinzips in die Mannigfaltigkeit der
+Gestaltungen entwickelt; so daß der Mensch in seinem eigenen Herzen das
+ganze Geheimnis des Seins und vielleicht auch seine Lösung zu finden
+vermag. Der ganze künstlerische Rausch der Einheit von Innen und Außen,
+von Gott und Welt, bricht in ihm, aus ihm hervor. Solcher Behauptungen
+über die Dinge selbst enthält sich Kant. Er sagt nur das über sie aus, was
+sich aus den Bedingungen ihres Vorgestelltwerdens ergibt. Nicht weil Natur
+und Menschenseele ihrem Wesen, ihrer Substanz nach einheitlich sind, kann
+man das eine aus dem andern ablesen, sondern weil die Natur eine
+Vorstellung in der Menschenseele ist, so daß die Form und Bewegung dieser
+allerdings die allgemeinsten Gesetze jener bedeuten muß. Man kann den
+Gegensatz, um den es sich handelt, im Hinblick auf jenen Hallerschen
+Spruch zu einer kurzen Formel zuspitzen; fragt man nach dem eigenen Wesen
+der Natur, so antwortet Kant: sie ist nur Äußeres, da sie ausschließlich
+aus räumlich-mechanischen Beziehungen besteht; und Goethe: sie ist nur
+Inneres, da die Idee, das geistige Schöpfungsprinzip, auch ihr ganzes
+Leben ausmacht. Fragt man aber nach ihrem Verhältnis zum Menschengeist, so
+antwortet Kant: sie ist nur Inneres, weil sie eine Vorstellung in uns ist;
+und Goethe: sie ist nur Äußeres, weil die Anschaulichkeit der Dinge, auf
+der alle Kunst beruht, eine unbedingte Realität haben muß. Goethe meint
+nicht, wie Kant, daß das geistige Innere das Zentrum der Natur sei;
+sondern daß dieses, wie überall so auch im Menschengeist zu finden sei.
+Beides sind gleichsam parallele Darstellungen des göttlichen Seins, das
+sich in der Natur, dem Äußeren, mit derselben Realität entwickelt, wie in
+der Seele, dem Inneren; so daß die Natur ihre unbedingte äußere,
+anschauliche Wirklichkeit behält, ohne ihre Wesenseinheit mit dem
+Menschenherzen aufzugeben, und dazu nicht erst, wie von Kant, in eine
+Vorstellung in diesem verwandelt zu werden braucht. Beide stellen sich
+gleichmäßig jenseits des Gegensatzes von Materialismus und Spiritualismus.
+Kant, weil sein Prinzip die Materie und den Geist, die beide bloße
+Vorstellungen sind, gleichmäßig und gegensatzlos unter sich begreift,
+Goethe, weil beide, die er als absolute Wesen hinnimmt, doch unmittelbar
+eines bildeten; er meint zu Schiller, die materialistischen Philosophen
+kämen nicht zum Geiste, die idealistischen aber nicht zu den Körpern, "und
+daß man also immer wohltut, in dem philosophischen Naturstande zu bleiben
+und von seiner ungetrennten Existenz den besten, möglichen Gebrauch zu
+machen".
+
+Soll aber eine _objektive_, d. h. hier, über dem Bewußtsein gelegene
+Einheit des Seins gesucht werden, so könnte sie für Kant nur in Gott
+liegen, den er ja auch ausdrücklich heranzieht, wo es sich um die
+Vereinigung der divergentesten Lebenselemente, der Sittlichkeit und der
+Glückseligkeit handelt: ein transszendenter Gott, ein Ding-an-sich,
+jenseits aller Anschaulichkeit des Seins. Für Goethe aber kommt alles
+darauf an, daß die Einheit der Dinge nicht jenseits der Dinge selbst
+liegt; er verwirft nicht nur den Gott, "der nur von außen stieße" -- das
+würde auch Kant tun; sondern, indem er das "Bedrängtsein" des göttlichen
+Prinzips in der Erscheinung anerkennt, betont er doch, wie sehr wir uns
+verkürzen, wenn wir es "in eine vor unserem äußern und innern Sinne
+verschwindende Einheit zurückdrängen". Er kann sich die Einheit der Welt
+nur retten, wenn sie nicht in die Einheit eines Wesens projiziert wird,
+das, indem es der ihm gegenüberstehenden Welt die Einheit erst verliehe,
+sie in Wirklichkeit aus ihr heraussaugen würde.
+
+Bei allen scheinbaren Analogien zwischen Goetheschen und Kantischen
+Anschauungen darf diese Grundverschiedenheit nie übersehen werden, daß
+Goethe die Gleichung zwischen Subjekt und Objekt von der Seite des Objekts
+her löst, Kant aber von der Seite des Subjekts, wenngleich nicht des
+zufälligen und personal-differenzierten, sondern des Subjekts, das der
+überindividuelle Träger der objektiven Erkenntnis ist.
+
+Wenn Goethe also sagt:
+
+ "Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
+ Wie könnt' die Sonne es erblicken?
+ Wär' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
+ Wie könnt' uns Göttliches entzücken?"
+
+so erscheint dies nur als eine Paraphrase der Kantischen Idee, daß wir die
+Dinge der Welt nur erkennen, weil und insofern ihre Formen a priori in uns
+ruhen. Tatsächlich aber ist es etwas ganz anderes. Goethe greift unter den
+Gegensatz von Subjekt und Objekt hinunter und gründet die
+Erkenntnisbeziehung zwischen ihnen auf eine Wesensgleichheit zwischen
+ihnen, wie es in primitiver Form schon Empedokles getan hatte, als er
+lehrte: dadurch, daß die Elemente aller Dinge in uns selbst sind, können
+wir die Dinge erkennen: das Wasser durch das Wasser, das Feuer durch das
+Feuer in uns, den Streit in der Natur durch den Streit in uns, die Liebe
+durch die Liebe. Nicht das Auge bildet die Sonne, und kann sie deshalb
+erkennen -- wie man jenen Vers Kantisch interpretieren müßte -- sondern Auge
+und Sonne sind gleichen objektiven Wesens, gleichberechtigte Kinder
+göttlicher Natur, und dadurch befähigt, sich miteinander zu verständigen,
+sich ineinander aufzunehmen. Die Kantische und die Goethesche Lösung des
+Weltproblems, die erkenntnistheoretische und die metaphysische -- wobei
+Goethe sozusagen keine Metaphysik _hat_, sondern Metaphysik _ist_ --
+verhalten sich wie zweierlei Beziehungen von Menschen, die äußerlich
+angesehen den gleichen Inhalt und Bedeutung darbieten, von denen die eine
+aber durch die suggestive Aktivität der einen Partei -- so daß sie die
+andere gleichsam nach ihrem Bilde und ihrem Ideal des Verhältnisses formt
+-- aufrecht erhalten wird, die andere aber durch die wurzelhafte Einheit
+und natürliche Harmonie beider Parteien.
+
+ [Illustration: _LEONARDO DA VINCI._
+ _SELBSTBILDNIS_
+ _TURIN: PALAZZO REALE._]
+
+An diesem Punkt tritt die persönliche Wesensrichtung Goethes ganz
+besonders deutlich als Träger seiner Weltanschauung hervor. Als die
+glücklichste Beanlagung des Menschen in seinem Verhältnis zur Natur kann
+es wohl gelten, wenn die eigenste, nur den Bedürfnissen und Tendenzen des
+Ich folgende Entwicklung zu einem reinen Aufnehmen und Bilde der Natur
+führt, als ob die Kräfte beider sich wie in einer prästabilierten Harmonie
+äußerten, die einen den Index für die anderen bildeten. Diese
+Konstellation traf bei Goethe auf das vollendetste zu. In allem, was er
+äußerte und wirkte, entwickelte er nur seine Persönlichkeit; den ganzen
+Umkreis seiner Betrachtung und Deutung des Daseins erfüllte er, weil er
+sich selbst auslebte, und man hat den Eindruck, als ob ihm sein Bild der
+Natur, das, bei allen sachlichen Einwänden, immerhin eines von
+unvergleichlicher Geschlossenheit, Beobachtungstreue und Hoheit der
+Auffassung ist -- entstanden wäre, indem er nur die eigene Richtung seiner
+mitgebrachten Denk- und Gefühlsenergien entfaltet hätte. _Deshalb_ darf er
+vom Künstler fordern -- was nachher noch näher zu deuten ist -- daß er
+"höchst selbstsüchtig" verfahre. Er schildert sich selbst, wenn er einmal
+von Winkelmann sagt: "Findet sich in besonders begabten Menschen jenes
+gemeinsame Bedürfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat,
+noch in der äußern Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch
+(!) das Innere völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man
+versichert sein, daß ein für Welt und Nachwelt höchst erfreuliches Dasein
+sich ausbreiten werde." Diese glückliche, zur objektiven Natur harmonische
+Richtung seines subjektiven Wesens rechtfertigt es, daß er, obwohl dieses
+letztere mit völliger Freiheit entfaltend, überall die Natur zum Spiegel
+der eigenen Vergeistigung machend, doch immer behaupten kann: er gäbe sich
+der Natur mit der größten Selbstlosigkeit und Treue hin, er spräche nur
+aus, was sie ihm diktiert, er vermeide jede subjektive Zutat, die die
+Unmittelbarkeit ihres Bildes trübte. Wir wissen von vielen der größten
+bildenden Künstler, und zwar solcher, die die strengste Stilisierung, die
+souveränste Umformung des Gegebenen übten, daß sie sich für Naturalisten
+hielten, ausschließlich das, was sie sahen, abzuschreiben meinten.
+Tatsächlich _sehen_ sie von vornherein so, daß es zu dem Gegensatz
+innerhalb des unkünstlerischen Lebens: zwischen der inneren Anschauung und
+dem äußeren Objekt -- bei ihnen nicht kommt. Vermittelst der
+geheimnisvollen Verbindung des Genies mit dem tiefsten Wesen alles Daseins
+ist sein ganz individuelles, eigengesetzliches Sehen für ihn -- und, im
+Maße seiner Genialität, auch für andere -- zugleich die Ausschöpfung des
+objektiven Gehaltes der Dinge. In Goethe war es tatsächlich ein ganz
+einheitlicher Prozeß, der sich von der einen Seite als Entwicklung seiner
+eigenen Geistesrichtung, von der anderen als Aufnehmen und Erkennen der
+Natur darstellte. Darum muß ihm die Kantische Vorstellung, daß unser
+Verstand der Natur ihre allgemeinen Gesetze vorschreibt (weil Natur erst
+dadurch für uns entstehe, daß der Verstand die Sinneseindrücke in den ihm
+eigenen Formen ausgestaltet) -- innerlich völlig fremd, ja eigentlich
+widrig sein. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt muß ihm damit unsäglich
+übertrieben erscheinen: jenes viel zu selbständig, statt demütig
+aufnehmender Hingabe an die Natur ein vergewaltigendes Vorgreifen in sie;
+dieses, mit der letzten Absolutheit seines Wesens dennoch nicht in das
+Subjekt aufgehend, der ungeheuren Anstrengung des Subjekts, es in sich
+einzuziehen, spottend. Ihm, der sein Ich von vornherein gleichsam in
+Parallelität mit der Natur fühlte, mußte es scheinen, als ob die Kantische
+Lösung dem Subjekt einerseits zuviel, anderseits zuwenig zuspräche, und
+als ob sie dem Objekte einerseits Gewalt antäte, statt sich ihm in Treue
+hinzugeben, während es ihr andrerseits doch als ein Unerfaßbares -- ein
+"Ding _an sich_" -- aus den Händen glitte.
+
+ [Illustration: DER DELPHISCHE WAGENLENKER.]
+
+In dieser Konsequenz zeigen die beiden Weltanschauungen auch in bezug auf
+die Grenzen des Erkennens die gleiche Entgegengesetztheit bei scheinbarer
+Verwandtschaft. Wie Kant fortwährend die Unerkennbarkeit dessen betont,
+was die Welt jenseits unsrer Erfahrung von ihr sei, so Goethe, daß hinter
+allem Erforschlichen noch ein Unerforschliches liege, daß wir nur "ruhig
+verehren" könnten, ein Letztes, Unsagbares, an dem unsre Weisheit ein Ende
+habe. Für Kant bedeutet dies nur die absolute, durch die Natur unsres
+Erkennens selbst gesetzte Grenze desselben; für Goethe bedeutet es nur
+jene Schranke, die aus der Tiefe und dem geheimnisvollen Dunkel des
+letzten Weltgrundes hervorgeht -- wie auch der Fromme sich bescheidet, Gott
+hienieden nicht schauen zu können, aber nicht eigentlich, weil er sich
+prinzipiell dem Schauen entzöge, sondern weil unser Schauen dazu erst
+einer im Jenseits gewährten Steigerung, Kräftigung, Vertiefung bedürfte.
+Darum sagt er:
+
+ "Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
+ Unverstanden, doch nicht unverständlich."
+
+Von den letzten Mysterien der Natur trennt uns freilich eine unendliche
+Entfernung, aber sie liegen doch gleichsam in derselben Ebene mit der
+erkennbaren Natur, weil es ja nichts als Natur gibt, die zugleich Geist,
+Idee, das Göttliche ist. Für Kant aber liegt das Ding an sich in einer
+völlig anderen Dimension als die Natur, als das Erkennbare, und man mag in
+dieser Region bis ans Ende fortschreiten, so wird man nie auf jene
+treffen. Goethe schreibt einmal an Schiller: "Die Natur ist deswegen
+unergründlich, weil sie nicht _ein_ Mensch begreifen kann, obgleich die
+ganze Menschheit sie wohl begreifen könnte. Weil aber die liebe Menschheit
+niemals beisammen ist, so hat die Natur gut Spiel, sich vor unsern Augen
+zu verstecken." Nach den Kantischen Voraussetzungen aber ist dasjenige
+allerdings vorhanden, was Goethe hier als das Beisammensein der Menschheit
+vermißt. Jene Formen und Normen, deren Anwendung Erkennen bedeutet, weil
+durch sie eben erst das Vorstellungsobjekt für uns geschaffen wird, sind
+nichts Persönliches, sondern sie sind das allgemein Menschliche in jedem
+Individuum; in ihnen liegt das Verhältnis restlos beschlossen, das die
+Menschheit überhaupt zu ihren Erkenntnisobjekten hat. Der Natur im
+allgemeinen gegenüber bestehen also nicht jene individuellen
+Unzulänglichkeiten, die Goethe erst durch das Beisammensein aller
+auszugleichen glaubt. Deshalb ist für Kant die Natur prinzipiell völlig
+durchsichtig und nur die Empirie über sie ist unvollständig. Da für Goethe
+die Natur selbst von der Idee, vom Absoluten durchdrungen ist, so kommt in
+der Natur selbst der Punkt, in dem die Intensität und Tiefe der Vorgänge
+uns weiteres Eindringen versagt; für Kant, der das Übersinnliche völlig
+aus der Natur hinausverlegt, liegt die Grenze des Erkennens nicht mehr
+innerhalb ihrer, sondern erst dort, wo sie Natur zu sein aufhört. Für
+Goethe ist es deshalb nur sozusagen eine quantitative, keine prinzipielle
+Inkonsequenz, wenn er gelegentlich zu Schiller äußert, die Natur habe kein
+Geheimnis, das sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor
+die Augen stellte, und ein andermal meint: "Isis zeigt sich ohne Schleier
+-- nur der Mensch, er hat den Star" --, während Kant absolut inkonsequent
+wird, wenn er uns doch einen Blick in das Reich des Intelligiblen
+verstattet; wovon wir übrigens hier nicht untersuchen, ob es ihm mit Recht
+oder Unrecht insinuiert wird.
+
+ [Illustration: MICHELANGELO.
+ SKLAVE VON DER DECKE DER SIXTINISCHEN KAPELLE IN ROM.]
+
+Wenn man den Rhythmus der inneren Bewegungen dieser beiden Geister nach
+ihrem Endziel bezeichnen darf -- obgleich solche letzten Ziele nur der
+Ausdruck der Wesenskräfte und ihrer inneren Gesetze sind, nicht aber das
+selbständig gesetzte Ziel, das von sich aus jenen die Richtung gäbe -- so
+ist die Formel des Kantischen Wesens: Grenzsetzung, die des Goetheschen:
+Einheit. Für Kant kam alles darauf an, und so läßt sich seine gesamte
+Leistung zusammenfassen, die Kompetenzen der inneren Mächte, die das
+Erkennen und das Handeln bestimmen, gegeneinander abzugrenzen: der
+Sinnlichkeit ihre Grenze gegen den Verstand, dem Verstand die seinige
+gegen die Vernunft, der Vernunft die ihrige gegen den
+Glückseligkeitstrieb, der Individualität die ihre gegen das
+Allgemeingültige zu setzen; damit sind zugleich in der Objektivität von
+Welt und Leben die Grenzstriche für die Kräfte, Ansprüche und
+Bedeutsamkeiten der Dinge selbst gezogen; es gilt für ihn, das praktische,
+wie das theoretische Leben vor den Übergriffen, Ungerechtigkeiten und
+Verschwommenheiten zu schützen, die aus dem Mangel genauer Grenzen
+zwischen den subjektiven ebenso wie zwischen den objektiven Faktoren
+hervorgehen. Als so grundlegend er die Bedeutung der Synthese anerkennt,
+so ist sie ihm doch sozusagen nur die natürliche Tatsache, die er
+vorfindet, und an der nun erst seine Aufgabe, die Analyse und Grenzsetzung
+zwischen den Elementen des Seins beginnt. Zu jener großen Aufgabe, das
+Subjekt mit dem Objekt in ein einheitliches Verhältnis zu setzen, brachte
+er, als Werkzeuge seiner Detailarbeit daran, von Natur gleichsam die
+Instrumente des Markscheiders mit. Ersichtlich verhält sich der Künstler
+den Erscheinungen gegenüber umgekehrt. So sehr er auch zunächst das
+verwirrende Ineinander der Qualitäten, Betätigungen und Bedeutungen der
+Dinge auseinanderlegen muß, so macht doch seine innere Bewegung erst an
+der wiedergewonnenen Einheit Halt, der gegenüber alle Grenzsetzungen
+Interessen zweiten Ranges sind. Gewiß ist die schließliche Einheit der
+Elemente und damit der Weltanschauung auch für Kant das Definitivum. Aber
+die persönliche Note, mit der er gleichsam die Tonart der dahin mündenden
+Bewegungen bestimmt, ist doch das Interesse an der Grenzsetzung; dies ist
+die große Geste, die seine Arbeit charakterisiert, wie die inneren
+Bewegungen Goethes in der Vereinheitlichung der Elemente ihren letzten
+Ausdruck finden: "Trennen und Zählen", bekennt Goethe, "lag nicht in
+meiner Natur"; und ausdrücklich sagt er: "Dich im Unendlichen zu finden,
+mußt unterscheiden und dann verbinden", während Kant die Verbindung
+vorfindet, und ihre Scheidung für sein dringlichstes Problem hält.
+
+Wie in Kant das Prinzip der Grenzsetzung, so setzt sich bei Goethe das der
+Einheit aus der allgemeinen Anschauung der Natur in die Einzelheiten fort.
+Indem die Einheit der Natur sich in diesen dokumentiert, muß sich unter
+ihnen eine durchgehende Verwandtschaft zeigen, die höchstens einer
+Abstufung des Entwicklungsmaßes, aber keiner prinzipiellen Verschiedenheit
+mehr Raum gibt. Ich will nur ein paar Äußerungen hervorheben, die zugleich
+das plumpe Mißverständnis: Goethes angebliche, hochmütig-aristokratische
+Weltanschauung zurückweisen. Er betont einmal, daß zwischen dem
+gewöhnlichen Menschen und dem Genie doch eigentlich nur ein sehr geringer
+Unterschied gegenüber dem, was ihnen gemeinsam wäre, bestünde. "Das
+poetische Talent," sagt er ein anderes Mal, "ist dem Bauer so gut gegeben
+wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand ergreife,
+und ihn nach Würden behandle."
+
+ "Wollen die Menschen Bestien sein,
+ So bringt nur Tiere zur Stube herein,
+ Das Widerwärtige wird sich mindern,
+ _Wir sind eben alle von Adams Kindern_."
+
+ [Illustration: _ALBRECHT DÜRER_
+ _HIERONIMUS_
+ _RADIERUNG._]
+
+Und endlich ganz umfassend: "Auch das Unnatürlichste ist Natur. Auch die
+plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben
+sieht, sieht sie nirgendwo recht." Die Einheit der Natur ergreift für ihn
+also auch das, was nach der Skala der Werte aufs äußerste einander
+entgegengesetzt scheint. Weil Äußeres und Inneres des gleichen Wesens
+sind, und zwischen ihren letzten Gründen keine Grenzsetzung möglich ist,
+so kann die Verschiedenheit des Maßes, in dem sie sich zu den einzelnen
+Erscheinungen mischen, keine wesentliche Verschiedenheit dieser begründen.
+Und wie zwischen den Menschen, so innerhalb des einzelnen Menschen. Er
+äußert den "Unmut", den ihm die Lehre von den unteren und oberen
+Seelenkräften erregt habe. In dem menschlichen Geist, sowie im Universum,
+ist nichts oben noch unten; alles fordert gleiche Rechte an einem
+gemeinsamen Mittelpunkt, der sein geheimes Dasein eben durch das
+Verhältnis aller Teile zu ihm manifestiert. "Alle Streitigkeiten der
+älteren und neueren bis zur neuesten Zeit entspringen aus der Trennung
+dessen, was Gott in seiner Natur vereint hervorgebracht. Wer nicht
+überzeugt ist, daß er alle Manifestationen des menschlichen Wesens,
+Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Verstand zu einer
+entschiedenen Einheit ausbilden müsse, der wird sich in einer
+unerfreulichen Beschränkung immerfort abquälen." Alles dieses würde Kant
+wohl prinzipiell auch zugeben; allein gerade in dieser Tatsache hebt sich
+die Divergenz der Denkrichtungen am deutlichsten ab. Für Goethe kommt es
+auf die Einheit an, die trotz der Grenzen der Seelenvermögen besteht; für
+Kant auf die Grenzen der Seelenvermögen, die trotz ihrer Einheit bestehen.
+Die Grenzsetzung ist für ihn das unmittelbare Korrelat der Einheit; er
+sagt einmal, nachdem er zwischen nahe benachbarten Wissensgebieten eine
+scharfe Grenze gezogen hat: "Diese _Absonderung_ hat noch einen besonderen
+Reiz, den die _Einheit_ der Erkenntnis bei sich führt, wenn man verhütet,
+daß die Grenzen der Wissenschaft nicht ineinanderlaufen, sondern ihre
+gehörig abgeteilten Felder einnehmen." Wenn es das Ziel jeder
+Weltanschauung ist, das erste regellose Ineinander und Auseinander der
+Weltelemente zu einer Harmonie und gegenseitig befriedigtem Sinn aller
+überzuführen, so haben Kant und Goethe dieses gemeinsame Ziel, der eine
+durch die Gerechtigkeit der Grenzsetzung zwischen ihnen, der andere durch
+die Einheit ihres Sichdurchdringens erreicht -- und gerade darum auch
+befriedigend erreichen können, weil jeder von ihnen die Tatsache des
+entgegengesetzten Prinzips anerkennt.
+
+ [Illustration: _A. FEUERBACH_
+ _KONZERT_
+ _BERLIN: NATIONALGALERIE._]
+
+Für beide wird diese Anerkennung freilich von seiten des letzten Motivs
+her begrenzt, aus dem überhaupt ihre Anschauungsweise quillt und das bei
+dem einen ein wissenschaftliches, bei dem andern ein künstlerisches ist.
+Die Wissenschaft befindet sich immer auf dem Wege zu der absoluten Einheit
+des Weltbegriffes, kann sie aber niemals erreichen; auf welchem Punkte sie
+auch stehe, es bedarf von ihr aus immer eines Sprunges in eine andre
+Denkweise: religiöser, metaphysischer, moralischer, ästhetischer Art -- um
+das unvermeidlich Fragmentarische ihrer Ergebnisse zu einer völligen
+Einheit zu ergänzen und zusammenzuschließen. Das hat Kant sehr gut gewußt,
+und er bestimmt deshalb mit großer Entschiedenheit die Schranken nicht nur
+_innerhalb_ seines Weltbildes sondern auch dieses Weltbildes selbst,
+soweit er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenüber dem Ideal der
+unbedingten Einheit der Dinge. Für Goethe andrerseits wird die Grenze, bis
+zu der die Analyse gehen darf, durch ein nicht weniger bestimmtes
+Kriterium gegeben; sie ist ihm von dem Punkt an unzulässig, wo sie die
+_Schönheit_ der Dinge zerstört. Schönheit, so könnte man in Goethes Sinne
+sagen, ist die Form, in der Stoff und Idee, oder Materie und Geist sich
+gegenseitig innewohnen. Daß Schönheit da ist, daß wir sie empfinden, dass
+wir sie selbst bilden können, ist die Gewähr dafür, daß jene Einheit der
+Weltelemente besteht, nach der die Ideenbewegung der Zeit suchte, ist die
+Gewähr dafür, daß das geistige Subjekt und die objektive Natur sich
+begegnet sind; und sie können sich nur begegnen -- so darf man ihn weiter
+ausdeuten -- wenn und weil sie von vornherein identisch sind. Wir müssen
+vielleicht auf die geheimnisvolle Gestalt Lionardo da Vincis zurückgehen,
+um einen Zweiten zu finden, der die Welt so restlos ästhetisch genossen,
+so jede Wirklichkeit zugleich als Schönheit empfunden hat. Weil Schönheit
+die Verkörperung ideellen Gehalts im realen Sein ist, so bedeutet die
+Durchgängigkeit _ihrer_ Herrschaft die Auflösung jenes fundamentalen
+Gegensatzes zwischen dem geistigen und dem natürlichen, dem subjektiven
+und dem objektiven Prinzip des Seins, bedeutet die Erkenntnis seiner
+Nichtigkeit. Darum findet er in der Schönheit das niemals trügende
+Kriterium für die Richtigkeit der Erkenntnis: in dem Augenblick, wo die --
+äußere oder intellektuelle -- Zergliederung des Objekts die Schönheit
+seiner Erscheinung nicht mehr bestehen ließe, wäre die Unwahrheit ihrer
+Ergebnisse bewiesen. Jenes Auseinanderreißen der Natur "mit Hebeln und mit
+Schrauben" ist ihm sozusagen theoretisch falsch, weil es ästhetisch falsch
+ist. Die Anerkennung der Geognosie ringt er sich nur schwer ab, da sie
+"doch den Eindruck einer schönen Erdoberfläche vor dem Anschauen des
+Geistes zerstückelt". Daher auch sein Haß gegen die Zerstückelung Homers;
+er will ihn "als Ganzes denken", weil er nur so seine Schönheit bewahre.
+Von analytischen Geistern, die die dichterisch-synthetische Auffassung der
+Dinge zerstören, meint er:
+
+ "Was wir Dichter ins Enge bringen,
+ Wird von ihnen ins Weite geklaubt.
+ Das Wahre klären sie an den Dingen,
+ Bis niemand mehr dran glaubt."
+
+In sehr tiefgreifender Weise bezeichnet dies das kleine Gedicht: "Die
+Freude." Er entzückt sich an den Farben einer Libelle, will sie in der
+Nähe sehen, verfolgt und faßt sie und sieht -- ein traurig, dunkles Blau.
+"So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!" Mit der zuweit getriebenen
+Zergliederung, die den ästhetischen Genuß zerstört, entschwindet also
+nicht etwa eine Illusion, sondern das ganz reale Bild des Gegenstandes.
+Ja, seine Abneigung gegen Brillen ist schließlich doch auch nur die gegen
+das scharfe Zerfasern der Erscheinungen, gegen das Zerstören des natürlich
+schönen Verhältnisses zwischen den Objekten und dem aufnehmenden Organ.
+Gewiß mit Recht meint Helmholtz, das letzte Motiv für seine unselige
+Polemik gegen Newtons Farbenlehre verrieten die Stellen, wo er über die
+durch viele enge Spalten und Gläser hindurchgequälten Spektra spottet, und
+die Versuche im Sonnenschein unter blauem Himmel nicht nur als besonders
+ergötzlich, sondern auch als besonders beweisend preist. Die Zerstörung
+des ästhetischen Bildes ist ihm zugleich die Zerstörung der Wahrheit. Die
+rechnerische Vorstellung der Dinge, wie die mathematische
+Naturwissenschaft sie durch Zerlegung in ihre, womöglich qualitätslosen,
+Elemente gewinnt, muß ihm wegen ihres Mankos an ästhetisch-anschaulichem
+Werte ein ebenso großer Frevel und Irrweg sein, wie umgekehrt für Kant
+dieses ästhetische Kriterium ein solcher gegenüber den Gegenständen des
+Naturerkennens wäre.
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+Der großen Zweiheit der Weltelemente, durch deren mannigfaltige
+Versöhnungen hin sich die Weltanschauung der neueren Zeit entwickelt,
+steht eine andere zur Seite, die sich viel früher als jene aufarbeitet, in
+ihrem Bildungsschicksal aber mit ihr verwandt ist: der praktische
+Dualismus zwischen dem Ich und der gesellschaftlichen Gesamtheit, aus dem
+man die Probleme der Sittlichkeit entspringen zu lassen pflegt. Auch hier
+beginnt die Entwicklung mit einem Indifferenzzustand: die Interessen des
+Einzelnen und der Gesamtheit haben in primitiven Kulturen überhaupt noch
+keine nennenswerte oder bewußte Entgegengesetztheit: der naive Egoismus
+hat zwar gelegentlich, aber noch nicht prinzipiell einen anderen Inhalt
+als der Gruppenegoismus. Sehr bald freilich bildet sich mit der anhebenden
+Individualisierung der Persönlichkeiten ein Gegensatz zwischen beiden
+heraus, und damit die Forderung an den Einzelnen, sein persönliches
+Interesse dem der Allgemeinheit unterzuordnen: dem Wollen tritt ein Sollen
+gegenüber, der natürlichen Subjektivität ein objektives Moralgebot. Und
+abermals erhebt sich die Einheitsforderung: diesen Dualismus durch
+Unterdrückung der einen Seite oder durch gleichmäßige Befriedigung beider
+aufzuheben; wobei es sich hier ersichtlich um eine Lösung handelt, die den
+Wert des Lebens überhaupt auf sein Maximum bringe.
+
+Die Antwort vollzieht sich bei Kant und Goethe in fast genauem
+Parallelismus mit dem Verhältnis ihrer theoretischen Weltanschauungen. Bei
+Kant durch ein objektives Moralgebot, das jenseits jeglichen besonderen
+Interesses steht, aber in der Vernunft des Subjekts wurzelt; bei Goethe
+durch eine unmittelbare innere Einheit der sittlich-praktischen
+Lebenselemente, durch eine die Gegensätze einschließende Natur des
+Menschen und der Dinge. Kants zentraler Gedanke beruht hier auf der
+völligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft; einen Wert
+erhielte das Handeln erst dadurch, daß es unter absoluter
+Rücksichtslosigkeit gegen die erstere ausschließlich der letzteren
+gehorchte. Diese aber enthält zwei Momente: einmal die Selbständigkeit des
+Menschen, die verneint ist, sobald sinnliche Motive uns bestimmen, deren
+Anregung und Befriedigung von außen, von der Gegenwart bestimmter Objekte
+abhängig ist; zweitens die völlige Objektivität des Sittengesetzes, das
+mit allen individuellen Reserven, Besonderheiten und Velleitäten
+schonungslos aufräumt und den ganzen Wert des Menschen ausschließlich
+darauf gründet, daß er seine Pflicht erfüllt, und zwar nicht nur äußerlich
+erfüllt, sondern auch um der Pflicht willen; sobald sich irgend ein
+anderes Motiv als dieses in die Handlung mischt, hat sie keinen Wert mehr.
+Ist diese Bedingung aber erfüllt, so ist der Mensch in eine höhere,
+über-empirische Ordnung eingestellt, und gewinnt so durch sein Handeln
+einen Wert, eine absolute Bedeutung, hinter der all sein bloßes Denken und
+Erkennen, das sich nur auf Empirisches und Relatives bezieht, weit
+zurücksteht.
+
+ [Illustration: PUVIS DE CHAVANNES.
+ MITTELGRUPPE AUS DEM WANDGEMÄLDE IN DER SORBONNE ZU PARIS.]
+
+An diesem letzteren, äußerst charakteristischen Punkte der Kantischen
+Lehre, dem "Primat der praktischen Vernunft vor der theoretischen" ist
+Goethe mit ihm völlig einverstanden. Unaufhörlich betont er, wie Handeln
+im sittlichen Sinne unser erstes Interesse zu bilden habe. Wie er es als
+der Weisheit letzten Schluß erklärt, daß man sich das Leben täglich
+praktisch erobre, wie er den Begriff des Menschen mit dem des Kämpfers
+identifiziert, so erklärt er, daß er überhaupt nur _handelnd_ denken
+könne, und daß ihm alle bloße Belehrung direkt verhaßt wäre, wenn sie
+nicht zugleich seine Tätigkeit belebte. Der Primat der
+sittlich-praktischen Tüchtigkeit vor aller bloßen Intellektualität und
+Theorie steht ihm ebenso fest wie Kant.
+
+Für ihre ethische Anschauung bedeutet dies die gleiche Übereinstimmung wie
+für ihre allgemeine Weltanschauung die Überwindung des oberflächlichen
+Dualismus der inneren und der äußeren Natur. Aber sogleich trennen sich,
+hier wie dort, die Wege oberhalb -- oder unterhalb -- dieser gleichsam nur
+punktuellen Gemeinsamkeit. Wie für Kant das Unerkennbare des Daseins ein
+absolutes Jenseits ist, von allem Gegebenen brückenlos geschieden, für
+Goethe aber nur die in das Mystische sich verlierende Tiefe der
+Anschauungswelt, in die der Weg von dieser, wenn auch unbeendbar, so doch
+ohne Sprung führt -- so liegt für Kant der sittliche Wert in einer dem
+Wesen nach anderen Welt, als alles andere Dasein und seine Bedeutungen,
+von diesen aus nur durch eine radikale Wendung und "Revolution" zu
+erreichen. In der Goetheschen Anschauung aber ist der sittliche Wert mit
+den übrigen Lebensinhalten in einer einheitlichen, kontinuierlich
+aufsteigenden Reihe verbunden, und sein auch für ihn unbezweifelbarer
+Primat ist jenen gegenüber der Rang des primus inter pares. Jener
+fundamentale und unversöhnliche _Wertunterschied_ zwischen der sinnlichen
+und der vernünftigen Seite unseres Wesens, auf dem die ganze Kantische
+Ethik steht, muß Goethe ein Horror sein -- wie überhaupt sein eigentlicher
+Todfeind der christliche Dualismus ist, der die Sichtbarkeit der Welt und
+ihren Wert auseinanderreißt. Die metaphysische Einheit der Lebenselemente
+muß sich für ihn unmittelbar in eine Werteinheit derselben umsetzen. Daß
+er, wie wir sahen, das Innere und das Äußere nicht trennen kann, daß er
+statt der "oberen und unteren Seelenkräfte" einen gemeinsamen Mittelpunkt
+des psychischen Daseins fordert -- das entstammt doch wohl der in die
+letzten Tiefen seiner Persönlichkeit hineinreichenden und allem Beweisen
+und Widerlegen unzugänglichen Empfindung einer Gleichheit und Harmonie
+aller unserer Wesensseiten in bezug auf den Wert, den jede besitzt. Wie
+für ihn in der anschaulichen Welt nichts so klein, flüchtig oder
+abseitliegend ist, daß sich nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf
+richten könnte, und daß es ihm nicht zum Spiegel ewiger Gesetze, zum
+Repräsentanten der Gesamtheit des Alls würde, so läßt es in der
+subjektiven Welt die gewaltige Einheit seines Lebensgefühles nicht zu
+einem prinzipiellen Wertunterschiede seiner einzelnen Energien kommen.
+Goethes Existenz wird durch das glücklichste Gleichgewicht der drei
+Richtungen unserer Kräfte charakterisiert, deren mannigfaltige
+Proportionen die Grundform jedes Lebens abgeben: der aufnehmenden, der
+verarbeitenden, der sich äußernden. In diesem dreifachen Verhältnis steht
+der Mensch zur Welt: zentripetale Strömungen, das Äußere dem Inneren
+vermittelnd, führen die Welt als Stoff und Anregung in ihn ein, zentrale
+Bewegungen formen das so Erhaltene zu einem geistigen Leben und lassen das
+Äußere zu einem Ich und seinem Besitz werden, zentrifugale Tätigkeiten
+entladen die Kräfte und Inhalte des Ich wieder in die Welt hinein.
+Wahrscheinlich hat dieses dreiteilige Lebensschema eine unmittelbare
+physiologische Grundlage, und der seelischen Wirklichkeit seiner
+harmonischen Erfüllung entspricht eine gewisse Verteilung der Nervenkraft
+auf diese drei Wege ihrer Betätigung. Beachtet man nun, wie sehr das
+Übergewicht eines derselben die anderen und die Gesamtheit des Lebens
+irritiert, so möchte man ihre wundervolle Ausgeglichenheit in Goethes
+Natur als den physisch-psychischen Ausdruck für deren Schönheit und Kraft
+ansehen. Er hat innerlich sozusagen niemals vom Kapital gezehrt, sondern
+seine geistige Tätigkeit war fortwährend von der rezeptiven Hinwendung zur
+Wirklichkeit und allem, was sie bot, genährt; seine inneren Bewegungen
+haben sich nie gegenseitig aufgerieben, sondern seine ungeheure Fähigkeit,
+sich nach außen hin handelnd und redend auszudrücken, verschaffte jeder
+die Entladung, in der sie sich völlig ausleben konnte: in diesem Sinne hat
+er es so dankbar hervorgehoben, daß ihm ein Gott gegeben hat, zu _sagen_,
+was er leidet. So könnte man in seiner Denkrichtung sagen, daß, wenn
+irgend eine Lebensenergie prinzipiell einer anderen untergeordnet ist, so
+sei sie eben dadurch, daß sie diese ihr zukommende Stelle ausfüllt, gerade
+so wertvoll wie die höhere, die auch nichts kann, als ihre Funktion
+ausüben, und das eben erst im Zusammenwirken mit der ersten kann; so daß
+jene antiaristokratische Meinung über die annähernde Gleichwertigkeit der
+Menschen -- vor der er übrigens selbstverständlich im Empirischen und nach
+dem einmal rezipierten Maßstab den Unterschied zwischen der blöden Menge
+und den großen Menschen nie übersieht -- ihre Analogie innerhalb des
+einzelnen Menschen, in Beziehung auf seine Wesenselemente findet. Wenn ich
+vorhin die Einheit des Inneren und des Äußeren, des Subjektiven und des
+Objektiven, des Ideellen und des Realen als die Voraussetzung der
+künstlerischen Weltanschauung hervorhob, so kommen wir hier vielleicht auf
+die noch tiefere Fundamentierung dieses Fundaments; jenes In- und
+Miteinander der Weltelemente ist doch vielleicht nur der Ausdruck, man
+könnte sagen: die metaphysische Rechtfertigung ihrer _Wert_gleichheit, die
+er empfindet. Das mag auch der Grund sein, weshalb das antike
+Unverhülltsein seiner sinnlichen Derbheiten immer künstlerisch wirkt, weil
+es jene Gleichberechtigung der Wesensseiten aufs schärfste verdeutlicht,
+die, zu einer allgemeinen Weltanschauung geformt, die Metaphysik aller
+Kunst ausmacht.
+
+Indem ihm so das auf das eigene und sinnliche Glück gerichtete Ideal mit
+dem Vernunftideal eine Einheit bildet, erhebt er sich ganz über den
+Gegensatz zwischen eudämonistischer und rationalistischer Moral, auf dem
+die Kantische Ethik ruht. Vielen Mißverständnissen gegenüber muß durchaus
+betont werden, daß seine Fremdheit gegen die logische Strenge der
+Vernunftethik absolut nicht bedeutet, er habe das Leben einem sinnlichen
+und Genußideal untertan machen wollen. Ja, um seinen Abstand hiervon zu
+begreifen: er kann es direkt aussprechen (1818), es sei Kants
+unsterbliches Verdienst, daß er die Moral "dem schwankenden Kalkul einer
+bloßen Glückseligkeitstheorie entgegengestellt" und sie in ihrer höchsten
+übersinnlichen Bedeutung erfaßt habe. Das widerstreitet gar nicht dem
+Ausruf in den Lehrjahren: "O der unnötigen Strenge der Moral, da die Natur
+uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen." Denn
+die Übersinnlichkeit, die er dort meint, ist eben nicht die Kantische, die
+einerseits eine exklusive Vernunftherrschaft, andrerseits unsere
+Einstellung in eine transszendente Ordnung der Dinge bedeutet. Goethes
+Übersinnliches will hier nur die allumfassende Natur besagen, die freilich
+ebensowenig einseitige Sinnlichkeit ist wie einseitige Vernünftigkeit. Das
+spricht er ganz unzweideutig einige Jahre später in einem Briefe an
+Carlyle aus: "Einige haben den Eigennutz als Triebfeder aller sittlichen
+Handlungen angenommen; andere wollten den Trieb nach Wohlbehagen, nach
+Glückseligkeit als einzig wirksam finden; _wieder andere setzten das
+apodiktische Pflichtgebot obenan_: und keine dieser Voraussetzungen konnte
+allgemein anerkannt werden, man mußte es zuletzt am geratensten finden,
+aus dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur das Sittliche sowie
+das Schöne zu entwickeln." Die eigentliche Großartigkeit des Kantischen
+Moralismus, die immer wieder über seine Verengerung und Vereinseitigung
+der Wertsphären triumphiert, hat Goethe freilich niemals erfaßt. Das
+sittliche Sollen ist für Kant die eine Karte, auf die der ganze Wert des
+Lebens gesetzt ist; und daran mußte Goethe vor allem die ungeheure
+Vergewaltigung aller anderen Lebensgebiete fühlen. "Alles Sollen ist
+despotisch," sagt er, und ihm, dem aus der tiefen Einheitlichkeit des
+Seins die gleichberechtigte Freiheit all seiner Elemente quoll, erschien
+dies unerträglich, weil er nicht in die Tiefe der Kantischen Lehre drang,
+in der dieses Sollen sich als die äußerste und unbedingte Freiheit des Ich
+offenbarte. Denn den "Despotismus" jenes Sollens kann nach der Kantischen
+Deutung weder ein Gott noch ein Staat, weder ein Mensch noch eine Sitte
+uns auferlegen, sondern allein wir selbst. Die ganze Peripherie des Lebens
+erscheint Kant von Mächten mindestens mitbestimmt, die außerhalb des
+tiefsten Ich liegen, und nur an dem Punkte der sittlichen Freiheit, d. h.
+an dem Gesetze, das wir uns selbst auferlegen, bricht dieses hervor -- in
+unversöhnlichem Gegensatz freilich zu dem Künstler, dem alles scheinbar
+Äußerliche der Ort für die Bewährung seiner tiefsten Persönlichkeitskräfte
+ist.
+
+Wenn unsere Natur einheitlich ist, weil die Natur überhaupt es ist, so
+zeigt sich damit der ethisch-praktische Konflikt nicht nur in uns, sondern
+auch außerhalb unser als nichtig. Sie muß das Ich und seine Interessen mit
+der sozialen Gesamtheit ebenso versöhnen, wie die Sinnlichkeit mit der
+Vernunft. Daraus erklärt sich, daß Goethe den eigentlich sozialen
+Problemen auch in ihren allgemeinsten Formen ganz fremd gegenübersteht.
+Denn immer handelt es sich in diesen darum, das unzulängliche oder
+verschobene Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seinem sozialen
+Kreise herzustellen. Goethe steht hier ganz auf dem Boden seiner Zeit, die
+von dem Einzelnen als Sozialwesen nur zu fordern pflegte, daß er seine
+persönliche Kraft und Einzelinteresse ganz individuell bewähre. Völlig im
+Tone des landläufigen Liberalismus bemerkt er gegen die Saint-Simonisten,
+daß jeder bei sich anfangen und zunächst sein eigenes Glück machen müsse,
+woraus denn zuletzt das Glück des Ganzen unfehlbar entstehen werde. Dies
+mag für ihn auch ästhetisch begründet sein. Er verlangt einmal vom
+Künstler, er solle "höchst selbstsüchtig" verfahren, nur das tun, was ihm
+Freude und Wert ist. Für die Kunst ist dieser Liberalismus auch völlig
+angebracht, weil hier tatsächlich ein Maximum von Gesamtwert entsteht,
+wenn jeder Künstler _seinem_ individuellen Ideale nachgeht; und weil das
+objektiv Wertvolle der Kunst, das jenseits des Gegensatzes von Ich und Du
+steht, sich dem Künstler allerdings in der Form eines persönlich
+leidenschaftlichen Begehrens darstellt. Für geringwertige ästhetisch
+angelegte Naturen droht hiermit freilich die Gefahr eines Libertinismus,
+der die ästhetischen Werte ausschließlich ihrer subjektiven Genußseite
+wegen kultiviert, unter dem Selbstbetrug, daß sie, als ästhetische, an
+sich selbst etwas Überindividuelles, objektiv Wertvolles seien. Solche
+Tendenz auf den Genuß als das Letztentscheidende lag Goethe völlig fern,
+wenn er das egoistische Prinzip betonte. Er war sich bewußt, nur seine
+einheitliche Persönlichkeit zu entwickeln -- und dasselbe von andern zu
+verlangen -- die freilich eine subjektive und eine objektive Seite hatte;
+wobei es denn sozusagen nur eine technische Frage war, welche von beiden
+gelegentlich die Führung übernahm. Der künstlerische, der Produktion
+objektiver Werte sich bewußte Egoismus verhält sich deshalb durchaus kühl
+den Aufgaben gegenüber, die aus der Spaltung der Individuen hervorgehen
+und deren Versöhnung nun gerade durch den Verzicht auf allen Egoismus
+gewinnen wollen. Statt der Versuche, jenem sozialen Antagonismus der
+Menschen eine bestimmte Form zu geben oder ihn zu überwinden, interessiert
+Goethe vielmehr das "Allgemein-Menschliche" als der unmittelbare Ausdruck,
+sozusagen als die menschliche Form der metaphysischen Einheit der Natur;
+die menschliche Natur ist ebensowenig eigentlich zu korrigieren, sondern
+nur zu entwickeln, wie unsere Theorie sie sich nicht durch künstliche, ihr
+Wesen alterierende Experimente, sondern nur durch ruhige Beobachtung ihrer
+freiwilligen Entfaltung nahe zu bringen habe. "In jedem Besonderen," so
+hofft er, "wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hindurch jenes
+Allgemeine immer mehr durchleuchten sehen." In ähnlicher Gesinnung hat
+jetzt Nietzsche, trotz oder wegen des leidenschaftlichen Interesses für
+den Menschen und die Gesamtentwicklung der Menschheit, eine absolute
+Gleichgültigkeit gegen alle sozialen Fragen an den Tag gelegt. Dagegen ist
+für den Sozialforscher oder -politiker _der Mensch_ überhaupt kein
+Problem, sondern nur _die Menschen_. Kants Moralgesetz ist, wie
+Schleiermacher sagte, "nur ein politisches": es gibt die präzise und
+erschöpfende Formel für den Menschen, der seinen sozialen Pflichten
+gleichsam von Natur feindlich gegenübersteht und ein Verhalten sucht, mit
+dem dennoch ein Zusammenleben aller möglich ist. Der äußere wie der innere
+Dualismus des Menschen bleibt für Kant, im Praktischen nicht weniger als
+im Theoretischen, im Vordergrund des Bewußtseins, und seine Lösung ist
+gleichsam nur eine labile, die mit dem Weiterbestand des Konflikts
+rechnet. Wenn Goethe aber es als sein Ideal bezeichnet, "eine gewisse
+sittlich-freisinnige _Übereinstimmung durch die Welt_ zu verbreiten", so
+ist die Voraussetzung davon die Negation eben jener Scheidung und
+Entgegengesetztheit zwischen Individuum und Gruppe und zwischen Gruppen
+untereinander, aus der die sozialen Probleme entspringen. Das
+kosmopolitische Ideal Goethes ist Ausdruck und Gegenbild der einheitlichen
+Menschennatur, deren Wesensseiten sich gleichberechtigt durchdringen und
+so sehr der Ausdruck _eines_ metaphysischen Sinnes sind, wie die Elemente
+der menschlichen Gesellschaft und der Welt überhaupt.
+
+ [Illustration: JAMES MC. N. WHISTLER
+ _Glasgow: Gallery. Photographie Hanfstängel._
+ THOMAS CARLYLE.]
+
+Da nun aber die Moral in dem landläufigen Sinne des Wortes sich auf jener
+von Kant akzeptierten Spaltung _innerhalb_ des Menschen und _zwischen_ den
+Menschen erhebt, so kann die Goethesche Weltanschauung in diesem Sinne
+keine moralische heißen; selbstverständlich ist sie darum keine
+unmoralische, sondern steht jenseits dieses Gegensatzes. Da die Natur an
+sich schon Ort und Darstellung der Idee ist, so ist das Höchste, wozu
+Menschen gelangen, der Inhalt der höchsten Forderung an sie, daß sie das,
+was die Natur in sie gelegt hat, aufs vollständigste und reinste
+ausbilden. Das Moralische im engeren Sinne ist wohl auch eine Seite davon,
+aber weil es eben nur eine _Seite_ ist, kann sie gelegentlich hinter einer
+anders gerichteten zurücktreten müssen, wenn dadurch eine vollständigere
+Entwicklung der Natur oder der Idee der Person erreicht wird. Von
+Klopstock sagt er einmal, er wäre, "von der sinnlichen wie von der
+sittlichen Seite betrachtet, ein reiner Jüngling" gewesen. Daß er so die
+sinnliche Reinheit noch von der sittlichen unterscheidet, zeigt einen
+Sittlichkeitsbegriff, der über die Moral im engeren Sinne weit hinausgeht:
+er deutet damit an, daß die sinnliche Reinheit noch lange keine sittliche
+vielleicht sogar, daß die sittliche noch keine sinnliche zu sein braucht.
+So sind auch seine Vorstellungen über das Verhältnis der Geschlechter oder
+über die Taten Napoleons oder über die Verbindung des Einzelnen mit seiner
+Nation sicher den gewöhnlichen ethischen Idealen keineswegs adäquat; sie
+werden eben ganz von dem darüber gelegenen Ideal der Natur beherrscht: daß
+der Mensch -- so könnte man in Goethes Sinne sagen -- seine Triebe und
+Anlagen in der Art und mit der Auswahl zu entwickeln habe, daß ein Maximum
+von Gesamtentwicklung herauskommt. Da das Sein und der Wert nichts
+Getrenntes sind -- "am Sein erhalte dich beglückt!" -- so ist die höchste
+Steigerung des Seins auch die des Wertes. Ihren tiefsten Ausdruck scheint
+mir diese übermoralische Moral in dem folgenden merkwürdigen Satz zu
+gewinnen: "Was die Menschen gesetzt haben (nämlich als Gesetze), das will
+nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen,
+das ist immer am Platz, recht oder unrecht." Über den Gegensatz von Recht
+und Unrecht, also über den am Kriterium der Moral entstandenen, stellt er
+hier einen höheren Begriff: das "Passen", d. h. die Fähigkeit der
+Einzelheit, sich in den letzten, höchsten Zusammenhang und Harmonie der
+Dinge einzustellen. Hiermit ist aufs entschiedenste bezeichnet, wie weit
+er über den Moralismus Kants hinausgeht. Kant sieht in dem sittlichen
+Menschen den Endzweck der Welt, den alleinigen, absoluten Wert. Der
+sittliche Mensch hat für ihn etwas Unendliches, weil er die Lösung eines
+eigentlich unlösbaren Konflikts ist. Diesen fundamentalen Zwiespalt gibt
+es für Goethe nicht. Darum kann auch die Moral nicht sein Absolutes und
+Letztes sein, sondern nur eines der Lebensprobleme und andern koordiniert
+-- während sie bei Kant die schlechthin einzige Stellung einnimmt: allein
+aus der Welt des Lebens in die transszendente hinaufzureichen. Indem er
+mit Goethe in dem negativen Teile der Wertfrage übereinstimmt, und beide
+die Glücksempfindung als definitiven Lebenswert weit von sich weisen,
+bleibt Kant an dem Gegenteil haften, während Goethe sich über den ganzen
+Gegensatz erhebt und die harmonische Einheit des Seins, in der Glück und
+Unglück, Sittlichkeit und Unsittlichkeit nur einzelne Momente sind, als
+den letzten Sinn, das absolute Maß alles Lebens erkennt. Ich stehe nicht
+an, den angeführten Satz für eine der tiefsten und größten Deutungen vom
+Sinn des Daseins zu halten; er läßt uns einen fundamentalen Zusammenhang,
+eine gegenseitige Beziehung aller Dinge ahnen, in dem die Einheit der
+Natur besteht oder sich offenbart und dem gegenüber es ein kleinlicher
+Anthropomorphismus ist, in dem zufälligen Ausschnitt, den wir als Moral
+bezeichnen, den Höhepunkt des Seins zu erblicken. Und hier kann auch
+darauf hingedeutet werden, daß Goethes Weltanschauung in letzter Instanz
+nicht nur über dem Moralismus, sondern auch über dem Ästhetizismus stehen
+dürfte. Gewiß überragt das ästhetische Motiv bei ihm an Wirksamkeit alle
+in dem gleichen Niveau stehenden, und man kann es, wie wir es getan haben,
+überall zur Interpretation seines Standpunktes benutzen; alle Einzelheiten
+führen darauf wie auf ihren Schnittpunkt hin. Allein dennoch liegt
+unterhalb seiner eine noch tiefere, sozusagen elementarere Beschaffenheit,
+sein eigentlichstes Sein, von dem auch das künstlerische Motiv nur die
+Erscheinung und Darstellung in empirischem Material ist. Wenn sich nämlich
+das Goethesche Existenzbild so darbietet, daß die Identität von Natur und
+Geist, das pantheistische Eins in Allem, Alles in Einem -- als Konsequenz
+seiner ästhetischen Grundtendenz auftritt, so kann sehr wohl im letzten
+Fundamente der Zusammenhang der umgekehrte sein: die tiefste Schicht
+seiner Natur, jenes ganz Primäre und Absolute, in dem alles eigentlich
+Benennbare des Wesens erst wurzelt, mag eben ein Gefühl von dem
+elementaren und ihn selbst einschließenden Zusammenhang alles Seins
+gewesen sein. Mehr als irgend jemand, von dem wir wissen -- auch Spinoza
+nicht ausgeschlossen -- scheint jene geheimnisvolle Einheit aller Existenz,
+an der die Philosophie von jeher herumgetastet hat, in ihm den Inhalt des
+Lebensgefühls selbst ausgemacht zu haben. Gerade wie man von religiös
+begeisterten Menschen sagt, daß der Gott in ihnen lebt, so war offenbar in
+seinem subjektiven Existenzgefühl dasjenige lebendig, was man, um irgend
+einen Ausdruck dafür zu haben, nur die metaphysische Einheit der Dinge
+nennen kann; ja, daß sie so in ihm lebt, das machte ihn eben aus, das war
+er. Dieser Bestimmtheit seines Seins überhaupt gegenüber, die sich im
+Selbstbewußtsein erst _spiegelt_, erscheint seine künstlerische Anschauung
+und Betätigung doch nur als das Verhältnis, das eine so qualifizierte
+Natur zu der besonderen Richtung ihrer Talente, zu ihrer kulturell und
+historisch bestimmten Umgebung, zu äußeren Anregungen und
+Betätigungsmöglichkeiten gewinnt, als ein _Ausdruck_ seines eigentlichen
+Wesens, aber nicht als das Wesen selbst. Als Existenz überhaupt, gleichsam
+als Substanz, mit der er in die Formen und Bewegungen der Welt eintritt,
+steht er jenseits des Ästhetischen, das sich vielmehr erst im
+Zusammenschlage jener mit diesen Formen und Bewegungen ergab und sein
+empirisches Bild gestaltete. Diese letztinstanzliche Bedeutsamkeit des
+Lebens, auf die man schließlich nur von einer unüberwindlichen Distanz her
+hindeuten, die man aber nie mit unzweideutigen Begriffen ergreifen kann,
+muß der merkwürdigen Äußerung zugrunde liegen, die er zu Eckermann tut,
+als von seiner Theaterleitung und den vielen für sein künstlerisches
+Schaffen dadurch verlorenen Jahre die Rede ist. Im Grunde gereue ihn
+dieser Verlust doch nicht, sagt er. "Ich habe all mein Wirken und Leisten
+immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich
+gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln." So erscheint
+ihm selbst also sein künstlerisches Tun als ein bloßes Sich-Ausprägen,
+Sich-Umsetzen einer tiefer gelegenen Realität, statt dieses Letzte,
+eigentlich Wirkliche und Wirksame selbst zu sein. Von hier aus verstehen
+wir nun noch gründlicher sein fortwährendes Drängen auf praktische
+Betätigung, sein Fühlen und Werten seiner selbst als handelnden Wesens.
+Denn das Handeln ist die Form, durch die jener absolute Urgrund des
+persönlichen Seins in die sichtbare Wirklichkeit tritt und die deshalb im
+allerumfassendsten Sinn die Einheit des Subjektiven und Objektiven
+ausmacht, das in der bloßen Theorie getrennt, einander gegenübergestellt
+erscheint.
+
+ [Illustration: HANS HOLBEIN D.J.
+ _Paris: Louvre_
+ ERASMUS VON ROTTERDAM.]
+
+Wenn für ihn nach alledem die Aufgabe des Menschen nur ist, seine Kräfte
+bis zum vollen Ausschöpfen aller Möglichkeiten zu entwickeln, damit
+gleichsam die Natur in ihm zu ihrem vollen Sinn komme, so zeigt doch jeder
+Blick auf das empirische Leben, daß es die Zeit und die Bedingungen zu
+einer so vollständigen Entwicklung nur sehr wenigen, vielleicht niemandem
+gewährt. In Wirklichkeit ist dies eine der fürchterlichen
+Menschentragödien, daß die menschlichen _Kräfte_ sich in menschlichen
+_Verhältnissen_ nicht vollkommen ausleben und entfalten können. Was als
+Begabung, als Spannkraft in uns lebt -- ganz abgesehen von Velleitäten --,
+könnte nur durch den merkwürdigsten Zufall die Möglichkeit restloser
+Bewährung finden; es fehlt hier, sichtbarer als sonstwo, wie vorbestimmte
+Harmonie oder die nachbestimmende Anpassung. Und es handelt sich nicht nur
+darum, daß das vollendete Werk Befriedigung auf uns zurückstrahle, sondern
+um diejenige eigentlich unerläßliche Genugtuung, die in der Lösung der
+gespannten Kräfte, in der Funktion, die unser Können ganz zum Ausdruck
+bringt, gelegen ist. Wo diese Inkommensurabilität zu vollem Bewußtsein
+gelangt, muß der Mensch untergehen. Das drückt Faust aus; bliebe er in
+seinen ursprünglichen empirischen Verhältnissen, so würde er sich
+verzehren, die unentfalteten Kräfte würden ihn töten. Das Bündnis mit
+Mephisto, die Herstellung seines Lebenswerkes durch dämonische Kräfte ist
+nur die positive Wendung davon: überempirische Verhältnisse müssen
+herbeigerufen werden, um die Entwicklung der Kräfte zu ermöglichen. Aus
+der Forderung an die Natur, daß es bei diesem Widerspruch nicht sein
+Bewenden haben könnte, entspringt die bekannte Äußerung zu Eckermann über
+die Unsterblichkeit: "Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die
+Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die
+jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag." Und eine spätere
+Bemerkung betont nochmals den besonderen Sinn und Grund dieser
+Unsterblichkeit: wir seien zwar unsterblich, aber doch nicht alle "auf
+gleiche Weise"; vielmehr nur nach dem Maße der Kraft, die wir einzusetzen
+und auszuleben haben.
+
+ [Illustration: REMBRANDT
+ BÜRGERMEISTER SIX]
+
+Es ist nun sehr merkwürdig, wie auch an diesem Punkt Kantische Argumente
+eine äußere Ähnlichkeit mit den Goetheschen zeigen, bei völliger Divergenz
+der grundlegenden Gesinnung. Kant stellte fest, daß wir, als endliche und
+natürliche Wesen, den Trieb nach Glückseligkeit als eine nicht zu
+leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in uns finden, gerade wie als
+moralische Wesen die Forderung des Sittengesetzes. Über diesen beiden
+Tatsachen erhebt sich das Verlangen nach ihrer Harmonie: die Weltordnung
+wäre nichts als eine große Dissonanz, wenn nicht das Maß des genossenen
+Glücks dem Maß der sittlichen Vollendung entspräche. Tatsächlich aber ist
+diese Proportion im irdischen Leben nicht vorhanden; zwischen Sittlichkeit
+und Glückseligkeit zeigt die Erfahrung keinerlei gerechtes und
+harmonisches Verhältnis. Da man aber an dieser Unerträglichkeit
+schlechthin nicht Halt machen und sie nicht der Ordnung der Dinge als ein
+Definitivum aufbürden kann, so postuliert Kant die Unsterblichkeit der
+Seele, weil sie nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen eines
+Gottes ihre Vollendung: die Harmonie ihres sittlichen und ihres
+eudämonistischen Seins finden kann. Es ist also sozusagen das gleiche
+Schema, in dem sich die Kantische und die Goethesche Unsterblichkeitslehre
+vollzieht; beide finden in der Wirklichkeit des menschlichen Wesens
+gewisse Forderungen unmittelbar angelegt, zu deren Erfüllung dasselbe
+unter den empirischen Verhältnissen nicht gelangen kann; da sie aber bei
+diesem Widerspruch nicht stehen bleiben können, so fordern sie von der
+Ordnung der Dinge, das Versprechen, das sie mit der Organisation unseres
+Wesens gegeben hat, wenigstens in einem Jenseits einzulösen. Nun aber
+zeigt sich sofort die tiefe Unterschiedenheit der Weltbilder: für Goethe
+könnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns Kräfte zu verleihen,
+denen sie die Entwicklung abschneidet (so sehr fällt ihm objektiv die
+Wirklichkeit mit dem Geist zusammen, daß er in bezug auf die subjektiven
+Formen beider behauptet, alles Falsche wäre auch geistlos!); für Kant
+könnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der Sittlichkeit ihr
+Äquivalent vorzuenthalten. Kant fordert die Unsterblichkeit, weil die
+empirische Entwicklung des Menschen einer Idee nicht genügt, Goethe, weil
+sie den wirklich vorhandenen Kräften nicht genügt; Kant, weil die an sich
+getrennten Elemente, Sittlichkeit und Glückseligkeit, doch eine Einheit
+gewinnen müßten, Goethe, weil der ganze einheitliche Mensch doch das in
+Wirklichkeit werden müßte, was er der Möglichkeit nach von vornherein sei.
+Man erkennt auch hier, daß Kant die Elemente des menschlichen Wesens
+außerordentlich weit auseinander treibt, so daß sie nur in ganz fernen und
+neuen Dimensionen und Ordnungen sich wieder zusammenfinden können, während
+diese Einheit für Goethe in unserer unmittelbaren Wirklichkeit gegeben ist
+und es sich sogar in der Unsterblichkeitsfrage nur um eine konsequente
+Weiterentwicklung schon gegebener Richtungen handelt. Der Übergang der
+Seele von dem irdischen in den transszendenten Zustand ist für Kant der
+radikalste, für den sein Denken Raum hat, für Goethe ein Fortschreiten in
+ungeänderter Richtung, ein bloßes Freiwerden vorhandener Energien. Auch
+dieser vorgeschobenste Posten der beiden Weltanschauungen spiegelt ebenso
+den Rhythmus des Kantischen Wesens, das die Momente des Seins
+untereinander und von ihrem Wert scheidet, um sie erst oberhalb oder
+unterhalb der Wirklichkeit wieder zu versöhnen, wie den des Goetheschen,
+für den das Sein in sich und mit seinem Wert von vornherein ein
+einheitliches ist. Hier wie überall ist das Schema ihrer Divergenzen dies,
+daß Kant der Entwicklung eines analytischen Zustandes, Goethe der eines
+synthetischen nachgeht. Goethe steht mit dem gesteigertsten Bewußtsein und
+der vertieftesten Begründung auf dem Boden undifferenzirter
+Einheitlichkeit, die der Ausgangspunkt aller geistigen Bewegungen gewesen
+ist. Kant akzentuiert die Zweiheit, in die diese auseinandergegangen ist;
+gegenüber jenem sozusagen paradiesischen Zustand -- wenngleich es nur ein
+paradise regained ist -- hat bei ihm das scientes bonum et malum die
+äußerste Schärfe erlangt, die Einheit, die er gewinnt, trägt die Spuren
+der Entzweiung, die Nähte sind nicht völlig verwachsen.
+
+Aber eben jener Flug an ein äußerstes Ziel des Betrachtens und Empfindens
+der Welt hat Goethe über so manche Stationen sich hinwegsetzen lassen, die
+das langsam geschichtliche Vorschreiten nicht übergehen kann; so mögen auf
+dem Zickzackweg der Geistesentwicklung Strecken kommen, die der Richtung
+des Goetheschen Weges, selbst wenn diese die definitive und objektiv
+richtig wäre, direkt entgegenlaufen. Und so steht es in der Wissenschaft
+der letzten hundert Jahre. Denn diese will -- oder wollte wenigstens --
+wirklich der Natur ihre Geheimnisse mit Hebeln und mit Schrauben
+abzwingen; sie will wirklich das Wahrheitsinteresse davon ganz unabhängig
+machen, ob es die Schönheit der Erscheinung zerstört oder nicht; sie will
+wirklich nicht von einer Idee des Ganzen, sondern von möglichst
+atomisierten Elementen ihren Ausgang nehmen; sie sieht wirklich den
+seelenlosen Mechanismus zweckfremder Stoffe und Kräfte als ihr einziges
+Konstruktionsprinzip des Naturbildes an; ihr liegt aller Sinn, alle
+übermechanische Bedeutung derselben _hinter_ der Erscheinung, in dem Reich
+des Intelligiblen, das in das der Sichtbarkeit und Erfahrung nie und
+nirgends hineinreiche; sie hat weder im Theoretischen noch im Ethischen
+jenes Zutrauen zu dem unmittelbar harmonischen Verhältnis zwischen der
+Natur und unseren Idealen. In alledem ist dagegen Kant der Mitbegründer
+und Genosse des modernen wissenschaftlichen Geistes; er, der einerseits in
+allem Wissen nur so viel wirkliche Wissenschaft sah, wie Mathematik darin
+ist, und der andrerseits die Gültigkeit der Mathematik auf die Form
+menschlicher Anschauung beschränkte und allem absprach, was nicht
+unmittelbar erscheinen kann; er, der den Geist und Zweck in der Natur für
+eine bloße "subjektive Maxime" ihrer Beurteilung erklärte, die ihr eigenes
+Sein gar nicht berührte; er, der das Auseinanderklaffen unserer tiefsten
+Wesensbedürfnisse mit erbarmungsloser Schärfe erkannte, um dem Verlangen
+nach ihrer Harmonie schließlich das Almosen eines transszendirenden
+_Glaubens_ zu gewähren. Wir können uns nicht verhehlen, daß die Gleichung
+zwischen diesen beiden Weltanschauungen noch nicht gefunden ist, so sicher
+erst mit ihr alles erfüllt wäre, was wir von unserem geistigen Verhältnis
+zur Welt begehren. Denn nicht so etwa stehen sie sich gegenüber, daß die
+eine uns die Wahrheit, die andere den Wert des Weltbildes zuführte;
+vielmehr, wodurch würde die Wahrheit als eine Partei in diesen Streit
+eintreten und unser Interesse fordern dürfen, wenn sie nicht auch ein
+_Wert_ wäre? -- so daß die Frage im letzten Grund zwischen zwei
+Wertgefühlen steht. Vielleicht aber ist sie überhaupt falsch gestellt,
+wenn sie nach einem stabilen Gleichgewicht beider sucht; vielleicht ist es
+der eigentliche Rhythmus und Formel des modernen Lebens, daß die
+Grenzlinie zwischen der mechanistischen und der idealistischen Auffassung
+der Welt in fortwährendem Fließen bleibe, so daß die Bewegung zwischen
+ihnen, der Wechsel ihrer Ansprüche auf das Einzelne, die Entwicklung ihrer
+Gegenwirkungen ins Unendliche dem Leben den Reiz gewährt, den wir von der
+unauffindbaren definitiven Entscheidung zwischen ihnen erhofften. Das ist
+freilich Epigonentum; aber es ist auch die äußerste Ausgestaltung und
+Ausnützung der Gunst, die die Natur der Dinge den Epigonen gewährt: daß,
+wenn ihnen die Größe der Einseitigkeit entgeht, sie dafür der
+_Einseitigkeit_ der Größe entgehen können.
+
+ [Illustration: AUGUSTE RODIN.
+ _Ny Carlsberg Glyptothek._
+ DER DENKER.]
+
+ [Illustration: Ornament]
+
+
+
+
+
+
+ DIE KULTUR
+
+
+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
+
+Herausgegeben von CORNELIUS GURLITT
+
+Band Erschienen:
+
+ 1. ARISCHE WELTANSCHAUUNG von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN.
+ 2. DER GESELLSCHAFTLICHE VERKEHR von OSCAR BIE.
+ 3. DER ALTE FRITZ von WILHELM UHDE.
+ 4. DIALOG VOM MARSYAS von HERMANN BAHR.
+ 5. ULRICH VON HUTTEN von G. J. WOLF.
+ 6. VON AMOUREUSEN FRAUEN von FRANZ BLEI.
+ 7. ERZIEHUNG ZUR SCHÖNHEIT v. M. N. ZEPLER.
+ 8. LANDSTREICHER von HANS OSTWALD.
+ 9. FRAUENBRIEFE DER RENAISSANCE von LOTHAR SCHMIDT.
+ 10. KANT UND GOETHE von GEORG SIMMEL.
+ 11. DIE MODERNE MUSIK von OSCAR BIE.
+ 12. SCHILLERS WELTANSCHAUUNG von A. VON GLEICHEN-RUSSWURM.
+ 13. LEBEN MIT MENSCHEN v. ARTH. HOLITSCHER.
+
+ _Weitere Bände in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, Faksimiles und Porträts,
+kartoniert_
+_in Leder gebunden_ _M. 3.--_
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+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50.
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+
+ DIE MUSIK
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+Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen
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+Herausgegeben von RICHARD STRAUSS
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+Band _Bisher erschienen:_
+
+_ 1. Beethoven_ von August Göllerich
+_ 2. Intime Musik_ von Oscar Bie
+_ 3. Wagner-Brevier_ herausgegeben von Hans von Wolzogen
+_ 4. Geschichte der französischen Musik_ von Alfred Bruneau
+_ 5. Bayreuth_ von Hans von Wolzogen
+_ 6. Tanzmusik_ von Oscar Bie
+_ 7. Geschichte der Programm-Musik_ von Wilhelm Klatte
+_ 8. Franz Liszt_ von August Göllerich
+_ 9. Die russische Musik_ von Alfred Bruneau
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+_ 11. Paris als Musikstadt_ von Romain Rolland
+_ 12. Die Musik im Zeitalter der Renaissance_ von Max Graf
+_13.{~NON-BREAKING HYPHEN~}14. J. B. Bach_ von Ph. Wolfrum
+_ 15. Schaffen und Bekennen_ von Ernst Decsey
+_16.{~NON-BREAKING HYPHEN~}17. Das deutsche Lied_ von Herm. Bischoff
+_ 18. Die Musik in Böhmen_ von Richard Batka
+_ 19. Rob. Schumann_ von Ernst Wolff
+_ 20. Georges__ Bizet_ von A. Weissmann
+
+ _Weitere Bände in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen und Vollbildern in Tonätzung kart._
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.--_
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+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
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+
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+
+ DIE KUNST
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+SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN
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+Herausgegeben von RICHARD MUTHER
+
+Band _Bisher erschienen:_
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+_ 1. Lucas Cranach_ von Richard Muther
+_ 2. Die Lutherstadt Wittenberg_ von Gurlitt
+_ 3. Burne-Jones_ von Malcolm Bell
+_ 4. Max Klinger_ von Franz Servaes
+_ 5. Aubrey Beardsley_ von Rudolf Klein
+_ 6. Venedig als Kunststätte_ von Albert Zacher
+_ 7. Manet und sein Kreis_ von Meier-Graefe
+_ 8. Die Renaissance der Antike_ von R. Muther
+_ 9. Leonardo da Vinci_ von Richard Muther
+_ 10. Auguste Rodin_ von Rainer Maria Rilke
+_ 11. Der mod. Impressionismus_ von Meier-Graefe
+_ 12. William Hogarth_ von Jarno Jessen
+_ 13. Der Japanische Farbenholzschnitt_ von Friedrich Perzynski
+_ 14. Praxiteles_ von Hermann Ubell
+_ 15. Die Maler_ von _Montmartre_ [Willette, Steinlen, T. Lautrec,
+ Léandre] von Erich Klossowski
+_ 16. Botticelli_ von Emil Schaeffer
+_ 17. Jean François Millet_ von Rich. Muther
+_ 18. Rom als Kunststätte_ von Albert Zacher
+_ 19. James Mc. N. Whistler_ von Hans W. Singer
+_ 20. Giorgione_ von Paul Landau
+_ 21. Giovanni Segantini_ von Max Martersteig
+_ 22. Die Wand und ihre künstlerische Behandlung_ von Oscar Bie
+_ 23. Velasquez_ von Richard Muther
+_ 24. Nürnberg_ von Hermann Uhde-Bernays
+_ 25. Constantin Meunier_ von Karl Scheffler
+_ 26. Über Baukunst_ von Cornelius Gurlitt
+_ 27. Hans Thoma_ von Otto Julius Birnbaum
+_ 28. Psychologie der Mode_ von W. Fred
+_ 29. Florenz und seine Kunst_ von G. Biermann
+_ 30. Francisco Goya_ von Richard Muther
+_ 31. Phidias_ von Hermann Ubell
+_ 32. Worpswede_ von Hans Bethge
+_ 33. Jean Honoré Fragonard_ von W. Fred
+_ 34. Handzeichnungen alter Meister_ von O. Bie
+_ 35. Andrea del Sarto_ von Emil Schaeffer
+_ 36. Moderne Zeichenkunst_ von Oscar Bie
+_ 37. Paris_ von Wilhelm Uhde
+_ 38. Pompeji_ von Eduard von Mayer
+_ 39. Moritz von Schwind_ von Otto Grautoff
+_ 40. Michelagniolo_ von Hans Mackowsky
+_ 41. Dante Gabriel Rossetti_ von Hans W. Singer
+_ 42. Albrecht Dürer_ von Franz Servaes
+_ 43. Der Tanz als Kunstwerk_ von Oscar Bie
+_ 44. Cellini_ von W. Fred
+_ 45. Präraffaelismus_ von Jarno Jessen
+_ 46. Donatello_ von W. Pastor
+_ 47. Félicien Rops_ von Franz Biel
+_ 48. Korin_ von Friedrich Perzynski
+
+ _Weitere Bände in Vorbereitung_
+
+_Jeder Band, in künstlerischer Ausstattung mit _M. 1.50_
+Kunstbeilagen, in Heliogravüre, Farbendruck etc.,
+kartoniert_
+_ganz in Leder gebunden_ _M. 3.--_
+
+BARD, MARQUARDT & Co., BERLIN W. 50
+
+
+
+
+ DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 30: "daß" geändert in "das"
+ Seite 41: "grossen" geändert in "großen"
+ Seite 70: "transzendirenden" geändert in "transszendirenden"
+ Werbeseiten: "Georgaes" geändert in "Georges", "Perzynski" in
+ "Perzynski"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT UND GOETHE***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+February 6, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Karl Eichwalder, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 35192-8.txt or 35192-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/1/9/35192/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
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+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
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+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
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+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
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+
+ 1.E.
+
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+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
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+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+ 1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
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+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
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+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
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