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+The Project Gutenberg EBook of Der Sprung aus dem Fenster, by Karl Otten
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Sprung aus dem Fenster
+
+Author: Karl Otten
+
+Release Date: December 30, 2010 [EBook #34785]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPRUNG AUS DEM FENSTER ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+Karl Otten
+
+Der Sprung
+aus dem Fenster
+
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+Kurt Wolff Verlag, Leipzig
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+Bücherei »Der jüngste Tag«, Band 55
+Gedruckt bei Dietsch & Brückner · Weimar
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+Inhalt
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+Der Sprung aus dem Fenster
+Die Siebenschläfer
+Das Pferd
+Die Heimkehr
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+Der Sprung aus dem Fenster
+
+
+Wahllos kopulierten sich Fehler und Vorzüge in dem Charakter des Herrn B.
+
+Um jeden Preis suchte er zu widerlegen, daß er dem Durchschnitt angehöre;
+aber das Wort Mittelmäßigkeit stand oft wie eine Fassade vor ihn
+hingemauert; oft umringte es ihn wie eine Mauer, längs der er rundlief; oft
+klang es wie der Ruf Manitobas überlaut und einzig in seiner Brust, so daß
+er zitternd wie ein gehetzter Hase hin und herriet, wie zu vermeiden sei,
+daß es offenbar werde.
+
+So sprach er denn bei allem mit. Erfindungen deutete er an in ihrer ganzen
+tragisch-revolutionären Größe, wenn sie überraschend auf den Markt
+niederkamen, Kunst, Politik, Dichtung fielen seinem gelehrigen Eifer zum
+Opfer. Insgeheim schrieb er Artikel für die Jägerzeitung, das freie Echo,
+Kunst dem Volke, der neue Staatsmann. Aber es war, als gehöre sein Name zum
+Text. Und doch kam es ihm ledig gerade auf die Unterscheidung, auf den
+Beweis seiner Existenz an.
+
+War es ihm in der Wirtschaft nicht gelungen, bei seinen Freunden den
+Eindruck eines Philosophen zu erregen, so behandelte er sie ungnädig, gab
+keine Antwort oder lehnte jede Erklärung mit verletzender Ironie ab. Den
+Kellner dagegen beschenkte er mit reichem Trinkgeld, guten Ermahnungen und
+Händedrücken.
+
+In der Elektrischen oder im ersten Halbschlaf fiel ihm der Plan zu einem
+Zyklus Preisgesängen auf die Freiheit des Geistes ein. Er dichtete, so
+dünkte ihm, die ganze Nacht -- ja er raffte sich aus den Decken auf und
+schrieb beim Kerzenlicht eine Stunde frierend Ekstasen aus sich ab. Der
+Morgen war Büro, Schreibmaschinen, der Mittagstisch die versalzene
+Erkenntnis: Genies gehen eher zugrunde, notorisch häufiger als schlechte
+Köchinnen.
+
+Ihm fehlte nichts als Mut zuzugeben, daß Schwächen in der Überzahl sogar
+immer noch Leben sind und ein Bekenntnis fordern. Er ahnte wohl
+dergleichen, suchte aber krampfhaft sein Denken rückwärts zu drängen, um
+den Punkt zu ergründen, wo eigentlich der Fehler seiner Konstitution liege.
+Aber es fielen ihm keine Beweise, keine Erinnerungen, keine Daten ein. Auch
+sonst keine Ideen. Reichtum des Geistes konnte aus Sprichwörtern nicht
+gesogen werden. Haltlosen Banalitäten schraubte er sich nach, beseelt von
+Feuereifer das Perpetuum mobile aus dem Bauch der Dummheit zu reißen.
+
+Führte ihm der Zufall einen Menschen vor die Klinge, der Geduld und Einfalt
+besaß, sich belehren zu lassen, oder die pensionslüsterne Tochter eines
+guten Freundes, nannte er sie zwar insgeheim Philister und Schmarotzer am
+Geiste, sprühte jedoch zugleich von Witz und Einfalt, blendete sich selbst
+mit gelehrter Skepsis und zynischen Analysen. Lärmende Freude ließ ihn
+hochgeschwellt, Wind unter allen Flügeln, Einsamkeit der Straßennacht groß
+und Sterne ewig empfinden.
+
+Er rannte hier- und dorthin. Kein Ausweg, der Unerträglichkeit des Ichs,
+Dingen, Menschen, Mittagsmählern, dem Licht, der Finsternis zu entkommen.
+
+Ihm war, als sei er eingespannt zwischen zwei Krallen, die ihn dehnten in
+allen Lagen; die Widerstände seines Daseins bohrten sich in seine Seele.
+Alle hatten Namen, Namen, die lockende Möglichkeiten klangvoll bargen,
+Tausenden auch gaben. Ja ihn selbst auch beschenkten nicht nur in seiner
+Jugend. Er sehnte sich ja danach, mit seiner Wirtin, den Kollegen, den
+Trambahnschaffnern und Kellnern, den Arbeitern und Direktoren in Frieden zu
+leben. Sein höchster Traum war: Frieden predigen und als leuchtendes
+Vorbild mit weißen Händen sich über die Stirne fahren, um das Lächeln zu
+überschatten, das immerdar auf seinen Lippen schweben, seinen Augen von
+aller Lippen offenbar werden sollte.
+
+Aber es kam nie dazu. Das Lächeln hatte er verlernt, er lachte dröhnend,
+und die Falten um sein Kinn schaukelten. Und dieses Gelächter zwackte ihn
+genau wie das hölzerne Sofa, wie das unausgesetzte Bimmeln der Glocken von
+allen Türmen, Schulen, Milchwagen.
+
+»Könnte ich doch einmal selbst Glocken läuten, von morgens bis abends, die
+ganze Nacht, damit ich mich beruhige und freue, daß andere darunter
+leiden.«
+
+Seine Unruhe war nicht zu bändigen, obwohl er doch allen Grund gehabt
+hätte, zufrieden zu sein. Er hatte alle Pläne bisher verwirklicht und das
+Wahrscheinliche wahr gemacht, das Bizarre gemieden und vergessen.
+
+Es trieb ihn um und um. Er flüsterte vor sich hin, er munkelte in eine Ecke
+starrend und ratschte mit den Füßen über die Diele.
+
+Seine Worte hatten keinen Sinn sichtbarer Verknüpfung. Es waren Worte, die
+Lawinen dunklen Mißgeschicks ihm auspreßten.
+
+»Unglaublich -- unglaublich -- gräßlich -- heraus -- nur heraus --
+furchtbar.«
+
+Und dazu stieß er tiefe Seufzer aus, Ekel verzerrte seine Lippen.
+
+Alle Dinge sprangen ihm an die Kehle. Aber er kam ihnen zuvor und
+schleuderte sie in eine Flut von Abscheu und Verachtung. Wenn die Stunde
+jedoch gekommen war, stand er auf, reckte sich, nahm sein Frühstück, ging
+ins Büro, ins Gasthaus, ging auf die Straße und legte sich zu Bett. Jedes
+wenn die Stunde gekommen war.
+
+Aber Ekel, Wut und Verzweiflung waren an keine Stunde gebunden. Sie waren
+die Zeit selber, denn sie liefen unter ihm fort und hoben ihn plötzlich auf
+und schüttelten ihn aufkochend zur Rechten zur Linken.
+
+Auch daran hatte er sich gewöhnt und gewisse Mittel ergriffen, um »das
+Ärgste zu vermeiden«.
+
+Man konnte den Dienst wechseln, die Stadt, die Wohnung, oder in Urlaub
+fahren. Der Anzug war unansehnlich, noch gut fürs Haus oder Büro. Man
+kaufte einen neuen. Der Wechsel war ein Schlafmittel und machte doch
+lebendig neuen Interessen. Dann brauchte man nicht nachzudenken, sondern
+flatterte, plätscherte. In ungeahnter Fülle spendete Schicksal Erfolge,
+Scherze, Schauspiele. Das Neue kitzelte einen neuen, unberührten Punkt der
+Nerven und führte neues Licht auf alte Farben. Die leuchteten dann ganz
+prächtig auf, das alte Grau war verschwunden.
+
+Bis es eines Tages aufschwelte und alles in den Fingerspitzen juckte. Bis
+seine Augen sich wieder öffneten, nachgebend einer unbekannten Hand, bis er
+in den Ecken stand und vor sich hinknurrte.
+
+Er war überzeugt, daß es nur ihm so ergehe, daß nur bei ihm Genialität und
+bizarres Kleinbürgertum sich so mische, daß kein Charakter dagegen
+aufblühen könne. Es war sein Irrtum, daß es nur ihn so schlage, daß er sich
+dieses Leidens schämte als einer Minderwertigkeit, gegen die er nicht
+genügend Energie verwende. Er wußte nicht, daß es alle Menschen anwandelt,
+daß sie, wenn auch nur für ganz kurze Blicke, fremde Augen öffnen und ihre
+Haut sich spannt vor Entsetzen. Hätte er's gewußt, er wäre beruhigt
+gewesen, hätte sich ausgesprochen, womöglich gelacht. So mit den Händen
+über den feuchten Tisch hin »dieses Etwas« hinabgewischt.
+
+So jedoch stand er bis zum Hals im Sumpf. Und dieser Sumpf wuchs. Er merkte
+die Luft über seinem Schädel weniger werden und doch schwerer. Und eine
+tolle Wut packte ihn, daß unten Räder rollten, Stimmen tosten, Klaviere
+schepperten und er dastehn mußte und nur fluchen konnte, seufzen,
+verzweifeln.
+
+Er öffnete die Türe und trat auf den Balkon.
+
+Dieser Balkon war sein Stolz; er führte seine Gäste gerne auf ihn hinaus
+vor diese Tiefe.
+
+»Da sehen Sie erst, wie hoch ich über allen wohne,« lachte er üppig mit
+runder Armbewegung, den Bauch gegen das Gitter pressend. Er öffnete die Tür
+mit schlaffer Hand; sie gab lautlos nach (sonst gehorchte sie nur ächzend
+mächtigem Druck). Zu Boden starrend wehte er vor, als sauge ihn ein
+Ventilator an, der Schwung eines großen Rades, glühend groß wie die Sonne,
+die drüben brannte. Bis an das gußeiserne Gitter preßte ihn der saugende
+Mund, vornüber neigte er sich mit vorgestreckten Schwimmerarmen, die jeden
+Halt fahren ließen. Seine Blicke sanken auf die Tiefe, das Blut rollte wie
+eine Spielkugel in den Kopf, warf den Körper aus dem Gleichgewicht.
+
+Er ließ ihn gleiten, befreite sich von ihm, er fühlte, daß er falle,
+wabbernd in breiten Flugflächen wie ein Blatt; denn er schien sehr leicht,
+schien ein Nichts zu sein an Gewicht. Ja, ein wirkliches Nichts, denn die
+Droschken rutschten gelassen weiter, die Menschen krabbelten, schwarze und
+helle Mäuse ihrer Wege, kein Knall, kein Schrei: ein Nichts war abgestürzt!
+
+Und er hatte doch vollkommen durchfühlt, daß er sich löse vom Balkon, vom
+Zimmer, das ihn bisher beherbergt; daß ihn die Welt ausgespieen hatte,
+damit er stürze, sein eigener Wille ihn hinausgedrängt aus der Tür -- er
+hatte den Schlag des Todes aufs Pflaster durch alle Knochen schmetternd
+gespürt, aufatmend sein Blut verspritzt in den grauen Staub der Straße für
+eine große heilige Sache, die alles Bittere erfordert, weil es so leicht
+ist.
+
+Er kroch zurück, glitt auf den Boden des Balkons, und seine Augen füllten
+sich mit Tränen, er weinte in langen Strömen, unfaßbares Leid, unfaßbares
+Glück.
+
+Und ihm war, als schwebe er mit dem Balkon in reine Höhe, die er nur
+ertragen konnte, weil sein Körper abgestürzt, zu Staub zerschmettert war.
+Mit Schluchzen und Stößen senkte aufs neue Besinnung bleiernes Erwachen in
+den noch Lebenden.
+
+Lächelnd stand er auf, reckte sich, klopfte den Staub von der Hose. Und als
+er sich umsah, Häuser, Himmel, Wolken, Türme, das Licht wie immerdar, legte
+er die Hand an die Stirne, als suche er sich, vergebens, eines Vorfalles zu
+erinnern.
+
+
+
+
+Die Siebenschläfer
+
+
+Mitten in der Krönungsfeier trat Dezius, der Kaiser, auf einen Diener zu
+und riß ihm das Amulett in Form eines Kreuzes vom Hals. Der bändigte ruhig
+seiner zornverquollenen Augen giftige Blicke; auch als der Kaiser ihn zu
+töten befahl, lächelte er erhaben.
+
+Wie alle Schwächlinge hatte Dezius insgeheim lange Jahre darüber
+nachgesonnen, wie sich Geltung verschaffen, Ansehen, Furcht und Gehorsam.
+
+Mit großem Pomp drohte er als erste Regierungshandlung grausamsten Tod
+allen Feinden des Reiches. Auch heischte Tradition diese Form.
+
+Und dann: nur Mächtige haben Feinde. Also redete und wütete der Kaiser
+gegen die Feinde, vor allem die Erbfeinde, die Christen. Lauter denn je
+dröhnten ihre Stimmen von Gleichheit und Brüderlichkeit aus den Kanälen
+unter der Stadt empor.
+
+Der Kaiser, selbst Frucht eines Aufstandes, rückte wie ein Rasender durch
+alle Provinzen seines Reiches gegen diese Revolution.
+
+Und es gelang ihm in kurzer Zeit, tausende einfältiger Menschen zur ewigen
+Seligkeit und Verklärung zu steigern, mit Wunderkraft zu begaben; ihre
+Namen rauchten wie Sonnenstaub Verklärung über die Mietskasernen und
+Markthallen und Zirkusstaden; klangen wie ein Programm, sich zu schließen
+so fest, daß die Heiligen zwischen den Schultern der Brüder eingeklemmt
+ihren Platz nicht zu lassen brauchten.
+
+Der Kaiser wurde grau und mager. Er unternahm viele Bauten, Politiken,
+Feldzüge; aber alle Untertanen erkannten aus jeder seiner Verordnungen, wie
+stark Blutschuld isoliert, wie fremd er der Zeit, taub der neuen Stimme der
+Bruderliebe war.
+
+Ein omnipotenter Knockabout, dessen Späße lebensgefährlich, dumm und
+boshaft waren. Man kam nicht auf die Idee, ihm das Genick zu brechen; so
+sehr war seine Zeit erfüllt, die neue schon vorgeeilt. Man verstand nicht
+recht, wie er noch möglich sein konnte und duldete seine Metzeleien, weil
+noch eine Schuld zu sühnen blieb. Andererseits die Überzeugung herrschte,
+daß geringe Erregung, etwa ein scheuendes Pferd, ein Schnupfen oder ein
+Ziegelstein genüge, um diese Warze zu ekrasieren.
+
+Die Bewegung zog weite, unwahrscheinliche Kreise. Im Herzen, an einer
+Stelle ihres Lebens waren alle bereits Christen, deren Blut noch Fühlung
+hatte. Die Abneigung gegen das starre Gesetz, die verlogene Geste bezahlter
+Götter, gegen endlose Kriege, wo doch alle Menschen einander lieben und
+nichts so sehr konnten als Vereinigung zur Verherrlichung der Ideen des
+Menschensohnes, die gräßliche Völlerei der Reichen, die weniger Menschen
+aber mehr Gelder wurden und das Mark aus den Rücken der Armen sogen, bis
+beide seelenlos in Räude faulten. Die Richter, Offiziere, Zuhälter der
+staatlichen Ordnung, an ihrer Spitze der Kaiser: Eitelkeit, Phrasen,
+Blutdurst, billige Zirkusmache! Sahen sie nicht in den Herzen leuchtende
+Klarheit, unabwendbar das Ziel prästabiliert?
+
+Der Boden schwankte unter ihren lächerlichen Thronen. Sie fühlten nach
+nacktrauschenden Festen, nach Blut und Eisenschlachten, marmorhallenden
+Schwindelzeremonien im Grabkuppelchen morschknochiger Angst und
+Verlassenheit ganz unvermittelt:
+
+Das Absolute des guten, liebenden Herzens in einmaliger, einfacher Armut
+triumphieren über ihre tägliche blutige Gemeinheit. Gleichwohl bekehrten
+sie sich nicht; sie konnten als das andere Prinzip nicht, ihnen fehlten
+gewisse Organe, und der Überschuß an Sophistik verhätschelte alle Regungen
+ihres dünnen Gemütes in Heuchelei und Argwohn.
+
+Mit schmal geknifften Lippen sahen sie die Freiwilligen der Idee sich zur
+Parole des Martertodes melden.
+
+Sie winkten dem Henker mit dem spitzen Zeigefinger; ließen den und jenen
+gleich niederstoßen (aber es geschah auch, daß der Henker mit dem Opfer
+niederkniete, alle den Tod erflehend): Obwohl jede Provinzstadt einen
+Zirkus erbauen mußte, hatte man nicht genügend hungrige Bestien für alle
+Christen. Den Rest sperrte man ins Gefängnis bis zum Tage der Spiele.
+
+In einer Provinzstadt trafen so sieben christliche Jünglinge im Gefängnis
+zusammen, die einander vorher nie gesehen hatten. Wie von einem Brand,
+einem Wort, das gesprochen sein muß, von der Wahrheit selbst, die Herz und
+Muskel zersprengt, wenn sie nicht erfüllt wird, von Sicherheit des Lebens,
+die wie seliger Wahnsinn alle Gefahr der Lächerlichkeit und Scham
+überspielt, vernichtet, getrieben und aufgerufen hatten sie bekannt.
+
+Jetzt kauerten sie gebückt auf dem Stroh am Lehmboden, Schulter an
+Schulter, und hielten glückschweigend einander bei der Hand, eine Kette
+stärksten Willens, der Gott selbst beschwört in Erscheinung
+niederzuflammen.
+
+Wie Liebende wiegten sie einander mit Blicken singend.
+
+»Ich staune,« hub einer an, »und große Freude höhlt mich aus, daß wir viele
+und doch einer sind. Rings sind alle Zellen voll, in jeder Zelle pocht mein
+Herz, in meinem Herzen beten alle Brüder. Mein einziger Zweifel war, daß
+der Richter mich nicht ernst nehmen und ich mich wie ein Tier in den Rachen
+eines vergeblichen, eingequälten Ungeheuers werfen würde. Ich war einsam,
+ein Hirte auf den Abhängen der Gebirge. Vielleicht riefen die Tiere,
+Wolken, Steine des Herrn Wort in mir wach.
+
+Ich vertraute ihm, überwand meinen Schreck und Ihr belohnt mich herrlich,
+da ich bei Euch sein darf.
+
+Alles ist von uns abgefallen, weil alles Zweifel und Schranke war gegen den
+Sieg des Geistes.
+
+Wir können nur noch sterben.
+
+Das ist jetzt das wahre Glück, zu erkennen, daß nichts, auch dieser Leib
+nicht einen Wert hat. Wir sinken in die Unsterblichkeit, in die einzige
+Idee, in die wahre Zeit. Wie danke ich Gott, daß ich Euch anschauen darf;
+Ihr meine anderen Ichs; wir ein siebenfaches Ich.
+
+Alle Löwen, alle Kaiser, alle Henker, Richter, Soldaten, Götter und
+Gesetze, alle Bestechung und Lüge macht unser Tod reif; sie faulen tiefer,
+sie kippen unter den Stößen unserer letzten Atemzüge. Wir sterben nicht
+irgendeinen Tod wie ein Krug zerbricht, weil ihn die Magd von der Bank
+stieß.
+
+Unser Tod erhellt das wahre Leben über alles Sein. Wir werden in den Herzen
+derer, die zurückbleiben, auferstehen, in den Herzen der Freunde wie der
+Feinde. Die Schwankenden werden fest in Mut und Feuer, die Spötter
+verstummen, die Zweifler glauben.
+
+Hätten wir in Frieden den Glauben an den Geist und den göttlichen Sohn des
+Menschen wirken können, wären wir vielleicht eingeschlafen und zum Haufen
+geworfen, wo alles Unkraut in der Grube dorrt.
+
+Jetzt aber ist Krieg, nicht gegen die Trakier, Gallier, Numider, nein,
+gegen den Geist, gegen die Liebe, gegen uns, die Menschen. So voll war ich
+der Liebe zur Menschheit, zu den Armen, Unterdrückten und Verblendeten, daß
+es begeistert aus mir schrie, als mich der Richter fragte, ob ich Christ
+sei.
+
+Die Stimme der Welt, die Erinnerung an Weib und Kind, Haus, Geld und Leben
+erblindete, verstummte in mir: gleichgültig alles vor dem Tode für die Idee
+der Liebe. Ich weiß, daß sie von meinem Tod erst recht leben wird. Sie ist
+über uns eine starke Kraft, in sie flieht unser schwaches Leben, sie lebt
+von unserem Glauben, bis sie Übermacht hat über die Tyrannen, die Welt, die
+Trägheit der Herzen.
+
+Es ist dieser Tod nicht ein Ende, vielmehr der Anfang. Erst durch den Tod
+für seine Idee, die auch die Idee aller Menschen war, lebte Christus in
+unseren Herzen, in aller Herzen, lebte er überhaupt.
+
+In Einsamkeit und Fremde rang ich mit mir wie Christus um die Erkenntnis
+jener Liebe, die auch den letzten Hund in sich verschließt, die alle
+Handlung ablehnt, die nicht von jenem Geist durchwärmt getrieben wird, aus
+der vollen Kraft des Einzigen. An mir liegt nichts!
+
+Am Menschen liegt nichts!
+
+Die Idee, der Glaube, die Liebe!
+
+Aber auch sie sind erst, wenn Du und Du und jeder, jeder einzeln einsam,
+einzig hindurch durch alle Verworrenheit und Zweifel ins Angesicht der
+Ewigkeit sich schwinden fühlt, abscheiden aus aller Lust und Unlust, aus
+allen Schalen.
+
+Dann bleibt der Tod nur wie ein Schritt durch ein Tor in blaues Lieht.«
+
+Jedem war, als strömten diese Worte aus seiner eigenen Seele. Sie
+enthielten alles, was sie zu sagen wußten, je hätten sagen können.
+Schweigend genossen sie jetzt das große Glück, nicht einsam zu sein vor dem
+Tode. Sie waren ihrer Sieben eine Allmacht.
+
+Sieben Tage und Nächte warteten sie geschlossen auf das Ende. Ihre Kraft
+nahm nicht ab, sie dachten nicht, sie wußten nicht. Sie saßen und warteten.
+
+Am Morgen des siebenten Tages zog der Wärter sie aus der Zelle. In einer
+Schar von Brüdern und Schwestern trieb man sie zum Zirkus, der im Schatten
+heller Pinien vor der Stadt erbaut war. Alle Wege strömten über von Volk.
+Lautes Geschrei begrüßte die Gefangenen, Abschiedsrufe und Wehrufe und
+Wehklagen. (Aber es duldete, sah stumpf und grausam gleichgültig zu, daß
+die Behörden, die doch alle verachteten, Opfer aus ihrer Mitte rissen und
+von wilden Tieren zerfleischen ließen.) Die Soldaten drängten voran, da sie
+einen Aufstand befürchteten. Oder es ihnen Freude machte, die Wehrlosen zu
+quälen.
+
+Die sieben Freunde schritten Hand in Hand nebeneinander. Manchmal, wenn sie
+Bekannte in der Menge sahen, riefen sie ihr Glück freudig in die
+erschreckten Gesichter, die sich verlegen abwandten.
+
+Ihnen war, als hörten sie schon das Gebrüll der Löwen, als öffne sich ihre
+Brust, die Seele auszulassen, die sich an der Brust des Ewigen bergen
+wollte. In ihrer Erregung schritten sie hastiger aus, an die Spitze des
+Zuges, sie begannen zu laufen, das Volk wich zurück, öffnete eine Gasse --
+es hob sie über die Köpfe hinweg ein leichter Wind des Himmels, über die
+Dächer, durch den Wald.
+
+Als sie das Klirren der Legionäre hinter sich hörten, Pfeile ihnen
+nachschwirrten, fühlten sie voll Schrecken, daß sie auf unwiderstehlicher
+Flucht waren. Sie sahen einander an und stürmten weiter, die Verfolger
+trabten mit lautem Geschrei hinterdrein. Schweiß vor Anstrengung und
+Verzweiflung troff über ihre Gesichter, und die Haare klebten kalt an ihren
+Schädeln.
+
+Sie konnten ihren Beinen nicht Halt gebieten, eine unwiderstehliche Kraft
+riß sie nach vorne wider ihren Willen. Mit steigendem Entsetzen fühlte
+jeder, wie er sich gegen die heiligsten Entschlüsse gleichsam vor der
+Seligkeit rettete, wie sie ihren liebsten, brennendsten Wunsch zu sterben
+für die Unsterblichkeit der Idee Gottes aufgaben und wie Feiglinge im
+Schoße der Welt, die sie verachteten, Sicherheit suchten.
+
+Im Berg zu ihrer Rechten klaffte ein Spalt. Sie schlüpften hinein und
+hinter dem letzten ward es Nacht, durch die sie noch ihre Verfolger
+vorbeistürmen hörten.
+
+Glücklich, einander nicht anschauen zu brauchen, legten sie sich nieder und
+schliefen ein vor Erschöpfung und Trauer.
+
+Als sie erwachten aus unendlichen Träumen, war es lichter Tag um sie her.
+Sie sprangen vom Boden auf und waren einig, sich sofort dem Richter zu
+stellen, damit der Tod Flucht und Schande von ihnen nehme und ihnen endlich
+die Pforte des Paradieses öffne.
+
+Eilends verließen sie ihre Höhle. Sie wanderten lange durch einen Wald, den
+kein Weg aufteilte. Sie verhehlten einander ihre Unruhe, denn keiner kannte
+die Gegend und die Stadt schien vom Erdboden verschwunden.
+
+Sie änderten ihren Kurs und gelangten auf eine wüste Stätte voller Ruinen
+und Trümmer von Säulen, Tempeln, Kasernen und Gerichtsgebäuden. Fern am
+Rande der Vernichtung sahen sie müde Rauch wirbeln. Sie atmeten auf und
+hielten auf dieses Zeichen zu. Da lagerten einige armselige Hütten um ein
+Kreuz. Menschen saßen vor den Türen und blickten in den Abend. Sie standen
+auf, als die Sieben sich näherten. Man verstand einander zuerst nicht. Aber
+die Leute gaben ihnen freundlich Brot und Käse und zeigten ihnen den Weg
+zur Stadt.
+
+Diese Stadt aber kannten sie nicht. Sie schien neu, niedriger, kleiner als
+ihre Vaterstadt. Sie fragten nach dem Richter Glädonius, der sie zum Tod
+verurteilt hatte.
+
+Niemand hatte von ihm gehört.
+
+Sie fragten nach dem Gouverneur Procius, dem Feldherrn Caronius, nach allen
+Beamten, allen Großen der Stadt, allen Philosophen und Dichtern. Nie hatten
+die Leute dieser Stadt ihre Namen vernommen.
+
+Offenbar war ein Furchtbares geschehen in ihrer Abwesenheit, ein Erdbeben,
+eine Feuersbrunst, Kriege schienen in einer Nacht, einem Schlaf die Erde
+umgestürzt und alle Menschen verändert und ihr Gedächtnis ausgelöscht zu
+haben.
+
+Endlich führte man sie in ein weißes, gedecktes Haus, über dessen Tür das
+Zeichen des Kreuzes gemalt war und der Gekreuzigte aus Stein gemeißelt in
+einer Nische stand. In diesem kühlen Hause empfing sie ein alter Mann mit
+großen Augen und faltig-knochigem Gesicht.
+
+»Wir bitten Dich, uns vor den Richter zu führen. Wir sind Christen und den
+Soldaten des Kaisers entflohen. Wir sind bereit, jetzt sofort zu sterben.
+Wir wollen jetzt Zeugnis ablegen.«
+
+»Wir sind alle Christen, meine Brüder,« meinte vorsichtig der Greis,
+»weshalb seid Ihr den Soldaten entflohen? Und wenn Ihr ein Verbrechen
+begangen habt, so sollt Ihr es büßen. Sagt mir, was Ihr begangen habt!«
+
+»Wir sind Christen und wollen Zeugnis ablegen für den Glauben an die
+Gleichheit der Menschen, die Unsterblichkeit der Seele, die Liebe, die alle
+Welt erlöst, und für den Sohn des Menschen. Wenn auch Du Christ bist, um so
+besser, so wollen wir zusammen gehen und bekennen. Vielleicht, daß wir
+zusammen sterben können.«
+
+Der Alte erschrak, und während er zugleich zitternd einen Schritt
+zurückwich, sah er die Sieben genauer an. In ihren hageren Gesichtern
+glühten Augen schwarz wie geronnenes Blut, Glanz und Modergeruch strömte
+aus ihren schimmligen Gewändern und wüsten Bärten. Ein heller Schein wölbte
+gleichsam eine Kuppel über sie.
+
+Da stürzte der Alte in die Knie und rief entsetzt um Hilfe, denn er
+fürchtete sich vor diesen sieben Männern, die vom Tode auferstanden waren
+und wie die Richter des jüngsten Tages verschlossen und hartnäckig nach dem
+Sinn fragten.
+
+Volk drängte herbei und umringte sie mit Ausrufen der Verwunderung,
+Neugierde und Ehrfurcht.
+
+»Von welchem Kaiser redet Ihr? Welchem Richter, welches Jahr schreibt Ihr?
+
+Wir sind alle Christen und leben doch. Wir leben doch alle trotz unseres
+Glaubens. Keiner tötet uns, keiner verfolgt uns. Ihr redet von längst
+vergangenen, finsteren Zeiten.«
+
+»Wir meinen den Kaiser Dezius, der unsere Freunde und Geschwister wie uns
+selber einfing für die Löwen im Zirkus.
+
+Gestern sind wir entflohen, wir wurden hinweg geführt und verbrachten eine
+Nacht im Schlaf in einer Höhle.«
+
+Wie Schläge fiel die Wahrheit über sie her:
+
+Dezius ist seit zweihundert Jahren tot, alle Götter sind tot, alle Tempel
+und Altäre der Heiden zerstört.
+
+Es gibt keine Heiden mehr. Die Heiden werden bekehrt oder verbrannt. Kaiser
+und Heer, das ganze Volk, alle sind Christen, vereint in der wahren Kirche
+Christi. Wenn Ihr also rechtgläubige Christen seid, so seid ohne Furcht.
+
+»Euer Glaube, für den Ihr nicht mehr zu sterben braucht, beseelt uns alle.
+Niemand denkt daran, für diese Tatsache sich töten zu lassen oder in ihr
+etwas Erstaunliches zu sehen.
+
+Aber erzählt, wie es Euch erging in Eurem Leben. Wie lebten die Menschen
+damals, wie starben sie?«
+
+Und die Sieben bekannten ihren Glauben in aller Einfalt und Glut. Ihr Leben
+war ihnen, da sie den Sieg sahen, entschwunden und sie wußten nichts
+anderes zu berichten, als daß sich alle unterordneten in Liebe unter das
+erlebte Gebot Christi, daß Leben, Eigentum und irdische Ehre nichts galten
+im Hinblick auf die Ruhe des Herzens und Erfüllung der Liebe.
+
+Aber es erhob sich von neuem und die nächsten Tage fort ein Fragen nach dem
+Wie und Wo, dem Aussehen und Gebaren der Menschen in ihren Tagen. Man
+bestaunte sie wie wilde Tiere trotz aller Scheu.
+
+Die aber vermochten in ihrer Errettung nichts Sonderbares oder
+Unglaubliches mehr zu sehen. Wohl aber sahen sie viele Dinge in ihrem neuen
+Leben, die sie mit wachsender Trauer erfüllten, weil sie ihrem Verständnis
+fremd und ihrem Glauben tot, unlebendig erschienen.
+
+Es war ihnen, als seien sie am Leben geblieben, um zu erfahren, daß die
+Welt gestorben sei.
+
+Und sie äußerten laut ihre Mißbilligung und tadelten die hohen Herren der
+Kirche, die Beamten und Besitzer der Äcker und Häuser. Nach außen waren
+alle Christen, fromm hielten sie alle Gebote, die sich seltsam rasch
+vermehrt hatten. Ihre Herzen aber entbehrten alles fühlenden Wissens, aller
+Geduld, aller Wärme.
+
+Man beorderte sie vor ein Konzilium, das sie höflich und salbungsvoll
+behandelte, ihnen aber eindringlich diese Reden gegen die bestehende
+Ordnung verwies und sie vor den Folgen einer Irrlehre warnte. Bald stellten
+sich bei den Sieben auch die Zeichen ihres furchtbaren Alters ein. Sie
+holten ihr Leben nach. In wenigen Tagen bekamen sie das Aussehen uralter
+Bäume, die mit Moos und Flechten bewachsen einsam in stillen Tälern
+trauern, in schwarze Schatten gehüllt.
+
+Sie ließen nicht ab, laut und lauter ihre Stimmen zu erheben. Sie zogen wie
+die gerettete, unbeugsame Wahrheit durch Städte und Dörfer und predigten
+voll Eifer die Reinheit des armen Lebens, das sich der Ewigkeit verdungen.
+
+Viele hörten auf sie, heimlich kamen manche und empfingen Händedruck und
+Trost, die Masse des Volkes geriet in Wallung: Zeichen und Wunder, neuer
+Eifer, neuer Drang gegen Himmel schloß die Menge in Ehrfurcht und Glauben
+aneinander.
+
+Viele aber lachten hinter ihrem Rücken, nannten sie komische Käuze und die
+Geschichte des hundertjährigen Schlafes eine dumme Legende. Die Behörden
+der Kirche aber ergrimmten mehr und mehr über diese unliebsamen Heiligen
+und riefen die Wächter des Staates zu Hilfe. Die gingen vor nach den
+Buchstaben des Gesetzes und stellten die Sieben vor Gericht. Man hatte sie
+dabei ertappt, daß sie Früchte von Feldern und Brot stahlen.
+
+Sie erklärten zu ihrer Verteidigung, daß unter Christen, die doch Brüder
+seien, alles Eigentum gemeinsam sei, in Wahrheit also fortfalle, und
+vermochten die schwierige Deutung der Beamten nicht einzusehen. Man sperrte
+sie ins Gefängnis. Mittlerweile aber hatten ihre Anhänger, die sich die
+freien Brüder im Geiste nannten, Zulauf erhalten und dann versucht, das
+Gefängnis zu stürmen.
+
+Die sieben Schläfer aber weigerten sich hartnäckig, ihnen zu folgen auf der
+Flucht. Sie fühlten, daß sie sich dem Ziele näherten.
+
+Da überließ man sie ihrem Schicksal.
+
+Der Gouverneur gab endlich den Befehl, sie im Gefängnis zu erdrosseln.
+
+
+
+
+Das Pferd
+
+
+Ohne sich Gewalt anzutun, in freier, geordneter Haltung verließ Johannes
+das Haus seiner Geliebten, bei der er die erste Nacht verbracht hatte.
+
+Wie ein Gewitter plötzlich den Unvorbereiteten in Einsamkeit überfällt.
+Nachdem er in Traum und Tag Jahre hindurch alle Sprüche, Wünsche,
+Verschwörungen vergeblich abgelebt, öffnete sich auf das Zeichen,
+geheimnisvoll seinem Finger entschlüpfend, der Berg Sesam.
+
+Ihn enttäuschte fast, niederschmetterte diese Überraschung: Weder war es
+nötig gewesen eigenes Gewissen zu morden oder Warnungen von Vater, Mutter,
+Arzt und Priester zu betäuben, noch des Mädchens zu zerbrechen, ihre Natur
+zu zersetzen. Obwohl an ihrer Unschuld, ihrem Vorurteil nicht zu zweifeln
+war.
+
+Aus Lust, Glut, Überkraft erstickte er alle Hemmungen, lösten sich alle
+Bildung, Geschichte, Erziehung in Atmosphäre überwältigter Liebe, der auch
+Dora alle Romantik willig unterwarf.
+
+So hatte sich diese erste Nacht beiden ergeben mit der
+Selbstverständlichkeit einer Traumhandlung, deren Logik in Freiheit von
+jeder Form der Gesellschaft ruhte.
+
+Diese Nacht ruhte die Ewigkeit. -- Sie stand zwischen den Zeiten, zwischen
+allen Schicksalen, lautloses Intervall.
+
+Befreit von den Menschen, gesprengt Ordnung, Gesetz, Gewalt der Eltern; es
+gab Sieger und Besiegte, klares Los.
+
+Spielend gestalteten Hand und Mund mit gefährlicher Kühnheit alle
+Schwierigkeit, alle Eifersucht zu Bildern, ohne Bosheit heimlicher Angst
+seine Worte und Blicke klar einen Wald, in dem sie sich gerne verliefen.
+
+Voll Glück verlor er Gewalt über Glieder und Gedanken, er zauberte jeden
+Augenblick als Vollendung des Genusses, eder das Ziel, hinter dem Abschied
+nichts Böses mehr enthielt.
+
+Atemlose Stärke durchpulste ihn: Ich kann Böses tun, ich bin gütig.
+
+So hatte er sich ihrer, die ihm schon gehörte, mit sanfter Schamlosigkeit
+bemächtigt, der in stummen Minuten, wenn Atem und Blick im Takt gingen,
+lächelndes Erstaunen den Ton eines Sommerspieles gab, das ein verstecktes
+Tuch oder ein Ball lustig bewegt.
+
+Auch als der späte Tag sie in langem Schweigen ließ, das ernst und
+nachdenklich ihr Mund und Blick versperrte, regte sich in ihm weder
+Ungeduld, noch zwang er sich ab größte Zärtlichkeit.
+
+Wie Spiegelschein blitzte ihre Trauer seinem Aug vorüber, daß ein Stich
+durchs Herz fast Tränen austrieb.
+
+Hurtig kleidete er sich an und verließ sie, balancierend auf den
+Zehenspitzen, ohne umzublicken, vorsichtig ihren Schlaf nicht zu stören.
+
+Sie aber schlief nicht, sie lag wach, er wußte, daß ihre Augen weit offen
+ihn, nur ihn schauten, daß sie sich mit Tränen füllten, weil er ging.
+Gleichwohl ließ sie ihn gehen, um besser weinen zu können.
+
+Er wollte keine Tränen, keine Reue, keine Scham; er fürchtete seine
+Verlegenheit, daß sie dalag, und er ging. Johannes aber stand, von leichtem
+Schwindel gebändigt, auf der Straße, über die grauer Himmel kühlen Wind
+blies. Er schüttelte sich und atmete mit Wucht aufs neue. Morgenkälte
+schmolz Zweifel über seine Haltung schnell hinweg.
+
+Häusern, Menschen, Fenstern, Zäunen, den kahlen Pflasterbäumen sah er
+streng und bissig entgegen und hindurch in fernes Land der Zukunft, das
+willig seinem neuen Geiste sich entschleierte. Die Schilder der Läden,
+Maggi, Pilo, Palmona -- er wußte, was sie bedeuteten, Aufrufe, Wegweiser
+zum geheimnisvollen Endziel, das nur er kannte. Imaginäre Kraft seiner
+Augen durchbohrte Berge und Mauern, dicht, greifbar wesentlich schwante der
+neue Johannes über den Wolken, Hülle auf Hülle fiel in seinem Innern. Klar
+ward ihm Wahrheit, Kern all seiner Wege: Gleichgültig wie man lebt, wofür,
+welchem Beruf -- den ewigen Wert seiner Existenz wird jede Form aufnehmen,
+jede Phase Gärung und Fruchtbarkeit kraft ihrer einzigen Art, Taten zeugen,
+die Europa erschüttern.
+
+Sein großes Seelen-Ich, aus Wunsch und Eifersucht erblühtes, stand vor ihm
+auf der Straße feuchtem Pflaster. Ahnung eines reichen, unbeirrbar
+sieghaften, eines Condottieres, in dem aller Glanz, Esprit, Ehrgeiz und
+Ruhm des Jahrhunderts knirschend, reflektiert, beflügelte langsam seine
+Seele zu höheren, überirdischen Regionen. Häuser und Kirchen, Schlote und
+Fabriken, Banken, Universität; die ganze Stadt mit allen Menschen, Berufen
+und Geschäften, mit Gelehrsamkeit, Tugend, Dummheit und Elend wogte
+unkenntlich zu seinen Füßen, krauses Gewölk eines Teppichs den Augen eines
+Trunkenen.
+
+Auch diese Nacht, das Mädchen, seine bürgerliche nur menschliche Natur lag
+»da unten«. Vergessen, überwunden, lächerlich. Denn allzulange schon hatte
+er gemußt: Glauben, hören, überzeugt werden von Büchern und Gegnern. Zu
+lange schon hatte er gebückt Predigt und Prügel von Mensch, Gott und
+Erfahrung, dieser Bestie hinter allem Objekt, hingenommen. Verstand fehlte
+nicht (hieß es), aber man muß seine Phantasie, die schlimmen Instinkte
+eindämmen, ausrotten, ihm einbläuen, daß nur gilt wer lernt, überall lernt,
+hört was gesagt wird. So war die Klugheit aller anderen ebenso Macht wie
+eigene Lähmung, Dummheit und Null. Die Frau war nur die Summe dieser
+Widerstände, das wandelnde Gleichnis seiner Unterlegenheit. Er
+identifizierte sie fast.
+
+Weder hatte er gewagt, wie seine Kameraden ins Bordell zu gehn (gerne
+glaubte er edlere Zaubermacht dem Gelde als solch viehische Vergnügungen),
+noch erkühnte er sich, eine der hungrigen, wie aus Käfigen entflatterten
+Studentinnen zu erobern. Im Gedanken waren ihm alle unterlegen, hatte er
+alle besessen ohne Gewalt; sie ergaben sich seufzend dem Glück, von ihm
+erlöst zu werden. Die Gegner erbleichten und verwickelten sich in geistlose
+Tiraden.
+
+Aber Wirklichkeit hatte ihn ernüchtert, seiner Ohnmacht ausgeliefert. Ging
+er auf der Straße, im Hörsaal einer Frau entgegen, überwältigte ihn aus
+tiefstem Dunkel aufquellende Schamröte, so daß er oft umkehrte, entfloh,
+fluchend seiner Feigheit. In einem Winkel dennoch trotz Hohn und Schmähung
+wider sich, Gelegenheit fiebernd herbei lauerte seine Kraft und
+Überlegenheit, Tugend und Bildung zu beweisen. Jetzt aber war das Maß
+endlich voll und er strömte aus, alles was ihn gebändigt, geknebelt und zum
+Spottbild gezwungen hatte. Spielend war ihm ein Sieg gelungen, der ihn mit
+einem Schlag der größten Freiheit in die Arme warf. Es war Tag, er und die
+Welt: Man stand endlich am rechten Fleck.
+
+Spielend! Er pfiff es fast zwischen den Zähnen und rekelte sich in den
+Gelenken.
+
+»Man kann sie nicht gerade schön nennen. Aber ihre Augen sind doch erhaben
+voll großen Feuers, voll Klugheit. Gott sei Dank, sie ist nicht schön, aber
+klug -- schöne Frauen sind dumm -- sonst hätte sie nicht mich gewählt, den
+Unscheinbaren, dem Verlegenheit Blick und Sprache verschlägt. Es stand ihr
+doch frei, jeden ihrer zahlreichen Freunde, einen der größer, schöner,
+eleganter ist als ich, zu gewinnen. Aber sie zog mich den Eleganten vor,
+weil sie die Klugheit der Schönheit vorzieht.«
+
+Er kniff die Augen zusammen wie um Doras Bild besser zu sehen; prüfend
+zwinkerte er.
+
+»Leider ist sie nicht auch schön; ihre Backenknochen ecken vor und die Nase
+krümmt sich einwärts, sie ist mager und ihrer blassen Farbe nach leidet sie
+insgeheim; so schulde ich ihr nichts, denn ihre Liebe zu mir beglückt sie.
+Die anderen! Sie werden mich beneiden, wenngleich sie über uns lächeln.
+Aber ich brauche nicht mehr den Erdboden anzuflehen, daß er mich
+verschlinge.«
+
+Dennoch strauchelte er noch über Hoffnung und Furcht. Seine Übertreibung
+überlistete er mit Schlauheit. Seiner Empfindlichkeit schuf die elementare
+Überlegenheit älterer Semester, ihre größere Erfahrung zorniges Unbehagen.
+Ihr starres Lächeln, umspült vom rauhen Baß väterlicher Nachsicht, ihr Wahn
+der Vollendung genügte, seine Stellung zu untergraben. Und wie, wenn Dora
+sich Hoffnungen hingab, vor denen ihm graute, weil er sich lächerlich und
+brutal zugleich werden fühlte, aus Instinkt heraus, den er wie
+vorbestimmtes Schicksal nicht bewältigen, überspringen, fliehen konnte.
+
+»Ich muß auch den ersten, zarten Keim eines Anspruches in ihrem Herzen
+zertreten, ausjäten. Meine Pläne, seit Beginn meiner Gedanken festgelegt,
+dulden keine Fesselung -- ich muß mich hemmungslos umhertreiben dürfen --
+von Pol zu Pol. Toben muß ich durch Chaos von Welten, dazu gehören Frauen,
+keine Frau. Und wenn sie auch« -- er schlug diesen Satan zu Boden mit der
+Hand wie eine Wespe, obwohl sein Herz, des braven Sohnes Herz hart
+aufpochte. Aber lustig förderte er seinen Schritt weiter, glücklich, daß
+die Ungeborenen Leichen bleiben mußten.
+
+In solche Gedanken verstrickt hatte er sich den Straßen überantwortet. Er
+mußte auf die Trambahn warten, um zurückzufahren. Zufrieden und neugierig
+lehnte er an der Stange, die das Haltezeichen trug und schaukelte sich
+träge.
+
+Da kam ein Bursche des Wegs. Der zog an einem Strick ein Pferd hinter sich
+her. Johannes sah, wie das Pferd daherschwebte riesengroß über dem Volk,
+aus einem Tunnel schwarzer Häuser aufwuchs in Wolken, Atem und Schweiß. Das
+Pflaster sträubte sich klirrend zwischen den Schienen, die Häuser
+wackelten, das Tier stieß vor, näher zu ihm, zu ihm. Von Kopf zu Fuß gefror
+sein Blut zu spitzem Eis, so daß er sich nicht vom Fleck rühren konnte. Der
+Richter nahte, der ihn wie ein Hölzlein zerbrechen, wie eine Gänseblume
+zertreten und fortblasen wird.
+
+Der Bursche zerrte den Gaul mit wüsten Flüchen, sein Knüppel wirbelte. Man
+sah, es ging zum Schlachthof. Das Tier in diesem Wesen war uralt in einem
+Gestrüpp wolliger Filzhaare. Das Tier fühlte, daß es sterben sollte. Sein
+Gebein, sein rauhes Fell zitterte unter den Schenkeln des Unsichtbaren, den
+plötzlich alle sahen. So wie er abgebildet ist: »hoch zu Roß wird er reiten
+durch die Gassen. Sein Atem tötet, sein Blick tötet, sein Mund
+verschlingt«. Wild kochte Atem aus verknorpelten Nüstern, die am
+Straßenschmutz rochen.
+
+Das Pferd des Todes kroch riesengroß herbei, eine Karawane des Elends, ein
+Begräbnis vor dem letzten Blick: Alle Leiden des Sterblichen, in dem noch
+Agonie wühlt, spielen sich ab vor den Fenstern, Gesichtern, Bäumen. Es
+humpelte jeden Schritt, setzte ihn eigens hin. Sein rechtes Hinterbein war
+ganz verdreht, eine barocke Säule. Nur die Spitze des Hufes schlurfte auf
+den Boden. Jeder Schritt auf dem nassen, rohen Pflaster biß und zerrte an
+Mark und Sehnen. Bei jedem Schritt sträubten sich die letzten Fransen
+seiner Borstenmähne voll Stroh und Spelz. Blicklos rollten durch die
+Gespensterhöhlen Augen, wehrlos hin und her der spitze, gramverwüstete
+Schädel.
+
+In dieser Bestie aus Elend, Hunger und Müdigkeit wohnte die sanfte Seele
+eines sterbenden Engels.
+
+Alle mußten ihn sehen, diesen Berg der Verzweiflung mit Flanken, die wie
+Blasebälge rollten. Ein Gewitter von Schlägen in Kälte, Sturm und Schnee.
+Jahrelang hatte es nicht mehr auf dem Boden im Stroh schlafen können, weil
+die Beine zu steif waren, um den großen Leib wieder aufzurichten. Nur
+Häcksel und feuchtes Gras lagen in dem schmutzigen Sack, den man ihm um den
+Kopf band.
+
+Die Beine waren an all dem Elend schuld -- sie waren von Gicht geschwollen
+wie rauhe Bäume, an denen noch Astknorren stecken. Die Gicht war schuld,
+der Fuhrknecht, der in der Kneipe soff, indes es wartete, wartete in
+Schlamm, im Regen, im Sturm. Die Menschen sind schuld, das Leben, Gott!
+
+Jeder Schritt dieser blind unstet scharrenden Beine riß das Tier zusammen,
+schüttelte es wie ein Bündel Lumpen.
+
+Der Schweiß des kalten Todes, dessen Nähe es nicht abschütteln konnte,
+sickerte aus allen Poren. Im Bogen drückte es den Leib durch. Wie eine
+Brücke von hier ins Jenseits, das bald ein Metzgerhammer an seiner Stirn
+aufschlagen würde. Vom Bauch kroch graues Weiß wie Schimmel, Todesblässe
+auf den Rücken. Die Rippen stießen aus der kantigen Wirbelsäule schneidend
+aus, als sei das Skelett notdürftig mit Haut bespannt, Trommel, auf der
+jetzt Tod statt Peitsche und Stiefel den Marsch nach Vorwärts hämmerte.
+
+Johannes konnte den Anblick kaum mehr ertragen -- ihm ward übel vor
+Entsetzen. Hier belangte ihn ganz persönlich ein Unbekanntes -- Verbrechen,
+Mord, Lüge, Verführung; Kinderchen sah er vor seinen blutbespritzten Händen
+fliehen, Mädchen errötend umbrechen vor seinen gierigen Lippen, Eltern
+weinten um ihn, fluchten ihm; Fremdes ging ihn plötzlich heftig an,
+dringend, unaufschiebbar, es trat ihm auf die Fersen, seit langem, seit
+jeher -- jetzt erst erkannte er.
+
+Und sah neue entsetzliche Einzelheiten, die seine Augen anzogen, hielten,
+ihn wehrlos machten.
+
+Man hatte dem Pferde die Hufeisen abgerissen und an den Eisenhändler um
+zwei Groschen verkauft. Es schlich auf seinen stumpfen Hufen zum Tod wie
+ein Schwindsüchtiger auf Pantoffeln, lautlos, ohne das Klappern der Eisen,
+das auch den alten Gaul noch heroisch scheinen läßt.
+
+Und er hielt vor Johannes, der Reiter hielt den Gaul vor ihm.
+
+Seine Augen begegneten den toten Augenquallen des Tieres. Er mußte den
+Blick senken, er unterlag, er erlosch und ward zerknittert, fortgeschmissen
+wie ein Zeitungsblatt. Wollust, zertreten zu werden!
+
+Das Tier aber folgte dem Ruck des Strickes, der um seinen langen Hals
+geknotet war. Die Borsten aus seinem Schweifbesen spreizten sich wie
+Schwungfedern zwischen den flachen Mühlsteinen seiner Hinterbatzen.
+Johannes sah dem hinkenden Gespenst, diesem Galgengerüst des Todes, nach,
+bis es um die Ecke taumelte, in die Straße versank wie in einen Schlund,
+der es verdauen würde gleich allen anderen Elenden und Geschlagenen.
+
+Er wandte sich um und seine Blässe spiegelten die Gesichter der
+Umstehenden, seine Pein drückte auch sie nieder, seine Scham bäumte auch
+diese dürren Herzen. Es war, als sei Christus zum Kreuzberg geführt, alle
+wußten darum, alle entschuldigten sich, auch er machte sich davon, aber wo
+er auch hielt, das Pferd wippte neben ihm, klappte sein ledernes rindiges
+Maul auf, bleckte die großen Gelbstummel seiner Zähne. Es grinste und
+fletschte, sabberte lange Fäden Saftes, es leierte die Sprache des langen
+sicheren Todes, die er erlernen mußte. Sie hatte ihn aufgeschrien, geweckt
+aus romantischen Mördereien.
+
+Auftauchend aus Gassen und Hinterhäusern trotteten Menschentiere um seine
+Füße, die Brüder jenes Pferdes. Es sah die Zeichen der Familie auf den
+Gesichtern, die vorübertanzten. Durch Kleider und Haut mußte sein Blick.
+Not, Haß, Gier in jeder Falte, knarrten aus Stiefeln, husteten aus morschen
+Lungen. Die Buckel krümmten sich, schief drehte sich der Hals, das Becken
+quoll und pries sich an, Beine knickten ein vor Hunger, aus Augen funkelten
+trübe noch die Tränen durchwachter Nächte.
+
+Wie ein Bad ergoß sich Betäubung über ihn und er zählte seine Schritte, um
+nicht hinzustürzen: Nieder mit mir! Er ging mit, er gehörte zur Bande. Auch
+er trug die Zeichen des Aussatzes, auch seine Seele, heimlich
+wundgescheuert, war beschmutzt und erniedrigt. Einst sog er wie Haschisch
+Jugend, Stolz berauschte ihn. Das Morphium seiner Träume vergiftete jeden
+Schmerz, jede Wahrheit, jede Gerechtigkeit: Krasse Gesundheit wiegte ihn in
+Schlaf.
+
+Er vergaß das Kolleg, seine Stube, Bücher und Zukunft. Er sah mit den Augen
+des Pferdes, trabend durch die große Stadt: In Schwefelrauch chaotisches
+Panorama von Armut, Verfolgung, Dummheit, Vergeblichkeit. Er wehrte sich
+nicht mehr, es war sinnlos. Sinnlos alles, was sich sträubt, vergeblich
+trachten zu entkommen. Er pilgerte. Gegen den Abend der wie
+Sonnenfinsternis trübe von Schnee und Qualm über Dächer und Fassaden troff,
+schleppte er sich zurück. Seine müden gepeitschten Knochen hielt nur mehr
+diese Hoffnung: »Auf die Knie vor ihr!« dröhnte sie durch seinen gelähmten
+Schädel. Seine Lippen murmelten ihren Namen, als er die Treppe emporstieg
+und demütig anläutete.
+
+
+
+
+Die Heimkehr
+
+
+Der Schutzmann, dessen Schlitzaugen Bosheit höherer Waltung funkelten,
+gestattete nicht, daß der ihm anvertraute Sohn das Haus seiner Eltern
+bezeichnete. Nein, bei jeder Haustüre machte er halt. Sein runder
+Mongolenkopf quoll aus robusten Schultern auf, die Hausnummer besser zu
+erkennen, schüttelte sich; dann ging man weiter, der Polizist nörgelnd über
+schlechte Beleuchtung, schlechtes Wetter, schlechte Zeiten, der Häftling
+schweigend. In dessen Brust aufschimmerten diese feuchten Fenster wie
+Tränen, aus diesen dunklen Türen staunten die Gesichter seiner Jugend --
+das Pflaster war noch immer weißer als anderswo und in der Mitte der Straße
+grün bemoost. Er hatte den grauen Hut bis auf die Nase gezogen und sein
+größtes Glück war diese Rabenfinsternis.
+
+In ihm war alles tot, baufällig; weil er die Luft nicht vertrug; schon gar
+nicht die Luft seiner Heimat, den Raum vor seinen Füßen, diese Straße, die
+er als Gymnasiast hinauf, hinab gesprungen war.
+
+Gleichwohl sollte das schneller gehn. Er drückte die rechte Schulter vor
+und fuhr den Tartaren an: »Machen Sie keinen Unfug. Ich kenne doch mein
+elterliches Haus, was halten Sie denn da vor jeder Laterne? Ich möchte Sie
+bitten, etwas schneller -- gehen -- pardon -- zu dürfen --« (Wozu das?
+stotterte es in ihm weiter, dieser Halunke kennt doch keine größere Freude.
+Meine Aufregung ist ein Genuß, eine Zigarre, der Lohn für seinen
+Judasschmerz.)
+
+»Sie werden doch jetzt zum Schluß keinen Fehler begehen wollen. Ich warne
+Sie, Klaasen! Die Reise ist ohne Zwischenfall verlaufen, den ganzen Tag
+haben Sie sich bändigen können. jetzt am Ziel werden Sie frech.« Bleibt
+stehen, die Laterne zu ihren Häupten ist eingeworfen und flackert. Der
+Sträfling hat das Gefühl, daß der Tartare ihn fragen wird, ob er diese
+Laterne eingeworfen habe. Das Protokoll wäre gerecht, aber gleich mit einer
+Strafe wieder zu beginnen, was würde der Vater -- der andere schaute zuerst
+die Laterne und dann ihn strenge an.
+
+»Ich habe es nicht getan,« sprudelte es aus seinem Munde wider seinen
+Willen plötzlich los, »kann mich jedenfalls nicht mehr erinnern, schon
+lange her; der Völler, mit dem ich spielte, kann das auch gewesen sein --«
+Er hatte blasses Blut bekommen vor lauter Todesangst; aber der andere
+verstand ihn ganz richtig, viel richtiger.
+
+»Weshalb muß man Ihnen erst drohen? Sie sind immer ein unbegreiflicher,
+leichtsinniger Patron. Woher kommt Ihr ganzes Elend? Doch nur, weil Sie
+über eine Sekunde nicht hinwegkommen. Statt eine Sekunde den Mund zu
+halten, zu schweigen und sich Ihr Teil zu denken, fangen Sie an zu
+krakehlen, zu reden, zu schlagen, machen tolle Streiche und stürzen sich
+und Ihre Eltern ins Unglück. Seien Sie froh, daß ich es bin -- ein anderer
+wäre schon zum Präsidenten zurückgegangen und hätte Sie drei Tage dort
+nachdenken lassen.«
+
+Klaasen starrte zur Laterne empor, froh, daß der andere doch nicht ein so
+ganz glänzender Spitzel war. Natürlich hatte er die Laterne eingeschmissen,
+von vorn bis hinten mitsamt dem Zylinder und Glühstrumpf.
+
+Der Polizist packte ihn beim Arm und zerrte ihn fort. »Jetzt wollen Sie
+scheint's gar hier festfrieren. Sie spinnen tatsächlich, mein Lieber --
+aber ich möchte auch noch zu Bett.«
+
+Eine irrsinnige Wut kochte in dem anderen auf. Hier war nichts mehr Gitter,
+Zelle, Schlüssel, Gewehre, wenn man auf dem Hofe karussellte, hier war
+seine Heimat, seine Jugend, Recht auf jeden Pflasterstein und Haustritt.
+
+»Sie reden von meiner Sekunde. Ich meinte diese Laterne, Sie Fürst aller
+Spione. Sie brauchen nicht in die Tasche greifen, lassen Sie Ihr Auge vor
+Ihrer Frau, Ihrem kleinen Sohn funkeln, bevor Sie sie ins Genick schlagen.
+Hier brauch ich nur zu pfeifen; aus allen Fenstern und noch vom Himmel
+stürzen meine Legionen zu Pferd und Fuß mir zur Hilfe herbei. Ich sage
+Ihnen für Ihr ganzes Leben« -- schnaufte, strahlte voll harmloser Mordlust,
+tiefglücklich zuckt seine blasse Sehnenfaust vor die Schlitzaugen, spreizt
+die Finger zum Fanggriff -- »Sie hatten bisher nur Kindsköpfe, Quertreiber
+und Frömmler zu behandeln oder zu enthaupten. Ich werde alle diese Sekunden
+noch täglich wiederholen. Ich bin glücklich, Ihnen sagen zu dürfen -- hier
+drei Schritte von meiner endgültigen Freiheit, meinem Elternhaus, meiner
+Schwester, meinen Büchern -- daß ich mein ganzes Leben als unerhörtes Recht
+empfinde, als Entscheidung gerade diese Sekunden begangen und Euch, Euch
+diese Sekunden angetan zu habe.« Der Tartare zuckte die Achseln, grinste
+freundschaftlich, indem er die Straße hinabspähte, ob keiner zur Hand sei
+für jeden Fall.
+
+Adelbert Klaasen fühlte dieses selbstbewußte Grinsen zu nahe, als daß er
+hätte ruhig bleiben können; die Jahre, die er es schon ertragen hatte,
+schnitten mit einmal gleichsam sein Leben aus aller Zukunft. Kein Büro,
+kein Hof, keine Zelle, kein Baum und Stein, dem nicht dieses höhnisch
+unschuldsvolle Grinsen der Ewigkeit von Macht und Herrlichkeit aufgeklebt
+war. Der Wind klirrte mit den Scherben, und er wollte ihn gerade beim Hals
+packen, den Tartaren, der hier nichts zu suchen hatte, nur die Luft
+verpestete. Alles war ihm verekelt, finster und lieber wieder eingesperrt,
+als auch hier noch ohne Mut; er spie aus und sah das Mädchen an, das im
+Schneeschein vorüberglitt. Und schon gingen beide beinah versöhnt und
+brüderlich nebeneinander weiter. Da stand das Haus, es fiel vom Himmel
+gleichsam unverändert. Sein geliebtes und verfluchtes Bild packte, würgte
+ihn nieder, der totenstarre Blick der unverhängten Fenster, die beiden
+Steinbalkone. Sollte er nicht weitergehn, vorbei in eins der anderen Häuser
+-- in irgendeines, gleichgültig welches; nur gerade jetzt und dieses nicht.
+Denn was er in Fremde, Haft und Verbannung an diesem Augenblick als
+Erlösung und Gefühl der Bergung empfunden, jubelnd und trostvoll, es war
+jetzt furchtbare drohende Wirklichkeit. Sein Weg der Schmerzen bis zu
+diesen Stufen aus blauem Stein war doch Verblendung, Dummheit und Hoffart.
+Ein Spiel mit der Geduld des Schicksals, das sich täuschen, übertölpeln
+lassen würde. Aber dieses Hier war grauenhaft und er aufs neue Schuft,
+Falschspieler und ein geduckter Knabe, dem rote Tinte den Körper ätzt.
+
+O Gott, vielleicht gelang es noch vorbei zu schlüpfen, diesen Druck auf den
+Klingelknopf zu vermeiden für fünf Minuten, für einen Augenblick -- aber
+der Wärter rief schon mit tadelndem Frohsinn; »Aber wir laufen ja schon
+vorbei, hier ist ja Nummer zwei. Sieh da, jetzt hast du noch Zeit, mich zu
+foppen -- kennst du denn dein elterliches Haus nicht mehr?«
+
+Sein dicker Finger drückte auf den Knopf, daß das ganze Haus aufschrie.
+Drei-, viermal. Er lauschte mit gespitztem Ohr dem Schrei der Glocke. Sein
+pflichttreues Gemüt labte sich am altvertrauten Notschrei -- wie oft hatte
+er schon mit Mordwonne diesem Zeichen gelauscht, ein Jäger auf dem Anstand,
+das wütend, angstvoll, überreizt unter dem Finger ungezählter Gefangener
+aufschrillte, um von ihm überhört zu werden. Stundenlang hatte das Opfer
+auf den Knopf gedrückt -- aber dieser gelbe Hund schlich hin, stellte den
+Strom ab und grinste durchs Guckloch -- Tausenden hatte er so mitgespielt
+und auch jetzt, zu anderem Behufe, versagte die Glocke ihm nicht Beute und
+kitzlige Sehnsucht. Adelberts Fuß zitterte rasselnd auf dem Stein, dieser
+Demütigung nicht zu unterliegen, unbändige Freude riß ihm den Hut vom Kopf,
+schamloseste Trauer, die sein ganzes Innere von Grund auf umleerte, warf
+ihn an die Mauer, an der entlang er doch nicht fliehen konnte.
+
+Auch öffnete sich das winzige Schiebefenster und ein Auge spähte in die
+Nacht, in sein Gesicht; ganz trocken sagte seine Mutter, daß sie gleich
+komme, ruhig, allzu gebändigt. Schlüssel klirrten, verdammte Riegel
+krachten -- wer war eingesperrt? erlöste er? und richtig erschien die
+Mutter ganz schneeweiß im weißen Glanz des Flurlichtes und hinter ihr
+schlängelte die rote Spur des Teppichs hinauf zu seiner Stube -- und
+richtig sagte sie guten Abend und reichte dem Tartaren die kleine harte
+Hand -- dann erst ihm den Mund -- dann erst rollten ihre Tränen auf seine
+Backen.
+
+Er kuschte sich vor beiden, die beglückt und überzeugt sich trennten.
+Adelbert ließ nicht ab, dem Wärter Verachtung zu zeigen und lüpfte flüchtig
+den Hut, eintretend schon als der Herr, der junge Herr, über den jener
+Recht und Befugnis verloren hatte, dem bittere Beleidigung nur deshalb
+widerfahren durfte, damit an ihm einst aller Welt die teuflische Bosheit
+des Systems offenbar werde und die Edlen zum Kampf treibe.
+
+Das Haus und seine Insassen schliefen. Er störte trotz der Teppiche, trotz
+der Liebe, mit der ihn die Mutter geleitete und tröstend anlächelte. Am
+Ende der ersten Stiege stand vor der Wand ein großer Spiegel, und er sah
+sich auftauchen, Kopf, Schultern, Beine, auftauchen aus der Unterwelt, der
+Nacht, und alles schien von ihm abzufallen, hinzuklirren mitsamt der
+verruchten Welt. Sollte sie sich weiden an seiner Vergangenheit und ihn mit
+Mist bewerfen -- er stand hier bei seiner Mutter und sah sich ins umflorte
+Auge, nahm ihren Arm und war rein, erlöst, befreit. Endlich brannten,
+entbrannte er in Tränen, den müden Kopf bettend auf ihre Schulter.
+
+»Ich kehre zurück von wo ich ausgegangen -- es ist noch nichts und niemals
+ein Mensch verloren. Wie ungerecht, gemein war diese Zeit und ihr Haß gegen
+diese Unschuldigen. Wie tief und göttlich weht mich hier endlicher Friede
+meiner ersten Tage an -- o Freunde, kehrt um, zurück und vorwärts in die
+Arme eurer Mütter -- laßt ab von mir, von eurem großen Wahnsinn.«
+
+Die Mutter gab ihn in die Arme der Schwester, die irrlächelnd das spitze
+Kinn an seinen Stoppeln wetzte. Ihre kleinen Brüste fühlten sich weich
+durch seinen Mantel ins entwöhnte Blut. Auch hier Erholung, Liebe und
+Zärtlichkeit -- kein Blick, kein Strich der Hand verletzte sein gieriges
+Mißtrauen. Er kehrte sich um gegen sich selbst, alles war vergessen, aller
+Unflat, alle Angst, alle Prügel.
+
+Gewandt, lebendig legte er Hut und Mantel ab, setzte den Koffer in die
+Ecke. Richtete sich auf, die beiden Frauen sahen ihn ernst an, sie
+lauschten. Ein schwaches Wimmern biß von oben -- man sah sich an und
+seufzte. Die Schwester stopfte das Tuch vor die Augen, die Mutter faltete
+die Hände und wehrte alles von sich ab, warf die Last zu Boden. Seine Knie
+schlotterten, als er zum Schlafzimmer emporstieg, in die Höhle dessen, den
+er nur als Löwe, funkelnd von Mähne, Zorn und Kraft der väterlichen Pranken
+gekannt hatte. Seine Knie schlotterten, sein Herz lag im Hinterhalt, -- wer
+hält mir die Kehle zu? Vor zehn Richtern und Generälen habe ich nicht
+gezuckt, nicht gewankt! Muß ich hier wie von je her schlottern?
+
+Wie Gummi schwankten Treppen und Wände mit ihm. Die beiden Frauen ließen
+ihn allein gehen. -- Es erleichterte ihn, daß der Tisch mit den ekelhaften
+Kakteen verschwunden war; ihre saftige, stachlichte Behäbigkeit, die geile
+Röte ihrer klebrigen Blüten hatten ihn stets gereizt -- jetzt aber stand
+der Tisch voller Flaschen und Schachteln, die nach Jod und Schwefel
+stanken. Und er erinnerte sich. Er war krank, man hatte ihm doch
+geschrieben, daß der Vater krank sei, unheilbar, dem Tod geweiht!
+
+Das hatte ihm so unbegreiflich geklungen, daß er es nicht einmal gelesen
+oder geglaubt hatte. Es war ihm nicht eingegangen. Dieser starke,
+unbeugsame Richter seiner Jugendtage, Jahre, Ewigkeiten konnte nicht krank
+werden.
+
+Er schob die Tür voll kalter Angst ob bösen Scherzes gegen das Weinen, das
+laut und flehentlich ihn peitschte -- trat in den Flackerschein des
+Nachtlichtes. --
+
+Mit großer Stimme schrie es auf in seinem Kopf, in seinem Brustkasten, daß
+er allein, er, Adelbert Klaasen, schuld an diesem Morde sei. »Mörder!«
+formte die niedrige Kammer die fieberdürren Lippen.
+
+Aus wildem Filzbart greinte ihm gebläht von Schmerz, verklärt von Glück
+dennoch, vergilbt vom nahen Tod, des Vaters Angesicht zu. Ob dieser
+ungeheuren Schuld war jede Pose, auch die aufrichtigste, verlorenes Spiel,
+vergebliche Liebesmüh.
+
+Steif, belästigt vom Röcheln, das weißen Schleim auf die blauen Lippen
+feixte, so lag er da, und der Sohn trat ans Bett des Vaters, nahm seine
+Hand, die Hand, deren Spuren er noch am Körper zu schmecken glaubte; er
+knickte ein, fiel vornüber und küßte die Lippen, die gebettet lagen im
+braunen, weißgestreiften Bart. Der Vater lächelte unter Tränen, konnte
+nicht sprechen vor Freude, vor Schmerz, trank nur immer wieder mit
+Fieberaugen sein Bild -- ja, er vergaß sogar, daß er seine Gebrechlichkeit
+hatte übertreiben wollen, und richtete sich auf im Bett, bat um Licht, um
+ihn besser betrachten zu können.
+
+Und als er die Sprache wiedergefunden, von seinem Herzleiden, den Ärzten,
+den Medizinen, den Aussichten und Hoffnungen redete, jammerte und
+querulierte, ließ Adelbert nicht ab von seinen Stelzen.
+
+Er wußte: Ich bin vernichtet. Ich habe diesen Mann gehaßt, verflucht und
+verdammt -- ich war entschlossen ihn für alle Ewigkeit zu hassen; ja, ich
+wollte sogar jetzt von meinem Haß ablassen, um ihn ganz auf sich zu
+stellen, da mit er hervorbreche am Tage der Vergeltung, Faust oder
+Dolchschlag oder Anklage. Und jetzt häuft alle Schuld mein Wille auf mein
+Haupt.
+
+Rede du nur von Medizin und Pillen, von Schmerz und schlaflosen Nächten.
+Sage es mir doch, damit ich zu Boden stürze: »Du hast mir das Herz
+gebrochen! Sträfling! Schande meiner alten Tage!« Was war all sein Unglück,
+sein Schicksal, die Verdächtigungen, Fußtritte und Gemeinheiten, Strafen,
+Verbote, Hohn und erzwungenen Feigheiten seines Lebens, was starke Hoffnung
+und Glauben an die Mission für die Menschheit, wenn alles darin gipfelte,
+alles davon ausging und wurzelte: Ich habe meinen Vater ermordet! Daß
+dieser Vater Schuld auf Schuld wider ihn getürmt, von Grund auf ihn aus
+allen Bahnen geschleudert hätte zu eigener Wollust, Herrschsucht und
+Eitelkeit, was war dieser unkontrollierbare, einseitige Verdacht, den
+ungezählte Geschenke, Sorgen und Opfer wettmachten, gegen diese grenzenlose
+Schandtat, die mit der Gewalt eines Taifuns aus allen Ritzen des Hauses auf
+ihn niederpfiff?
+
+Vor wessen Auge konnte er ohne zu erröten noch hintreten und von
+Menschheit, Empörung, Glück und Reinheit reden?
+
+Gierig lauerte er drei Tage auf die Worte des Alten. Sie blieben sich
+gleich. Röntgenstrahlen, Medizin, Ärzte, Tod. Kein Wort von seinem
+Verbrechen, seiner Schuld, Schurkerei. Niemand ließ einen Blick gegen ihn
+fallen. Wie glückliche Engel saßen sie um den Tisch unter der heiligen
+Lampe geselligem Schein. Sie erlosch nicht -- es war keine Täuschung: Alle
+waren an ihm satt und glücklich.
+
+Das hielt er nicht aus. Bleich sprang er vom Abendtisch, forschend grub
+sich sein Wutblick in die erschreckten Gesichter. Der Alte schlief -- und
+er war entwaffnet, mußte sich wieder hinsetzen. Mit Bissen guten Fleisches
+würgte er die wütende Forderung nach dem gerechten Lohn und Aufschrei nach
+Rache wider sich hinab.
+
+Es nützte ihm nichts, auf der Brücke zu stehen, unter der die Züge
+durchqualmten, ihn einhüllend mit lockendem Rauch. Er sprang nicht hinab.
+Er stürzte sich nicht in den Fluß. Nicht Gift, Dolch, Revolver vermochten
+gegen ihn. Wie damals schlich er, die Schuhe in der Hand, auf die schwarzen
+Straßen und zog mit Gesindel von Kneipe zu Kneipe. Das Grau des Morgens riß
+den noch eben stocksteif Betrunkenen zu vollstem Bewußtsein auf und er
+schlich auf Strümpfen in sein Zimmer, erschien frisch und gesund beim
+Frühstück.
+
+Was wollten diese Menschen von ihm mit ihren kleinen, gleichgültigen
+Sorgen? Sollte er sich im Ernst über die Höhe des Eiffelturmes aufregen,
+über die Schnelligkeit der elektrischen Bahnen, das Gewicht des Saturn
+einen Schwindel nennen? Muteten sie ihm im Ernste zu, er solle den
+Präsidenten für einen Heiligen, seine Minister für Götter, den ganzen Staat
+und seine blödsinnigen Einrichtungen für Offenbarungen Gottes selbst
+anerkennen?
+
+Und doch wagte er es nicht einmal, den freundlichen, interessiert
+lächelnden Priester, der den Vater besuchte, nicht zu begrüßen. Er hätte
+ihm sogar die Stiefel abgeleckt, wenn der Kranke oder die Mutter es von ihm
+verlangt hätten. Er ging zur Messe, kniete und segnete sich, machte Besuche
+bei Verwandten und erzählte von vergangenen Tagen. Ein grauer Schleier, ein
+Ewiges: »Wie freut es mich, Sie wieder zu sehen, gesund und munter«
+schläferte ihn ein. Wie oft drohte es aus ihm aufzuschreien; glaubt Ihr
+denn, ich merke Eure Hinterlist nicht? Ihr wollt mich durch Euren Anblick
+zwingen in die Knie, in den Wahnsinn, in die Gemeinheit. -- ja ich weiß und
+Ihr wißt, daß ich ein Schuft, ein Mörder, ein Heuchler bin -- ich bekenne
+es ja -- so laßt ab von Euren Banalitäten, Euren Regen und Mordgeschichten,
+Eurem Klatsch und Ekel vor Spinnen -- entweiht nicht meine Niedrigkeit und
+Reue. Ich bereue, ich liebe Euch, ich wedele mit dem Schwanz, tretet,
+schlagt, pufft mich in die Ecken -- macht mit mir was Ihr wollt -- aber
+laßt Eure Masken fallen!
+
+Er kam betrunken nach Hause, verschwand dann tagelang und streifte durch
+den Wald. Sein finsterstes Gesicht stieß er jedem freundlichen Wort
+schnaubend entgegen, aber Blick und Wort des Kranken, der Mutter und
+Schwester blieben ruhig, mitleidig und voll Verständnis. Ihm fehlte zum
+Schluß jede Erinnerung, ob das auch früher so war, ob er auch früher schon
+so verhetzt, verrückt vor Stolz und Mißtrauen gewesen oder ob die Krankheit
+des Vaters erst den Keim zu dieser weihevollen Laune des alltäglichen
+Dramas gelegt hatte.
+
+Jedenfalls fühlte er die Unmöglichkeit in sich, länger diesem, seinem
+Untergang zuzuschauen, bei dem er das stärkste, untrügliche Gefühl hatte,
+selbst dem Tod verschrieben zu sein.
+
+Er lag im Bett. Der gepackte Koffer stand neben ihm auf dem Stuhl, Mantel
+und Hut darüber; auf dem Tisch lag ein Brief: »Erlogen und erstunken von A
+bis Z. Ich verreise nicht -- ich fliehe beladen mit meiner Schuld, damit er
+ganz gerechtfertigt, ganz beruhigt von dannen gehen kann. Ihn trifft gar
+keine Schuld mehr. Denn ich habe ihm das letzte Wort abgeschnitten, das
+Wort der Todesstunde, das Wort des Vaters, der erst im Tode allmächtig wird
+und von da aus dich ganz beherrscht, ganz zwingt auf seine Seite
+überzutreten.
+
+Wie groß ist Er in seiner Macht, in der Erhabenheit seiner banalen
+Entschuldigungen meines Lebens, des Lebens seines Mörders.«
+
+Da scholl ein Schrei und Türenschlag zu ihm hinauf -- man lief da unten --
+schnell auf und davon! Nur nicht wissen, daß er stirbt, daß er mir
+verziehen hat und duldet, duldet, daß ich weiterlebe, daß er seinem Mörder
+Absolution vor Gott und Welt erteilte. Aber die Schwester winkte totenblaß
+schon in der Türe, zitternd und zähneklappernd folgte er und stand am Bett
+des Sterbenden, früh genug, um den letzten verdrehten, geraden und dann
+glasigen Blick der grauen Augen noch zu begreifen.
+
+Und als der starke Mann dalag, tot, kalt und hölzern, nicht mehr aufstand,
+nicht mehr schimpfte noch Zeitung las, nicht mehr stritt, jammerte und
+rechtete um die Mark, fand Adelbert als erster sein Gleichgewicht. Mit Ruhe
+und Umsicht leitete er Begräbnis und Besuche, Abrechnungen und Geschäfte,
+und von Schmerz oder Verwirrung war nichts an ihm zu spüren.
+
+Man ließ den Sarg in die rote Erde, es regnete, und man fuhr nach Hause und
+klappte den Zylinder zusammen. Da erst atmete er auf, als wieder Licht und
+Sonne in die offenen Zimmer strömten.
+
+Er stutzte vor seiner Ruhe. Sie blieb und er konnte wieder arbeiten, Briefe
+schreiben. Er dankte dem Toten. Und als er die ersten Blumen auf sein
+Hügelchen pflanzte, wußte Adelbert, daß da unten nicht nur der Vater
+schlief -- da schlief auch ihre Schuld -- des einen Vaterwahn, des anderen
+Sohnesrache.
+
+Kein Drittes zeugte ihr Bett -- er hatte sich frei gemordet.
+
+Und wie er auf der Trambahn nach Hause fuhr, konnte er schon lächeln über
+die ängstige Geschäftigkeit zweier Schulfreunde, ihn nicht zu sehen.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Sprung aus dem Fenster, by Karl Otten
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPRUNG AUS DEM FENSTER ***
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
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+<title>Der Sprung aus dem Fenster</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Sprung aus dem Fenster, by Karl Otten
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Sprung aus dem Fenster
+
+Author: Karl Otten
+
+Release Date: December 30, 2010 [EBook #34785]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPRUNG AUS DEM FENSTER ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<h1>
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+Karl Otten<br />
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+Der Sprung<br />
+aus dem Fenster
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+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="letter-spacing: .1em;font-size:large">
+Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase;letter-spacing: .1em;page-break-before:always;font-size:small">
+Bücherei »Der jüngste Tag«, Band 55<br />
+Gedruckt bei Dietsch &amp; Brückner · Weimar
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Der Sprung aus dem Fenster</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Die Siebenschläfer</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Das Pferd</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Heimkehr</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Der Sprung aus dem Fenster</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>ahllos kopulierten sich Fehler und Vorzüge in dem
+Charakter des Herrn B.
+
+</p><p>Um jeden Preis suchte er zu widerlegen, daß er dem Durchschnitt
+angehöre; aber das Wort Mittelmäßigkeit stand oft
+wie eine Fassade vor ihn hingemauert; oft umringte es ihn
+wie eine Mauer, längs der er rundlief; oft klang es wie der
+Ruf Manitobas überlaut und einzig in seiner Brust, so daß
+er zitternd wie ein gehetzter Hase hin und herriet, wie zu
+vermeiden sei, daß es offenbar werde.
+
+</p><p>So sprach er denn bei allem mit. Erfindungen deutete er
+an in ihrer ganzen tragisch-revolutionären Größe, wenn sie
+überraschend auf den Markt niederkamen, Kunst, Politik,
+Dichtung fielen seinem gelehrigen Eifer zum Opfer. Insgeheim
+schrieb er Artikel für die Jägerzeitung, das freie Echo, Kunst
+dem Volke, der neue Staatsmann. Aber es war, als gehöre
+sein Name zum Text. Und doch kam es ihm ledig gerade auf
+die Unterscheidung, auf den Beweis seiner Existenz an.
+
+</p><p>War es ihm in der Wirtschaft nicht gelungen, bei seinen
+Freunden den Eindruck eines Philosophen zu erregen, so behandelte
+er sie ungnädig, gab keine Antwort oder lehnte jede
+Erklärung mit verletzender Ironie ab. Den Kellner dagegen
+beschenkte er mit reichem Trinkgeld, guten Ermahnungen
+und Händedrücken.
+
+</p><p>In der Elektrischen oder im ersten Halbschlaf fiel ihm der
+Plan zu einem Zyklus Preisgesängen auf die Freiheit des
+Geistes ein. Er dichtete, so dünkte ihm, die ganze Nacht &mdash;
+ja er raffte sich aus den Decken auf und schrieb beim Kerzenlicht
+eine Stunde frierend Ekstasen aus sich ab. Der Morgen
+war Büro, Schreibmaschinen, der Mittagstisch die versalzene
+Erkenntnis: Genies gehen eher zugrunde, notorisch häufiger
+als schlechte Köchinnen.
+
+</p><p>Ihm fehlte nichts als Mut zuzugeben, daß Schwächen in der
+Überzahl sogar immer noch Leben sind und ein Bekenntnis
+fordern. Er ahnte wohl dergleichen, suchte aber krampfhaft
+sein Denken rückwärts zu drängen, um den Punkt zu ergründen,
+wo eigentlich der Fehler seiner Konstitution liege.
+Aber es fielen ihm keine Beweise, keine Erinnerungen, keine
+Daten ein. Auch sonst keine Ideen. Reichtum des Geistes
+konnte aus Sprichwörtern nicht gesogen werden. Haltlosen
+Banalitäten schraubte er sich nach, beseelt von Feuereifer das
+Perpetuum mobile aus dem Bauch der Dummheit zu reißen.
+
+</p><p>Führte ihm der Zufall einen Menschen vor die Klinge, der
+Geduld und Einfalt besaß, sich belehren zu lassen, oder die
+pensionslüsterne Tochter eines guten Freundes, nannte er sie
+zwar insgeheim Philister und Schmarotzer am Geiste, sprühte
+jedoch zugleich von Witz und Einfalt, blendete sich selbst
+mit gelehrter Skepsis und zynischen Analysen. Lärmende
+Freude ließ ihn hochgeschwellt, Wind unter allen Flügeln,
+Einsamkeit der Straßennacht groß und Sterne ewig empfinden.
+
+</p><p>Er rannte hier- und dorthin. Kein Ausweg, der Unerträglichkeit
+des Ichs, Dingen, Menschen, Mittagsmählern, dem
+Licht, der Finsternis zu entkommen.
+
+</p><p>Ihm war, als sei er eingespannt zwischen zwei Krallen, die
+ihn dehnten in allen Lagen; die Widerstände seines Daseins
+bohrten sich in seine Seele. Alle hatten Namen, Namen, die
+lockende Möglichkeiten klangvoll bargen, Tausenden auch
+gaben. Ja ihn selbst auch beschenkten nicht nur in seiner
+Jugend. Er sehnte sich ja danach, mit seiner Wirtin, den
+Kollegen, den Trambahnschaffnern und Kellnern, den Arbeitern
+und Direktoren in Frieden zu leben. Sein höchster
+Traum war: Frieden predigen und als leuchtendes Vorbild
+mit weißen Händen sich über die Stirne fahren, um das Lächeln
+zu überschatten, das immerdar auf seinen Lippen schweben,
+seinen Augen von aller Lippen offenbar werden sollte.
+
+</p><p>Aber es kam nie dazu. Das Lächeln hatte er verlernt, er
+lachte dröhnend, und die Falten um sein Kinn schaukelten.
+Und dieses Gelächter zwackte ihn genau wie das hölzerne
+Sofa, wie das unausgesetzte Bimmeln der Glocken von allen
+Türmen, Schulen, Milchwagen.
+
+</p><p>&bdquo;Könnte ich doch einmal selbst Glocken läuten, von morgens
+bis abends, die ganze Nacht, damit ich mich beruhige
+und freue, daß andere darunter leiden.&ldquo;
+
+</p><p>Seine Unruhe war nicht zu bändigen, obwohl er doch allen
+Grund gehabt hätte, zufrieden zu sein. Er hatte alle Pläne
+bisher verwirklicht und das Wahrscheinliche wahr gemacht,
+das Bizarre gemieden und vergessen.
+
+</p><p>Es trieb ihn um und um. Er flüsterte vor sich hin, er munkelte
+in eine Ecke starrend und ratschte mit den Füßen über die Diele.
+
+</p><p>Seine Worte hatten keinen Sinn sichtbarer Verknüpfung.
+Es waren Worte, die Lawinen dunklen Mißgeschicks ihm
+auspreßten.
+
+</p><p>&bdquo;Unglaublich &mdash; unglaublich &mdash; gräßlich &mdash; heraus &mdash; nur
+heraus &mdash; furchtbar.&ldquo;
+
+</p><p>Und dazu stieß er tiefe Seufzer aus, Ekel verzerrte seine
+Lippen.
+
+</p><p>Alle Dinge sprangen ihm an die Kehle. Aber er kam ihnen
+zuvor und schleuderte sie in eine Flut von Abscheu und Verachtung.
+Wenn die Stunde jedoch gekommen war, stand er
+auf, reckte sich, nahm sein Frühstück, ging ins Büro, ins
+Gasthaus, ging auf die Straße und legte sich zu Bett. Jedes
+wenn die Stunde gekommen war.
+
+</p><p>Aber Ekel, Wut und Verzweiflung waren an keine Stunde
+gebunden. Sie waren die Zeit selber, denn sie liefen unter
+ihm fort und hoben ihn plötzlich auf und schüttelten ihn aufkochend
+zur Rechten zur Linken.
+
+</p><p>Auch daran hatte er sich gewöhnt und gewisse Mittel ergriffen,
+um &bdquo;das Ärgste zu vermeiden&ldquo;.
+
+</p><p>Man konnte den Dienst wechseln, die Stadt, die Wohnung,
+oder in Urlaub fahren. Der Anzug war unansehnlich, noch gut
+fürs Haus oder Büro. Man kaufte einen neuen. Der Wechsel war
+ein Schlafmittel und machte doch lebendig neuen Interessen.
+Dann brauchte man nicht nachzudenken, sondern flatterte, plätscherte.
+In ungeahnter Fülle spendete Schicksal Erfolge, Scherze,
+Schauspiele. Das Neue kitzelte einen neuen, unberührten Punkt
+der Nerven und führte neues Licht auf alte Farben. Die leuchteten
+dann ganz prächtig auf, das alte Grau war verschwunden.
+
+</p><p>Bis es eines Tages aufschwelte und alles in den Fingerspitzen
+juckte. Bis seine Augen sich wieder öffneten, nachgebend
+einer unbekannten Hand, bis er in den Ecken stand
+und vor sich hinknurrte.
+
+</p><p>Er war überzeugt, daß es nur ihm so ergehe, daß nur bei
+ihm Genialität und bizarres Kleinbürgertum sich so mische,
+daß kein Charakter dagegen aufblühen könne. Es war sein
+Irrtum, daß es nur ihn so schlage, daß er sich dieses Leidens
+schämte als einer Minderwertigkeit, gegen die er nicht genügend
+Energie verwende. Er wußte nicht, daß es alle Menschen
+anwandelt, daß sie, wenn auch nur für ganz kurze Blicke, fremde
+Augen öffnen und ihre Haut sich spannt vor Entsetzen. Hätte
+er&rsquo;s gewußt, er wäre beruhigt gewesen, hätte sich ausgesprochen,
+womöglich gelacht. So mit den Händen über den
+feuchten Tisch hin &bdquo;dieses Etwas&ldquo; hinabgewischt.
+
+</p><p>So jedoch stand er bis zum Hals im Sumpf. Und dieser Sumpf
+wuchs. Er merkte die Luft über seinem Schädel weniger werden
+und doch schwerer. Und eine tolle Wut packte ihn, daß unten
+Räder rollten, Stimmen tosten, Klaviere schepperten und er
+dastehn mußte und nur fluchen konnte, seufzen, verzweifeln.
+
+</p><p>Er öffnete die Türe und trat auf den Balkon.
+
+</p><p>Dieser Balkon war sein Stolz; er führte seine Gäste gerne
+auf ihn hinaus vor diese Tiefe.
+
+</p><p>&bdquo;Da sehen Sie erst, wie hoch ich über allen wohne,&ldquo; lachte
+er üppig mit runder Armbewegung, den Bauch gegen das
+Gitter pressend. Er öffnete die Tür mit schlaffer Hand; sie
+gab lautlos nach (sonst gehorchte sie nur ächzend mächtigem
+Druck). Zu Boden starrend wehte er vor, als sauge ihn ein
+Ventilator an, der Schwung eines großen Rades, glühend
+groß wie die Sonne, die drüben brannte. Bis an das gußeiserne
+Gitter preßte ihn der saugende Mund, vornüber neigte
+er sich mit vorgestreckten Schwimmerarmen, die jeden Halt
+fahren ließen. Seine Blicke sanken auf die Tiefe, das Blut
+rollte wie eine Spielkugel in den Kopf, warf den Körper aus
+dem Gleichgewicht.
+
+</p><p>Er ließ ihn gleiten, befreite sich von ihm, er fühlte, daß
+er falle, wabbernd in breiten Flugflächen wie ein Blatt;
+denn er schien sehr leicht, schien ein Nichts zu sein an Gewicht.
+Ja, ein wirkliches Nichts, denn die Droschken rutschten
+gelassen weiter, die Menschen krabbelten, schwarze und
+helle Mäuse ihrer Wege, kein Knall, kein Schrei: ein Nichts
+war abgestürzt!
+
+</p><p>Und er hatte doch vollkommen durchfühlt, daß er sich
+löse vom Balkon, vom Zimmer, das ihn bisher beherbergt;
+daß ihn die Welt ausgespieen hatte, damit er stürze, sein
+eigener Wille ihn hinausgedrängt aus der Tür &mdash; er hatte
+den Schlag des Todes aufs Pflaster durch alle Knochen
+schmetternd gespürt, aufatmend sein Blut verspritzt in den
+grauen Staub der Straße für eine große heilige Sache, die
+alles Bittere erfordert, weil es so leicht ist.
+
+</p><p>Er kroch zurück, glitt auf den Boden des Balkons, und
+seine Augen füllten sich mit Tränen, er weinte in langen Strömen,
+unfaßbares Leid, unfaßbares Glück.
+
+</p><p>Und ihm war, als schwebe er mit dem Balkon in reine
+Höhe, die er nur ertragen konnte, weil sein Körper abgestürzt,
+zu Staub zerschmettert war. Mit Schluchzen und
+Stößen senkte aufs neue Besinnung bleiernes Erwachen in
+den noch Lebenden.
+
+</p><p>Lächelnd stand er auf, reckte sich, klopfte den Staub von der
+Hose. Und als er sich umsah, Häuser, Himmel, Wolken, Türme,
+das Licht wie immerdar, legte er die Hand an die Stirne, als
+suche er sich, vergebens, eines Vorfalles zu erinnern.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Die Siebenschläfer</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>itten in der Krönungsfeier trat Dezius, der Kaiser, auf
+einen Diener zu und riß ihm das Amulett in Form eines
+Kreuzes vom Hals. Der bändigte ruhig seiner zornverquollenen
+Augen giftige Blicke; auch als der Kaiser ihn zu töten
+befahl, lächelte er erhaben.
+
+</p><p>Wie alle Schwächlinge hatte Dezius insgeheim lange Jahre
+darüber nachgesonnen, wie sich Geltung verschaffen, Ansehen,
+Furcht und Gehorsam.
+
+</p><p>Mit großem Pomp drohte er als erste Regierungshandlung
+grausamsten Tod allen Feinden des Reiches. Auch heischte
+Tradition diese Form.
+
+</p><p>Und dann: nur Mächtige haben Feinde. Also redete und
+wütete der Kaiser gegen die Feinde, vor allem die Erbfeinde,
+die Christen. Lauter denn je dröhnten ihre Stimmen von
+Gleichheit und Brüderlichkeit aus den Kanälen unter der
+Stadt empor.
+
+</p><p>Der Kaiser, selbst Frucht eines Aufstandes, rückte wie ein
+Rasender durch alle Provinzen seines Reiches gegen diese
+Revolution.
+
+</p><p>Und es gelang ihm in kurzer Zeit, tausende einfältiger
+Menschen zur ewigen Seligkeit und Verklärung zu steigern,
+mit Wunderkraft zu begaben; ihre Namen rauchten wie
+Sonnenstaub Verklärung über die Mietskasernen und Markthallen
+und Zirkusstaden; klangen wie ein Programm, sich zu
+schließen so fest, daß die Heiligen zwischen den Schultern
+der Brüder eingeklemmt ihren Platz nicht zu lassen brauchten.
+
+</p><p>Der Kaiser wurde grau und mager. Er unternahm viele
+Bauten, Politiken, Feldzüge; aber alle Untertanen erkannten
+aus jeder seiner Verordnungen, wie stark Blutschuld isoliert,
+wie fremd er der Zeit, taub der neuen Stimme der Bruderliebe
+war.
+
+</p><p>Ein omnipotenter Knockabout, dessen Späße lebensgefährlich,
+dumm und boshaft waren. Man kam nicht auf die Idee,
+ihm das Genick zu brechen; so sehr war seine Zeit erfüllt,
+die neue schon vorgeeilt. Man verstand nicht recht, wie er
+noch möglich sein konnte und duldete seine Metzeleien, weil
+noch eine Schuld zu sühnen blieb. Andererseits die Überzeugung
+herrschte, daß geringe Erregung, etwa ein scheuendes
+Pferd, ein Schnupfen oder ein Ziegelstein genüge, um
+diese Warze zu ekrasieren.
+
+</p><p>Die Bewegung zog weite, unwahrscheinliche Kreise. Im
+Herzen, an einer Stelle ihres Lebens waren alle bereits Christen,
+deren Blut noch Fühlung hatte. Die Abneigung gegen das
+starre Gesetz, die verlogene Geste bezahlter Götter, gegen
+endlose Kriege, wo doch alle Menschen einander lieben und
+nichts so sehr konnten als Vereinigung zur Verherrlichung der
+Ideen des Menschensohnes, die gräßliche Völlerei der Reichen,
+die weniger Menschen aber mehr Gelder wurden und das
+Mark aus den Rücken der Armen sogen, bis beide seelenlos
+in Räude faulten. Die Richter, Offiziere, Zuhälter der staatlichen
+Ordnung, an ihrer Spitze der Kaiser: Eitelkeit, Phrasen,
+Blutdurst, billige Zirkusmache! Sahen sie nicht in den Herzen
+leuchtende Klarheit, unabwendbar das Ziel prästabiliert?
+
+</p><p>Der Boden schwankte unter ihren lächerlichen Thronen.
+Sie fühlten nach nacktrauschenden Festen, nach Blut und
+Eisenschlachten, marmorhallenden Schwindelzeremonien im
+Grabkuppelchen morschknochiger Angst und Verlassenheit
+ganz unvermittelt:
+
+</p><p>Das Absolute des guten, liebenden Herzens in einmaliger,
+einfacher Armut triumphieren über ihre tägliche blutige Gemeinheit.
+Gleichwohl bekehrten sie sich nicht; sie konnten
+als das andere Prinzip nicht, ihnen fehlten gewisse Organe,
+und der Überschuß an Sophistik verhätschelte alle Regungen
+ihres dünnen Gemütes in Heuchelei und Argwohn.
+
+</p><p>Mit schmal geknifften Lippen sahen sie die Freiwilligen
+der Idee sich zur Parole des Martertodes melden.
+
+</p><p>Sie winkten dem Henker mit dem spitzen Zeigefinger;
+ließen den und jenen gleich niederstoßen (aber es geschah
+auch, daß der Henker mit dem Opfer niederkniete, alle den
+Tod erflehend): Obwohl jede Provinzstadt einen Zirkus erbauen
+mußte, hatte man nicht genügend hungrige Bestien
+für alle Christen. Den Rest sperrte man ins Gefängnis bis zum
+Tage der Spiele.
+
+</p><p>In einer Provinzstadt trafen so sieben christliche Jünglinge
+im Gefängnis zusammen, die einander vorher nie gesehen
+hatten. Wie von einem Brand, einem Wort, das gesprochen
+sein muß, von der Wahrheit selbst, die Herz und Muskel zersprengt,
+wenn sie nicht erfüllt wird, von Sicherheit des Lebens,
+die wie seliger Wahnsinn alle Gefahr der Lächerlichkeit
+und Scham überspielt, vernichtet, getrieben und aufgerufen
+hatten sie bekannt.
+
+</p><p>Jetzt kauerten sie gebückt auf dem Stroh am Lehmboden,
+Schulter an Schulter, und hielten glückschweigend einander
+bei der Hand, eine Kette stärksten Willens, der Gott selbst
+beschwört in Erscheinung niederzuflammen.
+
+</p><p>Wie Liebende wiegten sie einander mit Blicken singend.
+
+</p><p>&bdquo;Ich staune,&ldquo; hub einer an, &bdquo;und große Freude höhlt mich
+aus, daß wir viele und doch einer sind. Rings sind alle Zellen
+voll, in jeder Zelle pocht mein Herz, in meinem Herzen beten
+alle Brüder. Mein einziger Zweifel war, daß der Richter mich
+nicht ernst nehmen und ich mich wie ein Tier in den Rachen
+eines vergeblichen, eingequälten Ungeheuers werfen würde.
+Ich war einsam, ein Hirte auf den Abhängen der Gebirge.
+Vielleicht riefen die Tiere, Wolken, Steine des Herrn Wort
+in mir wach.
+
+</p><p>Ich vertraute ihm, überwand meinen Schreck und Ihr belohnt
+mich herrlich, da ich bei Euch sein darf.
+
+</p><p>Alles ist von uns abgefallen, weil alles Zweifel und Schranke
+war gegen den Sieg des Geistes.
+
+</p><p>Wir können nur noch sterben.
+
+</p><p>Das ist jetzt das wahre Glück, zu erkennen, daß nichts,
+auch dieser Leib nicht einen Wert hat. Wir sinken in die Unsterblichkeit,
+in die einzige Idee, in die wahre Zeit. Wie danke
+ich Gott, daß ich Euch anschauen darf; Ihr meine anderen
+Ichs; wir ein siebenfaches Ich.
+
+</p><p>Alle Löwen, alle Kaiser, alle Henker, Richter, Soldaten,
+Götter und Gesetze, alle Bestechung und Lüge macht unser
+Tod reif; sie faulen tiefer, sie kippen unter den Stößen unserer
+letzten Atemzüge. Wir sterben nicht irgendeinen Tod wie ein
+Krug zerbricht, weil ihn die Magd von der Bank stieß.
+
+</p><p>Unser Tod erhellt das wahre Leben über alles Sein. Wir
+werden in den Herzen derer, die zurückbleiben, auferstehen,
+in den Herzen der Freunde wie der Feinde. Die Schwankenden
+werden fest in Mut und Feuer, die Spötter verstummen,
+die Zweifler glauben.
+
+</p><p>Hätten wir in Frieden den Glauben an den Geist und den
+göttlichen Sohn des Menschen wirken können, wären wir vielleicht
+eingeschlafen und zum Haufen geworfen, wo alles Unkraut
+in der Grube dorrt.
+
+</p><p>Jetzt aber ist Krieg, nicht gegen die Trakier, Gallier, Numider,
+nein, gegen den Geist, gegen die Liebe, gegen uns,
+die Menschen. So voll war ich der Liebe zur Menschheit, zu
+den Armen, Unterdrückten und Verblendeten, daß es begeistert
+aus mir schrie, als mich der Richter fragte, ob ich
+Christ sei.
+
+</p><p>Die Stimme der Welt, die Erinnerung an Weib und Kind,
+Haus, Geld und Leben erblindete, verstummte in mir: gleichgültig
+alles vor dem Tode für die Idee der Liebe. Ich weiß,
+daß sie von meinem Tod erst recht leben wird. Sie ist über
+uns eine starke Kraft, in sie flieht unser schwaches Leben, sie
+lebt von unserem Glauben, bis sie Übermacht hat über die
+Tyrannen, die Welt, die Trägheit der Herzen.
+
+</p><p>Es ist dieser Tod nicht ein Ende, vielmehr der Anfang.
+Erst durch den Tod für seine Idee, die auch die Idee aller
+Menschen war, lebte Christus in unseren Herzen, in aller Herzen,
+lebte er überhaupt.
+
+</p><p>In Einsamkeit und Fremde rang ich mit mir wie Christus
+um die Erkenntnis jener Liebe, die auch den letzten Hund in
+sich verschließt, die alle Handlung ablehnt, die nicht von jenem
+Geist durchwärmt getrieben wird, aus der vollen Kraft
+des Einzigen. An mir liegt nichts!
+
+</p><p>Am Menschen liegt nichts!
+
+</p><p>Die Idee, der Glaube, die Liebe!
+
+</p><p>Aber auch sie sind erst, wenn Du und Du und jeder, jeder
+einzeln einsam, einzig hindurch durch alle Verworrenheit und
+Zweifel ins Angesicht der Ewigkeit sich schwinden fühlt, abscheiden
+aus aller Lust und Unlust, aus allen Schalen.
+
+</p><p>Dann bleibt der Tod nur wie ein Schritt durch ein Tor in
+blaues Lieht.&ldquo;
+
+</p><p>Jedem war, als strömten diese Worte aus seiner eigenen
+Seele. Sie enthielten alles, was sie zu sagen wußten, je hätten
+sagen können. Schweigend genossen sie jetzt das große Glück,
+nicht einsam zu sein vor dem Tode. Sie waren ihrer Sieben
+eine Allmacht.
+
+</p><p>Sieben Tage und Nächte warteten sie geschlossen auf das
+Ende. Ihre Kraft nahm nicht ab, sie dachten nicht, sie wußten
+nicht. Sie saßen und warteten.
+
+</p><p>Am Morgen des siebenten Tages zog der Wärter sie aus
+der Zelle. In einer Schar von Brüdern und Schwestern trieb
+man sie zum Zirkus, der im Schatten heller Pinien vor der
+Stadt erbaut war. Alle Wege strömten über von Volk. Lautes
+Geschrei begrüßte die Gefangenen, Abschiedsrufe und Wehrufe
+und Wehklagen. (Aber es duldete, sah stumpf und grausam
+gleichgültig zu, daß die Behörden, die doch alle verachteten,
+Opfer aus ihrer Mitte rissen und von wilden Tieren
+zerfleischen ließen.) Die Soldaten drängten voran, da sie einen
+Aufstand befürchteten. Oder es ihnen Freude machte, die
+Wehrlosen zu quälen.
+
+</p><p>Die sieben Freunde schritten Hand in Hand nebeneinander.
+Manchmal, wenn sie Bekannte in der Menge sahen, riefen sie
+ihr Glück freudig in die erschreckten Gesichter, die sich verlegen
+abwandten.
+
+</p><p>Ihnen war, als hörten sie schon das Gebrüll der Löwen,
+als öffne sich ihre Brust, die Seele auszulassen, die sich an
+der Brust des Ewigen bergen wollte. In ihrer Erregung schritten
+sie hastiger aus, an die Spitze des Zuges, sie begannen
+zu laufen, das Volk wich zurück, öffnete eine Gasse &mdash; es hob
+sie über die Köpfe hinweg ein leichter Wind des Himmels,
+über die Dächer, durch den Wald.
+
+</p><p>Als sie das Klirren der Legionäre hinter sich hörten, Pfeile
+ihnen nachschwirrten, fühlten sie voll Schrecken, daß sie auf
+unwiderstehlicher Flucht waren. Sie sahen einander an und
+stürmten weiter, die Verfolger trabten mit lautem Geschrei
+hinterdrein. Schweiß vor Anstrengung und Verzweiflung troff
+über ihre Gesichter, und die Haare klebten kalt an ihren
+Schädeln.
+
+</p><p>Sie konnten ihren Beinen nicht Halt gebieten, eine unwiderstehliche
+Kraft riß sie nach vorne wider ihren Willen.
+Mit steigendem Entsetzen fühlte jeder, wie er sich gegen die
+heiligsten Entschlüsse gleichsam vor der Seligkeit rettete,
+wie sie ihren liebsten, brennendsten Wunsch zu sterben für
+die Unsterblichkeit der Idee Gottes aufgaben und wie Feiglinge
+im Schoße der Welt, die sie verachteten, Sicherheit
+suchten.
+
+</p><p>Im Berg zu ihrer Rechten klaffte ein Spalt. Sie schlüpften
+hinein und hinter dem letzten ward es Nacht, durch die sie
+noch ihre Verfolger vorbeistürmen hörten.
+
+</p><p>Glücklich, einander nicht anschauen zu brauchen, legten sie
+sich nieder und schliefen ein vor Erschöpfung und Trauer.
+
+</p><p>Als sie erwachten aus unendlichen Träumen, war es lichter
+Tag um sie her. Sie sprangen vom Boden auf und waren
+einig, sich sofort dem Richter zu stellen, damit der Tod Flucht
+und Schande von ihnen nehme und ihnen endlich die Pforte
+des Paradieses öffne.
+
+</p><p>Eilends verließen sie ihre Höhle. Sie wanderten lange durch
+einen Wald, den kein Weg aufteilte. Sie verhehlten einander
+ihre Unruhe, denn keiner kannte die Gegend und die Stadt
+schien vom Erdboden verschwunden.
+
+</p><p>Sie änderten ihren Kurs und gelangten auf eine wüste Stätte
+voller Ruinen und Trümmer von Säulen, Tempeln, Kasernen
+und Gerichtsgebäuden. Fern am Rande der Vernichtung sahen
+sie müde Rauch wirbeln. Sie atmeten auf und hielten auf dieses
+Zeichen zu. Da lagerten einige armselige Hütten um ein Kreuz.
+Menschen saßen vor den Türen und blickten in den Abend.
+Sie standen auf, als die Sieben sich näherten. Man verstand
+einander zuerst nicht. Aber die Leute gaben ihnen freundlich
+Brot und Käse und zeigten ihnen den Weg zur Stadt.
+
+</p><p>Diese Stadt aber kannten sie nicht. Sie schien neu, niedriger,
+kleiner als ihre Vaterstadt. Sie fragten nach dem Richter
+Glädonius, der sie zum Tod verurteilt hatte.
+
+</p><p>Niemand hatte von ihm gehört.
+
+</p><p>Sie fragten nach dem Gouverneur Procius, dem Feldherrn
+Caronius, nach allen Beamten, allen Großen der Stadt, allen
+Philosophen und Dichtern. Nie hatten die Leute dieser Stadt
+ihre Namen vernommen.
+
+</p><p>Offenbar war ein Furchtbares geschehen in ihrer Abwesenheit,
+ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, Kriege schienen in
+einer Nacht, einem Schlaf die Erde umgestürzt und alle Menschen
+verändert und ihr Gedächtnis ausgelöscht zu haben.
+
+</p><p>Endlich führte man sie in ein weißes, gedecktes Haus, über
+dessen Tür das Zeichen des Kreuzes gemalt war und der Gekreuzigte
+aus Stein gemeißelt in einer Nische stand. In diesem
+kühlen Hause empfing sie ein alter Mann mit großen Augen
+und faltig-knochigem Gesicht.
+
+</p><p>&bdquo;Wir bitten Dich, uns vor den Richter zu führen. Wir
+sind Christen und den Soldaten des Kaisers entflohen. Wir
+sind bereit, jetzt sofort zu sterben. Wir wollen jetzt Zeugnis
+ablegen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir sind alle Christen, meine Brüder,&ldquo; meinte vorsichtig
+der Greis, &bdquo;weshalb seid Ihr den Soldaten entflohen? Und
+wenn Ihr ein Verbrechen begangen habt, so sollt Ihr es büßen.
+Sagt mir, was Ihr begangen habt!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir sind Christen und wollen Zeugnis ablegen für den
+Glauben an die Gleichheit der Menschen, die Unsterblichkeit
+der Seele, die Liebe, die alle Welt erlöst, und für den Sohn
+des Menschen. Wenn auch Du Christ bist, um so besser, so
+wollen wir zusammen gehen und bekennen. Vielleicht, daß
+wir zusammen sterben können.&ldquo;
+
+</p><p>Der Alte erschrak, und während er zugleich zitternd einen
+Schritt zurückwich, sah er die Sieben genauer an. In ihren
+hageren Gesichtern glühten Augen schwarz wie geronnenes
+Blut, Glanz und Modergeruch strömte aus ihren schimmligen
+Gewändern und wüsten Bärten. Ein heller Schein wölbte
+gleichsam eine Kuppel über sie.
+
+</p><p>Da stürzte der Alte in die Knie und rief entsetzt um Hilfe,
+denn er fürchtete sich vor diesen sieben Männern, die vom
+Tode auferstanden waren und wie die Richter des jüngsten
+Tages verschlossen und hartnäckig nach dem Sinn fragten.
+
+</p><p>Volk drängte herbei und umringte sie mit Ausrufen der
+Verwunderung, Neugierde und Ehrfurcht.
+
+</p><p>&bdquo;Von welchem Kaiser redet Ihr? Welchem Richter, welches
+Jahr schreibt Ihr?
+
+</p><p>Wir sind alle Christen und leben doch. Wir leben doch
+alle trotz unseres Glaubens. Keiner tötet uns, keiner verfolgt
+uns. Ihr redet von längst vergangenen, finsteren Zeiten.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir meinen den Kaiser Dezius, der unsere Freunde und
+Geschwister wie uns selber einfing für die Löwen im Zirkus.
+
+</p><p>Gestern sind wir entflohen, wir wurden hinweg geführt und
+verbrachten eine Nacht im Schlaf in einer Höhle.&ldquo;
+
+</p><p>Wie Schläge fiel die Wahrheit über sie her:
+
+</p><p>Dezius ist seit zweihundert Jahren tot, alle Götter sind tot,
+alle Tempel und Altäre der Heiden zerstört.
+
+</p><p>Es gibt keine Heiden mehr. Die Heiden werden bekehrt
+oder verbrannt. Kaiser und Heer, das ganze Volk, alle sind
+Christen, vereint in der wahren Kirche Christi. Wenn Ihr also
+rechtgläubige Christen seid, so seid ohne Furcht.
+
+</p><p>&bdquo;Euer Glaube, für den Ihr nicht mehr zu sterben braucht,
+beseelt uns alle. Niemand denkt daran, für diese Tatsache
+sich töten zu lassen oder in ihr etwas Erstaunliches zu sehen.
+
+</p><p>Aber erzählt, wie es Euch erging in Eurem Leben. Wie
+lebten die Menschen damals, wie starben sie?&ldquo;
+
+</p><p>Und die Sieben bekannten ihren Glauben in aller Einfalt
+und Glut. Ihr Leben war ihnen, da sie den Sieg sahen, entschwunden
+und sie wußten nichts anderes zu berichten, als
+daß sich alle unterordneten in Liebe unter das erlebte Gebot
+Christi, daß Leben, Eigentum und irdische Ehre nichts galten
+im Hinblick auf die Ruhe des Herzens und Erfüllung der Liebe.
+
+</p><p>Aber es erhob sich von neuem und die nächsten Tage fort
+ein Fragen nach dem Wie und Wo, dem Aussehen und Gebaren
+der Menschen in ihren Tagen. Man bestaunte sie wie
+wilde Tiere trotz aller Scheu.
+
+</p><p>Die aber vermochten in ihrer Errettung nichts Sonderbares
+oder Unglaubliches mehr zu sehen. Wohl aber sahen sie viele
+Dinge in ihrem neuen Leben, die sie mit wachsender Trauer
+erfüllten, weil sie ihrem Verständnis fremd und ihrem Glauben
+tot, unlebendig erschienen.
+
+</p><p>Es war ihnen, als seien sie am Leben geblieben, um zu erfahren,
+daß die Welt gestorben sei.
+
+</p><p>Und sie äußerten laut ihre Mißbilligung und tadelten die
+hohen Herren der Kirche, die Beamten und Besitzer der Äcker
+und Häuser. Nach außen waren alle Christen, fromm hielten
+sie alle Gebote, die sich seltsam rasch vermehrt hatten. Ihre
+Herzen aber entbehrten alles fühlenden Wissens, aller Geduld,
+aller Wärme.
+
+</p><p>Man beorderte sie vor ein Konzilium, das sie höflich und
+salbungsvoll behandelte, ihnen aber eindringlich diese Reden
+gegen die bestehende Ordnung verwies und sie vor den
+Folgen einer Irrlehre warnte. Bald stellten sich bei den
+Sieben auch die Zeichen ihres furchtbaren Alters ein. Sie
+holten ihr Leben nach. In wenigen Tagen bekamen sie das
+Aussehen uralter Bäume, die mit Moos und Flechten bewachsen
+einsam in stillen Tälern trauern, in schwarze Schatten
+gehüllt.
+
+</p><p>Sie ließen nicht ab, laut und lauter ihre Stimmen zu erheben.
+Sie zogen wie die gerettete, unbeugsame Wahrheit durch
+Städte und Dörfer und predigten voll Eifer die Reinheit des
+armen Lebens, das sich der Ewigkeit verdungen.
+
+</p><p>Viele hörten auf sie, heimlich kamen manche und empfingen
+Händedruck und Trost, die Masse des Volkes geriet in Wallung:
+Zeichen und Wunder, neuer Eifer, neuer Drang gegen
+Himmel schloß die Menge in Ehrfurcht und Glauben aneinander.
+
+</p><p>Viele aber lachten hinter ihrem Rücken, nannten sie komische
+Käuze und die Geschichte des hundertjährigen Schlafes eine
+dumme Legende. Die Behörden der Kirche aber ergrimmten
+mehr und mehr über diese unliebsamen Heiligen und riefen
+die Wächter des Staates zu Hilfe. Die gingen vor nach den
+Buchstaben des Gesetzes und stellten die Sieben vor Gericht.
+Man hatte sie dabei ertappt, daß sie Früchte von Feldern
+und Brot stahlen.
+
+</p><p>Sie erklärten zu ihrer Verteidigung, daß unter Christen,
+die doch Brüder seien, alles Eigentum gemeinsam sei, in
+Wahrheit also fortfalle, und vermochten die schwierige Deutung
+der Beamten nicht einzusehen. Man sperrte sie ins Gefängnis.
+Mittlerweile aber hatten ihre Anhänger, die sich die
+freien Brüder im Geiste nannten, Zulauf erhalten und dann
+versucht, das Gefängnis zu stürmen.
+
+</p><p>Die sieben Schläfer aber weigerten sich hartnäckig, ihnen
+zu folgen auf der Flucht. Sie fühlten, daß sie sich dem Ziele
+näherten.
+
+</p><p>Da überließ man sie ihrem Schicksal.
+
+</p><p>Der Gouverneur gab endlich den Befehl, sie im Gefängnis
+zu erdrosseln.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Das Pferd</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">O</span>hne sich Gewalt anzutun, in freier, geordneter Haltung
+verließ Johannes das Haus seiner Geliebten, bei der
+er die erste Nacht verbracht hatte.
+
+</p><p>Wie ein Gewitter plötzlich den Unvorbereiteten in Einsamkeit
+überfällt. Nachdem er in Traum und Tag Jahre hindurch
+alle Sprüche, Wünsche, Verschwörungen vergeblich
+abgelebt, öffnete sich auf das Zeichen, geheimnisvoll seinem
+Finger entschlüpfend, der Berg Sesam.
+
+</p><p>Ihn enttäuschte fast, niederschmetterte diese Überraschung:
+Weder war es nötig gewesen eigenes Gewissen zu morden
+oder Warnungen von Vater, Mutter, Arzt und Priester zu
+betäuben, noch des Mädchens zu zerbrechen, ihre Natur zu
+zersetzen. Obwohl an ihrer Unschuld, ihrem Vorurteil nicht
+zu zweifeln war.
+
+</p><p>Aus Lust, Glut, Überkraft erstickte er alle Hemmungen,
+lösten sich alle Bildung, Geschichte, Erziehung in Atmosphäre
+überwältigter Liebe, der auch Dora alle Romantik willig
+unterwarf.
+
+</p><p>So hatte sich diese erste Nacht beiden ergeben mit der
+Selbstverständlichkeit einer Traumhandlung, deren Logik in
+Freiheit von jeder Form der Gesellschaft ruhte.
+
+</p><p>Diese Nacht ruhte die Ewigkeit. &mdash; Sie stand zwischen
+den Zeiten, zwischen allen Schicksalen, lautloses Intervall.
+
+</p><p>Befreit von den Menschen, gesprengt Ordnung, Gesetz,
+Gewalt der Eltern; es gab Sieger und Besiegte, klares Los.
+
+</p><p>Spielend gestalteten Hand und Mund mit gefährlicher
+Kühnheit alle Schwierigkeit, alle Eifersucht zu Bildern, ohne
+Bosheit heimlicher Angst seine Worte und Blicke klar einen
+Wald, in dem sie sich gerne verliefen.
+
+</p><p>Voll Glück verlor er Gewalt über Glieder und Gedanken,
+er zauberte jeden Augenblick als Vollendung des Genusses,
+eder das Ziel, hinter dem Abschied nichts Böses mehr enthielt.
+
+</p><p>Atemlose Stärke durchpulste ihn: Ich kann Böses tun, ich
+bin gütig.
+
+</p><p>So hatte er sich ihrer, die ihm schon gehörte, mit sanfter
+Schamlosigkeit bemächtigt, der in stummen Minuten, wenn
+Atem und Blick im Takt gingen, lächelndes Erstaunen den
+Ton eines Sommerspieles gab, das ein verstecktes Tuch oder
+ein Ball lustig bewegt.
+
+</p><p>Auch als der späte Tag sie in langem Schweigen ließ, das
+ernst und nachdenklich ihr Mund und Blick versperrte, regte
+sich in ihm weder Ungeduld, noch zwang er sich ab größte
+Zärtlichkeit.
+
+</p><p>Wie Spiegelschein blitzte ihre Trauer seinem Aug vorüber,
+daß ein Stich durchs Herz fast Tränen austrieb.
+
+</p><p>Hurtig kleidete er sich an und verließ sie, balancierend
+auf den Zehenspitzen, ohne umzublicken, vorsichtig ihren
+Schlaf nicht zu stören.
+
+</p><p>Sie aber schlief nicht, sie lag wach, er wußte, daß ihre
+Augen weit offen ihn, nur ihn schauten, daß sie sich mit
+Tränen füllten, weil er ging. Gleichwohl ließ sie ihn gehen,
+um besser weinen zu können.
+
+</p><p>Er wollte keine Tränen, keine Reue, keine Scham; er
+fürchtete seine Verlegenheit, daß sie dalag, und er ging.
+Johannes aber stand, von leichtem Schwindel gebändigt, auf
+der Straße, über die grauer Himmel kühlen Wind blies. Er
+schüttelte sich und atmete mit Wucht aufs neue. Morgenkälte
+schmolz Zweifel über seine Haltung schnell hinweg.
+
+</p><p>Häusern, Menschen, Fenstern, Zäunen, den kahlen Pflasterbäumen
+sah er streng und bissig entgegen und hindurch in
+fernes Land der Zukunft, das willig seinem neuen Geiste sich
+entschleierte. Die Schilder der Läden, Maggi, Pilo, Palmona
+&mdash; er wußte, was sie bedeuteten, Aufrufe, Wegweiser zum
+geheimnisvollen Endziel, das nur er kannte. Imaginäre Kraft
+seiner Augen durchbohrte Berge und Mauern, dicht, greifbar
+wesentlich schwante der neue Johannes über den Wolken,
+Hülle auf Hülle fiel in seinem Innern. Klar ward ihm Wahrheit,
+Kern all seiner Wege: Gleichgültig wie man lebt, wofür,
+welchem Beruf &mdash; den ewigen Wert seiner Existenz wird
+jede Form aufnehmen, jede Phase Gärung und Fruchtbarkeit
+kraft ihrer einzigen Art, Taten zeugen, die Europa erschüttern.
+
+</p><p>Sein großes Seelen-Ich, aus Wunsch und Eifersucht erblühtes,
+stand vor ihm auf der Straße feuchtem Pflaster. Ahnung
+eines reichen, unbeirrbar sieghaften, eines Condottieres, in
+dem aller Glanz, Esprit, Ehrgeiz und Ruhm des Jahrhunderts
+knirschend, reflektiert, beflügelte langsam seine Seele zu höheren,
+überirdischen Regionen. Häuser und Kirchen, Schlote
+und Fabriken, Banken, Universität; die ganze Stadt mit allen
+Menschen, Berufen und Geschäften, mit Gelehrsamkeit, Tugend,
+Dummheit und Elend wogte unkenntlich zu seinen
+Füßen, krauses Gewölk eines Teppichs den Augen eines
+Trunkenen.
+
+</p><p>Auch diese Nacht, das Mädchen, seine bürgerliche nur
+menschliche Natur lag &bdquo;da unten&ldquo;. Vergessen, überwunden,
+lächerlich. Denn allzulange schon hatte er gemußt: Glauben,
+hören, überzeugt werden von Büchern und Gegnern. Zu lange
+schon hatte er gebückt Predigt und Prügel von Mensch, Gott
+und Erfahrung, dieser Bestie hinter allem Objekt, hingenommen.
+Verstand fehlte nicht (hieß es), aber man muß seine
+Phantasie, die schlimmen Instinkte eindämmen, ausrotten,
+ihm einbläuen, daß nur gilt wer lernt, überall lernt, hört was
+gesagt wird. So war die Klugheit aller anderen ebenso Macht
+wie eigene Lähmung, Dummheit und Null. Die Frau war
+nur die Summe dieser Widerstände, das wandelnde Gleichnis
+seiner Unterlegenheit. Er identifizierte sie fast.
+
+</p><p>Weder hatte er gewagt, wie seine Kameraden ins Bordell
+zu gehn (gerne glaubte er edlere Zaubermacht dem Gelde
+als solch viehische Vergnügungen), noch erkühnte er sich, eine
+der hungrigen, wie aus Käfigen entflatterten Studentinnen
+zu erobern. Im Gedanken waren ihm alle unterlegen, hatte
+er alle besessen ohne Gewalt; sie ergaben sich seufzend dem
+Glück, von ihm erlöst zu werden. Die Gegner erbleichten und
+verwickelten sich in geistlose Tiraden.
+
+</p><p>Aber Wirklichkeit hatte ihn ernüchtert, seiner Ohnmacht
+ausgeliefert. Ging er auf der Straße, im Hörsaal einer Frau
+entgegen, überwältigte ihn aus tiefstem Dunkel aufquellende
+Schamröte, so daß er oft umkehrte, entfloh, fluchend seiner
+Feigheit. In einem Winkel dennoch trotz Hohn und Schmähung
+wider sich, Gelegenheit fiebernd herbei lauerte seine
+Kraft und Überlegenheit, Tugend und Bildung zu beweisen.
+Jetzt aber war das Maß endlich voll und er strömte aus,
+alles was ihn gebändigt, geknebelt und zum Spottbild gezwungen
+hatte. Spielend war ihm ein Sieg gelungen, der
+ihn mit einem Schlag der größten Freiheit in die Arme warf.
+Es war Tag, er und die Welt: Man stand endlich am rechten
+Fleck.
+
+</p><p>Spielend! Er pfiff es fast zwischen den Zähnen und rekelte
+sich in den Gelenken.
+
+</p><p>&bdquo;Man kann sie nicht gerade schön nennen. Aber ihre
+Augen sind doch erhaben voll großen Feuers, voll Klugheit.
+Gott sei Dank, sie ist nicht schön, aber klug &mdash; schöne Frauen
+sind dumm &mdash; sonst hätte sie nicht mich gewählt, den Unscheinbaren,
+dem Verlegenheit Blick und Sprache verschlägt.
+Es stand ihr doch frei, jeden ihrer zahlreichen Freunde, einen
+der größer, schöner, eleganter ist als ich, zu gewinnen. Aber
+sie zog mich den Eleganten vor, weil sie die Klugheit der
+Schönheit vorzieht.&ldquo;
+
+</p><p>Er kniff die Augen zusammen wie um Doras Bild besser
+zu sehen; prüfend zwinkerte er.
+
+</p><p>&bdquo;Leider ist sie nicht auch schön; ihre Backenknochen ecken
+vor und die Nase krümmt sich einwärts, sie ist mager und
+ihrer blassen Farbe nach leidet sie insgeheim; so schulde
+ich ihr nichts, denn ihre Liebe zu mir beglückt sie. Die anderen!
+Sie werden mich beneiden, wenngleich sie über uns
+lächeln. Aber ich brauche nicht mehr den Erdboden anzuflehen,
+daß er mich verschlinge.&ldquo;
+
+</p><p>Dennoch strauchelte er noch über Hoffnung und Furcht.
+Seine Übertreibung überlistete er mit Schlauheit. Seiner
+Empfindlichkeit schuf die elementare Überlegenheit älterer
+Semester, ihre größere Erfahrung zorniges Unbehagen. Ihr
+starres Lächeln, umspült vom rauhen Baß väterlicher Nachsicht,
+ihr Wahn der Vollendung genügte, seine Stellung zu
+untergraben. Und wie, wenn Dora sich Hoffnungen hingab,
+vor denen ihm graute, weil er sich lächerlich und brutal zugleich
+werden fühlte, aus Instinkt heraus, den er wie vorbestimmtes
+Schicksal nicht bewältigen, überspringen, fliehen konnte.
+
+</p><p>&bdquo;Ich muß auch den ersten, zarten Keim eines Anspruches
+in ihrem Herzen zertreten, ausjäten. Meine Pläne, seit Beginn
+meiner Gedanken festgelegt, dulden keine Fesselung &mdash;
+ich muß mich hemmungslos umhertreiben dürfen &mdash; von Pol
+zu Pol. Toben muß ich durch Chaos von Welten, dazu gehören
+Frauen, keine Frau. Und wenn sie auch&ldquo; &mdash; er schlug
+diesen Satan zu Boden mit der Hand wie eine Wespe, obwohl
+sein Herz, des braven Sohnes Herz hart aufpochte.
+Aber lustig förderte er seinen Schritt weiter, glücklich, daß
+die Ungeborenen Leichen bleiben mußten.
+
+</p><p>In solche Gedanken verstrickt hatte er sich den Straßen
+überantwortet. Er mußte auf die Trambahn warten, um
+zurückzufahren. Zufrieden und neugierig lehnte er an der
+Stange, die das Haltezeichen trug und schaukelte sich träge.
+
+</p><p>Da kam ein Bursche des Wegs. Der zog an einem Strick
+ein Pferd hinter sich her. Johannes sah, wie das Pferd daherschwebte
+riesengroß über dem Volk, aus einem Tunnel
+schwarzer Häuser aufwuchs in Wolken, Atem und Schweiß.
+Das Pflaster sträubte sich klirrend zwischen den Schienen,
+die Häuser wackelten, das Tier stieß vor, näher zu ihm, zu
+ihm. Von Kopf zu Fuß gefror sein Blut zu spitzem Eis, so
+daß er sich nicht vom Fleck rühren konnte. Der Richter nahte,
+der ihn wie ein Hölzlein zerbrechen, wie eine Gänseblume
+zertreten und fortblasen wird.
+
+</p><p>Der Bursche zerrte den Gaul mit wüsten Flüchen, sein
+Knüppel wirbelte. Man sah, es ging zum Schlachthof. Das Tier
+in diesem Wesen war uralt in einem Gestrüpp wolliger Filzhaare.
+Das Tier fühlte, daß es sterben sollte. Sein Gebein,
+sein rauhes Fell zitterte unter den Schenkeln des Unsichtbaren,
+den plötzlich alle sahen. So wie er abgebildet ist:
+&bdquo;hoch zu Roß wird er reiten durch die Gassen. Sein Atem
+tötet, sein Blick tötet, sein Mund verschlingt&ldquo;. Wild kochte
+Atem aus verknorpelten Nüstern, die am Straßenschmutz
+rochen.
+
+</p><p>Das Pferd des Todes kroch riesengroß herbei, eine Karawane
+des Elends, ein Begräbnis vor dem letzten Blick: Alle
+Leiden des Sterblichen, in dem noch Agonie wühlt, spielen
+sich ab vor den Fenstern, Gesichtern, Bäumen. Es humpelte
+jeden Schritt, setzte ihn eigens hin. Sein rechtes Hinterbein
+war ganz verdreht, eine barocke Säule. Nur die Spitze des
+Hufes schlurfte auf den Boden. Jeder Schritt auf dem nassen,
+rohen Pflaster biß und zerrte an Mark und Sehnen. Bei jedem
+Schritt sträubten sich die letzten Fransen seiner Borstenmähne
+voll Stroh und Spelz. Blicklos rollten durch die Gespensterhöhlen
+Augen, wehrlos hin und her der spitze, gramverwüstete
+Schädel.
+
+</p><p>In dieser Bestie aus Elend, Hunger und Müdigkeit wohnte
+die sanfte Seele eines sterbenden Engels.
+
+</p><p>Alle mußten ihn sehen, diesen Berg der Verzweiflung mit
+Flanken, die wie Blasebälge rollten. Ein Gewitter von Schlägen
+in Kälte, Sturm und Schnee. Jahrelang hatte es nicht
+mehr auf dem Boden im Stroh schlafen können, weil die
+Beine zu steif waren, um den großen Leib wieder aufzurichten.
+Nur Häcksel und feuchtes Gras lagen in dem schmutzigen
+Sack, den man ihm um den Kopf band.
+
+</p><p>Die Beine waren an all dem Elend schuld &mdash; sie waren
+von Gicht geschwollen wie rauhe Bäume, an denen noch Astknorren
+stecken. Die Gicht war schuld, der Fuhrknecht, der
+in der Kneipe soff, indes es wartete, wartete in Schlamm, im
+Regen, im Sturm. Die Menschen sind schuld, das Leben,
+Gott!
+
+</p><p>Jeder Schritt dieser blind unstet scharrenden Beine riß
+das Tier zusammen, schüttelte es wie ein Bündel Lumpen.
+
+</p><p>Der Schweiß des kalten Todes, dessen Nähe es nicht
+abschütteln konnte, sickerte aus allen Poren. Im Bogen
+drückte es den Leib durch. Wie eine Brücke von hier ins
+Jenseits, das bald ein Metzgerhammer an seiner Stirn aufschlagen
+würde. Vom Bauch kroch graues Weiß wie Schimmel,
+Todesblässe auf den Rücken. Die Rippen stießen aus
+der kantigen Wirbelsäule schneidend aus, als sei das Skelett
+notdürftig mit Haut bespannt, Trommel, auf der jetzt Tod
+statt Peitsche und Stiefel den Marsch nach Vorwärts hämmerte.
+
+</p><p>Johannes konnte den Anblick kaum mehr ertragen &mdash; ihm
+ward übel vor Entsetzen. Hier belangte ihn ganz persönlich
+ein Unbekanntes &mdash; Verbrechen, Mord, Lüge, Verführung;
+Kinderchen sah er vor seinen blutbespritzten Händen fliehen,
+Mädchen errötend umbrechen vor seinen gierigen Lippen,
+Eltern weinten um ihn, fluchten ihm; Fremdes ging ihn plötzlich
+heftig an, dringend, unaufschiebbar, es trat ihm auf die
+Fersen, seit langem, seit jeher &mdash; jetzt erst erkannte er.
+
+</p><p>Und sah neue entsetzliche Einzelheiten, die seine Augen
+anzogen, hielten, ihn wehrlos machten.
+
+</p><p>Man hatte dem Pferde die Hufeisen abgerissen und an den
+Eisenhändler um zwei Groschen verkauft. Es schlich auf seinen
+stumpfen Hufen zum Tod wie ein Schwindsüchtiger auf
+Pantoffeln, lautlos, ohne das Klappern der Eisen, das auch den
+alten Gaul noch heroisch scheinen läßt.
+
+</p><p>Und er hielt vor Johannes, der Reiter hielt den Gaul vor ihm.
+
+</p><p>Seine Augen begegneten den toten Augenquallen des
+Tieres. Er mußte den Blick senken, er unterlag, er erlosch
+und ward zerknittert, fortgeschmissen wie ein Zeitungsblatt.
+Wollust, zertreten zu werden!
+
+</p><p>Das Tier aber folgte dem Ruck des Strickes, der um seinen
+langen Hals geknotet war. Die Borsten aus seinem Schweifbesen
+spreizten sich wie Schwungfedern zwischen den flachen
+Mühlsteinen seiner Hinterbatzen. Johannes sah dem hinkenden
+Gespenst, diesem Galgengerüst des Todes, nach, bis es
+um die Ecke taumelte, in die Straße versank wie in einen
+Schlund, der es verdauen würde gleich allen anderen Elenden
+und Geschlagenen.
+
+</p><p>Er wandte sich um und seine Blässe spiegelten die Gesichter
+der Umstehenden, seine Pein drückte auch sie nieder,
+seine Scham bäumte auch diese dürren Herzen. Es war, als
+sei Christus zum Kreuzberg geführt, alle wußten darum, alle
+entschuldigten sich, auch er machte sich davon, aber wo er
+auch hielt, das Pferd wippte neben ihm, klappte sein ledernes
+rindiges Maul auf, bleckte die großen Gelbstummel seiner
+Zähne. Es grinste und fletschte, sabberte lange Fäden Saftes,
+es leierte die Sprache des langen sicheren Todes, die er erlernen
+mußte. Sie hatte ihn aufgeschrien, geweckt aus romantischen
+Mördereien.
+
+</p><p>Auftauchend aus Gassen und Hinterhäusern trotteten Menschentiere
+um seine Füße, die Brüder jenes Pferdes. Es sah
+die Zeichen der Familie auf den Gesichtern, die vorübertanzten.
+Durch Kleider und Haut mußte sein Blick. Not, Haß,
+Gier in jeder Falte, knarrten aus Stiefeln, husteten aus morschen
+Lungen. Die Buckel krümmten sich, schief drehte sich
+der Hals, das Becken quoll und pries sich an, Beine knickten
+ein vor Hunger, aus Augen funkelten trübe noch die Tränen
+durchwachter Nächte.
+
+</p><p>Wie ein Bad ergoß sich Betäubung über ihn und er zählte
+seine Schritte, um nicht hinzustürzen: Nieder mit mir! Er ging
+mit, er gehörte zur Bande. Auch er trug die Zeichen des
+Aussatzes, auch seine Seele, heimlich wundgescheuert, war
+beschmutzt und erniedrigt. Einst sog er wie Haschisch Jugend,
+Stolz berauschte ihn. Das Morphium seiner Träume vergiftete
+jeden Schmerz, jede Wahrheit, jede Gerechtigkeit: Krasse
+Gesundheit wiegte ihn in Schlaf.
+
+</p><p>Er vergaß das Kolleg, seine Stube, Bücher und Zukunft.
+Er sah mit den Augen des Pferdes, trabend durch die große
+Stadt: In Schwefelrauch chaotisches Panorama von Armut,
+Verfolgung, Dummheit, Vergeblichkeit. Er wehrte sich nicht
+mehr, es war sinnlos. Sinnlos alles, was sich sträubt, vergeblich
+trachten zu entkommen. Er pilgerte. Gegen den Abend
+der wie Sonnenfinsternis trübe von Schnee und Qualm über
+Dächer und Fassaden troff, schleppte er sich zurück. Seine
+müden gepeitschten Knochen hielt nur mehr diese Hoffnung:
+&bdquo;Auf die Knie vor ihr!&ldquo; dröhnte sie durch seinen gelähmten
+Schädel. Seine Lippen murmelten ihren Namen, als er
+die Treppe emporstieg und demütig anläutete.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die Heimkehr</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>er Schutzmann, dessen Schlitzaugen Bosheit höherer
+Waltung funkelten, gestattete nicht, daß der ihm anvertraute
+Sohn das Haus seiner Eltern bezeichnete. Nein,
+bei jeder Haustüre machte er halt. Sein runder Mongolenkopf
+quoll aus robusten Schultern auf, die Hausnummer
+besser zu erkennen, schüttelte sich; dann ging man weiter,
+der Polizist nörgelnd über schlechte Beleuchtung, schlechtes
+Wetter, schlechte Zeiten, der Häftling schweigend. In dessen
+Brust aufschimmerten diese feuchten Fenster wie Tränen, aus
+diesen dunklen Türen staunten die Gesichter seiner Jugend
+&mdash; das Pflaster war noch immer weißer als anderswo und
+in der Mitte der Straße grün bemoost. Er hatte den grauen
+Hut bis auf die Nase gezogen und sein größtes Glück war
+diese Rabenfinsternis.
+
+</p><p>In ihm war alles tot, baufällig; weil er die Luft nicht vertrug;
+schon gar nicht die Luft seiner Heimat, den Raum vor
+seinen Füßen, diese Straße, die er als Gymnasiast hinauf,
+hinab gesprungen war.
+
+</p><p>Gleichwohl sollte das schneller gehn. Er drückte die rechte
+Schulter vor und fuhr den Tartaren an: &bdquo;Machen Sie keinen
+Unfug. Ich kenne doch mein elterliches Haus, was halten Sie
+denn da vor jeder Laterne? Ich möchte Sie bitten, etwas
+schneller &mdash; gehen &mdash; pardon &mdash; zu dürfen &mdash;&ldquo; (Wozu das?
+stotterte es in ihm weiter, dieser Halunke kennt doch keine
+größere Freude. Meine Aufregung ist ein Genuß, eine Zigarre,
+der Lohn für seinen Judasschmerz.)
+
+</p><p>&bdquo;Sie werden doch jetzt zum Schluß keinen Fehler begehen
+wollen. Ich warne Sie, Klaasen! Die Reise ist ohne Zwischenfall
+verlaufen, den ganzen Tag haben Sie sich bändigen können.
+jetzt am Ziel werden Sie frech.&ldquo; Bleibt stehen, die
+Laterne zu ihren Häupten ist eingeworfen und flackert. Der
+Sträfling hat das Gefühl, daß der Tartare ihn fragen wird, ob
+er diese Laterne eingeworfen habe. Das Protokoll wäre gerecht,
+aber gleich mit einer Strafe wieder zu beginnen, was
+würde der Vater &mdash; der andere schaute zuerst die Laterne
+und dann ihn strenge an.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe es nicht getan,&ldquo; sprudelte es aus seinem Munde
+wider seinen Willen plötzlich los, &bdquo;kann mich jedenfalls nicht
+mehr erinnern, schon lange her; der Völler, mit dem ich spielte,
+kann das auch gewesen sein &mdash;&ldquo; Er hatte blasses Blut bekommen
+vor lauter Todesangst; aber der andere verstand
+ihn ganz richtig, viel richtiger.
+
+</p><p>&bdquo;Weshalb muß man Ihnen erst drohen? Sie sind immer
+ein unbegreiflicher, leichtsinniger Patron. Woher kommt Ihr
+ganzes Elend? Doch nur, weil Sie über eine Sekunde nicht
+hinwegkommen. Statt eine Sekunde den Mund zu halten, zu
+schweigen und sich Ihr Teil zu denken, fangen Sie an zu
+krakehlen, zu reden, zu schlagen, machen tolle Streiche und
+stürzen sich und Ihre Eltern ins Unglück. Seien Sie froh,
+daß ich es bin &mdash; ein anderer wäre schon zum Präsidenten
+zurückgegangen und hätte Sie drei Tage dort nachdenken
+lassen.&ldquo;
+
+</p><p>Klaasen starrte zur Laterne empor, froh, daß der andere
+doch nicht ein so ganz glänzender Spitzel war. Natürlich
+hatte er die Laterne eingeschmissen, von vorn bis hinten mitsamt
+dem Zylinder und Glühstrumpf.
+
+</p><p>Der Polizist packte ihn beim Arm und zerrte ihn fort.
+&bdquo;Jetzt wollen Sie scheint&rsquo;s gar hier festfrieren. Sie spinnen
+tatsächlich, mein Lieber &mdash; aber ich möchte auch noch zu
+Bett.&ldquo;
+
+</p><p>Eine irrsinnige Wut kochte in dem anderen auf. Hier war
+nichts mehr Gitter, Zelle, Schlüssel, Gewehre, wenn man auf
+dem Hofe karussellte, hier war seine Heimat, seine Jugend,
+Recht auf jeden Pflasterstein und Haustritt.
+
+</p><p>&bdquo;Sie reden von meiner Sekunde. Ich meinte diese Laterne,
+Sie Fürst aller Spione. Sie brauchen nicht in die Tasche
+greifen, lassen Sie Ihr Auge vor Ihrer Frau, Ihrem kleinen
+Sohn funkeln, bevor Sie sie ins Genick schlagen. Hier brauch
+ich nur zu pfeifen; aus allen Fenstern und noch vom Himmel
+stürzen meine Legionen zu Pferd und Fuß mir zur Hilfe herbei.
+Ich sage Ihnen für Ihr ganzes Leben&ldquo; &mdash; schnaufte,
+strahlte voll harmloser Mordlust, tiefglücklich zuckt seine
+blasse Sehnenfaust vor die Schlitzaugen, spreizt die Finger
+zum Fanggriff &mdash; &bdquo;Sie hatten bisher nur Kindsköpfe, Quertreiber
+und Frömmler zu behandeln oder zu enthaupten. Ich
+werde alle diese Sekunden noch täglich wiederholen. Ich bin
+glücklich, Ihnen sagen zu dürfen &mdash; hier drei Schritte von
+meiner endgültigen Freiheit, meinem Elternhaus, meiner
+Schwester, meinen Büchern &mdash; daß ich mein ganzes Leben
+als unerhörtes Recht empfinde, als Entscheidung gerade diese
+Sekunden begangen und Euch, Euch diese Sekunden angetan
+zu habe.&ldquo; Der Tartare zuckte die Achseln, grinste
+freundschaftlich, indem er die Straße hinabspähte, ob keiner
+zur Hand sei für jeden Fall.
+
+</p><p>Adelbert Klaasen fühlte dieses selbstbewußte Grinsen zu
+nahe, als daß er hätte ruhig bleiben können; die Jahre, die er
+es schon ertragen hatte, schnitten mit einmal gleichsam sein
+Leben aus aller Zukunft. Kein Büro, kein Hof, keine Zelle,
+kein Baum und Stein, dem nicht dieses höhnisch unschuldsvolle
+Grinsen der Ewigkeit von Macht und Herrlichkeit aufgeklebt
+war. Der Wind klirrte mit den Scherben, und er
+wollte ihn gerade beim Hals packen, den Tartaren, der hier
+nichts zu suchen hatte, nur die Luft verpestete. Alles war
+ihm verekelt, finster und lieber wieder eingesperrt, als auch
+hier noch ohne Mut; er spie aus und sah das Mädchen an,
+das im Schneeschein vorüberglitt. Und schon gingen beide
+beinah versöhnt und brüderlich nebeneinander weiter. Da
+stand das Haus, es fiel vom Himmel gleichsam unverändert.
+Sein geliebtes und verfluchtes Bild packte, würgte ihn nieder,
+der totenstarre Blick der unverhängten Fenster, die beiden
+Steinbalkone. Sollte er nicht weitergehn, vorbei in eins der
+anderen Häuser &mdash; in irgendeines, gleichgültig welches; nur
+gerade jetzt und dieses nicht. Denn was er in Fremde, Haft
+und Verbannung an diesem Augenblick als Erlösung und
+Gefühl der Bergung empfunden, jubelnd und trostvoll, es
+war jetzt furchtbare drohende Wirklichkeit. Sein Weg der
+Schmerzen bis zu diesen Stufen aus blauem Stein war doch
+Verblendung, Dummheit und Hoffart. Ein Spiel mit der Geduld
+des Schicksals, das sich täuschen, übertölpeln lassen
+würde. Aber dieses Hier war grauenhaft und er aufs neue
+Schuft, Falschspieler und ein geduckter Knabe, dem rote
+Tinte den Körper ätzt.
+
+</p><p>O Gott, vielleicht gelang es noch vorbei zu schlüpfen, diesen
+Druck auf den Klingelknopf zu vermeiden für fünf Minuten,
+für einen Augenblick &mdash; aber der Wärter rief schon
+mit tadelndem Frohsinn; &bdquo;Aber wir laufen ja schon vorbei,
+hier ist ja Nummer zwei. Sieh da, jetzt hast du noch Zeit, mich
+zu foppen &mdash; kennst du denn dein elterliches Haus nicht
+mehr?&ldquo;
+
+</p><p>Sein dicker Finger drückte auf den Knopf, daß das ganze
+Haus aufschrie. Drei-, viermal. Er lauschte mit gespitztem
+Ohr dem Schrei der Glocke. Sein pflichttreues Gemüt labte
+sich am altvertrauten Notschrei &mdash; wie oft hatte er schon mit
+Mordwonne diesem Zeichen gelauscht, ein Jäger auf dem
+Anstand, das wütend, angstvoll, überreizt unter dem Finger
+ungezählter Gefangener aufschrillte, um von ihm überhört
+zu werden. Stundenlang hatte das Opfer auf den Knopf
+gedrückt &mdash; aber dieser gelbe Hund schlich hin, stellte den
+Strom ab und grinste durchs Guckloch &mdash; Tausenden hatte
+er so mitgespielt und auch jetzt, zu anderem Behufe, versagte
+die Glocke ihm nicht Beute und kitzlige Sehnsucht.
+Adelberts Fuß zitterte rasselnd auf dem Stein, dieser Demütigung
+nicht zu unterliegen, unbändige Freude riß ihm den
+Hut vom Kopf, schamloseste Trauer, die sein ganzes Innere
+von Grund auf umleerte, warf ihn an die Mauer, an der entlang
+er doch nicht fliehen konnte.
+
+</p><p>Auch öffnete sich das winzige Schiebefenster und ein Auge
+spähte in die Nacht, in sein Gesicht; ganz trocken sagte seine
+Mutter, daß sie gleich komme, ruhig, allzu gebändigt. Schlüssel
+klirrten, verdammte Riegel krachten &mdash; wer war eingesperrt?
+erlöste er? und richtig erschien die Mutter ganz
+schneeweiß im weißen Glanz des Flurlichtes und hinter ihr
+schlängelte die rote Spur des Teppichs hinauf zu seiner
+Stube &mdash; und richtig sagte sie guten Abend und reichte dem
+Tartaren die kleine harte Hand &mdash; dann erst ihm den Mund
+&mdash; dann erst rollten ihre Tränen auf seine Backen.
+
+</p><p>Er kuschte sich vor beiden, die beglückt und überzeugt
+sich trennten. Adelbert ließ nicht ab, dem Wärter Verachtung
+zu zeigen und lüpfte flüchtig den Hut, eintretend schon als
+der Herr, der junge Herr, über den jener Recht und Befugnis
+verloren hatte, dem bittere Beleidigung nur deshalb
+widerfahren durfte, damit an ihm einst aller Welt die teuflische
+Bosheit des Systems offenbar werde und die Edlen
+zum Kampf treibe.
+
+</p><p>Das Haus und seine Insassen schliefen. Er störte trotz der
+Teppiche, trotz der Liebe, mit der ihn die Mutter geleitete
+und tröstend anlächelte. Am Ende der ersten Stiege stand
+vor der Wand ein großer Spiegel, und er sah sich auftauchen,
+Kopf, Schultern, Beine, auftauchen aus der Unterwelt, der
+Nacht, und alles schien von ihm abzufallen, hinzuklirren mitsamt
+der verruchten Welt. Sollte sie sich weiden an seiner
+Vergangenheit und ihn mit Mist bewerfen &mdash; er stand hier
+bei seiner Mutter und sah sich ins umflorte Auge, nahm ihren
+Arm und war rein, erlöst, befreit. Endlich brannten, entbrannte
+er in Tränen, den müden Kopf bettend auf ihre
+Schulter.
+
+</p><p>&bdquo;Ich kehre zurück von wo ich ausgegangen &mdash; es ist noch
+nichts und niemals ein Mensch verloren. Wie ungerecht, gemein
+war diese Zeit und ihr Haß gegen diese Unschuldigen.
+Wie tief und göttlich weht mich hier endlicher Friede meiner
+ersten Tage an &mdash; o Freunde, kehrt um, zurück und vorwärts
+in die Arme eurer Mütter &mdash; laßt ab von mir, von
+eurem großen Wahnsinn.&ldquo;
+
+</p><p>Die Mutter gab ihn in die Arme der Schwester, die irrlächelnd
+das spitze Kinn an seinen Stoppeln wetzte. Ihre
+kleinen Brüste fühlten sich weich durch seinen Mantel ins
+entwöhnte Blut. Auch hier Erholung, Liebe und Zärtlichkeit
+&mdash; kein Blick, kein Strich der Hand verletzte sein gieriges
+Mißtrauen. Er kehrte sich um gegen sich selbst, alles war
+vergessen, aller Unflat, alle Angst, alle Prügel.
+
+</p><p>Gewandt, lebendig legte er Hut und Mantel ab, setzte den
+Koffer in die Ecke. Richtete sich auf, die beiden Frauen sahen
+ihn ernst an, sie lauschten. Ein schwaches Wimmern biß von
+oben &mdash; man sah sich an und seufzte. Die Schwester stopfte
+das Tuch vor die Augen, die Mutter faltete die Hände und
+wehrte alles von sich ab, warf die Last zu Boden. Seine Knie
+schlotterten, als er zum Schlafzimmer emporstieg, in die Höhle
+dessen, den er nur als Löwe, funkelnd von Mähne, Zorn und
+Kraft der väterlichen Pranken gekannt hatte. Seine Knie
+schlotterten, sein Herz lag im Hinterhalt, &mdash; wer hält mir
+die Kehle zu? Vor zehn Richtern und Generälen habe ich
+nicht gezuckt, nicht gewankt! Muß ich hier wie von je her
+schlottern?
+
+</p><p>Wie Gummi schwankten Treppen und Wände mit ihm.
+Die beiden Frauen ließen ihn allein gehen. &mdash; Es erleichterte
+ihn, daß der Tisch mit den ekelhaften Kakteen verschwunden
+war; ihre saftige, stachlichte Behäbigkeit, die geile Röte
+ihrer klebrigen Blüten hatten ihn stets gereizt &mdash; jetzt aber
+stand der Tisch voller Flaschen und Schachteln, die nach Jod
+und Schwefel stanken. Und er erinnerte sich. Er war krank,
+man hatte ihm doch geschrieben, daß der Vater krank sei,
+unheilbar, dem Tod geweiht!
+
+</p><p>Das hatte ihm so unbegreiflich geklungen, daß er es nicht
+einmal gelesen oder geglaubt hatte. Es war ihm nicht eingegangen.
+Dieser starke, unbeugsame Richter seiner Jugendtage,
+Jahre, Ewigkeiten konnte nicht krank werden.
+
+</p><p>Er schob die Tür voll kalter Angst ob bösen Scherzes
+gegen das Weinen, das laut und flehentlich ihn peitschte &mdash;
+trat in den Flackerschein des Nachtlichtes. &mdash;
+
+</p><p>Mit großer Stimme schrie es auf in seinem Kopf, in seinem
+Brustkasten, daß er allein, er, Adelbert Klaasen, schuld an diesem
+Morde sei. &bdquo;Mörder!&ldquo; formte die niedrige Kammer die
+fieberdürren Lippen.
+
+</p><p>Aus wildem Filzbart greinte ihm gebläht von Schmerz,
+verklärt von Glück dennoch, vergilbt vom nahen Tod, des
+Vaters Angesicht zu. Ob dieser ungeheuren Schuld war jede
+Pose, auch die aufrichtigste, verlorenes Spiel, vergebliche
+Liebesmüh.
+
+</p><p>Steif, belästigt vom Röcheln, das weißen Schleim auf die
+blauen Lippen feixte, so lag er da, und der Sohn trat ans Bett
+des Vaters, nahm seine Hand, die Hand, deren Spuren er
+noch am Körper zu schmecken glaubte; er knickte ein, fiel
+vornüber und küßte die Lippen, die gebettet lagen im braunen,
+weißgestreiften Bart. Der Vater lächelte unter Tränen,
+konnte nicht sprechen vor Freude, vor Schmerz, trank nur
+immer wieder mit Fieberaugen sein Bild &mdash; ja, er vergaß sogar,
+daß er seine Gebrechlichkeit hatte übertreiben wollen,
+und richtete sich auf im Bett, bat um Licht, um ihn besser
+betrachten zu können.
+
+</p><p>Und als er die Sprache wiedergefunden, von seinem Herzleiden,
+den Ärzten, den Medizinen, den Aussichten und
+Hoffnungen redete, jammerte und querulierte, ließ Adelbert
+nicht ab von seinen Stelzen.
+
+</p><p>Er wußte: Ich bin vernichtet. Ich habe diesen Mann gehaßt,
+verflucht und verdammt &mdash; ich war entschlossen ihn
+für alle Ewigkeit zu hassen; ja, ich wollte sogar jetzt von
+meinem Haß ablassen, um ihn ganz auf sich zu stellen, da
+mit er hervorbreche am Tage der Vergeltung, Faust oder
+Dolchschlag oder Anklage. Und jetzt häuft alle Schuld mein
+Wille auf mein Haupt.
+
+</p><p>Rede du nur von Medizin und Pillen, von Schmerz und
+schlaflosen Nächten. Sage es mir doch, damit ich zu Boden
+stürze: &bdquo;Du hast mir das Herz gebrochen! Sträfling! Schande
+meiner alten Tage!&ldquo; Was war all sein Unglück, sein Schicksal,
+die Verdächtigungen, Fußtritte und Gemeinheiten, Strafen,
+Verbote, Hohn und erzwungenen Feigheiten seines Lebens,
+was starke Hoffnung und Glauben an die Mission für die
+Menschheit, wenn alles darin gipfelte, alles davon ausging
+und wurzelte: Ich habe meinen Vater ermordet! Daß dieser
+Vater Schuld auf Schuld wider ihn getürmt, von Grund auf
+ihn aus allen Bahnen geschleudert hätte zu eigener Wollust,
+Herrschsucht und Eitelkeit, was war dieser unkontrollierbare,
+einseitige Verdacht, den ungezählte Geschenke, Sorgen und
+Opfer wettmachten, gegen diese grenzenlose Schandtat, die
+mit der Gewalt eines Taifuns aus allen Ritzen des Hauses auf
+ihn niederpfiff?
+
+</p><p>Vor wessen Auge konnte er ohne zu erröten noch hintreten
+und von Menschheit, Empörung, Glück und Reinheit
+reden?
+
+</p><p>Gierig lauerte er drei Tage auf die Worte des Alten. Sie
+blieben sich gleich. Röntgenstrahlen, Medizin, Ärzte, Tod.
+Kein Wort von seinem Verbrechen, seiner Schuld, Schurkerei.
+Niemand ließ einen Blick gegen ihn fallen. Wie glückliche
+Engel saßen sie um den Tisch unter der heiligen Lampe
+geselligem Schein. Sie erlosch nicht &mdash; es war keine Täuschung:
+Alle waren an ihm satt und glücklich.
+
+</p><p>Das hielt er nicht aus. Bleich sprang er vom Abendtisch,
+forschend grub sich sein Wutblick in die erschreckten Gesichter.
+Der Alte schlief &mdash; und er war entwaffnet, mußte
+sich wieder hinsetzen. Mit Bissen guten Fleisches würgte er
+die wütende Forderung nach dem gerechten Lohn und Aufschrei
+nach Rache wider sich hinab.
+
+</p><p>Es nützte ihm nichts, auf der Brücke zu stehen, unter der
+die Züge durchqualmten, ihn einhüllend mit lockendem Rauch.
+Er sprang nicht hinab. Er stürzte sich nicht in den Fluß. Nicht
+Gift, Dolch, Revolver vermochten gegen ihn. Wie damals
+schlich er, die Schuhe in der Hand, auf die schwarzen Straßen
+und zog mit Gesindel von Kneipe zu Kneipe. Das Grau
+des Morgens riß den noch eben stocksteif Betrunkenen zu
+vollstem Bewußtsein auf und er schlich auf Strümpfen in sein
+Zimmer, erschien frisch und gesund beim Frühstück.
+
+</p><p>Was wollten diese Menschen von ihm mit ihren kleinen,
+gleichgültigen Sorgen? Sollte er sich im Ernst über die Höhe
+des Eiffelturmes aufregen, über die Schnelligkeit der elektrischen
+Bahnen, das Gewicht des Saturn einen Schwindel
+nennen? Muteten sie ihm im Ernste zu, er solle den Präsidenten
+für einen Heiligen, seine Minister für Götter, den ganzen
+Staat und seine blödsinnigen Einrichtungen für Offenbarungen
+Gottes selbst anerkennen?
+
+</p><p>Und doch wagte er es nicht einmal, den freundlichen,
+interessiert lächelnden Priester, der den Vater besuchte, nicht
+zu begrüßen. Er hätte ihm sogar die Stiefel abgeleckt, wenn
+der Kranke oder die Mutter es von ihm verlangt hätten. Er
+ging zur Messe, kniete und segnete sich, machte Besuche
+bei Verwandten und erzählte von vergangenen Tagen.
+Ein grauer Schleier, ein Ewiges: &bdquo;Wie freut es mich, Sie wieder
+zu sehen, gesund und munter&ldquo; schläferte ihn ein. Wie oft
+drohte es aus ihm aufzuschreien; glaubt Ihr denn, ich merke
+Eure Hinterlist nicht? Ihr wollt mich durch Euren Anblick
+zwingen in die Knie, in den Wahnsinn, in die Gemeinheit. &mdash;
+ja ich weiß und Ihr wißt, daß ich ein Schuft, ein Mörder, ein
+Heuchler bin &mdash; ich bekenne es ja &mdash; so laßt ab von Euren
+Banalitäten, Euren Regen und Mordgeschichten, Eurem Klatsch
+und Ekel vor Spinnen &mdash; entweiht nicht meine Niedrigkeit
+und Reue. Ich bereue, ich liebe Euch, ich wedele mit dem
+Schwanz, tretet, schlagt, pufft mich in die Ecken &mdash; macht
+mit mir was Ihr wollt &mdash; aber laßt Eure Masken fallen!
+
+</p><p>Er kam betrunken nach Hause, verschwand dann tagelang
+und streifte durch den Wald. Sein finsterstes Gesicht stieß
+er jedem freundlichen Wort schnaubend entgegen, aber Blick
+und Wort des Kranken, der Mutter und Schwester blieben
+ruhig, mitleidig und voll Verständnis. Ihm fehlte zum Schluß
+jede Erinnerung, ob das auch früher so war, ob er auch früher
+schon so verhetzt, verrückt vor Stolz und Mißtrauen gewesen
+oder ob die Krankheit des Vaters erst den Keim zu dieser
+weihevollen Laune des alltäglichen Dramas gelegt hatte.
+
+</p><p>Jedenfalls fühlte er die Unmöglichkeit in sich, länger diesem,
+seinem Untergang zuzuschauen, bei dem er das stärkste, untrügliche
+Gefühl hatte, selbst dem Tod verschrieben zu sein.
+
+</p><p>Er lag im Bett. Der gepackte Koffer stand neben ihm auf
+dem Stuhl, Mantel und Hut darüber; auf dem Tisch lag
+ein Brief: &bdquo;Erlogen und erstunken von A bis Z. Ich verreise
+nicht &mdash; ich fliehe beladen mit meiner Schuld, damit er ganz
+gerechtfertigt, ganz beruhigt von dannen gehen kann. Ihn
+trifft gar keine Schuld mehr. Denn ich habe ihm das letzte
+Wort abgeschnitten, das Wort der Todesstunde, das Wort
+des Vaters, der erst im Tode allmächtig wird und von da
+aus dich ganz beherrscht, ganz zwingt auf seine Seite überzutreten.
+
+</p><p>Wie groß ist Er in seiner Macht, in der Erhabenheit seiner
+banalen Entschuldigungen meines Lebens, des Lebens seines
+Mörders.&ldquo;
+
+</p><p>Da scholl ein Schrei und Türenschlag zu ihm hinauf &mdash; man
+lief da unten &mdash; schnell auf und davon! Nur nicht wissen, daß
+er stirbt, daß er mir verziehen hat und duldet, duldet, daß
+ich weiterlebe, daß er seinem Mörder Absolution vor Gott
+und Welt erteilte. Aber die Schwester winkte totenblaß
+schon in der Türe, zitternd und zähneklappernd folgte er
+und stand am Bett des Sterbenden, früh genug, um den
+letzten verdrehten, geraden und dann glasigen Blick der
+grauen Augen noch zu begreifen.
+
+</p><p>Und als der starke Mann dalag, tot, kalt und hölzern, nicht
+mehr aufstand, nicht mehr schimpfte noch Zeitung las, nicht
+mehr stritt, jammerte und rechtete um die Mark, fand Adelbert
+als erster sein Gleichgewicht. Mit Ruhe und Umsicht
+leitete er Begräbnis und Besuche, Abrechnungen und Geschäfte,
+und von Schmerz oder Verwirrung war nichts an ihm
+zu spüren.
+
+</p><p>Man ließ den Sarg in die rote Erde, es regnete, und man
+fuhr nach Hause und klappte den Zylinder zusammen. Da erst
+atmete er auf, als wieder Licht und Sonne in die offenen Zimmer
+strömten.
+
+</p><p>Er stutzte vor seiner Ruhe. Sie blieb und er konnte wieder
+arbeiten, Briefe schreiben. Er dankte dem Toten. Und
+als er die ersten Blumen auf sein Hügelchen pflanzte, wußte
+Adelbert, daß da unten nicht nur der Vater schlief &mdash; da
+schlief auch ihre Schuld &mdash; des einen Vaterwahn, des anderen
+Sohnesrache.
+
+</p><p>Kein Drittes zeugte ihr Bett &mdash; er hatte sich frei gemordet.
+
+</p><p>Und wie er auf der Trambahn nach Hause fuhr, konnte er
+schon lächeln über die ängstige Geschäftigkeit zweier Schulfreunde,
+ihn nicht zu sehen.
+
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
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+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
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+
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+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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