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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:02:18 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:02:18 -0700 |
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diff --git a/34785-h/34785-h.htm b/34785-h/34785-h.htm new file mode 100644 index 0000000..8b0290b --- /dev/null +++ b/34785-h/34785-h.htm @@ -0,0 +1,1895 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Der Sprung aus dem Fenster</title> +<!-- AUTHOR="Karl Otten" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-transform:uppercase;letter-spacing: .2em;text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; } +h2 { text-transform:uppercase;letter-spacing: .1em; text-align: center; margin-top: 10%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always} +h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always} +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 4% + } +p.noindent { text-indent: 0%; } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } +p.lyrics {text-align:left; + text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 8%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: left; + margin-left: 20%; margin-right: 8%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + font-size: small; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; } +p.textbox { text-indent:0%; margin: 0% 20% 0% 20%; padding: 1% 1% 1% 1%; border: 1px solid; text-align:center;} + +p.firstwo { text-indent: 0% } +p.first { text-indent: 0% } +span.firstchar { +float:left;font-size:50px;line-height:24px;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +hr { margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + color: black;} + + .hr50 { width: 50%; border-top: double } +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der Sprung aus dem Fenster, by Karl Otten + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Sprung aus dem Fenster + +Author: Karl Otten + +Release Date: December 30, 2010 [EBook #34785] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPRUNG AUS DEM FENSTER *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<h1> +<span style="letter-spacing: .5em"> +Karl Otten<br /> +</span> +<span style="font-size:xx-large"> +Der Sprung<br /> +aus dem Fenster +</span> +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="letter-spacing: .1em;font-size:large"> +Kurt Wolff Verlag, Leipzig +</p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase;letter-spacing: .1em;page-break-before:always;font-size:small"> +Bücherei »Der jüngste Tag«, Band 55<br /> +Gedruckt bei Dietsch & Brückner · Weimar +</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Der Sprung aus dem Fenster</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Die Siebenschläfer</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Das Pferd</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Heimkehr</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Der Sprung aus dem Fenster</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>ahllos kopulierten sich Fehler und Vorzüge in dem +Charakter des Herrn B. + +</p><p>Um jeden Preis suchte er zu widerlegen, daß er dem Durchschnitt +angehöre; aber das Wort Mittelmäßigkeit stand oft +wie eine Fassade vor ihn hingemauert; oft umringte es ihn +wie eine Mauer, längs der er rundlief; oft klang es wie der +Ruf Manitobas überlaut und einzig in seiner Brust, so daß +er zitternd wie ein gehetzter Hase hin und herriet, wie zu +vermeiden sei, daß es offenbar werde. + +</p><p>So sprach er denn bei allem mit. Erfindungen deutete er +an in ihrer ganzen tragisch-revolutionären Größe, wenn sie +überraschend auf den Markt niederkamen, Kunst, Politik, +Dichtung fielen seinem gelehrigen Eifer zum Opfer. Insgeheim +schrieb er Artikel für die Jägerzeitung, das freie Echo, Kunst +dem Volke, der neue Staatsmann. Aber es war, als gehöre +sein Name zum Text. Und doch kam es ihm ledig gerade auf +die Unterscheidung, auf den Beweis seiner Existenz an. + +</p><p>War es ihm in der Wirtschaft nicht gelungen, bei seinen +Freunden den Eindruck eines Philosophen zu erregen, so behandelte +er sie ungnädig, gab keine Antwort oder lehnte jede +Erklärung mit verletzender Ironie ab. Den Kellner dagegen +beschenkte er mit reichem Trinkgeld, guten Ermahnungen +und Händedrücken. + +</p><p>In der Elektrischen oder im ersten Halbschlaf fiel ihm der +Plan zu einem Zyklus Preisgesängen auf die Freiheit des +Geistes ein. Er dichtete, so dünkte ihm, die ganze Nacht — +ja er raffte sich aus den Decken auf und schrieb beim Kerzenlicht +eine Stunde frierend Ekstasen aus sich ab. Der Morgen +war Büro, Schreibmaschinen, der Mittagstisch die versalzene +Erkenntnis: Genies gehen eher zugrunde, notorisch häufiger +als schlechte Köchinnen. + +</p><p>Ihm fehlte nichts als Mut zuzugeben, daß Schwächen in der +Überzahl sogar immer noch Leben sind und ein Bekenntnis +fordern. Er ahnte wohl dergleichen, suchte aber krampfhaft +sein Denken rückwärts zu drängen, um den Punkt zu ergründen, +wo eigentlich der Fehler seiner Konstitution liege. +Aber es fielen ihm keine Beweise, keine Erinnerungen, keine +Daten ein. Auch sonst keine Ideen. Reichtum des Geistes +konnte aus Sprichwörtern nicht gesogen werden. Haltlosen +Banalitäten schraubte er sich nach, beseelt von Feuereifer das +Perpetuum mobile aus dem Bauch der Dummheit zu reißen. + +</p><p>Führte ihm der Zufall einen Menschen vor die Klinge, der +Geduld und Einfalt besaß, sich belehren zu lassen, oder die +pensionslüsterne Tochter eines guten Freundes, nannte er sie +zwar insgeheim Philister und Schmarotzer am Geiste, sprühte +jedoch zugleich von Witz und Einfalt, blendete sich selbst +mit gelehrter Skepsis und zynischen Analysen. Lärmende +Freude ließ ihn hochgeschwellt, Wind unter allen Flügeln, +Einsamkeit der Straßennacht groß und Sterne ewig empfinden. + +</p><p>Er rannte hier- und dorthin. Kein Ausweg, der Unerträglichkeit +des Ichs, Dingen, Menschen, Mittagsmählern, dem +Licht, der Finsternis zu entkommen. + +</p><p>Ihm war, als sei er eingespannt zwischen zwei Krallen, die +ihn dehnten in allen Lagen; die Widerstände seines Daseins +bohrten sich in seine Seele. Alle hatten Namen, Namen, die +lockende Möglichkeiten klangvoll bargen, Tausenden auch +gaben. Ja ihn selbst auch beschenkten nicht nur in seiner +Jugend. Er sehnte sich ja danach, mit seiner Wirtin, den +Kollegen, den Trambahnschaffnern und Kellnern, den Arbeitern +und Direktoren in Frieden zu leben. Sein höchster +Traum war: Frieden predigen und als leuchtendes Vorbild +mit weißen Händen sich über die Stirne fahren, um das Lächeln +zu überschatten, das immerdar auf seinen Lippen schweben, +seinen Augen von aller Lippen offenbar werden sollte. + +</p><p>Aber es kam nie dazu. Das Lächeln hatte er verlernt, er +lachte dröhnend, und die Falten um sein Kinn schaukelten. +Und dieses Gelächter zwackte ihn genau wie das hölzerne +Sofa, wie das unausgesetzte Bimmeln der Glocken von allen +Türmen, Schulen, Milchwagen. + +</p><p>„Könnte ich doch einmal selbst Glocken läuten, von morgens +bis abends, die ganze Nacht, damit ich mich beruhige +und freue, daß andere darunter leiden.“ + +</p><p>Seine Unruhe war nicht zu bändigen, obwohl er doch allen +Grund gehabt hätte, zufrieden zu sein. Er hatte alle Pläne +bisher verwirklicht und das Wahrscheinliche wahr gemacht, +das Bizarre gemieden und vergessen. + +</p><p>Es trieb ihn um und um. Er flüsterte vor sich hin, er munkelte +in eine Ecke starrend und ratschte mit den Füßen über die Diele. + +</p><p>Seine Worte hatten keinen Sinn sichtbarer Verknüpfung. +Es waren Worte, die Lawinen dunklen Mißgeschicks ihm +auspreßten. + +</p><p>„Unglaublich — unglaublich — gräßlich — heraus — nur +heraus — furchtbar.“ + +</p><p>Und dazu stieß er tiefe Seufzer aus, Ekel verzerrte seine +Lippen. + +</p><p>Alle Dinge sprangen ihm an die Kehle. Aber er kam ihnen +zuvor und schleuderte sie in eine Flut von Abscheu und Verachtung. +Wenn die Stunde jedoch gekommen war, stand er +auf, reckte sich, nahm sein Frühstück, ging ins Büro, ins +Gasthaus, ging auf die Straße und legte sich zu Bett. Jedes +wenn die Stunde gekommen war. + +</p><p>Aber Ekel, Wut und Verzweiflung waren an keine Stunde +gebunden. Sie waren die Zeit selber, denn sie liefen unter +ihm fort und hoben ihn plötzlich auf und schüttelten ihn aufkochend +zur Rechten zur Linken. + +</p><p>Auch daran hatte er sich gewöhnt und gewisse Mittel ergriffen, +um „das Ärgste zu vermeiden“. + +</p><p>Man konnte den Dienst wechseln, die Stadt, die Wohnung, +oder in Urlaub fahren. Der Anzug war unansehnlich, noch gut +fürs Haus oder Büro. Man kaufte einen neuen. Der Wechsel war +ein Schlafmittel und machte doch lebendig neuen Interessen. +Dann brauchte man nicht nachzudenken, sondern flatterte, plätscherte. +In ungeahnter Fülle spendete Schicksal Erfolge, Scherze, +Schauspiele. Das Neue kitzelte einen neuen, unberührten Punkt +der Nerven und führte neues Licht auf alte Farben. Die leuchteten +dann ganz prächtig auf, das alte Grau war verschwunden. + +</p><p>Bis es eines Tages aufschwelte und alles in den Fingerspitzen +juckte. Bis seine Augen sich wieder öffneten, nachgebend +einer unbekannten Hand, bis er in den Ecken stand +und vor sich hinknurrte. + +</p><p>Er war überzeugt, daß es nur ihm so ergehe, daß nur bei +ihm Genialität und bizarres Kleinbürgertum sich so mische, +daß kein Charakter dagegen aufblühen könne. Es war sein +Irrtum, daß es nur ihn so schlage, daß er sich dieses Leidens +schämte als einer Minderwertigkeit, gegen die er nicht genügend +Energie verwende. Er wußte nicht, daß es alle Menschen +anwandelt, daß sie, wenn auch nur für ganz kurze Blicke, fremde +Augen öffnen und ihre Haut sich spannt vor Entsetzen. Hätte +er’s gewußt, er wäre beruhigt gewesen, hätte sich ausgesprochen, +womöglich gelacht. So mit den Händen über den +feuchten Tisch hin „dieses Etwas“ hinabgewischt. + +</p><p>So jedoch stand er bis zum Hals im Sumpf. Und dieser Sumpf +wuchs. Er merkte die Luft über seinem Schädel weniger werden +und doch schwerer. Und eine tolle Wut packte ihn, daß unten +Räder rollten, Stimmen tosten, Klaviere schepperten und er +dastehn mußte und nur fluchen konnte, seufzen, verzweifeln. + +</p><p>Er öffnete die Türe und trat auf den Balkon. + +</p><p>Dieser Balkon war sein Stolz; er führte seine Gäste gerne +auf ihn hinaus vor diese Tiefe. + +</p><p>„Da sehen Sie erst, wie hoch ich über allen wohne,“ lachte +er üppig mit runder Armbewegung, den Bauch gegen das +Gitter pressend. Er öffnete die Tür mit schlaffer Hand; sie +gab lautlos nach (sonst gehorchte sie nur ächzend mächtigem +Druck). Zu Boden starrend wehte er vor, als sauge ihn ein +Ventilator an, der Schwung eines großen Rades, glühend +groß wie die Sonne, die drüben brannte. Bis an das gußeiserne +Gitter preßte ihn der saugende Mund, vornüber neigte +er sich mit vorgestreckten Schwimmerarmen, die jeden Halt +fahren ließen. Seine Blicke sanken auf die Tiefe, das Blut +rollte wie eine Spielkugel in den Kopf, warf den Körper aus +dem Gleichgewicht. + +</p><p>Er ließ ihn gleiten, befreite sich von ihm, er fühlte, daß +er falle, wabbernd in breiten Flugflächen wie ein Blatt; +denn er schien sehr leicht, schien ein Nichts zu sein an Gewicht. +Ja, ein wirkliches Nichts, denn die Droschken rutschten +gelassen weiter, die Menschen krabbelten, schwarze und +helle Mäuse ihrer Wege, kein Knall, kein Schrei: ein Nichts +war abgestürzt! + +</p><p>Und er hatte doch vollkommen durchfühlt, daß er sich +löse vom Balkon, vom Zimmer, das ihn bisher beherbergt; +daß ihn die Welt ausgespieen hatte, damit er stürze, sein +eigener Wille ihn hinausgedrängt aus der Tür — er hatte +den Schlag des Todes aufs Pflaster durch alle Knochen +schmetternd gespürt, aufatmend sein Blut verspritzt in den +grauen Staub der Straße für eine große heilige Sache, die +alles Bittere erfordert, weil es so leicht ist. + +</p><p>Er kroch zurück, glitt auf den Boden des Balkons, und +seine Augen füllten sich mit Tränen, er weinte in langen Strömen, +unfaßbares Leid, unfaßbares Glück. + +</p><p>Und ihm war, als schwebe er mit dem Balkon in reine +Höhe, die er nur ertragen konnte, weil sein Körper abgestürzt, +zu Staub zerschmettert war. Mit Schluchzen und +Stößen senkte aufs neue Besinnung bleiernes Erwachen in +den noch Lebenden. + +</p><p>Lächelnd stand er auf, reckte sich, klopfte den Staub von der +Hose. Und als er sich umsah, Häuser, Himmel, Wolken, Türme, +das Licht wie immerdar, legte er die Hand an die Stirne, als +suche er sich, vergebens, eines Vorfalles zu erinnern. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Die Siebenschläfer</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>itten in der Krönungsfeier trat Dezius, der Kaiser, auf +einen Diener zu und riß ihm das Amulett in Form eines +Kreuzes vom Hals. Der bändigte ruhig seiner zornverquollenen +Augen giftige Blicke; auch als der Kaiser ihn zu töten +befahl, lächelte er erhaben. + +</p><p>Wie alle Schwächlinge hatte Dezius insgeheim lange Jahre +darüber nachgesonnen, wie sich Geltung verschaffen, Ansehen, +Furcht und Gehorsam. + +</p><p>Mit großem Pomp drohte er als erste Regierungshandlung +grausamsten Tod allen Feinden des Reiches. Auch heischte +Tradition diese Form. + +</p><p>Und dann: nur Mächtige haben Feinde. Also redete und +wütete der Kaiser gegen die Feinde, vor allem die Erbfeinde, +die Christen. Lauter denn je dröhnten ihre Stimmen von +Gleichheit und Brüderlichkeit aus den Kanälen unter der +Stadt empor. + +</p><p>Der Kaiser, selbst Frucht eines Aufstandes, rückte wie ein +Rasender durch alle Provinzen seines Reiches gegen diese +Revolution. + +</p><p>Und es gelang ihm in kurzer Zeit, tausende einfältiger +Menschen zur ewigen Seligkeit und Verklärung zu steigern, +mit Wunderkraft zu begaben; ihre Namen rauchten wie +Sonnenstaub Verklärung über die Mietskasernen und Markthallen +und Zirkusstaden; klangen wie ein Programm, sich zu +schließen so fest, daß die Heiligen zwischen den Schultern +der Brüder eingeklemmt ihren Platz nicht zu lassen brauchten. + +</p><p>Der Kaiser wurde grau und mager. Er unternahm viele +Bauten, Politiken, Feldzüge; aber alle Untertanen erkannten +aus jeder seiner Verordnungen, wie stark Blutschuld isoliert, +wie fremd er der Zeit, taub der neuen Stimme der Bruderliebe +war. + +</p><p>Ein omnipotenter Knockabout, dessen Späße lebensgefährlich, +dumm und boshaft waren. Man kam nicht auf die Idee, +ihm das Genick zu brechen; so sehr war seine Zeit erfüllt, +die neue schon vorgeeilt. Man verstand nicht recht, wie er +noch möglich sein konnte und duldete seine Metzeleien, weil +noch eine Schuld zu sühnen blieb. Andererseits die Überzeugung +herrschte, daß geringe Erregung, etwa ein scheuendes +Pferd, ein Schnupfen oder ein Ziegelstein genüge, um +diese Warze zu ekrasieren. + +</p><p>Die Bewegung zog weite, unwahrscheinliche Kreise. Im +Herzen, an einer Stelle ihres Lebens waren alle bereits Christen, +deren Blut noch Fühlung hatte. Die Abneigung gegen das +starre Gesetz, die verlogene Geste bezahlter Götter, gegen +endlose Kriege, wo doch alle Menschen einander lieben und +nichts so sehr konnten als Vereinigung zur Verherrlichung der +Ideen des Menschensohnes, die gräßliche Völlerei der Reichen, +die weniger Menschen aber mehr Gelder wurden und das +Mark aus den Rücken der Armen sogen, bis beide seelenlos +in Räude faulten. Die Richter, Offiziere, Zuhälter der staatlichen +Ordnung, an ihrer Spitze der Kaiser: Eitelkeit, Phrasen, +Blutdurst, billige Zirkusmache! Sahen sie nicht in den Herzen +leuchtende Klarheit, unabwendbar das Ziel prästabiliert? + +</p><p>Der Boden schwankte unter ihren lächerlichen Thronen. +Sie fühlten nach nacktrauschenden Festen, nach Blut und +Eisenschlachten, marmorhallenden Schwindelzeremonien im +Grabkuppelchen morschknochiger Angst und Verlassenheit +ganz unvermittelt: + +</p><p>Das Absolute des guten, liebenden Herzens in einmaliger, +einfacher Armut triumphieren über ihre tägliche blutige Gemeinheit. +Gleichwohl bekehrten sie sich nicht; sie konnten +als das andere Prinzip nicht, ihnen fehlten gewisse Organe, +und der Überschuß an Sophistik verhätschelte alle Regungen +ihres dünnen Gemütes in Heuchelei und Argwohn. + +</p><p>Mit schmal geknifften Lippen sahen sie die Freiwilligen +der Idee sich zur Parole des Martertodes melden. + +</p><p>Sie winkten dem Henker mit dem spitzen Zeigefinger; +ließen den und jenen gleich niederstoßen (aber es geschah +auch, daß der Henker mit dem Opfer niederkniete, alle den +Tod erflehend): Obwohl jede Provinzstadt einen Zirkus erbauen +mußte, hatte man nicht genügend hungrige Bestien +für alle Christen. Den Rest sperrte man ins Gefängnis bis zum +Tage der Spiele. + +</p><p>In einer Provinzstadt trafen so sieben christliche Jünglinge +im Gefängnis zusammen, die einander vorher nie gesehen +hatten. Wie von einem Brand, einem Wort, das gesprochen +sein muß, von der Wahrheit selbst, die Herz und Muskel zersprengt, +wenn sie nicht erfüllt wird, von Sicherheit des Lebens, +die wie seliger Wahnsinn alle Gefahr der Lächerlichkeit +und Scham überspielt, vernichtet, getrieben und aufgerufen +hatten sie bekannt. + +</p><p>Jetzt kauerten sie gebückt auf dem Stroh am Lehmboden, +Schulter an Schulter, und hielten glückschweigend einander +bei der Hand, eine Kette stärksten Willens, der Gott selbst +beschwört in Erscheinung niederzuflammen. + +</p><p>Wie Liebende wiegten sie einander mit Blicken singend. + +</p><p>„Ich staune,“ hub einer an, „und große Freude höhlt mich +aus, daß wir viele und doch einer sind. Rings sind alle Zellen +voll, in jeder Zelle pocht mein Herz, in meinem Herzen beten +alle Brüder. Mein einziger Zweifel war, daß der Richter mich +nicht ernst nehmen und ich mich wie ein Tier in den Rachen +eines vergeblichen, eingequälten Ungeheuers werfen würde. +Ich war einsam, ein Hirte auf den Abhängen der Gebirge. +Vielleicht riefen die Tiere, Wolken, Steine des Herrn Wort +in mir wach. + +</p><p>Ich vertraute ihm, überwand meinen Schreck und Ihr belohnt +mich herrlich, da ich bei Euch sein darf. + +</p><p>Alles ist von uns abgefallen, weil alles Zweifel und Schranke +war gegen den Sieg des Geistes. + +</p><p>Wir können nur noch sterben. + +</p><p>Das ist jetzt das wahre Glück, zu erkennen, daß nichts, +auch dieser Leib nicht einen Wert hat. Wir sinken in die Unsterblichkeit, +in die einzige Idee, in die wahre Zeit. Wie danke +ich Gott, daß ich Euch anschauen darf; Ihr meine anderen +Ichs; wir ein siebenfaches Ich. + +</p><p>Alle Löwen, alle Kaiser, alle Henker, Richter, Soldaten, +Götter und Gesetze, alle Bestechung und Lüge macht unser +Tod reif; sie faulen tiefer, sie kippen unter den Stößen unserer +letzten Atemzüge. Wir sterben nicht irgendeinen Tod wie ein +Krug zerbricht, weil ihn die Magd von der Bank stieß. + +</p><p>Unser Tod erhellt das wahre Leben über alles Sein. Wir +werden in den Herzen derer, die zurückbleiben, auferstehen, +in den Herzen der Freunde wie der Feinde. Die Schwankenden +werden fest in Mut und Feuer, die Spötter verstummen, +die Zweifler glauben. + +</p><p>Hätten wir in Frieden den Glauben an den Geist und den +göttlichen Sohn des Menschen wirken können, wären wir vielleicht +eingeschlafen und zum Haufen geworfen, wo alles Unkraut +in der Grube dorrt. + +</p><p>Jetzt aber ist Krieg, nicht gegen die Trakier, Gallier, Numider, +nein, gegen den Geist, gegen die Liebe, gegen uns, +die Menschen. So voll war ich der Liebe zur Menschheit, zu +den Armen, Unterdrückten und Verblendeten, daß es begeistert +aus mir schrie, als mich der Richter fragte, ob ich +Christ sei. + +</p><p>Die Stimme der Welt, die Erinnerung an Weib und Kind, +Haus, Geld und Leben erblindete, verstummte in mir: gleichgültig +alles vor dem Tode für die Idee der Liebe. Ich weiß, +daß sie von meinem Tod erst recht leben wird. Sie ist über +uns eine starke Kraft, in sie flieht unser schwaches Leben, sie +lebt von unserem Glauben, bis sie Übermacht hat über die +Tyrannen, die Welt, die Trägheit der Herzen. + +</p><p>Es ist dieser Tod nicht ein Ende, vielmehr der Anfang. +Erst durch den Tod für seine Idee, die auch die Idee aller +Menschen war, lebte Christus in unseren Herzen, in aller Herzen, +lebte er überhaupt. + +</p><p>In Einsamkeit und Fremde rang ich mit mir wie Christus +um die Erkenntnis jener Liebe, die auch den letzten Hund in +sich verschließt, die alle Handlung ablehnt, die nicht von jenem +Geist durchwärmt getrieben wird, aus der vollen Kraft +des Einzigen. An mir liegt nichts! + +</p><p>Am Menschen liegt nichts! + +</p><p>Die Idee, der Glaube, die Liebe! + +</p><p>Aber auch sie sind erst, wenn Du und Du und jeder, jeder +einzeln einsam, einzig hindurch durch alle Verworrenheit und +Zweifel ins Angesicht der Ewigkeit sich schwinden fühlt, abscheiden +aus aller Lust und Unlust, aus allen Schalen. + +</p><p>Dann bleibt der Tod nur wie ein Schritt durch ein Tor in +blaues Lieht.“ + +</p><p>Jedem war, als strömten diese Worte aus seiner eigenen +Seele. Sie enthielten alles, was sie zu sagen wußten, je hätten +sagen können. Schweigend genossen sie jetzt das große Glück, +nicht einsam zu sein vor dem Tode. Sie waren ihrer Sieben +eine Allmacht. + +</p><p>Sieben Tage und Nächte warteten sie geschlossen auf das +Ende. Ihre Kraft nahm nicht ab, sie dachten nicht, sie wußten +nicht. Sie saßen und warteten. + +</p><p>Am Morgen des siebenten Tages zog der Wärter sie aus +der Zelle. In einer Schar von Brüdern und Schwestern trieb +man sie zum Zirkus, der im Schatten heller Pinien vor der +Stadt erbaut war. Alle Wege strömten über von Volk. Lautes +Geschrei begrüßte die Gefangenen, Abschiedsrufe und Wehrufe +und Wehklagen. (Aber es duldete, sah stumpf und grausam +gleichgültig zu, daß die Behörden, die doch alle verachteten, +Opfer aus ihrer Mitte rissen und von wilden Tieren +zerfleischen ließen.) Die Soldaten drängten voran, da sie einen +Aufstand befürchteten. Oder es ihnen Freude machte, die +Wehrlosen zu quälen. + +</p><p>Die sieben Freunde schritten Hand in Hand nebeneinander. +Manchmal, wenn sie Bekannte in der Menge sahen, riefen sie +ihr Glück freudig in die erschreckten Gesichter, die sich verlegen +abwandten. + +</p><p>Ihnen war, als hörten sie schon das Gebrüll der Löwen, +als öffne sich ihre Brust, die Seele auszulassen, die sich an +der Brust des Ewigen bergen wollte. In ihrer Erregung schritten +sie hastiger aus, an die Spitze des Zuges, sie begannen +zu laufen, das Volk wich zurück, öffnete eine Gasse — es hob +sie über die Köpfe hinweg ein leichter Wind des Himmels, +über die Dächer, durch den Wald. + +</p><p>Als sie das Klirren der Legionäre hinter sich hörten, Pfeile +ihnen nachschwirrten, fühlten sie voll Schrecken, daß sie auf +unwiderstehlicher Flucht waren. Sie sahen einander an und +stürmten weiter, die Verfolger trabten mit lautem Geschrei +hinterdrein. Schweiß vor Anstrengung und Verzweiflung troff +über ihre Gesichter, und die Haare klebten kalt an ihren +Schädeln. + +</p><p>Sie konnten ihren Beinen nicht Halt gebieten, eine unwiderstehliche +Kraft riß sie nach vorne wider ihren Willen. +Mit steigendem Entsetzen fühlte jeder, wie er sich gegen die +heiligsten Entschlüsse gleichsam vor der Seligkeit rettete, +wie sie ihren liebsten, brennendsten Wunsch zu sterben für +die Unsterblichkeit der Idee Gottes aufgaben und wie Feiglinge +im Schoße der Welt, die sie verachteten, Sicherheit +suchten. + +</p><p>Im Berg zu ihrer Rechten klaffte ein Spalt. Sie schlüpften +hinein und hinter dem letzten ward es Nacht, durch die sie +noch ihre Verfolger vorbeistürmen hörten. + +</p><p>Glücklich, einander nicht anschauen zu brauchen, legten sie +sich nieder und schliefen ein vor Erschöpfung und Trauer. + +</p><p>Als sie erwachten aus unendlichen Träumen, war es lichter +Tag um sie her. Sie sprangen vom Boden auf und waren +einig, sich sofort dem Richter zu stellen, damit der Tod Flucht +und Schande von ihnen nehme und ihnen endlich die Pforte +des Paradieses öffne. + +</p><p>Eilends verließen sie ihre Höhle. Sie wanderten lange durch +einen Wald, den kein Weg aufteilte. Sie verhehlten einander +ihre Unruhe, denn keiner kannte die Gegend und die Stadt +schien vom Erdboden verschwunden. + +</p><p>Sie änderten ihren Kurs und gelangten auf eine wüste Stätte +voller Ruinen und Trümmer von Säulen, Tempeln, Kasernen +und Gerichtsgebäuden. Fern am Rande der Vernichtung sahen +sie müde Rauch wirbeln. Sie atmeten auf und hielten auf dieses +Zeichen zu. Da lagerten einige armselige Hütten um ein Kreuz. +Menschen saßen vor den Türen und blickten in den Abend. +Sie standen auf, als die Sieben sich näherten. Man verstand +einander zuerst nicht. Aber die Leute gaben ihnen freundlich +Brot und Käse und zeigten ihnen den Weg zur Stadt. + +</p><p>Diese Stadt aber kannten sie nicht. Sie schien neu, niedriger, +kleiner als ihre Vaterstadt. Sie fragten nach dem Richter +Glädonius, der sie zum Tod verurteilt hatte. + +</p><p>Niemand hatte von ihm gehört. + +</p><p>Sie fragten nach dem Gouverneur Procius, dem Feldherrn +Caronius, nach allen Beamten, allen Großen der Stadt, allen +Philosophen und Dichtern. Nie hatten die Leute dieser Stadt +ihre Namen vernommen. + +</p><p>Offenbar war ein Furchtbares geschehen in ihrer Abwesenheit, +ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, Kriege schienen in +einer Nacht, einem Schlaf die Erde umgestürzt und alle Menschen +verändert und ihr Gedächtnis ausgelöscht zu haben. + +</p><p>Endlich führte man sie in ein weißes, gedecktes Haus, über +dessen Tür das Zeichen des Kreuzes gemalt war und der Gekreuzigte +aus Stein gemeißelt in einer Nische stand. In diesem +kühlen Hause empfing sie ein alter Mann mit großen Augen +und faltig-knochigem Gesicht. + +</p><p>„Wir bitten Dich, uns vor den Richter zu führen. Wir +sind Christen und den Soldaten des Kaisers entflohen. Wir +sind bereit, jetzt sofort zu sterben. Wir wollen jetzt Zeugnis +ablegen.“ + +</p><p>„Wir sind alle Christen, meine Brüder,“ meinte vorsichtig +der Greis, „weshalb seid Ihr den Soldaten entflohen? Und +wenn Ihr ein Verbrechen begangen habt, so sollt Ihr es büßen. +Sagt mir, was Ihr begangen habt!“ + +</p><p>„Wir sind Christen und wollen Zeugnis ablegen für den +Glauben an die Gleichheit der Menschen, die Unsterblichkeit +der Seele, die Liebe, die alle Welt erlöst, und für den Sohn +des Menschen. Wenn auch Du Christ bist, um so besser, so +wollen wir zusammen gehen und bekennen. Vielleicht, daß +wir zusammen sterben können.“ + +</p><p>Der Alte erschrak, und während er zugleich zitternd einen +Schritt zurückwich, sah er die Sieben genauer an. In ihren +hageren Gesichtern glühten Augen schwarz wie geronnenes +Blut, Glanz und Modergeruch strömte aus ihren schimmligen +Gewändern und wüsten Bärten. Ein heller Schein wölbte +gleichsam eine Kuppel über sie. + +</p><p>Da stürzte der Alte in die Knie und rief entsetzt um Hilfe, +denn er fürchtete sich vor diesen sieben Männern, die vom +Tode auferstanden waren und wie die Richter des jüngsten +Tages verschlossen und hartnäckig nach dem Sinn fragten. + +</p><p>Volk drängte herbei und umringte sie mit Ausrufen der +Verwunderung, Neugierde und Ehrfurcht. + +</p><p>„Von welchem Kaiser redet Ihr? Welchem Richter, welches +Jahr schreibt Ihr? + +</p><p>Wir sind alle Christen und leben doch. Wir leben doch +alle trotz unseres Glaubens. Keiner tötet uns, keiner verfolgt +uns. Ihr redet von längst vergangenen, finsteren Zeiten.“ + +</p><p>„Wir meinen den Kaiser Dezius, der unsere Freunde und +Geschwister wie uns selber einfing für die Löwen im Zirkus. + +</p><p>Gestern sind wir entflohen, wir wurden hinweg geführt und +verbrachten eine Nacht im Schlaf in einer Höhle.“ + +</p><p>Wie Schläge fiel die Wahrheit über sie her: + +</p><p>Dezius ist seit zweihundert Jahren tot, alle Götter sind tot, +alle Tempel und Altäre der Heiden zerstört. + +</p><p>Es gibt keine Heiden mehr. Die Heiden werden bekehrt +oder verbrannt. Kaiser und Heer, das ganze Volk, alle sind +Christen, vereint in der wahren Kirche Christi. Wenn Ihr also +rechtgläubige Christen seid, so seid ohne Furcht. + +</p><p>„Euer Glaube, für den Ihr nicht mehr zu sterben braucht, +beseelt uns alle. Niemand denkt daran, für diese Tatsache +sich töten zu lassen oder in ihr etwas Erstaunliches zu sehen. + +</p><p>Aber erzählt, wie es Euch erging in Eurem Leben. Wie +lebten die Menschen damals, wie starben sie?“ + +</p><p>Und die Sieben bekannten ihren Glauben in aller Einfalt +und Glut. Ihr Leben war ihnen, da sie den Sieg sahen, entschwunden +und sie wußten nichts anderes zu berichten, als +daß sich alle unterordneten in Liebe unter das erlebte Gebot +Christi, daß Leben, Eigentum und irdische Ehre nichts galten +im Hinblick auf die Ruhe des Herzens und Erfüllung der Liebe. + +</p><p>Aber es erhob sich von neuem und die nächsten Tage fort +ein Fragen nach dem Wie und Wo, dem Aussehen und Gebaren +der Menschen in ihren Tagen. Man bestaunte sie wie +wilde Tiere trotz aller Scheu. + +</p><p>Die aber vermochten in ihrer Errettung nichts Sonderbares +oder Unglaubliches mehr zu sehen. Wohl aber sahen sie viele +Dinge in ihrem neuen Leben, die sie mit wachsender Trauer +erfüllten, weil sie ihrem Verständnis fremd und ihrem Glauben +tot, unlebendig erschienen. + +</p><p>Es war ihnen, als seien sie am Leben geblieben, um zu erfahren, +daß die Welt gestorben sei. + +</p><p>Und sie äußerten laut ihre Mißbilligung und tadelten die +hohen Herren der Kirche, die Beamten und Besitzer der Äcker +und Häuser. Nach außen waren alle Christen, fromm hielten +sie alle Gebote, die sich seltsam rasch vermehrt hatten. Ihre +Herzen aber entbehrten alles fühlenden Wissens, aller Geduld, +aller Wärme. + +</p><p>Man beorderte sie vor ein Konzilium, das sie höflich und +salbungsvoll behandelte, ihnen aber eindringlich diese Reden +gegen die bestehende Ordnung verwies und sie vor den +Folgen einer Irrlehre warnte. Bald stellten sich bei den +Sieben auch die Zeichen ihres furchtbaren Alters ein. Sie +holten ihr Leben nach. In wenigen Tagen bekamen sie das +Aussehen uralter Bäume, die mit Moos und Flechten bewachsen +einsam in stillen Tälern trauern, in schwarze Schatten +gehüllt. + +</p><p>Sie ließen nicht ab, laut und lauter ihre Stimmen zu erheben. +Sie zogen wie die gerettete, unbeugsame Wahrheit durch +Städte und Dörfer und predigten voll Eifer die Reinheit des +armen Lebens, das sich der Ewigkeit verdungen. + +</p><p>Viele hörten auf sie, heimlich kamen manche und empfingen +Händedruck und Trost, die Masse des Volkes geriet in Wallung: +Zeichen und Wunder, neuer Eifer, neuer Drang gegen +Himmel schloß die Menge in Ehrfurcht und Glauben aneinander. + +</p><p>Viele aber lachten hinter ihrem Rücken, nannten sie komische +Käuze und die Geschichte des hundertjährigen Schlafes eine +dumme Legende. Die Behörden der Kirche aber ergrimmten +mehr und mehr über diese unliebsamen Heiligen und riefen +die Wächter des Staates zu Hilfe. Die gingen vor nach den +Buchstaben des Gesetzes und stellten die Sieben vor Gericht. +Man hatte sie dabei ertappt, daß sie Früchte von Feldern +und Brot stahlen. + +</p><p>Sie erklärten zu ihrer Verteidigung, daß unter Christen, +die doch Brüder seien, alles Eigentum gemeinsam sei, in +Wahrheit also fortfalle, und vermochten die schwierige Deutung +der Beamten nicht einzusehen. Man sperrte sie ins Gefängnis. +Mittlerweile aber hatten ihre Anhänger, die sich die +freien Brüder im Geiste nannten, Zulauf erhalten und dann +versucht, das Gefängnis zu stürmen. + +</p><p>Die sieben Schläfer aber weigerten sich hartnäckig, ihnen +zu folgen auf der Flucht. Sie fühlten, daß sie sich dem Ziele +näherten. + +</p><p>Da überließ man sie ihrem Schicksal. + +</p><p>Der Gouverneur gab endlich den Befehl, sie im Gefängnis +zu erdrosseln. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Das Pferd</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">O</span>hne sich Gewalt anzutun, in freier, geordneter Haltung +verließ Johannes das Haus seiner Geliebten, bei der +er die erste Nacht verbracht hatte. + +</p><p>Wie ein Gewitter plötzlich den Unvorbereiteten in Einsamkeit +überfällt. Nachdem er in Traum und Tag Jahre hindurch +alle Sprüche, Wünsche, Verschwörungen vergeblich +abgelebt, öffnete sich auf das Zeichen, geheimnisvoll seinem +Finger entschlüpfend, der Berg Sesam. + +</p><p>Ihn enttäuschte fast, niederschmetterte diese Überraschung: +Weder war es nötig gewesen eigenes Gewissen zu morden +oder Warnungen von Vater, Mutter, Arzt und Priester zu +betäuben, noch des Mädchens zu zerbrechen, ihre Natur zu +zersetzen. Obwohl an ihrer Unschuld, ihrem Vorurteil nicht +zu zweifeln war. + +</p><p>Aus Lust, Glut, Überkraft erstickte er alle Hemmungen, +lösten sich alle Bildung, Geschichte, Erziehung in Atmosphäre +überwältigter Liebe, der auch Dora alle Romantik willig +unterwarf. + +</p><p>So hatte sich diese erste Nacht beiden ergeben mit der +Selbstverständlichkeit einer Traumhandlung, deren Logik in +Freiheit von jeder Form der Gesellschaft ruhte. + +</p><p>Diese Nacht ruhte die Ewigkeit. — Sie stand zwischen +den Zeiten, zwischen allen Schicksalen, lautloses Intervall. + +</p><p>Befreit von den Menschen, gesprengt Ordnung, Gesetz, +Gewalt der Eltern; es gab Sieger und Besiegte, klares Los. + +</p><p>Spielend gestalteten Hand und Mund mit gefährlicher +Kühnheit alle Schwierigkeit, alle Eifersucht zu Bildern, ohne +Bosheit heimlicher Angst seine Worte und Blicke klar einen +Wald, in dem sie sich gerne verliefen. + +</p><p>Voll Glück verlor er Gewalt über Glieder und Gedanken, +er zauberte jeden Augenblick als Vollendung des Genusses, +eder das Ziel, hinter dem Abschied nichts Böses mehr enthielt. + +</p><p>Atemlose Stärke durchpulste ihn: Ich kann Böses tun, ich +bin gütig. + +</p><p>So hatte er sich ihrer, die ihm schon gehörte, mit sanfter +Schamlosigkeit bemächtigt, der in stummen Minuten, wenn +Atem und Blick im Takt gingen, lächelndes Erstaunen den +Ton eines Sommerspieles gab, das ein verstecktes Tuch oder +ein Ball lustig bewegt. + +</p><p>Auch als der späte Tag sie in langem Schweigen ließ, das +ernst und nachdenklich ihr Mund und Blick versperrte, regte +sich in ihm weder Ungeduld, noch zwang er sich ab größte +Zärtlichkeit. + +</p><p>Wie Spiegelschein blitzte ihre Trauer seinem Aug vorüber, +daß ein Stich durchs Herz fast Tränen austrieb. + +</p><p>Hurtig kleidete er sich an und verließ sie, balancierend +auf den Zehenspitzen, ohne umzublicken, vorsichtig ihren +Schlaf nicht zu stören. + +</p><p>Sie aber schlief nicht, sie lag wach, er wußte, daß ihre +Augen weit offen ihn, nur ihn schauten, daß sie sich mit +Tränen füllten, weil er ging. Gleichwohl ließ sie ihn gehen, +um besser weinen zu können. + +</p><p>Er wollte keine Tränen, keine Reue, keine Scham; er +fürchtete seine Verlegenheit, daß sie dalag, und er ging. +Johannes aber stand, von leichtem Schwindel gebändigt, auf +der Straße, über die grauer Himmel kühlen Wind blies. Er +schüttelte sich und atmete mit Wucht aufs neue. Morgenkälte +schmolz Zweifel über seine Haltung schnell hinweg. + +</p><p>Häusern, Menschen, Fenstern, Zäunen, den kahlen Pflasterbäumen +sah er streng und bissig entgegen und hindurch in +fernes Land der Zukunft, das willig seinem neuen Geiste sich +entschleierte. Die Schilder der Läden, Maggi, Pilo, Palmona +— er wußte, was sie bedeuteten, Aufrufe, Wegweiser zum +geheimnisvollen Endziel, das nur er kannte. Imaginäre Kraft +seiner Augen durchbohrte Berge und Mauern, dicht, greifbar +wesentlich schwante der neue Johannes über den Wolken, +Hülle auf Hülle fiel in seinem Innern. Klar ward ihm Wahrheit, +Kern all seiner Wege: Gleichgültig wie man lebt, wofür, +welchem Beruf — den ewigen Wert seiner Existenz wird +jede Form aufnehmen, jede Phase Gärung und Fruchtbarkeit +kraft ihrer einzigen Art, Taten zeugen, die Europa erschüttern. + +</p><p>Sein großes Seelen-Ich, aus Wunsch und Eifersucht erblühtes, +stand vor ihm auf der Straße feuchtem Pflaster. Ahnung +eines reichen, unbeirrbar sieghaften, eines Condottieres, in +dem aller Glanz, Esprit, Ehrgeiz und Ruhm des Jahrhunderts +knirschend, reflektiert, beflügelte langsam seine Seele zu höheren, +überirdischen Regionen. Häuser und Kirchen, Schlote +und Fabriken, Banken, Universität; die ganze Stadt mit allen +Menschen, Berufen und Geschäften, mit Gelehrsamkeit, Tugend, +Dummheit und Elend wogte unkenntlich zu seinen +Füßen, krauses Gewölk eines Teppichs den Augen eines +Trunkenen. + +</p><p>Auch diese Nacht, das Mädchen, seine bürgerliche nur +menschliche Natur lag „da unten“. Vergessen, überwunden, +lächerlich. Denn allzulange schon hatte er gemußt: Glauben, +hören, überzeugt werden von Büchern und Gegnern. Zu lange +schon hatte er gebückt Predigt und Prügel von Mensch, Gott +und Erfahrung, dieser Bestie hinter allem Objekt, hingenommen. +Verstand fehlte nicht (hieß es), aber man muß seine +Phantasie, die schlimmen Instinkte eindämmen, ausrotten, +ihm einbläuen, daß nur gilt wer lernt, überall lernt, hört was +gesagt wird. So war die Klugheit aller anderen ebenso Macht +wie eigene Lähmung, Dummheit und Null. Die Frau war +nur die Summe dieser Widerstände, das wandelnde Gleichnis +seiner Unterlegenheit. Er identifizierte sie fast. + +</p><p>Weder hatte er gewagt, wie seine Kameraden ins Bordell +zu gehn (gerne glaubte er edlere Zaubermacht dem Gelde +als solch viehische Vergnügungen), noch erkühnte er sich, eine +der hungrigen, wie aus Käfigen entflatterten Studentinnen +zu erobern. Im Gedanken waren ihm alle unterlegen, hatte +er alle besessen ohne Gewalt; sie ergaben sich seufzend dem +Glück, von ihm erlöst zu werden. Die Gegner erbleichten und +verwickelten sich in geistlose Tiraden. + +</p><p>Aber Wirklichkeit hatte ihn ernüchtert, seiner Ohnmacht +ausgeliefert. Ging er auf der Straße, im Hörsaal einer Frau +entgegen, überwältigte ihn aus tiefstem Dunkel aufquellende +Schamröte, so daß er oft umkehrte, entfloh, fluchend seiner +Feigheit. In einem Winkel dennoch trotz Hohn und Schmähung +wider sich, Gelegenheit fiebernd herbei lauerte seine +Kraft und Überlegenheit, Tugend und Bildung zu beweisen. +Jetzt aber war das Maß endlich voll und er strömte aus, +alles was ihn gebändigt, geknebelt und zum Spottbild gezwungen +hatte. Spielend war ihm ein Sieg gelungen, der +ihn mit einem Schlag der größten Freiheit in die Arme warf. +Es war Tag, er und die Welt: Man stand endlich am rechten +Fleck. + +</p><p>Spielend! Er pfiff es fast zwischen den Zähnen und rekelte +sich in den Gelenken. + +</p><p>„Man kann sie nicht gerade schön nennen. Aber ihre +Augen sind doch erhaben voll großen Feuers, voll Klugheit. +Gott sei Dank, sie ist nicht schön, aber klug — schöne Frauen +sind dumm — sonst hätte sie nicht mich gewählt, den Unscheinbaren, +dem Verlegenheit Blick und Sprache verschlägt. +Es stand ihr doch frei, jeden ihrer zahlreichen Freunde, einen +der größer, schöner, eleganter ist als ich, zu gewinnen. Aber +sie zog mich den Eleganten vor, weil sie die Klugheit der +Schönheit vorzieht.“ + +</p><p>Er kniff die Augen zusammen wie um Doras Bild besser +zu sehen; prüfend zwinkerte er. + +</p><p>„Leider ist sie nicht auch schön; ihre Backenknochen ecken +vor und die Nase krümmt sich einwärts, sie ist mager und +ihrer blassen Farbe nach leidet sie insgeheim; so schulde +ich ihr nichts, denn ihre Liebe zu mir beglückt sie. Die anderen! +Sie werden mich beneiden, wenngleich sie über uns +lächeln. Aber ich brauche nicht mehr den Erdboden anzuflehen, +daß er mich verschlinge.“ + +</p><p>Dennoch strauchelte er noch über Hoffnung und Furcht. +Seine Übertreibung überlistete er mit Schlauheit. Seiner +Empfindlichkeit schuf die elementare Überlegenheit älterer +Semester, ihre größere Erfahrung zorniges Unbehagen. Ihr +starres Lächeln, umspült vom rauhen Baß väterlicher Nachsicht, +ihr Wahn der Vollendung genügte, seine Stellung zu +untergraben. Und wie, wenn Dora sich Hoffnungen hingab, +vor denen ihm graute, weil er sich lächerlich und brutal zugleich +werden fühlte, aus Instinkt heraus, den er wie vorbestimmtes +Schicksal nicht bewältigen, überspringen, fliehen konnte. + +</p><p>„Ich muß auch den ersten, zarten Keim eines Anspruches +in ihrem Herzen zertreten, ausjäten. Meine Pläne, seit Beginn +meiner Gedanken festgelegt, dulden keine Fesselung — +ich muß mich hemmungslos umhertreiben dürfen — von Pol +zu Pol. Toben muß ich durch Chaos von Welten, dazu gehören +Frauen, keine Frau. Und wenn sie auch“ — er schlug +diesen Satan zu Boden mit der Hand wie eine Wespe, obwohl +sein Herz, des braven Sohnes Herz hart aufpochte. +Aber lustig förderte er seinen Schritt weiter, glücklich, daß +die Ungeborenen Leichen bleiben mußten. + +</p><p>In solche Gedanken verstrickt hatte er sich den Straßen +überantwortet. Er mußte auf die Trambahn warten, um +zurückzufahren. Zufrieden und neugierig lehnte er an der +Stange, die das Haltezeichen trug und schaukelte sich träge. + +</p><p>Da kam ein Bursche des Wegs. Der zog an einem Strick +ein Pferd hinter sich her. Johannes sah, wie das Pferd daherschwebte +riesengroß über dem Volk, aus einem Tunnel +schwarzer Häuser aufwuchs in Wolken, Atem und Schweiß. +Das Pflaster sträubte sich klirrend zwischen den Schienen, +die Häuser wackelten, das Tier stieß vor, näher zu ihm, zu +ihm. Von Kopf zu Fuß gefror sein Blut zu spitzem Eis, so +daß er sich nicht vom Fleck rühren konnte. Der Richter nahte, +der ihn wie ein Hölzlein zerbrechen, wie eine Gänseblume +zertreten und fortblasen wird. + +</p><p>Der Bursche zerrte den Gaul mit wüsten Flüchen, sein +Knüppel wirbelte. Man sah, es ging zum Schlachthof. Das Tier +in diesem Wesen war uralt in einem Gestrüpp wolliger Filzhaare. +Das Tier fühlte, daß es sterben sollte. Sein Gebein, +sein rauhes Fell zitterte unter den Schenkeln des Unsichtbaren, +den plötzlich alle sahen. So wie er abgebildet ist: +„hoch zu Roß wird er reiten durch die Gassen. Sein Atem +tötet, sein Blick tötet, sein Mund verschlingt“. Wild kochte +Atem aus verknorpelten Nüstern, die am Straßenschmutz +rochen. + +</p><p>Das Pferd des Todes kroch riesengroß herbei, eine Karawane +des Elends, ein Begräbnis vor dem letzten Blick: Alle +Leiden des Sterblichen, in dem noch Agonie wühlt, spielen +sich ab vor den Fenstern, Gesichtern, Bäumen. Es humpelte +jeden Schritt, setzte ihn eigens hin. Sein rechtes Hinterbein +war ganz verdreht, eine barocke Säule. Nur die Spitze des +Hufes schlurfte auf den Boden. Jeder Schritt auf dem nassen, +rohen Pflaster biß und zerrte an Mark und Sehnen. Bei jedem +Schritt sträubten sich die letzten Fransen seiner Borstenmähne +voll Stroh und Spelz. Blicklos rollten durch die Gespensterhöhlen +Augen, wehrlos hin und her der spitze, gramverwüstete +Schädel. + +</p><p>In dieser Bestie aus Elend, Hunger und Müdigkeit wohnte +die sanfte Seele eines sterbenden Engels. + +</p><p>Alle mußten ihn sehen, diesen Berg der Verzweiflung mit +Flanken, die wie Blasebälge rollten. Ein Gewitter von Schlägen +in Kälte, Sturm und Schnee. Jahrelang hatte es nicht +mehr auf dem Boden im Stroh schlafen können, weil die +Beine zu steif waren, um den großen Leib wieder aufzurichten. +Nur Häcksel und feuchtes Gras lagen in dem schmutzigen +Sack, den man ihm um den Kopf band. + +</p><p>Die Beine waren an all dem Elend schuld — sie waren +von Gicht geschwollen wie rauhe Bäume, an denen noch Astknorren +stecken. Die Gicht war schuld, der Fuhrknecht, der +in der Kneipe soff, indes es wartete, wartete in Schlamm, im +Regen, im Sturm. Die Menschen sind schuld, das Leben, +Gott! + +</p><p>Jeder Schritt dieser blind unstet scharrenden Beine riß +das Tier zusammen, schüttelte es wie ein Bündel Lumpen. + +</p><p>Der Schweiß des kalten Todes, dessen Nähe es nicht +abschütteln konnte, sickerte aus allen Poren. Im Bogen +drückte es den Leib durch. Wie eine Brücke von hier ins +Jenseits, das bald ein Metzgerhammer an seiner Stirn aufschlagen +würde. Vom Bauch kroch graues Weiß wie Schimmel, +Todesblässe auf den Rücken. Die Rippen stießen aus +der kantigen Wirbelsäule schneidend aus, als sei das Skelett +notdürftig mit Haut bespannt, Trommel, auf der jetzt Tod +statt Peitsche und Stiefel den Marsch nach Vorwärts hämmerte. + +</p><p>Johannes konnte den Anblick kaum mehr ertragen — ihm +ward übel vor Entsetzen. Hier belangte ihn ganz persönlich +ein Unbekanntes — Verbrechen, Mord, Lüge, Verführung; +Kinderchen sah er vor seinen blutbespritzten Händen fliehen, +Mädchen errötend umbrechen vor seinen gierigen Lippen, +Eltern weinten um ihn, fluchten ihm; Fremdes ging ihn plötzlich +heftig an, dringend, unaufschiebbar, es trat ihm auf die +Fersen, seit langem, seit jeher — jetzt erst erkannte er. + +</p><p>Und sah neue entsetzliche Einzelheiten, die seine Augen +anzogen, hielten, ihn wehrlos machten. + +</p><p>Man hatte dem Pferde die Hufeisen abgerissen und an den +Eisenhändler um zwei Groschen verkauft. Es schlich auf seinen +stumpfen Hufen zum Tod wie ein Schwindsüchtiger auf +Pantoffeln, lautlos, ohne das Klappern der Eisen, das auch den +alten Gaul noch heroisch scheinen läßt. + +</p><p>Und er hielt vor Johannes, der Reiter hielt den Gaul vor ihm. + +</p><p>Seine Augen begegneten den toten Augenquallen des +Tieres. Er mußte den Blick senken, er unterlag, er erlosch +und ward zerknittert, fortgeschmissen wie ein Zeitungsblatt. +Wollust, zertreten zu werden! + +</p><p>Das Tier aber folgte dem Ruck des Strickes, der um seinen +langen Hals geknotet war. Die Borsten aus seinem Schweifbesen +spreizten sich wie Schwungfedern zwischen den flachen +Mühlsteinen seiner Hinterbatzen. Johannes sah dem hinkenden +Gespenst, diesem Galgengerüst des Todes, nach, bis es +um die Ecke taumelte, in die Straße versank wie in einen +Schlund, der es verdauen würde gleich allen anderen Elenden +und Geschlagenen. + +</p><p>Er wandte sich um und seine Blässe spiegelten die Gesichter +der Umstehenden, seine Pein drückte auch sie nieder, +seine Scham bäumte auch diese dürren Herzen. Es war, als +sei Christus zum Kreuzberg geführt, alle wußten darum, alle +entschuldigten sich, auch er machte sich davon, aber wo er +auch hielt, das Pferd wippte neben ihm, klappte sein ledernes +rindiges Maul auf, bleckte die großen Gelbstummel seiner +Zähne. Es grinste und fletschte, sabberte lange Fäden Saftes, +es leierte die Sprache des langen sicheren Todes, die er erlernen +mußte. Sie hatte ihn aufgeschrien, geweckt aus romantischen +Mördereien. + +</p><p>Auftauchend aus Gassen und Hinterhäusern trotteten Menschentiere +um seine Füße, die Brüder jenes Pferdes. Es sah +die Zeichen der Familie auf den Gesichtern, die vorübertanzten. +Durch Kleider und Haut mußte sein Blick. Not, Haß, +Gier in jeder Falte, knarrten aus Stiefeln, husteten aus morschen +Lungen. Die Buckel krümmten sich, schief drehte sich +der Hals, das Becken quoll und pries sich an, Beine knickten +ein vor Hunger, aus Augen funkelten trübe noch die Tränen +durchwachter Nächte. + +</p><p>Wie ein Bad ergoß sich Betäubung über ihn und er zählte +seine Schritte, um nicht hinzustürzen: Nieder mit mir! Er ging +mit, er gehörte zur Bande. Auch er trug die Zeichen des +Aussatzes, auch seine Seele, heimlich wundgescheuert, war +beschmutzt und erniedrigt. Einst sog er wie Haschisch Jugend, +Stolz berauschte ihn. Das Morphium seiner Träume vergiftete +jeden Schmerz, jede Wahrheit, jede Gerechtigkeit: Krasse +Gesundheit wiegte ihn in Schlaf. + +</p><p>Er vergaß das Kolleg, seine Stube, Bücher und Zukunft. +Er sah mit den Augen des Pferdes, trabend durch die große +Stadt: In Schwefelrauch chaotisches Panorama von Armut, +Verfolgung, Dummheit, Vergeblichkeit. Er wehrte sich nicht +mehr, es war sinnlos. Sinnlos alles, was sich sträubt, vergeblich +trachten zu entkommen. Er pilgerte. Gegen den Abend +der wie Sonnenfinsternis trübe von Schnee und Qualm über +Dächer und Fassaden troff, schleppte er sich zurück. Seine +müden gepeitschten Knochen hielt nur mehr diese Hoffnung: +„Auf die Knie vor ihr!“ dröhnte sie durch seinen gelähmten +Schädel. Seine Lippen murmelten ihren Namen, als er +die Treppe emporstieg und demütig anläutete. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Die Heimkehr</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>er Schutzmann, dessen Schlitzaugen Bosheit höherer +Waltung funkelten, gestattete nicht, daß der ihm anvertraute +Sohn das Haus seiner Eltern bezeichnete. Nein, +bei jeder Haustüre machte er halt. Sein runder Mongolenkopf +quoll aus robusten Schultern auf, die Hausnummer +besser zu erkennen, schüttelte sich; dann ging man weiter, +der Polizist nörgelnd über schlechte Beleuchtung, schlechtes +Wetter, schlechte Zeiten, der Häftling schweigend. In dessen +Brust aufschimmerten diese feuchten Fenster wie Tränen, aus +diesen dunklen Türen staunten die Gesichter seiner Jugend +— das Pflaster war noch immer weißer als anderswo und +in der Mitte der Straße grün bemoost. Er hatte den grauen +Hut bis auf die Nase gezogen und sein größtes Glück war +diese Rabenfinsternis. + +</p><p>In ihm war alles tot, baufällig; weil er die Luft nicht vertrug; +schon gar nicht die Luft seiner Heimat, den Raum vor +seinen Füßen, diese Straße, die er als Gymnasiast hinauf, +hinab gesprungen war. + +</p><p>Gleichwohl sollte das schneller gehn. Er drückte die rechte +Schulter vor und fuhr den Tartaren an: „Machen Sie keinen +Unfug. Ich kenne doch mein elterliches Haus, was halten Sie +denn da vor jeder Laterne? Ich möchte Sie bitten, etwas +schneller — gehen — pardon — zu dürfen —“ (Wozu das? +stotterte es in ihm weiter, dieser Halunke kennt doch keine +größere Freude. Meine Aufregung ist ein Genuß, eine Zigarre, +der Lohn für seinen Judasschmerz.) + +</p><p>„Sie werden doch jetzt zum Schluß keinen Fehler begehen +wollen. Ich warne Sie, Klaasen! Die Reise ist ohne Zwischenfall +verlaufen, den ganzen Tag haben Sie sich bändigen können. +jetzt am Ziel werden Sie frech.“ Bleibt stehen, die +Laterne zu ihren Häupten ist eingeworfen und flackert. Der +Sträfling hat das Gefühl, daß der Tartare ihn fragen wird, ob +er diese Laterne eingeworfen habe. Das Protokoll wäre gerecht, +aber gleich mit einer Strafe wieder zu beginnen, was +würde der Vater — der andere schaute zuerst die Laterne +und dann ihn strenge an. + +</p><p>„Ich habe es nicht getan,“ sprudelte es aus seinem Munde +wider seinen Willen plötzlich los, „kann mich jedenfalls nicht +mehr erinnern, schon lange her; der Völler, mit dem ich spielte, +kann das auch gewesen sein —“ Er hatte blasses Blut bekommen +vor lauter Todesangst; aber der andere verstand +ihn ganz richtig, viel richtiger. + +</p><p>„Weshalb muß man Ihnen erst drohen? Sie sind immer +ein unbegreiflicher, leichtsinniger Patron. Woher kommt Ihr +ganzes Elend? Doch nur, weil Sie über eine Sekunde nicht +hinwegkommen. Statt eine Sekunde den Mund zu halten, zu +schweigen und sich Ihr Teil zu denken, fangen Sie an zu +krakehlen, zu reden, zu schlagen, machen tolle Streiche und +stürzen sich und Ihre Eltern ins Unglück. Seien Sie froh, +daß ich es bin — ein anderer wäre schon zum Präsidenten +zurückgegangen und hätte Sie drei Tage dort nachdenken +lassen.“ + +</p><p>Klaasen starrte zur Laterne empor, froh, daß der andere +doch nicht ein so ganz glänzender Spitzel war. Natürlich +hatte er die Laterne eingeschmissen, von vorn bis hinten mitsamt +dem Zylinder und Glühstrumpf. + +</p><p>Der Polizist packte ihn beim Arm und zerrte ihn fort. +„Jetzt wollen Sie scheint’s gar hier festfrieren. Sie spinnen +tatsächlich, mein Lieber — aber ich möchte auch noch zu +Bett.“ + +</p><p>Eine irrsinnige Wut kochte in dem anderen auf. Hier war +nichts mehr Gitter, Zelle, Schlüssel, Gewehre, wenn man auf +dem Hofe karussellte, hier war seine Heimat, seine Jugend, +Recht auf jeden Pflasterstein und Haustritt. + +</p><p>„Sie reden von meiner Sekunde. Ich meinte diese Laterne, +Sie Fürst aller Spione. Sie brauchen nicht in die Tasche +greifen, lassen Sie Ihr Auge vor Ihrer Frau, Ihrem kleinen +Sohn funkeln, bevor Sie sie ins Genick schlagen. Hier brauch +ich nur zu pfeifen; aus allen Fenstern und noch vom Himmel +stürzen meine Legionen zu Pferd und Fuß mir zur Hilfe herbei. +Ich sage Ihnen für Ihr ganzes Leben“ — schnaufte, +strahlte voll harmloser Mordlust, tiefglücklich zuckt seine +blasse Sehnenfaust vor die Schlitzaugen, spreizt die Finger +zum Fanggriff — „Sie hatten bisher nur Kindsköpfe, Quertreiber +und Frömmler zu behandeln oder zu enthaupten. Ich +werde alle diese Sekunden noch täglich wiederholen. Ich bin +glücklich, Ihnen sagen zu dürfen — hier drei Schritte von +meiner endgültigen Freiheit, meinem Elternhaus, meiner +Schwester, meinen Büchern — daß ich mein ganzes Leben +als unerhörtes Recht empfinde, als Entscheidung gerade diese +Sekunden begangen und Euch, Euch diese Sekunden angetan +zu habe.“ Der Tartare zuckte die Achseln, grinste +freundschaftlich, indem er die Straße hinabspähte, ob keiner +zur Hand sei für jeden Fall. + +</p><p>Adelbert Klaasen fühlte dieses selbstbewußte Grinsen zu +nahe, als daß er hätte ruhig bleiben können; die Jahre, die er +es schon ertragen hatte, schnitten mit einmal gleichsam sein +Leben aus aller Zukunft. Kein Büro, kein Hof, keine Zelle, +kein Baum und Stein, dem nicht dieses höhnisch unschuldsvolle +Grinsen der Ewigkeit von Macht und Herrlichkeit aufgeklebt +war. Der Wind klirrte mit den Scherben, und er +wollte ihn gerade beim Hals packen, den Tartaren, der hier +nichts zu suchen hatte, nur die Luft verpestete. Alles war +ihm verekelt, finster und lieber wieder eingesperrt, als auch +hier noch ohne Mut; er spie aus und sah das Mädchen an, +das im Schneeschein vorüberglitt. Und schon gingen beide +beinah versöhnt und brüderlich nebeneinander weiter. Da +stand das Haus, es fiel vom Himmel gleichsam unverändert. +Sein geliebtes und verfluchtes Bild packte, würgte ihn nieder, +der totenstarre Blick der unverhängten Fenster, die beiden +Steinbalkone. Sollte er nicht weitergehn, vorbei in eins der +anderen Häuser — in irgendeines, gleichgültig welches; nur +gerade jetzt und dieses nicht. Denn was er in Fremde, Haft +und Verbannung an diesem Augenblick als Erlösung und +Gefühl der Bergung empfunden, jubelnd und trostvoll, es +war jetzt furchtbare drohende Wirklichkeit. Sein Weg der +Schmerzen bis zu diesen Stufen aus blauem Stein war doch +Verblendung, Dummheit und Hoffart. Ein Spiel mit der Geduld +des Schicksals, das sich täuschen, übertölpeln lassen +würde. Aber dieses Hier war grauenhaft und er aufs neue +Schuft, Falschspieler und ein geduckter Knabe, dem rote +Tinte den Körper ätzt. + +</p><p>O Gott, vielleicht gelang es noch vorbei zu schlüpfen, diesen +Druck auf den Klingelknopf zu vermeiden für fünf Minuten, +für einen Augenblick — aber der Wärter rief schon +mit tadelndem Frohsinn; „Aber wir laufen ja schon vorbei, +hier ist ja Nummer zwei. Sieh da, jetzt hast du noch Zeit, mich +zu foppen — kennst du denn dein elterliches Haus nicht +mehr?“ + +</p><p>Sein dicker Finger drückte auf den Knopf, daß das ganze +Haus aufschrie. Drei-, viermal. Er lauschte mit gespitztem +Ohr dem Schrei der Glocke. Sein pflichttreues Gemüt labte +sich am altvertrauten Notschrei — wie oft hatte er schon mit +Mordwonne diesem Zeichen gelauscht, ein Jäger auf dem +Anstand, das wütend, angstvoll, überreizt unter dem Finger +ungezählter Gefangener aufschrillte, um von ihm überhört +zu werden. Stundenlang hatte das Opfer auf den Knopf +gedrückt — aber dieser gelbe Hund schlich hin, stellte den +Strom ab und grinste durchs Guckloch — Tausenden hatte +er so mitgespielt und auch jetzt, zu anderem Behufe, versagte +die Glocke ihm nicht Beute und kitzlige Sehnsucht. +Adelberts Fuß zitterte rasselnd auf dem Stein, dieser Demütigung +nicht zu unterliegen, unbändige Freude riß ihm den +Hut vom Kopf, schamloseste Trauer, die sein ganzes Innere +von Grund auf umleerte, warf ihn an die Mauer, an der entlang +er doch nicht fliehen konnte. + +</p><p>Auch öffnete sich das winzige Schiebefenster und ein Auge +spähte in die Nacht, in sein Gesicht; ganz trocken sagte seine +Mutter, daß sie gleich komme, ruhig, allzu gebändigt. Schlüssel +klirrten, verdammte Riegel krachten — wer war eingesperrt? +erlöste er? und richtig erschien die Mutter ganz +schneeweiß im weißen Glanz des Flurlichtes und hinter ihr +schlängelte die rote Spur des Teppichs hinauf zu seiner +Stube — und richtig sagte sie guten Abend und reichte dem +Tartaren die kleine harte Hand — dann erst ihm den Mund +— dann erst rollten ihre Tränen auf seine Backen. + +</p><p>Er kuschte sich vor beiden, die beglückt und überzeugt +sich trennten. Adelbert ließ nicht ab, dem Wärter Verachtung +zu zeigen und lüpfte flüchtig den Hut, eintretend schon als +der Herr, der junge Herr, über den jener Recht und Befugnis +verloren hatte, dem bittere Beleidigung nur deshalb +widerfahren durfte, damit an ihm einst aller Welt die teuflische +Bosheit des Systems offenbar werde und die Edlen +zum Kampf treibe. + +</p><p>Das Haus und seine Insassen schliefen. Er störte trotz der +Teppiche, trotz der Liebe, mit der ihn die Mutter geleitete +und tröstend anlächelte. Am Ende der ersten Stiege stand +vor der Wand ein großer Spiegel, und er sah sich auftauchen, +Kopf, Schultern, Beine, auftauchen aus der Unterwelt, der +Nacht, und alles schien von ihm abzufallen, hinzuklirren mitsamt +der verruchten Welt. Sollte sie sich weiden an seiner +Vergangenheit und ihn mit Mist bewerfen — er stand hier +bei seiner Mutter und sah sich ins umflorte Auge, nahm ihren +Arm und war rein, erlöst, befreit. Endlich brannten, entbrannte +er in Tränen, den müden Kopf bettend auf ihre +Schulter. + +</p><p>„Ich kehre zurück von wo ich ausgegangen — es ist noch +nichts und niemals ein Mensch verloren. Wie ungerecht, gemein +war diese Zeit und ihr Haß gegen diese Unschuldigen. +Wie tief und göttlich weht mich hier endlicher Friede meiner +ersten Tage an — o Freunde, kehrt um, zurück und vorwärts +in die Arme eurer Mütter — laßt ab von mir, von +eurem großen Wahnsinn.“ + +</p><p>Die Mutter gab ihn in die Arme der Schwester, die irrlächelnd +das spitze Kinn an seinen Stoppeln wetzte. Ihre +kleinen Brüste fühlten sich weich durch seinen Mantel ins +entwöhnte Blut. Auch hier Erholung, Liebe und Zärtlichkeit +— kein Blick, kein Strich der Hand verletzte sein gieriges +Mißtrauen. Er kehrte sich um gegen sich selbst, alles war +vergessen, aller Unflat, alle Angst, alle Prügel. + +</p><p>Gewandt, lebendig legte er Hut und Mantel ab, setzte den +Koffer in die Ecke. Richtete sich auf, die beiden Frauen sahen +ihn ernst an, sie lauschten. Ein schwaches Wimmern biß von +oben — man sah sich an und seufzte. Die Schwester stopfte +das Tuch vor die Augen, die Mutter faltete die Hände und +wehrte alles von sich ab, warf die Last zu Boden. Seine Knie +schlotterten, als er zum Schlafzimmer emporstieg, in die Höhle +dessen, den er nur als Löwe, funkelnd von Mähne, Zorn und +Kraft der väterlichen Pranken gekannt hatte. Seine Knie +schlotterten, sein Herz lag im Hinterhalt, — wer hält mir +die Kehle zu? Vor zehn Richtern und Generälen habe ich +nicht gezuckt, nicht gewankt! Muß ich hier wie von je her +schlottern? + +</p><p>Wie Gummi schwankten Treppen und Wände mit ihm. +Die beiden Frauen ließen ihn allein gehen. — Es erleichterte +ihn, daß der Tisch mit den ekelhaften Kakteen verschwunden +war; ihre saftige, stachlichte Behäbigkeit, die geile Röte +ihrer klebrigen Blüten hatten ihn stets gereizt — jetzt aber +stand der Tisch voller Flaschen und Schachteln, die nach Jod +und Schwefel stanken. Und er erinnerte sich. Er war krank, +man hatte ihm doch geschrieben, daß der Vater krank sei, +unheilbar, dem Tod geweiht! + +</p><p>Das hatte ihm so unbegreiflich geklungen, daß er es nicht +einmal gelesen oder geglaubt hatte. Es war ihm nicht eingegangen. +Dieser starke, unbeugsame Richter seiner Jugendtage, +Jahre, Ewigkeiten konnte nicht krank werden. + +</p><p>Er schob die Tür voll kalter Angst ob bösen Scherzes +gegen das Weinen, das laut und flehentlich ihn peitschte — +trat in den Flackerschein des Nachtlichtes. — + +</p><p>Mit großer Stimme schrie es auf in seinem Kopf, in seinem +Brustkasten, daß er allein, er, Adelbert Klaasen, schuld an diesem +Morde sei. „Mörder!“ formte die niedrige Kammer die +fieberdürren Lippen. + +</p><p>Aus wildem Filzbart greinte ihm gebläht von Schmerz, +verklärt von Glück dennoch, vergilbt vom nahen Tod, des +Vaters Angesicht zu. Ob dieser ungeheuren Schuld war jede +Pose, auch die aufrichtigste, verlorenes Spiel, vergebliche +Liebesmüh. + +</p><p>Steif, belästigt vom Röcheln, das weißen Schleim auf die +blauen Lippen feixte, so lag er da, und der Sohn trat ans Bett +des Vaters, nahm seine Hand, die Hand, deren Spuren er +noch am Körper zu schmecken glaubte; er knickte ein, fiel +vornüber und küßte die Lippen, die gebettet lagen im braunen, +weißgestreiften Bart. Der Vater lächelte unter Tränen, +konnte nicht sprechen vor Freude, vor Schmerz, trank nur +immer wieder mit Fieberaugen sein Bild — ja, er vergaß sogar, +daß er seine Gebrechlichkeit hatte übertreiben wollen, +und richtete sich auf im Bett, bat um Licht, um ihn besser +betrachten zu können. + +</p><p>Und als er die Sprache wiedergefunden, von seinem Herzleiden, +den Ärzten, den Medizinen, den Aussichten und +Hoffnungen redete, jammerte und querulierte, ließ Adelbert +nicht ab von seinen Stelzen. + +</p><p>Er wußte: Ich bin vernichtet. Ich habe diesen Mann gehaßt, +verflucht und verdammt — ich war entschlossen ihn +für alle Ewigkeit zu hassen; ja, ich wollte sogar jetzt von +meinem Haß ablassen, um ihn ganz auf sich zu stellen, da +mit er hervorbreche am Tage der Vergeltung, Faust oder +Dolchschlag oder Anklage. Und jetzt häuft alle Schuld mein +Wille auf mein Haupt. + +</p><p>Rede du nur von Medizin und Pillen, von Schmerz und +schlaflosen Nächten. Sage es mir doch, damit ich zu Boden +stürze: „Du hast mir das Herz gebrochen! Sträfling! Schande +meiner alten Tage!“ Was war all sein Unglück, sein Schicksal, +die Verdächtigungen, Fußtritte und Gemeinheiten, Strafen, +Verbote, Hohn und erzwungenen Feigheiten seines Lebens, +was starke Hoffnung und Glauben an die Mission für die +Menschheit, wenn alles darin gipfelte, alles davon ausging +und wurzelte: Ich habe meinen Vater ermordet! Daß dieser +Vater Schuld auf Schuld wider ihn getürmt, von Grund auf +ihn aus allen Bahnen geschleudert hätte zu eigener Wollust, +Herrschsucht und Eitelkeit, was war dieser unkontrollierbare, +einseitige Verdacht, den ungezählte Geschenke, Sorgen und +Opfer wettmachten, gegen diese grenzenlose Schandtat, die +mit der Gewalt eines Taifuns aus allen Ritzen des Hauses auf +ihn niederpfiff? + +</p><p>Vor wessen Auge konnte er ohne zu erröten noch hintreten +und von Menschheit, Empörung, Glück und Reinheit +reden? + +</p><p>Gierig lauerte er drei Tage auf die Worte des Alten. Sie +blieben sich gleich. Röntgenstrahlen, Medizin, Ärzte, Tod. +Kein Wort von seinem Verbrechen, seiner Schuld, Schurkerei. +Niemand ließ einen Blick gegen ihn fallen. Wie glückliche +Engel saßen sie um den Tisch unter der heiligen Lampe +geselligem Schein. Sie erlosch nicht — es war keine Täuschung: +Alle waren an ihm satt und glücklich. + +</p><p>Das hielt er nicht aus. Bleich sprang er vom Abendtisch, +forschend grub sich sein Wutblick in die erschreckten Gesichter. +Der Alte schlief — und er war entwaffnet, mußte +sich wieder hinsetzen. Mit Bissen guten Fleisches würgte er +die wütende Forderung nach dem gerechten Lohn und Aufschrei +nach Rache wider sich hinab. + +</p><p>Es nützte ihm nichts, auf der Brücke zu stehen, unter der +die Züge durchqualmten, ihn einhüllend mit lockendem Rauch. +Er sprang nicht hinab. Er stürzte sich nicht in den Fluß. Nicht +Gift, Dolch, Revolver vermochten gegen ihn. Wie damals +schlich er, die Schuhe in der Hand, auf die schwarzen Straßen +und zog mit Gesindel von Kneipe zu Kneipe. Das Grau +des Morgens riß den noch eben stocksteif Betrunkenen zu +vollstem Bewußtsein auf und er schlich auf Strümpfen in sein +Zimmer, erschien frisch und gesund beim Frühstück. + +</p><p>Was wollten diese Menschen von ihm mit ihren kleinen, +gleichgültigen Sorgen? Sollte er sich im Ernst über die Höhe +des Eiffelturmes aufregen, über die Schnelligkeit der elektrischen +Bahnen, das Gewicht des Saturn einen Schwindel +nennen? Muteten sie ihm im Ernste zu, er solle den Präsidenten +für einen Heiligen, seine Minister für Götter, den ganzen +Staat und seine blödsinnigen Einrichtungen für Offenbarungen +Gottes selbst anerkennen? + +</p><p>Und doch wagte er es nicht einmal, den freundlichen, +interessiert lächelnden Priester, der den Vater besuchte, nicht +zu begrüßen. Er hätte ihm sogar die Stiefel abgeleckt, wenn +der Kranke oder die Mutter es von ihm verlangt hätten. Er +ging zur Messe, kniete und segnete sich, machte Besuche +bei Verwandten und erzählte von vergangenen Tagen. +Ein grauer Schleier, ein Ewiges: „Wie freut es mich, Sie wieder +zu sehen, gesund und munter“ schläferte ihn ein. Wie oft +drohte es aus ihm aufzuschreien; glaubt Ihr denn, ich merke +Eure Hinterlist nicht? Ihr wollt mich durch Euren Anblick +zwingen in die Knie, in den Wahnsinn, in die Gemeinheit. — +ja ich weiß und Ihr wißt, daß ich ein Schuft, ein Mörder, ein +Heuchler bin — ich bekenne es ja — so laßt ab von Euren +Banalitäten, Euren Regen und Mordgeschichten, Eurem Klatsch +und Ekel vor Spinnen — entweiht nicht meine Niedrigkeit +und Reue. Ich bereue, ich liebe Euch, ich wedele mit dem +Schwanz, tretet, schlagt, pufft mich in die Ecken — macht +mit mir was Ihr wollt — aber laßt Eure Masken fallen! + +</p><p>Er kam betrunken nach Hause, verschwand dann tagelang +und streifte durch den Wald. Sein finsterstes Gesicht stieß +er jedem freundlichen Wort schnaubend entgegen, aber Blick +und Wort des Kranken, der Mutter und Schwester blieben +ruhig, mitleidig und voll Verständnis. Ihm fehlte zum Schluß +jede Erinnerung, ob das auch früher so war, ob er auch früher +schon so verhetzt, verrückt vor Stolz und Mißtrauen gewesen +oder ob die Krankheit des Vaters erst den Keim zu dieser +weihevollen Laune des alltäglichen Dramas gelegt hatte. + +</p><p>Jedenfalls fühlte er die Unmöglichkeit in sich, länger diesem, +seinem Untergang zuzuschauen, bei dem er das stärkste, untrügliche +Gefühl hatte, selbst dem Tod verschrieben zu sein. + +</p><p>Er lag im Bett. Der gepackte Koffer stand neben ihm auf +dem Stuhl, Mantel und Hut darüber; auf dem Tisch lag +ein Brief: „Erlogen und erstunken von A bis Z. Ich verreise +nicht — ich fliehe beladen mit meiner Schuld, damit er ganz +gerechtfertigt, ganz beruhigt von dannen gehen kann. Ihn +trifft gar keine Schuld mehr. Denn ich habe ihm das letzte +Wort abgeschnitten, das Wort der Todesstunde, das Wort +des Vaters, der erst im Tode allmächtig wird und von da +aus dich ganz beherrscht, ganz zwingt auf seine Seite überzutreten. + +</p><p>Wie groß ist Er in seiner Macht, in der Erhabenheit seiner +banalen Entschuldigungen meines Lebens, des Lebens seines +Mörders.“ + +</p><p>Da scholl ein Schrei und Türenschlag zu ihm hinauf — man +lief da unten — schnell auf und davon! Nur nicht wissen, daß +er stirbt, daß er mir verziehen hat und duldet, duldet, daß +ich weiterlebe, daß er seinem Mörder Absolution vor Gott +und Welt erteilte. Aber die Schwester winkte totenblaß +schon in der Türe, zitternd und zähneklappernd folgte er +und stand am Bett des Sterbenden, früh genug, um den +letzten verdrehten, geraden und dann glasigen Blick der +grauen Augen noch zu begreifen. + +</p><p>Und als der starke Mann dalag, tot, kalt und hölzern, nicht +mehr aufstand, nicht mehr schimpfte noch Zeitung las, nicht +mehr stritt, jammerte und rechtete um die Mark, fand Adelbert +als erster sein Gleichgewicht. Mit Ruhe und Umsicht +leitete er Begräbnis und Besuche, Abrechnungen und Geschäfte, +und von Schmerz oder Verwirrung war nichts an ihm +zu spüren. + +</p><p>Man ließ den Sarg in die rote Erde, es regnete, und man +fuhr nach Hause und klappte den Zylinder zusammen. Da erst +atmete er auf, als wieder Licht und Sonne in die offenen Zimmer +strömten. + +</p><p>Er stutzte vor seiner Ruhe. Sie blieb und er konnte wieder +arbeiten, Briefe schreiben. Er dankte dem Toten. Und +als er die ersten Blumen auf sein Hügelchen pflanzte, wußte +Adelbert, daß da unten nicht nur der Vater schlief — da +schlief auch ihre Schuld — des einen Vaterwahn, des anderen +Sohnesrache. + +</p><p>Kein Drittes zeugte ihr Bett — er hatte sich frei gemordet. + +</p><p>Und wie er auf der Trambahn nach Hause fuhr, konnte er +schon lächeln über die ängstige Geschäftigkeit zweier Schulfreunde, +ihn nicht zu sehen. + + +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Sprung aus dem Fenster, by Karl Otten + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPRUNG AUS DEM FENSTER *** + +***** This file should be named 34785-h.htm or 34785-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/4/7/8/34785/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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