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Preußen (Hann. Nr. 73) + Leutnant im Reichswehr-Regiment Nr. 16 (Hannover) + + Dritte Auflage + 6.--8. Tausend + + _Mit dem Bilde des Verfassers_ + Berlin 1922 / Verlag von E. S. Mittler & Sohn + + Zur Erinnerung an meine gefallenen + Kameraden. + + Herrn Hermann Stegemann + in Verehrung gewidmet + + Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 + sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten + + + + +Vorwort. + + +Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns. Der gewaltigste der +Kriege ist uns noch zu nahe, als daß wir ihn ganz überblicken, geschweige +denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren können. Eins hebt sich indes +immer klarer aus der Flut der Erscheinungen: Die überragende Bedeutung der +Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und +Sprengstoff waren seine Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Material +gewertet. Die Verbände wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der +Front zur Schlacke zerglüht, zurückgezogen und einem schematischen +Gesundungsprozeß unterworfen. »Die Division ist reif für den Großkampf.« + +Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine Farben; das +Schlachtfeld eine Wüste den Irrsinns, in der sich das Leben kümmerlich +unter Tage fristete. Nachts wälzten sich müde Kolonnen auf zermahlenen +Straßen dem brandigen Horizont entgegen. »Licht aus!« Ruinen und Kreuze +säumten den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte und Flüche +unterbrachen das Knirschen der Riemen, das Klappern von Gewehr und +Schanzzeug. Verschwommene Schatten tauchten aus den Rändern zerstampfter +Dörfer in endlose Laufgräben. + +Nicht wie früher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht ziehende Kompagnien. +Das wäre Hohn gewesen. Keine Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf über +zerhackten Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem fröhlichen Reitertage, +nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten umwand der Lorbeer die Stirn +des Würdigen. + +Und doch hat auch dieser Krieg seine Männer und seine Romantik gehabt! +Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil geworden wäre. Draufgänger, +unbekannte, eherne Gesellen, denen es nicht vergönnt war, vor aller Augen +sich an der eigenen Kühnheit zu berauschen. Einsam standen sie im Gewitter +der Schlacht, wenn der Tod als roter Ritter mit Flammenhufen durch wallende +Nebel galoppierte. Ihr Horizont war der Rand eines Trichters, ihre Stütze +das Gefühl der Pflicht, der Ehre und des inneren Wertes. Sie waren +Überwinder der Furcht; selten ward ihnen die Erlösung, dem Feinde in die +Augen blicken zu können, nachdem alles Schreckliche sich zum letzten Gipfel +getürmt und ihnen die Welt in blutrote Schleier gehüllt hatte. Dann ragten +sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, Meister des +Sprengstoffs. Dann wüteten ihre Urtriebe mit kompliziertesten Mitteln der +Vernichtung. + +Doch auch wenn die Mühle des Krieges ruhiger lief, waren sie +bewundernswert. Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom +Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen. Wenn die +Sonne hinter gezackten Schattenrissen von Ruinen versankt, entklirrten sie +dem Pesthauch schwarzer Höhlen, nahmen ihre Wühlarbeit wieder auf oder +standen, eiserne Pfeiler, nächtelang hinter den Wällen der Gräben und +starrten in das kalte Silber zischender Leuchtkugeln. Oder sie schlichen +als Jäger über klickenden Draht in die Öde des Niemandslandes. Oft +zerrissen jähe Blitze das Dunkel, Schüsse knallten und ein Schrei verwehte +ins Unbekannte. So arbeiteten und kämpften sie, schlecht verpflegt und +bekleidet, als geduldige, eisenbeladene Tagelöhner des Todes. + +Manchmal kamen sie zurück, standen verträumt auf den Asphaltmeeren der +Städte und schauten ungläubig auf das Leben, das strudelnd in seinen +gewohnten Bahnen floß. Dann stürzten sie sich hinein, um keine Minute der +kurzen Tage ungenützt verfließen zu lassen, tranken und küßten. Mit der +ihnen Lebensform gewordenen Rücksichtslosigkeit schwangen sie in tollen +Nächten den Becher, bis ihnen die Welt versank. Da ließ man die gefallenen +Freunde leben und schierte sich den Teufel um den nächsten Tag. Und dann +ging es wieder auf den gewohnten Straßen der Brandung zu. + +Das war der deutsche Infanterist im Kriege. Gleichviel wofür er kämpfte, +sein Kampf war übermenschlich. Die Söhne waren über ihr Volk +hinausgewachsen. Mit bitterem Lächeln lasen sie das triviale +Zeitungsgewäsch, die ausgelaugten Worte von Helden und Heldentod. Sie +wollten nicht diesen Dank, sie wollten Verständnis. Kein Dank kann groß +genug sein. Ein Bild: der höchste Alpengipfel, ausgehauen zu einem Gesicht +unter wuchtendem Stahlhelm, das still und ernst über die Lande schaut, den +deutschen Rhein hinunter aufs freie Meer. -- Einst wird kommen der Tag +. . . + + * * * * * + +Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein +Infanterist als Schütze und Führer während des großen Krieges inmitten +eines berühmten Regimentes[1] erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es +ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebücher. +Ich habe mich bemüht, meine Impressionen möglichst unmittelbar zu Papier zu +bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrücke verwischen und wie +sie schon nach wenigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Es erforderte +Energie, diesen Stapel von Notizbüchern zu füllen, in den kurzen Pausen des +Geschehens, nach dem Tagewerk der Front, beim trüben Licht einer Kerze, auf +den Treppen schmaler Stollenhälse, in zeltverhangenem Trichter oder +feuchten Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe mir die +Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt zur Idealisierung des +Geleisteten, zur Vertuschung des Häßlichen, Kleinlichen und Alltäglichen. +Unmerklich stempelt er sich zum »Helden«. + +Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion vor. +Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war. + +Iliacos muros peccatur intra et extra. Der Grad der Sachlichkeit eines +solchen Buches ist der Maßstab seines inneren Wertes. Der Krieg setzt sich +wie alle menschlichen Handlungen aus Gut und Böse zusammen. Nur treten +hier, wo sich die Kraft von Völkern aufs Höchste steigert, die Gegensätze +noch greller hervor als sonst. Neben gipfelnden Werten gähnen dunkelste +Abgründe. Da, wo ein Mensch die beinah göttliche Stufe der Vollkommenheit +erreicht, die selbstlose Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode, findet +sich ein anderer, der dem kaum Erkalteten gierig die Taschen durchwühlt. +Von großen Worten Berauschte brechen im Moment der Gefahr elend zusammen. +Männer, deren Gesinnung wie ein Fels schien, stellen sich in entscheidender +Stunde »auf den Boden der Tatsachen«, ohne den Degen zu ziehen, der sonst +so schallend gerasselt. Andere durchschwelgen die Nächte, in denen fernes +Rot am Himmel glutet und leises Dröhnen mahnend an die Fenster schlägt. + +Das muß gesagt werden. Um so glänzender hebt sich aus diesem dunkeln +Hintergrunde der wahre Mann, der unscheinbare, echte, vom Geist getriebene +Krieger, der seine Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten. Was war +dagegen der Rausch von 1914? Eine Massensuggestion! Und doch, wie viele +habe ich kennengelernt, die unter dem grauen Tuch ein Herz von Gold und +einen Willen von Stahl bargen, eine Auslese der Tüchtigsten, die sich dem +Tode in die Arme warf -- mit stets gleichbleibender Freudigkeit. Ob ihr +gefallen seid auf freiem Felde, das arme, von Blut und Schmutz entstellte +Gesicht dem Feinde zu, überrascht in dunklen Höhlen oder versunken im +Schlamm endloser Ebenen, einsame, kreuzlose Schläfer; das ist mir +Evangelium: Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel +ein anderes, größeres ist, als ihr erträumtet. Der Krieg ist der Vater +aller Dinge. Kameraden, euer Wert ist unvergänglich, Euer Denkmal tief in +den Herzen eurer Brüder, die mit Euch standen, vom flammenden Ringe +umschlossen. Legten wir nicht weiße Bänder auf eure Wunden und sahen in +eure brechenden Augen, als euch der Vorhang der Ewigkeit hochrauschte? + +Möge dies Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben von dem, was ihr +geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins +bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, an die herrlichste Armee, +die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten +wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der +moralischen Verkümmerung und des Renegatentums ist stolzeste Pflicht eines +jeden, der nicht nur mit Gewehr und Handgranate, sondern auch mit +lebendigem Herzen für Deutschlands Größe kämpfte. + +[Fußnote 1: Das Stammregiment des Füsilier-Regiments Nr. 73, das vormals +Königlich Hannoversche Garderegiment, verteidigte von 1779 bis 1783 fast +vier Jahre lang unter General Elliot Gibraltar siegreich gegen die Spanier +und Franzosen. Zur Erinnerung an diese ruhmvolle Waffentat trägt unser +Regiment am Ärmel des Waffenrocks ein blaues Band mit der Aufschrift +»Gibraltar«. Dasselbe Zeichen wird jetzt von der 5. Kompagnie des +Reichswehr-Regiments Nr. 16 (Hannover) weitergetragen.] + + + + +Vorwort zur 2. Auflage. + + +Schneller als gedacht, wurde eine zweite Auflage Bedürfnis. Aus Zuschriften +und Gesprächen ersah ich, daß der Zweck des Buches erreicht, der Geist der +Leute am Feind getroffen war. Wer sollte ihn auch besser treffen als einer, +der vier Jahre lang in allen Löchern und Höhlen der Westfront in ihrem +Kreise hockte? + +Dies Interesse für das Geschehen einer Zeit, die uns zu Boden hagelte, ist +von Bedeutung. Das Volk im ganzen hat nicht den Willen, das zu verleugnen, +wofür Unzählige fielen. Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt +sind. Sind zur Stunde noch die Nerven erschüttert vom Grauenhaften seiner +äußeren Gestaltung, so wird er späteren Generationen vielleicht erscheinen +wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister: Als großer Gedanke, der Nacht +und Blut überstrahlt. Dann wird man wohl auch mit Rührung an uns +zurückdenken, an uns und die Hoffnungen und Gefühle, die unsere Brust +durchzuckten, als wir im Dunkel durch brüllende Wüsten irrten. + +Oder sollten Strömungen unserer Zeit dann schon so reißend geworden sein, +daß niemand mehr versteht, wie wir das Leben geringer achten konnten als +unsere Idee? + +Ich kann es nicht glauben. + +_Berlin_, im Juli 1921. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + + Vorwort + Orainville + Von Bazancourt bis Hattonchâtel + Les Eparges + Douchy und Monchy + Vom täglichen Stellungskampf + Der Auftakt zur Somme-Offensive + Guillemont + Am St. Pierre-Vaast + Der Somme-Rückzug + Im Dorfe Fresnoy + Gegen Inder + Langemarck + Regniéville + Noch einmal Flandern + Die Cambraischlacht + Am Cojeul-Bach + Die große Schlacht + Englische Vorstöße + Mein letzter Sturm + + + + +Orainville. + + +Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen +aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takte des +Walzwerkes der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit +werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen +Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam +erschauern. Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten +an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich +rollendem Donner? Der eine früher, der andere später? + +Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den +kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten +Körper, Träger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre. +Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die +Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. Da hatte uns +der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir +hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mußte es uns ja +bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein +fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer +Tod ist auf der Welt . . . . Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen +dürfen! + +»In Gruppenkolonne antreten!« Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim +Marsche durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und +Gewehr drückten wie Blei. »Kurztreten. Aufbleiben dahinten!« + + Ach, zu des Geistes Flügeln wird so bald + Kein körperlicher Flügel sich gesellen! + +Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des +Füsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener Gegend, gebildet +durch 50 Häuschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen um einen parkumschlossenen +Herrensitz. + +Das Treiben auf der Dorfstraße bot den kulturgewohnten Augen einen fremden +Anblick. Man sah nur wenige scheue und zerlumpte Zivilisten; überall +Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist +von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes +dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Türen der Häuser standen +und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. Irgendwo stand eine nach +Erbsensuppe duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern +umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den beginnenden Verfall +des Dorfes noch gesteigert. + +Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten, +wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem damaligen +Oberleutnant v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie überwiesen. + +Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne uns einen +entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saßen in der uns als Quartier +angewiesenen Schule und frühstückten. Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer +Erschütterungen in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten dem +Dorfeingang zustürzten. Wir befolgten dies Beispiel, ohne recht zu wissen +warum. Wieder ertönte ein eigenartiges, nie gehörtes Flattern und Rauschen +über uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die +Leute um mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung. + +Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der menschenleeren +Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten Händen schwarze Bündel +schleppend. Mit einem merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit +starrte ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper +herabhängendem Bein, die unaufhörlich ein heiseres »Zu Hilfe!« hervorstieß +und in ein Haus getragen wurde, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge +herabwehte. -- Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und +die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so unpersönlich. +Kaum, daß man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tückische +Wesen irgendwo dahinten. Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende +Ereignis machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die +Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung am +hellen Mittag. + +Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke +von Steinen und Sprengstücken in den Eingang geschleudert, gerade, als die +durch die ersten Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten. +Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den +hannoverschen Promenaden-Konzerten her wohlbekannte Erscheinung. Ein +angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, riß sich +wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den +Schloßhof. + +Im Gespräch mit meinen Kameraden merkte ich, daß dieser Zwischenfall +manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedämpft hatte. Daß er auch auf mich +stark gewirkt hatte, ersah ich aus zahlreichen Gehörstäuschungen, die mir +das Rollen jedes vorüberfahrenden Wagens in das fatale Geräusch der +Unglücks-Granate verwandelten. + +Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte Augenblick, in dem wir, +schwer bepackt, zur Kampfstellung aufbrachen. Durch die aus phantastischem +Halbdunkel ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt führte unser Weg nach +einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause, der sogenannten +»Fasanerie«, wo die Regiments-Reserve lag, der bis zu dieser Nacht auch die +dort liegende 9. Kompagnie angehörte. Ihr Führer war der Leutnant d. R. +Brahms. + +Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen verteilt und befanden uns +bald im Kreise bärtiger, lehmbekrusteter Gesellen, die uns mit einem +gewissen ironischen Wohlwollen begrüßten. Wir wurden gefragt, wie es in +Hannover aussähe, und ob der Krieg denn noch nicht bald zu Ende gehen +sollte. Dann drehte sich das Gespräch in eintöniger Kürze um Schanzen, +Feldküche, Grabenstücke und andere Angelegenheiten den Stellungskrieges. + +Nach einiger Zeit erscholl vor der Tür unseres hüttenartigen Aufenthaltes +der Ruf: »Heraustreten!« Wir traten bei unseren Gruppen an und stießen auf +das Kommando: »Laden und Sichern!« mit geheimer Wollust einen Rahmen +scharfer Patronen ins Magazin. + +Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet durch die nächtliche, von +dunklen Waldstücken besäte Landschaft. Ab und zu verhallte ein einsamer +Schuß, oder eine Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer, +geisterhafter Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen. +Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch den Warnungsruf: +»Achtung, Draht!« unterbrochen. Wie oft bin ich nach diesem erstenmal in +halb melancholischer, halb erregter Stimmung durch ausgestorbene +Landschaften zur vorderen Linie geschritten! + +Endlich verschwanden wir in einem der Laufgräben, die sich wie weiße +Schlangen durch die Nacht zur Stellung wanden. Dort fand ich mich einsam +und fröstelnd zwischen zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm +Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie mir allerhand +Schattengestalten vorgaukelte, während ab und zu eine verirrte Kugel durchs +Geäst klatschte. Die einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit +war, daß ich von einem älteren Kameraden abgeholt wurde und mit ihm durch +einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen Postenloch trottete, in +dem wir wiederum damit beschäftigt waren, das Vorgelände zu betrachten. +Zwei Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen, den Schlaf +der Erschöpfung zu finden. Als der Morgen graute, war ich bleich und +lehmbeschmiert wie die anderen, und es war mir, als ob ich dieses +Maulwurfsleben schon monatelang geführt hätte. + +Die Stellung des Regiments wand sich durch den Kreidebogen der Champagne +gegenüber dem Dorfe Le Gauda. Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes +Waldstück, den Granat-Wald, lief dann durch riesige Zuckerrübenfelder, aus +denen die roten Hosen gefallener Stürmer leuchteten, und endete in einem +Bachgrund, über den die Verbindung mit dem Regiment 74 durch nächtliche +Patrouillen aufrechterhalten wurde. Der Bach rauschte über das Wehr einer +zerstörten, von finsteren Bäumen umringten Mühle. Ein unheimlicher +Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken wechselnde +Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln des Wassers und das +Rascheln des Schilfes sich zu mischen schienen. + +Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben begann mit dem +Einbruch der Dämmerung, während der die ganze Besatzung im Graben stehen +mußte. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder +Gruppe schlafen, so daß man einen Nachtschlaf von zwei Stunden genoß, der +indes durch früheres Wecken, Strohholen und andere Beschäftigungen +illusorisch gemacht wurde. + +Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog in eins der zahlreichen +Postenlöcher, die mit der Stellung durch lange, ausgehobene Verbindungswege +zusammenhingen; eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit der +Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben wurde. + +Diese endlosen, furchtbar ermüdenden Nachtwachen waren bei klarem Wetter +und selbst bei Frost noch erträglich, sie wurden jedoch qualvoll, wenn es, +wie meist im Januar, regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die über den Kopf +gezogene Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und stundenlang am +Körper herunterrieselte, geriet man in eine Stimmung, die selbst durch das +Rauschen der heranwatenden Ablösung nicht erhellt werden konnte. Die +Morgendämmerung beleuchtete erschöpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die +sich zähneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule Stroh der +tropfenden Unterstände warfen. Diese Unterstände! Es waren nach dem Graben +zu offene, in die Kreide gehauene Löcher mit einer Lage von Brettern und +einigen Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch +tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb mit +entsprechenden Namen, wie »Tropfsteinhöhle«, »Zum Männerbad« usw., +bezeichnet. Wollten mehrere darin der Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen, +ihre Beine als unfehlbare Fußangeln für jeden Vorübergehenden in den Graben +zu legen. Unter diesen Umständen war natürlich auch tagsüber von Schlaf +wenig die Rede. Außerdem mußte man noch zwei Stunden Tagesposten stehen, +den Graben reinigen, Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr. + +Man wird begreifen, daß dieses ungewohnte Leben uns sehr hart vorkam, +besonders da wir dazu von den meisten der alten Leute in jeder Weise +schikaniert wurden. Diese aus der Kaserne in den Krieg mitgenommene +Gewohnheit trug viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu +verbittern, verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen Schlacht. +Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache, daß wir uns freiwillig gemeldet +hatten, schwer verständlich. Er sah das als einen gewissen Übermut an, eine +Auffassung, der ich im Kriege oft begegnet bin. + +Die Zeit, während der die Kompagnie in Reserve lag, war nicht viel besser. +Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten Erdhütten bei der Fasanerie oder +im Hiller-Wäldchen, deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme +Gärungswärme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in einer zolltiefen +Wasserpfütze. Trotzdem ich Rheumatismus bislang nur dem Namen nach gekannt +hatte, spürte ich schon nach wenigen Tagen infolge der dauernden +Durchnässung Schmerzen in allen Gelenken. Die Nächte dienten auch hier +nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen Annäherungsgräben +zu vertiefen. + +Ein Lichtblick in diesem öden Einerlei war die allabendliche Ankunft der +Feldküche an der Ecke des Hiller-Wäldchens, wo sich bei der Öffnung des +Kessels ein köstlicher Duft nach Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen +Sachen verbreitete. Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das +Dörrgemüse, das von enttäuschten Gourmets als »Drahtverhau« oder +»Flurschaden« geschmäht wurde. + +Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville, die mit Ausschlafen, +Reinigen der Sachen und Exerzieren verbracht wurden. Die Kompagnie hauste +in einer gewaltigen Scheune, die nur zwei hühnerleiterartige Treppen als +Ein- und Ausgang hatte. Obwohl das Gebäude noch mit Stroh gefüllt war, +standen Öfen darin. Eines Nachts rollte ich gegen den einen und erwachte +erst infolge der Bemühungen einiger Kameraden, die mich kräftigen +Löschversuchen unterzogen. Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß meine +Uniform an der Rückseite arg verkohlt war, so daß ich längere Zeit in einem +frackartigen Anzuge umherlaufen mußte. + +Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast alle Illusionen +verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren +hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nächte vorgefunden, zu deren +Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum gehörte. Diese dauernde +Überanstrengung war Schuld der Führung, die den Geist des neuartigen +Stellungskrieges noch nicht erfaßt hatte. In einem kurzen, +draufgängerischen Kriege kann und muß der Offizier die Mannschaft +rücksichtslos erschöpfen, in einem sich lang hinschleppenden führt dies zu +physischem und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl und die +ununterbrochene Schanzarbeit war zum größten Teil unnötig und sogar +schädlich. Nicht auf gewaltige Verschanzungen kommt es an, sondern auf den +Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. »Eiserne Herzen auf +hölzernen Schiffen gewinnen die Schlachten.« + +Wohl hörten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen auch ab und zu einige +Granaten von den Reimser Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse +blieben weit hinter unseren Erwartungen zurück. Trotzdem wurden wir +manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem scheinbar +absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am 8. Januar eine Granate in die +Fasanerie und tötete den Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten. + +Am 27. Januar ließen wir unserem Kaiser zur Ehre drei kräftige Hurras +erschallen und stimmten auf der langen Front, von feindlichen Gewehren +begleitet, ein »Heil dir im Siegerkranz« an. + +In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmen Erlebnis, das meine +militärische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen und unrühmlichen Abschluß +gebracht hätte. Die Kompagnie lag am linken Flügel, und ich mußte mich +gegen Morgen nach völlig durchwachter Nacht mit einem Kameraden in den +Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich hatte der Kälte wegen +verbotenerweise meine Decke um den Kopf geschlagen und lehnte an einem +Baum, nachdem ich mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte. +Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, griff danach -- die Waffe war +verschwunden! Der revidierende Portepee-Träger, ein +Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen und sie +unbemerkt an sich genommen. Um mich zu bestrafen, schickte er mich +eigenmächtig, nur mit einer Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die +französischen Postierungen, ungefähr 100 Meter weit, vor, eine +Indianeridee, die mich beinahe ums Leben gebracht hätte. Während meiner +merkwürdigen Strafwache schlich nämlich eine Patrouille von drei +Kriegsfreiwilligen durch das Schilf vor, wurde von den Franzosen bemerkt +und beschossen. Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie +wieder gesehen. Da ich ganz in der Nähe stand, bekam ich auch mein Teil von +den damals so beliebten Gruppensalven ab, so daß mir die Zweige des +Weidenbaumes, an dem ich stand, um die Ohren pfiffen. Ich biß die Zähne +zusammen und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter +diese Gemeinheit nie vergessen können. + +Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt wurde, daß wir diese +Stellung endgültig verlassen sollten, und feierten unseren Abschied von +Orainville durch einen kräftigen Bierabend in der großen Scheune. Am 4. +Februar 1915 marschierten wir, von einem sächsischen Regiment abgelöst, +nach Bazancourt. + +Dieser Monat war für mich, obwohl der härteste des ganzen Krieges, doch +eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner +schwersten Form gründlich kennengelernt. Das bewahrte mich später, als ich +selbst führte, davor, von meinen Leuten Unmögliches zu verlangen. + + + + +Von Bazancourt bis Hattonchâtel. + + +In Bazancourt, einem öden Champagne-Städtchen, wurde die Kompagnie in der +Schule einquartiert, die infolge des geradezu erstaunlichen Ordnungssinnes +unserer Leute in kurzer Zeit das Aussehen einer Friedenskaserne annahm. Da +gab es einen Unteroffizier vom Dienst, der Morgens pünktlich weckte, +Stubendienst und allabendliche Appells durch die Korporalschaftsführer. +Jeden Morgen rückten die Kompagnien aus, um auf den umliegenden Ödfeldern +einige Stunden stramm zu exerzieren. Diesem Dienstbetrieb wurde ich nach +einigen Tagen durch Abkommandierung zum Offizier-Aspiranten-Kursus in +Recouvrence entzogen. + +Recouvrence war ein entlegenes, in lieblichen Kreidehügeln verstecktes +Dörfchen, in das von der Division eine Anzahl junger Leute geschickt wurde, +um durch den von jedem Regiment gestellten Offizier und einige +Unteroffiziere eine gründliche militärische Ausbildung zu erhalten. Wir +73er haben in dieser Beziehung dem äußerst fähigen, leider kurz darauf +gefallenen Leutnant Hoppe viel zu verdanken. + +Das Leben in diesem weltabgeschiedenen Neste setzte sich aus einer +merkwürdigen Mischung von Kasernendrill und akademischer Freiheit zusammen. +Tagsüber wurden die Zöglinge nach allen Regeln der Kunst zum militärischen +Menschen geschliffen, abends versammelten sie sich mit ihren Lehrern um +riesige Fässer, wo in ebenso gründlicher Weise gezecht wurde. Wenn in den +Morgenstunden die verschiedenen Abteilungen aus ihren Kneiplokalen +strömten, hatten die kleinen Kreidesteinhäuser den ungewohnten Anblick +eines studentischen Walpurgistreibens. Unser Kursusleiter, ein Hauptmann, +hatte übrigens die erzieherische Gewohnheit, den Dienst an den +darauffolgenden Tagen mit doppelter Energie zu handhaben. + +Unser Verkehr untereinander war, wie bei Leuten derselben Bildungsstufe +unter diesen Verhältnissen selbstverständlich, sehr kameradschaftlich. Wir +wohnten zu dritt oder viert zusammen und führten gemeinsame Wirtschaft. +Besonders ist mir noch unser regelmäßiges Abendessen von Rührei und +Bratkartoffeln in guter Erinnerung. Sonntags leisteten wir uns das +landessübliche Kaninchen oder einen Hahn. Da ich den Einkauf für den +Abendtisch besorgte, legte mir unsere Wirtin einmal eine Anzahl von Bons +vor, die sie von requirierenden Soldaten erhalten hatte; meist des Inhalts, +daß der Füsilier N. N. der Tochter des Hauses Liebenswürdigkeiten erwiesen +und dafür 12 Eier requiriert habe. Zur Anführung ist diese ergötzliche +Blütenlese des Volkshumors leider durchweg zu saftig. + +Mitte Februar wurden wir 73er durch die Nachricht der großen Verluste +unseres Regiments bei Perthes überrascht und waren sehr traurig, diese Tage +fern von unseren Kameraden verbracht zu haben. Am 21. März kamen wir nach +einem kleinen Examen zum Regiment zurück, das wieder in Bazancourt lag. Es +schied in diesen Tagen nach einer großen Parade und einer +Abschiedsansprache des Generals von Emmich aus dem Verbande des X. Korps. +Wir wurden am 24. März verladen und fuhren bis in die Gegend von Brüssel, +wo wir mit den Regimentern 76 und 164 zur 111. Infanterie-Division +zusammengestellt wurden. + +Unser Bataillon wurde in dem Städtchen Hérinnes (flämisch: Herne) +untergebracht, inmitten einer Landschaft von flämischer Behaglichkeit. Ich +erlebte hier recht glücklich meinen 20. Geburtstag. + +Obwohl die Belgier in ihren Häusern genügend Platz hatten, wurde unsere +Kompagnie aus falscher Rücksichtnahme in eine große zugige Scheune +gesteckt, durch die während der kalten Märznächte der rauhe Seewind jener +Gegend pfiff. Sonst war uns der Aufenthalt in Herne eine gute Erholung; es +wurde zwar viel exerziert, doch gab es auch gute Verpflegung und +Lebensmittel für geringes Geld. + +Die halb aus Flamen, halb aus Wallonen bestehende Bevölkerung war sehr +freundlich zu uns. Ich unterhielt mich oft mit dem Besitzer eines +Estaminets, einem eifrigen Sozialisten und Freigeist, der mich am +Ostersonntag zum Festmahl einlud und sogar für seine Getränke kein Geld +nehmen wollte. Man kann sich kaum vorstellen, wie wohltuend eine solche +Begegnung inmitten der rauhen Schule der Feldkameradschaft wirkt. + +Gegen Ende unseres Aufenthaltes wurde das Wetter schön und lud zu +Spaziergängen in der lieblichen, wasserreichen Umgebung ein. Die Landschaft +war malerisch verziert durch die vielen entkleideten Kriegsleute, die, ihre +Wäsche auf dem Schoß, längs der pappelumsäumten Bachufer eifrig der +Läusejagd oblagen. Von dieser Plage bislang ziemlich verschont geblieben, +war ich indes meinem Kriegskameraden Priepke, einem Hamburger +Exportkaufmann, behilflich, in seine wollene Weste, die bevölkert war wie +weiland das Habit Simplicii Simplicissimi, zu Desinfektionszwecken einen +schweren Stein zu wickeln und sie in einen Bach zu versenken. Da unser +Aufbruch von Herne sehr plötzlich erfolgte, wird sie sich dort wohl noch +heute eines ungestörten Aufenthalts erfreuen. + +Am 12. April 1915 wurden wir in Hal verladen und fuhren, um Spione zu +täuschen, über den Nordflügel der Front in die Gegend des Schlachtfeldes +von Mars-la-Tour. Die Kompagnie bezog ihr gewohntes Scheunen-Quartier im +Dorfe Tronville, einem der üblichen langweiligen, aus flachdächrigen, +fensterlosen Steinkästen zusammengewürfelten lothringischen Drecknester. +Der Fliegergefahr wegen mußten wir uns meist in dem überfüllten Orte +aufhalten, in dessen Nähe die berühmten Stätten von Mars-la-Tour und +Gravelotte liegen. Wenige hundert Meter vom Dorfe wurde die Straße nach +Gravelotte von der Grenze geschnitten, an der der französische Grenzpfahl +zerschmettert am Boden lag. Abends machten wir uns oft das wehmütige +Vergnügen eines Spazierganges nach Deutschland. + +Unsere Scheune war so baufällig, daß man balancieren mußte, um nicht durch +die morschen Bretter auf die Tenne zu stürzen. An einem Abend, als unsere +Gruppe gerade unter Vorsitz ihres biederen Korporals Kerkhoff beschäftigt +war, auf einer Krippe die Portionen zu teilen, löste sich ein ungeheurer +Eichklotz aus dem Gebälk und stürzte krachend herunter. Zum Glück klemmte +er sich dicht über unseren Köpfen zwischen zwei Lehmwänden. Wir kamen mit +dem Schrecken davon, aber unsere schöne Fleischportion war durch den +aufgewirbelten Schutt ungenießbar geworden. Kaum hatten wir uns an diesem +ominösen Abend niedergelegt, als kräftig an das Tor gedonnert wurde und die +alarmierende Stimme des Feldwebels uns vom Lager trieb. Zuerst, wie immer +in solchen Augenblicken, ein Moment der Stille, dann wirres Durcheinander +und Gepolter: »Mein Helm! Wo ist mein Brotbeutel? Ich kriege meine Stiefel +nicht an! Du hast meine Patronen geklaut! Hol't Mul, du August!« + +Zuletzt war doch alles fertig, und wir marschierten zum Bahnhof von +Chamblay, von wo wir in einigen Minuten mit der Bahn bis Pagny-sur-Moselle +fuhren. In den Morgenstunden erklommen wir die Moselhöhen und, blieben in +Prény, einem romantischen, von einer Burgruine überragten Bergdorf. Diesmal +war unsere Scheune ein mit aromatischem Bergheu gefüllter Steinbau, aus +dessen Luken wir auf die weinbepflanzten Moselberge und das im Tal gelegene +Städtchen Pagny blicken konnten, das oft mit Granaten und Fliegerbomben +belegt wurde. Einige Male schlug ein Geschoß in die Mosel, eine turmhohe +Wassersäule hochschleudernd. + +Das warme Wetter und die prächtige Landschaft wirkten wahrhaft belebend auf +uns und reizten in den Freistunden zu langen Spaziergängen. Wir waren so +übermütig, daß wir abends noch einige Zeit ulkten, bevor alles zur Ruhe +kam. Unter anderem war es ein beliebter Scherz, Schnarchern aus einer +Feldflasche Wasser oder Kaffee in den Mund zu gießen. + +Am Abend des 22. April marschierten wir von Prény ab, legten über 30 +Kilometer bis zum Dorfe Hattonchâtel zurück, ohne trotz dem schweren Gepäck +einen Marschkranken zu haben, und schlugen rechts von der berühmten Grande +Tranchée mitten im Walde Zelte auf. Es war aus allen Anzeichen zu ersehen, +daß wir am nächsten Tage ins Gefecht kommen würden. Wir empfingen +Verbandpäckchen, zweite Fleischbüchsen und Signalflaggen für die +Artillerie. + +Am Abend saß ich noch lange in jener ahnungsvollen Stimmung, von der die +Krieger aller Zeiten zu erzählen wissen, auf einem von blauen Anemonen +umwucherten Baumstumpf, ehe ich über die Reihen der Kameraden an meinen +Zeltplatz kroch, und träumte in der Nacht wirres Zeug zusammen, in dem ein +Totenkopf die Hauptrolle spielte. Priepke, dem ich am Morgen davon +erzählte, hoffte, daß es ein Franzosenschädel gewesen sei. + + + + +Les Eparges. + + +Das junge Grün des Waldes schimmerte im Morgen. Wir wanden uns durch +versteckte Wege zu einer engen Schlucht hinter der vorderen Linie. Es war +bekanntgegeben, daß das Regiment 76 nach 20minutiger Feuervorbereitung +stürmen und wir als Reserve bereitstehen sollten. Punkt 12 Uhr eröffnete +unsere Artillerie eine heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten +widerhallte. Zum ersten Male vernahmen wir hier das schwere Wort: +Trommelfeuer. Wir saßen auf den Tornistern, untätig und erregt. Eine +Ordonnanz stürzte zum Kompagnieführer. Hastige Worte. »Die drei ersten +Gräben sind in unserer Hand, sechs Geschütze erbeutet!« Ein Hurra flammte +auf. Draufgängerstimmung erwachte. + +Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir zogen in langer Reihe nach vorn, von +wo verschwommenes Gewehrfeuer prasselte. Es wurde ernst. Zur Seite des +Waldpfades dröhnten in einem Tannendickicht dumpfe Stöße, Zweige und Erde +rauschten nieder. Ein Ängstlicher warf sich unter erzwungenem Gelächter der +Kameraden zu Boden. Dann glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen: +»Sanitäter nach vorn!« + +Auf der Grande Tranchée hasteten Truppen vor. Um Wasser flehende Verwundete +kauerten am Straßenrand, bahrentragende Gefangene keuchten zurück, Protzen +rasselten im Galopp durchs Feuer. Rechts und links stampften Granaten den +weichen Boden, schweres Geäst brach nieder. Mitten im Wege lag ein totes +Pferd mit riesigen Wunden, daneben dampfende Eingeweide. An einem Baume +lehnte ein bärtiger Landwehrmann: »Jungens, jetzt feste ran, der Franzmann +ist im Laufen!« + +Wir gelangten in das kampfzerwühlte Reich der Infanterie. Der Umkreis der +Sturmausgangsstellung war von Geschossen kahl geholzt. Im zerrissenen +Zwischenfelde lagen die Opfer des Sturmes, den Kopf feindwärts; die grauen +Röcke hoben sich kaum vom Boden ab. Eine Riesengestalt, mit rotem, +blutbesudeltem Vollbart starrte zum Himmel, die Fäuste in die lockere Erde +gekrallt. Ein junger Mensch wälzte sich in einem Trichter, die gelbliche +Farbe des Todes auf den Zügen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm, mit +einer gleichgültigen Bewegung zog er sich den Mantel über den Kopf und +wurde still. + +Wir lösten uns aus der Marschkolonne. Fortwährend zischte es in langem, +scharfem Bogen heran, Blitze wirbelten den Boden der Lichtung hoch. +»Sanitäter!« Wir hatten den ersten Toten. Dem Füsilier S. zerriß eine +Schrapnellkugel die Halsschlagader. Drei Verbandpäckchen waren im Nu +vollgesogen. Er verblutete in Sekunden. Neben uns protzten zwei Geschütze +ab, noch stärkeres Feuer anziehend. Ein Artillerieleutnant, der im +Vorgelände nach Verwundeten suchte, wurde durch eine vor ihm hochfahrende +Dampfsäule niedergeschleudert. Er erhob sich langsam und kam mit markierter +Ruhe zurück. »Eben ziemlichen Torkel entwickelt!« Unsere Augen glänzten ihn +an. + +Es dunkelte, als wir den Befehl zu weiterem Vorrücken erhielten. Unser Weg +führte uns durch dichtes, geschoßdurchklatschtes Unterholz in einen +endlosen Laufgraben, den fliehende Franzosen mit Gepäck bestreut hatten. In +der Nähe des Dorfes Les Eparges mußten wir, ohne Truppen vor uns zu haben, +eine Stellung in festes Gestein hauen. Zuletzt sank ich in einen Busch und +schlief ein. + +»Mensch, aufstehen, wir rücken ab!« Ich erwachte in taufeuchtem Grase. +Durch die sausende Garbe eines Maschinengewehres stürzten wir in unseren +Laufgraben zurück und besetzten eine verlassene französische Stellung am +Waldsaume. Ein süßlicher Geruch und ein im Drahtverhau hängendes Bündel +erweckten meine Aufmerksamkeit. Ich sprang im Morgennebel aus dem Graben +und stand vor einer zusammengeschrumpften französischen Leiche. +Fischartiges, verwestes Fleisch leuchtete grünlichweiß aus zersetzter +Uniform. Mich umwendend prallte ich entsetzt zurück: Neben mir kauerte eine +Gestalt an einem Baum. Leere Augenhöhlen und wenige Büschel Haar auf dem +schwarzbraunen Schädel verrieten, daß ich es mit keinem Lebenden zu tun +hatte. Ringsumher lagen noch Dutzende von Leichen, verwest, verkalkt, zu +Mumien gedörrt, in unheimlichem Totentanz erstarrt. Die Franzosen mußten +monatelang neben den gefallenen Kameraden ausgehalten haben, ohne sie zu +bestatten. + +In den Vormittagsstunden durchbrach die Sonne den Nebel und entsandte eine +behagliche Wärme. Nachdem ich etwas auf der Grabensohle geschlafen hatte, +ging ich durch den vereinsamten, am Vortage erstürmten Graben, dessen Boden +mit Bergen von Proviant, Munition, Ausrüstungsstücken, Waffen und Zeitungen +bedeckt war. Die Unterstände glichen geplünderten Trödelläden. Dazwischen +lagen die Leichen tapferer Verteidiger, deren Gewehre noch in den +Schießscharten steckten. Aus zerschossenem Gebälk ragte ein eingeklemmter +Rumpf. Kopf und Hals waren abgeschlagen, weiße Knorpel glänzten aus +rötlich-schwarzem Fleisch. Es wurde mir schwer, zu verstehen. Daneben ein +ganz junger Mensch auf dem Rücken, die glasigen Augen und die Fäuste im +Zielen erstarrt. Ein seltsames Gefühl, in solche toten, fragenden Augen zu +blicken. Ein Schaudern, das ich im Kriege nie ganz verloren habe. Neben ihm +lag seine arme, ausgeplünderte Börse. + +Mit zunehmender Klarheit verstärkte sich das Artilleriefeuer und steigerte +sich bald zu wüstem Tanze. Ich kehrte zu meiner Gruppe zurück. In immer +kürzeren Pausen flammte es um uns auf. Weißes, schwarzes und gelbes Gewölk +mischte sich. Manchmal erdröhnten Schläge von unheimlicher Brisanz, +dazwischen schwirrten mit eigenartigem Singen die Zünder. Bald war der Wald +in Brand geschossen, Flammen kletterten knatternd an den Bäumen empor. Ich +saß mit einem Kameraden auf einer in den Lehm der Grabenwand gestochenen +Bank, während neben uns ein hagerer Rekrut vor Angst an allen Gliedern +schlotterte. Mein Gefährte machte sich den grausamen Scherz, heimlich eine +Handvoll aufgeraffter Schrapnellkugeln neben ihn zu schleudern. + +Ich beobachtete mit merkwürdiger Ruhe das Vorgelände. »Sie wissen ja gar +nicht, wo du bist. -- Sie können dich gar nicht sehen, sie schießen ja ganz +wo anders hin.« Es war der Mut der Unerfahrenheit. Plötzlich knallte das +Brett der Schießscharte, und ein Infanteriegeschoß schlug zwischen unseren +Köpfen in den Lehm. In diesem Augenblick tauchte ein Mann an der Ecke +unseres Grabenstückes auf: »Nach links folgen!« Wir gaben den Befehl weiter +und schritten die rauchdurchschwelte Stellung entlang. Gerade waren die +Essenholer zurückgekommen und Hunderte von verlassenen Kochgeschirren +dampften auf der Brustwehr. Wer mochte jetzt essen? Eine Menge Verwundeter +mit blutdurchtränkten Verbänden preßte sich an uns vorüber, die Aufregung +des Kampfes auf den bleichen Gesichtern. Die Ahnung einer schweren Stunde +türmte sich vor uns auf. »Vorsicht, Kameraden, mein Arm, mein Arm!« »Los, +los, Mensch, halt Anschluß!« + +Der Graben endete in einem Waldstück. Unentschlossen standen wir unter +gewaltigen Buchen. Aus dichtem Unterholz tauchte unser Zugführer, ein +Leutnant, auf und rief dem ältesten Unteroffizier zu: »Lassen Sie +ausschwärmen in Richtung auf die untergehende Sonne und Stellung nehmen. +Meldungen erreichen mich im Unterstande an der Lichtung.« Fluchend übernahm +jener das Kommando. + +Der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Leute machte, ist mir während +meiner ganzen Führerzeit eine eindringliche Lehre gewesen. Später lernte +ich diesen Offizier, der sich noch oft auszeichnete, als Kameraden kennen +und erfuhr, daß er dort Wichtiges zu tun gehabt. Gleichviel, der Offizier +darf sich unter keinen Umständen in der Gefahr von der Mannschaft trennen. +Die Gefahr ist der vornehmste Augenblick seines Berufes, da gilt es, +gesteigerte Männlichkeit zu beweisen. Ehre und Ritterlichkeit erheben ihn +zum Herrn der Stunde. Was ist erhabener, als hundert Männern +voranzuschreiten in den Tod? Gefolgschaft wird solcher Persönlichkeit nie +versagt, die mutige Tat fliegt wie Rausch durch die Reihen. + +Wir schwärmten aus und legten uns erwartungsvoll in eine Reihe flacher +Mulden, von irgendwelchen Vorgängern ausgehoben. Mitten in scherzende +Zurufe schnitt markerschütterndes Geheul. Zwanzig Meter hinter uns +wirbelten Erdklumpen aus weißer Wolke und klatschten hoch ins Geäst. +Vielfach rollte der Schall durch den Wald. Beklommene Augen starrten sich +an, Körper schmiegten sich in niederdrückendem Gefühl völliger Ohnmacht an +den Boden. Schuß folgte auf Schuß. Stickige Gase schwammen im Unterholz, +Qualm verhüllte die Gipfel, Bäume und Zweige stürzten rauschend zu Boden, +Schreie wurden laut. Wir sprangen hoch und rannten blindlings, von Blitzen +und betäubendem Luftdruck gehetzt, von Baum zu Baum, Deckung suchend und +wie gejagtes Wild riesige Stämme umkreisend. Ein Unterstand, in den viele +liefen, erhielt einen Treffer, der den dicken Balkenbelag hochriß. + +Ich eilte mit dem Unteroffizier keuchend um eine mächtige Buche. Plötzlich +blitzte es in dem weit ausgreifenden Wurzelwerk, und ein Schlag gegen den +linken Oberschenkel warf mich zu Boden. Ich glaubte, von einem Erdklumpen +getroffen zu sein, doch belehrte mich reichlich strömendes Blut bald, daß +ich verwundet war. Es zeigte sich später, daß mir ein haarscharfer Splitter +eine Fleischwunde geschlagen hatte, nachdem seine Wucht durch meine dicke +Leder-Geldtasche abgeschwächt war. + +Ich warf meinen Tornister fort und rannte dem Graben zu, aus dem wir +gekommen waren. Von allen Seiten strebten Verwundete aus dem beschossenen +Gehölz strahlenförmig darauf zu. Der Durchgang war entsetzlich, von +Schwerverwundeten und Sterbenden versperrt. Eine bis zum Gürtel entblößte +Gestalt mit aufgerissenem Rücken lehnte an der Grabenwand. Ein anderer, dem +ein dreieckiger Lappen vom Hinterschädel herabhing, stieß fortwährend +schrille, erschütternde Schreie aus. -- Und immer neue Einschläge. + +Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen. +Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen. +Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz +einfach Angst, blasse, sinnlose Angst. Ich habe später noch oft +kopfschüttelnd an jene Momente zurückgedacht. + +In der Nähe lag ein mit Stämmen gedeckter Sanitätsunterstand, in dem ich +die Nacht, eng zusammengedrängt mit vielen Verwundeten, verbrachte. Ein +abgespannter Arzt stand mitten im Gewühl stöhnender Menschen, verband, +machte Einspritzungen und gab mit ruhiger Stimme Ermahnungen. Als ich am +nächsten Morgen fortgetragen wurde, durchbohrte ein Splitter das Segeltuch +der Tragbahre zwischen meinen Knien. + +Ich wurde über die immer noch schwer beschossene Grande Tranchée zum +Hauptverbandplatze und dann in die Kirche des Dorfes St. Maurice +transportiert. Neben mir im stampfenden Lazarettwagen lag ein Mann mit +Bauchschuß, der die Kameraden flehentlich bat, ihn mit der Pistole des +Sanitäters zu erschießen. In St. Maurice stand schon ein Lazarettzug unter +Dampf, der uns in zwei Tagen nach Heidelberg beförderte. Beim Anblick der +von blühenden Kirschbäumen bekränzten Neckarberge empfand ich ein +eigentümliches, starkes Heimatgefühl. Wie schön war doch das Land, wohl +wert, dafür zu bluten und zu sterben. + +Die Schlacht von Les Eparges war meine erste. Sie war ganz anders, als ich +gedacht. Ich hatte an einer großen Kampfhandlung teilgenommen, ohne einen +Gegner zu Gesicht bekommen zu haben. Erst viel später erlebte ich den +Zusammenprall, den Gipfelpunkt des modernen Kampfes im Erscheinen des +Infanteristen auf freiem Felde, das für entscheidende, mörderische +Augenblicke die chaotische Leere des Schlachtfeldes unterbricht. + + + + +Douchy und Monchy. + + +Meine Wunde war in vierzehn Tagen geheilt; ich wurde zum Ersatzbataillon +nach Hannover entlassen und meldete mich dort als Fahnenjunker. Nachdem ich +einen Kursus in Döberitz besucht hatte und zum Fähnrich befördert war, fuhr +ich im September 1915 zum Regiment zurück. + +Ich verließ mit einer Abteilung Ersatz beim Sitze des Divisionsstabes, dem +Dorfe St. Léger, den Zug und marschierte nach Douchy, dem Ruheorte des +Regiments. Vorn war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob +sich, eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelände. Über uns knatterten +die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein Fesselballon schien uns +erspäht zu haben, am Dorfeingang sprang der schwarze Kegel einer Granate +vor uns auf. Ich bog ab und führte die Kolonne auf Umwegen in den Ort. + +Douchy, das Ruhedorf des Füsilier-Regiments 73, war von mittlerer Größe und +hatte durch den Krieg noch wenig gelitten. Dieser im wellenförmigen Gelände +des Artois gelegene Platz wurde dem Regiment während seines +eineinhalbjährigen Stellungskampfes in jener Gegend zur zweiten Garnison, +zu einer Stätte der Erholung und inneren Festigung nach schweren Tagen des +Kampfes und der Arbeit in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns +durch dunkle Regennächte ein einsames Licht vom Dorfeingang +entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein Dach über dem Kopf und sein +einfaches, ungestörtes Lager. Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage, +wenn man gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt hatte. Auf +den umliegenden Wiesen wurde exerziert und Turnspiele veranstaltet, um die +eingerosteten Knochen gelenkig zu machen und das Zusammengehörigkeitsgefühl +der in langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken. Das gab +Spannkraft für neue, lastenreiche Tage. In der ersten Zeit marschierten die +Kompagnien abwechselnd in die vordere Linie zu nächtlicher Schanzarbeit. +Diese anstrengende Doppelbeschäftigung unterblieb später auf Anordnung +unseres Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer Stellung beruht auf +der Frische und dem unerschöpften Mut ihrer Verteidiger, nicht auf dem +verschlungenen Bau ihrer Annäherungswege und der Tiefe der Kampfgräben. + +In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern manche Quelle +ungezwungener Erholung. Zahlreiche Kantinen waren reichlich versehen mit +Eß- und Trinkbarem; es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und später +sogar, kunstvoll in eine große Scheune eingebaut, ein Lichtspiel. Die +Offiziere hatten ein vorzüglich eingerichtetes Kasino und eine Kegelbahn im +Garten des Pfarrhauses. Oft wurden große Kompagniefeste gefeiert, bei denen +Offiziere und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten. + +Da die Zivilbevölkerung noch im Dorfe wohnte, mußte der vorhandene Raum in +jeder Weise ausgenutzt werden. In den Gärten waren zum Teil Baracken und +Wohnunterstände erbaut; ein großer Obstgarten in der Mitte des Dorfes war +zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz, zum Lustgarten +umgewandelt. Am Emmich-Platz lagen in zwei mit Baumstämmen bedeckten +Unterständen die Rasierstube und die Zahnstation. Eine große Wiese neben +der Kirche diente als Begräbnisplatz, zu dem fast täglich eine Kompagnie +marschierte, um einem oder vielen Kameraden unter den Klängen eines Chorals +das letzte Geleit zu geben. + +Die französische Bevölkerung war am Ausgange nach Monchy kaserniert. Meist +scheue, mitleiderweckende Gestalten, die schwer am Kriege zu tragen hatten. +Ahnungslose Kinder spielten vor den Schwellen der baufälligen Häuser, und +Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen mit brutaler +Rücksichtslosigkeit die Stätten entfremdete, an denen sie ihr Leben +verbracht hatten. Die jungen Leute mußten jeden Morgen antreten und wurden +vom Ortskommandanten, dem Oberleutnant Oberländer, der ein strenges +Regiment führte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung eingeteilt. Wir +kamen mit den Einheimischen nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wäsche zum +Reinigen brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen +waren äußerst selten; die Erotik fand keinen Raum in dem wüsten, +zerrüttenden Getriebe. + +Eine merkwürdige Erscheinung war der völlige Anschluß zweier verwaister +kleiner Franzosen an die Truppe. Die beiden Jungen, von denen der eine +acht, der andere zwölf Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau +gekleidet, sprachen fließend deutsch und grüßten alle Vorgesetzten auf der +Straße vorschriftsmäßig. Von ihren Landsleuten sprachen sie, wie sie es den +Soldaten abgesehen hatten, nur verächtlich als »Schangels«. Ihr größter +Wunsch war, einmal mit ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu dürfen. Sie +konnten tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flügel und +baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach Cambrai begleiten +wollten, um Urlaub. Als das zweite Bataillon für einige Wochen zur +Ausbildung nach Quéant kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des +Oberstleutnants von Oppen in Douchy zurückbleiben, um der Zivilbevölkerung +keinen Anlaß zu unwahren Gerüchten zu geben; er wurde auch während des +Marsches nicht mehr gesehen, sprang aber bei der Ankunft des Bataillons +ganz vergnügt aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider +nahmen unvernünftige Leute die Kleinen öfters mit in die Kantine und +machten sich den schlechten Spaß, ihnen Alkohol zu geben. Der Ältere soll +später nach Deutschland auf Unteroffiziersschule geschickt worden sein. + +Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag Monchy-au-bois, das Dorf, in +dem die beiden Reserve-Kompagnien des Regiments untergebracht waren. Es war +im Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kämpfe gewesen, zuletzt war es in +deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen Halbkreis um die Trümmer +des ehemals reichen Ortes zum Stehen gekommen. + +Nun waren die Häuser ausgebrannt und zusammengeschossen, die verwilderten +Gärten von Granaten durchfurcht und die Obstbäume geknickt. Das Steingewirr +war durch Gräben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Stützpunkte zur +Verteidigung eingerichtet. Die Straßen konnten von einem im Mittelpunkte +liegenden Betonklotz, der »Feste Torgau«, unter Maschinengewehrfeuer +genommen werden. Ein anderer Stützpunkt war die »Feste Altenburg«, ein +Feldwerk rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie beherbergte. +Sehr wichtig für die Verteidigung war ein Bergwerk, dem in Friedenszeiten +der Kreidestein zum Bau der Häuser entnommen war, und das wir nur durch +Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer in einen +Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen und dabei ein sich +höhlenartig erweiterndes Loch bemerkt. Man untersuchte die Sache, und +nachdem noch ein zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere +Unterkunft für eine große Zahl von Kämpfern. + +Auf der einsamen Höhe am Wege nach Ransart lag eine Ruine, ein ehemaliges +Estaminet, wegen des weiten Ausblicks auf die Front Bellevue genannt, ein +Ort, der mich trotz seiner gefährlichen Lage besonders anzog. Die +Verlassenheit und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der +Geschütze unterbrochen, verstärkten den traurigen Eindruck der Zerstörung. +Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen in +grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug, Granatzünder, tiefe Trichter der +krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegeräte, zerfetzte Bücher, +zerschlagenes Hausgerät, Löcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller +verrät, in dem vielleicht die Gerippe der unglücklichen Hansbewohner von +den überaus geschäftigen Rattenschwärmen benagt werden, ein +Pfirsichbäumchen, das seiner stützenden Mauer beraubt ist und hilfesuchend +seine Arme ausstreckt, in den Ställen die noch an der Kette hängenden +Skelette der Haustiere, im verwüsteten Garten Gräber, dazwischen grünend, +tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber und Narzissen, auf +den benachbarten Feldern Getreidediemen, auf deren Dächern schon die Körner +wuchern; all das durchzogen von einem halbverschütteten Laufgraben, umgeben +vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige Gedanken beschleichen +den Krieger, dessen Fuß auf den Trümmern einer solchen Stätte ruht, wenn er +derer gedenkt, die noch vor kurzem hier friedlich lebten. + +Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das +Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgräben verbunden war. Sie war in +zwei Unterabschnitte, Monchy-Süd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten +sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte A bis F. Die bogenförmige +Führung der Stellung bot dem Engländer eine gute Flankierungsmöglichkeit, +die auch gehörig ausgenutzt wurde und uns schwere Verluste brachte. + +Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rückte einige Tage nach meiner +Ankunft als Führer einer Gruppe mit in Stellung, wo mir gleich durch einige +englische Kugelminen ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der Abschnitt +C, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste des Regiments. Wir +hatten indes in unserem Kompagnieführer, dem Leutnant d. R. Brecht, der zu +Beginn des Krieges von Amerika herübergeeilt war, einen Offizier, der zur +Verteidigung eines solchen Platzes der geeignete Mann war. Seine +Draufgängernatur suchte die Gefahr und brachte ihm zuletzt einen ruhmvollen +Tod. + +Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich schildere im folgenden den +Verlauf eines normalen Tages. + +Der Schützengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender Dämmerung. Um 7 Uhr +weckt mich ein Mann meiner Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in +Voraussicht der nächtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke +Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den mehr oder minder +gemütlichen Unterstand. Beim ersten Durchschreiten des wohlbekannten +Zugabschnitts überzeuge ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Plätzen +stehen. Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen ist die +Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln steigen silbern in die +Höhe, während angestrengte Augen ins Vorgelände starren. Eine Ratte +raschelt zwischen den über Deckung geworfenen Konservenbüchsen. Eine zweite +gesellt sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden Schatten, +die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen Stollen entströmen. Die +Jagd auf sie bietet eine beliebte Abwechslung in der Öde des +Postendienstes. Ein Stückchen Brot wird als Köder ausgelegt und das Gewehr +darauf eingerichtet, oder es wird Sprengpulver von Blindgängern in ihre +Löcher gestreut und angezündet. Quiekend schießen sie dann mit versengtem +Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte Geschöpfe. Ein greulicher Dunst +umwebt ihre schwirrenden Rudel. Ich muß immer an ihre verborgene, +leichenschänderische Tätigkeit in den Kellern des Dorfes denken. Auch +einige Katzen sind aus den zerstörten Dörfern in die Gräben gezogen; sie +lieben die Nähe der Menschen. Ein großer weißer Kater mit zerschossener +Vorderpfote geistert häufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden +Parteien zu verkehren. + +Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche Abschweifungen, man +wird leicht gesprächig, um die dunkle Nacht und die endlose Zeit zu füllen. +Deshalb bin ich auch bei einem bekannten Krieger oder einem anderen +Unteroffizier stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse seinen +tausend Nichtigkeiten. Als Fähnrich werde ich auch öfters von dem +wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich fühlt, in ein +wohlwollendes Gespräch verwickelt. Ja, er wird sogar ganz +kameradschaftlich, redet leise und eifrig, kramt Geheimnisse und Wünsche +aus. Und ich gehe gern darauf ein, denn auch mich drücken die schweren, +schwarzen Wälle des Grabens, auch ich bange nach Wärme, nach irgend etwas +Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit. + +Das Gespräch wird matter. Wir sind ermüdet. Apathisch lehnen wir an einer +Schulterwehr und starren auf die glühende Zigarette des andern . . . . + +Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, daß die harte Erde von vielen +Tritten erklingt. Sehr oft regnet es, dann steht man traurig mit +hochgeschlagenem Mantelkragen unter den Regendächern der Stolleneingänge +und lauscht dem gleichförmigen Falle der Tropfen. Hört man die Schritte +eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man rasch hervor, +geht weiter, dreht sich plötzlich um, schlägt die Hacken zusammen und +meldet: »Unteroffizier vom Grabendienst. Im Abschnitt nichts Neues!« Denn +das Stehen in den Stolleneingängen ist verboten. + +Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und denkt an schöne gemütliche +Tage zu Hause oder an die große Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade +die Menschen aus den Kaffees strömen, und viele Bogenlampen das rege, +nächtliche Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob man das nur +irgendwo geträumt hätte. + +Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drähte klirren leise. Im Nu +zerflattern die Träume, alle Sinne sind bis zum Schmerz geschärft. Man +klettert auf den Postenstand, schießt eine Leuchtkugel hoch: nichts rührt +sich. Es wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein. + +Oft hört man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schießt man +rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man +empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. »Jetzt sitzen sie drüben +aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen.« Auch wir ziehen +fast jede Nacht Draht und haben häufig Verwundete. Dann fluchen wir auf +diese gemeinen Schweine von Engländern. + +Mitunter hört man auch ein pfeifendes, flatterndes Geräusch nach dumpfem +Abschuß. »Achtung, Mitte!« Man stürzt zum nächsten Stolleneingang und hält +den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die +Granaten. Sie haben überhaupt so etwas Reißendes, Hinterlistiges, etwas von +persönlicher Gehässigkeit. Es sind heimtückische Wesen. Die Gewehrgranaten +sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen +Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Ständen und +verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschütze +stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind. + +Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, daß zwei Stunden verflossen sind. Nun +rasch die Ablösung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die +Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein +ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren +friedlichen Sorgen liest, während die Schatten der flatternden Kerze über +das niedrige, rohe Gebälk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den +gröbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven +Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine +Decke über den Kopf, um für vier Stunden zu »röcheln«, wie der Fachausdruck +lautet. Draußen knallen die Geschosse in eintöniger Wiederholung auf +Deckung, eine Maus huscht über Gesicht und Hände, ohne meinen festen Schlaf +zu stören. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den +Unterstand erst vor einigen Tagen gründlich desinfiziert. + +Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten. +Während der letzten Wache kündet ein heller Strich hinter uns am östlichen +Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schärfer; er macht im +grauen Frühlicht einen Eindruck unsäglicher Öde. Eine Lerche steigt hoch; +ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich. +An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefühl einer großen +Ernüchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Daß die letzten +zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die +Kochgeschirre der zurückkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr, +die Nachtwache ist beendet. + +Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich +habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr muß ich ja auch schon +wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre +Alleskönner, der Graben stellt täglich seine tausend Anforderungen an uns. +Wir wühlen tiefe Stollen, bauen Unterstände und Betonklötze, bereiten +Drahthindernisse vor, schaffen Entwässerungsanlagen, verschalen, stützen, +nivellieren, erhöhen und schrägen ab, schütten Latrinen zu und so weiter. + +Um ein Uhr wird das Mittagessen in großen Gefäßen, ehemaligen Milchkannen +und Marmeladeeimern, aus der Küche, die in einen Keller Monchys eingebaut +ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen. +Allmählich kommen auch die beiden Stunden heran, die für den Grabendienst +des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der +Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder +Scherenfernrohr und kommt auch öfters zum Schuß aus der Fernrohrbüchse +gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Engländer hat scharfe Augen und +gute Gläser. + +Ein Posten stürzt plötzlich blutüberströmt zusammen. Kopfschuß. Die +Kameraden reißen ihm die Verbandpäckchen vom Rock und verbinden ihn. »Hat +ja keen Zweck mehr, Willem.« »Mensch, hei atmet doch noch!« Dann kommen die +Sanitäter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stößt hart gegen +die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder +beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde über die rote Lache und jeder +geht seiner Beschäftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein +Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er müht sich +noch ab, die Zusammenhänge zu fassen. Das war ja so plötzlich, so furchtbar +überraschend, ein unsäglich brutaler Überfall. Das kann ja gar nicht +möglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf +dich noch ganz andere Dinge . . . + +Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmäßigem Interesse bei der +Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschläge der +eigenen Artillerie im feindlichen Graben. »Junge, der saß.« »Donnerwetter, +sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy!« Gern schießen sie Gewehrgranaten +und leichte Minen hinüber, sehr zum Mißvergnügen ängstlicher Gemüter. +»Mensch, laß doch den Blödsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!« + +Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemütlich. Oft muß +der Fähnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es +geht ganz förmlich zu: »Darf ich mir gestatten?« »Danke gehorsamst!« Eine +schöne Eigenschaft des preußischen Offiziers, diese korrekte +Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas +Festes, Persönliches. + +Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus +Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Gläser auf +den wackligen Tisch. Das Gespräch wird vertraulicher. Merkwürdigerweise +bildet auch hier der liebe Nächste einen willkommenen Gegenstand der +Unterhaltung. Es hat sich sogar ein üppiger Grabenklatsch entwickelt, der +bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen +Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer gründlichen +Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gerücht hat im Nu die +Zugführer-Unterstände sämtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum +linken Flügel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und +Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz +unschuldig daran. + +»Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben +Stunde Dienst!« Draußen glänzen die Lehmwälle der Böschungen in den letzten +Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald +steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue +Tag des Schützengrabensoldaten hat begonnen. + + + + +Vom täglichen Stellungskampf. + + +So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichmaß, unterbrochen durch die +kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schöne +Stunde. Oft saß ich mit einem Gefühl behaglicher Geborgenheit am Tische +meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwände an +Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, während mein +Bursche an dem winzigen Ofen beschäftigt war, der den Raum mit dem Geruch +gerösteter Brotscheiben erfüllte. Welcher Grabenkämpfer kennt diese +Stimmung nicht? Draußen am Postenstande stapften schwere, gleichmäßige +Schritte, eintöniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging. +Das abgestumpfte Ohr hörte kaum noch das nie erlöschende Gewehrfeuer, den +kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die +neben der Mündung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein +Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse +des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des +Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stückes der langen Front, in dem +wir zu Hause waren, in dem wir längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden +verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen +die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein +Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und +Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein +starkes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm +verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band über die +verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur +Mittagsstunde mit betäubenden Gerüchen durchströmte, oder wenn die +spukhafte Blässe des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen +pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saßen heiter +an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbänken, wenn die laue Luft +geschäftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir stürzten +über Gebälk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit stählerner Keule auf die +Gräben loskolbte und träger Qualm aus zerrissenen Lehmwänden kroch. Oft +wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen, +jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu +dürfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals +in den Nächten von Monchy niederschrieb. + +7. 10. 1915. Stand in der Morgendämmerung neben dem Posten meiner Gruppe +auf dem Schützenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgeschoß dem +Mann die Feldmütze von vorn bis hinten aufriß, ohne ihn zu verletzen. Zur +selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine +Querschläger durch beide Beine, der andere Schuß durchs Ohr. + +Am Vormittag erhielt der linke Flügelposten einen Schuß durch beide +Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu +allem Unglück kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren +Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu +photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand +herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Geschoß den Hinterkopf. Er starb +augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschuß. + +19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten +beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der +Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen, +außerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel +entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flügel eine +französische Leiche, die schon Monate alt sein mußte. -- In der Nacht +wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet. + +30. 10. In der Nacht stürzten infolge starker Regenschauer sämtliche +Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zähem Brei, +der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige +Trost war, daß es dem Engländer auch nicht besser ging, denn man sah, wie +aus seinen Gräben eifrig Wasser geschöpft wurde. Da wir etwas erhöht +liegen, pumpten wir ihm unseren Überfluß noch herunter. -- Die +herabstürzenden Grabenwände legten eine Reihe von Leichen aus den Kämpfen +des vorigen Herbstes bloß. + +21. 11. Ich führte eine Abteilung Schanzer von der »Feste Altenburg« in den +Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der +Grabenwand stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als +ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer durch seinen Schädel schlug und +ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier +Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den +Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist +merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem +Engländer, der das tödliche Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen +Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfühlen. + +24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren +Kopfschuß. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde +später durch Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen. + +Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach dem in der Etappe der +Division gelegenen Städtchen Q., das später eine so blutige Berühmtheit +erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des +Hinterlandes zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich +meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt, +in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte. + +Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von dem Ortskommandanten zu +schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast +unumschränkte Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und die +Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich König von Q. und +erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hände und ein donnerndes: +»Es lebe der König« begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät +à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Verstoß gegen +die Etikette und seinen äußerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde +bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei +weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht +verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien fahren, um den +Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich +so würdig für den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit +dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde +ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, während deren sich sogar zwei +Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit +Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig, sich in der +Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu tun und wurde beim Besuche +eines einsamen Ortes überrascht und gefangengenommen. Er mußte sich mit +einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden +Gewaltigen. + +Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen und Vergehen +wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und +Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung +des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals +seine Auswüchse, wie die Grußpflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den +Offizieren gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend und +schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in +Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber schweren inneren Schäden. + +Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere Linie, um mich beim +Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der zweiten Kompagnie, die auch den +Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte, +erschrak ich über die Veränderung, die die Stellung während unserer +vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit +meterhohem Schlamm gefüllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung +ein traurig plätscherndes Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich, +schon bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs von Q. +zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände waren eingestürzt +und die Stollen versoffen. Wir mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt +arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen. +Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem +Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehängten Zeltbahn wie eine +Gießkanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser +mit Eimern nach oben schaffen mußten. + +Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den Stollen verließ, glaubte ich +meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit +des Todes ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes +angenommen. Die Besatzung beider Gräben war von dem furchtbaren Schlamm auf +die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein +lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknöpfen +usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so öden +englischen Gräben entquoll, wirkte direkt verblüffend. + +Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer Leute tot im Schlamm +versinken ließ, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Gräben +verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der +englischen Sappe gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier +sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer zurück und brachten +nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas +beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir +verhandelten zunächst in englischer, dann etwas fließender in französischer +Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten. Ich hielt ihm vor, daß +einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf +er antwortete, daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan +hätte. »Il y a des cochons aussi chez vous!« meinte er, als einige aus +unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes +einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen. +Wir erzählten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich möchte fast +sagen, eine sportsmännische Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum +Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht. + +Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung +jedes Haßgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann +seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter +den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt. + +Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten wir uns feierlich den +Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem +»Guten Abend« seinerseits und einem »Au revoir!« meinerseits gab ich trotz +des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen sein Schutzschild ab, von dem +drüben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen +hätte. + +Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der +Sappe übersehen, da man sonst an dieser gefährlichen Stelle nicht einmal +seinen Mützenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß +dicht vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße Knochen +aus blauen Uniformfetzen schimmerten. + +Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schüsse auf die +feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren über das freie +Feld getragen wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben +wurde. An den englischen Mützenschildern stellten wir an diesem Tage fest, +daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenüberlag. + +Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir mußten Pumpen +im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den +Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm +stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit M. G.'s +übertönt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten +Zuges durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die +Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf +ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit +einigen Schüssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten +beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich. + +Am 28. 12. war ich Kommandant der »Feste Altenburg«. Es wurde an diesem +Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein +anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer +Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet. +Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er +mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem +Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftröhre zu Boden +streckte. + +Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte +mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren +Nähe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden +unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen +herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren +Holzfäller-Kommandos beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden und in +lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände wurden abgeschrägt und vollkommen +mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher, +Sickerschächte und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder +erträgliche Lebensverhältnisse bekamen. + +Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem +Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam +ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst +wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen. Ein +Schrapnell fuhr direkt vor die Füße meines ehemaligen Putzers von der 6. +Kompagnie, des Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte +aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mußte. + +In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut +kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine +Kugelmine, die er gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder +abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver glatt +abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung. Die Mine explodierte +natürlich und brachte ihm über 50 Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise +hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der ständige +Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in +dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im +verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er hatte dort +eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt und beschäftigte sich +damit, die Zünder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal +einen großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran +vorüberführte. + +In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode +wieder in Douchy angekommen. Ich saß am nächsten Morgen so recht in der +Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank +behaglich Kaffee, als plötzlich ein Ungetüm von Granate, der Auftakt zu +einer schweren Ortsbeschießung, dicht vor meiner Tür krepierte und mir die +Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im Keller, den auch die +anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht +hatten, um dort das Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller +halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne Mauer vom Garten +getrennt war, drängte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals +zusammen. Zwischen den zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein +Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der +Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen eine Reihe matter Abschüsse, +denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren +Eisenklötze folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden Explosionen +endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster, +Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, während in den +Ställen die aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu winselte der +Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob +ihm ein Zahn gezogen werden sollte. + +Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten uns wieder in die frische +Luft begeben. Die verwüstete Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter +Ameisenhaufen. Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der Mauer des +Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbäume waren +umgeknickt, und mitten im Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das +Dach war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den halben Schornstein +mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige +handliche Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt und +fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum großen +Ärger der Betroffenen, zu denen ich übrigens nicht gehörte. + +Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frühen Morgen schoß +die eigene Artillerie einen Blindgänger in den Unterstand meiner rechten +Flügelgruppe, der zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür +eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete später eine +Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über den qualmenden Ofen durch +die zerschmetterte Tür pressen, während der Blindgänger aus einer Ecke +bösartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände +zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie +verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurückgezogen +hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die +Flankierungsbatterie tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir +durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten +Kameraden entriß, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in +meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige K. im +Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon +so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit +verkrampften Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit gläsernen Augen gen +Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den +ersten Schüssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen. +Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang gegenüberliegende Grabenwand +schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf, +als er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen schnellen, +unvermuteten Tod. + +Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen überhaupt sehr rege. Ungefähr +stündlich gab sie eine einzige, überraschende Salve ab, deren Sprengstücke +genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete +sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie höchstens +1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke +stehen mußte, war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen zu +bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in +der Vermehrung und Erhöhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf +kleine Grabenstücke zu beschränken. + +Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde +trocken, und der Graben war sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar +gemütliche Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande vor +meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch +bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagnieführer 4 Offiziere und führten +ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im +Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen zu Abend, oft bei +einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine +landsknechtsmäßige Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden +wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie +waren auch nur in dieser langen und verhältnismäßig ruhigen +Stellungsperiode möglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe +friedensmäßige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere +Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In +rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den +lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so daß wir +bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flügel unserer +Züge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer +Stollengang von mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links +mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war. Diese Anlage war während +der späteren Kämpfe von hohem Wert. + +Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmäßig die +Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im +Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte, +während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände, +Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich +auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein, +den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich +mit aller Energie für die Verteidigung meiner 200 Meter Schützengraben und +für das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte. + +Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren +rechten Nachbarabschnitt, tötete drei Mann und verwundete drei andere +schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen +Granatsplitter, der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug. -- +Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel durch Kopfschuß schwer verwundet. -- +Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch +Kopfschuß. Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche +Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit einigen Leuten den +Graben, konnte jedoch nichts feststellen. + +Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch Gewehrgeschoßsplitter am +Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim +geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr häufig. Am +Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren +Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male +zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch +die Öffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stören zu können. + +Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem tollkühnen Engländer, +dessen Kopf über den Rand eines höchstens 100 Meter entfernten Grabens +schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere +Schießscharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch +schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die +uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter +unbedeutend am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem wir +auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte +ein Geschoß am Gewehre des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch +mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste +Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte; ein weiterer +zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die +Genugtuung, daß unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem +Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf schoß +ich mit drei Schuß K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate +Bursche immer wieder aufgetaucht war, über den Haufen. + +Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht über unsere +Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte aus den Unterständen und +eröffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden +Leutnant Sievers: »Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam +wird!« als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir +in den nächsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet +ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter, noch +dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf bekamen wir noch +etliche Schrapnellminen, die über unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde +durch einen nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz +seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen +Wurfminen, denn es war stillschweigende Übereinkunft der Infanterie, sich +auf das Gewehr zu beschränken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter +allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2:1 erwidert. Leider hatte der +Gegner meist so reichliche Munition, daß uns zuerst der Atem ausging. + +Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen +Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen +Mondscheins über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald verlor ich +die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hörte im nahen +feindlichen Graben die Engländer arbeiten. Nachdem ich durch zwei +Handgranaten sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in +unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer +unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen bestehenden Fußangeln +stürzte. Es herrschte in diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm +Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So +wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen Leuten angeschossen, weil +er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte. +Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht +gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein selbständiges +Schützenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich +verschossen hatte, hereingezogen und gehörig verprügelt. + + + + +Der Auftakt zur Somme-Offensive. + + +Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der +Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter +persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand. +Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von +militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen +Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen +der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben +uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich +hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen +Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten +wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in +Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die +Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy, +den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die +naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, »um wieder mal Frauen +mit Hüten zu sehen«. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe +entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine +große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker +Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte. + +Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns auch nach der Rückkehr zum +Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des +Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine +Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch +einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das +sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen +gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine +Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft +wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen +auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden. + +Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob +der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt wäre und kletterte mit dem +Fähnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder um +11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste +Strecke gebückt vor und krochen dann nebeneinander über das dicht +bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir +ins Gedächtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und +Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes Rascheln zu vermeiden, da +sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem +Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast +senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr +kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde. + +Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten +zwischen den Gräben dahin. Während wir uns bereitmachten, auf sie +loszustürzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet +der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene Leute +unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor. + +Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um meinen Arm: »Achtung +rechts, ganz nahe, leise, leise!« Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts +von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen +Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah ich die Lage. +Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind +hatte uns gehört und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu +untersuchen. + +Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und +Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näher kommende Rauschen der +fremden Füße im hohen Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke +an, -- es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise; man muß sich +zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks +springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch +die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate. +Der Zusammenprall muß kurz und mörderisch werden. Man zittert unter zwei +gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst +des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen, +entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet. + +Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flüstern +wehte herüber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer +Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches biß. + +Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu +arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im +Auge behaltend, zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen +den Parteien gestanden hatte, entglitt mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben +wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem +Abschnitt angekommen waren. + +Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen +Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nächsten Abend wieder +loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt, +als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe meines Unterstandes +hochgeschreckt wurde. Die Engländer schickten Kugelminen herüber, die trotz +dem geringen Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß ihre Splitter +die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich +von meinem »coucher« und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben +wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige Laufbahn antreten +sah, mit dem Geschrei: »Mine links« zum nächsten Stollen zu sausen. Mit +Minen aller Größen und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig +versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gängen durch den Graben +immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang zu +richten. + +In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den +Gräben herum. Wir robbten uns auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht +vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden +Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Engländer, die eine +Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle +ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich +flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und führten im Hauchton +eine hastige Unterhaltung: »Jetzt 'ne Handgranate dazwischen und dann auf +ihn!« »Mensch, das sind vier Mann!« »Hei hett de Böx all wedder gestrichen +vull!« »Quatsch doch nich!« »Leise, leise!« Meine Warnung kam zu spät; als +ich hochsah, krochen die Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren +Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwül. +Der Gedanke: »Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung« verursachte mir +einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche +Befürchtungen. Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf dem Bauche +nach rückwärts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel, +Geflüster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel. +Ringsumher wurde es taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in +Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man +möchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als +zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der +unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus nächster Entfernung +abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha! Wir sind entdeckt! + +Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu, +sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung +zu. Nach einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz +flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich für erledigt +haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich fest an den Boden, zog Kopf +und Beine ein und ließ die Geschosse durch das hohe Gras über mich +hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen der +herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten. +Allmählich wurde das Schießen schwächer, und nach einer weiteren +Viertelstunde verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße und +Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond +untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wußte weder wo die +englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die +charakteristische Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab +und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen Seite mit geradezu +beängstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert +ins Gras und beschloß, die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte +dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab +als vorsichtiger Mann zunächst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen +ich ebenso gut ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten +englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu +meiner Freude stellte sich jedoch heraus, daß ich meine Leute vor mir +hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf +zurückzutragen. Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und +freuten uns über unser glückliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in +unseren Graben zurück, den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten. + +Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des +ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich +mich wunderte, ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er +beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den Nachtschlaf raubte. +Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lächerlich kleinen Unterstand, +den er »Villa Leberecht Hühnchen« getauft hatte. + +Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen dumpfen Abschuß, der +indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe +von einer großen Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war, fuhr +wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die +ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich +dreimal zu überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor Lachen +Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd +von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen +beklagen hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er gestern +gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine ankam. Erstlich wäre +sein ganzes Essen versandet gewesen und er außerdem schon gestern recht +empfindlich die Treppe hinuntergefallen. + +Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand, +sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frühen +Morgen an wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen mit Minen +beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen +Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Gräben +unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung der schweren +Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir +auf dem von der Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und +schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich die Engländer durchaus nicht +stören ließen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach +reiflicher Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: »Helene spuckt in +unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und +kleine!« Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithörenden Gegner +nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die +tröstliche Antwort, daß sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen +Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen würde, und gleich +darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhörtem Krachen in den +feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß +wir für den Rest des Tages Ruhe hatten. + +Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schärferer Weise. +Beim ersten Schuß begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den +zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren +Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten das Feuer in der Weise, daß +wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir +ungefähr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche +Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen einige +Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Tätigkeit +unterbrechen zu können, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im +letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie +möglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben +gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck +warf mich über ein Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm +gefülltes Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen +auf mich herabrasselte. Halb betäubt und übel zugerichtet erhob ich mich. +Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und +Uniform mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete aus einer langen +Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich ich durch den Graben in meinen +Unterstand, um mich auszuruhen. + +Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen Schaden angerichtet. Der +Graben war an einigen Stellen zerstört, ein Priester-Minenwerfer +zerschmettert, und »Villa Leberecht Hühnchen« hatte durch einen Volltreffer +den Rest bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im Stollen +gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten +Treppensturz vollführt. + +Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen weiter und wurde +in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer +gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die +»Waschkorb-Minen«, da es manchmal den Eindruck machte, als würden sie mit +Körben vom Himmel geschüttet. + +Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen, bereit, jeden +Ankömmling mit Gewehr und Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer +nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei +Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich auf ihren +Ständen Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachließ, +bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen +hervorstürzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte den Feind +von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher Füsiliere. + +Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine +auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein +anderer wurde am Rücken verwundet. + +Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten uns zahlreiche +Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde während +dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer +der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von +Unterständen eingedrückt. + +Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich wach zu bleiben, und +verabredeten, daß derjenige, der auf den Zuruf »Hallo« nicht seinen Namen +riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine +Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzüglich +verständigen zu können. + +Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerüberfall um +2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug +ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der +Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an +den nassen, schimmligen Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm, +Erde bröckelte von der Decke. Wumm! »Donnerwetter!« »Streichholz, +Streichholz!« »Alles fertigmachen!« Das Herz schlug bis zum Halse. +Fliegende Hände lösten die Kapseln der Handgranaten. »Das war die letzte!« +»Rrraus!« Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch eine Mine mit verzögerter +Zündung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurück. +Trotzdem waren, während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten, +schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes +Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das +mit dichten Rauchschwaden behängte Vorgelände. + +Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der +Füsilier N. fiel plötzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die +Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten +Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling untersuchten, fanden wir +eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende Öffnung über der rechten +Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jähe Sturz +seinen Tod herbeigeführt hatte. + +Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelöst. +Mit jener eigentümlichen Mißstimmung, die eine in der Morgensonne +strahlende Landschaft auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt, +zogen wir durch die Laufgräben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem +Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen +grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die +Frontabschnitte links von uns waren in weiße und schwarze Rauchwolken +gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen; +darüber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells. + +Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in +Monchy schwere Minen zu verladen und mußten die ganze Nacht vergeblich auf +irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, während der Engländer mit M. +G.-Steilfeuer und die Straße hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum +Glück erfolglose Attentate auf unser Leben ausübte. + +In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner höchst sorgfältigen +Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefähr 2000 Meter vom Feinde, war +vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide +aufgeschichtet. Der Engländer zog daraus den leider richtigen Schluß, daß +dieser Hügel in der Nacht verzogen würde und schoß eine Gruppe Schrapnells +darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete. + +Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen +in den Abschnitt C zu führen, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden +innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde +von Adinfer zurück, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rückwege zur +Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stündchen +auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestörte Ruhe +finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie +vom Waldrande her merkwürdig lebhaft feuern hörte. Gleichzeitig erschien +mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: »Gasangriff!« + +Ich riß die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach +draußen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weißlichen +Schwaden über Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124 +zuwälzte. + +Da mein Zug zum größten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr +wahrscheinlich war, gab es für mich kein langes Überlegen. Ich sprang über +das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der +Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, riß sie aber gleich wieder herunter, da +ich so stark gelaufen war, daß ich durch den Einsatz nicht genügend Luft +bekommen konnte; auch waren die Augengläser im Nu beschlagen und vollkommen +undurchsichtig. Da ich Bruststiche verspürte, versuchte ich, die Wolke +wenigstens so schnell wie möglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mußte +ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschläge, von +zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmäßige Kette +über die verödeten, sonst nie betretenen Felder zog. + +Artilleriefeuer in derartig offenem Gelände, in dem man sich frei bewegen +kann, hat weder dieselbe tatsächliche, noch moralische Wirkung wie in +Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich +gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel +lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausbläsern und Zündern fegte durch das Geäst +der Obstbäume in den verwilderten Gärten und klatschte gegen die Reste der +zerstörten Mauern. + +In einem Unterstande der Gärten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers +und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzündet und beugten +sich über die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen. +Ich leistete ihnen bei dieser Beschäftigung Gesellschaft, bis das Feuer +abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in +meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte, +begegnete es mir, daß ich, nur 50 Meter vom Kompagnieführer-Unterstande +entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerüberfall geriet und, in +eine kleine Nische gedrückt, das Unwetter über mich ergehen lassen mußte. + +Vorn waren alle Leute beschäftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das +Gas vollkommen geschwärzt waren. Ein Fähnrich zeigte mir wehmütig sein +neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebüßt und dafür ein +grünlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte. + +Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rückte ich mit meinen Gruppen +wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken +sitzen, die sich die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten, +während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs +harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren +Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten +gehabt, einem Kampfgas, das durch Ätzen und Verbrennen der Lungen wirkt. +Auf dem Rückwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II. +Bataillons und fand dort den betrübten Kantinenjüngling inmitten eines +Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren, +im Laden krepiert und hatte seine Schätze in ein merkwürdiges Gemisch von +Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade +mit echt preußischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und +58 Pfennig entworfen. + +Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung +gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen +und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die +zahlreichen Nischen als Lagerplätze ein und zündeten ein riesiges Feuer an, +dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen ließen, sehr zum Ärger +einiger Kompagnieköche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen +kräftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die +Kreideblöcke, sangen, tranken und rauchten. + +Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Höllenspektakel los. +Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und +ununterbrochen stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf +setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von +feurigen Funken hinter sich her. Überall, wo im Trümmergewirr eine +Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: »Gasangriff!« +»Gasangriff!« + +Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche Gaswand durch das +Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte, +zündeten wir vor den Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm +uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch +Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu reinigen. + +Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff +hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt, +Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten +Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall +verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen, grünen +Patina überzogen. Auch in dem weit zurückliegenden Douchy machte sich die +Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde, +versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und +verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter +zurückliegende Ortschaften transportiert. + +Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich +Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein +englischer Überläufer ausgesagt hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde. +Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer aus +dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde Ruf »Gasangriff!« +erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch in der Luft, und im +Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute. + +Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben +6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um +die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem +gefangenen Engländer begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph +empfangen und erzählte folgendes: + +Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und +anschließend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie +gewöhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei über 30 +Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke +englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen +war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war +schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der +bereits das Hindernis überwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der +vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel +gepackt und mit einem »Come here, you son of a bitch!« in Empfang genommen. +Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb +erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere +Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern und +Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze +ein. Auch vom Abschnitt Süd kamen viele Verwundete, denn im +Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben +gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende Menschen mit weißen, +blutdurchtränkten Verbänden lagen, waren vor einigen Wellblechbögen +aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete. + +Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem +schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: »Ich bin zu schwer . . . ich +werde nicht wieder . . . ich -- muß -- sterben.« Ein dicker +Sanitäts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male +ein tröstendes: »Nun, nun, Kamerad!« + +Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der hauptsächlich Kräfte von +uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche +Minenüberfälle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein, +dazu verwundeter Gefangener in die Hände, während er zahlreiche Tote vor +unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren allerdings auch +beträchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage über 40 Tote, +darunter drei Offiziere. + +Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für einige Tage nach +unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glücklichen +Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen. + +Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf +unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsärge wurden nach einer +ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten +wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den Text: »Sie +haben einen guten Kampf gekämpft,« und begann mit den Worten: »Gibraltar, +das ist Euer Zeichen und fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im +brandenden Meer!«[2] + +In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer +feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde +die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem +Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern. + +Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schätzen, mit denen +zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte. + +In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verläßlich, einfach +und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu +zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder +bis zum letzten zur Stelle. -- + +Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn. Es war verhältnismäßig +ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, daß noch etwas in der Luft liegen +mußte. Bei der Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft +fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und Sprengungen, an +einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom +Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine +dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung war +bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelöst, +ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in +Monchy. + +Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein +24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in +scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall +zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen +Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um +den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und +jammernd hin- und herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben, +einen immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich ihm meine +zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Häufchen Unglück +hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu +und sog an seinem Einsatz. + +Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme +Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. -- Am 15. und 17. +hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst +und hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen. Eine +überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung durch den Major +von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von +überwältigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte, +auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken +zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war. +Eine Granate tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines +Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte. + +Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem +Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille. +Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten +herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brächte. Am +Nachmittag kam der mich ablösende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant +Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen +mit. Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo +meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr +zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht +hatte, kletterte ich in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während +Brauns mir ein »Hals- und Bauchschuß!« nachrief. + +Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht. +Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut +isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung für wichtig und beauftragte +Wohlgemut, ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während er sich +in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran +abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Engländer tauchten auf +und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten +wahrzunehmen. + +Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast +unhörbar: »Wohlgemut, Handgranate dazwischen!« »Herr Leutnant, ich glaube, +wir lassen sie noch etwas arbeiten!« »Direkter Befehl, Fähnrich!« + +Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde +nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich +in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das +trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut, +um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den +Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern, +liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente +höchster Spannung. »Krrrach!« Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten. +Mit dem Angriffsgebrüll: »You are prisoners!« stürzten wir uns wie Tiger in +die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden +ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse +Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit +quäkendem Aufschrei rücklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte +Wohlgemut seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner Erregung +blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte. + +Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen. +Ich stand schreiend vor einem Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken +in den Stacheldraht preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel zurück, +ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns +wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein. +Wir sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und +richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich +das Versagen als ein Glück, denn es war Birkner, den ich schon längst +zurück glaubte. + +Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht +pfiffen die Geschosse schon so, daß ich in einen wassergefüllten, +drahtversponnenen Minentrichter springen mußte. Auf schwingendem +Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten +Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich +hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter in die Böschung des +Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt +hatte, arbeitete ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten +freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach +einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich über +den glücklichen Ausgang und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene +auch diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven gegangen war, +merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd auf einer Pritsche +lag und trotz der Erschöpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten +Morgen konnte ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer +Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels +geschleuderten Handgranate steckte. + +Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den +Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen. + +Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor dem Dorfe +Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann +mit drei Schuß zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es +entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes Gesicht +gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S. der Mantel eines +Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer +häufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger +Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir +begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen und an den gefährlichsten +Stellen neue Mauern zu errichten. + +Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male +während des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause +wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: »Sofort +zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai.« Drei Stunden +später saß ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an +mir vorüber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm. Ein +strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich draußen noch lange denken +mußte. + +Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straßen infolge des +Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen +wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre später von uns wieder +erstürmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die +Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte. + +Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas +Stärkerem den Kaffee, den uns zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir +wußten, daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte +noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem +Gelärm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre +Freude gehabt hätten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer +dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben. + +[Fußnote 2: Vgl. Anmerkung auf Seite V.] + + + + +Guillemont. + + +Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le +Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt +der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die +Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelächter von +einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der +Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen Wiese +die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte. Vor uns rollte und +donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Stärke, tausend zuckende +Blitze hüllten den westlichen Horizont in ein glühendes Flammenmeer. +Fortwährend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen +Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden Geschützen oder +Munitionskolonnen in den Straßengraben gedrückt. + +Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berühmte +Städtchen Combles zu führen, wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten. +Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den +Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung von +tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege, +von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst, +vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm +umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lärm der Front +begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem +Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und +dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurückgeblieben als eine große +und männliche Gleichgültigkeit. + +»Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er +lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie +nicht. Jeder weiß, daß es auf Leben und Tod geht.« + +Mit solchen Leuten kann man kämpfen. + +Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein +weißes Band über das dunkle Gelände spannte, dem Kanonendonner entgegen, +dessen verschlingendes Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni +speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem +Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder +lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf +das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders +das Passieren von Frégicourt-Ferme, einer kleinen Häusergruppe vor dem +Friedhof von Combles, die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe. + +Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, völlig +zerschossen. Große Mengen von Holz zwischen den Trümmern und auf den Weg +geschleudertes Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen Datums +sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine +Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier, +ein großes, von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum +Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen den Keller einer +gegenüberliegenden Ruine bezogen. + +Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken zusammengesuchten +Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden +wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung, +die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte. + +Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen +Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches +Etappenstädtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren +durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so daß +die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen über dem Chaos +schwebten. Aus vielen Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste +Feuerüberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern ihrer +Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustür lag ein totes kleines +Mädchen in einer roten Lache. + +Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten Kirche +gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Höhlenganges mit +eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der +kämpfenden Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei Beginn +der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt hätten, den +sie während der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten. + +Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in +Schlangenlinien durch und über gewaltige Hügel von Balken und Mauerwerk +wanden. In zerwühlten Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen. + +Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus den im Überfluß +vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natürlich durch einen +kräftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl. +Aus umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem Brauereibesitzer +Lesage gehörte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schränke und Kommoden, +ein umgestürzter Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An den +Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in +meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher, +Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke, +Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln gerissene Türen, +Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums, zerschmetterte Kisten, +Damenhüte, Blumentöpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult. + +Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das von Granaten +zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den das Geäst zerfetzter Linden +bedeckte. Dieser Komplex von Eindrücken wurde noch verfinstert durch das +unaufhörliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu +überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lärm. +Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige +der Bäume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die +Schiefertafeln herabrollten. + +Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Stärke, daß nur noch +das Gefühl eines ungeheuren Getöses verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch +verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser +in Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es +waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem noch die Häuser ins +Schwanken brachten. Wir saßen während der ganzen Zeit in unserem Keller auf +seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt +und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen. Die Witzworte wurden immer +seltener, und endlich ließ die Nervenanstrengung auch den Verwegensten +verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen. + +Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte, +der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel. + +Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzählige +Granaten kreuzten sich heulend und fauchend über uns. Alles war in dichten +Rauch gehüllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde. +Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch +abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen +Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das +Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch +der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde +tobsüchtig. + +Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich und ging in +ein ruhiges Trommelfeuer über, in dem man allerdings den einzelnen Abschuß +auch noch nicht wahrnehmen konnte. + +Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Züge auf den +Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen +Zügen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war +noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers ausgeschieden. +Diese Leute umdrängten uns, während wir uns unter hastigen Zurufen an dem +gefährlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich +vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr voll Butter +auf, drückte mir zum Abschied die Hand und wünschte uns viel Glück. + +Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte +Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am +Ortsausgang merkte unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren +gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist +im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile +zerschossenen, weißen Band entlang über freies Feld. Oft mußten wir gerade +an den übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung +verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten, +sich hinzulegen. + +Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In +einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein +ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele +Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen +zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.) +barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedränge nervöser und +aufgeregter Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant Vogel +und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere +Böschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, während Todesschauer +über unseren Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt +einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder. + +Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um +die letzte Kraftanspannung aus ihren erschöpften Körpern zu pumpen. +Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die +Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet, +durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten +Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß +auf die weichen, nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende +Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden +getreten zu werden. + +Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine +Schmidt, Begleiter auf mancher gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln. +Ich riß ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in +diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte. + +Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Löcher +gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten, +als sie erfuhren, daß die Ablösung da wäre. Ein bayrischer Feldwebel +übergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole. + +Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flügel der Regimentsstellung und +bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar +hundert Meter links von Guillemont und etwas näher rechts am Bois de Trônes +lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns +ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des überaus +heftigen Feuers niemand aufhalten konnte. + +Der bayerische Feldwebel war plötzlich spurlos verschwunden, und ich stand +ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen +Trichtergelände, das am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch +drohenderes und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir ertönte ein +andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte mit merkwürdiger +Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften, in Zersetzung +übergehenden Leichnam herrührte. + +Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr sein könnte, begab ich +mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefaßt zu +machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen +und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht +einem Kubikmeter Rauminhalt. + +Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmählich +den staunenden Augen. + +Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken, +Waffen und Toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der +Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger +armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte +Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die +toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, daß sie in Lagen +übereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht +gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen +durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet, und +die nächste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten. + +Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll Deutscher, das Gelände davor +voll Engländer. Aus den Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor +unseren Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die man zum +Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mäntel +oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die +Körper mit Erde zu bedecken. + +Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen Terrain nur dadurch, daß +die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Häuser von +weißlicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug +zerknüllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne zerrissene +Wald von Delville. + +Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Engländer +heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen überkreiste, +während wir in unsere Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das +scharfe Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben, denn bald +ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene, dumpfe Sirenentöne. +Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein +schweres Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht +heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine +Zigarre anzündend und wieder fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick +verschüttet zu werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen Splitter +zerrissen. + +Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch +einen ungeheuren Einschlag verschüttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus; +trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein +Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der Gefreite Simon. +Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute +bei Fliegersicht sich außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende +Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen +Fuchsloches drohen. + +Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht +mehr halten zu können, da ihre Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte +meine ganze Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze zu +bringen. + +Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des Regiments ein Feuersturm +ein, der nach 20 Minuten auch auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir +völlig in Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge dicht +vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden Orkans ging ich +den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner +Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges +und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel +sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und +wurde von dem stolzen Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten, +die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen +Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigsten +Äußerungen der Materie, der gebrechliche Körper stellt sich, vom Willen +gestählt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen. + +Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglückliche +Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel abschießen, vergriff sich +indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten +weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine +Freude war. Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lüften +herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern und Funken. Ein +Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter +Leichen braute aus den Trichtern. + +Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein +gewöhnliches Niveau zurück, das es während der Nacht und des nächsten Tages +beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze +gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelöst. + +H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich noch in derselben Nacht +beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte +mit schweren Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage regnete es +stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefühl im Gaumen +nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so quälend war und die großen, +blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen +gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich saß fast den ganzen Tag vor meinem +Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem +Appetit. + +Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines Zuges von +irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust, der auch das Rückenmark +streifte, so daß er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm +sah, lag er sehr gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das +Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige Deckungnehmen seiner +Träger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze. + +Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und ließ mich über das +abgerissene Bein eines Engländers zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah +durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen. +Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich nicht sonderlich +stören. Dieser Anblick war bezeichnend für die Ungleichheit der Mittel, mit +denen wir kämpften. Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen +innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Während nicht ein +Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich über +30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die +sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin +zu dirigieren. + +Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter gegen den Magen, der +zum Glück ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem kräftigen +Schlage vor mein Koppelschloß zu Boden fiel. + +Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit +zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf +kürzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in +den Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen blieben. Gefangene +zu machen war allen Leuten unerwünscht, denn wie sollte man sie durch die +Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun +hatte? + +Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerüttelt. +Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablösung war +gekommen. Wir übergaben, was zu übergeben war, und verließen so schnell wie +möglich diesen Ort des Teufels. + +Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe +Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer +Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die +Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und +gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab. + +In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die +schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen +Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte +uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend. +Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte +Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß +der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte. +Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche +Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind! + +Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu +machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und +Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend; +dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die +langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich +gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern, +bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um +alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach +Combles. + +Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum +Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte +sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden +gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die +Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter +Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur +uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr +als einmal am Kolben des Revolvers. + +Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann +erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem +Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten +begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere +ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf +unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen. + +Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug +vier kleinere Keller bezog. + +Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen +kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit +köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich +in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner, +alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine +Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken, +Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken +stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden +geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war +ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen. + +Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits +die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln, +Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in +der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins +Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die +Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich +schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer +erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener +Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers +einen Band der illustrierten Beilagen des »Petit Journal«, die in fast +jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit +strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im +Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig +den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre +gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die +letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers, +wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten. + +Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall, +und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken +Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: »Ich habe einen weg!« sprang +ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter. + +Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der +Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den +Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer +unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und +trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser +Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje +den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel +heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen +Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen. +Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd, +indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ. + +Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische +der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied +von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte +mich für kurze Zeit. + +Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und +dort in einen Sanitätswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu +achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee +über Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto +weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von +Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der +letzten Zeit mehr als 30000 Verwundete über Fins abtransportiert wären. Von +dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhörlichen +Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera, +wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche Pflege fand. + +Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr +ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner +Verwundung wieder in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und +zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen Frontlücken von allen +Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fähnrich Wohlgemut, +Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur +letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende, +darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände gefallen; kein +einziger war nach Combles zurückgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der +mit so unerhörter Erbitterung ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der +englische Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer, die in eherner +Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt. + +Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der +Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so hätte +ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der +Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den eisernen Würfel +des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Höhepunkten der +blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende, +unauslöschliche Ruhm dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen +Kameradschaft würdig zu erweisen. + + * * * * * + +Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden +Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen +des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung, der +Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das furchtbare Feuer +lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der +Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst +die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und +staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine +kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte. + +Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurückkamen, +wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen +Verhältnissen war ein genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen. + +Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar, obwohl wir oft, ohne +es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy, +der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg, +direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere +Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stücken bestand, die man leicht +verfehlen konnte. + +Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich. Vor kurzem +hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern, Wiesen, Wäldern und Feldern +bestanden, und nun war buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen +mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer wieder +umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Häuser +weggeblasen und zu Pulver zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur +Wüste verwandelt. + +In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kämpften Männer +tage- und wochenlang mit dem Bewußtsein, im Falle einer Verwundung +rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein. + +An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug +die mit altpreußischer Zähigkeit durchgeführte starre Lineartaktik die +Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die überfüllte vordere +Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt. + +Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und hörte +auf, um wertlose Geländestreifen zu kämpfen, um sich einer beweglicheren +Verteidigung, deren Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden. + +Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie +damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche +Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an +unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen. +Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub. +Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort +noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm +und Blut zu erlöschen. + + + + +Am St. Pierre-Vaast. + + +Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte, +begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz +nahe der wohlbekannten Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft +nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertümlichen +Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder +in der Richtung auf das Sommegebiet ab. + +Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt +untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berührten, ist von +Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die +Bevölkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur- +und Moralstufe stehend. Ich war in einem Häuschen einquartiert, das durch +ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß +sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten. Die +Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee, daß sie mit Poincaré nach +seiner Rückkehr einen guten Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die +Meinung sagen würde. Niemals habe ich jemand mit so großer +Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf die +Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von St. Quentin +gewohnt zu haben. »Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur +un fumier, c'est la crème de la crème«, sprudelte sie hervor, während sie +mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein +Objekt für ihre Wut finden zu können. + +Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und +anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig +einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab zu +stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in +einen prächtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mißtrauen +betrachtete ich immer eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf +dem Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien. + +Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den +Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt, +geprügelt und unter dem Rufe: »Demande pardon!« mit dem Tode bedroht hätte. + +Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche Versicherung, daß +Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist. +Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang +hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller härtester +Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen. Il y a des cochons partout. + +Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje geführt. Wir +verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschönter Tage. Ich +muß gestehen, daß wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die +ganze Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren Tisch +kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein +gewaltiger Lärm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei +mörderischen Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen, wir +gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des +Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem +Kreise hielt. + +Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit +einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur +Verfügung. + +Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der +Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp +nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des +Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der +Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei +Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in +dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches +Zusammenleben geführt wurde. + +Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir +mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die +Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu +orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge +ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag +links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten +»Namenlosen Walde«. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim +Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken +wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges +zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske +geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte. + +Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die +Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach +vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte +ich meinem Ziele zu. + +Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe +Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier +und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner +Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen +Eindruck beängstigender Öde. + +Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging +zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf +einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der +anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher +eilig den »Namenlosen Wald« und stolperte durch tiefe Trichter, über +entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener +Äste. + +Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag +ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen +Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig. + +Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der +mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter +und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen +natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade +durchbohrt und die linke gestreift. + +Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort +durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz. + +Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen +das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung, +auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an, +mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir +eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte, +die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben +würde. + +Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen. +Der Rittmeister Böckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto. +Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Führer +plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Straße. Es +war eine Infanteriegruppe mit ihrem Führer, die soeben einem Volltreffer +zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das +friedliche Aussehen stiller Schläfer. + +Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen werden, da Liéramont gerade +seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett +Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert. + +Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und +beherbergte über 400 Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem +Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal +konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von +Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde +ein Glied amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener +Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von +mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern +geschäftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern +eilten. + +Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer +geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche +Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lähmenden +Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag +der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet. + +Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im +Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und +ließ sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen. +Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen um +Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe +gestört hätte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns +aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz +nachzuahmen. + +Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Stätte gehäuften +Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glänzend +durchgeführten Sturm des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald +gelesen. + +Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Epéhy +einrollte, ertönte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer +vom Güterwagen verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde. + +»Was ist denn hier los?« fragte ein mir gegenübersitzender Hauptmann, der +anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer +Antwort aufzuhalten, riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem +Bahndamm Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die letzten. Es waren +nur einige Pferde verwundet. + +Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines +Beobachtungsoffiziers übertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden +Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen +Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte +vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln +oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu +benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter +dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu +eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mußte ich ihn durch +meinen Störungstrupp flicken lassen. + +Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in +der ungezählte verborgene Augen, Ohren und Arme untätig auf die eine Minute +lauern, auf die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture eine +einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Höhe, tausend +Geschütze brüllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der +Vernichtung, von unzähligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang. + +Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn +zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmäßigem +Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die +Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch einen Strudel von +weither durch einen rätselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher +Präzision zu den Brennpunkten tödlichen Geschehens getrieben. + +Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich +im nahen Nurlu, wo in einem großen Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes +Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen, +nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor +dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen Kellergewölbes verbrachte, während +draußen im verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und in +langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach. + +Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich stieß wieder zum +Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich übernahm dort für +den beurlaubten Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy +hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe, und jeder bemühte sich, +davon so viel als möglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden +durch große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strömen +floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der zweiten Kompagnie, die das +vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schützengräben von Monchy +gefeiert hatten. + +Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als +Fahnenjunker für sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten +Salon und zwei Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir machten +uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das seine Plüschmöbel und +Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren +Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße lebte. + +Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn +man spät durch die engen Gassen schritt, hörte man überall aus +Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher +Gelage. Im Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher kam +wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol in seinen +konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung war teilweise +von unerwünschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener. + +Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer Strammheit +aufgenommen, und es war ein vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß +nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand. + +In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur, +Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment für seine hervorragende +Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit +zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur +die zweite Kompagnie im Parademarsch vorführte, bemerkte ich, daß der +Oberstleutnant v. Oppen dem General über mich zu berichten schien. Einige +Stunden später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der +General das Eiserne Kreuz I. Klasse überreichte. + +Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier Wochen nach dem +französischen Truppenübungsplatz Sisonne bei Laon zu einem +Kompagnieführerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter +unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in +glänzender Weise verstand, das Wesen über die starre Form zu stellen und +uns mit Interesse für die Sache zu erfüllen. + +Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die kümmerlichste, die ich im +Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand +während der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes +Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht. + + + + +Der Somme-Rückzug. + + +Zum Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von +Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Führung +der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise. + +Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte man die Somme-Niederung +bei den Dörfern Brie und St. Christ überschreiten, deren trostlose +Verwüstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders +nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen über +den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den +Eindruck des Chaotischen verstärkten. + +Die Stellung war während der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen +englischen Vorstößen ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten +großen Räumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast +jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer +Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen +Periode: + +4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte +Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter +Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um +meine Stellungskarte zu vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch +den vollständig versoffenen »namenlosen Graben« zum 3. Zuge. Während dieses +Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine +lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte +sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand +geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer. + +Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem +Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Geräusch vernommen +zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando +mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges wahrnahm. +Später erfuhren wir, daß damals die ganze Stellung unterminiert gewesen +sein soll. + +Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden eine Patrouille unserem +Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen +eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf +Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann +liegen ließen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der +andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den +Papieren des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes trug und dem +Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte. Er war sehr gut angezogen, +und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch +geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein +einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß nicht jeder +Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte wie meine bisherigen. + +Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer Artillerievorbereitung +den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt +befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht +geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag +befestigten Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen +Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen +letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berußte +Gesichter, um sich möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben. + +Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß nur ein einziger in +den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo +er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte, +niedergeschossen wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur einem +Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der +Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup +portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib +jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast +abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis +zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen. + +Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen +Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von +dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich +trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten +feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform +scharf vom Horizont abhob. Ich riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der +Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor +den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken, +als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal +mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch +lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen. + +Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte +einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie +eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und +marschierten nach Devise. + +Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den +Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen +Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte +in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung +energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren +vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir +unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten, +hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen +und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die +Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von +gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine +Orgie der Vernichtung gefeiert. + +Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und +Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer +umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der +Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen +Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere +schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg +kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion +eines Wintergartens. + +Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum +gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf +abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet, +alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder +Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den +vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt. + +Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch +scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der +befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende +friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige +Machtgefühl schweigen. + +Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich +keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch +rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der +Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange +das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann. + +Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts +zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der +sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von +niederen Instinkten umsetzte. + +Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden +Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen +Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das +einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde. + +Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu +täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über +Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom +rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem +klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung +überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland +durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem +Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten. + +Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der +Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter +und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt +hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung +eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand. + +Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im +vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang +das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung +verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten. +Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse +vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine +Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte +mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und +Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald +ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5 +Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch +die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher +mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten. + +Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen, teilweise schon in +Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die Somme zurück. Nachdem wir als die +Letzten die Niederung überschritten hatten, wurden die Brücken durch +Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch +immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten +feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau +befindliche Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in dem +am »Canal de St. Quentin« gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit +meinem Burschen ein kleines, gemütliches Häuschen, in dem der Hausrat der +verbannten Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert war. Als +bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute möchte ich anführen, daß mein +Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein +Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der +kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurückhaltung +machte dem Führer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im +Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer +Stämme als Ersatz einstellen mußten. + +Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit sämtlichen vom +Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen gefeuerten Glühwein ein, denn unsere +Rückzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch +einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt. + + + + +Im Dorfe Fresnoy. + + +Mein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde diesmal nicht +unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an, +die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude +wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der mir besonders durch den +Auftrag, den Gefechtstroß nach Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch +Regenschauer und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über die +Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel +erreicht hatten. + +Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht hatte, ging +ich auf Suche nach einem Quartier für mich, doch fand ich auch den +kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf +den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen +mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzählte er +mir, daß die Engländer den Bayern die Vimy-Höhe und ein großes Stück +Gelände abgenommen hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich +feststellen, daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens in +einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm schien. + +Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen +bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu +errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein +Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck +schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten wir in den Keller, bei dessen +Ausräumung uns als angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen +Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir der +Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal mit einem Zuge +als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in +der Eile zurückgelassenen Beständen eine große Dose Leberwurst und einige +Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen +Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung dieser Schätze mußte +leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Engländer den Dorfrand +bereits mit dichten Schützenlinien erreicht hatte. + +Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle +zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldeläufer, Radfahrer, +Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine +Leuchtpostenkette zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen +passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum +letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande. + +In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen +zu hören, war aber so schlaftrunken, daß ich nur murmelte: »Laß man +schießen!« und mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum +dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch den Neffen des +Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: »Mensch, +wissen Sie noch gar nicht, daß Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?« Als +ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere +Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume mit dem +Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder hätte nur ein wenig gröber +zu sein brauchen, und das Geschoß hätte uns im Keller an die Wände geklebt. +Schultz erzählte mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten +Hauses gesagt hätte: »Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir +wollen doch mal sehen, ob der noch is.« Mein Bursche war ganz außer sich +über meinen unglaublich festen Schlaf. + +Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller über. Auf dem Wege +dorthin hätten uns beinahe die Trümmer des einstürzenden Kirchturms +erschlagen, der von einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt +wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen zu erschweren. In +einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu +benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte +man die Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen. + +Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir +Möbelstücke aus Schloß und Hütte, die uns gerade praktisch erschienen, +zusammenschleppten. + +Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter +Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten, +da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf, +sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend +abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen +und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das +Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel +ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am +Halse getroffen. + +Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das +Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß +er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige +Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte +gestattete. + +Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig +einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300 +Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der +hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder +Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt +mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen +leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit +Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte +eiligst das Feld, um mich nicht »antöten« zu lassen, wie der damals gerade +übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete. + +Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard +ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines +großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war. + +Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen, +dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach +jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke +gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen +Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und +brach beim Aufsturze sämtliche Knochen. + +An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber. +Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers +trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und +Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände +eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte. + +Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden +Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den +Fernspruch: »67 von 5 a. m.«, was nach unserem Zifferncode »von 5 Uhr +vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft« bedeutete. + +Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu +sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine +Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das +ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen. + +Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe +hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei +wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und +meldete: »Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer +bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!« Da ich im Haus Nr. 11 +zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen +Leuten zu Hilfe. + +Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt +folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen, +beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben. +Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen, +während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der +Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne +Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei +anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der +gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen. + +Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und +trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster +Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen +Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter +zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige +Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die +Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am +Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte +der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen +Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem +aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein +zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die +eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen +mit den Worten: »Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein +Zweck!« zur Ruhe verwiesen. + +Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es +war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den +dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne +Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den +Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen +und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über +sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine +Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: »Beiß die Zähne zusammen, +Kamerad!« schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum +Sanitätsunterstand. + +In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine +Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven +gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns +eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von +Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand. + +Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke. +Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See; +ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der +zusammenstürzenden benachbarten Häuser. + +Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon +auf: »Brigade will sofort Klarheit über die Lage.« Nach einer Stunde +brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: »Feind besetzte Arleux, +Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine +Nachricht. Rocholl, Hauptmann.« + +Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit +meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen +meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von +größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht +gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation. + +Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon +seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen +die Mauern klappten. + +Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die +Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter +noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es +dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der +biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst +keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht +blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns +herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück, +während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der +Unsicherheit unseres Asyles überzeugten. + +Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem +Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam +Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen +zurückzuziehen. + +Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an, +den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz +meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle +zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange, +sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser +Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum +Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf +und war von diesem Augenblick an verschwunden. + +Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur +Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen +durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der +unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden +aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das +Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag +getroffen wurde. + +Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein +kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn- +und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten +sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen +strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend, +Unterstützungstrupps nach vorn. + +In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde +schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht +wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen, +Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft +geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen +Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt +an dieser wirbelnden Vernichtung. + +Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn +außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben, +Ablösungskommandos und den unvermeidlichen »Versprengten« bevölkert. Der +starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald +saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem +vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute. +Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir +neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden +verbogen, in alle Winde geschleudert. + +Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große +Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière, +den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund +bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau +dieselbe Verletzung. + +Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25 +meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten +Bataillons, ab. Das Kalkwerk »Chez-bon-temps« mit seinen schweren +Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den +wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen +wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden +Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu +sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach: + + Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht, + Zu besserm Ding als sich zu schlagen. + +In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der +Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn +von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den +aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten. +Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach +einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé +herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein +Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel +nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte +Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde +Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß +wir am nächsten Morgen »in alter Frische« erwachten. + +Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten +Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof +Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in +dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten. +Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am +ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm +kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern. + +Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht zählt zu den +schönsten Erinnerungen alter Krieger. + +Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit +tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten +Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen +Erlebnisse. Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den +künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten, +wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch. + +Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die +geistigen Träger und Vorkämpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich +der Wille zum Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter. +Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und +doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den +Trichtern lag, so selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der +ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in +diesem viel verlästerten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen. + +Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen +mir gegen Mittag klar wurde, daß ich die Führung der vierten Kompagnie +übernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der +niedersächsische Dichter Hermann Löns gefallen. + + + + +Gegen Inder. + + +Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem +wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über +Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor +einem Monat verlassen hatten. + +Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich +auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe +von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort. + +Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von +St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir +rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen +mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten. + +Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen +Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten +Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da +zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten. +Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in +mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt +die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte. + +Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die +Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend +verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und +rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort +Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten +hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten +wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste +Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung +eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal. + +Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von +Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird. +Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender +Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage +bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte +Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß +er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken +Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu. + +Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese +Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier +Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im +Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese +schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die +ersten Versuche einer elastischen Verteidigung. + +Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt. + +Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem +waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig +unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die +blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen +unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren +Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem »vie de campagne« versteht. +In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das +schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung +seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann. + +Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett +entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten +Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt +unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben. + +Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten +Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem +dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob +sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in +rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen +bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung +verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die +Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr +folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem +der unteren Pritsche entspann, vernehmen: + +»Du, Ernst!« + +»Hm?« + +»Ich glaube, sie schießen!« + +»Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die +letzten.« + +Nach einer Viertelstunde: + +»Du, Oskar!« + +»Ja?« + +»Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine +Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen. +Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!« + +Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir +fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt +an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen +Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der +Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn +genommen. + +Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente +auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand, +die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher +schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau +heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei. + +Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige +Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und +schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände +schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten, +daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in +einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder +mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den +blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd +wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand +die abgelöste Mannschaft im Dunkel. + +Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rücken floß ein +wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter +breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben +sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen +Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner. + +Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit +einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu +machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich +eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte. + +Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens +anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten, +seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem +wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir +klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht +bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten +werde, in Mitleidenschaft zu ziehen. + +Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem +Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die +Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit +immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von +einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen +geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich +natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem +ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes +muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art +taktische Fehler begehen. + +Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte +Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas +exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu +verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer +kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache +zurück. + +Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so +versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie. +Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges +Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen +die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen +Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß: +Jetzt ist etwas los! + +Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: »Herr Leutnant, es gehen +70 Engländer gegen den Waldrand vor!« + +Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber +vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem +Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu +beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese +huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein +leises: »Wer da?« Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter +alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln +versuchte. + +Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren, +deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute +standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung +nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam +ich zur Antwort: »Ich bin Krankenträger.« Der Mann hatte sein +Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer +Disziplin, ließ ich antreten. + +Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite +ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen +unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns +liegenden Hügels zu gewinnen. + +Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine +Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken +erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes, +der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war. +Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das +schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer +verstärkte sich zu unangenehmer Dichte. + +Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den +Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und +drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: »Die +Engländer!« + +Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken +erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich +gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des +Offiziers am rechten Flügel. + +Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich über einen +tückisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich überschlug, +kam ich doch glücklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur +durch Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte +Schützenlinie. + +Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken der gewöhnliche Mann, +der vollauf mit seiner persönlichen Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar +unbeteiligte Sachlichkeit des Führers bewundert, der inmitten der tausend +entnervenden Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines Auftrages klar im +Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten über sich +selbst hinaus und spornt ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer +und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entzünden. +Der moralische Faktor ist eben alles. + +Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches Knacken und +Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens glitt. + +»Halt! Wer da! Parole?!« + +Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort +des 1. Bataillons »Lüttje Lage«, ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem +Hannoveraner geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames, +unverständliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und +ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehört zu +haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die +Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern +verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit. + +Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen. Einer von uns bekam +einen Schulterschuß und wurde durch den Sanitäter verbunden. + +»Stopfen!« + +Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der +Nerven war durch die Tat gedämpft. + +Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende Aufforderung: »Come +here, you are prisoners, hands up!« + +Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner löste sich vom Waldsaum +und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm »Parole!« +entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte. + +»Schießt ihn kaputt!« + +Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras. + +Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl der Genugtuung. Vom +Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich +gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen. + +In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu +dämmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf. + +Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fünf, zehn, fünfzehn, +eine ganze Kette. Zitternde Hände lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter +waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die +Gewehre. Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und +Stahlhelme wuchteten. + +Plötzlich ein Schrei: »Aaaachtung, links!« Eine Schar von Angreifern +schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit +vorgestrecktem Revolver, eine weiße Keule schwingend. + +»Linke Gruppe links schwenken!« + +Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge stehend. Einige der +Gegner, darunter der Führer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen +zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen +waren. + +Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und +wütendem Hurra stürmten wir das Wäldchen. Handgranaten flogen in das +verschlungene Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer +Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben. + +Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die +blassen, übernächtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend +aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir +waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten +Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die kühle Morgenluft sich durch +die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt. + +Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten, +hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten +durch den Hohlweg entfernte. + +Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die +Schützenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und +Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und +drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest überzeugt, +von uns umgebracht zu werden. + +Auf meine Frage: »Quelle nation?« antwortete einer: »Pauvre Radschput!« + +Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen, um sich bei diesem +gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen Füsilieren die Schädel +einzurennen. + +Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf diese kurzen +Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß Sprengwirkung. Keiner hatte +weniger als zwei Schüsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu +unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften +ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer +Angst noch bestärkt wurden. Einer starb schon während des Transportes. Er +wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig, +eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu +gewinnen, indem sie fortwährend riefen: »Anglais pas bon!« Weshalb diese +Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden. + +Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lärm des Kampfes gehört und +schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere +Beute gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes +Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück und ließ mich von ihm zur +Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten. + +Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im +Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das +Mehrfache überlegenen Abteilung, die uns schon in den Rücken gekommen war, +siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine +glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualität zu erzielen. + +Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich durch Überlegenheit +über die Situation und persönliche Einwirkung auf meine Leute dem +feindlichen Führer eine arge Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab +bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise +gemessen, wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison üblich ist; +nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen. + +Sollte ein Angehöriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei +ihm hier meine Achtung ausgesprochen für eine Truppe, die solche Führer ihr +eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu +kämpfen. + +Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? »Ihr dürft nur Feinde haben, die zu +hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf Euren +Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.« + +Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber +der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen. +Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am +Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem +Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein +Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den +unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor. + +An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen +hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit +zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er +hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte +Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich +heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch +die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen, +sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe +Patronen enthielt. + +Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer +unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur +dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken +mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe +Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen. + +In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des +Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste +der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte. +Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein +merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und +stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen +Leben erwacht schienen. + +Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem +leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf +Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg +bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen +Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns +gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns +kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor. + +Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie +angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe +unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen. + +Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude +und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg. + +Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall +der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich +sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles +sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer +Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab +ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in +ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab. + +Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los. +Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß +ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast +am Kragen gepackt hätte. + +Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich +verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten +wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam +der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer +Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt +hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der +Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet. + +Das größte Unglück war, daß der Mann, der das Maschinengewehr getragen +hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen +gelassen hatte. + +Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten, +setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12. +erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach. +Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich +mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch und jammerte: »Herr +Leutnant, nicht allein lassen!« + +Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der +Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe +von Postenlöchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen +dämmerte, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte. + +In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerührt von +dem gläubigen Vertrauen des Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über +die Lage. + +»Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin +verwundet! Wo ist der Leutnant?« + +Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schönsten Lohn in sich, wie +die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die +Schlacht zu einer Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in +gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse +betrachtete. + +Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser +Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdächtiger +Geräusche beim Anschleichen, daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte. + +Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere +im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt +wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung +von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr +suchen. + +Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am Nachmittage selbst +einige Batterien ein. + +Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden Schultz wieder auf dem +unheimlichen Stück Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht +hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr auszuhalten. +Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Säcken mitgebracht +hatten. Wie Leichentücher leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel. + +Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse +fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen +entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die +Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als +Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche +Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer +mitgenommen hatte. + +Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter +hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern +konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns +mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich +hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen. + +Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre +wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten +anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr +unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr +auch nicht. + +Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst +wurden, hatte das Geplänkel ein Ende. + +Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach +Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten. + +Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig +verloren. + + + + +Langemarck. + + +Cambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des Artois, an dessen Namen +sich manche historische Erinnerung knüpft. Enge, altertümliche Gassen +schlingen sich um das mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele +Kirchen. Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite +Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers +Blériot ziert. + +Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den großen, einfach +aussehenden und reich ausgestatteten Häusern ein behagliches +Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend. +Das Städtchen führt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn +kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre. + +Der große Krieg riß das stille Nest brutal aus seinem Dornröschenschlummer +und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges, +neues Leben rasselte über das holperige Pflaster und klirrte gegen die +kleinen Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde +Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen sich in die +mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem Wechsel die beschauliche +Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken +und Haustüren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermären +und sicherste Nachrichten über den baldigen Endsieg der Landsleute +zuraunend. + +Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der +Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm während unserer +Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine +Unterhaltungen aus den Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische +Abenteuer waren an der Tagesordnung. + +Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den großen Platz bei dem später +berühmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten +Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps +übertragen. + +Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen meine Wirte, das +freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir +irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee +zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natürlich die schwer +zu beantwortende Frage erörtert, warum die Menschen Krieg führen müßten. + +Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwänke +der allzeit müßigen und witzigen Bürger Cambrais zum besten, die in +Friedenszeiten Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes +Gelächter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers +köstlichen Onkel Benjamin erinnerten. + +Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Städtchen und fuhren +nordwärts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort +schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch +nicht gesehen. + +In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten +durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von +der schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte Felder und +saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen. Weit verstreut lagen +saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldächern, an deren Mauern +Bündel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs +kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in +derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in +den Gärten von Einzelgehöften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen. +Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von +Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg und explodierten in der Nähe. +Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bäche und tötete einige +badende Leute vom Regiment 91. + +Gegen Abend mußte ich mit einem Vorkommando zur Stellung des +Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung vorzubereiten und meine +Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf +Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere +Granaten einige Male »aus dem Schritt gebracht«. In der Dunkelheit hörte +ich die Stimme eines Rekruten: »Der Leutnant legt sich ja nie hin.« + +»Der weiß ganz genau Bescheid,« wurde er durch einen Älteren belehrt. »Wenn +eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!« + +Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. »Nimm nur +Deckung, wenn es nötig ist, dann aber plötzlich.« Den Grad der +Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den +Endpunkt der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch das +leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt. + +Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich +durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Gräben, die des +Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen +auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich +zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der Führer zufolge vor einigen +Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000 +24-cm-Granaten vertrieben war. »Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,« +dachte ich mir dabei im stillen. + +Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen +wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen +Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln +sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und +hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam +der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück +und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre, +bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen +Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser +durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen +vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des +Bereitschaftskommandeurs, geleitete. + +Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von +der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im +Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch +Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen +schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende +Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden. + +Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des +Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen +Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose +Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um +kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann +pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die +Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu. + +Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen +Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen +inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit +und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann, +der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken +Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem +Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der +Außenwand geplatzt war. + +Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der +Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte. +Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der +Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen +Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ. +Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte +mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur +Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der +Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben +nicht gewachsen wären. + +Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn +stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte +Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem +Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet. + +Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das +Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines +lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und +führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten +Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen +Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag. + +Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns +einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht +über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und +durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während +versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen +suchten. + +Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der +unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der +Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir +hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer, +der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt +der Trichterwüste gleichmachen mußte. + +Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen +vorbereiten konnten, verging der ganze Tag. + +Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl, +aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50 +Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die +vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt +entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein +Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten +Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm +vorging. + +Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den +zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen +waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten, +war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten +ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen +einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend. + +Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem +Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem +Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt +benachrichtigt zu haben. + +Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder +Waffengattungen, die nicht einmal »Gewehr über!« kommandieren konnten, nur +ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die +Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag +man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine +Menschenleben in Frage kommen. + +O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und +hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer, +gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel. +Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und +Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal +losgehen sollte. + +Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich +tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den +Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen. + +Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht +unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem +vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und +links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie +hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen, +war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer +zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen +war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen. + +Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich +mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute +Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen +Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende +Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene +Hütte und hasteten weiter. + +Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von +Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die +uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich +erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank. + +Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu +folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen +überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil +hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich +merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde. +Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das +Gelände war menschenleer. + +Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer, +dann wieder zwei. Mit diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel. + +In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der +dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren +Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak +empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war. +Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und links war kein Anschluß. + +Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder +gehört hätte. Man wird sich meine Gefühle vorstellen können, als ich +erfuhr, daß er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermißt sei. + +Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in +einem nahen Unterstand läge und zeigte dabei auf ein wüstes, von +entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die +unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein +Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge +ächzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim +Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge +durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das +Fieber glänzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen, +sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten. + +Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden +Augenblick konnte der Engländer stürmen, oder eine Granate dem +schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war, +ihn sofort zurückzuschaffen. Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung +unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den +Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« zu schaffen und +von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir +knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann +nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte +sich der traurige Zug in Bewegung. + +Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen +Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand. + +Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den +langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht +mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern +des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nähe Brisanzgranaten von ganz +außergewöhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar +getötet hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze +los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille +des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige +Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange darüber +aufhielt. + +Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelöst, die +mir den Befehl überbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen. +Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß +kampfunfähig gemacht. + +Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit +Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs, +das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente. + +Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die +strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die +ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten. + +In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit +schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion +die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe +einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das +Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand +»Kolumbusei« und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft +zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit +Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung +zurückgeschafft sei. + +Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen, +auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch, +Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen +Standesunterschied die Flasche mit »98prozentigem« rundgehen. Dann gaben +wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende +Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört +wurde. + +Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute +nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß +von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei +geräumt und der Gegner im Vordringen. + +Nach dem alten Soldatengrundsatz: »Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele +zusammen«, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah +dann zu, was draußen los war. + +Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in +dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute +gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung, +keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit +umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach, +zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere, +milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein +Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen +und brannte noch minutenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich +dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und +Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns +ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon +nahe herangekommen sein mußte. + +Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den +wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den +Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm +auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu, +daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne +Deckung. + +Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter +oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten +verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die +erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte. + +Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte +den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an +Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter +Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine +Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und +ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich +nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den +Hals. + +Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen +führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig +unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von +ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick +gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf. + +»Anschlagen!« rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses +standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre +magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen +Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie +uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz +versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch +nicht locker. »Aber ich habe ja gar kein Gewehr!« »Dann warten Sie, bis +einer totgeschossen wird!« + +Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trümmer des +Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der +Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren +Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich +unverletzt wieder hoch. + +Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang über +uns hinweg und blieb an der Straße Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war +nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht +gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen, +daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten. Nachdem der Sturm über uns +hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was +unvermeidlich kommen mußte. + +Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren +erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schützenlinie. Meine Leute +schossen, hinter den Trümmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie +weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns +durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren +wir von einem Kranze von Schützen umgeben. + +Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft +hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge. Es war schwierig, die im Kampfe +verbissenen Leute hochzubekommen. + +Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt +zu werden. Ich verließ die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann +unterstützend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit +einigen Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte. + +Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die zweite Kompagnie, die zur +Verstärkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen +zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute anderer +Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen wollten, zwingen, zu +bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren +nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen +auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen hätten. Mit +Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit Hilfe von Kius und +einigen ruhigen Leuten bald Ordnung. + +Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frühstückten. Kius +zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor +uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf +umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und +meldete, daß sich eine Kompagnie der Gardefüsiliere an der Straße +eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten hätte. + +Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Höhe vorgehen. +Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde +schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot +zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt hatten, von der das Gelände zum +Steenbach abfiel, bemerkten wir, daß die Engländer im Begriff gewesen +waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen +Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelände +von Schützenlinien und Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg +wimmelten sie schon herum. + +Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch aus und knallten +gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen. +Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine +Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, während +neben ihnen die Staubwölkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer +Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf +einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander vier Gegner ab. Der +Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit +verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgeräumt. + +Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge auf uns herunter +und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben. + +Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um +Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und +Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde +alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der +Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder. + +Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen +wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die +Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch +schwere Stunden bevorstehen mußten. + +Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren +Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten, +schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und +Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz +auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu +meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus +vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter +rechts traten schwere Verluste ein. + +Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in +die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens +Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre, +Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser +Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir +noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem +Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine +Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das +Ende gefaßt. + +Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte +auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken +sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So +beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman »le +vautour de la Sierra«, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war. +Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: »Ein großes Herz fühlt vor dem +Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.« Heute +schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir +selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich +Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir +ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben +sein eigenes Nervenberuhigungsmittel. + +Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius +leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß +fest. + +Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des +ganzen Krieges. + +Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem +unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen +ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen +und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden +sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende +Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern +wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern +des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht. + +Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein +schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln +eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden +aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das +Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu +betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen. + +Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in +einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum +hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht +dich. + +Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der +moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am +Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen +Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache +machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein +Feigling vor mir selbst, ein Lump, der später bei jedem Worte des Lobes +erröten muß. Du beißt die Zähne zusammen und bleibst. + +An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen +Chaussee lagen. Man sah, daß Führer und Mannschaft in einem heroischen +Geiste erzogen waren. + +Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier +als Vorkämpfer muß das Gefühl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre +anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen. +Das wird einem erst im Kriege ganz klar. -- + +Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen +eingeschwärmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur +schlammgefüllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach +zurückgezogen. + +Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft, setzten wir uns +bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den +zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in +einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte ich durch ein +merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte, daß ich mich in einer betrüblichen +Lage befand. Es regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen +sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und +schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des +ständigen Steigens der Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone +nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden +Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin +füllte. Während ich mich bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu +angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen +übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne +einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der nächsten +Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Straße. +Es war eine erbärmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, daß +kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu +brechen vermag wie Nässe und Kälte. + +Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres +Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mußte ja dadurch gerade in +den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit +seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone überwinden, während wir +unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen konnten. + +Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein +rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers, der den Befehl brachte, daß +sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte. + +Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am +Angriffstage gewesen sein mußte. Die Straßen waren besät von Menschen und +Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen +lagen zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen. + +Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen Bälle +vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten sich die Reste des Regiments. +Wir wurden erschüttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der +Stärke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand. +Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften. +Düsteren Blicks standen die Überlebenden im strömenden Regen, bis die +Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um +einen glühenden Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück +wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwüstlich. + +Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen +und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie getötet. Trotz der +Beschießung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum +Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den Regen +hinausgeworfen zu werden. + +Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen Abrücken. Wir marschierten +über die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach +Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf +Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies +schon viele zerschossene Häuser auf. Der verödete Marktplatz war mit +fortgeworfenem Hausgerät besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen, +als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein +Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lärm +im Rücken erhöhte das Traurige des Bildes. + +Die Überreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof +untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder +hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Führung der siebenten +Kompagnie übertragen, mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid +teilen sollte. + +Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, stärkten +uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner +der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz +in die Augen: »Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.« + +Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar wirres Tun in finsterer +Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil +dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche +Offensive zum Stillstand zu bringen. + +Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen +Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schläfer und wälzten sich hin und +her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten. + +Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrüchten der +verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Städtchens Gits in Marsch. In +der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon +wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flämische Kellnerinnen +zum allgemeinen Vergnügen mit sehr gewagten Redewendungen würzten. +Besonderen Spaß machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch +die Offiziere, mit »du« traktierten. + + * * * * * + +Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen +Brief meines Bruders. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine +klapprige Lunge behalten würde. + +Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergänzen +und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen +Neulings anschaulich wiedergeben: + +»-- -- Antreten zum Sturm!« Das Gesicht meines Zugführers und +Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den Eingang der kleinen laub- und +bretterüberdachten Höhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend +lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich +fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den Stahlhelm fest und +trat in die Dämmerung hinaus. + +Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen verändert. Das +Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen +Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und +beruhigten das ängstlich spähende Auge durch ihre großen eisernen Kreuze. + +Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trümmern und Schutt +sich merkwürdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und füllte +meine Feldflasche. + +Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich hakte mir eilig vier +Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei +Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen +aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem +bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten +sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und +polternd auf den Feind zu. + +Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das zweite Bataillon unseres +Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl, +englische Abteilungen, die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen. +Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den +Gegenstoß aufzufangen. + +Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf mein Blick auf das +blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. »Bachmann«, +dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad, +Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich verlor +ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich +plötzlich vor unseren Augen entwickelt hatte. + +Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich +zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen +Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure +Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Himmel mit düsterem, +schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder +zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge +umherwanderten. + +Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig +ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontänen, und ein +Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick +stand jeder erstarrt. Dann stürzte alles wie rasend auseinander. Einmal +noch hörte ich unverständlich die brüllende Stimme unseres +Bataillonskommandeurs, Rittmeister Böckelmann. + +Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und +drängte mich mit den anderen nach den Trümmern eines Dorfes, das die +unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen +die Gasmasken heraus. + +Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf +sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag +spähend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand, +Detonation folgte auf Detonation; Häuserreste, ein Schauer von Erdklumpen, +Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle +Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glühenden Hexenkessel +hinein. + +Was war dagegen das halbstündige Trommelfeuer, das diesen verfehlten +Angriff vorbereitet hatte. Denn daß er verfehlt war, war mir klar wie eine +Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen +Zwischenräumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten +durcheinander und stürzten mit höllischem Prasseln nieder. + +Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers' schaute ich nach rechts. Er erhob +die linke Hand, winkte nach hinten, rief und sprang vor. Ich stand +schwerfällig auf und folgte laufend. Meine Füße brannten von der +vorhergehenden Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von den +Strümpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte nachgelassen. + +Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete mich, als ich aus +einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells, +das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Höhe auseinandersprang. Ich +fühlte zwei dumpfe Schläge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir +das Gewehr aus der Hand, ich brach, den Kopf nach hinten, zusammen und +kollerte in den Trichter zurück. Verschwommen hörte ich noch die Stimme +Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: »Den hat's erwischt.« + +Er sollte den nächsten Tag nicht beenden. Der Vorstoß mißlang, und er wurde +beim Zurückspringen mit all seinen Begleitern getötet. Ein Schuß durch den +Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende. + +Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhig geworden. Ich +versuchte mich aufzurichten, empfand jedoch heftigen Schmerz in der rechten +Schulter, den jede Bewegung des Armes verstärkte. Der Atem ging kurz und +stoßweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen. »Prellschuß an Lunge +und Schulter«, dachte ich, warf Sturmgepäck, Koppel und in einem Zustande +völliger Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und +hängte die Feldflasche an den Taillenhaken. + +Nach fünf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen. +Nach vielleicht einer Stunde versuchte ich das zweite Mal fortzukriechen, +da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern überschauert wurde. +Auch dieser Versuch mißlang; ich verlor meine Feldflasche und versank in +eine unendliche Erschöpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefühl +brennenden Durstes erweckte. + +Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig +schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein +Gewitter zog auf, seine Donnerschläge wurden übertönt von dem einsetzenden +Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte mich an die Trichterwand. Ein +Lehmklumpen traf meine Schulter, schwere Splitter fegten über meinen Kopf +dahin. Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit. + +Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprüngen über das Feld +setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden, ohne auf mich zu hören wie +Schatten in den Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu. Ich +erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage vorher. Sie nahmen +mich mit zu einer kleinen Hütte, die in der Nähe stand, vollgestopft von +Verwundeten, die von zwei Sanitätern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden +im Trichter gelegen. + +In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen Schmerz verbeißend, +krampfhaft sein zerschossenes Knie hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen; +manchmal, wenn jemand ihn anstieß, stöhnte er leise. + +Fortwährend arbeitete das gewaltige Feuer fort. Granate auf Granate schlug +neben uns ein, häufig das Dach mit Sand und Erde überschüttend. Man verband +mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober, roter Marmelade und +ein wenig Wasser. Der Sanitäter sorgte für uns wie ein Vater. + +Die Engländer begannen vorzudringen. Sprungweise näherten sie sich und +verschwanden in den Trichtern, wie ich aus draußen erschallenden +ängstlichen Ausrufen schloß. + +Dann trat mein Kompagnieführer, der Leutnant Sandvoß ein, fragte mich, ob +ich gehen könnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich +darauf hörte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden +umpostiert und begannen zu tacken. + +Plötzlich stürzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein +junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder, +der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrüßten uns, ein wenig +seltsam und gerührt lächelnd. Nach wenigen Minuten verließ er mich und +brachte die letzten fünf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine +Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschütze vom Schlachtfelde +getragen. -- + + + + +Regniéville. + + +Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten Mars-la-tour aus. Die siebente +und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz +beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen +Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den +Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die +Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden +angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte. + +Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von +Busse, besichtigt, der uns sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht +aussprach. Am nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die +Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue +Stellung, die sich auf den waldreichen Höhen der Côte Lorraine gegenüber +dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville +hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang +für eine Kompagnie vorkam und aus einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil +halbverfallener Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen +Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen +Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurück in dem sogen. +Verkehrsgraben, nahe der aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten +Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber. + +Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung +bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der +Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken +betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen leicht ablaufen konnten. +Der rötlich-weiße Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den +Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und +Ammonshörnern in den Unterstand zurück. + +Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig +Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es +kamen nämlich in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel +beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in +demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander wie Wander- und +Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wäschewechsel, denn die +sprunggewandten Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der Lagerstätte. Der +zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß endlich seine Decken heraus und +konnte mit Mephisto sprechen: + + Ich schüttle einmal noch den alten Flaus, + Noch einer flattert hier und dort hinaus, + Hinauf, umher in hunderttausend Ecken, + Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken. + +Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig. Außer der dünnen +Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lächerlich kleinen +Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon +fraß mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte. + +Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten, +romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein +Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an +den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer +winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Hütte, die dicht von +Haselnußsträuchern und Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen +Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken und einen +schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rückwand +aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon +mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und auch ich +bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht zu vernachlässigen. Wenn +abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weißen +Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten Dämmer +zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme des Feuers hockte, schien +mir nur ein Getränk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in +einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die +Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer Herr meine +Kompagnie übernommen hatte, und ich als Zugführer wieder den langweiligen +Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter +Gewohnheit durch häufige Patrouillen zu umgehen. + +Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann durch einen +Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das +Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. -- Am 29. stattete ich mit dem +Unteroffizier Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten +Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab. + +Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann +in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen Überraschung +war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit +ziemlichem Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der +nächsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstündigen +Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei +einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung +mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige Tür versperrt, +doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir +denselben Weg zurück und verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren +Besuch nicht zu verraten. + +Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde +jedoch mit Gewehrschüssen und zitronenförmigen Handgranaten, den sogen. +»Enteneiern«, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden +gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte schleunigst +Fersengeld geben. + +Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum +Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. »Ich habe schon an Sie +gedacht,« erwiderte mir der Oberst von Oppen, »das Regiment muß jedoch eine +gewaltsame Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen. Suchen +Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit ihnen unten im +Souloeuvre-Lager.« + +Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und +versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile, +zwei Stoßtrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen +und uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung des linken +Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich +nur aus Freiwilligen zusammen; einige Überzählige weinten fast, als ich sie +zurückwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter +der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius, +Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des +zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden. + +Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und führten +unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus. +Es war ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur drei schon +vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im übrigen taten wir keinen Dienst, +so daß ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten, +aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir für die Nacht +untergebracht werden sollten. + +Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum +Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister +Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in +unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß, +daß man am nächsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat +und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht. + +Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und ließen das +Frühstück zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tüchtigen Ärger, da mir +mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages +leisten wollte, vollkommen versalzen hatte. + +Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle +Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns +gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum +Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und +führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon +Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile +wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und +harrten der Dinge, die da kommen sollten. + +Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier +Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der +rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten +Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf +Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und +Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten, +Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte +Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte +Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir +abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als +Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde. + +Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer +ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los. +Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte +eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse +Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten. + +Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten +Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und +sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das +feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte +aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter, +aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. »Rin!« +Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während +rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern, +setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und +sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer +Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese +vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir, +ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor. + +Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes +Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die +Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben +vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen +Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste. +So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in +dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das +Leben. + +Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter +ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang +gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: »Montez!« Eine +herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe +meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene +Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des +kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde +die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten +den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine +Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff +unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in +entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall +lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: »Wo mögen nur +die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?« stieg immer unheimlicher in uns +empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und +vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben. + +Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden. +Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten +uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und +zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten +uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche. + +Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte +niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen +Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der +Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des +Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich. +Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten +Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten. + +Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und +sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines +Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische +Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und +den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während +der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper +nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu +kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute +mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff +mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem +Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick +ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben +vermuteten, eine Stimme: »Qu'est ce qu'il y a« und ein schwarzer Ball flog, +sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. »Achtung!« +Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die +Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das +Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der +Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der +Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es +konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere +Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte. +Pardonstimmung lag nicht in der Luft. + +Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel +herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf +das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es +schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir +sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den +eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die +Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf »Lüttje Lage!« +entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel +von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich +liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im +ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen +gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte. + +Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier +Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost +mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben +geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom +Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde, +hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie. + +Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück, +und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine +Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen +Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden +ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem +Satze schloß: »Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge, +Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!« + +Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand. +Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war +zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze +Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und +fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden +noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß +ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die +Landstraße zu brausen. + +Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte +vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust +meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: »Du kannst mir hier, zwanzig +Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,« und gab zu verstehen, +daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße +von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes +gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig +in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an +die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige +Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den +Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer +angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin +ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet! + +Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte +bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen +Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte: +»Nur die Lumpe sind bescheiden!« unsere Taten vom Morgen in das richtige +Licht zu stellen. + +Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch +einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage +Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen +war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern +dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten +Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: »Dem +Auge fern, dem Herzen ewig nah!« In eine große Steintafel war gemeißelt: + + »Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten, + Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.« + +Abends las ich im französischen Heeresbericht: »Ein deutsches Unternehmen +bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.« Daß die Gefangenen nur +gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen +Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre +Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl +anders gekommen. + +Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem der Vermißten, dem +Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er +war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und +schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter +auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren. + +Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war +unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich +an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten +Gräben denke. + +Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zürn mit mehreren +Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen in die erste französische Linie. +Domeyer stieß auf einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart, +der seine Aufforderung: »Rendez-vous!« mit grimmigem »Ah non!« erwiderte +und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes schoß +Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne +Gefangenen zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine +Artilleriemunition verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht ausgereicht +hätte. + + + + +Noch einmal Flandern. + + +Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen Urlaub zurückkehrte, +wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelöst und +zunächst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester +jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen +lothringischen Dörfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen +Örtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In +dieser Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche Erfahrungen +gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern mußte man gewisse +Schattenseiten mit diskretem Lächeln ignorieren. So sehr ich den Franzosen +schätze, halte ich doch diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende. + + »Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt, + Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.« + +Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen +wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten. +Wir übernachteten in dem Städtchen Iseghem und marschierten am nächsten +Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt: Roselaire. Die Stadt +befand sich im ersten Stadium der Zerstörung. Noch wurden in den Läden +Waren feilgehalten, doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und +die Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen +zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten gegenüber meinem Quartier machte +auf mich in dem Kriegsgewühl einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts +versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen. + +In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner +der überirdischen Räume. Das Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn +des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur +Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten für ein kleines, +verwaistes Mädchen, das sie während unseres Vormarsches, von seinen Eltern +verlassen, in den Straßen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht +einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor +Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen, +um die bösen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings +auch, als, während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen +im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer fliegenden Engländer +betrachtete, eine Riesenbombe in der Nähe des Hauses aufschlug und der +Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf. + +Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier bestimmt und dem +Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor +unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das +wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen +Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas über mein »rotes +Mützenbandl« brummte. Ich legte damals schon längst keinen Wert mehr auf +einen sortiert feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall den +Neuling. + +Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr +guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen, +als eine Granate bei uns einschlug. »Da bin ich schon, des Chaos +vielgeliebter Sohn!« Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag +in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine +Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen. + +Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer +Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten. +»Den hat's a derwischt!« äußerte der biedere Bayer. »Dicke Luft«, meinte +der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf +lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale--Westroosebeke und +erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy +geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen +Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer +vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein +geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut +waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über +Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht +erstattete. + +Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die +gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die +flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein +Wirtschaftsschild, das den Titel »De Zalm« (Salm), »De Reeper« (Reiher), +»De Nieuwe Trompette«, »De drie Koningen« oder »Den Olifant« führt? Klingt +das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen +unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche +Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von +den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe. + +Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den +Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und +knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im +Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier +zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist. +Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten, +klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe +werden konnte. + +Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach +Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An +der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das +Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von +Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate +getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir +versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die +Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen +bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem +Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte +die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit +zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten +militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase +gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder +desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied +bereichert haben. + +Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache +bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps +schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete +schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns +begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen +rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken +Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über +ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir +sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich +wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da +der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für +den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in +der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und +Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal +einer bombensicheren Unterkunft darstellte. + +Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der +Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte +über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen +Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons +hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum +Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war +das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das +besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf +meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten +vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen +Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand +errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt. + +Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch +einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde, +entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie, +Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung +lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von +anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins +erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf +Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er, +die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in +Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst +Bericht erstattete. + +Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster Weise durch einige uns +vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in +langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der +Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen +hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal +vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate +schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im +Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.« +Sekunden und Millimeter entscheiden. + +Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die +uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch +die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen +Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen, +vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst +nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses +Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants +Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom +Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild +und lebenden Beweis des Spruches: »Fortes fortuna adjuvat« bewundert. Er +war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums +sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus +umgeben waren. + +Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von +außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte +auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes +kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen +halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten. + +Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen +englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach +vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch +scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant +Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T. +K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind +unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den +Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten +Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser +stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm +gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne +Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte. + +Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken +genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag, +unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit +einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit +meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im +schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste +Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen +Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren +umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter +nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden. +Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen +uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und +zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte, +raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von +einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch +glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße +Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem +Regiments-Kommandeur Meldung erstatten. + +Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage, +festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt. +Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten +Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls +eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken +Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich +auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir +fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten +Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der +Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag, +eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig +erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche +Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation +eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon +nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen +gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter +vorspringen. Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das +Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der +Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit +den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen. + +Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und +ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die +feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich +auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres +Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm +spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und +wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her: +»Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird's von selber!« + +Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter +den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke +benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und +wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar +ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die +einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern +geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein +Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs +Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen +Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse. +Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse +rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war +wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den +Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe +Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns +durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei +diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur +Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern +verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war. + +Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine +Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete. + +Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10 +abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front +untergebracht. Der Stab zog nach Most. + +Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer +verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung +des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe +für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein +Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine +Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das +Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der +Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle +wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter +schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines +Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen +hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern. + +Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden +Gefechtsauftrag: »Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung +des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen +beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des +Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des +Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom +Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das +II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht +eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.« + +Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann +von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze +bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag +damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T. +K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge +frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern +starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die +menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln +der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der +bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte +mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig +erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a. +waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie +gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders +tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer +der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren +Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die +deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im +selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier +Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter +mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige, +der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert +die Verluste des Füsilier-Regiments. + +Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der +gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der +Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei +Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit +den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich +nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten +sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die +Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt +zurückziehen. + +Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen +englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang +der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner +verdutzten Leute hinein. + +An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von +Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des +Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder +zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die +Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß +verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen +hatten. + +Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch +kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu +vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn +drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden. + +Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes +Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die +Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen +schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im +Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm +Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter +Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in +fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener +wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf +einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich +herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp, +waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine +Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus +versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette. + +Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen +Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der +Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den +alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen +in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende. + +Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her +wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden +Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen +manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben. + +Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt +von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder +Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein +prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue +de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem +Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins. + +Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins +zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war. +Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen +Formen zu genießen. + + + + +Die Cambraischlacht. + + +Die schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber. Wir lagen noch kurze +Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und +fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen +Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lécluse war ein größeres, von +Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten +und Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen +streng verboten war, hörte man nachts auf dem Wasser oft rätselhafte +Geräusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar +Soldbücher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten +erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darüber, da mir die +gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung +der französischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen. +Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf +meinem Tische niedergelegt. Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden +Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange »Hecht à la Lohengrin« +(Nie sollst du mich befragen). + +Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die Stellung, die wir in den +nächsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir +kamen jedoch nicht so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast +jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes +abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe +Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, daß das nicht +lange gut gehen konnte. + +Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur, +Hauptmann von Brixen, daß wir an einem groß angelegten Gegenangriff auf den +Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in +unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die +Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu können, hegten wir +unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem +setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren +eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und vorzüglichen +Unteroffiziere. + +In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile +verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein +Mann eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte +und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich +wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich +lachen oder wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen +Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir konnten endlich +einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt, bis dicht vor Baralle, wo wir +in einem Straßengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich +trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir +erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung, daß das Regiment 225, dem wir +unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir +sollten währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen. + +Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen ein, die sich +von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der +Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal +angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrünen +Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem +leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände Batterien anspannten +und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger schoß einen +englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm +absprang. + +Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Höhe des +Schloßparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten +uns trotz der Kälte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um +3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken, der in der +Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir +legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort +wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur +vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die 500 Meter, die im +Kanalbett zu überwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten +ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote +verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte. +Reserven lagen dicht an die Böschungen gepreßt und waren beschäftigt, in +fieberhafter Hast Deckungslöcher in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da +alle Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das Feuer auf sich +zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und +überließ jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog +klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe, +der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen +passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten. Wir +steckten eine Kerze an, aßen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und +unterhielten uns fröstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige +vordere Linie einzurücken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die +siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und führte die Leute +vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mächtige Granaten ein, von denen +eine gleich einem Gruß der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett +mit finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer +eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig über Stacheldraht +und Steintrümmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl +beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur +Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des +Kriegers werden durch die sonderbarsten Täuschungen gereizt; er fühlt sich +zwischen den drohenden Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in +dunkler Heide verirrt hat. + +Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen Linie in den Kanal und +wanden uns durch menschenüberfüllte Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand. +Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten +einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr, daß der Angriff an dieser +Stelle nicht viel erreicht hätte und am nächsten Morgen weiter vorgetrieben +werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei +Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten. +Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe +ihrer Pritschen, die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der +Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedränge für +ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender Verwundeter rief durch +die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm +hervor. + +Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit +der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als +möglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des +Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese +Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich +erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und +erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nächste Morgen +zeigte, daß diese Änderung von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene +Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes Blut sparen. + +Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle +nicht verwöhnt. Da mir die Lage des Drachenweges äußerst schleierhaft war, +bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt +werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging. + +Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung +umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn +abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild +mit der halbverwischten Aufschrift »Drachenweg«. Als ich hineinging, hörte +ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war +äußerst überrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu +finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln getroffen waren, und sperrte den +Graben sofort durch eine Gruppe ab. + +Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine +Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den +Gefechtsauftrag zu erklären und die Züge zum Angriff einzuteilen. Meine +Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal +sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der Grube. Ich stand +oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmäßige +Verneigung der mondbeglänzten Stahlhelme unter mir. + +Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte ich den ersten und +zweiten Zug in die Stellung zurück und blieb mit dem dritten in der Grube. +Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg +abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzählten, daß +nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als +unüberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern +überein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen +und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden +Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die +endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in +einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentümlichen +Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat +ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern, +versucht Scherze zu machen, läuft hin und her wie vor einer Parade vor dem +kommandierenden General; kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um +den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus +erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme und Zuversicht ins Mark zauberte. + +Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an. +Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter +einer Barrikade verriet, daß das MG. zurückgenommen sein mußte. Unser +Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg, +nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein +paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt +fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und +betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgerät und englischer +Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Plötzlich riß der Führer der +Stoßgruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und +schoß. Er war auf einen englischen Posten gestoßen, der nach einigen +Handgranatenwürfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf +von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten +und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stoßtrupp-Technik trat in Funktion. +Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hände; +Scharfschützen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen +Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugführer spähten über Deckung, um einen +Gegenstoß rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG. +bauten ihre Waffen an schußfeldbietenden Stellen auf. + +Nach kurzem Kampfe erschollen drüben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht +begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Engländer mit hochgereckten +Händen entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr und +schnallte ab, während unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet +waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich ließ +sie mit der Aufforderung: »Hands down!« passieren und beauftragte eine +Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches +Lächeln, daß sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit +vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu +stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, daß wir +einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen. +Schon hatten wir 150 Mann gezählt, und immer noch erschienen neue mit +erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem +weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr +höflich, beeinträchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte, +dadurch, daß er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Führer der +Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen +aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefähr 26 Jahren mit +feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem +Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der +eine goldene Kette blitzte, an die Mütze, nannte seinen Namen und übergab +mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, daß ich einen Mann vor mir +hatte. »We were surroundet about.« Es drängte ihn, seinem Gegner zu +erklären, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben hätte. Wir +unterhielten uns in französischer Sprache über verschiedenes. Er erzählte +mir, daß eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden +und verpflegt wären, in einem nahen Unterstande lägen. Als ich mich +erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wäre, +verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die +anderen Verwundeten zurückschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch +einen Händedruck. + +Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, daß wir an 200 Gefangene +gemacht hätten. Für eine Kompagnie von 80 Köpfen eine schöne Leistung. +Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten +Graben um, der von Waffen und Ausrüstungsstücken starrte. Auf den +Postenständen lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten, +Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimäntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch, +Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug, +Pistolen, Leuchtpistolen, Wäsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur +denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu +geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas näher zu untersuchen. +Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen +in einem Stolleneingang ein kleines Frühstück zusammenstellen zu lassen und +eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entzünden, während ich meinen +Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann +schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur. + +Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht +ableugnen, daß die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen +haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr +die Siegfriedstellung entlang. + +Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und +stiegen, um uns zu orientieren, auf den nächsten Postenstand. Während wir +mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine +unsichtbare Faust zu Boden gestoßen. Ein Geschoß hatte den Scheitel seines +Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schädeldecke gerissen. +Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes, +trotzdem konnte er noch allein zurückgehen. + +Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff über freies +Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zögernd an; nur ein unbeholfener +Pole, den ich immer für blödsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben +und stapfte schwerfällig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der +Fähnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, während wir gleichzeitig im +Graben vorgingen. Die Engländer gaben einige Schüsse ab und rissen aus, das +Blockhaus uns überlassend. Einer der Leute des Fähnrichs war mitten im +Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem +Gesicht auf dem Boden. + +Beim weiteren Vorgehen stießen wir auf die erbitterte Gegenwehr +unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines längeren +Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurückgedrängt. Dort verbarrikadierten +wir uns. Sowohl wir als die Engländer ließen in dem umkämpften Grabenstück +eine Anzahl von Leichen zurück. Leider befand sich darunter auch der +Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniéville als tollkühnen +Kämpfer schätzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer großen +Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem großen Loch in der Stirn, +daß hier keine Hilfe mehr not tat. + +Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein +hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen ein 50 Meter von uns postiertes +Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns +nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden +Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser +Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl +ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem +Verstande, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Allmählich wurde es +etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12 +Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und +beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das +Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die +Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr 25 Engländern, +deren Köpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich +anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde +ich von weiter hinten beschossen. + +Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre +knallten, MG. ratterten. »Sie kommen! Sie kommen!« Wir sprangen hinter die +Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang +in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den +Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir +diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage später zum +E. K. I gratulieren zu können. + +Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frühstück zurückgekehrt, +als von neuem ein Heidenlärm losbrach. Es trat einer jener merkwürdigen +Zwischenfälle ein, an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so +reich ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter des linken +Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von +gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenuß schien seine angeborene +Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. »Wo ist der Tommy? Ran an die +Hunde! Los, wer kommt mit?« In seiner Wut riß er unsere schöne Barrikade +ein und stürzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor +ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen +die dem Sprengstoff Entronnenen. + +Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch +wir wurden vom Draufgängertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten +aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich +neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt +von Leuten meiner Kompagnie, ließen sich nicht lange bitten. Selbst der +Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre +in der Hand unter den Vordersten und streckte über unsere Köpfe hinweg +mehrere feindliche Werfer nieder. + +Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen. +Die schwarzen Bälle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit +unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen +oder noch zuckende Körper. Man tötete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir +hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der +Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während sein Blut aus +vielen Wunden auf den Lehm sickerte. + +Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete +unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr +und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien. +Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten +mit hartem Knall am Grabenrand. + +Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments +225 ausgeräumt. In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über +freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer +Treibjagd. + +Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen +geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden +Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und +sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer +Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mußte also noch einmal an uns +vorbei. Wir konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern, die vor +Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich +schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Füße, so daß sie +stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun +entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie +Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm hüllend. Zwei Leute +reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den +zusammengeballten Engländern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme +hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich. Feuer vor den Augen, +sprangen wir schreiend auf den Grabenrand. + +Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden +geworfen. Ernüchtert riß ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu +meinem Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier +Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, daß an +meinem Hinterkopfe nur ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines +weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den +Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurück, um +mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die +nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte und +hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschuß +gefallen wäre. + +Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu +fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr +geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen +hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es +war leider nur zu wahr. + +Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen sämtliche +hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der +Leutnant Hopf fiel, ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher +Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fähnriche und +viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die +glorreich eroberte Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath, des +letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung. + +Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die +irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten +Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je +entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen +hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, +tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen, +blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist +der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer +gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene +Kämpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so +stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen +Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Blut +klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der +Brust ringt. + +Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit +einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus +einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen +anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge. + +Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle, +während meine Augen durch herabströmendes Blut geblendet wurden. Der Mann +neben mir stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß +durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann fürchtete, seinen zweiten +Kompagnieführer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei näherem +Hinsehen nur zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest; +wahrscheinlich durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter des +Verwundeten verursacht. + +Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich mich dem Hauptmann +an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging. Den hart beschossenen Dorfrand +von Moeuvres im Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im +Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. -- Am Nachmittag +setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lécluse, wo ich dem +begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem +ich halb im Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein +geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen +Tage mit einem Feierabendgefühl in das Bett, das mir mein treuer, +freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am übernächsten Tage rückte das +Bataillon in Lécluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur, +Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in +der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden. + +Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein +langes Grabenstück erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und +Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine +Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte +die Freude, eine lange Reihe von Beförderungen und Auszeichnungen verkünden +zu können. Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Führer der +Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer und last not least, der +kühne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster +auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub, +währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit +Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges +über Orden eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, daß +ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete. +Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit +der Inschrift »Dem Sieger von Moeuvres«, den mir die drei anderen +Kompagnieführer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an +den Tag von Cambrai. + + + + +Am Cojeul-Bach. + + +Nach wenigen Tagen der Ruhe lösten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte +Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete, +vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die +Straße Arras--Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches +begrenzt, über das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch +nächtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde +durch eine zwischen den vorderen Gräben liegende Erhebung der Sicht +entzogen. Außer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu +schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme +aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie +wahr. + +Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung gähnenden +Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter +ragte in grotesker Wüstheit das Eisengerüst einer zerstörten Zuckerfabrik. + +Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit +verbrauchtem Kriegsmaterial gefüllten Trichtern steckten die windschiefen +Kreuze verfallener Gräber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen +und mußte von dem Erlöschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der +anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm +des Cojeul-Grundes zu geraten. + +Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen +Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und +trommelte mit den Füßen zur Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben +Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche, +der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde. + +Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trüben +Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar +geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der +Befehlsstelle zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam erst zur +Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen +wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine +behagliche Wärme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre +der aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig erwartet +wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben, Graupen und Dörrgemüse +durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr +zu wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische +sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken +gehüllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige +Gerüche ausströmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub +wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen, auch die Erotik +spielte eine Hauptrolle. + +Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar +zurückkehrte. + +Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst und marschierten durch +dichtes Schneegestöber nach Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um +uns für die Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren +Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern verteilt +wurden, stellten den Angriff für die nächste Zeit in Aussicht. + +Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts und +Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr +geschossen. Da alle Dörfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer +belegt waren, wurde jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die +Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten. Ein +Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten Maschinengewehr den +Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel. +Zum Glück war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht klar +erweislich. + +Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie Übungsangriffe mit scharfen +Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der +Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen +wird, fallen Späne. + +Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v. +Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade zu übernehmen. Das Scheiden +dieses hervorragenden, während der langen Jahre des Krieges fest mit seiner +Truppe verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher +Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besaß +er die bei im eintönigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht +häufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit +Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann kann im Kriege +Unermeßliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: »Auf Wiedersehen +in Hannover!« nicht in Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat +noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von +der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft. + +Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über und wurden am 22. für +vier Tage im Trichterfelde links der Straße Dury--Hendecourt untergebracht, +um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung, +die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenüberlag, wurde +mir klar, daß ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen +Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte. + +Überall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege +angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelände stehenden +Schildchen, auf denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die +Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere +Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine +interessante Neuerscheinung an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr +von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um +12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu +versorgen. + +Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten +Quartiere. Nach mehreren Übungen im Bataillons- und Regimentsverbande +exerzierten wir zweimal an einer großen tracierten Stellung einen +Durchbruch der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur +eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, daß der Sturm +in den nächsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der +Geist der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich hier +auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen zur Kampfprobe +versammelt hatten. + +Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung sich gesteckt hatte, so +war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten +schwerster Kämpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen, +wie je im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt in die Bresche +stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre +einst die Wogen des Hasses geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen, +daß wir gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor. + +Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden +Tisch zusammensaßen und uns mit heißen Köpfen über den bevorstehenden +frisch-fröhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der +Begeisterung der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch Geld +jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits? + + Wer weiß, ob nicht die Welt + Morgen in Schutt zerfällt, + Wenn sie nur heut noch hält, + Heute ist heut! + +Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch leben wollte, konnte +uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Gläser, +Flaschen und Porzellan gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren gut +in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen Weise von dem +bevorstehenden »Hindenburg-Flachrennen« reden, so wußte man, daß sie +anpacken würden wie immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei. +Wie hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen, diese +stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel schimmernde Ideale, die +über unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für +immer: diese unerschütterliche Treue. + +Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits +liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von +rastlos sich vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und +endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von +Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe, +die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos +in den Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten, ehe sie sich in +eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedränge, wobei +sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene +Wagendeichsel spießte und verendete. + + + + +Die große Schlacht. + + +Das Bataillon wurde im Schloß von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren, +daß wir in der Nacht vom 19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren +sollten, um in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes +bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am Morgen des 21. +beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von +1915/16 her wohlbekannten Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen +und womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen. + +Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar +nicht anders nennen konnten als »Schmidtchen«, voraus, um die Unterkunft +der Kompagnie zu sichern. + +Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz +strömenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend +zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt mußte +jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorüber, nun kam die Sache +selbst. Man mußte jedes Rädchen laufen lassen. + +Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos erwarteten, +marschierten die Kompagnien selbständig nach vorn. Als wir in der Höhe der +zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich +heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren +in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelände und ein Fragen +bei unzähligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht +völlig zu erschöpfen, ließ ich halten und schickte die Führer in +verschiedenen Richtungen aus. + +Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten sich in einen +gewaltigen Trichter, während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande +eines kleineren saß. Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor +uns einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in +geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwände des +Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fuße getroffen zu sein. +Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen, +während ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach +einem Einschuß untersuchte. + +Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende +Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer +Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . . + +Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlte +unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht. +Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze +Körper wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden +Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrüll und +Hilfegeschrei. + +Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle anderen, nach +einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht +rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war, +wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort, weit weg, +verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: »Mensch, du +bist doch der Kompagnieführer!« Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu +rühmen; ich möchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den +Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, daß das +Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche Angst übertäubte. Man +hatte einen Halt, etwas, an das man denken mußte. Ich zwang mich also an +den schrecklichen Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller, +der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte, +und nahm ihn mit. + +Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige +kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: »Herr +Leutnant! Herr Leutnant!« Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter +den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem +Unvermögen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter. +Solche Augenblicke vergißt man nie. + +Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden Krankenträger +überlassen, um das Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus +dem gefährdeten Bereich zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der +Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit +wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre. +Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen +Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen +geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene +gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese Beobachtung +gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes +Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden. + +Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten +bedroht, durch Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch +standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände +eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke über mich; +trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge +schließen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dämmerung. + +Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im +Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu +erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre +Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der +reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der +unbegreiflicherweise nichts zu merken schien. + +Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie, +Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft +zeigen konnte. Sein erstes Wort war: »Mensch, wie sehen Sie denn aus?« Ich +führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl +ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand, +der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier +wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die +Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im +Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer. + +Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den +Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig +aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte +Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen +mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war. + +Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem +gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und +nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und +gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und +Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir +mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen. + +Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit +einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die +Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung +standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen! +Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch +viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln. + +Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können. +So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die +Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier +Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand +zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur +geritzt zu werden. + +Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte +häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu +besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer +Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um +den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: »Mehr als +totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!« Eine kleine +Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der +Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch +zum Ermutigen nicht disponiert. + +Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere +Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder +ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie +ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen +Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke, +unbemerkt zurückzubleiben. + +Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne +Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen. +Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben +sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden +Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her +hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann +von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die +Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck. + +Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den +Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen +sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört +hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir +verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und +die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten +Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten, +der Engländer hätte Lunte gerochen. + +Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: »S. M. der +Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen +begeben.« Er wurde mit Beifall begrüßt. + +Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die letzten Minuten mit. +Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner, +der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang, +ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen +Geschütze hinter uns war so furchtbar, daß auch die größten der +überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht +gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm; +sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es +im Stollen nicht länger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über +den englischen Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden, +blutroten Wolken verschleierte. + +Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen der Schleimhäute gestört, +verursacht durch die vom Winde zurückgetriebenen Dünste unserer +Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele +Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen. Ich war sehr +besorgt; doch vertraute ich fest darauf, daß unsere Führung unmöglich eine +Berechnung gemacht haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem +zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurück, um den +Reiz nicht zu fördern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen. +Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getöse fortwährend. Vor +uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas +entstanden. Leute liefen durch den Graben und brüllten sich freudige Zurufe +ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher, +Preußen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren überwältigt, +begeistert durch diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten +darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren +Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen hinter dem vorderen Graben +standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch +die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen. + +Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben; die +Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent +ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche +huschten durch das Gewölk. + +Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher als die vier anderen, +während deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte +eine schwere Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt +vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stieß +auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v. +Solemacher fragte: »Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann v. +Brixen ist eben gefallen.« Erschüttert von dieser Schreckensnachricht ging +ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte +ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur +noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes +sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten mir beifällig zu. + +Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei +Regniéville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten +Einschlage die Erdmassen über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion +riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein stürzte er zu +Boden. Ich sprang über ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein +Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen +Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wüten fort. Man sah +plötzlich schwarze Erdklumpen aus einer weißen Wolke wirbeln; die +Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt +nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden drei Leute meiner +Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgänger, tötete das +arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe saß. + +Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch +und erwartete den großen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der +Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer +Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern und +abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr +lugte, erzählte mir später, daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte. + +Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung +sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien über 800 Meter +auseinanderlagen, mußten wir noch während der Vorbereitung antreten und uns +im Niemandslande derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste +feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach +einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung. + +»Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann!« »Jetzt ist mir +alles ejal!« »Rache für die siebte Kompagnie!« »Rache für Hauptmann von +Brixen!« Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht, durch den +sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten. + +Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide bot ein seltsames +Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in höchster +Feuersteigerung wieder und wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar +breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone. +Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der +Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen +Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete +es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die +Stimmung war sonderbar, geladen von höchster Spannung. Offiziere standen +aufrecht und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine +zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch und überschüttete uns mit +Erde, ohne daß einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so +fürchterlich geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven +konnten keine Angst mehr empfinden. + +Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit +einer gefüllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der +Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke. Nun +fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der Luftdruck mein +Streichholz aus. + +Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte über die ersten +Gräben hinweg. Wir traten an. + +In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und +Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war +weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen. +Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock +aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der +übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte +mir bittere Tränen. + +Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt lastete, +konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen die Männer der Renaissance von +ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben, +Werwölfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken. + +Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und +setzten in einem Sprunge über den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie +eine Reihe von Gespenstern durch weiße, wallende Dämpfe. + +Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer +entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde +später gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke +packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken: »Sind Herr Leutnant +verwundet?« Es war nichts zu finden. Der Einjährige hatte ein Loch im +Oberarme und versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken +geschlagen wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn. +Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein Schrapnell in Höhe unserer Gesichter +auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten. + +Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten +ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend. Halb links vor +uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir +überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und +Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. + +Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen +Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über +den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer +Granaten entschwelten. + +Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor +mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah +sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten Augen +anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie +zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die Mündung an die Schläfe des vor +Angst Gelähmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir +eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer +zahlreichen Familie . . . + +Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt +vorüber. + +Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glühend +heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch, +daß ich einigemale sehr energisch rief: »Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen +Mantel aus«, und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten +Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens 400 +Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der +Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden +Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine +pistolenschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in +ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand voll Munition +zusteckte. + +Wir müssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter +gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand +ich mich auf einmal am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit +Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich +schoß durch das Tuch; ein Mann neben mir riß es fort und warf eine +Handgranate in die Öffnung. Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke +verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten +an der Böschung entlang und bearbeiteten die nächsten Luken in ähnlicher +Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster +Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig +zurück. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum +ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer +hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben +besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen +im Bogen hinunter. + +Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend, +stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhängender +Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich +ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der +er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der +mir zuschrie: »Schlagen Sie den Hund tot!« + +Ich überließ diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu, +der von Engländern wimmelte und schoß meine Pistolenkugeln mit solchem +Eifer darauf ab, daß ich nach dem letzten Schuß wohl noch zehnmal +abdrückte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden. +Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft. + +In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Engländer sprangen aus ihren +Gräben und flohen zu Bataillonen über das freie Feld. Von der Dammkrone +raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen sich im +Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur +wenige entkamen. + +Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde +beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Engländer, +den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er klappte wie +ein Messer zusammen und blieb liegen. + +Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte +Angriffsgeist und Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut entfacht. Von +der Führung einheitlicher Verbände war keine Rede mehr. Trotzdem kannte +jeder Mann nur noch eine Parole: »Vor!« Jeder rannte geradeaus los. + +Als Ziel wählte ich mir eine kleine Anhöhe, auf der die Trümmer eines +Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes Flugzeug zu sehen waren. Mein +stures Vorstürmen führte mich mitten in die Flammenwand der eigenen +Feuerwalze. Ich mußte mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen +und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich +einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz +allein über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame +Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir +uns schon jahrelang gekannt hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf +Nimmerwiedersehen. + +Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstück, das vom jenseitigen Grunde +mit Maschinengewehren abgekämmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein +und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von +Wedelstädt. Eine Ordonnanz Wedelstädts, die als letzter kam, brach mitten +im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als +Wedelstädt diesen Letzten seiner Kompagnie stürzen sah, stützte er seinen +Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht überleben. + +Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden +Rändern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon +über diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben +und schoß, was aus den Läufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500 +Meter breiten Geländestreifen getrennt, über den die Geschoßgarben wie +Bienenschwärme surrten. + +Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem +Grabenstück auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar +Sprüngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken +Maschinengewehrnest gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen +Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen +Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch ganz kurze Sprünge, um keine Zeit +zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen +Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schüsse abgab. +»Patronen, Patronen!« Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite +liegen. -- -- + +Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies Feld gegen eine +gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen, daß wir von einer ganz +unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wäre der +Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und +vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob +selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. -- -- -- + +Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute, +welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte +zum letzten Sprunge an und stolperte über ein Drahtverhau in das +Grabenstück. Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum +rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend. Das +Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hülsen +verborgen. Es war noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer +Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung kam, ein Auge +herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem großen weißen Augapfel vorm +Schädel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich +mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog +mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der +Munitionsgurte über seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu +erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: »Come here, +hands up!« Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im +Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer +gefallen, die ich ihm nachschleuderte. + +Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser. Ich stürzte die +ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter, füllte mir eine englische +Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das +Grabenstück füllten. + +Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor +uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das +englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg +damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß am Kopfe vorbei, +streifte einen hinter mir stehenden Jägerleutnant und verwundete einen Mann +sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung eines +leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen +Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Engländern eine Reihe von +Geschossen in die Flanke. + +Diesen Moment der Überraschung benutzten die Stürmer rechts und liefen +frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte +Kompagnie unter Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben +sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und +schäumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche +Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Händen +hervorkamen. + +Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten mit hochgereckten Armen +durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu +solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit +seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um. + +Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren nicht verübeln. Einen +Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand +widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte +Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzählten: »Haben Sie +schon gehört, die Sache von dem Schlaganfall? Köstlich!« + +Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fünf Schritt +seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kämpfer, +dem während des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann +seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will +töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne +gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus +seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann +ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu +lösen. + +In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine +Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf +einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der Mulde, und der +gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgültigkeit, +schwerfällig in Bewegung. + +Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten. +Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schießend, vor, bis wir durch +heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl, +die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören. Kius, der wieder +herangekommen war, hob ein abgeplattetes Geschoß auf, das einen halben +Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine +Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen. +Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das +jetzt von dem Leutnant Lindenberg geführt wurde, da leider auch der +Freiherr von Solemacher eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten +Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10. +Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand +und eine lange grüne Jägerpfeife im Munde, mit umgehängter Flinte durch das +Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge. + +Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten +uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es »auf allgemeinen Wunsch« +wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren +verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben. +Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken +konnte, rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran. +Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen ließen, wurde uns zum +Glück im Sturm nicht klar. + +Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe. Rechts von uns sprangen +einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstück, hinter denen wir +stehend freihändig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war +durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten aufquellende +Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer Prozeß gemacht wurde, teils kamen +die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es +wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach +hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger +Engländer hatte sich mir bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte +und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner +Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir +seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein +schmaler Fußpfad verschwand jenseits der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß +er nach Vraucourt führte. Während sich die anderen noch bei den +Unterständen aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe. + +Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten +die Abschüsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem +Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung +einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus und +entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange +des ersten sprang, nieder. + +Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet +hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte +Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten +Unterstand zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien +kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuß +quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem +Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet. + +Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht stören, sondern richteten +uns in dem Unterstande ein und räumten unter den zurückgelassenen +Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des +ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weißbrot, +Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt +hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische +Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen »the Huns« +wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir +kehrten in Sprüngen zum Anfange des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge +von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon +164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu stürmen, und +eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die +eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck +weiterschoß, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein +und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück. + +Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit höchster Entfernung +weiterzuschießen. Diese unverständliche Anordnung riß uns die schönsten +Früchte des Sieges aus der Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der +Feuerwand Halt machen. + +Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo +gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die +Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren +wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß. Dreimal +stürmten wir und dreimal mußten wir wieder zurück. Fluchend besetzten wir +einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter +Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich lästig +wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige Leute. + +Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch +einmal gewaltig auf, um allmählich zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer +suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere +schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu +sammeln. + +Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während der letzten Stunde +um mich geschart; da es kalt zu werden begann, führte ich sie zu dem +kleinen Unterstande, vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um +Decken und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht +hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende +Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Füsilier Haller mit, dem ich den +größten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen +die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und +untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von +englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein +riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige +Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck. +Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar +schnarrende Töne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war äußerst +behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen +und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry +old England! Wir legten uns natürlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was +uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine +Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette +Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zärtliche Erinnerungen +an einen Pariser Fronturlaub. + +Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren Vorräte wir +ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von +denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum +noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll +Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll +Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich +wünschen konnte. + +Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis, wenn wir +wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen Suppen und dünner Marmelade +im Schützengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem +Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von +Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen, +wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer wieder seine Eisenfaust +spüren zu lassen. Es gibt kein größeres Zeichen für die Macht der Idee, die +uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der +Begeisterung, ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist mehr. -- -- +-- + +Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des +Gegners verließen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir +zwei funkelneue verlassene Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein +und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die +eigene Artillerie uns noch fortwährend Eisen um die Ohren schmiß, zu den +anderen zurück. + +Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden Truppen gebildet, war +200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und +befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablösung +geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten +notiert hatte, schlief ich ein. + +Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns +geweckt. Wir packten die Gewehre, stürzten aus dem Raum und postierten uns +in einem großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche +zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben +auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis +sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe +verständlich und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß der Führer der +zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkältung kein Wort sprechen +konnte und am Arm verwundet war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum +Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando über seine +Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Außerdem bestanden vom +Regiment noch die beiden ebenso zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und +Vorbeck. + +Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur +Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung +ausgeschieden war. + +Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten +Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Kälte +erstarrten. Am Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und +schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und Essen zu holen. Die +eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schießerei und setzte +uns als ersten Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier +Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dämmerung stieß noch ein +Zugführer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten +zu mir. + +Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich +Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die +Vraucourt-Stellung zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen war. +Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Höhe +südlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie +meist vor unklar gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der +Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres +beendet wurde. Alles sprang in die nächsten Trichter bis auf den Feldwebel +Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu ihm +und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß erhalten. Wir entfernten +mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage +später gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei +Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war. + +In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose +eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz +befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her +aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen, +und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten. + +Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung der weit +zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung, deren Notwendigkeit mir +natürlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen +Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes +sind für immer vorüber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das +Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtümer nicht +verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken +Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . . + +Vorläufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Höhe ein. Allmählich +brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit +Maschinengewehren unsere Löcher abstreuten, indes bald von den unsrigen +vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein +ungewöhnliches Bild für alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald +zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd riß sich los und galoppierte durch +das Gelände; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf +weiter, einsamer Fläche, vom wechselnden Gewölk der Geschosse behangen. Die +feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste +Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte +und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Präsentierteller. Mehrere +ängstliche Gemüter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her +liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen über sich ergehen zu +lassen. In solchen Lagen muß man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte +ich, indem ich den geradezu großartigen Inhalt einer erbeuteten Büchse voll +Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag. + +Schon seit längerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu +beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenförmige Flugbahn und +den weißen Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene +Augenblick. + +Ich ließ antreten. Ohne stärkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den +feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrüßt von einem +Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es, +ähnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es +leider nicht verborgen, daß wir uns langsam in ihren Linien vorfraßen. Ein +scharfer Feuerüberfall von Schrapnells und leichten Granaten faßte uns +vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns +über freies Feld dem Graben zuströmten. Wir bemühten uns, möglichst schnell +mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen. + +Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche +Grabenstücke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir +ein solches Stück übersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des +Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den über diese Stellen vor uns her +hastenden Gegner unter Feuer, so daß die kurzen tracierten Stücke bald mit +Leichen behäuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten +an noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren kurzen Röckchen +kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie hinweg. Es waren Hochländer, +und die Art des Widerstandes zeigte, daß wir keine Feiglinge vor uns +hatten. + +Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer +dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu +weichen. + +»Der Tommy macht einen Gegenstoß!« + +»Bliew stahn!« »Ich will bloß Verbindung aufnehmen!« + +»Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!« + +»Achtung, Herr Leutnant!« + +Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche +Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten stürzen, schießend und werfend, an +der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim +Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um den vernichtenden +Würfen auszuweichen und stoßen dabei auf die Nachdrängenden. Nur die +vordersten übersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen +Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den +Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der Führer zeigen, ob er die +Achselstücke zu Recht trägt, obgleich ihn selbst das bekannte »mulmige« +Gefühl beschleicht. + +Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter +einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter +tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut dazu, +bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten, während der Sand der +Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir schoß mit wildem +Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen +ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß hatte ihm mit dem +Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in +seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in +kauernder Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen, +auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren +Abständen und hörte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte +weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns +gelegen hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen. Einer +fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere konnte ihn eines +Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen. + +Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische +Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herüber. +Der Verwundete mit dem Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns +und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der +untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lächeln in den Tod +hinüber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trübes und Unangenehmes, +sondern nur ein klares Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich +berührte. Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich. + +Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen über +die Leichen der Hochländer vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden +aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten +zurückgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich +der vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür bekamen wir von +hinten dauernd Verstärkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein +leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser +Kugelspritzen und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Wenn +das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter +wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt. + +Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorüber. Ich +sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und +Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Straße +Vraucourt--Mory, die durch an den Bäumen befestigte Stoffblenden +verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über +das geschoßbestreute Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel +durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden +Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes +Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße +Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt +hatten. + +Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen +englischen Mantel gehüllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem +kleinen Schultz, dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier +schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo +die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenständen saßen Leute aller +Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm. +Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten +Orte. + +Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche +Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dünnes, +vielstimmiges Hurra herüber. Das zündete. »Sie sind umgangen, sie sind +umgangen!« In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die großen Taten +vorangehen, griff alles zu den Gewehren und stürmte in dem Graben vor. Nach +kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun +gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: »Vorsicht, das +Maschinengewehr links schießt noch!« sprangen wir aus dem Graben und hatten +im Nu die Straße erreicht, die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein +langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so daß +sie unter tosendem Hurragebrüll und rasendem Schnellfeuer in einer +Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen +mußten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend. + +Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich am Schießen hinderte, +wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in +das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: »Da schießen sie noch, die +verfluchten Schweine!« Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem +kleinen Grabengewirre, von uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von +Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von +rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines von ihnen hoch in die +Luft schleudernd. + +Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller +Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr +fort und stürzte mit geballten Fäusten zwischen beide Parteien auf die +Straße. Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot +berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl des Sieges verspürte ich einen +scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei! +Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der +Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu +meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse +entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie +stürzte heran: »Herr Leutnant, den Mantel 'runter!« und riß mir das +gefährliche Kleidungsstück von der Schulter. + +Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen +Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl +Deutscher über die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in +braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen +Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Straße +war mit Leichen bedeckt, während die wenigen Überlebenden mit Feuer +verfolgt wurden. + +Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstück stand, +verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der Brust. Die Bluse herunterreißend, +sah ich, daß ich einen Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das +Geschoß war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Löcher in der +Bluse und zwei im Körper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der +Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für +einen Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten +angeschossen. + +Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mühe bewegen, in +diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten +uns mit einem: »Auf Wiedersehen in Hannover!« + +Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee +meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben, +in dem wir uns vorgekämpft hatten, zurück. + +Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß die feindliche +Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelände hinter der Straße +und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte. +Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns +sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurück. + +Plötzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich +bekam einen Schlag auf den Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich +erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten eines +schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich +beängstigend schnell vergrößernde rote Lache. Das Blut sprudelte so +unaufhaltsam hervor, daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da +mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich +hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung für meinen Leichtsinn, +ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen. + +Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor +jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach +vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone +der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten unser Tempo. + +Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, ließ mich +beim Generalmajor Höbel melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht +erstattete, und bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der +General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern +tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal im Kriege. + +In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in +hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber. +Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen. +Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier zusammen, der zwei +verwundete Engländer, die mich während des letzten Teiles meines Weges +gestützt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte. + +Auf der Straße Noreuil--Quéant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es +nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen, +die zu einer großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das +Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden +kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto +zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten, +wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die +Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt; +trotzdem wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner +Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die +Schädeldecke beschädigt war. + +Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen hatte, wurde ich am +nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu +meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes +nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß am Oberschenkel +verwundet. + +Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny) +wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin. +Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege +ebenso gut wie alle vorhergehenden. + +Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen anderen Bekannten während +des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer +harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer +kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den +Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als +dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten. + + + + +Englische Vorstöße. + + +Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nähe des +jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der +neue Kommandeur, Major von Lüttichau, übergab mir die Führung meiner alten +siebenten Kompagnie. + +Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen +mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in +den Kreis einer Familie zurückkehrte. + +Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken inmitten einer +verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grün unzählige gelbe Blümchen +schimmerten. Das wüste Gelände, das wir »Die Wallachei« getauft hatten, war +durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor die Tür der Hütten, +so empfand man jenes beängstigende Gefühl der Leere, von dem der Cowboy, +der Beduine und jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des +Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der Baracken und suchten +Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags +ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei +Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren. Ich fand manchen +bekannten Namen. + +Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe +Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf +Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten, +wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher +Bombenflieger das weiße Band der Straße aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern +wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden +Stößen der Einschläge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der +Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen Nachtvögeln ab, +Schrapnells zersprühten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse +jagten in langer Kette gleich feurigen Wölfen hintereinander her. + +Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald +mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine +Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend. + +»Offensiv-Parfüm« erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten +Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu +passieren schienen. + +Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume führenden Bahndamm +entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war +lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten +neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche Schreckensnacht des 19. +März trieb uns vorwärts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine +abgelöste, lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte, +als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem +Hagel von Schimpfworten stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten +Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand zurückkehren. + +Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande an, dessen +drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genußreicher Tage in Aussicht +stellte. + +Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer unbeschreiblichen +Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr von Beinen und brachte durch die +Zauberformel »Ablösung!« Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch +entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und nach ein +unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke, eine verwitterte +Uniform und zwei Lehmklötze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten. +Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das +Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend +eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann würgte sich +mein Vorgänger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung, +daß das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb zurück als +neuer Kapitän des Abschnitts A. + +Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte, bot wenig +Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer +entgegen, die im Annäherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen +waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit einem +Prellschuß ab. + +Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rücken. Die +Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war +rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke +getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß ein zerhacktes +Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß waren keine Stollen +ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlöchern, die durch +sogenannte Siegfriedbleche gestützt waren. + +Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir +zunächst eine neue Behausung. Ein hüttenartiges Gebilde in einem +verfallenen Grabenstück schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch +zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen Zustand +versetzt hatte. Ich führte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie +ein Einsiedler im Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und +Ordonnanzen gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg selbst in +diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd konnte man dann zwischen den +Einschlägen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit +lesen, daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf +den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre; wenn man sich nicht gerade mit +grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den +Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und häufige +Terminmeldungen für die nötige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der +inneren Organisation zu tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten +kaum noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien +die fortgeworfene Patronenhülse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir +ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las +Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die +Hacken zusammenzuklappen hätten. Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen +begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich +schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das +Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür waren drei Tage Mittelarrest +unbedingte Taxe. + +Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den +Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel +zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worüber in jedem +Zugführerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten +geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den +altpreußischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen. + +Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den schönen Namen »Haus +Wahnfried« verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die +nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange, wie +kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner +besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir +eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt hatten, +um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde meine Siesta allerdings +durch in der Nähe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden +Sprengstücke von Fliegerbeschießungen gestört. + +Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig wenig zu +leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptsächlich lagen +Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschießung, die sich +in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher Dichte steigerte. +Essenholen und Ablösung wurden dadurch sehr gefährdet. + +Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurückgekehrt war +und die zweite Kompagnie führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit +am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und +Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns häufig mit schwerem +Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmäßige Feldwebel der dritten +Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits +ein furchtbares Unglück ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in +die von einem Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76 +geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er. + +In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks, +die ich auf meinen Spaziergängen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum +Teil spöttische, drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen, +waren aber alle übel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte +Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim +Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um +den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen +Riesenkäfern sich in Bogenlinien über die Walstatt wälzten. Ich dachte +lebhaft an die Männer im feurigen Ofen. + +Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie der unsicheren Lage +wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen +und taktischer Verwendung zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang +nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine +Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich +nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu +frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin. +Neben mir flammte es auf. Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner +Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach +durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, während große +Schweißtropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trösten, +stöhnte er hervor: »Der Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.« Trotz +dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in +Hannover die Hand schütteln. + +Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das völlig +zerstörte Puisieux. Das Dorf war schon während der Sommeschlachten zu einem +Trümmerhaufen zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem +Grün überzogen, aus dem überall die weißen Scheiben des ruinenfreundlichen +Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das +hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte Erde der Gärten +von neuem bloßgelegt. + +Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen +Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition, +Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden +Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe +ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus +einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller +verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur +Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes. + +Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie in der +Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab. +Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen +wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine +Schrapnellkugel am Fuß verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch +im Kampfe seine Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen. Er +starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Führer meiner +Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte +Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit. + +Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, mußten wir +nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablösungsbataillon +durch die spanische Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten +meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wütete die +Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen +stand, daß der Engländer die Ablösung übernehmen würde, wenn die Truppe +nicht bald zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch +auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch +verschärfend die schlechten Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen +wir dauernd in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch +fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge der +Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an +Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten viele Leute mit +Sauerstoffapparaten herausholen. + +Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere +vergrabene Kästen voll englischer Munition und sprengte mir in meinem +Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten +Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger +auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der +Nähe. Wir stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30 +Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser +Beziehung trauen könnte, maß ich nach und fand den Trichter 22 Meter von +unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu +unterschätzen. + +Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen +Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild, +das einen sehr verdächtigen Eindruck machte. + +Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße in dichten Qualm +gehüllt, während grüne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen. +Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger +Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze +sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte +das Gewaltige des Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen +zwischen zwei ehernen Kräften. . . . . . + +Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen tausend Verborgener nach +dem kleinen Waldstück, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die +Gipfel der stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises +staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen Menschen und Material, des +Einsatzes gegen das von zerhackten Strünken bedeckte Stück Erde harrend. + +Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten +Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Sätze an einen +Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch. Eine Stunde später umflammen die +Blitze eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische +Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . . + +Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr, +daß der Gegner am linken Flügel in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um +uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant +Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten +einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annäherungsweg aufräumen +sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer +Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir vorläufig auf die +Ausführung verzichteten. Ich ließ den Elbinger Weg besetzen und holte in +einem riesigen Höhlenstollen den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr +vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flügel, wo wir eine +Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das übliche Bild des +Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken, +einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr. +Dazwischen Leute geduckt vor und zurückspringend. Der kleine Handstreich +der Engländer war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann +gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade +lag. + +Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen, +wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei +Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40 +Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit +einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf. +Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und +Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen. + +Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und +überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von +allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der +entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte +man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den +bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen +war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen +Anordnungen treffen. + +Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten +wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand, +der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten +und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und +ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück. + +Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom +Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten. +Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen +gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den +anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die +Landsknechte. »Mensch, alle haben doch nicht so'n Schiß wie du!«, schrie +zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf. + +Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste +gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits +aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den +langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die +Folgen des Papierkrieges. + +Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer +vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die +Hauptwiderstandslinie bedrohend. + +Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der +Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ +mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am +Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand. +Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten +Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes +auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein +Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen +Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das +Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos +aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß +gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke +Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am +Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch. +Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten +B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären. +Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und +Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner +schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der +stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im +Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen »Blick in die +Röhre« und begab sich mit dem Zitat: »Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo« +zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender +Hand. + +Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der +inzwischen wieder vom Feinde geräumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und +Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten +Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer +(Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch +Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen +furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen. + +Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen +pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen +eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute +seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende +Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu +betrachten. + +Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr +eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie +ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr +Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich +warten. Der Ruf »Sanitäter!« flog von links durch den Graben. Hineilend, +fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse, +die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer +eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die +ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im +zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn +werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an +derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am +Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die +Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite +Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde. + +Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte +dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von +Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein +schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur +Fleischbank. Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich +Schwärme von Fliegen sammelten. + +Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes +Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie +unter Leutnant Voigt über die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen +sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit +einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner +Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstückes folgen. + +Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer einsetzte, die +nötigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem +Leutnant Voigt, der einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt +die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte in Mütze, eine +Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im +Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf +den Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es +ging sehr schön vorwärts, die Engländer flüchteten unter Zurücklassung +eines Toten in eine rückwärtige Linie. + +Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines links abzweigenden +Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei +höchster Erregung ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich +mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige Schritt zurück und +stand plötzlich einem athletisch gebauten Engländer in dem Augenblick, als +er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte, +gegenüber. Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei +anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die +Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel +dem Tommy vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld +in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von +meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns +nachgeworfenes Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu +verletzen. + +Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen +umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kündeten, +daß sie ihr Leben teuer verkauften. + +Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe des +Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir mußten +indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen. +Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosenträgerschnalle +abgefangen. Außerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger +Stärke los. + +Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen, metallisches Geschmetter +durchschrie das dumpfe Dröhnen schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in +unheimlicher Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von +Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich mir einen +herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den +Kampfgraben zurück. + +Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand +und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden +Händen am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß aus dem Lauf +zu bekommen. Einige Engländer klappten um, die andern verschwanden im +Graben, während das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien +keine Parteien mehr zu kennen. + +Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt, +schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den +Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze +Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betäubt in mein +Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug, den +kleinen Raum mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte +eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Um nicht verschüttet +zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden +Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an. + +Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, während deren die Kompagnie +viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch +den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur +Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu +gering war, übertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die +Verteidigung der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in einem +Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und ließ alle Handgranaten +dort anhäufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben +kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her +zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit auf ein +fortwährendes Geplänkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten. + +Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164 +abgelöst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie +wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später wurde mein +Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle +erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der großen +Endoffensive umgrollte Puisieux im Rücken hatten. + + * * * * * + + 111. Inf. Division. + + Div. Gef. Stand, 12. 8. 18. + + _Divisionstagesbefehl._ + +Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte +Truppe in den harten Kämpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen +Gegner erneut aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen. +Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl weiß, welch hohe +Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an +schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden müssen für +unser geliebtes Vaterland. + +Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal verwundet und diesmal +wie immer ein leuchtendes Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute +Anerkennung. + + _v. Busse_, + Generalmajor und Divisions-Kommandeur. + + + + +Mein letzter Sturm. + + +Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Léstrée, einer +wasserumglänzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch +weiter zurück nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen +Arbeitervorstädtchen von Cambrai. + +Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines +nordfranzösischen Arbeiterhäuschens. Das übliche Riesenbett als ominöses +Hauptmöbel, ein Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf dem +Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden einige der furchtbaren +Farbendrucke des Familistère, Vive la classe, souvenir de première +communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von +Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit. Ich fühlte mich +inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im +nässesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch +gestapelten Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten +Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren. + +Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch feindlicher +Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden Materialüberlegenheit +auf der Gegenseite gab. Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran +und ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstädte +fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore +und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ängstliche +In-den-Keller-Stürzen meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag vor meiner +Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den +in meinem Bette schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert und +die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes +die Beruhigung, daß eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein würde. + +Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche +Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen +und Besichtigungen füllten einen großen Teil des Tages. Einen ganzen +Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu +fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es +als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den +trefflichen Namen »Gärtnerwurst« beilegte. + +Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit +zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich +es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die +Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem +Heere zu entbehren sein, er läßt sich weder durch individuelle noch durch +sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht +über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen, +damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen +Zwang des Führers gezügelt werden können. + +Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stoßtruppe, da mir im +Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, daß aller Erfolg der Tat +des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und +Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen Gruppe als einer +zaghaften Kompagnie. + +Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schießen und Reiten. Auf +den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den +Prozeß der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es +war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es +recht klug vom Engländer, das deutsche Gemüt mit Gedichten zu bombardieren, +und auch recht schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch +Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprämie von +30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die Heeresleitung die Gefährlichkeit +dieser vergifteten Waffen nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden +allerdings der Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir +schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für Poesie zu +besitzen. + +Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das +liebe, alte Städtchen war wüst und öde geworden. Läden und Kaffees waren +geschlossen; die Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie +durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein +so schönes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut über meinen Besuch. +Sie erzählten mir, daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung +verschlechtert hätten. Besondere beklagten sie sich über die häufigen +Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen +auf und nieder zu rennen, über das Problem streitend, ob es ratsamer sei, +im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung +umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir +herzlich leid. Einige Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der +Beschießung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten. + +Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tür +hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz +brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintönige +Rollen und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers +herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel +gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine längere Dauer unserer +Ruhezeit hinzugeben. Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten +wir den klangvollen Frontausdruck »es wummert« geprägt. + +Rasch packten wir und traten während eines wolkenbruchartigen Gewitters auf +der Straße nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5 +Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein großer, von einer Reihe +demolierter Stallgebäude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder +so gut wie möglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen +Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverließ, +das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte, +jetzt allerdings nur noch von einigen großen Ratten bewohnt war. + +Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, daß wir +in der Nacht rechts der großen Straße Cambrai--Bapaume unweit Beugny +bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen +Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt. + +Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein. +Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten, +die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich +aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht mehr siegen konnten. +Aber der Gegner sollte sehen, daß er gegen Männer von Ehre kämpfte. + +Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen +zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der +Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man der +Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz, +nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. +Ich suggerierte: Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche läßt. Wir haben +alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand +von seiner Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen Führer und die +Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, daß solche Worte den +Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische +Vorbereitung in glänzender Weise. + +An unserem aus einer Karre und einer Haustür improvisierten Tisch aß ich im +Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten +wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten +meldete, daß die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit ständen. + +In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwühlte Gelände +der vorjährigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trümmerwällen +eingefaßten Dorfstraßen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor +Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsräume geführt. Das +Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Straße Beugny--Vaux. In den +Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, daß sich die Kompagnie +bis an die Straße Frémicourt--Vaux vorzuschieben hätte. Dies typische +Vorrücken gab mir die Gewißheit, daß uns bis zum Abend noch Blutiges +bevorstand. + +Ich schlängelte meine drei Züge in Reihen durch das Gelände, das kreisende +Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns +in Trichter und Erdlöcher, da vereinzelte Granaten bis über die Straße +hinausgriffen. + +Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, daß ich mich sofort in ein +kleines Grabenstück legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in +Laurence Sterne's »Tristram Shandy« und verbrachte so, mit der +Gleichgültigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den +Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut. + +Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtsläufer die Kompagnieführer zum +Hauptmann von Weyhe. + +»Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, daß wir angreifen. Das +Bataillon tritt nach halbstündiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom +Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von +Sapignies.« + +Nach kurzem hin und her und einem kräftigen Händedruck stürzten wir zu den +Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine +große Strecke zu marschieren hatten. Ich verständigte meine Zugführer und +ließ antreten. + +»Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung +halblinks die Baumkronen von Favreuil!« + +Ein gutes Zeichen für den Geist, der in den Leuten steckte, war, daß ich +einen Mann bestimmen mußte, zurückzubleiben, um die Feldküche zu +benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mögen. + +Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die +Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen +sprangen die Abschüsse unserer Geschütze auf. Das Feuer glich mehr einem +wütenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich +meine Gruppen in bewunderungswürdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen +staubten die Wölkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlbläser +und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit höllischem Fauchen durch die +Zwischenräume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer +beschossene Beugnâtre, aus dem gezackte Eisenstücke schwerfällig +herüberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten. + +Noch ungemütlicher wurde der Anmarsch hinter der Straße Beugnâtre--Bapaume. +Plötzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen +uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich stürzte +mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgängers und ließ in der Eile von +meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Säuberung vornehmen. + +Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschläge, +dazwischen stiegen und fielen braune Erdsäulen in hastigem Wechsel. Um mich +zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann +mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen. + +Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsäumt, bei denen sich allmählich +Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Während des letzten +Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter +anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schuß +durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgültig über +das beschossene Stück und schüttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann +Junker und Schaper, Schrader, Schläger, Heins, Findeisen, Höhlemann und +Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und +hielten ein großes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns +auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen +stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen. + +Teile des I. Bataillons rückten in den Schloßpark. Vom II. Bataillon hatten +nur meine und die fünfte Kompagnie ungefähr vollzählig den flammenden +Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Häusertrümmer +zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stülpte ich mir +einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in +kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil +vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren +Verteidigungsabschnitt verlassen. + +Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem +Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, daß fünfte und achte Kompagnie +in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie stürmen +sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war, +beschloß ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kümmern. + +Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Häuserresten und Baumstümpfen +sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schützenlinie auf das freie Feld +heraustreten. Es mußte die fünfte Kompagnie sein. + +Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen +anzutreten. »Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und +zweiter Welle!« + +Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in +ähnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges, +Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt, +Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest. + +Wir verließen den Hohlweg ganz programmäßig, nur befand »ich selbst«, wie +die schöne Befehlsformel lautet, mich plötzlich neben dem Leutnant Schrader +weit vor der ersten Welle. + +Vereinzelte Gewehrschüsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der +rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und ließ, ohne es recht +zu merken, die Schützenlinie der fünften Kompagnie zum Teil hinter, zum +Teil rechts neben mir. Während des Vorgehens merkte ich, daß mein Eisernes +Kreuz sich von der Brust gelöst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader, +mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene +Schützen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus +einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest. + +Das Gelände senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem +Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine +Geschoßgarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefühl der +Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge über +ein Grabenstück riß mich ein durchdringender Stoß vor die Brust aus der +Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Längsachse und klirrte betäubt +zu Boden. + +Ich erwachte im Gefühl eines großen Unglücks, eingeklemmt zwischen enge +Lehmwände, während durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt: +»Sanitäter! Der Kompagnieführer ist verwundet!« + +Ein älterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmütigem Gesicht +über mich, löste das Koppel und öffnete meinen Rock. Zwei blutige +Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rücken. Ein +Gefühl der Lähmung fesselte mich an die Erde, und die glühende Luft des +engen Grabens badete mich in qualvollem Schweiß. Der mitleidige Helfer +erquickte mich durch fächelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte, +nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurückschleppen zu +lassen. + +Plötzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, daß +dieses lückenlose Rollen, dieses gleichmäßige Brüllen und Stampfen mehr +drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. Über mir +blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants +Schrader, der wie eine Maschine schoß und lud, schoß und lud. Es entspann +sich zwischen uns ein Gespräch, das an die Turmszene der Jungfrau von +Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich +hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein. + +Oben sprang der Schreckensschrei: »Links sind sie durch! Wir sind +umgangen!« von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurück. Ich faßte in +ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich +hoch, während das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloßem Kopf und offenem +Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht. + +Durch weißliche Rauchschwaden stürzte eine Kette bepackter Menschen +schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie +getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelände +eingesogen. + +Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks über den Kamm einer +Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde +gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hälften +auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem +Todesschrei zusammen. + +Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flüsterte dem Fähnrich Wilsky zu, +nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lücke abzufegen. +Er kam gleich darauf zurück und meldete, daß sich 20 Meter weiter schon +alles ergeben hätte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich +umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit +erhobenen Händen nach vorne! Der Feind mußte bereits das Dorf, aus dem wir +gestürmt hatten, genommen haben. + +Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Engländern und Deutschen +umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte +mit schwacher Stimme die Nächststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie +schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden +umschloß unser Häuflein. Links tauchten zwei hünenhafte Engländer ihre +Bajonette in ein Grabenstück, aus dem sich flehende Hände reckten. + +Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: »Es hat keinen Zweck mehr! +Gewehre weg! Nicht schießen, Kameraden!« + +Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie +lächelten fatalistisch zurück und ließen ihre Koppel zu Boden fallen. + +Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der +Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten +in manchem Ruhetage über den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase. +Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Engländer, die +einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zuführten, stellten sich mir +entgegen. Ich hielt dem nächsten die Pistole vor den Leib und drückte ab. +Er klappte wie eine Schießbudenfigur zusammen. Der andere brannte sein +Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das +Blut in hellen Schlägen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann, +an dem Grabenstück entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der +Leutnant Schläger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an. +Einige Engländer, die über das Gelände schritten, blieben stehen, setzten +ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schläger +und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schläger, der seinen Kneifer +verloren hatte, erzählte mir später, daß er nichts gesehen hätte als meine +auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die +Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke, +zu früh zusammenzubrechen. + +Endlich gelangten wir an einen halbmondförmigen Erdaufwurf rechts von +Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund +und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der +Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein +Sanitätsunteroffizier der sechsten Kompagnie riß meine Jacke herunter und +riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet +sein könnte. + +Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang +geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten +mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nächste Entfernung aus +dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Körper. +Den Sanitäter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn +trug, riß ein Kopfschuß zu Boden; ich stürzte mit ihm. + +Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von +Aufschlägen umpeitscht, der nächsten Senkung zu. + +Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknüpft auf dem Felde, den +Endtreffer erwartend. + +Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz +verlassen. Neben mir ertönte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: »Ich +nehme Herrn Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch, oder wir +bleiben liegen.« + +Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf kürzeste +Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen +geschlungen, auf seinem Rücken saß, erklang mitten im Lauf ein feines +metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich +löste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert +hielten. Ein Geschoß hatte ihm Stahlhelm und Schläfen durchschlagen. Der +Tapfere, der die Treue zu seinem Führer mit dem Tode besiegelte, war ein +Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe später seine Familie +aufgesucht und halte sein Andenken heilig. + +Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen +Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitäts-Sergeant +Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glücklich in +den toten Winkel der nächsten Geländewelle. + +Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich +über ein einsames Gelände, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne +hochflammten. Ich mußte nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefühle, +die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn +Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu ersticken. + +Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir +befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine köstliche +Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in +erquickenden Schlummer. + +Am nächsten Tage setzte die übliche, etappenweise Rückbeförderung ein. Die +wüste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes. +Dann kam ich in die Hände der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind +bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal +der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem +männlichen, zielbewußten und zweckmäßigen Handeln des Krieges tauchte man +in eine Atmosphäre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme +bildete die abgeklärte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern. + +Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte +das Glück, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im +Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen +zusammen, der bereits zwölf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte +hatte ihm zuvor durch ein Geschoß den Oberarmknochen zersplittert. Auf +unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige +Kameraden, mit denen wir zu Abend aßen. Da unsere baldige Kriegstüchtigkeit +angezweifelt wurde, fühlten wir beide das unbedingte Bedürfnis, +verschiedentlich über einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns +sehr schlecht. Trotzdem fühlten wir uns recht bald wieder in Form für eine +neue Winterkampagne. Diese wurde vorläufig vertagt. Wir sollten uns bald an +anderen Kämpfen beteiligen, als uns geträumt. -- -- -- + +Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm: + +»Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le Mérite verliehen. +Ich beglückwünsche Sie im Namen der ganzen Division. + + General von Busse.« + +Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68, +Kochstr. 68-71. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jünger + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN STAHLGEWITTERN *** + +***** This file should be named 34099-8.txt or 34099-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/4/0/9/34099/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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