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+The Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jünger
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+
+Title: In Stahlgewittern
+ Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
+
+Author: Ernst Jünger
+
+Release Date: October 19, 2010 [EBook #34099]
+[Last updated. February 5, 2014]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN STAHLGEWITTERN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+ In Stahlgewittern
+ Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
+
+
+ Von
+ Ernst Jünger
+
+ Kriegsfreiwilliger, dann Leutnant und Kompagnieführer
+ im Füs. Regt. Prinz Albrecht v. Preußen (Hann. Nr. 73)
+ Leutnant im Reichswehr-Regiment Nr. 16 (Hannover)
+
+ Dritte Auflage
+ 6.--8. Tausend
+
+ _Mit dem Bilde des Verfassers_
+ Berlin 1922 / Verlag von E. S. Mittler & Sohn
+
+ Zur Erinnerung an meine gefallenen
+ Kameraden.
+
+ Herrn Hermann Stegemann
+ in Verehrung gewidmet
+
+ Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901
+ sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns. Der gewaltigste der
+Kriege ist uns noch zu nahe, als daß wir ihn ganz überblicken, geschweige
+denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren können. Eins hebt sich indes
+immer klarer aus der Flut der Erscheinungen: Die überragende Bedeutung der
+Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und
+Sprengstoff waren seine Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Material
+gewertet. Die Verbände wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der
+Front zur Schlacke zerglüht, zurückgezogen und einem schematischen
+Gesundungsprozeß unterworfen. »Die Division ist reif für den Großkampf.«
+
+Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine Farben; das
+Schlachtfeld eine Wüste den Irrsinns, in der sich das Leben kümmerlich
+unter Tage fristete. Nachts wälzten sich müde Kolonnen auf zermahlenen
+Straßen dem brandigen Horizont entgegen. »Licht aus!« Ruinen und Kreuze
+säumten den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte und Flüche
+unterbrachen das Knirschen der Riemen, das Klappern von Gewehr und
+Schanzzeug. Verschwommene Schatten tauchten aus den Rändern zerstampfter
+Dörfer in endlose Laufgräben.
+
+Nicht wie früher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht ziehende Kompagnien.
+Das wäre Hohn gewesen. Keine Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf über
+zerhackten Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem fröhlichen Reitertage,
+nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten umwand der Lorbeer die Stirn
+des Würdigen.
+
+Und doch hat auch dieser Krieg seine Männer und seine Romantik gehabt!
+Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil geworden wäre. Draufgänger,
+unbekannte, eherne Gesellen, denen es nicht vergönnt war, vor aller Augen
+sich an der eigenen Kühnheit zu berauschen. Einsam standen sie im Gewitter
+der Schlacht, wenn der Tod als roter Ritter mit Flammenhufen durch wallende
+Nebel galoppierte. Ihr Horizont war der Rand eines Trichters, ihre Stütze
+das Gefühl der Pflicht, der Ehre und des inneren Wertes. Sie waren
+Überwinder der Furcht; selten ward ihnen die Erlösung, dem Feinde in die
+Augen blicken zu können, nachdem alles Schreckliche sich zum letzten Gipfel
+getürmt und ihnen die Welt in blutrote Schleier gehüllt hatte. Dann ragten
+sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, Meister des
+Sprengstoffs. Dann wüteten ihre Urtriebe mit kompliziertesten Mitteln der
+Vernichtung.
+
+Doch auch wenn die Mühle des Krieges ruhiger lief, waren sie
+bewundernswert. Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom
+Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen. Wenn die
+Sonne hinter gezackten Schattenrissen von Ruinen versankt, entklirrten sie
+dem Pesthauch schwarzer Höhlen, nahmen ihre Wühlarbeit wieder auf oder
+standen, eiserne Pfeiler, nächtelang hinter den Wällen der Gräben und
+starrten in das kalte Silber zischender Leuchtkugeln. Oder sie schlichen
+als Jäger über klickenden Draht in die Öde des Niemandslandes. Oft
+zerrissen jähe Blitze das Dunkel, Schüsse knallten und ein Schrei verwehte
+ins Unbekannte. So arbeiteten und kämpften sie, schlecht verpflegt und
+bekleidet, als geduldige, eisenbeladene Tagelöhner des Todes.
+
+Manchmal kamen sie zurück, standen verträumt auf den Asphaltmeeren der
+Städte und schauten ungläubig auf das Leben, das strudelnd in seinen
+gewohnten Bahnen floß. Dann stürzten sie sich hinein, um keine Minute der
+kurzen Tage ungenützt verfließen zu lassen, tranken und küßten. Mit der
+ihnen Lebensform gewordenen Rücksichtslosigkeit schwangen sie in tollen
+Nächten den Becher, bis ihnen die Welt versank. Da ließ man die gefallenen
+Freunde leben und schierte sich den Teufel um den nächsten Tag. Und dann
+ging es wieder auf den gewohnten Straßen der Brandung zu.
+
+Das war der deutsche Infanterist im Kriege. Gleichviel wofür er kämpfte,
+sein Kampf war übermenschlich. Die Söhne waren über ihr Volk
+hinausgewachsen. Mit bitterem Lächeln lasen sie das triviale
+Zeitungsgewäsch, die ausgelaugten Worte von Helden und Heldentod. Sie
+wollten nicht diesen Dank, sie wollten Verständnis. Kein Dank kann groß
+genug sein. Ein Bild: der höchste Alpengipfel, ausgehauen zu einem Gesicht
+unter wuchtendem Stahlhelm, das still und ernst über die Lande schaut, den
+deutschen Rhein hinunter aufs freie Meer. -- Einst wird kommen der Tag
+. . .
+
+ * * * * *
+
+Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein
+Infanterist als Schütze und Führer während des großen Krieges inmitten
+eines berühmten Regimentes[1] erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es
+ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebücher.
+Ich habe mich bemüht, meine Impressionen möglichst unmittelbar zu Papier zu
+bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrücke verwischen und wie
+sie schon nach wenigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Es erforderte
+Energie, diesen Stapel von Notizbüchern zu füllen, in den kurzen Pausen des
+Geschehens, nach dem Tagewerk der Front, beim trüben Licht einer Kerze, auf
+den Treppen schmaler Stollenhälse, in zeltverhangenem Trichter oder
+feuchten Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe mir die
+Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt zur Idealisierung des
+Geleisteten, zur Vertuschung des Häßlichen, Kleinlichen und Alltäglichen.
+Unmerklich stempelt er sich zum »Helden«.
+
+Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion vor.
+Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war.
+
+Iliacos muros peccatur intra et extra. Der Grad der Sachlichkeit eines
+solchen Buches ist der Maßstab seines inneren Wertes. Der Krieg setzt sich
+wie alle menschlichen Handlungen aus Gut und Böse zusammen. Nur treten
+hier, wo sich die Kraft von Völkern aufs Höchste steigert, die Gegensätze
+noch greller hervor als sonst. Neben gipfelnden Werten gähnen dunkelste
+Abgründe. Da, wo ein Mensch die beinah göttliche Stufe der Vollkommenheit
+erreicht, die selbstlose Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode, findet
+sich ein anderer, der dem kaum Erkalteten gierig die Taschen durchwühlt.
+Von großen Worten Berauschte brechen im Moment der Gefahr elend zusammen.
+Männer, deren Gesinnung wie ein Fels schien, stellen sich in entscheidender
+Stunde »auf den Boden der Tatsachen«, ohne den Degen zu ziehen, der sonst
+so schallend gerasselt. Andere durchschwelgen die Nächte, in denen fernes
+Rot am Himmel glutet und leises Dröhnen mahnend an die Fenster schlägt.
+
+Das muß gesagt werden. Um so glänzender hebt sich aus diesem dunkeln
+Hintergrunde der wahre Mann, der unscheinbare, echte, vom Geist getriebene
+Krieger, der seine Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten. Was war
+dagegen der Rausch von 1914? Eine Massensuggestion! Und doch, wie viele
+habe ich kennengelernt, die unter dem grauen Tuch ein Herz von Gold und
+einen Willen von Stahl bargen, eine Auslese der Tüchtigsten, die sich dem
+Tode in die Arme warf -- mit stets gleichbleibender Freudigkeit. Ob ihr
+gefallen seid auf freiem Felde, das arme, von Blut und Schmutz entstellte
+Gesicht dem Feinde zu, überrascht in dunklen Höhlen oder versunken im
+Schlamm endloser Ebenen, einsame, kreuzlose Schläfer; das ist mir
+Evangelium: Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel
+ein anderes, größeres ist, als ihr erträumtet. Der Krieg ist der Vater
+aller Dinge. Kameraden, euer Wert ist unvergänglich, Euer Denkmal tief in
+den Herzen eurer Brüder, die mit Euch standen, vom flammenden Ringe
+umschlossen. Legten wir nicht weiße Bänder auf eure Wunden und sahen in
+eure brechenden Augen, als euch der Vorhang der Ewigkeit hochrauschte?
+
+Möge dies Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben von dem, was ihr
+geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins
+bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, an die herrlichste Armee,
+die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten
+wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der
+moralischen Verkümmerung und des Renegatentums ist stolzeste Pflicht eines
+jeden, der nicht nur mit Gewehr und Handgranate, sondern auch mit
+lebendigem Herzen für Deutschlands Größe kämpfte.
+
+[Fußnote 1: Das Stammregiment des Füsilier-Regiments Nr. 73, das vormals
+Königlich Hannoversche Garderegiment, verteidigte von 1779 bis 1783 fast
+vier Jahre lang unter General Elliot Gibraltar siegreich gegen die Spanier
+und Franzosen. Zur Erinnerung an diese ruhmvolle Waffentat trägt unser
+Regiment am Ärmel des Waffenrocks ein blaues Band mit der Aufschrift
+»Gibraltar«. Dasselbe Zeichen wird jetzt von der 5. Kompagnie des
+Reichswehr-Regiments Nr. 16 (Hannover) weitergetragen.]
+
+
+
+
+Vorwort zur 2. Auflage.
+
+
+Schneller als gedacht, wurde eine zweite Auflage Bedürfnis. Aus Zuschriften
+und Gesprächen ersah ich, daß der Zweck des Buches erreicht, der Geist der
+Leute am Feind getroffen war. Wer sollte ihn auch besser treffen als einer,
+der vier Jahre lang in allen Löchern und Höhlen der Westfront in ihrem
+Kreise hockte?
+
+Dies Interesse für das Geschehen einer Zeit, die uns zu Boden hagelte, ist
+von Bedeutung. Das Volk im ganzen hat nicht den Willen, das zu verleugnen,
+wofür Unzählige fielen. Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt
+sind. Sind zur Stunde noch die Nerven erschüttert vom Grauenhaften seiner
+äußeren Gestaltung, so wird er späteren Generationen vielleicht erscheinen
+wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister: Als großer Gedanke, der Nacht
+und Blut überstrahlt. Dann wird man wohl auch mit Rührung an uns
+zurückdenken, an uns und die Hoffnungen und Gefühle, die unsere Brust
+durchzuckten, als wir im Dunkel durch brüllende Wüsten irrten.
+
+Oder sollten Strömungen unserer Zeit dann schon so reißend geworden sein,
+daß niemand mehr versteht, wie wir das Leben geringer achten konnten als
+unsere Idee?
+
+Ich kann es nicht glauben.
+
+_Berlin_, im Juli 1921.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Vorwort
+ Orainville
+ Von Bazancourt bis Hattonchâtel
+ Les Eparges
+ Douchy und Monchy
+ Vom täglichen Stellungskampf
+ Der Auftakt zur Somme-Offensive
+ Guillemont
+ Am St. Pierre-Vaast
+ Der Somme-Rückzug
+ Im Dorfe Fresnoy
+ Gegen Inder
+ Langemarck
+ Regniéville
+ Noch einmal Flandern
+ Die Cambraischlacht
+ Am Cojeul-Bach
+ Die große Schlacht
+ Englische Vorstöße
+ Mein letzter Sturm
+
+
+
+
+Orainville.
+
+
+Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen
+aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takte des
+Walzwerkes der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit
+werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen
+Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam
+erschauern. Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten
+an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich
+rollendem Donner? Der eine früher, der andere später?
+
+Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den
+kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten
+Körper, Träger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre.
+Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die
+Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. Da hatte uns
+der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir
+hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mußte es uns ja
+bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein
+fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer
+Tod ist auf der Welt . . . . Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen
+dürfen!
+
+»In Gruppenkolonne antreten!« Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim
+Marsche durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und
+Gewehr drückten wie Blei. »Kurztreten. Aufbleiben dahinten!«
+
+ Ach, zu des Geistes Flügeln wird so bald
+ Kein körperlicher Flügel sich gesellen!
+
+Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des
+Füsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener Gegend, gebildet
+durch 50 Häuschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen um einen parkumschlossenen
+Herrensitz.
+
+Das Treiben auf der Dorfstraße bot den kulturgewohnten Augen einen fremden
+Anblick. Man sah nur wenige scheue und zerlumpte Zivilisten; überall
+Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist
+von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes
+dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Türen der Häuser standen
+und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. Irgendwo stand eine nach
+Erbsensuppe duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern
+umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den beginnenden Verfall
+des Dorfes noch gesteigert.
+
+Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten,
+wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem damaligen
+Oberleutnant v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie überwiesen.
+
+Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne uns einen
+entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saßen in der uns als Quartier
+angewiesenen Schule und frühstückten. Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer
+Erschütterungen in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten dem
+Dorfeingang zustürzten. Wir befolgten dies Beispiel, ohne recht zu wissen
+warum. Wieder ertönte ein eigenartiges, nie gehörtes Flattern und Rauschen
+über uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die
+Leute um mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung.
+
+Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der menschenleeren
+Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten Händen schwarze Bündel
+schleppend. Mit einem merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit
+starrte ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper
+herabhängendem Bein, die unaufhörlich ein heiseres »Zu Hilfe!« hervorstieß
+und in ein Haus getragen wurde, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge
+herabwehte. -- Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und
+die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so unpersönlich.
+Kaum, daß man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tückische
+Wesen irgendwo dahinten. Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende
+Ereignis machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die
+Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung am
+hellen Mittag.
+
+Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke
+von Steinen und Sprengstücken in den Eingang geschleudert, gerade, als die
+durch die ersten Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten.
+Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den
+hannoverschen Promenaden-Konzerten her wohlbekannte Erscheinung. Ein
+angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, riß sich
+wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den
+Schloßhof.
+
+Im Gespräch mit meinen Kameraden merkte ich, daß dieser Zwischenfall
+manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedämpft hatte. Daß er auch auf mich
+stark gewirkt hatte, ersah ich aus zahlreichen Gehörstäuschungen, die mir
+das Rollen jedes vorüberfahrenden Wagens in das fatale Geräusch der
+Unglücks-Granate verwandelten.
+
+Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte Augenblick, in dem wir,
+schwer bepackt, zur Kampfstellung aufbrachen. Durch die aus phantastischem
+Halbdunkel ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt führte unser Weg nach
+einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause, der sogenannten
+»Fasanerie«, wo die Regiments-Reserve lag, der bis zu dieser Nacht auch die
+dort liegende 9. Kompagnie angehörte. Ihr Führer war der Leutnant d. R.
+Brahms.
+
+Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen verteilt und befanden uns
+bald im Kreise bärtiger, lehmbekrusteter Gesellen, die uns mit einem
+gewissen ironischen Wohlwollen begrüßten. Wir wurden gefragt, wie es in
+Hannover aussähe, und ob der Krieg denn noch nicht bald zu Ende gehen
+sollte. Dann drehte sich das Gespräch in eintöniger Kürze um Schanzen,
+Feldküche, Grabenstücke und andere Angelegenheiten den Stellungskrieges.
+
+Nach einiger Zeit erscholl vor der Tür unseres hüttenartigen Aufenthaltes
+der Ruf: »Heraustreten!« Wir traten bei unseren Gruppen an und stießen auf
+das Kommando: »Laden und Sichern!« mit geheimer Wollust einen Rahmen
+scharfer Patronen ins Magazin.
+
+Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet durch die nächtliche, von
+dunklen Waldstücken besäte Landschaft. Ab und zu verhallte ein einsamer
+Schuß, oder eine Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer,
+geisterhafter Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen.
+Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch den Warnungsruf:
+»Achtung, Draht!« unterbrochen. Wie oft bin ich nach diesem erstenmal in
+halb melancholischer, halb erregter Stimmung durch ausgestorbene
+Landschaften zur vorderen Linie geschritten!
+
+Endlich verschwanden wir in einem der Laufgräben, die sich wie weiße
+Schlangen durch die Nacht zur Stellung wanden. Dort fand ich mich einsam
+und fröstelnd zwischen zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm
+Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie mir allerhand
+Schattengestalten vorgaukelte, während ab und zu eine verirrte Kugel durchs
+Geäst klatschte. Die einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit
+war, daß ich von einem älteren Kameraden abgeholt wurde und mit ihm durch
+einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen Postenloch trottete, in
+dem wir wiederum damit beschäftigt waren, das Vorgelände zu betrachten.
+Zwei Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen, den Schlaf
+der Erschöpfung zu finden. Als der Morgen graute, war ich bleich und
+lehmbeschmiert wie die anderen, und es war mir, als ob ich dieses
+Maulwurfsleben schon monatelang geführt hätte.
+
+Die Stellung des Regiments wand sich durch den Kreidebogen der Champagne
+gegenüber dem Dorfe Le Gauda. Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes
+Waldstück, den Granat-Wald, lief dann durch riesige Zuckerrübenfelder, aus
+denen die roten Hosen gefallener Stürmer leuchteten, und endete in einem
+Bachgrund, über den die Verbindung mit dem Regiment 74 durch nächtliche
+Patrouillen aufrechterhalten wurde. Der Bach rauschte über das Wehr einer
+zerstörten, von finsteren Bäumen umringten Mühle. Ein unheimlicher
+Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken wechselnde
+Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln des Wassers und das
+Rascheln des Schilfes sich zu mischen schienen.
+
+Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben begann mit dem
+Einbruch der Dämmerung, während der die ganze Besatzung im Graben stehen
+mußte. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder
+Gruppe schlafen, so daß man einen Nachtschlaf von zwei Stunden genoß, der
+indes durch früheres Wecken, Strohholen und andere Beschäftigungen
+illusorisch gemacht wurde.
+
+Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog in eins der zahlreichen
+Postenlöcher, die mit der Stellung durch lange, ausgehobene Verbindungswege
+zusammenhingen; eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit der
+Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben wurde.
+
+Diese endlosen, furchtbar ermüdenden Nachtwachen waren bei klarem Wetter
+und selbst bei Frost noch erträglich, sie wurden jedoch qualvoll, wenn es,
+wie meist im Januar, regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die über den Kopf
+gezogene Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und stundenlang am
+Körper herunterrieselte, geriet man in eine Stimmung, die selbst durch das
+Rauschen der heranwatenden Ablösung nicht erhellt werden konnte. Die
+Morgendämmerung beleuchtete erschöpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die
+sich zähneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule Stroh der
+tropfenden Unterstände warfen. Diese Unterstände! Es waren nach dem Graben
+zu offene, in die Kreide gehauene Löcher mit einer Lage von Brettern und
+einigen Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch
+tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb mit
+entsprechenden Namen, wie »Tropfsteinhöhle«, »Zum Männerbad« usw.,
+bezeichnet. Wollten mehrere darin der Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen,
+ihre Beine als unfehlbare Fußangeln für jeden Vorübergehenden in den Graben
+zu legen. Unter diesen Umständen war natürlich auch tagsüber von Schlaf
+wenig die Rede. Außerdem mußte man noch zwei Stunden Tagesposten stehen,
+den Graben reinigen, Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr.
+
+Man wird begreifen, daß dieses ungewohnte Leben uns sehr hart vorkam,
+besonders da wir dazu von den meisten der alten Leute in jeder Weise
+schikaniert wurden. Diese aus der Kaserne in den Krieg mitgenommene
+Gewohnheit trug viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu
+verbittern, verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen Schlacht.
+Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache, daß wir uns freiwillig gemeldet
+hatten, schwer verständlich. Er sah das als einen gewissen Übermut an, eine
+Auffassung, der ich im Kriege oft begegnet bin.
+
+Die Zeit, während der die Kompagnie in Reserve lag, war nicht viel besser.
+Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten Erdhütten bei der Fasanerie oder
+im Hiller-Wäldchen, deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme
+Gärungswärme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in einer zolltiefen
+Wasserpfütze. Trotzdem ich Rheumatismus bislang nur dem Namen nach gekannt
+hatte, spürte ich schon nach wenigen Tagen infolge der dauernden
+Durchnässung Schmerzen in allen Gelenken. Die Nächte dienten auch hier
+nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen Annäherungsgräben
+zu vertiefen.
+
+Ein Lichtblick in diesem öden Einerlei war die allabendliche Ankunft der
+Feldküche an der Ecke des Hiller-Wäldchens, wo sich bei der Öffnung des
+Kessels ein köstlicher Duft nach Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen
+Sachen verbreitete. Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das
+Dörrgemüse, das von enttäuschten Gourmets als »Drahtverhau« oder
+»Flurschaden« geschmäht wurde.
+
+Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville, die mit Ausschlafen,
+Reinigen der Sachen und Exerzieren verbracht wurden. Die Kompagnie hauste
+in einer gewaltigen Scheune, die nur zwei hühnerleiterartige Treppen als
+Ein- und Ausgang hatte. Obwohl das Gebäude noch mit Stroh gefüllt war,
+standen Öfen darin. Eines Nachts rollte ich gegen den einen und erwachte
+erst infolge der Bemühungen einiger Kameraden, die mich kräftigen
+Löschversuchen unterzogen. Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß meine
+Uniform an der Rückseite arg verkohlt war, so daß ich längere Zeit in einem
+frackartigen Anzuge umherlaufen mußte.
+
+Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast alle Illusionen
+verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren
+hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nächte vorgefunden, zu deren
+Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum gehörte. Diese dauernde
+Überanstrengung war Schuld der Führung, die den Geist des neuartigen
+Stellungskrieges noch nicht erfaßt hatte. In einem kurzen,
+draufgängerischen Kriege kann und muß der Offizier die Mannschaft
+rücksichtslos erschöpfen, in einem sich lang hinschleppenden führt dies zu
+physischem und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl und die
+ununterbrochene Schanzarbeit war zum größten Teil unnötig und sogar
+schädlich. Nicht auf gewaltige Verschanzungen kommt es an, sondern auf den
+Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. »Eiserne Herzen auf
+hölzernen Schiffen gewinnen die Schlachten.«
+
+Wohl hörten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen auch ab und zu einige
+Granaten von den Reimser Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse
+blieben weit hinter unseren Erwartungen zurück. Trotzdem wurden wir
+manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem scheinbar
+absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am 8. Januar eine Granate in die
+Fasanerie und tötete den Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten.
+
+Am 27. Januar ließen wir unserem Kaiser zur Ehre drei kräftige Hurras
+erschallen und stimmten auf der langen Front, von feindlichen Gewehren
+begleitet, ein »Heil dir im Siegerkranz« an.
+
+In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmen Erlebnis, das meine
+militärische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen und unrühmlichen Abschluß
+gebracht hätte. Die Kompagnie lag am linken Flügel, und ich mußte mich
+gegen Morgen nach völlig durchwachter Nacht mit einem Kameraden in den
+Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich hatte der Kälte wegen
+verbotenerweise meine Decke um den Kopf geschlagen und lehnte an einem
+Baum, nachdem ich mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte.
+Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, griff danach -- die Waffe war
+verschwunden! Der revidierende Portepee-Träger, ein
+Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen und sie
+unbemerkt an sich genommen. Um mich zu bestrafen, schickte er mich
+eigenmächtig, nur mit einer Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die
+französischen Postierungen, ungefähr 100 Meter weit, vor, eine
+Indianeridee, die mich beinahe ums Leben gebracht hätte. Während meiner
+merkwürdigen Strafwache schlich nämlich eine Patrouille von drei
+Kriegsfreiwilligen durch das Schilf vor, wurde von den Franzosen bemerkt
+und beschossen. Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie
+wieder gesehen. Da ich ganz in der Nähe stand, bekam ich auch mein Teil von
+den damals so beliebten Gruppensalven ab, so daß mir die Zweige des
+Weidenbaumes, an dem ich stand, um die Ohren pfiffen. Ich biß die Zähne
+zusammen und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter
+diese Gemeinheit nie vergessen können.
+
+Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt wurde, daß wir diese
+Stellung endgültig verlassen sollten, und feierten unseren Abschied von
+Orainville durch einen kräftigen Bierabend in der großen Scheune. Am 4.
+Februar 1915 marschierten wir, von einem sächsischen Regiment abgelöst,
+nach Bazancourt.
+
+Dieser Monat war für mich, obwohl der härteste des ganzen Krieges, doch
+eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner
+schwersten Form gründlich kennengelernt. Das bewahrte mich später, als ich
+selbst führte, davor, von meinen Leuten Unmögliches zu verlangen.
+
+
+
+
+Von Bazancourt bis Hattonchâtel.
+
+
+In Bazancourt, einem öden Champagne-Städtchen, wurde die Kompagnie in der
+Schule einquartiert, die infolge des geradezu erstaunlichen Ordnungssinnes
+unserer Leute in kurzer Zeit das Aussehen einer Friedenskaserne annahm. Da
+gab es einen Unteroffizier vom Dienst, der Morgens pünktlich weckte,
+Stubendienst und allabendliche Appells durch die Korporalschaftsführer.
+Jeden Morgen rückten die Kompagnien aus, um auf den umliegenden Ödfeldern
+einige Stunden stramm zu exerzieren. Diesem Dienstbetrieb wurde ich nach
+einigen Tagen durch Abkommandierung zum Offizier-Aspiranten-Kursus in
+Recouvrence entzogen.
+
+Recouvrence war ein entlegenes, in lieblichen Kreidehügeln verstecktes
+Dörfchen, in das von der Division eine Anzahl junger Leute geschickt wurde,
+um durch den von jedem Regiment gestellten Offizier und einige
+Unteroffiziere eine gründliche militärische Ausbildung zu erhalten. Wir
+73er haben in dieser Beziehung dem äußerst fähigen, leider kurz darauf
+gefallenen Leutnant Hoppe viel zu verdanken.
+
+Das Leben in diesem weltabgeschiedenen Neste setzte sich aus einer
+merkwürdigen Mischung von Kasernendrill und akademischer Freiheit zusammen.
+Tagsüber wurden die Zöglinge nach allen Regeln der Kunst zum militärischen
+Menschen geschliffen, abends versammelten sie sich mit ihren Lehrern um
+riesige Fässer, wo in ebenso gründlicher Weise gezecht wurde. Wenn in den
+Morgenstunden die verschiedenen Abteilungen aus ihren Kneiplokalen
+strömten, hatten die kleinen Kreidesteinhäuser den ungewohnten Anblick
+eines studentischen Walpurgistreibens. Unser Kursusleiter, ein Hauptmann,
+hatte übrigens die erzieherische Gewohnheit, den Dienst an den
+darauffolgenden Tagen mit doppelter Energie zu handhaben.
+
+Unser Verkehr untereinander war, wie bei Leuten derselben Bildungsstufe
+unter diesen Verhältnissen selbstverständlich, sehr kameradschaftlich. Wir
+wohnten zu dritt oder viert zusammen und führten gemeinsame Wirtschaft.
+Besonders ist mir noch unser regelmäßiges Abendessen von Rührei und
+Bratkartoffeln in guter Erinnerung. Sonntags leisteten wir uns das
+landessübliche Kaninchen oder einen Hahn. Da ich den Einkauf für den
+Abendtisch besorgte, legte mir unsere Wirtin einmal eine Anzahl von Bons
+vor, die sie von requirierenden Soldaten erhalten hatte; meist des Inhalts,
+daß der Füsilier N. N. der Tochter des Hauses Liebenswürdigkeiten erwiesen
+und dafür 12 Eier requiriert habe. Zur Anführung ist diese ergötzliche
+Blütenlese des Volkshumors leider durchweg zu saftig.
+
+Mitte Februar wurden wir 73er durch die Nachricht der großen Verluste
+unseres Regiments bei Perthes überrascht und waren sehr traurig, diese Tage
+fern von unseren Kameraden verbracht zu haben. Am 21. März kamen wir nach
+einem kleinen Examen zum Regiment zurück, das wieder in Bazancourt lag. Es
+schied in diesen Tagen nach einer großen Parade und einer
+Abschiedsansprache des Generals von Emmich aus dem Verbande des X. Korps.
+Wir wurden am 24. März verladen und fuhren bis in die Gegend von Brüssel,
+wo wir mit den Regimentern 76 und 164 zur 111. Infanterie-Division
+zusammengestellt wurden.
+
+Unser Bataillon wurde in dem Städtchen Hérinnes (flämisch: Herne)
+untergebracht, inmitten einer Landschaft von flämischer Behaglichkeit. Ich
+erlebte hier recht glücklich meinen 20. Geburtstag.
+
+Obwohl die Belgier in ihren Häusern genügend Platz hatten, wurde unsere
+Kompagnie aus falscher Rücksichtnahme in eine große zugige Scheune
+gesteckt, durch die während der kalten Märznächte der rauhe Seewind jener
+Gegend pfiff. Sonst war uns der Aufenthalt in Herne eine gute Erholung; es
+wurde zwar viel exerziert, doch gab es auch gute Verpflegung und
+Lebensmittel für geringes Geld.
+
+Die halb aus Flamen, halb aus Wallonen bestehende Bevölkerung war sehr
+freundlich zu uns. Ich unterhielt mich oft mit dem Besitzer eines
+Estaminets, einem eifrigen Sozialisten und Freigeist, der mich am
+Ostersonntag zum Festmahl einlud und sogar für seine Getränke kein Geld
+nehmen wollte. Man kann sich kaum vorstellen, wie wohltuend eine solche
+Begegnung inmitten der rauhen Schule der Feldkameradschaft wirkt.
+
+Gegen Ende unseres Aufenthaltes wurde das Wetter schön und lud zu
+Spaziergängen in der lieblichen, wasserreichen Umgebung ein. Die Landschaft
+war malerisch verziert durch die vielen entkleideten Kriegsleute, die, ihre
+Wäsche auf dem Schoß, längs der pappelumsäumten Bachufer eifrig der
+Läusejagd oblagen. Von dieser Plage bislang ziemlich verschont geblieben,
+war ich indes meinem Kriegskameraden Priepke, einem Hamburger
+Exportkaufmann, behilflich, in seine wollene Weste, die bevölkert war wie
+weiland das Habit Simplicii Simplicissimi, zu Desinfektionszwecken einen
+schweren Stein zu wickeln und sie in einen Bach zu versenken. Da unser
+Aufbruch von Herne sehr plötzlich erfolgte, wird sie sich dort wohl noch
+heute eines ungestörten Aufenthalts erfreuen.
+
+Am 12. April 1915 wurden wir in Hal verladen und fuhren, um Spione zu
+täuschen, über den Nordflügel der Front in die Gegend des Schlachtfeldes
+von Mars-la-Tour. Die Kompagnie bezog ihr gewohntes Scheunen-Quartier im
+Dorfe Tronville, einem der üblichen langweiligen, aus flachdächrigen,
+fensterlosen Steinkästen zusammengewürfelten lothringischen Drecknester.
+Der Fliegergefahr wegen mußten wir uns meist in dem überfüllten Orte
+aufhalten, in dessen Nähe die berühmten Stätten von Mars-la-Tour und
+Gravelotte liegen. Wenige hundert Meter vom Dorfe wurde die Straße nach
+Gravelotte von der Grenze geschnitten, an der der französische Grenzpfahl
+zerschmettert am Boden lag. Abends machten wir uns oft das wehmütige
+Vergnügen eines Spazierganges nach Deutschland.
+
+Unsere Scheune war so baufällig, daß man balancieren mußte, um nicht durch
+die morschen Bretter auf die Tenne zu stürzen. An einem Abend, als unsere
+Gruppe gerade unter Vorsitz ihres biederen Korporals Kerkhoff beschäftigt
+war, auf einer Krippe die Portionen zu teilen, löste sich ein ungeheurer
+Eichklotz aus dem Gebälk und stürzte krachend herunter. Zum Glück klemmte
+er sich dicht über unseren Köpfen zwischen zwei Lehmwänden. Wir kamen mit
+dem Schrecken davon, aber unsere schöne Fleischportion war durch den
+aufgewirbelten Schutt ungenießbar geworden. Kaum hatten wir uns an diesem
+ominösen Abend niedergelegt, als kräftig an das Tor gedonnert wurde und die
+alarmierende Stimme des Feldwebels uns vom Lager trieb. Zuerst, wie immer
+in solchen Augenblicken, ein Moment der Stille, dann wirres Durcheinander
+und Gepolter: »Mein Helm! Wo ist mein Brotbeutel? Ich kriege meine Stiefel
+nicht an! Du hast meine Patronen geklaut! Hol't Mul, du August!«
+
+Zuletzt war doch alles fertig, und wir marschierten zum Bahnhof von
+Chamblay, von wo wir in einigen Minuten mit der Bahn bis Pagny-sur-Moselle
+fuhren. In den Morgenstunden erklommen wir die Moselhöhen und, blieben in
+Prény, einem romantischen, von einer Burgruine überragten Bergdorf. Diesmal
+war unsere Scheune ein mit aromatischem Bergheu gefüllter Steinbau, aus
+dessen Luken wir auf die weinbepflanzten Moselberge und das im Tal gelegene
+Städtchen Pagny blicken konnten, das oft mit Granaten und Fliegerbomben
+belegt wurde. Einige Male schlug ein Geschoß in die Mosel, eine turmhohe
+Wassersäule hochschleudernd.
+
+Das warme Wetter und die prächtige Landschaft wirkten wahrhaft belebend auf
+uns und reizten in den Freistunden zu langen Spaziergängen. Wir waren so
+übermütig, daß wir abends noch einige Zeit ulkten, bevor alles zur Ruhe
+kam. Unter anderem war es ein beliebter Scherz, Schnarchern aus einer
+Feldflasche Wasser oder Kaffee in den Mund zu gießen.
+
+Am Abend des 22. April marschierten wir von Prény ab, legten über 30
+Kilometer bis zum Dorfe Hattonchâtel zurück, ohne trotz dem schweren Gepäck
+einen Marschkranken zu haben, und schlugen rechts von der berühmten Grande
+Tranchée mitten im Walde Zelte auf. Es war aus allen Anzeichen zu ersehen,
+daß wir am nächsten Tage ins Gefecht kommen würden. Wir empfingen
+Verbandpäckchen, zweite Fleischbüchsen und Signalflaggen für die
+Artillerie.
+
+Am Abend saß ich noch lange in jener ahnungsvollen Stimmung, von der die
+Krieger aller Zeiten zu erzählen wissen, auf einem von blauen Anemonen
+umwucherten Baumstumpf, ehe ich über die Reihen der Kameraden an meinen
+Zeltplatz kroch, und träumte in der Nacht wirres Zeug zusammen, in dem ein
+Totenkopf die Hauptrolle spielte. Priepke, dem ich am Morgen davon
+erzählte, hoffte, daß es ein Franzosenschädel gewesen sei.
+
+
+
+
+Les Eparges.
+
+
+Das junge Grün des Waldes schimmerte im Morgen. Wir wanden uns durch
+versteckte Wege zu einer engen Schlucht hinter der vorderen Linie. Es war
+bekanntgegeben, daß das Regiment 76 nach 20minutiger Feuervorbereitung
+stürmen und wir als Reserve bereitstehen sollten. Punkt 12 Uhr eröffnete
+unsere Artillerie eine heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten
+widerhallte. Zum ersten Male vernahmen wir hier das schwere Wort:
+Trommelfeuer. Wir saßen auf den Tornistern, untätig und erregt. Eine
+Ordonnanz stürzte zum Kompagnieführer. Hastige Worte. »Die drei ersten
+Gräben sind in unserer Hand, sechs Geschütze erbeutet!« Ein Hurra flammte
+auf. Draufgängerstimmung erwachte.
+
+Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir zogen in langer Reihe nach vorn, von
+wo verschwommenes Gewehrfeuer prasselte. Es wurde ernst. Zur Seite des
+Waldpfades dröhnten in einem Tannendickicht dumpfe Stöße, Zweige und Erde
+rauschten nieder. Ein Ängstlicher warf sich unter erzwungenem Gelächter der
+Kameraden zu Boden. Dann glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen:
+»Sanitäter nach vorn!«
+
+Auf der Grande Tranchée hasteten Truppen vor. Um Wasser flehende Verwundete
+kauerten am Straßenrand, bahrentragende Gefangene keuchten zurück, Protzen
+rasselten im Galopp durchs Feuer. Rechts und links stampften Granaten den
+weichen Boden, schweres Geäst brach nieder. Mitten im Wege lag ein totes
+Pferd mit riesigen Wunden, daneben dampfende Eingeweide. An einem Baume
+lehnte ein bärtiger Landwehrmann: »Jungens, jetzt feste ran, der Franzmann
+ist im Laufen!«
+
+Wir gelangten in das kampfzerwühlte Reich der Infanterie. Der Umkreis der
+Sturmausgangsstellung war von Geschossen kahl geholzt. Im zerrissenen
+Zwischenfelde lagen die Opfer des Sturmes, den Kopf feindwärts; die grauen
+Röcke hoben sich kaum vom Boden ab. Eine Riesengestalt, mit rotem,
+blutbesudeltem Vollbart starrte zum Himmel, die Fäuste in die lockere Erde
+gekrallt. Ein junger Mensch wälzte sich in einem Trichter, die gelbliche
+Farbe des Todes auf den Zügen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm, mit
+einer gleichgültigen Bewegung zog er sich den Mantel über den Kopf und
+wurde still.
+
+Wir lösten uns aus der Marschkolonne. Fortwährend zischte es in langem,
+scharfem Bogen heran, Blitze wirbelten den Boden der Lichtung hoch.
+»Sanitäter!« Wir hatten den ersten Toten. Dem Füsilier S. zerriß eine
+Schrapnellkugel die Halsschlagader. Drei Verbandpäckchen waren im Nu
+vollgesogen. Er verblutete in Sekunden. Neben uns protzten zwei Geschütze
+ab, noch stärkeres Feuer anziehend. Ein Artillerieleutnant, der im
+Vorgelände nach Verwundeten suchte, wurde durch eine vor ihm hochfahrende
+Dampfsäule niedergeschleudert. Er erhob sich langsam und kam mit markierter
+Ruhe zurück. »Eben ziemlichen Torkel entwickelt!« Unsere Augen glänzten ihn
+an.
+
+Es dunkelte, als wir den Befehl zu weiterem Vorrücken erhielten. Unser Weg
+führte uns durch dichtes, geschoßdurchklatschtes Unterholz in einen
+endlosen Laufgraben, den fliehende Franzosen mit Gepäck bestreut hatten. In
+der Nähe des Dorfes Les Eparges mußten wir, ohne Truppen vor uns zu haben,
+eine Stellung in festes Gestein hauen. Zuletzt sank ich in einen Busch und
+schlief ein.
+
+»Mensch, aufstehen, wir rücken ab!« Ich erwachte in taufeuchtem Grase.
+Durch die sausende Garbe eines Maschinengewehres stürzten wir in unseren
+Laufgraben zurück und besetzten eine verlassene französische Stellung am
+Waldsaume. Ein süßlicher Geruch und ein im Drahtverhau hängendes Bündel
+erweckten meine Aufmerksamkeit. Ich sprang im Morgennebel aus dem Graben
+und stand vor einer zusammengeschrumpften französischen Leiche.
+Fischartiges, verwestes Fleisch leuchtete grünlichweiß aus zersetzter
+Uniform. Mich umwendend prallte ich entsetzt zurück: Neben mir kauerte eine
+Gestalt an einem Baum. Leere Augenhöhlen und wenige Büschel Haar auf dem
+schwarzbraunen Schädel verrieten, daß ich es mit keinem Lebenden zu tun
+hatte. Ringsumher lagen noch Dutzende von Leichen, verwest, verkalkt, zu
+Mumien gedörrt, in unheimlichem Totentanz erstarrt. Die Franzosen mußten
+monatelang neben den gefallenen Kameraden ausgehalten haben, ohne sie zu
+bestatten.
+
+In den Vormittagsstunden durchbrach die Sonne den Nebel und entsandte eine
+behagliche Wärme. Nachdem ich etwas auf der Grabensohle geschlafen hatte,
+ging ich durch den vereinsamten, am Vortage erstürmten Graben, dessen Boden
+mit Bergen von Proviant, Munition, Ausrüstungsstücken, Waffen und Zeitungen
+bedeckt war. Die Unterstände glichen geplünderten Trödelläden. Dazwischen
+lagen die Leichen tapferer Verteidiger, deren Gewehre noch in den
+Schießscharten steckten. Aus zerschossenem Gebälk ragte ein eingeklemmter
+Rumpf. Kopf und Hals waren abgeschlagen, weiße Knorpel glänzten aus
+rötlich-schwarzem Fleisch. Es wurde mir schwer, zu verstehen. Daneben ein
+ganz junger Mensch auf dem Rücken, die glasigen Augen und die Fäuste im
+Zielen erstarrt. Ein seltsames Gefühl, in solche toten, fragenden Augen zu
+blicken. Ein Schaudern, das ich im Kriege nie ganz verloren habe. Neben ihm
+lag seine arme, ausgeplünderte Börse.
+
+Mit zunehmender Klarheit verstärkte sich das Artilleriefeuer und steigerte
+sich bald zu wüstem Tanze. Ich kehrte zu meiner Gruppe zurück. In immer
+kürzeren Pausen flammte es um uns auf. Weißes, schwarzes und gelbes Gewölk
+mischte sich. Manchmal erdröhnten Schläge von unheimlicher Brisanz,
+dazwischen schwirrten mit eigenartigem Singen die Zünder. Bald war der Wald
+in Brand geschossen, Flammen kletterten knatternd an den Bäumen empor. Ich
+saß mit einem Kameraden auf einer in den Lehm der Grabenwand gestochenen
+Bank, während neben uns ein hagerer Rekrut vor Angst an allen Gliedern
+schlotterte. Mein Gefährte machte sich den grausamen Scherz, heimlich eine
+Handvoll aufgeraffter Schrapnellkugeln neben ihn zu schleudern.
+
+Ich beobachtete mit merkwürdiger Ruhe das Vorgelände. »Sie wissen ja gar
+nicht, wo du bist. -- Sie können dich gar nicht sehen, sie schießen ja ganz
+wo anders hin.« Es war der Mut der Unerfahrenheit. Plötzlich knallte das
+Brett der Schießscharte, und ein Infanteriegeschoß schlug zwischen unseren
+Köpfen in den Lehm. In diesem Augenblick tauchte ein Mann an der Ecke
+unseres Grabenstückes auf: »Nach links folgen!« Wir gaben den Befehl weiter
+und schritten die rauchdurchschwelte Stellung entlang. Gerade waren die
+Essenholer zurückgekommen und Hunderte von verlassenen Kochgeschirren
+dampften auf der Brustwehr. Wer mochte jetzt essen? Eine Menge Verwundeter
+mit blutdurchtränkten Verbänden preßte sich an uns vorüber, die Aufregung
+des Kampfes auf den bleichen Gesichtern. Die Ahnung einer schweren Stunde
+türmte sich vor uns auf. »Vorsicht, Kameraden, mein Arm, mein Arm!« »Los,
+los, Mensch, halt Anschluß!«
+
+Der Graben endete in einem Waldstück. Unentschlossen standen wir unter
+gewaltigen Buchen. Aus dichtem Unterholz tauchte unser Zugführer, ein
+Leutnant, auf und rief dem ältesten Unteroffizier zu: »Lassen Sie
+ausschwärmen in Richtung auf die untergehende Sonne und Stellung nehmen.
+Meldungen erreichen mich im Unterstande an der Lichtung.« Fluchend übernahm
+jener das Kommando.
+
+Der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Leute machte, ist mir während
+meiner ganzen Führerzeit eine eindringliche Lehre gewesen. Später lernte
+ich diesen Offizier, der sich noch oft auszeichnete, als Kameraden kennen
+und erfuhr, daß er dort Wichtiges zu tun gehabt. Gleichviel, der Offizier
+darf sich unter keinen Umständen in der Gefahr von der Mannschaft trennen.
+Die Gefahr ist der vornehmste Augenblick seines Berufes, da gilt es,
+gesteigerte Männlichkeit zu beweisen. Ehre und Ritterlichkeit erheben ihn
+zum Herrn der Stunde. Was ist erhabener, als hundert Männern
+voranzuschreiten in den Tod? Gefolgschaft wird solcher Persönlichkeit nie
+versagt, die mutige Tat fliegt wie Rausch durch die Reihen.
+
+Wir schwärmten aus und legten uns erwartungsvoll in eine Reihe flacher
+Mulden, von irgendwelchen Vorgängern ausgehoben. Mitten in scherzende
+Zurufe schnitt markerschütterndes Geheul. Zwanzig Meter hinter uns
+wirbelten Erdklumpen aus weißer Wolke und klatschten hoch ins Geäst.
+Vielfach rollte der Schall durch den Wald. Beklommene Augen starrten sich
+an, Körper schmiegten sich in niederdrückendem Gefühl völliger Ohnmacht an
+den Boden. Schuß folgte auf Schuß. Stickige Gase schwammen im Unterholz,
+Qualm verhüllte die Gipfel, Bäume und Zweige stürzten rauschend zu Boden,
+Schreie wurden laut. Wir sprangen hoch und rannten blindlings, von Blitzen
+und betäubendem Luftdruck gehetzt, von Baum zu Baum, Deckung suchend und
+wie gejagtes Wild riesige Stämme umkreisend. Ein Unterstand, in den viele
+liefen, erhielt einen Treffer, der den dicken Balkenbelag hochriß.
+
+Ich eilte mit dem Unteroffizier keuchend um eine mächtige Buche. Plötzlich
+blitzte es in dem weit ausgreifenden Wurzelwerk, und ein Schlag gegen den
+linken Oberschenkel warf mich zu Boden. Ich glaubte, von einem Erdklumpen
+getroffen zu sein, doch belehrte mich reichlich strömendes Blut bald, daß
+ich verwundet war. Es zeigte sich später, daß mir ein haarscharfer Splitter
+eine Fleischwunde geschlagen hatte, nachdem seine Wucht durch meine dicke
+Leder-Geldtasche abgeschwächt war.
+
+Ich warf meinen Tornister fort und rannte dem Graben zu, aus dem wir
+gekommen waren. Von allen Seiten strebten Verwundete aus dem beschossenen
+Gehölz strahlenförmig darauf zu. Der Durchgang war entsetzlich, von
+Schwerverwundeten und Sterbenden versperrt. Eine bis zum Gürtel entblößte
+Gestalt mit aufgerissenem Rücken lehnte an der Grabenwand. Ein anderer, dem
+ein dreieckiger Lappen vom Hinterschädel herabhing, stieß fortwährend
+schrille, erschütternde Schreie aus. -- Und immer neue Einschläge.
+
+Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen.
+Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen.
+Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz
+einfach Angst, blasse, sinnlose Angst. Ich habe später noch oft
+kopfschüttelnd an jene Momente zurückgedacht.
+
+In der Nähe lag ein mit Stämmen gedeckter Sanitätsunterstand, in dem ich
+die Nacht, eng zusammengedrängt mit vielen Verwundeten, verbrachte. Ein
+abgespannter Arzt stand mitten im Gewühl stöhnender Menschen, verband,
+machte Einspritzungen und gab mit ruhiger Stimme Ermahnungen. Als ich am
+nächsten Morgen fortgetragen wurde, durchbohrte ein Splitter das Segeltuch
+der Tragbahre zwischen meinen Knien.
+
+Ich wurde über die immer noch schwer beschossene Grande Tranchée zum
+Hauptverbandplatze und dann in die Kirche des Dorfes St. Maurice
+transportiert. Neben mir im stampfenden Lazarettwagen lag ein Mann mit
+Bauchschuß, der die Kameraden flehentlich bat, ihn mit der Pistole des
+Sanitäters zu erschießen. In St. Maurice stand schon ein Lazarettzug unter
+Dampf, der uns in zwei Tagen nach Heidelberg beförderte. Beim Anblick der
+von blühenden Kirschbäumen bekränzten Neckarberge empfand ich ein
+eigentümliches, starkes Heimatgefühl. Wie schön war doch das Land, wohl
+wert, dafür zu bluten und zu sterben.
+
+Die Schlacht von Les Eparges war meine erste. Sie war ganz anders, als ich
+gedacht. Ich hatte an einer großen Kampfhandlung teilgenommen, ohne einen
+Gegner zu Gesicht bekommen zu haben. Erst viel später erlebte ich den
+Zusammenprall, den Gipfelpunkt des modernen Kampfes im Erscheinen des
+Infanteristen auf freiem Felde, das für entscheidende, mörderische
+Augenblicke die chaotische Leere des Schlachtfeldes unterbricht.
+
+
+
+
+Douchy und Monchy.
+
+
+Meine Wunde war in vierzehn Tagen geheilt; ich wurde zum Ersatzbataillon
+nach Hannover entlassen und meldete mich dort als Fahnenjunker. Nachdem ich
+einen Kursus in Döberitz besucht hatte und zum Fähnrich befördert war, fuhr
+ich im September 1915 zum Regiment zurück.
+
+Ich verließ mit einer Abteilung Ersatz beim Sitze des Divisionsstabes, dem
+Dorfe St. Léger, den Zug und marschierte nach Douchy, dem Ruheorte des
+Regiments. Vorn war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob
+sich, eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelände. Über uns knatterten
+die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein Fesselballon schien uns
+erspäht zu haben, am Dorfeingang sprang der schwarze Kegel einer Granate
+vor uns auf. Ich bog ab und führte die Kolonne auf Umwegen in den Ort.
+
+Douchy, das Ruhedorf des Füsilier-Regiments 73, war von mittlerer Größe und
+hatte durch den Krieg noch wenig gelitten. Dieser im wellenförmigen Gelände
+des Artois gelegene Platz wurde dem Regiment während seines
+eineinhalbjährigen Stellungskampfes in jener Gegend zur zweiten Garnison,
+zu einer Stätte der Erholung und inneren Festigung nach schweren Tagen des
+Kampfes und der Arbeit in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns
+durch dunkle Regennächte ein einsames Licht vom Dorfeingang
+entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein Dach über dem Kopf und sein
+einfaches, ungestörtes Lager. Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage,
+wenn man gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt hatte. Auf
+den umliegenden Wiesen wurde exerziert und Turnspiele veranstaltet, um die
+eingerosteten Knochen gelenkig zu machen und das Zusammengehörigkeitsgefühl
+der in langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken. Das gab
+Spannkraft für neue, lastenreiche Tage. In der ersten Zeit marschierten die
+Kompagnien abwechselnd in die vordere Linie zu nächtlicher Schanzarbeit.
+Diese anstrengende Doppelbeschäftigung unterblieb später auf Anordnung
+unseres Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer Stellung beruht auf
+der Frische und dem unerschöpften Mut ihrer Verteidiger, nicht auf dem
+verschlungenen Bau ihrer Annäherungswege und der Tiefe der Kampfgräben.
+
+In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern manche Quelle
+ungezwungener Erholung. Zahlreiche Kantinen waren reichlich versehen mit
+Eß- und Trinkbarem; es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und später
+sogar, kunstvoll in eine große Scheune eingebaut, ein Lichtspiel. Die
+Offiziere hatten ein vorzüglich eingerichtetes Kasino und eine Kegelbahn im
+Garten des Pfarrhauses. Oft wurden große Kompagniefeste gefeiert, bei denen
+Offiziere und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten.
+
+Da die Zivilbevölkerung noch im Dorfe wohnte, mußte der vorhandene Raum in
+jeder Weise ausgenutzt werden. In den Gärten waren zum Teil Baracken und
+Wohnunterstände erbaut; ein großer Obstgarten in der Mitte des Dorfes war
+zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz, zum Lustgarten
+umgewandelt. Am Emmich-Platz lagen in zwei mit Baumstämmen bedeckten
+Unterständen die Rasierstube und die Zahnstation. Eine große Wiese neben
+der Kirche diente als Begräbnisplatz, zu dem fast täglich eine Kompagnie
+marschierte, um einem oder vielen Kameraden unter den Klängen eines Chorals
+das letzte Geleit zu geben.
+
+Die französische Bevölkerung war am Ausgange nach Monchy kaserniert. Meist
+scheue, mitleiderweckende Gestalten, die schwer am Kriege zu tragen hatten.
+Ahnungslose Kinder spielten vor den Schwellen der baufälligen Häuser, und
+Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen mit brutaler
+Rücksichtslosigkeit die Stätten entfremdete, an denen sie ihr Leben
+verbracht hatten. Die jungen Leute mußten jeden Morgen antreten und wurden
+vom Ortskommandanten, dem Oberleutnant Oberländer, der ein strenges
+Regiment führte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung eingeteilt. Wir
+kamen mit den Einheimischen nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wäsche zum
+Reinigen brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen
+waren äußerst selten; die Erotik fand keinen Raum in dem wüsten,
+zerrüttenden Getriebe.
+
+Eine merkwürdige Erscheinung war der völlige Anschluß zweier verwaister
+kleiner Franzosen an die Truppe. Die beiden Jungen, von denen der eine
+acht, der andere zwölf Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau
+gekleidet, sprachen fließend deutsch und grüßten alle Vorgesetzten auf der
+Straße vorschriftsmäßig. Von ihren Landsleuten sprachen sie, wie sie es den
+Soldaten abgesehen hatten, nur verächtlich als »Schangels«. Ihr größter
+Wunsch war, einmal mit ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu dürfen. Sie
+konnten tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flügel und
+baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach Cambrai begleiten
+wollten, um Urlaub. Als das zweite Bataillon für einige Wochen zur
+Ausbildung nach Quéant kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des
+Oberstleutnants von Oppen in Douchy zurückbleiben, um der Zivilbevölkerung
+keinen Anlaß zu unwahren Gerüchten zu geben; er wurde auch während des
+Marsches nicht mehr gesehen, sprang aber bei der Ankunft des Bataillons
+ganz vergnügt aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider
+nahmen unvernünftige Leute die Kleinen öfters mit in die Kantine und
+machten sich den schlechten Spaß, ihnen Alkohol zu geben. Der Ältere soll
+später nach Deutschland auf Unteroffiziersschule geschickt worden sein.
+
+Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag Monchy-au-bois, das Dorf, in
+dem die beiden Reserve-Kompagnien des Regiments untergebracht waren. Es war
+im Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kämpfe gewesen, zuletzt war es in
+deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen Halbkreis um die Trümmer
+des ehemals reichen Ortes zum Stehen gekommen.
+
+Nun waren die Häuser ausgebrannt und zusammengeschossen, die verwilderten
+Gärten von Granaten durchfurcht und die Obstbäume geknickt. Das Steingewirr
+war durch Gräben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Stützpunkte zur
+Verteidigung eingerichtet. Die Straßen konnten von einem im Mittelpunkte
+liegenden Betonklotz, der »Feste Torgau«, unter Maschinengewehrfeuer
+genommen werden. Ein anderer Stützpunkt war die »Feste Altenburg«, ein
+Feldwerk rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie beherbergte.
+Sehr wichtig für die Verteidigung war ein Bergwerk, dem in Friedenszeiten
+der Kreidestein zum Bau der Häuser entnommen war, und das wir nur durch
+Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer in einen
+Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen und dabei ein sich
+höhlenartig erweiterndes Loch bemerkt. Man untersuchte die Sache, und
+nachdem noch ein zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere
+Unterkunft für eine große Zahl von Kämpfern.
+
+Auf der einsamen Höhe am Wege nach Ransart lag eine Ruine, ein ehemaliges
+Estaminet, wegen des weiten Ausblicks auf die Front Bellevue genannt, ein
+Ort, der mich trotz seiner gefährlichen Lage besonders anzog. Die
+Verlassenheit und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der
+Geschütze unterbrochen, verstärkten den traurigen Eindruck der Zerstörung.
+Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen in
+grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug, Granatzünder, tiefe Trichter der
+krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegeräte, zerfetzte Bücher,
+zerschlagenes Hausgerät, Löcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller
+verrät, in dem vielleicht die Gerippe der unglücklichen Hansbewohner von
+den überaus geschäftigen Rattenschwärmen benagt werden, ein
+Pfirsichbäumchen, das seiner stützenden Mauer beraubt ist und hilfesuchend
+seine Arme ausstreckt, in den Ställen die noch an der Kette hängenden
+Skelette der Haustiere, im verwüsteten Garten Gräber, dazwischen grünend,
+tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber und Narzissen, auf
+den benachbarten Feldern Getreidediemen, auf deren Dächern schon die Körner
+wuchern; all das durchzogen von einem halbverschütteten Laufgraben, umgeben
+vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige Gedanken beschleichen
+den Krieger, dessen Fuß auf den Trümmern einer solchen Stätte ruht, wenn er
+derer gedenkt, die noch vor kurzem hier friedlich lebten.
+
+Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das
+Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgräben verbunden war. Sie war in
+zwei Unterabschnitte, Monchy-Süd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten
+sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte A bis F. Die bogenförmige
+Führung der Stellung bot dem Engländer eine gute Flankierungsmöglichkeit,
+die auch gehörig ausgenutzt wurde und uns schwere Verluste brachte.
+
+Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rückte einige Tage nach meiner
+Ankunft als Führer einer Gruppe mit in Stellung, wo mir gleich durch einige
+englische Kugelminen ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der Abschnitt
+C, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste des Regiments. Wir
+hatten indes in unserem Kompagnieführer, dem Leutnant d. R. Brecht, der zu
+Beginn des Krieges von Amerika herübergeeilt war, einen Offizier, der zur
+Verteidigung eines solchen Platzes der geeignete Mann war. Seine
+Draufgängernatur suchte die Gefahr und brachte ihm zuletzt einen ruhmvollen
+Tod.
+
+Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich schildere im folgenden den
+Verlauf eines normalen Tages.
+
+Der Schützengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender Dämmerung. Um 7 Uhr
+weckt mich ein Mann meiner Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in
+Voraussicht der nächtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke
+Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den mehr oder minder
+gemütlichen Unterstand. Beim ersten Durchschreiten des wohlbekannten
+Zugabschnitts überzeuge ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Plätzen
+stehen. Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen ist die
+Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln steigen silbern in die
+Höhe, während angestrengte Augen ins Vorgelände starren. Eine Ratte
+raschelt zwischen den über Deckung geworfenen Konservenbüchsen. Eine zweite
+gesellt sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden Schatten,
+die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen Stollen entströmen. Die
+Jagd auf sie bietet eine beliebte Abwechslung in der Öde des
+Postendienstes. Ein Stückchen Brot wird als Köder ausgelegt und das Gewehr
+darauf eingerichtet, oder es wird Sprengpulver von Blindgängern in ihre
+Löcher gestreut und angezündet. Quiekend schießen sie dann mit versengtem
+Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte Geschöpfe. Ein greulicher Dunst
+umwebt ihre schwirrenden Rudel. Ich muß immer an ihre verborgene,
+leichenschänderische Tätigkeit in den Kellern des Dorfes denken. Auch
+einige Katzen sind aus den zerstörten Dörfern in die Gräben gezogen; sie
+lieben die Nähe der Menschen. Ein großer weißer Kater mit zerschossener
+Vorderpfote geistert häufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden
+Parteien zu verkehren.
+
+Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche Abschweifungen, man
+wird leicht gesprächig, um die dunkle Nacht und die endlose Zeit zu füllen.
+Deshalb bin ich auch bei einem bekannten Krieger oder einem anderen
+Unteroffizier stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse seinen
+tausend Nichtigkeiten. Als Fähnrich werde ich auch öfters von dem
+wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich fühlt, in ein
+wohlwollendes Gespräch verwickelt. Ja, er wird sogar ganz
+kameradschaftlich, redet leise und eifrig, kramt Geheimnisse und Wünsche
+aus. Und ich gehe gern darauf ein, denn auch mich drücken die schweren,
+schwarzen Wälle des Grabens, auch ich bange nach Wärme, nach irgend etwas
+Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit.
+
+Das Gespräch wird matter. Wir sind ermüdet. Apathisch lehnen wir an einer
+Schulterwehr und starren auf die glühende Zigarette des andern . . . .
+
+Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, daß die harte Erde von vielen
+Tritten erklingt. Sehr oft regnet es, dann steht man traurig mit
+hochgeschlagenem Mantelkragen unter den Regendächern der Stolleneingänge
+und lauscht dem gleichförmigen Falle der Tropfen. Hört man die Schritte
+eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man rasch hervor,
+geht weiter, dreht sich plötzlich um, schlägt die Hacken zusammen und
+meldet: »Unteroffizier vom Grabendienst. Im Abschnitt nichts Neues!« Denn
+das Stehen in den Stolleneingängen ist verboten.
+
+Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und denkt an schöne gemütliche
+Tage zu Hause oder an die große Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade
+die Menschen aus den Kaffees strömen, und viele Bogenlampen das rege,
+nächtliche Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob man das nur
+irgendwo geträumt hätte.
+
+Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drähte klirren leise. Im Nu
+zerflattern die Träume, alle Sinne sind bis zum Schmerz geschärft. Man
+klettert auf den Postenstand, schießt eine Leuchtkugel hoch: nichts rührt
+sich. Es wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein.
+
+Oft hört man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schießt man
+rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man
+empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. »Jetzt sitzen sie drüben
+aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen.« Auch wir ziehen
+fast jede Nacht Draht und haben häufig Verwundete. Dann fluchen wir auf
+diese gemeinen Schweine von Engländern.
+
+Mitunter hört man auch ein pfeifendes, flatterndes Geräusch nach dumpfem
+Abschuß. »Achtung, Mitte!« Man stürzt zum nächsten Stolleneingang und hält
+den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die
+Granaten. Sie haben überhaupt so etwas Reißendes, Hinterlistiges, etwas von
+persönlicher Gehässigkeit. Es sind heimtückische Wesen. Die Gewehrgranaten
+sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen
+Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Ständen und
+verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschütze
+stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind.
+
+Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, daß zwei Stunden verflossen sind. Nun
+rasch die Ablösung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die
+Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein
+ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren
+friedlichen Sorgen liest, während die Schatten der flatternden Kerze über
+das niedrige, rohe Gebälk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den
+gröbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven
+Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine
+Decke über den Kopf, um für vier Stunden zu »röcheln«, wie der Fachausdruck
+lautet. Draußen knallen die Geschosse in eintöniger Wiederholung auf
+Deckung, eine Maus huscht über Gesicht und Hände, ohne meinen festen Schlaf
+zu stören. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den
+Unterstand erst vor einigen Tagen gründlich desinfiziert.
+
+Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten.
+Während der letzten Wache kündet ein heller Strich hinter uns am östlichen
+Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schärfer; er macht im
+grauen Frühlicht einen Eindruck unsäglicher Öde. Eine Lerche steigt hoch;
+ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich.
+An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefühl einer großen
+Ernüchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Daß die letzten
+zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die
+Kochgeschirre der zurückkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr,
+die Nachtwache ist beendet.
+
+Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich
+habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr muß ich ja auch schon
+wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre
+Alleskönner, der Graben stellt täglich seine tausend Anforderungen an uns.
+Wir wühlen tiefe Stollen, bauen Unterstände und Betonklötze, bereiten
+Drahthindernisse vor, schaffen Entwässerungsanlagen, verschalen, stützen,
+nivellieren, erhöhen und schrägen ab, schütten Latrinen zu und so weiter.
+
+Um ein Uhr wird das Mittagessen in großen Gefäßen, ehemaligen Milchkannen
+und Marmeladeeimern, aus der Küche, die in einen Keller Monchys eingebaut
+ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen.
+Allmählich kommen auch die beiden Stunden heran, die für den Grabendienst
+des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der
+Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder
+Scherenfernrohr und kommt auch öfters zum Schuß aus der Fernrohrbüchse
+gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Engländer hat scharfe Augen und
+gute Gläser.
+
+Ein Posten stürzt plötzlich blutüberströmt zusammen. Kopfschuß. Die
+Kameraden reißen ihm die Verbandpäckchen vom Rock und verbinden ihn. »Hat
+ja keen Zweck mehr, Willem.« »Mensch, hei atmet doch noch!« Dann kommen die
+Sanitäter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stößt hart gegen
+die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder
+beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde über die rote Lache und jeder
+geht seiner Beschäftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein
+Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er müht sich
+noch ab, die Zusammenhänge zu fassen. Das war ja so plötzlich, so furchtbar
+überraschend, ein unsäglich brutaler Überfall. Das kann ja gar nicht
+möglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf
+dich noch ganz andere Dinge . . .
+
+Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmäßigem Interesse bei der
+Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschläge der
+eigenen Artillerie im feindlichen Graben. »Junge, der saß.« »Donnerwetter,
+sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy!« Gern schießen sie Gewehrgranaten
+und leichte Minen hinüber, sehr zum Mißvergnügen ängstlicher Gemüter.
+»Mensch, laß doch den Blödsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!«
+
+Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemütlich. Oft muß
+der Fähnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es
+geht ganz förmlich zu: »Darf ich mir gestatten?« »Danke gehorsamst!« Eine
+schöne Eigenschaft des preußischen Offiziers, diese korrekte
+Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas
+Festes, Persönliches.
+
+Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus
+Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Gläser auf
+den wackligen Tisch. Das Gespräch wird vertraulicher. Merkwürdigerweise
+bildet auch hier der liebe Nächste einen willkommenen Gegenstand der
+Unterhaltung. Es hat sich sogar ein üppiger Grabenklatsch entwickelt, der
+bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen
+Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer gründlichen
+Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gerücht hat im Nu die
+Zugführer-Unterstände sämtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum
+linken Flügel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und
+Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz
+unschuldig daran.
+
+»Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben
+Stunde Dienst!« Draußen glänzen die Lehmwälle der Böschungen in den letzten
+Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald
+steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue
+Tag des Schützengrabensoldaten hat begonnen.
+
+
+
+
+Vom täglichen Stellungskampf.
+
+
+So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichmaß, unterbrochen durch die
+kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schöne
+Stunde. Oft saß ich mit einem Gefühl behaglicher Geborgenheit am Tische
+meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwände an
+Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, während mein
+Bursche an dem winzigen Ofen beschäftigt war, der den Raum mit dem Geruch
+gerösteter Brotscheiben erfüllte. Welcher Grabenkämpfer kennt diese
+Stimmung nicht? Draußen am Postenstande stapften schwere, gleichmäßige
+Schritte, eintöniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging.
+Das abgestumpfte Ohr hörte kaum noch das nie erlöschende Gewehrfeuer, den
+kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die
+neben der Mündung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein
+Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse
+des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des
+Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stückes der langen Front, in dem
+wir zu Hause waren, in dem wir längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden
+verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen
+die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein
+Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und
+Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein
+starkes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm
+verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band über die
+verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur
+Mittagsstunde mit betäubenden Gerüchen durchströmte, oder wenn die
+spukhafte Blässe des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen
+pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saßen heiter
+an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbänken, wenn die laue Luft
+geschäftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir stürzten
+über Gebälk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit stählerner Keule auf die
+Gräben loskolbte und träger Qualm aus zerrissenen Lehmwänden kroch. Oft
+wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen,
+jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu
+dürfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals
+in den Nächten von Monchy niederschrieb.
+
+7. 10. 1915. Stand in der Morgendämmerung neben dem Posten meiner Gruppe
+auf dem Schützenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgeschoß dem
+Mann die Feldmütze von vorn bis hinten aufriß, ohne ihn zu verletzen. Zur
+selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine
+Querschläger durch beide Beine, der andere Schuß durchs Ohr.
+
+Am Vormittag erhielt der linke Flügelposten einen Schuß durch beide
+Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu
+allem Unglück kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren
+Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu
+photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand
+herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Geschoß den Hinterkopf. Er starb
+augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschuß.
+
+19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten
+beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der
+Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen,
+außerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel
+entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flügel eine
+französische Leiche, die schon Monate alt sein mußte. -- In der Nacht
+wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet.
+
+30. 10. In der Nacht stürzten infolge starker Regenschauer sämtliche
+Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zähem Brei,
+der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige
+Trost war, daß es dem Engländer auch nicht besser ging, denn man sah, wie
+aus seinen Gräben eifrig Wasser geschöpft wurde. Da wir etwas erhöht
+liegen, pumpten wir ihm unseren Überfluß noch herunter. -- Die
+herabstürzenden Grabenwände legten eine Reihe von Leichen aus den Kämpfen
+des vorigen Herbstes bloß.
+
+21. 11. Ich führte eine Abteilung Schanzer von der »Feste Altenburg« in den
+Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der
+Grabenwand stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als
+ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer durch seinen Schädel schlug und
+ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier
+Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den
+Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist
+merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem
+Engländer, der das tödliche Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen
+Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfühlen.
+
+24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren
+Kopfschuß. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde
+später durch Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen.
+
+Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach dem in der Etappe der
+Division gelegenen Städtchen Q., das später eine so blutige Berühmtheit
+erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des
+Hinterlandes zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich
+meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt,
+in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte.
+
+Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von dem Ortskommandanten zu
+schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast
+unumschränkte Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und die
+Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich König von Q. und
+erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hände und ein donnerndes:
+»Es lebe der König« begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät
+à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Verstoß gegen
+die Etikette und seinen äußerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde
+bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei
+weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht
+verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien fahren, um den
+Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich
+so würdig für den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit
+dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde
+ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, während deren sich sogar zwei
+Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit
+Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig, sich in der
+Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu tun und wurde beim Besuche
+eines einsamen Ortes überrascht und gefangengenommen. Er mußte sich mit
+einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden
+Gewaltigen.
+
+Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen und Vergehen
+wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und
+Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung
+des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals
+seine Auswüchse, wie die Grußpflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den
+Offizieren gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend und
+schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in
+Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber schweren inneren Schäden.
+
+Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere Linie, um mich beim
+Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der zweiten Kompagnie, die auch den
+Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte,
+erschrak ich über die Veränderung, die die Stellung während unserer
+vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit
+meterhohem Schlamm gefüllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung
+ein traurig plätscherndes Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich,
+schon bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs von Q.
+zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände waren eingestürzt
+und die Stollen versoffen. Wir mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt
+arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen.
+Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem
+Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehängten Zeltbahn wie eine
+Gießkanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser
+mit Eimern nach oben schaffen mußten.
+
+Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den Stollen verließ, glaubte ich
+meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit
+des Todes ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes
+angenommen. Die Besatzung beider Gräben war von dem furchtbaren Schlamm auf
+die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein
+lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknöpfen
+usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so öden
+englischen Gräben entquoll, wirkte direkt verblüffend.
+
+Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer Leute tot im Schlamm
+versinken ließ, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Gräben
+verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der
+englischen Sappe gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier
+sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer zurück und brachten
+nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas
+beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir
+verhandelten zunächst in englischer, dann etwas fließender in französischer
+Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten. Ich hielt ihm vor, daß
+einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf
+er antwortete, daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan
+hätte. »Il y a des cochons aussi chez vous!« meinte er, als einige aus
+unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes
+einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen.
+Wir erzählten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich möchte fast
+sagen, eine sportsmännische Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum
+Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht.
+
+Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung
+jedes Haßgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann
+seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter
+den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt.
+
+Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten wir uns feierlich den
+Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem
+»Guten Abend« seinerseits und einem »Au revoir!« meinerseits gab ich trotz
+des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen sein Schutzschild ab, von dem
+drüben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen
+hätte.
+
+Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der
+Sappe übersehen, da man sonst an dieser gefährlichen Stelle nicht einmal
+seinen Mützenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß
+dicht vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße Knochen
+aus blauen Uniformfetzen schimmerten.
+
+Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schüsse auf die
+feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren über das freie
+Feld getragen wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben
+wurde. An den englischen Mützenschildern stellten wir an diesem Tage fest,
+daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenüberlag.
+
+Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir mußten Pumpen
+im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den
+Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm
+stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit M. G.'s
+übertönt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten
+Zuges durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die
+Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf
+ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit
+einigen Schüssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten
+beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich.
+
+Am 28. 12. war ich Kommandant der »Feste Altenburg«. Es wurde an diesem
+Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein
+anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer
+Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet.
+Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er
+mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem
+Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftröhre zu Boden
+streckte.
+
+Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte
+mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren
+Nähe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden
+unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen
+herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren
+Holzfäller-Kommandos beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden und in
+lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände wurden abgeschrägt und vollkommen
+mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher,
+Sickerschächte und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder
+erträgliche Lebensverhältnisse bekamen.
+
+Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem
+Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam
+ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst
+wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen. Ein
+Schrapnell fuhr direkt vor die Füße meines ehemaligen Putzers von der 6.
+Kompagnie, des Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte
+aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mußte.
+
+In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut
+kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine
+Kugelmine, die er gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder
+abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver glatt
+abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung. Die Mine explodierte
+natürlich und brachte ihm über 50 Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise
+hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der ständige
+Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in
+dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im
+verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er hatte dort
+eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt und beschäftigte sich
+damit, die Zünder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal
+einen großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran
+vorüberführte.
+
+In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode
+wieder in Douchy angekommen. Ich saß am nächsten Morgen so recht in der
+Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank
+behaglich Kaffee, als plötzlich ein Ungetüm von Granate, der Auftakt zu
+einer schweren Ortsbeschießung, dicht vor meiner Tür krepierte und mir die
+Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im Keller, den auch die
+anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht
+hatten, um dort das Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller
+halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne Mauer vom Garten
+getrennt war, drängte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals
+zusammen. Zwischen den zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein
+Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der
+Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen eine Reihe matter Abschüsse,
+denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren
+Eisenklötze folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden Explosionen
+endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster,
+Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, während in den
+Ställen die aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu winselte der
+Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob
+ihm ein Zahn gezogen werden sollte.
+
+Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten uns wieder in die frische
+Luft begeben. Die verwüstete Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter
+Ameisenhaufen. Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der Mauer des
+Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbäume waren
+umgeknickt, und mitten im Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das
+Dach war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den halben Schornstein
+mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige
+handliche Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt und
+fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum großen
+Ärger der Betroffenen, zu denen ich übrigens nicht gehörte.
+
+Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frühen Morgen schoß
+die eigene Artillerie einen Blindgänger in den Unterstand meiner rechten
+Flügelgruppe, der zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür
+eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete später eine
+Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über den qualmenden Ofen durch
+die zerschmetterte Tür pressen, während der Blindgänger aus einer Ecke
+bösartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände
+zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie
+verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurückgezogen
+hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die
+Flankierungsbatterie tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir
+durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten
+Kameraden entriß, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in
+meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige K. im
+Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon
+so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit
+verkrampften Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit gläsernen Augen gen
+Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den
+ersten Schüssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen.
+Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang gegenüberliegende Grabenwand
+schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf,
+als er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen schnellen,
+unvermuteten Tod.
+
+Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen überhaupt sehr rege. Ungefähr
+stündlich gab sie eine einzige, überraschende Salve ab, deren Sprengstücke
+genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete
+sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie höchstens
+1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke
+stehen mußte, war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen zu
+bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in
+der Vermehrung und Erhöhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf
+kleine Grabenstücke zu beschränken.
+
+Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde
+trocken, und der Graben war sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar
+gemütliche Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande vor
+meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch
+bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagnieführer 4 Offiziere und führten
+ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im
+Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen zu Abend, oft bei
+einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine
+landsknechtsmäßige Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden
+wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie
+waren auch nur in dieser langen und verhältnismäßig ruhigen
+Stellungsperiode möglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe
+friedensmäßige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere
+Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In
+rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den
+lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so daß wir
+bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flügel unserer
+Züge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer
+Stollengang von mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links
+mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war. Diese Anlage war während
+der späteren Kämpfe von hohem Wert.
+
+Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmäßig die
+Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im
+Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte,
+während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände,
+Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich
+auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein,
+den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich
+mit aller Energie für die Verteidigung meiner 200 Meter Schützengraben und
+für das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.
+
+Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren
+rechten Nachbarabschnitt, tötete drei Mann und verwundete drei andere
+schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen
+Granatsplitter, der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug. --
+Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel durch Kopfschuß schwer verwundet. --
+Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch
+Kopfschuß. Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche
+Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit einigen Leuten den
+Graben, konnte jedoch nichts feststellen.
+
+Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch Gewehrgeschoßsplitter am
+Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim
+geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr häufig. Am
+Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren
+Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male
+zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch
+die Öffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stören zu können.
+
+Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem tollkühnen Engländer,
+dessen Kopf über den Rand eines höchstens 100 Meter entfernten Grabens
+schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere
+Schießscharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch
+schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die
+uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter
+unbedeutend am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem wir
+auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte
+ein Geschoß am Gewehre des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch
+mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste
+Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte; ein weiterer
+zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die
+Genugtuung, daß unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem
+Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf schoß
+ich mit drei Schuß K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate
+Bursche immer wieder aufgetaucht war, über den Haufen.
+
+Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht über unsere
+Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte aus den Unterständen und
+eröffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden
+Leutnant Sievers: »Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam
+wird!« als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir
+in den nächsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet
+ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter, noch
+dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf bekamen wir noch
+etliche Schrapnellminen, die über unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde
+durch einen nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz
+seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen
+Wurfminen, denn es war stillschweigende Übereinkunft der Infanterie, sich
+auf das Gewehr zu beschränken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter
+allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2:1 erwidert. Leider hatte der
+Gegner meist so reichliche Munition, daß uns zuerst der Atem ausging.
+
+Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen
+Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen
+Mondscheins über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald verlor ich
+die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hörte im nahen
+feindlichen Graben die Engländer arbeiten. Nachdem ich durch zwei
+Handgranaten sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in
+unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer
+unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen bestehenden Fußangeln
+stürzte. Es herrschte in diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm
+Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So
+wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen Leuten angeschossen, weil
+er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte.
+Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht
+gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein selbständiges
+Schützenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich
+verschossen hatte, hereingezogen und gehörig verprügelt.
+
+
+
+
+Der Auftakt zur Somme-Offensive.
+
+
+Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der
+Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter
+persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand.
+Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von
+militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen
+Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen
+der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben
+uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich
+hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen
+Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten
+wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in
+Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die
+Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy,
+den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die
+naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, »um wieder mal Frauen
+mit Hüten zu sehen«. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe
+entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine
+große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker
+Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte.
+
+Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns auch nach der Rückkehr zum
+Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des
+Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine
+Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch
+einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das
+sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen
+gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine
+Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft
+wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen
+auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden.
+
+Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob
+der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt wäre und kletterte mit dem
+Fähnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder um
+11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste
+Strecke gebückt vor und krochen dann nebeneinander über das dicht
+bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir
+ins Gedächtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und
+Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes Rascheln zu vermeiden, da
+sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem
+Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast
+senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr
+kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde.
+
+Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten
+zwischen den Gräben dahin. Während wir uns bereitmachten, auf sie
+loszustürzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet
+der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene Leute
+unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor.
+
+Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um meinen Arm: »Achtung
+rechts, ganz nahe, leise, leise!« Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts
+von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen
+Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah ich die Lage.
+Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind
+hatte uns gehört und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu
+untersuchen.
+
+Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und
+Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näher kommende Rauschen der
+fremden Füße im hohen Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke
+an, -- es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise; man muß sich
+zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks
+springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch
+die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate.
+Der Zusammenprall muß kurz und mörderisch werden. Man zittert unter zwei
+gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst
+des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen,
+entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet.
+
+Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flüstern
+wehte herüber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer
+Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches biß.
+
+Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu
+arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im
+Auge behaltend, zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen
+den Parteien gestanden hatte, entglitt mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben
+wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem
+Abschnitt angekommen waren.
+
+Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen
+Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nächsten Abend wieder
+loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt,
+als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe meines Unterstandes
+hochgeschreckt wurde. Die Engländer schickten Kugelminen herüber, die trotz
+dem geringen Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß ihre Splitter
+die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich
+von meinem »coucher« und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben
+wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige Laufbahn antreten
+sah, mit dem Geschrei: »Mine links« zum nächsten Stollen zu sausen. Mit
+Minen aller Größen und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig
+versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gängen durch den Graben
+immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang zu
+richten.
+
+In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den
+Gräben herum. Wir robbten uns auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht
+vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden
+Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Engländer, die eine
+Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle
+ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich
+flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und führten im Hauchton
+eine hastige Unterhaltung: »Jetzt 'ne Handgranate dazwischen und dann auf
+ihn!« »Mensch, das sind vier Mann!« »Hei hett de Böx all wedder gestrichen
+vull!« »Quatsch doch nich!« »Leise, leise!« Meine Warnung kam zu spät; als
+ich hochsah, krochen die Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren
+Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwül.
+Der Gedanke: »Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung« verursachte mir
+einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche
+Befürchtungen. Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf dem Bauche
+nach rückwärts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel,
+Geflüster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel.
+Ringsumher wurde es taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in
+Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man
+möchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als
+zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der
+unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus nächster Entfernung
+abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha! Wir sind entdeckt!
+
+Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu,
+sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung
+zu. Nach einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz
+flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich für erledigt
+haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich fest an den Boden, zog Kopf
+und Beine ein und ließ die Geschosse durch das hohe Gras über mich
+hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen der
+herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten.
+Allmählich wurde das Schießen schwächer, und nach einer weiteren
+Viertelstunde verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße und
+Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond
+untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wußte weder wo die
+englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die
+charakteristische Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab
+und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen Seite mit geradezu
+beängstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert
+ins Gras und beschloß, die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte
+dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab
+als vorsichtiger Mann zunächst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen
+ich ebenso gut ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten
+englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu
+meiner Freude stellte sich jedoch heraus, daß ich meine Leute vor mir
+hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf
+zurückzutragen. Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und
+freuten uns über unser glückliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in
+unseren Graben zurück, den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten.
+
+Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des
+ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich
+mich wunderte, ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er
+beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den Nachtschlaf raubte.
+Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lächerlich kleinen Unterstand,
+den er »Villa Leberecht Hühnchen« getauft hatte.
+
+Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen dumpfen Abschuß, der
+indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe
+von einer großen Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war, fuhr
+wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die
+ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich
+dreimal zu überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor Lachen
+Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd
+von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen
+beklagen hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er gestern
+gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine ankam. Erstlich wäre
+sein ganzes Essen versandet gewesen und er außerdem schon gestern recht
+empfindlich die Treppe hinuntergefallen.
+
+Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand,
+sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frühen
+Morgen an wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen mit Minen
+beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen
+Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Gräben
+unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung der schweren
+Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir
+auf dem von der Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und
+schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich die Engländer durchaus nicht
+stören ließen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach
+reiflicher Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: »Helene spuckt in
+unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und
+kleine!« Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithörenden Gegner
+nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die
+tröstliche Antwort, daß sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen
+Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen würde, und gleich
+darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhörtem Krachen in den
+feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß
+wir für den Rest des Tages Ruhe hatten.
+
+Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schärferer Weise.
+Beim ersten Schuß begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den
+zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren
+Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten das Feuer in der Weise, daß
+wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir
+ungefähr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche
+Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen einige
+Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Tätigkeit
+unterbrechen zu können, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im
+letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie
+möglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben
+gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck
+warf mich über ein Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm
+gefülltes Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen
+auf mich herabrasselte. Halb betäubt und übel zugerichtet erhob ich mich.
+Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und
+Uniform mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete aus einer langen
+Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich ich durch den Graben in meinen
+Unterstand, um mich auszuruhen.
+
+Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen Schaden angerichtet. Der
+Graben war an einigen Stellen zerstört, ein Priester-Minenwerfer
+zerschmettert, und »Villa Leberecht Hühnchen« hatte durch einen Volltreffer
+den Rest bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im Stollen
+gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten
+Treppensturz vollführt.
+
+Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen weiter und wurde
+in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer
+gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die
+»Waschkorb-Minen«, da es manchmal den Eindruck machte, als würden sie mit
+Körben vom Himmel geschüttet.
+
+Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen, bereit, jeden
+Ankömmling mit Gewehr und Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer
+nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei
+Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich auf ihren
+Ständen Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachließ,
+bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen
+hervorstürzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte den Feind
+von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher Füsiliere.
+
+Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine
+auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein
+anderer wurde am Rücken verwundet.
+
+Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten uns zahlreiche
+Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde während
+dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer
+der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von
+Unterständen eingedrückt.
+
+Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich wach zu bleiben, und
+verabredeten, daß derjenige, der auf den Zuruf »Hallo« nicht seinen Namen
+riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine
+Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzüglich
+verständigen zu können.
+
+Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerüberfall um
+2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug
+ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der
+Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an
+den nassen, schimmligen Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm,
+Erde bröckelte von der Decke. Wumm! »Donnerwetter!« »Streichholz,
+Streichholz!« »Alles fertigmachen!« Das Herz schlug bis zum Halse.
+Fliegende Hände lösten die Kapseln der Handgranaten. »Das war die letzte!«
+»Rrraus!« Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch eine Mine mit verzögerter
+Zündung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurück.
+Trotzdem waren, während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten,
+schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes
+Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das
+mit dichten Rauchschwaden behängte Vorgelände.
+
+Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der
+Füsilier N. fiel plötzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die
+Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten
+Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling untersuchten, fanden wir
+eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende Öffnung über der rechten
+Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jähe Sturz
+seinen Tod herbeigeführt hatte.
+
+Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelöst.
+Mit jener eigentümlichen Mißstimmung, die eine in der Morgensonne
+strahlende Landschaft auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt,
+zogen wir durch die Laufgräben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem
+Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen
+grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die
+Frontabschnitte links von uns waren in weiße und schwarze Rauchwolken
+gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen;
+darüber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells.
+
+Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in
+Monchy schwere Minen zu verladen und mußten die ganze Nacht vergeblich auf
+irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, während der Engländer mit M.
+G.-Steilfeuer und die Straße hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum
+Glück erfolglose Attentate auf unser Leben ausübte.
+
+In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner höchst sorgfältigen
+Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefähr 2000 Meter vom Feinde, war
+vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide
+aufgeschichtet. Der Engländer zog daraus den leider richtigen Schluß, daß
+dieser Hügel in der Nacht verzogen würde und schoß eine Gruppe Schrapnells
+darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete.
+
+Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen
+in den Abschnitt C zu führen, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden
+innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde
+von Adinfer zurück, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rückwege zur
+Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stündchen
+auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestörte Ruhe
+finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie
+vom Waldrande her merkwürdig lebhaft feuern hörte. Gleichzeitig erschien
+mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: »Gasangriff!«
+
+Ich riß die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach
+draußen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weißlichen
+Schwaden über Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124
+zuwälzte.
+
+Da mein Zug zum größten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr
+wahrscheinlich war, gab es für mich kein langes Überlegen. Ich sprang über
+das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der
+Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, riß sie aber gleich wieder herunter, da
+ich so stark gelaufen war, daß ich durch den Einsatz nicht genügend Luft
+bekommen konnte; auch waren die Augengläser im Nu beschlagen und vollkommen
+undurchsichtig. Da ich Bruststiche verspürte, versuchte ich, die Wolke
+wenigstens so schnell wie möglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mußte
+ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschläge, von
+zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmäßige Kette
+über die verödeten, sonst nie betretenen Felder zog.
+
+Artilleriefeuer in derartig offenem Gelände, in dem man sich frei bewegen
+kann, hat weder dieselbe tatsächliche, noch moralische Wirkung wie in
+Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich
+gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel
+lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausbläsern und Zündern fegte durch das Geäst
+der Obstbäume in den verwilderten Gärten und klatschte gegen die Reste der
+zerstörten Mauern.
+
+In einem Unterstande der Gärten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers
+und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzündet und beugten
+sich über die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen.
+Ich leistete ihnen bei dieser Beschäftigung Gesellschaft, bis das Feuer
+abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in
+meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte,
+begegnete es mir, daß ich, nur 50 Meter vom Kompagnieführer-Unterstande
+entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerüberfall geriet und, in
+eine kleine Nische gedrückt, das Unwetter über mich ergehen lassen mußte.
+
+Vorn waren alle Leute beschäftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das
+Gas vollkommen geschwärzt waren. Ein Fähnrich zeigte mir wehmütig sein
+neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebüßt und dafür ein
+grünlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte.
+
+Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rückte ich mit meinen Gruppen
+wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken
+sitzen, die sich die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten,
+während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs
+harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren
+Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten
+gehabt, einem Kampfgas, das durch Ätzen und Verbrennen der Lungen wirkt.
+Auf dem Rückwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II.
+Bataillons und fand dort den betrübten Kantinenjüngling inmitten eines
+Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren,
+im Laden krepiert und hatte seine Schätze in ein merkwürdiges Gemisch von
+Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade
+mit echt preußischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und
+58 Pfennig entworfen.
+
+Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung
+gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen
+und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die
+zahlreichen Nischen als Lagerplätze ein und zündeten ein riesiges Feuer an,
+dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen ließen, sehr zum Ärger
+einiger Kompagnieköche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen
+kräftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die
+Kreideblöcke, sangen, tranken und rauchten.
+
+Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Höllenspektakel los.
+Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und
+ununterbrochen stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf
+setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von
+feurigen Funken hinter sich her. Überall, wo im Trümmergewirr eine
+Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: »Gasangriff!«
+»Gasangriff!«
+
+Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche Gaswand durch das
+Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte,
+zündeten wir vor den Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm
+uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch
+Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu reinigen.
+
+Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff
+hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt,
+Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten
+Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall
+verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen, grünen
+Patina überzogen. Auch in dem weit zurückliegenden Douchy machte sich die
+Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde,
+versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und
+verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter
+zurückliegende Ortschaften transportiert.
+
+Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich
+Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein
+englischer Überläufer ausgesagt hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde.
+Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer aus
+dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde Ruf »Gasangriff!«
+erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch in der Luft, und im
+Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.
+
+Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben
+6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um
+die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem
+gefangenen Engländer begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph
+empfangen und erzählte folgendes:
+
+Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und
+anschließend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie
+gewöhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei über 30
+Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke
+englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen
+war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war
+schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der
+bereits das Hindernis überwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der
+vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel
+gepackt und mit einem »Come here, you son of a bitch!« in Empfang genommen.
+Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb
+erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere
+Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern und
+Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze
+ein. Auch vom Abschnitt Süd kamen viele Verwundete, denn im
+Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben
+gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende Menschen mit weißen,
+blutdurchtränkten Verbänden lagen, waren vor einigen Wellblechbögen
+aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete.
+
+Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem
+schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: »Ich bin zu schwer . . . ich
+werde nicht wieder . . . ich -- muß -- sterben.« Ein dicker
+Sanitäts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male
+ein tröstendes: »Nun, nun, Kamerad!«
+
+Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der hauptsächlich Kräfte von
+uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche
+Minenüberfälle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein,
+dazu verwundeter Gefangener in die Hände, während er zahlreiche Tote vor
+unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren allerdings auch
+beträchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage über 40 Tote,
+darunter drei Offiziere.
+
+Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für einige Tage nach
+unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glücklichen
+Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.
+
+Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf
+unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsärge wurden nach einer
+ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten
+wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den Text: »Sie
+haben einen guten Kampf gekämpft,« und begann mit den Worten: »Gibraltar,
+das ist Euer Zeichen und fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im
+brandenden Meer!«[2]
+
+In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer
+feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde
+die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem
+Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern.
+
+Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schätzen, mit denen
+zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte.
+
+In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verläßlich, einfach
+und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu
+zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder
+bis zum letzten zur Stelle. --
+
+Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn. Es war verhältnismäßig
+ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, daß noch etwas in der Luft liegen
+mußte. Bei der Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft
+fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und Sprengungen, an
+einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom
+Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine
+dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung war
+bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelöst,
+ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in
+Monchy.
+
+Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein
+24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in
+scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall
+zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen
+Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um
+den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und
+jammernd hin- und herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben,
+einen immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich ihm meine
+zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Häufchen Unglück
+hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu
+und sog an seinem Einsatz.
+
+Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme
+Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. -- Am 15. und 17.
+hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst
+und hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen. Eine
+überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung durch den Major
+von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von
+überwältigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte,
+auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken
+zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war.
+Eine Granate tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines
+Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte.
+
+Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem
+Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille.
+Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten
+herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brächte. Am
+Nachmittag kam der mich ablösende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant
+Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen
+mit. Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo
+meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr
+zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht
+hatte, kletterte ich in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während
+Brauns mir ein »Hals- und Bauchschuß!« nachrief.
+
+Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht.
+Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut
+isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung für wichtig und beauftragte
+Wohlgemut, ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während er sich
+in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran
+abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Engländer tauchten auf
+und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten
+wahrzunehmen.
+
+Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast
+unhörbar: »Wohlgemut, Handgranate dazwischen!« »Herr Leutnant, ich glaube,
+wir lassen sie noch etwas arbeiten!« »Direkter Befehl, Fähnrich!«
+
+Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde
+nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich
+in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das
+trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut,
+um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den
+Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern,
+liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente
+höchster Spannung. »Krrrach!« Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten.
+Mit dem Angriffsgebrüll: »You are prisoners!« stürzten wir uns wie Tiger in
+die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden
+ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse
+Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit
+quäkendem Aufschrei rücklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte
+Wohlgemut seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner Erregung
+blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte.
+
+Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen.
+Ich stand schreiend vor einem Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken
+in den Stacheldraht preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel zurück,
+ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns
+wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein.
+Wir sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und
+richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich
+das Versagen als ein Glück, denn es war Birkner, den ich schon längst
+zurück glaubte.
+
+Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht
+pfiffen die Geschosse schon so, daß ich in einen wassergefüllten,
+drahtversponnenen Minentrichter springen mußte. Auf schwingendem
+Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten
+Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich
+hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter in die Böschung des
+Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt
+hatte, arbeitete ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten
+freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach
+einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich über
+den glücklichen Ausgang und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene
+auch diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven gegangen war,
+merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd auf einer Pritsche
+lag und trotz der Erschöpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten
+Morgen konnte ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer
+Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels
+geschleuderten Handgranate steckte.
+
+Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den
+Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen.
+
+Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor dem Dorfe
+Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann
+mit drei Schuß zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es
+entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes Gesicht
+gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S. der Mantel eines
+Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer
+häufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger
+Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir
+begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen und an den gefährlichsten
+Stellen neue Mauern zu errichten.
+
+Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male
+während des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause
+wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: »Sofort
+zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai.« Drei Stunden
+später saß ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an
+mir vorüber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm. Ein
+strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich draußen noch lange denken
+mußte.
+
+Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straßen infolge des
+Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen
+wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre später von uns wieder
+erstürmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die
+Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte.
+
+Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas
+Stärkerem den Kaffee, den uns zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir
+wußten, daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte
+noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem
+Gelärm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre
+Freude gehabt hätten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer
+dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben.
+
+[Fußnote 2: Vgl. Anmerkung auf Seite V.]
+
+
+
+
+Guillemont.
+
+
+Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le
+Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt
+der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die
+Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelächter von
+einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der
+Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen Wiese
+die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte. Vor uns rollte und
+donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Stärke, tausend zuckende
+Blitze hüllten den westlichen Horizont in ein glühendes Flammenmeer.
+Fortwährend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen
+Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden Geschützen oder
+Munitionskolonnen in den Straßengraben gedrückt.
+
+Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berühmte
+Städtchen Combles zu führen, wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten.
+Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den
+Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung von
+tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege,
+von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst,
+vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm
+umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lärm der Front
+begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem
+Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und
+dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurückgeblieben als eine große
+und männliche Gleichgültigkeit.
+
+»Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er
+lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie
+nicht. Jeder weiß, daß es auf Leben und Tod geht.«
+
+Mit solchen Leuten kann man kämpfen.
+
+Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein
+weißes Band über das dunkle Gelände spannte, dem Kanonendonner entgegen,
+dessen verschlingendes Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni
+speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem
+Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder
+lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf
+das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders
+das Passieren von Frégicourt-Ferme, einer kleinen Häusergruppe vor dem
+Friedhof von Combles, die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.
+
+Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, völlig
+zerschossen. Große Mengen von Holz zwischen den Trümmern und auf den Weg
+geschleudertes Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen Datums
+sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine
+Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier,
+ein großes, von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum
+Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen den Keller einer
+gegenüberliegenden Ruine bezogen.
+
+Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken zusammengesuchten
+Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden
+wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung,
+die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.
+
+Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen
+Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches
+Etappenstädtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren
+durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so daß
+die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen über dem Chaos
+schwebten. Aus vielen Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste
+Feuerüberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern ihrer
+Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustür lag ein totes kleines
+Mädchen in einer roten Lache.
+
+Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten Kirche
+gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Höhlenganges mit
+eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der
+kämpfenden Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei Beginn
+der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt hätten, den
+sie während der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten.
+
+Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in
+Schlangenlinien durch und über gewaltige Hügel von Balken und Mauerwerk
+wanden. In zerwühlten Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen.
+
+Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus den im Überfluß
+vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natürlich durch einen
+kräftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl.
+Aus umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem Brauereibesitzer
+Lesage gehörte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schränke und Kommoden,
+ein umgestürzter Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An den
+Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in
+meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher,
+Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke,
+Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln gerissene Türen,
+Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums, zerschmetterte Kisten,
+Damenhüte, Blumentöpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult.
+
+Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das von Granaten
+zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den das Geäst zerfetzter Linden
+bedeckte. Dieser Komplex von Eindrücken wurde noch verfinstert durch das
+unaufhörliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu
+überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lärm.
+Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige
+der Bäume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die
+Schiefertafeln herabrollten.
+
+Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Stärke, daß nur noch
+das Gefühl eines ungeheuren Getöses verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch
+verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser
+in Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es
+waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem noch die Häuser ins
+Schwanken brachten. Wir saßen während der ganzen Zeit in unserem Keller auf
+seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt
+und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen. Die Witzworte wurden immer
+seltener, und endlich ließ die Nervenanstrengung auch den Verwegensten
+verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.
+
+Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte,
+der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel.
+
+Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzählige
+Granaten kreuzten sich heulend und fauchend über uns. Alles war in dichten
+Rauch gehüllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde.
+Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch
+abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen
+Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das
+Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch
+der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde
+tobsüchtig.
+
+Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich und ging in
+ein ruhiges Trommelfeuer über, in dem man allerdings den einzelnen Abschuß
+auch noch nicht wahrnehmen konnte.
+
+Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Züge auf den
+Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen
+Zügen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war
+noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers ausgeschieden.
+Diese Leute umdrängten uns, während wir uns unter hastigen Zurufen an dem
+gefährlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich
+vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr voll Butter
+auf, drückte mir zum Abschied die Hand und wünschte uns viel Glück.
+
+Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte
+Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am
+Ortsausgang merkte unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren
+gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist
+im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile
+zerschossenen, weißen Band entlang über freies Feld. Oft mußten wir gerade
+an den übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung
+verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten,
+sich hinzulegen.
+
+Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In
+einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein
+ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele
+Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen
+zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.)
+barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedränge nervöser und
+aufgeregter Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant Vogel
+und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere
+Böschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, während Todesschauer
+über unseren Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt
+einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder.
+
+Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um
+die letzte Kraftanspannung aus ihren erschöpften Körpern zu pumpen.
+Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die
+Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet,
+durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten
+Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß
+auf die weichen, nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende
+Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden
+getreten zu werden.
+
+Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine
+Schmidt, Begleiter auf mancher gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln.
+Ich riß ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in
+diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte.
+
+Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Löcher
+gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten,
+als sie erfuhren, daß die Ablösung da wäre. Ein bayrischer Feldwebel
+übergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole.
+
+Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flügel der Regimentsstellung und
+bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar
+hundert Meter links von Guillemont und etwas näher rechts am Bois de Trônes
+lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns
+ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des überaus
+heftigen Feuers niemand aufhalten konnte.
+
+Der bayerische Feldwebel war plötzlich spurlos verschwunden, und ich stand
+ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen
+Trichtergelände, das am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch
+drohenderes und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir ertönte ein
+andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte mit merkwürdiger
+Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften, in Zersetzung
+übergehenden Leichnam herrührte.
+
+Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr sein könnte, begab ich
+mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefaßt zu
+machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen
+und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht
+einem Kubikmeter Rauminhalt.
+
+Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmählich
+den staunenden Augen.
+
+Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken,
+Waffen und Toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der
+Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger
+armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte
+Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die
+toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, daß sie in Lagen
+übereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht
+gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen
+durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet, und
+die nächste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten.
+
+Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll Deutscher, das Gelände davor
+voll Engländer. Aus den Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor
+unseren Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die man zum
+Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mäntel
+oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die
+Körper mit Erde zu bedecken.
+
+Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen Terrain nur dadurch, daß
+die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Häuser von
+weißlicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug
+zerknüllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne zerrissene
+Wald von Delville.
+
+Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Engländer
+heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen überkreiste,
+während wir in unsere Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das
+scharfe Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben, denn bald
+ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene, dumpfe Sirenentöne.
+Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein
+schweres Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht
+heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine
+Zigarre anzündend und wieder fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick
+verschüttet zu werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen Splitter
+zerrissen.
+
+Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch
+einen ungeheuren Einschlag verschüttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus;
+trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein
+Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der Gefreite Simon.
+Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute
+bei Fliegersicht sich außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende
+Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen
+Fuchsloches drohen.
+
+Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht
+mehr halten zu können, da ihre Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte
+meine ganze Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze zu
+bringen.
+
+Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des Regiments ein Feuersturm
+ein, der nach 20 Minuten auch auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir
+völlig in Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge dicht
+vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden Orkans ging ich
+den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner
+Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges
+und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel
+sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und
+wurde von dem stolzen Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten,
+die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen
+Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigsten
+Äußerungen der Materie, der gebrechliche Körper stellt sich, vom Willen
+gestählt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen.
+
+Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglückliche
+Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel abschießen, vergriff sich
+indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten
+weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine
+Freude war. Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lüften
+herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern und Funken. Ein
+Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter
+Leichen braute aus den Trichtern.
+
+Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein
+gewöhnliches Niveau zurück, das es während der Nacht und des nächsten Tages
+beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze
+gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelöst.
+
+H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich noch in derselben Nacht
+beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte
+mit schweren Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage regnete es
+stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefühl im Gaumen
+nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so quälend war und die großen,
+blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen
+gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich saß fast den ganzen Tag vor meinem
+Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem
+Appetit.
+
+Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines Zuges von
+irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust, der auch das Rückenmark
+streifte, so daß er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm
+sah, lag er sehr gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das
+Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige Deckungnehmen seiner
+Träger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze.
+
+Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und ließ mich über das
+abgerissene Bein eines Engländers zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah
+durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen.
+Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich nicht sonderlich
+stören. Dieser Anblick war bezeichnend für die Ungleichheit der Mittel, mit
+denen wir kämpften. Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen
+innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Während nicht ein
+Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich über
+30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die
+sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin
+zu dirigieren.
+
+Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter gegen den Magen, der
+zum Glück ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem kräftigen
+Schlage vor mein Koppelschloß zu Boden fiel.
+
+Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit
+zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf
+kürzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in
+den Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen blieben. Gefangene
+zu machen war allen Leuten unerwünscht, denn wie sollte man sie durch die
+Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun
+hatte?
+
+Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerüttelt.
+Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablösung war
+gekommen. Wir übergaben, was zu übergeben war, und verließen so schnell wie
+möglich diesen Ort des Teufels.
+
+Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe
+Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer
+Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die
+Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und
+gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab.
+
+In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die
+schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen
+Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte
+uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend.
+Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte
+Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß
+der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte.
+Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche
+Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!
+
+Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu
+machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und
+Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend;
+dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die
+langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich
+gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern,
+bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um
+alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach
+Combles.
+
+Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum
+Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte
+sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden
+gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die
+Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter
+Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur
+uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr
+als einmal am Kolben des Revolvers.
+
+Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann
+erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem
+Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten
+begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere
+ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf
+unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.
+
+Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug
+vier kleinere Keller bezog.
+
+Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen
+kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit
+köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich
+in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner,
+alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine
+Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken,
+Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken
+stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden
+geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war
+ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen.
+
+Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits
+die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln,
+Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in
+der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins
+Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die
+Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich
+schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer
+erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener
+Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers
+einen Band der illustrierten Beilagen des »Petit Journal«, die in fast
+jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit
+strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im
+Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig
+den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre
+gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die
+letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers,
+wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.
+
+Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall,
+und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken
+Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: »Ich habe einen weg!« sprang
+ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.
+
+Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der
+Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den
+Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer
+unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und
+trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser
+Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje
+den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel
+heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen
+Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen.
+Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd,
+indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ.
+
+Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische
+der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied
+von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte
+mich für kurze Zeit.
+
+Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und
+dort in einen Sanitätswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu
+achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee
+über Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto
+weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von
+Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der
+letzten Zeit mehr als 30000 Verwundete über Fins abtransportiert wären. Von
+dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhörlichen
+Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera,
+wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche Pflege fand.
+
+Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr
+ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner
+Verwundung wieder in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und
+zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen Frontlücken von allen
+Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fähnrich Wohlgemut,
+Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur
+letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende,
+darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände gefallen; kein
+einziger war nach Combles zurückgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der
+mit so unerhörter Erbitterung ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der
+englische Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer, die in eherner
+Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt.
+
+Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der
+Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so hätte
+ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der
+Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den eisernen Würfel
+des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Höhepunkten der
+blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende,
+unauslöschliche Ruhm dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen
+Kameradschaft würdig zu erweisen.
+
+ * * * * *
+
+Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden
+Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen
+des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung, der
+Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das furchtbare Feuer
+lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der
+Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst
+die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und
+staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine
+kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte.
+
+Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurückkamen,
+wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen
+Verhältnissen war ein genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen.
+
+Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar, obwohl wir oft, ohne
+es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy,
+der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg,
+direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere
+Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stücken bestand, die man leicht
+verfehlen konnte.
+
+Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich. Vor kurzem
+hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern, Wiesen, Wäldern und Feldern
+bestanden, und nun war buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen
+mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer wieder
+umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Häuser
+weggeblasen und zu Pulver zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur
+Wüste verwandelt.
+
+In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kämpften Männer
+tage- und wochenlang mit dem Bewußtsein, im Falle einer Verwundung
+rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.
+
+An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug
+die mit altpreußischer Zähigkeit durchgeführte starre Lineartaktik die
+Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die überfüllte vordere
+Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.
+
+Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und hörte
+auf, um wertlose Geländestreifen zu kämpfen, um sich einer beweglicheren
+Verteidigung, deren Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.
+
+Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie
+damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche
+Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an
+unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen.
+Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub.
+Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort
+noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm
+und Blut zu erlöschen.
+
+
+
+
+Am St. Pierre-Vaast.
+
+
+Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte,
+begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz
+nahe der wohlbekannten Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft
+nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertümlichen
+Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder
+in der Richtung auf das Sommegebiet ab.
+
+Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt
+untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berührten, ist von
+Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die
+Bevölkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur-
+und Moralstufe stehend. Ich war in einem Häuschen einquartiert, das durch
+ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß
+sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten. Die
+Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee, daß sie mit Poincaré nach
+seiner Rückkehr einen guten Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die
+Meinung sagen würde. Niemals habe ich jemand mit so großer
+Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf die
+Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von St. Quentin
+gewohnt zu haben. »Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur
+un fumier, c'est la crème de la crème«, sprudelte sie hervor, während sie
+mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein
+Objekt für ihre Wut finden zu können.
+
+Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und
+anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig
+einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab zu
+stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in
+einen prächtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mißtrauen
+betrachtete ich immer eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf
+dem Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien.
+
+Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den
+Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt,
+geprügelt und unter dem Rufe: »Demande pardon!« mit dem Tode bedroht hätte.
+
+Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche Versicherung, daß
+Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist.
+Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang
+hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller härtester
+Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen. Il y a des cochons partout.
+
+Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje geführt. Wir
+verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschönter Tage. Ich
+muß gestehen, daß wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die
+ganze Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren Tisch
+kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein
+gewaltiger Lärm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei
+mörderischen Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen, wir
+gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des
+Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem
+Kreise hielt.
+
+Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit
+einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur
+Verfügung.
+
+Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der
+Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp
+nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des
+Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der
+Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei
+Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in
+dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches
+Zusammenleben geführt wurde.
+
+Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir
+mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die
+Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu
+orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge
+ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag
+links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten
+»Namenlosen Walde«. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim
+Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken
+wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges
+zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske
+geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.
+
+Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die
+Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach
+vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte
+ich meinem Ziele zu.
+
+Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe
+Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier
+und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner
+Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen
+Eindruck beängstigender Öde.
+
+Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging
+zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf
+einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der
+anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher
+eilig den »Namenlosen Wald« und stolperte durch tiefe Trichter, über
+entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener
+Äste.
+
+Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag
+ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen
+Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig.
+
+Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der
+mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter
+und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen
+natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade
+durchbohrt und die linke gestreift.
+
+Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort
+durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz.
+
+Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen
+das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung,
+auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an,
+mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir
+eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte,
+die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben
+würde.
+
+Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen.
+Der Rittmeister Böckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto.
+Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Führer
+plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Straße. Es
+war eine Infanteriegruppe mit ihrem Führer, die soeben einem Volltreffer
+zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das
+friedliche Aussehen stiller Schläfer.
+
+Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen werden, da Liéramont gerade
+seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett
+Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.
+
+Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und
+beherbergte über 400 Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem
+Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal
+konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von
+Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde
+ein Glied amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener
+Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von
+mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern
+geschäftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern
+eilten.
+
+Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer
+geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche
+Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lähmenden
+Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag
+der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.
+
+Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im
+Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und
+ließ sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen.
+Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen um
+Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe
+gestört hätte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns
+aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz
+nachzuahmen.
+
+Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Stätte gehäuften
+Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glänzend
+durchgeführten Sturm des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald
+gelesen.
+
+Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Epéhy
+einrollte, ertönte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer
+vom Güterwagen verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde.
+
+»Was ist denn hier los?« fragte ein mir gegenübersitzender Hauptmann, der
+anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer
+Antwort aufzuhalten, riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem
+Bahndamm Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die letzten. Es waren
+nur einige Pferde verwundet.
+
+Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines
+Beobachtungsoffiziers übertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden
+Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen
+Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte
+vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln
+oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu
+benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter
+dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu
+eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mußte ich ihn durch
+meinen Störungstrupp flicken lassen.
+
+Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in
+der ungezählte verborgene Augen, Ohren und Arme untätig auf die eine Minute
+lauern, auf die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture eine
+einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Höhe, tausend
+Geschütze brüllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der
+Vernichtung, von unzähligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.
+
+Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn
+zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmäßigem
+Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die
+Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch einen Strudel von
+weither durch einen rätselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher
+Präzision zu den Brennpunkten tödlichen Geschehens getrieben.
+
+Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich
+im nahen Nurlu, wo in einem großen Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes
+Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen,
+nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor
+dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen Kellergewölbes verbrachte, während
+draußen im verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und in
+langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach.
+
+Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich stieß wieder zum
+Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich übernahm dort für
+den beurlaubten Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy
+hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe, und jeder bemühte sich,
+davon so viel als möglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden
+durch große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strömen
+floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der zweiten Kompagnie, die das
+vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schützengräben von Monchy
+gefeiert hatten.
+
+Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als
+Fahnenjunker für sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten
+Salon und zwei Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir machten
+uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das seine Plüschmöbel und
+Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren
+Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße lebte.
+
+Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn
+man spät durch die engen Gassen schritt, hörte man überall aus
+Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher
+Gelage. Im Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher kam
+wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol in seinen
+konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung war teilweise
+von unerwünschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener.
+
+Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer Strammheit
+aufgenommen, und es war ein vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß
+nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand.
+
+In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur,
+Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment für seine hervorragende
+Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit
+zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur
+die zweite Kompagnie im Parademarsch vorführte, bemerkte ich, daß der
+Oberstleutnant v. Oppen dem General über mich zu berichten schien. Einige
+Stunden später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der
+General das Eiserne Kreuz I. Klasse überreichte.
+
+Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier Wochen nach dem
+französischen Truppenübungsplatz Sisonne bei Laon zu einem
+Kompagnieführerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter
+unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in
+glänzender Weise verstand, das Wesen über die starre Form zu stellen und
+uns mit Interesse für die Sache zu erfüllen.
+
+Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die kümmerlichste, die ich im
+Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand
+während der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes
+Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.
+
+
+
+
+Der Somme-Rückzug.
+
+
+Zum Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von
+Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Führung
+der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise.
+
+Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte man die Somme-Niederung
+bei den Dörfern Brie und St. Christ überschreiten, deren trostlose
+Verwüstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders
+nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen über
+den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den
+Eindruck des Chaotischen verstärkten.
+
+Die Stellung war während der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen
+englischen Vorstößen ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten
+großen Räumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast
+jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer
+Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen
+Periode:
+
+4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte
+Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter
+Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um
+meine Stellungskarte zu vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch
+den vollständig versoffenen »namenlosen Graben« zum 3. Zuge. Während dieses
+Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine
+lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte
+sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand
+geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.
+
+Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem
+Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Geräusch vernommen
+zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando
+mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges wahrnahm.
+Später erfuhren wir, daß damals die ganze Stellung unterminiert gewesen
+sein soll.
+
+Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden eine Patrouille unserem
+Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen
+eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf
+Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann
+liegen ließen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der
+andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den
+Papieren des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes trug und dem
+Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte. Er war sehr gut angezogen,
+und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch
+geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein
+einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß nicht jeder
+Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte wie meine bisherigen.
+
+Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer Artillerievorbereitung
+den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt
+befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht
+geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag
+befestigten Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen
+Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen
+letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berußte
+Gesichter, um sich möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.
+
+Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß nur ein einziger in
+den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo
+er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte,
+niedergeschossen wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur einem
+Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der
+Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup
+portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib
+jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast
+abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis
+zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen.
+
+Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen
+Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von
+dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich
+trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten
+feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform
+scharf vom Horizont abhob. Ich riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der
+Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor
+den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken,
+als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal
+mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch
+lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen.
+
+Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte
+einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie
+eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und
+marschierten nach Devise.
+
+Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den
+Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen
+Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte
+in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung
+energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren
+vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir
+unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten,
+hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen
+und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die
+Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von
+gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine
+Orgie der Vernichtung gefeiert.
+
+Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und
+Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer
+umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der
+Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen
+Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere
+schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg
+kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion
+eines Wintergartens.
+
+Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum
+gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf
+abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet,
+alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder
+Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den
+vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt.
+
+Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch
+scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der
+befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende
+friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige
+Machtgefühl schweigen.
+
+Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich
+keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch
+rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der
+Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange
+das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.
+
+Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts
+zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der
+sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von
+niederen Instinkten umsetzte.
+
+Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden
+Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen
+Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das
+einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.
+
+Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu
+täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über
+Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom
+rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem
+klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung
+überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland
+durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem
+Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.
+
+Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der
+Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter
+und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt
+hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung
+eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand.
+
+Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im
+vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang
+das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung
+verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten.
+Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse
+vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine
+Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte
+mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und
+Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald
+ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5
+Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch
+die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher
+mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.
+
+Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen, teilweise schon in
+Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die Somme zurück. Nachdem wir als die
+Letzten die Niederung überschritten hatten, wurden die Brücken durch
+Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch
+immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten
+feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau
+befindliche Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in dem
+am »Canal de St. Quentin« gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit
+meinem Burschen ein kleines, gemütliches Häuschen, in dem der Hausrat der
+verbannten Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert war. Als
+bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute möchte ich anführen, daß mein
+Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein
+Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der
+kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurückhaltung
+machte dem Führer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im
+Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer
+Stämme als Ersatz einstellen mußten.
+
+Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit sämtlichen vom
+Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen gefeuerten Glühwein ein, denn unsere
+Rückzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch
+einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt.
+
+
+
+
+Im Dorfe Fresnoy.
+
+
+Mein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde diesmal nicht
+unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an,
+die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude
+wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der mir besonders durch den
+Auftrag, den Gefechtstroß nach Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch
+Regenschauer und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über die
+Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel
+erreicht hatten.
+
+Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht hatte, ging
+ich auf Suche nach einem Quartier für mich, doch fand ich auch den
+kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf
+den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen
+mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzählte er
+mir, daß die Engländer den Bayern die Vimy-Höhe und ein großes Stück
+Gelände abgenommen hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich
+feststellen, daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens in
+einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm schien.
+
+Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen
+bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu
+errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein
+Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck
+schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten wir in den Keller, bei dessen
+Ausräumung uns als angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen
+Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir der
+Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal mit einem Zuge
+als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in
+der Eile zurückgelassenen Beständen eine große Dose Leberwurst und einige
+Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen
+Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung dieser Schätze mußte
+leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Engländer den Dorfrand
+bereits mit dichten Schützenlinien erreicht hatte.
+
+Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle
+zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldeläufer, Radfahrer,
+Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine
+Leuchtpostenkette zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen
+passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum
+letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.
+
+In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen
+zu hören, war aber so schlaftrunken, daß ich nur murmelte: »Laß man
+schießen!« und mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum
+dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch den Neffen des
+Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: »Mensch,
+wissen Sie noch gar nicht, daß Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?« Als
+ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere
+Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume mit dem
+Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder hätte nur ein wenig gröber
+zu sein brauchen, und das Geschoß hätte uns im Keller an die Wände geklebt.
+Schultz erzählte mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten
+Hauses gesagt hätte: »Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir
+wollen doch mal sehen, ob der noch is.« Mein Bursche war ganz außer sich
+über meinen unglaublich festen Schlaf.
+
+Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller über. Auf dem Wege
+dorthin hätten uns beinahe die Trümmer des einstürzenden Kirchturms
+erschlagen, der von einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt
+wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen zu erschweren. In
+einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu
+benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte
+man die Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen.
+
+Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir
+Möbelstücke aus Schloß und Hütte, die uns gerade praktisch erschienen,
+zusammenschleppten.
+
+Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter
+Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten,
+da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf,
+sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend
+abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen
+und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das
+Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel
+ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am
+Halse getroffen.
+
+Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das
+Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß
+er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige
+Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte
+gestattete.
+
+Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig
+einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300
+Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der
+hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder
+Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt
+mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen
+leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit
+Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte
+eiligst das Feld, um mich nicht »antöten« zu lassen, wie der damals gerade
+übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.
+
+Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard
+ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines
+großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war.
+
+Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen,
+dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach
+jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke
+gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen
+Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und
+brach beim Aufsturze sämtliche Knochen.
+
+An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber.
+Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers
+trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und
+Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände
+eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.
+
+Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden
+Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den
+Fernspruch: »67 von 5 a. m.«, was nach unserem Zifferncode »von 5 Uhr
+vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft« bedeutete.
+
+Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu
+sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine
+Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das
+ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.
+
+Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe
+hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei
+wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und
+meldete: »Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer
+bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!« Da ich im Haus Nr. 11
+zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen
+Leuten zu Hilfe.
+
+Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt
+folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen,
+beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben.
+Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen,
+während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der
+Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne
+Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei
+anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der
+gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.
+
+Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und
+trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster
+Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen
+Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter
+zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige
+Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die
+Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am
+Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte
+der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen
+Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem
+aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein
+zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die
+eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen
+mit den Worten: »Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein
+Zweck!« zur Ruhe verwiesen.
+
+Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es
+war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den
+dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne
+Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den
+Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen
+und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über
+sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine
+Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: »Beiß die Zähne zusammen,
+Kamerad!« schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum
+Sanitätsunterstand.
+
+In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine
+Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven
+gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns
+eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von
+Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.
+
+Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke.
+Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See;
+ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der
+zusammenstürzenden benachbarten Häuser.
+
+Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon
+auf: »Brigade will sofort Klarheit über die Lage.« Nach einer Stunde
+brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: »Feind besetzte Arleux,
+Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine
+Nachricht. Rocholl, Hauptmann.«
+
+Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit
+meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen
+meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von
+größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht
+gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.
+
+Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon
+seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen
+die Mauern klappten.
+
+Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die
+Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter
+noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es
+dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der
+biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst
+keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht
+blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns
+herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück,
+während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der
+Unsicherheit unseres Asyles überzeugten.
+
+Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem
+Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam
+Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen
+zurückzuziehen.
+
+Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an,
+den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz
+meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle
+zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange,
+sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser
+Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum
+Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf
+und war von diesem Augenblick an verschwunden.
+
+Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur
+Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen
+durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der
+unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden
+aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das
+Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag
+getroffen wurde.
+
+Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein
+kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn-
+und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten
+sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen
+strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend,
+Unterstützungstrupps nach vorn.
+
+In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde
+schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht
+wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen,
+Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft
+geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen
+Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt
+an dieser wirbelnden Vernichtung.
+
+Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn
+außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben,
+Ablösungskommandos und den unvermeidlichen »Versprengten« bevölkert. Der
+starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald
+saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem
+vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute.
+Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir
+neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden
+verbogen, in alle Winde geschleudert.
+
+Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große
+Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière,
+den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund
+bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau
+dieselbe Verletzung.
+
+Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25
+meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten
+Bataillons, ab. Das Kalkwerk »Chez-bon-temps« mit seinen schweren
+Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den
+wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen
+wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden
+Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu
+sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach:
+
+ Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht,
+ Zu besserm Ding als sich zu schlagen.
+
+In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der
+Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn
+von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den
+aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten.
+Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach
+einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé
+herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein
+Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel
+nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte
+Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde
+Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß
+wir am nächsten Morgen »in alter Frische« erwachten.
+
+Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten
+Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof
+Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in
+dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten.
+Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am
+ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm
+kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.
+
+Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht zählt zu den
+schönsten Erinnerungen alter Krieger.
+
+Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit
+tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten
+Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen
+Erlebnisse. Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den
+künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten,
+wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch.
+
+Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die
+geistigen Träger und Vorkämpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich
+der Wille zum Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter.
+Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und
+doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den
+Trichtern lag, so selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der
+ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in
+diesem viel verlästerten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen.
+
+Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen
+mir gegen Mittag klar wurde, daß ich die Führung der vierten Kompagnie
+übernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der
+niedersächsische Dichter Hermann Löns gefallen.
+
+
+
+
+Gegen Inder.
+
+
+Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem
+wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über
+Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor
+einem Monat verlassen hatten.
+
+Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich
+auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe
+von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.
+
+Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von
+St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir
+rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen
+mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.
+
+Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen
+Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten
+Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da
+zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten.
+Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in
+mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt
+die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.
+
+Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die
+Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend
+verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und
+rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort
+Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten
+hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten
+wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste
+Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung
+eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.
+
+Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von
+Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird.
+Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender
+Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage
+bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte
+Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß
+er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken
+Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.
+
+Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese
+Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier
+Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im
+Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese
+schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die
+ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.
+
+Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.
+
+Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem
+waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig
+unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die
+blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen
+unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren
+Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem »vie de campagne« versteht.
+In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das
+schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung
+seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann.
+
+Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett
+entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten
+Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt
+unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.
+
+Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten
+Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem
+dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob
+sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in
+rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen
+bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung
+verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die
+Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr
+folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem
+der unteren Pritsche entspann, vernehmen:
+
+»Du, Ernst!«
+
+»Hm?«
+
+»Ich glaube, sie schießen!«
+
+»Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die
+letzten.«
+
+Nach einer Viertelstunde:
+
+»Du, Oskar!«
+
+»Ja?«
+
+»Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine
+Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen.
+Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!«
+
+Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir
+fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt
+an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen
+Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der
+Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn
+genommen.
+
+Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente
+auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand,
+die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher
+schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau
+heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.
+
+Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige
+Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und
+schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände
+schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten,
+daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in
+einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder
+mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den
+blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd
+wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand
+die abgelöste Mannschaft im Dunkel.
+
+Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rücken floß ein
+wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter
+breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben
+sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen
+Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.
+
+Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit
+einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu
+machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich
+eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.
+
+Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens
+anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten,
+seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem
+wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir
+klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht
+bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten
+werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.
+
+Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem
+Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die
+Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit
+immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von
+einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen
+geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich
+natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem
+ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes
+muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art
+taktische Fehler begehen.
+
+Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte
+Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas
+exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu
+verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer
+kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache
+zurück.
+
+Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so
+versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie.
+Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges
+Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen
+die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen
+Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß:
+Jetzt ist etwas los!
+
+Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: »Herr Leutnant, es gehen
+70 Engländer gegen den Waldrand vor!«
+
+Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber
+vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem
+Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu
+beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese
+huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein
+leises: »Wer da?« Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter
+alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln
+versuchte.
+
+Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren,
+deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute
+standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung
+nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam
+ich zur Antwort: »Ich bin Krankenträger.« Der Mann hatte sein
+Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer
+Disziplin, ließ ich antreten.
+
+Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite
+ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen
+unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns
+liegenden Hügels zu gewinnen.
+
+Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine
+Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken
+erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes,
+der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war.
+Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das
+schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer
+verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.
+
+Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den
+Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und
+drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: »Die
+Engländer!«
+
+Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken
+erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich
+gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des
+Offiziers am rechten Flügel.
+
+Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich über einen
+tückisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich überschlug,
+kam ich doch glücklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur
+durch Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte
+Schützenlinie.
+
+Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken der gewöhnliche Mann,
+der vollauf mit seiner persönlichen Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar
+unbeteiligte Sachlichkeit des Führers bewundert, der inmitten der tausend
+entnervenden Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines Auftrages klar im
+Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten über sich
+selbst hinaus und spornt ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer
+und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entzünden.
+Der moralische Faktor ist eben alles.
+
+Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches Knacken und
+Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens glitt.
+
+»Halt! Wer da! Parole?!«
+
+Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort
+des 1. Bataillons »Lüttje Lage«, ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem
+Hannoveraner geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames,
+unverständliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und
+ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehört zu
+haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die
+Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern
+verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit.
+
+Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen. Einer von uns bekam
+einen Schulterschuß und wurde durch den Sanitäter verbunden.
+
+»Stopfen!«
+
+Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der
+Nerven war durch die Tat gedämpft.
+
+Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende Aufforderung: »Come
+here, you are prisoners, hands up!«
+
+Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner löste sich vom Waldsaum
+und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm »Parole!«
+entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte.
+
+»Schießt ihn kaputt!«
+
+Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras.
+
+Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl der Genugtuung. Vom
+Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich
+gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.
+
+In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu
+dämmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf.
+
+Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fünf, zehn, fünfzehn,
+eine ganze Kette. Zitternde Hände lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter
+waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die
+Gewehre. Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und
+Stahlhelme wuchteten.
+
+Plötzlich ein Schrei: »Aaaachtung, links!« Eine Schar von Angreifern
+schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit
+vorgestrecktem Revolver, eine weiße Keule schwingend.
+
+»Linke Gruppe links schwenken!«
+
+Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge stehend. Einige der
+Gegner, darunter der Führer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen
+zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen
+waren.
+
+Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und
+wütendem Hurra stürmten wir das Wäldchen. Handgranaten flogen in das
+verschlungene Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer
+Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben.
+
+Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die
+blassen, übernächtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend
+aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir
+waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten
+Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die kühle Morgenluft sich durch
+die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.
+
+Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten,
+hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten
+durch den Hohlweg entfernte.
+
+Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die
+Schützenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und
+Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und
+drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest überzeugt,
+von uns umgebracht zu werden.
+
+Auf meine Frage: »Quelle nation?« antwortete einer: »Pauvre Radschput!«
+
+Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen, um sich bei diesem
+gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen Füsilieren die Schädel
+einzurennen.
+
+Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf diese kurzen
+Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß Sprengwirkung. Keiner hatte
+weniger als zwei Schüsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu
+unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften
+ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer
+Angst noch bestärkt wurden. Einer starb schon während des Transportes. Er
+wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig,
+eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu
+gewinnen, indem sie fortwährend riefen: »Anglais pas bon!« Weshalb diese
+Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.
+
+Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lärm des Kampfes gehört und
+schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere
+Beute gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes
+Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück und ließ mich von ihm zur
+Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten.
+
+Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im
+Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das
+Mehrfache überlegenen Abteilung, die uns schon in den Rücken gekommen war,
+siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine
+glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualität zu erzielen.
+
+Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich durch Überlegenheit
+über die Situation und persönliche Einwirkung auf meine Leute dem
+feindlichen Führer eine arge Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab
+bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise
+gemessen, wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison üblich ist;
+nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.
+
+Sollte ein Angehöriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei
+ihm hier meine Achtung ausgesprochen für eine Truppe, die solche Führer ihr
+eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu
+kämpfen.
+
+Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? »Ihr dürft nur Feinde haben, die zu
+hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf Euren
+Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.«
+
+Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber
+der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen.
+Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am
+Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem
+Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein
+Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den
+unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.
+
+An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen
+hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit
+zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er
+hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte
+Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich
+heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch
+die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen,
+sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe
+Patronen enthielt.
+
+Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer
+unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur
+dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken
+mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe
+Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.
+
+In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des
+Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste
+der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte.
+Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein
+merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und
+stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen
+Leben erwacht schienen.
+
+Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem
+leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf
+Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg
+bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen
+Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns
+gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns
+kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.
+
+Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie
+angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe
+unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.
+
+Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude
+und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.
+
+Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall
+der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich
+sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles
+sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer
+Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab
+ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in
+ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.
+
+Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los.
+Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß
+ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast
+am Kragen gepackt hätte.
+
+Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich
+verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten
+wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam
+der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer
+Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt
+hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der
+Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.
+
+Das größte Unglück war, daß der Mann, der das Maschinengewehr getragen
+hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen
+gelassen hatte.
+
+Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten,
+setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12.
+erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach.
+Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich
+mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch und jammerte: »Herr
+Leutnant, nicht allein lassen!«
+
+Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der
+Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe
+von Postenlöchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen
+dämmerte, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte.
+
+In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerührt von
+dem gläubigen Vertrauen des Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über
+die Lage.
+
+»Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin
+verwundet! Wo ist der Leutnant?«
+
+Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schönsten Lohn in sich, wie
+die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die
+Schlacht zu einer Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in
+gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse
+betrachtete.
+
+Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser
+Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdächtiger
+Geräusche beim Anschleichen, daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte.
+
+Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere
+im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt
+wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung
+von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr
+suchen.
+
+Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am Nachmittage selbst
+einige Batterien ein.
+
+Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden Schultz wieder auf dem
+unheimlichen Stück Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht
+hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr auszuhalten.
+Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Säcken mitgebracht
+hatten. Wie Leichentücher leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel.
+
+Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse
+fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen
+entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die
+Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als
+Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche
+Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer
+mitgenommen hatte.
+
+Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter
+hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern
+konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns
+mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich
+hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.
+
+Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre
+wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten
+anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr
+unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr
+auch nicht.
+
+Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst
+wurden, hatte das Geplänkel ein Ende.
+
+Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach
+Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.
+
+Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig
+verloren.
+
+
+
+
+Langemarck.
+
+
+Cambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des Artois, an dessen Namen
+sich manche historische Erinnerung knüpft. Enge, altertümliche Gassen
+schlingen sich um das mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele
+Kirchen. Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite
+Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers
+Blériot ziert.
+
+Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den großen, einfach
+aussehenden und reich ausgestatteten Häusern ein behagliches
+Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend.
+Das Städtchen führt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn
+kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre.
+
+Der große Krieg riß das stille Nest brutal aus seinem Dornröschenschlummer
+und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges,
+neues Leben rasselte über das holperige Pflaster und klirrte gegen die
+kleinen Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde
+Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen sich in die
+mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem Wechsel die beschauliche
+Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken
+und Haustüren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermären
+und sicherste Nachrichten über den baldigen Endsieg der Landsleute
+zuraunend.
+
+Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der
+Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm während unserer
+Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine
+Unterhaltungen aus den Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische
+Abenteuer waren an der Tagesordnung.
+
+Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den großen Platz bei dem später
+berühmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten
+Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps
+übertragen.
+
+Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen meine Wirte, das
+freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir
+irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee
+zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natürlich die schwer
+zu beantwortende Frage erörtert, warum die Menschen Krieg führen müßten.
+
+Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwänke
+der allzeit müßigen und witzigen Bürger Cambrais zum besten, die in
+Friedenszeiten Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes
+Gelächter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers
+köstlichen Onkel Benjamin erinnerten.
+
+Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Städtchen und fuhren
+nordwärts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort
+schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch
+nicht gesehen.
+
+In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten
+durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von
+der schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte Felder und
+saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen. Weit verstreut lagen
+saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldächern, an deren Mauern
+Bündel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs
+kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in
+derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in
+den Gärten von Einzelgehöften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen.
+Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von
+Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg und explodierten in der Nähe.
+Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bäche und tötete einige
+badende Leute vom Regiment 91.
+
+Gegen Abend mußte ich mit einem Vorkommando zur Stellung des
+Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung vorzubereiten und meine
+Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf
+Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere
+Granaten einige Male »aus dem Schritt gebracht«. In der Dunkelheit hörte
+ich die Stimme eines Rekruten: »Der Leutnant legt sich ja nie hin.«
+
+»Der weiß ganz genau Bescheid,« wurde er durch einen Älteren belehrt. »Wenn
+eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!«
+
+Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. »Nimm nur
+Deckung, wenn es nötig ist, dann aber plötzlich.« Den Grad der
+Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den
+Endpunkt der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch das
+leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt.
+
+Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich
+durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Gräben, die des
+Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen
+auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich
+zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der Führer zufolge vor einigen
+Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000
+24-cm-Granaten vertrieben war. »Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,«
+dachte ich mir dabei im stillen.
+
+Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen
+wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen
+Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln
+sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und
+hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam
+der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück
+und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre,
+bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen
+Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser
+durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen
+vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des
+Bereitschaftskommandeurs, geleitete.
+
+Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von
+der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im
+Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch
+Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen
+schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende
+Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.
+
+Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des
+Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen
+Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose
+Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um
+kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann
+pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die
+Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.
+
+Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen
+Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen
+inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit
+und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann,
+der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken
+Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem
+Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der
+Außenwand geplatzt war.
+
+Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der
+Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte.
+Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der
+Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen
+Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ.
+Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte
+mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur
+Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der
+Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben
+nicht gewachsen wären.
+
+Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn
+stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte
+Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem
+Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.
+
+Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das
+Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines
+lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und
+führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten
+Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen
+Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.
+
+Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns
+einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht
+über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und
+durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während
+versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen
+suchten.
+
+Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der
+unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der
+Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir
+hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer,
+der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt
+der Trichterwüste gleichmachen mußte.
+
+Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen
+vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.
+
+Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl,
+aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50
+Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die
+vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt
+entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein
+Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten
+Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm
+vorging.
+
+Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den
+zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen
+waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten,
+war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten
+ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen
+einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend.
+
+Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem
+Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem
+Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt
+benachrichtigt zu haben.
+
+Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder
+Waffengattungen, die nicht einmal »Gewehr über!« kommandieren konnten, nur
+ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die
+Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag
+man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine
+Menschenleben in Frage kommen.
+
+O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und
+hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer,
+gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel.
+Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und
+Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal
+losgehen sollte.
+
+Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich
+tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den
+Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen.
+
+Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht
+unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem
+vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und
+links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie
+hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen,
+war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer
+zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen
+war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.
+
+Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich
+mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute
+Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen
+Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende
+Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene
+Hütte und hasteten weiter.
+
+Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von
+Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die
+uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich
+erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.
+
+Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu
+folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen
+überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil
+hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich
+merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde.
+Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das
+Gelände war menschenleer.
+
+Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer,
+dann wieder zwei. Mit diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel.
+
+In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der
+dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren
+Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak
+empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war.
+Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und links war kein Anschluß.
+
+Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder
+gehört hätte. Man wird sich meine Gefühle vorstellen können, als ich
+erfuhr, daß er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermißt sei.
+
+Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in
+einem nahen Unterstand läge und zeigte dabei auf ein wüstes, von
+entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die
+unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein
+Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge
+ächzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim
+Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge
+durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das
+Fieber glänzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen,
+sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten.
+
+Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden
+Augenblick konnte der Engländer stürmen, oder eine Granate dem
+schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war,
+ihn sofort zurückzuschaffen. Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung
+unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den
+Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« zu schaffen und
+von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir
+knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann
+nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte
+sich der traurige Zug in Bewegung.
+
+Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen
+Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand.
+
+Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den
+langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht
+mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern
+des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nähe Brisanzgranaten von ganz
+außergewöhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar
+getötet hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze
+los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille
+des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige
+Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange darüber
+aufhielt.
+
+Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelöst, die
+mir den Befehl überbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen.
+Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß
+kampfunfähig gemacht.
+
+Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit
+Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs,
+das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente.
+
+Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die
+strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die
+ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.
+
+In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit
+schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion
+die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe
+einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das
+Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand
+»Kolumbusei« und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft
+zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit
+Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung
+zurückgeschafft sei.
+
+Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen,
+auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch,
+Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen
+Standesunterschied die Flasche mit »98prozentigem« rundgehen. Dann gaben
+wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende
+Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört
+wurde.
+
+Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute
+nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß
+von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei
+geräumt und der Gegner im Vordringen.
+
+Nach dem alten Soldatengrundsatz: »Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele
+zusammen«, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah
+dann zu, was draußen los war.
+
+Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in
+dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute
+gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung,
+keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit
+umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach,
+zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere,
+milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein
+Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen
+und brannte noch minutenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich
+dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und
+Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns
+ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon
+nahe herangekommen sein mußte.
+
+Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den
+wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den
+Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm
+auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu,
+daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne
+Deckung.
+
+Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter
+oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten
+verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die
+erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.
+
+Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte
+den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an
+Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter
+Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine
+Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und
+ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich
+nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den
+Hals.
+
+Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen
+führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig
+unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von
+ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick
+gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.
+
+»Anschlagen!« rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses
+standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre
+magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen
+Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie
+uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz
+versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch
+nicht locker. »Aber ich habe ja gar kein Gewehr!« »Dann warten Sie, bis
+einer totgeschossen wird!«
+
+Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trümmer des
+Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der
+Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren
+Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich
+unverletzt wieder hoch.
+
+Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang über
+uns hinweg und blieb an der Straße Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war
+nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht
+gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen,
+daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten. Nachdem der Sturm über uns
+hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was
+unvermeidlich kommen mußte.
+
+Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren
+erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schützenlinie. Meine Leute
+schossen, hinter den Trümmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie
+weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns
+durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren
+wir von einem Kranze von Schützen umgeben.
+
+Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft
+hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge. Es war schwierig, die im Kampfe
+verbissenen Leute hochzubekommen.
+
+Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt
+zu werden. Ich verließ die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann
+unterstützend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit
+einigen Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.
+
+Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die zweite Kompagnie, die zur
+Verstärkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen
+zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute anderer
+Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen wollten, zwingen, zu
+bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren
+nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen
+auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen hätten. Mit
+Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit Hilfe von Kius und
+einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.
+
+Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frühstückten. Kius
+zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor
+uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf
+umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und
+meldete, daß sich eine Kompagnie der Gardefüsiliere an der Straße
+eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten hätte.
+
+Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Höhe vorgehen.
+Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde
+schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot
+zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt hatten, von der das Gelände zum
+Steenbach abfiel, bemerkten wir, daß die Engländer im Begriff gewesen
+waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen
+Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelände
+von Schützenlinien und Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg
+wimmelten sie schon herum.
+
+Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch aus und knallten
+gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen.
+Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine
+Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, während
+neben ihnen die Staubwölkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer
+Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf
+einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander vier Gegner ab. Der
+Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit
+verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgeräumt.
+
+Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge auf uns herunter
+und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben.
+
+Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um
+Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und
+Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde
+alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der
+Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder.
+
+Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen
+wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die
+Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch
+schwere Stunden bevorstehen mußten.
+
+Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren
+Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten,
+schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und
+Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz
+auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu
+meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus
+vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter
+rechts traten schwere Verluste ein.
+
+Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in
+die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens
+Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre,
+Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser
+Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir
+noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem
+Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine
+Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das
+Ende gefaßt.
+
+Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte
+auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken
+sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So
+beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman »le
+vautour de la Sierra«, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war.
+Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: »Ein großes Herz fühlt vor dem
+Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.« Heute
+schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir
+selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich
+Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir
+ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben
+sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.
+
+Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius
+leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß
+fest.
+
+Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des
+ganzen Krieges.
+
+Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem
+unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen
+ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen
+und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden
+sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende
+Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern
+wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern
+des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.
+
+Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein
+schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln
+eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden
+aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das
+Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu
+betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen.
+
+Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in
+einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum
+hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht
+dich.
+
+Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der
+moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am
+Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen
+Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache
+machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein
+Feigling vor mir selbst, ein Lump, der später bei jedem Worte des Lobes
+erröten muß. Du beißt die Zähne zusammen und bleibst.
+
+An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen
+Chaussee lagen. Man sah, daß Führer und Mannschaft in einem heroischen
+Geiste erzogen waren.
+
+Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier
+als Vorkämpfer muß das Gefühl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre
+anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen.
+Das wird einem erst im Kriege ganz klar. --
+
+Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen
+eingeschwärmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur
+schlammgefüllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach
+zurückgezogen.
+
+Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft, setzten wir uns
+bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den
+zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in
+einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte ich durch ein
+merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte, daß ich mich in einer betrüblichen
+Lage befand. Es regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen
+sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und
+schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des
+ständigen Steigens der Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone
+nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden
+Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin
+füllte. Während ich mich bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu
+angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen
+übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne
+einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der nächsten
+Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Straße.
+Es war eine erbärmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, daß
+kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu
+brechen vermag wie Nässe und Kälte.
+
+Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres
+Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mußte ja dadurch gerade in
+den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit
+seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone überwinden, während wir
+unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen konnten.
+
+Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein
+rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers, der den Befehl brachte, daß
+sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte.
+
+Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am
+Angriffstage gewesen sein mußte. Die Straßen waren besät von Menschen und
+Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen
+lagen zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen.
+
+Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen Bälle
+vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten sich die Reste des Regiments.
+Wir wurden erschüttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der
+Stärke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand.
+Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften.
+Düsteren Blicks standen die Überlebenden im strömenden Regen, bis die
+Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um
+einen glühenden Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück
+wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwüstlich.
+
+Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen
+und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie getötet. Trotz der
+Beschießung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum
+Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den Regen
+hinausgeworfen zu werden.
+
+Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen Abrücken. Wir marschierten
+über die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach
+Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf
+Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies
+schon viele zerschossene Häuser auf. Der verödete Marktplatz war mit
+fortgeworfenem Hausgerät besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen,
+als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein
+Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lärm
+im Rücken erhöhte das Traurige des Bildes.
+
+Die Überreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof
+untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder
+hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Führung der siebenten
+Kompagnie übertragen, mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid
+teilen sollte.
+
+Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, stärkten
+uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner
+der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz
+in die Augen: »Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.«
+
+Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar wirres Tun in finsterer
+Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil
+dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche
+Offensive zum Stillstand zu bringen.
+
+Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen
+Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schläfer und wälzten sich hin und
+her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten.
+
+Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrüchten der
+verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Städtchens Gits in Marsch. In
+der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon
+wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flämische Kellnerinnen
+zum allgemeinen Vergnügen mit sehr gewagten Redewendungen würzten.
+Besonderen Spaß machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch
+die Offiziere, mit »du« traktierten.
+
+ * * * * *
+
+Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen
+Brief meines Bruders. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine
+klapprige Lunge behalten würde.
+
+Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergänzen
+und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen
+Neulings anschaulich wiedergeben:
+
+»-- -- Antreten zum Sturm!« Das Gesicht meines Zugführers und
+Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den Eingang der kleinen laub- und
+bretterüberdachten Höhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend
+lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich
+fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den Stahlhelm fest und
+trat in die Dämmerung hinaus.
+
+Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen verändert. Das
+Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen
+Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und
+beruhigten das ängstlich spähende Auge durch ihre großen eisernen Kreuze.
+
+Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trümmern und Schutt
+sich merkwürdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und füllte
+meine Feldflasche.
+
+Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich hakte mir eilig vier
+Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei
+Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen
+aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem
+bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten
+sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und
+polternd auf den Feind zu.
+
+Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das zweite Bataillon unseres
+Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl,
+englische Abteilungen, die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen.
+Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den
+Gegenstoß aufzufangen.
+
+Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf mein Blick auf das
+blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. »Bachmann«,
+dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad,
+Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich verlor
+ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich
+plötzlich vor unseren Augen entwickelt hatte.
+
+Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich
+zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen
+Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure
+Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Himmel mit düsterem,
+schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder
+zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge
+umherwanderten.
+
+Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig
+ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontänen, und ein
+Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick
+stand jeder erstarrt. Dann stürzte alles wie rasend auseinander. Einmal
+noch hörte ich unverständlich die brüllende Stimme unseres
+Bataillonskommandeurs, Rittmeister Böckelmann.
+
+Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und
+drängte mich mit den anderen nach den Trümmern eines Dorfes, das die
+unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen
+die Gasmasken heraus.
+
+Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf
+sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag
+spähend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand,
+Detonation folgte auf Detonation; Häuserreste, ein Schauer von Erdklumpen,
+Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle
+Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glühenden Hexenkessel
+hinein.
+
+Was war dagegen das halbstündige Trommelfeuer, das diesen verfehlten
+Angriff vorbereitet hatte. Denn daß er verfehlt war, war mir klar wie eine
+Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen
+Zwischenräumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten
+durcheinander und stürzten mit höllischem Prasseln nieder.
+
+Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers' schaute ich nach rechts. Er erhob
+die linke Hand, winkte nach hinten, rief und sprang vor. Ich stand
+schwerfällig auf und folgte laufend. Meine Füße brannten von der
+vorhergehenden Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von den
+Strümpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte nachgelassen.
+
+Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete mich, als ich aus
+einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells,
+das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Höhe auseinandersprang. Ich
+fühlte zwei dumpfe Schläge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir
+das Gewehr aus der Hand, ich brach, den Kopf nach hinten, zusammen und
+kollerte in den Trichter zurück. Verschwommen hörte ich noch die Stimme
+Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: »Den hat's erwischt.«
+
+Er sollte den nächsten Tag nicht beenden. Der Vorstoß mißlang, und er wurde
+beim Zurückspringen mit all seinen Begleitern getötet. Ein Schuß durch den
+Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende.
+
+Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhig geworden. Ich
+versuchte mich aufzurichten, empfand jedoch heftigen Schmerz in der rechten
+Schulter, den jede Bewegung des Armes verstärkte. Der Atem ging kurz und
+stoßweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen. »Prellschuß an Lunge
+und Schulter«, dachte ich, warf Sturmgepäck, Koppel und in einem Zustande
+völliger Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und
+hängte die Feldflasche an den Taillenhaken.
+
+Nach fünf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen.
+Nach vielleicht einer Stunde versuchte ich das zweite Mal fortzukriechen,
+da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern überschauert wurde.
+Auch dieser Versuch mißlang; ich verlor meine Feldflasche und versank in
+eine unendliche Erschöpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefühl
+brennenden Durstes erweckte.
+
+Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig
+schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein
+Gewitter zog auf, seine Donnerschläge wurden übertönt von dem einsetzenden
+Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte mich an die Trichterwand. Ein
+Lehmklumpen traf meine Schulter, schwere Splitter fegten über meinen Kopf
+dahin. Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit.
+
+Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprüngen über das Feld
+setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden, ohne auf mich zu hören wie
+Schatten in den Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu. Ich
+erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage vorher. Sie nahmen
+mich mit zu einer kleinen Hütte, die in der Nähe stand, vollgestopft von
+Verwundeten, die von zwei Sanitätern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden
+im Trichter gelegen.
+
+In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen Schmerz verbeißend,
+krampfhaft sein zerschossenes Knie hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen;
+manchmal, wenn jemand ihn anstieß, stöhnte er leise.
+
+Fortwährend arbeitete das gewaltige Feuer fort. Granate auf Granate schlug
+neben uns ein, häufig das Dach mit Sand und Erde überschüttend. Man verband
+mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober, roter Marmelade und
+ein wenig Wasser. Der Sanitäter sorgte für uns wie ein Vater.
+
+Die Engländer begannen vorzudringen. Sprungweise näherten sie sich und
+verschwanden in den Trichtern, wie ich aus draußen erschallenden
+ängstlichen Ausrufen schloß.
+
+Dann trat mein Kompagnieführer, der Leutnant Sandvoß ein, fragte mich, ob
+ich gehen könnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich
+darauf hörte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden
+umpostiert und begannen zu tacken.
+
+Plötzlich stürzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein
+junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder,
+der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrüßten uns, ein wenig
+seltsam und gerührt lächelnd. Nach wenigen Minuten verließ er mich und
+brachte die letzten fünf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine
+Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschütze vom Schlachtfelde
+getragen. --
+
+
+
+
+Regniéville.
+
+
+Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten Mars-la-tour aus. Die siebente
+und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz
+beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen
+Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den
+Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die
+Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden
+angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.
+
+Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von
+Busse, besichtigt, der uns sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht
+aussprach. Am nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die
+Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue
+Stellung, die sich auf den waldreichen Höhen der Côte Lorraine gegenüber
+dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville
+hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang
+für eine Kompagnie vorkam und aus einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil
+halbverfallener Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen
+Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen
+Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurück in dem sogen.
+Verkehrsgraben, nahe der aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten
+Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber.
+
+Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung
+bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der
+Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken
+betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen leicht ablaufen konnten.
+Der rötlich-weiße Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den
+Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und
+Ammonshörnern in den Unterstand zurück.
+
+Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig
+Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es
+kamen nämlich in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel
+beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in
+demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander wie Wander- und
+Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wäschewechsel, denn die
+sprunggewandten Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der Lagerstätte. Der
+zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß endlich seine Decken heraus und
+konnte mit Mephisto sprechen:
+
+ Ich schüttle einmal noch den alten Flaus,
+ Noch einer flattert hier und dort hinaus,
+ Hinauf, umher in hunderttausend Ecken,
+ Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.
+
+Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig. Außer der dünnen
+Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lächerlich kleinen
+Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon
+fraß mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte.
+
+Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten,
+romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein
+Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an
+den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer
+winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Hütte, die dicht von
+Haselnußsträuchern und Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen
+Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken und einen
+schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rückwand
+aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon
+mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und auch ich
+bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht zu vernachlässigen. Wenn
+abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weißen
+Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten Dämmer
+zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme des Feuers hockte, schien
+mir nur ein Getränk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in
+einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die
+Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer Herr meine
+Kompagnie übernommen hatte, und ich als Zugführer wieder den langweiligen
+Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter
+Gewohnheit durch häufige Patrouillen zu umgehen.
+
+Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann durch einen
+Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das
+Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. -- Am 29. stattete ich mit dem
+Unteroffizier Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten
+Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.
+
+Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann
+in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen Überraschung
+war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit
+ziemlichem Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der
+nächsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstündigen
+Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei
+einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung
+mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige Tür versperrt,
+doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir
+denselben Weg zurück und verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren
+Besuch nicht zu verraten.
+
+Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde
+jedoch mit Gewehrschüssen und zitronenförmigen Handgranaten, den sogen.
+»Enteneiern«, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden
+gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte schleunigst
+Fersengeld geben.
+
+Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum
+Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. »Ich habe schon an Sie
+gedacht,« erwiderte mir der Oberst von Oppen, »das Regiment muß jedoch eine
+gewaltsame Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen. Suchen
+Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit ihnen unten im
+Souloeuvre-Lager.«
+
+Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und
+versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile,
+zwei Stoßtrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen
+und uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung des linken
+Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich
+nur aus Freiwilligen zusammen; einige Überzählige weinten fast, als ich sie
+zurückwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter
+der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius,
+Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des
+zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.
+
+Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und führten
+unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus.
+Es war ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur drei schon
+vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im übrigen taten wir keinen Dienst,
+so daß ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten,
+aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir für die Nacht
+untergebracht werden sollten.
+
+Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum
+Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister
+Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in
+unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß,
+daß man am nächsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat
+und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.
+
+Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und ließen das
+Frühstück zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tüchtigen Ärger, da mir
+mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages
+leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.
+
+Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle
+Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns
+gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum
+Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und
+führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon
+Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile
+wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und
+harrten der Dinge, die da kommen sollten.
+
+Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier
+Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der
+rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten
+Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf
+Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und
+Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten,
+Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte
+Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte
+Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir
+abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als
+Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde.
+
+Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer
+ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los.
+Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte
+eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse
+Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten.
+
+Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten
+Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und
+sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das
+feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte
+aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter,
+aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. »Rin!«
+Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während
+rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern,
+setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und
+sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer
+Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese
+vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir,
+ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.
+
+Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes
+Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die
+Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben
+vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen
+Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste.
+So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in
+dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das
+Leben.
+
+Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter
+ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang
+gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: »Montez!« Eine
+herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe
+meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene
+Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des
+kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde
+die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten
+den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine
+Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff
+unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in
+entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall
+lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: »Wo mögen nur
+die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?« stieg immer unheimlicher in uns
+empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und
+vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben.
+
+Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden.
+Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten
+uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und
+zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten
+uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.
+
+Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte
+niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen
+Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der
+Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des
+Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich.
+Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten
+Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten.
+
+Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und
+sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines
+Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische
+Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und
+den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während
+der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper
+nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu
+kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute
+mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff
+mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem
+Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick
+ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben
+vermuteten, eine Stimme: »Qu'est ce qu'il y a« und ein schwarzer Ball flog,
+sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. »Achtung!«
+Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die
+Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das
+Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der
+Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der
+Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es
+konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere
+Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte.
+Pardonstimmung lag nicht in der Luft.
+
+Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel
+herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf
+das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es
+schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir
+sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den
+eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die
+Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf »Lüttje Lage!«
+entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel
+von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich
+liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im
+ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen
+gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.
+
+Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier
+Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost
+mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben
+geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom
+Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde,
+hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie.
+
+Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück,
+und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine
+Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen
+Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden
+ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem
+Satze schloß: »Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge,
+Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!«
+
+Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand.
+Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war
+zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze
+Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und
+fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden
+noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß
+ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die
+Landstraße zu brausen.
+
+Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte
+vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust
+meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: »Du kannst mir hier, zwanzig
+Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,« und gab zu verstehen,
+daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße
+von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes
+gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig
+in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an
+die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige
+Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den
+Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer
+angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin
+ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!
+
+Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte
+bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen
+Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte:
+»Nur die Lumpe sind bescheiden!« unsere Taten vom Morgen in das richtige
+Licht zu stellen.
+
+Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch
+einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage
+Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen
+war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern
+dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten
+Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: »Dem
+Auge fern, dem Herzen ewig nah!« In eine große Steintafel war gemeißelt:
+
+ »Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten,
+ Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.«
+
+Abends las ich im französischen Heeresbericht: »Ein deutsches Unternehmen
+bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.« Daß die Gefangenen nur
+gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen
+Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre
+Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl
+anders gekommen.
+
+Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem der Vermißten, dem
+Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er
+war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und
+schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter
+auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren.
+
+Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war
+unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich
+an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten
+Gräben denke.
+
+Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zürn mit mehreren
+Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen in die erste französische Linie.
+Domeyer stieß auf einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart,
+der seine Aufforderung: »Rendez-vous!« mit grimmigem »Ah non!« erwiderte
+und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes schoß
+Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne
+Gefangenen zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine
+Artilleriemunition verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht ausgereicht
+hätte.
+
+
+
+
+Noch einmal Flandern.
+
+
+Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen Urlaub zurückkehrte,
+wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelöst und
+zunächst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester
+jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen
+lothringischen Dörfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen
+Örtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In
+dieser Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche Erfahrungen
+gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern mußte man gewisse
+Schattenseiten mit diskretem Lächeln ignorieren. So sehr ich den Franzosen
+schätze, halte ich doch diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende.
+
+ »Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt,
+ Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.«
+
+Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen
+wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten.
+Wir übernachteten in dem Städtchen Iseghem und marschierten am nächsten
+Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt: Roselaire. Die Stadt
+befand sich im ersten Stadium der Zerstörung. Noch wurden in den Läden
+Waren feilgehalten, doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und
+die Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen
+zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten gegenüber meinem Quartier machte
+auf mich in dem Kriegsgewühl einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts
+versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.
+
+In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner
+der überirdischen Räume. Das Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn
+des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur
+Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten für ein kleines,
+verwaistes Mädchen, das sie während unseres Vormarsches, von seinen Eltern
+verlassen, in den Straßen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht
+einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor
+Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen,
+um die bösen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings
+auch, als, während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen
+im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer fliegenden Engländer
+betrachtete, eine Riesenbombe in der Nähe des Hauses aufschlug und der
+Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.
+
+Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier bestimmt und dem
+Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor
+unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das
+wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen
+Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas über mein »rotes
+Mützenbandl« brummte. Ich legte damals schon längst keinen Wert mehr auf
+einen sortiert feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall den
+Neuling.
+
+Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr
+guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen,
+als eine Granate bei uns einschlug. »Da bin ich schon, des Chaos
+vielgeliebter Sohn!« Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag
+in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine
+Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen.
+
+Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer
+Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten.
+»Den hat's a derwischt!« äußerte der biedere Bayer. »Dicke Luft«, meinte
+der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf
+lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale--Westroosebeke und
+erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy
+geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen
+Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer
+vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein
+geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut
+waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über
+Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht
+erstattete.
+
+Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die
+gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die
+flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein
+Wirtschaftsschild, das den Titel »De Zalm« (Salm), »De Reeper« (Reiher),
+»De Nieuwe Trompette«, »De drie Koningen« oder »Den Olifant« führt? Klingt
+das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen
+unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche
+Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von
+den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.
+
+Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den
+Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und
+knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im
+Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier
+zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist.
+Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten,
+klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe
+werden konnte.
+
+Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach
+Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An
+der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das
+Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von
+Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate
+getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir
+versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die
+Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen
+bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem
+Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte
+die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit
+zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten
+militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase
+gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder
+desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied
+bereichert haben.
+
+Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache
+bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps
+schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete
+schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns
+begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen
+rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken
+Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über
+ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir
+sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich
+wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da
+der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für
+den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in
+der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und
+Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal
+einer bombensicheren Unterkunft darstellte.
+
+Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der
+Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte
+über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen
+Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons
+hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum
+Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war
+das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das
+besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf
+meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten
+vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen
+Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand
+errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt.
+
+Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch
+einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde,
+entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie,
+Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung
+lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von
+anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins
+erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf
+Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er,
+die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in
+Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst
+Bericht erstattete.
+
+Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster Weise durch einige uns
+vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in
+langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der
+Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen
+hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal
+vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate
+schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im
+Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.«
+Sekunden und Millimeter entscheiden.
+
+Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die
+uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch
+die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen
+Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen,
+vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst
+nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses
+Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants
+Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom
+Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild
+und lebenden Beweis des Spruches: »Fortes fortuna adjuvat« bewundert. Er
+war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums
+sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus
+umgeben waren.
+
+Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von
+außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte
+auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes
+kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen
+halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.
+
+Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen
+englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach
+vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch
+scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant
+Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T.
+K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind
+unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den
+Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten
+Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser
+stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm
+gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne
+Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte.
+
+Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken
+genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag,
+unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit
+einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit
+meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im
+schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste
+Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen
+Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren
+umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter
+nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden.
+Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen
+uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und
+zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte,
+raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von
+einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch
+glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße
+Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem
+Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.
+
+Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage,
+festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt.
+Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten
+Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls
+eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken
+Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich
+auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir
+fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten
+Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der
+Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag,
+eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig
+erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche
+Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation
+eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon
+nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen
+gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter
+vorspringen. Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das
+Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der
+Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit
+den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.
+
+Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und
+ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die
+feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich
+auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres
+Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm
+spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und
+wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her:
+»Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird's von selber!«
+
+Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter
+den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke
+benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und
+wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar
+ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die
+einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern
+geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein
+Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs
+Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen
+Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse.
+Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse
+rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war
+wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den
+Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe
+Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns
+durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei
+diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur
+Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern
+verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war.
+
+Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine
+Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete.
+
+Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10
+abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front
+untergebracht. Der Stab zog nach Most.
+
+Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer
+verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung
+des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe
+für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein
+Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine
+Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das
+Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der
+Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle
+wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter
+schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines
+Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen
+hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern.
+
+Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden
+Gefechtsauftrag: »Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung
+des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen
+beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des
+Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des
+Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom
+Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das
+II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht
+eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.«
+
+Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann
+von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze
+bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag
+damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T.
+K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge
+frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern
+starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die
+menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln
+der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der
+bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte
+mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig
+erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a.
+waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie
+gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders
+tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer
+der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren
+Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die
+deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im
+selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier
+Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter
+mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige,
+der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert
+die Verluste des Füsilier-Regiments.
+
+Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der
+gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der
+Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei
+Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit
+den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich
+nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten
+sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die
+Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt
+zurückziehen.
+
+Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen
+englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang
+der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner
+verdutzten Leute hinein.
+
+An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von
+Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des
+Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder
+zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die
+Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß
+verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen
+hatten.
+
+Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch
+kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu
+vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn
+drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.
+
+Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes
+Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die
+Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen
+schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im
+Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm
+Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter
+Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in
+fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener
+wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf
+einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich
+herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp,
+waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine
+Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus
+versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.
+
+Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen
+Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der
+Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den
+alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen
+in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.
+
+Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her
+wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden
+Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen
+manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.
+
+Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt
+von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder
+Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein
+prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue
+de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem
+Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.
+
+Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins
+zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war.
+Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen
+Formen zu genießen.
+
+
+
+
+Die Cambraischlacht.
+
+
+Die schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber. Wir lagen noch kurze
+Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und
+fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen
+Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lécluse war ein größeres, von
+Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten
+und Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen
+streng verboten war, hörte man nachts auf dem Wasser oft rätselhafte
+Geräusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar
+Soldbücher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten
+erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darüber, da mir die
+gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung
+der französischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen.
+Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf
+meinem Tische niedergelegt. Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden
+Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange »Hecht à la Lohengrin«
+(Nie sollst du mich befragen).
+
+Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die Stellung, die wir in den
+nächsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir
+kamen jedoch nicht so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast
+jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes
+abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe
+Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, daß das nicht
+lange gut gehen konnte.
+
+Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur,
+Hauptmann von Brixen, daß wir an einem groß angelegten Gegenangriff auf den
+Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in
+unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die
+Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu können, hegten wir
+unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem
+setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren
+eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und vorzüglichen
+Unteroffiziere.
+
+In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile
+verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein
+Mann eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte
+und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich
+wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich
+lachen oder wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen
+Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir konnten endlich
+einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt, bis dicht vor Baralle, wo wir
+in einem Straßengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich
+trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir
+erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung, daß das Regiment 225, dem wir
+unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir
+sollten währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen.
+
+Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen ein, die sich
+von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der
+Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal
+angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrünen
+Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem
+leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände Batterien anspannten
+und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger schoß einen
+englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm
+absprang.
+
+Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Höhe des
+Schloßparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten
+uns trotz der Kälte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um
+3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken, der in der
+Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir
+legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort
+wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur
+vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die 500 Meter, die im
+Kanalbett zu überwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten
+ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote
+verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte.
+Reserven lagen dicht an die Böschungen gepreßt und waren beschäftigt, in
+fieberhafter Hast Deckungslöcher in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da
+alle Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das Feuer auf sich
+zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und
+überließ jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog
+klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe,
+der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen
+passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten. Wir
+steckten eine Kerze an, aßen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und
+unterhielten uns fröstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige
+vordere Linie einzurücken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die
+siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und führte die Leute
+vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mächtige Granaten ein, von denen
+eine gleich einem Gruß der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett
+mit finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer
+eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig über Stacheldraht
+und Steintrümmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl
+beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur
+Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des
+Kriegers werden durch die sonderbarsten Täuschungen gereizt; er fühlt sich
+zwischen den drohenden Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in
+dunkler Heide verirrt hat.
+
+Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen Linie in den Kanal und
+wanden uns durch menschenüberfüllte Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand.
+Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten
+einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr, daß der Angriff an dieser
+Stelle nicht viel erreicht hätte und am nächsten Morgen weiter vorgetrieben
+werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei
+Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten.
+Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe
+ihrer Pritschen, die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der
+Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedränge für
+ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender Verwundeter rief durch
+die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm
+hervor.
+
+Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit
+der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als
+möglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des
+Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese
+Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich
+erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und
+erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nächste Morgen
+zeigte, daß diese Änderung von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene
+Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes Blut sparen.
+
+Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle
+nicht verwöhnt. Da mir die Lage des Drachenweges äußerst schleierhaft war,
+bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt
+werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.
+
+Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung
+umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn
+abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild
+mit der halbverwischten Aufschrift »Drachenweg«. Als ich hineinging, hörte
+ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war
+äußerst überrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu
+finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln getroffen waren, und sperrte den
+Graben sofort durch eine Gruppe ab.
+
+Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine
+Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den
+Gefechtsauftrag zu erklären und die Züge zum Angriff einzuteilen. Meine
+Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal
+sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der Grube. Ich stand
+oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmäßige
+Verneigung der mondbeglänzten Stahlhelme unter mir.
+
+Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte ich den ersten und
+zweiten Zug in die Stellung zurück und blieb mit dem dritten in der Grube.
+Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg
+abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzählten, daß
+nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als
+unüberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern
+überein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen
+und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden
+Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die
+endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in
+einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentümlichen
+Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat
+ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern,
+versucht Scherze zu machen, läuft hin und her wie vor einer Parade vor dem
+kommandierenden General; kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um
+den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus
+erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme und Zuversicht ins Mark zauberte.
+
+Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an.
+Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter
+einer Barrikade verriet, daß das MG. zurückgenommen sein mußte. Unser
+Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg,
+nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein
+paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt
+fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und
+betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgerät und englischer
+Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Plötzlich riß der Führer der
+Stoßgruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und
+schoß. Er war auf einen englischen Posten gestoßen, der nach einigen
+Handgranatenwürfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf
+von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten
+und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stoßtrupp-Technik trat in Funktion.
+Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hände;
+Scharfschützen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen
+Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugführer spähten über Deckung, um einen
+Gegenstoß rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG.
+bauten ihre Waffen an schußfeldbietenden Stellen auf.
+
+Nach kurzem Kampfe erschollen drüben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht
+begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Engländer mit hochgereckten
+Händen entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr und
+schnallte ab, während unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet
+waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich ließ
+sie mit der Aufforderung: »Hands down!« passieren und beauftragte eine
+Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches
+Lächeln, daß sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit
+vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu
+stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, daß wir
+einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen.
+Schon hatten wir 150 Mann gezählt, und immer noch erschienen neue mit
+erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem
+weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr
+höflich, beeinträchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte,
+dadurch, daß er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Führer der
+Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen
+aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefähr 26 Jahren mit
+feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem
+Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der
+eine goldene Kette blitzte, an die Mütze, nannte seinen Namen und übergab
+mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, daß ich einen Mann vor mir
+hatte. »We were surroundet about.« Es drängte ihn, seinem Gegner zu
+erklären, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben hätte. Wir
+unterhielten uns in französischer Sprache über verschiedenes. Er erzählte
+mir, daß eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden
+und verpflegt wären, in einem nahen Unterstande lägen. Als ich mich
+erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wäre,
+verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die
+anderen Verwundeten zurückschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch
+einen Händedruck.
+
+Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, daß wir an 200 Gefangene
+gemacht hätten. Für eine Kompagnie von 80 Köpfen eine schöne Leistung.
+Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten
+Graben um, der von Waffen und Ausrüstungsstücken starrte. Auf den
+Postenständen lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten,
+Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimäntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch,
+Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug,
+Pistolen, Leuchtpistolen, Wäsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur
+denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu
+geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas näher zu untersuchen.
+Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen
+in einem Stolleneingang ein kleines Frühstück zusammenstellen zu lassen und
+eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entzünden, während ich meinen
+Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann
+schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur.
+
+Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht
+ableugnen, daß die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen
+haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr
+die Siegfriedstellung entlang.
+
+Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und
+stiegen, um uns zu orientieren, auf den nächsten Postenstand. Während wir
+mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine
+unsichtbare Faust zu Boden gestoßen. Ein Geschoß hatte den Scheitel seines
+Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schädeldecke gerissen.
+Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes,
+trotzdem konnte er noch allein zurückgehen.
+
+Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff über freies
+Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zögernd an; nur ein unbeholfener
+Pole, den ich immer für blödsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben
+und stapfte schwerfällig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der
+Fähnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, während wir gleichzeitig im
+Graben vorgingen. Die Engländer gaben einige Schüsse ab und rissen aus, das
+Blockhaus uns überlassend. Einer der Leute des Fähnrichs war mitten im
+Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem
+Gesicht auf dem Boden.
+
+Beim weiteren Vorgehen stießen wir auf die erbitterte Gegenwehr
+unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines längeren
+Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurückgedrängt. Dort verbarrikadierten
+wir uns. Sowohl wir als die Engländer ließen in dem umkämpften Grabenstück
+eine Anzahl von Leichen zurück. Leider befand sich darunter auch der
+Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniéville als tollkühnen
+Kämpfer schätzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer großen
+Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem großen Loch in der Stirn,
+daß hier keine Hilfe mehr not tat.
+
+Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein
+hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen ein 50 Meter von uns postiertes
+Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns
+nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden
+Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser
+Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl
+ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem
+Verstande, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Allmählich wurde es
+etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12
+Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und
+beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das
+Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die
+Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr 25 Engländern,
+deren Köpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich
+anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde
+ich von weiter hinten beschossen.
+
+Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre
+knallten, MG. ratterten. »Sie kommen! Sie kommen!« Wir sprangen hinter die
+Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang
+in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den
+Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir
+diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage später zum
+E. K. I gratulieren zu können.
+
+Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frühstück zurückgekehrt,
+als von neuem ein Heidenlärm losbrach. Es trat einer jener merkwürdigen
+Zwischenfälle ein, an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so
+reich ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter des linken
+Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von
+gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenuß schien seine angeborene
+Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. »Wo ist der Tommy? Ran an die
+Hunde! Los, wer kommt mit?« In seiner Wut riß er unsere schöne Barrikade
+ein und stürzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor
+ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen
+die dem Sprengstoff Entronnenen.
+
+Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch
+wir wurden vom Draufgängertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten
+aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich
+neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt
+von Leuten meiner Kompagnie, ließen sich nicht lange bitten. Selbst der
+Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre
+in der Hand unter den Vordersten und streckte über unsere Köpfe hinweg
+mehrere feindliche Werfer nieder.
+
+Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen.
+Die schwarzen Bälle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit
+unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen
+oder noch zuckende Körper. Man tötete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir
+hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der
+Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während sein Blut aus
+vielen Wunden auf den Lehm sickerte.
+
+Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete
+unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr
+und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien.
+Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten
+mit hartem Knall am Grabenrand.
+
+Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments
+225 ausgeräumt. In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über
+freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer
+Treibjagd.
+
+Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen
+geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden
+Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und
+sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer
+Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mußte also noch einmal an uns
+vorbei. Wir konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern, die vor
+Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich
+schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Füße, so daß sie
+stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun
+entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie
+Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm hüllend. Zwei Leute
+reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den
+zusammengeballten Engländern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme
+hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich. Feuer vor den Augen,
+sprangen wir schreiend auf den Grabenrand.
+
+Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden
+geworfen. Ernüchtert riß ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu
+meinem Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier
+Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, daß an
+meinem Hinterkopfe nur ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines
+weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den
+Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurück, um
+mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die
+nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte und
+hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschuß
+gefallen wäre.
+
+Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu
+fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr
+geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen
+hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es
+war leider nur zu wahr.
+
+Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen sämtliche
+hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der
+Leutnant Hopf fiel, ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher
+Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fähnriche und
+viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die
+glorreich eroberte Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath, des
+letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung.
+
+Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die
+irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten
+Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je
+entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen
+hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern,
+tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen,
+blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist
+der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer
+gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene
+Kämpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so
+stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen
+Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Blut
+klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der
+Brust ringt.
+
+Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit
+einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus
+einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen
+anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge.
+
+Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle,
+während meine Augen durch herabströmendes Blut geblendet wurden. Der Mann
+neben mir stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß
+durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann fürchtete, seinen zweiten
+Kompagnieführer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei näherem
+Hinsehen nur zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest;
+wahrscheinlich durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter des
+Verwundeten verursacht.
+
+Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich mich dem Hauptmann
+an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging. Den hart beschossenen Dorfrand
+von Moeuvres im Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im
+Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. -- Am Nachmittag
+setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lécluse, wo ich dem
+begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem
+ich halb im Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein
+geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen
+Tage mit einem Feierabendgefühl in das Bett, das mir mein treuer,
+freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am übernächsten Tage rückte das
+Bataillon in Lécluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur,
+Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in
+der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden.
+
+Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein
+langes Grabenstück erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und
+Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine
+Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte
+die Freude, eine lange Reihe von Beförderungen und Auszeichnungen verkünden
+zu können. Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Führer der
+Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer und last not least, der
+kühne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster
+auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub,
+währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit
+Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges
+über Orden eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, daß
+ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete.
+Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit
+der Inschrift »Dem Sieger von Moeuvres«, den mir die drei anderen
+Kompagnieführer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an
+den Tag von Cambrai.
+
+
+
+
+Am Cojeul-Bach.
+
+
+Nach wenigen Tagen der Ruhe lösten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte
+Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete,
+vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die
+Straße Arras--Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches
+begrenzt, über das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch
+nächtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde
+durch eine zwischen den vorderen Gräben liegende Erhebung der Sicht
+entzogen. Außer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu
+schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme
+aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie
+wahr.
+
+Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung gähnenden
+Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter
+ragte in grotesker Wüstheit das Eisengerüst einer zerstörten Zuckerfabrik.
+
+Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit
+verbrauchtem Kriegsmaterial gefüllten Trichtern steckten die windschiefen
+Kreuze verfallener Gräber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen
+und mußte von dem Erlöschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der
+anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm
+des Cojeul-Grundes zu geraten.
+
+Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen
+Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und
+trommelte mit den Füßen zur Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben
+Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche,
+der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde.
+
+Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trüben
+Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar
+geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der
+Befehlsstelle zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam erst zur
+Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen
+wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine
+behagliche Wärme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre
+der aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig erwartet
+wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben, Graupen und Dörrgemüse
+durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr
+zu wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische
+sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken
+gehüllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige
+Gerüche ausströmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub
+wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen, auch die Erotik
+spielte eine Hauptrolle.
+
+Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar
+zurückkehrte.
+
+Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst und marschierten durch
+dichtes Schneegestöber nach Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um
+uns für die Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren
+Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern verteilt
+wurden, stellten den Angriff für die nächste Zeit in Aussicht.
+
+Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts und
+Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr
+geschossen. Da alle Dörfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer
+belegt waren, wurde jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die
+Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten. Ein
+Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten Maschinengewehr den
+Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel.
+Zum Glück war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht klar
+erweislich.
+
+Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie Übungsangriffe mit scharfen
+Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der
+Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen
+wird, fallen Späne.
+
+Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v.
+Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade zu übernehmen. Das Scheiden
+dieses hervorragenden, während der langen Jahre des Krieges fest mit seiner
+Truppe verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher
+Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besaß
+er die bei im eintönigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht
+häufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit
+Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann kann im Kriege
+Unermeßliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: »Auf Wiedersehen
+in Hannover!« nicht in Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat
+noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von
+der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft.
+
+Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über und wurden am 22. für
+vier Tage im Trichterfelde links der Straße Dury--Hendecourt untergebracht,
+um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung,
+die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenüberlag, wurde
+mir klar, daß ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen
+Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte.
+
+Überall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege
+angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelände stehenden
+Schildchen, auf denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die
+Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere
+Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine
+interessante Neuerscheinung an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr
+von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um
+12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu
+versorgen.
+
+Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten
+Quartiere. Nach mehreren Übungen im Bataillons- und Regimentsverbande
+exerzierten wir zweimal an einer großen tracierten Stellung einen
+Durchbruch der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur
+eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, daß der Sturm
+in den nächsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der
+Geist der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich hier
+auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen zur Kampfprobe
+versammelt hatten.
+
+Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung sich gesteckt hatte, so
+war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten
+schwerster Kämpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen,
+wie je im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt in die Bresche
+stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre
+einst die Wogen des Hasses geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen,
+daß wir gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor.
+
+Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden
+Tisch zusammensaßen und uns mit heißen Köpfen über den bevorstehenden
+frisch-fröhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der
+Begeisterung der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch Geld
+jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits?
+
+ Wer weiß, ob nicht die Welt
+ Morgen in Schutt zerfällt,
+ Wenn sie nur heut noch hält,
+ Heute ist heut!
+
+Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch leben wollte, konnte
+uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Gläser,
+Flaschen und Porzellan gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren gut
+in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen Weise von dem
+bevorstehenden »Hindenburg-Flachrennen« reden, so wußte man, daß sie
+anpacken würden wie immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei.
+Wie hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen, diese
+stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel schimmernde Ideale, die
+über unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für
+immer: diese unerschütterliche Treue.
+
+Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits
+liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von
+rastlos sich vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und
+endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von
+Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe,
+die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos
+in den Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten, ehe sie sich in
+eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedränge, wobei
+sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene
+Wagendeichsel spießte und verendete.
+
+
+
+
+Die große Schlacht.
+
+
+Das Bataillon wurde im Schloß von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren,
+daß wir in der Nacht vom 19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren
+sollten, um in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes
+bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am Morgen des 21.
+beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von
+1915/16 her wohlbekannten Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen
+und womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen.
+
+Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar
+nicht anders nennen konnten als »Schmidtchen«, voraus, um die Unterkunft
+der Kompagnie zu sichern.
+
+Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz
+strömenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend
+zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt mußte
+jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorüber, nun kam die Sache
+selbst. Man mußte jedes Rädchen laufen lassen.
+
+Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos erwarteten,
+marschierten die Kompagnien selbständig nach vorn. Als wir in der Höhe der
+zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich
+heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren
+in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelände und ein Fragen
+bei unzähligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht
+völlig zu erschöpfen, ließ ich halten und schickte die Führer in
+verschiedenen Richtungen aus.
+
+Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten sich in einen
+gewaltigen Trichter, während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande
+eines kleineren saß. Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor
+uns einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in
+geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwände des
+Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fuße getroffen zu sein.
+Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen,
+während ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach
+einem Einschuß untersuchte.
+
+Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende
+Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer
+Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . .
+
+Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlte
+unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht.
+Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze
+Körper wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden
+Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrüll und
+Hilfegeschrei.
+
+Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle anderen, nach
+einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht
+rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war,
+wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort, weit weg,
+verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: »Mensch, du
+bist doch der Kompagnieführer!« Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu
+rühmen; ich möchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den
+Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, daß das
+Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche Angst übertäubte. Man
+hatte einen Halt, etwas, an das man denken mußte. Ich zwang mich also an
+den schrecklichen Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller,
+der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte,
+und nahm ihn mit.
+
+Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige
+kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: »Herr
+Leutnant! Herr Leutnant!« Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter
+den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem
+Unvermögen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter.
+Solche Augenblicke vergißt man nie.
+
+Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden Krankenträger
+überlassen, um das Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus
+dem gefährdeten Bereich zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der
+Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit
+wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre.
+Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen
+Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen
+geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene
+gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese Beobachtung
+gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes
+Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden.
+
+Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten
+bedroht, durch Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch
+standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände
+eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke über mich;
+trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge
+schließen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dämmerung.
+
+Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im
+Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu
+erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre
+Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der
+reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der
+unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.
+
+Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie,
+Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft
+zeigen konnte. Sein erstes Wort war: »Mensch, wie sehen Sie denn aus?« Ich
+führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl
+ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand,
+der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier
+wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die
+Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im
+Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.
+
+Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den
+Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig
+aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte
+Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen
+mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war.
+
+Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem
+gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und
+nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und
+gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und
+Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir
+mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen.
+
+Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit
+einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die
+Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung
+standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen!
+Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch
+viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.
+
+Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können.
+So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die
+Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier
+Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand
+zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur
+geritzt zu werden.
+
+Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte
+häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu
+besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer
+Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um
+den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: »Mehr als
+totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!« Eine kleine
+Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der
+Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch
+zum Ermutigen nicht disponiert.
+
+Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere
+Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder
+ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie
+ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen
+Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke,
+unbemerkt zurückzubleiben.
+
+Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne
+Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen.
+Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben
+sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden
+Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her
+hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann
+von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die
+Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.
+
+Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den
+Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen
+sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört
+hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir
+verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und
+die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten
+Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten,
+der Engländer hätte Lunte gerochen.
+
+Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: »S. M. der
+Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen
+begeben.« Er wurde mit Beifall begrüßt.
+
+Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die letzten Minuten mit.
+Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner,
+der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang,
+ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen
+Geschütze hinter uns war so furchtbar, daß auch die größten der
+überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht
+gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm;
+sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es
+im Stollen nicht länger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über
+den englischen Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden,
+blutroten Wolken verschleierte.
+
+Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen der Schleimhäute gestört,
+verursacht durch die vom Winde zurückgetriebenen Dünste unserer
+Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele
+Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen. Ich war sehr
+besorgt; doch vertraute ich fest darauf, daß unsere Führung unmöglich eine
+Berechnung gemacht haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem
+zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurück, um den
+Reiz nicht zu fördern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen.
+Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getöse fortwährend. Vor
+uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas
+entstanden. Leute liefen durch den Graben und brüllten sich freudige Zurufe
+ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher,
+Preußen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren überwältigt,
+begeistert durch diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten
+darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren
+Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen hinter dem vorderen Graben
+standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch
+die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen.
+
+Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben; die
+Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent
+ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche
+huschten durch das Gewölk.
+
+Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher als die vier anderen,
+während deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte
+eine schwere Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt
+vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stieß
+auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v.
+Solemacher fragte: »Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann v.
+Brixen ist eben gefallen.« Erschüttert von dieser Schreckensnachricht ging
+ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte
+ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur
+noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes
+sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten mir beifällig zu.
+
+Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei
+Regniéville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten
+Einschlage die Erdmassen über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion
+riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein stürzte er zu
+Boden. Ich sprang über ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein
+Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen
+Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wüten fort. Man sah
+plötzlich schwarze Erdklumpen aus einer weißen Wolke wirbeln; die
+Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt
+nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden drei Leute meiner
+Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgänger, tötete das
+arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe saß.
+
+Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch
+und erwartete den großen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der
+Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer
+Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern und
+abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr
+lugte, erzählte mir später, daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte.
+
+Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung
+sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien über 800 Meter
+auseinanderlagen, mußten wir noch während der Vorbereitung antreten und uns
+im Niemandslande derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste
+feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach
+einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung.
+
+»Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann!« »Jetzt ist mir
+alles ejal!« »Rache für die siebte Kompagnie!« »Rache für Hauptmann von
+Brixen!« Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht, durch den
+sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten.
+
+Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide bot ein seltsames
+Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in höchster
+Feuersteigerung wieder und wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar
+breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone.
+Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der
+Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen
+Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete
+es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die
+Stimmung war sonderbar, geladen von höchster Spannung. Offiziere standen
+aufrecht und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine
+zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch und überschüttete uns mit
+Erde, ohne daß einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so
+fürchterlich geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven
+konnten keine Angst mehr empfinden.
+
+Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit
+einer gefüllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der
+Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke. Nun
+fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der Luftdruck mein
+Streichholz aus.
+
+Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte über die ersten
+Gräben hinweg. Wir traten an.
+
+In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und
+Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war
+weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen.
+Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock
+aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der
+übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte
+mir bittere Tränen.
+
+Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt lastete,
+konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen die Männer der Renaissance von
+ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben,
+Werwölfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.
+
+Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und
+setzten in einem Sprunge über den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie
+eine Reihe von Gespenstern durch weiße, wallende Dämpfe.
+
+Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer
+entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde
+später gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke
+packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken: »Sind Herr Leutnant
+verwundet?« Es war nichts zu finden. Der Einjährige hatte ein Loch im
+Oberarme und versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken
+geschlagen wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn.
+Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein Schrapnell in Höhe unserer Gesichter
+auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten.
+
+Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten
+ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend. Halb links vor
+uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir
+überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und
+Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.
+
+Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen
+Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über
+den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer
+Granaten entschwelten.
+
+Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor
+mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah
+sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten Augen
+anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie
+zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die Mündung an die Schläfe des vor
+Angst Gelähmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir
+eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer
+zahlreichen Familie . . .
+
+Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt
+vorüber.
+
+Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glühend
+heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch,
+daß ich einigemale sehr energisch rief: »Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen
+Mantel aus«, und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten
+Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens 400
+Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der
+Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden
+Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine
+pistolenschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in
+ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand voll Munition
+zusteckte.
+
+Wir müssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter
+gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand
+ich mich auf einmal am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit
+Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich
+schoß durch das Tuch; ein Mann neben mir riß es fort und warf eine
+Handgranate in die Öffnung. Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke
+verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten
+an der Böschung entlang und bearbeiteten die nächsten Luken in ähnlicher
+Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster
+Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig
+zurück. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum
+ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer
+hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben
+besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen
+im Bogen hinunter.
+
+Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend,
+stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhängender
+Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich
+ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der
+er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der
+mir zuschrie: »Schlagen Sie den Hund tot!«
+
+Ich überließ diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu,
+der von Engländern wimmelte und schoß meine Pistolenkugeln mit solchem
+Eifer darauf ab, daß ich nach dem letzten Schuß wohl noch zehnmal
+abdrückte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden.
+Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft.
+
+In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Engländer sprangen aus ihren
+Gräben und flohen zu Bataillonen über das freie Feld. Von der Dammkrone
+raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen sich im
+Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur
+wenige entkamen.
+
+Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde
+beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Engländer,
+den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er klappte wie
+ein Messer zusammen und blieb liegen.
+
+Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte
+Angriffsgeist und Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut entfacht. Von
+der Führung einheitlicher Verbände war keine Rede mehr. Trotzdem kannte
+jeder Mann nur noch eine Parole: »Vor!« Jeder rannte geradeaus los.
+
+Als Ziel wählte ich mir eine kleine Anhöhe, auf der die Trümmer eines
+Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes Flugzeug zu sehen waren. Mein
+stures Vorstürmen führte mich mitten in die Flammenwand der eigenen
+Feuerwalze. Ich mußte mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen
+und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich
+einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz
+allein über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame
+Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir
+uns schon jahrelang gekannt hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf
+Nimmerwiedersehen.
+
+Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstück, das vom jenseitigen Grunde
+mit Maschinengewehren abgekämmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein
+und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von
+Wedelstädt. Eine Ordonnanz Wedelstädts, die als letzter kam, brach mitten
+im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als
+Wedelstädt diesen Letzten seiner Kompagnie stürzen sah, stützte er seinen
+Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht überleben.
+
+Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden
+Rändern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon
+über diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben
+und schoß, was aus den Läufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500
+Meter breiten Geländestreifen getrennt, über den die Geschoßgarben wie
+Bienenschwärme surrten.
+
+Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem
+Grabenstück auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar
+Sprüngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken
+Maschinengewehrnest gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen
+Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen
+Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch ganz kurze Sprünge, um keine Zeit
+zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen
+Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schüsse abgab.
+»Patronen, Patronen!« Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite
+liegen. -- --
+
+Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies Feld gegen eine
+gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen, daß wir von einer ganz
+unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wäre der
+Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und
+vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob
+selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. -- -- --
+
+Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute,
+welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte
+zum letzten Sprunge an und stolperte über ein Drahtverhau in das
+Grabenstück. Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum
+rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend. Das
+Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hülsen
+verborgen. Es war noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer
+Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung kam, ein Auge
+herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem großen weißen Augapfel vorm
+Schädel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich
+mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog
+mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der
+Munitionsgurte über seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu
+erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: »Come here,
+hands up!« Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im
+Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer
+gefallen, die ich ihm nachschleuderte.
+
+Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser. Ich stürzte die
+ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter, füllte mir eine englische
+Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das
+Grabenstück füllten.
+
+Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor
+uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das
+englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg
+damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß am Kopfe vorbei,
+streifte einen hinter mir stehenden Jägerleutnant und verwundete einen Mann
+sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung eines
+leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen
+Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Engländern eine Reihe von
+Geschossen in die Flanke.
+
+Diesen Moment der Überraschung benutzten die Stürmer rechts und liefen
+frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte
+Kompagnie unter Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben
+sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und
+schäumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche
+Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Händen
+hervorkamen.
+
+Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten mit hochgereckten Armen
+durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu
+solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit
+seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um.
+
+Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren nicht verübeln. Einen
+Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand
+widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte
+Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzählten: »Haben Sie
+schon gehört, die Sache von dem Schlaganfall? Köstlich!«
+
+Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fünf Schritt
+seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kämpfer,
+dem während des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann
+seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will
+töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne
+gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus
+seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann
+ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu
+lösen.
+
+In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine
+Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf
+einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der Mulde, und der
+gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgültigkeit,
+schwerfällig in Bewegung.
+
+Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten.
+Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schießend, vor, bis wir durch
+heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl,
+die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören. Kius, der wieder
+herangekommen war, hob ein abgeplattetes Geschoß auf, das einen halben
+Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine
+Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen.
+Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das
+jetzt von dem Leutnant Lindenberg geführt wurde, da leider auch der
+Freiherr von Solemacher eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten
+Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10.
+Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand
+und eine lange grüne Jägerpfeife im Munde, mit umgehängter Flinte durch das
+Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge.
+
+Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten
+uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es »auf allgemeinen Wunsch«
+wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren
+verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben.
+Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken
+konnte, rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran.
+Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen ließen, wurde uns zum
+Glück im Sturm nicht klar.
+
+Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe. Rechts von uns sprangen
+einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstück, hinter denen wir
+stehend freihändig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war
+durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten aufquellende
+Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer Prozeß gemacht wurde, teils kamen
+die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es
+wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach
+hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger
+Engländer hatte sich mir bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte
+und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner
+Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir
+seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein
+schmaler Fußpfad verschwand jenseits der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß
+er nach Vraucourt führte. Während sich die anderen noch bei den
+Unterständen aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe.
+
+Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten
+die Abschüsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem
+Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung
+einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus und
+entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange
+des ersten sprang, nieder.
+
+Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet
+hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte
+Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten
+Unterstand zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien
+kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuß
+quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem
+Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet.
+
+Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht stören, sondern richteten
+uns in dem Unterstande ein und räumten unter den zurückgelassenen
+Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des
+ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weißbrot,
+Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt
+hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische
+Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen »the Huns«
+wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir
+kehrten in Sprüngen zum Anfange des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge
+von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon
+164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu stürmen, und
+eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die
+eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck
+weiterschoß, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein
+und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück.
+
+Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit höchster Entfernung
+weiterzuschießen. Diese unverständliche Anordnung riß uns die schönsten
+Früchte des Sieges aus der Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der
+Feuerwand Halt machen.
+
+Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo
+gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die
+Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren
+wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß. Dreimal
+stürmten wir und dreimal mußten wir wieder zurück. Fluchend besetzten wir
+einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter
+Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich lästig
+wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige Leute.
+
+Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch
+einmal gewaltig auf, um allmählich zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer
+suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere
+schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu
+sammeln.
+
+Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während der letzten Stunde
+um mich geschart; da es kalt zu werden begann, führte ich sie zu dem
+kleinen Unterstande, vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um
+Decken und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht
+hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende
+Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Füsilier Haller mit, dem ich den
+größten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen
+die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und
+untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von
+englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein
+riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige
+Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck.
+Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar
+schnarrende Töne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war äußerst
+behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen
+und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry
+old England! Wir legten uns natürlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was
+uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine
+Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette
+Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zärtliche Erinnerungen
+an einen Pariser Fronturlaub.
+
+Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren Vorräte wir
+ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von
+denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum
+noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll
+Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll
+Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich
+wünschen konnte.
+
+Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis, wenn wir
+wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen Suppen und dünner Marmelade
+im Schützengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem
+Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von
+Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen,
+wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer wieder seine Eisenfaust
+spüren zu lassen. Es gibt kein größeres Zeichen für die Macht der Idee, die
+uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der
+Begeisterung, ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist mehr. -- --
+--
+
+Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des
+Gegners verließen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir
+zwei funkelneue verlassene Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein
+und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die
+eigene Artillerie uns noch fortwährend Eisen um die Ohren schmiß, zu den
+anderen zurück.
+
+Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden Truppen gebildet, war
+200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und
+befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablösung
+geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten
+notiert hatte, schlief ich ein.
+
+Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns
+geweckt. Wir packten die Gewehre, stürzten aus dem Raum und postierten uns
+in einem großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche
+zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben
+auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis
+sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe
+verständlich und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß der Führer der
+zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkältung kein Wort sprechen
+konnte und am Arm verwundet war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum
+Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando über seine
+Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Außerdem bestanden vom
+Regiment noch die beiden ebenso zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und
+Vorbeck.
+
+Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur
+Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung
+ausgeschieden war.
+
+Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten
+Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Kälte
+erstarrten. Am Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und
+schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und Essen zu holen. Die
+eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schießerei und setzte
+uns als ersten Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier
+Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dämmerung stieß noch ein
+Zugführer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten
+zu mir.
+
+Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich
+Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die
+Vraucourt-Stellung zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen war.
+Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Höhe
+südlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie
+meist vor unklar gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der
+Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres
+beendet wurde. Alles sprang in die nächsten Trichter bis auf den Feldwebel
+Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu ihm
+und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß erhalten. Wir entfernten
+mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage
+später gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei
+Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.
+
+In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose
+eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz
+befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her
+aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen,
+und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten.
+
+Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung der weit
+zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung, deren Notwendigkeit mir
+natürlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen
+Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes
+sind für immer vorüber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das
+Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtümer nicht
+verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken
+Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . .
+
+Vorläufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Höhe ein. Allmählich
+brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit
+Maschinengewehren unsere Löcher abstreuten, indes bald von den unsrigen
+vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein
+ungewöhnliches Bild für alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald
+zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd riß sich los und galoppierte durch
+das Gelände; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf
+weiter, einsamer Fläche, vom wechselnden Gewölk der Geschosse behangen. Die
+feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste
+Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte
+und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Präsentierteller. Mehrere
+ängstliche Gemüter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her
+liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen über sich ergehen zu
+lassen. In solchen Lagen muß man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte
+ich, indem ich den geradezu großartigen Inhalt einer erbeuteten Büchse voll
+Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag.
+
+Schon seit längerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu
+beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenförmige Flugbahn und
+den weißen Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene
+Augenblick.
+
+Ich ließ antreten. Ohne stärkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den
+feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrüßt von einem
+Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es,
+ähnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es
+leider nicht verborgen, daß wir uns langsam in ihren Linien vorfraßen. Ein
+scharfer Feuerüberfall von Schrapnells und leichten Granaten faßte uns
+vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns
+über freies Feld dem Graben zuströmten. Wir bemühten uns, möglichst schnell
+mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen.
+
+Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche
+Grabenstücke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir
+ein solches Stück übersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des
+Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den über diese Stellen vor uns her
+hastenden Gegner unter Feuer, so daß die kurzen tracierten Stücke bald mit
+Leichen behäuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten
+an noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren kurzen Röckchen
+kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie hinweg. Es waren Hochländer,
+und die Art des Widerstandes zeigte, daß wir keine Feiglinge vor uns
+hatten.
+
+Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer
+dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu
+weichen.
+
+»Der Tommy macht einen Gegenstoß!«
+
+»Bliew stahn!« »Ich will bloß Verbindung aufnehmen!«
+
+»Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!«
+
+»Achtung, Herr Leutnant!«
+
+Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche
+Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten stürzen, schießend und werfend, an
+der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim
+Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um den vernichtenden
+Würfen auszuweichen und stoßen dabei auf die Nachdrängenden. Nur die
+vordersten übersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen
+Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den
+Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der Führer zeigen, ob er die
+Achselstücke zu Recht trägt, obgleich ihn selbst das bekannte »mulmige«
+Gefühl beschleicht.
+
+Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter
+einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter
+tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut dazu,
+bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten, während der Sand der
+Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir schoß mit wildem
+Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen
+ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß hatte ihm mit dem
+Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in
+seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in
+kauernder Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen,
+auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren
+Abständen und hörte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte
+weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns
+gelegen hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen. Einer
+fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere konnte ihn eines
+Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen.
+
+Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische
+Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herüber.
+Der Verwundete mit dem Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns
+und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der
+untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lächeln in den Tod
+hinüber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trübes und Unangenehmes,
+sondern nur ein klares Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich
+berührte. Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich.
+
+Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen über
+die Leichen der Hochländer vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden
+aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten
+zurückgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich
+der vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür bekamen wir von
+hinten dauernd Verstärkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein
+leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser
+Kugelspritzen und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Wenn
+das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter
+wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt.
+
+Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorüber. Ich
+sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und
+Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Straße
+Vraucourt--Mory, die durch an den Bäumen befestigte Stoffblenden
+verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über
+das geschoßbestreute Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel
+durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden
+Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes
+Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße
+Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt
+hatten.
+
+Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen
+englischen Mantel gehüllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem
+kleinen Schultz, dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier
+schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo
+die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenständen saßen Leute aller
+Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm.
+Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten
+Orte.
+
+Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche
+Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dünnes,
+vielstimmiges Hurra herüber. Das zündete. »Sie sind umgangen, sie sind
+umgangen!« In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die großen Taten
+vorangehen, griff alles zu den Gewehren und stürmte in dem Graben vor. Nach
+kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun
+gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: »Vorsicht, das
+Maschinengewehr links schießt noch!« sprangen wir aus dem Graben und hatten
+im Nu die Straße erreicht, die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein
+langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so daß
+sie unter tosendem Hurragebrüll und rasendem Schnellfeuer in einer
+Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen
+mußten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend.
+
+Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich am Schießen hinderte,
+wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in
+das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: »Da schießen sie noch, die
+verfluchten Schweine!« Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem
+kleinen Grabengewirre, von uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von
+Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von
+rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines von ihnen hoch in die
+Luft schleudernd.
+
+Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller
+Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr
+fort und stürzte mit geballten Fäusten zwischen beide Parteien auf die
+Straße. Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot
+berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl des Sieges verspürte ich einen
+scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei!
+Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der
+Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu
+meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse
+entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie
+stürzte heran: »Herr Leutnant, den Mantel 'runter!« und riß mir das
+gefährliche Kleidungsstück von der Schulter.
+
+Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen
+Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl
+Deutscher über die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in
+braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen
+Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Straße
+war mit Leichen bedeckt, während die wenigen Überlebenden mit Feuer
+verfolgt wurden.
+
+Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstück stand,
+verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der Brust. Die Bluse herunterreißend,
+sah ich, daß ich einen Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das
+Geschoß war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Löcher in der
+Bluse und zwei im Körper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der
+Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für
+einen Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten
+angeschossen.
+
+Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mühe bewegen, in
+diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten
+uns mit einem: »Auf Wiedersehen in Hannover!«
+
+Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee
+meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben,
+in dem wir uns vorgekämpft hatten, zurück.
+
+Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß die feindliche
+Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelände hinter der Straße
+und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte.
+Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns
+sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurück.
+
+Plötzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich
+bekam einen Schlag auf den Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich
+erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten eines
+schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich
+beängstigend schnell vergrößernde rote Lache. Das Blut sprudelte so
+unaufhaltsam hervor, daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da
+mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich
+hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung für meinen Leichtsinn,
+ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen.
+
+Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor
+jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach
+vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone
+der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten unser Tempo.
+
+Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, ließ mich
+beim Generalmajor Höbel melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht
+erstattete, und bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der
+General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern
+tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal im Kriege.
+
+In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in
+hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber.
+Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen.
+Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier zusammen, der zwei
+verwundete Engländer, die mich während des letzten Teiles meines Weges
+gestützt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.
+
+Auf der Straße Noreuil--Quéant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es
+nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen,
+die zu einer großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das
+Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden
+kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto
+zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten,
+wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die
+Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt;
+trotzdem wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner
+Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die
+Schädeldecke beschädigt war.
+
+Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen hatte, wurde ich am
+nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu
+meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes
+nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß am Oberschenkel
+verwundet.
+
+Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny)
+wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin.
+Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege
+ebenso gut wie alle vorhergehenden.
+
+Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen anderen Bekannten während
+des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer
+harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer
+kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den
+Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als
+dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten.
+
+
+
+
+Englische Vorstöße.
+
+
+Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nähe des
+jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der
+neue Kommandeur, Major von Lüttichau, übergab mir die Führung meiner alten
+siebenten Kompagnie.
+
+Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen
+mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in
+den Kreis einer Familie zurückkehrte.
+
+Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken inmitten einer
+verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grün unzählige gelbe Blümchen
+schimmerten. Das wüste Gelände, das wir »Die Wallachei« getauft hatten, war
+durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor die Tür der Hütten,
+so empfand man jenes beängstigende Gefühl der Leere, von dem der Cowboy,
+der Beduine und jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des
+Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der Baracken und suchten
+Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags
+ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei
+Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren. Ich fand manchen
+bekannten Namen.
+
+Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe
+Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf
+Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten,
+wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher
+Bombenflieger das weiße Band der Straße aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern
+wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden
+Stößen der Einschläge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der
+Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen Nachtvögeln ab,
+Schrapnells zersprühten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse
+jagten in langer Kette gleich feurigen Wölfen hintereinander her.
+
+Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald
+mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine
+Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.
+
+»Offensiv-Parfüm« erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten
+Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu
+passieren schienen.
+
+Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume führenden Bahndamm
+entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war
+lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten
+neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche Schreckensnacht des 19.
+März trieb uns vorwärts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine
+abgelöste, lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte,
+als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem
+Hagel von Schimpfworten stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten
+Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand zurückkehren.
+
+Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande an, dessen
+drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genußreicher Tage in Aussicht
+stellte.
+
+Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer unbeschreiblichen
+Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr von Beinen und brachte durch die
+Zauberformel »Ablösung!« Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch
+entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und nach ein
+unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke, eine verwitterte
+Uniform und zwei Lehmklötze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten.
+Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das
+Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend
+eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann würgte sich
+mein Vorgänger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung,
+daß das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb zurück als
+neuer Kapitän des Abschnitts A.
+
+Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte, bot wenig
+Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer
+entgegen, die im Annäherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen
+waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit einem
+Prellschuß ab.
+
+Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rücken. Die
+Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war
+rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke
+getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß ein zerhacktes
+Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß waren keine Stollen
+ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlöchern, die durch
+sogenannte Siegfriedbleche gestützt waren.
+
+Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir
+zunächst eine neue Behausung. Ein hüttenartiges Gebilde in einem
+verfallenen Grabenstück schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch
+zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen Zustand
+versetzt hatte. Ich führte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie
+ein Einsiedler im Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und
+Ordonnanzen gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg selbst in
+diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd konnte man dann zwischen den
+Einschlägen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit
+lesen, daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf
+den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre; wenn man sich nicht gerade mit
+grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den
+Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und häufige
+Terminmeldungen für die nötige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der
+inneren Organisation zu tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten
+kaum noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien
+die fortgeworfene Patronenhülse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir
+ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las
+Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die
+Hacken zusammenzuklappen hätten. Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen
+begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich
+schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das
+Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür waren drei Tage Mittelarrest
+unbedingte Taxe.
+
+Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den
+Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel
+zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worüber in jedem
+Zugführerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten
+geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den
+altpreußischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.
+
+Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den schönen Namen »Haus
+Wahnfried« verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die
+nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange, wie
+kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner
+besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir
+eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt hatten,
+um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde meine Siesta allerdings
+durch in der Nähe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden
+Sprengstücke von Fliegerbeschießungen gestört.
+
+Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig wenig zu
+leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptsächlich lagen
+Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschießung, die sich
+in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher Dichte steigerte.
+Essenholen und Ablösung wurden dadurch sehr gefährdet.
+
+Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurückgekehrt war
+und die zweite Kompagnie führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit
+am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und
+Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns häufig mit schwerem
+Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmäßige Feldwebel der dritten
+Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits
+ein furchtbares Unglück ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in
+die von einem Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76
+geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er.
+
+In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks,
+die ich auf meinen Spaziergängen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum
+Teil spöttische, drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen,
+waren aber alle übel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte
+Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim
+Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um
+den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen
+Riesenkäfern sich in Bogenlinien über die Walstatt wälzten. Ich dachte
+lebhaft an die Männer im feurigen Ofen.
+
+Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie der unsicheren Lage
+wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen
+und taktischer Verwendung zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang
+nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine
+Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich
+nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu
+frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin.
+Neben mir flammte es auf. Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner
+Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach
+durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, während große
+Schweißtropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trösten,
+stöhnte er hervor: »Der Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.« Trotz
+dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in
+Hannover die Hand schütteln.
+
+Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das völlig
+zerstörte Puisieux. Das Dorf war schon während der Sommeschlachten zu einem
+Trümmerhaufen zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem
+Grün überzogen, aus dem überall die weißen Scheiben des ruinenfreundlichen
+Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das
+hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte Erde der Gärten
+von neuem bloßgelegt.
+
+Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen
+Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition,
+Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden
+Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe
+ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus
+einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller
+verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur
+Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.
+
+Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie in der
+Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab.
+Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen
+wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine
+Schrapnellkugel am Fuß verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch
+im Kampfe seine Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen. Er
+starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Führer meiner
+Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte
+Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit.
+
+Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, mußten wir
+nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablösungsbataillon
+durch die spanische Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten
+meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wütete die
+Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen
+stand, daß der Engländer die Ablösung übernehmen würde, wenn die Truppe
+nicht bald zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch
+auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch
+verschärfend die schlechten Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen
+wir dauernd in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch
+fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge der
+Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an
+Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten viele Leute mit
+Sauerstoffapparaten herausholen.
+
+Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere
+vergrabene Kästen voll englischer Munition und sprengte mir in meinem
+Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten
+Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger
+auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der
+Nähe. Wir stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30
+Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser
+Beziehung trauen könnte, maß ich nach und fand den Trichter 22 Meter von
+unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu
+unterschätzen.
+
+Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen
+Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild,
+das einen sehr verdächtigen Eindruck machte.
+
+Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße in dichten Qualm
+gehüllt, während grüne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen.
+Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger
+Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze
+sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte
+das Gewaltige des Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen
+zwischen zwei ehernen Kräften. . . . . .
+
+Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen tausend Verborgener nach
+dem kleinen Waldstück, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die
+Gipfel der stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises
+staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen Menschen und Material, des
+Einsatzes gegen das von zerhackten Strünken bedeckte Stück Erde harrend.
+
+Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten
+Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Sätze an einen
+Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch. Eine Stunde später umflammen die
+Blitze eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische
+Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . .
+
+Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr,
+daß der Gegner am linken Flügel in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um
+uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant
+Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten
+einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annäherungsweg aufräumen
+sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer
+Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir vorläufig auf die
+Ausführung verzichteten. Ich ließ den Elbinger Weg besetzen und holte in
+einem riesigen Höhlenstollen den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr
+vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flügel, wo wir eine
+Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das übliche Bild des
+Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken,
+einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr.
+Dazwischen Leute geduckt vor und zurückspringend. Der kleine Handstreich
+der Engländer war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann
+gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade
+lag.
+
+Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen,
+wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei
+Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40
+Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit
+einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf.
+Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und
+Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.
+
+Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und
+überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von
+allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der
+entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte
+man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den
+bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen
+war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen
+Anordnungen treffen.
+
+Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten
+wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand,
+der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten
+und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und
+ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück.
+
+Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom
+Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten.
+Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen
+gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den
+anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die
+Landsknechte. »Mensch, alle haben doch nicht so'n Schiß wie du!«, schrie
+zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.
+
+Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste
+gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits
+aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den
+langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die
+Folgen des Papierkrieges.
+
+Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer
+vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die
+Hauptwiderstandslinie bedrohend.
+
+Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der
+Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ
+mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am
+Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand.
+Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten
+Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes
+auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein
+Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen
+Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das
+Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos
+aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß
+gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke
+Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am
+Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch.
+Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten
+B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären.
+Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und
+Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner
+schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der
+stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im
+Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen »Blick in die
+Röhre« und begab sich mit dem Zitat: »Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo«
+zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender
+Hand.
+
+Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der
+inzwischen wieder vom Feinde geräumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und
+Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten
+Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer
+(Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch
+Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen
+furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.
+
+Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen
+pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen
+eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute
+seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende
+Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu
+betrachten.
+
+Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr
+eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie
+ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr
+Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich
+warten. Der Ruf »Sanitäter!« flog von links durch den Graben. Hineilend,
+fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse,
+die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer
+eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die
+ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im
+zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn
+werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an
+derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am
+Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die
+Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite
+Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde.
+
+Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte
+dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von
+Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein
+schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur
+Fleischbank. Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich
+Schwärme von Fliegen sammelten.
+
+Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes
+Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie
+unter Leutnant Voigt über die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen
+sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit
+einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner
+Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstückes folgen.
+
+Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer einsetzte, die
+nötigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem
+Leutnant Voigt, der einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt
+die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte in Mütze, eine
+Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im
+Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf
+den Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es
+ging sehr schön vorwärts, die Engländer flüchteten unter Zurücklassung
+eines Toten in eine rückwärtige Linie.
+
+Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines links abzweigenden
+Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei
+höchster Erregung ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich
+mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige Schritt zurück und
+stand plötzlich einem athletisch gebauten Engländer in dem Augenblick, als
+er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte,
+gegenüber. Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei
+anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die
+Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel
+dem Tommy vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld
+in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von
+meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns
+nachgeworfenes Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu
+verletzen.
+
+Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen
+umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kündeten,
+daß sie ihr Leben teuer verkauften.
+
+Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe des
+Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir mußten
+indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen.
+Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosenträgerschnalle
+abgefangen. Außerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger
+Stärke los.
+
+Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen, metallisches Geschmetter
+durchschrie das dumpfe Dröhnen schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in
+unheimlicher Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von
+Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich mir einen
+herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den
+Kampfgraben zurück.
+
+Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand
+und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden
+Händen am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß aus dem Lauf
+zu bekommen. Einige Engländer klappten um, die andern verschwanden im
+Graben, während das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien
+keine Parteien mehr zu kennen.
+
+Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt,
+schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den
+Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze
+Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betäubt in mein
+Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug, den
+kleinen Raum mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte
+eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Um nicht verschüttet
+zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden
+Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.
+
+Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, während deren die Kompagnie
+viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch
+den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur
+Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu
+gering war, übertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die
+Verteidigung der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in einem
+Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und ließ alle Handgranaten
+dort anhäufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben
+kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her
+zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit auf ein
+fortwährendes Geplänkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten.
+
+Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164
+abgelöst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie
+wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später wurde mein
+Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle
+erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der großen
+Endoffensive umgrollte Puisieux im Rücken hatten.
+
+ * * * * *
+
+ 111. Inf. Division.
+
+ Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.
+
+ _Divisionstagesbefehl._
+
+Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte
+Truppe in den harten Kämpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen
+Gegner erneut aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen.
+Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl weiß, welch hohe
+Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an
+schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden müssen für
+unser geliebtes Vaterland.
+
+Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal verwundet und diesmal
+wie immer ein leuchtendes Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute
+Anerkennung.
+
+ _v. Busse_,
+ Generalmajor und Divisions-Kommandeur.
+
+
+
+
+Mein letzter Sturm.
+
+
+Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Léstrée, einer
+wasserumglänzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch
+weiter zurück nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen
+Arbeitervorstädtchen von Cambrai.
+
+Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines
+nordfranzösischen Arbeiterhäuschens. Das übliche Riesenbett als ominöses
+Hauptmöbel, ein Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf dem
+Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden einige der furchtbaren
+Farbendrucke des Familistère, Vive la classe, souvenir de première
+communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von
+Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit. Ich fühlte mich
+inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im
+nässesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch
+gestapelten Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten
+Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.
+
+Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch feindlicher
+Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden Materialüberlegenheit
+auf der Gegenseite gab. Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran
+und ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstädte
+fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore
+und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ängstliche
+In-den-Keller-Stürzen meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag vor meiner
+Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den
+in meinem Bette schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert und
+die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes
+die Beruhigung, daß eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein würde.
+
+Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche
+Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen
+und Besichtigungen füllten einen großen Teil des Tages. Einen ganzen
+Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu
+fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es
+als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den
+trefflichen Namen »Gärtnerwurst« beilegte.
+
+Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit
+zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich
+es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die
+Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem
+Heere zu entbehren sein, er läßt sich weder durch individuelle noch durch
+sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht
+über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen,
+damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen
+Zwang des Führers gezügelt werden können.
+
+Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stoßtruppe, da mir im
+Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, daß aller Erfolg der Tat
+des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und
+Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen Gruppe als einer
+zaghaften Kompagnie.
+
+Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schießen und Reiten. Auf
+den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den
+Prozeß der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es
+war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es
+recht klug vom Engländer, das deutsche Gemüt mit Gedichten zu bombardieren,
+und auch recht schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch
+Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprämie von
+30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die Heeresleitung die Gefährlichkeit
+dieser vergifteten Waffen nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden
+allerdings der Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir
+schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für Poesie zu
+besitzen.
+
+Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das
+liebe, alte Städtchen war wüst und öde geworden. Läden und Kaffees waren
+geschlossen; die Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie
+durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein
+so schönes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut über meinen Besuch.
+Sie erzählten mir, daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung
+verschlechtert hätten. Besondere beklagten sie sich über die häufigen
+Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen
+auf und nieder zu rennen, über das Problem streitend, ob es ratsamer sei,
+im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung
+umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir
+herzlich leid. Einige Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der
+Beschießung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten.
+
+Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tür
+hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz
+brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintönige
+Rollen und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers
+herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel
+gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine längere Dauer unserer
+Ruhezeit hinzugeben. Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten
+wir den klangvollen Frontausdruck »es wummert« geprägt.
+
+Rasch packten wir und traten während eines wolkenbruchartigen Gewitters auf
+der Straße nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5
+Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein großer, von einer Reihe
+demolierter Stallgebäude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder
+so gut wie möglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen
+Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverließ,
+das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte,
+jetzt allerdings nur noch von einigen großen Ratten bewohnt war.
+
+Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, daß wir
+in der Nacht rechts der großen Straße Cambrai--Bapaume unweit Beugny
+bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen
+Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt.
+
+Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein.
+Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten,
+die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich
+aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht mehr siegen konnten.
+Aber der Gegner sollte sehen, daß er gegen Männer von Ehre kämpfte.
+
+Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen
+zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der
+Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man der
+Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz,
+nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen.
+Ich suggerierte: Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche läßt. Wir haben
+alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand
+von seiner Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen Führer und die
+Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, daß solche Worte den
+Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische
+Vorbereitung in glänzender Weise.
+
+An unserem aus einer Karre und einer Haustür improvisierten Tisch aß ich im
+Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten
+wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten
+meldete, daß die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit ständen.
+
+In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwühlte Gelände
+der vorjährigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trümmerwällen
+eingefaßten Dorfstraßen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor
+Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsräume geführt. Das
+Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Straße Beugny--Vaux. In den
+Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, daß sich die Kompagnie
+bis an die Straße Frémicourt--Vaux vorzuschieben hätte. Dies typische
+Vorrücken gab mir die Gewißheit, daß uns bis zum Abend noch Blutiges
+bevorstand.
+
+Ich schlängelte meine drei Züge in Reihen durch das Gelände, das kreisende
+Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns
+in Trichter und Erdlöcher, da vereinzelte Granaten bis über die Straße
+hinausgriffen.
+
+Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, daß ich mich sofort in ein
+kleines Grabenstück legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in
+Laurence Sterne's »Tristram Shandy« und verbrachte so, mit der
+Gleichgültigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den
+Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut.
+
+Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtsläufer die Kompagnieführer zum
+Hauptmann von Weyhe.
+
+»Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, daß wir angreifen. Das
+Bataillon tritt nach halbstündiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom
+Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von
+Sapignies.«
+
+Nach kurzem hin und her und einem kräftigen Händedruck stürzten wir zu den
+Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine
+große Strecke zu marschieren hatten. Ich verständigte meine Zugführer und
+ließ antreten.
+
+»Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung
+halblinks die Baumkronen von Favreuil!«
+
+Ein gutes Zeichen für den Geist, der in den Leuten steckte, war, daß ich
+einen Mann bestimmen mußte, zurückzubleiben, um die Feldküche zu
+benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mögen.
+
+Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die
+Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen
+sprangen die Abschüsse unserer Geschütze auf. Das Feuer glich mehr einem
+wütenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich
+meine Gruppen in bewunderungswürdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen
+staubten die Wölkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlbläser
+und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit höllischem Fauchen durch die
+Zwischenräume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer
+beschossene Beugnâtre, aus dem gezackte Eisenstücke schwerfällig
+herüberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten.
+
+Noch ungemütlicher wurde der Anmarsch hinter der Straße Beugnâtre--Bapaume.
+Plötzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen
+uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich stürzte
+mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgängers und ließ in der Eile von
+meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Säuberung vornehmen.
+
+Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschläge,
+dazwischen stiegen und fielen braune Erdsäulen in hastigem Wechsel. Um mich
+zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann
+mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen.
+
+Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsäumt, bei denen sich allmählich
+Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Während des letzten
+Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter
+anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schuß
+durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgültig über
+das beschossene Stück und schüttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann
+Junker und Schaper, Schrader, Schläger, Heins, Findeisen, Höhlemann und
+Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und
+hielten ein großes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns
+auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen
+stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen.
+
+Teile des I. Bataillons rückten in den Schloßpark. Vom II. Bataillon hatten
+nur meine und die fünfte Kompagnie ungefähr vollzählig den flammenden
+Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Häusertrümmer
+zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stülpte ich mir
+einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in
+kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil
+vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren
+Verteidigungsabschnitt verlassen.
+
+Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem
+Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, daß fünfte und achte Kompagnie
+in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie stürmen
+sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war,
+beschloß ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kümmern.
+
+Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Häuserresten und Baumstümpfen
+sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schützenlinie auf das freie Feld
+heraustreten. Es mußte die fünfte Kompagnie sein.
+
+Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen
+anzutreten. »Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und
+zweiter Welle!«
+
+Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in
+ähnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges,
+Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt,
+Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest.
+
+Wir verließen den Hohlweg ganz programmäßig, nur befand »ich selbst«, wie
+die schöne Befehlsformel lautet, mich plötzlich neben dem Leutnant Schrader
+weit vor der ersten Welle.
+
+Vereinzelte Gewehrschüsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der
+rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und ließ, ohne es recht
+zu merken, die Schützenlinie der fünften Kompagnie zum Teil hinter, zum
+Teil rechts neben mir. Während des Vorgehens merkte ich, daß mein Eisernes
+Kreuz sich von der Brust gelöst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader,
+mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene
+Schützen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus
+einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest.
+
+Das Gelände senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem
+Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine
+Geschoßgarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefühl der
+Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge über
+ein Grabenstück riß mich ein durchdringender Stoß vor die Brust aus der
+Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Längsachse und klirrte betäubt
+zu Boden.
+
+Ich erwachte im Gefühl eines großen Unglücks, eingeklemmt zwischen enge
+Lehmwände, während durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt:
+»Sanitäter! Der Kompagnieführer ist verwundet!«
+
+Ein älterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmütigem Gesicht
+über mich, löste das Koppel und öffnete meinen Rock. Zwei blutige
+Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rücken. Ein
+Gefühl der Lähmung fesselte mich an die Erde, und die glühende Luft des
+engen Grabens badete mich in qualvollem Schweiß. Der mitleidige Helfer
+erquickte mich durch fächelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte,
+nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurückschleppen zu
+lassen.
+
+Plötzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, daß
+dieses lückenlose Rollen, dieses gleichmäßige Brüllen und Stampfen mehr
+drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. Über mir
+blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants
+Schrader, der wie eine Maschine schoß und lud, schoß und lud. Es entspann
+sich zwischen uns ein Gespräch, das an die Turmszene der Jungfrau von
+Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich
+hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein.
+
+Oben sprang der Schreckensschrei: »Links sind sie durch! Wir sind
+umgangen!« von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurück. Ich faßte in
+ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich
+hoch, während das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloßem Kopf und offenem
+Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht.
+
+Durch weißliche Rauchschwaden stürzte eine Kette bepackter Menschen
+schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie
+getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelände
+eingesogen.
+
+Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks über den Kamm einer
+Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde
+gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hälften
+auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem
+Todesschrei zusammen.
+
+Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flüsterte dem Fähnrich Wilsky zu,
+nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lücke abzufegen.
+Er kam gleich darauf zurück und meldete, daß sich 20 Meter weiter schon
+alles ergeben hätte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich
+umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit
+erhobenen Händen nach vorne! Der Feind mußte bereits das Dorf, aus dem wir
+gestürmt hatten, genommen haben.
+
+Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Engländern und Deutschen
+umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte
+mit schwacher Stimme die Nächststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie
+schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden
+umschloß unser Häuflein. Links tauchten zwei hünenhafte Engländer ihre
+Bajonette in ein Grabenstück, aus dem sich flehende Hände reckten.
+
+Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: »Es hat keinen Zweck mehr!
+Gewehre weg! Nicht schießen, Kameraden!«
+
+Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie
+lächelten fatalistisch zurück und ließen ihre Koppel zu Boden fallen.
+
+Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der
+Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten
+in manchem Ruhetage über den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase.
+Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Engländer, die
+einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zuführten, stellten sich mir
+entgegen. Ich hielt dem nächsten die Pistole vor den Leib und drückte ab.
+Er klappte wie eine Schießbudenfigur zusammen. Der andere brannte sein
+Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das
+Blut in hellen Schlägen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann,
+an dem Grabenstück entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der
+Leutnant Schläger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an.
+Einige Engländer, die über das Gelände schritten, blieben stehen, setzten
+ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schläger
+und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schläger, der seinen Kneifer
+verloren hatte, erzählte mir später, daß er nichts gesehen hätte als meine
+auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die
+Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke,
+zu früh zusammenzubrechen.
+
+Endlich gelangten wir an einen halbmondförmigen Erdaufwurf rechts von
+Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund
+und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der
+Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein
+Sanitätsunteroffizier der sechsten Kompagnie riß meine Jacke herunter und
+riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet
+sein könnte.
+
+Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang
+geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten
+mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nächste Entfernung aus
+dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Körper.
+Den Sanitäter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn
+trug, riß ein Kopfschuß zu Boden; ich stürzte mit ihm.
+
+Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von
+Aufschlägen umpeitscht, der nächsten Senkung zu.
+
+Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknüpft auf dem Felde, den
+Endtreffer erwartend.
+
+Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz
+verlassen. Neben mir ertönte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: »Ich
+nehme Herrn Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch, oder wir
+bleiben liegen.«
+
+Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf kürzeste
+Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen
+geschlungen, auf seinem Rücken saß, erklang mitten im Lauf ein feines
+metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich
+löste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert
+hielten. Ein Geschoß hatte ihm Stahlhelm und Schläfen durchschlagen. Der
+Tapfere, der die Treue zu seinem Führer mit dem Tode besiegelte, war ein
+Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe später seine Familie
+aufgesucht und halte sein Andenken heilig.
+
+Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen
+Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitäts-Sergeant
+Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glücklich in
+den toten Winkel der nächsten Geländewelle.
+
+Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich
+über ein einsames Gelände, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne
+hochflammten. Ich mußte nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefühle,
+die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn
+Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu ersticken.
+
+Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir
+befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine köstliche
+Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in
+erquickenden Schlummer.
+
+Am nächsten Tage setzte die übliche, etappenweise Rückbeförderung ein. Die
+wüste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes.
+Dann kam ich in die Hände der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind
+bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal
+der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem
+männlichen, zielbewußten und zweckmäßigen Handeln des Krieges tauchte man
+in eine Atmosphäre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme
+bildete die abgeklärte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern.
+
+Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte
+das Glück, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im
+Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen
+zusammen, der bereits zwölf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte
+hatte ihm zuvor durch ein Geschoß den Oberarmknochen zersplittert. Auf
+unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige
+Kameraden, mit denen wir zu Abend aßen. Da unsere baldige Kriegstüchtigkeit
+angezweifelt wurde, fühlten wir beide das unbedingte Bedürfnis,
+verschiedentlich über einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns
+sehr schlecht. Trotzdem fühlten wir uns recht bald wieder in Form für eine
+neue Winterkampagne. Diese wurde vorläufig vertagt. Wir sollten uns bald an
+anderen Kämpfen beteiligen, als uns geträumt. -- -- --
+
+Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm:
+
+»Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le Mérite verliehen.
+Ich beglückwünsche Sie im Namen der ganzen Division.
+
+ General von Busse.«
+
+Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68,
+Kochstr. 68-71.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jünger
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN STAHLGEWITTERN ***
+
+***** This file should be named 34099-8.txt or 34099-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/4/0/9/34099/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+<title>The Project Gutenberg eBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jünger</title>
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+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jünger
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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+
+Title: In Stahlgewittern
+ Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
+
+Author: Ernst Jünger
+
+Release Date: October 19, 2010 [EBook #34099]
+[Last updated. February 5, 2014]
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+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN STAHLGEWITTERN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<div class="titlematter">
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+<h1 class="tit" id="part-1">
+<span class="line1">In Stahlgewittern</span><br />
+<span class="line2">Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers</span>
+</h1>
+
+<p class="aut">
+<span class="line1">Von</span><br />
+<span class="line2">Ernst Jünger</span>
+</p>
+
+<p class="aut2">
+Kriegsfreiwilliger, dann Leutnant und Kompagnieführer<br />
+im Füs. Regt. Prinz Albrecht v. Preußen (Hann. Nr. 73)<br />
+Leutnant im Reichswehr-Regiment Nr. 16 (Hannover)
+</p>
+
+<div class="centerpic">
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+
+<p class="run">
+Dritte Auflage<br />
+6.&mdash;8. Tausend
+</p>
+
+<p class="pub">
+<span class="line1"><em>Mit dem Bilde des Verfassers</em></span><br />
+<span class="line2">Berlin 1922 / Verlag von E. S. Mittler &amp; Sohn</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="titlematter">
+
+<p class="ded">
+Zur Erinnerung an meine gefallenen<br />
+Kameraden.
+</p>
+
+<p class="ded2">
+<span class="line1">Herrn Hermann Stegemann</span><br />
+<span class="line2">in Verehrung gewidmet</span>
+</p>
+
+<p class="cop">
+Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901<br />
+sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten
+</p>
+
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-1">
+<a id="page-III" class="pagenum" title="III"></a>
+Vorwort.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span>och wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns. Der
+gewaltigste der Kriege ist uns noch zu nahe, als daß wir
+ihn ganz überblicken, geschweige denn seinen Geist sichtbar
+auskristallisieren können. Eins hebt sich indes immer klarer
+aus der Flut der Erscheinungen: Die überragende Bedeutung
+der Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht;
+Maschinen, Eisen und Sprengstoff waren seine Faktoren.
+Selbst der Mensch wurde als Material gewertet. Die Verbände
+wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der
+Front zur Schlacke zerglüht, zurückgezogen und einem schematischen
+Gesundungsprozeß unterworfen. &bdquo;Die Division
+ist reif für den Großkampf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine
+Farben; das Schlachtfeld eine Wüste den Irrsinns, in der
+sich das Leben kümmerlich unter Tage fristete. Nachts wälzten
+sich müde Kolonnen auf zermahlenen Straßen dem brandigen
+Horizont entgegen. &bdquo;Licht aus!&ldquo; Ruinen und Kreuze säumten
+den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte
+und Flüche unterbrachen das Knirschen der Riemen, das
+Klappern von Gewehr und Schanzzeug. Verschwommene
+Schatten tauchten aus den Rändern zerstampfter Dörfer in
+endlose Laufgräben.
+</p>
+
+<p>
+Nicht wie früher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht
+ziehende Kompagnien. Das wäre Hohn gewesen. Keine
+Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf über zerhackten
+Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem fröhlichen
+Reitertage, nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten
+umwand der Lorbeer die Stirn des Würdigen.
+</p>
+
+<p>
+Und doch hat auch dieser Krieg seine Männer und seine
+Romantik gehabt! Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil
+geworden wäre. Draufgänger, unbekannte, eherne Gesellen,
+denen es nicht vergönnt war, vor aller Augen sich an der
+eigenen Kühnheit zu berauschen. Einsam standen sie im Gewitter
+der Schlacht, wenn der Tod als roter Ritter mit
+<a id="page-IV" class="pagenum" title="IV"></a>
+Flammenhufen durch wallende Nebel galoppierte. Ihr Horizont
+war der Rand eines Trichters, ihre Stütze das Gefühl
+der Pflicht, der Ehre und des inneren Wertes. Sie waren
+Überwinder der Furcht; selten ward ihnen die Erlösung, dem
+Feinde in die Augen blicken zu können, nachdem alles Schreckliche
+sich zum letzten Gipfel getürmt und ihnen die Welt in
+blutrote Schleier gehüllt hatte. Dann ragten sie empor zu
+brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, Meister des
+Sprengstoffs. Dann wüteten ihre Urtriebe mit kompliziertesten
+Mitteln der Vernichtung.
+</p>
+
+<p>
+Doch auch wenn die Mühle des Krieges ruhiger lief,
+waren sie bewundernswert. Ihre Tage verbrachten sie in den
+Eingeweiden der Erde, vom Schimmel umwest, gefoltert vom
+ewigen Uhrwerk fallender Tropfen. Wenn die Sonne hinter
+gezackten Schattenrissen von Ruinen versankt, entklirrten sie
+dem Pesthauch schwarzer Höhlen, nahmen ihre Wühlarbeit
+wieder auf oder standen, eiserne Pfeiler, nächtelang hinter
+den Wällen der Gräben und starrten in das kalte Silber
+zischender Leuchtkugeln. Oder sie schlichen als Jäger über
+klickenden Draht in die Öde des Niemandslandes. Oft zerrissen
+jähe Blitze das Dunkel, Schüsse knallten und ein Schrei
+verwehte ins Unbekannte. So arbeiteten und kämpften sie,
+schlecht verpflegt und bekleidet, als geduldige, eisenbeladene
+Tagelöhner des Todes.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal kamen sie zurück, standen verträumt auf den
+Asphaltmeeren der Städte und schauten ungläubig auf das
+Leben, das strudelnd in seinen gewohnten Bahnen floß.
+Dann stürzten sie sich hinein, um keine Minute der kurzen
+Tage ungenützt verfließen zu lassen, tranken und küßten. Mit
+der ihnen Lebensform gewordenen Rücksichtslosigkeit schwangen
+sie in tollen Nächten den Becher, bis ihnen die Welt versank.
+Da ließ man die gefallenen Freunde leben und schierte
+sich den Teufel um den nächsten Tag. Und dann ging es
+wieder auf den gewohnten Straßen der Brandung zu.
+</p>
+
+<p>
+Das war der deutsche Infanterist im Kriege. Gleichviel
+wofür er kämpfte, sein Kampf war übermenschlich. Die
+<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a>
+Söhne waren über ihr Volk hinausgewachsen. Mit bitterem
+Lächeln lasen sie das triviale Zeitungsgewäsch, die ausgelaugten
+Worte von Helden und Heldentod. Sie wollten
+nicht diesen Dank, sie wollten Verständnis. Kein Dank kann
+groß genug sein. Ein Bild: der höchste Alpengipfel, ausgehauen
+zu einem Gesicht unter wuchtendem Stahlhelm, das
+still und ernst über die Lande schaut, den deutschen Rhein
+hinunter aufs freie Meer. &mdash; Einst wird kommen der Tag .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern,
+was ein Infanterist als Schütze und Führer während
+des großen Krieges inmitten eines berühmten Regimentes<a href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
+erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es ist entstanden
+aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebücher.
+Ich habe mich bemüht, meine Impressionen möglichst unmittelbar
+zu Papier zu bringen, weil ich merkte, wie rasch
+sich die Eindrücke verwischen und wie sie schon nach wenigen
+Tagen eine andere Färbung annehmen. Es erforderte
+Energie, diesen Stapel von Notizbüchern zu füllen, in den
+kurzen Pausen des Geschehens, nach dem Tagewerk der Front,
+beim trüben Licht einer Kerze, auf den Treppen schmaler
+Stollenhälse, in zeltverhangenem Trichter oder feuchten
+Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe
+mir die Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt
+zur Idealisierung des Geleisteten, zur Vertuschung des Häßlichen,
+Kleinlichen und Alltäglichen. Unmerklich stempelt er
+sich zum &bdquo;Helden&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion
+vor. Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein
+können, sondern wie es war.
+</p>
+
+<p>
+<span class="antiqua">Iliacos muros peccatur intra et extra.</span> Der Grad
+der Sachlichkeit eines solchen Buches ist der Maßstab seines
+<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a>
+inneren Wertes. Der Krieg setzt sich wie alle menschlichen
+Handlungen aus Gut und Böse zusammen. Nur treten hier,
+wo sich die Kraft von Völkern aufs Höchste steigert, die
+Gegensätze noch greller hervor als sonst. Neben gipfelnden
+Werten gähnen dunkelste Abgründe. Da, wo ein Mensch die
+beinah göttliche Stufe der Vollkommenheit erreicht, die selbstlose
+Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode, findet sich
+ein anderer, der dem kaum Erkalteten gierig die Taschen
+durchwühlt. Von großen Worten Berauschte brechen im
+Moment der Gefahr elend zusammen. Männer, deren Gesinnung
+wie ein Fels schien, stellen sich in entscheidender
+Stunde &bdquo;auf den Boden der Tatsachen&ldquo;, ohne den Degen zu
+ziehen, der sonst so schallend gerasselt. Andere durchschwelgen
+die Nächte, in denen fernes Rot am Himmel glutet und
+leises Dröhnen mahnend an die Fenster schlägt.
+</p>
+
+<p>
+Das muß gesagt werden. Um so glänzender hebt sich
+aus diesem dunkeln Hintergrunde der wahre Mann, der unscheinbare,
+echte, vom Geist getriebene Krieger, der seine
+Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten. Was war dagegen
+der Rausch von 1914? Eine Massensuggestion! Und doch,
+wie viele habe ich kennengelernt, die unter dem grauen Tuch
+ein Herz von Gold und einen Willen von Stahl bargen,
+eine Auslese der Tüchtigsten, die sich dem Tode in die Arme
+warf &mdash; mit stets gleichbleibender Freudigkeit. Ob ihr gefallen
+seid auf freiem Felde, das arme, von Blut und
+Schmutz entstellte Gesicht dem Feinde zu, überrascht in dunklen
+Höhlen oder versunken im Schlamm endloser Ebenen,
+einsame, kreuzlose Schläfer; das ist mir Evangelium: Ihr
+seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel
+ein anderes, größeres ist, als ihr erträumtet. Der Krieg ist
+der Vater aller Dinge. Kameraden, euer Wert ist unvergänglich,
+Euer Denkmal tief in den Herzen eurer Brüder, die mit
+Euch standen, vom flammenden Ringe umschlossen. Legten
+wir nicht weiße Bänder auf eure Wunden und sahen in eure
+brechenden Augen, als euch der Vorhang der Ewigkeit hochrauschte?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a>
+Möge dies Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben
+von dem, was ihr geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles,
+auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung
+an euch, an die herrlichste Armee, die je die Waffen
+trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde.
+Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels,
+der moralischen Verkümmerung und des Renegatentums ist
+stolzeste Pflicht eines jeden, der nicht nur mit Gewehr und
+Handgranate, sondern auch mit lebendigem Herzen für
+Deutschlands Größe kämpfte.
+</p>
+
+<p class="footnote" id="footnote-1">
+<a href="#fnote-1">[1]</a>&nbsp; Das Stammregiment des Füsilier-Regiments Nr. 73, das vormals Königlich
+Hannoversche Garderegiment, verteidigte von 1779 bis 1783 fast vier Jahre lang unter
+General Elliot Gibraltar siegreich gegen die Spanier und Franzosen. Zur Erinnerung
+an diese ruhmvolle Waffentat trägt unser Regiment am Ärmel des Waffenrocks ein
+blaues Band mit der Aufschrift &bdquo;Gibraltar&ldquo;. Dasselbe Zeichen wird jetzt von der
+5. Kompagnie des Reichswehr-Regiments Nr. 16 (Hannover) weitergetragen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-2">
+Vorwort zur 2. Auflage.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span>chneller als gedacht, wurde eine zweite Auflage Bedürfnis.
+Aus Zuschriften und Gesprächen ersah ich, daß der
+Zweck des Buches erreicht, der Geist der Leute am Feind getroffen
+war. Wer sollte ihn auch besser treffen als einer, der
+vier Jahre lang in allen Löchern und Höhlen der Westfront
+in ihrem Kreise hockte?
+</p>
+
+<p>
+Dies Interesse für das Geschehen einer Zeit, die uns zu
+Boden hagelte, ist von Bedeutung. Das Volk im ganzen hat
+nicht den Willen, das zu verleugnen, wofür Unzählige fielen.
+Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt sind. Sind zur
+Stunde noch die Nerven erschüttert vom Grauenhaften seiner
+äußeren Gestaltung, so wird er späteren Generationen vielleicht
+erscheinen wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister:
+Als großer Gedanke, der Nacht und Blut überstrahlt. Dann
+wird man wohl auch mit Rührung an uns zurückdenken, an
+uns und die Hoffnungen und Gefühle, die unsere Brust
+durchzuckten, als wir im Dunkel durch brüllende Wüsten irrten.
+</p>
+
+<p>
+Oder sollten Strömungen unserer Zeit dann schon so
+reißend geworden sein, daß niemand mehr versteht, wie wir
+das Leben geringer achten konnten als unsere Idee?
+</p>
+
+<p>
+Ich kann es nicht glauben.
+</p>
+
+<p>
+<em>Berlin</em>, im Juli 1921.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-3">
+<a id="page-VIII" class="pagenum" title="VIII"></a>
+Inhaltsverzeichnis.
+</h2>
+
+
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-1">Vorwort</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-4">Orainville</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-5">Von Bazancourt bis Hattonchâtel</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-6">Les Eparges</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-7">Douchy und Monchy</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-8">Vom täglichen Stellungskampf</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-9">Der Auftakt zur Somme-Offensive</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-10">Guillemont</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-11">Am St. Pierre-Vaast</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-12">Der Somme-Rückzug</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-13">Im Dorfe Fresnoy</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-14">Gegen Inder</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-15">Langemarck</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-16">Regniéville</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-17">Noch einmal Flandern</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-18">Die Cambraischlacht</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-19">Am Cojeul-Bach</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-20">Die große Schlacht</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-21">Englische Vorstöße</a></p>
+<p class="toc"><a href="#chapter-1-22">Mein letzter Sturm</a></p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-4">
+<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
+Orainville.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>er Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne.
+Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht
+lauschten wir dem langsamen Takte des Walzwerkes der
+Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit
+werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines
+Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des
+Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern.
+Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden
+sollten an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete
+zu unaufhörlich rollendem Donner? Der eine
+früher, der andere später?
+</p>
+
+<p>
+Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen
+und waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen
+zu einem großen, begeisterten Körper, Träger
+des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre. Aufgewachsen
+im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns
+allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem
+großen Erleben. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein
+Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen
+in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg
+mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er
+schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf
+blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod ist auf
+der Welt .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen
+dürfen!
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In Gruppenkolonne antreten!&ldquo; Die erhitzte Phantasie
+beruhigte sich beim Marsche durch den schweren Lehmboden
+der Champagne. Tornister, Patronen und Gewehr drückten
+wie Blei. &bdquo;Kurztreten. Aufbleiben dahinten!&ldquo;
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ach, zu des Geistes Flügeln wird so bald</p>
+ <p class="line">Kein körperlicher Flügel sich gesellen!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
+Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort
+des Füsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener
+Gegend, gebildet durch 50 Häuschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen
+um einen parkumschlossenen Herrensitz.
+</p>
+
+<p>
+Das Treiben auf der Dorfstraße bot den kulturgewohnten
+Augen einen fremden Anblick. Man sah nur wenige
+scheue und zerlumpte Zivilisten; überall Soldaten in abgetragenen,
+zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist
+von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen
+Schrittes dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den
+Türen der Häuser standen und uns Neulinge mit Scherzrufen
+empfingen. Irgendwo stand eine nach Erbsensuppe
+duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern
+umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den
+beginnenden Verfall des Dorfes noch gesteigert.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen
+Scheune verbracht hatten, wurden wir im Hofe des Schlosses
+vom Regimentsadjutanten, dem damaligen Oberleutnant
+v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie überwiesen.
+</p>
+
+<p>
+Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne
+uns einen entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saßen
+in der uns als Quartier angewiesenen Schule und frühstückten.
+Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer Erschütterungen
+in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten
+dem Dorfeingang zustürzten. Wir befolgten dies Beispiel,
+ohne recht zu wissen warum. Wieder ertönte ein eigenartiges,
+nie gehörtes Flattern und Rauschen über uns und ertrank in
+polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die Leute um
+mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung.
+</p>
+
+<p>
+Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der
+menschenleeren Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten
+Händen schwarze Bündel schleppend. Mit einem
+merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit starrte
+ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper
+herabhängendem Bein, die unaufhörlich ein heiseres &bdquo;Zu
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+Hilfe!&ldquo; hervorstieß und in ein Haus getragen wurde, von
+dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge herabwehte. &mdash; Was
+war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und die
+gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so
+unpersönlich. Kaum, daß man dabei an den Feind dachte,
+dieses geheimnisvolle, tückische Wesen irgendwo dahinten.
+Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende Ereignis
+machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die
+Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische
+Erscheinung am hellen Mittag.
+</p>
+
+<p>
+Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert
+und hatte eine Wolke von Steinen und Sprengstücken
+in den Eingang geschleudert, gerade, als die durch die ersten
+Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten.
+Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard,
+eine mir von den hannoverschen Promenaden-Konzerten her
+wohlbekannte Erscheinung. Ein angebundenes Pferd witterte
+die Gefahr eher als die Menschen, riß sich wenige Sekunden
+vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den
+Schloßhof.
+</p>
+
+<p>
+Im Gespräch mit meinen Kameraden merkte ich, daß
+dieser Zwischenfall manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedämpft
+hatte. Daß er auch auf mich stark gewirkt hatte,
+ersah ich aus zahlreichen Gehörstäuschungen, die mir das
+Rollen jedes vorüberfahrenden Wagens in das fatale Geräusch
+der Unglücks-Granate verwandelten.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte
+Augenblick, in dem wir, schwer bepackt, zur Kampfstellung
+aufbrachen. Durch die aus phantastischem Halbdunkel
+ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt führte unser Weg
+nach einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause,
+der sogenannten &bdquo;Fasanerie&ldquo;, wo die Regiments-Reserve
+lag, der bis zu dieser Nacht auch die dort liegende
+9. Kompagnie angehörte. Ihr Führer war der Leutnant d. R.
+Brahms.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
+Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen
+verteilt und befanden uns bald im Kreise bärtiger, lehmbekrusteter
+Gesellen, die uns mit einem gewissen ironischen
+Wohlwollen begrüßten. Wir wurden gefragt, wie es in
+Hannover aussähe, und ob der Krieg denn noch nicht bald
+zu Ende gehen sollte. Dann drehte sich das Gespräch in eintöniger
+Kürze um Schanzen, Feldküche, Grabenstücke und
+andere Angelegenheiten den Stellungskrieges.
+</p>
+
+<p>
+Nach einiger Zeit erscholl vor der Tür unseres hüttenartigen
+Aufenthaltes der Ruf: &bdquo;Heraustreten!&ldquo; Wir traten
+bei unseren Gruppen an und stießen auf das Kommando:
+&bdquo;Laden und Sichern!&ldquo; mit geheimer Wollust einen Rahmen
+scharfer Patronen ins Magazin.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet
+durch die nächtliche, von dunklen Waldstücken besäte Landschaft.
+Ab und zu verhallte ein einsamer Schuß, oder eine
+Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer, geisterhafter
+Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen.
+Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch
+den Warnungsruf: &bdquo;Achtung, Draht!&ldquo; unterbrochen. Wie
+oft bin ich nach diesem erstenmal in halb melancholischer,
+halb erregter Stimmung durch ausgestorbene Landschaften
+zur vorderen Linie geschritten!
+</p>
+
+<p>
+Endlich verschwanden wir in einem der Laufgräben, die
+sich wie weiße Schlangen durch die Nacht zur Stellung
+wanden. Dort fand ich mich einsam und fröstelnd zwischen
+zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm
+Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie
+mir allerhand Schattengestalten vorgaukelte, während
+ab und zu eine verirrte Kugel durchs Geäst klatschte. Die
+einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit war, daß
+ich von einem älteren Kameraden abgeholt wurde und mit
+ihm durch einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen
+Postenloch trottete, in dem wir wiederum damit
+beschäftigt waren, das Vorgelände zu betrachten. Zwei
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen,
+den Schlaf der Erschöpfung zu finden. Als der Morgen
+graute, war ich bleich und lehmbeschmiert wie die anderen,
+und es war mir, als ob ich dieses Maulwurfsleben schon
+monatelang geführt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Die Stellung des Regiments wand sich durch den
+Kreidebogen der Champagne gegenüber dem Dorfe Le Gauda.
+Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes Waldstück, den Granat-Wald,
+lief dann durch riesige Zuckerrübenfelder, aus denen
+die roten Hosen gefallener Stürmer leuchteten, und endete in
+einem Bachgrund, über den die Verbindung mit dem Regiment
+74 durch nächtliche Patrouillen aufrechterhalten
+wurde. Der Bach rauschte über das Wehr einer zerstörten,
+von finsteren Bäumen umringten Mühle. Ein unheimlicher
+Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken
+wechselnde Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln
+des Wassers und das Rascheln des Schilfes sich zu
+mischen schienen.
+</p>
+
+<p>
+Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben
+begann mit dem Einbruch der Dämmerung, während der
+die ganze Besatzung im Graben stehen mußte. Von 10 Uhr
+abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder
+Gruppe schlafen, so daß man einen Nachtschlaf von zwei
+Stunden genoß, der indes durch früheres Wecken, Strohholen
+und andere Beschäftigungen illusorisch gemacht wurde.
+</p>
+
+<p>
+Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog
+in eins der zahlreichen Postenlöcher, die mit der Stellung
+durch lange, ausgehobene Verbindungswege zusammenhingen;
+eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit
+der Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Diese endlosen, furchtbar ermüdenden Nachtwachen
+waren bei klarem Wetter und selbst bei Frost noch erträglich,
+sie wurden jedoch qualvoll, wenn es, wie meist im Januar,
+regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die über den Kopf gezogene
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und
+stundenlang am Körper herunterrieselte, geriet man in eine
+Stimmung, die selbst durch das Rauschen der heranwatenden
+Ablösung nicht erhellt werden konnte. Die Morgendämmerung
+beleuchtete erschöpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die
+sich zähneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule
+Stroh der tropfenden Unterstände warfen. Diese Unterstände!
+Es waren nach dem Graben zu offene, in die Kreide
+gehauene Löcher mit einer Lage von Brettern und einigen
+Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch
+tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb
+mit entsprechenden Namen, wie &bdquo;Tropfsteinhöhle&ldquo;, &bdquo;Zum
+Männerbad&ldquo; usw., bezeichnet. Wollten mehrere darin der
+Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen, ihre Beine als unfehlbare
+Fußangeln für jeden Vorübergehenden in den
+Graben zu legen. Unter diesen Umständen war natürlich auch
+tagsüber von Schlaf wenig die Rede. Außerdem mußte man
+noch zwei Stunden Tagesposten stehen, den Graben reinigen,
+Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr.
+</p>
+
+<p>
+Man wird begreifen, daß dieses ungewohnte Leben uns
+sehr hart vorkam, besonders da wir dazu von den meisten
+der alten Leute in jeder Weise schikaniert wurden. Diese aus
+der Kaserne in den Krieg mitgenommene Gewohnheit trug
+viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu verbittern,
+verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen
+Schlacht. Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache,
+daß wir uns freiwillig gemeldet hatten, schwer verständlich.
+Er sah das als einen gewissen Übermut an, eine Auffassung,
+der ich im Kriege oft begegnet bin.
+</p>
+
+<p>
+Die Zeit, während der die Kompagnie in Reserve lag,
+war nicht viel besser. Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten
+Erdhütten bei der Fasanerie oder im Hiller-Wäldchen,
+deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme
+Gärungswärme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in
+einer zolltiefen Wasserpfütze. Trotzdem ich Rheumatismus
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+bislang nur dem Namen nach gekannt hatte, spürte ich schon
+nach wenigen Tagen infolge der dauernden Durchnässung
+Schmerzen in allen Gelenken. Die Nächte dienten auch hier
+nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen
+Annäherungsgräben zu vertiefen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Lichtblick in diesem öden Einerlei war die allabendliche
+Ankunft der Feldküche an der Ecke des Hiller-Wäldchens,
+wo sich bei der Öffnung des Kessels ein köstlicher Duft nach
+Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen Sachen verbreitete.
+Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das Dörrgemüse,
+das von enttäuschten Gourmets als &bdquo;Drahtverhau&ldquo; oder
+&bdquo;Flurschaden&ldquo; geschmäht wurde.
+</p>
+
+<p>
+Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville,
+die mit Ausschlafen, Reinigen der Sachen und Exerzieren
+verbracht wurden. Die Kompagnie hauste in einer gewaltigen
+Scheune, die nur zwei hühnerleiterartige Treppen als Ein- und
+Ausgang hatte. Obwohl das Gebäude noch mit Stroh
+gefüllt war, standen Öfen darin. Eines Nachts rollte ich
+gegen den einen und erwachte erst infolge der Bemühungen
+einiger Kameraden, die mich kräftigen Löschversuchen unterzogen.
+Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß meine Uniform
+an der Rückseite arg verkohlt war, so daß ich längere
+Zeit in einem frackartigen Anzuge umherlaufen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast
+alle Illusionen verloren, mit denen wir ausgezogen waren.
+Statt der erhofften Gefahren hatten wir Schmutz, Arbeit
+und schlaflose Nächte vorgefunden, zu deren Bezwingung
+ein uns wenig liegendes Heldentum gehörte. Diese
+dauernde Überanstrengung war Schuld der Führung, die
+den Geist des neuartigen Stellungskrieges noch nicht erfaßt
+hatte. In einem kurzen, draufgängerischen Kriege kann und
+muß der Offizier die Mannschaft rücksichtslos erschöpfen, in
+einem sich lang hinschleppenden führt dies zu physischem
+und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl
+und die ununterbrochene Schanzarbeit war zum
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+größten Teil unnötig und sogar schädlich. Nicht auf gewaltige
+Verschanzungen kommt es an, sondern auf den
+Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. &bdquo;Eiserne
+Herzen auf hölzernen Schiffen gewinnen die Schlachten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wohl hörten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen
+auch ab und zu einige Granaten von den Reimser
+Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse blieben weit
+hinter unseren Erwartungen zurück. Trotzdem wurden wir
+manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem
+scheinbar absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am
+8. Januar eine Granate in die Fasanerie und tötete den
+Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten.
+</p>
+
+<p>
+Am 27. Januar ließen wir unserem Kaiser zur Ehre
+drei kräftige Hurras erschallen und stimmten auf der langen
+Front, von feindlichen Gewehren begleitet, ein &bdquo;Heil dir
+im Siegerkranz&ldquo; an.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmen Erlebnis,
+das meine militärische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen
+und unrühmlichen Abschluß gebracht hätte. Die
+Kompagnie lag am linken Flügel, und ich mußte mich gegen
+Morgen nach völlig durchwachter Nacht mit einem Kameraden
+in den Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich
+hatte der Kälte wegen verbotenerweise meine Decke um den
+Kopf geschlagen und lehnte an einem Baum, nachdem ich
+mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte.
+Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, griff danach &mdash;
+die Waffe war verschwunden! Der revidierende Portepee-Träger,
+ein Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen
+und sie unbemerkt an sich genommen. Um mich
+zu bestrafen, schickte er mich eigenmächtig, nur mit einer
+Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die französischen
+Postierungen, ungefähr 100 Meter weit, vor, eine Indianeridee,
+die mich beinahe ums Leben gebracht hätte.
+Während meiner merkwürdigen Strafwache schlich nämlich
+eine Patrouille von drei Kriegsfreiwilligen durch das Schilf
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+vor, wurde von den Franzosen bemerkt und beschossen.
+Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie
+wieder gesehen. Da ich ganz in der Nähe stand, bekam ich
+auch mein Teil von den damals so beliebten Gruppensalven
+ab, so daß mir die Zweige des Weidenbaumes, an dem ich
+stand, um die Ohren pfiffen. Ich biß die Zähne zusammen
+und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter
+diese Gemeinheit nie vergessen können.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt
+wurde, daß wir diese Stellung endgültig verlassen sollten,
+und feierten unseren Abschied von Orainville durch einen
+kräftigen Bierabend in der großen Scheune. Am 4. Februar
+1915 marschierten wir, von einem sächsischen Regiment
+abgelöst, nach Bazancourt.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Monat war für mich, obwohl der härteste des
+ganzen Krieges, doch eine gute Schule. Ich hatte den
+Wacht- und Arbeitsdienst in seiner schwersten Form gründlich
+kennengelernt. Das bewahrte mich später, als ich
+selbst führte, davor, von meinen Leuten Unmögliches zu
+verlangen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-5">
+Von Bazancourt bis Hattonchâtel.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span>n Bazancourt, einem öden Champagne-Städtchen,
+wurde die Kompagnie in der Schule einquartiert, die infolge
+des geradezu erstaunlichen Ordnungssinnes unserer
+Leute in kurzer Zeit das Aussehen einer Friedenskaserne
+annahm. Da gab es einen Unteroffizier vom Dienst, der
+Morgens pünktlich weckte, Stubendienst und allabendliche
+Appells durch die Korporalschaftsführer. Jeden Morgen
+rückten die Kompagnien aus, um auf den umliegenden Ödfeldern
+einige Stunden stramm zu exerzieren. Diesem
+Dienstbetrieb wurde ich nach einigen Tagen durch Abkommandierung
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+zum Offizier-Aspiranten-Kursus in Recouvrence
+entzogen.
+</p>
+
+<p>
+Recouvrence war ein entlegenes, in lieblichen Kreidehügeln
+verstecktes Dörfchen, in das von der Division eine
+Anzahl junger Leute geschickt wurde, um durch den von
+jedem Regiment gestellten Offizier und einige Unteroffiziere
+eine gründliche militärische Ausbildung zu erhalten. Wir
+73er haben in dieser Beziehung dem äußerst fähigen, leider
+kurz darauf gefallenen Leutnant Hoppe viel zu verdanken.
+</p>
+
+<p>
+Das Leben in diesem weltabgeschiedenen Neste setzte
+sich aus einer merkwürdigen Mischung von Kasernendrill
+und akademischer Freiheit zusammen. Tagsüber wurden
+die Zöglinge nach allen Regeln der Kunst zum militärischen
+Menschen geschliffen, abends versammelten sie sich mit
+ihren Lehrern um riesige Fässer, wo in ebenso gründlicher
+Weise gezecht wurde. Wenn in den Morgenstunden die
+verschiedenen Abteilungen aus ihren Kneiplokalen strömten,
+hatten die kleinen Kreidesteinhäuser den ungewohnten Anblick
+eines studentischen Walpurgistreibens. Unser Kursusleiter,
+ein Hauptmann, hatte übrigens die erzieherische Gewohnheit,
+den Dienst an den darauffolgenden Tagen mit
+doppelter Energie zu handhaben.
+</p>
+
+<p>
+Unser Verkehr untereinander war, wie bei Leuten derselben
+Bildungsstufe unter diesen Verhältnissen selbstverständlich,
+sehr kameradschaftlich. Wir wohnten zu dritt oder
+viert zusammen und führten gemeinsame Wirtschaft. Besonders
+ist mir noch unser regelmäßiges Abendessen von
+Rührei und Bratkartoffeln in guter Erinnerung. Sonntags
+leisteten wir uns das landessübliche Kaninchen oder
+einen Hahn. Da ich den Einkauf für den Abendtisch besorgte,
+legte mir unsere Wirtin einmal eine Anzahl von
+Bons vor, die sie von requirierenden Soldaten erhalten
+hatte; meist des Inhalts, daß der Füsilier N. N. der
+Tochter des Hauses Liebenswürdigkeiten erwiesen und dafür
+12 Eier requiriert habe. Zur Anführung ist diese ergötzliche
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Blütenlese des Volkshumors leider durchweg
+zu saftig.
+</p>
+
+<p>
+Mitte Februar wurden wir 73er durch die Nachricht
+der großen Verluste unseres Regiments bei Perthes überrascht
+und waren sehr traurig, diese Tage fern von unseren
+Kameraden verbracht zu haben. Am 21. März kamen wir
+nach einem kleinen Examen zum Regiment zurück, das
+wieder in Bazancourt lag. Es schied in diesen Tagen nach
+einer großen Parade und einer Abschiedsansprache des Generals
+von Emmich aus dem Verbande des <span class="antiqua">X.</span> Korps.
+Wir wurden am 24. März verladen und fuhren bis in die
+Gegend von Brüssel, wo wir mit den Regimentern 76 und
+164 zur 111. Infanterie-Division zusammengestellt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Unser Bataillon wurde in dem Städtchen Hérinnes
+(flämisch: Herne) untergebracht, inmitten einer Landschaft
+von flämischer Behaglichkeit. Ich erlebte hier recht glücklich
+meinen 20. Geburtstag.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl die Belgier in ihren Häusern genügend Platz
+hatten, wurde unsere Kompagnie aus falscher Rücksichtnahme
+in eine große zugige Scheune gesteckt, durch die während der
+kalten Märznächte der rauhe Seewind jener Gegend pfiff.
+Sonst war uns der Aufenthalt in Herne eine gute Erholung;
+es wurde zwar viel exerziert, doch gab es auch gute
+Verpflegung und Lebensmittel für geringes Geld.
+</p>
+
+<p>
+Die halb aus Flamen, halb aus Wallonen bestehende
+Bevölkerung war sehr freundlich zu uns. Ich unterhielt
+mich oft mit dem Besitzer eines Estaminets, einem eifrigen
+Sozialisten und Freigeist, der mich am Ostersonntag zum
+Festmahl einlud und sogar für seine Getränke kein Geld
+nehmen wollte. Man kann sich kaum vorstellen, wie wohltuend
+eine solche Begegnung inmitten der rauhen Schule
+der Feldkameradschaft wirkt.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Ende unseres Aufenthaltes wurde das Wetter
+schön und lud zu Spaziergängen in der lieblichen, wasserreichen
+Umgebung ein. Die Landschaft war malerisch verziert
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+durch die vielen entkleideten Kriegsleute, die, ihre
+Wäsche auf dem Schoß, längs der pappelumsäumten Bachufer
+eifrig der Läusejagd oblagen. Von dieser Plage bislang
+ziemlich verschont geblieben, war ich indes meinem
+Kriegskameraden Priepke, einem Hamburger Exportkaufmann,
+behilflich, in seine wollene Weste, die bevölkert war
+wie weiland das Habit Simplicii Simplicissimi, zu Desinfektionszwecken
+einen schweren Stein zu wickeln und sie in
+einen Bach zu versenken. Da unser Aufbruch von Herne
+sehr plötzlich erfolgte, wird sie sich dort wohl noch heute
+eines ungestörten Aufenthalts erfreuen.
+</p>
+
+<p>
+Am 12. April 1915 wurden wir in Hal verladen und
+fuhren, um Spione zu täuschen, über den Nordflügel der
+Front in die Gegend des Schlachtfeldes von Mars-la-Tour.
+Die Kompagnie bezog ihr gewohntes Scheunen-Quartier
+im Dorfe Tronville, einem der üblichen langweiligen, aus
+flachdächrigen, fensterlosen Steinkästen zusammengewürfelten
+lothringischen Drecknester. Der Fliegergefahr wegen
+mußten wir uns meist in dem überfüllten Orte aufhalten, in
+dessen Nähe die berühmten Stätten von Mars-la-Tour und
+Gravelotte liegen. Wenige hundert Meter vom Dorfe
+wurde die Straße nach Gravelotte von der Grenze geschnitten,
+an der der französische Grenzpfahl zerschmettert
+am Boden lag. Abends machten wir uns oft das wehmütige
+Vergnügen eines Spazierganges nach Deutschland.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Scheune war so baufällig, daß man balancieren
+mußte, um nicht durch die morschen Bretter auf die Tenne
+zu stürzen. An einem Abend, als unsere Gruppe gerade
+unter Vorsitz ihres biederen Korporals Kerkhoff beschäftigt
+war, auf einer Krippe die Portionen zu teilen, löste sich ein
+ungeheurer Eichklotz aus dem Gebälk und stürzte krachend
+herunter. Zum Glück klemmte er sich dicht über unseren
+Köpfen zwischen zwei Lehmwänden. Wir kamen mit dem
+Schrecken davon, aber unsere schöne Fleischportion war durch
+den aufgewirbelten Schutt ungenießbar geworden. Kaum
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+hatten wir uns an diesem ominösen Abend niedergelegt, als
+kräftig an das Tor gedonnert wurde und die alarmierende
+Stimme des Feldwebels uns vom Lager trieb. Zuerst, wie
+immer in solchen Augenblicken, ein Moment der Stille,
+dann wirres Durcheinander und Gepolter: &bdquo;Mein Helm!
+Wo ist mein Brotbeutel? Ich kriege meine Stiefel nicht
+an! Du hast meine Patronen geklaut! Hol&rsquo;t Mul, du
+August!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zuletzt war doch alles fertig, und wir marschierten
+zum Bahnhof von Chamblay, von wo wir in einigen Minuten
+mit der Bahn bis Pagny-sur-Moselle fuhren. In
+den Morgenstunden erklommen wir die Moselhöhen und,
+blieben in Prény, einem romantischen, von einer Burgruine
+überragten Bergdorf. Diesmal war unsere Scheune
+ein mit aromatischem Bergheu gefüllter Steinbau, aus
+dessen Luken wir auf die weinbepflanzten Moselberge und
+das im Tal gelegene Städtchen Pagny blicken konnten, das
+oft mit Granaten und Fliegerbomben belegt wurde. Einige
+Male schlug ein Geschoß in die Mosel, eine turmhohe
+Wassersäule hochschleudernd.
+</p>
+
+<p>
+Das warme Wetter und die prächtige Landschaft
+wirkten wahrhaft belebend auf uns und reizten in den Freistunden
+zu langen Spaziergängen. Wir waren so übermütig,
+daß wir abends noch einige Zeit ulkten, bevor alles
+zur Ruhe kam. Unter anderem war es ein beliebter Scherz,
+Schnarchern aus einer Feldflasche Wasser oder Kaffee in
+den Mund zu gießen.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des 22. April marschierten wir von Prény
+ab, legten über 30 Kilometer bis zum Dorfe Hattonchâtel
+zurück, ohne trotz dem schweren Gepäck einen Marschkranken
+zu haben, und schlugen rechts von der berühmten Grande
+Tranchée mitten im Walde Zelte auf. Es war aus allen
+Anzeichen zu ersehen, daß wir am nächsten Tage ins Gefecht
+kommen würden. Wir empfingen Verbandpäckchen,
+zweite Fleischbüchsen und Signalflaggen für die Artillerie.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Am Abend saß ich noch lange in jener ahnungsvollen
+Stimmung, von der die Krieger aller Zeiten zu erzählen
+wissen, auf einem von blauen Anemonen umwucherten
+Baumstumpf, ehe ich über die Reihen der Kameraden an
+meinen Zeltplatz kroch, und träumte in der Nacht wirres
+Zeug zusammen, in dem ein Totenkopf die Hauptrolle
+spielte. Priepke, dem ich am Morgen davon erzählte,
+hoffte, daß es ein Franzosenschädel gewesen sei.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-6">
+Les Eparges.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>as junge Grün des Waldes schimmerte im Morgen.
+Wir wanden uns durch versteckte Wege zu einer engen
+Schlucht hinter der vorderen Linie. Es war bekanntgegeben,
+daß das Regiment 76 nach 20minutiger Feuervorbereitung
+stürmen und wir als Reserve bereitstehen
+sollten. Punkt 12 Uhr eröffnete unsere Artillerie eine
+heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten widerhallte.
+Zum ersten Male vernahmen wir hier das schwere
+Wort: Trommelfeuer. Wir saßen auf den Tornistern, untätig
+und erregt. Eine Ordonnanz stürzte zum Kompagnieführer.
+Hastige Worte. &bdquo;Die drei ersten Gräben sind in
+unserer Hand, sechs Geschütze erbeutet!&ldquo; Ein Hurra
+flammte auf. Draufgängerstimmung erwachte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir zogen in langer
+Reihe nach vorn, von wo verschwommenes Gewehrfeuer
+prasselte. Es wurde ernst. Zur Seite des Waldpfades
+dröhnten in einem Tannendickicht dumpfe Stöße, Zweige
+und Erde rauschten nieder. Ein Ängstlicher warf sich unter
+erzwungenem Gelächter der Kameraden zu Boden. Dann
+glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen: &bdquo;Sanitäter
+nach vorn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Auf der Grande Tranchée hasteten Truppen vor. Um
+Wasser flehende Verwundete kauerten am Straßenrand,
+bahrentragende Gefangene keuchten zurück, Protzen rasselten
+im Galopp durchs Feuer. Rechts und links stampften
+Granaten den weichen Boden, schweres Geäst brach nieder.
+Mitten im Wege lag ein totes Pferd mit riesigen Wunden,
+daneben dampfende Eingeweide. An einem Baume lehnte
+ein bärtiger Landwehrmann: &bdquo;Jungens, jetzt feste ran,
+der Franzmann ist im Laufen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir gelangten in das kampfzerwühlte Reich der Infanterie.
+Der Umkreis der Sturmausgangsstellung war
+von Geschossen kahl geholzt. Im zerrissenen Zwischenfelde
+lagen die Opfer des Sturmes, den Kopf feindwärts; die
+grauen Röcke hoben sich kaum vom Boden ab. Eine Riesengestalt,
+mit rotem, blutbesudeltem Vollbart starrte zum
+Himmel, die Fäuste in die lockere Erde gekrallt. Ein junger
+Mensch wälzte sich in einem Trichter, die gelbliche Farbe
+des Todes auf den Zügen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm,
+mit einer gleichgültigen Bewegung zog er sich
+den Mantel über den Kopf und wurde still.
+</p>
+
+<p>
+Wir lösten uns aus der Marschkolonne. Fortwährend
+zischte es in langem, scharfem Bogen heran, Blitze wirbelten
+den Boden der Lichtung hoch. &bdquo;Sanitäter!&ldquo; Wir hatten den
+ersten Toten. Dem Füsilier S. zerriß eine Schrapnellkugel
+die Halsschlagader. Drei Verbandpäckchen waren im Nu
+vollgesogen. Er verblutete in Sekunden. Neben uns protzten
+zwei Geschütze ab, noch stärkeres Feuer anziehend. Ein Artillerieleutnant,
+der im Vorgelände nach Verwundeten suchte,
+wurde durch eine vor ihm hochfahrende Dampfsäule niedergeschleudert.
+Er erhob sich langsam und kam mit markierter
+Ruhe zurück. &bdquo;Eben ziemlichen Torkel entwickelt!&ldquo; Unsere
+Augen glänzten ihn an.
+</p>
+
+<p>
+Es dunkelte, als wir den Befehl zu weiterem Vorrücken
+erhielten. Unser Weg führte uns durch dichtes, geschoßdurchklatschtes
+Unterholz in einen endlosen Laufgraben, den
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+fliehende Franzosen mit Gepäck bestreut hatten. In der Nähe
+des Dorfes Les Eparges mußten wir, ohne Truppen vor uns
+zu haben, eine Stellung in festes Gestein hauen. Zuletzt sank
+ich in einen Busch und schlief ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mensch, aufstehen, wir rücken ab!&ldquo; Ich erwachte in
+taufeuchtem Grase. Durch die sausende Garbe eines Maschinengewehres
+stürzten wir in unseren Laufgraben zurück
+und besetzten eine verlassene französische Stellung am Waldsaume.
+Ein süßlicher Geruch und ein im Drahtverhau hängendes
+Bündel erweckten meine Aufmerksamkeit. Ich sprang
+im Morgennebel aus dem Graben und stand vor einer zusammengeschrumpften
+französischen Leiche. Fischartiges, verwestes
+Fleisch leuchtete grünlichweiß aus zersetzter Uniform.
+Mich umwendend prallte ich entsetzt zurück: Neben mir
+kauerte eine Gestalt an einem Baum. Leere Augenhöhlen und
+wenige Büschel Haar auf dem schwarzbraunen Schädel verrieten,
+daß ich es mit keinem Lebenden zu tun hatte. Ringsumher
+lagen noch Dutzende von Leichen, verwest, verkalkt, zu
+Mumien gedörrt, in unheimlichem Totentanz erstarrt. Die
+Franzosen mußten monatelang neben den gefallenen Kameraden
+ausgehalten haben, ohne sie zu bestatten.
+</p>
+
+<p>
+In den Vormittagsstunden durchbrach die Sonne den
+Nebel und entsandte eine behagliche Wärme. Nachdem ich
+etwas auf der Grabensohle geschlafen hatte, ging ich durch
+den vereinsamten, am Vortage erstürmten Graben, dessen
+Boden mit Bergen von Proviant, Munition, Ausrüstungsstücken,
+Waffen und Zeitungen bedeckt war. Die Unterstände
+glichen geplünderten Trödelläden. Dazwischen lagen
+die Leichen tapferer Verteidiger, deren Gewehre noch in den
+Schießscharten steckten. Aus zerschossenem Gebälk ragte ein
+eingeklemmter Rumpf. Kopf und Hals waren abgeschlagen,
+weiße Knorpel glänzten aus rötlich-schwarzem
+Fleisch. Es wurde mir schwer, zu verstehen. Daneben ein
+ganz junger Mensch auf dem Rücken, die glasigen Augen
+und die Fäuste im Zielen erstarrt. Ein seltsames Gefühl,
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+in solche toten, fragenden Augen zu blicken. Ein
+Schaudern, das ich im Kriege nie ganz verloren habe.
+Neben ihm lag seine arme, ausgeplünderte Börse.
+</p>
+
+<p>
+Mit zunehmender Klarheit verstärkte sich das Artilleriefeuer
+und steigerte sich bald zu wüstem Tanze. Ich
+kehrte zu meiner Gruppe zurück. In immer kürzeren Pausen
+flammte es um uns auf. Weißes, schwarzes und gelbes
+Gewölk mischte sich. Manchmal erdröhnten Schläge von
+unheimlicher Brisanz, dazwischen schwirrten mit eigenartigem
+Singen die Zünder. Bald war der Wald in Brand
+geschossen, Flammen kletterten knatternd an den Bäumen
+empor. Ich saß mit einem Kameraden auf einer in den
+Lehm der Grabenwand gestochenen Bank, während neben
+uns ein hagerer Rekrut vor Angst an allen Gliedern
+schlotterte. Mein Gefährte machte sich den grausamen
+Scherz, heimlich eine Handvoll aufgeraffter Schrapnellkugeln
+neben ihn zu schleudern.
+</p>
+
+<p>
+Ich beobachtete mit merkwürdiger Ruhe das Vorgelände.
+&bdquo;Sie wissen ja gar nicht, wo du bist. &mdash; Sie
+können dich gar nicht sehen, sie schießen ja ganz wo anders
+hin.&ldquo; Es war der Mut der Unerfahrenheit. Plötzlich
+knallte das Brett der Schießscharte, und ein Infanteriegeschoß
+schlug zwischen unseren Köpfen in den Lehm. In
+diesem Augenblick tauchte ein Mann an der Ecke unseres
+Grabenstückes auf: &bdquo;Nach links folgen!&ldquo; Wir gaben den
+Befehl weiter und schritten die rauchdurchschwelte Stellung
+entlang. Gerade waren die Essenholer zurückgekommen und
+Hunderte von verlassenen Kochgeschirren dampften auf der
+Brustwehr. Wer mochte jetzt essen? Eine Menge Verwundeter
+mit blutdurchtränkten Verbänden preßte sich an
+uns vorüber, die Aufregung des Kampfes auf den bleichen
+Gesichtern. Die Ahnung einer schweren Stunde türmte sich
+vor uns auf. &bdquo;Vorsicht, Kameraden, mein Arm, mein
+Arm!&ldquo; &bdquo;Los, los, Mensch, halt Anschluß!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Graben endete in einem Waldstück. Unentschlossen
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+standen wir unter gewaltigen Buchen. Aus dichtem Unterholz
+tauchte unser Zugführer, ein Leutnant, auf und rief
+dem ältesten Unteroffizier zu: &bdquo;Lassen Sie ausschwärmen in
+Richtung auf die untergehende Sonne und Stellung
+nehmen. Meldungen erreichen mich im Unterstande an der
+Lichtung.&ldquo; Fluchend übernahm jener das Kommando.
+</p>
+
+<p>
+Der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Leute
+machte, ist mir während meiner ganzen Führerzeit eine eindringliche
+Lehre gewesen. Später lernte ich diesen Offizier,
+der sich noch oft auszeichnete, als Kameraden kennen und
+erfuhr, daß er dort Wichtiges zu tun gehabt. Gleichviel,
+der Offizier darf sich unter keinen Umständen in der Gefahr
+von der Mannschaft trennen. Die Gefahr ist der vornehmste
+Augenblick seines Berufes, da gilt es, gesteigerte
+Männlichkeit zu beweisen. Ehre und Ritterlichkeit erheben
+ihn zum Herrn der Stunde. Was ist erhabener, als
+hundert Männern voranzuschreiten in den Tod? Gefolgschaft
+wird solcher Persönlichkeit nie versagt, die mutige
+Tat fliegt wie Rausch durch die Reihen.
+</p>
+
+<p>
+Wir schwärmten aus und legten uns erwartungsvoll
+in eine Reihe flacher Mulden, von irgendwelchen Vorgängern
+ausgehoben. Mitten in scherzende Zurufe schnitt
+markerschütterndes Geheul. Zwanzig Meter hinter uns
+wirbelten Erdklumpen aus weißer Wolke und klatschten
+hoch ins Geäst. Vielfach rollte der Schall durch den Wald. Beklommene
+Augen starrten sich an, Körper schmiegten sich in
+niederdrückendem Gefühl völliger Ohnmacht an den Boden.
+Schuß folgte auf Schuß. Stickige Gase schwammen im
+Unterholz, Qualm verhüllte die Gipfel, Bäume und Zweige
+stürzten rauschend zu Boden, Schreie wurden laut. Wir
+sprangen hoch und rannten blindlings, von Blitzen und betäubendem
+Luftdruck gehetzt, von Baum zu Baum, Deckung
+suchend und wie gejagtes Wild riesige Stämme umkreisend.
+Ein Unterstand, in den viele liefen, erhielt einen Treffer,
+der den dicken Balkenbelag hochriß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+Ich eilte mit dem Unteroffizier keuchend um eine mächtige
+Buche. Plötzlich blitzte es in dem weit ausgreifenden
+Wurzelwerk, und ein Schlag gegen den linken Oberschenkel
+warf mich zu Boden. Ich glaubte, von einem Erdklumpen
+getroffen zu sein, doch belehrte mich reichlich strömendes
+Blut bald, daß ich verwundet war. Es zeigte sich später,
+daß mir ein haarscharfer Splitter eine Fleischwunde geschlagen
+hatte, nachdem seine Wucht durch meine dicke Leder-Geldtasche
+abgeschwächt war.
+</p>
+
+<p>
+Ich warf meinen Tornister fort und rannte dem
+Graben zu, aus dem wir gekommen waren. Von allen
+Seiten strebten Verwundete aus dem beschossenen Gehölz
+strahlenförmig darauf zu. Der Durchgang war entsetzlich,
+von Schwerverwundeten und Sterbenden versperrt. Eine
+bis zum Gürtel entblößte Gestalt mit aufgerissenem Rücken
+lehnte an der Grabenwand. Ein anderer, dem ein dreieckiger
+Lappen vom Hinterschädel herabhing, stieß fortwährend
+schrille, erschütternde Schreie aus. &mdash; Und immer
+neue Einschläge.
+</p>
+
+<p>
+Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos
+im Stiche ließen. Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos
+rannte ich alles über den Haufen. Ich bin kein Freund des
+Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz
+einfach Angst, blasse, sinnlose Angst. Ich habe später noch
+oft kopfschüttelnd an jene Momente zurückgedacht.
+</p>
+
+<p>
+In der Nähe lag ein mit Stämmen gedeckter Sanitätsunterstand,
+in dem ich die Nacht, eng zusammengedrängt
+mit vielen Verwundeten, verbrachte. Ein abgespannter
+Arzt stand mitten im Gewühl stöhnender Menschen, verband,
+machte Einspritzungen und gab mit ruhiger Stimme
+Ermahnungen. Als ich am nächsten Morgen fortgetragen
+wurde, durchbohrte ein Splitter das Segeltuch der Tragbahre
+zwischen meinen Knien.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde über die immer noch schwer beschossene
+Grande Tranchée zum Hauptverbandplatze und dann in die
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+Kirche des Dorfes St. Maurice transportiert. Neben mir
+im stampfenden Lazarettwagen lag ein Mann mit Bauchschuß,
+der die Kameraden flehentlich bat, ihn mit der Pistole
+des Sanitäters zu erschießen.
+In St. Maurice stand schon ein Lazarettzug unter
+Dampf, der uns in zwei Tagen nach Heidelberg beförderte.
+Beim Anblick der von blühenden Kirschbäumen bekränzten
+Neckarberge empfand ich ein eigentümliches, starkes Heimatgefühl.
+Wie schön war doch das Land, wohl wert,
+dafür zu bluten und zu sterben.
+</p>
+
+<p>
+Die Schlacht von Les Eparges war meine erste. Sie
+war ganz anders, als ich gedacht. Ich hatte an einer großen
+Kampfhandlung teilgenommen, ohne einen Gegner zu Gesicht
+bekommen zu haben. Erst viel später erlebte ich den
+Zusammenprall, den Gipfelpunkt des modernen Kampfes
+im Erscheinen des Infanteristen auf freiem Felde, das für
+entscheidende, mörderische Augenblicke die chaotische Leere
+des Schlachtfeldes unterbricht.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-7">
+Douchy und Monchy.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span>eine Wunde war in vierzehn Tagen geheilt; ich
+wurde zum Ersatzbataillon nach Hannover entlassen und
+meldete mich dort als Fahnenjunker. Nachdem ich einen
+Kursus in Döberitz besucht hatte und zum Fähnrich befördert
+war, fuhr ich im September 1915 zum Regiment zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ich verließ mit einer Abteilung Ersatz beim Sitze des
+Divisionsstabes, dem Dorfe St. Léger, den Zug und marschierte
+nach Douchy, dem Ruheorte des Regiments. Vorn
+war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob sich,
+eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelände. Über uns
+knatterten die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein
+Fesselballon schien uns erspäht zu haben, am Dorfeingang
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+sprang der schwarze Kegel einer Granate vor uns auf.
+Ich bog ab und führte die Kolonne auf Umwegen in
+den Ort.
+</p>
+
+<p>
+Douchy, das Ruhedorf des Füsilier-Regiments 73, war
+von mittlerer Größe und hatte durch den Krieg noch wenig
+gelitten. Dieser im wellenförmigen Gelände des Artois gelegene
+Platz wurde dem Regiment während seines eineinhalbjährigen
+Stellungskampfes in jener Gegend zur
+zweiten Garnison, zu einer Stätte der Erholung und inneren
+Festigung nach schweren Tagen des Kampfes und der Arbeit
+in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns
+durch dunkle Regennächte ein einsames Licht vom Dorfeingang
+entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein
+Dach über dem Kopf und sein einfaches, ungestörtes Lager.
+Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage, wenn man
+gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt
+hatte. Auf den umliegenden Wiesen wurde exerziert und
+Turnspiele veranstaltet, um die eingerosteten Knochen gelenkig
+zu machen und das Zusammengehörigkeitsgefühl der in
+langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken.
+Das gab Spannkraft für neue, lastenreiche Tage. In der
+ersten Zeit marschierten die Kompagnien abwechselnd in die
+vordere Linie zu nächtlicher Schanzarbeit. Diese anstrengende
+Doppelbeschäftigung unterblieb später auf Anordnung unseres
+Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer
+Stellung beruht auf der Frische und dem unerschöpften Mut
+ihrer Verteidiger, nicht auf dem verschlungenen Bau ihrer
+Annäherungswege und der Tiefe der Kampfgräben.
+</p>
+
+<p>
+In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern
+manche Quelle ungezwungener Erholung. Zahlreiche
+Kantinen waren reichlich versehen mit Eß- und Trinkbarem;
+es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und später
+sogar, kunstvoll in eine große Scheune eingebaut, ein Lichtspiel.
+Die Offiziere hatten ein vorzüglich eingerichtetes
+Kasino und eine Kegelbahn im Garten des Pfarrhauses. Oft
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+wurden große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Offiziere
+und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten.
+</p>
+
+<p>
+Da die Zivilbevölkerung noch im Dorfe wohnte, mußte
+der vorhandene Raum in jeder Weise ausgenutzt werden.
+In den Gärten waren zum Teil Baracken und Wohnunterstände
+erbaut; ein großer Obstgarten in der Mitte des Dorfes
+war zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz,
+zum Lustgarten umgewandelt. Am Emmich-Platz
+lagen in zwei mit Baumstämmen bedeckten Unterständen die
+Rasierstube und die Zahnstation. Eine große Wiese neben
+der Kirche diente als Begräbnisplatz, zu dem fast täglich eine
+Kompagnie marschierte, um einem oder vielen Kameraden
+unter den Klängen eines Chorals das letzte Geleit zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Die französische Bevölkerung war am Ausgange nach
+Monchy kaserniert. Meist scheue, mitleiderweckende Gestalten,
+die schwer am Kriege zu tragen hatten. Ahnungslose Kinder
+spielten vor den Schwellen der baufälligen Häuser, und
+Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen
+mit brutaler Rücksichtslosigkeit die Stätten entfremdete, an
+denen sie ihr Leben verbracht hatten. Die jungen Leute
+mußten jeden Morgen antreten und wurden vom Ortskommandanten,
+dem Oberleutnant Oberländer, der ein
+strenges Regiment führte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung
+eingeteilt. Wir kamen mit den Einheimischen
+nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wäsche zum Reinigen
+brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen
+waren äußerst selten; die Erotik fand keinen Raum
+in dem wüsten, zerrüttenden Getriebe.
+</p>
+
+<p>
+Eine merkwürdige Erscheinung war der völlige Anschluß
+zweier verwaister kleiner Franzosen an die Truppe. Die
+beiden Jungen, von denen der eine acht, der andere zwölf
+Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau gekleidet,
+sprachen fließend deutsch und grüßten alle Vorgesetzten auf
+der Straße vorschriftsmäßig. Von ihren Landsleuten sprachen
+sie, wie sie es den Soldaten abgesehen hatten, nur verächtlich
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+als &bdquo;Schangels&ldquo;. Ihr größter Wunsch war, einmal mit
+ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu dürfen. Sie konnten
+tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flügel
+und baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach
+Cambrai begleiten wollten, um Urlaub. Als das zweite
+Bataillon für einige Wochen zur Ausbildung nach Quéant
+kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des Oberstleutnants
+von Oppen in Douchy zurückbleiben, um der Zivilbevölkerung
+keinen Anlaß zu unwahren Gerüchten zu geben;
+er wurde auch während des Marsches nicht mehr gesehen,
+sprang aber bei der Ankunft des Bataillons ganz vergnügt
+aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider
+nahmen unvernünftige Leute die Kleinen öfters mit in die
+Kantine und machten sich den schlechten Spaß, ihnen Alkohol
+zu geben. Der Ältere soll später nach Deutschland auf Unteroffiziersschule
+geschickt worden sein.
+</p>
+
+<p>
+Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag
+Monchy-au-bois, das Dorf, in dem die beiden Reserve-Kompagnien
+des Regiments untergebracht waren. Es war im
+Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kämpfe gewesen, zuletzt war
+es in deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen
+Halbkreis um die Trümmer des ehemals reichen Ortes zum
+Stehen gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Nun waren die Häuser ausgebrannt und zusammengeschossen,
+die verwilderten Gärten von Granaten durchfurcht
+und die Obstbäume geknickt. Das Steingewirr war durch
+Gräben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Stützpunkte
+zur Verteidigung eingerichtet. Die Straßen konnten
+von einem im Mittelpunkte liegenden Betonklotz, der &bdquo;Feste
+Torgau&ldquo;, unter Maschinengewehrfeuer genommen werden.
+Ein anderer Stützpunkt war die &bdquo;Feste Altenburg&ldquo;, ein Feldwerk
+rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie
+beherbergte. Sehr wichtig für die Verteidigung war ein
+Bergwerk, dem in Friedenszeiten der Kreidestein zum Bau
+der Häuser entnommen war, und das wir nur durch
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer
+in einen Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen
+und dabei ein sich höhlenartig erweiterndes Loch bemerkt.
+Man untersuchte die Sache, und nachdem noch ein
+zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere Unterkunft
+für eine große Zahl von Kämpfern.
+</p>
+
+<p>
+Auf der einsamen Höhe am Wege nach Ransart lag eine
+Ruine, ein ehemaliges Estaminet, wegen des weiten Ausblicks
+auf die Front Bellevue genannt, ein Ort, der mich trotz
+seiner gefährlichen Lage besonders anzog. Die Verlassenheit
+und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der
+Geschütze unterbrochen, verstärkten den traurigen Eindruck
+der Zerstörung. Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre,
+Zeugfetzen, dazwischen in grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug,
+Granatzünder, tiefe Trichter der krepierten Geschosse,
+Flaschen, Erntegeräte, zerfetzte Bücher, zerschlagenes
+Hausgerät, Löcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen
+Keller verrät, in dem vielleicht die Gerippe der unglücklichen
+Hansbewohner von den überaus geschäftigen Rattenschwärmen
+benagt werden, ein Pfirsichbäumchen, das seiner stützenden
+Mauer beraubt ist und hilfesuchend seine Arme ausstreckt,
+in den Ställen die noch an der Kette hängenden Skelette der
+Haustiere, im verwüsteten Garten Gräber, dazwischen
+grünend, tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber
+und Narzissen, auf den benachbarten Feldern Getreidediemen,
+auf deren Dächern schon die Körner wuchern; all das
+durchzogen von einem halbverschütteten Laufgraben, umgeben
+vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige
+Gedanken beschleichen den Krieger, dessen Fuß auf den
+Trümmern einer solchen Stätte ruht, wenn er derer gedenkt,
+die noch vor kurzem hier friedlich lebten.
+</p>
+
+<p>
+Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem
+Halbkreis um das Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von
+Laufgräben verbunden war. Sie war in zwei Unterabschnitte,
+Monchy-Süd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte <span class="antiqua">A</span> bis <span class="antiqua">F</span>.
+Die bogenförmige Führung der Stellung bot dem Engländer
+eine gute Flankierungsmöglichkeit, die auch gehörig ausgenutzt
+wurde und uns schwere Verluste brachte.
+</p>
+
+<p>
+Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rückte
+einige Tage nach meiner Ankunft als Führer einer Gruppe
+mit in Stellung, wo mir gleich durch einige englische Kugelminen
+ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der
+Abschnitt <span class="antiqua">C</span>, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste
+des Regiments. Wir hatten indes in unserem Kompagnieführer,
+dem Leutnant d. R. Brecht, der zu Beginn des Krieges
+von Amerika herübergeeilt war, einen Offizier, der zur Verteidigung
+eines solchen Platzes der geeignete Mann war.
+Seine Draufgängernatur suchte die Gefahr und brachte ihm
+zuletzt einen ruhmvollen Tod.
+</p>
+
+<p>
+Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich
+schildere im folgenden den Verlauf eines normalen
+Tages.
+</p>
+
+<p>
+Der Schützengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender
+Dämmerung. Um 7 Uhr weckt mich ein Mann meiner
+Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in Voraussicht
+der nächtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke
+Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den
+mehr oder minder gemütlichen Unterstand. Beim ersten
+Durchschreiten des wohlbekannten Zugabschnitts überzeuge
+ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Plätzen stehen.
+Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen
+ist die Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln
+steigen silbern in die Höhe, während angestrengte Augen ins
+Vorgelände starren. Eine Ratte raschelt zwischen den über
+Deckung geworfenen Konservenbüchsen. Eine zweite gesellt
+sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden
+Schatten, die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen
+Stollen entströmen. Die Jagd auf sie bietet eine beliebte
+Abwechslung in der Öde des Postendienstes. Ein Stückchen
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+Brot wird als Köder ausgelegt und das Gewehr darauf eingerichtet,
+oder es wird Sprengpulver von Blindgängern in
+ihre Löcher gestreut und angezündet. Quiekend schießen sie
+dann mit versengtem Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte
+Geschöpfe. Ein greulicher Dunst umwebt ihre schwirrenden
+Rudel. Ich muß immer an ihre verborgene, leichenschänderische
+Tätigkeit in den Kellern des Dorfes denken.
+Auch einige Katzen sind aus den zerstörten Dörfern in die
+Gräben gezogen; sie lieben die Nähe der Menschen. Ein
+großer weißer Kater mit zerschossener Vorderpfote geistert
+häufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden Parteien
+zu verkehren.
+</p>
+
+<p>
+Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche
+Abschweifungen, man wird leicht gesprächig, um die dunkle
+Nacht und die endlose Zeit zu füllen. Deshalb bin ich auch
+bei einem bekannten Krieger oder einem anderen Unteroffizier
+stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse
+seinen tausend Nichtigkeiten. Als Fähnrich werde ich auch
+öfters von dem wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich
+fühlt, in ein wohlwollendes Gespräch verwickelt.
+Ja, er wird sogar ganz kameradschaftlich, redet leise und
+eifrig, kramt Geheimnisse und Wünsche aus. Und ich gehe
+gern darauf ein, denn auch mich drücken die schweren,
+schwarzen Wälle des Grabens, auch ich bange nach Wärme,
+nach irgend etwas Menschlichem in dieser unheimlichen
+Einsamkeit.
+</p>
+
+<p>
+Das Gespräch wird matter. Wir sind ermüdet. Apathisch
+lehnen wir an einer Schulterwehr und starren auf die
+glühende Zigarette des andern .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, daß die
+harte Erde von vielen Tritten erklingt. Sehr oft regnet es,
+dann steht man traurig mit hochgeschlagenem Mantelkragen
+unter den Regendächern der Stolleneingänge und lauscht dem
+gleichförmigen Falle der Tropfen. Hört man die Schritte
+eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+rasch hervor, geht weiter, dreht sich plötzlich um, schlägt die
+Hacken zusammen und meldet: &bdquo;Unteroffizier vom Grabendienst.
+Im Abschnitt nichts Neues!&ldquo; Denn das Stehen in
+den Stolleneingängen ist verboten.
+</p>
+
+<p>
+Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und
+denkt an schöne gemütliche Tage zu Hause oder an die große
+Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade die Menschen aus
+den Kaffees strömen, und viele Bogenlampen das rege, nächtliche
+Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob
+man das nur irgendwo geträumt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drähte
+klirren leise. Im Nu zerflattern die Träume, alle Sinne
+sind bis zum Schmerz geschärft. Man klettert auf den Postenstand,
+schießt eine Leuchtkugel hoch: nichts rührt sich. Es
+wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein.
+</p>
+
+<p>
+Oft hört man den Gegner an seinem Drahtverhau
+arbeiten. Dann schießt man rasch hintereinander dorthin.
+Nicht nur, weil es befohlen ist, man empfindet auch eine
+gewisse Befriedigung dabei. &bdquo;Jetzt sitzen sie drüben aber in
+Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen.&ldquo; Auch wir
+ziehen fast jede Nacht Draht und haben häufig Verwundete.
+Dann fluchen wir auf diese gemeinen Schweine von Engländern.
+</p>
+
+<p>
+Mitunter hört man auch ein pfeifendes, flatterndes
+Geräusch nach dumpfem Abschuß. &bdquo;Achtung, Mitte!&ldquo; Man
+stürzt zum nächsten Stolleneingang und hält den Atem an.
+Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die
+Granaten. Sie haben überhaupt so etwas Reißendes,
+Hinterlistiges, etwas von persönlicher Gehässigkeit. Es
+sind heimtückische Wesen. Die Gewehrgranaten sind nicht
+viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen
+Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren
+Ständen und verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung
+ganz genau, wo die Geschütze stehen, die auf den
+Abschnitt <span class="antiqua">C</span> eingerichtet sind.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, daß zwei Stunden
+verflossen sind. Nun rasch die Ablösung geweckt und in den
+Unterstand. Vielleicht haben die Essenholer Briefe, Pakete
+oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein ganz
+merkwürdiges Gefühl, wenn man die Nachrichten von der
+Heimat und ihren friedlichen Sorgen liest, während die
+Schatten der flatternden Kerze über das niedrige, rohe Gebälk
+huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den
+gröbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein
+des primitiven Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die
+Pritsche und ziehe meine Decke über den Kopf, um für vier
+Stunden zu &bdquo;röcheln&ldquo;, wie der Fachausdruck lautet.
+Draußen knallen die Geschosse in eintöniger Wiederholung
+auf Deckung, eine Maus huscht über Gesicht und Hände,
+ohne meinen festen Schlaf zu stören. Auch vor dem niederen
+Getier habe ich Ruhe, wir haben den Unterstand erst vor
+einigen Tagen gründlich desinfiziert.
+</p>
+
+<p>
+Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um
+meines Amtes zu walten. Während der letzten Wache kündet
+ein heller Strich hinter uns am östlichen Himmel den
+neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schärfer; er
+macht im grauen Frühlicht einen Eindruck unsäglicher Öde.
+Eine Lerche steigt hoch; ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen
+Kontrast, es irritiert mich. An eine Schulterwehr
+gelehnt, starre ich im Gefühl einer großen Ernüchterung
+auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Daß die
+letzten zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen!
+Endlich klappern die Kochgeschirre der zurückkehrenden
+Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr, die Nachtwache ist
+beendet.
+</p>
+
+<p>
+Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das
+macht mich munter; ich habe die Lust verloren, mich hinzulegen.
+Um 9 Uhr muß ich ja auch schon wieder meine Gruppe
+zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre Alleskönner,
+der Graben stellt täglich seine tausend Anforderungen
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+an uns. Wir wühlen tiefe Stollen, bauen Unterstände und
+Betonklötze, bereiten Drahthindernisse vor, schaffen Entwässerungsanlagen,
+verschalen, stützen, nivellieren, erhöhen
+und schrägen ab, schütten Latrinen zu und so weiter.
+</p>
+
+<p>
+Um ein Uhr wird das Mittagessen in großen Gefäßen,
+ehemaligen Milchkannen und Marmeladeeimern, aus der
+Küche, die in einen Keller Monchys eingebaut ist, herausgeholt.
+Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen.
+Allmählich kommen auch die beiden Stunden heran, die für
+den Grabendienst des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen
+bedeutend schneller als die der Nacht. Man beobachtet die
+wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder Scherenfernrohr
+und kommt auch öfters zum Schuß aus der Fernrohrbüchse
+gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Engländer
+hat scharfe Augen und gute Gläser.
+</p>
+
+<p>
+Ein Posten stürzt plötzlich blutüberströmt zusammen.
+Kopfschuß. Die Kameraden reißen ihm die Verbandpäckchen
+vom Rock und verbinden ihn. &bdquo;Hat ja keen Zweck mehr,
+Willem.&ldquo; &bdquo;Mensch, hei atmet doch noch!&ldquo; Dann kommen
+die Sanitäter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die
+Bahre stößt hart gegen die winkligen Schulterwehren.
+Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder beim alten.
+Einer wirft einige Schaufeln Erde über die rote Lache und
+jeder geht seiner Beschäftigung nach. Man ist ja so stumpf
+geworden. Nur ein Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht
+an der Verschalung. Er müht sich noch ab, die Zusammenhänge
+zu fassen. Das war ja so plötzlich, so furchtbar überraschend,
+ein unsäglich brutaler Überfall. Das kann ja gar
+nicht möglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde
+lauern auf dich noch ganz andere Dinge .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmäßigem
+Interesse bei der Sache. Mit einer gewissen
+Schadenfreude betrachten sie die Einschläge der eigenen Artillerie
+im feindlichen Graben. &bdquo;Junge, der saß.&ldquo; &bdquo;Donnerwetter,
+sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy!&ldquo; Gern
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+schießen sie Gewehrgranaten und leichte Minen hinüber,
+sehr zum Mißvergnügen ängstlicher Gemüter. &bdquo;Mensch, laß
+doch den Blödsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt
+gemütlich. Oft muß der Fähnrich einem der Kompagnieoffiziere
+dabei Gesellschaft leisten. Es geht ganz förmlich
+zu: &bdquo;Darf ich mir gestatten?&ldquo; &bdquo;Danke gehorsamst!&ldquo; Eine
+schöne Eigenschaft des preußischen Offiziers, diese korrekte
+Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz
+jungen etwas Festes, Persönliches.
+</p>
+
+<p>
+Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke
+aus Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine
+Flasche und zwei Gläser auf den wackligen Tisch. Das
+Gespräch wird vertraulicher. Merkwürdigerweise bildet auch
+hier der liebe Nächste einen willkommenen Gegenstand der
+Unterhaltung. Es hat sich sogar ein üppiger Grabenklatsch
+entwickelt, der bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt
+wird. Bald wie in einer kleinen Garnison. Vorgesetzte,
+Kameraden und Untergebene werden einer gründlichen
+Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gerücht hat im
+Nu die Zugführer-Unterstände sämtlicher sechs Kampfabschnitte
+vom rechten bis zum linken Flügel durchlaufen.
+Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und Skizzen-Mappe
+die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz
+unschuldig daran.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in
+einer halben Stunde Dienst!&ldquo; Draußen glänzen die Lehmwälle
+der Böschungen in den letzten Strahlen der Sonne,
+der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald steigt die
+erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue
+Tag des Schützengrabensoldaten hat begonnen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-8">
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Vom täglichen Stellungskampf.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span>o verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichmaß,
+unterbrochen durch die kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch
+in Stellung bot sich manche schöne Stunde. Oft saß ich mit
+einem Gefühl behaglicher Geborgenheit am Tische meines
+kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwände
+an Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las
+und rauchte, während mein Bursche an dem winzigen Ofen
+beschäftigt war, der den Raum mit dem Geruch gerösteter
+Brotscheiben erfüllte. Welcher Grabenkämpfer kennt diese
+Stimmung nicht? Draußen am Postenstande stapften
+schwere, gleichmäßige Schritte, eintöniger Zuruf erscholl,
+wenn jemand im Graben entlang ging. Das abgestumpfte
+Ohr hörte kaum noch das nie erlöschende Gewehrfeuer, den
+kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die
+Leuchtkugel, die neben der Mündung des Lichtschachtes verzischte.
+Dann nahm ich mein Notizbuch aus der Kartentasche
+und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse des Tages
+nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik
+des Abschnitts <span class="antiqua">C</span>, dieses kleinen, winkligen Stückes der
+langen Front, in dem wir zu Hause waren, in dem wir
+längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden verfallenen
+Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen
+die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite
+Boden hatte sich ein Drama abgespielt, hinter jeder
+Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und Nacht, sich
+wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle
+ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Abschnitt,
+waren fest mit ihm verwachsen. Wir kannten ihn, wenn
+er sich als schwarzes Band über die verschneite Landschaft
+zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur Mittagsstunde
+mit betäubenden Gerüchen durchströmte, oder wenn
+die spukhafte Blässe des Vollmondes seine dunklen Winkel
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+umspann, in denen pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles
+Wesen trieben. Wir saßen heiter an langen Sommerabenden
+auf seinen Lehmbänken, wenn die laue Luft geschäftiges
+Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug;
+wir stürzten über Gebälk und zerhackten Draht, wenn der
+Tod mit stählerner Keule auf die Gräben loskolbte und
+träger Qualm aus zerrissenen Lehmwänden kroch. Oft
+wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung
+anweisen, jedesmal bat die ganze Kompagnie wie
+ein Mann, im Abschnitt <span class="antiqua">C</span> bleiben zu dürfen. Ich bringe
+hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals
+in den Nächten von Monchy niederschrieb.
+</p>
+
+<p>
+7. 10. 1915. Stand in der Morgendämmerung neben
+dem Posten meiner Gruppe auf dem Schützenauftritt bei
+unserem Unterstande, als ein Gewehrgeschoß dem Mann die
+Feldmütze von vorn bis hinten aufriß, ohne ihn zu verletzen.
+Zur selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere
+verwundet. Der eine Querschläger durch beide Beine, der
+andere Schuß durchs Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Am Vormittag erhielt der linke Flügelposten einen
+Schuß durch beide Backenknochen. Das Blut sprudelte in
+dicken Strahlen aus der Wunde. Zu allem Unglück kam
+heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren Abschnitt,
+um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende
+Sappe <span class="antiqua">N.</span> zu photographieren. Als er sich umdrehte, um
+wieder vom Postenstand herunterzusteigen, zerschmetterte
+ihm ein Geschoß den Hinterkopf. Er starb augenblicklich.
+Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschuß.
+</p>
+
+<p>
+19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit
+15-Zentimeter-Granaten beschossen. Ein Mann wurde vom
+Luftdruck gegen einen Pfahl der Grabenverkleidung geschleudert.
+Er erlitt schwere innere Verletzungen, außerdem
+durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im
+Morgennebel entdeckten wir beim Ausbessern unseres
+Drahtes vorm rechten Flügel eine französische Leiche, die
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+schon Monate alt sein mußte. &mdash; In der Nacht wurden beim
+Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet.
+</p>
+
+<p>
+30. 10. In der Nacht stürzten infolge starker Regenschauer
+sämtliche Schulterwehren ein und verbanden sich
+mit dem Regenwasser zu zähem Brei, der den Graben in
+einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige
+Trost war, daß es dem Engländer auch nicht besser ging,
+denn man sah, wie aus seinen Gräben eifrig Wasser geschöpft
+wurde. Da wir etwas erhöht liegen, pumpten wir
+ihm unseren Überfluß noch herunter. &mdash; Die herabstürzenden
+Grabenwände legten eine Reihe von Leichen aus den
+Kämpfen des vorigen Herbstes bloß.
+</p>
+
+<p>
+21. 11. Ich führte eine Abteilung Schanzer von der
+&bdquo;Feste Altenburg&ldquo; in den Abschnitt <span class="antiqua">C</span>, von denen der Landsturmmann
+Diener auf einen Vorsprung der Grabenwand
+stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er
+oben, als ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer
+durch seinen Schädel schlug und ihn tot auf die Grabensohle
+warf. Er war verheiratet und Vater von vier Kindern.
+Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den
+Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor
+Wut. Es ist merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg
+auffassen. Sie schienen in dem Engländer, der das tödliche
+Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen Feind zu sehen.
+Ich kann es ihnen nachfühlen.
+</p>
+
+<p>
+24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem
+Abschnitt einen schweren Kopfschuß. Einem anderen von
+unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde später durch
+Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach
+dem in der Etappe der Division gelegenen Städtchen Q.,
+das später eine so blutige Berühmtheit erlangen sollte, um
+dort zu exerzieren und sich der Segnungen des Hinterlandes
+zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich
+meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Kompagnie versetzt, in der ich viele heitere und ernste Tage
+verleben sollte.
+</p>
+
+<p>
+Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von
+dem Ortskommandanten zu schwerem Umtrunk geladen und
+bekamen einen kleinen Einblick in die fast unumschränkte
+Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und
+die Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte
+sich König von Q. und erschien jeden Abend, durch Erheben
+der rechten Hände und ein donnerndes: &bdquo;Es lebe der König&ldquo;
+begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät
+à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte,
+jeden Verstoß gegen die Etikette und seinen äußerst komplizierten
+Komment mit einer Bierrunde bestrafend. Wir
+Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei
+weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen
+meist leicht verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien
+fahren, um den Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer
+seine Visite abzustatten und sich so würdig für den
+Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit
+dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen
+Fehde ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen,
+während deren sich sogar zwei Abteilungen von
+Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit
+Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig,
+sich in der Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu
+tun und wurde beim Besuche eines einsamen Ortes überrascht
+und gefangengenommen. Er mußte sich mit einer gewaltigen
+Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog
+der beiden Gewaltigen.
+</p>
+
+<p>
+Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen
+und Vergehen wurden vom Ortskommandanten
+in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen
+geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung
+des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich
+waren mir schon damals seine Auswüchse, wie die Grußpflicht
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+jedes Einwohners, auch der Frauen, den Offizieren
+gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend
+und schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen
+Kriege: schneidig in Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber
+schweren inneren Schäden.
+</p>
+
+<p>
+Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere
+Linie, um mich beim Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der
+zweiten Kompagnie, die auch den Abschnitt <span class="antiqua">C</span> besetzte, zu
+melden. Als ich in den Graben springen wollte, erschrak ich
+über die Veränderung, die die Stellung während unserer
+vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu
+einer riesigen, mit meterhohem Schlamm gefüllten Mulde
+zusammengesackt, in der die Besatzung ein traurig plätscherndes
+Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich, schon
+bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs
+von Q. zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände
+waren eingestürzt und die Stollen versoffen. Wir
+mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt arbeiten, um
+uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen.
+Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen
+in einem Stollen, dessen Decke trotz der darunter
+gehängten Zeltbahn wie eine Gießkanne tropfte, und aus
+dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser mit Eimern
+nach oben schaffen mußten.
+</p>
+
+<p>
+Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den
+Stollen verließ, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu
+dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit des Todes
+ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes
+angenommen. Die Besatzung beider Gräben war
+von dem furchtbaren Schlamm auf die Brustwehren getrieben,
+und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein lebhafter
+Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten,
+Uniformknöpfen usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener
+Gestalten, die den bisher so öden englischen Gräben entquoll,
+wirkte direkt verblüffend.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer
+Leute tot im Schlamm versinken ließ, worauf beide Parteien
+maulwurfartig in den Gräben verschwanden. Ich begab
+mich zu dem Teil unserer Stellung, der der englischen Sappe
+gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier
+sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer
+zurück und brachten nach kurzer Zeit einen jungen Mann
+mit, der sich, wie ich durchs Glas beobachten konnte, von
+ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir verhandelten
+zunächst in englischer, dann etwas fließender in
+französischer Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten.
+Ich hielt ihm vor, daß einer unserer Leute durch
+einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf er antwortete,
+daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie
+getan hätte. <span class="antiqua">&bdquo;Il y a des cochons aussi chez
+vous!&ldquo;</span> meinte er, als einige aus unseren Nebenabschnitt
+abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes einschlugen,
+worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung
+zu nehmen. Wir erzählten uns indes noch viel in einer
+Weise, die, ich möchte fast sagen, eine sportsmännische
+Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum Andenken
+gern ein Geschenk ausgetauscht.
+</p>
+
+<p>
+Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den
+Gegner unter Ausschaltung jedes Haßgefühls nur im
+Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann seinem
+Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem
+Punkte unter den englischen Offizieren viele verwandte
+Naturen kennengelernt.
+</p>
+
+<p>
+Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten
+wir uns feierlich den Krieg binnen drei Minuten nach
+Abbruch der Verhandlungen, und nach einem &bdquo;Guten
+Abend&ldquo; seinerseits und einem <span class="antiqua">&bdquo;Au revoir!&ldquo;</span> meinerseits
+gab ich trotz des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen
+sein Schutzschild ab, von dem drüben sofort einer folgte, der
+mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen hätte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das
+Zwischenfeld vor der Sappe übersehen, da man sonst an
+dieser gefährlichen Stelle nicht einmal seinen Mützenrand
+zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß dicht
+vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße
+Knochen aus blauen Uniformfetzen schimmerten.
+</p>
+
+<p>
+Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie
+einige Schüsse auf die feindliche Stellung ab, worauf vor
+unseren Augen vier Bahren über das freie Feld getragen
+wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben
+wurde. An den englischen Mützenschildern stellten
+wir an diesem Tage fest, daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire
+gegenüberlag.
+</p>
+
+<p>
+Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser;
+wir mußten Pumpen im Graben aufstellen, um des
+Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den Christabend
+verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im
+Schlamm stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den
+Engländern mit M. G.&rsquo;s übertönt wurden. Am Weihnachtstage
+verloren wir einen Mann des dritten Zuges
+durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten
+die Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie
+einen Christbaum auf ihre Brustwehr stellten, der jedoch
+von unseren erbitterten Leuten mit einigen Schüssen heruntergefegt
+wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten
+beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich.
+</p>
+
+<p>
+Am 28. 12. war ich Kommandant der &bdquo;Feste Altenburg&ldquo;.
+Es wurde an diesem Tage einem meiner besten
+Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein
+anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die
+unser in einer Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am
+Oberschenkel schwer verwundet. Auch mein getreuer August
+Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er mein
+Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen,
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+einem Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener
+Luftröhre zu Boden streckte.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit.
+Jede Gruppe entfernte mit Schaufeln, Eimern und
+Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren Nähe
+ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen
+Boden unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit
+den Nachbargruppen herzustellen. Im Walde von Adinfer,
+dem Standorte unserer Artillerie, waren Holzfäller-Kommandos
+beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden
+und in lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände
+wurden abgeschrägt und vollkommen mit diesem Material
+verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher, Sickerschächte
+und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder
+erträgliche Lebensverhältnisse bekamen.
+</p>
+
+<p>
+Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch
+Splitter eines an seinem Schutzschild zerschellenden Geschosses
+in den Leib getroffen. Am 30. bekam ein anderer
+eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst
+wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen.
+Ein Schrapnell fuhr direkt vor die Füße
+meines ehemaligen Putzers von der 6. Kompagnie, des
+Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte
+aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen
+werden mußte.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der
+6. Kompagnie, den ich gut kannte, und dessen Bruder vor
+einigen Tagen gefallen war, durch eine Kugelmine, die er
+gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder abgeschraubt
+und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver
+glatt abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung.
+Die Mine explodierte natürlich und brachte ihm über 50
+Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise hatten wir
+alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der
+ständige Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+unbehaglicher Nachbar in dieser Beziehung war der Leutnant
+Pook, der einen einsamen Unterstand im verwickelten
+Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er
+hatte dort eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt
+und beschäftigte sich damit, die Zünder abzuschrauben
+und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal einen
+großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich
+mein Weg daran vorüberführte.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden
+Stellungsperiode wieder in Douchy angekommen.
+Ich saß am nächsten Morgen so recht in der
+Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am
+Emmichs-Platz und trank behaglich Kaffee, als plötzlich ein
+Ungetüm von Granate, der Auftakt zu einer schweren Ortsbeschießung,
+dicht vor meiner Tür krepierte und mir die
+Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im
+Keller, den auch die anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher
+Geschwindigkeit aufgesucht hatten, um dort das
+Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller
+halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne
+Mauer vom Garten getrennt war, drängte sich alles in
+einem kurzen, engen Stollenhals zusammen. Zwischen den
+zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein
+Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste
+Ecke. Weit in der Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen
+eine Reihe matter Abschüsse, denen nach einigen
+Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren Eisenklötze
+folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden
+Explosionen endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer
+Luftdruck durch die Kellerfenster, Erdklumpen und Splitter
+prasselten auf das Ziegeldach, während in den Ställen die
+aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu
+winselte der Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem
+Heranpfeifen laut auf, als ob ihm ein Zahn gezogen
+werden sollte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten
+uns wieder in die frische Luft begeben. Die verwüstete
+Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter Ameisenhaufen.
+Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der
+Mauer des Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen
+aufgerissen, Obstbäume waren umgeknickt, und mitten im
+Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das Dach
+war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den
+halben Schornstein mitgenommen. In der nebenan
+liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige handliche
+Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt
+und fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen
+zerfetzt, zum großen Ärger der Betroffenen, zu
+denen ich übrigens nicht gehörte.
+</p>
+
+<p>
+Am 8. 2. bekam der Abschnitt <span class="antiqua">C</span> starkes Feuer. Schon
+am frühen Morgen schoß die eigene Artillerie einen Blindgänger
+in den Unterstand meiner rechten Flügelgruppe, der
+zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür
+eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete
+später eine Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über
+den qualmenden Ofen durch die zerschmetterte Tür pressen,
+während der Blindgänger aus einer Ecke bösartig blinzelt.
+Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände
+zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein
+Mann leicht am Knie verwundet, da sich alles bis auf die
+Posten in die Stollen zurückgezogen hatte. Am folgenden
+Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die Flankierungsbatterie
+tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2.
+wurden wir durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen
+Menschen und beliebten Kameraden entriß, besonders
+ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in
+meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige
+K. im Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab
+mich dorthin und fand, wie schon so oft, eine ernste
+Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit verkrampften
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit
+gläsernen Augen gen Himmel starrend. Wieder ein Opfer
+der Flankierungsbatterie! K. war bei den ersten Schüssen
+im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen.
+Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang
+gegenüberliegende Grabenwand schlagenden Granate
+sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf, als
+er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen
+schnellen, unvermuteten Tod.
+</p>
+
+<p>
+Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen
+überhaupt sehr rege. Ungefähr stündlich gab sie eine einzige,
+überraschende Salve ab, deren Sprengstücke genau den
+Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2.
+kostete sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete.
+Trotzdem sie höchstens 1500 Meter von uns entfernt an
+einem Bergabhang in unserer linken Flanke stehen mußte,
+war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen
+zu bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu
+vermindern, bestand in der Vermehrung und Erhöhung
+unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf kleine
+Grabenstücke zu beschränken.
+</p>
+
+<p>
+Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter
+uns. Das Wetter wurde trocken, und der Graben war
+sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar gemütliche
+Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande
+vor meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte,
+wenn ich Besuch bekommen hatte. Wir waren mit dem
+Kompagnieführer 4 Offiziere und führten ein sehr kameradschaftliches
+Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im
+Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen
+zu Abend, oft bei einer oder mehreren Flaschen, rauchten,
+spielten Karten und führten eine landsknechtsmäßige
+Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden
+wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz
+und Arbeit auf. Sie waren auch nur in dieser langen und
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+verhältnismäßig ruhigen Stellungsperiode möglich, wo
+wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe friedensmäßige
+Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz
+war unsere Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr
+wenig hineinregiert wurde. In rastloser Arbeit wurde ein
+30stufiger Stollen neben dem andern in den lehmigen
+Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden,
+so daß wir bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten
+zum linken Flügel unserer Züge gelangen konnten. Mein
+Lieblingswerk war ein 60 Meter langer Stollengang von
+mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links
+mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war.
+Diese Anlage war während der späteren Kämpfe von
+hohem Wert.
+</p>
+
+<p>
+Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam
+sogar fast regelmäßig die Zeitung nach oben), frisch gewaschen,
+mit dem Zollstock in der Hand im Graben begegneten,
+verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte,
+während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände,
+Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte.
+Ich empfand abends, wenn ich mich auf meine Pritsche
+legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein,
+den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen
+zu haben, indem ich mit aller Energie für die Verteidigung
+meiner 200 Meter Schützengraben und für das
+Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate
+in unseren rechten Nachbarabschnitt, tötete drei
+Mann und verwundete drei andere schwer. &mdash; Am 18. erhielt
+der Posten vor meinem Unterstande einen Granatsplitter,
+der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug.
+&mdash; Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel
+durch Kopfschuß schwer verwundet. &mdash; Am 23. fiel rechts
+neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch Kopfschuß.
+Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit
+einigen Leuten den Graben, konnte jedoch nichts feststellen.
+</p>
+
+<p>
+Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch
+Gewehrgeschoßsplitter am Kopfe verwundet. Diese Art
+von Verwundungen war bei uns infolge der beim geringsten
+Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr
+häufig. Am Nachmittag wurde die Umgebung meines
+Unterstandes stundenlang mit schweren Granaten beworfen.
+Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male
+zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von
+hartem Lehm durch die Öffnung, ohne uns indes beim
+Kaffeetrinken stören zu können.
+</p>
+
+<p>
+Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem
+tollkühnen Engländer, dessen Kopf über den Rand eines
+höchstens 100 Meter entfernten Grabens schaute, und der
+eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere Schießscharten
+abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen
+Leuten, doch schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf
+den Rand unserer Scharte, die uns die Augen voll Sand
+spritzte und mich durch einen kleinen Splitter unbedeutend
+am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem
+wir auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden.
+Gleich darauf platzte ein Geschoß am Gewehre
+des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch mindestens zehn
+Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste
+Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte;
+ein weiterer zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten,
+doch hatten wir die Genugtuung, daß unser
+Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem
+Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand.
+Gleich darauf schoß ich mit drei Schuß K-Munition das
+Schutzschild, hinter dem dieser rabiate Bursche immer
+wieder aufgetaucht war, über den Haufen.
+</p>
+
+<p>
+Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht
+über unsere Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+aus den Unterständen und eröffnete ein rasendes Feuer.
+Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden Leutnant
+Sievers: &bdquo;Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam
+wird!&ldquo; als uns auch schon die eisernen Fetzen
+um die Ohren flogen, und wir in den nächsten Stollen
+sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet ihm,
+weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter,
+noch dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf
+bekamen wir noch etliche Schrapnellminen, die über
+unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde durch einen
+nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz
+seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete
+mit einigen Wurfminen, denn es war stillschweigende
+Übereinkunft der Infanterie, sich auf das Gewehr zu beschränken.
+Die Anwendung von Sprengstoffen wurde
+unter allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2&nbsp;:&nbsp;1
+erwidert. Leider hatte der Gegner meist so reichliche Munition,
+daß uns zuerst der Atem ausging.
+</p>
+
+<p>
+Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers&rsquo; Unterstande
+einige Flaschen Rotwein, die mich unversehens so
+in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen Mondscheins
+über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald
+verlor ich die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter
+und hörte im nahen feindlichen Graben die Engländer
+arbeiten. Nachdem ich durch zwei Handgranaten
+sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in
+unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten
+Stachel einer unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen
+bestehenden Fußangeln stürzte. Es herrschte in
+diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm Draht, die
+zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte.
+So wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen
+Leuten angeschossen, weil er stotterte und den Paroleruf
+nicht schnell genug herausbringen konnte. Ein anderes
+Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein
+selbständiges Schützenfeuer gegen den eigenen Graben.
+Er wurde, nachdem er sich verschossen hatte, hereingezogen
+und gehörig verprügelt.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-9">
+Der Auftakt zur Somme-Offensive.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span>itte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem
+Städtchen hinter der Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus
+kommandiert, der unter persönlicher
+Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor
+Sontag, stand. Es wurde theoretischer und praktischer
+Unterricht in einer ganzen Reihe von militärischen Fächern
+erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen Ausritte
+unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und
+Besichtigungen der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen
+des Hinterlandes gaben uns, die wir gewohnt
+waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich hinter dem
+ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen
+Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet
+wurde. So besuchten wir die Schlachterei, das Proviantdepot
+und die Geschützreparaturstelle in Boyelles, die
+Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon,
+die Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle
+in Inchy, den Flugpark und die Bäckerei in
+Quéant. Sonntags fuhren wir in die naheliegenden
+Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, &bdquo;um wieder
+mal Frauen mit Hüten zu sehen&ldquo;. &mdash; Am 16. 6. wurden
+wir vom General wieder zur Truppe entlassen mit einer
+kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine
+große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete,
+deren linker Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns
+auch nach der Rückkehr zum Regiment klar, denn die Kameraden
+erzählten von der zunehmenden Unruhe des Gegners.
+Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg,
+eine Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt <span class="antiqua">C</span> unternommen.
+Wir hatten uns durch einen schwer vorbereiteten Angriff
+von drei Offizierspatrouillen auf das sogen. Grabendreieck
+gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen gemacht.
+Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje
+durch eine Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm
+jedoch bald nach meiner Ankunft wieder die Führung der
+Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen auch
+verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen
+Graben zu lauschen, ob der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt
+wäre und kletterte mit dem Fähnrich Wohlgemut,
+dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder
+um 11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau.
+Wir gingen die erste Strecke gebückt vor und krochen dann
+nebeneinander über das dicht bewucherte Vorfeld weiter.
+Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir ins Gedächtnis,
+als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras
+und Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes
+Rascheln zu vermeiden, da sich 50 Meter vor uns der englische
+Graben als schwarzer Strich aus dem Halbdunkel
+hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres
+klatschte fast senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine
+Leuchtkugel hoch und warf ihr kaltes Licht auf den unwirtlichen
+Flecken Erde.
+</p>
+
+<p>
+Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei
+Schatten huschten zwischen den Gräben dahin. Während
+wir uns bereitmachten, auf sie loszustürzen, waren sie schon
+spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet der Donner
+von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Leute unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir
+weiter vor.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um
+meinen Arm: &bdquo;Achtung rechts, ganz nahe, leise, leise!&ldquo;
+Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts von uns vielfaches
+Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen
+Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah
+ich die Lage. Wir waren die ganze Zeit am englischen
+Draht entlang gekrochen, der Feind hatte uns gehört und
+kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu
+untersuchen.
+</p>
+
+<p>
+Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher
+Schleiche. Auge und Ohr sind bis zum äußersten gespannt,
+das näher kommende Rauschen der fremden Füße im hohen
+Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke
+an, &mdash; es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise;
+man muß sich zwingen, sein keuchendes Wehen zu
+dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks springt die
+Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer
+durch die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur
+der Handgranate. Der Zusammenprall muß kurz
+und mörderisch werden. Man zittert unter zwei gewaltigen
+Sensationen: der gesteigerten Aufregung des
+Jägers und der Angst des Wildes. Man ist eine Welt
+für sich, vollgesogen von der dunklen, entsetzlichen Stimmung,
+die über dem wüsten Gelände lastet.
+</p>
+
+<p>
+Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht
+neben uns auf, Flüstern wehte herüber. Wir wandten
+ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer Parthenfelder
+auf die Klinge seines Dolches biß.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen
+dann aber an, am Draht zu arbeiten, ohne uns bemerkt zu
+haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im Auge behaltend,
+zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung
+zwischen den Parteien gestanden hatte, entglitt
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben wir uns und gingen
+aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem Abschnitt
+angekommen waren.
+</p>
+
+<p>
+Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns
+zu dem Gedanken, einen Gefangenen zu machen, und wir
+beschlossen, am nächsten Abend wieder loszugehen. Am
+Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt,
+als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe
+meines Unterstandes hochgeschreckt wurde. Die Engländer
+schickten Kugelminen herüber, die trotz dem geringen
+Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß
+ihre Splitter die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen.
+Fluchend kletterte ich von meinem &bdquo;coucher&ldquo;
+und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben
+wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige
+Laufbahn antreten sah, mit dem Geschrei: &bdquo;Mine links&ldquo;
+zum nächsten Stollen zu sausen. Mit Minen aller Größen
+und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig
+versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei
+unseren Gängen durch den Graben immer ein Auge in die
+Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang
+zu richten.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern
+zwischen den Gräben herum. Wir robbten uns
+auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht vor das englische
+Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden
+Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen
+mehrere Engländer, die eine Rolle Draht schleppten. Sie
+blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle ab, knipsten
+mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich
+flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und
+führten im Hauchton eine hastige Unterhaltung: &bdquo;Jetzt &rsquo;ne
+Handgranate dazwischen und dann auf ihn!&ldquo; &bdquo;Mensch,
+das sind vier Mann!&ldquo; &bdquo;Hei hett de Böx all wedder gestrichen
+vull!&ldquo; &bdquo;Quatsch doch nich!&ldquo; &bdquo;Leise, leise!&ldquo;
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+Meine Warnung kam zu spät; als ich hochsah, krochen die
+Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren Draht und
+verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch
+etwas schwül. Der Gedanke: &bdquo;Gleich bringen sie ein
+M. G. in Stellung&ldquo; verursachte mir einen faden Geschmack
+im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche Befürchtungen.
+Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf
+dem Bauche nach rückwärts. Im englischen Graben wurde
+es lebhaft. Getrappel, Geflüster, Hin- und Herlaufen.
+Pschschscht .&nbsp;.&nbsp;. eine Leuchtkugel. Ringsumher wurde es
+taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in
+Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche
+Momente. Man möchte in die Erde verschwinden
+und lieber an jedem anderen Orte sein, als zehn Meter
+vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng!
+Der unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus
+nächster Entfernung abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha!
+Wir sind entdeckt!
+</p>
+
+<p>
+Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht,
+wegzulaufen, zu, sprangen auf und rasten in dem nun
+losprasselnden Feuer auf unsere Stellung zu. Nach
+einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen,
+ganz flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich
+für erledigt haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich
+fest an den Boden, zog Kopf und Beine ein und ließ die
+Geschosse durch das hohe Gras über mich hinwegfegen.
+Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen
+der herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil
+dicht neben mir abbrannten. Allmählich wurde das
+Schießen schwächer, und nach einer weiteren Viertelstunde
+verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße
+und Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen
+der Mond untergegangen war, verlor ich bald jede
+Orientierung und wußte weder wo die englische, noch wo die
+deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die charakteristische
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab.
+Ab und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen
+Seite mit geradezu beängstigender Rasanz durch die Gegend
+geflogen. Ich legte mich resigniert ins Gras und beschloß,
+die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte
+dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft
+ein und gab als vorsichtiger Mann zunächst
+eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen ich ebenso gut
+ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten
+englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu
+quittieren. Zu meiner Freude stellte sich jedoch heraus,
+daß ich meine Leute vor mir hatte, die gerade beim Abschnallen
+der Koppel waren, um meine Leiche darauf zurückzutragen.
+Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter
+zusammen und freuten uns über unser glückliches Wiedersehen.
+Dann begaben wir uns in unseren Graben zurück,
+den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst.
+Im Abschnitt des ersten Zuges fand ich den Feldwebel H.
+vor seinem Unterstande. Alle ich mich wunderte,
+ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er
+beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den
+Nachtschlaf raubte. Dabei betrachtete er angelegentlich
+seinen lächerlich kleinen Unterstand, den er &bdquo;Villa Leberecht
+Hühnchen&ldquo; getauft hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen
+dumpfen Abschuß, der indes nichts Besonderes zu bedeuten
+hatte. H., der am Tage vorher beinahe von einer großen
+Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war,
+fuhr wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang,
+rutschte in seiner Hast die ersten 15 Stufen sitzend hinunter
+und benutzte die letzten 15 dazu, sich dreimal zu
+überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor
+Lachen Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung
+einer Rattenjagd von dem armen Opfer unter
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen beklagen
+hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er
+gestern gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine
+ankam. Erstlich wäre sein ganzes Essen versandet gewesen
+und er außerdem schon gestern recht empfindlich die Treppe
+hinuntergefallen.
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in
+meinen Unterstand, sollte indes auch heute nicht zum erquickenden
+Schlummer kommen. Vom frühen Morgen an
+wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen
+mit Minen beworfen. Gegen Mittag wurde mir die
+Sache zu bunt. Ich machte mit einigen Leuten unseren
+Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen
+Gräben unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung
+der schweren Geschosse, mit denen wir reichlich
+bedacht wurden. Schwitzend hockten wir auf dem von der
+Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde
+und schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich
+die Engländer durchaus nicht stören ließen, begab ich mich
+mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach reiflicher
+Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: &bdquo;Helene
+spuckt in unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir
+brauchen Kartoffeln, große und kleine!&ldquo; Dies Kauderwelsch
+wurde angewandt, um dem etwa mithörenden
+Gegner nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom
+Oberleutnant Deichmann die tröstliche Antwort, daß sogleich
+der dicke Wachtmeister mit dem strammen Schnurrbart
+nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen
+würde, und gleich darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine
+mit unerhörtem Krachen in den feindlichen Graben,
+gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß wir
+für den Rest des Tages Ruhe hatten.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend
+schärferer Weise. Beim ersten Schuß begab ich
+mich durch meinen unterirdischen Gang in den zweiten
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir
+unseren Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten
+das Feuer in der Weise, daß wir bei jeder ankommenden
+Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir ungefähr
+40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche
+Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen
+einige Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne
+unsere Tätigkeit unterbrechen zu können, bis eine gerade
+auf uns zukam. Wir rissen im letzten Moment noch unsere
+Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie möglich
+fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen
+Graben gelangt, als das Unding dicht hinter mir
+krepierte. Der gewaltige Luftdruck warf mich über ein
+Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm gefülltes
+Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter
+Lehmklumpen auf mich herabrasselte. Halb betäubt und
+übel zugerichtet erhob ich mich. Hose und Stiefel waren
+durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und Uniform
+mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete
+aus einer langen Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich
+ich durch den Graben in meinen Unterstand, um mich auszuruhen.
+</p>
+
+<p>
+Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen
+Schaden angerichtet. Der Graben war an einigen Stellen
+zerstört, ein Priester-Minenwerfer zerschmettert, und &bdquo;Villa
+Leberecht Hühnchen&ldquo; hatte durch einen Volltreffer den Rest
+bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im
+Stollen gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit
+seinen dritten Treppensturz vollführt.
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen
+weiter und wurde in den Abendstunden durch eine
+Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer gesteigert.
+Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die
+&bdquo;Waschkorb-Minen&ldquo;, da es manchmal den Eindruck machte,
+als würden sie mit Körben vom Himmel geschüttet.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen,
+bereit, jeden Ankömmling mit Gewehr und
+Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer nach
+einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir
+noch zwei Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich
+auf ihren Ständen Ausschau hielten, zu bestehen.
+Sowie das Feuer nachließ, bestrahlten zahlreiche
+emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen hervorstürzenden
+Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte
+den Feind von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher
+Füsiliere.
+</p>
+
+<p>
+Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen
+Mann, dem durch eine auf ein Schutzschild schlagende
+Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein anderer wurde
+am Rücken verwundet.
+</p>
+
+<p>
+Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten
+uns zahlreiche Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff
+vor. Unser Graben wurde während dieser Zeit kurz
+und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer der
+Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe
+von Unterständen eingedrückt.
+</p>
+
+<p>
+Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich
+wach zu bleiben, und verabredeten, daß derjenige, der
+auf den Zuruf &bdquo;Hallo&ldquo; nicht seinen Namen riefe, sofort
+niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine
+Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie
+unverzüglich verständigen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders
+ein Feuerüberfall um 2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene.
+Rings um meinen Unterstand schlug ein
+Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung
+auf der Stollentreppe; das Licht der kleinen
+Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an den nassen, schimmligen
+Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm,
+Erde bröckelte von der Decke. Wumm! &bdquo;Donnerwetter!&ldquo;
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+&bdquo;Streichholz, Streichholz!&ldquo; &bdquo;Alles fertigmachen!&ldquo; Das
+Herz schlug bis zum Halse. Fliegende Hände lösten die
+Kapseln der Handgranaten. &bdquo;Das war die letzte!&ldquo;
+&bdquo;Rrraus!&ldquo; Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch
+eine Mine mit verzögerter Zündung los und schleuderte
+uns durch ihren Luftdruck wieder zurück. Trotzdem waren,
+während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten,
+schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt.
+Knatterndes Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln
+strahlten Mittagshelle auf das mit dichten Rauchschwaden
+behängte Vorgelände.
+</p>
+
+<p>
+Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch
+einen Verlust. Der Füsilier N. fiel plötzlich von seinem
+Postenstande und rollte polternd die Stollentreppe herunter,
+mitten in den Kreis seiner unten versammelten
+Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling
+untersuchten, fanden wir eine kleine Wunde an der Stirn
+und eine blutende Öffnung über der rechten Brustwarze.
+Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jähe
+Sturz seinen Tod herbeigeführt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der
+6. Kompagnie abgelöst. Mit jener eigentümlichen Mißstimmung,
+die eine in der Morgensonne strahlende Landschaft
+auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt,
+zogen wir durch die Laufgräben nach Monchy und von
+dort zu der sich vor dem Waldrande von Adinfer hinziehenden
+zweiten Stellung, von wo wir einen grandiosen
+Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten.
+Die Frontabschnitte links von uns waren in weiße und
+schwarze Rauchwolken gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer
+Einschlag neben dem anderen; darüber zuckten zu Hunderten
+die kurzen Blitze platzender Schrapnells.
+</p>
+
+<p>
+Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten,
+bekamen wir Befehl, in Monchy schwere Minen zu verladen
+und mußten die ganze Nacht vergeblich auf irgendeinen
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+steckengebliebenen Wagen warten, während der Engländer
+mit M. G.-Steilfeuer und die Straße hinunterfegenden
+Schrapnells verschiedene, zum Glück erfolglose
+Attentate auf unser Leben ausübte.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel
+seiner höchst sorgfältigen Beobachtung. In der zweiten
+Stellung, ungefähr 2000 Meter vom Feinde, war vor
+einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen
+Kreide aufgeschichtet. Der Engländer zog daraus den leider
+richtigen Schluß, daß dieser Hügel in der Nacht verzogen
+würde und schoß eine Gruppe Schrapnells darauf ab, durch
+die er wirklich drei Mann schwer verwundete.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl,
+meinen Zug zum Schanzen in den Abschnitt <span class="antiqua">C</span> zu führen,
+aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden innerhalb
+der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen
+Leuten zum Walde von Adinfer zurück, um sie beim Holzhauen
+anzustellen. Auf dem Rückwege zur Stellung trat
+ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stündchen
+auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine
+ungestörte Ruhe finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen,
+als ich unsere Artillerie vom Waldrande her merkwürdig
+lebhaft feuern hörte. Gleichzeitig erschien mein
+Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter:
+&bdquo;Gasangriff!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich riß die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel,
+schnallte um, rannte nach draußen und sah dort, wie eine
+riesige Gaswolke in dichten weißlichen Schwaden über
+Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden
+Punkt 124 zuwälzte.
+</p>
+
+<p>
+Da mein Zug zum größten Teil vorn in Stellung
+und ein Angriff sehr wahrscheinlich war, gab es für mich
+kein langes Überlegen. Ich sprang über das Hindernis
+der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in
+der Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, riß sie aber gleich
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+wieder herunter, da ich so stark gelaufen war, daß ich durch
+den Einsatz nicht genügend Luft bekommen konnte; auch
+waren die Augengläser im Nu beschlagen und vollkommen
+undurchsichtig. Da ich Bruststiche verspürte, versuchte ich,
+die Wolke wenigstens so schnell wie möglich zu durchqueren.
+Vor dem Dorfrande mußte ich noch einen Sperrfeuerriegel
+passieren, dessen Einschläge, von zahlreichen Schrapnellwolken
+unterbrochen, eine lange, regelmäßige Kette über
+die verödeten, sonst nie betretenen Felder zog.
+</p>
+
+<p>
+Artilleriefeuer in derartig offenem Gelände, in dem
+man sich frei bewegen kann, hat weder dieselbe tatsächliche,
+noch moralische Wirkung wie in Ortschaften oder Stellungen.
+So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich gelegt
+und befand mich in Monchy, das unter einem tollen
+Schrapnellhagel lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausbläsern
+und Zündern fegte durch das Geäst der Obstbäume
+in den verwilderten Gärten und klatschte gegen die Reste
+der zerstörten Mauern.
+</p>
+
+<p>
+In einem Unterstande der Gärten sah ich meine Kompagnie-Kameraden
+Sievers und Vogel sitzen; sie hatten ein
+loderndes Holzfeuer entzündet und beugten sich über die
+reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen.
+Ich leistete ihnen bei dieser Beschäftigung Gesellschaft,
+bis das Feuer abgeflaut war, und ging dann durch
+den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in meinem unverbesserlichen
+Phlegma ganz langsam durch den Graben
+schlenderte, begegnete es mir, daß ich, nur 50 Meter vom
+Kompagnieführer-Unterstande entfernt, noch einmal in
+einen wahnsinnigen Feuerüberfall geriet und, in eine kleine
+Nische gedrückt, das Unwetter über mich ergehen lassen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Vorn waren alle Leute beschäftigt, ihre Gewehre einzufetten,
+die durch das Gas vollkommen geschwärzt waren.
+Ein Fähnrich zeigte mir wehmütig sein neues Portepee,
+das seinen strahlenden Glanz eingebüßt und dafür ein
+grünlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rückte ich
+mit meinen Gruppen wieder ab. In Monchy sahen wir
+vor dem Revier eine Menge von Gaskranken sitzen, die sich
+die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten,
+während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache
+war keineswegs harmlos, denn einige von ihnen starben
+etliche Tage darauf nach furchtbaren Schmerzen. Wir
+hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten gehabt,
+einem Kampfgas, das durch Ätzen und Verbrennen der
+Lungen wirkt. Auf dem Rückwege ging ich, um etwas zu
+kaufen, in die Kantine des <span class="antiqua">II.</span> Bataillons und fand dort
+den betrübten Kantinenjüngling inmitten eines Haufens
+zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die
+Decke gefahren, im Laden krepiert und hatte seine Schätze
+in ein merkwürdiges Gemisch von Marmelade, ausgelaufenen
+Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade
+mit echt preußischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung
+von 82 Mark und 58 Pfennig entworfen.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in
+der zweiten Stellung gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage
+wegen bis in das Dorf vorgezogen und bekam das
+Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten
+uns die zahlreichen Nischen als Lagerplätze ein und
+zündeten ein riesiges Feuer an, dessen Rauch wir durch
+den Brunnenschacht abziehen ließen, sehr zum Ärger einiger
+Kompagnieköche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da
+wir einen kräftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns
+rings um das Feuer auf die Kreideblöcke, sangen, tranken
+und rauchten.
+</p>
+
+<p>
+Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy
+ein Höllenspektakel los. Dutzende von Alarmglocken bimmelten,
+Hunderte von Gewehren knallten und ununterbrochen
+stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich
+darauf setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten
+und zogen Schweife von feurigen Funken hinter sich her.
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+Überall, wo im Trümmergewirr eine Menschenseele hauste,
+erscholl der langgezogene Schrei: &bdquo;Gasangriff!&ldquo; &bdquo;Gasangriff!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche
+Gaswand durch das Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein
+starker Chlorgeruch bemerkbar machte, zündeten wir vor den
+Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm
+uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang,
+die Luft durch Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu
+reinigen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren,
+die der Gasangriff hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer
+Teil aller Pflanzen war verwelkt, Schnecken und Maulwürfe
+lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten Pferden
+der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die
+überall verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von
+einer schönen, grünen Patina überzogen. Auch in dem weit
+zurückliegenden Douchy machte sich die Gaswolke noch bemerkbar.
+Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde,
+versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants
+von Oppen und verlangten Gasmasken. Sie wurden auf
+Lastautos gesetzt und in weiter zurückliegende Ortschaften
+transportiert.
+</p>
+
+<p>
+Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk;
+am Abend bekam ich Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee
+empfangen werden sollte, da ein englischer Überläufer ausgesagt
+hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde. Wirklich,
+kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer
+aus dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde
+Ruf &bdquo;Gasangriff!&ldquo; erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch
+in der Luft, und im Monchy-Bogen tobte starkes
+Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.
+</p>
+
+<p>
+Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen
+Stunde. Aus dem Laufgraben 6 trat der Leutnant Brecht
+auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um die Hand
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr
+und einem gefangenen Engländer begleitet. Er
+wurde im Stabsquartier West im Triumph empfangen und
+erzählte folgendes:
+</p>
+
+<p>
+Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken
+abgeblasen und anschließend den Graben stark mit
+Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie gewöhnlich
+noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei
+über 30 Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen,
+zwei starke englische Patrouillen erschienen, von
+denen eine in den Graben eingedrungen war und einen verwundeten
+Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere
+war schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden.
+Ein einziger, der bereits das Hindernis überwunden hatte,
+wurde von dem Leutnant Brecht, der vorm Kriege ein
+Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel gepackt
+und mit einem <span class="antiqua">&bdquo;Come here, you son of a bitch!&ldquo;</span>
+in Empfang genommen. Dieser einzige wurde nun mit
+einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb erschreckten,
+halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere
+Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern
+und Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer
+Zug von Bahren am Verbandsplatze ein. Auch vom Abschnitt
+Süd kamen viele Verwundete, denn im Kompagnieabschnitt
+<span class="antiqua">E</span> war ebenfalls eine starke Patrouille in den
+Graben gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende
+Menschen mit weißen, blutdurchtränkten Verbänden lagen,
+waren vor einigen Wellblechbögen aufgestellt, unter denen
+der Arzt seines Amtes waltete.
+</p>
+
+<p>
+Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes
+Vorzeichen aus einem schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte:
+&bdquo;Ich bin zu schwer .&nbsp;.&nbsp;. ich werde nicht wieder .&nbsp;.&nbsp;. ich
+&mdash; muß &mdash; sterben.&ldquo; Ein dicker Sanitäts-Unteroffizier sah
+ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male ein
+tröstendes: &bdquo;Nun, nun, Kamerad!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der
+hauptsächlich Kräfte von uns zum Vorteil der Somme-Offensive
+binden sollte, durch zahlreiche Minenüberfälle und Gaswolken
+vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein, dazu verwundeter
+Gefangener in die Hände, während er zahlreiche
+Tote vor unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren
+allerdings auch beträchtlich, das Regiment verlor an diesem
+Vormittage über 40 Tote, darunter drei Offiziere.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für
+einige Tage nach unserem lieben Douchy ab. Noch am selben
+Abend feierten wir den glücklichen Verlauf dieser kleinen
+Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.
+</p>
+
+<p>
+Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil
+unserer Toten auf unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe
+Holzsärge wurden nach einer ergreifenden Ansprache des
+Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten wie
+Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den
+Text: &bdquo;Sie haben einen guten Kampf gekämpft,&ldquo; und begann
+mit den Worten: &bdquo;Gibraltar, das ist Euer Zeichen und
+fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im brandenden
+Meer!&ldquo;<a href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>
+</p>
+
+<p>
+In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe
+ethische Wert unserer feierlichen Handlungen klar. Oft haben
+wir auf irgendeinem Schlachtfelde die zehnfache Zahl von
+Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem Verlust
+doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern.
+</p>
+
+<p>
+Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht
+schätzen, mit denen zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden,
+der so verläßlich, einfach und ohne Phrase seine Pflicht tut
+wie der Niedersachse. Wenn es galt zu zeigen: hier steht
+ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder
+bis zum letzten zur Stelle. &mdash;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn.
+Es war verhältnismäßig ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen,
+daß noch etwas in der Luft liegen mußte. Bei der
+Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft
+fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und
+Sprengungen, an einen englischen Pionieroffizier in vorderer
+Linie gerichtet, auf. Vom Morgengrauen bis zum
+letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine dichte
+Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung
+war bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden
+wir am 12. Juli abgelöst, ohne unangenehme Erlebnisse
+gehabt zu haben und blieben als Reserve in Monchy.
+</p>
+
+<p>
+Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den
+Gärten durch ein 24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen,
+dessen gewaltige Granaten in scharfer Flachbahn herangurgelten
+und mit wahrhaft furchtbaren: Knall zerbarsten.
+In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen
+Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter
+Gasmaske um den Ofen herum, bis auf Vogel, der
+seine Maske nicht finden konnte und jammernd hin- und
+herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben, einen
+immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich
+ihm meine zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde
+lang wie ein Häufchen Unglück hinter dem gewaltig qualmenden
+Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu und
+sog an seinem Einsatz.
+</p>
+
+<p>
+Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem
+kostete die dumme Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele
+Verwundete. &mdash; Am 15. und 17. hatten wir zwei weitere
+Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst und
+hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen.
+Eine überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung
+durch den Major von Jarotzky in einem Obstgarten.
+Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von überwältigender
+Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte,
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit
+durch die Hecken zwängte und blitzschnell in allen
+möglichen Deckungen verschwunden war. Eine Granate
+tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines
+Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte.
+</p>
+
+<p>
+Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete
+ich mich mit dem Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten
+Bartels und Birkner zu einer Patrouille. Wir hatten kein
+anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten
+herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland
+Neues brächte. Am Nachmittag kam der mich ablösende
+Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant Brauns, zu Besuch in
+meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen mit.
+Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den
+Graben, wo meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel
+einer Schulterwehr zusammenstanden. Nachdem ich mir
+einige trockene Handgranaten ausgesucht hatte, kletterte ich
+in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während
+Brauns mir ein &bdquo;Hals- und Bauchschuß!&ldquo; nachrief.
+</p>
+
+<p>
+Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis
+herangepirscht. Dicht davor entdeckten wir im hohen
+Grase einen ziemlich starken, gut isolierten Draht. Ich hielt
+die Beobachtung für wichtig und beauftragte Wohlgemut,
+ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während
+er sich in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner
+Zigarrenschere daran abplagte, klirrte es direkt vor uns im
+Draht; einige Engländer tauchten auf und begannen zu arbeiten,
+ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten wahrzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk,
+hauchte ich fast unhörbar: &bdquo;Wohlgemut, Handgranate
+dazwischen!&ldquo; &bdquo;Herr Leutnant, ich glaube, wir lassen
+sie noch etwas arbeiten!&ldquo; &bdquo;Direkter Befehl, Fähnrich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch
+in dieser Einöde nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+fatalen Gefühl eines Mannes, der sich in ein sehr ungewisses
+Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das trockene
+Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie
+Wohlgemut, um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate
+ganz flach über den Boden rollen ließ. Sie blieb
+im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern, liegen, die
+nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente
+höchster Spannung. &bdquo;Krrrach!&ldquo; Ein Blitz beleuchtete
+taumelnde Gestalten. Mit dem Angriffsgebrüll: &bdquo;You are
+prisoners!&ldquo; stürzten wir uns wie Tiger in die weiße
+Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von
+Sekunden ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht,
+das mir wie eine blasse Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete.
+Ein Schatten schlug mit quäkendem Aufschrei rücklings
+ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte Wohlgemut
+seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner
+Erregung blindlings eine Handgranate zwischen uns
+schleuderte.
+</p>
+
+<p>
+Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem
+Pistolenkolben gesprungen. Ich stand schreiend vor einem
+Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken in den Stacheldraht
+preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel
+zurück, ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck.
+Im Graben vor uns wurde es laut. Zurufe erschollen,
+ratternd setzte ein Maschinengewehr ein. Wir
+sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter
+stehen und richtete die Pistole auf einen mir folgenden
+Schatten. Diesmal erwies sich das Versagen als ein Glück,
+denn es war Birkner, den ich schon längst zurück glaubte.
+</p>
+
+<p>
+Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben
+zu. Vor unserem Draht pfiffen die Geschosse schon so, daß
+ich in einen wassergefüllten, drahtversponnenen Minentrichter
+springen mußte. Auf schwingendem Stacheldraht
+über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten
+Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+über mich hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter
+in die Böschung des Trichters fegten. Nach einer
+halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt hatte, arbeitete
+ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten
+freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels
+waren schon da; nach einer weiteren halben Stunde erschien
+auch Birkner. Alles freute sich über den glücklichen Ausgang
+und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene auch
+diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven
+gegangen war, merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd
+auf einer Pritsche lag und trotz der Erschöpfung
+keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten Morgen konnte
+ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer
+Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von
+Bartels geschleuderten Handgranate steckte.
+</p>
+
+<p>
+Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes
+ein gutes Mittel, den Mut zu stählen und die Eintönigkeit
+des Grabendaseins zu unterbrechen.
+</p>
+
+<p>
+Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor
+dem Dorfe Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum,
+das von einem Landwehrmann mit drei Schuß zur Strecke
+gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es entlaufen
+war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes
+Gesicht gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S.
+der Mantel eines Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im
+Dorfe wurden die Verluste immer häufiger, da die durch
+Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger Schutz vor
+den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre
+boten. Wir begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen
+und an den gefährlichsten Stellen neue Mauern zu errichten.
+</p>
+
+<p>
+Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich
+zum zweiten Male während des Krieges auf Urlaub fahren
+konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause wieder etwas warm
+geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: &bdquo;Sofort
+zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+Cambrai.&ldquo; Drei Stunden später saß ich im Zuge. Auf dem
+Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an mir vorüber
+in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm.
+Ein strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich
+draußen noch lange denken mußte.
+</p>
+
+<p>
+Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren
+Straßen infolge des Abmarsches der 111. und des Zuzuges
+einer neuen Division von Truppen wimmelten. Das <span class="antiqua">I.</span> Bataillon
+lag in dem zwei Jahre später von uns wieder erstürmten
+Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen
+Offizieren die Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden
+Hauses verbrachte.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in
+Ermangelung von etwas Stärkerem den Kaffee, den uns
+zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir wußten,
+daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte
+noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte
+Unterhaltung zu einem Gelärm, an dem alte Landsknechte
+oder friderizianische Grenadiere ihre Freude gehabt hätten.
+Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer
+dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben.
+</p>
+
+<p class="footnote" id="footnote-2">
+<a href="#fnote-2">[2]</a>&nbsp; Vgl. Anmerkung auf <a href="#footnote-1">Seite V.</a>
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-10">
+Guillemont.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>m 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile
+verladen und fuhren bis Le Mesnil. Obgleich wir schon
+erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt der
+Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden
+sollten, war die Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen
+unter allgemeinem Gelächter von einem Auto zum andern.
+Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der Dunkelheit
+bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen
+Wiese die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte.
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+Vor uns rollte und donnerte ein Artilleriefeuer von nie
+geahnter Stärke, tausend zuckende Blitze hüllten den westlichen
+Horizont in ein glühendes Flammenmeer. Fortwährend
+schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen
+Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden
+Geschützen oder Munitionskolonnen in den Straßengraben
+gedrückt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um
+meinen Zug in das berühmte Städtchen Combles zu führen,
+wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten. Neben ihm im
+Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den
+Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung
+von tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne
+Verbindung und Annäherungswege, von unaufhörlichen Angriffen,
+von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst, vom
+Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb
+vom Stahlhelm umrahmte, unbewegliche Gesicht und die
+monotone, vom Lärm der Front begleitete Stimme machten
+den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem
+Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung
+durchgekostet und dann verachten gelernt hatte. Nichts schien
+zurückgeblieben als eine große und männliche Gleichgültigkeit.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen.
+Niemand weiß, ob er lebend zurückkommt. Jeden Tag wird
+angegriffen, doch durch kommen sie nicht. Jeder weiß, daß
+es auf Leben und Tod geht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit solchen Leuten kann man kämpfen.
+</p>
+
+<p>
+Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im
+Mondschein wie ein weißes Band über das dunkle Gelände
+spannte, dem Kanonendonner entgegen, dessen verschlingendes
+Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni
+speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und
+links von unserem Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser
+und verstummte zuletzt ganz. Jeder lauschte mit jener seltsamen
+Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse.
+Besonders das Passieren von Frégicourt-Ferme,
+einer kleinen Häusergruppe vor dem Friedhof von Combles,
+die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.
+</p>
+
+<p>
+Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten
+konnten, völlig zerschossen. Große Mengen von Holz
+zwischen den Trümmern und auf den Weg geschleudertes
+Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen
+Datums sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher
+Schutthaufen, das durch eine Reihe von Schrapnells beschleunigt
+wurde, erreichten wir unser Quartier, ein großes,
+von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum
+Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen
+den Keller einer gegenüberliegenden Ruine bezogen.
+</p>
+
+<p>
+Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken
+zusammengesuchten Lager geweckt, um Stahlhelme
+zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden wir in einer
+Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung,
+die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im
+Orte um. In wenigen Tagen hatte die Wirkung der
+schweren Artillerie ein friedliches Etappenstädtchen in ein
+Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren durch
+einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen,
+so daß die Zimmer und ihre Einrichtung wie
+Theaterkulissen über dem Chaos schwebten. Aus vielen
+Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste Feuerüberfall
+hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern
+ihrer Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer
+Haustür lag ein totes kleines Mädchen in einer roten Lache.
+</p>
+
+<p>
+Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten
+Kirche gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines
+uralten Höhlenganges mit eingesprengten Nischen, in denen
+zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der kämpfenden
+Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+Beginn der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang
+freigelegt hätten, den sie während der ganzen Besatzungszeit
+den Deutschen verheimlicht hatten.
+</p>
+
+<p>
+Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden,
+die sich in Schlangenlinien durch und über gewaltige
+Hügel von Balken und Mauerwerk wanden. In zerwühlten
+Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus
+den im Überfluß vorhandenen eisernen Portionen gekocht
+hatten und das natürlich durch einen kräftigen Kaffee beschlossen
+wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl. Aus
+umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem
+Brauereibesitzer Lesage gehörte. In dem Zimmer standen
+aufgerissene Schränke und Kommoden, ein umgestürzter
+Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An
+den Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf
+dem Boden waren in meterhoher Unordnung herausgerissene
+Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher, Zeitungen, Nachttische,
+Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke,
+Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln
+gerissene Türen, Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums,
+zerschmetterte Kisten, Damenhüte, Blumentöpfe und
+zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult.
+</p>
+
+<p>
+Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das
+von Granaten zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den
+das Geäst zerfetzter Linden bedeckte. Dieser Komplex von
+Eindrücken wurde noch verfinstert durch das unaufhörliche
+Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu
+überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate
+den Lärm. Wolken von Splittern fegten dann durch
+Combles, klatschten gegen die Zweige der Bäume oder
+schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die
+Schiefertafeln herabrollten.
+</p>
+
+<p>
+Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher
+Stärke, daß nur noch das Gefühl eines ungeheuren Getöses
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch verschluckt wurde. Von
+7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser in
+Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten
+beworfen. Es waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem
+noch die Häuser ins Schwanken brachten. Wir saßen
+während der ganzen Zeit in unserem Keller auf seidenbezogenen
+Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die
+Hände gestützt und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen.
+Die Witzworte wurden immer seltener, und endlich ließ die
+Nervenanstrengung auch den Verwegensten verstummen. Um
+8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige
+Wucht an. Die Erde wankte, der Himmel schien ein brodelnder
+Riesenkessel.
+</p>
+
+<p>
+Hunderte von schweren Batterien krachten um und in
+Combles, unzählige Granaten kreuzten sich heulend und
+fauchend über uns. Alles war in dichten Rauch gehüllt, der
+von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde.
+Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns
+nur noch durch abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die
+Fähigkeit des logischen Denkens und das Gefühl der Schwerkraft
+schienen aufgehoben. Man hatte das Empfinden des
+Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem
+Ausbruch der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des
+dritten Zuges wurde tobsüchtig.
+</p>
+
+<p>
+Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich
+und ging in ein ruhiges Trommelfeuer über, in
+dem man allerdings den einzelnen Abschuß auch noch nicht
+wahrnehmen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl,
+die Züge auf den Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns
+daraufhin mit den beiden anderen Zügen zum Abmarsch in
+Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war
+noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers
+ausgeschieden. Diese Leute umdrängten uns, während wir
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+uns unter hastigen Zurufen an dem gefährlichen Ort sammelten
+und beluden uns mit den damals noch reichlich vorhandenen
+Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr
+voll Butter auf, drückte mir zum Abschied die Hand
+und wünschte uns viel Glück.
+</p>
+
+<p>
+Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander.
+Jeder hatte Befehl, sich unbedingt hinter seinem
+Vordermann zu halten. Gleich am Ortsausgang merkte
+unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren gezwungen,
+bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann
+ging es, meist im Laufschritt, an einem zur Orientierung
+ausgelegten, in kleine Teile zerschossenen, weißen Band entlang
+über freies Feld. Oft mußten wir gerade an den
+übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung
+verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der
+Verbindung verboten, sich hinzulegen.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden.
+Weiter! In einem heftig beschossenen Hohlweg
+stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein ekelhaft aufdringlicher
+Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele Opfer
+gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in
+einen zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten
+(<span class="antiqua">K. T. K.</span>) barg, verrannten uns und
+machten im qualvollen Gedränge nervöser und aufgeregter
+Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant
+Vogel und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem
+Krach auf die hintere Böschung und bewarf uns mit gewaltigen
+Erdklumpen, während Todesschauer über unseren
+Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt
+einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder.
+</p>
+
+<p>
+Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen,
+von uns hart bedroht, um die letzte Kraftanspannung aus
+ihren erschöpften Körpern zu pumpen. Verwundete schlugen
+mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die Trichter.
+Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet,
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger
+Trichter gebildeten Graben, in dem ein Toter neben dem
+anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß auf die weichen,
+nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende Verwundete
+verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter
+Hastenden getreten zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz,
+der kleine Schmidt, Begleiter auf mancher
+gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln. Ich riß ihm
+das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst
+in diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng
+in die Löcher gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose
+Stimmen vor Freude zitterten, als sie erfuhren, daß die Ablösung
+da wäre. Ein bayrischer Feldwebel übergab mir mit
+einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole.
+</p>
+
+<p>
+Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flügel der Regimentsstellung
+und bestand aus einem flachen, muldenartig
+zertrommelten Hohlweg, der ein paar hundert Meter links
+von Guillemont und etwas näher rechts am Bois de Trônes
+lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment
+76, trennte uns ein 500 Meter breiter, unbesetzter
+Raum, in dem sich wegen des überaus heftigen Feuers
+niemand aufhalten konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der bayerische Feldwebel war plötzlich spurlos verschwunden,
+und ich stand ganz allein, meine Leuchtpistole in
+der Hand, mitten in dem unheimlichen Trichtergelände, das
+am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch drohenderes
+und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir
+ertönte ein andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte
+mit merkwürdiger Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften,
+in Zersetzung übergehenden Leichnam herrührte.
+</p>
+
+<p>
+Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr
+sein könnte, begab ich mich zu meinen Leuten und riet ihnen,
+sich auf das Schlimmste gefaßt zu machen. Wir blieben alle
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen und
+meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch
+von vielleicht einem Kubikmeter Rauminhalt.
+</p>
+
+<p>
+Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde
+Umgebung allmählich den staunenden Augen.
+</p>
+
+<p>
+Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger,
+mit Uniformstücken, Waffen und Toten gefüllter Trichter;
+das umliegende Gelände war, soweit der Blick reichte, völlig
+von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger armseliger
+Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte
+Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden
+Verteidigern lagen die toten. Beim Graben von Deckungslöchern
+bemerkten wir, daß sie in Lagen übereinander geschichtet
+waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht
+gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann
+waren die Leichen durch die von den Geschossen hochgeschleuderten
+Erdmassen verschüttet, und die nächste Kompagnie
+war an den Platz der Gefallenen getreten.
+</p>
+
+<p>
+Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll
+Deutscher, das Gelände davor voll Engländer. Aus den
+Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor unseren
+Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die
+man zum Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter
+zu entgehen, Mäntel oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz
+der Hitze dachte niemand daran, die Körper mit Erde zu bedecken.
+</p>
+
+<p>
+Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen
+Terrain nur dadurch, daß die Trichter infolge der zu Staub
+zermalmten Steine der Häuser von weißlicherer Farbe
+waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug zerknüllte
+Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne
+zerrissene Wald von Delville.
+</p>
+
+<p>
+Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender
+Engländer heranschraubte und uns gleich einem
+Aasvogel ununterbrochen überkreiste, während wir in unsere
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das scharfe
+Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben,
+denn bald ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene,
+dumpfe Sirenentöne. Nach kurzer Zeit schien eine
+Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein schweres
+Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher
+Wucht heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten,
+ab und zu eine Zigarre anzündend und wieder
+fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick verschüttet zu
+werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen
+Splitter zerrissen.
+</p>
+
+<p>
+Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des
+Erdloches neben uns durch einen ungeheuren Einschlag verschüttet.
+Wir gruben ihn sofort wieder aus; trotzdem war
+er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein
+Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der
+Gefreite Simon. Er war durch den Schaden klug geworden,
+denn wenn im Laufe des Tages Leute bei Fliegersicht sich
+außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende
+Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen
+Fuchsloches drohen.
+</p>
+
+<p>
+Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links
+und gaben an, sich nicht mehr halten zu können, da ihre
+Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte meine ganze
+Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze
+zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des
+Regiments ein Feuersturm ein, der nach 20 Minuten auch
+auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir völlig in
+Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge
+dicht vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden
+Orkans ging ich den Abschnitt meines Zuges
+ab. Die Leute standen in steinerner Unbeweglichkeit, das
+Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges
+und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+einer Leuchtkugel sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr
+an Seitengewehr blinken und wurde von dem stolzen
+Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten, die
+vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In
+solchen Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über
+die gewaltigsten Äußerungen der Materie, der gebrechliche
+Körper stellt sich, vom Willen gestählt, dem furchtbarsten Gewitter
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der
+unglückliche Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel
+abschießen, vergriff sich indes und ein rotes Sperrfeuersignal
+zischte, von allen Seiten weitergegeben, gen Himmel.
+Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine Freude war.
+Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den
+Lüften herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern
+und Funken. Ein Gemisch von Staub, stickigen Gasen
+und dem Dunsthauch aufgeschleuderter Leichen braute aus
+den Trichtern.
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer
+wieder auf sein gewöhnliches Niveau zurück, das es während
+der Nacht und des nächsten Tages beibehielt. Der aufgeregte
+Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze gewaltige
+Kriegsmaschinerie ausgelöst.
+</p>
+
+<p>
+H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich
+noch in derselben Nacht beim Laden seiner Pistole eine
+Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte mit schweren
+Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage
+regnete es stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete
+Gefühl im Gaumen nach dem Verschwinden des
+Staubes nicht mehr so quälend war und die großen, blauschwarzen
+Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen
+Stellen gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich
+saß fast den ganzen Tag vor meinem Fuchsloch auf dem
+Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem
+Appetit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines
+Zuges von irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust,
+der auch das Rückenmark streifte, so daß er die Beine nicht
+mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm sah, lag er sehr
+gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das
+Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige
+Deckungnehmen seiner Träger noch ein Bein brach. Er starb
+auf dem Verbandplatze.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und
+ließ mich über das abgerissene Bein eines Engländers zum
+Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah durch einen flachen
+Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen.
+Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich
+nicht sonderlich stören. Dieser Anblick war bezeichnend für
+die Ungleichheit der Mittel, mit denen wir kämpften.
+Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen
+innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden.
+Während nicht ein Fesselballon von uns zu sehen war,
+standen auf englischer Seite gleich über 30 auf einem
+Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung,
+die sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen
+Eisenhagel dorthin zu dirigieren.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter
+gegen den Magen, der zum Glück ziemlich am Ende seiner
+Flugbahn war und nach einem kräftigen Schlage vor mein
+Koppelschloß zu Boden fiel.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch
+der Dunkelheit zwei englische Essenholer, die sich verlaufen
+hatten. Beide wurden auf kürzeste Entfernung
+niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in den
+Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen
+blieben. Gefangene zu machen war allen Leuten unerwünscht,
+denn wie sollte man sie durch die Sperrfeuerzone
+bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun
+hatte?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem
+Schlaf gerüttelt. Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem
+Gewehr. Unsere Ablösung war gekommen. Wir übergaben,
+was zu übergeben war, und verließen so schnell wie möglich
+diesen Ort des Teufels.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als
+die erste Gruppe Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein
+Vordermann taumelte infolge einer Wunde am Handgelenk,
+aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die Seite legen.
+Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch
+und gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem
+<span class="antiqua">K. T. K.</span> ab.
+</p>
+
+<p>
+In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen
+stark außer Atem. Die schlimmste Ecke war ein Tal, in das
+wir gerieten, und in dem ununterbrochen Schrapnells und
+leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte
+uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit
+sprühend. Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der
+Atem aus, denn ich wußte Bruchteile von Sekunden vorher
+aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß der absteigende
+Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden
+mußte. Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein
+schwerer Aufschlag, weiche Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade
+diese Granate ging blind!
+</p>
+
+<p>
+Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des
+Offiziers geltend zu machen. Überall eilten ablösende und
+abgelöste Trupps durch Nacht und Feuer, zum Teil völlig
+verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend; dazwischen
+erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung
+die langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände
+verlorener Verwundeter. Ich gab Verirrten im Vorbeirasen
+Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern, bedrohte die, die
+sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um alle
+zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch
+ein Wunder nach Combles.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+Wir mußten von Combles noch über Sailly und die
+Gouvernements-Ferme zum Walde von Hennois marschieren,
+in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte sich
+unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig
+zu Boden gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen
+oder Munitionskolonnen an die Seite gedrückt, unsere
+Straße entlang. In einer Art von krankhafter Nervosität
+war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge
+nur uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und
+überraschte meine Hand mehr als einmal am Kolben des
+Revolvers.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen
+und konnten uns dann erst auf den harten Boden werfen.
+Während unseres Aufenthaltes in diesem Waldlager gingen
+gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten
+begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf
+Kompagnieoffiziere ließen uns durch die Nässe wenig stören,
+sondern saßen jeden Abend auf unseren Koffern im Zelte
+hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab,
+wo ich mit meinem Zug vier kleinere Keller bezog.
+</p>
+
+<p>
+Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich
+machte daher einen kleinen Spaziergang durch die verwüsteten
+Gärten und plünderte mit köstlichen Pfirsichen behangene
+Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich in ein von hohen
+Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner, alter
+Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer
+hing eine Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose
+liebt, Weihwasserbecken, Kupferstiche und holzgeschnitzte
+Heiligenbilder. In großen Schränken stapelte
+altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden
+geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don
+Quijote. Es war ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben
+preisgegeben zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute,
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+die auch ihrerseits die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse
+und Fleischkonserven, Kartoffeln, Erbsen, Möhren,
+Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in
+der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine
+Granate ins Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter
+zu stören. Wir waren durch die Überfülle der Eindrücke schon
+zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich schon
+Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im
+Mittelzimmer erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer
+Reihe ins Holz gegrabener Namen. Am nächsten Mittag
+holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers einen
+Band der illustrierten Beilagen des &bdquo;Petit Journal&ldquo;, die
+in fast jedem französischen Hause zu finden sind und von
+wüster Geschmacklosigkeit strotzen; dann setzte ich mich in ein
+erhaltenes Zimmer, entzündete im Kamin aus Möbelstücken
+ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig den
+Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre
+gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr
+um 7 Uhr hatte ich die letzte Seite umgewandt und
+ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers, wo
+meine Leute an einem kleinen Herd kochten.
+</p>
+
+<p>
+Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür
+einen scharfen Knall, und im selben Moment spürte ich einen
+starken Schlag gegen meinen linken Unterschenkel. Mit dem
+uralten Kriegerruf: &bdquo;Ich habe einen weg!&ldquo; sprang ich, meine
+Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht.
+In der Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus
+dem ein Blutstrahl auf den Boden sprang. Auf der anderen
+Seite erhob sich der rundliche Wulst einer unter der Haut
+liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich
+und trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben,
+wo mich unser Oberstabsarzt in Empfang nahm.
+Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje den Kopf
+hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei
+war scharf zwischen Schien- und Wadenbein hindurchgegangen,
+ohne einen Knochen zu verletzen. Habent sua
+fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd,
+indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden
+überließ.
+</p>
+
+<p>
+Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer
+Bahre in einer Nische der Katakomben lag, kamen zu meiner
+Freude viele meiner Leute, um Abschied von mir zu nehmen.
+Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte mich
+für kurze Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den
+Ortsausgang getragen und dort in einen Sanitätswagen
+geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu achten,
+raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden
+Chaussee über Trichter und andere Hindernisse hinweg und
+gab uns endlich an ein Auto weiter, das uns bis zur Kirche
+des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von Verwundeten
+belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der
+letzten Zeit mehr als 30&nbsp;000 Verwundete über Fins abtransportiert
+wären. Von dort kam ich nach St. Quentin,
+dessen Fensterscheiben vom unaufhörlichen Donner der
+Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach
+Gera, wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche
+Pflege fand.
+</p>
+
+<p>
+Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir
+verwundet waren, erfuhr ich das weitere Schicksal meiner
+Kompagnie, die am Tage nach meiner Verwundung wieder
+in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und
+zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen
+Frontlücken von allen Seiten angegriffen worden. Der kleine
+Schmidt, Fähnrich Wohlgemut, Leutnants Vogel und Sievers,
+kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur letzten Sekunde
+fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende,
+darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+gefallen; kein einziger war nach Combles zurückgekehrt, um
+dort von dem Heldenkampfe, der mit so unerhörter Erbitterung
+ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der englische
+Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer,
+die in eherner Treue bei Guillemont gestanden hatten bis
+zuletzt.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich
+am Vorabend der Schlacht wie durch ein Wunder dem
+sicheren Tode entrissen hatte, so hätte ich anderseits doch,
+so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der Kameraden
+geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den
+eisernen Würfel des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat
+mich, auf den Höhepunkten der blutigen Schlachten, die ich
+noch erleben sollte, der strahlende, unauslöschliche Ruhm
+dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen Kameradschaft
+würdig zu erweisen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten
+Male mit den verheerenden Wirkungen der Materialschlacht
+bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen des Krieges
+anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung,
+der Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das
+furchtbare Feuer lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem
+Eisenhagel zum Opfer, der Telephondraht war, kaum gezogen,
+bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst die Blinkzeichen
+der Signallampen versagten in dem dampf- und
+staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte
+sich eine kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff
+herrschte.
+</p>
+
+<p>
+Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei
+Tagen zurückkamen, wo wir eigentlich gelegen hatten und
+wie die Front verlief. Bei diesen Verhältnissen war ein
+genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar,
+obwohl wir oft, ohne es zu wissen, nur wenige Meter
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy, der sich
+durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg,
+direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt,
+da unsere vordere Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen
+Stücken bestand, die man leicht verfehlen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich.
+Vor kurzem hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern,
+Wiesen, Wäldern und Feldern bestanden, und nun war
+buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen mehr zu
+sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer
+wieder umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu
+Mulm zermahlen, die Häuser weggeblasen und zu Pulver
+zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur Wüste
+verwandelt.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet,
+kämpften Männer tage- und wochenlang mit dem
+Bewußtsein, im Falle einer Verwundung rettungslos dem
+Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.
+</p>
+
+<p>
+An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront
+ungeheuren Verlusten trug die mit altpreußischer Zähigkeit
+durchgeführte starre Lineartaktik die Hauptschuld. Ein Bataillon
+nach dem andern wurde in die überfüllte vordere
+Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.
+</p>
+
+<p>
+Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen
+konnte und hörte auf, um wertlose Geländestreifen zu
+kämpfen, um sich einer beweglicheren Verteidigung, deren
+Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.
+</p>
+
+<p>
+Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung
+gekämpft wie damals, wo man wochenlang um zerschossene
+Waldstücke oder unkenntliche Ruinen rang. Der Name auch
+des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an unerhörte Heldenkämpfe,
+die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen.
+Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+Jugend in den Staub. Erhabene Werte, die das deutsche
+Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort noch einmal in
+blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von
+Schlamm und Blut zu erlöschen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-11">
+Am St. Pierre-Vaast.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span>achdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf
+Urlaub verbracht hatte, begab ich mich wieder zum Regiment,
+das in Stellung bei Deuxnouds, ganz nahe der wohlbekannten
+Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft
+nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen,
+altertümlichen Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften
+wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder in der Richtung
+auf das Sommegebiet ab.
+</p>
+
+<p>
+Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden
+Dorf Brancourt untergebracht. Diese Gegend, die
+wir später noch oft berührten, ist von Ackerbauern bewohnt,
+doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die Bevölkerung
+schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer
+Kultur- und Moralstufe stehend. Ich war in einem
+Häuschen einquartiert, das durch ein Ehepaar und seine
+Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß
+sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten.
+Die Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee,
+daß sie mit Poincaré nach seiner Rückkehr einen guten
+Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die Meinung sagen
+würde. Niemals habe ich jemand mit so großer Zungengeläufigkeit
+schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf
+die Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen
+Straße von St. Quentin gewohnt zu haben. <span class="antiqua">&bdquo;Ah, cette
+plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur un
+fumier, c&rsquo;est la crème de la crème&ldquo;</span>, sprudelte sie hervor,
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+während sie mit krallenartig vorgestreckten Händen durch
+das Zimmer raste, ohne ein Objekt für ihre Wut finden zu
+können.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der
+Zubereitung der Butter und anderen häuslichen Arbeiten
+beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig einladend aus,
+doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab
+zu stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die
+garstige Puppe in einen prächtigen Schmetterling verwandelt.
+Mit einem gewissen Mißtrauen betrachtete ich immer
+eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf dem
+Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift
+an den Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein
+Nachbar an der Kehle gepackt, geprügelt und unter dem
+Rufe: <span class="antiqua">&bdquo;Demande pardon!&ldquo;</span> mit dem Tode bedroht hätte.
+</p>
+
+<p>
+Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche
+Versicherung, daß Nationalstolz auch in Frankreich keine
+Eigenschaft der Allgemeinheit ist. Diese Erkenntnis half mir
+zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang hinweg,
+den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller
+härtester Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen.
+<span class="antiqua">Il y a des cochons partout.</span>
+</p>
+
+<p>
+Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant
+Boje geführt. Wir verlebten hier eine Reihe durch gute
+Kameradschaft verschönter Tage. Ich muß gestehen, daß wir
+oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die ganze
+Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren
+Tisch kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der
+Burschen drang meist ein gewaltiger Lärm. Wer sich noch
+nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei mörderischen
+Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen,
+wir gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem
+Herzen jede Stunde des Rausches, die wir dem Leben abringen
+konnten, solange es uns noch in seinem Kreise hielt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier
+bestimmt und stand mit einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren
+und vier Mann der Division zur Verfügung.
+</p>
+
+<p>
+Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem
+Regen nach dem von der Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe
+Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp nach Liéramont
+abkommandiert und dem Leiter des Divisionsnachrichtendienstes,
+Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der Rittmeister
+bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei Beobachtungsoffizieren
+und seinem Adjutanten das geräumige
+Pfarrhaus, in dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein
+kameradschaftliches Zusammenleben geführt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der
+Division vertraut. Wir mußten uns jede zweite Nacht nach
+vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die Stellung genau
+festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu
+orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle
+Aufträge ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet
+zugewiesene Abschnitt lag links vom St. Pierre-Vaast-Walde,
+unmittelbar vor dem sogenannten &bdquo;Namenlosen
+Walde&ldquo;. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich
+beim Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen
+Sumpfes fast ertrunken wäre, in eine dichte Geschoßwolke
+von Phosgengas, die mich tränenden Auges zum Vaux-Walde
+zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske
+geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.
+</p>
+
+<p>
+Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend,
+mit dem Auftrage, die Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen,
+meinen zweiten Gang nach vorn an. An einer in
+Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte ich
+meinem Ziele zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf
+einem vor dem Dorfe Rancourt liegenden Plateau waren
+zahllose Miniaturkrater verstreut, hier und dort von einigen
+Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner Einsamkeit,
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte,
+einen Eindruck beängstigender Öde.
+</p>
+
+<p>
+Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die
+Trichterlinie und ging zurück, um nicht den Franzosen in die
+Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf einen bekannten Offizier
+vom Regiment 164, der mich warnte, in der anbrechenden
+Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich
+durchschritt daher eilig den &bdquo;Namenlosen Wald&ldquo; und stolperte
+durch tiefe Trichter, über entwurzelte Bäume und ein
+fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener Äste.
+</p>
+
+<p>
+Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden.
+Das Trichterfeld lag ohne eine Spur von Leben vor mir.
+Ich stutzte, denn in der modernen Schlacht sind menschenleere
+Flächen stets verdächtig.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener
+Schuß, der mich an beiden Unterschenkeln traf.
+Ich warf mich in den nächsten Trichter und verband die
+Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen
+natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte
+mir die rechte Wade durchbohrt und die linke gestreift.
+</p>
+
+<p>
+Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und
+humpelte von dort durch das schwerbeschossene Gelände zum
+Verbandplatz.
+</p>
+
+<p>
+Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von
+wie kleinen Umständen das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr
+100 Meter vor einer Straßenkreuzung, auf die ich
+zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung
+an, mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten
+hatte. Kaum hatten wir eine Minute gesprochen, als mitten
+auf der Kreuzung eine Granate krepierte, die ohne diese zufällige
+Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben
+würde.
+</p>
+
+<p>
+Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf
+einer Bahre getragen. Der Rittmeister Böckelmann erwartete
+mich freundlicherweise mit einem Auto. Auf der von
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der
+Führer plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis
+sperrte die Straße. Es war eine Infanteriegruppe mit ihrem
+Führer, die soeben einem Volltreffer zum Opfer gefallen
+war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das
+friedliche Aussehen stiller Schläfer.
+</p>
+
+<p>
+Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen
+werden, da Liéramont gerade seinen Abendsegen bekam. Ich
+wurde am selben Abend in das Feldlazarett Villeret und von
+dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.
+</p>
+
+<p>
+Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium
+eingerichtet und beherbergte über 400 Schwerverwundete.
+Tag für Tag verließ unter dumpfem Trommelschlag
+ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten
+Operationssaal konzentrierte sich der ganze Jammer des
+Krieges. An einer Reihe von Operationstischen walteten
+die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde ein Glied
+amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener
+Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie
+hallten durch den von mitleidlosem Licht durchfluteten
+Raum, während weißgekleidete Schwestern geschäftig mit
+Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum
+andern eilten.
+</p>
+
+<p>
+Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter
+Frische ins Feuer geht, hat seine Nervenprobe bestanden,
+denn jeder neue, schreckliche Eindruck krallt sich im Hirn fest
+und reiht sich an den lähmenden Vorstellungskomplex, der
+die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag der
+Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.
+</p>
+
+<p>
+Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein
+verloren hatte, im Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte
+er aus wirren Fieberschauern und ließ sich von der
+Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen.
+Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen
+um Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+so oft aus der Ruhe gestört hätte und war in
+wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns aufzuheitern,
+noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz
+nachzuahmen.
+</p>
+
+<p>
+Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese
+Stätte gehäuften Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte
+ich von dem inzwischen so glänzend durchgeführten Sturm
+des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald
+gelesen.
+</p>
+
+<p>
+Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne.
+Als mein Zug in Epéhy einrollte, ertönte eine Reihe von
+Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer vom Güterwagen
+verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist denn hier los?&ldquo; fragte ein mir gegenübersitzender
+Hauptmann, der anscheinend frisch aus der Heimat
+exportiert war. Ohne mich mit einer Antwort aufzuhalten,
+riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem Bahndamm
+Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die
+letzten. Es waren nur einige Pferde verwundet.
+</p>
+
+<p>
+Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir
+der Posten eines Beobachtungsoffiziers übertragen. Die
+Beobachtung lag an dem abfallenden Hang zwischen Nurlu
+und Moislains. Sie bestand aus einem in einen Unterstand
+eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir
+wohlbekannte vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem
+Feuer, bunten Leuchtkugeln oder sonstigen besonderen
+Ereignissen war die Division telephonisch zu benachrichtigen.
+Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter dem
+Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung
+als ab und zu eine Leitungsprobe. War der Draht
+zerschossen, so mußte ich ihn durch meinen Störungstrupp
+flicken lassen.
+</p>
+
+<p>
+Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren,
+ruhenden Maschinerie, in der ungezählte verborgene Augen,
+Ohren und Arme untätig auf die eine Minute lauern, auf
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture
+eine einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in
+die Höhe, tausend Geschütze brüllen zugleich auf, und mit
+einem Schlage beginnt das Werk der Vernichtung, von unzähligen
+Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.
+</p>
+
+<p>
+Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges
+Netz, um vorn zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen
+und von hinten in gleichmäßigem Strome neue
+Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und
+in die Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch
+einen Strudel von weither durch einen rätselhaften Willen
+gepackt und mit unerbittlicher Präzision zu den Brennpunkten
+tödlichen Geschehens getrieben.
+</p>
+
+<p>
+Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab,
+und ich erholte mich im nahen Nurlu, wo in einem großen
+Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes Quartier eingerichtet
+war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen,
+nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife
+rauchend, einsam vor dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen
+Kellergewölbes verbrachte, während draußen im
+verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und
+in langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille
+unterbrach.
+</p>
+
+<p>
+Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich
+stieß wieder zum Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand
+in Ruhe lag. Ich übernahm dort für den beurlaubten
+Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In
+Fresnoy hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe,
+und jeder bemühte sich, davon so viel als möglich zu profitieren.
+Weihnachten und Neujahr wurden durch große
+Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in
+Strömen floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der
+zweiten Kompagnie, die das vorige Weihnachtsfest mit mir
+zusammen in den Schützengräben von Monchy gefeiert
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem
+Bruder Fritz, der als Fahnenjunker für sechs Wochen zum
+Regiment gekommen war, den sogenannten Salon und zwei
+Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir
+machten uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das
+seine Plüschmöbel und Markartbuketts sowie den im Hofe
+aufgestapelten Holzvorrat mit wahren Argusaugen bewachte
+und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße
+lebte.
+</p>
+
+<p>
+Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn
+je geschwungen. Wenn man spät durch die engen Gassen
+schritt, hörte man überall aus Mannschafts-, Unteroffiziers- und
+Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher Gelage. Im
+Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher
+kam wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol
+in seinen konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der
+Zivilbevölkerung war teilweise von unerwünschter Vertraulichkeit;
+Venus entzog dem Mars manchen Diener.
+</p>
+
+<p>
+Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer
+Strammheit aufgenommen, und es war ein
+vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß nach
+14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand.
+</p>
+
+<p>
+In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den
+Divisionskommandeur, Generalmajor Sontag, statt, bei der
+das Regiment für seine hervorragende Haltung beim Sturm
+auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit zahlreichen
+Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur
+die zweite Kompagnie im Parademarsch
+vorführte, bemerkte ich, daß der Oberstleutnant v. Oppen
+dem General über mich zu berichten schien. Einige Stunden
+später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo
+mir der General das Eiserne Kreuz <span class="antiqua">I.</span> Klasse überreichte.
+</p>
+
+<p>
+Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier
+Wochen nach dem französischen Truppenübungsplatz Sisonne
+bei Laon zu einem Kompagnieführerkursus abkommandiert.
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Der Dienst wurde uns durch den Leiter unserer
+Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht,
+der es in glänzender Weise verstand, das Wesen über die
+starre Form zu stellen und uns mit Interesse für die Sache zu
+erfüllen.
+</p>
+
+<p>
+Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die
+kümmerlichste, die ich im Kriege erlebt habe. Auf den
+Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand während der
+ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes
+Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-12">
+Der Somme-Rückzug.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">Z</span>um Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen
+bei den Ruinen von Villers-Carbonnel in Stellung lag,
+bekam ich vertretungsweise die Führung der 8. Kompagnie.
+Ruheort war Devise.
+</p>
+
+<p>
+Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte
+man die Somme-Niederung bei den Dörfern Brie und
+St. Christ überschreiten, deren trostlose Verwüstung inmitten
+der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders
+nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle
+Wolkenfetzen über den Mondhimmel jagten und durch unheimliche
+Beleuchtungsdifferenzen den Eindruck des Chaotischen
+verstärkten.
+</p>
+
+<p>
+Die Stellung war während der letzten Zeit unseres
+Aufenthaltes zahlreichen englischen Vorstößen ausgesetzt,
+die mit unserer eifrig vorbereiteten großen Räumung des
+Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte
+fast jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie,
+um sich von unserer Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe
+hier einige Erlebnisse der damaligen Periode:
+</p>
+
+<p>
+4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters
+wegen lebhafte Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+ebnete unter Ballonbeobachtung den Abschnitt meines
+3. Zuges fast vollkommen ein. Um meine Stellungskarte zu
+vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch den vollständig
+versoffenen &bdquo;namenlosen Graben&ldquo; zum 3. Zuge.
+Während dieses Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe
+Sonne zur Erde sinken, eine lange, schwarze Rauchfahne
+nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte sich an den
+unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand
+geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete,
+unter seinem Gruppenunterstande schon seit vier Tagen
+ein pickendes Geräusch vernommen zu haben. Ich gab diese
+Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando mit
+Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges
+wahrnahm. Später erfuhren wir, daß damals die ganze
+Stellung unterminiert gewesen sein soll.
+</p>
+
+<p>
+Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden
+eine Patrouille unserem Graben und begann, das Drahtverhau
+zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen eilte mit
+einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und
+warf Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht
+wandten und zwei Mann liegen ließen. Der eine, ein junger
+Leutnant, starb gleich darauf; der andere, ein Sergeant,
+war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den Papieren
+des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes
+trug und dem Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte.
+Er war sehr gut angezogen, und sein vom Tode verkrampftes
+Gesicht war intelligent und energisch geschnitten.
+Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm
+ein einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß
+nicht jeder Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte
+wie meine bisherigen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer
+Artillerievorbereitung den Abschnitt der Nachbarkompagnie,
+in dem der Leutnant Reinhardt befehligte, mit 50 Mann
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+an. Der Gegner hatte sich vor den Draht geschlichen, und
+nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag befestigten
+Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die
+englischen Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen,
+war er gleichzeitig mit seinen letzten Granaten gegen unseren
+Graben angelaufen. Alle hatten berußte Gesichter, um sich
+möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß
+nur ein einziger in den Graben gelangte. Dieser rannte
+gleich bis zur zweiten Linie durch, wo er, nachdem er die
+Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte, niedergeschossen
+wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur
+einem Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant
+wurde, trotzdem er unter der Uniform einen Panzer trug,
+erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup portant entgegengesandte
+Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den
+Leib jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter
+beide Beine fast abgerissen, trotzdem behielt er mit
+stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis zum Tode zwischen den
+zusammengebissenen Zähnen.
+</p>
+
+<p>
+Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte
+ich durch meinen Graben und sah auf einem Postenstande
+den Leutnant Pfaffendorf, der von dort mit einem Scherenfernrohr
+das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich trat
+neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter
+der dritten feindlichen Linie über Deckung ging und sich in
+seiner khakibraunen Uniform scharf vom Horizont abhob. Ich
+riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der Hand, stellte
+Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas
+vor den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel
+dann auf den Rücken, als ob ihm die Beine unter dem Leib
+fortgezogen wären, schlug ein paarmal mit den Armen und
+rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch
+lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen.
+</p>
+
+<p>
+Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+zugedeckt. Ich hatte einen Toten und mehrere Verwundete.
+Der Eingang meines Stollens wurde wie eine Streichholzschachtel
+zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und
+marschierten nach Devise.
+</p>
+
+<p>
+Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen
+Auftrag, den Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille
+von zwei Gruppen bis zum völligen Übergang des
+Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte
+in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille,
+deren Führung energischen Offizieren übertragen
+war, besetzt werden. Die Abschnitte waren vom rechten
+Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir
+unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach
+vorn passierten, hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen.
+Ganze Kompagnien stießen und rissen Mauern
+um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten
+die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen,
+rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch und
+Staubwolken auf, kurz, es wurde eine Orgie der Vernichtung
+gefeiert.
+</p>
+
+<p>
+Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen
+Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf
+den Köpfen, voll unglaublichem Eifer umherrasen. Sie
+fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken
+der Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit
+dem taktmäßigen Geschrei größter Anstrengung so lange,
+bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige
+Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg
+kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen
+Glaskonstruktion eines Wintergartens.
+</p>
+
+<p>
+Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen,
+jeder Baum gefällt, jede Straße unterminiert,
+jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf abgedämmt, jeder
+Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet, alle
+Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert,
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+jeder Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt;
+kurz, das Land, das den vordringenden Gegner erwartete,
+war in ödeste Wüste verwandelt.
+</p>
+
+<p>
+Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist
+viel umstritten, doch scheint mir das chauvinistische Wutgeheul
+diesmal verständlicher als der befriedigte Beifall der
+Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende friedlicher
+Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige
+Machtgefühl schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer
+Offizier natürlich keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen
+heißt, den Gegner durch rücksichtslose Kraftentfaltung zu
+vernichten suchen. Der Krieg ist der Handwerke härtestes,
+seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange das
+Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.
+</p>
+
+<p>
+Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht
+schön war, tut nichts zur Sache. Der aufmerksame Beobachter
+ersah es schon aus der Weise, in der sich der objektive
+Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von niederen
+Instinkten umsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung,
+die ich mit meinen beiden Gruppen übernahm. In dieser
+Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen Kirchhof
+durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß
+das einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer
+Stunden abgeschossen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über
+unsere Stärke zu täuschen. Bald wurden hier, bald dort
+einige Schaufeln voll Erde über Deckung geworfen, und
+unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom rechten,
+bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben.
+Trotzdem klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende
+Beobachter die Stellung überkreuzten oder eine
+Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland durchquerte.
+Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+vor unserem Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu
+schaffen machten.
+</p>
+
+<p>
+Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches
+Ende gefunden. Der Blindgänger einer Ballonabwehrkanone
+sauste aus gewaltiger Höhe herunter und explodierte
+auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt
+hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende
+Öffnung eines Stollens geschleudert, wo ich
+mich äußerst verdutzt wiederfand.
+</p>
+
+<p>
+Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe
+bevorstehen mußte. Im vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten
+englischen Graben erklang das Patschen vieler
+Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung
+verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet
+haben mußten. Dunkle Gestalten näherten sich unserem
+Draht und wurden durch Schüsse vertrieben, eine brach
+jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine Leute
+igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen
+und bemühte mich, das Vorgelände in dem plötzlich
+einsetzenden Artillerie- und Minenfeuer durch Leuchtkugeln
+zu erhellen. Da uns die weißen bald ausgingen, jagten wir
+ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um
+5 Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach,
+sprengten wir noch rasch die Unterstände mit Handgranaten
+auseinander, soweit wir sie nicht vorher mit teilweise genial
+konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen,
+teilweise schon in Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die
+Somme zurück. Nachdem wir als die Letzten die Niederung
+überschritten hatten, wurden die Brücken durch Pionierkommandos
+in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung
+tobte noch immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen
+Stunden erschienen die ersten feindlichen Patrouillen an der
+Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau befindliche
+Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+dem am &bdquo;Canal de St. Quentin&ldquo; gelegenen Dorfe Lehaucourt.
+Ich bewohnte mit meinem Burschen ein kleines, gemütliches
+Häuschen, in dem der Hausrat der verbannten
+Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert
+war. Als bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute
+möchte ich anführen, daß mein Bursche, der treue Knigge,
+trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein Nachtlager
+im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus
+in der kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen
+eigene Zurückhaltung machte dem Führer den Verkehr mit der
+Mannschaft leicht. Die Disziplin im Regiment wurde erst
+von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer
+Stämme als Ersatz einstellen mußten.
+</p>
+
+<p>
+Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem
+mit sämtlichen vom Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen
+gefeuerten Glühwein ein, denn unsere Rückzugspatrouille
+hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch
+einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-13">
+Im Dorfe Fresnoy.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span>ein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde
+diesmal nicht unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich
+wieder bei der zweiten Kompagnie an, die im Dorfe Merignies
+unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude
+wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der
+mir besonders durch den Auftrag, den Gefechtstroß nach
+Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch Regenschauer
+und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über
+die Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr
+nachts unser Ziel erreicht hatten.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht
+hatte, ging ich auf Suche nach einem Quartier für
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+mich, doch fand ich auch den kleinsten Platz schon besetzt.
+Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf den guten
+Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon
+wachen mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen
+darauf warf, erzählte er mir, daß die Engländer den Bayern
+die Vimy-Höhe und ein großes Stück Gelände abgenommen
+hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich feststellen,
+daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens
+in einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm
+schien.
+</p>
+
+<p>
+Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem
+Kanonendonner entgegen bis zum Dorfe Fresnoy. Dort
+bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu errichten. Ich
+suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes
+ein Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten
+Ausguck schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten
+wir in den Keller, bei dessen Ausräumung uns als
+angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen Verpflegung
+ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir
+der Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal
+mit einem Zuge als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches
+Geschenk aus den in der Eile zurückgelassenen
+Beständen eine große Dose Leberwurst und einige Flaschen
+Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen
+Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung
+dieser Schätze mußte leider unverrichteter Dinge wieder
+umkehren, da der Engländer den Dorfrand bereits mit
+dichten Schützenlinien erreicht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle
+zu errichten. Es waren mir zu diesem
+Zwecke Meldeläufer, Radfahrer, Telephone, Lichtsignalstation,
+Erdtelegraph, Brieftauben und eine Leuchtpostenkette
+zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen
+passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich
+dann zum letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und
+Geschrei meines Burschen zu hören, war aber so schlaftrunken,
+daß ich nur murmelte: &bdquo;Laß man schießen!&ldquo; und
+mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum
+dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch
+den Neffen des Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit
+dem Rufe geweckt: &bdquo;Mensch, wissen Sie noch gar nicht, daß
+Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?&ldquo; Als ich aufstand
+und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere
+Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume
+mit dem Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder
+hätte nur ein wenig gröber zu sein brauchen, und das Geschoß
+hätte uns im Keller an die Wände geklebt. Schultz erzählte
+mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten
+Hauses gesagt hätte: &bdquo;Da hat doch gestern ein Leutnant
+drin gewohnt, wir wollen doch mal sehen, ob der noch is.&ldquo;
+Mein Bursche war ganz außer sich über meinen unglaublich
+festen Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller
+über. Auf dem Wege dorthin hätten uns beinahe die
+Trümmer des einstürzenden Kirchturms erschlagen, der von
+einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt
+wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen
+zu erschweren. In einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen,
+einen Doppelposten zu benachrichtigen, der aus der
+Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte man die
+Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen.
+</p>
+
+<p>
+Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz
+leidlich ein, indem wir Möbelstücke aus Schloß und Hütte,
+die uns gerade praktisch erschienen, zusammenschleppten.
+</p>
+
+<p>
+Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine
+Reihe erbitterter Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der
+Niederlage der Engländer endeten, da die Kampfstaffel
+Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf, sechs
+Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in
+weitem Bogen herausfliegen und als schwarzen Punkt von
+seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das Hinaufstarren
+barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum
+Beispiel ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden
+Splitter tödlich am Halse getroffen.
+</p>
+
+<p>
+Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung,
+die in einem um das Dorf Arleux geschlungenen
+Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß er bislang
+nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das
+planmäßige Einschießen der Engländer jedesmal eine
+Räumung der beschossenen Abschnitte gestattete.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich
+der ständig einschlagenden schweren Granaten wegen das
+Dorf im Galopp verlassen. 300 Meter hinter Arleux blieb
+ich stehen und betrachtete die Wolken der hochspritzenden
+Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder
+Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt
+waren, vermischt mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells.
+Als jedoch einige Gruppen leichter Granaten auf die
+schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit Fresnoy verspannen,
+verzichtete ich auf weitere Impressionen und
+räumte eiligst das Feld, um mich nicht &bdquo;antöten&ldquo; zu lassen,
+wie der damals gerade übliche Fachausdruck der zweiten
+Kompagnie lautete.
+</p>
+
+<p>
+Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum
+Städtchen Henin-Liétard ausdehnte, machte ich ziemlich oft,
+da in den ersten 14 Tagen trotz meines großen Personals
+nicht eine einzige Meldung zu befördern war.
+</p>
+
+<p>
+Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz
+beschossen, dessen Granaten mit geradezu infernalischem
+Fauchen heranheulten. Nach jedem Einschlag war
+das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke gehüllt.
+Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von
+einem derartigen Geschoß überrascht, wurde hoch über die
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+Bäume des Parkes geschleudert und brach beim Aufsturze
+sämtliche Knochen.
+</p>
+
+<p>
+An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer
+verschiedenster Kaliber. Trotz der Gefahr konnte ich mich
+nicht vom Dachfenster meines Quartiers trennen, denn es
+war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und
+Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene
+Gelände eilen zu sehen, während rechts und links
+von ihnen der Boden aufwirbelte.
+</p>
+
+<p>
+Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter
+und schloß jeden Zweifel an einem baldigen Angriffe aus.
+Am 27. bekam ich um Mitternacht den Fernspruch: &bdquo;67 von
+5 a. m.&ldquo;, was nach unserem Zifferncode &bdquo;von 5 Uhr vormittags
+an erhöhte Alarmbereitschaft&ldquo; bedeutete.
+</p>
+
+<p>
+Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen
+gewachsen zu sein, gleich nieder, doch als ich gerade
+beim Einschlafen war, schlug eine Granate ins Haus, drückte
+die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das ganze
+Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in
+den Stollen.
+</p>
+
+<p>
+Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze
+auf der Treppe hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten,
+deren Station nebst zwei wertvollen Signallampen
+am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und meldete:
+&bdquo;Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen
+Volltreffer bekommen, es liegen noch welche unter den
+Trümmern!&ldquo; Da ich im Haus Nr. 11 zwei Radfahrer und
+drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen Leuten
+zu Hilfe.
+</p>
+
+<p>
+Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen
+Verwundeten und erhielt folgenden Bericht: Als die ersten
+Schüsse verdächtig nahe einschlugen, beschlossen vier von den
+fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben. Der eine
+sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette
+liegen, während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+Vorsichtigste und der Gleichgültigste kamen, wie so oft im
+Kriege, gut davon, der eine ganz ohne Verwundung, der
+Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei
+anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden
+und in der gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate
+zerrissen.
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle
+eine Zigarre an und trat in den raucherfüllten Raum, in
+dessen Mitte sich ein wüster Trümmerhaufen von zerschlagenen
+Bettstellen, Strohsäcken und anderen Möbelstücken fast
+bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter
+zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns
+an die traurige Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern
+ragenden Gliedmaßen und zogen die Leichen heraus. Dem
+einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am
+Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf
+des zweiten ragte der zersplitterte Knochen, und die
+Uniform war vom Blute einer großen Brustwunde durchtränkt.
+Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem aufgerissenen
+Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich
+ein zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die
+schauerliche Wunde. Die eine Ordonnanz machte eine Bemerkung
+darüber und wurde von meinem Burschen mit den
+Worten: &bdquo;Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln
+kein Zweck!&ldquo; zur Ruhe verwiesen.
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir
+bei ihnen fanden. Es war ein unheimliches Geschäft. Die
+Kerzen flackerten rötlich durch den dichten Dunst, während
+die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne Gegenstände
+zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den
+Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl
+niedergeschlagen und gab ihnen das starre Aussehen von
+Wachsmasken. Wir warfen Decken über sie und eilten aus
+dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine Zeltbahn
+gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: &bdquo;Beiß die
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Zähne zusammen, Kamerad!&ldquo; schleppten wir ihn durch ein
+wildes Schrapnellfeuer zum Sanitätsunterstand.
+</p>
+
+<p>
+In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst
+durch eine Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse
+waren mir doch auf die Nerven gefallen. Bald bekamen wir
+wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns eiligst im
+Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von Artilleriewirkung
+in Kellern noch deutlich vor Augen stand.
+</p>
+
+<p>
+Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden
+zu unerhörter Stärke. Unser Stollen wankte und zitterte wie
+ein Schiff auf stürmischer See; ringsum erdröhnte das
+Bersten von Mauerwerk und das Krachen der zusammenstürzenden
+benachbarten Häuser.
+</p>
+
+<p>
+Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das
+zweite Bataillon auf: &bdquo;Brigade will sofort Klarheit über
+die Lage.&ldquo; Nach einer Stunde brachte mir ein Meldeläufer
+die Nachricht zurück: &bdquo;Feind besetzte Arleux, Park von
+Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang
+keine Nachricht. Rocholl, Hauptmann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht,
+die ich mit meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln
+während der drei Wochen meines Aufenthaltes in
+Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von größtem
+Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer
+Gefecht gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.
+</p>
+
+<p>
+Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich,
+warum schon seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe
+abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen die Mauern klappten.
+</p>
+
+<p>
+Kaum waren wir uns über die großen Verluste des
+Regiments klar, als die Beschießung mit erneuter Wucht
+einsetzte. Mein Bursche stand als letzter noch auf der
+obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es
+dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen.
+Der biedere Knigge bekam einen derben Kantstein
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+auf den Buckel, nahm aber sonst keinen Schaden. Oben
+war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht blickte
+nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder
+zu uns herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf
+die unterste Stufe zurück, während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der Unsicherheit
+unseres Asyles überzeugten.
+</p>
+
+<p>
+Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt;
+ich stellte dem Chef des Divisionsmeldewesens
+unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam Befehl, mich mit
+den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen zurückzuziehen.
+</p>
+
+<p>
+Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen
+und schickten uns an, den Stollen durch den zweiten
+noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz meiner energischen,
+durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle
+zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie
+so lange, sich aus dem Schutze des Stollens
+ins Feuer zu begeben, bis auch dieser Eingang, von einer
+schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum
+Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund
+heulte jämmerlich auf und war von diesem Augenblick an
+verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden
+Fahrräder zur Seite, krochen auf allen Vieren über
+den Trümmerhaufen hinweg und gewannen durch eine enge
+Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der
+unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser
+wenigen Stunden aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang
+zu. Kaum hatte der Letzte das Hoftor verlassen, als
+das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag getroffen
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem
+Sanitätsstollen lag ein kompakter Feuerriegel. Leichte und
+schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn- und Verzögerungszündern,
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells
+vereinten sich zu einer Raserei akustischer und optischer
+Effekte. Dazwischen strebten, rechts und links dem Hexenkessel
+des Dorfes ausweichend, Unterstützungstrupps nach vorn.
+</p>
+
+<p>
+In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die
+andere ab, jede Sekunde schien die vorhergehende noch übertrumpfen
+zu wollen. Wie durch Zaubermacht wurde ein
+Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern
+brachen, Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden
+durch die Luft geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend.
+Über weißlichen Dampfschwaden tanzten Wolken
+von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt an dieser
+wirbelnden Vernichtung.
+</p>
+
+<p>
+Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in
+qualvoller Enge, denn außer von meinen Leuten wurde er noch
+von zwei Bataillonsstäben, Ablösungskommandos und den
+unvermeidlichen &bdquo;Versprengten&ldquo; bevölkert. Der starke Verkehr
+vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt.
+Bald saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte
+Granaten auf dem vorüberführenden Feldwege und verwundeten
+alle Augenblicke ein paar Leute. Ich büßte durch
+diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir
+neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu
+seltsamen Gebilden verbogen, in alle Winde geschleudert.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn
+gerollt, die große Hornbrille noch im Gesicht, der Führer
+der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière, den seine Leute hierher
+geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund bekommen.
+Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später
+durch genau dieselbe Verletzung.
+</p>
+
+<p>
+Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden
+Regiment Nr. 25 meine Geschäfte, und wir rückten
+nach Flers, dem Sammelort des ersten Bataillons, ab. Das
+Kalkwerk &bdquo;Chez-bon-temps&ldquo; mit seinen schweren Einschlägen
+links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+durch den wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach
+Beaumont. Die Augen genossen wieder die Schönheit der
+Erde und die Lunge berauschte sich an der milden Frühlingsluft,
+froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen
+zu sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand
+ich das Dichterwort nach:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht,</p>
+ <p class="line">Zu besserm Ding als sich zu schlagen.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von
+einigen Feldwebeln der Etappe besetzt, die sich unter dem
+Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn von <span class="antiqua">X.</span> bewachen
+zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht
+mit den aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten
+Frontsoldaten rechneten. Ich ließ von meinen Begleitern
+kurzerhand die Tür einschlagen und nach einem kleinen
+Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé herbeigeeilten
+Hausbewohner flogen die Herren die Treppe
+hinunter. Mein Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit,
+ihnen ihre langen Stiefel nachzuschleudern. Nach diesem
+Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte Bett, dessen
+Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden
+Freunde Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten
+Möbel tat uns so wohl, daß wir am nächsten Morgen &bdquo;in
+alter Frische&ldquo; erwachten.
+</p>
+
+<p>
+Da das erste Bataillon während der verflossenen
+Kampftage die wenigsten Verluste gehabt hatte, war die
+Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof Douai marschierten.
+Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt
+Busigny, in dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns
+einige Tage erholen sollten. Wir fanden bei der freundlichen
+Bevölkerung gute Quartiere, und schon am ersten Abend
+drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm kameradschaftlicher
+Wiedersehensfeiern.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht
+zählt zu den schönsten Erinnerungen alter Krieger.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten
+zwei fanden sich mit tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend
+beim Becher, brachten den toten Kameraden ein stilles
+Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen Erlebnisse.
+Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den
+künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel
+dazu grinsten, wenn nur der Wein gut war. So war von
+je rechter Kriegsbrauch.
+</p>
+
+<p>
+Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht.
+Hier, wo die geistigen Träger und Vorkämpfer der
+Front zusammenkamen, konzentrierte sich der Wille zum
+Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter.
+Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des
+Krieges unterstrich und doch vergeistigte, das man bei den
+Leuten, mit denen man zusammen in den Trichtern lag, so
+selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der
+ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten
+habe ich in diesem viel verlästerten Kreise niemals ein
+Wort des Zagens vernommen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir
+Befehle vor, aus denen mir gegen Mittag klar wurde, daß
+ich die Führung der vierten Kompagnie übernehmen sollte.
+In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der niedersächsische
+Dichter Hermann Löns gefallen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-14">
+Gegen Inder.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>m 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem
+Marsche nach dem wohlbekannten Brancourt, und am folgenden
+Tage rückten wir über Montbréhain, Ramicourt,
+Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor einem
+Monat verlassen hatten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer
+prasselten unaufhörlich auf das überschwemmte Gelände
+nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe von schönen,
+warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung
+vor dem Kanal von St. Quentin, dahinter lag die
+berühmte Siegfriedstellung. Es war mir rätselhaft, warum
+wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen
+mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk
+hinter uns hatten.
+</p>
+
+<p>
+Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches,
+von kleinen Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in
+den zarten Farben des ersten Frühjahrs. Man konnte sich
+ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da zahlreiche,
+kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung
+sicherten. Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn
+im Auge, und es verging in mancher Woche keine Nacht,
+wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt die kleinen
+Besatzungen zu vertreiben suchte.
+</p>
+
+<p>
+Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer
+Ruhe; die Witterung war so schön, daß die Leute
+die milden Nächte im Grase liegend verbrachten. Am
+14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und
+rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach
+unserem Ruheort Montbréhain, einem großen Dorfe, das
+noch wenig durch den Krieg gelitten hatte und infolgedessen
+sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten wir
+als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die
+reinste Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen
+in die Böschung eingebauten Lauben oder badeten
+und ruderten im Kanal.
+</p>
+
+<p>
+Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige
+Besuch von Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben
+am wenigsten geschätzt wird. Allerdings hatte sich mein
+linker, an das Dorf Bellenglise grenzender Flügel keineswegs
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten
+Tage bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in
+die rechte Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur
+Unglücksstelle eilte, saß er schon wieder ganz vergnügt, die
+Sanitäter erwartend, auf der linken Seite, trank Kaffee und
+aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.
+</p>
+
+<p>
+Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der
+Riqueval-Ferme ab. Diese Ferme, ein ehemaliger großer
+Gutshof, diente jeweilig einer der vier Stellungskompagnien
+zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im
+Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen.
+Diese schachbrettartig hinter der Kampfstellung
+gruppierten Kampfnester waren die ersten Versuche einer
+elastischen Verteidigung.
+</p>
+
+<p>
+Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen
+nach vorn entsandt.
+</p>
+
+<p>
+Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen
+Linie, trotzdem waren ihre von einem verwachsenen
+Park umschlossenen Gebäude noch völlig unzerstört. Sie
+war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt.
+Die blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige
+Umgebung verliehen unserem Dasein trotz der Nähe der
+Front eine Spur jenes heiteren Lebensgenusses, den der
+Franzose unter seinem &bdquo;vie de campagne&ldquo; versteht. In
+meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet,
+das schon in den frühesten Morgenstunden mit der
+geräuschvollen Fütterung seiner unersättlichen Nachkommenschaft
+begann.
+</p>
+
+<p>
+Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn
+der aus dem Lazarett entlassene Leutnant Vogeley übernahm
+wieder die Führung der vierten Kompagnie. Ich begab mich
+zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt unter Führung
+eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.
+</p>
+
+<p>
+Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten
+Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+Kompagnieführer lag mit dem dritten hinter einem kleinen
+Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob sich auch eine
+winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen
+in rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen
+Artilleristen bewohnte. Die eine Seite war an einen
+kleinen, in der Schußrichtung verlaufenden Hang geklebt,
+die drei anderen boten dem Feinde trutzig die Flanken.
+Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte
+man ungefähr folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen
+dem Besitzer der oberen und dem der unteren Pritsche entspann,
+vernehmen:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du, Ernst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hm?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaube, sie schießen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube,
+das waren die letzten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Viertelstunde:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du, Oskar!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube,
+eben ist eine Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir
+wollen doch lieber aufstehen. Der Artilleriebeobachter nebenan
+ist schon lange ausgerissen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen.
+Wenn wir fertig waren, war es der Engländer
+meist auch, und wir konnten uns vergnügt an den lächerlich
+kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen
+Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags
+wurde vor der Tür der englischen Artillerie zum
+Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn genommen.
+</p>
+
+<p>
+Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn
+man im dolce far niente auf der Drahtpritsche lag, pendelten
+riesige Regenwürmer an der Erdwand, die bei Störungen
+mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher
+schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+aus seinem Bau heraus und trug viel zur Belebung unserer
+ausgedehnten Siesta bei.
+</p>
+
+<p>
+Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt
+gehörige Feldwache besetzen. Zu später
+Stunde verließen wir die Stellung und schritten auf einem
+Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände schlängelte,
+in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten,
+daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern
+mit dem hellgrünen Grase in einem merkwürdig satten
+Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder mit
+seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr
+lautlos über den blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten
+unser Ziel erreicht. Flüsternd wurde die Wache übergeben,
+leise die Posten aufgestellt, dann entschwand die abgelöste
+Mannschaft im Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang.
+Im Rücken floß ein wirr verwachsenes Waldstück in die
+Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter breiten Wiesenstreifen
+getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben
+sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief.
+Zwischen diesen Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.
+</p>
+
+<p>
+Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel
+Hackmann mit einigen Leuten der siebenten Kompagnie
+im Begriff, eine Patrouille zu machen. Ich schloß
+mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich eigentlich
+meine Feldwache nicht verlassen durfte.
+</p>
+
+<p>
+Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene
+Methode des Vorgehens anwandten, zwei den Weg sperrende
+Drahtverhaue und gelangten, seltsamerweise ohne auf einen
+Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem wir rechts
+und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später
+wurde mir klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen
+hatte, um sie nicht bei dem Feuerüberfall auf unsere
+Feldwache, von dem ich gleich berichten werde, in Mitleidenschaft
+zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin,
+daß ich in einem Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf
+den Feind stoßen mußten, die Patrouillenteilnehmer abwechselnd
+vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit immer
+nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der
+Gefahr, von einem lauernden Schützen erschossen zu werden,
+während die anderen geschlossen weiter hinten zum Eingreifen
+bereit waren. Ich pflegte mich natürlich für meine
+Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem
+ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger
+hielt. Indes muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus
+Rücksichten subjektiver Art taktische Fehler begehen.
+</p>
+
+<p>
+Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die
+leider durch dichte Hindernisse von uns getrennt waren.
+Nachdem der Vorschlag des etwas exzentrischen Feldwebels,
+sich als Überläufer auszugeben und so lange zu verhandeln,
+bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in
+einer kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns
+mißmutig zur Feldwache zurück.
+</p>
+
+<p>
+Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel,
+zündete mir so versteckt wie möglich eine Pfeife an, und
+überließ mich meiner Phantasie. Inmitten des schönsten
+Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges Rascheln im
+Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde
+liegen die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar,
+daß man in solchen Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen
+Geräuschen sofort bestimmt weiß: Jetzt ist etwas los!
+</p>
+
+<p>
+Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: &bdquo;Herr
+Leutnant, es gehen 70 Engländer gegen den Waldrand vor!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe,
+versteckte mich aber vorsichtshalber mit den vier in
+meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem Steilhange im
+hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu beobachten.
+Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über
+die Wiese huschen. Während meine Leute die Gewehre
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+darauf richteten, rief ich ein leises: &bdquo;Wer da?&ldquo; Es war
+der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter alter Krieger
+der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu
+sammeln versuchte.
+</p>
+
+<p>
+Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie
+formieren, deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück
+lehnten. In einer Minute standen die Leute mit aufgepflanztem
+Seitengewehr. Als ich die Richtung nachsah
+und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte,
+bekam ich zur Antwort: &bdquo;Ich bin Krankenträger.&ldquo; Der Mann
+hatte sein Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch
+diesen Triumph preußischer Disziplin, ließ ich antreten.
+</p>
+
+<p>
+Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte
+von englischer Seite ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter
+ein. Wir gingen unwillkürlich in
+Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns liegenden
+Hügels zu gewinnen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich
+riß eine Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen.
+Zu meinem Schrecken erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion
+den Unteroffizier Teilengerdes, der unbemerkt vorgelaufen
+und über einen Draht gestolpert war. Glücklicherweise
+blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das
+schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer
+verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.
+</p>
+
+<p>
+Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der
+Richtung auf den Steilhang, der unter schwerem Feuer lag,
+während ich mit Teilengerdes und drei Getreuen meinen
+Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: &bdquo;Die Engländer!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur
+durch stiebende Funken erhellten Wiese eine Doppelschnur
+knieender Gestalten in mein Auge, sich gerade erhebend und
+avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des Offiziers
+am rechten Flügel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu.
+Trotzdem ich über einen tückisch durchs hohe Gras gespannten
+Draht stolperte und mich überschlug, kam ich doch glücklich
+an und brachte meine erregten Leute allerdings nur durch
+Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte
+Schützenlinie.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken
+der gewöhnliche Mann, der vollauf mit seiner persönlichen
+Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar unbeteiligte Sachlichkeit
+des Führers bewundert, der inmitten der tausend entnervenden
+Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines
+Auftrages klar im Auge hat. Diese Bewunderung hebt
+jeden ritterlich Gesinnten über sich selbst hinaus und spornt
+ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer und
+Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung
+entzünden. Der moralische Faktor ist eben alles.
+</p>
+
+<p>
+Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches
+Knacken und Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens
+glitt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt! Wer da! Parole?!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen
+auch das alte Losungswort des 1. Bataillons &bdquo;Lüttje Lage&ldquo;,
+ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem Hannoveraner
+geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames, unverständliches
+Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf
+mich und ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten,
+deutsche Worte gehört zu haben. Meine zwanzig Gewehre
+fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die Kammern rasselten,
+und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern verwandelt.
+Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit.
+</p>
+
+<p>
+Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen.
+Einer von uns bekam einen Schulterschuß und wurde durch
+den Sanitäter verbunden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Stopfen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+ruhte. Die Spannung der Nerven war durch die Tat gedämpft.
+</p>
+
+<p>
+Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende
+Aufforderung: <span class="antiqua">&bdquo;Come here, you are prisoners,
+hands up!&ldquo;</span>
+</p>
+
+<p>
+Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner
+löste sich vom Waldsaum und kam auf uns zu. Einer beging
+die Dummheit, ihm &bdquo;Parole!&ldquo; entgegenzurufen, worauf er
+stehen blieb und sich umdrehte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schießt ihn kaputt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und
+glitt ins hohe Gras.
+</p>
+
+<p>
+Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl
+der Genugtuung. Vom Waldrande erscholl wieder wirres
+Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich gegenseitig ermutigten,
+gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.
+</p>
+
+<p>
+In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen
+Streifen. Es begann zu dämmern, und ein leichter Nebel
+stieg vom Wiesengrunde auf.
+</p>
+
+<p>
+Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel.
+Fünf, zehn, fünfzehn, eine ganze Kette. Zitternde Hände
+lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter waren sie heran,
+30, 15 .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Feuerrr! Minutenlang knatterten die Gewehre.
+Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne
+gegen Waffen und Stahlhelme wuchteten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich ein Schrei: &bdquo;Aaaachtung, links!&ldquo; Eine Schar
+von Angreifern schnellte von ganz links auf uns zu, voran
+eine Riesengestalt mit vorgestrecktem Revolver, eine weiße
+Keule schwingend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Linke Gruppe links schwenken!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge
+stehend. Einige der Gegner, darunter der Führer,
+brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen zusammen,
+die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen
+waren.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem
+Seitengewehr und wütendem Hurra stürmten wir
+das Wäldchen. Handgranaten flogen in das verschlungene
+Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer
+Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner
+gepackt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld
+und starrten in die blassen, übernächtigen Gesichter der
+Kameraden. Die Sonne war strahlend aufgegangen. Eine
+Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir
+waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach
+einer durchspielten Nacht die Karten auf den Tisch wirft,
+wenn die kühle Morgenluft sich durch die aufgerissenen
+Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.
+</p>
+
+<p>
+Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette
+ansteckten, hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen
+laut jammernden Verwundeten durch den Hohlweg entfernte.
+</p>
+
+<p>
+Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der
+Wiese, auf der wir die Schützenlinie zusammengeschossen
+hatten, stiegen fremdartige Rufe und Schmerzensschreie.
+Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und
+drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen
+fest überzeugt, von uns umgebracht zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Auf meine Frage: &bdquo;Quelle nation?&ldquo; antwortete einer:
+&bdquo;Pauvre Radschput!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen,
+um sich bei diesem gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen
+Füsilieren die Schädel einzurennen.
+</p>
+
+<p>
+Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf
+diese kurzen Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß
+Sprengwirkung. Keiner hatte weniger als zwei Schüsse bekommen.
+Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu unserem
+Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften
+ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der
+Faust, wodurch sie in ihrer Angst noch bestärkt wurden. Einer
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+starb schon während des Transportes. Er wurde doch noch
+mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder
+lebendig, eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen
+suchten unser Wohlgefallen zu gewinnen, indem sie fortwährend
+riefen: &bdquo;Anglais pas bon!&ldquo; Weshalb diese
+Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.
+</p>
+
+<p>
+Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den
+Lärm des Kampfes gehört und schweres Absperrungsfeuer
+bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere Beute
+gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein
+halbes Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück
+und ließ mich von ihm zur Feier des Tages mit Spiegeleiern
+bewirten.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde
+im Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit
+20 Mann einer um das Mehrfache überlegenen Abteilung,
+die uns schon in den Rücken gekommen war, siegreich widerstanden.
+Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine
+glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer
+Qualität zu erzielen.
+</p>
+
+<p>
+Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich
+durch Überlegenheit über die Situation und persönliche Einwirkung
+auf meine Leute dem feindlichen Führer eine arge
+Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab bereitet hatte. Wir
+beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise gemessen,
+wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison
+üblich ist; nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.
+</p>
+
+<p>
+Sollte ein Angehöriger der 1<sup>st</sup> Hariana Lancers diese
+Zeilen lesen, so sei ihm hier meine Achtung ausgesprochen
+für eine Truppe, die solche Führer ihr eigen nennt wie diesen
+Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu kämpfen.
+</p>
+
+<p>
+Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? &bdquo;Ihr dürft nur
+Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten.
+Ihr müßt stolz auf Euren Feind sein, dann sind die
+Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei
+der sich tagsüber der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten
+konnte, wieder zu besetzen. Kius und ich faßten mit
+50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am
+Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken,
+nur aus dem Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel
+Hackmann erkundet hatte, rief uns ein Posten an, schoß eine
+Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den unvorsichtigen
+jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.
+</p>
+
+<p>
+An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den
+Flankenangriff abgeschlagen hatten, lagen drei Leichen. Es
+waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit zwei goldenen
+Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er
+hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte
+die entgegengesetzte Schläfe durchbohrt und den Rand seines
+Stahlhelmes zerschmettert, der sich heute in meiner Sammlung
+derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch die
+von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen,
+sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur
+noch zwei scharfe Patronen enthielt.
+</p>
+
+<p>
+Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick
+hat mich immer unangenehm berührt, doch mischte ich mich
+nicht ein, da die Sachen doch nur dem Verderben ausgesetzt
+waren, und ästhetische oder moralische Bedenken mir in dem
+dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe Unerbittlichkeit
+des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.
+</p>
+
+<p>
+In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im
+Unterholz des Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein
+Zeichen der schweren Verluste der Gegner, das den Aufenthalt
+auf Feldwache noch weniger einladend machte. Als ich mich
+einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein merkwürdiges,
+zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich
+trat näher und stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze
+zu einem gespenstischen Leben erwacht schienen.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Schultz, zehn Mann und einem leichten Maschinengewehr
+von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf Patrouille
+aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg
+bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz
+ging mit seinen Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor
+mit der Verabredung, uns gegenseitig beizuspringen, wenn
+ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns kriechend, ab
+und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer.
+Wir lagen wie angegossen am Boden. Jeder alte
+Patrouillengänger wird die Reihe unangenehmer Gefühle
+der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter
+einer Ginsterstaude und wartete ab. Rechts von mir warf
+ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.
+</p>
+
+<p>
+Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der
+ekelhaft scharfe Knall der Abschüsse verriet, daß die Schützen
+nur wenige Meter von uns lagen. Ich sah, daß wir in eine
+üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles
+sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück,
+während auch zu unserer Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten
+dieses entnervenden Geknatters gab ich jede Hoffnung
+an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in
+ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine
+Hetzjagd ab.
+</p>
+
+<p>
+Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem
+Hurräh auf uns los. Der kleine Schultz gestand mir später,
+die Vorstellung gehabt zu haben, daß ein hagerer Inder
+messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast
+am Kragen gepackt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier
+Teilengerdes. Ich verlor Stahlhelm, Pistole und
+Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten wir den
+schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher
+Zeit kam der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+berichtete mir ganz außer Atem, daß er wenigstens den
+frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt hätte. Gleich
+darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der
+Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen
+waren unverwundet.
+</p>
+
+<p>
+Das größte Unglück war, daß der Mann, der das
+Maschinengewehr getragen hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten
+gefallen war, und das Ding liegen gelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite
+Expedition planten, setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich
+genau an die Nacht vom 12. erinnerte, auch in bezug auf die
+heillose Verwirrung, die sofort ausbrach. Ich fand mich
+ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten,
+der sich mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch
+und jammerte: &bdquo;Herr Leutnant, nicht allein lassen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und
+mich an der Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich
+sammelte die Leute in einer Reihe von Postenlöchern am
+Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen dämmerte,
+ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte.
+</p>
+
+<p>
+In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt
+und gerührt von dem gläubigen Vertrauen des
+Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über die Lage.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant,
+zu Hilfe, ich bin verwundet! Wo ist der Leutnant?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den
+schönsten Lohn in sich, wie die Feigheit ihre Strafe. Ich
+habe stets den Feigling bemitleidet, dem die Schlacht zu einer
+Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in gesteigerter
+Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse
+betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der
+Absicht, unser Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet
+uns eine Reihe verdächtiger Geräusche beim Anschleichen,
+daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der
+wie so mancher andere im Kriege uns innerlich fluchen
+machte), die verlorene Waffe mit Gewalt wiederzuerobern.
+Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung
+von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und
+das Gewehr suchen.
+</p>
+
+<p>
+Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am
+Nachmittage selbst einige Batterien ein.
+</p>
+
+<p>
+Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden
+Schultz wieder auf dem unheimlichen Stück Erde,
+auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht hatte.
+Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr
+auszuhalten. Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk,
+den wir in Säcken mitgebracht hatten. Wie Leichentücher
+leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen
+Maschinengewehrgeschosse fortwährend um die Beine flogen
+und in den Steilhang klatschten. Deswegen entstand ein
+heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die
+Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch
+wieder, als Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch
+mit einer Flasche Burgunder entdeckte, die ich zur
+Stärkung für das bedenkliche Abenteuer mitgenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran.
+Sie schlug 50 Meter hinter uns ein. Ehe wir uns noch über
+diese seltsame Schießerei verwundern konnten, saß eine
+zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte
+uns mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal
+fluchen, denn ich hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir
+vor, mehr der Ehre wegen als in der Hoffnung auf Erfolg.
+Wir hatten das Glück, daß die Posten anscheinend ihre Plätze
+verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr unsanfter
+Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr
+auch nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen
+Division abgelöst wurden, hatte das Geplänkel ein
+Ende.
+</p>
+
+<p>
+Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und
+marschierten von dort nach Cambrai, wo wir fast den ganzen
+Monat Juli verlebten.
+</p>
+
+<p>
+Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden
+Nacht endgültig verloren.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-15">
+Langemarck.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">C</span>ambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des
+Artois, an dessen Namen sich manche historische Erinnerung
+knüpft. Enge, altertümliche Gassen schlingen sich um das
+mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele Kirchen.
+Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel.
+Breite Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein
+Denkmal des Fliegers Blériot ziert.
+</p>
+
+<p>
+Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den
+großen, einfach aussehenden und reich ausgestatteten Häusern
+ein behagliches Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers
+verbringen hier ihren Lebensabend. Das Städtchen führt
+mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn
+kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre.
+</p>
+
+<p>
+Der große Krieg riß das stille Nest brutal aus seinem
+Dornröschenschlummer und verwandelte es in einen Brennpunkt
+riesiger Schlachten. Ein hastiges, neues Leben rasselte
+über das holperige Pflaster und klirrte gegen die kleinen
+Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde
+Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen
+sich in die mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem
+Wechsel die beschauliche Ruhe der Privatiers, die nun
+inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken und Haustüren
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme
+Schauermären und sicherste Nachrichten über den baldigen
+Endsieg der Landsleute zuraunend.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren
+in der Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm
+während unserer Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels
+an; allgemeine Unterhaltungen aus den
+Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische Abenteuer
+waren an der Tagesordnung.
+</p>
+
+<p>
+Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den
+großen Platz bei dem später berühmt gewordenen Dorfe
+Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten Dienst, denn
+der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps
+übertragen.
+</p>
+
+<p>
+Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen
+meine Wirte, das freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon,
+mich mittags essen, ohne mir irgend etwas Gutes
+heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee zusammen,
+spielten und plauderten. Besonders oft wurde
+natürlich die schwer zu beantwortende Frage erörtert, warum
+die Menschen Krieg führen müßten.
+</p>
+
+<p>
+Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot
+mancherlei Schwänke der allzeit müßigen und witzigen
+Bürger Cambrais zum besten, die in Friedenszeiten
+Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes Gelächter
+versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude
+Tilliers köstlichen Onkel Benjamin erinnerten.
+</p>
+
+<p>
+Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben
+Städtchen und fuhren nordwärts nach Flandern. In den
+Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort schon wochenlang
+ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch
+nicht gesehen.
+</p>
+
+<p>
+In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner
+ausgeladen und marschierten durch die ungewohnte Landschaft
+nach dem Ohndanklager. Rechts und links von der
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte
+Felder und saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen.
+Weit verstreut lagen saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder
+Ziegeldächern, an deren Mauern Bündel von Tabakspflanzen
+zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs
+kommenden Landleute waren von germanischem Typ und
+unterhielten sich in derber, heimatlich anmutender Sprache.
+Wir verbrachten den Nachmittag in den Gärten von Einzelgehöften,
+der Sicht der feindlichen Flieger entzogen. Ab
+und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige
+Granaten von Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg
+und explodierten in der Nähe. Eine schlug in einen der zahlreichen
+kleinen Bäche und tötete einige badende Leute vom
+Regiment 91.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend mußte ich mit einem Vorkommando zur
+Stellung des Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung
+vorzubereiten und meine Leute einzuweisen. Wir
+gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf Kokuit
+zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch
+schwere Granaten einige Male &bdquo;aus dem Schritt gebracht&ldquo;.
+In der Dunkelheit hörte ich die Stimme eines Rekruten:
+&bdquo;Der Leutnant legt sich ja nie hin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der weiß ganz genau Bescheid,&ldquo; wurde er durch einen
+Älteren belehrt. &bdquo;Wenn eine richtig kommt, ist er der erste,
+der liegt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz
+durchschaut. &bdquo;Nimm nur Deckung, wenn es nötig ist, dann
+aber plötzlich.&ldquo; Den Grad der Notwendigkeit kann allerdings
+nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den Endpunkt
+der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch
+das leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen,
+wanden sich durch einen endlos langen Schachtelgraben vor.
+So nennt man Gräben, die des Grundwassers wegen nicht
+tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen auf den
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen
+unheimlich zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der
+Führer zufolge vor einigen Tagen ein Regimentsgefechtsstand
+durch die Kleinigkeit von 1000 24-cm-Granaten vertrieben
+war. &bdquo;Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,&ldquo;
+dachte ich mir dabei im stillen.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz
+geirrt waren, standen wir ratlos, von unseren Führern verlassen,
+auf einem schilfbewachsenen Stück Erde, von moorigen
+Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln sich das
+Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und
+hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser.
+Endlich kam der unglückliche Führer, auf den sich unsere
+ganze Wut verdichtete, zurück und gab an, den Weg gefunden
+zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre, bis zu einem
+Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen
+Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln
+und Hohlbläser durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende
+Arzt gab uns einen vernünftigen Mann mit, der
+uns zur Mäuseburg, dem Sitze des Bereitschaftskommandeurs,
+geleitete.
+</p>
+
+<p>
+Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des
+Regiments 225, die von der zweiten Kompagnie abgelöst
+werden sollte und fand nach langem Suchen im Trichtergelände
+einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch
+Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher
+durch einen schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung
+durch die niederkrachende Dachplatte wie in einer Mausefalle
+zerquetscht worden.
+</p>
+
+<p>
+Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten
+Betonklotz des Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins,
+zu, der sich mit seinen Ordonnanzen die Zeit
+mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose
+Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach,
+um kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+zu lauschen. Dann pflegte er die schönen Zeiten in
+Rußland zu beseufzen und fluchte über die Auspumpung
+seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen
+Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden
+Brisanzgranaten riefen inmitten der toten Landschaft
+ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit
+hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen
+Mann, der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde
+ich durch einen starken Stoß hochgeschreckt. Meine Leute
+leuchteten die Wände ab, um nach einem Loch zu suchen. Es
+stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der Außenwand
+geplatzt war.
+</p>
+
+<p>
+Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur
+auf der Mäuseburg, da ich mich noch über einige
+wichtige Fragen informieren mußte. Andauernd schlugen
+neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der
+Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier
+einen endlosen Skat spielte und eine Seltersflasche voll
+schlechten Fusels kreisen ließ. Manchmal legte er die Karten
+hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte mit sorgenvoller
+Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur
+Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch
+war deutlich der Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn,
+daß wir einem Treffer von oben nicht gewachsen wären.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender
+Heftigkeit, vorn stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln
+hoch. Staubbedeckte Läufer brachten die Meldung,
+daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem Trommeln
+wurde der Infanteriekampf eingeleitet.
+</p>
+
+<p>
+Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt,
+wartete ich auf das Eintreffen der zweiten Kompagnie, die
+um 4 Uhr morgens während eines lebhaften Feuerüberfalls
+erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und führte ihn an
+seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten
+eines riesigen Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.
+</p>
+
+<p>
+Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische
+Nebel und gab uns einen Ausblick auf unsere schaurige
+Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht über dem Erdboden
+hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und durchforschte,
+Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während
+versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern
+zu verbergen suchten.
+</p>
+
+<p>
+Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall
+ein, der unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten
+Meere gleich umbrandete. Der Wald von Einschlägen
+um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand.
+Wir hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den
+schmetternden Treffer, der uns samt den Betonblöcken spurlos
+hinwegfegen und unseren Aufenthalt der Trichterwüste
+gleichmachen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir
+uns in längeren Pausen vorbereiten konnten, verging der
+ganze Tag.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab
+mir einen Befehl, aus dem ich entnahm, daß die erste,
+dritte und vierte Kompagnie um 10.50 Uhr zum Gegenstoß
+antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die
+vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden
+gekräftigt entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht
+ahnend, daß mein Bruder Fritz, den ich noch in Hannover
+wähnte, mit einer Gruppe der dritten Kompagnie durch den
+Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm
+vorging.
+</p>
+
+<p>
+Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines
+Verwundeten gestört, den zwei im Trichterfelde verirrte
+Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen waren, bei uns
+niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten,
+war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+Granatloch, überdeckten ihn mit ein paar Schaufeln Erde
+und entfernten sich, eines der unzähligen einsamen und unbekannten
+Gräber des Krieges zurücklassend.
+</p>
+
+<p>
+Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer,
+wusch mich in meinem Stahlhelm und schickte nach Befehlen
+zum Kompagnieführer, der zu meinem Erstaunen schon abgerückt
+war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt benachrichtigt
+zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere
+fremder Waffengattungen, die nicht einmal &bdquo;Gewehr über!&ldquo;
+kommandieren konnten, nur ihres Dienstalters wegen gleich
+an der Spitze von Kompagnien in die Infanterieschlacht geschickt
+wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag man,
+wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden,
+wo keine Menschenleben in Frage kommen.
+</p>
+
+<p>
+O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches
+Mal im Unterstand und hinterm Becher darüber geflucht,
+aber nur unter uns. Es war angenehmer, gegen das Fort
+Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel.
+Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber
+Perücken, Zöpfe und Rangordnung auf Kammer zu den
+Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal losgehen
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und
+überlegte, was ich tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom
+Bataillon und übergab mir den Befehl, sofort die achte Kompagnie
+zu übernehmen.
+</p>
+
+<p>
+Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des <span class="antiqua">I.</span> Bataillons in
+der vorigen Nacht unter starken Verlusten zusammengebrochen
+war, und daß die Reste in einem vor uns liegenden Wäldchen,
+dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und links
+davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte
+Kompagnie hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in
+das Wäldchen einzuschwärmen, war jedoch im Zwischengelände
+unter starken Verlusten im Sperrfeuer zerstoben. Da
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen
+war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet
+hatte, machte ich mich mit der Ordonnanz auf den
+Weg quer durch die schrapnellbestreute Einöde. Eine verzweifelnde
+Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen
+Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem
+Trichter ragende Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir
+wiesen auf unsere eben verlassene Hütte und hasteten weiter.
+</p>
+
+<p>
+Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes,
+hinter einer Reihe von Betonklötzen hockendes Häuflein vor,
+das ein nochmaliges Vorgehen gegen die uns vom Dobschützwald
+trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich
+erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig.
+Ich befahl, mir zu folgen, und sprang mitten ins Feuer
+hinein. Schon nach ein paar Sätzen überschüttete mich eine
+Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil hochwarf, mit
+Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich
+merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn
+geringer wurde. Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet
+hatte, sah ich mich um. Das Gelände war
+menschenleer.
+</p>
+
+<p>
+Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken
+auf, dann noch einer, dann wieder zwei. Mit
+diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel.
+</p>
+
+<p>
+In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant
+Sandvoß, Führer der dritten Kompagnie, und der
+kleine Schultz mit drei schweren Maschinengewehren. Ich
+wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak
+empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig
+angenehm war. Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und
+links war kein Anschluß.
+</p>
+
+<p>
+Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von
+meinem Bruder gehört hätte. Man wird sich meine
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+Gefühle vorstellen können, als ich erfuhr, daß er den gestrigen
+Sturm mitgemacht habe und vermißt sei.
+</p>
+
+<p>
+Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß
+mein Bruder verwundet in einem nahen Unterstand läge
+und zeigte dabei auf ein wüstes, von entwurzelten Bäumen
+bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die unter
+gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen!
+Mein Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten
+Raum inmitten einer Menge ächzender Schwerverwundeter.
+Er war in einer traurigen Verfassung. Beim
+Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine
+hatte die Lunge durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk
+zerschmettert. Das Fieber glänzte ihm aus den
+Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen, sprechen
+und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten.
+</p>
+
+<p>
+Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben
+durfte, denn jeden Augenblick konnte der Engländer stürmen,
+oder eine Granate dem schwerbeschädigten Betonklotz den
+Rest geben. Der beste Bruderdienst war, ihn sofort zurückzuschaffen.
+Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung
+unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen
+Leuten den Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand
+&bdquo;Kolumbusei&ldquo; zu schaffen und von dort Leute
+zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir
+knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange
+Stange hindurch, dann nahmen ihn zwei Mann auf die
+Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte sich der
+traurige Zug in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last
+nach, die sich durch einen Wald kirchturmhoher Granatfontainen
+wand.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande
+noch etwas mit den langsam vordringenden Engländern
+geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht mit meinen
+Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+Trümmern des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der
+Nähe Brisanzgranaten von ganz außergewöhnlicher Wucht
+ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar getötet
+hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze
+los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war
+eine Verbindungspatrouille des Infanterieregiments 76,
+von der er einen Mann niederstreckte. Derartige Irrtümer
+kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange
+darüber aufhielt.
+</p>
+
+<p>
+Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten
+Kompagnie abgelöst, die mir den Befehl überbrachten, mit
+meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen. Auf dem Wege
+dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß
+kampfunfähig gemacht.
+</p>
+
+<p>
+Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes,
+mit Betonquadern ausgemauertes Haus hart an
+dem sumpfigen Bette des Steenbachs, das seinen Namen
+wahrscheinlich wohl verdiente.
+</p>
+
+<p>
+Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und
+warfen uns auf die strohbedeckten Pritschen, bis uns ein
+reichliches Mittagessen und die ermunternde Pfeife Tabak
+hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.
+</p>
+
+<p>
+In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde
+Beschießung mit schweren und schwersten Kalibern
+ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion die andere; oft
+wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe einschlagender
+Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen.
+Als das Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum
+Sanitätsunterstand &bdquo;Kolumbusei&ldquo; und erkundigte mich bei
+dem Arzt, der gerade das grauenhaft zugerichtete Bein eines
+Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit Freude
+hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung zurückgeschafft
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und
+brachte der kleinen, auf 20 Mann zusammengeschmolzenen
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch, Kaffee, Brot,
+Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne
+lästigen Standesunterschied die Flasche mit &bdquo;98prozentigem&ldquo;
+rundgehen. Dann gaben wir uns dem Schlafe hin, der durch
+aus dem Bachgrund aufsteigende Mückenschwärme, Granaten
+und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört wurde.
+</p>
+
+<p>
+Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest,
+daß mich meine Leute nach stundenlangem, schwerstem Feuer
+wecken mußten. Sie berichteten, daß von vorn dauernd
+Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei
+geräumt und der Gegner im Vordringen.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem alten Soldatengrundsatz: &bdquo;Gut gefrühstückt,
+hält Leib und Seele zusammen&ldquo;, stärkte ich mich zunächst,
+steckte mir eine Pfeife an und sah dann zu, was draußen
+los war.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze
+Umgebung in dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer
+wurde von Minute zu Minute gewaltiger und erreichte
+bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung, keiner
+weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit
+umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von
+Erdklumpen auf unser Dach, zweimal wurde das Haus
+selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere, milchweiße
+Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten.
+Ein Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein
+vor meinen Füßen und brannte noch minutenlang weiter.
+Verzögerungsgeschosse wühlten sich dröhnend in den Boden,
+flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und Nebelschwaden
+krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns
+ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen,
+daß der Feind schon nahe herangekommen sein mußte.
+</p>
+
+<p>
+Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von
+Leuten durch den wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser.
+Ich erkannte den Bataillonskommandeur, Hauptmann
+von Brixen, der sich mit verbundenem Arm auf zwei
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig
+zu, daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor
+längerem Verweilen ohne Deckung.
+</p>
+
+<p>
+Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden
+Trichter oder zerschellten an den Mauerresten.
+Immer mehr flüchtige Gestalten verschwanden hinter uns im
+Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die erbitterte Verteidigung
+der vorn Festhaltenden zeugte.
+</p>
+
+<p>
+Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu
+verteidigen und machte den Leuten, von denen einige bedenkliche
+Gesichter zogen, klar, daß ich an Rückzug nicht im
+entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter Schießscharten
+verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in
+eine Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz
+bestimmt, und ein Sanitäter, der gleich reichliche
+Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich nahm ein herumliegendes
+Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um
+den Hals.
+</p>
+
+<p>
+Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch
+die zahlreichen führungslos umherirrenden Leute zu verstärken.
+Die meisten folgten willig unseren Zurufen, froh,
+sich anschließen zu können, während andere, von ihren Nerven
+verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick gestutzt
+hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Anschlagen!&ldquo; rief ich meinen Leuten zu, die vor mir
+im Schutze des Hauses standen, und schon fielen ein paar
+Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre magnetisch angezogen,
+kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen
+Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen
+ansah, wie ungern sie uns Gesellschaft leisteten. Eine mir
+wohlbekannte Kasinoordonnanz versuchte, sich durch allerlei
+Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch nicht locker. &bdquo;Aber
+ich habe ja gar kein Gewehr!&ldquo; &bdquo;Dann warten Sie, bis
+einer totgeschossen wird!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+der die Trümmer des Hauses mehrere Male getroffen wurden
+und die Ziegelbrocken hoch aus der Luft auf unsere Stahlhelme
+klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren Schlages
+zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich
+mich unverletzt wieder hoch.
+</p>
+
+<p>
+Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger.
+Das Feuer sprang über uns hinweg und blieb an der Straße
+Langemarck&mdash;Bixschoote stehen. Uns war nicht wohl dabei
+zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht
+gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns
+eingedrungen, daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten.
+Nachdem der Sturm über uns hinweggebraust war, fand
+jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was unvermeidlich
+kommen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die
+Verteidiger waren erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine
+dichte Schützenlinie. Meine Leute schossen, hinter den Trümmern
+kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie weggewischt
+verschwanden die Angreifer in den Trichtern und
+fesselten uns durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke
+Abteilungen vor. Bald waren wir von einem Kranze von
+Schützen umgeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck,
+die Mannschaft hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge.
+Es war schwierig, die im Kampfe verbissenen Leute hochzubekommen.
+</p>
+
+<p>
+Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen
+wir, ohne bemerkt zu werden. Ich verließ die kleine
+Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann unterstützend, der
+aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit einigen
+Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die
+zweite Kompagnie, die zur Verstärkung vorgeschickt war.
+Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen zu bleiben und
+den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+anderer Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen
+wollten, zwingen, zu bleiben. Besonders Artilleristen,
+Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren nur durch Gewalt
+zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen
+auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen
+hätten. Mit Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit
+Hilfe von Kius und einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.
+</p>
+
+<p>
+Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben
+und frühstückten. Kius zog seinen unvermeidlichen Apparat
+hervor und photographierte. Links vor uns am Ausgang
+von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen
+auf umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein
+Unteroffizier und meldete, daß sich eine Kompagnie der
+Gardefüsiliere an der Straße eingenistet und durch unser
+Feuer Verluste erlitten hätte.
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in
+ihre Höhe vorgehen. Einige Leute fielen, der Leutnant
+Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde schwer verwundet.
+Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein
+Butterbrot zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt
+hatten, von der das Gelände zum Steenbach abfiel, bemerkten
+wir, daß die Engländer im Begriff gewesen waren,
+dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen
+Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken
+konnte, war das Vorgelände von Schützenlinien und
+Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg wimmelten
+sie schon herum.
+</p>
+
+<p>
+Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch
+aus und knallten gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach
+brach eine ganze Reihe zusammen. Einer von ihnen
+hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine
+Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin
+und her, während neben ihnen die Staubwölkchen unserer
+Geschosse aufwirbelten. Ein strammer Gefreiter der achten
+Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander
+vier Gegner ab. Der Rest verkroch sich in Granattrichter,
+um sich dort bis zur Dunkelheit verborgen zu halten. Wir
+hatten gut aufgeräumt.
+</p>
+
+<p>
+Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge
+auf uns herunter und wurden durch lebhaftes, von
+oben erwidertes Feuer vertrieben.
+</p>
+
+<p>
+Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem
+Regiment gemeldet und um Unterstützung gebeten. Am
+Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und Maschinengewehre
+zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen
+wurde alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab
+und zu streckte der Engländer einige unvorsichtig über die
+Straße gehende Leute nieder.
+</p>
+
+<p>
+Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei.
+Die Ladungen wurden haarscharf auf die
+Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die Flieger unsere
+neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch schwere
+Stunden bevorstehen mußten.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit
+leichten und schweren Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander
+in dem überfüllten, schnurgeraden Straßengraben.
+Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und Lehmklumpen
+pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte
+ein Feuerblitz auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend.
+Ich kroch auf allen Vieren zu meinem Nebenmann. Er regte
+sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus vielen, von
+schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch
+weiter rechts traten schwere Verluste ein.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben
+emsig tiefe Löcher in die flache Mulde des Grabens, um bei
+einem zweiten Überfall wenigstens Schutz gegen Splitter
+zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre,
+Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein
+Zeichen, daß dieser Boden nicht zum ersten Male Blut trank.
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+Während der Dämmerung wurden wir noch einmal
+gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in
+einem Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der
+Boden rollte wie eine Schiffsplanke unter fortwährenden
+nächsten Einschlägen. Wir waren auf das Ende gefaßt.
+</p>
+
+<p>
+Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine
+Pfeife und starrte auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden
+Eisenbrocken Funken sprühten. Die merkwürdigsten
+Gedanken schossen mir durch den Kopf. So beschäftigte
+ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman
+&bdquo;le vautour de la Sierra&ldquo;, der mir in Cambrai in die
+Hände gefallen war. Mehrere Male murmelte ich ein Wort
+Ariost&rsquo;s: &bdquo;Ein großes Herz fühlt vor dem Tod kein Grauen,
+wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.&ldquo; Heute
+schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir,
+Haltung vor mir selbst zu bewahren. Wenn die Granaten
+dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich Bruchstücke des
+schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben
+mir ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt.
+Jeder hat eben sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter
+gegen die Hand. Kius leuchtete mit seiner Taschenlaterne.
+Wir stellten einen oberflächlichen Riß fest.
+</p>
+
+<p>
+Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die
+schrecklichsten des ganzen Krieges.
+</p>
+
+<p>
+Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch
+und fühlst dich einem unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen
+preisgegeben. Mit Entsetzen ahnst du, daß
+deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen
+und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen
+Sache geworden sind. Schon kann, während du dies denkst,
+der Eisenklotz seine sausende Fahrt angetreten haben, der
+dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern wird. Dein
+Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu
+unterscheiden sucht.
+</p>
+
+<p>
+Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten
+aus dir allein schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen
+und dir mit blasiertem Lächeln eine Zigarette anzünden, dich
+an den bewundernden Blicken deiner Kameraden aufrichtend.
+Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das
+Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr
+neben dir zu betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft,
+wird kein Hahn danach krähen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die
+Nacht hinein, bis du in einem sicheren Gebüsch wie ein
+erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum hältst du noch
+immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter
+sieht dich.
+</p>
+
+<p>
+Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht
+unbewußt, wirkt der moralische Mensch in dir und bannt
+dich durch zwei mächtige Faktoren am Platze: die Pflicht
+und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen
+Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du
+deine Sache machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz
+verlasse, bin ich ein Feigling vor mir selbst, ein Lump, der
+später bei jedem Worte des Lobes erröten muß. Du beißt
+die Zähne zusammen und bleibst.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend hielten alle aus, die dort an
+der dunklen flandrischen Chaussee lagen. Man sah, daß
+Führer und Mannschaft in einem heroischen Geiste erzogen
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee
+sein. Und dem Offizier als Vorkämpfer muß das Gefühl
+gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre anerzogen werden.
+Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen.
+Das wird einem erst im Kriege ganz klar. &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen
+eines inzwischen eingeschwärmten Regiments, die bis zum
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+Steenbach vorgingen, fanden nur schlammgefüllte Trichter
+vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach zurückgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft,
+setzten wir uns bis auf die in Wachen eingeteilten
+Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den zerfetzten Mantel
+meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in
+einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte
+ich durch ein merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte,
+daß ich mich in einer betrüblichen Lage befand. Es
+regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen
+sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen
+kleinen Damm und schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel
+aus. Infolge des ständigen Steigens der
+Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone nach
+der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem
+wachsenden Druck wich, und ein schmutziger Strom mein
+Sitzloch gurgelnd bis obenhin füllte. Während ich mich
+bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu
+angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben
+entlang, dessen übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen
+war. Zitternd und frierend, ohne einen trockenen
+Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der
+nächsten Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein,
+im Schlamm der Straße. Es war eine erbärmliche Situation.
+Ich machte hier die Beobachtung, daß kein Artilleriefeuer
+die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu brechen
+vermag wie Nässe und Kälte.
+</p>
+
+<p>
+Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen
+ein wahres Gottessgeschenk, denn die englische Offensive
+mußte ja dadurch gerade in den ersten, wichtigsten Tagen
+ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit seiner Artillerie
+die versumpfte Trichterzone überwinden, während
+wir unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen
+konnten.
+</p>
+
+<p>
+Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+gepackt hatte, ein rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers,
+der den Befehl brachte, daß sich das Regiment in
+Kokuit sammeln sollte.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung
+nach vorn am Angriffstage gewesen sein mußte. Die
+Straßen waren besät von Menschen und Pferden. Neben
+einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen lagen
+zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen.
+</p>
+
+<p>
+Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen
+Bälle vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten
+sich die Reste des Regiments. Wir wurden erschüttert durch
+den Anblick dieser kleinen Schar von der Stärke einer Kompagnie,
+in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand.
+Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere
+und Mannschaften. Düsteren Blicks standen die Überlebenden
+im strömenden Regen, bis die Quartiere angewiesen waren.
+In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um einen glühenden
+Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück
+wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben
+unverwüstlich.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der
+Baracken wurde getroffen und eine Reihe von Leuten der
+dritten Kompagnie getötet. Trotz der Beschießung legten
+wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum
+Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den
+Regen hinausgeworfen zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen
+Abrücken. Wir marschierten über die mit Leichen und zerschossenen
+Wagen bestreute Chaussee nach Staden. Um den
+Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf
+Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen
+war, wies schon viele zerschossene Häuser auf. Der
+verödete Marktplatz war mit fortgeworfenem Hausgerät
+besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen, als
+einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+hatte ein Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder
+an der Hand. Der wirre Lärm im Rücken erhöhte das
+Traurige des Bildes.
+</p>
+
+<p>
+Die Überreste des <span class="antiqua">II.</span> Bataillons wurden in einem
+einsamen Hof untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener
+Felder hinter dichten Hecken verbarg. Dort
+wurde mir die Führung der siebenten Kompagnie übertragen,
+mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid
+teilen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten
+Kamin, stärkten uns durch einen steifen Grog und
+lauschten dem wieder auflebenden Donner der Schlacht. Aus
+dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz
+in die Augen: &bdquo;Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie
+aufzuhalten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar
+wirres Tun in finsterer Nacht weltgeschichtliche Bedeutung
+erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil dazu beigetragen,
+die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche Offensive
+zum Stillstand zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden.
+Trotz des ausgiebigen Schlaftrunkes phantasierten die
+meisten Schläfer und wälzten sich hin und her, als ob sie
+die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten.
+</p>
+
+<p>
+Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und
+Feldfrüchten der verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des
+nahen Städtchens Gits in Marsch. In der Bahnhofskneipe
+trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon
+wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe
+flämische Kellnerinnen zum allgemeinen Vergnügen mit sehr
+gewagten Redewendungen würzten. Besonderen Spaß
+machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch
+die Offiziere, mit &bdquo;du&ldquo; traktierten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener
+Lazarett einen Brief meines Bruders. Er schrieb,
+daß er wohl einen steifen Arm und eine klapprige Lunge
+behalten würde.
+</p>
+
+<p>
+Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die
+meinen Bericht ergänzen und die Eindrücke eines in das
+Tosen der Materialschlacht geworfenen Neulings anschaulich
+wiedergeben:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash; &mdash; Antreten zum Sturm!&ldquo; Das Gesicht meines
+Zugführers und Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den
+Eingang der kleinen laub- und bretterüberdachten Höhle,
+in der wir seit Stunden rauchend und essend lagen. Die
+drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich
+fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den
+Stahlhelm fest und trat in die Dämmerung hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen
+verändert. Das Granatfeuer hatte sich verzogen
+und lagerte dumpfdonnernd auf anderen Teilen des
+riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die
+Luft und beruhigten das ängstlich spähende Auge durch
+ihre großen eisernen Kreuze.
+</p>
+
+<p>
+Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen
+Trümmern und Schutt sich merkwürdig klar erhalten hatte,
+zog den Eimer hoch, trank und füllte meine Feldflasche.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich
+hakte mir eilig vier Handgranaten in das Koppel und begab
+mich zu meiner Gruppe, von der zwei Mann nicht zur
+Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen aufzuschreiben,
+als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen
+zu einem bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände,
+umbogen Balken, preßten sich an Hecken, tauchten in Tiefen
+unter und wanden sich klirrend und polternd auf den
+Feind zu.
+</p>
+
+<p>
+Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das
+zweite Bataillon unseres Regiments und ein Bataillon des
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+Nachbarregiments hatten den Befehl, englische Abteilungen,
+die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen. Mir
+war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben
+und den Gegenstoß aufzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf
+mein Blick auf das blasse, entschlossene Gesicht eines jungen
+Unteroffiziers. &bdquo;Bachmann&ldquo;, dachte ich, obgleich ich ihn
+nicht kannte. Es war mein Kamerad, Fahnenjunker-Unteroffizier,
+ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich
+verlor ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die
+Landschaft, die sich plötzlich vor unseren Augen entwickelt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen.
+Aus der schrecklich zernarbten Ebene Flanderns
+ragten schwarz und zersplittert die astlosen Stümpfe einzelner
+Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure
+Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den
+Himmel mit düsterem, schwerem Gewölk. Über der kahlen
+Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder zerrissen,
+schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge umherwanderten.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem
+Augenblick setzte schlagartig ein ungeheures Feuer ein.
+Erde sprang auf in fauchenden Fontänen, und ein Hagel
+von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land.
+Einen Augenblick stand jeder erstarrt. Dann stürzte alles
+wie rasend auseinander. Einmal noch hörte ich unverständlich
+die brüllende Stimme unseres Bataillonskommandeurs,
+Rittmeister Böckelmann.
+</p>
+
+<p>
+Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in
+einem anderen Zuge und drängte mich mit den anderen
+nach den Trümmern eines Dorfes, das die unerbittlichen
+Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir
+rissen die Gasmasken heraus.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+ein. Alles warf sich nieder. Links neben mir kniete
+der Leutnant Ehlers, neben ihm lag spähend ein Unteroffizier.
+Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand, Detonation
+folgte auf Detonation; Häuserreste, ein Schauer von
+Erdklumpen, Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf
+uns herab und schlug helle Funken aus den Stahlhelmen.
+Ich starrte in diesen glühenden Hexenkessel hinein.
+</p>
+
+<p>
+Was war dagegen das halbstündige Trommelfeuer,
+das diesen verfehlten Angriff vorbereitet hatte. Denn daß
+er verfehlt war, war mir klar wie eine Vision. Zweimal
+verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen Zwischenräumen
+das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die
+Luft, wirbelten durcheinander und stürzten mit höllischem
+Prasseln nieder.
+</p>
+
+<p>
+Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers&rsquo; schaute ich
+nach rechts. Er erhob die linke Hand, winkte nach hinten,
+rief und sprang vor. Ich stand schwerfällig auf und folgte
+laufend. Meine Füße brannten von der vorhergehenden
+Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von
+den Strümpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte
+nachgelassen.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete
+mich, als ich aus einem Trichter wieder auftauchte, das
+brennende Licht eines Schrapnells, das keine zehn Schritt
+vor mir in drei Meter Höhe auseinandersprang. Ich
+fühlte zwei dumpfe Schläge gegen Brust und Schulter.
+Automatisch fiel mir das Gewehr aus der Hand, ich brach,
+den Kopf nach hinten, zusammen und kollerte in den
+Trichter zurück. Verschwommen hörte ich noch die
+Stimme Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: &bdquo;Den hat&rsquo;s
+erwischt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er sollte den nächsten Tag nicht beenden. Der Vorstoß
+mißlang, und er wurde beim Zurückspringen mit all
+seinen Begleitern getötet. Ein Schuß durch den Hinterkopf
+setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es
+ruhig geworden. Ich versuchte mich aufzurichten, empfand
+jedoch heftigen Schmerz in der rechten Schulter, den jede
+Bewegung des Armes verstärkte. Der Atem ging kurz und
+stoßweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen.
+&bdquo;Prellschuß an Lunge und Schulter&ldquo;, dachte ich, warf
+Sturmgepäck, Koppel und in einem Zustande völliger
+Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt
+ich auf und hängte die Feldflasche an den Taillenhaken.
+</p>
+
+<p>
+Nach fünf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter
+regungslos liegen. Nach vielleicht einer Stunde versuchte
+ich das zweite Mal fortzukriechen, da das Feld schon wieder
+von leichten Trommelfeuern überschauert wurde. Auch
+dieser Versuch mißlang; ich verlor meine Feldflasche und
+versank in eine unendliche Erschöpfung, aus der mich nach
+langer Zeit das Gefühl brennenden Durstes erweckte.
+</p>
+
+<p>
+Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang
+es mir, ein wenig schmutziges Wasser zu sammeln.
+Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein Gewitter zog
+auf, seine Donnerschläge wurden übertönt von dem einsetzenden
+Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte
+mich an die Trichterwand. Ein Lehmklumpen traf meine
+Schulter, schwere Splitter fegten über meinen Kopf dahin.
+Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen
+Sprüngen über das Feld setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden,
+ohne auf mich zu hören wie Schatten in den
+Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu.
+Ich erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage
+vorher. Sie nahmen mich mit zu einer kleinen Hütte, die
+in der Nähe stand, vollgestopft von Verwundeten, die von
+zwei Sanitätern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden
+im Trichter gelegen.
+</p>
+
+<p>
+In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen
+Schmerz verbeißend, krampfhaft sein zerschossenes Knie
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen; manchmal,
+wenn jemand ihn anstieß, stöhnte er leise.
+</p>
+
+<p>
+Fortwährend arbeitete das gewaltige Feuer fort.
+Granate auf Granate schlug neben uns ein, häufig das
+Dach mit Sand und Erde überschüttend. Man verband
+mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober,
+roter Marmelade und ein wenig Wasser. Der Sanitäter
+sorgte für uns wie ein Vater.
+</p>
+
+<p>
+Die Engländer begannen vorzudringen. Sprungweise
+näherten sie sich und verschwanden in den Trichtern, wie
+ich aus draußen erschallenden ängstlichen Ausrufen schloß.
+</p>
+
+<p>
+Dann trat mein Kompagnieführer, der Leutnant Sandvoß
+ein, fragte mich, ob ich gehen könnte und verschwand,
+von einer Ordonnanz abberufen. Gleich darauf hörte ich
+seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden umpostiert
+und begannen zu tacken.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stürzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm
+mit Lehm beschmiert ein junger Offizier, mit dem E. K. <span class="antiqua">I</span>
+auf der Brust, herein. Es war mein Bruder, der unten
+schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrüßten
+uns, ein wenig seltsam und gerührt lächelnd. Nach
+wenigen Minuten verließ er mich und brachte die letzten
+fünf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine
+Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschütze vom
+Schlachtfelde getragen. &mdash;
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-16">
+Regniéville.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>m 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten
+Mars-la-tour aus. Die siebente und achte Kompagnie
+kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz
+beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen
+Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+verboten, in den Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten
+mir fast jeden Morgen die Feldgendarmen einige Leute, die
+sie beim nächtlichen Kartoffelroden angetroffen hatten und
+deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur,
+Generalmajor von Busse, besichtigt, der uns
+sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht aussprach. Am
+nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis
+in die Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir
+gleich in unsere neue Stellung, die sich auf den waldreichen
+Höhen der Côte Lorraine gegenüber dem zerschossenen,
+aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville
+hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt,
+der mir reichlich lang für eine Kompagnie vorkam und aus
+einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil halbverfallener
+Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen
+Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen
+Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um
+100 Meter zurück in dem sogen. Verkehrsgraben, nahe der
+aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten
+Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem
+Material, das der Witterung bedeutend mehr widerstand
+als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der
+Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf
+lange Strecken betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen
+leicht ablaufen konnten. Der rötlich-weiße Fels
+wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den Graben
+durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen
+und Ammonshörnern in den Unterstand zurück.
+</p>
+
+<p>
+Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine
+Eigenschaft, die mir wenig Freude machte, trotzdem ich
+sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es kamen nämlich
+in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel beweglicheren
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend
+in demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander
+wie Wander- und Hausratte. Hier half nicht einmal
+der gewohnte Wäschewechsel, denn die sprunggewandten
+Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der
+Lagerstätte. Der zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß
+endlich seine Decken heraus und konnte mit Mephisto
+sprechen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ich schüttle einmal noch den alten Flaus,</p>
+ <p class="line">Noch einer flattert hier und dort hinaus,</p>
+ <p class="line">Hinauf, umher in hunderttausend Ecken,</p>
+ <p class="line">Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig.
+Außer der dünnen Mittagssuppe gab es nur ein Drittel
+Brot mit einer lächerlich kleinen Beilage, die meist aus
+halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon fraß
+mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich
+nachstellte.
+</p>
+
+<p>
+Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief
+im Walde versteckten, romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen
+auf. Besonders gefiel mir mein Quartier in der
+Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel
+an den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich
+hauste dort in einer winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten
+Hütte, die dicht von Haselnußsträuchern und
+Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen Ausblick
+auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken
+und einen schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im
+Grunde. Eine an der Rückwand aufgestapelte Kollektion
+von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon mancher
+Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und
+auch ich bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht
+zu vernachlässigen. Wenn abends die Nebel aus dem Grunde
+stiegen, sich mit dem schweren, weißen Qualm meines
+Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+Dämmer zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme
+des Feuers hockte, schien mir nur ein Getränk dazu passend:
+Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in einem bauchigen
+Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die
+Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer
+Herr meine Kompagnie übernommen hatte, und ich
+als Zugführer wieder den langweiligen Grabendienst verrichtete.
+Ich suchte die endlosen Wachen nach alter Gewohnheit
+durch häufige Patrouillen zu umgehen.
+</p>
+
+<p>
+Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann
+durch einen Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur,
+den das Regiment innerhalb kurzer
+Zeit verlor. &mdash; Am 29. stattete ich mit dem Unteroffizier
+Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten
+Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.
+</p>
+
+<p>
+Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses
+zu, die Kloppmann in der Nacht vorher geschnitten hatte.
+Zu unserer unangenehmen Überraschung war der Draht geflickt;
+trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit ziemlichem
+Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten
+uns hinter der nächsten Schulterwehr nieder und lauschten.
+Nach einer viertelstündigen Lauerpause schlichen wir weiter,
+einen Telephondraht verfolgend, der bei einem in die Erde
+gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung
+mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige
+Tür versperrt, doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau
+angesehen hatten, gingen wir denselben Weg zurück und
+verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren Besuch
+nicht zu verraten.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um
+die Stelle herum, wurde jedoch mit Gewehrschüssen und
+zitronenförmigen Handgranaten, den sogen. &bdquo;Enteneiern&ldquo;,
+empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden
+gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte
+schleunigst Fersengeld geben.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager
+zum Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen.
+&bdquo;Ich habe schon an Sie gedacht,&ldquo; erwiderte mir der Oberst
+von Oppen, &bdquo;das Regiment muß jedoch eine gewaltsame
+Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen.
+Suchen Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit
+ihnen unten im Souloeuvre-Lager.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben
+eindringen und versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille
+zweigte sich in drei Teile, zwei Stoßtrupps und
+eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen und
+uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung
+des linken Trupps, den rechten bekam der Leutnant
+v. Kienitz. Die Leute setzten sich nur aus Freiwilligen zusammen;
+einige Überzählige weinten fast, als ich sie zurückwies.
+Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus
+14 Mann, darunter der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier
+Kloppmann, Unteroffizier Mevius, Unteroffizier Dujesiefken
+und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des
+zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.
+</p>
+
+<p>
+Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von
+Handgranaten und führten unser Unternehmen an einem
+der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus. Es war
+ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur
+drei schon vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im
+übrigen taten wir keinen Dienst, so daß ich am Nachmittag
+des 22. Septembers als Meister einer verwilderten, aber
+brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir
+für die Nacht untergebracht werden sollten.
+</p>
+
+<p>
+Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen
+Wald zum Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur,
+Rittmeister Schumacher, zu einer
+Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns
+in unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl,
+wenn man weiß, daß man am nächsten Morgen
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat und vorm
+Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.
+</p>
+
+<p>
+Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen
+uns und ließen das Frühstück zurechtmachen. Ich hatte
+gleich einen tüchtigen Ärger, da mir mein Bursche die
+Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages
+leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum
+hundertsten Male alle Einzelheiten durch, die uns begegnen
+konnten. Zwischendurch boten wir uns gegenseitig Cherry
+Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum
+Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die
+Leute zusammen und führten sie in die Bereitschaftsbunker
+der vorderen Linie. Es waren schon Lücken in den Draht
+geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile
+wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit
+einem Händedruck und harrten der Dinge, die da kommen
+sollten.
+</p>
+
+<p>
+Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei
+Sandsäcke mit je vier Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-,
+rechts mit Brennzünder, in der rechten Rocktasche
+eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten Hosentasche
+eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche
+fünf Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß
+und Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken
+zum Abreißen der Handgranaten, Dolch und Drahtschere.
+In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte Brieftasche
+und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine
+platte Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und
+Gibraltarband hatten wir abgelegt, um dem Gegner
+keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als Erkennungszeichen
+trugen wir an jedem Arm eine weiße
+Binde.
+</p>
+
+<p>
+Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision
+Ablenkungsfeuer ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+unser Artillerie- und Minenfeuer los. Ich stand mit
+dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und
+rauchte eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher
+Kurzschüsse Deckung nehmen. Mit der Uhr in der
+Hand zählten wir die Minuten.
+</p>
+
+<p>
+Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und
+auf den vorbereiteten Wegen durchs Hindernis. Ich
+rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und sah auch
+die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen.
+Das feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in
+zwei Sätzen, stolperte aber über eine dahintergezogene
+Drahtwalze und stürzte in einen Trichter, aus dem mich die
+Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen.
+&bdquo;Rin!&ldquo; Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand
+zu stoßen, während rechts ein krachender Handgranatenkampf
+begann. Ohne uns darum zu kümmern,
+setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade
+und sprangen von Trichter zu Trichter vor,
+bis wir zwei Reihen Spanischer Reiter erreichten, die uns
+von der zweiten Linie trennten. Da diese vollkommen
+zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten
+wir, ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten
+Laufgraben weiter vor.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir
+ein glimmendes Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen
+Leuten ein Zeichen, faßte die Handgranate fester und schlich
+vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben vor, an dessen
+Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen
+Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das
+Nebensächlichste. So prägte sich mir an dem Grabenkreuz
+das Bild eines Kochgeschirres ein, in dem ein Löffel stand.
+Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das
+Leben.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten.
+Wir rannten hinter ihnen her und gerieten in eine Sackgasse,
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+in deren Wand ein Stolleneingang gebohrt war. Ich
+stellte mich davor und schrie: <span class="antiqua">&bdquo;Montez!&ldquo;</span> Eine herausgeschleuderte
+Handgranate war die Antwort. Sie explodierte
+in Höhe meines Kopfes an der gegenüberliegenden
+Wand, zerfetzte meine seidene Mütze, verwundete meine
+linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des kleinen
+Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier
+wurde die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige
+Schritte zurück und bombardierten den gefährlichen Platz
+mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine
+Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden
+weiteren Angriff unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten
+die dritte Linie in entgegengesetzter Richtung, um
+endlich einen Gegner zu fassen. Überall lagen fortgeworfene
+Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage:
+&bdquo;Wo mögen nur die Leute zu diesen vielen Gewehren
+sein?&ldquo; stieg immer unheimlicher in uns empor, doch hasteten
+wir entschlossen mit fertiger Handgranate und vorgehaltener
+Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen
+Gräben.
+</p>
+
+<p>
+Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken
+klar geworden. Ohne es zu bemerken, bogen wir
+in einen dritten Laufgraben ein und näherten uns, bereits
+mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie.
+Ab und zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten
+Kästen auf und steckten uns zum Andenken eine Handgranate
+in die Tasche.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben
+gelaufen waren, wußte niemand mehr, wo wir
+uns befanden und in welcher Richtung die deutschen
+Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die
+Nadeln der Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden
+Händen, und beim Suchen des Polarsternes ließ uns in
+der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich.
+Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+sich von der ersten Überraschung erholt hatte. Er mußte
+unsere Lage bald erraten.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging
+ich als Letzter und sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr
+die Mündung eines Maschinengewehres
+hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische
+Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier
+Kloppmann und den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit
+dem Gewehre beschäftigten, während der Füsilier Haller
+mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper nach
+Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die
+Umgebung zu kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe
+herum, um wenigstens eine Beute mitzubringen. Ich versuchte,
+die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff mit
+der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das
+auf einem Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen.
+In diesem Augenblick ertönte aus einem Parallelgraben
+in der Richtung, in der wir unseren Graben vermuteten,
+eine Stimme: <span class="antiqua">&bdquo;Qu&rsquo;est ce qu&rsquo;il y a&ldquo;</span> und
+ein schwarzer Ball flog, sich undeutlich vom dämmernden
+Himmel abhebend, auf uns zu. &bdquo;Achtung!&ldquo; Zwischen
+Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius
+in die Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander,
+uns immer tiefer in das Grabengewirre verstrickend. Bei
+mir befand sich nur noch der Pionier-Unteroffizier und
+Mevius. Unser Glück war nur die Angst der Franzosen,
+die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten.
+Es konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis
+wir auf eine stärkere Abteilung stoßen mußten, die uns mit
+Vergnügen den Garaus gemacht hätte. Pardonstimmung
+lag nicht in der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder
+heil aus diesem Kessel herauszukommen, entfuhr mir plötzlich
+ein Freudenschrei. Mein Blick war auf das Kochgeschirr
+mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert.
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+Da es schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde
+zu verlieren. Wir sprangen über freies Gelände,
+von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den eigenen Linien
+zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die
+Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf
+&bdquo;Lüttje Lage!&ldquo; entgegentönte, wußten wir, daß wir das
+Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel von oben leider gerade
+auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich liegen
+hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische
+Schanzer im ersten Graben durch Handgranaten vertrieben
+und beim weiteren Vorgehen gleich zu Anfang durch eigene
+Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner
+Leute, der Unteroffizier Dujesiefken und der Füsilier Haller,
+der mir wenigstens einen kleinen Trost mitbrachte. Er war
+beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben geraten
+und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von
+denen er eins vom Gestell geschraubt und mitgenommen
+hatte. Da es immer heller wurde, hasteten wir über das
+Niemandsland in unsere vordere Linie.
+</p>
+
+<p>
+Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen
+waren, kamen nur vier zurück, und auch die Patrouille
+Kienitz hatte schwere Verluste. Meine Niedergeschlagenheit
+wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen Oldenburgers
+Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand
+verbinden ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse
+berichtete und mit dem Satze schloß: &bdquo;Vor Leutnant
+Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge, Junge,
+der flitzte dich man so über die Barrikaden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Anschließend marschierten wir durch den Wald zum
+Regiments-Gefechtsstand. Der Oberst von Oppen begrüßte
+uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war zwar sehr
+betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine
+ganze Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde
+ich in ein Auto gepackt und fuhr zur Division, die genauen
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden noch im
+wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben
+stürmend, genoß ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt
+in schnellem Fluge über die Landstraße zu brausen.
+</p>
+
+<p>
+Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer
+und versuchte vergeblich, mir zu beweisen, daß
+ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust meiner Leute verschuldet
+hätte. Ich dachte: &bdquo;Du kannst mir hier, zwanzig
+Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,&ldquo; und
+gab zu verstehen, daß ich in der feindlichen Linie weder
+einen grünen Tisch, noch die Stöße von Karten darauf gehabt
+hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes
+gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden,
+war mir fertig in die Hand gedrückt worden. Ich hatte
+vorher gebeten, den Angriffspunkt an die markante Linie
+der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige Leuchtkugeln
+aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den
+Verirrten den Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet,
+daß dadurch das feindliche Feuer angezogen würde. Zum
+Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin ich
+gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im
+Dunkeln findet!
+</p>
+
+<p>
+Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr
+liebenswürdig und verscheuchte bald meine Mißstimmung.
+Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen Feldrocke mit
+verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem
+Worte: &bdquo;Nur die Lumpe sind bescheiden!&ldquo; unsere Taten
+vom Morgen in das richtige Licht zu stellen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die
+Patrouille noch einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab
+jedem Teilnehmer vierzehn Tage Urlaub. Am Nachmittag
+wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen war,
+auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen
+den Gräbern dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von
+1870/71. Eins dieser alten Gräber schmückte ein bemooster
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+Stein mit der schlichten Inschrift: &bdquo;Dem Auge fern, dem
+Herzen ewig nah!&ldquo; In eine große Steintafel war gemeißelt:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten,</p>
+ <p class="line">Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Abends las ich im französischen Heeresbericht: &bdquo;Ein
+deutsches Unternehmen bei Regniéville mißglückte; wir
+machten Gefangene.&ldquo; Daß die Gefangenen nur gemacht
+waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen
+Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt.
+Hätten die Franzosen ihre Gräben verteidigt, wie mutige
+Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl anders gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem
+der Vermißten, dem Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe
+ein Bein verloren hatte; er war mit drei
+Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt
+und schwer verwundet gefangen genommen worden,
+nachdem die anderen, darunter auch der brave Unteroffizier
+Kloppmann, gefallen waren.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch
+keins war unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene
+Stimmung, wenn ich an unseren Irrweg durch die
+unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten Gräben denke.
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer
+und Zürn mit mehreren Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen
+in die erste französische Linie. Domeyer stieß auf
+einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart,
+der seine Aufforderung: <span class="antiqua">&bdquo;Rendez-vous!&ldquo;</span> mit grimmigem
+&bdquo;Ah non!&ldquo; erwiderte und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf
+eines erbitterten Ringkampfes schoß Domeyer ihn mit der
+Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne Gefangenen
+zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine Artilleriemunition
+verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht
+ausgereicht hätte.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-17">
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+Noch einmal Flandern.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>m gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen
+Urlaub zurückkehrte, wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment
+Nr. 5 abgelöst und zunächst in dem
+nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester
+jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte
+mich in diesen lothringischen Dörfern die vergebliche Suche
+nach einer verschwiegenen Örtlichkeit. Eine Badewanne
+schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In dieser
+Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche
+Erfahrungen gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern
+mußte man gewisse Schattenseiten mit diskretem Lächeln
+ignorieren. So sehr ich den Franzosen schätze, halte ich doch
+diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Was schadet&rsquo;s, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt,</p>
+ <p class="line">Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten
+nach anderthalb Tagen wieder den Boden Flanderns,
+den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten. Wir übernachteten
+in dem Städtchen Iseghem und marschierten am
+nächsten Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt:
+Roselaire. Die Stadt befand sich im ersten Stadium der
+Zerstörung. Noch wurden in den Läden Waren feilgehalten,
+doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und die
+Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen
+zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten
+gegenüber meinem Quartier machte auf mich in dem Kriegsgewühl
+einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts
+versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.
+</p>
+
+<p>
+In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war
+ich der einzige Bewohner der überirdischen Räume. Das
+Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn des Krieges
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter
+zur Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten
+für ein kleines, verwaistes Mädchen, das sie während unseres
+Vormarsches, von seinen Eltern verlassen, in den Straßen
+umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht einmal
+Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte
+Angst vor Bomben und beschworen mich fast auf den Knien,
+oben kein Licht zu machen, um die bösen Flieger nicht anzulocken.
+Mir verging das Lachen allerdings auch, als,
+während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand
+und einen im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer
+fliegenden Engländer betrachtete, eine Riesenbombe in der
+Nähe des Hauses aufschlug und der Luftdruck uns die
+Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.
+</p>
+
+<p>
+Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier
+bestimmt und dem Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu
+orientieren, begab ich mich schon vor unserem Einsatz zum
+Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das
+wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen
+sehr freundlichen Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang
+etwas über mein &bdquo;rotes Mützenbandl&ldquo; brummte. Ich legte
+damals schon längst keinen Wert mehr auf einen sortiert
+feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall
+den Neuling.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten
+Meldekopf, der einen sehr guten Überblick bieten sollte.
+Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen, als eine
+Granate bei uns einschlug. &bdquo;Da bin ich schon, des Chaos
+vielgeliebter Sohn!&ldquo; Meine Führer wußten indes dem
+Feuer, das gegen Mittag in unaufhörliches Rollen überging,
+in dem durch zahlreiche kleine Pappelgehölze maskierten
+Gelände sehr geschickt auszuweichen.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die
+Spuren frischer Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf
+dem Bauch liegenden Toten. &bdquo;Den hat&rsquo;s a derwischt!&ldquo;
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+äußerte der biedere Bayer. &bdquo;Dicke Luft&ldquo;, meinte der andere
+mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf
+lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale&mdash;Westroosebeke
+und erwies sich als eine Meldesammelstelle,
+ähnlich der, die ich in Fresnoy geführt hatte. Er lag neben
+einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen Hause und
+hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer vernichten
+mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort
+ein geselliges Höhlendasein führten und über die baldige
+Ablösung sehr erfreut waren, über Feind, Stellung
+und Annäherung orientieren und ging dann über Roodkruis&mdash;Oostnieukerke
+nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst
+Bericht erstattete.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit
+Vergnügen die gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen
+Schenken, die so recht die flämische Behäbigkeit ausdrückten.
+Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein Wirtschaftsschild,
+das den Titel &bdquo;De Zalm&ldquo; (Salm), &bdquo;De Reeper&ldquo; (Reiher),
+&bdquo;De Nieuwe Trompette&ldquo;, &bdquo;De drie Koningen&ldquo; oder &bdquo;Den
+Olifant&ldquo; führt? Klingt das nicht nach Teniers und De
+Coster? Schon der Empfang in der kräftigen unverwelschten
+Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche
+Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem
+alten Wesen von den furchtbaren Wunden des Krieges
+wieder auferstehe.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen.
+Ich stieg in den Keller, in dem sich die Frauen
+zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und knipste meine
+Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das
+im Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht
+verlöscht hatte. Hier zeigte sich wieder, wie fest der Mensch
+mit seiner Heimat verwachsen ist. Trotz der gewaltigen
+Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten, klammerten
+sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe
+werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem
+Spähtrupp von vier Mann nach Kalve auf, wo der Regimentsstab
+im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An
+der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem
+Frühmorgennebel das Aussehen eines brodelnden, blutigroten
+Dampfes gaben. Am Eingange von Oostnieukerke
+stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate getroffen,
+krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die
+Straße. Wir versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber
+doch hindurch, da wir die Richtung Roodkruis&mdash;Kalve nicht
+kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen bayerischen Unteroffizier,
+der im Eingange eines Kellers stand, nach dem
+Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die
+Taschen und zuckte die Achseln. Da ich infolge der dauernd
+einschlagenden Geschosse keine Zeit zu verlieren hatte, sprang
+ich auf dieses Produkt einer verfehlten militärischen Ausbildung
+zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase
+gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen
+nicht gefallen oder desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe
+um ein würdiges Mitglied bereichert haben.
+</p>
+
+<p>
+Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel,
+wurde die Sache bedenklich. Protzen rasten über die
+beschossene Straße, Infanterietrupps schlängelten sich zu
+beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete
+schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen,
+der uns begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus
+der Schulter. Wir bogen rechts von der Straße ab zum
+Regimentsgefechtsstand, der von einem starken Feuerkranze
+umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten
+Leitung über ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen
+schlug eine Granate ein; wir sahen ihn stürzen und hielten
+ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich wieder und zog
+seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter.
+Da der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock
+bestand, der kaum für den Kommandeur mit Adjutanten und
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in der Nähe Unterkunft
+suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und
+Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht
+gerade das Ideal einer bombensicheren Unterkunft darstellte.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung
+eingelaufen war, daß der Feind am Morgen unsere fünfte
+Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte über den
+Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen
+Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur
+des Bereitschaftsbataillons hauste. Von dort lief ein allerdings
+nur noch angedeuteter Pfad zum Kampftruppen-Kommandeur.
+Durch die starken Regenfälle der letzten Tage
+war das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von
+Schlamm verwandelt, das besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf meinen Irrfahrten
+kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden
+Toten vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand
+über den schmutzigen Spiegel der Trichter. Tausende schlummern
+so, ohne daß ein von Freundeshand errichtetes Kreuz
+die unbekannte Grabstätte schmückt.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des
+Paddebaches, das nur durch einige von Granaten darübergeschleuderte
+Pappeln ermöglicht wurde, entdeckte ich in
+einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie,
+Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen.
+Die Trichterstellung lag an einem Hange und konnte, da sie
+nicht völlig versoffen war, von anspruchslosen Frontsoldaten
+als bewohnbar bezeichnet werden. Heins erzählte mir, daß
+am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf
+Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum
+einige verirrte 164er, die bei ihrer Annäherung fortgelaufen
+waren, erschossen. Sonst war alles in Ordnung; ich begab
+mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst
+Bericht erstattete.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+Weise durch einige uns vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen,
+deren Dreckfontänen in langsamem Wirbel auf
+unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der
+Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des
+Regens wegen hineinging. Am Abend wiederholte sich
+der Vorgang, nur blieb ich diesmal vor dem Hause stehen,
+da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate schlug
+mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der
+Zufall im Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: &bdquo;Kleine
+Ursachen, große Wirkungen.&ldquo; Sekunden und Millimeter
+entscheiden.
+</p>
+
+<p>
+Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken
+getrieben, von denen die uns gegenüberliegende beim zweiten
+Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch die Erfahrungen des
+vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen Kohlfelde
+hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen,
+vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich
+jedesmal erst nach einer angemessenen Sicherheitspause
+wieder trennte. Während dieses Tages bekam ich die mir
+sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants Brecht,
+der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts
+vom Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte
+Brecht stets als Vorbild und lebenden Beweis des Spruches:
+&bdquo;Fortes fortuna adjuvat&ldquo; bewundert. Er war einer
+der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums
+sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem
+romantischen Nimbus umgeben waren.
+</p>
+
+<p>
+Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer
+von außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch
+unsere Artillerie verdoppelte auf die von vorn hochsteigenden
+Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes kleine Waldstück
+und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen
+halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.
+</p>
+
+<p>
+Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene
+Angaben über einen englischen Angriff machten,
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach vorn
+geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte
+durch scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten
+uns, darunter Leutnant Spitz, Führer der zwölften Kompagnie,
+mit einem Kinnschuß. Schon vor <span class="antiqua">K. T. K.</span> kamen
+wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der
+Feind unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht
+wurde mir durch den Major Dietlein, Führer des
+<span class="antiqua">III.</span> Bataillons bestätigt. Ich fand den alten Herrn gerade
+beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter
+Wasser stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner
+in den Schlamm gefallenen Meerschaumspitze fischend.
+Wenn doch jeder Deutsche sich ohne Rücksicht auf Alter und
+Gesundheit so eingesetzt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und
+hatte einen Höhenrücken genommen, von dem er den wichtigen
+Paddebachgrund, in dem der <span class="antiqua">K. T. K.</span> lag, unter
+Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der
+Lage mit einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen
+hatte, setzte ich mit meinen Leuten zu neuem Dauerlauf
+durch den Schlamm an. Wir sprangen im schnellsten
+Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste
+Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und
+links schlugen Granaten in den Sumpf und schleuderten
+riesige, von unzähligen kleineren umgebene Schlammberge
+in die Höhe. Der Nordhof lag unter nervenerschütterndem
+Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden.
+Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem
+Klatschen zwischen uns. Einer meiner Begleiter wurde am
+hinteren Stahlhelmrand getroffen und zu Boden geschleudert.
+Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte, raffte er sich
+hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war
+von einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt.
+Nachdem wir noch glücklich den stark beschossenen Grund
+hinter der Straße Paschendale&mdash;Westroosebeke durchschritten
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+hatten, konnte ich dem Regiments-Kommandeur Meldung
+erstatten.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit
+dem Auftrage, festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß
+hätte, nach vorn geschickt. Unterwegs traf ich den
+Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten Kompagnie
+den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen
+und, falls eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und
+dem linken Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen
+Auftrag so schnell wie möglich auszuführen, konnte ich nichts
+besseres tun, als mich anzuschließen. Wir fanden nach längerem
+Suchen den mir befreundeten Führer der achten Kompagnie,
+Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der
+Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über
+den Auftrag, eine derartig auffällige Bewegung bei hellem
+Tage auszuführen, wenig erfreut. Wir steckten uns während
+unserer kargen, durch die unsägliche Nüchternheit des
+morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation
+eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie
+gesammelt hatte. Schon nach wenigen Schritten erhielten
+wir von den gegenüberliegenden Höhen gezieltes Infanteriefeuer
+und mußten einzeln von Trichter zu Trichter vorspringen.
+Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte
+sich das Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung
+beziehen ließ, um den Schutz der Nacht abzuwarten. Er
+ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit den
+ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.
+</p>
+
+<p>
+Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke
+festzustellen und ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes
+Trichter aus. Schon begann die feindliche Artillerie zur
+Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich auf den
+Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres
+Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen
+voll Lehm spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete
+mich von Tebbe und wünschte ihm viel Glück für
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her: &bdquo;Lieber Gott,
+laß Abend werden, Morgen wird&rsquo;s von selber!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund,
+uns hinter den Laubmassen umgeschossener
+Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke benutzend.
+Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm
+und wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der
+Kameraden unfehlbar ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt
+eine Gruppe von Leuten, die einen Betonblock
+umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern
+geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die
+Beobachtung, daß ein Verwundeter nach vorn geschleppt
+wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs Glas und erblickte eine
+Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen Stahlhelmen.
+In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse.
+Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück,
+während die Geschosse rings um uns in den Schlamm
+spritzten. Die Hetze durch den Morast war wahnsinnig anstrengend;
+doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile
+den Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine
+Gruppe Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte
+immerhin das Gute, uns durch ihren Qualm der feindlichen
+Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei diesem Lauf
+war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar
+zur Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale
+aus einzelnen Trichtern verrieten, daß hier schon mancher
+verschwunden war.
+</p>
+
+<p>
+Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand,
+wo ich meine Skizzen abgab und Bericht über
+die Lage erstattete.
+</p>
+
+<p>
+Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische
+Reserve-Regiment 10 abgelöst und, zu stetem Eingreifen
+bereit, in den Dörfern hinter der Front untergebracht. Der
+Stab zog nach Most.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+im Zimmer einer verlassenen Schenke beim Wein und feierten
+die Beförderung und Verlobung des Leutnants Zürn, der
+gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe für
+diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein
+Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch
+meine Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde
+alarmiert. Es ging das Gerücht, daß der Gegner bei der
+immer noch bestehenden Lücke links der Regimentsstellung
+eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle
+wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen
+Umgebung unter schwachem Streufeuer lag. Eine leichte
+Granate fuhr durch das Fenster eines Häuschens, aus dem
+drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen hervorstürzten.
+Drei andere lagen als Leichen unter den
+Trümmern.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen
+Kommandeur folgenden Gefechtsauftrag: &bdquo;Durch abermaligen
+Vorstoß des Gegners ist die Stellung des linken
+Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke
+zwischen beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr
+bestand, daß die Stellung des Regiments von links umgangen
+wurde, trat gestern abend das <span class="antiqua">I.</span> Bataillon des
+Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber
+anscheinend vom Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den
+Feind. Heute morgen wurde das <span class="antiqua">II.</span> Bataillon gegen die
+Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht eingetroffen.
+Es ist die Stellung des <span class="antiqua">I.</span> und <span class="antiqua">II.</span> Bataillons zu erkunden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim
+Nordhof dem Hauptmann von Brixen, Kommandeur des
+<span class="antiqua">II.</span> Bataillons, der die Aufstellungsskizze bereits in der
+Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag
+damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock
+des <span class="antiqua">K. T. K.</span> um einen persönlichen Überblick zu gewinnen.
+Auf dem Wege lag eine Menge frischer Leichen,
+deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern starrten
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man
+die menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete
+von den Ärmeln der meisten das blaue Gibraltarband.
+Kampftruppen-Kommandeur war der bayerische Hauptmann
+Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte mir ausführlich
+mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits
+hastig erzählt hatte. Unser <span class="antiqua">II.</span> Bataillon hatte große Verluste
+erlitten, u. a. waren der Bataillons-Adjutant und der
+Führer der braven siebenten Kompagnie gefallen. Das
+Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders
+tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei
+Fresnoy als Führer der achten Kompagnie den Tod gefunden
+hatte. Die beiden Brüder waren Liechtensteinsche Staatsangehörige,
+trotzdem aus Begeisterung für die deutsche Sache
+in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im
+selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im
+Offizierkorps vier Brüderpaare. Von diesen acht jungen
+Leuten fielen fünf, und zwei, darunter mein Bruder, brachten
+schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige, der
+einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel
+illustriert die Verluste des Füsilier-Regiments.
+</p>
+
+<p>
+Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter
+vor dem unsrigen, der gestern besonders heldenhaft verteidigt
+war. Kurz nach dem Angriff sah der Kommandant
+der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei
+Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus
+und verstärkte mit den drei Leuten seine Besatzung. Helden
+schien er dem Vaterlande freilich nicht erhalten zu haben.
+Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten sie einen gut
+verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor
+die Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit
+noch unbemerkt zurückziehen.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte,
+wurde durch einen englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert;
+statt einer Antwort sprang der Deutsche heraus,
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner verdutzten
+Leute hinein.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege
+kleine Trupps von Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen
+sich offen in der Zone des Infanteriefeuers
+bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder
+zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen
+Kriege nur, wenn die Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen
+war. Trotzdem erfuhr ich später, daß verborgene englische
+Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung
+halten, und doch kann ich mir erklären, daß schwache
+Naturen dem atavistischen Triebe, zu vernichten, erliegen,
+der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn drüben
+Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.
+</p>
+
+<p>
+Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen
+Äpfeln riechendes Reizgas englischer Granaten, das sich im
+Boden festgesogen hatte und die Augen tränen machte, erschwert.
+Gleich darauf sollte ich einen schmerzlicheren Grund
+zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im
+Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich
+kurz vorm Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter,
+schwer verwundeter Offiziere. Der eine war
+Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in fröhlichem
+Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener
+wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des
+Todes ist, auf einer losgerissenen Tür und sah mich mit
+stieren Augen an, als ich herantrat, um ihm die Hand zu
+drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp, waren Arm- und
+Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß
+eine Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß
+mit in Fatalismus versteinerten Zügen auf seiner Bahre
+und rauchte eine Zigarette.
+</p>
+
+<p>
+Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+an jungen Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich
+heute das abfällige Urteil der Masse über den Kriegsleutnant
+höre, muß ich an diese Männer denken, die den alten Preußengeist
+von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen
+in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.
+</p>
+
+<p>
+Am 3. November wurden wir in dem uns von den
+ersten Flanderntagen her wohlbekannten Bahnhof Gits verladen.
+Wir konstatierten, daß die beiden Fläminnen nicht
+mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen
+manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen
+Schwesterstadt von Lille, in Ruhe. Das erste und
+letzte Mal im Kriege schlief hier jeder Mann der siebenten
+Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein prachtvoll
+eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in
+der Rue de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den
+ersten Abend in einem Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen
+Marmorkamins.
+</p>
+
+<p>
+Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des
+hart errungenen Daseins zu freuen. Noch konnte man es
+kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war. Man fühlte
+den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all&rsquo; seinen
+Formen zu genießen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-18">
+Die Cambraischlacht.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>ie schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber.
+Wir lagen noch kurze Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch
+neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und fuhren am 15. November
+1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen
+Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung.
+Lécluse war ein größeres, von Seen umgebenes Dorf des
+Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten und
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl
+das Fischen streng verboten war, hörte man nachts auf
+dem Wasser oft rätselhafte Geräusche. Eines Tages bekam
+ich von der Ortskommandantur auch ein paar Soldbücher
+von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten
+erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein
+Wort darüber, da mir die gute Stimmung der Mannschaft
+bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung der französischen
+Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen.
+Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter
+Hand ein Riesenhecht auf meinem Tische niedergelegt.
+Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden
+Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange &bdquo;Hecht
+à la Lohengrin&ldquo; (Nie sollst du mich befragen).
+</p>
+
+<p>
+Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die
+Stellung, die wir in den nächsten Tagen besetzen sollten. Sie
+lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir kamen jedoch nicht
+so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast jede
+Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen
+Angriffes abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel
+oder dem Dorfe Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen
+Kriegern war klar, daß das nicht lange gut gehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren
+Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, daß wir
+an einem groß angelegten Gegenangriff auf den Stellungsbogen
+teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai
+in unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren,
+endlich einmal die Rolle des Ambosses mit der des Hammers
+vertauschen zu können, hegten wir unserer noch von Flandern
+her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem
+setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie
+und deren eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und
+vorzüglichen Unteroffiziere.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+wurden wir in Lastautomobile verladen. Dabei erlitt
+meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein Mann
+eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte
+und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete.
+Ein anderer versuchte sich wahnsinnig zu stellen, um der
+Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich lachen oder
+wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen
+Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir
+konnten endlich einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt,
+bis dicht vor Baralle, wo wir in einem Straßengraben
+stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich
+trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen.
+Wir erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung,
+daß das Regiment 225, dem wir unterstellt waren, auf unsere
+Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir sollten
+währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen.
+</p>
+
+<p>
+Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen
+ein, die sich von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer
+verdichteten. Der Bourlon-Wald, der wegen seiner
+starken Befestigungen nicht frontal angegriffen, sondern ausgespart
+wurde, verschwand unter gelbgrünen Gaswolken. Um
+11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem
+leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände
+Batterien anspannten und zum Stellungswechsel vorjagten.
+Ein deutscher Flieger schoß einen englischen Fesselballon in
+Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm absprang.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir
+von der Höhe des Schloßparkes betrachtet hatten, leerten
+wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten uns trotz der Kälte zu
+einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um
+3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken,
+der in der Schleusenkammer eines ausgetrockneten
+Kanalbeckens versteckt war. Wir legten diesen Weg zugweise
+unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort wurde die
+siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die
+500 Meter, die im Kanalbett zu überwinden waren, lagen
+unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten ohne Verluste, in
+einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche
+Tote verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen
+Zoll gezahlt hatte. Reserven lagen dicht an die Böschungen
+gepreßt und waren beschäftigt, in fieberhafter Hast Deckungslöcher
+in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da alle
+Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das
+Feuer auf sich zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld
+rechts daneben und überließ jedem einzelnen, sich dort
+einzurichten. Ein Splitter flog klirrend gegen mein Seitengewehr.
+Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe, der mit
+seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen
+passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten.
+Wir steckten eine Kerze an, aßen zu Abend,
+rauchten unsere Pfeifen und unterhielten uns fröstelnd. Um
+11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige vordere Linie einzurücken
+und mich bei dem <span class="antiqua">K. T. K.</span> zu melden, dem die
+siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und
+führte die Leute vor. Es schlugen nur noch vereinzelte,
+mächtige Granaten ein, von denen eine gleich einem Gruß
+der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett mit
+finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie
+von einer eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte
+hastig über Stacheldraht und Steintrümmer hinter mir her.
+Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl beschleicht die
+Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur
+Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist.
+Auge und Ohr des Kriegers werden durch die sonderbarsten
+Täuschungen gereizt; er fühlt sich zwischen den drohenden
+Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in
+dunkler Heide verirrt hat.
+</p>
+
+<p>
+Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen
+Linie in den Kanal und wanden uns durch menschenüberfüllte
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand. Ich trat ein und
+fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten
+einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr,
+daß der Angriff an dieser Stelle nicht viel erreicht hätte und
+am nächsten Morgen weiter vorgetrieben werden sollte. Die
+Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei
+Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung
+mit ihren Adjutanten. Ab und zu warfen Offiziere der
+Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe ihrer Pritschen,
+die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der
+Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem
+Gedränge für ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender
+Verwundeter rief durch die Meldung eines feindlichen
+Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm hervor.
+</p>
+
+<p>
+Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben.
+Ich sollte mit der Kompagnie um 6 Uhr morgens den
+Drachenweg und von dort so weit als möglich die Siegfried-Linie
+aufrollen. Die beiden Bataillone des Stellungs-Regiments
+sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese
+Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten
+Verdacht. Ich erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten
+Angriff und erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr
+antreten sollten. Der nächste Morgen zeigte, daß diese Änderung
+von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene
+Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes
+Blut sparen.
+</p>
+
+<p>
+Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird
+unter fremdem Befehle nicht verwöhnt. Da mir die Lage
+des Drachenweges äußerst schleierhaft war, bat ich beim Abschied
+um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt werden
+konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit
+in der Stellung umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an
+einem kleinen, nach vorn abzweigenden Graben, der durch
+spanische Reiter gesperrt war, ein Schild mit der halbverwischten
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+Aufschrift &bdquo;Drachenweg&ldquo;. Als ich hineinging, hörte
+ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr.
+Ich war äußerst überrascht, den Gegner so nahe,
+beinahe in der eigenen Stellung zu finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln
+getroffen waren, und sperrte den Graben
+sofort durch eine Gruppe ab.
+</p>
+
+<p>
+Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch,
+anscheinend eine Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie
+zusammenzog, um den Gefechtsauftrag zu erklären und die
+Züge zum Angriff einzuteilen. Meine Ansprache wurde
+mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal
+sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der
+Grube. Ich stand oben auf dem Rande und sah bei jedem
+Einschlag eine tiefe, gleichmäßige Verneigung der mondbeglänzten
+Stahlhelme unter mir.
+</p>
+
+<p>
+Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte
+ich den ersten und zweiten Zug in die Stellung zurück und
+blieb mit dem dritten in der Grube. Mannschaften einer
+Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg abgeschmiert
+war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie
+erzählten, daß nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr
+den Graben als unüberwindliches Hindernis
+sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern überein,
+beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu
+springen und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen.
+Inmitten des fremden Verbandes galt es besonders, die
+Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die endlos
+langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf
+gekauert, in einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und
+traf in der eigentümlichen Stimmung, die jedem Angriff
+vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat ein seltsames,
+flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern,
+versucht Scherze zu machen, läuft hin und
+her wie vor einer Parade vor dem kommandierenden General;
+kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir
+eine auf Hartspiritus erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme
+und Zuversicht ins Mark zauberte.
+</p>
+
+<p>
+Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge
+in langer Schlange an. Wir fanden den Drachenweg
+unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter einer
+Barrikade verriet, daß das MG. zurückgenommen sein
+mußte. Unser Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir
+betraten einen kleinen Hohlweg, nachdem ich einen rechts
+abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein paar
+Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer
+flacher, und zuletzt fanden wir uns im grauenden Morgen
+auf freiem Felde. Wir machten kehrt und betraten den
+rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgerät und englischer
+Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Plötzlich riß
+der Führer der Stoßgruppen, Leutnant Hoppenrath,
+einem Manne das Gewehr aus der Hand und schoß. Er
+war auf einen englischen Posten gestoßen, der nach einigen
+Handgranatenwürfen die Flucht ergriff. Es ging weiter,
+bis gleich darauf von neuem Widerstand geleistet wurde.
+Handgranaten flogen von beiden Seiten und barsten mit
+vielfachem Krachen. Die Stoßtrupp-Technik trat in Funktion.
+Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch
+die Kette der Hände; Scharfschützen nisteten sich hinter
+Schulterwehren ein, um die feindlichen Werfer aufs Korn zu
+nehmen, die Zugführer spähten über Deckung, um einen Gegenstoß
+rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten
+MG. bauten ihre Waffen an schußfeldbietenden Stellen auf.
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzem Kampfe erschollen drüben aufgeregte
+Stimmen, und ehe wir recht begriffen, was geschehen,
+kamen uns die ersten Engländer mit hochgereckten Händen
+entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr
+und schnallte ab, während unsere Gewehre und
+Pistolen drohend auf ihn gerichtet waren. Es waren lauter
+junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich ließ sie
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+mit der Aufforderung: &bdquo;Hands down!&ldquo; passieren und beauftragte
+eine Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten
+zeigten durch ihr zuversichtliches Lächeln, daß sie uns nichts
+Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit vorgehaltenen
+Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns
+zur Milde zu stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines
+Weidmannes sah ich, daß wir einen gewaltigen Fang gemacht
+hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen.
+Schon hatten wir 150 Mann gezählt, und immer noch erschienen
+neue mit erhobenen Armen. Ich hielt einen
+Offizier an und fragte ihn nach dem weiteren Verlauf und
+der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr höflich,
+beeinträchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich
+machte, dadurch, daß er stramm stand. Er geleitete mich
+dann zu dem Führer der Kompagnie, einem verwundeten
+Captain, der sich in einem nahen Stollen aufhielt. Ich
+fand einen jungen Mann von ungefähr 26 Jahren mit
+feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an
+dem Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er
+seine Hand, von der eine goldene Kette blitzte, an die Mütze,
+nannte seinen Namen und übergab mir seine Pistole.
+Seine ersten Worte zeigten, daß ich einen Mann vor mir
+hatte. &bdquo;We were surroundet about.&ldquo; Es drängte ihn,
+seinem Gegner zu erklären, warum sich seine Kompagnie so
+rasch ergeben hätte. Wir unterhielten uns in französischer
+Sprache über verschiedenes. Er erzählte mir, daß eine
+Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden
+und verpflegt wären, in einem nahen Unterstande
+lägen. Als ich mich erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung
+weiter hinten besetzt wäre, verweigerte er die Auskunft.
+Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die anderen
+Verwundeten zurückschaffen zu lassen, verabschiedeten wir
+uns durch einen Händedruck.
+</p>
+
+<p>
+Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, daß
+wir an 200 Gefangene gemacht hätten. Für eine Kompagnie
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+von 80 Köpfen eine schöne Leistung. Nachdem ich
+Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten
+Graben um, der von Waffen und Ausrüstungsstücken
+starrte. Auf den Postenständen lagen MG., Minenwerfer,
+Hand- und Gewehrgranaten, Feldflaschen, Pelzwesten,
+Gummimäntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch,
+Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen,
+Handwerkszeug, Pistolen, Leuchtpistolen, Wäsche,
+Handschuhe, kurz alles, was man sich nur denken konnte.
+Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu
+geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas näher
+zu untersuchen. Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen,
+mir von meinem Burschen in einem Stolleneingang
+ein kleines Frühstück zusammenstellen zu lassen und eine
+Pfeife des langentbehrten navy cut zu entzünden, während
+ich meinen Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur
+kritzelte. Als vorsichtiger Mann schickte ich ein Duplikat
+an unseren Bataillons-Kommandeur.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener
+Stimmung (ich will nicht ableugnen, daß die englischen
+Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen haben mochten)
+wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr
+die Siegfriedstellung entlang.
+</p>
+
+<p>
+Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten
+wir Feuer und stiegen, um uns zu orientieren, auf
+den nächsten Postenstand. Während wir mit den Insassen
+einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine
+unsichtbare Faust zu Boden gestoßen. Ein Geschoß hatte
+den Scheitel seines Stahlhelms durchbohrt und eine lange
+Rille in die Schädeldecke gerissen. Das Gehirn hob und
+senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes,
+trotzdem konnte er noch allein zurückgehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch
+einen Angriff über freies Feld zu brechen. Die Leute sahen
+sich zögernd an; nur ein unbeholfener Pole, den ich immer
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+für blödsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben und
+stapfte schwerfällig auf das Blockhaus los. Nun sprang
+auch der Fähnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung,
+während wir gleichzeitig im Graben vorgingen. Die Engländer
+gaben einige Schüsse ab und rissen aus, das Blockhaus
+uns überlassend. Einer der Leute des Fähnrichs war
+mitten im Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige
+Schritte vorm Ziel mit dem Gesicht auf dem Boden.
+</p>
+
+<p>
+Beim weiteren Vorgehen stießen wir auf die erbitterte
+Gegenwehr unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden
+im Verlaufe eines längeren Gemetzels wieder bis zum
+Blockhaus zurückgedrängt. Dort verbarrikadierten wir
+uns. Sowohl wir als die Engländer ließen in dem umkämpften
+Grabenstück eine Anzahl von Leichen zurück.
+Leider befand sich darunter auch der Unteroffizier Mevius,
+den ich in der Nacht von Regniéville als tollkühnen
+Kämpfer schätzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in
+einer großen Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an
+einem großen Loch in der Stirn, daß hier keine Hilfe mehr
+not tat.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen
+hatte, begann ein hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen
+ein 50 Meter von uns postiertes Lewis-Gewehr unsere
+Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von
+uns nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang
+knatterten die beiden Mordwaffen, von Geschossen umspritzt,
+gegen einander los. Dann brach unser Richtschütze, der
+Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl
+ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief,
+war er noch bei klarem Verstande, als wir ihn in den nächsten
+Stollen trugen. Allmählich wurde es etwas ruhiger, da auch
+die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12 Uhr
+erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und
+Leutnant Vogt und beglückwünschten mich zu den Erfolgen
+der Kompagnie. Wir setzten uns in das Blockhaus, frühstückten
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+von den englischen Vorräten und besprachen die
+Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr
+25 Engländern, deren Köpfe 100 Meter vor uns aus
+dem Graben tauchten, und die sich anscheinend ergeben
+wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde
+ich von weiter hinten beschossen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten
+flogen. Gewehre knallten, MG. ratterten. &bdquo;Sie
+kommen! Sie kommen!&ldquo; Wir sprangen hinter die Sandsäcke
+und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus,
+sprang in der Hitze des Kampfes oben auf die
+Barrikade und schoß so lange in den Graben, bis ihn zwei
+schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir diesen
+Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage
+später zum E. K. <span class="antiqua">I</span> gratulieren zu können.
+</p>
+
+<p>
+Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum
+Frühstück zurückgekehrt, als von neuem ein Heidenlärm losbrach.
+Es trat einer jener merkwürdigen Zwischenfälle ein,
+an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so reich
+ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter
+des linken Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung
+aufnehmen wollte und von gewaltiger Rauflust beseelt war.
+Alkoholgenuß schien seine angeborene Tapferkeit zur Raserei
+entfacht zu haben. &bdquo;Wo ist der Tommy? Ran an die
+Hunde! Los, wer kommt mit?&ldquo; In seiner Wut riß er
+unsere schöne Barrikade ein und stürzte vor, sich den Weg
+mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor ihm glitt
+seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen
+die dem Sprengstoff Entronnenen.
+</p>
+
+<p>
+Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken
+immer begeisternd. Auch wir wurden vom Draufgängertum
+gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten aufraffend,
+an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald
+befand ich mich neben dem Offizier-Stellvertreter, und
+auch die anderen Offiziere, gefolgt von Leuten meiner Kompagnie,
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+ließen sich nicht lange bitten. Selbst der Bataillons-Kommandeur,
+Hauptmann von Brixen, befand
+sich mit einem Gewehre in der Hand unter den Vordersten
+und streckte über unsere Köpfe hinweg mehrere feindliche
+Werfer nieder.
+</p>
+
+<p>
+Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um
+jede Schulterwehr gerungen. Die schwarzen Bälle der
+Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit unseren
+Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden
+wir Leichen oder noch zuckende Körper. Man tötete sich,
+ohne sich zu sehen. Auch wir hatten Verluste. Neben der
+Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der Mann
+nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während
+sein Blut aus vielen Wunden auf den Lehm sickerte.
+</p>
+
+<p>
+Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter.
+Donnerkrachen zeichnete unseren Weg. Hunderte von
+Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr und
+Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor
+den eigenen Linien. Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse
+um die Stahlhelme oder zerschellten mit hartem
+Knall am Grabenrand.
+</p>
+
+<p>
+Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden
+Leuten des Regiments 225 ausgeräumt. In die
+Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über freies
+Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei
+einer Treibjagd.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem
+wir hart auf den Fersen geblieben waren, machte Anstalten,
+durch einen rechts abbiegenden Verbindungsgraben
+zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und
+sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem
+unsrigen in einer Entfernung von 20 m parallel lief. Der
+Feind mußte also noch einmal an uns vorbei. Wir
+konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern,
+die vor Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+sehen. Ich schleuderte den Vordersten eine Handgranate
+vor die Füße, so daß sie stutzend stehen blieben,
+und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun entstand
+eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie
+Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm
+hüllend. Zwei Leute reichten mir ununterbrochen fertige
+Wurfgeschosse zu. Zwischen den zusammengeballten Engländern
+zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme
+hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich.
+Feuer vor den Augen, sprangen wir schreiend auf den
+Grabenrand.
+</p>
+
+<p>
+Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren
+Schlag zu Boden geworfen. Ernüchtert riß ich
+meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu meinem
+Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier
+Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich
+durch die Versicherung, daß an meinem Hinterkopfe nur
+ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines
+weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen
+und den Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich
+mit verbundenem Kopfe zurück, um mich aus diesem Brennpunkte
+des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die
+nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte
+und hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben
+Stelle soeben durch Kopfschuß gefallen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich,
+die Tatsache zu fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang
+Freud, Leid und Gefahr geteilt, und der mir vor
+wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen hatte,
+durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben
+sollte. Es war leider nur zu wahr.
+</p>
+
+<p>
+Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen
+sämtliche hervorragenden Unteroffiziere und ein
+Drittel meiner Kompagnie. Auch der Leutnant Hopf fiel,
+ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine
+beiden Fähnriche und viele andere wurden verwundet.
+Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die glorreich eroberte
+Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath,
+des letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung.
+</p>
+
+<p>
+Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke.
+Man hört so oft die irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf
+zu einer uninteressanten Massenschlächterei
+herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet
+der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem
+Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit den harten,
+entschlossenen Gesichtern, tollkühn, so sehnig, geschmeidig
+vor- und zurückspringend, mit scharfen, blutdürstigen Augen,
+Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist der
+blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine
+Männer gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen
+waren, unbekannte, verwegene Kämpfer. Unter allen
+nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so stark,
+wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den
+engen Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück
+und kein Erbarmen. Blut klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei,
+der sich wie Alpdruck von der Brust ringt.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann
+von Brixen stehen, der, mit einigen Leuten einen Feuerkampf
+gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus einem
+nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn
+und einen anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne
+auf die Grabensohle, während meine Augen durch herabströmendes
+Blut geblendet wurden. Der Mann neben mir
+stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß
+durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann
+fürchtete, seinen zweiten Kompagnieführer an diesem Tage
+verloren zu haben, stellte indes bei näherem Hinsehen nur
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest; wahrscheinlich
+durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter
+des Verwundeten verursacht.
+</p>
+
+<p>
+Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich
+mich dem Hauptmann an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging.
+Den hart beschossenen Dorfrand von Moeuvres im
+Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im
+Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt.
+&mdash; Am Nachmittag setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr
+nach Lécluse, wo ich dem begeisterten Oberst von Oppen
+beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem ich halb im
+Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein
+geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach
+diesem gewaltigen Tage mit einem Feierabendgefühl in das
+Bett, das mir mein treuer, freudestrahlender Vinke bereitet
+hatte. Am übernächsten Tage rückte das Bataillon in Lécluse
+ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur, Generalmajor
+von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone,
+in der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders
+hervorgehoben wurden.
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein.
+Kaum 80 Mann hatten ein langes Grabenstück erobert;
+eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und Material
+erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir
+auch eine Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders
+viele Chargen. Ich hatte die Freude, eine lange Reihe von
+Beförderungen und Auszeichnungen verkünden zu können.
+Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath,
+Führer der Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer
+und last not least, der kühne Barrikadenverteidiger
+Kimpenhaus das E. K. <span class="antiqua">I</span>. Ich bekam als Pflaster
+auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub,
+währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens
+von Hohenzollern mit Schwertern ins Haus geschickt
+wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges über Orden
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich,
+daß ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an
+die Brust heftete. Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm
+und ein silberner Pokal mit der Inschrift &bdquo;Dem Sieger
+von Moeuvres&ldquo;, den mir die drei anderen Kompagnieführer
+des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an
+den Tag von Cambrai.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-19">
+Am Cojeul-Bach.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">N</span>ach wenigen Tagen der Ruhe lösten wir am 9. Dezember
+1917 die zehnte Kompagnie in vorderer Linie ab.
+Die Stellung lag, wie ich schon berichtete, vor dem Dorfe
+Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch
+die Straße Arras&mdash;Cambrai, links durch das versumpfte
+Bett des Cojeul-Baches begrenzt, über das wir die Verbindung
+mit der Nebenkompagnie durch nächtliche Patrouillen
+aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde
+durch eine zwischen den vorderen Gräben liegende Erhebung
+der Sicht entzogen. Außer ein paar Patrouillen, die sich
+nachts an unserem Draht zu schaffen machten, und dem
+Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme aufgestellten
+Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie
+wahr.
+</p>
+
+<p>
+Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter
+der Stellung gähnenden Kiesgrube getrieben, die fast jeden
+Tag stark beschossen wurde. Dahinter ragte in grotesker
+Wüstheit das Eisengerüst einer zerstörten Zuckerfabrik.
+</p>
+
+<p>
+Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort.
+Zwischen den mit verbrauchtem Kriegsmaterial gefüllten
+Trichtern steckten die windschiefen Kreuze verfallener Gräber.
+Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen und
+mußte von dem Erlöschen der einen Leuchtkugel auf das
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Hochsteigen der anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade
+der Laufrosten in den Schlamm des Cojeul-Grundes zu
+geraten.
+</p>
+
+<p>
+Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau
+befindlichen Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten
+Stollen, las ein Buch und trommelte mit den Füßen zur
+Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben Zweck
+diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene
+Flasche, der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines
+Feuerchens zum trüben Dezemberhimmel emporsteigen
+lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar geworden,
+da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der Befehlsstelle
+zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam
+erst zur Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten
+Glieder. Der kleine Ofen wurde in Brand gesetzt und verbreitete
+neben dichtem Qualm auch eine behagliche Wärme.
+Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre der
+aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig
+erwartet wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben,
+Graupen und Dörrgemüse durch Bohnen oder Nudeln
+unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr zu
+wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem
+kleinen Tische sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der
+Leute, die, in Tabakswolken gehüllt, um den Ofen hockten,
+von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige Gerüche ausströmte.
+Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort
+und Urlaub wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen,
+auch die Erotik spielte eine Hauptrolle.
+</p>
+
+<p>
+Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem
+ich am 2. Januar zurückkehrte.
+</p>
+
+<p>
+Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst
+und marschierten durch dichtes Schneegestöber nach
+Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um uns für die
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar
+klaren Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern
+verteilt wurden, stellten den Angriff für die
+nächste Zeit in Aussicht.
+</p>
+
+<p>
+Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts
+und Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr
+und Maschinengewehr geschossen. Da alle Dörfer hinter
+der Front bis zur letzten Dachkammer belegt waren, wurde
+jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die Geschosse
+manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten.
+Ein Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten
+Maschinengewehr den Kommandeur eines fremden Regiments
+mitten in einer Kritik aus dem Sattel. Zum Glück
+war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht
+klar erweislich.
+</p>
+
+<p>
+Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie
+Übungsangriffe mit scharfen Handgranaten auf verwickelte
+Grabensysteme, um die Erfahrungen der Cambraischlacht
+auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz
+gehauen wird, fallen Späne.
+</p>
+
+<p>
+Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter
+Oberst v. Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade
+zu übernehmen. Das Scheiden dieses hervorragenden, während
+der langen Jahre des Krieges fest mit seiner Truppe
+verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein
+schmerzlicher Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am
+Geschick seiner Untergebenen besaß er die bei im eintönigen
+Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht häufige
+Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges
+mit Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann
+kann im Kriege Unermeßliches leisten. Leider gingen seine
+Abschiedsworte: &bdquo;Auf Wiedersehen in Hannover!&ldquo; nicht in
+Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat noch
+sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder
+Erde, fern von der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über
+und wurden am 22. für vier Tage im Trichterfelde links der
+Straße Dury&mdash;Hendecourt untergebracht, um nachts in vorderer
+Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung,
+die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt
+gegenüberlag, wurde mir klar, daß ein Teil des gewaltigen
+Angriffs, von dem an der ganzen Westfront erwartungsvoll
+geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte.
+</p>
+
+<p>
+Überall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen
+getrieben und neue Wege angelegt. Das Trichterfeld wimmelte
+von mitten im Gelände stehenden Schildchen, auf
+denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die
+Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd
+flogen unsere Flugzeuge Sperre, um den feindlichen
+den Einblick zu verwehren. Eine interessante Neuerscheinung
+an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr
+von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen
+wurde, der um 12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um
+die Truppe mit genauer Uhrzeit zu versorgen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach
+Gouy in unsere alten Quartiere. Nach mehreren Übungen
+im Bataillons- und Regimentsverbande exerzierten wir
+zweimal an einer großen tracierten Stellung einen Durchbruch
+der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur
+eine Ansprache an seine Offiziere, bei der
+jedem klar wurde, daß der Sturm in den nächsten Tagen
+losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der Geist
+der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich
+hier auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen
+zur Kampfprobe versammelt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung
+sich gesteckt hatte, so war es nicht die Schuld der Offiziere
+und der Leute, die nach 44 Monaten schwerster Kämpfe sich
+dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen, wie je
+im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+in die Bresche stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten.
+Wenn sich im Laufe der Jahre einst die Wogen des Hasses
+geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen, daß wir
+gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor.
+</p>
+
+<p>
+Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden,
+wo wir am runden Tisch zusammensaßen und uns
+mit heißen Köpfen über den bevorstehenden frisch-fröhlichen
+Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der Begeisterung
+der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch
+Geld jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren
+Jenseits?
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Wer weiß, ob nicht die Welt</p>
+ <p class="line">Morgen in Schutt zerfällt,</p>
+ <p class="line">Wenn sie nur heut noch hält,</p>
+ <p class="line">Heute ist heut!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch
+leben wollte, konnte uns der Hauptmann v. Brixen am
+letzten Abend davon abhalten, Gläser, Flaschen und Porzellan
+gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren
+gut in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen
+Weise von dem bevorstehenden &bdquo;Hindenburg-Flachrennen&ldquo;
+reden, so wußte man, daß sie anpacken würden wie
+immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei. Wie
+hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen,
+diese stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel
+schimmernde Ideale, die über unseren Zielen hingen, hat
+mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für immer: diese unerschütterliche
+Treue.
+</p>
+
+<p>
+Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden
+von den uns bereits liebgewordenen Quartieren nach
+Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von rastlos sich
+vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und
+endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach
+einem von Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan.
+Wehe der Truppe, die nicht peinlich Weg- und
+Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos in den
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten,
+ehe sie sich in eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten
+wir doch ins Gedränge, wobei sich das Reitpferd des Hauptmanns
+v. Brixen auf eine beschlagene Wagendeichsel spießte
+und verendete.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-20">
+Die große Schlacht.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>as Bataillon wurde im Schloß von Brunemont
+untergebracht. Wir erfuhren, daß wir in der Nacht vom
+19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren sollten, um
+in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes
+bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am
+Morgen des 21. beginnen sollte. Das Regiment hatte den
+Auftrag, zwischen den uns von 1915/16 her wohlbekannten
+Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen und
+womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten
+Wesen wegen gar nicht anders nennen konnten als
+&bdquo;Schmidtchen&ldquo;, voraus, um die Unterkunft der Kompagnie
+zu sichern.
+</p>
+
+<p>
+Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus
+Brunemont ab. Trotz strömenden Regens war die Stimmung
+gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend zwischen den
+Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt
+mußte jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war
+vorüber, nun kam die Sache selbst. Man mußte jedes Rädchen
+laufen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos
+erwarteten, marschierten die Kompagnien selbständig
+nach vorn. Als wir in der Höhe der zweiten Linie
+waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann
+ein Umherirren in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten
+Trichtergelände und ein Fragen bei unzähligen, ebensowenig
+orientierten Trupps. Um meine Leute nicht völlig zu erschöpfen,
+ließ ich halten und schickte die Führer in verschiedenen
+Richtungen aus.
+</p>
+
+<p>
+Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten
+sich in einen gewaltigen Trichter, während ich mit dem
+Leutnant Sprenger auf dem Rande eines kleineren saß.
+Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor uns
+einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil
+schlug in geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in
+die Lehmwände des Trichters. Ein Mann schrie auf und
+behauptete, am Fuße getroffen zu sein. Ich rief den Leuten
+zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen, während
+ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen
+nach einem Einschuß untersuchte.
+</p>
+
+<p>
+Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende
+Gefühl: die kommt hierher! Dann
+schmetterte ein betäubender, ungeheurer Krach; &mdash; die Granate
+war mitten zwischen uns geschlagen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen
+Trichter strahlte unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition
+ein intensives rosa Licht. Es beleuchtete den schwelenden
+Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze Körper
+wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden
+Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches,
+grauenhaftes Gebrüll und Hilfegeschrei.
+</p>
+
+<p>
+Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle
+anderen, nach einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang
+und planlos in die Nacht rannte. Erst in einem kleinen
+Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war, wurde mir
+der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort,
+weit weg, verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere
+Stimme: &bdquo;Mensch, du bist doch der Kompagnieführer!&ldquo;
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu rühmen; ich möchte
+eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den
+Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren,
+daß das Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche
+Angst übertäubte. Man hatte einen Halt, etwas, an
+das man denken mußte. Ich zwang mich also an den schrecklichen
+Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller,
+der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr
+erbeutet hatte, und nahm ihn mit.
+</p>
+
+<p>
+Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren
+Schreie aus. Einige kamen auf mich zugekrochen und winselten,
+meine Stimme erkennend: &bdquo;Herr Leutnant! Herr
+Leutnant!&ldquo; Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein
+Splitter den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an
+meinen Beinen fest. Meinem Unvermögen zu helfen, fluchend,
+klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter. Solche Augenblicke
+vergißt man nie.
+</p>
+
+<p>
+Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden
+Krankenträger überlassen, um das Häuflein Getreuer, das
+sich um mich gesammelt hatte, aus dem gefährdeten Bereich
+zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der Spitze
+einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun
+mit wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch
+das Grabengewirre. Ein blutjunges Milchgesicht, das vor
+einigen Tagen noch, von seinen Kameraden verspottet, beim
+Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen geweint
+hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren
+Szene gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen
+Wege mit. Diese Beobachtung gab mir den Rest. Ich warf
+mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes Schluchzen
+aus, während die Leute düster um mich herumstanden.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von
+einschlagenden Granaten bedroht, durch Gräben gehastet
+waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch standen,
+verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine
+Decke über mich; trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren
+Nervenerregung kein Auge schließen und erwartete, Zigarren
+rauchend, die Dämmerung.
+</p>
+
+<p>
+Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches
+Leben im Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie
+suchten noch ihre Deckungen zu erreichen. Artilleristen
+schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre Fahrzeuge;
+Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war
+der reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde,
+der unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.
+</p>
+
+<p>
+Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie,
+Leutnant Fallenstein, einen alten
+Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft zeigen konnte. Sein
+erstes Wort war: &bdquo;Mensch, wie sehen Sie denn aus?&ldquo; Ich
+führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir
+in der Nacht wohl ein dutzendmal vorbeigelaufen waren,
+und in dem ich Schmidtchen vorfand, der von unserem Unglück
+noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier
+wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue
+Stellung bezogen, die Auswahl der Führer stets selbst und
+mit der größten Sorgfalt getroffen. Im Kriege lernt man
+gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte
+ich mich auf den Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen
+Nacht. Der Platz sah schaurig aus. Rings um die
+verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte
+Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der
+Gefallenen mußten wir später als vermißt führen, da nichts
+von ihnen vorzufinden war.
+</p>
+
+<p>
+Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt,
+aus dem gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen
+der Toten hervorzuziehen und nach Beute zu durchsuchen.
+Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und gab meiner
+Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+und Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen
+zu retten. Wir mußten sie allerdings am folgenden
+Tage beim Sturm zurücklassen.
+</p>
+
+<p>
+Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der
+Leutnant Sprenger mit einer Schar von Leuten, die dort
+die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die Gruppenführer
+melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung
+standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in
+bester Stimmung ausgezogen! Es gelang mir, über
+20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch
+viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.
+</p>
+
+<p>
+Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer
+hätte kommen können. So stand z. B. der Füsilier Rust
+so dicht neben dem Einschlag, daß die Tragegurte seiner
+Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier
+Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen
+mußte, stand zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen
+wurden, ohne auch nur geritzt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung,
+meist schlafend. Ich mußte häufig zum Bataillonskommandeur,
+da immer wieder etwas über den Angriff zu besprechen
+war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf
+einer Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten
+Dinge, um den marternden Gedanken zu entgehen.
+Der stete Refrain war: &bdquo;Mehr als totgeschossen
+können wir Gott sei Dank nicht werden!&ldquo; Eine kleine Ansprache,
+mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos
+auf der Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig
+Wirkung zu haben. Ich war auch zum Ermutigen nicht
+disponiert.
+</p>
+
+<p>
+Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl
+zum Abmarsch in vordere Linie. Wenn ein Tier der
+Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder ein Seemann
+die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht,
+mögen sie ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+dem sicheren, warmen Stollen trennen mußten. Jedoch
+kam nicht einem meiner Leute der Gedanke, unbemerkt
+zurückzubleiben.
+</p>
+
+<p>
+Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben
+und kamen ohne Verluste vorn an. Dem Bataillon
+war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen. Sämtliche
+Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen
+gruben sich Löcher in die Grabenwände, um während des
+dem Angriff vorausgehenden Artilleriefeuers wenigstens
+etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her hatte
+jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte
+der Hauptmann von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung.
+Nachdem zum letzten Mal die Uhren verglichen
+waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine
+Stollentreppe, um den Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit
+dem die Feuervorbereitung beginnen sollte. Die Stimmung
+hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört hatte
+und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach.
+Wir verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde
+stark geraucht, und die gefüllte Feldflasche machte stetig die
+Runde. In den ersten Morgenstunden war die feindliche
+Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten, der Engländer
+hätte Lunte gerochen.
+</p>
+
+<p>
+Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben:
+&bdquo;S. M. der Kaiser und Hindenburg haben sich
+an den Schauplatz der Operationen begeben.&ldquo; Er wurde
+mit Beifall begrüßt.
+</p>
+
+<p>
+Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die
+letzten Minuten mit. Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der
+Orkan brach los. Ein rasender Donner, der auch die
+schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang,
+ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll
+der unzähligen Geschütze hinter uns war so furchtbar,
+daß auch die größten der überstandenen Schlachten dagegen
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht gewagt
+hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb
+stumm; sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert.
+Wir hielten es im Stollen nicht länger aus.
+Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über den englischen
+Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter
+wallenden, blutroten Wolken verschleierte.
+</p>
+
+<p>
+Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen
+der Schleimhäute gestört, verursacht durch die vom Winde
+zurückgetriebenen Dünste unserer Gasgranaten. Die unangenehmen
+Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele
+Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen.
+Ich war sehr besorgt; doch vertraute ich fest darauf,
+daß unsere Führung unmöglich eine Berechnung gemacht
+haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem
+zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten
+Husten zurück, um den Reiz nicht zu fördern. Nach einer
+Stunde konnten wir die Masken absetzen.
+Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure
+Getöse fortwährend. Vor uns war eine dem Blick
+undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas entstanden.
+Leute liefen durch den Graben und brüllten sich
+freudige Zurufe ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen,
+Pioniere und Fernsprecher, Preußen und Bayern, Offiziere
+und Mannschaften, alle waren überwältigt, begeistert durch
+diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten
+darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen
+unsere schweren Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen
+hinter dem vorderen Graben standen. Wir sahen
+die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch
+die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen
+zu Boden fallen.
+</p>
+
+<p>
+Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren
+zu haben; die Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen.
+Der wechselnde Brechungsexponent ließ feste
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche
+huschten durch das Gewölk.
+</p>
+
+<p>
+Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher
+als die vier anderen, während deren wir uns ruhig auf
+Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte eine schwere
+Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt
+vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach
+links und stieß auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der
+mich nach dem Leutnant Freiherrn v. Solemacher fragte:
+&bdquo;Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann
+v. Brixen ist eben gefallen.&ldquo; Erschüttert von dieser Schreckensnachricht
+ging ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch.
+Auf dem kurzen Wege hatte ich die Tatsache schon
+wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur noch
+durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes
+sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten
+mir beifällig zu.
+</p>
+
+<p>
+Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken,
+mein Begleiter bei Regniéville, und bat mich, in den
+Graben zu kommen, da beim kleinsten Einschlage die Erdmassen
+über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion
+riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen
+Bein stürzte er zu Boden. Ich sprang über ihn
+hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein Fuchsloch
+kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im
+engen Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr
+Wüten fort. Man sah plötzlich schwarze Erdklumpen aus
+einer weißen Wolke wirbeln; die Detonation ging im allgemeinen
+Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt
+nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden
+drei Leute meiner Kompagnie zerrissen. Einer der letzten
+Treffer, ein Blindgänger, tötete das arme Schmidtchen, das
+noch auf der Stollentreppe saß.
+</p>
+
+<p>
+Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der
+Hand, vor meinem Fuchsloch und erwartete den großen
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der Kompagnie
+geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer
+Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern
+und abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen
+Augenblick um die Schulterwehr lugte, erzählte mir später,
+daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte.
+</p>
+
+<p>
+Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere
+Aufstellung sichern sollten, den Graben. Da die vorderen
+Linien über 800 Meter auseinanderlagen, mußten wir noch
+während der Vorbereitung antreten und uns im Niemandslande
+derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste feindliche
+Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich
+kletterten nach einigen Minuten, gefolgt von unseren
+Leuten, auf Deckung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie
+kann!&ldquo; &bdquo;Jetzt ist mir alles ejal!&ldquo; &bdquo;Rache für die
+siebte Kompagnie!&ldquo; &bdquo;Rache für Hauptmann von Brixen!&ldquo;
+Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht,
+durch den sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten.
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide
+bot ein seltsames Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen
+Graben, der in höchster Feuersteigerung wieder und
+wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar breiter
+Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone.
+Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen
+Massen schien mir der Durchbruch gewiß. Ob aber auch die
+Kraft in uns steckte, die feindlichen Reserven zu zersplittern
+und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete es
+mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf
+schien gekommen. Die Stimmung war sonderbar, geladen
+von höchster Spannung. Offiziere standen aufrecht
+und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine
+schwere Mine zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch
+und überschüttete uns mit Erde, ohne daß einer auch nur
+den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so fürchterlich
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war.
+Die Nerven konnten keine Angst mehr empfinden.
+</p>
+
+<p>
+Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein
+Bursche, der treue Vinke, mit einer gefüllten Feldflasche.
+Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der Stunde.
+Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke.
+Nun fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der
+Luftdruck mein Streichholz aus.
+</p>
+
+<p>
+Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze
+rollte über die ersten Gräben hinweg. Wir traten an.
+</p>
+
+<p>
+In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch
+Blutdurst, Wut und Alkoholgenuß gingen wir im Schritt
+auf die feindlichen Linien los. Ich war weit vor der Kompagnie,
+gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen.
+Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft,
+die linke einen Reitstock aus Bambusrohr. Ich kochte vor
+einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der übermächtige
+Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte
+mir bittere Tränen.
+</p>
+
+<p>
+Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt
+lastete, konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen
+die Männer der Renaissance von ihren Leidenschaften gepackt
+sein, so mag ein Cellini gerast haben, Werwölfe, die
+heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes
+Drahtgewirre und setzten in einem Sprunge über den ersten
+Graben. Die Sturmwelle tanzte wie eine Reihe von Gespenstern
+durch weiße, wallende Dämpfe.
+</p>
+
+<p>
+Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie
+Maschinengewehrfeuer entgegen. Ich sprang mit meinen
+Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde später gab es
+einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke
+packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken:
+&bdquo;Sind Herr Leutnant verwundet?&ldquo; Es war nichts zu
+finden. Der Einjährige hatte ein Loch im Oberarme und
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken geschlagen
+wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und
+verbanden ihn. Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein
+Schrapnell in Höhe unserer Gesichter auf den Trichterrand
+geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten.
+</p>
+
+<p>
+Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten.
+Wir stürzten ihnen nach, den Verwundeten
+seinem Schicksal überlassend. Halb links vor uns tauchte
+der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir
+überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten
+Schießscharten und Stollenfenstern prasselte Gewehr- und
+Maschinengewehrfeuer.
+</p>
+
+<p>
+Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte
+einem Hohlweg, aus dessen Böschung eingedrückte Unterstände
+gähnten. Wütend schritt ich voran, über den
+schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase
+unserer Granaten entschwelten.
+</p>
+
+<p>
+Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte
+etwa drei Meter vor mir, anscheinend verwundet, in der
+Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah sie bei meinem
+Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten
+Augen anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend,
+auf sie zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die
+Mündung an die Schläfe des vor Angst Gelähmten; mit
+einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir eine
+Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben
+von einer zahlreichen Familie .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in
+der Hand. Ich schritt vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den
+Hohlweg. Mir war glühend heiß. Ich riß den Mantel
+herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch, daß ich
+einigemale sehr energisch rief: &bdquo;Jetzt zieht Leutnant Jünger
+seinen Mantel aus&ldquo;, und die Füsiliere dazu lachten, als ob
+ich den köstlichsten Witz gemacht hätte. Oben lief alles über
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+Deckung, ohne der höchstens 400 Meter entfernten Maschinengewehre
+zu achten. Auch mich zwang der Vernichtungstrieb
+in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden
+Bahndamm frontal an. In irgend einem
+Trichter sprang ich auf eine pistolenschießende Gestalt in
+braunem Manchester. Es war Kius, der sich in ähnlicher
+Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand
+voll Munition zusteckte.
+</p>
+
+<p>
+Wir müssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer
+durch die Trichter gerannt sein und auf verschiedene Ziele
+geschossen haben. Jedenfalls befand ich mich auf einmal
+am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit
+Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert
+wurde. Ich schoß durch das Tuch; ein Mann neben
+mir riß es fort und warf eine Handgranate in die Öffnung.
+Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke verrieten
+die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir
+beiden rannten an der Böschung entlang und bearbeiteten
+die nächsten Luken in ähnlicher Weise. Ich hob die Hand,
+um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster Entfernung
+um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie
+winkten freudig zurück. Danach erklommen wir mit
+hundert anderen zugleich den Damm. Zum ersten Male im
+Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer
+hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene
+Gräben besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter
+gewechselt, Handgranaten flogen im Bogen hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste
+Schulterwehr stürzend, stieß ich mit einem englischen Offizier
+in offener Jacke und herabhängender Halsbinde zusammen.
+Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte
+ich ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung,
+vor der er zusammenbrach. Hinter mir tauchte
+der Kopf eines alten Majors auf, der mir zuschrie:
+&bdquo;Schlagen Sie den Hund tot!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+Ich überließ diese Arbeit den Folgenden, wandte mich
+dem unteren Graben zu, der von Engländern wimmelte
+und schoß meine Pistolenkugeln mit solchem Eifer darauf
+ab, daß ich nach dem letzten Schuß wohl noch zehnmal abdrückte.
+Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter
+die Davonhastenden. Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg
+kreiselnd hoch in die Luft.
+</p>
+
+<p>
+In einer Minute war der Kampf entschieden. Die
+Engländer sprangen aus ihren Gräben und flohen zu Bataillonen
+über das freie Feld. Von der Dammkrone raste
+tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen
+sich im Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden
+mit Leichen bedeckt. Nur wenige entkamen.
+</p>
+
+<p>
+Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit
+offenem Munde beglotzte, das Gewehr aus der Hand.
+Mein erstes Opfer war ein Engländer, den ich auf
+150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er
+klappte wie ein Messer zusammen und blieb liegen.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter.
+Der Erfolg hatte Angriffsgeist und Draufgängertum jedes
+Einzelnen zur Weißglut entfacht. Von der Führung einheitlicher
+Verbände war keine Rede mehr. Trotzdem kannte
+jeder Mann nur noch eine Parole: &bdquo;Vor!&ldquo; Jeder rannte
+geradeaus los.
+</p>
+
+<p>
+Als Ziel wählte ich mir eine kleine Anhöhe, auf der
+die Trümmer eines Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes
+Flugzeug zu sehen waren. Mein stures Vorstürmen
+führte mich mitten in die Flammenwand der eigenen
+Feuerwalze. Ich mußte mich in einen Trichter werfen, um
+Deckung zu nehmen und das weitere Vorschreiten des
+Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich einen jungen
+Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz
+allein über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute.
+Die gemeinsame Begeisterung brachte uns in den wenigen
+Augenblicken so nahe, als ob wir uns schon jahrelang gekannt
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf
+Nimmerwiedersehen.
+</p>
+
+<p>
+Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstück, das
+vom jenseitigen Grunde mit Maschinengewehren abgekämmt
+wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein und fand es
+unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius
+und von Wedelstädt. Eine Ordonnanz Wedelstädts, die
+als letzter kam, brach mitten im Sprunge zusammen und
+blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als Wedelstädt
+diesen Letzten seiner Kompagnie stürzen sah, stützte er seinen
+Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den
+Tag nicht überleben.
+</p>
+
+<p>
+Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung,
+davor an den beiden Rändern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester.
+Die Feuerwalze war schon über diese
+Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu
+haben und schoß, was aus den Läufen wollte. Wir waren
+von ihm durch einen 500 Meter breiten Geländestreifen getrennt,
+über den die Geschoßgarben wie Bienenschwärme
+surrten.
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen
+Leuten aus unserem Grabenstück auf den Feind zu. Es
+ging um Leben und Tod. Nach ein paar Sprüngen lag ich
+mit einem Begleitmann allein dem linken Maschinengewehrnest
+gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen
+Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden
+feinen Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch
+ganz kurze Sprünge, um keine Zeit zum Zielen zu geben.
+Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen
+Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter
+Schüsse abgab. &bdquo;Patronen, Patronen!&ldquo; Ich wandte mich
+um und sah ihn zuckend auf der Seite liegen. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies
+Feld gegen eine gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen,
+daß wir von einer ganz unwahrscheinlichen Verwegenheit
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+besessen waren. Und doch, wo wäre der Erfolg im
+Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und
+vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal
+schien es mir, als ob selbst der Tod sich scheute, ihnen in den
+Weg zu treten. &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen
+einige Leute, welche die Verteidiger fast mit Handgranaten
+erreichen konnten. Ich setzte zum letzten Sprunge
+an und stolperte über ein Drahtverhau in das Grabenstück.
+Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum
+rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend.
+Das Maschinengewehr war halb unter einem
+riesigen Haufen abgeschossener Hülsen verborgen. Es war
+noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer
+Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung
+kam, ein Auge herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit
+dem großen weißen Augapfel vorm Schädel sah schaurig
+aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich mich
+nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang
+zog mich an. Ich blickte hinein und sah unten
+einen Mann sitzen, der Munitionsgurte über seine Knie
+zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu erledigen, wie es
+die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: <span class="antiqua">&bdquo;Come here,
+hands up!&ldquo;</span> Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an
+und verschwand im Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich
+ist er der Handgranate zum Opfer gefallen, die ich ihm nachschleuderte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser.
+Ich stürzte die ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter,
+füllte mir eine englische Feldflasche und gab auch den
+anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das Grabenstück
+füllten.
+</p>
+
+<p>
+Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest
+und der 60 Meter vor uns liegende Hohlweg noch immer
+erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das englische Maschinenegewehr
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg
+damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß
+am Kopfe vorbei, streifte einen hinter mir stehenden
+Jägerleutnant und verwundete einen Mann sehr bedenklich
+am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung
+eines leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande
+unseres kleinen Grabenhalbmondes in Stellung und jagte
+den Engländern eine Reihe von Geschossen in die Flanke.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Moment der Überraschung benutzten die
+Stürmer rechts und liefen frontal auf den Hohlweg los,
+voran unsere noch ganz intakte neunte Kompagnie unter
+Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben
+sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten
+mit rollenden Augen und schäumendem Munde unter
+furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche Stellung an,
+aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen
+Händen hervorkamen.
+</p>
+
+<p>
+Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten
+mit hochgereckten Armen durch die erste Sturmwelle nach
+hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu solcher Siedehitze
+gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit
+seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von
+ihnen um.
+</p>
+
+<p>
+Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren
+nicht verübeln. Einen Wehrlosen umzubringen, ist eine
+Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand widerlicher, als
+die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte
+Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport
+erzählten: &bdquo;Haben Sie schon gehört, die Sache von dem
+Schlaganfall? Köstlich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer
+bis auf fünf Schritt seine Geschosse durch den Leib jagt, die
+Konsequenzen tragen. Der Kämpfer, dem während des
+Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann
+seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen;
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+er will töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen
+verloren und steht im Banne gewaltiger Urtriebe. Erst,
+wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus seinem
+Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend.
+Erst dann ist er wieder moderner Soldat, imstande,
+eine neue taktische Aufgabe zu lösen.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung
+der Hohlweges. Eine Menge Leute waren zusammengekommen
+und standen, durcheinanderschreiend, auf einem
+Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der
+Mulde, und der gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher
+Gleichgültigkeit, schwerfällig in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche
+Kolonnen auftauchten. Wir gingen, ab und zu stehenbleibend
+und schießend, vor, bis wir durch heftiges Feuer
+aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl,
+die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören.
+Kius, der wieder herangekommen war, hob ein abgeplattetes
+Geschoß auf, das einen halben Meter vor seiner Nase
+liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine Pause, um
+einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen.
+Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres
+Bataillons zusammen, das jetzt von dem Leutnant Lindenberg
+geführt wurde, da leider auch der Freiherr von Solemacher
+eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten
+Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der
+von den 10. Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer,
+den Spazierstock in der Hand und eine lange grüne Jägerpfeife
+im Munde, mit umgehängter Flinte durch das Maschinengewehrfeuer,
+als ob es zur Hasenjagd ginge.
+</p>
+
+<p>
+Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen
+Abenteuer und boten uns Feldflasche und Schokolade an,
+dann ging es &bdquo;auf allgemeinen Wunsch&ldquo; wieder vor. Die
+Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren
+verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+gewonnen haben. Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen.
+Soweit das Auge nach hinten blicken konnte,
+rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne
+heran. Wir waren leider viel zu dicht, wieviele
+wir liegen ließen, wurde uns zum Glück im Sturm nicht klar.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe.
+Rechts von uns sprangen einige khakifarbige Gestalten aus
+einem Grabenstück, hinter denen wir stehend freihändig herknallten.
+Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war
+durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten
+aufquellende Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer
+Prozeß gemacht wurde, teils kamen die Insassen mit hochgehobenen
+Armen und schlotternden Knien heraus. Es
+wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und
+die Richtung nach hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit
+enteilten. Ein junger Engländer hatte sich mir
+bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte und wieder in
+seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner Aufforderung,
+herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten
+wir seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und
+gingen weiter. Ein schmaler Fußpfad verschwand jenseits
+der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß er nach Vraucourt
+führte. Während sich die anderen noch bei den Unterständen
+aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes
+Vraucourt. Davor blitzten die Abschüsse einer feuernden
+Batterie auf, deren Bedienung bei dem Erscheinen der ersten
+Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung einer
+Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus
+und entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick,
+als er aus dem Eingange des ersten sprang, nieder.
+</p>
+
+<p>
+Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen
+bei mir gemeldet hatten, ging ich in dem Hohlweg vor.
+Rechts davon lag eine besetzte Stellung, aus der wir starkes
+Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten Unterstand
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien
+kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen,
+den mein Schuß quer durch den Schädel getroffen hatte.
+Ein merkwürdiges Gefühl, einem Menschen ins Auge zu
+sehen, den man selbst getötet.
+</p>
+
+<p>
+Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht
+stören, sondern richteten uns in dem Unterstande ein und
+räumten unter den zurückgelassenen Lebensmitteln auf, da
+unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des
+ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden
+Schinken, Weißbrot, Marmelade und einen Steinkrug voll
+Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt hatte, setzte ich mich
+auf eine leere Biskuitdose und las einige englische Zeitschriften,
+die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen <span class="antiqua">&bdquo;the
+Huns&ldquo;</span> wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch
+zu langweilig, und wir kehrten in Sprüngen zum Anfange
+des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge von Leuten
+angesammelt hatte.&nbsp;.&nbsp;. Von dort sahen wir schon ein Bataillon
+164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das
+Dorf zu stürmen, und eilten wieder durch den Hohlweg vor.
+Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die eigene Artillerie, die
+stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck weiterschoß,
+ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem
+Wege ein und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück.
+</p>
+
+<p>
+Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit
+höchster Entfernung weiterzuschießen. Diese unverständliche
+Anordnung riß uns die schönsten Früchte des Sieges aus der
+Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der Feuerwand
+Halt machen.
+</p>
+
+<p>
+Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns
+weiter nach rechts, wo gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die Vraucourt-Stellung
+ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren
+wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß.
+Dreimal stürmten wir und dreimal mußten wir
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+wieder zurück. Fluchend besetzten wir einige Trichter, in
+denen uns ein durch die Granaten verursachter Wiesenbrand,
+bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich
+lästig wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige
+Leute.
+</p>
+
+<p>
+Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise
+lohte das Gewehrfeuer noch einmal gewaltig auf, um allmählich
+zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer suchten sich
+einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere
+schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten
+Kompagnien zu sammeln.
+</p>
+
+<p>
+Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während
+der letzten Stunde um mich geschart; da es kalt zu
+werden begann, führte ich sie zu dem kleinen Unterstande,
+vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um Decken
+und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht
+hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die
+vor uns liegende Artilleriemulde trieb. Ich nahm den
+Füsilier Haller mit, dem ich den größten Sportsgeist zutraute.
+Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen die
+Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete
+und untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend
+vor kurzem von englischen Artillerieoffizieren verlassen war.
+Auf einem Tische stand ein riesiges Grammophon, das Haller
+sofort in Bewegung setzte. Das lustige Couplet, das von
+der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck.
+Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener
+noch ein paar schnarrende Töne von sich gab und
+verstummte. Der Unterstand war äußerst behaglich eingerichtet;
+sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen
+und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln
+fehlte nicht. <span class="antiqua">Merry old England!</span> Wir legten uns natürlich
+keinen Zwang auf, sondern nahmen, was uns gefiel.
+Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine Metallflasche
+voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich
+zärtliche Erinnerungen an einen Pariser Fronturlaub.
+</p>
+
+<p>
+Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren
+Vorräte wir ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze
+Kiste voll roher Eier, von denen wir uns gleich eine erhebliche
+Zahl einverleibten, da wir sie kaum noch dem Namen
+nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll
+Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner
+Flaschen voll Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz
+alles, was der Gourmet sich wünschen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis,
+wenn wir wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen
+Suppen und dünner Marmelade im Schützengraben lagen.
+Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem Rock, schlechter
+verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von
+Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen,
+wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer
+wieder seine Eisenfaust spüren zu lassen. Es gibt kein
+größeres Zeichen für die Macht der Idee, die uns trieb. Dem
+Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der Begeisterung,
+ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist
+mehr. &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse
+des Gegners verließen wir den Unterstand und
+schritten in die Mulde, in der wir zwei funkelneue verlassene
+Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein
+und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie.
+Dann kehrten wir, da die eigene Artillerie uns noch fortwährend
+Eisen um die Ohren schmiß, zu den anderen zurück.
+</p>
+
+<p>
+Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden
+Truppen gebildet, war 200 Meter hinter uns. Ich stellte
+einen Doppelposten vor den Unterstand und befahl den anderen,
+das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die
+Ablösung geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse
+in kurzen Stichworten notiert hatte, schlief ich ein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes
+Feuer rechts von uns geweckt. Wir packten die Gewehre,
+stürzten aus dem Raum und postierten uns in einem
+großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte
+Deutsche zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde.
+Zwei von ihnen blieben auf dem Wege liegen. Durch diesen
+Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis sich hinter uns die
+erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe verständlich
+und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß
+der Führer der zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor
+Erkältung kein Wort sprechen konnte und am Arm verwundet
+war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum
+Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando
+über seine Schar, bei der sich drei Offiziere befanden.
+Außerdem bestanden vom Regiment noch die beiden ebenso
+zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und Vorbeck.
+</p>
+
+<p>
+Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour,
+Regimentskommandeur Major Dietlein, da Major
+v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung ausgeschieden
+war.
+</p>
+
+<p>
+Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren
+der zweiten Kompagnie zusammen in einem
+kleinen Erdloch, in dem wir vor Kälte erstarrten. Am
+Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und
+schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und
+Essen zu holen. Die eigene Artillerie begann wieder mit
+ihrer verfluchten Schießerei und setzte uns als ersten
+Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier
+Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten
+Dämmerung stieß noch ein Zugführer meiner Kompagnie,
+der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten zu mir.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den
+Gliedern gestampft, als ich Befehl bekam, weiter rechts mit
+den Resten des Regiments 76 zusammen die Vraucourt-Stellung
+zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+war. Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum,
+einer Höhe südlich von Ecoust, auf der viele
+Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie meist vor unklar
+gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der
+Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen
+Maschinengewehres beendet wurde. Alles sprang in die
+nächsten Trichter bis auf den Feldwebel Kumpart, der
+jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu
+ihm und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß
+erhalten. Wir entfernten mit einer Zange mehrere Knochenbrocken
+aus der Wunde. Er ist einige Tage später gestorben.
+Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei
+Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour
+legte ich das Sinnlose eines Frontalsturmes dar, da die
+zum Teil schon in unserem Besitz befindliche Vraucourt-Stellung
+mit viel geringeren Verlusten von links her aufgerollt
+werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen,
+und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung
+der weit zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung,
+deren Notwendigkeit mir natürlich klar ist. Jedoch
+verrieten derartige Befehle deutlich einen Mangel an Fronterfahrung.
+Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes
+sind für immer vorüber. Der einfache Mann,
+dem die feindlichen Gewehre das Gesetz des Handelns vorschrieben,
+konnte auf solche Irrtümer nicht verfallen. Er
+kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken
+Stellungsteile fielen dann von selbst .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+Vorläufig richteten wir uns in den Trichtern auf der
+Höhe ein. Allmählich brach die Sonne durch, und es erschienen
+englische Flugzeuge, die mit Maschinengewehren
+unsere Löcher abstreuten, indes bald von den unsrigen vertrieben
+wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie
+auf, ein ungewöhnliches Bild für alte Grabenkrieger; sie
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+wurde auch bald zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd
+riß sich los und galoppierte durch das Gelände; ein gespenstischer
+Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf weiter,
+einsamer Fläche, vom wechselnden Gewölk der Geschosse behangen.
+Die feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden,
+als wir das erste Feuer bekamen. Zuerst platzten
+einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte und schwere Granaten.
+Wir lagen wie auf dem Präsentierteller. Mehrere
+ängstliche Gemüter vermehrten das Feuer noch, indem sie
+kopflos hin und her liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt,
+den Segen über sich ergehen zu lassen. In solchen Lagen muß
+man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte ich, indem ich
+den geradezu großartigen Inhalt einer erbeuteten Büchse voll
+Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam
+Mittag.
+</p>
+
+<p>
+Schon seit längerer Zeit war links in der Vraucourtstellung
+Bewegung zu beobachten. Jetzt sahen wir gerade
+vor uns die bogenförmige Flugbahn und den weißen Einschlag
+deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene
+Augenblick.
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ antreten. Ohne stärkeres Feuer zu bekommen,
+gelangten wir an den feindlichen Graben und sprangen
+hinein, freudig begrüßt von einem Sturmtrupp des Regiments
+76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging
+es, ähnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen
+Artillerie blieb es leider nicht verborgen, daß wir uns langsam
+in ihren Linien vorfraßen. Ein scharfer Feuerüberfall
+von Schrapnells und leichten Granaten faßte uns vorne
+noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die
+hinter uns über freies Feld dem Graben zuströmten. Wir
+bemühten uns, möglichst schnell mit dem Gegner fertig zu
+werden, um das Feuer zu unterlaufen.
+</p>
+
+<p>
+Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen
+zu sein, denn manche Grabenstücke waren nur durch Abheben
+der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir ein solches
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+Stück übersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des
+Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den über diese
+Stellen vor uns her hastenden Gegner unter Feuer, so daß
+die kurzen tracierten Stücke bald mit Leichen behäuft waren.
+Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten an
+noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren
+kurzen Röckchen kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie
+hinweg. Es waren Hochländer, und die Art des Widerstandes
+zeigte, daß wir keine Feiglinge vor uns hatten.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen
+hatten, geboten uns immer dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten
+Halt. Die Leute begannen zu weichen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Tommy macht einen Gegenstoß!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bliew stahn!&ldquo; &bdquo;Ich will bloß Verbindung aufnehmen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Achtung, Herr Leutnant!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten
+wird, sind solche Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten
+stürzen, schießend und werfend, an der Spitze vor. Die
+Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim
+Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um
+den vernichtenden Würfen auszuweichen und stoßen dabei
+auf die Nachdrängenden. Nur die vordersten übersehen die
+Lage; weiter hinten bricht unter der im engen Graben zusammengekeilten
+Menge wilde Panik aus. Erkennt der
+Gegner den Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der
+Führer zeigen, ob er die Achselstücke zu Recht trägt, obgleich
+ihn selbst das bekannte &bdquo;mulmige&ldquo; Gefühl beschleicht.
+</p>
+
+<p>
+Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen,
+mit denen ich hinter einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest
+bildete. Auf wenige Meter tauschten wir mit
+einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut
+dazu, bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten,
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+während der Sand der Schulterwehr aufgepeitscht wurde.
+Ein 76er neben mir schoß mit wildem Gesichtsausdruck,
+ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen
+ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß
+hatte ihm mit dem Knall eines aufschlagenden Brettes die
+Stirn durchbohrt. Er knickte in seiner Grabenecke zusammen
+und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in kauernder
+Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen,
+auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln
+ertönte in immer längeren Abständen und hörte endlich ganz
+auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte weiter. Endlich trat
+eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns gelegen
+hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen.
+Einer fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere
+konnte ihn eines Bauchschusses wegen nur mehr kriechend
+erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und
+rauchten englische Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut
+gezielte Gewehrgranaten herüber. Der Verwundete mit dem
+Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns und
+dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen
+der untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen
+Lächeln in den Tod hinüber. Es war ein Anblick, bei dem
+nichts Trübes und Unangenehmes, sondern nur ein klares
+Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich berührte.
+Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich.
+</p>
+
+<p>
+Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten
+Stellen über die Leichen der Hochländer vorkriechend,
+uns weiter vorzuarbeiten, wurden aber immer wieder durch
+Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten zurückgetrieben.
+Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich der
+vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür
+bekamen wir von hinten dauernd Verstärkung. Bald stand
+hinter jeder Schulterwehr ein leichtes oder schweres Maschinengewehr.
+Ich stellte mich hinter eine dieser Kugelspritzen
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt
+war. Wenn das Kühlwasser verdunstet war,
+wurden die Kästen herumgereicht und unter wenig feinen
+Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite
+Kampftag schien vorüber. Ich sah mir zum erstenmale
+genau die Umgebung an und schickte Meldung und Skizze
+nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung
+die Straße Vraucourt&mdash;Mory, die durch an den
+Bäumen befestigte Stoffblenden verschleiert war. Auf
+einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über das geschoßbestreute
+Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel
+durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader.
+Die scheidenden Strahlen der Sonne tauchten es
+gleich einer Kette von Flamingos in zartes Rosenrot. Wir
+entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße
+Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den
+Feind hineingebohrt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an.
+Ich lehnte, in einen englischen Mantel gehüllt, an der
+Grabenwand und unterhielt mich mit dem kleinen Schultz,
+dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier
+schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort
+erschienen war, wo die Sache am brenzlichsten stand. Auf
+den Postenständen saßen Leute aller Kompagnien mit
+jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm.
+Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb
+am rechten Orte.
+</p>
+
+<p>
+Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und
+links stiegen deutsche Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo
+flatterte mit dem Winde ein dünnes, vielstimmiges Hurra
+herüber. Das zündete. &bdquo;Sie sind umgangen, sie sind umgangen!&ldquo;
+In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die
+großen Taten vorangehen, griff alles zu den Gewehren und
+stürmte in dem Graben vor. Nach kurzem Handgranatengefecht
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun
+gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: &bdquo;Vorsicht,
+das Maschinengewehr links schießt noch!&ldquo; sprangen
+wir aus dem Graben und hatten im Nu die Straße erreicht,
+die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein
+langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach
+hinten, so daß sie unter tosendem Hurragebrüll und
+rasendem Schnellfeuer in einer Entfernung von 50 Metern
+wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen mußten.
+Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel
+vernichtend.
+</p>
+
+<p>
+Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich
+am Schießen hinderte, wandte ich mich infolge eines
+Schlages auf die Schulter um, und blickte in das wutverzerrte
+Gesicht des kleinen Schultz: &bdquo;Da schießen sie noch,
+die verfluchten Schweine!&ldquo; Ich folgte seiner Handbewegung
+und sah in einem kleinen Grabengewirre, von
+uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von Gestalten,
+teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen
+von rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines
+von ihnen hoch in die Luft schleudernd.
+</p>
+
+<p>
+Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und
+die Gegner in aller Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen.
+Statt dessen warf ich mein Gewehr fort und stürzte mit geballten
+Fäusten zwischen beide Parteien auf die Straße.
+Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel
+und meine rot berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl
+des Sieges verspürte ich einen scharfen Schlag an der linken
+Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei! Ich glaubte
+bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei
+der Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz
+noch Angst. Da ich indes zu meinem Erstaunen nicht zusammenbrach
+und auch kein Loch in der Bluse entdeckte,
+wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner
+Kompagnie stürzte heran: &bdquo;Herr Leutnant, den Mantel
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+&rsquo;runter!&ldquo; und riß mir das gefährliche Kleidungsstück von
+der Schulter.
+</p>
+
+<p>
+Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch
+schon den ganzen Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet
+worden war, sprang eine Anzahl Deutscher über die Chaussee
+zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in braunem Manchester.
+Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen
+Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet.
+Die Straße war mit Leichen bedeckt, während die
+wenigen Überlebenden mit Feuer verfolgt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten
+Grabenstück stand, verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der
+Brust. Die Bluse herunterreißend, sah ich, daß ich einen
+Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das Geschoß
+war gerade unter dem E. K. <span class="antiqua">I</span> durchgeflogen, zwei
+Löcher in der Bluse und zwei im Körper hinterlassend.
+Ohne Zweifel hatte mich einer der Unseren (ich hatte den,
+der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für einen
+Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen
+Schritten angeschossen.
+</p>
+
+<p>
+Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur
+mit Mühe bewegen, in diesem interessanten Augenblick das
+Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten uns mit einem:
+&bdquo;Auf Wiedersehen in Hannover!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf
+beschossenen Chaussee meine Kartentasche, in der mein Tagebuch
+steckte und ging durch den Graben, in dem wir uns
+vorgekämpft hatten, zurück.
+</p>
+
+<p>
+Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß
+die feindliche Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf
+dem Gelände hinter der Straße und vor allem auf dem
+Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte. Ein
+heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten
+uns sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+Plötzlich gab es neben mir am Grabenrande einen
+schmettern den Krach. Ich bekam einen Schlag auf den
+Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich erwachte,
+hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten
+eines schweren Maschinengewehrs und starrte auf die
+Grabensohle in eine sich beängstigend schnell vergrößernde
+rote Lache. Das Blut sprudelte so unaufhaltsam hervor,
+daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da
+mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen,
+raffte ich mich hoch und lief weiter. Hier hatte ich die
+Quittung für meinen Leichtsinn, ohne Stahlhelm ins Gefecht
+zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig
+aufgeregt und beschwor jeden, der mir im Graben begegnete,
+wie von einer fixen Idee besessen, nach vorne zu
+eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir
+der Zone der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten
+unser Tempo.
+</p>
+
+<p>
+Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand
+vorbei, ließ mich beim Generalmajor Höbel
+melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht erstattete, und
+bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der
+General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon
+seit gestern tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal
+im Kriege.
+</p>
+
+<p>
+In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel
+von Handgranatenkisten in hellen Flammen. Wir eilten
+mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber. Hinter dem
+Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen.
+Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier
+zusammen, der zwei verwundete Engländer, die
+mich während des letzten Teiles meines Weges gestützt
+hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Straße Noreuil&mdash;Quéant herrschte ein unglaublicher
+Verkehr. Wer es nicht gesehen hat, kann sich
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+kein Bild von den endlosen Kolonnen machen, die zu einer
+großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das
+Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der
+durch weiße Binden kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir
+einen Platz in einem Personenauto zum Feldlazarett
+Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden
+warten, wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile
+den Weg sperrten. Die Ärzte im Operationsraum
+des Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt; trotzdem
+wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner
+Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß,
+ohne daß die Schädeldecke beschädigt war.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen
+hatte, wurde ich am nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle
+Cantin transportiert, wo ich zu meiner Freude
+den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des
+Sturmes nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß
+am Oberschenkel verwundet.
+</p>
+
+<p>
+Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett
+14 (Montigny) wurden wir in Douai in einen
+Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin. Dort heilte
+diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege
+ebenso gut wie alle vorhergehenden.
+</p>
+
+<p>
+Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen
+anderen Bekannten während des Handgemenges auch der
+kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer harmlosen
+Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier
+in einer kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl
+schwerlich auf den Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn
+Tagen bei einer anderen Musik als dem friedlichen Knalle
+von Pfropfen getrennt hatten.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-21">
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+Englische Vorstöße.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>m 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an,
+das ganz in der Nähe des jetzt weit hinter der Front befindlichen
+Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der neue Kommandeur,
+Major von Lüttichau, übergab mir die Führung
+meiner alten siebenten Kompagnie.
+</p>
+
+<p>
+Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die
+Leute entgegen, nahmen mir meine Sachen ab und empfingen
+mich im Triumph. Es war, als ob ich in den Kreis
+einer Familie zurückkehrte.
+</p>
+
+<p>
+Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken
+inmitten einer verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren
+Grün unzählige gelbe Blümchen schimmerten. Das wüste
+Gelände, das wir &bdquo;Die Wallachei&ldquo; getauft hatten, war
+durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor
+die Tür der Hütten, so empfand man jenes beängstigende
+Gefühl der Leere, von dem der Cowboy, der Beduine und
+jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des
+Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der
+Baracken und suchten Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes
+Kriegsmaterial. Eines Nachmittags ritt ich nach
+dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei
+Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren.
+Ich fand manchen bekannten Namen.
+</p>
+
+<p>
+Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie
+der vorm Dorfe Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu
+besetzen. Wir machten auf Lastautomobilen eine Nachtfahrt
+bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten, wenn die
+Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher Bombenflieger
+das weiße Band der Straße aus dem Dunkel
+hoben. Nah oder fern wurde das vielfache Pfeifen der
+schweren Sprengpfeile von den rollenden Stößen der Einschläge
+verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+der Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen
+Nachtvögeln ab, Schrapnells zersprühten wie zierliches
+Spielzeug, und Leuchtgeschosse jagten in langer Kette gleich
+feurigen Wölfen hintereinander her.
+</p>
+
+<p>
+Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten
+Gegend, bald mehr, bald weniger intensiv, immer
+aber die Nerven erregend und in eine Stimmung phantastischer
+und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Offensiv-Parfüm&ldquo; erscholl neben mir die Stimme
+eines cynischen alten Kriegers, als wir einige Minuten
+lang eine Allee von Massengräbern zu passieren schienen.
+</p>
+
+<p>
+Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume
+führenden Bahndamm entlang und dann querbeet
+auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war lebhaft. Als
+wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere
+Granaten neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche
+Schreckensnacht des 19. März trieb uns vorwärts.
+Dicht hinter der vorderen Linie stand eine abgelöste,
+lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte,
+als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells
+gestopft wurde. Mit einem Hagel von Schimpfworten
+stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten
+Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand
+zurückkehren.
+</p>
+
+<p>
+Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande
+an, dessen drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig
+genußreicher Tage in Aussicht stellte.
+</p>
+
+<p>
+Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer
+unbeschreiblichen Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr
+von Beinen und brachte durch die Zauberformel &bdquo;Ablösung!&ldquo;
+Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch
+entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und
+nach ein unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke,
+eine verwitterte Uniform und zwei Lehmklötze, in
+denen wahrscheinlich die Stiefel steckten. Wir setzten uns
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das
+Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen
+um ein Dutzend eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen
+zu prellen. Dann würgte sich mein Vorgänger durch den
+engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung, daß
+das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb
+zurück als neuer Kapitän des Abschnitts A.
+</p>
+
+<p>
+Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte,
+bot wenig Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen
+mir zwei blutende Kaffeeholer entgegen, die im Annäherungswege
+durch eine Schrapnellladung getroffen waren.
+Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit
+einem Prellschuß ab.
+</p>
+
+<p>
+Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont
+im Rücken. Die Kompagnie lag ungestaffelt in
+der flachen, schmalen, vorderen Linie und war rechts vom
+Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke
+getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß
+ein zerhacktes Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß
+waren keine Stollen ausgeschachtet. Je zwei Mann
+hausten in kleinen Erdlöchern, die durch sogenannte Siegfriedbleche
+gestützt waren.
+</p>
+
+<p>
+Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt
+lag, suchte ich mir zunächst eine neue Behausung.
+Ein hüttenartiges Gebilde in einem verfallenen Grabenstück
+schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch zusammengeschleppte
+Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen
+Zustand versetzt hatte. Ich führte dort mit
+meinem Burschen zusammen ein Leben wie ein Einsiedler im
+Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und Ordonnanzen
+gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg
+selbst in diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd
+konnte man dann zwischen den Einschlägen zweier Granaten
+neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit lesen,
+daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+Terrier, auf den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre;
+wenn man sich nicht gerade mit grimmigem Humor in die
+Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den Gefreiten
+Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und
+häufige Terminmeldungen für die nötige Abwechslung.
+Stets hatte man soviel mit der inneren Organisation zu
+tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten kaum
+noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt.
+Oft schien die fortgeworfene Patronenhülse weit
+wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir ein revidierender
+Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las
+Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie
+zu melden und die Hacken zusammenzuklappen hätten.
+Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen begingen, dabei
+das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem
+sich schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt
+hatte, oder gar das Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür
+waren drei Tage Mittelarrest unbedingte Taxe.
+</p>
+
+<p>
+Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet.
+Die Form erstickte den Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert.
+Indes hatte der Frontleutnant viel zu viel Disziplin
+in den Knochen, um das, worüber in jedem Zugführerunterstande
+vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten
+geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem
+war er der Berufene, den altpreußischen Geist mit den
+Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.
+</p>
+
+<p>
+Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den
+schönen Namen &bdquo;Haus Wahnfried&ldquo; verliehen hatte. Den
+einzigen Kummer machte mir die Deckung, die nur als
+relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange,
+wie kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich
+mit dem Gedanken, in keiner besseren Lage als meine Leute
+zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir eine Decke
+in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt
+hatten, um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+meine Siesta allerdings durch in der Nähe einschlagende
+Granaten oder die herabsurrenden Sprengstücke von
+Fliegerbeschießungen gestört.
+</p>
+
+<p>
+Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig
+wenig zu leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar
+geworden. Hauptsächlich lagen Puisieux und die benachbarten
+Mulden unter dauernder Beschießung, die sich
+in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher
+Dichte steigerte. Essenholen und Ablösung wurden dadurch
+sehr gefährdet.
+</p>
+
+<p>
+Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius,
+der auch zurückgekehrt war und die zweite Kompagnie
+führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit am Bahndamm
+bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken
+und Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns
+häufig mit schwerem Flachbahnfeuer, dem unter anderen
+der etatsmäßige Feldwebel der dritten Kompagnie,
+Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte
+sich bereits ein furchtbares Unglück ereignet. Ein
+Flieger hatte seine Bombe mitten in die von einem
+Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments
+76 geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich
+auch viele 73er.
+</p>
+
+<p>
+In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine
+Reihe zerschossener Tanks, die ich auf meinen Spaziergängen
+mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum Teil spöttische,
+drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen,
+waren aber alle übel zugerichtet. Der enge,
+von Geschossen zerschmetterte Panzerraum mit seinem Gewirr
+von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim
+Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn
+die Kolosse, um den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen,
+gleich unbeholfenen Riesenkäfern sich in Bogenlinien
+über die Walstatt wälzten. Ich dachte lebhaft an die
+Männer im feurigen Ofen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie
+der unsicheren Lage wegen schon wieder nach Puisieux, um
+dort dem <span class="antiqua">K. T. K.</span> zum Materialtragen und taktischer Verwendung
+zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang
+nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade
+als wir ankamen, hieb eine Gruppe schwerer Granaten in
+die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich nicht abhalten,
+in einer kleinen Laube vorm Eingang meines
+Stollens zu frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder
+heran. Ich warf mich hin. Neben mir flammte es auf.
+Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner Kompagnie,
+der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach
+durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden
+ihn, während große Schweißtropfen auf seine Stirne traten.
+Als ich versuchte, ihn zu trösten, stöhnte er hervor: &bdquo;Der
+Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.&ldquo; Trotz dieser
+Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim
+Einzuge in Hannover die Hand schütteln.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang
+durch das völlig zerstörte Puisieux. Das Dorf war
+schon während der Sommeschlachten zu einem Trümmerhaufen
+zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste
+waren mit dichtem Grün überzogen, aus dem überall die
+weißen Scheiben des ruinenfreundlichen Hollunders leuchteten.
+Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das
+hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte
+Erde der Gärten von neuem bloßgelegt.
+</p>
+
+<p>
+Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum
+Stillstand gekommenen Vormarsches besäumt. Zerschossene
+Wagen, weggeworfene Munition, Nahkampfmittel und die
+Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden Fliegenwolken
+umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe
+ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche
+bestand nur noch aus einem wüsten Steinhaufen. Während
+ich einen Strauß wundervoller verwilderter Rosen pflückte,
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+mahnten mich einschlagende Granaten zur Vorsicht auf diesem
+Tanzplatz des Todes.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie
+in der Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter
+hinter der vorderen lag, ab. Dabei wurden drei Leute
+meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen
+wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann
+von Ledebour durch eine Schrapnellkugel am Fuß verletzt.
+Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch im Kampfe seine
+Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen.
+Er starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der
+Führer meiner Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen.
+Dies war der neunte Verlust in der Kompagnie
+binnen kurzer Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen
+hatten, mußten wir nochmals die Hauptwiderstandslinie
+besetzen, da unser Ablösungsbataillon durch die spanische
+Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten
+meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision
+wütete die Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger
+Zettel abwarf, auf denen stand, daß der Engländer die Ablösung
+übernehmen würde, wenn die Truppe nicht bald
+zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die
+Seuche auch auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete.
+Bei uns traten noch verschärfend die schlechten
+Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen wir dauernd
+in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch
+fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge
+der Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten
+Kompagnie an Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten
+viele Leute mit Sauerstoffapparaten herausholen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten
+meines Abschnittes mehrere vergrabene Kästen voll englischer
+Munition und sprengte mir in meinem Leichtsinn
+beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+des rechten Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als
+ich mit dem Leutnant Sprenger auf der Deckung meines
+Unterstandes stand, eine schwere Granate in der Nähe. Wir
+stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich
+auf 30 Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen
+Angaben in dieser Beziehung trauen könnte, maß ich nach
+und fand den Trichter 22 Meter von unserem Standorte entfernt.
+Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu unterschätzen.
+</p>
+
+<p>
+Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in
+Puisieux. Den ganzen Nachmittag stand ich auf einem
+Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild, das einen sehr
+verdächtigen Eindruck machte.
+</p>
+
+<p>
+Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße
+in dichten Qualm gehüllt, während grüne und rote
+Leuchtkugeln auf- und niederstiegen. Manchmal schwieg das
+Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger Maschinengewehre
+und den matten Knall entfernter Handgranaten.
+Das Ganze sah sich von meinem Standorte fast
+wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte das Gewaltige des
+Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen
+zwischen zwei ehernen Kräften.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen
+tausend Verborgener nach dem kleinen Waldstück, aus dem
+in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die Gipfel der
+stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises
+staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen
+Menschen und Material, des Einsatzes gegen das von zerhackten
+Strünken bedeckte Stück Erde harrend.
+</p>
+
+<p>
+Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale
+an kartenverdeckten Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag,
+einige Sätze an einen Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch.
+Eine Stunde später umflammen die Blitze
+eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische
+Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur
+berufen, wo ich erfuhr, daß der Gegner am linken Flügel
+in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um uns wieder
+etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant
+Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich
+mit meinen Leuten einen ihm in einer Mulde parallel
+laufenden Annäherungsweg aufräumen sollte. Wir zogen
+im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer
+Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir
+vorläufig auf die Ausführung verzichteten. Ich ließ den
+Elbinger Weg besetzen und holte in einem riesigen Höhlenstollen
+den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr vormittags
+weckte mich Handgranatenkrachen vom linken
+Flügel, wo wir eine Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin
+und fand das übliche Bild des Barrikadenkampfes. Bei
+der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken,
+einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein
+Maschinengewehr. Dazwischen Leute geduckt vor und
+zurückspringend. Der kleine Handstreich der Engländer war
+bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann gekostet,
+der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade
+lag.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach
+Puisieux zurückzuführen, wo ich bei der Ankunft die Order
+vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei Gruppen an
+dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen.
+Um 3.40 Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von
+der Sturmkompagnie mit einem Stoßtrupp und ich mit
+meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf. Wir
+hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie-
+und Minenvorbereitung vom Rotpunkt <span class="antiqua">K</span> bis zum
+Rotpunkt Z<sub>1</sub> aufzuteilen.
+</p>
+
+<p>
+Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung
+und überhaupt das Nehmen und Besetzen des
+tief in der Mulde liegenden, von allen Seiten eingesehenen
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der entscheidende
+Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen,
+so mußte man ihn nehmen und war dann auch im
+Besitze der Mulde. Ich hegte den bestimmten Verdacht, daß
+der Angriff von hinten nach der Karte befohlen war, denn
+wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen
+Anordnungen treffen.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet
+wurde, traten wir an und rollten den Graben auf.
+Kurz vor Z<sub>1</sub> stießen wir auf Widerstand, der durch Handgranaten
+gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht
+hatten und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten
+wir eine Barrikade und ließen eine Gruppe mit einem
+Maschinengewehr dahinter zurück.
+</p>
+
+<p>
+Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das
+Benehmen der Leute vom Sturmtrupp, die mich lebhaft an
+Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten. Diese jungen
+Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen
+gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit,
+weil einer den anderen Schlappsack geschimpft hatte und
+fluchten dabei wie die Landsknechte. &bdquo;Mensch, alle haben doch
+nicht so&rsquo;n Schiß wie du!&ldquo;, schrie zuletzt einer und rollte allein
+noch 50 Meter Graben auf.
+</p>
+
+<p>
+Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück.
+Sie hatte Verluste gehabt und sich nicht länger halten
+können. Ich hatte die Leute bereits aufgegeben und wunderte
+mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den
+langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können.
+Das sind die Folgen des Papierkrieges.
+</p>
+
+<p>
+Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken
+Flügel unserer vorderen Linie und in den verbarrikadierten
+Verbindungswegen, die Hauptwiderstandslinie bedrohend.
+</p>
+
+<p>
+Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den
+neuen Abschnitt <span class="antiqua">C</span> der Hauptwiderstandslinie, den ich am
+nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ mir von dem
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am
+Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen
+Postenstand. Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich
+zur Seite. Im nächsten Augenblick spritzte ein Geschoß auf
+dem Sand meines Sitzplatzes auseinander. Durch einen
+glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein Gewehr langsam
+aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen
+Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine
+scharfen Künstleraugen das Leben gerettet. Wie mir nachher
+erzählt wurde, waren an dieser so harmlos aussehenden
+Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch
+Kopfschuß gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine
+nicht sonderlich starke Schießerei aus meinem Bunker gelockt,
+in dem ich gerade gemütlich lesend am Kaffeetische saß.
+Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch. Zurückhumpelnde
+Verwundete erzählten, daß die Engländer in den
+Abschnitten <span class="antiqua">B</span> und <span class="antiqua">C</span> in die Hauptwiderstandslinie, in A
+ins Vorfeld eingedrungen wären. Gleich darauf kam die
+Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und Grieshaber
+bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant
+Kastner schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch
+der Leutnant Sprenger, der stellvertretend die fünfte Kompagnie
+geführt hatte, mit einem Splitter im Rücken in
+meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen &bdquo;Blick in die
+Röhre&ldquo; und begab sich mit dem Zitat: &bdquo;Rückwärts,
+rückwärts, Don Rodrigo&ldquo; zum Verbandplatze. Ihm
+folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender
+Hand.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes
+<span class="antiqua">C</span> ab, der inzwischen wieder vom Feinde geräumt
+war. Ich fand dort Pioniere Boje und Kius mit einem
+Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten
+Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und
+zwei Engländer (Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles).
+Alle waren durch Handgranatentreffer übel zugerichtet.
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen furchtbare
+Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen
+pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die
+entsetzten Augen eines meiner Rekruten, eines Seminaristen,
+auf mir ruhen. Ich durchschaute seinen Gedankengang
+und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende
+Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur
+noch als Sache zu betrachten.
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen.
+Um 11.45 Uhr eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt
+wurden, die eigene Artillerie ein wildes Feuer
+auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr
+Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht
+lange auf sich warten. Der Ruf &bdquo;Sanitäter!&ldquo; flog von
+links durch den Graben. Hineilend, fand ich vor der Barrikade
+im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse, die
+Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer
+einer eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen.
+Uniform- und Wäschefetzen, die ihm der Druck der Explosion
+vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im zerhackten
+Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über
+ihn werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich
+darauf wurden an derselben Stelle noch drei Mann verwundet,
+einem von ihnen beide Hände am Gelenk durchschlagen.
+Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf
+die Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt
+zurück. Der Gefreite Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt,
+auf der Erde.
+</p>
+
+<p>
+Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen
+und forderte dringend Einstellung des Feuers
+oder die Anwesenheit von Artillerieoffizieren im Graben.
+Statt aller Antwort setzte noch ein schwerer Minenwerfer
+ein und machte mir den Graben vollends zur Fleischbank.
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich
+Schwärme von Fliegen sammelten.
+</p>
+
+<p>
+Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge
+7.30 Uhr starkes Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei
+Gruppen der Sturmkompagnie unter Leutnant Voigt über
+die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen sollten, um bis
+zum Rotpunkt <span class="antiqua">A</span> aufzurollen und nach rechts Verbindung
+mit einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen.
+Zwei Gruppen meiner Kompagnie sollten zur Besetzung des
+eroberten Grabenstückes folgen.
+</p>
+
+<p>
+Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer
+einsetzte, die nötigen Anordnungen, bestimmte zwei
+Gruppen und sprach kurz mit dem Leutnant Voigt, der
+einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt
+die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte
+in Mütze, eine Stielhandgranate unterm Arm, hinter
+meinen beiden Gruppen her. Im Augenblick des Angriffs
+richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf den
+Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr
+zu Schulterwehr. Es ging sehr schön vorwärts, die Engländer
+flüchteten unter Zurücklassung eines Toten in eine
+rückwärtige Linie.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines
+links abzweigenden Grabens passiert, als mein Vordermann,
+ein Unteroffizier, einen Schrei höchster Erregung
+ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich
+mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige
+Schritt zurück und stand plötzlich einem athletisch gebauten
+Engländer in dem Augenblick, als er dem fliehenden
+Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte, gegenüber.
+Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei
+anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden.
+Ich zog die Handgranate, meine einzige
+Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel dem Tommy
+vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht,
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+Fersengeld in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger,
+der kleine Wilzek von meiner Kompagnie, hatte die
+Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns nachgeworfenes
+Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden,
+ohne ihn weiter zu verletzen.
+</p>
+
+<p>
+Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen
+waren, schienen umringt und verloren. Kampfgeschrei
+und zahlreiche Explosionen kündeten, daß sie ihr
+Leben teuer verkauften.
+</p>
+
+<p>
+Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe
+des Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den
+Heckengraben vor. Wir mußten indes vor einer Sperre
+hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen.
+Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der
+Hosenträgerschnalle abgefangen. Außerdem brach schlagartig
+ein Artilleriefeuer von gewaltiger Stärke los.
+</p>
+
+<p>
+Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen,
+metallisches Geschmetter durchschrie das dumpfe Dröhnen
+schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in unheimlicher
+Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von
+Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich
+mir einen herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit
+einigen Begleitern in den Kampfgraben zurück.
+</p>
+
+<p>
+Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf
+die zerwalzte Grabenwand und schossen. Neben mir
+fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden Händen am
+Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß
+aus dem Lauf zu bekommen. Einige Engländer klappten
+um, die andern verschwanden im Graben, während das
+Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien
+keine Parteien mehr zu kennen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu
+meinem Bunker schritt, schlug irgend etwas zwischen uns
+in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den Stahlhelm
+vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+ganze Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich
+halb betäubt in mein Fuchsloch, auf dessen Rand einige
+Sekunden später eine Granate schlug, den kleinen Raum
+mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte
+eine Büchse voll Gurken, die neben meinen
+Füßen lag. Um nicht verschüttet zu werden, kroch ich
+wieder in den Graben und spornte die beiden Gefechtsordonnanzen
+und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde,
+während deren die Kompagnie viele Verluste hatte. Nachdem
+die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch den Graben,
+besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch
+zur Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann
+zur Linearverteidigung zu gering war, übertrug ich dem
+Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die Verteidigung
+der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in
+einem Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen
+und ließ alle Handgranaten dort anhäufen. Mein Plan
+war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben
+kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben
+her zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit
+auf ein fortwährendes Geplänkel mit leichten
+Minen, Gewehr- und Handgranaten.
+</p>
+
+<p>
+Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des
+Infanterie-Regiments 164 abgelöst. Wir waren auch restlos
+ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie wurde
+schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später
+wurde mein Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger.
+Wir atmeten alle erleichtert auf, als wir das vom
+heraufziehenden Gewitter der großen Endoffensive umgrollte
+Puisieux im Rücken hatten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+</p>
+
+<p class="left">
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+111. Inf. Division.
+</p>
+
+<p class="right">
+Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.
+</p>
+
+<p class="center">
+<em>Divisionstagesbefehl.</em>
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als
+tapfere, kampferprobte Truppe in den harten Kämpfen am
+25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen Gegner erneut
+aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen.
+Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl
+weiß, welch hohe Anforderungen an die Truppen der Division
+bei dem langen Einsatz an schwieriger Front an Ausdauer
+und Pflichttreue gestellt werden müssen für unser geliebtes
+Vaterland.
+</p>
+
+<p>
+Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal
+verwundet und diesmal wie immer ein leuchtendes
+Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute Anerkennung.
+</p>
+
+<p class="center">
+<em>v. Busse</em>,<br />
+Generalmajor und Divisions-Kommandeur.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-22">
+Mein letzter Sturm.
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>m 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in
+Sauchy-Léstrée, einer wasserumglänzten Perle des Artois.
+Nach einigen Tagen marschierten wir noch weiter zurück
+nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen Arbeitervorstädtchen
+von Cambrai.
+</p>
+
+<p>
+Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische
+Staatszimmer eines nordfranzösischen Arbeiterhäuschens.
+Das übliche Riesenbett als ominöses Hauptmöbel, ein
+Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf
+dem Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden
+einige der furchtbaren Farbendrucke des Familistère, Vive
+la classe, souvenir de première communion, Postkarten
+und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel
+<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
+von Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit.
+Ich fühlte mich inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit
+unbehaglicher als im nässesten Stollen und
+versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch gestapelten
+Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten
+Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.
+</p>
+
+<p>
+Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch
+feindlicher Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden
+Materialüberlegenheit auf der Gegenseite gab.
+Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran und
+ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und
+die Vorstädte fallen. Ich wurde weniger durch das feine,
+moskitoartige Summen der Motore und die Gruppen lang
+widerhallender Detonationen als durch das ängstliche In-den-Keller-Stürzen
+meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag
+vor meiner Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem
+Fenster aufgeschlagen, hatte den in meinem Bette
+schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert
+und die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser
+Zufall gab mir indes die Beruhigung, daß eine Wiederholung
+ziemlich unwahrscheinlich sein würde.
+</p>
+
+<p>
+Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche
+Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht,
+Appells, Besprechungen und Besichtigungen füllten
+einen großen Teil des Tages. Einen ganzen Vormittag
+verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch
+zu fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel.
+Eine Zeitlang gab es als Abendportion nur Gurken, denen
+der trockene Humor der Leute den trefflichen Namen
+&bdquo;Gärtnerwurst&ldquo; beilegte.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie
+wieder zu einer Einheit zusammenzuschmelzen. Trotzdem
+mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich es oft peinlich,
+immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens
+an die Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+Mittel zum Zweck bei keinem Heere zu entbehren sein, er
+läßt sich weder durch individuelle noch durch sportliche Erziehung
+ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert
+nicht über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn
+gehorchen lernen, damit seine Triebe auch in den schrecklichsten
+Momenten durch den geistigen Zwang des Führers
+gezügelt werden können.
+</p>
+
+<p>
+Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer
+Stoßtruppe, da mir im Verlaufe des Krieges immer klarer
+geworden war, daß aller Erfolg der Tat des einzelnen entspringt,
+während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und
+Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen
+Gruppe als einer zaghaften Kompagnie.
+</p>
+
+<p>
+Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden,
+Schießen und Reiten. Auf den Spazierritten fand ich
+massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den Prozeß der
+moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten.
+Es war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien
+dabei. Ich fand es recht klug vom Engländer, das deutsche
+Gemüt mit Gedichten zu bombardieren, und auch recht
+schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch
+Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die
+Fundprämie von 30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die
+Heeresleitung die Gefährlichkeit dieser vergifteten Waffen
+nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden allerdings der
+Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir
+schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für
+Poesie zu besitzen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr
+nach Cambrai. Das liebe, alte Städtchen war wüst und
+öde geworden. Läden und Kaffees waren geschlossen; die
+Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie
+durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir
+das Jahr zuvor ein so schönes Quartier geboten hatten,
+herzlich erfreut über meinen Besuch. Sie erzählten mir,
+<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
+daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung verschlechtert
+hätten. Besondere beklagten sie sich über die
+häufigen Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft
+mehrere Male die Treppen auf und nieder zu rennen, über
+das Problem streitend, ob es ratsamer sei, im ersten
+Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung
+umzukommen. Die alten Herrschaften mit den
+sorgenvollen Mienen taten mir herzlich leid. Einige
+Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der Beschießung
+das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges
+Pochen gegen meine Tür hochgeschreckt, als ich gerade sanft
+eingeschlafen war. Eine Ordonnanz brachte Marschbefehl.
+Schon tags vorher war von der Front das eintönige Rollen
+und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers
+herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen
+und beim Kartenspiel gemahnt, uns keinen Illusionen in
+bezug auf eine längere Dauer unserer Ruhezeit hinzugeben.
+Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten wir
+den klangvollen Frontausdruck &bdquo;es wummert&ldquo; geprägt.
+</p>
+
+<p>
+Rasch packten wir und traten während eines wolkenbruchartigen
+Gewitters auf der Straße nach Cambrai an.
+Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5 Uhr
+morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein großer, von
+einer Reihe demolierter Stallgebäude eingeschlossener Hof
+zugewiesen, indem sich jeder so gut wie möglich unterbrachte.
+Ich kroch mit meinem einzigen Kompagnieoffizier,
+dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverließ, das
+zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert
+hatte, jetzt allerdings nur noch von einigen großen Ratten
+bewohnt war.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der
+wir erfuhren, daß wir in der Nacht rechts der großen
+Straße Cambrai&mdash;Bapaume unweit Beugny bereitgestellt
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen
+Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt.
+</p>
+
+<p>
+Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten
+zum Gefecht ein. Unter einem Apfelbaume stehend,
+sprach ich ein paar Worte zu den Leuten, die mich im Hufeisen
+umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich
+aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht
+mehr siegen konnten. Aber der Gegner sollte sehen, daß er
+gegen Männer von Ehre kämpfte.
+</p>
+
+<p>
+Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom
+Draufgängertum fortreißen zu lassen. Es wäre wenig taktvoll
+gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der Angst um
+Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man
+der Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch
+war es mein Grundsatz, nicht durch große Worte zum Mute
+anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. Ich suggerierte:
+Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche
+läßt. Wir haben alle Angst, aber wir müssen dagegen
+kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand von seiner
+Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen
+Führer und die Kameraden sehen. Schon beim Sprechen
+fühlte ich, daß solche Worte den Leuten verständlich waren.
+Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische Vorbereitung
+in glänzender Weise.
+</p>
+
+<p>
+An unserem aus einer Karre und einer Haustür improvisierten
+Tisch aß ich im Hof mit Schrader zu Abend
+und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten wir uns
+in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der
+Posten meldete, daß die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit
+ständen.
+</p>
+
+<p>
+In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das
+kampfzerwühlte Gelände der vorjährigen Cambraischlacht
+und wanden uns durch die von Trümmerwällen eingefaßten
+Dorfstraßen abenteuerlich zerschossener Nester.
+Dicht vor Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+Aufstellungsräume geführt. Das Bataillon besetzte einen
+Hohlweg an der Straße Beugny&mdash;Vaux. In den Vormittagsstunden
+brachte eine Ordonnanz den Befehl, daß sich
+die Kompagnie bis an die Straße Frémicourt&mdash;Vaux vorzuschieben
+hätte. Dies typische Vorrücken gab mir die
+Gewißheit, daß uns bis zum Abend noch Blutiges bevorstand.
+</p>
+
+<p>
+Ich schlängelte meine drei Züge in Reihen durch
+das Gelände, das kreisende Flieger mit Bomben und Geschossen
+bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns in Trichter
+und Erdlöcher, da vereinzelte Granaten bis über die Straße
+hinausgriffen.
+</p>
+
+<p>
+Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, daß ich
+mich sofort in ein kleines Grabenstück legte und einschlief.
+Nach dem Erwachen las ich in Laurence Sterne&rsquo;s &bdquo;Tristram
+Shandy&ldquo; und verbrachte so, mit der Gleichgültigkeit eines
+Kranken, in der warmen Sonne liegend, den Nachmittag. Ab
+und zu trank ich einen Schluck Wermut.
+</p>
+
+<p>
+Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtsläufer die
+Kompagnieführer zum Hauptmann von Weyhe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, daß
+wir angreifen. Das Bataillon tritt nach halbstündiger
+Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom Westrande Favreuil
+zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von
+Sapignies.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzem hin und her und einem kräftigen Händedruck
+stürzten wir zu den Kompagnien, da das Feuer in
+zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine große
+Strecke zu marschieren hatten. Ich verständigte meine Zugführer
+und ließ antreten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter
+Zwischenraum. Marschrichtung halblinks die Baumkronen
+von Favreuil!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein gutes Zeichen für den Geist, der in den Leuten
+steckte, war, daß ich einen Mann bestimmen mußte, zurückzubleiben,
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+um die Feldküche zu benachrichtigen. Freiwillig
+hatte sich keiner melden mögen.
+</p>
+
+<p>
+Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel
+Reinecke, der die Gegend genau kannte, weit vor der
+Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen sprangen die Abschüsse
+unserer Geschütze auf. Das Feuer glich mehr einem
+wütenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle.
+Hinter mir sah ich meine Gruppen in bewunderungswürdiger
+Ordnung vorgehen. Neben ihnen staubten die
+Wölkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlbläser
+und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit höllischem
+Fauchen durch die Zwischenräume der schmalen
+Menschenstreifen. Rechts lag das schwer beschossene Beugnâtre,
+aus dem gezackte Eisenstücke schwerfällig herüberbrummten
+und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen
+Boden stanzten.
+</p>
+
+<p>
+Noch ungemütlicher wurde der Anmarsch hinter der
+Straße Beugnâtre&mdash;Bapaume. Plötzlich platzte eine Reihe
+von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen uns. Wir
+spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich
+stürzte mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgängers
+und ließ in der Eile von meinem Burschen mit dem Messer
+eine grobe Säuberung vornehmen.
+</p>
+
+<p>
+Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken
+zahlreicher Einschläge, dazwischen stiegen und fielen braune
+Erdsäulen in hastigem Wechsel. Um mich zu orientieren,
+ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann
+mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen.
+</p>
+
+<p>
+Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsäumt,
+bei denen sich allmählich Teile des ersten und zweiten Bataillons
+sammelten. Während des letzten Wegabschnittes
+forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter
+anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie
+einen Schuß durchs Bein. Eine Gestalt in braunem
+Manchester schritt gleichgültig über das beschossene Stück
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+und schüttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann
+Junker und Schaper, Schrader, Schläger, Heins, Findeisen,
+Höhlemann und Hoppenrath standen hinter einer von Blei
+und Eisen durchfegten Hecke und hielten ein großes Angriffspalaver.
+Wir hatten an manchem Tage des Zorns
+auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon
+tief im Westen stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen.
+</p>
+
+<p>
+Teile des <span class="antiqua">I.</span> Bataillons rückten in den Schloßpark.
+Vom <span class="antiqua">II.</span> Bataillon hatten nur meine und die fünfte Kompagnie
+ungefähr vollzählig den flammenden Vorhang durchschritten.
+Wir arbeiteten uns durch Trichter und Häusertrümmer
+zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor.
+Unterwegs stülpte ich mir einen gefundenen Stahlhelm aufs
+Haupt, eine Handlung, die ich nur in kritischen Momenten
+vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil
+vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren
+Verteidigungsabschnitt verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und
+schwerverwundet in einem Trichter des Dorfes lag, hatte
+angeordnet, daß fünfte und achte Kompagnie in vorderer,
+sechste in zweiter und siebente in dritter Linie stürmen
+sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch
+nichts zu sehen war, beschloß ich draufzugehen, ohne mich
+lange um Staffelungen zu kümmern.
+</p>
+
+<p>
+Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von
+Häuserresten und Baumstümpfen sah ich bei schwachem Gewehrfeuer
+eine Schützenlinie auf das freie Feld heraustreten.
+Es mußte die fünfte Kompagnie sein.
+</p>
+
+<p>
+Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl,
+in zwei Wellen anzutreten. &bdquo;Abstand 100 Meter. Ich
+selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in
+den verflossenen Jahren in ähnlicher Stimmung in die
+westliche Sonne geschritten! Les Eparges, Guillemont, St.
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt,
+Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest.
+</p>
+
+<p>
+Wir verließen den Hohlweg ganz programmäßig, nur
+befand &bdquo;ich selbst&ldquo;, wie die schöne Befehlsformel lautet,
+mich plötzlich neben dem Leutnant Schrader weit vor der
+ersten Welle.
+</p>
+
+<p>
+Vereinzelte Gewehrschüsse knallten uns entgegen. Den
+Spazierstock in der rechten, Pistole in der linken Hand
+stapfte ich vor und ließ, ohne es recht zu merken, die
+Schützenlinie der fünften Kompagnie zum Teil hinter, zum
+Teil rechts neben mir. Während des Vorgehens merkte ich,
+daß mein Eisernes Kreuz sich von der Brust gelöst hatte
+und zu Boden gefallen war. Schrader, mein Bursche und
+ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene Schützen
+uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader
+es aus einem Grasplacken hervor, und ich steckte es
+wieder fest.
+</p>
+
+<p>
+Das Gelände senkte sich. Verschwommene Gestalten
+bewegten sich vor einem Hintergrund aus braunem Lehm.
+Ein Maschinengewehr hackte uns seine Geschoßgarben entgegen.
+Mich packte ein fatales Gefühl der Aussichtslosigkeit.
+Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im
+Sprunge über ein Grabenstück riß mich ein durchdringender
+Stoß vor die Brust aus der Luft. Mit lautem Schrei
+wirbelte ich um die Längsachse und klirrte betäubt zu
+Boden.
+</p>
+
+<p>
+Ich erwachte im Gefühl eines großen Unglücks, eingeklemmt
+zwischen enge Lehmwände, während durch eine
+geduckte Menschenreihe der Ruf glitt: &bdquo;Sanitäter! Der
+Kompagnieführer ist verwundet!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein älterer Mann einer anderen Kompagnie beugte
+sich mit gutmütigem Gesicht über mich, löste das Koppel und
+öffnete meinen Rock. Zwei blutige Kreisflecke leuchteten
+von der Mitte der rechten Brust und vom Rücken. Ein Gefühl
+der Lähmung fesselte mich an die Erde, und die
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+glühende Luft des engen Grabens badete mich in qualvollem
+Schweiß. Der mitleidige Helfer erquickte mich durch
+fächelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte, nach
+Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurückschleppen
+zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan
+los. Es war klar, daß dieses lückenlose Rollen, dieses
+gleichmäßige Brüllen und Stampfen mehr drohte als Abwehr
+unseres so schlecht angesetzten Angriffes. Über mir
+blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des
+Leutnants Schrader, der wie eine Maschine schoß und lud,
+schoß und lud. Es entspann sich zwischen uns ein Gespräch,
+das an die Turmszene der Jungfrau von Orleans erinnerte.
+Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich
+hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Oben sprang der Schreckensschrei: &bdquo;Links sind sie durch!
+Wir sind umgangen!&ldquo; von Mund zu Mund. Er gab
+mir die alte Kraft zurück. Ich faßte in ein Loch, das ein
+Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich
+hoch, während das Blut aus den Wunden rieselte. Mit
+bloßem Kopf und offenem Rock, die Pistole in der Faust,
+starrte ich ins Gefecht.
+</p>
+
+<p>
+Durch weißliche Rauchschwaden stürzte eine Kette bepackter
+Menschen schnurgeradeaus. Einige fielen und
+blieben liegen, andere schlugen Rad wie getroffene Hasen.
+100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelände
+eingesogen.
+</p>
+
+<p>
+Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks über
+den Kamm einer Bodenwelle. In wenigen Minuten waren
+sie von der Artillerie in die Erde gestampft. Der eine
+klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hälften auseinander.
+Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann
+mit einem Todesschrei zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flüsterte dem
+Fähnrich Wilsky zu, nach links zu kriechen und mit seinem
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+Maschinengewehr die Lücke abzufegen. Er kam gleich
+darauf zurück und meldete, daß sich 20 Meter weiter schon
+alles ergeben hätte. Es lagen dort Teile des Regiments 99
+(Zabern). Mich umwendend, hatte ich ein seltsames Bild.
+Von hinten kamen Leute mit erhobenen Händen nach vorne!
+Der Feind mußte bereits das Dorf, aus dem wir gestürmt
+hatten, genommen haben.
+</p>
+
+<p>
+Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von
+Engländern und Deutschen umringte uns und forderte uns
+auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte mit schwacher
+Stimme die Nächststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie
+schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen
+und Schreienden umschloß unser Häuflein. Links tauchten
+zwei hünenhafte Engländer ihre Bajonette in ein Grabenstück,
+aus dem sich flehende Hände reckten.
+</p>
+
+<p>
+Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: &bdquo;Es
+hat keinen Zweck mehr! Gewehre weg! Nicht schießen,
+Kameraden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im
+Graben standen. Sie lächelten fatalistisch zurück und ließen
+ihre Koppel zu Boden fallen.
+</p>
+
+<p>
+Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer
+Kugel. Nun war ja der Augenblick gekommen, wo es galt,
+zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten in manchem
+Ruhetage über den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere
+Phrase. Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf
+Favreuil zu. Zwei Engländer, die einen Trupp gefangener
+99er auf ihre Linien zuführten, stellten sich mir entgegen.
+Ich hielt dem nächsten die Pistole vor den Leib und drückte
+ab. Er klappte wie eine Schießbudenfigur zusammen. Der
+andere brannte sein Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen.
+Die hastigen Bewegungen trieben das Blut in hellen
+Schlägen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann,
+an dem Grabenstück entlang zu laufen. Hinter einer
+Schulterwehr kauerte der Leutnant Schläger inmitten einer
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an. Einige Engländer,
+die über das Gelände schritten, blieben stehen,
+setzten ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns.
+Bis auf mich, Schläger und zwei Begleiter wurden alle
+getroffen. Schläger, der seinen Kneifer verloren hatte, erzählte
+mir später, daß er nichts gesehen hätte als meine
+auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust
+gab mir die Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches,
+mich beunruhigte nur der Gedanke, zu früh zusammenzubrechen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangten wir an einen halbmondförmigen
+Erdaufwurf rechts von Favreuil, aus dem ein halbes
+Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund und Feind
+Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande
+der Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin
+und her. Ein Sanitätsunteroffizier der sechsten Kompagnie
+riß meine Jacke herunter und riet mir, mich sofort hinzulegen,
+da ich sonst in wenigen Minuten verblutet sein
+könnte.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand
+von Favreuil entlang geschleppt. Einige Leute meiner und
+der sechsten Kompagnie begleiteten mich. Nach einigen
+hundert Schritten bekamen wir auf nächste Entfernung aus
+dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in
+menschliche Körper. Den Sanitäter der sechsten Kompagnie,
+der das Hinterende meiner Zeltbahn trug, riß ein Kopfschuß
+zu Boden; ich stürzte mit ihm.
+</p>
+
+<p>
+Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen
+und kroch, von Aufschlägen umpeitscht, der nächsten Senkung
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknüpft auf
+dem Felde, den Endtreffer erwartend.
+</p>
+
+<p>
+Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte,
+war ich nicht ganz verlassen. Neben mir ertönte die
+Stimme des Gefreiten Hengstmann: &bdquo;Ich nehme Herrn
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch,
+oder wir bleiben liegen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren
+auf kürzeste Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die
+Arme um den Hals des Getreuen geschlungen, auf seinem
+Rücken saß, erklang mitten im Lauf ein feines metallisches
+Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen.
+Ich löste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch
+fest umklammert hielten. Ein Geschoß hatte ihm Stahlhelm
+und Schläfen durchschlagen. Der Tapfere, der die
+Treue zu seinem Führer mit dem Tode besiegelte, war ein
+Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe später
+seine Familie aufgesucht und halte sein Andenken heilig.
+</p>
+
+<p>
+Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer
+nicht ab, einen neuen Versuch zu meiner Rettung zu wagen.
+Es war der Sanitäts-Sergeant Strichalsky. Er nahm mich
+auf seine Schultern und brachte mich glücklich in den toten
+Winkel der nächsten Geländewelle.
+</p>
+
+<p>
+Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines
+Toten und trugen mich über ein einsames Gelände, auf
+dem nah und fern zackige Strahlensterne hochflammten.
+Ich mußte nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefühle,
+die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die
+ein Mann zehn Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu
+ersticken.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand,
+in dem der mir befreundete Doktor Key seines Amtes
+waltete. Er mischte mir eine köstliche Zitronenlimonade
+und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in erquickenden
+Schlummer.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage setzte die übliche, etappenweise Rückbeförderung
+ein. Die wüste Autofahrt zum Kriegslazarett
+brachte mich an den Rand des Grabes. Dann kam ich in
+die Hände der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind
+bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+das Schicksal der Schlacht in das Bett eines Krankensaales
+geworfen hatte. Aus dem männlichen, zielbewußten und
+zweckmäßigen Handeln des Krieges tauchte man in eine Atmosphäre
+undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende
+Ausnahme bildete die abgeklärte Sachlichkeit der katholischen
+Ordensschwestern.
+</p>
+
+<p>
+Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines
+Lazarettzuges und hatte das Glück, in Hannover ausgeladen
+zu werden. Dort lag ich im Clementinenstift mit
+einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen zusammen,
+der bereits zwölf Gegner im Luftkampf gestreckt
+hatte. Der letzte hatte ihm zuvor durch ein Geschoß den
+Oberarmknochen zersplittert. Auf unserem ersten Genesungsgange
+trafen wir meinen Bruder und einige
+Kameraden, mit denen wir zu Abend aßen. Da unsere
+baldige Kriegstüchtigkeit angezweifelt wurde, fühlten wir
+beide das unbedingte Bedürfnis, verschiedentlich über einen
+gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns sehr
+schlecht. Trotzdem fühlten wir uns recht bald wieder in
+Form für eine neue Winterkampagne. Diese wurde vorläufig
+vertagt. Wir sollten uns bald an anderen Kämpfen
+beteiligen, als uns geträumt. &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm:
+</p>
+
+<p class="block">
+&bdquo;Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den
+Orden <span class="antiqua">Pour le Mérite</span> verliehen. Ich beglückwünsche
+Sie im Namen der ganzen Division.
+</p>
+
+<p class="right">
+General von Busse.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="printer">
+Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68, Kochstr. 68-71.
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jünger
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN STAHLGEWITTERN ***
+
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+redistribution.
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
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+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+
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