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Hartleben's Verlag._ + +Alle Rechte vorbehalten. + + + + + + K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + + + INHALT. + + +Erster Theil + 1. Ein Fest im Neuen Palais + 2. Russen und Tartaren + 3. Michael Strogoff + 4. Von Moskau nach Nishny-Nowgorod + 5. Eine Verordnung mit zwei Artikeln + 6. Bruder und Schwester + 7. Auf der Wolga stromabwaerts + 8. Die Kama stromaufwaerts + 9. Tag und Nacht im Tarantass + 10. Ein Unwetter in den Uralbergen + 11. Reisende in Noth + 12. Eine Herausforderung + 13. Die Pflicht ueber Alles! + 14. Mutter und Sohn + 15. Der Barabinen-Sumpf + 16. Eine letzte Anstrengung + 17. Bibelsprueche und Liederverse +Zweiter Theil + 1. Ein tartarisches Feldlager + 2. Alcide Jolivet's Haltung + 3. Schlag fuer Schlag + 4. Der siegreiche Einzug + 5. Nun sieh' Dich um + 6. Ein Freund unterwegs + 7. Die Ueberschreitung des Jenisei + 8. Ein Hase, der ueber den Weg laeuft + 9. In der Steppe + 10. Baikal und Angara + 11. Zwischen zwei Ufern + 12. Irkutsk + 13. Ein Courier des Czaar + 14. Die Nacht vom 5. zum 6. October + 15. Schluss +[Bemerkungen zur Textgestalt] + + + + + + + MICHAEL STROGOFF. + + + + + Erstes Capitel. + + + Ein Fest im Neuen Palais. + + +"Sire, eine neue Depesche. + +-- Von woher? + +-- Aus Tomsk. + +-- Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen? + +-- Sie ist seit gestern gestoert. + +-- General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk +einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten. + +-- Zu Ew. Majestaet Befehl", antwortete der General Kissoff. + +Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen +Palais abgehaltenes Fest eben in hoechstem Glanze strahlte. + +Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten +zu dieser Soiree die gewaehltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas, +Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von +Taenzern und Taenzerinnen rauschten durch die praechtigen Salons dieses +Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem "alten Hause aus +Stein" erhebt, in welch' letzterem sich so viele furchtbare Dramen +abgespielt haben und das jetzt nur die fluechtigen Melodien der Quadrillen +wiederhallte. + +Der Oberhofmarschall fand bei Erfuellung seiner delicaten Pflichten sehr +beachtenswerthe Unterstuetzung. Die Grossfuersten selbst, deren Adjutanten, +die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen +sich des Arrangements der Taenze. Die von Diamanten strahlenden +Grossfuerstinnen und die Hofdamen in gewaehltester Galatoilette gingen den +Frauen und Toechtern der hoechsten Militaer- und Civilbeamten mit +aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertoente, als +die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen +Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines +Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenueberwebten +Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der +hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu +verdoppeln schienen, dem Auge ein entzueckendes, kaum zu beschreibendes +Bild. + +Dazu lieferte der grosse Salon, das schoenste der Gemaecher im Neuen Palais, +fuer diese Versammlung hoher und hoechster Personen und verschwenderisch +geschmueckter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche +Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien +wie besaeet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in +schweren Falten herabfallenden Portieren faerbte sich mit warmen Toenen, +welche sich nur an den schaerferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter +heraushoben. + +Durch die Scheiben der grossen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern +nur wenig geschwaecht, aehnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach +aussen, und stach grell ab von dem naechtlichen Dunkel, das seit wenig +Stunden diesen glitzernden Palast umhuellte. Dieser Contrast mochte auch +die Aufmerksamkeit zweier Ballgaeste erregen, welche am Tanze keinen +Antheil nahmen. In einer der Fensteroeffnungen stehend, konnten sie mehrere +jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthuerme wahrnehmen, deren riesige +Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend, +das Gewehr wagrecht ueber die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf +und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann +von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch +den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiss +taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem +Parket des Festsaales. Dann und wann hoerte man den Zuruf der Schildwachen +von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes +Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters. + +Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den +Fenstern des Neuen Palais ausgestroemten Lichtkegeln. Das waren Schiffe, +die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, ueberstrahlt von den +grellen Lichtbuendeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuss der Terrassen +des Palastes bespuelten. + +Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem +gegenueber General Kissoff jene nur den Souveraenen zukommende Anrede +benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejaeger. +Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines +Mannes, der fuer aeusseren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung +contrastirte demnach mit den prachtvollen Costuemen, die sich um ihn +draengten, und ebenso zeigte er sich auch gewoehnlich inmitten seiner +Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener praechtigen +Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus. + +Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie, +aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur +andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gespraechen +der juengern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den +ernsteren Worten seiner hoechsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des +diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe +vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker - geborene +Physiognomiker, - glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige +Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklaerlich +blieb, aber ohne dass Einer derselben sich erlaubt haette, eingehender +danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu +zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejaeger, durch seine +Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeintraechtigen, und da er +einer der seltenen Fuersten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im +Gedanken, zu gehorchen sich gewoehnt hatte, so wurden auch die Vergnuegungen +des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen. + +Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm +aus Tomsk ueberreicht hatte, auf die Erlaubniss sich zurueckziehen zu duerfen; +aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen, +durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn. +Unwillkuerlich fasste seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese +wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien, +als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas +Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu koennen. + +"Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine +Fensternische gefuehrt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem +Grossfuersten? + +-- Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befuerchten, dass die Depeschen +bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr ueberschreiten koennen. + +-- Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben +die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen? + +-- Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches ueber den Baikalsee +hinaus zu senden moeglich war. + +-- Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk +stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication? + +-- Gewiss, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, dass +die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht ueberschritten +haben. + +-- Und von dem Verraether Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde? + +-- Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen, +ob jener die Grenze ueberschritten hat oder nicht. + +-- Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg, +Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und ueberhaupt nach +allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr +stehen. + +-- Ew. Majestaet Befehle werden unverzueglich ausgefuehrt werden, erwiderte +der General. + +-- Kein Wort ueber alles Dieses!" + +Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der +General, mischte sich erst unbefangen unter die Gaeste, verliess aber bald +die Salons, ohne dass sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte. + +Der Officier blieb traeumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den +verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militaers wieder naeherte, hatte +sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollstaendig +wiedergefunden. + +Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber +keineswegs so unbekannt, als der Gardejaegerofficier und der General +Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht +einmal officioes, da die Zungen jetzt noch nicht geloest waren, aber +verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue +Berichte erhalten ueber die Vorgaenge jenseit der Grenze. + +Was man nur so vom Hoerensagen wusste, davon unterhielt man sich nicht, +nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei +Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche +Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen +mit gedaempfter Stimme ueber diese Angelegenheit und schienen sehr genaue +Informationen zu besitzen. + +Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wussten aber diese beiden +einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflussreiche +Personen kaum muthmassten? - Niemand haette das sagen koennen. Waren sie mit +einem Vorgefuehl oder mit einer Voraussicht begabt? Besassen sie noch einen +sechsten Sinn, der es ihnen ermoeglichte, ueber den begrenzten Horizont +hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschliesst? +Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten +auszuspueren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten +Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gaenzlich veraendert +haben? Man wurde versucht, das zu glauben. + +Diese beiden Maenner, der eine Englaender, der andere Franzose, waren lange, +hagere Gestalten, - dieser gebraeunt wie die Suedlaender der heissen Provence, +- jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte, +phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushaelterische Anglo-Normanne +schien nur bei der Ausloesung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die +von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestueme Gallo-Romane +dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Haenden, und schien seine +Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, waehrend seinem Partner nur +eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest sass. + +Diese physischen Unterschiede haetten des oberflaechlichen Beobachters +Urtheil gewiss leicht irre fuehren koennen; der Physiognomiker aber, der +diese beiden Persoenlichkeiten aus der Naehe beobachtete, haette den +physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiss in die Worte +zusammen gefasst, dass der Franzose "ganz Auge" und der Englaender "ganz Ohr" +sei. + +In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz +ausserordentlich geschaerft. Seine Netzhaut besass dieselbe +Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geuebten Taschenspieler, welche +eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren +Zeichen erkennen, dass es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose +besass also in hoechstem Grade das, was man so bezeichnend "das Gedaechtniss +des Auges" nennt. + +Der Englaender im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hoeren +und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehoerapparat der Ton einer Stimme nur +ein einzig Mal, so vergass er diesen niemals mehr und haette diese Stimme +nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehoert. +Seine Ohren besassen zwar sicherlich nicht das Vermoegen, sich so zu +bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln +versehen sind; da die Gelehrten aber ausser Zweifel gesetzt haben, dass die +aeusseren Ohren des Menschen nur "nahezu" unbeweglich sind, so waere man +anzunehmen berechtigt gewesen, dass die des genannten Englaenders sich +mussten strecken, verschieben und winden koennen, um die Schallwellen unter +den guenstigsten Verhaeltnissen aufzunehmen, so dass einem Sachverstaendigen +ihre Bewegungen wohl nicht entgangen waeren. + +Es sei gleich hierbei bemerkt, dass diese Vervollkommnung des Gesichts und +Gehoers den beiden Maennern bei ihrer Beschaeftigung sehr zu Statten kam, +denn der Englaender war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose +Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er +nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er +correspondire mit "seiner Cousine Madelaine". Im Grunde war dieser +Franzose trotz seines legeren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und +wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche +Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Bloesse. +Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und +wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein +College vom Daily-Telegraph. + +Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais +gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als +Journalisten und zwar zur groessten Erbauung ihrer Leserkreise. + +Es versteht sich ganz von selbst, dass diese beiden Maenner fuer ihre Mission +in der Welt wirklich begeistert waren; dass sie es liebten, sich wie +Spuerhunde auf die Faehrte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stuerzen, dass +Nichts sie zurueckschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und +dass sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser +Helden von der Feder besassen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase, +dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie ueber die Hecken, flogen ueber +die Fluesse, setzten ueber die Huerden mit dem unvergleichlichen Feuereifer +jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben +wollen. + +Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt +sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu +ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, dass weder der Eine noch der Andere +je ueber die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und dass sie nur dann +in Thaetigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in's Spiel +kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu +sagen pflegt, "die grossen politischen und militaerischen Berichterstatter". + +Indess wird man bei naeherer Betrachtung sehen, dass sie die Thatsachen und +ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben +jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie +jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr +Moeglichstes thaten, so wuerde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln. + +Der franzoesische Correspondent hiess Alcide Jolivet. Harry Blount war der +Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male +bei dem Feste im Neuen Palais, ueber welches sie ihren Journalen Bericht +erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit +einer gewissen Geschaeftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige +Sympathie einfloessen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie +suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages +abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem naemlichen +Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse +gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, dass sie immer so weit +Fuehlung behielten, um einander zu sehen und zu hoeren. + +An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas +in der Luft. + +"Und wenn's nur ein Volk Enten waere, sagte sich Alcide Jolivet, einen +Flintenschuss wird's doch werth sein!" + +Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gespraech waehrend des Balles, +kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide +klopften erst gegenseitig auf den Busch. + +"Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide +Jolivet, mit der liebenswuerdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit +dieser ausgesprochen franzoesischen Phrase einleitend. + +-- Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount +mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Buerger des +Vereinigten Koenigreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen +pflegt. + +-- Ich jedoch, fuegte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine ... + +-- Ihrer Cousine?... wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen +Collegen unterbrach. + +-- Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine +Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren, +meine Cousine!... Ich glaubte ihr also mittheilen zu muessen, dass die Stirn +des Souveraens bei diesem Feste doch von einigen Woelkchen beschattet +gewesen sei. + +-- Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der +wahrscheinlich seine Ansicht ueber diesen Gegenstand zu verbergen suchte. + +-- Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des +Daily-Telegraph 'strahlen' lassen? + +-- Gewiss. + +-- Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im +Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist? + +-- So genau, als ob ich dabei gewesen waere, erwiderte der englische +Reporter. + +-- Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, dass man bei einem dem +Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte, +dass Napoleon mit der franzoesischen Vorhut soeben den Niemen ueberschritten +habe. Der Kaiser verliess jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit +dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekaempfte +aeusserlich jede Unruhe ... + +-- So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die +Meldung machte, dass die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze +und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien. + +-- Ah, Sie kennen diese Einzelheiten? + +-- Ich kenne sie. + +-- Ich muss wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis +Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen +Genugthuung. + +-- Und die meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte Harry Blount etwas +unwirsch. + +-- So wissen Sie auch, dass schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk +abgegangen sind? + +-- Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements +Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen liess, sich zu sammeln. + +-- Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Massnahmen sind mir vollkommen +bekannt, und glauben Sie, meine liebenswuerdige Cousine wird schon morgen +Einiges davon zu erzaehlen wissen. + +-- Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein +werden, Herr Jolivet. + +-- Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht ... + +-- Und wenn man Alles hoert, was gesprochen wird! + +-- Da wird's einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben. + +-- Dem ich mich anschliesse, Herr Jolivet. + +-- O, dann kann sich's treffen, dass wir uns auf einem minder sicheren +Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen. + +-- Wohl einem minder sicheren, aber auch ... + +-- Einem weniger glatten!" antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen +in den Armen auffing, als dieser eben beim Rueckwaertsgehen fast umgefallen +waere. + +Spaeter trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, dass +Keiner dem Andern um eine Nasenlaenge voraus war. + +Jetzt sprangen die Thueren der anstossenden Saele auf. Dort zeigten sich +verschiedene grosse und praechtig servirte Tafeln, schwer beladen mit +kostbarem Porzellan und goldenen Gefaessen. Auf der mittelsten, fuer die +Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps +reservirten Tafel glaenzte ein Tafelaufsatz von unschaetzbarem Werthe aus +Londoner Werkstaetten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit +spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzaehligen Stuecken des +herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Sevres verlassen +hatte. + +Die Gaeste des Neuen Palais begaben sich nach den Speisesaelen. + +In diesem Augenblicke naeherte sich der General Kissoff, der inzwischen +zurueckgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejaeger. + +"Nun, wie steht's? fragte dieser lebhaft. + +-- Die Telegramme gehen nicht ueber Tomsk hinaus, Sire. + +-- Sofort einen Courier!" + +Der Officier verliess den grossen Saal und zog sich in ein daneben liegendes +grosses Gemach zurueck. Es war das ein mit Eichenmoebeln sehr einfach +ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige +Bilder, darunter einzelne Oelgemaelde von Horace Vernet, hingen an den +Waenden. + +Der Officier riss schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an +Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem maechtigen Balcon die laue Luft der +schoenen Julinacht ein. + +Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art +Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Palaeste +und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen +Staedte: Kitai-Gorod, Boloi-Gorod und Zemlianoi-Gorod, das ungeheure +europaeische, tartarische und chinesische Quartier, ueberragt von Thuermen +und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren gruenen +Daechern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Fluss mit +vielgewundenem Laufe glaenzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das +Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefaerbte Mosaik, welche ein +zehn Stunden langer Rahmen umschloss. + +Dieser Fluss war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk +war der Kreml und jener Officier der Gardejaeger, der mit gekreuzten Armen +und traeumerischer Stirn nur halb den Laermen des Festes hoerte, der sich aus +dem Neuen Palais ueber die alte Stadt der Moskowiter verbreitete - das war +der Czaar. + + + + + Zweites Capitel. + + + Russen und Tartaren. + + +Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest, +welches er den Spitzen der Civil- und Militaerbehoerden gab, in schoenstem +Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verliess, so kam das daher, +dass sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war +gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen +Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen. + +Das asiatische Russland oder Sibirien bedeckt eine Oberflaeche von 560,000 +Quadratmeilen (franzoesische Lieues) und zaehlt etwa zwei Millionen +Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem +europaeischen Russland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans. +Nach Sueden zu schliesst es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer, +haeufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem +Karameere bis zur Behringsstrasse. Es wird in Gouvernements oder Provinzen +getheilt, naemlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk; +ferner umfasst es zwei Districte, die von Ochotsk und von Kamschatka, und +besitzt endlich zwei Laender, welche jetzt dem moskowitischen Scepter +unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen. + +Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Laengenausdehnung ueber 110 +Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort fuer +Verbrecher, das Exil fuer diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung +belegte. + +Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem +weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen +Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenfluss des Jenisei, trennt die beiden +Haelften des Territoriums. + +Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige +ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen, +welche bei ihrer Ausdehnung ueber grosse Strecken den Boden Sibiriens unter +der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberflaeche. Im Sommer +reist man daselbst im Tarantass; im Winter im Schlitten. + +Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknuepft die beiden +Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht +weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung +des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, +Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk, +Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, Orlomskaya, Alexandrowskoe, +Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das aeusserste Ende zu befoerdernde Wort +6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden oestr.). Von +Irkutsk aus verlaeuft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen +Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort fuer 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder +48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befoerdert werden. + +Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk, +nachher vor Tomsk und einige Stunden spaeter zwischen Tomsk und Kolyvan +durchschnitten worden. + +Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General +Kissoff ihm machte, nur geantwortet: "Sofort einen Courier!" + +Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines +Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thueren oeffneten. Der erste +Chef der Polizei erschien auf der Schwelle. + +"Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du ueber +Iwan Ogareff weisst. + +-- Es ist das ein sehr gefaehrlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe +Polizeibeamte. + +-- Er hatte den Rang eines Obersten? + +-- Ja, Sire. + +-- Und war ein intelligenter Officier? + +-- Gewiss, sehr intelligent, aber unmoeglich zu zuegeln und von sinnlosem +Ehrgeiz, der vor nichts zurueckschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in +verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem +Grossfuersten erst degradirt und spaeter nach Sibirien verwiesen. + +-- Wann ungefaehr? + +-- Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew. +Majestaet Gnade erloest, kehrte er nach Russland zurueck. + +-- Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien? + +-- Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurueck", antwortete +der Chef der Polizei. + +Dann fuegte er mit etwas zurueckgehaltener Stimme hinzu: + +"Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurueckkehrte, wenn man nach Sibirien +ging! + +-- Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem +man auch wiederkehrt!" + +Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck +zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, dass die +russische Justiz auch zu verzeihen vermoege. + +Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von +halben Massregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter +Bedeckung von Gensdarmen ueberschritten hatte, jemals daran denken, es noch +einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und +der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere +Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als fuer Verbrechen gegen das gemeine +Recht? Politische Straeflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk +in das Vaterland zurueck? Wahrlich, der Polizeichef, gewoehnt an die +autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit +dieser Art und Weise zu regieren niemals aussoehnen. Doch er schwieg und +wartete es ab, dass der Czaar ihn weiter fragen werde. + +Das liess nicht lange auf sich warten. + +"Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den +sibirischen Provinzen, einer Reise uebrigens, deren eigentlicher Zweck wohl +unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Russland gekommen? + +-- Gewiss, Sire. + +-- Und seit dieser Rueckkehr hat die Polizei seine Spur verloren? + +-- O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst +gefaehrlich!" + +Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht fuerchtete +der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten +seiner Ideen gewiss nicht groesser und staerker war, als seine unbegrenzte +Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte +Vorwuerfe bezueglich seiner innern Politik unbeachtet liess, fuhr einfach in +seiner Fragestellung fort: + +"Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt? + +-- Im Gouvernement von Perm. + +-- In welcher Stadt? + +-- In Perm selbst. + +-- Was that er daselbst? + +-- Er schien unbeschaeftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei +Verdacht. + +-- Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht? + +-- Nein, Sire. + +-- Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen? + +-- Etwa im Maerz. + +-- Und wandte sich wohin? + +-- Das ist mir unbekannt. + +-- Seit dieser Zeit weiss man auch nicht, was aus ihm geworden ist? + +-- Niemand weiss es. + +-- Recht schoen, aber ich, ich weiss es! antwortete der Czaar. Geheime +Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich +gelangt und in Beruecksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit +der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben +zu glauben! + +-- Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, dass Iwan Ogareff bei +der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe? + +-- Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weisst. Iwan +Ogareff ueberschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural. +Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort +nicht ohne Erfolg die Nomadenvoelker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er +sich weiter nach Sueden, bis nach dem unabhaengigen Turkestan begeben. Dort +fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Haeuptlinge, +welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu +werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in +Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschuert worden, +sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege +und Communicationsmittel zwischen dem oestlichen und dem westlichen +Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben, +meinem Bruder nach dem Leben!" + +Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen +Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort, +aber er sagte sich, dass Iwan Ogareff's Plaene zur Zeit, als die +Selbstherrscher aller Reussen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht +haetten zur Reife gedeihen koennen. + +Still vergingen einige Augenblicke, dann naeherte er sich dem Czaaren, der +sich in einen Fauteuil geworfen hatte. + +"Ew. Majestaet, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, dass dieser +Einfall so schnell als moeglich zurueckgewiesen wird? + +-- Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat +erreichen koennen, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk, +Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees +in Bewegung setzen muessen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und +Nishny-Nowgorod in Eilmaerschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen +sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden +moeglich ist! + +-- Und Ew. Majestaet Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Grossfuerst, der in +diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau +in keiner directen Verbindung mehr? + +-- Nein. + +-- Er muss aus den letzten Depeschen aber die Massregeln Ew. Majestaet +erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunaechst +gelegenen Gouvernements zu erwarten hat? + +-- Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er weiss aber nicht, dass Iwan +Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang +es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren +Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben +unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die +aber der Grossfuerst nicht kennt und folglich sofort erfahren muss! + +-- Nun wohl, Sire, ein tuechtiger, muthiger Courier ... + +-- Den erwarte ich. + +-- Und beeilen muss er sich, fuegte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie +gestatten mir auszusprechen, Sire, dass dieses ganze Sibirien zur Rebellion +sehr geneigt ist! + +-- Glaubst Du, General, dass die Straeflinge mit den Feinden +gemeinschaftliche Sache machen koennten? rief der Czaar, der bei dieser +Andeutung des Polizeichefs ganz ausser sich gerieth. + +-- Verzeihung, Majestaet!... entgegnete stammelnd der Chef des +Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem +unruhigen und misstrauischen Kopfe aufgestiegen war. + +-- Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar. + +-- In Sibirien befinden sich auch andere Straeflinge, als die politischen +Verbannten, antwortete der Polizeichef. + +-- Die Verbrecher! O, General, die ueberlasse ich Dir! Das ist der Auswurf +des menschlichen Geschlechts; diese haben ueberhaupt kein Vaterland. Die +Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser +gerichtet, sondern gegen Russland, gegen die Heimat, welche die Verbannten +doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen +werden!... Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang +mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben +und zu schwaechen!" + +Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die +seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner +Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden +Erleichterungen bei Ausfuehrung der frueher so schrecklichen Ukase +garantirten ihm, dass er sich hierin nicht taeusche. Aber auch ohne diese +maechtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich +die Sachlage ueberaus ernst, denn es stand mindestens zu befuerchten, dass +sich ein grosser Theil der Kirghisenbevoelkerung den Angreifern anschliessen +werde. + +Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Grosse, die Kleine und die +Mittlere, und zaehlen etwa 40,000 "Zelte", d. h. gegen 2,000,000 Seelen. +Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhaengig, Andere +erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von +Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der maechtigsten Haeuptlinge von +Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist uebrigens auch die +bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den +Wasserlaeufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang- +und Aksakalsee. Die Grosse Horde, welche die oestlich von der Mittleren +gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und +Tobolsk aus. Empoerten sich diese Kirghisenvoelker, so ueberschwemmten sie +das asiatische Russland und rissen Sibirien oestlich vom Jenisei los. + +Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr +naechtliche Raeuber oder gewohnt, die Karawanen zu ueberfallen, als regulaere +Soldaten. Levchine sagte von ihnen: "Eine geschlossene Front oder ein +Quarre tuechtiger Infanterie widersteht einer zehnfach groesseren Anzahl +Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde." + +Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch noethig, dass ein Quarre +Infanterie in dem empoerten Lande bei der Hand sei und dass die +Feuerschluende die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen, +welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Ausser auf der +directen Strasse von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die haeufig +sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen mussten +unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen, +die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben. + +Omsk, das Centrum der Militaerorganisation von Westsibirien, ist dazu +bestimmt, die Kirghisenbevoelkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen +die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt +haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, dass Omsk +schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militaercolonien, d. h. der +Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewiss +an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befuerchten, dass die +"Grosssultane", welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig +oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmaenner so wie sie selbst, +anerkannten und dabei der durch ihre Botmaessigkeit schon genaehrte Hass sich +durch den Antagonismus der muselmaennischen und griechischen Religion +verstaerkte. + +Schon seit langer Zeit suchten thatsaechlich die Tartaren von Turkestan, +und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara, Khiwa und Khokhand, durch +Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem +moskowitischen Scepter zu entreissen. + +Ueber diese Tartaren nur einige Worte. + +Speciell gehoeren die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der +kaukasischen und der mongolischen Menschenrace. + +Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Remusat sagt, "dass sie in +Europa als der Typus der Schoenheit unserer Menschenklassen angesehen wird, +weil alle Voelker dieses Erdtheiles von ihr abstammen", umfasst unter +demselben Namen die Tuerken und die Eingeborenen persischer Abkunft. + +Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und +den Thibetanern. + +Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehoerten zur +kaukasischen Race und waren vorzueglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite +Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch +der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von +Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w. + +Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflussreichste und maechtigste. +Schon mehrmals hatte Russland Krieg gefuehrt mit seinen Haeuptlingen, welche +aus persoenlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die +Unabhaengigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft +vertheidigten. Der dermalige Haeuptling, Feofar-Khan, folgte ganz den +Fussstapfen seiner Vorgaenger. + +Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Sueden nach Norden vom 37. bis +zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Laengengrade, +d. h. ueber eine Flaeche von gegen 10,000 Quadratmeilen. + +Die Bevoelkerung des Staates schaetzt man auf 2,500,000 Einwohner mit einer +Armee von 60,000 Mann Fussvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache +verstaerkt wird, und etwa 30,000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit +grossen Schaetzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch +durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Aukoi und Meimaneh nicht +unwesentlich vergroessert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Staedte. +Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von +Thuermen flankirten Mauer, eine beruehmte Stadt, deren schon die Ovicenna's +und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwaehnen, wird als Mittelpunkt +muselmaennischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptplaetzen +Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan's und jenem +beruehmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan +bei Antritt seiner Regierung setzen muss, wird von einer ungemein starken +Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in +einer Oase mit sumpfiger, von Schildkroeten und Eidechsen wimmelnden +Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer +Volksmenge von fast 20,000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan, +Nurata, Djizah, Paikande, Karakul, Khuzar und andere, - sie alle bilden +einen Kranz von schwer zu baendigenden Staedten. Dieses durch seine Berge +geschuetzte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach +ein in Wahrheit zu fuerchtender Staat, und Russland muss ihm stets nicht +unbetraechtliche Streitkraefte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der +ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gestuetzt auf die +andern Khans, - vorzueglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame +und beutegierige Kriegsmaenner, welche stets bereit waren, sich zu +betheiligen, wo es ihr Interesse galt, - und unter Mitwirkung der +Haeuptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er +sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff +war. Dieser Verraether hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und +gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, dass man zuerst die +grosse sibirische Strasse in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein +Tollhaeusler, glaubte er die russische Macht brechen zu koennen, und auf +seine Anordnung ueberschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die +Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in +das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen +Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurueckziehen muessen. Sogar +ueber den Balkhachsee drang er vor und riss die Kirghisenbevoelkerung mit +sich fort. Raubend, sengend und brennend waelzte sich der Schwarm von Stadt +zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in's Heer, wer Widerstand +leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen +Anhaengseln eines orientalischen Souveraens, seiner aus den Frauen und +Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, - immer mit der gedankenlosen +Tollkuehnheit eines modernen Gengis-Khan. + +Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der +Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau +gelangte? + +Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen +zurueckweichen muessen? - Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen +waren gestoert. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige +Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder ueberzog schon +der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze suedliche +Westsibirien in Flammen? Reichte die Empoerung schon bis nach den Gebieten +im Osten? - Keiner wusste es. Der einzige Kundschafter, der weder die Kaelte +noch die Hitze fuerchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die +verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden +Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch +die Steppen laufen, war ausser Stande, den Grossfuersten zu benachrichtigen +von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff's +bedrohte. + +Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermassen ersetzen. +Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523 +Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurueckzulegen. Er musste, um die Haufen der +Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen +uebermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf +und Herz kommt man ja weit! + +"Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?" fragte sich der Czaar. + + + + + Drittes Capitel. + + + Michael Strogoff. + + +Bald oeffnete sich die Thuer des kaiserlichen Cabinets und der Huissier +meldete den General Kissoff. + +"Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar. + +-- Ist schon da, Sire, antwortete der General. + +-- Du hast einen geeigneten Mann gefunden? + +-- Ich wage, mich Ew. Majestaet dafuer zu verbuergen. + +-- Stand er in Palastdiensten? + +-- Ja, Sire. + +-- Du kennst ihn? + +-- Persoenlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur +Zufriedenheit ausgefuehrt. + +-- Im Auslande? + +-- Gerade in Sibirien. + +-- Woher ist er? + +-- Aus Omsk, also selbst ein Sibirier. + +-- Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth? + +-- Gewiss, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo +Andere vielleicht scheitern koennten. + +-- Wie alt? + +-- Dreissig Jahre. + +-- Es ist ein gesunder, kraeftiger Mann? + +-- Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeussersten +zu ertragen. + +-- Er hat einen Koerper von Stahl? + +-- Ohne Zweifel, Sire. + +-- Und ein Herz?... + +-- Ein Herz von Gold. + +-- Sein Name? + +-- Michael Strogoff. + +-- Er ist bereit abzureisen? + +-- Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestaet Befehle. + +-- Er soll hierher kommen", sagte der Czaar. + +Einige Augenblicke spaeter trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers +ein. + +Michael Strogoff war hochgewachsen, kraeftig, hatte breite Schultern und +eine volle Brust. Sein maechtiger Kopf zeigte die besten Merkmale +kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmassen erschienen wie eben so +viel mechanische Hebel zur sicheren Ausfuehrung kraeftiger Bewegungen. Der +aeusserlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht +wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu koennen, denn wenn er +seine Fuesse auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu +wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kraeuselte +sich ueppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der +moskowitischen Muetze bedeckte. Veraenderte sich sein gewoehnlich etwas +blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug, +unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes +lebhafter faerbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem +Blicke glaenzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas +zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, "jenen Muth ohne +Zorn, den die Helden besitzen", wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu +kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig +hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmuethigen und guten +Charakters. + +Michael Strogoff besass das Temperament des entschiedenen Mannes, der +seinen Entschluss schnell zu fassen gewoehnt ist, der nicht in der +Ungewissheit die Naegel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren +kraut und nicht unentschlossen mit den Fuessen stampft. Karg in Bewegungen +und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er +jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine grosse Leichtigkeit, eine +auffallende Sicherheit der Bewegungen - ein Zeichen des Selbstvertrauens +und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehoerte zu den Leuten, die immer +etwas vorzuhaben scheinen und die Ausfuehrung nicht zu verzoegern pflegen. + +Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, aehnlich jener des +Officiercorps der berittenen Feldjaeger, Stiefeln, Sporen, anliegende +Beinkleider und einen pelzverbraemten Dolman mit gelben Schnueren auf +braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glaenzten ein Kreuz und +verschiedene Medaillen. + +Michael Strogoff gehoerte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren +und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos +erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person, +und leicht genug erkannte es auch der Czaar, dass dieser Mann gewoehnt war, +einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besass also eine der in +Russland schaetzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach +Aussage des beruehmten Schriftstellers Turgenjew, im Moskowitenreiche die +Staffel nach den hoechsten Ehrenstellen bildet. + +Gewiss, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk gluecklich vollenden, +in jenem empoerten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren +ueberwinden konnte, so war es Michael Strogoff. + +Ein fuer das Gelingen jenes Vorhabens sehr guenstiger Umstand war es, dass +Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die +verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon +bereist hatte, sondern weil er, wie erwaehnt, von Geburt selbst Sibirier +war. + +Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die +in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine +Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen +der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jaeger +seinen Sohn Michael "verstaehlt" hatte, wie der landlaeufige Ausdruck hiess. +Sommer und Winter, im gluehenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten +Kaelte, streifte er ueber die endlosen Ebenen, durch die Laerchen- und +Weidengebuesche, durch die duestern Kiefernwaelder, legte seine Fallen aus, +verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das grosse mit dem Spiesse und +dem Waidmesser. Unter grossem Wilde verstand man hierbei aber den +sibirischen Baeren, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Groesse +ihren Verwandten in den Polargegenden vollstaendig gleichkommt. Peter +Strogoff hatte mehr als neununddreissig Baeren erlegt, das will sagen, dass +auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, - und man weiss +ja, wenn den Jagdgeschichten aus Russland einigermassen zu trauen ist, wie +viele Jaeger bis zum neununddreissigsten Baeren gluecklich davon kamen und +beim vierzigsten unterliegen mussten! + +Peter Strogoff hatte diese Unglueckszahl also ueberschritten, ohne auch nur +eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterliess es der damals +elfjaehrige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausfluegen zu +begleiten, wobei er die "Ragatina" trug, d. h. eine Art Gabelspiess, um +seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich fuehrte, im Nothfall +zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff +seinen ersten Baeren erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel +heissen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des +riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten vaeterlichen Hause +geschleppt, - was bei dem Kinde eine ungewoehnliche Kraft voraussetzen +liess. + +Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte, +vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Muehsal +und Plage. + +Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein +ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne +etwas zu essen, zehn Naechte, ohne zu schlafen, und begnuegte sich mit einem +Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkaeltet +haetten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weisse Ebene gefuehrt +von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen +Horizont verhuellte, und das selbst in hoehern Breiten, wo die Polarnacht +schon mehrere Tage anhaelt, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo +Andere nicht mehr gewusst haetten, wohin sie den Fuss setzen sollten. Alle +Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wusste sich nach kaum +bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der +Stellung der duennsten Baumzweige, nach schwachen Geruechen, welche von +ausserhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blaetter im +Walde, nach den schwaechsten Geraeuschen in der Luft oder nach entfernten +Detonationen, wie nach dem Zuge der Voegel in der dunstigen Atmosphaere, - +nach tausend Einzelheiten, welche fuer den Kenner eben so viel Wahrzeichen +sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehaertet war, wie der +Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und +doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz +von Gold. + +Eine einzige Leidenschaft besass Michael Strogoff, die Liebe zu seiner +alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der +Strogoff's in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so +lange Zeit mit dem alten Jaeger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie +verliess, geschah es, um seinem Triebe nach einem groesseren Wirkungskreise +zu genuegen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr +zurueckzukehren, sobald die Umstaende es erlaubten - ein Versprechen, das +mit religioeser Strenge eingehalten wurde. + +Es war beschlossen worden, dass Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten +Jahre in den persoenlichen Dienst des Kaisers von Russland eintreten sollte, +und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kuehne, intelligente, +eifrige und sich wacker auffuehrende junge Sibirier fand die erste +Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus, +mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl's aufgewuehlte +Land; spaeter bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in +Kamtschatka, nach den aeussersten Grenzen des asiatischen Russland, fuehrte. +Waehrend dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner +ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltbluetigkeit, Klugheit und seines +Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner +Vorgesetzten erwarben und seine Carriere beschleunigten. Den ihm nach so +muehseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versaeumte er nie +seiner alten Mutter zu widmen - und wenn er auch Tausende von Wersten +entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte. +Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Sueden des Reichs vielfach beschaeftigt +wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, fuer ihn drei +Jahrhunderte - nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen +reglementsmaessigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen +zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse +eintraten. + +Michael Strogoff wurde vor den Czaaren gefuehrt, in vollstaendiger +Unkenntniss dessen, was derselbe von ihm verlangen wuerde. + +Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit +durchdringendem Blicke, waehrend Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb. + +Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorpruefung, +nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich +dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig +Zeilen. + +Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit +groesster Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch +die Worte: "_Byt po semu_", welche "So geschehe es" bedeuten und eine +gewoehnliche Bestaetigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt +hatte. + +Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem +kaiserlichen Wappen verschlossen. + +Der Czaar erhob das Schriftstueck und winkte Michael Strogoff, sich zu +naehern. + +Dieser that dann einige Schritte vorwaerts und blieb wieder unbeweglich vor +seinem Kaiser stehen. + +Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in's Gesicht. +Dann begann er: + +"Dein Name? + +-- Michael Strogoff, Sire. + +-- Deine Stellung? + +-- Kapitaen bei den Courieren des Czaaren. + +-- Du kennst Sibirien? + +-- Ich stamme daher. + +-- Du bist geboren? + +-- In Omsk. + +-- Hast Du Verwandte in Omsk? + +-- Meine alte Mutter." + +Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr +er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt: + +"Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem +Grossfuersten eigenhaendig, keinem, keinem Anderen! - zu ueberliefern. + +-- Ich werde ihn besorgen, Sire. + +-- Der Grossfuerst befindet sich in Irkutsk. + +-- Ich werde nach Irkutsk gehen. + +-- Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes, +von den Tartaren ueberfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene +Meuterer ein Interesse haben koennten, diesen Brief aufzufangen. + +-- Ich werde hindurch kommen. + +-- Und wirst Dich vor Allem vor einem Verraether, Iwan Ogareff, zu hueten +haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen koenntest. + +-- Ich werde ihm auszuweichen wissen. + +-- Kommst Du ueber Omsk? + +-- Mein Weg fuehrt mich dahin. + +-- Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, wuerdest Du Gefahr laufen, erkannt +zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!" + +Michael Strogoff zoegerte einen Augenblick mit seiner Antwort. + +"Ich werde sie nicht sehen, sagte er. + +-- Schwoere mir, dass nichts Dich vermoegen wird, Dir zu entlocken, wer Du +bist und wohin Du gehst. + +-- Ich schwoere es. + +-- Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das +Schreiben einhaendigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens +und vielleicht das Leben meines Bruders, des Grossfuersten, abhaengt. + +-- Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Grossfuersten gelangen. + +-- Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen? + +-- Ich dringe hindurch ueberall, bis man mich toedtet. + +-- Ich bedarf aber Deines Lebens. + +-- Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen", antwortete Michael +Strogoff. + +Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten +Michael Strogoff's wohl zufrieden. + +"So geh' also, Michael Strogoff, sagte er, geh' mit Gott fuer Russland, fuer +meinen Bruder und fuer mich!" + +Michael Strogoff gruesste militaerisch, verliess sofort das Cabinet des +Kaisers und wenige Minuten spaeter das Neue Palais. + +"Ich glaube, Du hast eine glueckliche Hand gehabt, General, sagte der +Czaar. + +-- Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestaet koennen +versichert sein, dass Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu +leisten vermag. + +-- In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!" bemerkte der Czaar. + + + + + Viertes Capitel. + + + Von Moskau nach Nishny-Nowgorod. + + +Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk +zurueckzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein +Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der +Ostkueste Sibiriens ueberspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere +versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von +Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte +die Reise durch das asiatische Russland gewoehnlich vier bis fuenf Wochen, +obwohl alle Befoerderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfuegung +gestellt wurden. + +Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fuerchtete, haette es Michael +Strogoff vorgezogen, waehrend der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es +erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurueckzulegen. Dann sind alle +Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kaempfen hat, +bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich +vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte +Eisflaeche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet. +Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen +zu fuerchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kaelte, lange +andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze +Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, dass von Hunger +gequaelte Woelfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer waere es noch +besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch' hartem +Winter mussten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den +Staedten aufhalten, ihre Marodeure haetten die Steppen nicht unsicher +gemacht, jede Truppenbewegung waere unausfuehrbar gewesen und Michael +Strogoff leichter hindurch gekommen. Indess er konnte weder Zeit noch +Stunde selbst waehlen. Wie auch die Umstaende lagen, er musste sie hinnehmen +und abreisen. + +Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar ueberschaute, und er +richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden. + +Dazu kamen ihm nicht die gewoehnlichen Verhaeltnisse eines Couriers des +Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand waehrend seiner Fahrt +diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden ueberschwemmten Lande +wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission +compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe +einhaendigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Moeglichkeit +erleichtern musste, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der +Bezeichnung: "Specialdienst des Kaisers", das Sesam, dessen Kraefte nie +versagen. Er begnuegte sich, ihm nur einen "Podaroshna" auszustellen. + +Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus +Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen +Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben +enthielt er die ausdrueckliche Bemerkung, dass er selbst dann giltig sei, +wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus +Russland verbieten sollte. + +Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnissschein, Postpferde zu +requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem +Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezueglich seiner Eigenschaft +hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europaeischem Boden befand. +Hieraus folgte, dass er in Sibirien, wenn er die aufstaendischen Provinzen +durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenueber benehmen, +noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel fuer +seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht +vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann, +Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als +solcher allen Zufaelligkeiten einer gewoehnlichen Reise unterworfen. + +Unbemerkt hindurch zu kommen - ob mehr oder weniger schnell, - aber +jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe. + +Vor dreissig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht +weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fussvolk, +fuenfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert +Pferden, fuenfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stueck +Kanonen. Das war das noethige Material bei einer Reise durch Sibirien. + +Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fusssoldaten oder +Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das moeglich war; zu +Fuss, wenn es nicht anders anging. + +Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der +Grenze Russlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten. +Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen, +Dampfschiffe - standen hier Jedermann zur Verfuegung und waren folglich +auch dem Courier des Czaaren zur Hand. + +Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber +mit einem Reisesack, den er auf dem Ruecken trug, bekleidet mit einem +gewoehnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock, +dem herkoemmlichen Mujik (Guertel), weiten Beinkleidern und an den Knoecheln +anschliessenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den naechsten Zug zu +benutzen. Er fuehrte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich, +unter dem Guertel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener +langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan +bilden und mit dem ein sibirischer Jaeger einen Baeren sauber auszuweiden im +Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschaedigen. + +Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedraenge. Die +Perrons der russischen Eisenbahnen bilden haeufig gewissermassen +Versammlungsoerter ebensowohl fuer Diejenigen, welche abreisen, als fuer +Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Boerse +fuer Neuigkeiten. + +Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod +fuehren. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St. +Petersburg verbindet und bis zur Grenze Russlands fortgefuehrt werden soll. +Die Strecke bis dahin mass etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in +ungefaehr zehn Stunden zuruecklegen musste. In Nishny-Nowgorod angelangt, +wollte Michael Strogoff je nach den Umstaenden entweder zu Lande weiter +reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell +als moeglich zu erreichen. + +Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver +Buerger, den seine Geschaefte nicht uebermaessig beunruhigen und der sich die +Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht. + +Da er in dem Coupe aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem +Auge, hoerte aber dabei mit beiden Ohren. + +Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch +schon einigermassen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn +zusammenwuerfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer +gewissen Zurueckhaltung. + +Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges, +Kaufleute, die sich zur grossen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine +erklaerlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Tuerken, +Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmuecken und Anderen bestand, die sich +indessen Alle der Nationalsprache bedienten. + +Man besprach das Fuer und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich +eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu +fuerchten, dass die russische Regierung sich veranlasst sehen koennte, einige +beschraenkende Massregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der +asiatischen Grenze, zu ergreifen, - Massregeln, unter denen der Handel ohne +Zweifel leiden musste. + +Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die +Unterdrueckung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem +einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines +einfachen Soldaten in Uniform - man weiss ja, wie gross der Einfluss der +Uniform gerade in Russland ist, - haette gewiss hingereicht, die Zungen +dieser Handelsleute zu zuegeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupe +liess nichts die Gegenwart einer Militaerperson vermuthen, und der Courier +des Czaaren, der sein Incognito bewahren musste, huetete sich wohl, seinen +wahren Charakter zu verrathen. + +Er horchte gespannt. + +"Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein +Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Muetze und dem +abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte. + +-- O, der Thee hat auch keine Baisse zu fuerchten, erwiderte ein alter Jude +mit verschmitzten Zuegen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird +nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen +aus Bukhara aber anders. + +-- Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser. + +-- Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther +sind eher noch mehr gefaehrdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus +einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in +helle Empoerung gebracht ist. + +-- Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von +den Verraethern noch weniger zu erwarten, denke ich. + +-- Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den +fuer nichts? + +-- Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespraech, +asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus +Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls +aus dem Morgenlande. + +-- Ei, nehmen Sie sich in Acht, Vaeterchen, antwortete ein russischer +Reisender mit spoettelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in +ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken! + +-- Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der +Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte. + +-- Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf's Haupt streuen +wollte, fuhr jener Reisende fort, wuerde das den Lauf der Dinge aendern? +Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Messgueter. + +-- Man erkennt es, dass Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude. + +-- Meiner Treu, nein, wuerdiger Nachkomme Abraham's! Ich verkaufe weder +Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Poekelfleisch, +Caviar, Holz, Wolle, Baender, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder +Pelzwaaren!... + +-- Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des +Reisenden unterbrechend. + +-- So wenig als moeglich und nur fuer meinen Privatbedarf, antwortete jener +mit den Augen zwinkernd. + +-- Das ist ein Spassvogel, raunte der Jude dem Perser zu. + +-- Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedaempfter Stimme. Hueten wir uns +und sprechen nicht mehr als noethig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten +nicht sehr zart, und man weiss nie, mit wem man zusammen sitzt." + +In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger ueber +Handelsgeschaefte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen +moeglichen Folgen. + +"Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, aeusserte sich ein Reisender, +und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens +werden sehr erschwert sein! + +-- Bestaetigt es sich, fragte sein Nachbar, dass die Kirghisen der Mittleren +Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben? + +-- Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in +diesem Lande ruehmen, etwas Bestimmtes zu wissen! + +-- Ich hoerte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die +Donischen Kosaken sollen bereits laengs der Wolga versammelt sein und man +will sie den aufruehrerischen Kirghisen entgegen werfen. + +-- Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die +Strasse nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte +ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis +dahin gelangen koennen. Es steht zu befuerchten, dass die Tartarenhaufen +binnen Kurzem das ganze oestliche Sibirien isolirt haben werden! + +-- In Summa, Vaeterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese +Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschaeftsabwickelung +besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die +Reihe kommen, dann die Wagen und ueberhaupt alle Transportmittel, bis es +endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuss zu +bewegen. + +-- Ich fuerchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant +enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschuettelnd. Aber +die Sicherheit und Integritaet des russischen Gebietes geht ueber Alles! +Geschaefte sind eben doch nur Geschaefte!" + +Wenn in diesem Coupe der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte, +so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein +strenger Beobachter wuerde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine +ungemeine Zurueckhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das +Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten +der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Massnahmen zu +kritisiren. + +Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen +des Zuges. Dieser - offenbar ein Auslaender, - hatte seine Augen ueberall +und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung +fanden. Fortwaehrend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster, +dessen Scheibe er stets zum grossen Unbehagen seiner Reisegefaehrten +niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte +sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren +Handelsbeziehungen und Gewerbsverhaeltnissen, nach den Einwohnerzahlen, der +mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er +erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen ueberladenes Notizbuch. + +Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide +Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten +doch dann und wann etwas Interessantes "fuer seine Cousine" zu erhaschen. +Natuerlich sah man ihn deshalb fuer einen Spion an und sprach vor ihm keine +Sylbe bezueglich der Tagesereignisse. + +Als er sich ueberzeugt, dass er ueber den Tartareneinfall hier nichts zu +erfahren vermoege, schrieb er in das Notizbuch: "Die Reisenden absolut +discret. Schiessen ueber Politik nur sehr schwer los." + +Waehrend aber Alcide Jolivet seine Reiseeindruecke mit peinlicher +Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben +Zuge sass und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupe ganz der +naemlichen Beschaeftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu +Moskau nicht begegnet, und Keiner wusste von des Andern Aufbruche nach dem +voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen naeher zu stehen. + +Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen +Reisegefaehrten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn +hatte man nicht fuer einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten +vor ihm ohne jede Zurueckhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen liessen, +als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet haette. Der +Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die +Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute +beruehrten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei. + +Er zoegerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung +einzuverleiben: + +"Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man +behandelt dieses Thema mit einer Freimuethigkeit, welche zwischen Weichsel +und Wolga erstaunlich zu nennen ist." + +Die Leser des Daily-Telegraph mussten demnach ebenso gut unterrichtet +werden, wie "die Cousine" Alcide Jolivet's. + +Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges sass, hatte er nur +den einen Theil der hier ziemlich huegeligen Landschaft ueberblicken koennen, +ohne dass er es der Muehe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten +Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fuegte er seiner +Notiz kurz und buendig hinzu: + +"Zwischen Moskau und Wladimir Bergland." + +Inzwischen lag es auf der Hand, dass die russische Regierung angesichts der +ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge +Massregeln nehmen werde. Die Empoerung griff zwar noch nicht ueber die Grenze +Sibiriens hinueber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden +Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines uebeln Einflusses jener +Ereignisse versehen. + +Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff's Spuren nicht wieder zu finden +vermocht. Ob dieser Verraether, der die Fremden aufhetzte, um seine +persoenliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden +habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empoerung schuere, +wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen +gewuerfelte Bevoelkerung tummelte, - kein Mensch wusste es. + +Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen +Persern, Armeniern und Kalmuecken Vertraute, welche die Bewegung im Innern +des Reiches in Fluss bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren, +vorzueglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reussen, nicht +zurueck zu weisen. + +In der That kann dieses ungeheure Laendergebiet von zwoelf Millionen +Quadratkilometern die Homogenitaet der westlichen Staaten Europas ueberhaupt +nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Voelkerschaften desselben +herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflaechliche Nuancen. In +Europa, Asien und Amerika (unsere Erzaehlung spielt in der Zeit, da das +russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war) +erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade oestl. Laenge (von Ferro) bis zum +110. Grade westlicher Laenge und vom 38. bis zum 81. Grade noerdl. Breite. +Es zaehlt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreissig +verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der +Slaven, aber ausser den eigentlichen Russen zaehlen zu dieser auch die +Polen, Litthauer und die Kurlaender. Rechne man zu diesen noch die Finnen, +Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen, +die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Staemme, die Mongolenhorden, +Kalmuecken, Samojeden, Kamtschadalen und Aleuten, so sieht man leicht ein, +wie schwierig es sein muss, die Einheit eines so ungeheuren Reiches +aufrecht zu erhalten, und dass diese dereinst nur von der Zeit und der +Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann. + +Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen +Nachforschungen zu entziehen gewusst. Auf jeder Station aber, wo der Zug +anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle +scharf in's Auge fassten, denn sie hatten auf Befehl des Grossmeisters der +Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, dass +dieser Verraether das europaeische Russland noch nicht habe verlassen koennen. +Erschien ein Reisender verdaechtig, so musste er sich im Polizeibureau +ausweisen, waehrend der Zug weiter sauste, ohne sich um solche +unfreiwillige Nachzuegler zu bekuemmern. + +Es ist voellig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten +Ruecksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in +militaerischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel, +womit ein Souveraen sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat, +an die Spitze seiner Ukase zu setzen: "Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und +Selbstherrscher aller Reussen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod, +Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones, +Fuerst von Skof, Grossherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien +und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von +Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen +Laendern, Herrscher und Grossfuerst der Territorien von Nishny-Nowgorod, +Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien, +Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber ueber die +hyperboraeischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie, +Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souveraen der +Tscherkessenfuersten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen, +Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg." In der That ein +maechtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweikoepfiger Adler mit Scepter und +Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod, +Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem grossen +Bande des St. Andreasordens, ueber dem eine Kaiserkrone schwebt! - + +Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen +Scheerereien. + +Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem +Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende +Skizze dieser alten Hauptstadt Russlands zu entwerfen. + +Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch +ein junges Maedchen an der Thuer von Michael Strogoff's Coupe. + +Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Maedchen +nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche, +scheinbar ihr ganzes Gepaeck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie +sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufaelligen Reisegefaehrten +auch nur einmal angesehen zu haben, fuer eine mehrstuendige Fahrt zurecht. + +Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin +theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Ruecksitz einnahm, bot er ihr +seinen Platz an, wenn sie diesen vorzoege, aber sie lehnte das mit einer +leichten Verbeugung dankend ab. + +Das junge Maedchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zaehlen. Ihr +wirklich huebscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, - einen etwas +strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schoen als huebsch werden musste, +wenn einige Jahre die Zuege ihres Gesichtes weiter befestigt haben wuerden. +Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fuelle goldblonden Haares. Ihre +braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade +Nase verband mit beweglichen Fluegeln ihre etwas schmalen und blassen +Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit laengerer Zeit alles +Laecheln verlernt zu haben. + +Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie +trug, erkennen konnte, gross und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne +des Wortes als "ein sehr junges, unschuldiges Kind" erschien, so war doch +ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des +Gesichtes liess auf eine ungewoehnliche Energie schliessen, - Einzelheiten, +welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Maedchen +frueher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in +rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die +Widerwaertigkeiten des Lebens sowohl anzukaempfen gewusst, als sie die +Entschlossenheit besass, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft +schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschuetterlich, +vielleicht selbst unter Umstaenden, welche einen Mann in Verlegenheit +gebracht haetten. + +Diesen Eindruck erweckte das junge Maedchen auf den ersten Blick. Michael +Strogoff, selbst ein energischer Charakter, musste sich von einer solchen +Erscheinung getroffen fuehlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie +dadurch nicht zu belaestigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen +Aufmerksamkeit. + +Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die groesste +Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar +nicht sein; aber man haette vergeblich nach einer Spur von Nachlaessigkeit +an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepaeck barg jene rothe Tasche, die sie aus +Mangel an Platz auf den Knieen hielt. + +Sie trug einen langen, aermellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich +mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloss. Unter demselben +bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fussgelenk +reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffaelliger +Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als +waeren sie fuer eine lange Reise bestimmt, schuetzten die kleinen Fuesschen. + +Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costuems die Tracht der +Lieflaenderinnen zu erkennen und setzte also voraus, dass seine Nachbarin in +den baltischen Provinzen zu Hause sei. + +Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstuetzung +des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie +wirklich schon nach Zuruecklegung einer laengeren Reise aus den westlichen +Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag +ihr Ziel noch ueber den oestlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter, +ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich, +dass sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt +befinden werde, wie in diesem Coupe, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine +Seele um sie kuemmerte? + +Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewoehnen pflegt, +zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und +Weise, wie sie in das Coupe einstieg und sich fuer die Fahrt einrichtete, +das Vermeiden jeder Belaestigung Anderer, welches an eine gewisse +Schuechternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und +nur auf sich selbst zu rechnen. + +Michael Strogoff beobachtete sie mit zurueckhaltendem Interesse und suchte +nicht einmal ein Gespraech anzuknuepfen, wiewohl die Fahrt bis +Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte. + +Nur einmal, als der Nachbar des jungen Maedchens, - jener Kaufmann, welcher +so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, - im Einschlafen +seine Nachbarin mit dem grossen, auf den Schultern hin und her taumelnden +Kopfe zu belaestigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm +zu verstehen, dass er gerade sitzen und sich etwas ruecksichtsvoller +betragen solle. + +Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte "von +Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen"; Michael +Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, dass der +Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende +von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite. + +Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke, +der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrueckte. + +Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den +Charakter des jungen Maedchens noch klarer erkennen liess. + +Etwa zwoelf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen +Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoss. Dann lief er noch eine Minute +neben der Boeschung eines Dammes hin. + +Ein tuechtiges Schuetteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine +Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man +konnte wohl noch ein schweres Unglueck befuerchten. Noch bevor der Zug zum +Stehen kam, sprangen schon die Waggonthueren auf, die entsetzten Reisenden +suchten ihr Heil in der Flucht und stuerzten aus den Coupes. + +Michael Strogoff dachte zunaechst an seine Nachbarin; doch waehrend die +uebrigen Insassen sich schreiend und stossend hinaus draengten, hielt das +junge Maedchen, deren Gesicht kaum etwas blaesser geworden war, ruhig auf +ihrem Platze aus. + +Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls. + +Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut +kam ueber ihre Lippen. + +Beide blieben ganz ruhig. + +"Eine energische Natur!" dachte Michael Strogoff. + +Inzwischen war jede Gefahr vorueber. Ein Radreifensprung am Gepaeckwagen +hatte erst den Stoss und dann das Anhalten des Zuges veranlasst, doch haette +nicht viel gefehlt, dass er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme +in die Tiefe gestuerzt waere. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich, +nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und +gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod. + +Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die +unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden. + +Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden +Podaroshna vor, der ihn genuegend legitimirte. + +Auch die andern Insassen des Coupes, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod +gingen, schienen zu ihrem Gluecke unverdaechtig. + +Das junge Maedchen fuer ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepass +hervor, der ja im Innern Russlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern +einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein +schien. + +Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfaeltiger +Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt: + +"Du bist aus Riga? + +-- Ja, erwiderte das junge Maedchen. + +-- Und willst nach Irkutsk? + +-- Ja. + +-- Auf welchem Wege? + +-- Auf der Strasse ueber Perm. + +-- Gut, antwortete der Inspector. Vergiss in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen +Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen." + +Das junge Maedchen verneigte sich bejahend. + +Als er diese Fragen und Antworten hoerte, empfand Michael Strogoff +gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie! +Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu +jetzt, wo zu den gewoehnlichen Unzutraeglichkeiten noch alle Gefahren eines +von Feinden ueberschwemmten, aufruehrerischen Landes hinzutraten! Wie wuerde +sie ankommen? - was aus ihr werden?... + +Nach Schluss der Inspection wurden die Waggonthueren geoeffnet, doch bevor +Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die +junge Lieflaenderin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die +Perrons bedeckte, verschwunden. + + + + + Fuenftes Capitel. + + + Eine Verordnung mit zwei Artikeln. + + +Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist +die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier musste Michael +Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit ueber die Stadt noch +nicht hinausreichte. Je weiter er vorwaerts kam, desto langsamer und +gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel. + +Nishny-Nowgorod, das gewoehnlich nur 30-35,000 Einwohner zaehlt, beherbergte +jetzt ueber 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht. +Dieser Zuwachs ruehrte von der weltberuehmten Messe her, welche in seinen +Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Frueher erfreute +sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem +Jahre 1817 aber ward die grosse Messe hierher verlegt. + +Die sonst ziemlich duestere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der +lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europaeischer und +asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige +Handelsgeschaefte im Spiel waren. + +Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof +verliess, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten +Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen +ist die obere, auf einem abschuessigen Felsen erbaute Stadt von einer jener +Festungsanlagen vertheidigt, die man in Russland ganz allgemein "Kreml" zu +nennen pflegt. + +Waere Michael Strogoff genoethigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod laengere +Zeit aufzuhalten, so haette er wohl Muehe haben sollen, ein Hotel oder doch +eine halbwegs passende Herberge zu finden, - Alles war ueberfuellt. Da er +indess auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den +naechstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so musste er sich doch wohl +oder uebel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indess, +sich ueber die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab +er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst +zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen. + +Dort erfuhr er zu seinem grossen Missvergnuegen, dass der "Kaukasus" - so hiess +das reisefertige Schiff - erst zu Mittag am naechsten Tage abgehen werde. +Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm fuer einen Mann, der es +eilig hatte, und doch musste er sich darein finden. Er that es auch ruhig, +da er nicht unnoethig zu aussergewoehnlichen Mitteln greifen wollte. + +Uebrigens haette ihn unter den gegebenen Umstaenden auch kein Teleg oder +Tarantass, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach +Perm oder Kasan befoerdert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des +Steamers zu erwarten - jenes Befoerderungsmittels, das ihn schneller als +jedes andere vorwaerts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich +wieder einbringen musste. + +Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne +Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen koennte. Der +letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das +Gefuehl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fuehlbar machte, haette +er die Strassen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht ueber durchirrt. +Es geluestete ihn also weit mehr nach einem tuechtigen Abendimbiss, als nach +einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der "Stadt +Konstantinopel". + +Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmaessiges Zimmerchen ablassen, das +zwar nur ein duerftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebraeuchliche +Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in +Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von saeuerlichem +Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer +Zucker mit Zimmet, ein Krug "Kwass", d. i. eine in Russland sehr verbreitete +Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel, +seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls ass er sich aber satt, und das auch +besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer "Altglaeubiger" von der Secte +der Raskolniks, der bei seinem Geluebde der Enthaltung gewisser Speisen die +Kartoffeln von sich wies und sich weislich huetete, seinen Thee zu +versuessen. + +Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem +Zimmer zu begeben, ganz maschinenmaessig die unterbrochene Promenade durch +die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Daemmerung +lichteten sich doch schon die Mengen, die Strassen wurden allmaelig oeder und +Jedermann suchte sein Lager. + +Warum Michael Strogoff sich nicht gemaechlich in's Bett begab, wie man es +nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte? +Dachte er vielleicht noch an die junge Lieflaenderin, seine Reisegenossin +waehrend einiger fluechtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun +wusste, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befuerchtung an, dass sie in +dieser geraeuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein koennte? - +Er fuerchtete es, und gewiss mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und +im Nothfall sich zu ihrem Beschuetzer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war +nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem +Rechte durfte er ihn anbieten? + +"Allein, sprach er so fuer sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und +doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft +birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich fuer Russland, fuer den Czaaren wagen +will, das unternimmt sie fuer ... Ja, fuer wen? Fuer was ... Sie hat einen +Pass zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land ueber derselben ist in +Empoerung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!..." + +Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie ueberlegend, stehen. + +"Unzweifelhaft, dachte er bei sich, fasste sie den Plan zu dieser Reise vor +dem Einfalle. Vielleicht weiss sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch +nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien +gesprochen, und sie schien darueber nicht im Mindesten betroffen ... Sie +verlangte keine naeheren Erklaerungen ... Aber dann wusste sie davon auch +schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund +dieser gefahrvollen Reise muss ein sehr zwingender sein! Doch so +entschlossen sie auch sein mag - und sie ist es ganz gewiss, - die Kraefte +werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und +Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar +nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk +gelangen!" + +Michael Strogoff ging hierbei immer auf's Gerathewohl weiter. Bei seiner +ausreichenden Localkenntniss konnte ihm die Wiederauffindung seiner +Herberge ja nicht schwer fallen. + +Nach einstuendigem Umherwandeln setzte er sich von ungefaehr auf eine Bank +an einer Art Holzhuette, die sich inmitten vieler anderer auf einem grossen +Platze erhob. + +Etwa fuenf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf +seine Schulter legte. + +"Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen +Mannes an, dessen Annaeherung ihm entgangen war. + +-- Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff. + +-- Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben? +fragte der Mann. + +-- Wenn mir das passt, gewiss! versetzte Michael Strogoff in einem etwas +bestimmteren Tone, als er seinem Aeussern, d. h. einem einfachen Kaufmanne, +entsprach. + +-- Tritt heran, dass ich Dich erkenne!" + +Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, dass er auf keinen +Fall eine Unklugheit begehen duerfe, wich unwillkuerlich aus. + +-- "Mich hat Keiner noethig zu erkennen", erwiderte er. + +Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurueck. + +Bei genauerer Betrachtung ueberzeugte er sich, dass er es mit einer Art +Zigeuner zu thun hatte, wie man sie haeufig bei allen Messen und Maerkten +trifft, und deren Beruehrung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter +erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geraeumigen +Wagen, die gewoehnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in +Russland ueberall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen +sind. + +Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich +eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thuer der Bude +oeffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und +eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von +mongolischer und sibirischer Sprache erkannte: + +"Wieder ein Spion! Lass ihn und komm zum Essen. Die 'Papluka'(1) wartet." + +Michael Strogoff musste unwillkuerlich lachen, als er diesen Titel hoerte, +er, der vielmehr allen Spionen moeglichst auswich. + +In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete +der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts: + +"Du hast recht, Sangarre; uebrigens werden wir morgen weg sein! + +-- Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermassen +ueberrascht. + +-- Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater +selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!" + +Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurueck, deren Thuer von Innen +sorgfaeltig geschlossen wurde. + +"Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen, +nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart +einer andern Sprache zu bedienen." + +Als geborener Sibirier, der seine ganze fruehe Jugend in der Steppe verlebt +hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwaehnt, fast alle gebraeuchlichen +Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner +und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekuemmerte er sich blutwenig. +Welches Interesse konnte er daran haben? + +Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der +Herberge zurueckzukehren, um sich einige Ruhe zu goennen. Er folgte auf +seinem Rueckwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse +unzaehliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte +er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden +standen auf eben dem geraeumigen Platze, auf dem alljaehrlich die grosse +Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde - ein Erklaerungsgrund fuer die +Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind +von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte. + +Eine Stunde spaeter ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf +einem jener russischen Betten, welche dem Auslaender so hart vorkommen, und +erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage. + +Noch hatte er fuenf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein +Jahrhundert duenkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen, +als mit einer Wanderung durch die Strassen wie am Tage vorher? Hatte er +sein Fruehstueck verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von +der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber +nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu waelzen; deshalb +stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen +Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches +er den Guertel schnallte. Dann schloss er seinen Reisesack und warf ihn ueber +den Ruecken. Da er nicht noch einmal nach "Stadt Konstantinopel" +zurueckkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu fruehstuecken gedachte, um +nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und +verliess das Gasthaus. + +Aus uebergrosser Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux +der Steamer und versicherte sich, dass der "Kaukasus" zur angegebenen +Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, dass +die junge Lieflaenderin, da sie ja ebenfalls ueber Perm reisen musste, sich +hoechst wahrscheinlich auch auf dem "Kaukasus" einschiffen wuerde, in +welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen musste. + +Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau +uebrigens sehr aehnlich ist, erschien damals merkwuerdig veroedet. Selbst der +Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere +Stadt war, so belebt war dafuer die untere. + +Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets +bewachten Schiffbruecke ueber die Wolga, nach dem naemlichen Platze, wo er am +Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die +Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe +vergleichen kann, wird ein wenig ausserhalb der Stadt abgehalten. Auf +weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des +Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl waehrend der +ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den +Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhoerliche Bewachung +erfordert. + +Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und +langen, breiten Gaengen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf- +und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Groesse +und Form bildete allemal ein besonderes Quartier fuer je einen bestimmten +Handelszweig. Da gab es Quartiere fuer den Handel mit Eisenwaaren, +Quartiere fuer die Rauchwaaren, fuer Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete +Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem +sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen +in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem +Salzfleische; - es galt das als Musterkarte fuer die Waaren, welche die +Inhaber der Messmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare, +fast amerikanische Reclame! + +Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, ueber denen die frueh um vier Uhr +aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen, +Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen, +Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europaeern und +Asiaten, - Alles plauderte, eroerterte, stritt und feilschte daselbst. +Traeger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum +Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Messplatze angehaeuft. +Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, tuerkische +Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Ruestungen aus Tiflis, +Karawanenthee, europaeische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus +Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Fruechte, +Gemuese, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums, +Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kuerbisse, Wassermelonen u. s. +w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die +vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte +der Erde zusammengehaeuft. + +Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder +Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur +sehr zum Laermen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht +nichts nachgeben zu duerfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein +ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren ueber die endlosen Ebenen zu +bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Laeden und +Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in +Nishny-Nowgorod ist so gross, dass der Werth der Handelstransactionen +daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark, +also 157 Mill. Gulden) beziffert. + +Auf den Plaetzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt +tummelten sich eine ganze Menge wandernder Kuenstler. Seiltaenzer und +Akrobaten betaeubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen +ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen +Muessiggaengern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre +ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Taenze producirten; +Schauspieler von auswaertigen Gesellschaften, welche die Dramen +Shakespeare's auffuehrten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge, +die in hellen Haufen herzustroemte. In den langen Zwischengaengen trieben +sich Baerenfuehrer mit ihren vierbeinigen Kuenstlern ganz sorglos umher, und +aus den Menagerien toenten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe +Geissel oder das rothgluehende Eisen des Thierbaendigers in Wuth brachte; +endlich in der Mitte des grossen Centralplatzes, umrahmt von einem +vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor "Seeleute der +Wolga", die auf dem Boden sassen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und +unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen +Untersteuermanns dieses imaginaeren Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen +nachahmten. + +Da, welch' eigenthuemliche und reizende Sitte! Ueber den Koepfen dieses +Menschenknaeuels flogen ganze Wolken von Voegeln aus den Kaefigen, in denen +man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod +sehr beliebten Gebrauche oeffneten die Kerkermeister der Voegel gegen einige +von gutmuethigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die +Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher +hinaus. + +Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch waehrend der sechs +Wochen, so lange die beruehmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewoehnlich dauert. +Nach dieser geraeuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Laerm wie durch +einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder, +die untere versinkt zu ihrer gewoehnlichen Eintoenigkeit, und von all' +diesem ungeheuren Zusammenfluss von Kaufleuten, welcher aus aller Herren +Laendern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkaeufer zurueck, +der irgend etwas ausboete, noch auch nur ein einziger Einkaeufer, der irgend +etwas zu erhandeln suchte. + +Es verdient wohl bemerkt zu werden, dass England und Frankreich bei der +dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende +Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, - durch die +Herren Harry Blount und Alcide Jolivet. + +Die beiden Correspondenten hatten sich naemlich zunaechst hier eingefunden, +um zum Besten ihrer Leserkreise Eindruecke zu sammeln, und nutzten auch die +wenigen freien Stunden nach besten Kraeften aus, denn sie wollten ebenfalls +mit dem Dampfer "Kaukasus" weiter reisen. + +Sie begegneten sich gerade auf dem Messplatze, ohne sonderlich darueber zu +erstaunen, denn der naemliche Instinct musste sie ja auf ein und dieselbe +Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern +beschraenkten sich auf eine gegenseitige, etwas kuehle Begruessung. + +Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, dass hier +Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes +Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein +Notizbuch um einige fuer die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende +Anmerkungen. + +Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode +umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel uebernachten +muessen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und +ueberlegte sich schon einen geharnischten Artikel ueber die Stadt, in der +die Hoteliers die Reisenden von der Thuer wiesen, welche doch bereit waren, +sich "moralisch und physisch misshandeln zu lassen." + +Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der +andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der +gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indess haette es ein +feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt, +dass er an seinem Zaume nagte. + +Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Strassen der Stadt, +um immer wieder nach dem Messplatze zurueckzukehren. Als er sich da so durch +die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten +asiatischen Laendern eine offenkundige Unruhe. Die Geschaefte lahmten +sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltaenzer und +Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie +ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die +Haendler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien +einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien. + +Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente. +In Russland erblickt man den Soldaten ueberall. Die Mitglieder des Heeres +mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die +Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit +bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der +Schulter fuer Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000 +Fremdlingen sorgen. + +Heute fehlte es auf dem Messplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an +anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein ploetzliches +Ausruecken in ihren Kasernen consignirt. + +Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezueglich +der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjaeger und +Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der +Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewoehnliche Bewegung, welche man +sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklaeren konnte. Die Stafetten +jagten einander auf den Strassen der Provinz, sowohl in der Richtung von +Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg +wechselten die Telegramme unaufhoerlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern +der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende +Vorsichtsmassregeln. Man durfte nicht vergessen, dass die Stadt im 14. +Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden +war, welche Feofar-Khan's Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte. + +Eine andere hohe Person, den Polizeipraefecten, drueckte die Last der +Geschaefte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er +selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu +nehmen, die Ausfuehrung aller Reglements zu ueberwachen, kamen nicht dazu, +die Haende in den Schooss zu legen. Die Tag und Nacht geoeffneten Raeume des +Polizeiamtes waren unaufhoerlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt, +wie von Fremden aus Europa und Asien. + +Michael Strogoff befand sich gerade auf dem grossen Mittelplatze, als sich +das Geruecht verbreitete, der Polizeipraefect sei soeben durch Estafette zum +Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene +Depesche solle die Veranlassung hierzu sein. + +Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des +Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge +einer allgemeinen Ahnung, dass eine eingreifende, ganz unerwartete und +aussergewoehnliche Massnahme in Aussicht stehe. + +Michael Strogoff lauschte auf das Geruecht, um im Nothfall davon Nutzen zu +ziehen. + +"Man will die Messe schliessen! rief der Eine. + +-- Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausruecken erhalten! +meinte ein Anderer. + +-- Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk! + +-- Da kommt der Polizeipraefect!" scholl es von allen Seiten. + +Ein wuestes Geschrei hatte sich ploetzlich erhoben, legte sich dann allmaelig +und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fuehlte, dass jetzt eine +wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde. + +Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Tross Beamter, den +Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken +begleitete ihn und brach ihm durch ruecksichtslos ausgetheilte und geduldig +hingenommene Rippenstoesse Bahn durch die Menge. + +Der Polizeipraefect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo +Jedermann sehen konnte, dass er ein Papier in der Hand hielt. + +Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme: + + _Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._ + +"1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle, +das Land verlassen. + +"2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden +das Land zu verlassen." + + + + + Sechstes Capitel. + + + Bruder und Schwester. + + +In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm +eingreifen; die Umstaende rechtfertigten sie gewiss vollkommen. + +"Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen" - wenn sich Iwan +Ogareff jetzt noch hier aufhielt, musste er verhindert oder es ihm +mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder +anzuschliessen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber +entzogen wurde. + +"Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das +Land zu verlassen"; damit schaffte man sich gruendlich alle jenen Haendler +aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit +den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe +hier zusammengehaeuft hatte. So viele Koepfe, so viele Spione; ohne Zweifel +erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt. + +Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschlaege, welche +auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar +empfindlicher als jede andere getroffen wurde. + +Einheimische, deren Geschaeftsangelegenheiten sie vielleicht ueber die +sibirische Grenze gerufen haetten, konnten das Land also nicht verlassen, +mindestens fuer den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der +Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes +Privatinteresse musste dem oeffentlichen Wohle weichen. + +Auch der zweite Artikel der Verordnung liess keinen Zweifel uebrig. Er bezog +sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese +hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und +des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Fuer die Seiltaenzer und derlei +Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurueckzulegen hatten, +erschien der Befehl als ein wahres Unglueck. + +Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhoerten Massregeln ein Murmeln der +Entruestung, die Kosaken und Polizisten wussten dasselbe aber bald zum +Schweigen zu bringen. + +Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abruestung dieses +ungeheuren Lagers nennen koennte. Die vor und ueber den Buden ausgespannten +Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stuecke; Taenze +und Gesaenge hoerten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen; +die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde +der wandelnden Wohnungen kamen aus den Staellen wieder an die Deichseln. +Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben +die Saeumigen an und zoegerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst +abzureissen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin +befanden. Offenbar musste unter dem Einflusse dieser Massregeln der Messplatz +von Nishny-Nowgorod bald vollstaendig geraeumt sein, und dem geraeuschvollen +Leben das Schweigen der Wueste folgen. + +Und - um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere +Erschwerung bei dieser Verordnung - allen jenen Nomaden, welche der +Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens +verboten, und diese mussten sich nach dem Sueden des Kaspischen Meeres, nach +Persien, der Tuerkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und +der Berge, welche gewissermassen eine Verlaengerung dieses Flusses laengs der +russischen Grenze darstellten, haetten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie +hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den +Fuss auf freien Boden setzen konnten. + +Eben als der Polizeipraefect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael +Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemaechtigte, sonderbar +erregt. + +"Ein ungewoehnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen +dieser Verordnung bezueglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer +Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten +Worten! 'Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir +wollen', hatte der Alte gesagt. Aber 'der Vater', das ist der Kaiser! Man +bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute +die gegen sie ergriffenen Massregeln voraussehen, so als haetten sie +dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir +verdaechtige Leute, denen gegenueber die Verordnung des Generalgouverneurs +weit mehr nuetzlich als schaedlich sein wird." + +Diese ganz zeitgemaesse Reflexion wurde aber in Michael Strogoff's Geist +durch eine andere Gedankenreihe, welche sich ploetzlich ihm aufdraengte, +bald unterbrochen. Er vergass die Tsiganen, ihre verdaechtigen Aeusserungen, +die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafuer +trat das Bild und das Schicksal der jungen Lieflaenderin lebhaft vor sein +Auge. + +"Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht +ueberschreiten koennen!" + +In der That, das junge Maedchen aus Riga war ja Lieflaenderin, also Russin +und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen +neuesten Massregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmoeglich noch +Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich +verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk +zu begeben, jetzt musste es ihr unmoeglich werden, dasselbe zu erreichen. + +Dieser Gedankengang beschaeftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte +sich zuerst so ganz oben hin, dass er, ohne bezueglich der wichtigen ihm +anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein koennte, +dem guten Kinde einigermassen behilflich zu sein, und er freute sich fast +ueber diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persoenlich entgegen +ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen, +dass dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde +kannte, fuer jenes junge Maedchen doch ungleich furchtbarer werden mussten. +Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie +Jene; auch sie wuerde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen muessen, +wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie hoechst wahrscheinlich, +nur die fuer eine Reise unter gewoehnlichen Umstaenden berechneten +Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhaeltnissen +auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefaehrlicher, sondern +auch weit kostspieliger machten? + +"Nun gut, schloss er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm +einschlaegt, ist es ja fast unmoeglich, dass ich ihr nicht begegnen sollte. +Dann werde ich ueber sie wachen koennen, ohne dass sie es weiss, und da sie es +nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen, +wird sie mir keine Ursache zur Verzoegerung werden." + +Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis +jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen +Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm ploetzlich ein anderer Gedanke, der +die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen liess. + +"Ja, sagte er sich, ich koennte ihrer vielleicht doch noch mehr noethig +haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnuetzlich sein +und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen. +Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, koennte man +weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen +jenes junge Maedchen, so muesste ich ja in aller Augen weit mehr als der +Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie +muss mich also begleiten, ich muss sie wiederfinden! Unmoeglich kann sie sich +seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu +verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!" + +Michael Strogoff verliess den grossen Platz, wo der durch die Ausfuehrung +jener Verordnung erzeugte Tumult eben den hoechsten Grad erreicht hatte. +Die Einsprueche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der +Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen +Getoese. Hier konnte sich die Gesuchte unmoeglich aufhalten. + +Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen. +Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu +suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wuenschte. + +Von Neuem ueberschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen +Ufer, wo die Menschenmenge minder betraechtlich war. Er durchforschte, man +konnte sagen, Strasse fuer Strasse, die obere und die untere Stadt. Er trat +in die Kirchen, jener natuerliche Zufluchtsort aller Weinenden und +Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Lieflaenderin. + +"Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen +haben. Ich muss weiter suchen!" + +So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne +auszuruhen, er empfand keine Ermuedung, er gehorchte einem ihn ganz +beherrschenden Gefuehle, das ihm keine Zeit liess, lange nachzudenken. Alles +vergeblich! + +Da fiel ihm ein, dass das junge Maedchen vielleicht noch ohne alle Kenntniss +war von der ergangenen Verordnung, - zwar ein unwahrscheinlicher Umstand, +denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von +Allen gehoert zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben musste an +Allem, was Sibirien betraf, wie haetten ihr die Massnahmen des Gouverneurs +entgehen koennen, Massnahmen, welche ihr so direct angingen? + +Kannte sie dieselben indessen nicht, so musste sie ja in wenig Stunden nach +dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre +Weiterreise hindern werde. Unbedingt musste Michael Strogoff sie noch +vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu +entgehen. + +Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle +Hoffnung auf, sie je wieder zu finden. + +Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, - was unter +anderen Verhaeltnissen ganz unnoethig gewesen waere, seinen Podaroshna im +Bureau der Polizei zu praesentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar +nicht treffen, da dieser Fall fuer ihn vorhergesehen war; aber er wollte +sich ueberzeugen, dass seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe. + +Der Courier musste deshalb nach der andern Seite des Flusses zurueckkehren, +nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipraefecten zur Zeit +befanden. + +Dort war ein grosser Zusammenfluss von Menschen, denn wenn die Auslaender +auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte +ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitaeten vor der Abreise. Ohne dem +haette auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte +Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen +koennen, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem +Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die +Erlaubniss zur Abreise erst zu beschaffen. + +Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern, +Baenkelsaengern, Zigeunern und Tsiganen, ausser diesen aber von Kaufleuten +aus Persien, der Tuerkei, Turkestan und China buchstaeblich vollgepfropft. + +Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener +bald mangeln mussten, so dass Saeumige leicht in die Lage kommen konnten, die +festgesetzte Frist zu ueberschreiten und in Folge dessen sich einer +brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen. + +Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kraeftigen Ellenbogen, durch den +Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der +Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stueck Arbeit. Indessen +ein Wort, das er einem Inspector in's Ohr fluesterte, und einige +rechtzeitig in dessen Hand gedrueckte Rubel besassen die Macht, ihm den +Durchgang zu erzwingen. + +Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent +bei einem Oberbeamten an. + +Michael Strogoff musste also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in +seinen Bewegungen sein. + +Inzwischen sah er sich von ungefaehr etwas um. Und was erblickte er? + +Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Maedchen, ein +Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen +konnte, da sich nur das Profil desselben von der weissgetuenchten Mauer +abhob. + +Michael Strogoff taeuschte sich nicht; er hatte die junge Lieflaenderin +wieder erkannt. + +Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei +gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum +versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene +Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle frueher +ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloss alle Wege nach +Sibirien. + +Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben, +naeherte sich dem jungen Maedchen. + +Diese sah ihn einen Moment an, und ueber ihr Gesicht flog ein leichter +Schimmer, als sie den Reisegefaehrten wieder erkannte. Sie erhob sich fast +instinctmaessig und wollte, so wie ein Schiffbruechiger sich an jedes +Truemmerstueck klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ... + +In diesem Augenblick beruehrte der Agent Michael Strogoff's Schulter. + +"Der Polizeipraefect erwartet Sie, sagte er. + +-- Gut", erwiderte Michael Strogoff. + +Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen +Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn +selbst oder auch sie haette compromittiren koennen, zu beruhigen, folgte er +dem Agenten durch die gedraengten Massen. + +Als die junge Lieflaenderin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige +Unterstuetzung erwartet haette, sank sie auf die Bank zurueck. + +Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines +Agenten wieder im Saale erschien. + +In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien +oeffnete. + +Er ging auf die junge Lieflaenderin zu, streckte ihr die Hand entgegen und +sagte: + +"Schwester ...!" + +Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine ploetzliche Eingebung ihr +nicht erlaubte, zu zaudern. + +"Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt, +unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du? + +-- Ich folge Dir, Bruder", antwortete das junge Maedchen und legte ihre Hand +in die Michael Strogoff's. + +Sofort verliessen Beide das Gebaeude des Polizeiamtes. + + + + + Siebentes Capitel. + + + Auf der Wolga stromabwaerts. + + +Kurz vor zwoelf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze +an der Wolga eine grosse Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht +nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche +hatten abreisen wollen. Die Kessel des "Kaukasus" besassen schon +hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kraeuselten sich nur leichte +Rauchwirbel, waehrend aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der +weisse Dampf brodelte. + +Selbstverstaendlich ueberwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und +schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als +ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen. + +Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu +unterstuetzen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention noethig und +Alles verlief ohne offenen Widerstand. + +Rechtzeitig ertoente das letzte Glockensignal; die Taue wurden geloest, die +maechtigen Raeder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen +Schaufeln, und schnell glitt der "Kaukasus" zwischen den beiden +Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin. + +Michael Strogoff und die junge Lieflaenderin hatten sich mit eingeschifft +und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, dass +der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann +berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter +dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und +Schwester. + +Still sassen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlass des +Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen. + +Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Maedchen gesprochen, keine +Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, dass sie reden wuerde, wenn es ihr +passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen, +in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten +Beschuetzers gefangen zurueckgeblieben waere. Sie sprach zwar nicht, aber +ihre Augen dankten ihm. + +Die Wolga, die Rha der Alten, wird fuer den bedeutendsten Strom ganz +Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als +4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei +Nishny-Nowgorod durch die Einmuendung der Oka, eines schnell fliessenden +Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert. + +Man hat die Gesammtheit der Kanaele und Wasserlaeufe Russlands mit einem +riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des +Czaarenreiches veraesteln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes +darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Muendungen in +dem Kuestengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer +Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im groessten Theile ihres Laufes +schiffbar. + +Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod +legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt +und Kasan sehr schnell zurueck. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der +Stroemung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde +zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmuendung der Kama, so vertauschen +sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwaerts +fahren muessen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner maechtigen +Maschine konnte der "Kaukasus" nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde +zuruecklegen. Bei nur einstuendigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von +Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in +Anspruch. + +Der Steamer besass uebrigens sehr bequeme Einrichtungen fuer die Passagiere, +welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen +Klassen befoerdert wurden. - Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster +Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige +zurueck zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte. + +Heut war der "Kaukasus" von Passagieren aller Art ueberfuellt. Eine grosse +Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es fuer gerathen erachtet haben, +Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der fuer die erste +Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in +langen Gewaendern und einer Mitra aehnlichen Kopfbedeckungen, - Juden, mit +ihren hohen, konischen Muetzen, - reichen Chinesen in Landestracht, mit +sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und +Rueckseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitaermeligen +Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, - +Tuerken mit dem nationalen Turban, - Indier mit viereckiger Muetze, einem +einfachen Stricke als Guertel, von denen einige Staemme, vorzueglich aber die +Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, - endlich +Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und ueber der Brust reichverzierten +Kleidern. Diese Kaufleute alle mussten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck +ihr umfaengliches Gepaeck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiss theuer +zu stehen kam, da sie vorschriftsmaessig nur zwanzig Pfund Freigepaeck +mitfuehren durften. + +Im Vordertheile des "Kaukasus" befanden sich noch weit zahlreichere +Passagiere, nicht allein Auslaender, sondern auch Russen, denen die +Verordnung nach den Heimatsstaedten der Provinz zurueckzukehren nicht +verbot. + +Dort sassen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Muetzen auf dem Kopfe, +bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze; +Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln, +das Hemd von roethlichem Baumwollengewebe mit einem Strick geguertet, und +mit flacher Kappe oder Filzmuetze. Einige Frauen in gebluemten +Baumwollkleidern trugen Schuerzen mit moeglichst lebhaften Farben und +grellroth gemusterte Tuecher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die +Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine +langdauernde Rueckfahrt nicht sonderlich zu belaestigen schien. Jedenfalls +war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des +Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich +uebrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war. + +Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der "Kaukasus" indessen +zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch +Remorqueure stromaufwaerts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren +nach Nishny-Nowgorod befoerderten. Dann schwammen Holzfloesse daher, so lang +wie die unmessbaren Sargassobuendel im Atlantischen Ocean, und bis zum +Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen. +Uebrigens sehr unnuetze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach +ihrem Anfang ploetzlich geschlossen worden war. + +Die von dem Wellenschlage des Dampfers ueberspuelten Ufer der Wolga zeigten +sich mit grossen Entenschwaermen besetzt, welche mit betaeubendem Geschnatter +aufflogen. Darueber hinaus weideten auf den duerren, von Birken, Weiden und +Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kuehe, Heerden von Schafen mit +braeunlichem Fell und ganze Haufen von weissen und schwarzen Schweinen und +Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder duerftigem Korn bestandene +Felder dehnten sich bis ueber kleine Landerhebungen aus, welche indess +nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einfoermigen +Landstrichen haette der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder +suchte, gewiss nichts zu thun gefunden. + +Zwei Stunden nach der Abfahrt des "Kaukasus" wandte sich die junge +Lieflaenderin an Michael Strogoff und fragte: + +"Du gehst nach Irkutsk, Bruder? + +-- Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den naemlichen +Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen. + +-- Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Kueste der Ostsee +verliess, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen. + +-- Ich frage nach Nichts, Schwester. + +-- Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Maedchen, auf deren Lippen +ein schmerzliches Laecheln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts +verheimlichen. Heute koennte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die +Verzweiflung haben meine Kraefte verzehrt. + +-- Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff. + +-- Ja ... ja ... und morgen ... + +-- So komm ...!" + +Er brach den Satz ab, so als haette er ihn mit dem ihm noch unbekannten +Namen seiner Begleiterin schliessen wollen. + +"Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand. + +-- Komm, Nadia, und verfuege ueber Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle +Umstaende." + +Er geleitete das junge Maedchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des +Hintertheils. + +Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurueck und mischte sich, begierig zu +hoeren, doch ohne sich an den Gespraechen zu betheiligen, unter die Gruppen +der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte, +was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande waere. Sollte +er zufaellig selbst gefragt und zu einer Antwort genoethigt werden, so +wollte er sich fuer den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der +"Kaukasus" nur nach der Grenze zuruecktrug, denn Niemand sollte vermuthen, +dass ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen. + +Die Auslaender auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den +Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen +Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter +sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem +Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin, +dass sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurueck. +Moeglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem +"Kaukasus" geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten, +denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer +noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder +fluesterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, dass daraus im +Zusammenhange nichts zu entnehmen war. + +Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder +schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar - denn man kannte ihn ja nicht, +- so traf sein Ohr dafuer der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt +zu sein schien, ob sie gehoert wurde oder nicht. + +Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente, +und sein mehr zugeknoepfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart, +welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war. + +"Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich +bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod +wieder sah? + +-- Gewiss, ich selbst! entgegnete trocken der Andere. + +-- Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, dass Sie mir so +unmittelbar, so auf den Fersen folgen wuerden. + +-- Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus. + +-- Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren +gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und +vorlaeufig koennten wir uebereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen. + +-- Ich werde es doch thun! + +-- Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin +koennen wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Spaeter werden wir noch +Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden. + +-- Feinde! + +-- Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine +Klarheit des Ausdrucks, welche mich hoechst angenehm beruehrt. Bei Ihnen +weiss Einer doch, woran er ist. + +-- Nun, was ist daran so schlimm? + +-- O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, dass auch ich mir die Freiheit nehme, +unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen. + +-- Nach Belieben. + +-- Sie gehen nach Perm ... wie ich? + +-- Wie Sie. + +-- Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem +besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes. + +-- Wahrscheinlich. + +-- Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten +des ueberfallenen Gebietes sein. + +-- So ist es. + +-- Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: 'Jeder fuer +sich und Gott mit ...' + +-- Gott mit mir! + +-- Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schoen! Da wir indess noch acht neutrale +Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten +regnen duerfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden. + +-- Zu Feinden! + +-- Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin koennen wir aber in +Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren! +Ich verspreche Ihnen ueberdies, Alles fuer mich zu behalten, was ich etwa +sehe ... + +-- Und ich Alles, was ich etwa hoere. + +-- Abgemacht? + +-- Abgemacht! + +-- Ihre Hand darauf? + +-- Hier ist sie!" + +Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fuenf weit offene Finger, +schuettelte kraeftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch +hinhielt. + +"Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den +Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine +zu telegraphiren. + +-- Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13 +gesendet. + +-- Bravo, Herr Blount! + +-- Zu guetig, Herr Jolivet! + +-- Bis ich mich revanchire! + +-- Duerfte Ihnen schwer fallen! + +-- Man versucht eben Alles!" + +Bei diesen Worten gruesste der franzoesische Correspondent vertraulich den +englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte. + +Diese beiden Neuigkeitsjaeger, welche ja weder Russen, noch Fremde von +asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs +nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben +Stunde verliessen, so geschah das, weil der naemliche Instinct sie vorwaerts +trieb. Ganz natuerlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit +und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache +Reisegefaehrten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage "bis +zum Aufgang der Jagd" vor sich. Dann hiess es: Dran und drauf! Jetzt hatte +Jolivet die ersten Zwischenvorschlaege gemacht und der Brite sie, wenn auch +so kuehl als moeglich, angenommen. + +Jedenfalls sassen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur +Schwatzhaftigkeit, der Englaender immer verschlossen, an derselben Tafel +und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten +Cliquot, offenbar den Abkoemmling des frischen Birkensaftes der Umgegend. + +Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hoerte, +sprach er fuer sich: + +"Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der +Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese +drei Schritt vom Leibe zu halten." + +Die junge Lieflaenderin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer +Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam +heran, ohne dass sie wieder auf Deck erschienen waere. + +Mit der langen Daemmerung gewann die Atmosphaere eine wohlthuende Frische, +an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in +vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die +Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Baenke gestreckt, athmeten sie +behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte. +Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten +zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem +Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die +Wolga stromauf und stromab befuhren. + +Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr +doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das +Schweigen wurde nur durch das regelmaessige Klatschen der Schaufelraeder +unterbrochen. + +Eine eigenthuemliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch +meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch +ueber den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der fuer die +Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung. + +Dort schlief Alles nicht nur auf den Baenken, sondern auch auf Ballen und +Gepaeckstuecken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen +der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine gruene und +eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe +Strahlen auf die Wand des Dampfers. + +Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher +liegenden Schlaefer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei +ihrer Gewoehnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon +genuegte, die aber doch Jeden schlecht empfangen haetten, der sie vorzeitig +durch einen Fusstritt erweckte. + +Michael Strogoff huetete sich also wohl, an Jemand zu stossen. Bei seiner +Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als +sich durch eine laengere Promenade des Schlafes zu erwehren. + +Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem +Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hoerte. Er hielt +an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit +allerhand Shawls und Decken verhuellt dasass, die er aber bei der Dunkelheit +nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig, +wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige +roethliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten +durch die Gruppe oder als erglaenzten Tausende von Metallflitterchen in dem +ungewissen Lichte. + +Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher +vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem +Messplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war. + +Unwillkuerlich draengte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des +Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit +einander redenden Fahrgaeste eigentlich sehen konnte. Er musste sich demnach +begnuegen, zu horchen. + +Die anfaenglich gewechselten Worte besassen, - wenigstens fuer ihn, - keine +besondere Bedeutung, doch genuegten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der +Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod +gehoert hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht +unmoeglich, dass jene Tsiganen, von deren Gespraech er einige Brocken +aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord +des "Kaukasus" Passage genommen haetten. + +Wie gut es war, dass er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer +Mundart gewechselten Worten: + +"Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk. + +-- Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spaet oder +auch gar nicht ankommen!" + +Michael Strogoff fuehlte, wie diese ihn persoenlich so nahe angehende +Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann +und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen +vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemuehungen. + +Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck +gelangt und setzte sich, den Kopf in die Haende gestuetzt, nieder. Man haette +meinen sollen, er schliefe. + +Er schlief aber weder, noch dachte er ueberhaupt daran. Er ueberlegte sich +vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniss, was er gehoert hatte. + +"Wer in aller Welt weiss von meiner Abreise und wer hat ein Interesse +daran, sie zu kennen?" + + + + + Achtes Capitel. + + + Die Kama stromaufwaerts. + + +Am Morgen des 18. Juli kam der "Kaukasus" um sechs Uhr vierzig Minuten an +dem Landeplatze fuer Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an. + +Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des +Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universitaet und eines +griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevoelkerung dieser +Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, +Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den +asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat. + +Trotz der grossen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze draengte sich eine +ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der +Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie +sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzaermeligem +Kaftan und mit spitzen Muetzen, deren breite Krempen an den gewoehnlichen +Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe +ein kleines Scheitelkaeppchen, wie es die polnischen Juden tragen. +Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich +halbmondfoermig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in +Gruppen bei einander. + +Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der +Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl fuer die Passagiere, +die den "Kaukasus" hier verliessen, als auch fuer andere, welche hier das +Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfaeltiger Musterung jedes +Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene +Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben. + +Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zustroemen, das +man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der "Kaukasus" sollte +behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten. + +An's Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er haette +die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Lieflaenderin nicht auf +dem Schiffe allein lassen koennen. + +Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie +sich's eben fuer eifrige Jaeger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und +mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff +beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er +entweder einige Erscheinungen fluechtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, +als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines +Gedaechtnisses nur plaudernd umher lief. + +Laengs der ganzen Ostgrenze Russlands schwirrte das Geruecht durch die Luft, +dass die Empoerung und der Einfall sehr gefaehrliche Dimensionen annaehmen. +Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein +schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den "Kaukasus" verlassen zu +haben, von verschiedenen neuen Ankoemmlingen. + +Erfuellten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so +erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die +Uralkette zu ueberschreiten, um selbst ueber die Bedeutung der Ereignisse +urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen +zu koennen. Fast haette er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere +Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit ploetzlich abgelenkt wurde. + +Unter den Reisenden, welche den "Kaukasus" verliessen, erkannte Michael +Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod +figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die +ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer +Fuehrung, schifften sich etwa zwanzig Taenzerinnen und Saengerinnen im Alter +von fuenfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothduerftig +den Flitterstaat darunter verhuellten. + +Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, +erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. +Es war der naemliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem +Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten. + +"Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsueber +unter dem Verdeck auf und wollte sich waehrend der Nacht unter dem +Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es fuer gut, moeglichst wenig +gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!" + +Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, dass der ihn besonders +angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergeruehrt habe, die nur dann +und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und dass jene Worte zwischen +dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt +worden seien. + +Wider Willen naeherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des +Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verliess, um nicht wieder zu +kehren. + +Dort stand der Alte in sehr demuethiger, mit der natuerlichen +Unverschaemtheit seiner Stammesgenossen wenig uebereinstimmender Haltung. Er +sah aus, als meide er es moeglichst gesehen zu werden, statt die Blicke +Anderer auf sich zu lenken. Sein schaebiger, von der Sonne des ganzen +Erdballs verbrannter Hut sass tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem +breiten Ruecken bauschte sich trotz der Waerme der Sonne ein weiter Kittel. +Es waere schwierig gewesen, unter dieser erbaermlichen Huelle seine Figur +deutlich zu erkennen. + +Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine grosse Frau von dreissig +Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, praechtigen Augen und +ueppigem Haar in stolzer Haltung. + +Einige der jungen Taenzerinnen waren von auffallender Schoenheit, und Alle +zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind +im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Grossen, welche +mit den Englaendern gern an Excentricitaet wetteifern, hat sich nicht +entbloedet, ein Weib aus diesem Stamme zu waehlen. + +Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthuemlichem Rhythmus vor sich +hin, dessen erste Verse man etwa so uebersetzen koennte: + + Am braunen Hals die Koralle blinkt, + Die goldene Nadel im Haar; + Ich ziehe, wo immer das Glueck mir winkt, + Zum Lande der ... + +Die lustige Dirne sang gewiss weiter, doch Michael Strogoff hoerte sie nicht +mehr. + +Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre's mit besonderer +Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Zuege +ihrem Gedaechtniss unausloeschlich einpraegen. + +Einige Minuten spaeter verliess dann auch Sangarre den "Kaukasus", als der +Alte mit seiner Truppe schon am Lande war. + +"Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich +als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit 'Spion' +titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch +deutlich in der Nacht, und Diese koennte wohl wissen ..." + +Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu +folgen, aber er bezwang sich noch. + +"Nein, nein, dachte er, keinen unueberlegten Schritt! Lasse ich den alten +Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito +aufgeben zu muessen. Sie sind ja fort, und bevor sie ueber die Grenze +gelangen koennen, werde ich schon weit ueber den Ural hinaus sein. Ich weiss +wohl, dass sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen koennen, aber +dieser bietet keinerlei Befoerderungsmittel, und ein Tarantass mit tuechtigen +sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, +bleib' ruhig, Freund Korpanoff!" + +Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge +verschwunden. + +Wenn Kasan mit Recht "das Thor Asiens" genannt wird, wenn man diese Stadt +als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt +das von den zwei hier zusammenlaufenden Strassenzuegen her, welche ueber die +Paesse des Uralwalles fuehren. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den +ueber Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die grosse +Poststrasse, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit +Relais und setzt sich ueber Tschim bis Irkutsk fort. + +Daneben verbindet freilich eine zweite Strasse, - eben jene von Michael +Strogoff erwaehnte, - Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges +ueber Perm, welche ueber Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie +Europa verlaesst, und ueber Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne fuehrt. Mag +sie auch etwas kuerzer sein, als jene, so haelt der Mangel an Posthaeusern, +der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Doerfern diesem +Vortheil gewiss die Wage. Michael Strogoff musste mit seiner Wahl um so +zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach +Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen. + +Eine Stunde spaeter laeutete die Glocke auf dem Vorderdeck des "Kaukasus", +rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurueck. Es mochte bald acht +Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der +Kessel zitterten unter der Pressung der Daempfe. Das Schiff konnte jeden +Augenblick abfahren. + +Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plaetze an Bord schon +eingenommen. + +Da fiel es Michael Strogoff auf, dass von den beiden Journalisten nur der +eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurueck gekehrt war. + +Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versaeumen? + +Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue loeste, erschien Alcide +Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestossen und die +Landungsbruecke auf den Kai zurueck gerollt, der leichtfuessige Held der Feder +bekuemmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte +er ueber die Luecke und fiel auf dem Deck des "Kaukasus", fast in die Haende +seines Collegen, nieder. + +"Ich glaubte schon, der 'Kaukasus' sollte ohne Sie weiter gehen, sagte +Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube +aehnelte. + +-- Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich haette Sie schon einzuholen gewusst +und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff +chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst fuer zwanzig Kopeken, +nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau +ist's eine tuechtige Strecke. + +-- Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich +dabei zusammenzogen. + +-- Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem +liebenswuerdigsten Laecheln. + +-- Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung? + +-- Das weiss ich nicht, kann Ihnen dafuer aber versichern, dass er z. B. von +Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist. + +-- Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?... + +-- Mit reinem Feuereifer! + +-- Sie haben also gehoert ... + +-- Erlauben Sie, Vaeterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete +Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniss vor +Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind ueber +Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwaermen in hellen Haufen laengs der +Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!" + +Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, +waehrend sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben +mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische +Zeitung war um zwei Pferdelaengen geschlagen! + +Der arme Harry Blount wandelte, die Haende auf dem Ruecken gekreuzt, nach +dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen. + +Gegen zehn Uhr Morgens verliess die junge Lieflaenderin ihre Cabine und +erschien auf dem Verdeck. + +Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand. + +"Sieh Dich hier um, Schwester", mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile +des Schiffes gelangt waren. + +Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung. + +Der "Kaukasus" erreichte jetzt den Zusammenfluss der Wolga und Kama. Hier +verliess er nach einer Thalfahrt von ueber 400 Werst jenen Strom, um den +immerhin bedeutenden Fluss 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu +durchpfluegen. + +An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserlaeufe mischten sich deren +verschieden gefaerbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer +denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, +und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug. + +Die Kama endigte in weitgeoeffneter Muendung, umrahmt von lieblich +bewaldeten Ufern. Einige weisse Segel belebten das reinliche Wasser, auf +dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit +maechtigen Eichen geschmueckte Huegel schlossen den Horizont in harmonischer +Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen +des Himmels zu verschmelzen schien. + +Und doch schien es, als blieben diese Naturschoenheiten ohne allen Eindruck +auf den Gedankengang des jungen Maedchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr +Reiseziel zu erreichen! - Die Kama bildete fuer sie nur einen leichteren +Weg, dahin zu gelangen. Wie glaenzten ihre Augen in schoenem Feuer auf, wenn +sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont +durchbohren. + +Nadia hatte die Hand in der ihres Gefaehrten gelassen und fragte, indem sie +sich zu ihm hinwendete: + +"Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg? + +-- Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff. + +-- Neunhundert auf sieben Tausend!" seufzte das junge Maedchen. + +Die Zeit zum Fruehstuecken war gekommen; das Laeuten einer Glocke meldete es +den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsraeumen +des Steamers. Sie beruehrte die auf einer seitlichen Tafel servirten +Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Haering in Stuecken, anishaltiger +Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, +der man in allen noerdlichen Laendern, in Russland ebenso wie in Schweden und +Norwegen begegnet. Nadia ass nur wenig, etwa wie ein armes Maedchen, deren +beschraenkte Mittel sie nicht weiter gehen liessen. Michael Strogoff glaubte +sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner +Gefaehrtin genuegten, naemlich ein wenig "Kulbat", eine Art Pastete aus Reis, +Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getraenk etwas +Thee. + +Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, +nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und +Nadia wieder das Deck des "Kaukasus". + +Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle +Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehoert zu +werden: + +"Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heisse Nadia Fedor. Vor +kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt +nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen. + +-- Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es +als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in +die Arme ihres Vaters zu fuehren. + +-- Ich danke, Bruder!" erwiderte Nadia. + +Michael Strogoff fuegte noch hinzu, dass er fuer Sibirien einen speciellen +Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behoerden +kein Hinderniss im Wege stehen werde. + +Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufaelligen Begegnung dieses +einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem +Vater zu gelangen! + +"Ich besass, fuhr sie fort, einen Pass, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu +gehen; ihn hat der Erlass des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod +ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, haette ich die Stadt, in der Du +mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen waere, nicht verlassen +koennen. + +-- Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du +Dich durch die Steppen Sibiriens wagen? + +-- Es war meine Pflicht, Bruder. + +-- Wusstest Du aber nicht, dass das empoerte und von Feinden ueberschwemmte +Land kaum zu passiren ist? + +-- Der Tartareneinfall war, als ich Riga verliess, noch nicht bekannt, +erwiderte die junge Lieflaenderin. In Moskau erst erfuhr ich diese +Neuigkeiten. + +-- Und setztest trotzdem Deine Reise fort? + +-- Es war meine Pflicht." + +Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Maedchens. +Was sie fuer ihre Pflicht erkannte, zoegerte Nadia niemals auszufuehren. + +Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein +geschaetzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte gluecklich im +Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer auslaendischen geheimen +Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen +und die Gensdarmen, welche jene Ordre ueberbrachten, geleiteten ihn ohne +Verzug ueber die Grenze. + +Wassili Fedor liess man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und +seine hilflos zurueckbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoss heisse +Thraenen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen. + +Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte +dort, aber fast ohne pecuniaeren Vortheil, seine Praxis weiter betreiben +koennen. Und doch waere er wohl so gluecklich gewesen, wie das einem +Verbannten ueberhaupt moeglich ist, haette er Weib und Kind um sich haben +koennen. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwaechlichkeit wegen aber auch +schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des +Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist +dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behoerden nun um die bald +zugestandene Erlaubniss an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb +Diesem, dass sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser +weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. +Sie that, was sie konnte!... Gott wuerde das Uebrige thun! + +Indess arbeitete sich der "Kaukasus" gegen den Strom vorwaerts. Die Nacht +brach an und die Luft kuehlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die +Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem +Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das +Geheul der Woelfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben. + + + + + Neuntes Capitel. + + + Tag und Nacht im Tarantass. + + +Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der "Kaukasus" am Landungsplatze in +Perm an, der letzten Station, die er an der Kama beruehrte. + +Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der +umfaenglichsten in ganz Russland und greift ueber das Uralgebirge hinweg bis +nach Sibirien hinueber. Marmorbrueche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie +Steinkohlengruben werden dort in grossem Massstabe ausgebeutet. Perm mag +allen Umstaenden nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorlaeufig +aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. +Fuer Diejenigen, welche von Russland nach Sibirien gehen, faellt jener Mangel +an Comfort nicht allzu sehr in's Gewicht, denn Diese sind gewoehnlich mit +allem Noethigen hinlaenglich versehen; den Ankoemmlingen aus Centralasien +dagegen wuerde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiss recht +angenehm sein, die erste europaeische Stadt des Reiches an der asiatischen +Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenstaenden des Bedarfs +versorgt zu sehen. + +In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen +meist mehr oder weniger beschaedigten Wagen zu veraeussern; andererseits +kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im +Winter Schlitten, bevor er sich fuer mehrere Monate in die verlassenen +Steppenwuesten wagt. + +Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und +durfte dasselbe nur erfuellen. + +Gewoehnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich +schnell ueberschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhaeltnisse +hatte man diesen aber einstellen muessen. Auch ohnedem haette Michael +Strogoff, dem es auf die groesste Eile ankam, auf dieses Befoerderungsmittel +verzichtet, und wuerde er es, um von Niemand abhaengig zu sein, vorgezogen +haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu +wechseln, wobei er durch splendide "_na vodku_" (Trinkgelder) den Eifer +der Postillone anzuspornen hoffen durfte. + +Zum Unglueck hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft +beliebten Massnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge +dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam +also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmaehten zu begnuegen. +Bezueglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren ausserhalb +Sibiriens wohl seinen Podaroshna in's Treffen fuehren, auf welchen hin ihn +die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen +wuerden. Einmal ausser dem europaeischen Reiche aber sah er sich gleich jedem +Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschraenkt. + +An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen +Tarantass oder einen Teleg? + +Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierraederiges Waegelchen und durchweg +aus Holz construirt. Raeder, Axen, Schlussnaegel, Sitze und Deichsel, alles +stammt von den Baeumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der +einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke +hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles +Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer +Beschaedigung leichter wieder in Stand zu setzen waere. An Tannen fehlt es +laengs der russischen Grenze nicht, und die Schlussnaegel wachsen in den +Waeldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden +die unter dem Namen "Perekladnoi" bekannten Extraposten befoerdert. +Manchmal reissen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und +waehrend der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der +Vordertheil des Fuhrwerks bei dem naechsten Relais auf zwei Raedern an; aber +man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden. + +Michael Strogoff haette sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen +muessen, wenn es ihm nicht gelungen waere, noch einen Tarantass aufzutreiben. + +Es glaube aber Niemand, dass ein derartiges Gefaehrt auf der obersten +Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem +Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; +aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuss von einander entfernten +Raeder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen +Strassen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schuetzt die Insassen vor +dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche +herabgezogen das Gefaehrt fast hermetisch verschliesst, vor dem Sonnenbrande +und den nicht seltenen Windstoessen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantass +ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits +weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen. + +Michael Strogoff gelang es nur mit grosser Muehe, einen solchen Tarantass +aufzufinden; vielleicht gab's in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen +zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe +nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff +auch hier treu zu bleiben. + +Nadia folgte ihrem Reisegefaehrten bei seinen Nachsuchungen nach einem +Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe +Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man koennte +sagen, dass sie ein und derselbe Wille draengte. + +"Schwester, begann Michael Strogoff, ich haette fuer Dich gerne eine +bequemere Fahrgelegenheit gesucht. + +-- Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuss +aufgebrochen waere, um meinen Vater zu finden. + +-- An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische +Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist. + +-- Ich wuerde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das +junge Maedchen. Wenn Du eine Klage ueber meine Lippen kommen hoerst, so +verlass mich und setze Deinen Weg allein fort!" + +Eine halbe Stunde spaeter standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei +Postpferde vor dem Tarantass angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere +aehnelten fast den Baeren. Sie waren, wie die sibirische Race ueberhaupt, +klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermassen +angespannt: das eine, etwas groessere, stand zwischen einer Gabeldeichsel +mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Gloeckchen behangen +war, d. i. der russische "_duga_"; die beiden andern waren einfach mittels +Seilen an das Fussgestell des Tarantass gekoppelt. Von Zaum und Gebiss keine +weitere Spur; als Zuegel diente einfache Hanfschnur. + +Weder Michael Strogoff noch die junge Lieflaenderin fuehrten vieles Gepaeck +mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen +musste, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede +Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das +sehr zu Statten, denn der Tarantass haette entweder das Gepaeck oder die +Reisenden nicht aufnehmen koennen. Er war, den Postillon ungerechnet, nur +fuer zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch +nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht. + +Dieser Jemschik wechselt uebrigens bei jedem Relais. Der Fuehrer des +Tarantass auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen +Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen +langen Haare ueber der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen +Hut, rothen Guertel und einen Capot mit kreuzweisen Schnueren an Knoepfen mit +dem kaiserlichen Abzeichen. + +Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden +des Tarantass erst mit pruefendem Blicke. Kein Gepaeck! - Aber wo zum Teufel +haette er solches unterbringen wollen? - Magere Aussichten! Er machte eine +nicht misszudeutende Bewegung. + +"Ein Paar Raben, sagte er halb fuer sich und unbekuemmert darum, ob er +verstanden wurde oder nicht, Raben fuer sechs Kopeken die Werst. + +-- Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon +recht wohl verstand, Adler, hoerst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das +Trinkgeld!" + +Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der "Rabe" bedeutet in der +Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten +Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei +Kopeken per Werst bezahlt. Ein "Adler" dagegen ist der Reisende, der auch +vor hohen Preisen nicht zurueckschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. +Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu +fliegen, wie der Koenig der Voegel. + +Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plaetze in dem Tarantass ein. +Einiger wenig umfaenglicher Proviant, der in den Sitzkaesten untergebracht +wurde, gewaehrte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzoegerung erleiden zu +koennen, wenn sie einmal die durch Fuersorge des Staates wohlversehenen +Posthaeuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde +uebergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag +verliess der Tarantass, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog +in eine dichte Staubwolke gehuellt dahin. + +Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, haette jedem +Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, hoechlichst +verwundern muessen. Das etwas groessere Pferd in der Gabel hielt ungestoert, +wie abschuessig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter +Regelmaessigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart +als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der +Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen +Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, +wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der +Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er fuer sie borgte! Die Schnur, die +ihm als Zuegel diente, waere gegenueber den ausgelassenen Thieren wohl ganz +nutzlos gewesen, aber "_na pravo_", rechts, oder "_na levo_", links, +diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr +Wirkung, als Zuegel und Zaum. + +Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der wuerdige Rosselenker! + +"Vorwaerts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwaerts meine artigen +Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltaeubchen! Immer dran, mein Vetter zur +Linken! Greif' aus, Vaeterchen zur Rechten!" + +Wenn sie aber nachliessen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso +vielseitige Verwuenschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen +schienen. + +"Lauf zu, Du Hoellenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwuerge +Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkroete! Du sollst noch in jener Welt +verdammt sein!" + +Was man aber auch denken moege ueber diese Art der Pferdefuehrung, welche +mehr die Soliditaet der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in +Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantass nur so dahin und bewaeltigte +zwoelf bis vierzehn Werst in der Stunde. + +Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Befoerderung +gewoehnt. Weder das Schuetteln noch das Huepfen des Gefaehrtes belaestigte ihn. +Er wusste, dass ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder +tiefe Loecher vermeidet, so wenig wie umgestuerzte Baumstaemme oder Graeben, +die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefaehrtin freilich lief +Gefahr, durch dieses Stossen des Tarantass verletzt zu werden, doch sie +beklagte sich nicht. + +Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin +gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur +ankommen! verfolgt, begann sie: + +"Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich +mich geirrt? + +-- Gewiss nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg +werden wir den Fuss des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben. + +-- Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern? + +-- Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, - ich sage Tag und +Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muss ohne Saeumen nach +Irkutsk eilen. + +-- Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen +Tag und Nacht fahren. + +-- Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so +koennen wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein. + +-- Du hast diese Reise schon einmal gemacht? + +-- Schon mehrere Male. + +-- Im Winter wuerden wir schneller und sicherer vorwaerts kommen, nicht wahr? + +-- Schneller gewiss, doch wuerdest Du von der Kaelte und dem Schnee schwer +gelitten haben. + +-- Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund. + +-- Ja wohl, Nadia, aber es gehoert doch ein gewisses Temperament dazu, diese +Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kaelte in den Steppen +Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner +Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis ueberziehen, meine +Glieder sich zusammenkruemmen, meine Fuesse unter dreifacher wollener +Umhuellung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt +mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nuestern erstarren. Ich sah es, +wie der Branntwein in meiner Kuerbisflasche zu Stein wurde, so dass kein +Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein +Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglaetteten und unuebersehbar +weissen Ebene! Keine Wasserlaeufe, durch die man sonst eine passirbare Furth +suchen musste! Keine Seen, welche Schiffe noethig machten! Allueberall das +harte Eis, die freie, sichere Strasse. Aber um den Preis welcher Leiden, +Nadia! Die allein koennten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren +Leichname der wehende Schnee begrub! + +-- Und doch bist Du zurueck gekehrt, Bruder! sagte Nadia. + +-- Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei +seinen Jagdzuegen folgte, gewoehnte ich mich an all' diese harten Proben. +Als Du, Nadia, mir aber sagtest, dass der Winter Dich nicht zurueck gehalten +haette, dass Du abgereist waerst mit dem Vorsatze, gegen das fuerchterliche, +unwirthbare Klima Sibiriens anzukaempfen, da sah ich Dich schon im Geiste +verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen! + +-- Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge +Lieflaenderin. + +-- Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging. + +-- Und was thatest Du in Omsk? + +-- Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete. + +-- Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm +die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, dass mich +Nichts haette zurueckhalten koennen? + +-- Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott +wuerde Dir geholfen haben!" + +Diesen Tag ueber wurde der Tarantass durch die bei jedem Relais wechselnden +Jemschiks sehr schnell weiter befoerdert. Die Adler der Berge haetten ihren +Namen durch jene "Adler" der Landstrasse nicht als entehrt ansehen koennen. +Der hohe Preis fuer jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder +dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den +Postmeistern mochte es nach Veroeffentlichung jener Verordnung wohl +auffallen, dass ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar +Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indess waren ihre +Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn +auch die Kilometer-(Werst-)Pfaehle bald im Ruecken des Tarantass. + +Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden +auf der Strasse von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais +ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, dass ein Wagen ihm vorausging, ohne +sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darueber besondere Sorge zu +machen. + +Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die noethigen +Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthaeuser boten Unterkunft und +Staerkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht haette, waere das Haus +jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geoeffnet gewesen. In diesen +einander ueberaus aehnlichen Doerfern mit ihren weissen steinernen Capellen +und gruenlichen Daechern kann der Reisende wohl an jede Thuer klopfen; sie +wird sich gewiss oeffnen. Dann erscheint der Mujik laechelnden Gesichts und +giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rueckt den +"Samowar" ueber's Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fuehlen. Die +Familie wuerde im Nothfalle das Haus raeumen, um ihm Platz zu machen. Der +ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der "den Gott selbst +sendet". + +Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem +unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie +viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe. + +"Vor zwei Stunden, Vaeterchen, berichtete der Postmeister. + +-- Es ist eine Berline? + +-- Nein, ein Teleg. + +-- Wie viel Reisende? + +-- Zwei. + +-- Sie haben es eilig? + +-- Es sind Adler! + +-- Lasst schleunigst anspannen." + +Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang +aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch. + +Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fuehlte man, dass die +drueckender gewordene Luft sich allmaelig mit Elektricitaet saettigte. Kein +Woelkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein +warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befuerchten, dass in den +Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael +Strogoff, der gewoehnt war, alle atmosphaerischen Vorzeichen zu deuten, +fuehlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger +Besorgniss erfuellte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stoesse +des Tarantass vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb +zurueckgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schoepfen, nach der +die Lungen in dieser erstickenden Atmosphaere begierig verlangten. + +Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er misstraute den Jemschiks, +weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den +Relais verloren, keine Stunde unterwegs. + +Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die +ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese maechtige Kette, die +Grenzmauer zwischen dem europaeischen Russland und Sibirien, lag jedoch noch +in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen +hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst +waehrend der folgenden Nacht stattfinden. + +Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgaengig bedeckt und in Folge +dessen auch die Luftwaerme ertraeglicher, doch wurde die Witterung immer +gewitterschwueler. + +Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten +in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff wuerde es gewiss +unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt haette; als ihn der +Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden +Donner aufmerksam machte, fragte er nur: + +"Ein Teleg faehrt uns noch immer voraus? + +-- Ja. + +-- Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben? + +-- Ungefaehr eine Stunde. + +-- Vorwaerts! - Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen frueh in +Jekaterinenburg sind." + + + + + Zehntes Capitel. + + + Ein Unwetter in den Uralbergen. + + +Die Uralkette erstreckt sich auf einer Laenge von nahe 3000 Werst (3200 +Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, +der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung "Poyas" aus +russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den +betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmaessig den "Guertel". Mit +dem einen Fusse an der unwirthlichen Kueste des Arktischen Oceans netzen sie +den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee. + +Das war die Grenze, welche Michael Strogoff ueberschreiten musste, um von +Russland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwaehnt, die Strasse +einschlug, die auf der oestlichen Abdachung des Ural von Perm nach +Jekaterinenburg fuehrt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der +leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten +centralasiatischen Handels dient. + +Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniss eintrat, wohl zum Passiren der +Berge ausreichen. Leider kuendigte das erste Grollen des Donners ein +Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphaere furchtbar zu +werden drohte. Die elektrische Spannung war so gross, dass sie sich nur +durch heftige Entladungen ausgleichen konnte. + +Michael Strogoff achtete darauf, dass seine junge Begleiterin bestmoeglich +versorgt war. Die Wagendecke, die ein schaerferer Windstoss leicht haette +wegreissen koennen, wurde durch ueber und hinter ihr gekreuzte Stricke besser +gesichert. Man verdoppelte die Zugstraenge der Pferde und polsterte aus +uebergrosser Vorsicht das Stosseisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die +Haltbarkeit der Raeder zu vergroessern, als auch um die Stoesse zu mildern, die +in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein wuerden. +Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefaehrtes, +deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantass angepfloeckt waren, mit +einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. +Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstueckes, das an den +Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet. + +Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte +sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei +Ledervorhaenge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem +Regen und Sturme schuetzen mussten. + +An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei grosse Laternen +angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht +gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung +des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so +dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstossen mit einem etwa +entgegenkommenden Wagen. + +Man erkennt hieraus, dass keine Vorsichtsmassregel versaeumt wurde, und +gegenueber einer so drohenden Nacht waren sie gewiss am Platze. + +"Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff. + +-- So wollen wir fahren", antwortete das junge Maedchen. + +Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantass schwankte die ersten +Vorberge des Urals hinan. + +Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, +trotz der in jenen Breiten laenger andauernden Daemmerung, schon recht +dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Woelbung des Himmels herab zu +druecken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie +auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das +doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom +Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art +phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von +sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise naeherten sie sich der +Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den +Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den hoeheren +Luftschichten von oben nach unten. Die Strasse fuehrte diesen gewaltigen, +dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. +Binnen Kurzem mussten Strasse und Dunstmassen einander begegnen, und loesten +die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, +durch welchen der Tarantass nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu +laufen in einen Abgrund zu stuerzen. + +Die Kette der Uralberge erreicht uebrigens nur eine mittlere Hoehe; ihr +bedeutendster Gipfel uebersteigt noch nicht 5000 Fuss. Der ewige Schnee ist +daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter +ueber das Gebirge schuettet, schmelzen vollstaendig bei der Sonnenwaerme des +Sommers. Pflanzen und Baeume gedeihen noch in betraechtlicher Hoehenlage. Die +Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstaetten kostbarer +Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleissiger Haende. So +begegnet man denn auch den "Zarody" genannten Dorfschaften ziemlich haeufig +und der durch die gewaltigen Engpaesse gefuehrte Weg ist fuer die Postwagen +in gut fahrbarem Zustande. + +Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet +Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kaempfen und +man sich in diesem Gewuehle befindet. + +Aus Erfahrung wusste Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen +bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor fuer +ebenso gefahrbringend, als die fuerchterlichen Schneestuerme, die hier +waehrend des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wuethen. + +Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das +Wageninnere schuetzenden Ledervorhaenge aufgehoben, sah hinaus und achtete +scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit +phantastischen Schattenbildern belebte. + +Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, waehrend +ihr Begleiter mit halbem Koerper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel +und die Erde musterte. + +Die Atmosphaere war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen +ruehrte sich vom Platze. Man haette sagen moegen, dass die halberstickte Natur +nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene duesteren, dichten Wolken, +aus irgend welchem Grunde gelaehmt, nicht mehr functioniren konnten. Das +Schweigen waere ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Raeder des +Tarantass, die die Kiesel der Strasse zerrieben, ohne das Seufzen der Naben +und ueberhaupt des Holzwerkes am Gefaehrte, ohne den keuchenden Athem des +Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte +Funken spruehten. + +Uebrigens war die Strasse vollkommen oede. Der Tarantass begegnete weder +einem Fussgaenger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden +Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Koehlers rauchte +im Walde, keine Lagerstaette von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, +keine einzige im Gehoelz verlorene Huette. Es bedurfte solcher Gruende, +welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die +Gebirgskette unter den gegebenen Verhaeltnissen zu unternehmen. Michael +Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmoeglich; aber - und das +fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniss einzufloessen, - wer in aller +Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantass vorausgehenden +Teleg sein; welch' gewichtige Gruende hatten sie, eben so tollkuehn zu +handeln? + +Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr +begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr +aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten maechtiger Kiefern +auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Strasse +gruppenweise flankirten. Naeherte sich der Tarantass dem Rande der Strasse, +dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgruende neben jener. Von +Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stossen, dass der Wagen eine +Bruecke aus Baumstaemmen passirte, welche kaum zugehauen eine Hoehlung des +Weges ueberdeckten. Je hoeher sie hinauf kamen, desto mehr ertoente ein +monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe +des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmaehreden an seine Thiere +verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphaere als durch den +Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens +vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast +zusammen. + +"Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael +Strogoff den Jemschik. + +-- Um ein Uhr frueh ... wenn wir ueberhaupt hinkommen! antwortete dieser mit +unglaeubigem Kopfschuetteln. + +-- Sag' doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den +Bergen, nicht wahr? + +-- Nein, und gebe Gott, dass es auch nicht mein letztes ist. + +-- Hast Du Furcht? + +-- Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, dass Du unrecht handeltest, +abzufahren. + +-- Ich haette noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb. + +-- Na, dann vorwaerts, meine Taeubchen!" erwiderte der Jemschik, als ein +Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen. + +In diesem Augenblicke liess sich ein entferntes Geraeusch vernehmen; es +glich einem tausendfachen gellenden und betaeubenden Pfeifen in der bisher +noch halb ruhigen Atmosphaere. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, +dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff +einige grosse Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm +brach los, jagte aber bis jetzt nur die hoehern Luftschichten +durcheinander. Ein trockenes Geknatter liess erkennen, dass einige alte oder +schlecht bewurzelte Baeume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht +hatten Widerstand leisten koennen. Eine Lawine gebrochener Staemme rollte +bald ueber die Strasse, schlug huepfend auf die Felsenvorspruenge und verlor +sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantass, in den Tiefen zur Linken. + +Stutzend hielten die Pferde still. + +"Immer vorwaerts, meine Turteltaeubchen!" rief der Jemschik, und munter +knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners. + +Michael Strogoff ergriff Nadia's Hand. + +"Schlaefst Du, Schwester? fragte er. + +-- Nein, Bruder. + +-- Sei bereit fuer Alles. Jetzt kommt das Unwetter! + +-- Ich bin bereit." + +Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhaenge zu schliessen. + +Wild tobte der Sturmwind heran. + +Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die +Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine +schreckliche Gefahr. + +Unbeweglich stand der Tarantass an einer Biegung des Weges, durch welche +der Sturm hereintobte. Der Wagen musste also dem Winde gerade entgegen +gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so waere er +unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. +Von den Windstoessen zurueckgedraengt baeumten sich die Pferde, ohne dass es +ihrem Fuehrer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die +Schmeichelworte folgten die kraeftigsten Flueche. Nichts half. Die armen, +von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, +Artilleriesalven aehnlichen Donner betaeubten Thiere drohten die Straenge zu +zerreissen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines +Gespannes. + +Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantass und kam dem Kutscher zu Hilfe. +Seiner aussergewoehnlichen Koerperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Muehe, +die Thiere zu baendigen. + +Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Strasse erweiterte sich an +der eben erreichten Stelle tonnenartig, so dass sich der Wind hineinpresste, +etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. +Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstaemmen den Abhang +herab zu poltern. + +"Hier koennen wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff. + +-- Wir werden auch gar nicht laenger hier sein! rief der Jemschik, waehrend +er ganz bestuerzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht +einherstuermenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, +uns bergab zu befoerdern und das auf dem kuerzesten Wege. + +-- Nimm das Handpferd beim Zuegel, Memme! antwortete Michael Strogoff; fuer +das linke werde ich stehen!" + +Ein neuer heftiger Windstoss unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und +er mussten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu +werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie +jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine +Strecke zurueck, und haette ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm +aufgehalten, so waere er wohl vom Wege abgedraengt worden. + +"Fuerchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff. + +-- Ich habe keine Furcht", erwiderte die junge Lieflaenderin, ohne dass ihre +Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen haette. + +Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm +verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges. + +"Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik. + +-- Nein, wir muessen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu +ueberwinden, hoeher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand. + +-- Aber die Pferde wollen nicht vorwaerts. + +-- Mach' es wie ich, ziehe sie! + +-- Diese Windstoesse werden sich wiederholen. + +-- Wirst Du gehorchen? + +-- Du willst es. + +-- Der 'Vater' selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum +ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmaechtigen Namen des Kaisers +gebrauchte. + +-- Dann also vorwaerts, meine Schwalben!" rief der Jemschik und ergriff das +Pferd zur Rechten, waehrend Michael Strogoff die Zuegel des linken packte. + +So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht +mehr seitwaerts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das +nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Strasse einhalten. +Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei +Schritte vorwaerts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. +Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefaehrt +schwebte jeden Augenblick in Gefahr, ausser Ordnung zu kommen. Waere die +Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so haette sie der +erste Anprall des Sturmes gewiss schon entfuehrt. + +Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese +kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurueckzulegen, welche der Geissel +des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein +in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzueglich auch in jenem Hagel +von Geroell und geknickten Staemmen, welchen der Berg um sie herum +niederschuettete. + +Ploetzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein groesserer +Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den +Tarantass herabstuerzte. + +Der Jemschik schrie entsetzt laut auf. + +Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe +antreiben. + +Nur wenige Schritte, und das Felsstueck waere hinter ihnen niedergeschlagen. + +In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, dass der Tarantass +getroffen, seine Gefaehrtin zerschmettert werden muesste! Er fuehlte, dass er +sie lebend nicht mehr herauszuholen vermoechte ... + +Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schoepfte er eine +fast uebermenschliche Kraft, stemmte den Ruecken gegen die Achse, die Fuesse +fest auf den Boden und draengte das schwerfaellige Fuhrwerk einige Schritte +vorwaerts. + +Der gewaltige Block flog vorueber, streifte dem jungen Manne fast die Brust +und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd +und Funken spruehend zersprangen die Steine auf der Strasse. + +"Bruder!" hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene +beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte. + +-- Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia! + +-- Um meinetwillen koennte ich mich niemals fuerchten. + +-- Gott ist mit uns, Schwester! + +-- Mit mir gewiss, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!" sagte +halblaut das junge Maedchen. + +Der Anstoss, den der Tarantass durch Michael Strogoff's Anstrengung erhielt, +sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung fuer die stutzenden +Pferde, die fruehere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff +und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem +schmalen von Norden nach Sueden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den +directen Anprall des Unwetters einigermassen gesichert waren. Die Berglehne +zur Rechten bildete hier eine Art Saegewerk durch einen vorspringenden +Felsen, der sich mitten in einem schaeumenden Wildwasser erhob. Hier +wuethete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien +einigermassen haltbar, waehrend in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone +sich gewiss kein Mensch oder Thier haette aufrecht erhalten koennen. + +Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel +ueberragten, in einem Augenblick gekoepft, so als sauste eine Riesensense +ueber die Hochflaeche dahin. + +Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in +den Engpass hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der +Boden schien unter den furchtbaren Schlaegen zu erzittern, so als wuerde die +ganze Uralkette erschuettert. + +Zum Glueck hatte man den Tarantass in einer tiefen Felsenaushoehlung ziemlich +gut unterbringen koennen, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; +doch war er nicht so vollkommen geschuetzt, dass er nicht manchmal durch +einige von den Bergvorspruengen abgeleitete Seitenstroemungen tuechtig +geschuettelt worden waere. Dabei stiess er wohl gegen die Felsmauer, dass man +befuerchten musste, ihn in tausend Truemmer zersplittert zu sehen. + +Nadia musste den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff +fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushoehlung, +die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herruehrte und in +welche sich das junge Maedchen verkriechen musste, bis es moeglich wuerde, die +Fahrt wieder fortzusetzen. + +Jetzt begann - es war gegen ein Uhr Morgens - der Regen in Stroemen +herabzustuerzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten +Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu +verloeschen. Unter diesen Verhaeltnissen war an den Wiederaufbruch natuerlich +gar nicht zu denken. + +Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff's - und man begreift wohl, wie gross +diese war - musste er doch das schlimmste Unwetter erst voruebergehen +lassen. Da uebrigens der Bergruecken, ueber den die Strasse von Perm nach +Jekaterinenburg fuehrt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch +darum, die Bergabhaenge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, +jetzt, ueber einen von unzaehligen Bergbaechen durchwuehlten Boden, mitten in +dem Sturm und den Regenschauern, hiess wirklich das Leben auf's Spiel +setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen. + +"Abwarten - es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch +gegen vielleicht noch laengere Verzoegerungen. Die Heftigkeit des Gewitters +laesst mich annehmen, dass es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr +muss der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen duerfen, in der +Finsterniss bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch +nicht leicht, so doch mindestens ausfuehrbar sein. + +-- So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt +aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu +ersparen. + +-- Ich weiss es, Nadia, dass Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich +uns Beide aber blossstelle, dann setze ich einen noch hoeheren Preis ein, +als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und +dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfuellen habe. + +-- Einer Pflicht!..." murmelte Nadia. + +Eben zerriss ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen +gleichsam zu zerstaeuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen +Krach. Die Luft erfuellte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche +und eine zwanzig Schritte von dem Tarantass entfernte Gruppe alter Kiefern +flammte, von dem elektrischen Fluidum entzuendet, gleich einer +Gigantenfackel lodernd in die Hoehe. + +Der Jemschik stuerzte, wie von einem Rueckschlag getroffen, zu Boden, erhob +sich aber gluecklicher Weise unverletzt wieder. + +Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges +verloren hatte, fuehlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia's +ergriffen und hoerte sie die Worte in sein Ohr sprechen: + +"Hilferufe, Bruder! Hoerst Du sie?" + + + + + Elftes Capitel. + + + Reisende in Noth. + + +Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Strasse +her und unfern der Aushoehlung, welche den Tarantass deckte, wiederholtes +Hilferufen. + +Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von +irgend einem gefaehrdeten Reisenden ausging. + +Michael Strogoff lauschte aufmerksam. + +Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschuetteln, so als +scheine es ihm unmoeglich, hier Beistand zu leisten. + +"Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia. + +-- Auf uns werden sie nicht zaehlen duerfen!... fiel rasch der Jemschik ein. + +-- Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene +unter gleichen Verhaeltnissen gewiss fuer uns thun wuerden, sollen wir das +unversucht lassen? + +-- Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf's Spiel!... + +-- Ich werde zu Fuss gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten +Geschirrfuehrer. + +-- Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Lieflaenderin. + +-- Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich moechte diesen +nicht allein lassen ... + +-- So werd' ich dableiben, erwiderte Nadia. + +-- Was auch geschehe, verlasse diese geschuetzte Stelle nicht! + +-- Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin." + +Michael Strogoff drueckte dankend die Hand seiner Gefaehrtin, eilte nach der +Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen. + +"Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Maedchen. + +-- Er handelt recht", antwortete einfach Nadia. + +Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er grosse Eile hatte +den Bedraengten, welche jene Rufe erschallen liessen, helfend beizuspringen, +so war doch auch sein Wunsch nicht minder gross, zu erfahren, wer jene +Reisenden sein moechten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, +sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, dass es +dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantass vorausrollte. + +Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit +verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden +immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurueck +gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Strasse verlief mehrfach gekruemmt +und der blaeuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der +sich in einen solchen Strassenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er +sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende +Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kraefte zu +widerstehen vermochte. + +Jedoch, es zeigte sich sehr bald, dass die Reisenden, von denen jene +Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie fuer +Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar - ob das nun daher kam, dass Jene +sich nicht auf der Strasse selbst befanden, oder dass nur die herrschende +Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, - jedenfalls verstand er ihre +Worte schon ganz deutlich. + +Da hoerte er denn, - natuerlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, - +Folgendes: + +"Wirst Du wohl zurueckkommen, Schlingel? + +-- Dich erwartet die Knute auf dem naechsten Relais. + +-- Hoerst Du, Du Postillon der Hoelle! He! Du, da unten! + +-- So wird man in diesem verwuenschten Lande befoerdert. + +-- Und das nennen sie einen Teleg! + +-- He, Du dreifacher Erztoelpel! - Da reisst er aus und scheint's gar nicht +zu bemerken, dass er uns hier sitzen gelassen hat! + +-- Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Englaender! Ich +werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen +lassen!" + +Der, welcher diese Worte herauspolterte, schaeumte vor Wuth. Aber ploetzlich +schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz +anderer Seite betrachtete, denn er hoerte nach einem hellen, bei solcher +Scene gewiss unerwarteten Gelaechter die Worte: + +"Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig! + +-- Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in aergerlichem Tone der +Buerger des Vereinigten Koenigreichs. + +-- Natuerlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn +Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! +Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!..." + +Da erfuellte ein heftiger Donnerschlag den Engpass mit schrecklichem +Krachen, das der Widerhall der Berge noch maechtig verstaerkte. Dann, als +das letzte schwache Rollen verloescht war, liess sich wiederum die lustige +Stimme vernehmen: + +"Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das koennte in Frankreich wahrlich nicht +passiren! + +-- In England auch nicht!" antwortete der Brite. + +Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Strasse und +gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Maenner auf dem hohen Ruecksitz eines +sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen +Geleises fest zu sitzen schien. + +Michael Strogoff naeherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer +weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald +die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem "Kaukasus" den Weg von +Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurueckgelegt hatten. + +"Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter +diesen Umstaenden wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten +Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen." + +Der englische Reporter gruesste und vielleicht wollte er nach allen Regeln +des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, +als ihn Michael Strogoff unterbrach: + +"Nicht noethig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga +gemeinschaftlich befahren haben. + +-- Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...? + +-- Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. +Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher fuer den Einen so erheiternde, +fuer den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat? + +-- Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide +Jolivet. Stellen Sie sich vor, dass unser Postillon mit dem Vordertheile +seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig +sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswuerdigen Fahrzeugs. +Da haben wir nun die schlechtere Haelfte eines Telegs fuer uns Zwei, aber +keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt +und ueber alle Massen drollig? + +-- Ich finde gar nichts Laecherliches dabei! knurrte der Englaender. + +-- Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten +Seite anzusehen. + +-- Aber wie denken Sie denn, dass es moeglich werden soll, unsern Weg +fortzusetzen? fragte Harry Blount. + +-- Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich +beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife +die Zuegel, ich nenne Sie 'mein Taeubchen', wie ein leibhaftiger Jemschik, +und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ... + +-- Herr Jolivet, fiel der Englaender ein, ein solcher Scherz geht zu weit +und ... + +-- O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, +trete ich an Ihre Stelle und Sie moegen mich dann als engbruestige Schnecke +oder ohnmaechtige Schildkroete behandeln, wenn ich Sie nicht in einem +Hoellengalop dahinfahre!" + +Alcide Jolivet schuettelte das Alles mit einem so liebenswuerdigen Humor +hervor, dass Michael Strogoff sich eines Laechelns nicht enthalten konnte. + +"Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiss ich doch besseren Rath. +Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem hoechsten Kamme des Ural und +folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen +befindet sich fuenfhundert Schritt weiter rueckwaerts. Ich will Ihnen eines +meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und +kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhaelt, morgen zusammen in +Jekaterinenburg an. + +-- Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag, +der aus sehr edelmuethigem Herzen kommt. + +-- Ich bemerke noch, mein Herr, dass ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen +Tarantass mit zu benutzen, weil er nur zwei Plaetze enthaelt, die ich mit +meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche. + +-- O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein +College und ich wuerden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers +Halbtelegs noethigenfalls bis an's Ende der Welt kommen. + +-- Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren grossmuethigen +Vorschlag an. Aber jener Jemschik ... + +-- O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, dass ihm solch' +kleiner Unfall zustiess, bemerkte Michael Strogoff. + +-- Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurueck? Er wird recht gut wissen, +dass er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende! + +-- Er!? Er weiss sicher kein Sterbenswoertchen davon. + +-- Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreissung des Telegs in zwei Haelften +gar nicht bemerkt haben? + +-- Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben +von der Welt nach Jekaterinenburg hinein. + +-- Sagt' ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide +Jolivet, dass uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei? + +-- Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefaellig +ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ... + +-- Aber der Teleg? bemerkte der Englaender. + +-- Fuerchten Sie nicht, dass er uns davon fliege, mein lieber Blount, +troestete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, +dass er kommendes Fruehjahr Knospen treiben muesste, wenn man ihn stehen +liesse. + +-- Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den +Tarantass nun hierher schaffen." + +Der Franzose und der Englaender verliessen ihre Bank, die aus einem Ruecksitz +zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff. + +Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner +rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstoeren im Stande war. + +"Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie +ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit. + +-- Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als +was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan haette. Wenn sich +Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstuetzen wollen, moege man lieber +gleich die Landstrassen sperren. + +-- Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie +weit durch die Steppe reisen, koennten wir uns wohl auch noch einmal +begegnen, und ..." + +Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, +dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu +geben: + +"Ich reise nach Omsk, meine Herren. + +-- Und Herr Blount und ich, erklaerte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich +nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber +Neuigkeiten zu erwischen giebt. + +-- Nach den empoerten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen +Eifer. + +-- Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort +wohl nicht wieder! + +-- Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht +luestern nach einer Buechsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu +friedliebender Natur, um mich unnoethig dahin zu begeben, wo man sich +herumschlaegt. + +-- Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiss leid thun, so schnell +von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern +aber doch, dass wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stueck Weges +zusammen zuruecklegen, und waere es nur waehrend weniger Tage? + +-- Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer +Ueberlegung. + +-- Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. +Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die +Verhaeltnisse unseren weiteren Weg bestimmen. + +-- Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden +wir also zusammen sein." + +Michael Strogoff haette es gewiss vorgezogen, allein zu reisen, er konnte +sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden +absondern, welche des naemlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide +Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu +machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag fuer ihn +uebrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer +Gesellschaft zurueck zu legen. + +"Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen." + +Dann setzte er mit moeglichst gleichgiltigem Tone hinzu: + +"Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten ueber den +Tartareneinfall? + +-- Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als +in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan's haben die +ganze Provinz Semipalatinsk ueberschwemmt und dringen jetzt in Eilmaerschen +laengs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen +muessen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen. + +-- Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff. + +-- Dazu geht das Geruecht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet +die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten +Provinz, dem Tartarenchef unverzueglich anschliessen. + +-- Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr +oder weniger begruendeten Neuigkeiten selbstverstaendlich sehr +interessirten. + +-- Ei, so wie man eben Alles weiss, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so +in der Luft. + +-- Und Sie haben begruendete Ursache zu glauben, dass Colonel Ogareff in +Sibirien sei? + +-- Ich habe mindestens davon sprechen hoeren, dass er den Weg von Kasan nach +Jekaterinenburg eingeschlagen habe. + +-- O, Sie wuessten das, Herr Jolivet? liess sich da Harry Blount vernehmen, +den jene Bemerkung des franzoesischen Correspondenten aus seiner +Schweigsamkeit aufruettelte. + +-- Ich wusste es, erwiderte Alcide Jolivet. + +-- Und es war Ihnen auch bekannt, dass er als Zigeuner verkleidet ging? +fragte Harry Blount. + +-- Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkuerlich, da er sich der +Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem +"Kaukasus" und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte. + +-- Ich hatte davon eben genug erfahren, um darueber einen Brief an meine +Cousine zu richten, antwortete laechelnd Alcide Jolivet. + +-- Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Englaender in +trockenem Tone. + +-- Gewiss nicht, liebster College, und waehrend der 'Kaukasus' sich +verproviantirte, that ich ganz dasselbe!" + +Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplaenkel, das sich +zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte +jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht +ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die +jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemuehte sich, alle +Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedaechtniss aufzufrischen, als in +geringer Entfernung ein Knall hoerbar wurde. + +"Ah, vorwaerts, meine Herren! rief Michael Strogoff. + +-- Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschuesse flieht, meinte +Alcide Jolivet, der laeuft ueber Hals und Kopf dahin, wo er solche hoert!" + +Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch +nicht der Mann dazu war, feig zurueck zu bleiben, Michael Strogoff +furchtlos nach. + +Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der +den Tarantass deckte. + +Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzuendeten +Fichtengruppe empor. Die Strasse war leer. Und doch, Michael Strogoff +konnte sich unmoeglich getaeuscht haben; das musste ein Gewehrschuss sein, der +vorher an sein Ohr schlug. + +Da hoerte man ploetzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte +ein zweiter Schuss. + +"Ein Baer! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. +Nadia! Nadia!" + +Sein Dolchmesser aus dem Guertel reissend stuerzte Michael Strogoff hastig +vorwaerts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Maedchen zu warten +versprochen hatte. + +Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten +den Schauplatz. + +In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantass erreichte, waelzte +sich ihm eine enorme Masse entgegen. + +Es war ein ungeheurer Baer. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehoelz, das diese +Abhaenge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner +gewohnten Hoehle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte. + +Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt ueber den Anblick des +furchtbaren Raubgesellen, ihre Straenge und entflohen; der Jemschik, dem +nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergass, dass das junge +Maedchen nun allein dem Angriffe des Baeren ausgesetzt blieb, jagte ihnen +nach. + +Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst +nicht bemerkt haben, denn es stuerzte sich auf das dritte Pferd. Nadia +schluepfte aus der Hoehlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, +ergriff einen von Michael Strogoff's Revolvern, ging kaltbluetig auf den +Baeren los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Naehe. + +Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge +Maedchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantass lief, +dessen einzig uebrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureissen suchte. +Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze +Weiterfahrt zunaechst in Frage gestellt. Nadia war also dem Baeren wieder +entgegen getreten und gab mit bewunderungswuerdig ruhigem Blute, gerade als +jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum +zweiten Male Feuer. + +Das war jener zweite Schuss, welcher ganz in der Naehe Michael Strogoff's +aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Baeren und das +junge Maedchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und +das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine +leblose Masse, vor ihm zusammen. + +Es war ein huebsches Proebchen jener Methode der sibirischen Jaeger, die +stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene +Fell eines Baeren nicht zu beschaedigen. + +"Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff's erste Frage, +als er sich zu dem jungen Maedchen wandte. + +-- Nein, Bruder", antwortete Nadia. + +Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle. + +Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er musste wohl eine +kraeftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu baendigen. Sein +Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff's mit angesehen. + +"Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, fuer einen einfachen Kaufmann, +Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich +umzugehen. + +-- Sogar sehr geschickt, fuegte Harry Blount hinzu. + +-- In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir +genoethigt, uns um Alles ein wenig zu bekuemmern." + +Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann. + +Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in +der Hand, den einen Fuss auf dem Koerper des erlegten Baeren, sah Michael +Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich +schoen aus. + +"Ein famoser Kerl!" sagte Alcide Jolivet fuer sich. + +Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begruesste das junge +Maedchen. + +Nadia verneigte sich leicht. + +Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte: + +"Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Baer waere, ich riebe +mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswuerdigen +Paerchen!" + +Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in +einiger Entfernung. Die zwanglose Hoeflichkeit seines Collegen vermehrte +nur seine natuerliche Steifheit. + +Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden +Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das +praechtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute fuer die Raubvoegel +liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr +wieder in Ordnung zu bringen. + +Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in +Kenntniss und sagte, dass er diesen ein Pferd vom Tarantass zur Verfuegung +stellen wolle. + +"Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indess, zwei Wagen statt +des einen ... + +-- Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zoegern schnell +genug verstand, ihm in's Wort, Du wirst natuerlich auch doppelte Bezahlung +erhalten. + +-- Nun denn vorwaerts, meine Turteltaeubchen!" rief der Jemschik. + +Nadia hatte den Tarantass wieder bestiegen, waehrend Michael Strogoff und +seine Begleiter diesem zu Fusse nachfolgten. + +Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte +nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so dass man +leidlich schnell vorwaerts kam. + +Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantass das +Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Raeder in den +Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, dass ein heftiger +Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlasst hatte. + +Das eine der Seitenpferde des Tarantass ward nun so gut es eben anging mit +Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten +nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und +gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja +nur die Bergabhaenge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere +Schwierigkeit bot. + +Sechs Stunden spaeter langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem +anderen in Jekaterinenburg an, ohne dass ein weiterer Unfall diesen zweiten +Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen haette. + +Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses +in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der groessten +Gemuethsruhe zu erwarten schien. + +Ohne alle Verlegenheit ging der gutmuethige Russe seinen Passagieren +laechelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld +einzuheimsen. + +Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, dass Harry Blount's Zorn +dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und waere der +Jemschik nicht klueglich zurueckgewichen, so haette ihm ein nach allen Regeln +der edlen Boxkunst gefuehrter Faustschlag wohl sein '_na vodku_' mitten +in's Gesicht gezeichnet. + +Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen +und jubelte auf, wie er vielleicht frueher noch nie gelacht hatte. + +"Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem +vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir +keine Mittel fanden, ihm zu folgen!" + +Er zog einige Kopeken aus der Tasche. + +"Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, +steck' sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war's ja Deine Schuld +nicht!" + +Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount's, der sich an +dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozess an den Hals werfen +wollte. + +"Einen Prozess! Und in Russland! rief Alcide Jolivet; aber unter den +obwaltenden Verhaeltnissen, bester College, waeren Sie nicht im Stande, +dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener +russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Saeuglings +gegenueber klagbar wurde, dass sie jenen weiter naehren wollte? + +-- Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount. + +-- Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Saeugling geworden war, als das +Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten faellte? + +-- Und was, wenn ich bitten darf? + +-- Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!" + +Alle brachen in helles Gelaechter aus. + +Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und +bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Woerterbuche zu figuriren, +durch folgende Bemerkung: + +"Teleg, ein in Russland gebraeuchlicher Wagen, wenn er abfaehrt mit vier, - +wenn er ankommt mit zwei Raedern!" + + + + + Zwoelftes Capitel. + + + Eine Herausforderung. + + +Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, +denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Auslaeufern der +oestlichen Berglehne. Trotzdem gehoert es zu dem Gouvernement von Perm und +bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europaeischen +Russlands. Dieser administrative Uebergriff muss wohl seinen Grund haben. Er +betrifft ein Stueck Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Russlands +verblieb. + +Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer +so grossen, schon im Jahre 1723 gegruendeten Stadt um die Beschaffung der +noethigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen. + +In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Muenzstaette des +ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der +Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen +Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhuetten, Gold- und Platinwaeschereien fast +im Ueberfluss vorhanden sind. + +Zu jener Zeit hatte die Bevoelkerung Jekaterinenburgs sich ganz +ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen +und Sibirier stroemten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von +Feofar-Khan's Horden schon ueberflutheten Provinzen und vorzueglich aus dem +Lande der Kirghisen, das sich im Suedwesten des Irtysch bis zu den Grenzen +von Turkestan ausdehnt. + +Fehlten also die Befoerderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu +gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluss vorhanden, um diese Stadt +verlassen zu koennen. Bei der jetzigen Lage der Dinge fuehlten die meisten +Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben. + +Unter eben diesen Umstaenden gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount +natuerlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. +Was Michael Strogoff betrifft, so gehoerte der Tarantass ja ihm an; +letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht +sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter +Pferde, um ihn schnell auf der Strasse nach Irkutsk weiter zu befoerdern. + +Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoe verlief diese Strasse noch sehr +huegelig, denn sie wand sich bis dahin ueber die launenhaften +Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. +Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoe aber begann die grenzenlose Steppe, die +sich bis in die Naehe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. ueber einen Raum von +1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser. + +Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im +Vorigen erfahren haben, zunaechst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von +Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich naeher ueber den Verlauf +der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den +im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, +je nachdem ihr Jaegerinstinct sie auf die eine oder die andere Faehrte +leiten wuerde. + +Dieselbe Strasse von Jekaterinenburg nach Ischim, - die sich auch nach +Irkutsk fortsetzt, - war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff +unbedingt benutzen musste. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von +Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu +vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er fuer seinen Theil +fest entschlossen, nirgends unnoethig eine Stunde zu verweilen. + +"Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr +angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft +zurueckzulegen, doch muss ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, dass +ich die groesste Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich +wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiss, ob es uns ueberhaupt moeglich +werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Haende +faellt! Ich werde mich also auf den Relais nie laengere Zeit aufhalten, als +das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen. + +-- Wir denken vorlaeufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount. + +-- Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen +Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ... + +-- Der so freundlich ist, fuegte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem +Vorder- und Hintertheil bei der naechsten Station anzukommen." + +Eine halbe Stunde spaeter hatte der ruehrige Franzose denn auch ohne +besondere Muehe einen Tarantass aufgetrieben, der dem Michael Strogoff's +ziemlich aehnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort +bequem einrichtete. + +Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plaetze im Tarantass ebenfalls wieder +ein, und zu Mittag verliessen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg. + +Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach +Irkutsk fuehrt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Lieflaenderin da +wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, +in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten +Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich +kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht +einmal haette betreten duerfen; ihr Blick schweifte hinaus ueber den +entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie +beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von +sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des +westlichen Sibiriens, die sich von dem des oestlichen so merklich +unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, +einem, mindest auf der Oberflaeche, sehr mageren Boden, denn in seinem +Innern birgt er neben einem Ueberfluss von Eisen auch viel Kupfer, Gold und +Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl huettengewerbliche Anlagen, aber +fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch +die noethigen Arme nehmen, die Erde zu pfluegen, die Felder zu besaeen, die +Erndten einzuholen, wenn es eintraeglicher ist, die Eingeweide der Erde mit +Spitzhaue und Schlaegel zu durchwuehlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann +den Platz geraeumt. Die Hacke trifft man ueberall, den Spaten nirgends. + +Manchmal loesten sich Nadia's Gedanken indess doch von den entlegenen +Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre +gegenwaertige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie +sah wieder ihren edelmuethigen Reisegefaehrten zuerst auf der Eisenbahn von +Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen gefuehrt +hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit waehrend der Fahrt, seines +Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden +Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner +Sorgfalt fuer sie waehrend der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, +was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit +Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten! + +Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafuer, dass er ihr +gerade diesen wachsamen Beschuetzer, diesen edelmuethigen und verschwiegenen +Freund zugefuehrt hatte. Sie fuehlte sich neben ihm, unter seinem Schutze +vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder haette nicht besser an ihr +handeln koennen. Sie fuerchtete jetzt kein Hinderniss mehr; sie war +ueberzeugt, ihr Endziel zu erreichen. + +Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen +Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, dass er ihm durch diese Begegnung +mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualitaet gegen +Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes +Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Maedchens erweckte +die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine +Schwester? Er empfand fuer seine schoene heroische Begleiterin ebenso viel +Hochachtung als Zuneigung. Er fuehlte es, dass in ihr eines jener reinen und +seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zaehlen kann. + +Seitdem er indess den Boden Sibiriens durchzog, begannen fuer Michael +Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden +Journalisten sich nicht etwa taeuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die +Grenze ueberschritten hatte, so musste er ueberall mit der groessten Vorsicht +auftreten. Die Verhaeltnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen +Provinzen wimmelte es gewiss von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito +gelueftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um +seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff +empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete. + +So gestalteten sich die Umstaende in dem ersten Wagen, und wie sah es denn +in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewoehnlich. Alcide Jolivet sprach in +lustigen Saetzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder +sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich +Anmerkungen ueber Vorkommnisse waehrend der Reise, Ereignisse, welche +uebrigens waehrend dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens +nicht von besonderem Gewichte waren. + +Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten +Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen +werden, so verliess Nadia den Tarantass gar nicht. Beabsichtigte man zu +fruehstuecken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel +Platz, hielt sich aber sehr zurueckgezogen und betheiligte sich moeglichst +wenig bei der Unterhaltung. + +Ohne jemals die Grenzen gebildeter Hoeflichkeit zu ueberschreiten, zeigte +Alcide Jolivet doch fuer die junge Lieflaenderin, die er uebrigens reizend +fand, stets die groesste Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, +die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umstaenden ausgefuehrten +Reise gegenueber zeigte. + +Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr +mittelmaessig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die +Postmeister an, liess die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das +Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt - gewoehnlich zu schnell +und zum grossen Leidwesen Harry Blount's, der nun einmal ein methodischer +Esser war, - so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn +sie bezahlten fuerstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, "als und mit +russischen Adlern(3)". + +Es versteht sich von selbst, dass Harry Blount sich des jungen Maedchens +wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen +Unterhaltungsgegenstaende, ueber welche er mit seinem Gefaehrten nicht gern +plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei +Sachen auf einmal zu thun. + +Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge +Lieflaenderin wohl sein moege, antwortete er ganz ernsthaft und mit +halbgeschlossenen Augen: + +"Welche junge Lieflaenderin? + +-- Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff's. + +-- Das ist seine Schwester? + +-- Nein, seine Grossmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma +ausser Fassung brachte. -- Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu? + +-- Waere ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so wuerde ich es wissen!" +antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen +wollte. + +Der Landstrich, durch den die beiden Tarantass dahinrollten, war fast +vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht +bewoelkt, die Temperatur ertraeglich. Mit besser auf Federn befestigten +Wagen haetten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie +kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell +vorwaerts. + +Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwaertigen +Verhaeltnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar +keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche +Bauern eine beruehmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt +ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige +verlassene Doerfer die Annaeherung der tartarischen Heerhaufen. Die +Einwohner waren unter Mitfuehrung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und +Pferden nach den noerdlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene +Staemme der grossen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls ueber den +Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Pluenderungen der Eindringlinge zu +entgehen. + +Gluecklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Stoerung, so wenig +wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch +reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den +vorschriftsmaessigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die +Beamten an ihren Schaltern zur Befoerderung der aufgegebenen Telegramme, +welche hoechstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzoegerung +erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen +ausgiebigen Gebrauch. + +Bis hierher ging Michael Strogoff's Reise also unter befriedigenden +Umstaenden von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends +verspaetet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan ueber +Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch +sicher, vor ihnen und in der kuerzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in +Irkutsk anzulangen. + +Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantass Jekaterinenburg verliessen, +erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach +Zuruecklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne dass sich dabei ein irgend +nennenswerther Zufall ereignet haette. + +Dort wurde dem Fruehstueck ein halbes Stuendchen gegoennt. Gleich darauf +eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das +Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklaerlich machte. + +Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst +weiter in Tiumen an. + +Tiumen, dessen normale Bevoelkerung gegen 10,000 Seelen zaehlt, beherbergte +jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, uebrigens das erste von den +Russen in Sibirien gegruendete Industriestaedtchen, dessen schoene +metallurgische Werkstaetten und Glockengiessereien weithin bekannt sind, bot +noch nie vorher einen so belebten Anblick. + +Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach +Neuigkeiten. Was die sibirischen Fluechtlinge vom Kriegsschauplatze +mittheilten, klang nicht eben sehr troestlich. + +Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan's naehere sich in +Eilmaerschen dem Thale des Ischim, und man bestaetigte mehrfach, dass der +Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten +werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz +richtig, dass die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens +gefuehrt werden wuerden. + +Die russischen Truppen mussten ihrer Mehrzahl nach erst aus den +europaeischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu +entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu koennen. Dagegen bewegten +sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Maerschen auf Tomsk +zu und hofften die Tartarenschwaerme dort abzuschneiden. + +Um acht Uhr Abends hatten die Tarantass weitere fuenfundsiebzig Werst +zurueckgelegt und kamen in Jalutorowsk an. + +Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich ausserhalb der Stadt auf +einer Faehre den Tobolfluss. Sein sehr friedliches Gewaesser erleichterte +diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, +und dann wohl unter minder guenstigen Umstaenden wiederholen musste. + +Gegen Mitternacht wurde, fuenfundfuenfzig Werst weiter, der Flecken +Novo-Saimsk erreicht und nun liessen die Reisenden endlich den leicht +wellenfoermigen Boden mit seinen waldbedeckten Huegeln, den letzten Wurzeln +der Uralberge, hinter sich. + +Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis +in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne +Grenzen, eine Art mit Graesern bestandener Wueste, an deren Umfang sich +Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen beruehrten. +Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die +Telegraphenpfaehle zu beiden Seiten der Strasse, laengs der die Draehte leise, +wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. +Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den +feinen Staub, der unter den Raedern der Tarantass aufwirbelte. Ohne dieses +weissliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, haette man +geglaubt, in der Wueste zu sein. + +Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefaehrten mit noch +groesserer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten +kein besonderes Hinderniss zu ueberwinden, und der Weg verschwand sichtbar +hinter ihnen. Die Tarantass flogen direct auf Ischim zu, woselbst die +beiden Correspondenten zunaechst bleiben wollten, wenn kein besonderer +Zwischenfall ihre Absichten kreuzte. + +Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am +Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurueckgelegt sein, +vorausgesetzt, dass man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der +Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich grosse Herren +oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in +der Freigebigkeit bezueglich der vertheilten Trinkgelder begruendet sein. + +Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantass in der +That nur noch dreissig Werst von Ischim. + +Da bemerkte Michael Strogoff auf der Strasse und vor einer wallenden +Staubwolke kaum sichtbar, dass noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da +seine weniger ermuedeten Pferde sehr schnell liefen, musste er diesen +offenbar bald einholen. + +Jenes war weder ein Tarantass, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; +ueber und ueber mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich +zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gaeule los und suchte +sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline +hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie musste auf die Strasse nach +Irkutsk ueber irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein. + +Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie +Alle nur den naemlichen Gedanken, sie zu ueberholen, vor ihr beim Relais +anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes +an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der +von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline. + +Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an. + +Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar. + +Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er +indessen voruebereilte, so hoerte er den Fremden doch mit befehlendem Tone +ihm zurufen: + +"Anhalten!" + +Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell +ueberholt. + +Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf +der voruebersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline +gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke +verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weisslich-grauen Masse +erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit +den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher. + +Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im +Vorsprung, - ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das +Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das +verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach +einander, wohl zu leisten vermochte. + +Eine halbe Stunde spaeter sah man die weit ueberholte Berline kaum noch als +ein Puenktchen am Horizonte der Steppe. + +Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantass am Posthause, gleich am +Eingange der Stadt Ischim anlangten. + +Die Nachrichten ueber den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die +Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen +bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehoerden auf +Tobolsk zurueckgezogen. Ischim besass jetzt weder einen Beamten noch einen +Soldaten. + +Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais fuer sich +frische Pferde. + +Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade +drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die +andern lagen erschoepft von irgend einem kurz zuvor zurueckgelegten langen +Wege in den Stallungen. + +Der Postmeister gab Befehl, den Tarantass zu bespannen. + +Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige +Weiterbefoerderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es fuer gerathen hielten, +vorlaeufig in Ischim zu verweilen; sie liessen also nur ihren Wagen in einer +Remise des Posthofes unterbringen. + +Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die +Meldung, dass sein Tarantass zum Abfahren bereit sei. + +"Gut", erwiderte er. + +Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten. + +"Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl +die Zeit des Abschieds fuer uns gekommen. + +-- Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht +ein Stuendchen lang auch in Ischim aufhalten? + +-- Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu +haben, bevor die von uns ueberholte Berline hier eintrifft. + +-- Fuerchten Sie, dass der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde +streitig machen koennte? + +-- Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden. + +-- Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, haetten wir nur nochmals fuer +den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie fuer das Vergnuegen, welches es +uns bereitete, mit Ihnen zu reisen. + +-- Es ist uebrigens moeglich, setzte Harry Blount hinzu, dass wir uns nach +Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen. + +-- Das koennte wohl sein, bestaetigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin +abgehe. + +-- Also glueckliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und +Gott bewahre Sie vor allen Telegs." + +Die beiden Correspondenten ergriffen die Haende Michael Strogoff's, um sie +ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu druecken, als von draussen das +Heranrollen eines Wagens hoerbar wurde. + +Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebaeudes stuermisch aufgerissen und +erschien in demselben eine maennliche Gestalt. + +Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militaerischem Aussehen, +der gegen vierzig Jahre zaehlen mochte, von hoher, kraeftiger Gestalt, +maechtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen +Schnurrbart, der unmittelbar in den roethlichen Backenbart ueberging. Er +trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesaebel hing an seiner +Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand. + +"Pferde!" rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu +befehlen leicht heraushoerte. + +-- Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfuegung, antwortete der +Postmeister mit einer hoeflichen Verbeugung. + +-- Ich brauche solche aber im Augenblick. + +-- Es ist unmoeglich. + +-- Was sind das fuer Pferde, welche ich eben vor der Thuer des Relais an den +Tarantass gespannt sah? + +-- Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit +einem Hinweis auf Michael Strogoff. + +-- So spanne man sie wieder ab!..." sagte der Reisende in einem Tone, der +jeden Widerspruch fast abschnitt. + +Michael Strogoff trat einen Schritt vor. + +"Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er. + +-- Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwaerts - lebhaft! Ich habe keine Zeit zu +verlieren. + +-- Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar", erwiderte Michael +Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Muehe zurueckhalten +konnte. + +Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien aeusserlich ruhig und doch +fuerchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen +haette. + +"Genug der Worte!" versetzte der fremde Reisende. + +Dann wandte er sich an den Postmeister: + +"Sie lassen jenen Tarantass wieder abschirren, rief er und bekraeftigte +seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor +meine Berline gespannt." + +In seiner Verlegenheit wusste der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen +sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den +unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten. + +Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe +seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken musste, +nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde +seine Reise verzoegern, und ausserdem lag es ihm am Herzen, keinen +zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausfuehrung seiner Mission haette +in Frage stellen koennen. + +Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar +bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstuetzung anrufen sollte. + +"Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben", sagte Michael Strogoff, +aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es fuer einen einfachen +sibirischen Kaufmann passend erschien. + +Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine +Hand derb auf dessen Schulter fallen liess: "Also so steht es! Du weigerst +Dich, mir Deine Pferde abzutreten? + +-- Gewiss, antwortete Michael Strogoff. + +-- Nun gut, so werden sie dem gehoeren, der nachher noch im Stande ist +weiter zu reisen! Vertheidige Dich - ich schone Dich nicht!" + +Bei diesen Worten riss der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide +und legte sich zum Fechten aus. + +Nadia stuerzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff. + +Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite. + +"Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und +kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust. + +-- Du wirst Dich nicht schlagen? + +-- Nein. + +-- Auch hiernach nicht?" schrie der Reisende. + +Und bevor man ihn zurueckhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche +Michael Strogoff's Schulter. + +Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen +des jungen Mannes. Seine Haende hoben sich krampfhaft, als wollten sie den +rohen Gegner zermalmen. Nur mit aeusserster Anstrengung blieb er seiner +maechtig. Ein Duell, - das war mehr, als eine Verzoegerung, das konnte ihn +seine Mission gaenzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige +Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden! + +"Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den +Raufbold eines weiteren Wortes zu wuerdigen, waehrend er dem Fremden aber +fest in's Auge sah. + +-- Die Pferde fuer mich! Und augenblicklich!" herrschte Jener. + +Er verliess mit diesen Worten das Zimmer. + +Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den +Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick +zu. + +Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten +hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders guenstig sein. Sie +erschienen sichtlich enttaeuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann liess +sich schlagen und forderte auch fuer eine solche rohe Beleidigung keine +Genugthuung! Sie gruessten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich +zurueck, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte: + +"Das haette ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Baeren des Ural +so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, dass der Muth +seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir +unverstaendlich. Uns Andern koennte hier vielleicht nur das Eine abgehen, +dass wir niemals Leibeigene gewesen sind." + +Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Raedern und das Knallen einer +Peitsche, dass die mit den Pferden des Tarantass bespannte Berline das +Posthaus verliess. + +Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd +in dem Wartesaale des Relais zurueck. + +Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen +niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsaeule. Nur hatte +eine tiefe Roethe, welche einer Schamroethe dennoch nicht aehnlich sah, die +fruehere Blaesse seines Gesichtes verdraengt. + +Fuer Nadia lag es ausser allem Zweifel, dass nur die gewichtigsten Gruende +einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich +ungestraft hingehen zu lassen. + +Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in +Nishnij-Nowgorod genaehert hatte. + +"Deine Hand, Bruder!" redete sie ihn an. + +Dabei fing ihre Hand bei einer fast muetterlich-zaertlichen Bewegung eine +Thraene auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordraengte. + + + + + Dreizehntes Capitel. + + + Die Pflicht ueber Alles! + + +Nadia hatte es durchschaut, dass irgend ein wichtiges Geheimniss die +Handlungsweise Michael Strogoff's bestimmte, dass dieser, aus welchem +Grunde wusste sie nicht, sich nicht selbst angehoerte, nicht das Recht +hatte, ueber seine Person zu verfuegen, und dass er unter diesen Umstaenden +sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenueber einer so +frechen, toedtlichen Beleidigung. + +Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklaerung zu +beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden +Morgen nicht zu beschaffen; man musste demnach die ganze Nacht auf dem +Relais zubringen. Fuer Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so +noethige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewaehren. Es wurde fuer +sie also ein Zimmer zurecht gemacht. + +Gewiss waere das junge Maedchen lieber bei ihrem Reisegefaehrten geblieben, +aber sie fuehlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte +sich an, das fuer sie bestimmte Zimmer aufzusuchen. + +Unmoeglich war es ihr aber, sich zurueck zu ziehen, ohne sich von Jenem +wenigstens zu verabschieden. + +"Lieber Bruder ...", fluesterte sie noch einmal. + +Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein +Seufzer entrang sich der Brust des jungen Maedchens, und schweigend verliess +sie das Zimmer. + +Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er haette unmoeglich Schlaf finden +koennen. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen +Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer. + +"Fuer das Vaterland und fuer dessen Vater!" murmelte er endlich am Schlusse +eines stillen Abendgebetes. + +Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der +Mann sein moege, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er kaeme, wohin er +ginge. Die Gesichtszuege desselben hatten sich seinem Gedaechtniss so tief +eingepraegt, dass er nie zu befuerchten brauchte, dieselben zu vergessen. + +Michael Strogoff liess den Postmeister rufen. + +Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann +etwas ueber die Achsel an und erwartete dessen Begehren. + +"Du bist selbst aus diesem Lande? + +-- Ja. + +-- Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm? + +-- Nein. + +-- Du hast ihn nie vorher gesehen? + +-- Niemals. + +-- Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein? + +-- Ein grosser Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiss!" + +Wie ein Dolchstoss traf Michael Strogoff's Blick den Sibirier bis in's +Herz, aber der Postmeister ruehrte die Augenlider nicht. + +"Du unterstehst Dich, ueber mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff. + +-- Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die +auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt. + +-- Den Schlag mit der Peitsche meinst Du? + +-- Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage, +Dir das sagen zu koennen." + +Michael Strogoff naeherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden +wuchtigen Haende auf die Schultern. + +Dann sagte er mit besonders gemaessigter Stimme: + +"Geh' Deines Weges, guter Freund! - Geh', ich koennte Dich umbringen!" + +Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht missverstanden. "So sehe ich Dich +lieber", sagte er noch halblaut. + +Ohne ein weiteres Wort verliess er den Wartesaal. + +Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantass Morgens acht Uhr mit drei +muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz, +und Ischim, fuer Beide eine Stadt mit so betruebender Erinnerung, verschwand +bald hinter einer Biegung der Strasse. + +Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages +beruehrte, konnte er sich ueberzeugen, dass die Berline ihm immerfort auf dem +Wege nach Irkutsk vorausfuhr und dass der Reisende, der es offenbar ebenso +eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen. + +Gegen vier Uhr Abends musste, fuenfundsiebzig Werst weiter, bei der Station +Abatskaja, der Ischimfluss, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch, +ueberschritten werden. + +Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene ueber den Tobol. Die +Stroemung des Ischim ist naemlich gerade an dieser Stelle eine besonders +heftige. Waehrend des sibirischen Winters sind alle diese Steppenfluesse, +welche der Frost mit mehrere Fuss dickem Eise belegt, leicht zu passiren; +ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weissen Decke, welche sich +ueber die ganze Haelfte des groessten Erdtheils lagert; im Sommer koennen sie +dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten. + +Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt ueber den Ischim hin, - zwei +Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung +brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende +Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten. + +Diese lauteten etwa folgendermassen: + +Einzelne Plaenkler von Feofar-Khan's Truppen waren schon an beiden Ufern +des unteren Ischim, in den suedlichen Landstrichen des Gouvernements +Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von +einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der +Grenze des Gebietes der grossen Kirghisenhorde, - ein Treffen, das fuer die +auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen +sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rueckzug, der gleichzeitig +eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansaessigen Bauern zur +Folge hatte. Man erzaehlte sich von haarstraeubenden Frevelthaten der +Eindringlinge, von Pluenderungen, Diebstaehlen, Brandstiftungen und +Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegfuehrung der Tartaren. Von allen +Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan's zu entfliehen. Bei +dieser Entvoelkerung der Flecken und Doerfer fuerchtete Michael Strogoff vor +Allem, dass es ihm an den noethigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen +koenne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede moegliche Weise. +Jenseits dieser Stadt schien es eher moeglich, den tartarischen Plaenklern, +die laengs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie +Strasse nach Irkutsk zu erreichen. + +Der Tarantass ueberschritt den Fluss uebrigens gerade am Ende der Stelle, +welche man in der Militaersprache als "die Ischimsperre" bezeichnet, eine +Reihe von hoelzernen Thuermen und Fortificationsanlagen, die sich von der +suedlichen Grenze Sibiriens in einer Laenge von 400 Werst (= 427 Kilometer) +nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhaeuser u. s. w. von +Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen +Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die +moskowitische Regierung diese Horden aber fuer vollstaendig unterworfen +hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nuetzen, +obschon sie gerade jetzt haetten recht vortheilhaft vertheidigt werden +koennen. Der groesste Theil dieser Blockhaeuser lag in Asche, und einige +Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten, +bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annaeherung der tartarischen +Vorhut. + +Sobald die Faehre den Tarantass nebst Bespannung an das rechte Flussufer +befoerdert hatte, ward der Weg durch die Steppe in moeglichster +Geschwindigkeit weiter fortgesetzt. + +Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmaessig verschleiert. Wiederholt +fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu +loeschen und den Weg eher zu bessern. + +Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in truebem +Schweigen, ohne dass er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor, +Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast moeglichst +zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage ueber des jungen Maedchens Lippen +kam. Wie gern haette sie den Pferden des Tarantass Fluegel verliehen! Ein +unbekanntes Etwas rief ihr zu, dass ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe, +in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie +jetzt noch von diesem Ziele! + +In ihr stieg auch der Gedanke auf, dass bei einer Besetzung von Omsk durch +die Tartaren Michael Strogoff's alte Mutter, welche ja in dieser Stadt +wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf's +schmerzlichste beunruhigen mussten, und dass hierin wohl ein hinreichender +Erklaerungsgrund zu finden sei fuer seine Ungeduld, moeglichst schnell bei +ihr einzutreffen. + +Nadia hielt es also fuer gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm +zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so +ernsthaften Ereignisse befand. + +"Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine +Nachricht erhalten? fragte sie. + +-- Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei +Monaten, dieser enthielt jedoch nur guenstige Nachrichten. Marfa ist eine +energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters +bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiss sich +auch in missliche Umstaende zu schicken. + +-- Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Maedchen. Da +Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa's Tochter!" + +Michael Strogoff antwortete nicht sofort. + +"Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen koennen? fuegte sie hinzu. + +-- Das ist wohl moeglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe +sogar, dass es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die +alte Marfa ist von Hass gegen die Tartaren erfuellt. Sie kennt die Steppe, +sie hat keine Furcht, und ich wuenschte, sie haette ihren Stab ergriffen und +waere laengs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es +keinen Ort, der ihr unbekannt waere. Wie oft hat sie das ganze Land an der +Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als +Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzuegen durch die sibirische +Wuestenei! Gewiss, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk gluecklich +verlassen haben. + +-- Und wann denkst Du sie wieder zu sehen? + +-- Jedenfalls ... auf der Rueckreise. + +-- Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk waere, wirst Du ein Stuendchen opfern, +sie zu umarmen? + +-- Ich werde nicht erst zu ihr gehen. + +-- Du willst sie nicht einen Augenblick sehen? + +-- Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich muehsam +hob und der wohl einsah, dass er die Fragen des jungen Maedchens noch weiter +zu beantworten nicht im Stande sei. + +-- Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen koennten Dich, wenn Deine +Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen? + +-- Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gruenden meiner +Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veraenderten +Stimme, dass das junge Maedchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der +Ursachen, die mich meinen Zorn ueberwinden liessen gegenueber jenem Elenden, +dessen ..." + +Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst. + +"Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu. +Ich weiss nur Eines, oder vielmehr ich weiss es nicht, aber ich fuehle es, +dass jetzt nur ein Gefuehl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefuehl einer +noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter +bindet!" + +Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespraech, +welches zu der gegenwaertigen eigenthuemlichen Lage Michael Strogoff's +irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniss, gewiss ein wichtiges, +vor. Sie achtete es aufrichtig. + +Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantass um drei Uhr frueh bei dem +Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am +Ischim gegen 120 Werst zurueckgelegt hatte. + +Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indess erhob hier zum ersten Male der +Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, dass +Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und dass Reisende, Pferde +und Wagen fuer jenes Raubgesindel eine erwuenschte Beute sein wuerden. + +Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender +Muenze, denn in diesem wie in mehreren anderen Faellen wollte er von seinem +Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen +uebermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen +Russen lenkte sich dadurch, dass er von der Befolgung der in jenem +enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine +Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden +suchte. Sollten die ausgesprochenen Befuerchtungen des Jemschiks vielleicht +nur daher ruehren, dass der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des +Reisenden gruendete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer +zu befuerchten? + +Endlich fuhr der Tarantass ab und bewegte sich mit einer solchen +Schnelligkeit weiter, dass er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoe, in +einer Entfernung von 80 Werst, gluecklich erreichte. Eine Stunde spaeter +befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20 +Werst entfernt. + +Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen +Hauptarterien, die ihre Waesser nach dem Norden Asiens hinabrollen. +Entsprungen in den Altaibergen, wendet er sich schraeg von Suedosten nach +Nordwesten und muendet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den +Obi ein. + +Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Stroeme der +sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein +ungewoehnlich hoher, so dass die heftige, fast reissende Stroemung die +Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste +Schwimmer haette sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst +eine Faehre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt ueber den Irtysch, bot jetzt +einige Gefahren. + +Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael +Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide +entschlossen waren, all' und jedem Hinderniss ohne Besinnen zu trotzen. + +Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den +Vorschlag, erst allein ueber den Fluss zu gehen, indem er sich auf der mit +dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Faehre einschiffen wollte, denn +er fuerchtete, dass das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Faehre +einigermassen in Frage stellen koenne. Nachdem er Pferde und Wagen am +jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurueckkehren, um Nadia abzuholen. + +Nadia verweigerte diese Ruecksichtnahme, welche eine volle Stunde +Zeitverlust veranlasst haette, und sie wollte um ihrer persoenlichen +Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzoegerung sein. + +Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand +jetzt theilweise unter Wasser und die Faehre konnte in Folge dessen nicht +so nahe anlegen. + +Nach halbstuendiger Anstrengung brachte der Faehrmann den Tarantass und die +drei Pferde gluecklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und +der Jemschik schifften sich ein, und man stiess nun vom Ufer. + +Waehrend der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der +sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete +hier eine Art Wirbel, welchen die Faehre leicht ueberwand. Die beiden +Schiffer stiessen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr +geschickt bedienten, vorwaerts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes +naeherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so dass von den Stangen +kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter +stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuss aus dem +Wasser, was die Arbeit der Leute natuerlich nicht wenig erschwerte. + +Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Faehre Platz +genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzoegerung zu +erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsfuehrer. + +"Achtung!" rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu. + +Diesen Zuruf veranlasste eine unerwartete Wendung der Faehre, welche mit +grosser Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Stroemung des +Flusses ergriffen und von dieser stromabwaerts mit fortgerissen. Es +handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die +Faehre wieder in schraege Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu +bringen. Die Bootsfuehrer liessen nichts unversucht, und es gelang ihnen, +wenn auch mit einiger Muehe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu +veraendern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen. + +Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, dass das Faehrboot fuenf bis sechs +Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen wuerde, was ja +nicht von zu grosser Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere gluecklich +das Land erreichten. + +Die beiden Bootsfuehrer, kraeftige Maenner, welche noch das Versprechen eines +reichlichen Faehrgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten +Zweifel in das glueckliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch. + +Dabei liessen sie freilich einen Zwischenfall ausser Acht, den sie unmoeglich +voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick haetten eben +gegen diesen etwas auszurichten vermocht. + +Die Faehre befand sich inmitten der Stroemung, etwa in gleicher Entfernung +von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der +Stunde mit jener thalabwaerts, als Michael Strogoff sich erhob und mit +gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwaerts richtete. + +Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer +Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch +der Druck der Ruder, mit denen sie ausgeruestet waren. + +Auf Michael Strogoff's Stirn bildeten sich ploetzlich einige Falten und ein +leiser Schrei kam unwillkuerlich ueber seine Lippen. + +"Was giebt es?" fragte das junge Maedchen. + +Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der +Bootsfuehrer mit erschrockener Stimme: + +"Die Tartaren! Die Tartaren!" + +Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in +groesster Schnelligkeit hinab und mussten binnen wenigen Minuten die Faehre +erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug +entweichen zu koennen. + +Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Faehrleute verzweifelt auf und +verliessen ihre Bootshaken. + +"Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fuenfzig Rubel sind +euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels +erreichen!" + +Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmuethigen Faehrleute so +weit, dass sie mit dem Aufgebot aller Kraefte die scharfe Stroemung zu +durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmoeglichkeit, +vor Ankunft der Tartaren zu landen. + +Wuerden diese nun vorueberfahren, ohne die Faehre und ihre Insassen zu +belaestigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen +Barbaren Alles zu fuerchten. + +"Hab' keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor +auf Alles! + +-- Ich bin es, antwortete Nadia. + +-- Selbst Dich in den Fluss zu stuerzen, wenn ich es verlangte? + +-- Auf Dein erstes Wort. + +-- Vertraue mir, Nadia. + +-- Ich vertraue Dir stets." + +Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert +Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche +offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten. + +Die Faehre befand sich jetzt noch zwei Schiffslaengen weit vom Ufer. Die +Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang +ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit uebermenschlicher +Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantass noch auszuschiffen und im Galop +davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht +berittenen Tartaren zu entgehen. + +Aber alle Muehe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein! + +"_Sarin na kitschu!_" riefen die Soldaten aus dem ersten Boote. + +Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf +das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen. + +Und da weder er selbst noch die Bootsfuehrer diesem Befehle gehorchten, +knatterte eine kraeftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde toedtlich +getroffen wurden. + +Da - in diesem Augenblick, - folgte auch ein heftiger Stoss: die Barken +waren an der Langseite der Faehre angelangt. + +"Komm, Nadia!" rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr ueber Bord zu +stuerzen. + +Eben wollte das junge Maedchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von +einem Lanzenstosse getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riss ihn mit weg; +einen Augenblick noch kaempften seine Arme ueber den Fluthen, dann +verschwand er unter den wirbelnden Wellen. + +Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann, +sich Michael Strogoff nachzustuerzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und +in eines der Boote gefangen gesetzt. + +Einen Augenblick nachher fielen die Bootsfuehrer, von Lanzenstichen +durchbohrt, und die Faehre trieb steuerlos weiter, waehrend die Tartaren den +Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + + Mutter und Sohn. + + +Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar +nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk +mehr Einwohner zaehlt und einen betraechtlicheren Umfang hat, in Omsk +residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Haelfte des asiatischen +Russlands. + +Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Staedten, von denen die +eine ausschliesslich von den Behoerden eingenommen und von den zugehoerigen +Beamten bewohnt ist, waehrend die andere vorzueglich die sibirischen +Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen +Bedeutung sind, beherbergt. + +Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie +wird durch eine von Bastionen verstaerkte Umwallung vertheidigt; freilich +bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr +unzulaenglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger +Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre +Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschliessung von nur wenigen +Tagen gelingen sollte. + +Die kaum 2000 Mann zaehlende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand +geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle +umgewandelt, die Haeuser und Kirchen mit Schiessscharten versehen worden, +und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch, +trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die +tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf +dem Irtysch tagtaeglich neuen Zuzug und wurden, - hier ein besonders +wichtiger Umstand, - von einem Officier angefuehrt, der zwar ein Verraether +an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und +beispielloser Kuehnheit war. + +Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren. + +Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwaerts +draengte, zeichnete sich durch tiefe militaerische Kenntnisse aus. In seinen +Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer +Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte +gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurueck, wenn es ihm +darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur, +bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich +selbst als Bettler auf, wobei ihn seine ausserordentliche Geschicklichkeit +der Verstellung des aeussern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich +unterstuetzte. Dabei befaehigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den +Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besass in ihm einen Stellvertreter, +der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen. + +Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff +schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des hoeher gelegenen +Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben, +wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte. + +Tomsk war naemlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan's Haende gefallen und +von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der +centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen. + +Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff's. + +Der Plan des erbaermlichen Verraethers ging dahin, sich dem Grossfuersten +daselbst unter falschem Namen anzuschliessen, sein Vertrauen zu +erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in +die Haende zu liefern. + +Mit dieser Stadt und einer solchen Geissel im Besitz musste das ganze +asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen. + +Wir wissen ja von frueher, dass dieser Anschlag zur Kenntniss des Czaaren +gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der +hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit +auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden ueberschwemmte Land +unter falschem Namen zu durchreisen. + +Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfuellt - wuerde er sie aber +auch jetzt noch ebenso zu Ende fuehren koennen? + +Der Lanzenstoss, den Michael Strogoff empfing, war nicht toedtlich gewesen. +Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flussufer und +brach in dem Gebuesch daselbst kraftlos zusammen. + +Als er wieder zum Bewusstsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in +der Huette eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er +zunaechst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der +Gast des braven Sibiriers sein? - er vermochte sich darueber keine +Rechenschaft zu geben. Als er die Augen oeffnete, bemerkte er ueber sich ein +baertiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Laecheln +spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte +Mujik ihm zuvorkam: + +"Sprich nicht, Vaeterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde +Dir sagen, wo Du bist, und erzaehlen, was sich zugetragen hat, seitdem ich +Dich in mein Haeuschen schaffte." + +Der redliche Landmann erzaehlte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes, +dessen Augenzeuge er zufaellig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die +Pluenderung des Tarantass, die Ermordung der Faehrleute ... + +Doch darauf hoerte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine +Kleidung und fuehlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf +seiner Brust. + +Er athmete auf, noch war er indess nicht jeder Sorge ledig. + +"Mich begleitete ein junges Maedchen, sagte er. + +-- Sie wurde nicht getoedtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu +beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen +leuchtete. In einer Barke haben sie jene entfuehrt, als sie den Irtysch +weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit +ihren Leidensgefaehrtinnen nach Tomsk schleppt!" + +Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er presste seine Hand auf's +Herz, um dessen stuermisches Klopfen zu bewaeltigen. + +Und doch, trotz aller Pruefungen, beherrschte nur ein Gefuehl seine ganze +Seele, das Gefuehl seiner heiligen Pflicht. + +"Wo bin ich? fragte er. + +-- Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fuenf Werst von Omsk entfernt, +antwortete ihm der Mujik. + +-- Was fuer eine Wunde empfing ich damals, dass sie mich so lange +besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuss? + +-- Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik. +Nach einigen Tagen der Ruhe, Vaeterchen, wirst Du, denk' ich, Deinen Weg +fortsetzen koennen. Du warst in's Wasser gestuerzt. Die Tartaren haben Dich +weder beruehrt noch gepluendert; auch Deine Boerse steckt noch in Deiner +Tasche." + +Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er +sich mit einer ploetzlichen Anstrengung auf und fragte: + +"Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund? + +-- Seit drei Tagen. + +-- Drei ganze Tage verloren! + +-- Drei Tage, waehrend der Du bewusstlos dalagst. + +-- Kannst Du mir ein Pferd verkaufen? + +-- Du willst weiter reisen? + +-- Womoeglich noch diesen Augenblick. + +-- Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Vaeterchen. Wo die Tartaren +vorueber zogen, da ist von solchen Dingen nichts uebrig geblieben. + +-- So werde ich nach Omsk zu Fuss gehen muessen, um dort ein Pferd zu kaufen. + +-- Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande +sein, Deinen Weg fortzusetzen. + +-- Keine Stunde laenger! + +-- So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, dass er vergeblich dem +festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit +geben, fuegte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk +und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch. + +-- Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff, +lohne er Dir, was Du Alles fuer mich gethan hast! + +-- Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche +auf der Erde." + +Michael Strogoff trat aus der Huette. Als er gehen wollte, uebermannte ihn +ein so heftiger Schwindel, dass er ohne die hilfreiche Unterstuetzung des +Bauern wohl umgesunken waere, aber bald staerkte ihn der Genuss der freien +Luft sichtlich. Jetzt fuehlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf +gefuehrten Stosses, dessen Heftigkeit seine Pelzmuetze gluecklicher Weise +gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht +der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kuemmern. Vor seinen Augen sah +er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen musste! +Omsk musste er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren. + +"Gott schuetze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein +Recht, an Beide zu denken." + +Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der +Unterstadt an, in welche sie trotz der militaerischen Besetzung derselben +unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen +Stellen zerstoert, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich +die Marodeurs der Armee Feofar-Khan's eindraengten. + +Im Innern von Omsk, auf den Strassen und Plaetzen, wimmelte es von +tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, dass +eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an +welche Jene wohl nur wenig gewoehnt waren. Sie liefen auch nie einzeln +umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu +sein, jeden Angriff abzuwehren. + +Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten +Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten +Pfaehlen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausruestung, um +beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur +einen provisorischen Halteplatz fuer die Tartarenreiter, welche die +reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mussten, weil dort die Staedte +bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzuege also jedenfalls +ergiebiger wurden. + +Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan +Ogareff trotz mehrerer stuermischer Angriffe, die immer standhaft +abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen koennen. +Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebaeuden flatterten noch immer +die Fahnen mit den russischen Farben. + +Nicht ohne einen gewiss berechtigten Stolz begruessten Michael Strogoff's und +seines Fuehrers Wuensche das wehende Banner. + +Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natuerlich vollstaendig. Waehrend er +scheinbar seinem Fuehrer folgte, wusste er doch geschickt die lebhaftesten +Strassen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniss erkannt zu werden. +In dieser Stadt haette nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen +rufen koennen; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war +entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese +vielleicht - was er von ganzem Herzen wuenschte, - nach irgend einem +ruhigeren Theil der Steppe entflohen. + +Zum Glueck kannte der Mujik persoenlich einen Postmeister, der es seiner +Annahme nach fuer gute Bezahlung nicht ausschlagen wuerde, einen Wagen und +Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die +Schwierigkeit uebrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen +Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff's Entkommen +einigermassen erleichtern mussten. + +Der Mujik fuehrte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als +Michael Strogoff ploetzlich in einer engen Strasse stehen blieb und sich +hinter einem Mauervorsprunge verbarg. + +"Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt ueber dieses unerklaerliche +Benehmen. + +-- Still, still!" fluesterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch +den Finger auf seine Lippen legte. + +Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in +dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz +vorher betreten hatten. + +An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte +ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer +Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen +Rueckzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmoeglich gesehen +haben. + +Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Strasse. Weder der +Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die +Ungluecklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genuegenden Platz zu +machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem +ruecksichtslosen Lanzenstosse beantwortet und der Weg auf diese Weise in +kuerzester Zeit gesaeubert. + +"Wer war dieser Officier?" fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung +vorueber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloss. + +Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das +einer Leiche. + +"Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der +man einen verhaltenen Hass heraushoerte. + +-- Er!" rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes +entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte. + +Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem +Relais zu Ischim geschlagen hatte. + +Und gleichzeitig, so als ob ihm ploetzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn +dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den +alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod +vernommen hatte. + +Michael Strogoff taeuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehoerten +nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff +unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu +verlassen gewusst, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach +jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spiessgesellen zur Ausfuehrung +seines fluchwuerdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der +ganzen uebrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und +waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht +auf dem Messplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn +Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der +ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer "Kaukasus"; er ueberschritt den Ural +jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte +endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte. + +Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und +ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen +Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, haette +Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiss weit ueberholt. + +Und wer weiss, wie viel Unglueck in der naechsten Zeit dadurch vermieden +worden waere! + +Jedenfalls, ja, mehr als je vorher musste Michael Strogoff Iwan Ogareff +ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der +Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenueber zu treten, so wuerde er ihn wieder zu +finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien +aufgeworfen haette. + +Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und +gelangten unbelaestigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte +es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen. +Dagegen stellte sich die Unmoeglichkeit heraus, an Stelle des Tarantass ein +anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen, +noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines +Wagens? War er fuer den uebrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm musste +auch schon ein Reitpferd genuegen, und ein solches war gluecklicher Weise zu +beschaffen. Er bekam ein tuechtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen +offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter, +ausdauernder Reiter, den groessten Nutzen versprach. + +Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand +es zum Aufbruch bereit. + +Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags. + +Da Michael Strogoff die Nacht abwarten musste, um die Umwallung zu +passiren, sich in den Strassen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so +blieb er gleich im Posthause und liess sich daselbst einige Staerkungsmittel +besorgen. + +In dem oeffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie +wir es von den russischen Bahnhoefen kennen gelernt haben, liefen die +aengstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man +sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar +nicht in Omsk, aber in Tomsk, - eines Corps, das diese Stadt den Tartaren +Feofar-Khan's wieder entreissen sollte. + +Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung +gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespraech +einzulassen. + +Ploetzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang +bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte: + +"Mein Sohn! Mein Sohn!" + +Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie laechelte und sie zitterte +doch vor Freude und streckte ihm sehnsuechtig die Arme entgegen. + +Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen .... + +Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr fuer +seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung ploetzlich zurueck, +und er gewann so viel Herrschaft ueber sich, dass auch nicht ein Muskel +seines Gerichtes zuckte. + +Zwanzig Personen fuellten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht +wohl einige Spione sein, und wusste man denn nicht auch, dass Marfa +Strogoff's Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehoerte? + +Michael Strogoff sprach kein Wort. + +"Michael! rief seine Mutter. + +-- Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr +hervorstammelte als aussprach. + +-- Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht +mehr wieder? + +-- Sie taeuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine +Aehnlichkeit fuehrt Sie irre ...." + +Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug' in Auge +gegenueber. + +"Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff's Sohn?" sagte sie. + +Michael Strogoff haette sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die +Arme schliessen zu duerfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn, +sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er +bezwang sich nach Kraeften, er schloss die Augen, um nicht die angsterregten +Zuege in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu muessen; er zog +seine Haende zurueck, um nicht unwillkuerlich den zitternden Haenden, die nach +ihm verlangten, zu begegnen. + +"Ich weiss in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen +soll, antwortete er, einige Schritte zurueckweichend. + +-- Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter. + +-- Ich heisse nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus +Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!..." + +Hastig verliess er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte +wiedertoenten: + +"Mein Sohn! Mein Sohn!" + +Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte +Mutter, welche bewusstlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, fuer jetzt +nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob +sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es ploetzlich +hell geworden. Sie, - verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, - das war +unmoeglich! Ebenso unmoeglich erschien es ihr aber, sich getaeuscht und einen +Anderen fuer ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen, +den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so +wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige, +zwingende Gruende, so zu handeln. Dann unterdrueckte sie allen Mutterschmerz +in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: "Sollte ich +ihn wider Willen in's Verderben gestuerzt haben?" + +"Ich bin eine Thoerin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen +haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja +gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch +in Jedermann zu sehen glauben." + +Kaum zehn Minuten spaeter erschien ein Tartarenofficier im Posthause. + +"Marfa Strogoff? fragte er laut. + +-- Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz, +dass die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten. + +-- Komm mit mir!" sagte der Officier. + +Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und +verliess das Posthaus. + +Wenige Minuten spaeter befand sich Marfa Strogoff mitten in dem +Truppenlager des Hauptplatzes und gegenueber dem gefuerchteten Iwan Ogareff, +dem alle Einzelheiten der oben erzaehlten Scene unverweilt berichtet worden +waren. + +Iwan Ogareff muthmasste ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte +Sibirierin selbst darueber befragen wollen. + +"Dein Name? leitete er das Verhoer in strengem Tone ein. + +-- Marfa Strogoff. + +-- Du hast einen Sohn? + +-- Ja. + +-- Er ist Courier des Czaaren? + +-- Ja. + +-- Wo befindet er sich? + +-- In Moskau. + +-- Du bist von ihm ohne Nachrichten? + +-- Ohne jede Nachricht. + +-- Seit wie lange? + +-- Seit zwei Monaten. + +-- Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im +Posthause Deinen Sohn nanntest? + +-- Ein junger Sibirier, den ich fuer ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff. +Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die +Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben ueberall zu erkennen. + +-- Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht? + +-- Er war es leider nicht. + +-- Weisst Du, alte Frau, dass ich Dich foltern lassen kann, bis Du die +Wahrheit eingestehst? + +-- Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter wuerde meine Aussage +abzuaendern vermoegen. + +-- Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten +Male und eindringlicher Iwan Ogareff. + +-- Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male. +Glaubt Ihr, ich wuerde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn +Gott gegeben hat, verleugnen?" + +Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in's Gesicht zu +trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, dass sie in dem jungen +Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn +zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits +that, so mussten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen. + +Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, dass der angebliche +Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des +Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag +haben musste, dessen Kenntniss fuer ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein +konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen. + +Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurueck und sagte: + +"Diese Frau soll sofort nach Tomsk uebergefuehrt werden!" + +Und waehrend die Soldaten Jene roh und grausam fortdraengten, murmelte er +zwischen den Zaehnen: + +"Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu loesen wissen, der +alten Hexe!" + + + + + Fuenfzehntes Capitel. + + + Der Barabinen-Sumpf. + + +Es war Michael Strogoff's Glueck gewesen, dass er das Posthaus so schnell +als moeglich verliess. Auf Iwan Ogareff's Befehl wurden sofort alle Ausgaenge +der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern +mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber +geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd +jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter +sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29. +Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese +Stadt liegt ungefaehr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk, +woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen musste, wenn er die +tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der +beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen fuehrte, sein +Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darueber im Unklaren +sein, dass ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk +gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mussten von besonderer +Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, dass man Alles daran +setzen werde, sich seiner Person zu bemaechtigen. + +Was er aber nicht wusste, was er nicht wissen konnte, war, dass Marfa +Strogoff sich in Iwan Ogareff's Gewalt befand, dass sie buessen, vielleicht +mit ihrem Leben bezahlen sollte fuer die Erregung ihres Mutterherzens, die +sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdruecken im +Stande gewesen war. Ein Glueck fuer ihn, dass er davon nichts wusste! Haette er +dieser neuen Pruefung widerstehen koennen? + +Michael Strogoff trieb sein Ross an, er floesste ihm gleichsam dieselbe +fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von +dem Thiere, ihn so schnell als moeglich nach dem naechsten Relais zu tragen, +wo er es gegen ein noch schnelleres Befoerderungsmittel einzutauschen +hoffte. + +Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurueckgelegt und machte bei der +Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestaetigung seiner +Besorgniss, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren +schon auf der Hauptstrasse durch die Steppe dahin gezogen. In den Doerfern +und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen. +Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung fuer sich und etwas Futter fuer +sein Pferd erhalten. + +Er musste dieses Pferd, fuer das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien, +etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan +Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den groesstmoeglichen Zwischenraum +sehen wollte, beschloss er, moeglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer +nur einstuendigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder +ein. + +Bisher hatten die Witterungsverhaeltnisse die Reise des Czaarencouriers +auffallend beguenstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in ertraeglichen +Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten +Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Daemmerlichte +gemilderte Nacht machte die Strasse leidlich gangbar. Michael Strogoff zog +uebrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne +Zoegern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnaeckig +verfolgten, hatte er sich doch eine ausserordentliche Klarheit des Geistes +bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am +Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges, +einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schoepfen zu +lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drueckte +das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden +Pferden an der Oberflaeche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts +Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort. + +O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht ueber diese weite sibirische +Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es waere viel leichter +gewesen, jene sicher zu durchreisen. + +Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station +Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der +Barabinen-Steppe. + +Auf einem Gebiete von 300 Werst Laenge konnten hier schon die natuerlichen +Hindernisse allein grosse Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wusste +das, aber er wusste auch, dass er alle siegreich ueberwinden werde. + +Die ausgedehnten, von Norden nach Sueden zwischen dem 60. und 52. +Breitengrade liegenden Barabinen-Suempfe bilden das grosse Sammelbassin +derjenigen atmosphaerischen Niederschlaege, welche weder durch den Obi noch +durch den Irtysch einen Abfluss finden. Der Boden dieser ungeheuren +Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlaessigem Lehm, so dass das Wasser +darueber stehen bleibt und eine waehrend der warmen Jahreszeit schwer zu +passirende Gegend darstellt. + +Gerade durch diesen Landstrich fuehrt aber die Strasse nach Irkutsk, mitten +durch die zahlreichen Suempfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefaehrliche +Ausduenstungen bei der heissen Sommersonne den Reisenden mindestens mit +schweren Muehseligkeiten, wenn nicht gar mit tueckischer Gefahr bedrohen. + +Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst fluessig war, erstarren +liess, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglaettet, die +schaedlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen +die leichten Schlitten gefahrlos ueber die erhaertete Kruste der +Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleissig die Jaeger die wildreichen +Gruende und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Fuechse, deren +Felle so gesucht sind. Waehrend des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend +kothig, bruetet gefaehrliche Krankheiten aus und ist bei einigermassen hohem +Wasserstande ueberhaupt gar nicht zu passiren. + +Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht +mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich +die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschliesslich ernaehren. Hier +dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus, +sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gestraeuch. + +Der Rasen stieg hier bis fuenf und sechs Fuss Hoehe auf. Das feine Gras hatte +den Platz geraeumt vor ueppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde +Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft +gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf, +welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten, +geschmueckt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben, +darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerueche sich mit den +warmen, dem Boden entsteigenden Duensten mischten. + +Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von +den die Strasse begleitenden Suempfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die +grossen Stengel ueberragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern +unzaehliger Wasservoegel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in +schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, dass sich Etwas in +jenem Dickicht bewege. + +Die Strasse selbst war uebrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in +gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie +sich um das gekruemmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer +Laenge von mehreren Wersten und ebenso grosser Breite schon den Namen von +Seen verdient haetten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne +stehende Gewaesser nicht umgehen koennen; fuer Ueberschreitung derselben +dienten aber keine Bruecken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art +Plateform mit uebergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie +ein zu duenner ueber einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven +Strassenbruecken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Laenge +aus, und man erzaehlt sich, dass Reisende, mindestens reisende Damen beim +Fahren ueber einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art +Seekrankheit bekommen haetten. + +Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter +sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kuehnem +Sprunge ueber die Luecken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an +manchen Stellen zwischen sich liessen; so schnell aber Ross und Reiter auch +dahin flogen, so konnten sie doch den belaestigenden Stichen der +zweifluegeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen +Gegenden zur wahren Landplage werden. + +Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren, +so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stueck +feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschliesst. Doch trotz +dieser Vorsichtsmassregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe +Tuepfel im Gesicht, auf dem Hals und den Haenden davon getragen zu haben, +aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphaere erscheint dort wie +erfuellt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verfuehrt, dass +kaum eine complete Ritterruestung zum Schutz gegen die Stacheln dieser +Zweifluegler hinreichen koenne. Hier ist eine traurige Gegend, die der +Mensch den Muecken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel +streitig macht, - ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer +Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge ueberhaupt nicht wahrzunehmen +im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fuehlt man sie desto +mehr wegen ihrer unertraeglich quaelenden feinen Stiche, gegen welche auch +hartgesottene sibirische Jaeger niemals gleichgiltig werden. + +Michael Strogoff's Pferd sprang, von den giftigen Dipteren ueberfallen, +haeufig auf, als wuerden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke +gedrueckt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst fuer Werst +mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem +Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen. + +Es gehoerte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch +die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbaeumen und +Spruenge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht +abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen +Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu +erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als dass er +seinen Weg mit gluecklicher Eile zuruecklegte. + +Wer wuerde nun glauben, dass diese in der heissen Jahreszeit so ungesunde +Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl boete? + +Und doch ist es an dem. In grossen Zwischenraeumen tauchen da und dort +sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Maenner, Frauen, +Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer +pechueberzogenen Maske bedeckt, fuehren ihre duerftigen Heerden zur Weide; um +die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schuetzen, halten sie +dieselben stets unter dem Winde in der Naehe von Feuern aus gruenem Holze, +die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beissende Rauchsaeulen sich +schwerfaellig ueber die morastige Niederung ausbreiten. + +Als Michael Strogoff bemerkte, dass sein Pferd auf dem Punkte stand, vor +Erschoepfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Doerfchen +halt, und rieb, seine eigene Ermuedung vergessend, die vielen Stiche des +armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm +eine tuechtige Ration Futter, und erst als er es den Umstaenden nach +bestmoeglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine +Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kraefte etwas Brod und +Fleisch und trank einige Glaeser Kwass dazu. Nach einer, hoechstens zwei +Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem +fernen Irkutsk. + +Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurueck gelegt und +kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich fuer jede +Anstrengung, in Elamsk an. + +Daselbst musste er seinem Pferde eine Nacht Ruhe goennen. Das muthige Thier +haette jetzt die Reise unmoeglich fortzusetzen vermocht. + +In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres +Befoerderungsmittel. Aus den naemlichen Gruenden, wie in den andern kleinen +Staedten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden. + +Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen +waren, erwies sich fast ganz entvoelkert, denn es konnte von Sueden her sehr +leicht ueberfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschuetzt +werden. Auf hoeheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das +Regierungsgebaeude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner +nach dem noerdlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe, +ausgewandert. + +Michael Strogoff musste sich also darauf beschraenken, in Elamsk die Nacht +zuzubringen und seinem Pferde zwoelf Stunden Ruhe zu goennen. Er erinnerte +sich der ihm in Moskau an's Herz gelegten Instructionen, Sibirien +unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als moeglich Irkutsk zu +erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg +seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf's Spiel zu setzen, - in +Anbetracht dieser Umstaende hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm +noch verbliebene Befoerderungsmittel, das Reitpferd, vernuenftig zu schonen. + +Am folgenden Tage verliess Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das +Erscheinen tartarischer Plaenkler, auf der Strasse durch die +Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte +wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Strasse lief zwar ganz eben +hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen, +wodurch der Weg sehr verlaengert wurde. Uebrigens verboten es die +Bodenverhaeltnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer +durch diese Tuempel und Teiche zu versuchen. + +Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen +Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoe, und um zwei Uhr +hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoe, zum +ersten Male wieder an. + +Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher ueber Gebuehr +angestrengtes Ross haette auch keinen Schritt mehr vorwaerts thun koennen. + +Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest +des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am naechsten +Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter +Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Staedtchen Kamsk. + +Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken +Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem +unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe +ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines +bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden +Suempfe in ueppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese +Bodenmeliorationen noch nicht voellig jene Fieber zu besiegen, welche den +Aufenthalt in dieser Stadt waehrend des Herbstes noch einigermassen +gefaehrden. Immerhin fluechten sich hierher die wenigen Bewohner der +Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den uebrigen +Theilen der Provinz vertreiben. + +Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte +Kamsk doch noch nicht entvoelkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte +ihres fuer groessere Truppenmassen so schwer zugaenglichen Landes +verhaeltnissmaessig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch +immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht wuerden. + +Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wuenschte, keinerlei +neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls haette sich der Gouverneur vielmehr +an ihn gewendet, waere ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen +Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner +besonders guenstigen Lage der uebrigen sibirischen Welt in der That nicht +anzugehoeren und gaenzlich ausserhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die +jene erschuetterten. + +Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff moeglichst wenig oder gar nicht. Ihm +genuegte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wuenschte ueberhaupt gar +nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der juengsten Vergangenheit +verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie fuer die Zukunft. So hielt +er sich denn ganz zurueckgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen +Strassen des Staedtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er +abgestiegen war, ueberhaupt nicht verlassen. + +In Kamsk haette Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd, +welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres +Befoerderungsmittel ersetzen koennen. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er +sich aber, dass das Einhandeln eines Tarantass doch die Aufmerksamkeit mehr, +als ihm lieb war, auf ihn lenken musste, und da er die von den Tartaren +besetzte Linie noch nicht ueberschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit +dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen +Verdacht zu erwecken. + +Um uebrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese +Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen +sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung +abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer +hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen. +Spaeter, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte +Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere +Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen. + +Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser +Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde +Thier schon gewoehnt; er wusste, was er von ihm verlangen konnte. Als er es +in Omsk erkaufte, hatte er eine glueckliche Hand gehabt, und dankbar pries +er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter +fuehrte. Doch nicht nur Michael Strogoff fuehlte eine gewisse Anhaenglichkeit +seinem Pferde gegenueber, auch dieses schien sich allgemach an die +Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewoehnen, und wenn ihm nur je +einige Stunden Ruhe gegoennt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis +ueber die ueberfallenen Provinzen hinaus zu gelangen. + +Waehrend dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich +Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Staedtchens, +einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gaeste. + +Von Ermuedung uebermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher +nieder, als bis er wusste, dass es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem +vermochte er nur einen haeufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele +Erinnerungen, zu viele Sorgen fuer die Zukunft regten sich in ihm. Die +Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen, +jungen Gefaehrtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen +in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken. + +Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausfuehrung ein Eid +ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, liess ihn +immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke +einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen +Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von +einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, - dann +bemaechtigte sich Michael Strogoff's fast unbesiegbares Verlangen, sofort +wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die +Strecke zu ueberfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu +sein, um alle Hindernisse ueberwinden zu koennen, ein Orkan, um mit der +Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde ueber der Erde dahin zu rasen +und endlich vor den Grossfuersten zu treten und ihm zuzurufen: "Kaiserliche +Hoheit, von Seiner Majestaet dem Czaaren!" + +Am andern Morgen um sechs Uhr frueh ritt Michael Strogoff wieder mit der +Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis +Ubinsk zurueckzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz +die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben +mehr trocken legte, so dass der Erdboden manchmal einen Fuss hoch unter +Wasser stand. Dann war die Strasse nur schwierig zu erkennen, aber er legte +diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall +zurueck. + +In Ubinsk angelangt liess Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht ueber +rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende +Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoe durchmessen. Er brach also mit der +Morgenroethe auf, aber leider gestaltete sich die Strasse durch diesen Theil +der Barabinen-Steppe immer unwegsamer. + +Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich naemlich die reichlichen +Regenniederschlaege der letztvergangenen Wochen wie in einer +undurchlaessigen Schuessel in der verhaeltnissmaessig engen Bodensenkung +angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Suempfen, Teichen und Seen hing +fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, - uebrigens einer von +solcher Groesse, dass er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz +verdient haette, - den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name), +musste Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst laengs seines Ufers +unter den groessten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige +Verzoegerungen veranlasste, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu +vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan, +sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter +Verhaeltnissen noch vorwaerts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten haetten. + +Abends gegen neun Uhr in Ikulskoe angekommen, verweilte Michael Strogoff +daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen +Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natuerlich gaenzlich. +Dieser Theil der Provinz war durch seine natuerliche Lage, mitten in der +Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges +Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von +den Schrecken des Einfalls noch gaenzlich verschont geblieben. + +Bald mussten sich nun auch die natuerlichen Schwierigkeiten des Weges +vermindern, denn im Fall er keine Verzoegerung erlitt, hoffte Michael +Strogoff am naechsten Tage ueber die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Spaeter +bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn +noch von Kolywan trennten, zurueckgelegt hatte. + +Von diesem etwas bedeutenderen Staedtchen aus rechnete man bis Tomsk nur +noch die gleiche Entfernung. Dann musste er eine weitere Entscheidung +treffen, die hoechst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von +Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen. + +Wenn sich aber diese kleinen Staedtchen, wie Ikulskoe, Karguinsk u. a., in +Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der +tartarischen Streitkraefte unueberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte, +noch einer gluecklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befuerchtung nahe, +dass Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an +Stelle der natuerlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren +von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er +keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Strasse nach Irkutsk +abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich +Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entbloessen. Dort fand sich naemlich +keine weitere Strasse, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf +man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Huetten aermlicher Leute, bei +denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das +Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern! + +Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verliess Michael Strogoff, nachdem +er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte +Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth +durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen +Landes. + +Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des +Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5. +August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen. + +Fuenfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk. + + + + + Sechzehntes Capitel. + + + Eine letzte Anstrengung. + + +Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich oestlich an +die Barabinen-Steppe anschliessen, ein unliebsames Zusammentreffen zu +fuerchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, dass die +Tartaren hier vorueber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch +die zuerst auf die Tuerken angewendeten Worte: "Auf dem Boden, den der +Tuerke betrat, waechst kein Grashalm wieder!" + +Bei seinem Zuge durch diese Gegend musste Michael Strogoff also die groesste +Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten +ihm, dass hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Ruehrten +diese Feuersbruenste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze +Armee des Emir schon nach den aeussersten Grenzen der Provinz? Befand sich +Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseisk? Michael Strogoff +wusste hierueber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten +erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so +menschenleer geworden sein, dass er keinen einzigen Sibirier mehr faende, um +von ihm Auskunft zu erlangen? + +Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Strasse etwa zwei Werst weiter. +Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht +verlassenes Haus, aber alle, alle fand er oede und leer. + +Eine einzelne Huette, welche er zwischen einer Gruppe Baeume entdeckte, +rauchte noch. Als er sich naeherte, fand er wenige Schritte von den +Truemmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine +noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter +der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf +diese Scene der Verwuestung geheftet. Ein zarter Saeugling von wenigen +Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine +und Zerstoerung! + +Michael Strogoff ging auf den Greis zu. + +"Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme. + +-- Rede, erwiderte der alte Mann. + +-- Sind die Tartaren hier vorueber gekommen? + +-- Gewiss, sonst staende mein Haus nicht in Flammen. + +-- Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung? + +-- Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder +verwuestet! + +-- Commandirt von dem Emir?... + +-- Von ihm, denn das Wasser des Obi faerbte sich roth. + +-- Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen? + +-- Gewiss. + +-- Weisst Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemaechtigt haben? + +-- Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen. + +-- Ich danke, Freund. - Kann ich Etwas fuer Dich und die Deinen thun? + +-- Nichts. + +-- Auf Wiedersehen! + +-- Leb' wohl!" + +Nachdem Michael Strogoff noch fuenfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor +dem ungluecklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu +danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick +unterbrochenen Weg fort. + +Er wusste nun Eines: dass er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu +passiren. Eher schien es moeglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren +noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu +thun, als sich zu staerken und mit dem Noethigsten fuer eine sehr lange +Tagereise zu versehen. Dann musste er die Strasse nach Irkutsk verlassen, um +nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, - einen anderen Ausweg sah +er nicht vor sich. + +Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht +einen Augenblick zoegern. Er zoegerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd +zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an +das linke Ufer des Stromes fuehrte und bis zu dem noch eine Strecke von 40 +Werst zurueckzulegen war. Wuerde er eine Faehre finden, um dort ueberzusetzen, +oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstoert, weggeschleppt haben +und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu ueberschreiten? Die Zukunft +musste diese Fragen bald beantworten. + +Was sein nun auf's Aeusserste erschoepftes Pferd betraf, so wollte es +Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und hoechst +anstrengenden Tagereise, in Kolywan womoeglich gegen ein anderes +vertauschen. Er fuehlte wohl, dass das arme Thier binnen Kurzem unter ihm +zusammenbrechen musste. Kolywan bildete also fuer ihn gleichsam einen neuen +Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr +veraenderten Verhaeltnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch +die von den Eindringlingen besetzten Gebiete fuehrte, mussten die +Schwierigkeiten offenbar grosse sein; nach gluecklicher Umgehung von Tomsk +aber konnte er die Strasse nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz +Jeniseisk den Verwuestungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte +er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen. + +Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht +huellte tiefe Finsterniss die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit +Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterliess in der Atmosphaere eine +vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hoerte man auf der +verlassenen Strasse, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter +es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniss bedurfte es der +aeussersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer +begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi. + +Michael Strogoff trabte also moeglichst schnell, aber immer mit groesster +Aufmerksamkeit weiter. Er verliess sich dabei nicht allein auf die grosse +Schaerfe seiner Augen, die auch die Finsterniss durchdrangen, sondern +daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spuersinn er +kannte. + +Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich ueber die genaue +Richtung der Strasse zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes +Geraeusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf +der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rueckwaerts +hoerte er die regelmaessigen Hufschlaege von Pferden. + +Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester +Aufmerksamkeit. + +"Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Strasse von +Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geraeusch +nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?" + +Michael Strogoff lauschte noch immer. + +"Ja, ja, sprach er halblaut fuer sich, sie naehern sich in scharfem Trabe! +Vor Ablauf von zehn Minuten muessen sie hier sein. Mein Pferd wird +schwerlich mit ihnen Schritt halten koennen. Sind es Russen, so wuerde ich +mich ihnen anschliessen. Sind es Tartaren, so muss ich ihnen entweichen. +Aber wie? Wo koennt' ich mich verbergen in dieser Steppe?" + +Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte +eine bei der herrschenden Finsterniss kaum erkennbare dunklere Masse etwa +hundert Schritt vor sich zur Linken der Strasse. + +"Da ist ein kleines Gehoelz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe +ich zwar Gefahr, den Reitern in die Haende zu fallen, wenn sie es +durchsuchen sollten. Indess, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen +sie schon!" + +Wenige Minuten spaeter erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zuegel +fuehrend, ein kleines Gehoelz von Laerchenbaeumen, das einen Zugang von der +Strasse aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von +Baeumen zwischen den Loechern und Tuempeln hin, welche aus Stechginster und +Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbaeumen trennten. Zu beiden Seiten +war das Terrain also voellig ungangbar und die Reiterschaar musste +zweifellos an dem kleinen Gehoelz vorueber kommen, da sie offenbar der +Hauptstrasse nach Irkutsk folgte. + +Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Laerchenbaeume hinein, bis er +sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der +den Hain im Halbkreise begrenzte. + +Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, dass Michael Strogoff nicht im +Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehoelz nicht ganz +peinlich durchsucht wurde. Er fuehrte sein Pferd also bis an jenes Wasser, +band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand +des Dickichts, um bestimmen zu koennen, wie er sich zu verhalten habe. + +Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Laerchen Platz genommen, als ihm +ein Lichtschein in's Auge fiel, aus dem da und dort einige glaenzende +Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten. + +"Wie? Fackeln!" murmelte er. + +Schnell wich er wieder weiter zurueck und schluepfte wie ein Wilder +geraeuschlos in das Gebuesch, wo es am dichtesten war. + +Bei ihrer Annaeherung an das Gehoelz nahmen die Pferde einen langsameren +Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Strasse, um sie in allen +Einzelheiten genau kennen zu lernen? + +Michael Strogoff musste das befuerchten und begab sich wenigstens bis nach +dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurueck, entschlossen, sich im +Nothfalle auch hinein zu stuerzen. + +Als die Reiterschaar bei dem Gehoelz ankam, machte sie Halt. Die Maenner +stiegen ab. Es mochten gegen fuenfzig sein. Mehrere derselben trugen +Fackeln, welche die Strasse in weitem Umkreise beleuchteten. + +An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Gluecke, dass +es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehoelz zu +durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden +einige Ruhe zu goennen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu +lassen. + +Die abgezaeumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier +den Boden bedeckte. Die Reiter selbst liessen sich laengs der Strasse nieder +und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen. + +Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltbluetigkeit bewahrt. Er +schlich wieder naeher, erst um Etwas zu sehen, dann um womoeglich einige +Worte zu vernehmen. + +Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus +usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren +Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese +wohlgebauten, alle ueber mittelgrossen Maenner mit rohem, wildem +Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen "Talpak", eine Art Muetze aus +schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere +Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden +des Mittelalters zu sehen gewoehnt ist. Ihren Rock aus mit grobem +Baumwollenstoffe gefuettertem Kattun umschloss ein Lederguertel mit rother +Stickerei. Als Vertheidigungswaffe fuehrten sie einen Schild, als +Angriffswaffen einen krummen Saebel, ein langes Dolchmesser und ein am +Sattelknopfe haengendes Steinschlossgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein +Filzmantel in grellen Farben. + +Die in voller Freiheit am Saume des Gehoelzes grasenden Pferde waren von +usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln, +die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Laerchen verbreiteten, konnte +man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der +turkomanischen Race, aber ungemein kraeftig und ausdauernd, sind diese doch +als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen +Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen. + +Die Abtheilung selbst fuehrte ein "Pendja-Baschi", d. h. ein Befehlshaber +ueber fuenfzig Mann, dem noch ein "Deh-Baschi", ein Anfuehrer von einer Rotte +zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und +Waffenroecke; ausserdem bildeten kleine, am Sattelknopfe haengende Trompeten +ihre verschiedene Gradauszeichnung. + +Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermuedeten +Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den "Beng" (d. i. ein +Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des "Haschich", von dem die Asiaten einen +so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am +Rande des Gehoelzes so auf und ab, dass Michael Strogoff ihre Unterhaltung +hoeren und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen +Sprache bedienten. + +Schon die ersten Worte ihres Gespraechs erregten die Aufmerksamkeit Michael +Strogoff's im hoechsten Grade. + +Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede. + +"Jener Courier kann einen so grossen Vorsprung vor uns unmoeglich haben, +sagte der Pendja-Baschi, und ausserdem konnte er bestimmt keinen andern Weg +einschlagen, als die Strasse durch die Barabinen-Steppe. + +-- Wer weiss, ob er Omsk ueberhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi. +Vielleicht haelt er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt +versteckt. + +-- Wahrlich, das waere nur zu wuenschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff +nicht zu fuerchten, dass die Depeschen, deren Traeger der Courier doch ohne +Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten! + +-- Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der +Deh-Baschi fort. Als solchen muss ihm wohl die Provinz bekannt sein und er +konnte recht wohl von der Landstrasse nach Irkutsk abweichen in der +Rechnung, sie erst spaeter wieder aufzusuchen. + +-- Dann waeren wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir +haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls +verlassen und sind bei der groessten Schnelligkeit der Pferde dem kuerzesten +Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurueck geblieben oder wir vor ihm in +Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk +nicht zu erreichen vermoegen. + +-- Eine derbe Frau uebrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine +Mutter ist!" bemerkte der Deh-Baschi. + +Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff's Herz, als wollte es springen. + +"Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen, +dass dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht. +Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht taeuschen lassen, denn er sprach +es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum +Gestaendniss der Wahrheit zu bringen wissen." + +So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das fuer Michael Strogoff. Er +war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung +ausgesendete Reiterabtheilung musste ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu +befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der +Tartaren, und der grausame Ogareff ruehmte sich, er werde sie zum Sprechen +zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte. + +Michael Strogoff wusste recht gut, dass die energische Sibirierin Nichts +aussagen und dass ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!... + +Michael Strogoff glaubte zwar, dass er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen +im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehasst habe, und doch drang ihm auf's +Neue ein bitteres Gefuehl des Hasses in's Herz. Der Schurke, der sein +Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern! + +Das Gespraech der beiden Officiere dauerte noch laenger fort, und Michael +Strogoff glaubte zu verstehen, dass in der Umgebung von Kolywan ein +Zusammenstoss zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und +den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von +2000 Mann naeherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten +zufolge, in Eilmaerschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestaetigte, so +musste jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan +aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehoerte die +Strasse nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden. + +Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen +Aeusserungen des Pendja-Baschi, dass auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und +Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern. + +Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor +zu kommen und auf der Strasse nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und +seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht musste er aber +vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen. + +Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluss auszufuehren. + +Die Rast konnte unmoeglich lange waehren, und dem Pendja-Baschi durfte es +kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu goennen, obwohl +ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische +verwechselten Pferde gewiss in demselben Masse und aus denselben Gruenden +erschoepft sein mussten, wie das Reitpferd Michael Strogoff's. + +Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr +Morgens. Er musste sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenroethe zu +weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehoelz wieder zu verlassen +und die Strasse zu gewinnen; doch trotz der Beguenstigung durch die dunkle +Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im hoechsten Grade +unsicher. + +Um Nichts vom blinden Zufall abhaengig zu machen, nahm sich Michael +Strogoff Zeit zu ueberlegen und erwog sorgsam die Aussichten fuer und wider, +um einen Entschluss zu fassen, der ihm noch die besten bot. + +Aus den oertlichen Verhaeltnissen ergab sich Folgendes: An der der Strasse +entgegen gesetzten Seite des Gehoelzes vermochte er nicht zu entweichen, +denn um die Bogenlinie der Laerchenbaeume, deren Sehne eben die Landstrasse +darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige +Wasserarm. Grosse Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur +Unmoeglichkeit. Unter der schaeumenden Wasserflaeche befand sich offenbar +eine steile Vertiefung, in der der Fuss keinen Stuetzpunkt finden wuerde. +Ausserdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten +Gebueschen fuer eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er +einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiss mit Aufwendung +aller Mittel und Kraefte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den +tartarischen Reitern gefangen. + +Es gab fuer ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen, +die grosse Landstrasse. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hoelzchens +hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken, +wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der +Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer +des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines +Bootes zu ueberfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln +sollte, zu durchschwimmen, - das war es, was Michael Strogoff versuchen +und wagen musste. + +Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es +handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes, +vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zoegern, er ging an's +Werk. + +Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder +einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter +gingen auf der Strasse, an dem Saume des Waeldchens hin und her. Die Andern +lagen noch am Fusse der Baeume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich +nach und nach wieder zusammen. + +Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu +bemaechtigen, aber er sagte sich doch, dass diese nicht minder erschoepft +sein muessten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem +Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so +vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt +von hohem Haidekraute, gluecklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst +drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hoelzchens ein. + +Auf dem Boden hinkriechend, naeherte sich Michael Strogoff seinem Pferde, +das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise +freundlich zu und brachte es geraeuschlos wieder auf die Fuesse. + +Eben jetzt verloeschten zu Michael Strogoff's Glueck die voellig +niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln +der Laerchenbaeume, die dichteste Finsterniss. + +Nachdem Michael Strogoff das Gebiss wieder eingelegt, den Sattelgurt +festgeschnallt und die Riemen der Steigbuegel geprueft hatte, begann er sein +Pferd langsam am Zuegel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente +Thier, so als verstaende es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn, +ohne nur ein einziges Mal zu wiehern. + +Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Koepfe und wandten +sich dem Rande des Gehoelzes zu. + +In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem +ersten tartarischen Reiter, der sich naehern wuerde, den Kopf zu +zerschmettern. Gluecklicher Weise hoerte er aber keinen Weckruf und konnte +den rechts auslaufenden Winkel des Waeldchens, da wo dieser an die Strasse +herantrat, erreichen. + +Um womoeglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich +erst so spaet als moeglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst, +nachdem er ueber eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit +des Gehoelzes befand, hinter sich haben wuerde. + +Zum Unglueck aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand +ueberschritt, das Ross eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu. + +Sein Reiter lief ihm nach, es zurueck zu fuehren, als er aber beim ersten +schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er +laut: + +"Achtung!" + +Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stuerzte +hervor auf die Strasse. + +Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop +davon zu jagen. + +Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer +Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen. + +Jetzt sass Michael Strogoff schon auf dem Pferde. + +Da krachte ein Schuss und eine Kugel durchloecherte den Mantel des Couriers. + +Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide +Sporen, erreichte mit einem kuehnen Sprunge vom Waldrande aus die Strasse +und jagte mit verhaengtem Zuegel in der Richtung nach dem Obi davon. + +Die usbeckischen Pferde waren abgezaeumt worden, er musste also vor den +Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen koennen; freilich +beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hoerte er, kaum +zwei Minuten nachdem er das Hoelzchen verlassen, die schnellen Tritte +mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach naeher kamen. + +Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren +Umkreise alle Gegenstaende hervor. + +Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, dass ein Reiter ihn +besonders schnell einzuholen drohte. + +Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzueglich berittene Officier sprengte der +ganzen Abtheilung voraus und musste den Fluechtling bald erreichen. + +Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den +Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust +getroffen sank der Officier vom Pferde. + +Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fusse nach, und ohne sich wegen +ihres gefallenen Fuehrers aufzuhalten, sausten sie unter wildem +Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrueckt, weiter, +und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael +Strogoff. + +Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer ausserhalb der +Tragweite ihrer Schiesswaffen zu halten, aber er bemerkte leider, dass die +Kraefte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fuerchtete mit Recht, dass +dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniss stiesse, stuerzen wuerde, um nicht +wieder aufzustehen. + +Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch +nicht ueber dem Horizonte stand. + +In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlaengelte sich eine durch Baeume +begrenzte hellere Linie hin. + +Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von +Suedwesten nach Nordosten dahinfloss und als dessen Thalbett man fueglich die +ganze umgebende Steppe ansehen musste. + +Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne dass +eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals musste auch er gegen Reiter, die ihm +zu gefaehrlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal +rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet +in den Sand. + +Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael +Strogoff's ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode +erschoepft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flussufer zu +treiben. + +Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fuenfzig Schritte hinter +ihm. + +Auf dem vollstaendig verlassenen Obi erblickte er weder eine Faehre, noch +ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen ueber den Strom haetten dienen koennen. + +"Jetzt Muth, mein wackres Ross! rief Michael Strogoff. Vorwaerts! Jetzt +gilt's die letzte Anstrengung!" + +Er stuerzte sich in den Fluss, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst +betragen mochte. + +Gegen die rasche Stroemung war nur schwer anzukaempfen. Michael Strogoff's +Pferd konnte nirgends Fuss fassen. Ohne jeden Stuetzpunkt musste es die +brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder +von Muth gehoerte fuer Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu +trotzen. + +Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich +ebenfalls in denselben nachzustuerzen. + +In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte +sorgfaeltig auf den Fluechtling, der sich schon in der Mitte der Stroemung +befand. Der Schuss krachte, und toedtlich in der Flanke getroffen versank +das Pferd Michael Strogoff's unter seinem Reiter. + +Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbuegeln, eben als sein +treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er +unter fortwaehrendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der +Oberflaeche Athem schoepfend trotz des nachgesendeten Kugelregens gluecklich +an das rechte Flussufer und verschwand hinter den Gebueschen, die sich laengs +des Obirandes hinzogen. + + + + + Siebenzehntes Capitel. + + + Bibelsprueche und Liederverse. + + +Michael Strogoff befand sich einigermassen in Sicherheit; immerhin war +seine Lage noch eine schreckliche. + +Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den +Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise +fortsetzen koennen? + +Er war zu Fuss, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empoerung verwuesteten, +durch die Plaenkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine +grosse Strecke von dem Ziele, das er erreichen musste, entfernt. + +"Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle +Einwaende der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen. +Der Herr schuetzt das heilige Russland!" + +Michael Strogoff befand sich jetzt ausserhalb des Bereichs der usbeckischen +Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluss weiter zu verfolgen, +und mussten auch annehmen, dass er ertrunken sei, da sie ihn nach dem +letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder +auftauchen sahen. + +Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers +hinschluepfend eine hoehere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit grosser +Muehe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurueckgebliebener +Schlamm seinen Weg sehr schluepfrig machte. + +Als er festen Grund und Boden unter sich fuehlte, hielt Michael Strogoff an +und ueberlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darueber +einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu +vermeiden. Dennoch musste er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais +zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen. +Mit diesen wollte er sich ausserhalb der besetzten Wege halten und die +Strasse nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen. +Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so +dass er nach dem Suedosten der Provinzen am Baikalsee herabgelangen konnte. + +Zunaechst begann Michael Strogoff sich zu orientiren. + +Zwei Werst vor ihm laengs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in +pittoresken Stufen auf einem leichten Landruecken. Einige Kirchen mit +byzantinischen, gruen und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am +grauen Himmelsgrunde ab. + +Das war Kolywan, wohin die niederen und hoeheren Beamten aus Kamsk und +anderen Staedten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der +Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten, +die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Haenden der +Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen +hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der +Mitte aber frei liegen lassen. + +Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand +darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des +Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und waere es auch um +den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach +Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr +Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen +vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevoelkerung auf der +Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen +vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseisk zurueckgezogen. + +Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als +entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen. + +Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die +Luftschichten erschuetterte, und dazu ein trockenes Knattern, ueber dessen +Natur er sich nicht taeuschen konnte. + +"Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er fuer sich. Das +kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O +gebe der Himmel, dass ich vor ihnen in Kolywan ankomme!" + +Michael Strogoff taeuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen +deutlicher, und weiter rueckwaerts, links von Kolywan, lagerten sich weisse +Daempfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf +abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt. + +Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den +Ausgang der Schlacht abzuwarten. + +Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fuerchten und +beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt. + +Inzwischen wurde der Kanonendonner staerker und naeherte sich merklich. Es +war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich +unterscheidbarer Donnerschlaege. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde +entfuehrte Dampf in die Luft, und man erkannte, dass die Kaempfer im Sueden +offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der +Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die +Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu +entreissen? Das liess sich fuer jetzt unmoeglich erkennen und setzte Michael +Strogoff in nicht geringe Verlegenheit. + +Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl +mitten aus den Haeusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche +unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach. + +Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff musste es wohl glauben; +in diesem Falle kaempften die Russen und Tartaren also in den Strassen der +Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht +Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, dass es ihm +gelingen werde, aus Kolywan ebenso gluecklich zu entfliehen, wie vorher aus +Omsk? + +Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen +Augenblick still. + +Erschien es nicht besser, sich zu Fuss nach Sueden oder Osten, bis zu irgend +einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern, +durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen? + +Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael +Strogoff, indem er das Ufer des Obi verliess, nach der rechten Seite von +Kolywan. + +Gerade jetzt krachten die Geschuetze lauter als je. Bald zuengelten Flammen +an der rechten Seite der Stadt in die Hoehe; die Feuersbrunst ergriff ein +ganzes Stadtviertel von Kolywan. + +Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und +suchte den Schutz einiger Baeume zu erlangen, welche da und dort verstreut +standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten +Stromufer erschien. + +Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr +fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es waere ihm schwer +geworden, ihnen zu entgehen. + +Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebuesch ein isolirtes +Haeuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen. + +Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich +daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, noethigenfalls sich anzueignen, +womit er seine Kraefte wieder herstellen koennte, denn er war nun wirklich +erschoepft von Hunger und Strapazen. + +Er stuerzte also auf dieses hoechstens eine halbe Werst entfernte Haeuschen +zu. Naeher gekommen sah er erst, dass dieses Gebaeude ein Telegraphenbureau +war. Zwei Draehte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter +Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt. + +Wohl haette man voraussetzen koennen, dass dieses Bureau unter den jetzigen +Verhaeltnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael +Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich +dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plaenkler +durchirrten. + +Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thuer des Hauses zu und stiess +sie schnell und heftig auf. + +Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die +Telegraphenleitungen zusammenliefen. + +Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um +das Geringste kuemmerte, was in der Aussenwelt vorging. Treu auf seinem +Posten ausharrend, wartete er, dass das Publicum seine Dienste in Anspruch +nehme. + +Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschoepfung +gebrochener Stimme: + +"Was wissen Sie Neues? + +-- Ei nichts, erwiderte der Beamte laechelnd. + +-- Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden? + +-- Man sagt es. + +-- Aber wer ist Sieger? + +-- Das weiss ich selbst nicht." + +So viel Gemuetlichkeit unter so schrecklichen Verhaeltnissen, so viel +Indifferenz erschien doch kaum glaublich. "Und der Draht ist noch nicht +zerschnitten? fragte Michael Strogoff. + +-- Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstoert, sie +functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze. + +-- Fuer die Regierung? + +-- Fuer die Regierung, wenn sie es fuer noethig erachtet, fuer das Publicum, +wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt, +mein Herr?" + +Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, dass +er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod +und Wasser zu erbitten, als die Thuer des Hauses wieder hastig aufgerissen +wurde. + +Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von +Tartaren ueberfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah, +dass nur zwei einzelne Maenner in den Raum eintraten, die tartarischen +Soldaten nicht im Geringsten aehnelten. + +Mit einem leicht erklaerlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in +diesen zwei Maennern zwei Persoenlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im +Entferntesten dachte und die er ueberhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt +hatte. + +Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet, +jetzt keine Reisegefaehrten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie +ihre Thaetigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen. + +Ischim verliessen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael +Strogoff's Weiterreise, und wenn sie auf derselben Strasse Kolywan vor ihm +erreichten, ja, ihn selbst unterwegs ueberholten, so kam das daher, dass +Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebuesst hatte. + +Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und +tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem +Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Strassen der Stadt hinein +fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre +rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die +erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen. + +Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte +von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hoeren. +Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen +abnehmen zu koennen, ob er sich nach Kolywan hinein wagen duerfe oder nicht. + +Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den +Platz am Schalter eingenommen, waehrend Alcide Jolivet ganz gegen seine +Gewohnheit ungeduldig mit den Fuessen stampfte. + +"Jedes Wort kostet zehn Kopeken", sagte der Beamte, die Depesche entgegen +nehmend. + +Harry Blount stapelte auf einer Zaehltafel eine kleine Saeule Rubel auf, die +sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete. + +"Schoen, schoen", sagte der Beamte. + +Und mit der unerschuetterlichsten Kaltbluetigkeit der Welt begann er +folgende Depesche abzutelegraphiren: + + _"Daily-Telegraph, London._ + +_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._ + +_"Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ..."_ + +Da die Worte laut vorgelesen wurden, hoerte Michael Strogoff auch Alles, +was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte. + +_"Die russischen Truppen mit grossen Verlusten zurueckgedraengt. Tartaren an +demselben Tage in Kolywan eingezogen ..."_ + +Diese Worte beendigten die Depesche. + +"Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine +im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte. + +Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser +dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die +er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten +zu koennen. Er machte also seinem Gefaehrten nicht Platz. + +"Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet. + +-- Ich bin noch nicht zu Ende", antwortete einfach Harry Blount. + +Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten uebergab, +welcher sie mit stets gleichmaessig ruhiger Stimme durchlas: + + _"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!..."_ + +Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount +telegraphirte, um die Zeit auszufuellen und seinem Collegen gegenueber den +einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem +Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafuer auch die +allerersten Berichte. Frankreich konnte warten! + +Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet's. Unter allen +anderen Verhaeltnissen haette er zwar begriffen, dass dieses Verfahren ein +gesetzlich vollkommen begruendetes war, jetzt suchte er aber den Beamten +womoeglich zu noethigen, dass er seiner Depesche vor der Fortsetzung der +seines Collegen den Vorzug gebe. + +"Der Herr ist in seinem Recht", bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er +auf Harry Blount wies und ihm liebenswuerdig zulaechelte. + +Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der +heiligen Schrift zu telegraphiren. + +Waehrend der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig +an's Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan +vorging, um seine Berichte zu vervollstaendigen. + +Einige Augenblicke spaeter nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und +fuegte seinem Telegramm hinzu: + +_"Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem +rechten Flussufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wueste und leer und es +war finster auf der Tiefe ..."_ + +In Alcide Jolivet stieg eine hoellische Lust auf, den ehrenwerthen +Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwuergen. + +Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der naemlichen +Ruhe die Antwort gab: + +"Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort +kostet zehn Kopeken." + +Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry +Blount brachte. + +_"Russische Fluechtlinge draengen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es +werde Licht und es ward Licht!..."_ + +Alcide Jolivet wollte buchstaeblich vor Wuth bersten. + +Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurueckgekehrt, zog aber +seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem +Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die +Laenge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet +hatte, nahm Alcide Jolivet geraeuschlos am Schalter Platz und uebergab, nach +Deponirung einiger recht anstaendiger Rubelrollen, seine Depesche dem +Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas: + + _"Madeleine Jolivet,_ + +_"10, Faubourg Montmartre (Paris)._ + +_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._ + +_"Fluechtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige +Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ..."_ + +Und als Harry Blount nach dem Schalter zurueckkehrte, vernahm er nur, wie +Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone +vervollstaendigte: + + _"Es ist ein kleines Maennchen,_ + _Gekleidet ganz in Grau,_ + _In Paris!..."_ + +Da er es fuer unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu +mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Beranger's an +Stelle der Bibelverse. + +"Oha! platzte Harry Blount heraus. + +-- Ja ja, so geht's", erwiderte lachend Alcide Jolivet. + +Inzwischen gestalteten sich die Verhaeltnisse in den Umgebungen Kolywans +immer bedrohlicher. Die Schlacht waelzte sich naeher heran, der +Geschuetzdonner krachte immer entsetzlicher. + +Da erzitterte ploetzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen. + +Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke +erfuellte den ganzen Raum. + +Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder: + + _"Bausbaeckig, wie ein Apfel,_ + _Doch ohn' ein'n Heller Geld ..."_ + +Dann hielt er inne, stuerzte auf die Granate zu, erfasste sie noch vor der +Explosion derselben mit beiden Haenden, warf sie zum Fenster hinaus und +trat wieder an den Schalter - Alles das Werk eines Augenblicks. + +Fuenf Secunden spaeter zersprang die Granate vor dem Hause in tausend +Stuecke. + +Alcide Jolivet liess sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht +stoeren und fuegte dem voellig ruhig und kaltbluetig hinzu: + +_"Eine sechspfuendige Granate schlug soeben durch die Mauer des +Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ..."_ + +Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, dass die Russen aus Kolywan +vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die +suedliche Steppe zu wagen. + +Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein +Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben. + +An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde. + +Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufuegen. + +_"Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von +einer Kugel getroffen ..."_ + +Da unterbrach ihn der kaltbluetige Beamte und sagte mit seiner +unerschuetterlichen Ruhe: + +"Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen." + +Den Schalter schliessend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, buerstete ihn +sorgfaeltig mit dem Ellbogen und verliess, immer laechelnd, das Haus durch +eine kleine Nebenthuer, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war. + +Das Gebaeude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so +dass weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rueckzug zu +bewerkstelligen vermochten. + +Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem +auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Muehe, letzteren auf die +Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spaet! + +Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff, +als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die +Haende der Tartaren! + + + + Ende des ersten Bandes. + + + + + + Collection Verne. Band 23. + + + *Der Courier des Czaar.* + + (Michael Strogoff.) + + Von + + *Julius Verne.* + + +_Autorisirte Ausgabe_ + +Zweiter Band. + +*Vierte Auflage.* + +Wien. Pest. Leipzig. + +_A. Hartleben's Verlag._ + +Alle Rechte vorbehalten. + + + + + K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + + + + MICHAEL STROGOFF. + + + Zweiter Theil. + + + + + Erstes Capitel. + + + Ein tartarisches Feldlager. + + +Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk +breitet sich eine grosse Ebene aus, auf der sich einige hohe Baeume, +vorzueglich Tannen und Cedern, erheben. + +Waehrend der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewoehnlich von +sibirischen Hirten besucht und gewaehrt auch den zahlreichen Heerden +derselben hinlaengliche Nahrung. Jetzt haette man wohl vergeblich nach einem +dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht dass diese fruchtbare Ebene +verlassen und oede gewesen waere, - im Gegentheil, sie zeigte ein ganz +aussergewoehnliches Leben. + +Hier erhoben sich naemlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte +Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am +7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen +russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000 +Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestuetzten, +feindlichen Heersaeulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert +Soldaten davon gekommen. + +Der Verlauf der Ereignisse war also kein guenstiger, und die kaiserliche +Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedraengt, - mindestens fuer +den Augenblick, denn frueher oder spaeter musste es den Russen ja wohl +gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die +raeuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche +Einfall sich ueber das empoerte Land entweder nach den Provinzen im Westen, +oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller +Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der +Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens +zu besetzen, so musste sie wohl, bei den mangelhaften Kraeften zu ihrer +Vertheidigung, den Tartaren in die Haende fallen, und bevor es dann moeglich +wurde, sie diesen wiederum zu entreissen, blieb der Grossfuerst, der Bruder +des Kaisers, den Rachegeluesten Iwan Ogareff's preis gegeben. + +Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last +so vieler Pruefungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel +Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten? +Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung fuer verfehlt, die +Ueberlieferung seines Mandats fuer unmoeglich an? + +Michael Strogoff gehoerte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr +regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war +sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte +er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiss befand er sich +unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh +daher trieben; aber mit der Annaeherung an Tomsk kam er auch Irkutsk naeher, +und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurueck. + +"Ich werde noch ankommen!" wiederholte er sich immer wieder. + +Seit jener Affaire bei Kolyvan draengte sich seine ganze Lebenskraft +zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den +Soldaten des Emirs entrinnen wuerde? - Das wollte er sehen, wenn der +passende Zeitpunkt da waere. + +Feofar's Feldlager bot einen praechtigen Anblick. Zahllose Zelte aus +Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der +Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen +wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin +und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehoerten den Seids und den +Khodjas, den vornehmsten Maennern des Khanates, an. Eine besondere Flagge, +mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem +kunstvoll geordneten Buendel rother und weisser Staebe erhob, bezeichnete den +hohen Rang dieser Tartarenhaeuptlinge. Weit ueber Sehweite hinaus +erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, "Karaoys" +genannt, die auf dem Ruecken der Kameele mitgefuehrt wurden. + +Das ganze Lager zaehlte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fussvolk +als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan, +zuerst die Tadjiks mit ihren schoenen, regelmaessigen Zuegen, weisser +Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, maechtigen Wuchse, - +die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und +Kunduz nahezu ein gleich grosses Contingent wie Bukhara geliefert hatten. +Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Staemme, welche +entweder in Turkestan sesshaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete +grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem +Barte, ganz aehnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff's +ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der +Kalmuecken aehnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein +Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft fuehrte, ein anderer +mit dem Saebel, einem Luntengewehre und dem "Tschakane", d. i. eine kurz +gestielte Axt, welche leicht toedtliche Wunden verursacht, ausgeruestet +erschien. Dazu mittelgrosse Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in +einen Zopf geflochten auf den Ruecken hinabfiel, mit rundlichem, +sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder +sehr spaerlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbraemte +Nankingstoffe, geschmueckt mit Lederguerteln, mit Silberschnallen, +Schnuerstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Muetzen, von denen +nach rueckwaerts drei Baender hinausflatterten. Endlich sah man auch +tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schoenen semitischen +Racen und Turkomanen mit engen gedrueckten Augen, an denen die Lider ganz +zu fehlen schienen, - Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs, +einer Fahne von Mordbrennern und zerstoerungssuechtigen Horden. + +Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl +Sklavenhaufen, vorzueglich Perser, welche von eingeborenen Anfuehrern +befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschaetzt +wurden. + +Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels +eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des +ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkaeppchen, +und endlich darunter gemischt noch Hunderte "Kalender", eine Art +religioeser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothduerftig +bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollstaendigen Vorstellung +des fast unuebersehbaren Gemisches der verschiedenen Voelker und Staemme +gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten. + +Fuenfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben +nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu +je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in +Knoten geknuepft, deren Ruecken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren, +unterschied man die feingebauten, grossen Turkomanen mit glaenzendem Haar +und stolzer Haltung; die ausdauernden, kraeftigen Usbecks; die +Khokhandiner, welche ausser ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze +Kuecheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den +Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels "Arkan", d. i. der +Lasso der Tartaren, einfaengt, und endlich viele andere Abkoemmlinge +gekreuzter Racen von geringerem Werthe. + +Lastthiere zaehlten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich +kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte +Maehne ihren Hals verhuellte, gelehrige und leichter als die Dromedare +zaehmbare Thiere; ferner einhoeckerige "Nars" mit rothgelbem, gelocktem +Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten +und deren sehr geschaetztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung +der Tartaren ausmacht. + +Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, ueber diese ungeheuren +Haufen von Zelten verbreiteten in groesseren Gruppen zusammen stehende +Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und +dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen +hoechst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle +Farben seiner Palette haette erschoepfen muessen. + +Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar's und der +Grosswuerdentraeger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und +schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getoese mischte sich aber +auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und +sechspfuendiger Geschuetze, welche die Artillerie des Emirs bildeten. + +Feofar lebte hier unter rein militaerischer Umgebung und Lebensweise. Seine +Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner +Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Haenden der Tartaren war. + +Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt +werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien +endgiltig zu vertauschen hoffte. + +Feofar's Fuerstenzelt ueberragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus +breiten Stuecken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit +goldenen Fransen zusammenhielten, ueberragt von dichten Troddeln, welche +der Luftzug faecherartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer +weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch praechtige Birken und +gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem +glaenzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geoeffnet der +heilige Koran, dessen Blaetter aus ganz duennen, fein gravirten +Goldplaettchen bestanden. Darueber flatterte die tartarische Fahne. + +Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der hoechsten +Beamten von Bukhara. Da wohnten der Grossstallmeister, dem das Recht +zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der +Gross-Falkenier, der "Housch-Begui", d. i. der Siegelbewahrer des +Herrschers, der "Toptschi-Baschi", d. i. der Oberbefehlshaber der +Artillerie, der "Khodja" oder Vorsitzende des Grossen Rathes, der von dem +Fuersten gekuesst wird und sich vor ihm mit offenem Guertel zeigen darf, der +"Scheik-ul-Islam", der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste, +der "Cazi-Askev", der in Abwesenheit des Emirs ueber alle Streitfragen +zwischen Militaers zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen, +deren Hauptgeschaeft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan +beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln. + +Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden, +gluecklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm +haette wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er +hielt sich aber zurueck in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestaet +der orientalischen Fuersten erhaelt. Man bewundert Den, der sich nicht +zeigt, und fuerchtet ihn mehr. + +Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzaeunung eingepfercht, wo sie +misshandelt, nur nothduerftig ernaehrt und allen verderblichen Einfluessen des +Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar's entgegen harrten. + +Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiss +Michael Strogoff. Er liess sich gern fuehren, denn man fuehrte ihn dahin, +wohin er selbst wollte, und das in verhaeltnissmaessiger Sicherheit, die er, +frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie haette +finden koennen. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt haette ihn +unzweifelhaft in die Haende der Plaenkler zurueck geliefert, welche die +umgebende Steppe durchschwaermten. Die oestlichste, von den Schaaren der +Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht ueber dem zweiundachtzigsten +Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung +dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich ausserhalb +des von Feinden ueberschwemmten Gebietes zu befinden, den Yenisei gefahrlos +zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese +Provinz besetzte. + +"Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner +Ungeduld, deren er nicht voellig Meister werden konnte, zu unterdruecken, +werde ich binnen wenigen Minuten ueber die Vorpostenkette hinaus sein, und +zwoelf Stunden vor Feofar, zwoelf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein, +das genuegt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!" + +Was Michael Strogoff am meisten fuerchtete und wohl auch fuerchten musste, +das war die Anwesenheit Iwan Ogareff's in dem tartarischen Lager. +Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser +Instinct, dass es fuer ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem +Verraether zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, dass durch die +Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff's und Feofar-Khan's die +feindliche Armee nun vollzaehlig wurde und mit aller Macht nach der +ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte +in ihm aber die schwersten Befuerchtungen, und aufmerksam lauschte er auf +jeden schmetternden Trompetenstoss, ob dieser etwa das Eintreffen jenes +Unterbefehlshabers des Emirs verkuende. + +An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter +und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurueck geblieben, die Andere auf den +Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese +ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte +Nichts fuer sie zu thun! Wuerde er jene Zwei ueberhaupt wiedersehen? +Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu +beantworten wagte. + +Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch +Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt +worden. Ihr frueherer Reisegefaehrte wusste zwar, dass Jene in derselben dicht +mit Wachtposten besetzten Umzaeunung untergebracht waren, er hatte sich +ihnen aber nicht zu naehern gesucht. Nur wenig kuemmerte es ihn jedoch, was +sie ueber ihn bezueglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken moechten; +er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein +handeln zu koennen. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite. + +Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite +fiel, diesem die groesste Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager, +daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch, +dass er sich auf den Arm seines Rivalen stuetzte, dem Gefangenenzuge folgen. +Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Englaender legitimiren, das +haette ihm aber gegenueber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstoessen und +Saebelhieben antworteten, nicht im mindesten genuetzt. Der ehrenwerthe +Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunaechst das Schicksal +aller Uebrigen, und blieb es ihm ueberlassen, spaeter zu reclamiren und +Satisfaction fuer die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte +er aber seiner Wunde wegen nur mit der groessten, schmerzlichen Anstrengung +zurueck, und ohne Alcide Jolivet's Hilfe waere er wohl kaum im Stande +gewesen, das Lager zu erreichen. + +Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche liess, +hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote +stehenden Mittel moeglichst gestaerkt. Als er sich unabwendbar in jene Huerde +eingeschlossen sah, eilte er zunaechst, Harry Blount's Wunde zu +untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er +ueberzeugte sich, dass dessen Schulter nur von dem Sprengstueck einer Kugel +gestreift worden war. + +"O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder +drei kuehlen Aufschlaegen ist die ganze Sache vorueber. + +-- Aber diese nothwendigen Umschlaege?... fragte Harry Blount. + +-- Die mache ich Ihnen selbst. + +-- Sie sind also ein wenig Arzt? + +-- Alle Franzosen sind halbe Aerzte!" + +Nach dieser dreisten Versicherung zerriss Alcide Jolivet sein Taschentuch, +zupfte aus einem Stuecke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem +Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen +Ziehbrunnen Wasser, wusch die gluecklicher Weise nur leichte Wunde +sorgfaeltig aus und legte mit grosser Geschicklichkeit die feuchten +Leinenstuecke auf Harry Blount's Schulter. + +"Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Fluessigkeit ist das +wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt, +und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000 +Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000 +Jahre! + +-- Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf +ein Lager von duerren Blaettern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im +Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte. + +-- Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie haetten an meiner Stelle +dasselbe gethan. + +-- Ja, ich weiss nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv. + +-- Sie Spassvogel! Alle Englaender sind edelmuethig! + +-- Gewiss, aber die Franzosen ...? + +-- Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfaeltig; aber +was das wieder gut macht, ist, dass sie eben Franzosen sind. Doch sprechen +wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar +nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe." + +Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als +Verwundeter vernuenftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war +das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der +Fall. + +"Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, dass unsere letzten Depeschen noch +ueber die russische Grenze befoerdert worden sind? + +-- Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde +wird meine glueckselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei +Kolyvan zu halten ist. + +-- Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry +Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen +richtete. + +-- Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine +ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hoert und +ungluecklich sein wuerde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer +stoerte. + +-- Ich mag nicht schlafen, versetzte der Englaender. -- Was urtheilt Ihre +Cousine wohl ueber die Sachlage? + +-- Nun, dass es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch, +was da! die moskowitische Regierung ist maechtig, sie braucht sich wegen +eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird +und kann ihr nicht verloren gehen. + +-- Ueberhebung hat schon die groessten Reiche gestuerzt! antwortete Harry +Blount, der von einer gewissen "englischen" Eifersuechtelei wegen der +russischen Praetensionen in Centralasien nicht ganz frei war. + +-- O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der +Facultaet untersagt! Fuer Schulterwunden giebt es gar nichts Gefaehrlicheres! +... Sie muessten denn dadurch einschlummern wollen! + +-- So sprechen wir davon, was uns zu thun uebrig bleibt, lenkte Harry Blount +ein. Ich, Herr Jolivet, verspuere nicht die mindeste Lust, hier unbedingt +Gefangener der Tartaren zu bleiben. + +-- Ich bei Gott auch nicht! + +-- Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen. + +-- Ja, wenn's zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel +giebt. + +-- Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter +erwartungsvoll an. + +-- Gewiss! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden +reclamiren. + +-- Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere? + +-- Nein, er verstaende das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan +Ogareff, seinem Untergeneral. + +-- Der ist ein Schurke! + +-- Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiss, dass er +mit dem Voelkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns +zurueckzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht +schwer werden. + +-- Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn +noch nicht bemerkt, aeusserte Harry Blount. + +-- Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muss sich hier dem Emir +anschliessen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und +offenbar erwartet ihn nur Feofar's Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren. + +-- Und was thun wir, wenn wir frei sind? + +-- Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den +Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner +ueberzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenfluechtig werden! Wir +stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glueck gehabt, +im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, - ich +habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwaerts! +Vorwaerts! - Ach, schoen, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert +ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser, +mehr bedarf es nicht, um einen Englaender wieder auf die Beine zu bringen. +Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!" + +Und waehrend Harry Blount der Ruhe genoss, wachte Alcide Jolivet an seiner +Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen +bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter, +gewiss zur groessten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich +zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Maenner an einander +geknuepft und sie weiterer Eifersuechtelei enthoben. + +Was also Michael Strogoff vor Allem fuerchtete, gerade das wuenschten die +beiden Journalisten sehnsuechtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff's +musste fuer diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft +eines englischen und franzoesischen Correspondenten erst festgestellt war, +mussten sie hoechst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der +Stellvertreter des Emirs wuerde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es +dessen Charakter auch entsprochen haette, die Gefangenen einfach als Spione +abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet's und Harry Blount's lief also +dem Michael Strogoff's direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den +frueheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annaeherung an die alten +Reisegefaehrten sorgfaeltig vermeiden liess. Er richtete sich also moeglichst +so ein, dass Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten. + +Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veraenderung der Sachlage. Von der +Aufhebung des Lagers hoerten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden +strengstens ueberwacht. Es waere thatsaechlich unmoeglich gewesen, den Cordon +von Fussvolk und Reitern, der sich um die Huerde schloss, zu durchbrechen. +Die ihnen gebotene Nahrung schuetzte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal +binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stueck auf Kohlen +geroestetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem "Krut" +genannten Kaese, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch +geweicht die gewoehnlich "Kumiss" genannte Speise der Kirghisen darstellt. +Das war Alles. Hierzu kam, dass die Witterung wahrhaft abscheulich wurde. +Heftige Stoerungen in der Atmosphaere fuehrten stuermische Winde mit +Regenschauern herbei. Schutzlos mussten die Ungluecklichen diesen ungesunden +Witterungswechsel aushalten, ohne dass man ihre Leiden irgendwie zu mindern +gesucht haette. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei, +deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mussten, da ihre Peiniger +jenen sogar ein Grab verweigerten. + +Waehrend dieser harten Pruefungen machten sich Alcide Jolivet und Harry +Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nuetzlich und waren zu jedem Dienste +bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie frueher keinen +harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kraeftig waren, so +widerstanden sie auch den jetzigen ueblen Einfluessen besser und konnten +sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nuetzlich erweisen, +welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen. + +Sollte dieser Jammerzustand laenger andauern? Wollte Feofar-Khan, +befriedigt durch die ersten gluecklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor +er auf Irkutsk marschirte? Man haette das wohl befuerchten koennen, es kam +indess anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte, +von Michael Strogoff so gefuerchtete Ereigniss trat am Morgen des 12. August +wirklich ein. + +An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und +knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke waelzte sich langsam +ueber der Strasse von Kolyvan dahin. + +Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das +Lager der Tartaren. + + + + + Zweites Capitel. + + + Alcide Jolivet's Haltung. + + +Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zufuehrte. Diese +Reiter und Fusssoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche +sich der Stadt Omsk bemaechtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande +gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzaehlt, der +Gouverneur zurueckgezogen hatte, so entschloss er sich, weiter zu ziehen, um +die Operationen, welche im oestlichen Sibirien geplant waren, nicht +aufzuhalten. So liess er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurueck. +Dann sammelte er seine Horden, verstaerkte sich unterwegs durch die Sieger +von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar's her. + +Die Truppen Iwan Ogareff's hielten vor den Aussenposten des Lagers. Sie +erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Fuehrer ging +offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu +dringen und in kuerzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre +Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukuenftigen +Operationen bestimmt schien. + +Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport +russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in +Feindeshand gefallen waren. Diese Ungluecklichen wurden gar nicht erst in +die Umzaeunung gefuehrt, welche ohnedies schon zu klein fuer alle die +erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten, +ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch +Feofar-Khan bevor? Wuerde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie +vielleicht eine blutige Execution, das gewoehnliche Verfahren der +Tartarenhaeuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniss des launischen +Emirs. + +Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen +grossen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche +gewoehnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen. +Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und +liess wenig zu pluendern hinter sich zurueck. Schon hieraus ergab sich die +Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um fuer die +Expeditions-Colonnen den noethigen Proviant zu verschaffen. Der ganze +Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwuestet +und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich liessen die Tartaren eine +Wueste, welche die Russen gewiss nur mit groesster Schwierigkeit zu +durchziehen im Stande sein konnten. + +Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren, +befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet +hatte. Sangarre zaehlte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der boese +Geist Iwan Ogareff's, verliess ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben +sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Russland selbst, im Gouvernement +von Nishny-Nowgorod, ihre Plaene schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural +hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals +Ichim so schnell als moeglich zu erreichen, waehrend Sangarre und ihre +Gesellschaft durch den Sueden der Provinz auf Omsk zu zogen. + +Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete. +Durch ihre Tsiganen drang sie ueberall ein, hoerte und beobachtete Alles. +Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf +dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem +Dienst geoeffnet. Uebrigens gewaehrte er fuer diese Spionendienste, deren +Vortheil ihm genuegend einleuchtete, gern einen hohen Lohn. + +Als Sangarre frueher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt +gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergass sie, +was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als +Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verraethers beschritt, erkannte er +recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen +konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, - Sangarre fuehrte +ihn aus; ein wahrhaft aussergewoehnlicher Instinct, noch maechtiger +entwickelt als selbst das Gefuehl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast +gedraengt, sich dem Verraether als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit +den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloss. Geschmeichelt +durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr +Vagabundenleben den Empoerern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien +fuehrte. Mit der natuerlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde +Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine +Wilde, wuerdig die Huette eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu +theilen. + +Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder +anschloss, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall, +welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengefuehrt hatte, war ihr bekannt. +Die Befuerchtungen Iwan Ogareff's wegen des Durchzugs eines Couriers des +Czaaren wusste und theilte sie. Fuer die gefangene Marfa Strogoff waere sie +die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu +peinigen, um ihr ihr Geheimniss zu entreissen. Noch war aber die Stunde +nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen +wollte. Sangarre musste warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den +Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren +geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag +und Nacht bewachte, um das Wort "Sohn" einmal ihren Lippen entschluepfen zu +hoeren, waehrend Marfa Strogoff's ausserordentliche Kaltbluetigkeit vorlaeufig +noch alle diese Bemuehungen vereitelte. + +Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der +Oberbefehlshaber der Artillerie und der Grossstallmeister des Emirs, +begleitet von einer glaenzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff's vor +das Feldlager hinaus begeben. + +Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die hoechsten Ehrenbezeigungen +und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan's zu folgen. + +Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kuehl die +Hoeflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen +Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, - fast +erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, - noch +russische Uniform. + +Gerade als er die Zuegel seines Rosses fasste, um in den Kreis des Lagers zu +reiten, draengte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, naeherte sich +ihm und blieb unbeweglich stehen. + +"Nichts? fragte Iwan Ogareff. + +-- Nichts. + +-- Sei geduldig. + +-- Naehert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen +wirst? + +-- Sie kommt, Sangarre. + +-- Wann wird das Weib sprechen sollen? + +-- Sobald wir in Tomsk sind. + +-- Und dahin kommen wir ...? + +-- Binnen drei Tagen." + +Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre's grossen, schwarzen Augen, dann +zog sie sich still und geschmeidig zurueck. + +Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem +Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fuersten. + +Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem +bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze +Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner +Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln +Steinen glitzernden Degengehaenge, mit dem krummen, einem Yatagan aehnlichen +Saebel, dessen Scheide mit praechtigen Gemmen eingelegt war, den +schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Muetze, an der eine +Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das +fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal, +eines unumschraenkten Herrschers, der ueber Leib und Blut seiner Unterthanen +ganz nach Gutduenken verfuegt, dessen persoenliche Macht ohne Grenzen ist, +und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschliesslich +den Namen "Emir" beilegte. + +Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Grosswuerdentraeger auf ihren +goldbetressten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem +reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fussboden der weiche +Sammet eines bukharischen Teppichs verhuellte. + +Der Emir naeherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuss; ein Zeichen, +dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuss erhob den +Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig +ueber den Khodja. + +Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff. + +"Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du +wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hoeren. + +-- Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so hoere, was ich zu sagen habe." + +Iwan Ogareff sprach tartarisch und drueckte sich mit dem emphatischen +Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet. + +"Takhsir, die Zeit ist unnuetzen Worten nicht hold! Du weisst, was ich an +der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch +sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter koennen ihre Pferde in dem +nun tartarisch gewordenen Strome traenken. Die Kirghisenhorden erheben sich +auf den Ruf Feofar-Khan's, und Dein ist die Hauptstrasse Sibiriens vom +Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersaeulen ebenso wohl +nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem +Westen, wo sie sich niederlegt. + +-- Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne dass ein Zug +des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth. + +-- Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach +Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen +von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen. + +-- Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe? + +-- So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der +tartarischen Herrschaft unterwerfen. + +-- Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit +diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Russland bezeichnete. + +-- Von ihnen hast Du nichts zu fuerchten, weder nach Sonnenaufgang, noch +nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte +zu ploetzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu +leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Haende gefallen sein. Die +Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es ueberall +geschehen wird, wo die Deinen gegen jene veraechtlichen Heerhaufen des +Occidentes streiten werden. + +-- Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit fuer die Sache der Tartaren +ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause. + +-- Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der +Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der oestlichen Steppen sollen die Rosse +der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die +Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geissel zu gewinnen, +welche den Besitz eines grossen Landes aufwiegt. Jetzt muss, da es der Czaar +nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Grossfuerst, sein Bruder, in +Deine Haende fallen." + +Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hoerte man ihn so +reden, so haette man ihn wohl fuer einen Abkommen jenes grausamen Stephan +Razine halten koennen, der das suedliche Russland im 18. Jahrhundert +verwuestete. Sich des Grossfuersten zu bemaechtigen, ihn ohne Mitleid in +Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er +unablaessig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf uebrigens gleichzeitig das +ganze oestliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren. + +"Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan. + +-- Wie lauten Deine Befehle, Takhsir? + +-- Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden." + +Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui +zurueck, um die Befehle des Emirs auszufuehren. + +Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurueckzukehren, +entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen +Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wuestes Geschrei, dem +zwei oder drei Gewehrschuesse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch +einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurueckgewiesen +wurde? + +Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und +fast gleichzeitig erschienen zwei Maenner, trotz der Anstrengung der +Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren. + +Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der +Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Koepfe der Gefangenen +wohl schnell haette in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige +Worte fallen liess, die dem schon ueber Jenen geschwungenen Saebel Halt +geboten. + +Der Russe hatte schnell erkannt, dass die beiden Gefangenen Fremde waren, +und befahl, sie ihm vorzufuehren. + +Man liess nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten. + +Seit der Ankunft Iwan Ogareff's im Lager hatten sie schon verlangt, vor +ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab. +Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen +Gewehrschuessen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung +entgingen; immerhin haetten sie ohne das Dazwischentreten des +Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiss bald mit dem Leben zu +buessen gehabt. + +Letzterer examinirte die ihm vollstaendig unbekannten Gefangenen einige +Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim +beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der +brutale Reisende von damals hatte indess den mit anwesenden Personen +keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. + +Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder +und Letzterer sagte halblaut: + +"Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim +sind ein und dieselbe Person!" + +Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr: + +"Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir +einen grossen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager +missfaellt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner +Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so wuerden sich meine Augen +doch eher veraechtlich von ihm abwenden, als ihm in's Angesicht zu sehen." + +In Alcide Jolivet's Zuegen malte sich die vollstaendigste und hochmuethigste +Gleichgiltigkeit. + +Empfand es Iwan Ogareff, dass diese Haltung des Gefangenen etwas +Beleidigendes fuer ihn hatte? Jedenfalls liess er nichts davon bemerken. + +"Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber +minder als gewoehnlich rauhem Tone. + +-- Zwei Correspondenten englischer und franzoesischer Journale, erwiderte +Harry Blount lakonisch. + +-- Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identitaet nachzuweisen? + +-- Hier sind Schriftstuecke, welche uns in Russland bei den Kanzlern Englands +und Frankreichs accreditiren." + +Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen +und las sie mit Aufmerksamkeit durch. + +"Sie begehren die Erlaubniss, unseren militaerischen Operationen in Sibirien +zu folgen? begann er darauf. + +-- Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische +Reporter. + +-- Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr +begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen. + +-- Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht +kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto." + +Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurueck, der seine +Worte stillschweigend zu bestaetigen schien. + +Iwan Ogareff laechelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand +an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke. + +"Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie ueber Iwan Ogareff, den Oberanfuehrer der +Tartarenheere? fragte Harry Blount. + +-- Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte laechelnd Alcide Jolivet, +dass jener Housch-Begui eine recht huebsche Geste machte, als er den Befehl +gab, uns um einen Kopf kuerzer zu machen!" + +Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die +Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den +Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiss nicht +in den Sinn, die Flinte in's Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche +sie frueher wohl gegen einander fuehlten, hatte einer innigen Freundschaft +Platz gemacht. Durch die Umstaende einander genaehert, dachten sie gar nicht +daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnuetzen Eifersucht +waren fuer immer geloescht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er +seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu +erinnern; die gegenseitige Annaeherung erleichterte die Zwecke der +Reportage, gewiss zum Vortheile der beiderseitigen Leser. + +"Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit +anfangen? + +-- Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu +sehen, was dort geschieht. + +-- Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet, +uns einem russischen Corps anzuschliessen? - + +-- Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr +tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die +Civilisation verbreiten, und offenbar haetten die Volksstaemme Centralasiens +Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu +gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann +nur eine Frage der Zeit sein." + +Das Erscheinen Iwan Ogareff's, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre +Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine grosse Gefahr fuer +Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff +vor Augen fuehrte, musste dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen, +den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael +Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan +haette, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so musste er doch der +Gegenstand erhoehter Aufmerksamkeit werden, - was der Erreichung seiner +Ziele gewiss nicht foerderlich sein konnte. + +Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff's. Dagegen +durfte es als eine glueckliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, dass +noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur +Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging. + +Michael Strogoff's lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfuellung. Seine +Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der uebrigen Gefangenen zu +erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plaenklern in die Haende zu +fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in grosser Anzahl +umschwaermten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff's aber und der Furcht, von +diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber +auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen +solle. + +Michael Strogoff haette sich wahrscheinlich noch fuer das letztere +entschieden, als ihm zu Ohren kam, dass Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der +Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien. + +"Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz +ausnahmsweise guenstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk +ueberwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten +immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden ueber die am meisten nach Osten +vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage +Geduld und dann stehe Gott mir bei!" + +In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die +Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch +die Steppe zurueckzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine +Entfernung von einhundertfuenfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an +nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer +aber den ungluecklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwaechten +Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug ueber die sibirische +Heerstrasse bezeichnen. + +Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei grosser Hitze und wolkenlosem +Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch. + +Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry +Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die +wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen musste. +Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten +Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie +von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein +Klagelaut kam ueber ihre Lippen. Man haette sie eine Bildsaeule des Schmerzes +nennen koennen. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als +die Andern bewachte Frau wurde, ohne dass sie es ahnte oder sich darum zu +kuemmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte +auch sie dem Gefangenentransporte zu Fusse folgen muessen, ohne dass Jemand +versucht haette, ihr irgend eine Erleichterung zu gewaehren. + +Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswuerdiges anderes +Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu +leisten. Unter ihren Ungluecksgefaehrten befand sich ein junges, durch seine +Schoenheit und Kaltbluetigkeit ausgezeichnetes Maedchen, das es sich zur +Aufgabe machte, ueber sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden +Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Maedchen +stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten +konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten +nicht ohne einiges Misstrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der +gerade, offene Blick des Maedchens, ihre Zurueckhaltung und die +geheimnissvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen +zwei gleichmaessig Ungluecklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb +abweisende Kaelte Marfa Strogoff's. Nadia, - denn sie war es, - hatte auf +diese Weise unbewusst der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurueckzahlen +koennen, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie +hier doppelt gut geleitet. Dadurch, dass sie Jener gern diente, erwarb sich +Nadia fuer ihre Jugend und Schoenheit den Schutz der aelteren Gefangenen. +Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wussten +sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die +Grossmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art +Hochachtung zu sichern. + +Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plaenkler in die Barken auf dem +Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt +gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die +Truppen Iwan Ogareff's bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das +Marfa Strogoff's. + +Ohne ihre unbeugsame Energie waere Nadia wohl dem doppelten Schlage, der +sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael +Strogoff's drueckten und empoerten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht fuer +immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsaeglichen gluecklich +ueberstandenen Muehen, die sie ihm genaehert hatten, und, um ihren Schmerz +auf's Hoechste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den +Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu +geleiten, - Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das +Bild Michael Strogoff's, der vor ihren Augen von einem Lanzenstosse +getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Musste +ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Fuer wen sparte Gott seine +Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiss einem edlen Zwecke diente, so +jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der +Zorn die Oberhand ueber ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr +Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig ueber sich ergehen +liess, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser +Erinnerung. + +"Wer wird wohl diesen Todten raechen, sagte sie zu sich selbst, da er es +selbst nicht mehr kann?" + +Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief: + +"Mach es, Herr, dass ich es sein darf!" + +Haette ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniss +anvertraut, wie gern haette sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes +Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den +Gott ihr nicht erst haette schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder +verlieren sollte!... + +Man begreift, dass Nadia, von solchen Gedanken erfuellt, fuer die Leiden +ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde. + +Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa +Strogoff zusammengefuehrt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, dass +diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres frueheren Begleiters +sein koenne, der fuer sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen +war. Und wie haette Marfa auf der andern Seite ahnen koennen, welches Band +der Erkenntlichkeit das junge Maedchen an ihren Sohn fesselte? + +Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer +Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose +unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenueber den Leiden und +Entbehrungen ihres taeglichen Lebens, diese Verachtung aller koerperlichen +Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der +dem ihrigen an Groesse gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia's, und wir +wissen, dass sie sich damit nicht taeuschte. Eine instinctive Sympathie fuer +jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu +ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit +der stolzen Seele des jungen Maedchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht +erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder +abschlagen zu koennen. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge +Maedchen da und unterstuetzte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel +ausgetheilt wurden, haette die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia +theilte mit ihr die eigenen kaerglichen Mahlzeiten, so dass sie Beide den +qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zuruecklegten. Dank ihrer +jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den +Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf +gefesselt zu werden, wie manche andere Unglueckliche, welche so auf ihrem +Schmerzenswege dahin geschleppt wurden. + +"Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du fuer meine alten Tage gethan +hast!" sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das waehrend einer +langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war. + +Man haette meinen sollen, dass die aeltere Frau und das junge Maedchen im +Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal +ueber ihre Verhaeltnisse ausgesprochen haetten. Marfa Strogoff hatte aber aus +leicht begreiflichen Gruenden, und auch das nur moeglichst kurz, von sich +allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen +Augenblicks erwaehnt, der sie mit ihm zusammenfuehrte. + +Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes +unnuetze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fuehlte, dass sie +eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das +Herz ueber und sie erzaehlte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr +seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff's begegnet +war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hoerte, erregte die lebhafteste +Theilnahme der alten Sibirerin. + +"Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzaehle mir noch mehr von diesem Nicolaus! +Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend, +von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen haette! Nicolaus +Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter? + +-- Warum sollte er mich hierin getaeuscht haben, erwiderte Nadia, da er in +allen andern Dingen die Wahrheit sprach?" + +Dennoch trieb ein ungewisses Gefuehl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere +Fragen zu stellen. + +"Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir +versichert, dass er es war, sagte sie. + +-- Gewiss, unerschrocken, bestaetigte Nadia. + +-- So waere mein Sohn auch gewesen", murmelte Marfa Strogoff halb fuer sich. + +Dann fuhr sie fort: + +"Du sagst mir auch, dass Nichts ihn aufhalten konnte, dass Nichts ihn +erschreckte, dass er so mild war, bei aller Kraft, dass Du in ihm ebenso gut +eine Schwester, wie einen Bruder hattest, dass er ueber Dich wachte, wie +eine Mutter? + +-- Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles! + +-- Und auch ein Loewe, Dich zu vertheidigen? + +-- Wahrhaftig, ein Loewe! antwortete Nadia; ja ein Loewe, ein Held! + +-- Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, dass er +im Posthofe zu Ichim sich eine so unwuerdige Behandlung gefallen liess? + +-- Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt. + +-- Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff. + +-- Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniss +mit sich, worueber heut nur Gott noch Richter sein kann. + +-- Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und +Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen, +in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff +verachtet? + +-- Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge +Maedchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung fuer ihn gefuehlt." + +Die alte Frau schwieg einen Augenblick. + +"Er war gross? fragte sie hierauf. + +-- Sehr gross. + +-- Und sehr schoen, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter. + +-- Er war sehr schoen, antwortete Nadia leicht erroethend. + +-- Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die +alte Frau ueberwaeltigt und schloss Nadia in ihre Arme. + +-- Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn! + +-- Weiter, draengte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein +Freund, Dein Beschuetzer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von +seiner Mutter gesprochen? + +-- Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm +von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter! + +-- Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzaehlt", +schluchzte die alte Frau. + +Dann fuegte sie ruhiger hinzu: + +"Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter, +welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk +einmal zu sehen? + +-- Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht. + +-- Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen? + +-- Ja gewiss, aber ich muss wohl noch hinzufuegen, dass Nicolaus Korpanoff aus +Gruenden, die ihm ueber Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne, +gezwungen schien, das Land moeglichst unerkannt zu durchziehen. Es war fuer +ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und +Gewissenspflicht. + +-- Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte +Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, fuer deren +Erfuellung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuss, ach +vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiss jetzt +Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du +hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir +angezuendet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein +Geheimniss nicht mittheilte, so muss auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir, +Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten. + +-- Ich verlange keine Belohnung, Mutter", antwortete Nadia. + +Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das +unerklaerliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu +Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen +Augenblick mehr, dass der Begleiter des jungen Maedchens Michael Strogoff +gewesen sei, dass eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er +durch das ueberfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine +Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen. + +"O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht +verrathen und keine Tortur soll mir das Gestaendniss ablocken, dass Du es +wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!" + +Marfa Strogoff haette Nadia mit einem Worte fuer ihre erwiesene Ergebenheit +belohnen koennen. Sie konnte ihr mittheilen, dass ihr Begleiter Nicolaus +Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch +umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst +gesprochen hatte!... + +Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnuegte sich zu sagen: + +"Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglueck kann Dich nicht fuer +immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fuehle es, und +vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott +kann es nicht gestatten, dass Dein edler Gefaehrte umgekommen sei!... Hoffe +noch immer, meine Tochter! Mach' es wie ich! Die Trauerkleidung, welche +ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!" + + + + + Drittes Capitel. + + + Schlag fuer Schlag. + + +In dieser Weise gestaltete sich also das Verhaeltniss Marfa Strogoff's und +Nadia's zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn +dem jungen Maedchen auch nicht bekannt war, dass ihr so aufrichtig +betrauerter Begleiter noch lebte, so wusste sie doch, was seiner kindlich +verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafuer, dass er ihr die Freude +gewaehrte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermassen zu ersetzen. + +Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, dass der bei Kolyvan +gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig +mit ihnen nach Tomsk transportirt werde. + +Die von Iwan Ogareff weiter zugefuehrten Gefangenen wurden mit denen, +welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen liess, vereinigt. +Nach Tausenden zaehlten diese Ungluecklichen, Russen oder Sibirier, Militaers +oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Laenge. +Diejenigen derselben, welche man fuer die gefaehrlichsten hielt, waren +mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder +band oder haengte man an die Sattelknoepfe, um sie ohne Erbarmen auf der +Strasse hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her. +Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung, +so dass es hier keine Nachzuegler gab, ausser denjenigen, welche zusammen +brachen, um nicht wieder aufzustehen. + +In Folge dieser Ordnung kam es, dass Michael Strogoff, der sich in den +ersten Reihen befand, die das Feldlager verliessen, d. h. unter den +Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten +Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter +und Nadia's in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die +seinige. + +Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und +solch' traurigen Verhaeltnissen, wurde fuer nicht Wenige toedtlich, fuer Alle +furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Strasse, die +durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger +geworden war. Dazu war Befehl gegeben, moeglichst schnell nachzuruecken, so +dass nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst +unter brennender Sonne zurueckzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der +Bewegung, ein endloser Weg zu sein! + +Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des +Obi bis zum Fusse der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach +Sueden verlaufenden Sayanskgebirge gehoeren. Kaum unterbrechen einige +magere, halb verbrannte Gebuesche die Einfoermigkeit dieser grenzenlosen +Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch +den von dem anstrengenden Marsche erschoepften Gefangenen fehlte es vor +allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluss anzutreffen, haette +man sich etwa fuenfzig Werst weiter nach Osten begeben muessen, bis zu dem +Fusse jenes Landrueckens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jenisei +darstellt. Dort laeuft der Tom, ein kleiner Nebenfluss des Obi, der auch die +Stadt Tomsk durchfliesst, bevor er sich in einer der grossen Wasseradern des +Nordens verliert. Dort waere Wasser in Ueberfluss, die Steppe minder duerr, +die Hitze nicht so drueckend gewesen. Die Fuehrer des Zuges hatten aber die +gemessensten Befehle erhalten, auf dem kuerzesten Wege nach Tomsk zu +marschiren, denn der Emir musste jede Stunde fuerchten, in der Flanke gefasst +und von einer aus den noerdlichen Provinzen herab dringenden russischen +Colonne abgeschnitten zu werden. Die grosse sibirische Heerstrasse beruehrte +nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen +Kolyvan und dem naechsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, - und von +der Strasse durfte nicht abgewichen werden. + +Wir wollen uns nicht unnuetzer Weise bei den Leiden so vieler ungluecklicher +Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre +Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher +getriebenen hungrigen Woelfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten. + +So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin +helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei +bewegen konnte, seinen schwaechlicheren Leidensgefaehrten alle unter diesen +Verhaeltnissen moeglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstuetzte +die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn +die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz +wieder einzunehmen. + +Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? - Weil jetzt sein Entschluss fest +stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die +nothwendige Sicherheit boete. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, "auf +Unkosten des Emirs" bis Tomsk zu gelangen, und waehlte hiermit wohl auch +den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen +beruecksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im +Sueden und bald im Norden umschwaermten, so musste er zu der Ueberzeugung +gelangen, dass er gewiss kaum zwei Werst vorwaerts gekommen waere, ohne von +diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwaermten die +Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen, +wie die laestigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden +bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden +Verhaeltnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausfuehrbar. Die escortirenden +Soldaten wachten mit aeusserster Strenge, denn fuer eine erwiesene +Nachlaessigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele. + +Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen +Flecken Zabediero, etwa dreissig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die +Strasse mit dem Laufe des Tom. + +Gern waeren die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre +Waechter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als +bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit +gerade ueberaus heftigen Stroemung des Tom haette der Fluss doch die Flucht +einiger Wagehaelse oder Halbverzweifelter beguenstigen koennen, weshalb die +sorgsamsten Vorsichtsmassregeln getroffen wurden. Auf den Fluss verlegte man +eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmoeglich zu +durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Aussenlinie der an die ersten +Haeuser des Staedtchens gelehnten Lagerstaette umschloss dagegen ein lueckenlos +dichter Cordon von Feldwachen. + +Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von +hier aus in die Steppe zu fluechten, so sah er doch, nachdem er sich ueber +die Sachlage unterrichtet, leicht ein, dass unter diesen Verhaeltnissen +jeder Fluchtversuch unmoeglich sei, und beschloss, sich in Geduld zu fassen, +um nicht Alles auf's Spiel zu setzen. + +Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht ueber an den Ufern des Tom. Der +Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk +hinein zu fuehren. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener +wichtigen Stadt durch ein grosses militaerisches Fest gefeiert werden. +Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, waehrend das Gros der +Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden +Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten. + +Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage +vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurueck +gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrieregarde des +tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst +ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die +Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in +Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveraenen +gebraeuchlichen Pompe empfangen wollte. + +Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf's +Aeusserste erschoepften Gefangenen endlich ihren quaelenden Durst loeschen und +einige Ruhe geniessen. + +Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein +schwaches Daemmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer +des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der +Verschmachteten, welche das Flussufer umdraengten, nicht zu durchbrechen +vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu +erobern. + +Die alte Sibirerin beugte sich erschoepft ueber das Wasser; Nadia schoepfte +daraus mit ihrer Hand und fuehrte diese an Marfa's Lippen. Dann erst +erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Maedchen +tranken ein neues Leben aus den wohlthaetigen Fluthen. + +Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten, +ploetzlich um. Ein unwillkuerlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen. + +Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr! + +Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn. + +Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug +Herrschaft ueber sich, um nicht ein Wort hoeren zu lassen, das ihn haette +compromittiren koennen. + +Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!... + +Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drueckte Michael +Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte +sich. + +Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie +zurueck und raunte ihr in's Ohr: + +"Bleib' hier, meine Tochter! + +-- Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrueckter Stimme. Er +lebt, Mutter! Er ist es! + +-- Ja, es ist mein Sohn, bestaetigte Marfa Strogoff, das ist Michael +Strogoff, und Du siehst, dass ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir +darin, meine Tochter!" + +Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl +je ein Mann empfinden kann. Er wusste seine Mutter und Nadia hier. Diese +beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der +Himmel zu gemeinschaftlichem Unglueck zusammen gefuehrt. Wusste Nadia nun, +wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff's Handbewegung bemerkt, mit +der sie jene zurueckhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff +hatte Alles durchschaut und sein Geheimniss bewahrt. + +Zwanzigmal waehrend dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte, +seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, dass er dem +herzinnigen Wunsche widerstehen muesse, sie in seine Arme zu pressen und +die Hand seiner jungen Gefaehrtin zu druecken. Die geringste Unklugheit +konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu +sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in +Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmoeglich war, +hinausfluechten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen, +an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt +zurueck liess. + +Michael Strogoff durfte also hoffen, dass dieses neue Zusammentreffen im +Lager zu Zabediero weder fuer seine Mutter noch fuer ihn nachtheilige Folgen +haben werde. Er wusste aber nicht, dass gewisse Einzelheiten dieser Scene, +trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff's, +beobachtet wurden. + +Auch die Zigeunerin befand sich naemlich am Ufer, wo sie wie immer die alte +Sibirerin ohne deren Wissen argwoehnisch ueberwachte. Michael Strogoff, +welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar +nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie +Nadia zurueck hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen +Marfa's sagte ihr Alles. + +Es stand ihr nun ausser Zweifel, dass der Sohn Marfa Strogoff's, der Courier +des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan +Ogareff's befinden muesse. + +Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wusste, dass er da war! Sie suchte ihn +vorlaeufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten +in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmoeglich schien. + +Auch eine weitere Beobachtung Nadia's und Marfa Strogoff's hielt sie fuer +nutzlos. Offenbar wuerden die beiden Frauen aeusserst vorsichtig sein und +Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend +compromittiren koennte. + +Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu +erstatten. Sie verliess also sofort das Lager. + +Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in +das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen. + +Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin. + +"Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er. + +-- Der Sohn Marfa Strogoff's befindet sich im Lager, antwortete das Weib. + +-- Als Gefangener? + +-- Als Gefangener! + +-- O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ... + +-- Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in's Wort, denn Du +kennst ihn ja nicht. + +-- Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre! + +-- Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine +Bewegung, die mir Alles erklaerte. + +-- Taeuschest Du Dich nicht? + +-- Ich taeusche mich nicht. + +-- Du weisst, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege, +sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls uebergebene +Cabinetsschreiben dem Grossfuersten ausgehaendigt, so wird dieser auf seiner +Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu naehern vermoegen. Jenen Brief muss +ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der +Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner +Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, taeuschte Dich Deine +Beobachtung nicht?" + +Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen +Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der +bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in +ihrer Ueberzeugung. + +"Ich taeusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck. + +-- Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest, +dass Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei. + +-- Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte, +ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man +wird seine Mutter zum Sprechen zwingen muessen. + +-- Morgen soll das geschehen!" erwiderte Iwan Ogareff. + +Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese kuesste sie, ohne +dass diese bei den Voelkerschaften des Nordens so gebraeuchliche +Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwuerfigkeit zeigte. + +Sangarre kehrte nach dem Lager zurueck. Sie spuerte bald die Stelle aus, an +der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und liess diese nun die ganze +Nacht ueber nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Maedchen +schliefen nicht, trotzdem dass die Erschoepfung sie fast uebermannte. Eine +fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber +Gefangener gleich ihnen. Wusste das Iwan Ogareff, und wenn nicht, wuerde er +es noch erfahren? Nadia beschaeftigte sich nur mit dem einen Gedanken, dass +ihr todt geglaubter Gefaehrte noch lebe. Marfa Strogoff's Blick reichte +weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war, +so hatte sie doch Grund genug, fuer ihren Sohn das Schlimmste zu +befuerchten. + +Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und +verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie +durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und +Nadia, ueberhaupt ein Wort zu wechseln. + +Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten +helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten +augenblicklich unter die Waffen. + +Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe +tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch +finsterer, als gewoehnlich, und die strengen Zuege verriethen einen +verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte. + +Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind +vorueber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefuehl, dass jetzt eine +Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wusste, dass Marfa Strogoff die +Mutter Michael Strogoff's, des Officiers im Corps der Czaarencouriere, +sei. + +Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde, +und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn. + +Da naeherte sich Sangarre wieder und sagte: + +"Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!" + +Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der +Officiere. + +Bald darauf draengten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen +der Gefangenen. Von Peitschenschlaegen getrieben oder von Lanzenschaeften +gestossen, mussten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des +Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fusssoldaten, und hinter +diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmoeglich. + +Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff's begab +sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand. + +Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle. +Ein veraechtliches Laecheln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu +Nadia und sagte zu ihr mit gedaempfter Stimme: + +"Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart +diese Pruefung werden moege, - kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich +hier um ihn, nicht um mich!" + +Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand +auf die Schulter der alten Sibirerin. + +"Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff. + +-- Komm' mit mir!" erwiderte Sangarre. + +Fortdraengend fuehrte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan +Ogareff. + +Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das +Aufflammen seiner Augen zu verrathen. + +Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz +empor, kreuzte die Arme und wartete. + +"Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff. + +-- Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin. + +-- Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in +Omsk um Etwas fragte? + +-- Nein. + +-- Du weisst also nicht, dass Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk +gekommen ist? + +-- Das weiss ich nicht. + +-- Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen +glaubtest, das war Dein Sohn nicht? + +-- Nein, das war er nicht. + +-- Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht +gekommen? + +-- Nein. + +-- Und wenn ich Dir ihn zeigte, wuerdest Du ihn wieder erkennen? + +-- Nein." + +Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschuetterlichen Entschlusses, +nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung. + +Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten. + +"So hoere: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen. + +-- Nein! + +-- Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Maenner werden Dir vorgefuehrt +werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich +ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorueber gekommen sind." + +Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, dass er die unbeugsame Sibirerin trotz +aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen koennen. Um den +Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als +auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es fuer unmoeglich, dass Mutter und +Sohn, wenn sie einander gegenueber staenden, sich nicht durch irgend eine +Bewegung verrathen sollten. Waere es ihm nur allein um das kaiserliche +Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur +Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das +Schriftstueck aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt +durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch, +nach Irkutsk zu fluechten, so waren Iwan Ogareff's Plaene durchkreuzt. Der +Verraether musste sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des +Ueberbringers desselben versichern. + +Nadia hatte Alles mit angehoert; sie wusste nun, wer Michael Strogoff sei +und warum er die von den Feinden ueberfallenen Provinzen Sibiriens +unerkannt durchreisen wollte. + +Auf Iwan Ogareff's Befehl defilirten die Gefangenen Mann fuer Mann vor +Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsaeule, und deren +Blicke die vollstaendigste Gleichgiltigkeit heuchelten. + +Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor +seiner Mutter vorueber schritt, schloss Nadia die Augen, um es nicht mit +anzusehen. + +Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand +blutete, so fest hatten sich die Naegel eingepresst. + +Iwan Ogareff war vorlaeufig besiegt durch die Mutter und den Sohn! + +Sangarre, welche neben ihm stand, aeusserte nur ein Wort. + +"Die Knute herbei! sagte sie. + +-- Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute +dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!" + +Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand naeherte sich ein +tartarischer Soldat der Marfa Strogoff. + +Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in +geflochtene Drahtstuecken auslaufen. Man nimmt an, dass eine Verurtheilung +zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist. +Marfa Strogoff wusste das wohl, aber sie wusste auch, dass keine Tortur sie +zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer +bringen. + +Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden +geworfen. Man riss ihr das Kleid herunter und entbloesste den Ruecken. Nur +wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Saebel befestigt, so dass sie in +dessen Spitze fallen musste, wenn der Schmerz sie niederbeugte. + +Der Tartar stand bereit. + +Er wartete eines Zeichens. + +"Thu' Deine Pflicht!" sagte Iwan Ogareff. + +Die Geissel pfiff durch die Luft ... + +Aber bevor sie niederfiel hatte eine kraeftige Faust sie der Hand des +Tartaren entrissen. + +Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser +entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte, +als die Peitsche Iwan Ogareff's ihn selbst traf, hier, wo sie seiner +Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern. + +Iwan Ogareff hatte gesiegt. + +"Michael Strogoff!" rief er. + +Dann trat er naeher. + +"Ah, sagte er hoehnisch, der Mann von Ichim? + +-- Derselbe!" schrie Michael Strogoff. + +Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wuethend mehrmals +in's Gesicht. + +"Schlag fuer Schlag! rief er. + +-- Brav zurueckerstattet!" liess sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen, +die sich gluecklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor. + +Ein Haufe Soldaten stuerzte sich auf Michael Strogoff, um ihn +umzubringen ... + +Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr, +hielt sie durch eine Handbewegung zurueck. + +"Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man +durchsuche ihn!" + +Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael +Strogoff's gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu +vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff. + +Der Zuschauer, von dem der Ausruf: "Brav zurueckerstattet!" herruehrte, war +kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefaehrte und er wohnten, da sie +sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei. + +"Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind +doch handfeste Maenner. Sie geben doch zu, dass wir unsrem Reisegefaehrten +nun eine Ehrenerklaerung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die +Wage! Eine schoene Revanche fuer die Schmach in Ichim! + +-- Gewiss, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser +Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse haette er wohl +besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen. + +-- Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen! + +-- Glauben Sie, dass er dieser und seiner Schwester durch seinen +Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat? + +-- Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiss auch nichts, +als dass ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt haette. O, zum +Teufel, manchmal muss man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott haette +Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, dass wir +stets und allezeit unerregt blieben. + +-- Ein huebsches Thema fuer eine Erzaehlung! meinte Harry Blount. Nun sollte +uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!..." + +Nachdem er sich das Blut, das ihm ueber das Antlitz rann, abgewischt, hatte +Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam +durch, so als wollte er seinem Gedaechtniss jedes Wort des Inhaltes +einpraegen. + +Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit +den uebrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann uebernahm er den +Befehl ueber die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter +betaeubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in +der der Emir ihn erwartete. + + + + + Viertes Capitel. + + + Der siegreiche Einzug. + + +Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegruendet, ist eine +der bedeutendsten Staedte des asiatischen Russlands. Tobolsk, das schon ueber +den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das ueber den 100. Meridian hinaus liegt, +sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen. + +Dennoch ist, wie schon erwaehnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt +dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt +vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur +hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaiberge, d. h. +an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den +Abhaengen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige +Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das +Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der +eintraeglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der aeussere und innere +Luxus der Gebaeude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit +den groessten Hauptstaedten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine +Stadt der Millionaere vom Schlaegel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre +nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu +beherbergen, so troestet sie sich damit, dass der erste Kaufmann der Stadt, +der Hauptconcessionaer der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten +Range der Notabeln des Reiches zaehlt. + +Frueher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt. +Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine grosse Reise. Jetzt ist das, +vorausgesetzt, dass keine wilden Feindeshorden die Strasse umschwaermen, +durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der +Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit +Perm in Verbindung setzen soll. + +Haelt man Tomsk fuer eine schoene Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen +in dieser Hinsicht nur wenig ueberein. Frau von Bourboulon, welche auf +ihrer Reise von Shang-hai nach Moskau einige Tage daselbst verweilte, +nennt es einen wenig malerischen Haeuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist +es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebaeuden aus Granit +und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in +sibirischen Staedten findet, wenig abweichenden Strassen, mit schmutzigen +Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen +schweigsame Betrunkene umhertaumeln, "deren Trunkenheit ebenso apathisch +erscheint, wie bei allen Voelkern des Nordens". + +Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte +Bewunderung. Sollte das nur daher ruehren, dass er es mitten im Winter sah, +wogegen Frau von Bourboulon es nur waehrend des Sommers besuchte? Das ist +wohl moeglich und wuerde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern, +dass man kalte Laender nur waehrend der kalten Jahreszeit, warme nur waehrend +der heissen wirklich kennen und beurtheilen lernt. + +Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, dass Tomsk nicht nur die +schoenste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der huebschesten Staedte +ueberhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Saeulengaengen und Peristylen +geschmueckten Haeuser, die bequemen Holztrottoirs, wie ueberhaupt die +breiten, regelmaessigen Strassen, sammt den fuenfzehn praechtigen Kirchen, die +sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses, +wiederspiegeln. + +Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei +einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenfoermig ueber einen +langgestreckten, aber steil abfallenden Huegel aus. + +Die huebscheste Stadt der Welt wird aber zur haesslichsten, wenn Feinde in +ihr hausen. Wer haette sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von +wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuss hatte sie dem Anprall der tartarischen +Heersaeulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der +Stadtbevoelkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben +ungern empfangen, und fuer den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch +oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara +versetzt worden waere. + +In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu +Ehren sollte ein Fest mit Gesaengen, Taenzen und Schaugepraenge abgehalten +werden, dessen Ende wie gewoehnlich in eine laermende, wilde Orgie auslief. + +Der fuer diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen +ausgewaehlte Platz nahm eine geraeumige Ebene auf einem Theile des Huegels +ein, der sich etwa hundert Fuss hoch ueber den Tom erhebt. Den Rahmen dieser +Flaeche bildeten einerseits die langen eleganten Haeuserreihen, die vielen +Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen +des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Waelder, oder in +der Naehe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern. + +An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse +provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen +Palastes - wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen, +halb tartarischen Baudenkmaeler, - in bizarrstem Style errichtet. Ueber +diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den +hoechsten Zweigen der Baeume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu +Hunderten gezaehmte Stoerche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt +waren. + +Jene Terrasse blieb reservirt fuer den Hofstaat des Emirs, fuer die +verbuendeten Khans, die Grosswuerdentraeger des Reiches und fuer die Harems +eines jeden der turkomanischen Fuersten. + +Unter den Sultaninnen, zum groessten Theile uebrigens nur auf den Maerkten von +Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht +unverhuellt, waehrend Andere fast vollstaendig unter einem dichten Schleier +verborgen waren. Alle erschienen in der praechtigsten Kleidung. Reizende +Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rueckseite aufgeschlagen, eine +eigenthuemliche Faltenordnung zeigten, liessen ihre entbloessten Arme sehen, +deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden +erschienen, und ihre kleinen Haende, an denen die Fingernaegel mit dem Safte +der "Henneh" gefaerbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider, +welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Faeden des Spinnengewebes, zum +Theil aus wundervoll weichem "Aladja" (ein schmalgestreifter, herrlicher +Baumwollstoff) bestanden, liess sich jenes vornehme Rascheln hoeren, das den +Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe +erglaenzten brocatne kurze Roeckchen ueber den seidenen Beinkleidern, welche +letztere ein wenig oberhalb der feinen, grazioes geschweiften und mit +echten Perlen geschmueckten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos +erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die +unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schoenen Augen, die +praechtigen Zaehne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die +tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und +die mit Bleiglaette gefaerbten Lider hervorgehoben wurden. + +Am Fusse der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die +Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekruemmten Saebeln an der Seite, +einem Dolch im Guertel und der zehn Fuss langen Lanze in der Hand. Einige +dieser Tartaren trugen weisse Staebe, Andere ungeheure Hellebarden mit +maechtigen Troddeln aus Gold- und Silberfaeden. + +Ringsumher, bis zu den aeussersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen +Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, draengte sich eine +wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewuerfelt aus allen Eingeborenen +Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen +Schaffellmuetzen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem "Arkaluk", einer +besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten +sich Turkomanen in ihrem Nationalcostuem, langen Beinkleidern von +schreiender Farbe, Westen und Maenteln aus Kameelhaar, rothen entweder +konisch oder auch oben erweiterten Muetzen, hohen juchtenen Stiefeln, +Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Naehe +ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von +Natur ueppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu +verlaengern pflegen, mit unter der "Tjuba" offnem, blauem, purpurnem oder +gruenem Hemd, die Beine in farbige Baender eingeschnuert, die sich bis herab +ueber den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, - so als ob +sich alle Voelkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des +Emirs erhoben haetten, - an der Stirn und den Schlaefen rasirte Mandschus +mit geflochtenem Haar, langen Ueberroecken, einem Guertel, der die Taille +ueber einem seidnen Hemd umschloss, mit ovalen kirschrothen Atlasmuetzen mit +gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen +aus der Mandschurei, coquett mit kuenstlichen Blumen coiffirt, welche +reizende Haeubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen +Haaren trugen. Ausser diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser, +Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste +Geladenen mischten. + +Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen +nicht hatte fliehen koennen, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, dass +Feofar-Khan noch, zum wuerdigen Schluss dieser Siegesfestlichkeit, einen +Befehl zum Pluendern ergehen lassen koenne. + +Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet +von lustigen Fanfaren, Tamtamschlaegen, von Kanonen- und Gewehrsalven. + +Feofar ritt sein Lieblingsross, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten +funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten +die Khans von Khokhand und Kunduz, die Grosswuerdentraeger des Khanates und +als Gefolge ein zahlreicher Stab. + +Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar's die Terrasse, +gewissermassen die Koenigin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der +bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Koenigin oder Sklavin, +jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswuerdiger +Schoenheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich +nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhuelltem +Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die +blendendweissen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten +Schleier bedeckt waren, der sich rueckwaerts an eine Art mit den +werthvollsten Gemmen geschmueckte Haube anschloss. Unter der Tunica von +blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der "Zir-djameh" von +Seidengaze herab und ueber den Guertel faltete sich der "Pirahn", eine Art +Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu grazioes +ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln +an den Fuessen glaenzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide, +goldenen Tomans an Silberschnueren, Kraenze von Tuerkisen, Achate, Smaragde, +Opale und Saphire, dass ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt +erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenpraechtig an ihrem Halse, +den Armen, den Haenden, am Guertel und an den Fuessen blitzten, waeren mit +Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem +Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, haette man glauben koennen, +dass sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten +elektrischen Bogen verbunden seien. + +Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen +Staatsbeamten und militaerischen Wuerdentraeger des Gefolges. Alle nahmen +Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse +erhob. Vor dem Zelte lag wie gewoehnlich der geoeffnete Koran auf dem +heiligen Tische. + +Feofar's Befehlshaber liess nicht lange auf sich warten, und noch vor fuenf +Uhr meldeten Trompetenstoesse die Ankunft des Verbuendeten. + +Iwan Ogareff, - "mit der Schmarre", wie man ihn schon nannte - kam, jetzt +in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des +Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero +begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so dass in +der Mitte nur der fuer die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei +blieb. Quer ueber das Gesicht des Verraethers zog sich eine blutig +unterlaufene Strieme hin. + +Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan +empfing sie, wenn auch mit der seiner Wuerde entsprechenden Kaelte, doch in +einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise. + +Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt +unzertrennlichen Neuigkeitsjaeger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten +sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin, +sich sobald als moeglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen, +sich einem russischen Truppencorps anzuschliessen und mit diesem Irkutsk zu +erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den +Feuersbruensten, Pluenderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte +nur das Gefuehl der Entruestung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr, +in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen. + +Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, dass er Tomsk +nicht wohl eher verlassen koenne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden +Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, - und waere es +nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, - und Harry Blount +hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben +Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder +einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den +Plaenklern des Emirs zuvorzukommen. + +Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge +gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich +kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen huebschen +Artikel fuer die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten +Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die +Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europaeischen +Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber +voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht +ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes. + +"Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig +erschienen, so wie der brave Buerger, der fuer sein Geld auch etwas +Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es waere besser +gewesen, erst zum Ballet zu kommen. + +-- Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount. + +-- Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt +sich schon." + +Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein +Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, "die ersten Kraefte der +Truppe Feofar-Khans" moeglichst genau kennen zu lernen. + +Den lustigen Taenzen sollte aber noch eine hoechst peinliche Scene +vorhergehen. + +Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der +Besiegten kein vollstaendiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene +unter den Knuten der Soldaten vorgefuehrt. Diese sollten vor Feofar-Khan +und seinen Verbuendeten defiliren, bevor man sie in den Gefaengnissen der +Stadt einkerkerte. + +In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem +Befehle Iwan Ogareff's entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten +zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch +gegenwaertig. + +Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie +allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein +bleich. Sie machte sich wohl gefasst auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn +ward gewiss nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgefuehrt, und sie +zitterte leise fuer ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon +fuer sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu, +solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache wuerde wohl ohne Grenzen sein. +Gewiss drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die +Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff +damals, als seine Knechte sich ueber ihn stuerzen wollten, geschont hatte, +so wusste er gewiss, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs +vorzubehalten. + +Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und +Sohn unmoeglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie +unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden, +hier, wo es ihnen ein suesser Trost gewesen waere, waehrend einiger Tage der +Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern haette Marfa Strogoff ihren +Sohn um Verzeihung wegen all' des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen +zugefuegt hatte, denn sie klagte sich an, ihre muetterlichen Gefuehle nicht +gehoerig im Zaum gehalten zu haben. Haette sie sich damals im Posthofe zu +Omsk bezwungen, als sie ihm gegenueber stand, so kam Michael Strogoff +unerkannt hindurch, - und wie viel Unglueck waere dann verhuetet worden! + +Michael Strogoff seinerseits quaelte sich mit dem Gedanken, dass man seine +Mutter mit hierher schleppe, um sie fuer sein Vergehen buessen zu lassen, +vielleicht dass sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er +selbst. + +Nadia endlich fragte sich, was sie thun koenne, um den Einen oder die +Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe +kommen koenne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fuehlte, dass es hier vor +Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, +sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht waere +sie doch noch im Stande, die Gitter des Kaefigs ihres Loewen zu zerbrechen. +Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln boete, +gewiss nicht zoegern, und noethigenfalls ihr Leben fuer den Sohn der Marfa +Strogoff opfern. + +Inzwischen zog der groesste Theil der Gefangenen vor dem Emir vorueber, wobei +jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit +der Stirn beruehren musste, das erniedrigende Merkmal fuer den Anfang der +Sklaverei. Kruemmten die Ungluecklichen den Ruecken zu langsam, so warf sie +die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden. + +Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel +nicht ohne die Gefuehle der tiefsten Indignation beizuwohnen. + +"Dieser erbaermliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet. + +-- Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen! + +-- Alles sehen!... Ah, dort! rief ploetzlich Alcide Jolivet und ergriff den +Arm seines Gefaehrten. + +-- Was haben Sie? fragte dieser. + +-- Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie! + +-- Sie? - Welche sie? + +-- Die Schwester unseres Reisegefaehrten! Hilflos und gefangen. Wir muessen +sie retten ... + +-- Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten +des jungen Maedchens duerfte ihr eher schaedlich als nuetzlich werden." + +Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia draengen wollte, liess sich +belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte, +ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorueber, ohne +dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken. + +Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell +genug in den Staub warf, drueckten sie die Wachen mit rauher Faust nieder. + +Marfa Strogoff fiel zu Boden. + +Ihr Sohn schaeumte auf vor Wuth, so dass ihn die bewachenden Soldaten kaum +zu baendigen vermochten. + +Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgefuehrt werden, als +Iwan Ogareff das verhinderte. + +"Dieses Weib bleibt hier!" rief er. + +Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurueckgefuehrt. Iwan Ogareff's +Blick hatte sie nicht erkannt. + +Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch +nur die Augen zu senken, vor diesem stehen. + +"Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an. + +-- Nein", antwortete Michael Strogoff. + +Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kraeftige Hand +des jungen Mannes drueckte sie an seiner Statt zu Boden. + +Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu. + +"Du verwirkst Dein Leben! rief er. + +-- Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine +Verraetherstirn, Iwan, wird fuer immer die schmachvolle Schramme von der +Knute tragen!" + +Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten. + +"Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so +drohender war. + +-- Ein russischer Spion", antwortete Iwan Ogareff. + +Als er Michael Strogoff fuer einen Spion ausgab, wusste er recht wohl, +welches entsetzliche Loos ihm bevorstand. + +Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genaehert. + +Die Soldaten hielten ihn zurueck. + +Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze grosse Menge +niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er +oeffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt. + +Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das +Schicksal Michael Strogoff's entscheiden. + +Die Voelker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren "Fal". Nach der +Auslegung des von dem Finger des Richters zufaellig getroffenen Verses +faellen sie das Urtheil. + +Der Emir liess den Finger auf der einen Seite des Koran liegen. + +Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers, +der mit den Worten schloss: + +"Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen." + +"Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was +im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" + + + + + Fuenftes Capitel. + + + Nun sieh' Dich um. + + +Michael Strogoff musste mit gefesselten Haenden vor dem Thron des Emirs am +Fusse der Terrasse stehen bleiben. + +Ueberwaeltigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter +endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hoeren. + +"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" hatte Feofar-Khan mit einer +drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt. + +Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniss der tartarischen +Sitte den Sinn dieser Worte genuegend, denn um seine Lippen spielte einen +Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Laecheln. Dann hatte er neben +Feofar-Khan Platz genommen. + +Jetzt erklangen lustige Trompetenstoesse, das Signal zum Beginn der +Festspiele. + +"Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese +Barbaren fuehren es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt +nachher." + +Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von +Taenzerinnen flog auf den Platz. + +Eine fremdartige Musik ertoente von den verschiedensten tartarischen +Instrumenten, der "Dutare", einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des +Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten +aus fest gedrehter Seide; der "Kobiz", eine Art offenes Violoncell, dessen +Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die +"Tschibyzga", eine lange Floete aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins, +Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltoenen zahlreicher +Saenger. Hierzu kam noch das dann und wann hoerbare, leise Erklingen eines +besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen +herruehrte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren, +welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen. + +Sofort begann nun der Tanz. + +Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa +Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig. + +Frueher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden +aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und +aus dem Reiche verbannt, so dass sie ihr Glueck in andern Laendern suchen +mussten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art ueberladenes Nationalcostuem. +Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehaengen schaukelten an ihren Ohren, +Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine +schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, waehrend an den +Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Tuerkisen und +Karneolen erglaenzte. Den Taillenguertel schloss eine Art Diamant-Agraffe, in +der Form des Grosskreuzes eines europaeischen Ordens. + +Diese Taenzerinnen fuehrten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit +vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhuellt, von Zeit zu +Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so dass es +schien, als lege sich eine Wolke von Gaze ueber alle diese laechelnden +Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesaeeten Himmel bedeckt. Einzelne +dieser Perserinnen trugen ferner als Schaerpe eine Art Wehrgehaenge aus +perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine +dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit oeffneten. Aus +diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Baender +von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprueche aus dem Koran +gestickt waren. + +Sie spannten diese Baender zwischen sich aus und bildeten so einen Ring, +unter welchem andere Taenzerinnen hindurchschluepften, und je nach dem Verse +ueber ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Spruengen +dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed's +verschwinden. + +Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzueglich fuehlte sich +Alcide Jolivet dadurch betroffen, dass sich diese Perserinnen weit eher +ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und +sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Taenze, wie durch deren +Ausfuehrung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa +an die leidenschaftlichen Almes (Taenzerinnen) Egyptens. + +Nach Schluss dieses ersten Schauspieles liess sich neben Michael Strogoff +eine ernste Stimme vernehmen: + +"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" + +Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war +der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan's. Er hatte hinter dem +Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekruemmten Saebel in +der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die beruehmten +Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern. + +An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem, +ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen gluehte. Der +leichte, empor steigende Dampf ruehrte nur von der Verbrennung einer +harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und +Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute. + +Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgaengerinnen +sehr verschiedene Gruppe Taenzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr +bald erkannte. + +Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor +sich haetten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen: + +"Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod! + +-- Wahrhaftig, bestaetigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als +Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre +Beine!" + +Wenn Alcide Jolivet vermuthete, dass Jene im Solde des Emirs standen, so +taeuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der +Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber praechtigen +Anzuge, der ihre Schoenheit vortheilhaft hervorhob. + +Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin +vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas +Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Laender, an Boehmen, +Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen. + +Sie erregten sich gegenseitig durch den Laermen der Cymbeln an ihren Armen, +und durch das Schnarren der "Daires", eine Art baskischer Trommeln, welche +sie mit den Fingern schlugen. + +Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daire in der Hand, durch dessen +Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte. + +Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fuenfzehn Jahren vor. Er trug eine +Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Naegeln eine leise +Melodie entlockte. Er sang. Eine Taenzerin nahm neben ihm Platz und +verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur +wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Saengers +erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daire und suchte +Jenen durch das Getoese ihrer Schellentrommel zu uebertoenen. + +Nach dem letzten Refrain umschwaermten die Zigeunerinnen alle den Saenger +und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes. + +Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstuecken aus den Haenden des Emirs, +seiner Verbuendeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem +Klingen der Muenzen, welche die Cymbeln der Taenzerinnen trafen, mischten +sich noch die letzten Toene der Dutares und der Tambourins. + +"Verschwenderisch, wie die Raeuber gewoehnlich!" raunte Alcide Jolivet +seinem Gefaehrten in's Ohr. + +Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn +mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und +russische Rubelstuecke. + +Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine +Hand auf Michael Strogoff's Schulter legte, sprach noch einmal die Worte, +deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen liess: + +"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" + +Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, dass der Henker nicht mehr seinen +blanken Saebel in der Hand hatte. + +Indess sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel +verhuellte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und +Pinienwald erschien schwaerzer und die in der Ferne dunkel fluthenden +Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im +Schatten, der auch bald das Plateau erreichen musste. + +Jetzt drangen ploetzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den +Haenden auf den Platz. Von Sangarre gefuehrt, traten die Zigeunerinnen und +Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den +Contrast gegen ihre frueheren Taenze und Evolutionen noch mehr zu ergoetzen. +Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten +sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltoenen der Saenger. +Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmueckt mit +einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten +erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller. + +Dann schloss sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der +an Wildheit allmaelig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den +fremdartigsten Eindruck hervorbrachte. + +Waehrend des Springens und Tanzens erfuellten diese Soldaten mit blanken +Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der +Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der +Daires und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schiesswaffen waren +dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusaetze +farbig abbrennenden Pulver geladen und spruehten lange rothe, gruene und +blaue Feuerstrahlen in die Luft, so dass es schien, als wogten alle diese +lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte +gewissermassen an die Cybistik (Springkuenste) der Alten, eine Art +militaerischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Saebel- +und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass +die Berichte davon sich bis auf die Voelker Centralasiens fortgeerbt haben; +diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit maerchenhafter durch die +farbigen Flammen, welche ueber den Taenzerinnen loderten und die ganze +Gruppe mit glitzernden Funken schmueckten. Es war wie ein Kaleidoskop von +Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden +wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenueber derartigen +Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Buehnentechnik ja so weit +gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem +Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La +Madelaine etwa: "Nicht uebel, nicht uebel!" bedeutet haette. + +Ploetzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres, +die Taenze hoerten auf, die Taenzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war +vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in +tausend Lichtern erglaenzte. + +Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz +gefuehrt. + +"Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das +Ende hiervon noch ansehen? + +-- Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount. + +-- Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein, +die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren +kennen zu lernen. + +-- Nicht mehr als Ihre Cousine. + +-- Armer Kerl! fuegte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael +Strogoff. Dieser wackere Soldat haette einen besseren Tod auf dem Felde der +Ehre verdient! + +-- Koennen wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount. + +-- Nein, leider gar nichts." + +Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennuetzigen +Entgegenkommens Michael Strogoff's, sie wussten nun, welche Pruefung er, ein +Sklave seiner Pflicht, hatte ueber sich ergehen lassen, und nichts konnten +sie fuer den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts fuer +ihn thun! + +Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem +Ungluecklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurueck. + +Eine Stunde spaeter trabten sie schon auf der Strasse nach Irkutsk, um unter +dem russischen Heere "den Revanchekrieg", wie Alcide Jolivet schon zu +sagen beliebte, weiter zu verfolgen. + +Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll +maennlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er +erwartete sterben zu muessen, und doch haette man vergeblich ein Zeichen der +Schwaeche an ihm zu entdecken gesucht. + +Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab +Feofar-Khan's, fuer welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum +Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung +ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu +berauschen. + +Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedraengt naeherte sich Michael +Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm +verstaendlichen tartarischen Mundart: + +"Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen. +Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte fuer immer +verschlossen sein!" + +Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger +Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht +noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglueckliche war verdammt, +geblendet zu werden. + +Auch als Michael Strogoff das ueber ihn gefaellte Urtheil aus dem Munde des +Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschuettert, die Augen weit +geoeffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick +zusammendraengen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur +unnuetz, sondern auch seiner unwuerdig. Er dachte ueberhaupt gar nicht daran. +Alle seine Geistesthaetigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner +unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie +wiedersehen sollte. Dennoch liess er aeusserlich nichts von der tiefen +Erregung seines Innern blicken. + +Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend +eine Weise zu raechen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um. + +"Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verraether, die letzte +Drohung meiner Augen wird fuer Dich sein!" + +Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln. + +Aber Michael Strogoff taeuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf +Iwan Ogareff sollten sich seine Augen fuer immer schliessen. + +Marfa Strogoff naeherte sich ihm. + +"Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch +gelten, nicht jenem Schurken dort! + +-- O bleibe vor mir stehen! Lass mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen! +Moegen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schliessen!..." + +Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu. + +"Fort mit diesem Weibe!" befahl Iwan Ogareff. + +Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureissen. Sie wich zurueck, blieb +aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen. + +Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den blossen Saebel in der Hand, +aber dieser leuchtete in heller Weissgluth, wie er ihn aus dem Becken mit +wohlriechenden Kohlen gezogen hatte. + +Michael Strogoff sollte nach der gewoehnlichen Sitte der Tartaren geblendet +werden, indem man eine weissgluehende Klinge dicht vor seinen Augen +vorbeifuehrte. + +Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Fuer seinen Blick war nichts +vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte! +All' sein Leben draengte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen! + +Mit weit geoeffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa +Strogoff ihn an ... + +Die gluehende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff's. + +Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden. + +Michael Strogoff war blind. + +Nach Ausfuehrung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe +zurueck. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackeltraeger auf dem +Platze. + +Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, oeffnete es und +hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen. + +"Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden, +was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das +ist Iwan Ogareff!" Mit diesen Worten verbarg der Verraether den Brief +wieder an seiner Brust. Dann verliess er, ohne sich umzuwenden, den Platz, +und lautlos folgten ihm die Fackeltraeger. + +Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch +leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag. + +In der Ferne hoerte man das Schreien und Singen, das Laermen der Orgie. +Festlich erleuchtet prangte die unglueckliche Stadt. + +Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen. + +Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter +niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich ueber sie, er legte sein +Antlitz auf das ihre, er hoerte die Schlaege ihres Herzens. Dann schien es, +als fluesterte er ihr einige Worte zu. + +Lebte die alte Marfa noch, und hoerte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte? + +Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung. + +Michael Strogoff kuesste ihr die Stirn und das weisse Haar. Dann erhob er +sich, tastete mit den Fuessen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg +zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes. + +Ploetzlich erschien Nadia. + +Sie ging gerade auf ihren Gefaehrten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug, +diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff's Arme +drueckten. + +Bei seiner Blindheit wusste dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia +hatte noch kein Wort gesprochen. + +Nachher erst fluesterte sie: + +"Bruder, mein Bruder! + +-- Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia! + +-- Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein, +ich werde Dich nach Irkutsk fuehren!" + + + + + Sechs tes Capitel. + + + Ein Freund unterwegs. + + +Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk +verlassen. + +Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen +zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden +Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes +Menschenknaeuels vernachlaessigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie +erst mit den anderen Gefangenen weggefuehrt hatte, zu entfliehen und nach +dem Plateau zurueck zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir +geschleppt wurde. + +Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht +ein Schrei entfuhr ihr, als die weissgluehende Saebelklinge die Augen ihres +Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos +zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurueck +zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff's nach +dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen +Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin +ohnmaechtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all' die +fruehere Entschlossenheit zurueck zu geben. + +"Ich werde der treue Hund des Blinden sein!" sagte sie sich. + +Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen. +Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen, +wie ein elendes Geschoepf, das man nicht weiter zu fuerchten hatte, war +Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner +Mutter hin tastete, sich ueber sie beugte, ihre Stirn voll heisser Liebe +kuesste und dann zu entfliehen suchte ... + +Einige Minuten spaeter verliessen Beide Hand in Hand den Abhang des Huegels, +folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt +durch eine Oeffnung des Umfassungswalles. + +Nur die eine Strasse nach Irkutsk verlief dort in oestlicher Richtung. Nadia +fuehrte Michael Strogoff moeglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniss, +es moechten die Plaenkler des Emirs nach Schluss der thierischen Orgie, die +sie jetzt feierten, wieder ausschwaermen und jeden Weg verlegen. Ihr galt +es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das uebrigens 500 Werst +von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwaerts von +der Strasse zu wagen, das hiess dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich +aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen. + +Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen +vermochte; woher sie die Kraefte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten; +wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch +blutenden Fuesse sie bis dahin tragen konnten, - wohl ist das kaum +begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am naechsten Tage, zwoelf Stunden +nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoe, +- nach einem Wege von fuenfzig Werst Laenge. + +Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt +seine Hand, sondern er schloss sich die ganze Nacht ueber an die seiner +Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise +zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen. + +Semilowskoe erwies sich fast vollstaendig verlassen. Aus Furcht vor den +Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseisk entflohen, und nur +zwei oder drei Haeuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an +nuetzlichen und werthvollen Gegenstaenden hatte man auf Karren fort +geschafft. + +Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen. +Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe. + +Das junge Maedchen fuehrte seinen Begleiter also nach dem Ende des +Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thuer. Sie +traten ein. Neben dem in sibirischen Haeusern gebraeuchlichen ungeheuren +Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hoelzerne Bank. Beide setzten +sich dort nieder. + +Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefaehrten in's Gesicht, wie sie +ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als +Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglueck. Haette nur Michael Strogoff +sie sehen koennen, er haette in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der +Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zaertlichkeit lesen muessen. + +Die von der hellgluehenden Klinge geroetheten Lider bedeckten zur Haelfte die +trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weisse Augenhaut) erschien +leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergroessert; die Iris +(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und +Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, - scheinbar aber hatte +der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs veraendert. +Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollstaendig war, so +ruehrte das von der totalen Zerstoerung der Lichtempfindlichkeit der +Netzhaeute und Sehnerven durch die Hitze des gluehenden Stahles her. + +Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Haende aus. + +"Du bist hier, Nadia? fragte er. + +-- Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Maedchen, ich werde Dich niemals +verlassen, Michael." + +Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen +wahren Namen aussprach. Er begriff, dass seine Gefaehrtin Alles wusste, wer +er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknuepften. + +"Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen muessen. + +-- Uns trennen? Und warum, Michael? + +-- Ich will Dir kein Hinderniss Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich +in Irkutsk. Du musst zu ihm eilen. + +-- Mein Vater wuerde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du +fuer mich gethan, verlassen wollte. + +-- Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drueckte die Hand, welche +das junge Maedchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an +Deinen Vater zu denken. + +-- Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr, +als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen? + +-- Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine +ganze fruehere Energie durchklingen liess. + +-- Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ... + +-- Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll +mich nicht abhalten, Nadia! - Sie haben mich als Spion verurtheilt, - gut, +so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was +ich gesehen, was ich gehoert habe, und, beim allmaechtigen Gott, ich schwoere +es, dass der Verraether mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muss +ich vor ihm in Irkutsk ankommen. + +-- Und doch sprichst Du von Trennung, Michael! + +-- Die Nichtswuerdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia. + +-- Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann fuer Dich mit +ihnen sehen und Dich dahin fuehren, wohin Du allein niemals gelangen +wuerdest. + +-- Und wie sollen wir weiter reisen? + +-- Zu Fuss. + +-- Und wovon leben? + +-- Wir betteln. + +-- Nun denn, mit Gott! + +-- Komm, Michael." + +Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das +gemeinsame Unglueck kettete sie noch inniger an einander. Beide verliessen +das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher +die Strassen des kleinen Ortes, und es war ihr geglueckt, einige Stuecken +"Tschornekhleb", d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in +Russland mit dem Namen "Meed" bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete +ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das +Brod und der Meth saettigten nothduerftig Michael Strogoff's Hunger und +Durst. Nadia hatte ihm den groesseren Theil des kaerglichen Mahles +aufgenoethigt. Er ass die Brodbissen, die ihm seine Gefaehrtin einen nach dem +andern reichte; er trank aus der Kuerbisflasche, die sie an seine Lippen +setzte. + +"Isst Du auch, Nadia? fragte er wiederholt. + +-- Ja wohl, Michael", beruhigte ihn das junge Maedchen, waehrend es sich doch +mit den Ueberresten begnuegte. + +Michael Strogoff und Nadia verliessen Semilowskoe und begaben sich wieder +auf den muehseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge +Maedchen jeder Ermuedung. Haette Michael Strogoff sie gesehen, es waere ihm +wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht, +und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hoerte, so ging er mit einer +Hast, die er selbst nicht zu zuegeln vermochte. Und warum? Durfte er +hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuss, ohne Geld und - +blind, und wenn Nadia, seine einzige Fuehrerin, ihm entrissen werden +sollte, blieb ihm ja nichts Anderes uebrig, als sich an die Seite der +Strasse zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte +Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles +verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne +Zweifel die noethigen Mittel gewaehren wuerde, um Irkutsk zu erreichen. + +Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken +weiter. Er hielt Nadia's Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es +schien, als beduerften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar +nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das +Schweigen. + +"Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er. + +-- Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!" antwortete die junge +Lieflaenderin und bemuehte sich, ihre Erschoepfung nicht durch ihre Stimme zu +verrathen. + +Manchmal aber sanken ihre Fuesse zusammen, als staende ihr Puls schon still, +ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geoeffneten Armen blieb sie +ein wenig zurueck, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und +richtete die Augen auf das junge Maedchen, so als koenne er es in der +Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine +Begleiterin noch besser zu unterstuetzen und nahm den ermuedenden Weg wieder +auf. + +Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine ueberaus +glueckliche Wendung erfahren, welche Beiden fuer die Zukunft eine grosse +Erleichterung versprach. + +Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoe verlassen, als Michael Strogoff +stehen blieb und fragte: + +"Ist die Strasse menschenleer? + +-- Vollstaendig verlassen, antwortete Nadia. + +-- Hoerst Du nicht hinter uns irgend ein Geraeusch? + +-- Ja, wirklich. + +-- Das koennten Tartaren sein; wir werden uns verbergen muessen. Passe wohl +auf! + +-- Warte ein wenig, Michael!" erwiderte Nadia und ging die Strasse einige +Schritte, bis zu einer nahen Biegung rueckwaerts. + +Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein. + +Nadia kehrte sehr bald zurueck und meldete: + +"Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann fuehrt. + +-- Ist er allein? + +-- So viel ich sehen kann, ja." + +Michael Strogoff zoegerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? - oder +sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf +diesem Wagen, wenn auch nicht fuer sich selbst, so doch vielleicht fuer sie, +einen Platz zu erhalten? Er wuerde sich damit begnuegen, eine Hand auf den +Wagen zu stuetzen; ja, er wuerde diesen selbst mit schieben, denn seine Fuesse +versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fuehlte wohl, dass +Nadia durch die lange, achttaegige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende +ihrer Kraefte sein muesse. + +Er wartete. + +Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Strasse. + +Es war ein sehr verfallenes, fuer hoechstens drei Personen eingerichtetes +Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka. + +Gewoehnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese +wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger +Maehne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine +Staerke und Ausdauer verrieth. + +Als Fuehrer sass ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund +neugierig hervorguckte. + +Nadia erkannte bald, dass der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein +freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile +schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um +sein Pferd nicht ueberanzustrengen, und wer ihn so sah, haette gewiss nie +geglaubt, dass er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren +jederzeit abschneiden konnten. + +Nadia fasste Michael Strogoff's Hand sicherer und trat zur Seite. + +Die Kibitka hielt; laechelnd sah deren Fuehrer das junge Maedchen an. + +"Ei, wo wandert Ihr denn hin?" fragte er mit freundlich theilnehmendem +Blicke. + +Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, dass er dieselbe irgendwo +schon einmal gehoert habe. Ohne Zweifel genuegte ihm dieser Anhaltepunkt, um +den Fuehrer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn +heiterte sich ploetzlich auf. + +"Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich +direct an Michael Strogoff wandte. + +-- Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser. + +-- Aber, Vaeterchen, Du weisst wohl gar nicht, dass es noch viele, viele Werst +bis Irkutsk ist. + +-- O ja, das weiss ich. + +-- Und Du reisest zu Fuss? + +-- Wie Du siehst. + +-- Fuer Dich mag das angehen, aber die junge Dame ... + +-- Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es fuer +gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen. + +-- Ja, das ist ganz gut, Vaeterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu +Fuss niemals nach Irkutsk kommen. + +-- Guter Freund, begann Michael Strogoff und naeherte sich dem Wagen, die +Tartaren haben uns gepluendert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir +anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen +willst, so werd' ich Dir gern zu Fuss folgen, noethigenfalls laufen, um Dich +keine Stunde aufzuhalten ... + +-- Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in's Wort,... ich will das nicht, nein, ich +will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr! + +-- Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme. + +-- Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu, +waehrend sie die Haende ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen. + +-- Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? - O, Du armes Vaeterchen! - Nun, ich +will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf +meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei +Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuss zu gehen. +Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen. + +-- Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff. + +-- Ich heisse Nicolaus Pigassof. + +-- Diesen Namen werd' ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff. + +-- Nun komm, steig' auf, blindes Vaeterchen. Hinten im Wagen mag Deine +Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu +fuehren. Im Wagen liegt schoene Birkenrinde und Gerstenstroh - es ist wie +ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach' Platz!" + +Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer +Race mit grauem Fell, von mittlerer Groesse, mit grossem, gutmuethigem Kopfe +und schien sehr an seinem Herrn zu haengen. + +Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein. +Michael Strogoff hatte die Haende ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof's +zu suchen. + +"Meine Hand willst Du druecken, Vaeterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie! +Druecke sie, soviel es Dir Vergnuegen macht." + +Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus +Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Passgaenger. Wenn Michael +Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia +doch weitere Koerperanstrengungen erspart. + +Die Erschoepfung des jungen Maedchens war auch so gross, dass es, geschaukelt +von dem gleichmaessigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast +todtenaehnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof +betteten die muede Schlaeferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der +mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael +Strogoff's Lidern keine Thraene draengte, so lag es daran, dass das gluehende +Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte. + +"Es ist ein nettes Maedchen, sagte Nicolaus. + +-- O ja, erwiderte Michael Strogoff. + +-- Die Pueppchen wollen immer stark sein, Vaeterchen, immer muthig, und im +Grunde sind sie doch nur schwach. - Kommt Ihr von weit her? + +-- Von sehr weit. + +-- Arme Leutchen, - das musste Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen +verbrannten. + +-- Ja gewiss, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als haette er +Nicolaus sehen koennen. + +-- Und Du weintest dabei nicht? + +-- Doch. + +-- O, ich haette wohl auch geweint. Zu denken, dass man seine Lieben niemals +wiedersehen soll! Aber, sie koennen Euch doch sehen, darin liegt ja +wenigstens _ein_ Trost. + +-- Ja, vielleicht. - Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du +mich noch niemals gesehen haben? + +-- Dich, Vaeterchen? Dass ich nicht wuesste. + +-- Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor. + +-- Sieh da! versetzte Nicolaus laechelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme. +Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das +will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan. + +-- Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch +begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte? + +-- Das trifft, bestaetigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter. + +-- Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick? + +-- Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeussersten auszuharren. + +-- Das geschah an dem Tage, da ein Englaender und ein Franzose, die Haende +voller Rubelstuecke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der +Englaender die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren liess? + +-- Das mag sein, Vaeterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht. + +-- Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht? + +-- Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie +zu vergessen, und das Kuerzeste, gar keine Kenntniss von ihnen zu nehmen." + +Diese Antwort schloss Michael Strogoff den Mund. + +Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem maessigen Tempo weiter, das +Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt haette. Doch Nicolaus und sein +Pferd erschienen an jenes so gewoehnt, dass weder der Eine noch das Andere +je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte +weiter, dann ruhte es waehrend einer Stunde, - und das Tag und Nacht. An +den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in +Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiss ein. Die Kibitka war mindestens +fuer zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig +seine Vorraethe den beiden Gaesten, die er fuer Bruder und Schwester hielt, +zur Verfuegung. + +Nach eintaegiger Ruhe gewann Nadia ihre Kraefte so ziemlich wieder. Nicolaus +sorgte nach Kraeften fuer ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch +langsam, doch regelmaessig und unter ganz leidlichen Verhaeltnissen von +statten. Es kam auch vor, dass Nicolaus waehrend der Nacht, die Zuegel in den +Haenden, einschlief, wobei sein ungestoertes Schnarchen ein beredtes Zeugniss +fuer sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann haette man beobachten koennen, dass +Michael Strogoff die Zuegel des Pferdes zu erlangen und dieses in +schnelleren Gang zu bringen suchte, zum groessten Erstaunen Sersko's, der +das indess schweigend geschehen liess. Unwiderruflich verlangsamte sich +dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Passgang, sobald Nicolaus +erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst ueber die +reglementmaessige Geschwindigkeit gewonnen. + +So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoe, +Berikylskoe, Kuskoe, den Mariinsk-Fluss, die gleichnamige Ortschaft, +Bogostowskoe und kam endlich ueber den Tschula, einen unbedeutenderen +Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Strasse +durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten +Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwaelder, die gar kein Ende zu +nehmen schienen. + +Alles war oede; die Wohnstaetten der Menschen fast ausnahmslos verlassen. +Die Landleute fluechteten sich ueber den Yenisei, in der Meinung, dass dieser +breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde. + +Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von +Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein +Zwischenfall hatte die Fahrt gestoert. Seit sechs Tagen vereinigt waren +Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die naemlichen geblieben, jener +bezueglich seiner unerschuetterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen +der Stunde, in der sich ihr Gefaehrte von ihnen trennen wuerde. + +Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die +Augen Nicolaus' und des jungen Maedchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide +die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wusste, ob in der Umgebung +ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Haeuschen in +der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus' Zunge stand +selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen +Anschauungsweise der Dinge hoerte man ihm gern zu. + +Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei. + +"O, recht schoen, Vaeterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die +letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald +genug werden sich die ersten Winterfroeste melden. Vielleicht beschliessen +die Tartaren, waehrend der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu +beziehen?" + +Unglaeubig schuettelte Michael Strogoff den Kopf. + +"Du glaubst es nicht, Vaeterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden +bis Irkutsk vordringen? + +-- Ich fuerchte es, erwiderte Michael Strogoff. + +-- Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der +ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. - Hast Du +von Iwan Ogareff gehoert? + +-- Gewiss. + +-- Weisst Du, dass es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen? + +-- Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe muehsam zu +bewahren suchte. + +-- Vaeterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empoert Dich gar nicht so +sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hoeren. Jedes russische Herz zittert +doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht. + +-- Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen +koenntest. + +-- Das ist unmoeglich, erklaerte Nicolaus; nein, das ist nicht moeglich! Wenn +ich an Iwan Ogareff denke, an das Boese, das er unserm heiligen Russland +zugefuegt hat, so uebermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Haenden +haette ... + +-- Nun, wenn Du ihn haettest, Freund? + +-- Ich glaube, ich wuerde ihn umbringen. + +-- Und ich, ich weiss das gewiss", erklaerte ruhig Michael Strogoff. + + + + + Siebentes Capitel. + + + Die Ueberschreitung des Jenisei. + + +Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk +an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen. +Wenn sie trotz aller Bemuehungen Michael Strogoff's nicht schneller vor +sich ging, kam das daher, dass Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus +ergab sich die Unmoeglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen, +das unter anderen Haenden nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht +haette. + +Zum Glueck war von den Tartaren noch gar nichts zu spueren. Kein Plaenkler +liess sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Strasse sehen. Es +erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar musste ein sehr gewichtiger +Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk +zu weiter zu marschiren. + +In der That war ein solches Hinderniss eingetreten. Ein neues in aller Eile +gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseisk auf Tomsk +gezogen, um diese Stadt womoeglich wieder zu erobern. Freilich erwies es +sich der Heeresmacht Feofar-Khan's gegenueber noch zu schwach und hatte +sich wieder zurueckziehen muessen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen +mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfuegte Feofar-Khan +ueber eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch +keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So +fruehzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausfuehrbar, und +jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk +aufzubrechen. + +Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff +zunaechst nichts wusste, das aber hinreichend erklaert, warum der Vortrab des +Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelaestigt gelassen hatte. + +Kannte Michael Strogoff auch die juengsten Ereignisse nicht, so wusste er +doch das Eine, dass er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht +daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die +Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm +entfernt. + +Er rechnete uebrigens darauf, dass es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von +etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen koenne. Da Nicolaus +Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines +Fuehrers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes noethig. Michael Strogoff +hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete, +seine Identitaet und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, - +was ihm nicht schwer fallen konnte, - gewiss gelingen, mit dessen Hilfe +Irkutsk in kuerzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren +Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und +unverzueglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher +verlassen, als bis er sie den Haenden ihres Vaters uebergeben haette. + +Nicolaus' Entschluss, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur "unter +der Bedingung, dort Verwendung zu finden". + +Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen +Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der +Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfuegung zu stellen. + +"Wie koennte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient haette?" +wiederholte er mehrfach. + +Fuer den Fall, dass man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benoethigte, +wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer +Verbindung stehen musste, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der +Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem +Bruder und der Schwester fort, und wo haetten diese einen sicherern Fuehrer, +einen ergebeneren Freund finden koennen? + +Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk. +Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier +an den Strassen in der Naehe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des +Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen +und die Profile der an dem steilen Abhange des Jenisei erbauten Haeuser ab. +Das Wasser des Flusses erglaenzte in den letzten Lichtstrahlen der +Atmosphaere. + +Die Kibitka hielt an. + +"Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff. + +-- Eine halbe Werst von den ersten Haeusern der Stadt, belehrte ihn Nadia. + +-- Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut +dringt zu meinen Ohren. + +-- Und ich sehe auch kein Licht erglaenzen, keinen Rauch in die Luft +emporsteigen, fuegte Nadia hinzu. + +-- Eine eigenthuemliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Laermen +und legt sich sehr zeitig nieder!" + +In Michael Strogoff stieg eine boese Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht +mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel +zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fuerchtete +er, seine Hoffnung werde noch einmal getaeuscht werden. Aber Nadia hatte +seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefaehrte +jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach +Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige +Worte fallen lassen. + +"Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!" Darauf beschraenkte sich +seine ganze Antwort. + +Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfuellen, musste er in Krasnojarsk +noch ein schnelles Befoerderungsmittel finden. + +"Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter? + +-- Ich befuerchte, die Bewohner der Stadt durch das Geraeusch unsres Wagens +aus dem Schlafe zu stoeren." + +Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd +wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte +maessig schnell die Strasse hinab, die nach Krasnojarsk hinein fuehrte. + +Zehn Minuten spaeter befand sie sich in der Hauptstrasse. + +Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte "das nordische +Athen", wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so +praechtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen +Strassen. Kein Fussgaenger wandelte auf den Trottoirs der schoenen, in +monumentalem Style erbauten Holzhaeuser. Keine elegante, nach neuester +Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke, +der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jenisei +fortsetzte. Die grosse Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der +Kirchen blieben stumm, waehrend sonst nur selten der Gesang derselben in +den russischen Staedten nicht ertoent. Doch hier war Alles erstorben. Kein +lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt! + +Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der +telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den +Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand +und Alles, was den Tartaren haette von Nutzen sein koennen, wegzuschaffen +und nach Irkutsk zu fluechten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller +kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den +Schritten der Feinde eine Wueste herzustellen. Solche eines Rostopschin +wuerdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam +ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in +Krasnojarsk zurueck. + +Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Strassen +der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geraeusch, das in dieser +todten Stadt ertoente. Von den Empfindungen, die ihn marterten, liess +Michael Strogoff zwar aeusserlich nichts merken, aber es kochte doch +manchmal auf in ihm ueber das unersaettliche Missgeschick, welches ihn +verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter taeuschte. + +"Grosser Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wuestenei werde ich meinen +Gehalt nimmer ehrlich verdienen koennen. + +-- Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach +Irkutsk einschlagen muessen. + +-- Freilich muss ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk +muss die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter, +Vaeterchen? + +-- Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff. + +-- Du hast Recht, bestaetigte Nicolaus. Wir muessen den Jenisei passiren und +dazu sehen koennen. + +-- Sehen koennen!" murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden +Gefaehrten. + +Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehoert und wendete sich an Michael +Strogoff. + +"Verzeihe, Vaeterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist fuer Dich ja +gleichgiltig! + +-- Mache Dir keine Vorwuerfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und +strich dabei mit der Hand ueber seine Augen. Mit Dir als Fuehrer kann ich +auch noch etwas nuetzen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich +durch den Schlummer staerken. Morgen wird es ja wieder Tag." + +Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine +Ruhestaette zu finden. Das erste Haus, dessen Thuere sie oeffneten, war ja +ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich +darin vor. In Ermangelung besseren Futters musste das Pferd sich mit diesem +begnuegen. Von dem noch nicht erschoepften Proviant aus der Kibitka erhielt +jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand +haengenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flaemmchen einer Lampe +beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Maedchen +bald ein, waehrend Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen +wachte. + +Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka +durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jenisei. + +Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluss +ueberschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Faehren +zerstoert hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzoegern? Er kannte den +Jenisei, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die +betraechtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen +den Inseln in seinem Bette. Unter gewoehnlichen Verhaeltnissen verlangt die +Ueberschreitung des Jenisei mittels besonderer fuer den Transport von +Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Faehren eine Zeit von drei +Stunden, und dabei erreichen diese Faehrboote das rechte Ufer nur unter dem +Aufwande der groessten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes +Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen? + +"Und ich muss doch hinueber kommen!" sagte sich Michael Strogoff wiederholt. + +Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee +des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das +Uferland etwa hundert Fuss ueber der Wasserflaeche, so dass diese bis auf +weite Entfernung hin zu uebersehen ist. + +"Entdeckt Ihr eine Faehre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen, +eine Folge frueher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als koenne er +selbst noch sehen. + +-- Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so +dichter Dunst, dass man kaum das Wasser zu sehen vermag. + +-- Doch ich hoere das Rauschen der Wellen", setzte Michael Strogoff noch +hinzu. + +Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf +einander treffenden Stroemungen und Gegenstroemungen herauf. Das zu dieser +Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt +dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des +Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne ueber den Horizont empor und ihre +ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Duenste weg. + +"Nun? fragte Michael Strogoff. + +-- Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon +durchdringt ihn allmaelig das Licht des Tages. + +-- Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht? + +-- Bis jetzt noch nicht. + +-- Etwas Geduld, Vaeterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da, +es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben. +Schon zeigen die hohen Huegel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die +dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehaeuften Wasserduenste. O, +wie schoen das ist, Du armer Blinder, und welches Unglueck fuer Dich, dies +praechtige Schauspiel nicht geniessen zu koennen! + +-- Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff. + +-- Ich sehe keines, antwortete Nicolaus. + +-- Sieh scharf hinaus, Freund, laengs dieses Ufers und laengs des anderen, +soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus +Baumrinde!" + +Nicolaus und Nadia, die sich an den aeussersten Birkenstaemmen des steilen +Ufers anhielten, bogen sich fast bis ueber den Fluss hinaus. Ihr +Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jenisei ist an +dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei +ungleich grosse Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit +dahin schiessen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die +mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte +Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Huegel des oestlichen +Ufers, gekroent mit Waeldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem +Morgenlichte flammten. Stromaufwaerts und stromabwaerts erstreckte sich der +Lauf des Jenisei bis ueber Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schoene +Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fuenfzig Werst. + +Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch +an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau +einer Schiffbruecke nicht selbst von Sueden hierher, so musste ihr Zug auf +Irkutsk durch den schwer ueberschreitbaren Jenisei eine nicht +unbetraechtliche Verzoegerung erfahren. + +"Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen +Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Haeusern von +Krasnojarsk. Dort legten die Faehren an. Lass uns den Fluss hinauf ziehen, +Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden +ist." + +Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff +Michael Strogoff's Hand und fuehrte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine +Barke, nur ein hinreichend grosses Boot, um die leichte Kibitka zu tragen, +und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren +ueberzufuehren, - und Michael Strogoff wuerde keinen Augenblick gezoegert +haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen. + +Zwanzig Minuten spaeter hatten alle drei die beschraenkte Landungsstelle +erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Haeuser bis an das Niveau des +Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschliessender +kleiner Vorort. + +Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der +Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein fuer drei Personen +hinreichendes Floss haette herstellen lassen. + +Michael Strogoff befragte Nadia ueber den Befund, und diese gab leider die +wenig trostreiche Antwort, dass ihr unter den gegebenen Verhaeltnissen eine +Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmoeglich scheine. + +"Wir kommen hinueber", erklaerte Michael Strogoff. + +Die Nachsuchungen begannen auf's Neue. Man durchstoeberte die an dem +Abhange gelegenen Gebaeude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der +eigentlichen Stadt. Hoechstens die Thueren haette man dort ausheben koennen. +Es waren uebrigens nur vollkommen leere Huetten aermerer Leute. Nicolaus sah +sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael +Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande, +der ihm jetzt haette von Nutzen sein koennen. + +Nicolaus und das junge Maedchen hatten sich vergeblich in den Huetten +umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie +ihre Namen rufen hoerten. + +Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der +Schwelle einer Hausthuer. + +"Kommt hierher!" rief dieser. + +Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Huettchen ein. + +"Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und beruehrte mit der Hand +verschiedene in einer Art Speisegewoelbe liegende Gegenstaende. + +-- Das sind Schlaeuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles +halbes Dutzend. + +-- Sind sie gefuellt? + +-- Ja wohl, mit Kumiss, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant +zu erneuern." + +Der "Kumiss" ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes staerkendes, +sogar berauschendes Getraenk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses +Fundes zu freuen. + +"Leg' einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort +alle uebrigen. + +-- Sogleich, Vaeterchen. + +-- Diese sollen uns den Jenisei ueberschreiten helfen. + +-- Und das Floss? + +-- Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst +zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser +Schlaeuche halten. + +-- Gut ausgedacht, Vaeterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden +wir gluecklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie, +denn die Stroemung ist sehr stark. + +-- Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Lass uns nur erst hinueber +kommen, die Strasse nach Irkutsk finden wir schon wieder. + +-- An's Werk also", sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schlaeuche zu +entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen. + +Nur ein mit Kumiss gefuellter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft +aufgeblasen und sorgfaeltig verschlossen, sollten als schwimmende Traeger +dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses ueber +Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka +zwischen den Raedern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floss +benutzen zu koennen. + +Diese Arbeit war bald vollendet. + +"Du wirst Dich doch nicht fuerchten, Nadia? fragte Michael Strogoff. + +-- Nein, Bruder, erwiderte das junge Maedchen. + +-- Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfuellung meiner +Traeume, gleich in der Kutsche zu schwimmen." + +Das hier sanfter geneigte Ufer beguenstigte den Stapellauf (wenn man so +sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und +bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des +Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher. + +Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die +Fussbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener +Schlaeuche, das Wasser kaum bis an die Knoechel. + +Michael Strogoff fuehrte die Zuegel des Pferdes und lenkte es, nach den +Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das +Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So +lange die Kibitka sich direct mit der Stroemung bewegte, ging Alles ganz +gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von +Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der +Hand, dass sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwaerts von der Stadt +erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht. + +Die Fahrt ueber den Jenisei waere nun, trotz der sehr mangelhaften +Hilfsmittel, ohne zu grosse Schwierigkeit ausgefuehrt worden, wenn sich die +Stroemung in ihren gewoehnlichen, regelrechten Verhaeltnissen bewegt haette. +Ungluecklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberflaeche +des schaeumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller +Anstrengungen Michael Strogoff's, sie in einer andern Linie zu erhalten, +unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen. + +Die Gefahr war gross. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem +oestlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit +ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser +Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen +Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch +den Kopf ueber dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt +zu werden. Auch Sersko hatte einen Stuetzpunkt an der Kibitka suchen +muessen. + +Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fuehlte sich in +einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen +konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu +wollen, um sie leichter zu vermeiden - sie konnten es nicht! + +Auch Nadia schwieg. Ihre Haende klammerten sich krampfhaft an das Geruest +des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen +desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte. + +Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das +Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die +Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth fuer ihn und galt es ihm, +nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, "wie eine Hotelwohnung fuer +fuenf Tage", die man wohl oder uebel am sechsten Tage raeumen muss? Jedenfalls +zeigte sein immer laechelndes Gesicht keine Spur einer Veraenderung. + +Die Kibitka verblieb also in dem reissenden Strudel und das Pferd stand am +Ende seiner Kraefte. Ploetzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstuecke, +die ihm hinderlich sein konnten, ab und stuerzte sich in das Wasser; dann +ergriff er mit maechtigem Arme den Zuegel des halb scheu gewordenen Pferdes +und riss es so maechtig fort, dass es sich bis ueber den anziehenden +Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die +geordnete Stroemung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter. + +"Hurrah!" rief Nicolaus. + +Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka +den groesseren Arm des Stromes ueberschritten und landete, freilich sechs +Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel. + +Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren +Thiere gern eine Stunde Ruhe gegoennt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter +dem schuetzenden Dache praechtiger Birken quer ueber das ganze Eiland und +langte an dem schmaeleren Arme des Jenisei an. + +Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach +den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so +schnelle, dass die Kibitka das rechte Ufer erst fuenf Werst stromabwaerts +erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden. + +Diese grossen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch +nirgends ueberbrueckt sind, bilden ueberall sehr fuehlbare Hindernisse der +Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger +verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Faehre, welche ihn und +Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel +erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen. +Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jenisei noch verhaeltnissmaessig +am gluecklichsten ab. + +"Das waere gar nicht so amuesant gewesen, aeusserte Nicolaus, als er, sich die +Haende reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche +Schwierigkeiten geboten haette. + +-- Und was fuer uns nur schwer durchzufuehren war, antwortete Michael +Strogoff, das, guter Freund, wird fuer die Tartaren nahezu unmoeglich sein!" + + + + + Achtes Capitel. + + + Ein Hase, der ueber den Weg laeuft. + + +Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, dass die Strasse bis nach +Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurueckgehaltenen Tartaren gewiss +weit ueberholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen, +fanden sie da nur eine verlassene Stadt und ausserdem keinerlei Hilfsmittel +zur Ueberschreitung des Jenisei. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich +hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer +anzubringende Schiffsbruecke schlagen musste, um sich einen Uebergang +herzustellen. + +Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in +Omsk fuehlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte +hoffen, dass sich kein neues Hinderniss zwischen ihm und seinem Ziel erheben +werde. + +Die Kibitka rollte nun schraeg nach Suedosten und traf nach einem Wege von +etwa fuenfzehn Werst wieder auf die lange Strasse durch die Steppe. + +Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Strasse zwischen Krasnojarsk und +Irkutsk wird sogar fuer den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stoesse +durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schuetzte die Reisenden vor den +Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Waelder von Fichten und +Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht +mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des +Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken +und Doerfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum +groessten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gaehnte eine Wueste und, +wie wir wissen, eine kuenstliche Wueste auf Befehl der Regierung. + +Das Wetter hielt sich schoen; bei den schon kuehleren Naechten aber erwaermte +sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rueckten die +ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite +gelegenen Gegend verkuerzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns ueber +dem Horizont. Der Herbst waehrt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des +sibirischen Gebietes nicht ueber dem 55. Grade der Breite, also etwa so +hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter +so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des +asiatischen Russlands auch auf, wenn man bedenkt, dass sie das Quecksilber +im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei +ungefaehr 42 deg. unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20 deg. fuer +eine ganz ertraegliche haelt. + +Die Witterung beguenstigte also die Reisenden; sie war weder stuermisch noch +regnerisch, die Hitze nur maessig, die Naechte frisch. Nadia's und Michael +Strogoff's Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus +Tomsk hatten sie fast alle frueheren Beschwerden vergessen. + +Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt. + +Ihm galt diese Reise fuer einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit +der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfuellte. + +"Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwoelf Stunden +des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator +(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen +Zeichen gegeben werden) zu arbeiten." + +Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermoegen, dass er +das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er +ihm anvertraut, dass Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk +verbannten Vater aufzusuchen, und dass sie grosse Eile haetten, dahin zu +kommen. Natuerlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn +wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu +ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fuenfzehn Werst genuegend Ruhe +gegoennt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst +zuruecklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kraeften und schon seiner Race +nach fuer laengere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter +fehlte es ihm laengs der Strasse nicht, ueberall sprosste fettes, frisches +Gras fast im Ueberfluss. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum +wohl zumuthen. + +Nicolaus fuegte sich diesen Gruenden. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute, +welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe. +Nichts erschien ihm ruehrender. Mit zufriedenem Laecheln sagte er auch zu +Nadia: + +"Himmlische Guete, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine +Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange oeffnen. Wenn ich bis +Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer +wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu +sein? Ja, nicht wahr?" + +Dann schlug er sich vor die Stirn. + +"Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, dass sein +armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und +Schmerz doch immer!" + +Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwaerts und legte, +Michael Strogoff's Rechnung nach, zehn bis zwoelf Werst in der Stunde +zurueck. + +Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaisk, achtzig Werst +von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaisk. + +Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung +von fuenfunddreissig Werst Kamsk, einen groesseren Ort, den der gleichnamige +Fluss, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des +Jenisei, bespuelt. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen +grossen Platz errichtete Gruppe von hoelzernen Haeusern; ueber diese hinaus +ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz +hell in der Sonne funkelte. + +Die Haeuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt; +kein Pferd in den Staellen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die +Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen. +Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstoert. + +Als sie Kamsk verliessen, theilte Michael Strogoff seinen beiden +Reisegefaehrten mit, dass sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines +Staedtchen, Nishny-Udinsk, antreffen wuerden. Nicolaus antwortete, dass er +dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation +befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so +blieb ihm gar nichts anderes uebrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens +Beschaeftigung zu suchen. + +Die Kibitka konnte den Fluss an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde +passiren und gelangte wieder auf die Strasse, auf welcher nun, zwischen +Jenisei und einem seiner groessten Zufluesse, der Angara, die Irkutsk selbst +beruehrt, wenigstens bezueglich der Wasserlaeufe, ein ernsthaftes Hinderniss +nicht mehr zu gewaertigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein +solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gruenden nicht mehr besonders +verzoegert werden. + +Zwischen Kamsk und dem naechsten Dorfe lag eine grosse Strecke von etwa +einhundertdreissig Werst. Natuerlich wurden unterwegs die noethigen Pausen +nicht versaeumt, "ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr +gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen wuerde". Nach +stillschweigender Uebereinkunft wusste das treue Thier, dass es nach je +fuenfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem +Thiere, einen Vertrag abschliesst, so muss er von beiden Theilen auch streng +beobachtet werden. + +Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka +Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers. + +Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollstaendigung seines +Mundvorraths umsah, gluecklicher Weise ein Dutzend "Pogatchas", das ist +eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer grossen Menge in Wasser gekochtem +Reis. Dieser Zuwachs passte recht gut zu dem Vorrath an Kumiss, mit dem die +Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war. + +Hier wurde laengere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag +des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun +fuenfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine +Spur. Michael Strogoff glaubte also gegruendete Aussicht zu haben, seine +Reise binnen acht, hoechstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem +Grossfuersten zu erscheinen. + +Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreissig Schritt vor der +Kibitka, ueber den Weg. + +"O weh! rief Nicolaus. + +-- Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche +das geringste Geraeusch erregt. + +-- Siehst Du nicht" ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich +ploetzlich verduestert hatte. + +Doch er unterbrach sich. + +"Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut fuer Dich, +Vaeterchen. + +-- Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia. + +-- Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ... + +-- Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender. + +-- Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!" antwortete Nicolaus. + +Wenn ein Hase Jemand ueber den Weg laeuft, so haelt das der Volksglaube in +Russland allgemein fuer das Vorzeichen eines drohenden Ungluecks. + +Aberglaeubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten. + +Michael Strogoff verstand recht gut das Zoegern seines Gefaehrten, obgleich +er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezueglich des vorueberlaufenden +Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen. + +"O, deshalb ist nichts zu fuerchten, Freund, sagte er. + +-- Fuer Dich nichts, fuer sie auch nicht, Vaeterchen, das weiss ich, erwiderte +Nicolaus, wohl aber fuer mich!" + +Dann fuhr er fort: + +"Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!" + +Er trieb das Pferd wieder an. + +Trotz des ungluecklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede +Stoerung. + +Am naechsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in +Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung. + +Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer, +wie sie die sibirischen Jaeger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine +Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte +selbst das andere. + +Die Kibitka befand sich nun noch fuenfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk +entfernt. + +Waehrend dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine fruehere gute Laune +wiederfinden koennen. Das ueble Vorzeichen hatte ihn tiefer beruehrt, als man +haette glauben sollen, und wenn er frueher fast unaufhoerlich plauderte, so +verfiel er jetzt manchmal in so duesteres Schweigen, dass Nadia Muehe hatte, +ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei +einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen +aberglaeubischen Vorfahren die duestere hyperboraeische Mythologie herruehrt. + +Von Jekaterinenburg aus verlaeuft die Strasse nach Irkutsk fast stets +parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich +herab nach Suedosten, so dass sie den 100. Meridian schief durchschneidet. +Sie haelt nun die kuerzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und +wendet sich ueber den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge +stellt selbst nur einen Vorwall der grossen Altaikette dar, welche man hier +schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht. + +Die Kibitka eilte also auf dieser Strasse hin. Ja, sie eilte. Man fuehlte +recht wohl, dass Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu +schonen, und dass er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist +trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr fuer sicher, als in +den Mauern von Irkutsk. Gewiss haetten viele Russen dieselbe Empfindung +gehabt, und nicht wenige von ihnen haetten wohl gar das Pferd gewendet, um +die Stelle nicht zu ueberschreiten, an der ihnen ein Hase ueber den Weg +gelaufen war! + +Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich +Nadia ueberzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien +es allerdings moeglich, dass die Reihe der ihnen bevorstehenden Pruefungen +noch immer nicht abgeschlossen sei. + +Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht +sonderlich veraendert, hier aber trugen die Waelder Spuren von Zerstoerungen +durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Strasse waren +verwuestet, und es lag auf der Hand, dass daselbst eine bedeutende +Truppenmacht vorueber gekommen sein musste. + +Dreissig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings +stattgefundenen Zerstoerung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von +der Hand der Tartaren herruehren konnte. + +Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde +zertreten, die Waelder von der Axt des Holzhauers gefaellt. Die in weiten +Zwischenraeumen laengs der Strasse verstreuten Haeuser standen nicht nur leer, +nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstoert. Die +Waende verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln. + +Michael Strogoff's Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es +schwand ihm jeder Zweifel, dass ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf +dieser Strasse gehaust hatte, und doch konnten das unmoeglich Soldaten des +Emirs gewesen sein, denn sie haetten ihn, wenn sie den Wagen einholten, +ganz bestimmt treffen muessen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge +sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstrasse nach +Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren +noch entgegen? + +Michael Strogoff theilte seine Befuerchtungen weder Nadia, noch Nicolaus +mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht ueberhaupt unnoethig zu +beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen, +so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniss aufhielt. Dann wollte er sehen, +was sich noch thun liesse. + +Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer +starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten +verdaechtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter. +Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Haeuser, die gewiss +erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezuendet worden waren. + +Am 8. September endlich stand die Kibitka ploetzlich still; das Pferd +scheute zurueck. Sersko bellte Klagelaute. + +"Was giebt es, fragte Michael Strogoff. + +-- Hier liegt ein Leichnam!" antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen +sprang. + +Es war der Koerper eines graesslich verstuemmelten Mujiks. + +Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff's Hilfe schleppte er den +Todten nach der Boeschung der Strasse. Er gedachte ihn auch ordentlich zu +begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe +von den Resten dieses Koerpers abzuhalten, doch Michael Strogoff liess ihm +nicht die Zeit dazu. + +"Vorwaerts, Freund, rief er, vorwaerts, wir duerfen uns auch nicht eine +Stunde aufhalten." + +Die Kibitka setzte ihren Weg fort. + +Haette Nicolaus uebrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten, +die letzte Ehre erweisen wollen, er waere nimmer fertig geworden. Mehr in +der Naehe von Nishny-Udinsk fand man die Koerper der Ermordeten zu Fuenfzigen +auf der Erde liegend. + +Dennoch musste man diesem Wege so lange folgen, als es ausfuehrbar war, ohne +den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unveraendert +beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstoerung mit +jedem Dorfe mehrten. + +Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gruendung durch verbannte +Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwuestung und Pluenderung +ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet. +Wie es ueberhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniss gekommen war, das konnte +Niemand erklaeren, da sich keine lebende Seele fand, die es haette sagen +koennen. + +An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte +die hohen Thuerme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie waelzten sich +dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herruehrten. + +Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff +die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluss musste gefasst werden. +War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren, +hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es, +sie um jeden Preis zu umgehen. + +"Lasst uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber +jedenfalls vorsichtig." + +Noch eine Werst wurde zurueckgelegt. + +"Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder, +man zuendet dort die Stadt an!" + +Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die +Dunstmassen zuengelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf +und waelzte sich gen Himmel. Einen Fluechtling sah man aber nicht. +Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der +Zerstoerung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese +Verwuestung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf hoeheren Befehl? Lag +es in der Absicht der Regierung des Czaaren, dass keine Stadt, kein Flecken +vom Jenisei und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht +bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun +zurueckbleiben oder seinen Weg fortsetzen? + +Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gruendlicher Erwaegung des +Fuer und Wider hielt er es aber doch fuer das Wichtigste, selbst um den +Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in +die Haende zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Strasse +zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben +zurueckzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuss krachte. Eine +Kugel pfiff herueber, und zu Tode getroffen stuerzte das Pferd der Kibitka +zusammen. + +Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Strasse und +umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie +recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach +Nishny-Udinsk abgefuehrt. + +Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine +Kaltbluetigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm +auch unmoeglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Haette er seine Augen +gebrauchen koennen, er wuerde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu +einem schrecklichen Blutvergiessen gefuehrt haette. Doch wenn er nichts sah, +so konnte er doch hoeren und verstehen, was Jene sagten. + +An ihrer Sprache erkannte er, dass diese Soldaten Tartaren waren, und an +ihren Worten, dass sie der Armee der Feinde vorausschwaermten. + +Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt fuehrten, und aus einigen Brocken +ihrer spaeteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes: + +Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch +immer hinter dem Jenisei zurueckgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung +einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von +Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan's naechstens in +der Naehe von Irkutsk zu vereinigen gedachte. + +Auf Iwan Ogareff's Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des +Einfalls in die oestlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der +Grenze des Gouvernements Semipalatinsk laengs der Suedkueste des +Balkhachsee's und dem Fusse des Altaigebirges hingeschlichen. Gefuehrt von +einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den +oberen Lauf des Jenisei. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch +den Czaaren getroffenen Massregeln zur Erleichterung des Uebergangs der +Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche +entweder als solche oder als Brueckenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung +des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jenisei +herabgezogen und hatte die Strasse nach Irkutsk erst in der Naehe von +Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklaerte sich die Anhaeufung von Ruinen +jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegfuehrung dieser +Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren, +in einer Gesammtstaerke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich +einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemaechtigen. In kurzer Zeit +sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen. + +So lagen die Dinge zu jener Zeit, - gewiss eine gefaehrliche Lage fuer den +vollstaendig isolirten Theil des oestlichen Sibiriens und fuer die +verhaeltnissmaessig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt. + +Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der +Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs +und Iwan Ogareff's mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf +Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine +Frage der Zeit. + +Welche Gedanken bestuermten hierbei Michael Strogoff! Wer wuerde erstaunen, +wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch +war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder +die Worte: + +"Ich werde dennoch ankommen!" + +Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael +Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte +der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben +die letzten Marodeure verliessen, sollten sie nicht bleiben. + +Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt. +Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschuettert in ihrem +Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar aeusserlich gleichgiltig, aber +immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit boete. + +Den Tartaren entging es keineswegs, dass einer ihrer Gefangenen blind war, +und ihre natuerliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen +Ungluecklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte. +Michael Strogoff's Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte oefters +Seitenspruenge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es +Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Maedchens brachen und +Nicolaus empoerten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der +Tartaren war ihnen nicht gelaeufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch +zurueckgewiesen. + +Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den +Gedanken, Michael Strogoff's Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein +blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der +Reiter, den Michael Strogoff sagen hoerte: + +"Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!" + +Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Doerfern +Tatan und Chibarlinskoe. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd +gesetzt, dessen Zuegel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch +Peitschenschlaege, Steinwuerfe und lautes Schreien in Galop. + +Das blinde Pferd stiess, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in +gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das +andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und +Stoessen wieder zurueck. + +Michael Strogoff widersprach nicht. Er liess keine Klage hoeren. Stuerzte +sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Fuesse brachte. Das +geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem. + +Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht +mehr zurueckhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt +ihn zurueck und misshandelte ihn. + +Gewiss haette dieses Spiel noch lange Zeit zum groessten Ergoetzen der Tartaren +fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte. + +Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und +lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuss tiefe Schlucht neben der +Strasse zu. + +Nicolaus wollte ihm nach, - man hielt ihn zurueck. Das fuehrerlose blinde +Pferd stuerzte mit seinem Reiter in die Tiefe. + +Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mussten glauben, dass +ihr ungluecklicher Gefaehrte bei diesem Fall zerschmettert sei. + +Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff ausser dem Sattel +und unverwundet, waehrend das Pferd zwei Fuesse gebrochen hatte und voellig +dienstuntauglich geworden war. + +Man liess es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoss zu geben, und +band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so dass er dem +Detachement zu Fusse folgen musste. + +Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen +Schrittes, so dass sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum +anspannte. Er blieb immer "der Mann von Eisen", von dem General Kissoff +dem Czaaren gesprochen hatte. + +Am naechsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken +Chibarlinskoe. + +Hier trug sich ein Ereigniss zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte. + +Die Nacht war gekommen. Waehrend einer Stunde der Rast hatten die +tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt +wieder aufbrechen. + +Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten +achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt. + +Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber +Nicolaus hatte diesen fuer ihn gesehen. + +Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu ueberlegen und ohne sich von seiner That +Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen +zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff +Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoss sie dem +Tartaren mitten auf die Brust ab. + +Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses +herzugelaufen. + +Die Reiter wollten den ungluecklichen Nicolaus erwuergen, doch auf ein +Zeichen des Officiers begnuegte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf +ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop. + +Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb +durchnagt sein mochte, riss bei der unerwartet heftigen Bewegung des +Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus, +ohne es nur gewahr zu werden. + +Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstrasse. + + + + + Neuntes Capitel. + + + In der Steppe. + + +Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie waehrend +ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich +aber Alles veraendert! Damals gewaehrleisteten ihnen ein bequemer Tarantass, +eine haeufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen +ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt +zogen sie zu Fuss dahin, ohne die Moeglichkeit, sich ein Befoerderungsmittel +zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise +sie nur die dringendsten Lebensbeduerfnisse befriedigen wuerden, - und dabei +trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, +dass Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia's sah. + +Den Freund, den ihnen ein gluecklicher Zufall zufuehrte, hatten sie unter +den traurigsten Umstaenden wieder verloren. + +Michael Strogoff lagerte auf der Boeschung der Strasse; Nadia stand daneben +und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen. + +Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon +verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Huette zeigte +sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und +Nadia standen ganz, ganz allein. + +"Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! +Das Zusammentreffen mit uns musste Dir so verhaengnissvoll werden!" + +Michael Strogoff erwiderte nichts. + +"Michael, fuhr Nadia fort, weisst Du es nicht, dass er Dich zu schuetzen +suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, dass er sein Leben fuer +Dich wagte?" + +Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand +gestuetzt, hing er seinen Gedanken nach. Hoerte er ueberhaupt, da er keine +Antwort gab, was das junge Maedchen zu ihm sprach? + +Gewiss, denn als Nadia hinzufuegte: + +"Wohin soll ich Dich fuehren, Michael? antwortete er: + +-- Nach Irkutsk. + +-- Auf der grossen Landstrasse? + +-- Ja, Nadia." + +Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekraeftigten Vorhaben, +sein Ziel unter allen Umstaenden zu erreichen, abzubringen. Auf der +Landstrasse gelangte er auf kuerzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde +von Feofar-Khan's Heere zeigte, wuerde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu +verlassen. + +Nadia fasste Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf. + +Am folgenden Morgen, dem 12. September, goennten sie sich nach einem +Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoe eine kurze Rast. Die +ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus' +Leichnam vielleicht an der Strasse liegen geblieben sei; doch vergeblich +durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen +Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiss +sparte man ihn fuer eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers +bei Irkutsk auf. + +Erschoepft vom Hunger, der ihren Gefaehrten ebenso schrecklich quaelte, war +Nadia so gluecklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas +trockenes Fleisch und mehrere "Sukharis" (d. s. Brode, welche durch +Verdunstung ausgetrocknet ihre Naehrfaehigkeit auf unbegrenzte Zeit +bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem +so grossen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung +war also fuer mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend, +welche tausend kleine Zufluesse zur Angara durchrieselten, nicht leicht +fehlen. + +Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren +Schrittes weiter und verlangsamte diesen hoechstens ein wenig mit Ruecksicht +auf seine Begleiterin, waehrend diese sich eifrig bemuehte, nicht zurueck zu +bleiben. Gluecklicher Weise konnte ihr Gefaehrte ja nicht sehen, in welch' +beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte. + +Michael Strogoff schien es jedoch zu fuehlen. + +"Deine Kraefte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal. + +-- O nein, antwortete sie. + +-- Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia. + +-- Ja wohl, Michael." + +Im Laufe dieses Tages mussten sie einen kleinen Fluss, die Oka, +ueberschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so dass sie ohne +Schwierigkeiten an's andere Ufer kamen. + +Der Himmel war bedeckt, die Temperatur ertraeglich; freilich drohte die +Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fussreise sicher nur +vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber +ziemlich schnell vorueber. + +So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu +wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rueckwaerts sorgsam auslugte. +Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang waehrend +der Nacht. In einigen Huetten entdeckte Nadia auch noch einiges +Schaffleisch, welches hier so gewoehnlich ist, dass ein Pfund desselben nur +zwei und eine halbe Kopeke kostet. + +Aber ganz wider Michael Strogoff's noch immer genaehrte Hoffnung fand sich +kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren +alle getoedtet oder geraubt. Zu Fuss mussten sie die Reise durch die +grenzenlose Steppe fortsetzen. + +Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf +Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort +stand ein verlassener Wagen. Die Koerper der ungluecklichen Sibirer +bezeichneten die Strasse und haeuften sich in der Naehe der Doerfer. Nadia +kaempfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen. + +Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Ruecken her. +Die von Iwan Ogareff gefuehrte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte +jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jenisei hinunter +gesendeten Barken bei Krasnojarsk laengst bereit, um den Uebergang ueber den +Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg fuer die Eindringlinge frei. +Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches +Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fuerchtete also stuendlich das +Auftauchen der tartarischen Plaenkler. + +Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine hoeher gelegene Stelle +und blickte aufmerksam ueber die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt +verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes. + +Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff +bemerkte, dass er die arme Nadia zog, so verzoegerte er seine Schritte. Sie +sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Maedchen erinnerte +an Alles, was ihnen jener Begleiter waehrend weniger Tage gewesen war. + +Michael Strogoff suchte dem jungen Maedchen durch seine Antworten immer +einige Hoffnung einzufloessen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er +wusste recht gut, dass der Arme dem Tode gewiss nicht entgehen wuerde. + +Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin: + +"Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?" + +Von seiner Mutter! Nadia hatte das aengstlich vermieden. Warum sollte sie +seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drueckte der +Sohn damals nicht den letzten Kuss auf die stummen Lippen, als ihre Leiche +auf dem Plateau bei Tomsk lag? + +"Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir +dadurch ein Vergnuegen." + +Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzaehlte alles, +was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufaelligen Zusammentreffen in +Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie +gestand, wie ein unerklaerlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten +Gefangenen hingezogen und wie gern sie fuer jene gesorgt, aber auch, wie +sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit +hielt sie Michael Strogoff ja noch fuer Nicolaus Korpanoff. + +"Der ich immer haette bleiben sollen", fiel da der Blinde ein, um dessen +Stirn sich duestere Wolken lagerten. + +Nach einer Pause fuegte er dann hinzu: + +"Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter +nicht zu sehen. + +-- Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, +der Zufall nur hat Dich ihr zugefuehrt. + +-- Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen! + +-- Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geissel ueber Marfa +Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! - Es giebt keinen Eid, der einen +Sohn hindern koennte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen. + +-- Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff +traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) moegen es mir vergeben. + +-- Michael, sagte das junge Maedchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte +mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu duerfen. Von Dir beleidigt mich +nichts. + +-- Sprich, Nadia! + +-- Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch +immer so dringend nach Irkutsk?" + +Michael Strogoff drueckte die Hand seiner Fuehrerin waermer, aber er gab +keine weitere Antwort. + +"Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau? + +-- Nein, er war mir unbekannt. + +-- Soll ich annehmen, Michael, dass nur das Verlangen, mich meinem Vater +zuzufuehren, Dich jetzt nach Irkutsk treibt? + +-- Nein, Nadia, ich wuerde Dich taeuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir +erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann +ich Dich nach Irkutsk fuehren, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil +mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, haelt mich nicht Deine +Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste +vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiss nicht, +wann das Unglueck muede sein wird, uns zu pruefen, aber ich weiss, dass ich an +dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Haende Deines Vaters gefuehrt +zu haben, Dir innig danken werde fuer Deine treue Leitung auf meinem Wege! + +-- Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das +ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, draengst Du jetzt so, in +Irkutsk einzutreffen? + +-- Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muss! gestand ihr Michael Strogoff. + +-- Auch jetzt noch? + +-- Auch jetzt, und es wird mir gelingen!" + +Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Hass gegen den +Verraether. Aber Nadia merkte es, dass ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, +nicht Alles sagen durfte. + +Drei Tage spaeter, am 15. September, erreichten Beide den Flecken +Kuitunskoe, siebzig Werst von Tulunowskoe. + +Das junge Maedchen hielt sich nur mit aeusserster Anstrengung noch aufrecht. +Ihre wunden Fuesse versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem +Schmerze, sie bekaempfte die Ermuedung; ihr einziger Gedanke war: + +"Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!" + +Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniss, keine +Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste +Erschoepfung fuehlten sie. + +So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach +Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen laengs des Weges, die +Brandstaetten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung +uebergehenden Leichname an den Seiten der Strasse. + +Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. +Michael Strogoff erschoepfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, +diese Verzoegerung zu erklaeren. Bedrohten schon hinreichende russische +Streitkraefte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte +isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle +musste es dem Grossfuersten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, +und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenueber als ein +Fortschritt zu seiner Abwehr. + +Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber +trat ihm das Truegerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, +und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als laege die Rettung des +Grossfuersten nur allein in seinen Haenden. + +Sechzig Werst trennen Kuitunskoe von Kimilteiskoe, einem kleinen Flecken +unweit der Dinka, welche der Angara zustroemt. Nicht ohne Besorgniss dachte +Michael Strogoff an das Hinderniss, welches dieser nicht so unbedeutende +Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Faehren oder Boote zu finden, darauf +durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen +Reisen in guenstigeren Jahreszeiten, dass dieser Fluss nur mit Gefahr zu +durchwaten war. Dafuer unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein +weiterer Strom oder Fluss die Strasse, welche in einer Laenge von noch 230 +Werst nach Irkutsk fuehrte. + +Um Kimilteiskoe zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. +Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie +verliessen sie die physischen Kraefte. Michael Strogoff wusste das nur zu +gut. + +Waere er nicht blind gewesen, Nadia haette gewiss zu ihm gesagt: + +"Geh', Michael, lass mich in einer Huette zurueck. Geh' nach Irkutsk! Richte +Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag' +ihm, dass ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden +wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fuerchte mich nicht. Vor den +Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich fuer ihn, fuer +Dich! Geh' Du, Michael, - ich kann es nicht mehr!..." + +Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael +Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermuedung des +jungen Maedchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so +schneller. + +Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide +Kimilteiskoe. Von dem Gipfel eines Huegels bemerkte Nadia eine minder +dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten +sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis +erhellten. + +Nadia fuehrte ihren Begleiter quer durch die verwuestete Ortschaft. Die +Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fuenf bis +sechs Tagen hier durchpassirt sein. + +Bei den letzten Haeusern sank Nadia auf eine steinerne Bank. + +"Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff. + +-- Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch +einige Stunden ruhen? + +-- Ich waere gern noch bis ueber die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich +haette den Fluss gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewusst. Aber Du +kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia? + +-- Komm, Michael!" lautete Nadia's Antwort, mit der sie die Hand ihres +Gefaehrten ergriff und ihn weiter fuehrte. + +In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Strasse +nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, +wollte das junge Maedchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim +Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine +grenzenlose Wueste, in der sich der kleine Fluss verlor. Kein Baum, kein +Huegel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische +Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphaere, durch deren +ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt +haette. + +Ploetzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Fuesse in +eine Aushoehlung des Bodens gekommen waeren. + +Aus der Steppe her ertoente Gebell. + +"Hoerst Du das?" fragte Nadia. + +Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter +Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist. + +"Nicolaus! Nicolaus!" rief das junge Maedchen, von einer duesteren Ahnung +erfuellt. + +Michael Strogoff horchte und schuettelte den Kopf. + +"Komm, Michael, komm!" bat Nadia. + +Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich +eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kraefte wieder. + +"Wir sind von der Strasse abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht +mehr den feinsandigen Fussboden, sondern ein duerres Gras unter seinen Fuessen +fuehlte. + +-- Ja, es muss sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener +Hilferuf." + +Einige Minuten spaeter befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom +Flusse entfernt. + +Ein zweites Bellen liess sich hoeren, das zwar schwaecher, aber unzweifelhaft +naeher erscholl. + +Nadia blieb stehen. + +"Ja, sagte Michael, das war Sersko's Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt. + +-- Nicolaus!" rief das junge Maedchen. + +Keine Antwort liess sich vernehmen. + +Nur einige Raubvoegel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des +Himmels. + +Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete +Ebene zu ueberschauen, sah aber nichts. + +Doch noch einmal erklang eine Stimme in klaeglichem Tone. + +"Michael!" verstanden sie deutlich. + +Dann sprang ein Hund, ueber und ueber blutig, an Nadia heran. Es war Sersko. + +Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael +stammeln koennen. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen. + +Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Haenden. + +Da erhob Sersko ein neues Gebell und stuerzte auf einen ungeheuren +Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich. + +Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stueck auf, +kehrte aber zurueck und stiess auf den Hund. + +Noch einmal stuerzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der +furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier +zusammen. + +Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens. + +"Da ... da!" rief sie. + +Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die +Steppe erhellte, haette sie mit dem Fusse daran gestossen. + +Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie. + +Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals +eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu +sterben oder unter dem Zahne der Woelfe oder den Schnaebeln der Raubvoegel +umzukommen. Eine schreckliche Todesart fuer das Opfer, welches der Boden +gefangen haelt, welches die Erde halb erdrueckt, die der Verurtheilte nicht +von sich zu stossen vermag, da ihm die Arme am Koerper befestigt werden, wie +die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in +der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so +langsam naht! + +Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt! + +... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun +leider zu spaet werden sollte. + +Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, +und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die +gefraessigen Voegel. + +Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus +dem Grabe zu befreien. + +Nicolaus' schon geschlossene Augen oeffneten sich noch einmal. + +Er erkannte Michael und Nadia. + +"Lebt wohl, meine Freunde, fluesterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch +einmal gesehen zu haben ... Betet fuer mich!..." + +Das waren seine letzten Worte. + +Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureissen, welche durch festes +Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, +den Koerper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch +schluege. - Es schlug nicht mehr. + +Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der +Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergroesserte das Loch, Nicolaus +Pigassof's Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe fuer den Entseelten. Der +treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden. + +Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstrasse ein lauter +Tumult. + +Michael Strogoff horchte. + +Aus dem Geraeusch erkannte er, dass sich eine Abtheilung Berittener nach der +Dinka zu bewege. + +"Nadia, Nadia!" sagte er heimlich. + +Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge +Lieflaenderin. + +"Dort, sieh dort! raunte er ihr zu. + +-- Ah, die Tartaren!" fluesterte sie. + +Jene Reiter gehoerten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell +auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte. + +"Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen", sagte Michael +Strogoff. + +Schweigend setzte er seine Arbeit fort. + +Bald ward der Koerper des armen Nicolaus mit ueber der Brust gekreuzten +Haenden in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael +Strogoff und Nadia ein letztes Gebet fuer das harmlose und gute Geschoepf, +das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte. + +"Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde ueberfuellte, +nun sollen die Steppenwoelfe Dich nicht verzehren!" + +Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorueberziehenden +Reiterschwarm. + +"Vorwaerts, Nadia!" sagte er. + +Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstrasse +nicht mehr einhalten, sondern musste sich quer durch die Steppe schlagen, +um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der +Dinka keine besondere Eile. + +Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch fuer ihn sehen. Er +nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Suedwesten der Provinz. + +Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurueck? Wie kam +es, dass ihn die Anstrengung nicht ueberwaeltigte? Wie konnte er sich +unterwegs ernaehren? Welch uebermenschliche Energie half ihm, die ersten +Abhaenge der Sayanskberge zu ueberklettern? - Weder Nadia noch er haetten auf +diese Fragen die Antwort gewusst. + +Und doch, - zwoelf Tage spaeter, am 2. October, breitete sich eine ungeheure +Wasserflaeche vor Michael Strogoff's Fuessen aus. + +Er stand am Baikalsee. + + + + + Zehntes Capitel. + + + Baikal und Angara. + + +Der Baikalsee liegt 1700 Fuss ueber dem Meere. Seine Laenge betraegt gegen 900 +Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von +Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, dass derselbe "Frau +Meer" genannt sein will und in Wuth geraeth, wenn man ihn "Herr See" +titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in +demselben ertrunken. + +Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zufluessen ernaehrte Suesswasserbecken wird +von einem praechtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen +anderen Abfluss als die Angara, welche bei Irkutsk vorueber stroemt und sich +etwas oberhalb der Stadt in den Jenisei ergiesst. Die Berge, welche den See +einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des +orographischen Systems des Altaigebirges. + +In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kaelte schon bemerkbar. Der +Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthuemlichen +klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann +vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man +schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um +fuenf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank waehrend der langen Nacht wohl +bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis +Anfang des naechsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des +Baikal. Waehrend des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuss +tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach +belebt. + +Geschehe es nun wegen des Verstosses gegen die gute Lebensart, wenn man ihn +"Herr See" nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, +jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stuermen bewegt. Seine, gleich +denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Floessen, den +Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpfluegen, nicht wenig +gefuerchtet. + +An der Suedwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen +Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was +konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, +als hier erschoepft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch +uebrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren +zuruecklegen musste, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst laengs +der Suedkueste bis zum Abfluss der Angara, und achtzig Werst von diesem +Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine +Reise von drei Tagen fuer einen kraeftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch +zu Fusse zuruecklegen sollte. + +Konnte aber Michael Strogoff noch fuer einen solchen Mann gelten? + +Der Himmel schien ihm diese letzte Pruefung ersparen zu wollen. Das +Unglueck, sein hartnaeckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende +des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er oede und verlassen glaubte +und der es auch sonst immer ist, - heut' war er es nicht. + +Etwa fuenfzig Personen standen an dem Winkel, der die suedwestliche Spitze +des Sees bildet. + +Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die +letzten Abhaenge eines Berges herunterstieg. + +Einen Augenblick konnte das junge Maedchen wohl fuerchten, hier wieder nur +eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet waere, an den +Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes +Entfliehen unmoeglich sein musste. + +Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt. + +"Das sind Russen!" rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber +fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael +Strogoff's nieder. + +Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie +zukamen, fuehrten den Blinden und das junge Maedchen nach einer Stelle des +Ufers, an der ein Floss befestigt lag. + +Das Floss schien zur Abfahrt bereit. + +Diese Russen, Leute aus allen Staenden, waren Fluechtlinge, welche die +naemliche Absicht hier an der Kueste des Baikal vereinigt hatte. Von den +tartarischen Plaenklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, +und da das zu Lande ziemlich unmoeglich war, seitdem die Feinde sich auf +beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel +dadurch zu erreichen, dass sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die +Stadt durchstroemt. + +Wie huepfte Michael Strogoff's Herz vor Freude, als er diese Absicht +vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten fuer ihn auf. Er hatte +aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er fuer +angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren. + +Der Plan der Fluechtlinge war sehr einfach. Nahe dem noerdlichen Ufer des +Sees zeigte sich eine Stroemung bis zum Abfluss der Angara hin, und diese +wollten sie zunaechst benutzen, um nach jenem Ausgussthore des Baikal zu +gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit +einer Schnelligkeit von zehn bis zwoelf Werst die Stunde dahin. Binnen +anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein. + +Am Seeufer fehlte es natuerlich an jedem Schiff oder Boot. Man musste diese +zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floss, wie man deren haeufig auf den +sibirischen Stroemen begegnet. Das noethige Holz lieferte ein Tannenwald in +der Naehe. Die mittels Weidenzweigen so gut als moeglich verbundenen Staemme +bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden +haetten. + +Auf dieses Floss fuehrte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge +Maedchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter +etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf +dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel. + +Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm +bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich fuer einen Bewohner von +Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen +des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fuegte nur hinzu, +dass die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der +Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde. + +Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kaelte +empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der +Oberflaeche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das +Floss auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das +doch zwischen den Ufern der Angara misslicher zu gestalten, wenn sich die +Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhaeuften. + +Alle Umstaende draengten also darauf hin, dass die Fluechtlinge baldmoeglichst +abreisten. + +Um acht Uhr Abends loeste man die Seile und von der Stroemung gefuehrt folgte +das Floss dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte +Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten. + +Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando uebernommen. Es war ein +Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebraeuntem Gesicht. Ein dichter weisser +Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmuetze trug er auf dem Kopfe und +zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen +Guertel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Fuessen. +Schweigend sass er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch +Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens +reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floss in der +Stroemung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung +nach der offenen See zu hindern. + +Wir erwaehnten schon, dass Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse +Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl +Maenner, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen +Einfalle auf der Reise ueberraschte Pilger, einige Moenche und ein Pope. Die +Pilger trugen den Reisestab, die Kuerbisflasche im Guertel und sangen mit +klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom +Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein +schon bejahrter Mann, trug am Guertel eine kleine Sammelbuechse mit +Vorlegeschloss, wie man sie an den Eingaengen der Kirchen trifft. Alles, was +er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehoerte nicht +ihm, und er besass nicht einmal den Schluessel zu der Buechse, welche erst +bei seiner Rueckkehr geoeffnet werden sollte. + +Die Moenche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie +die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, dass sie +einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln +nahe der Kueste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von +Troitsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew, +der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das +von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altglaeubigen, und begaben sich +nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach +Irkutsk. + +Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, +welche das russische Reich zaehlt. Seine Kleidung sah erbaermlicher aus, als +die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich +nicht ueberragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und +sein Stueck Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schliesst und +Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten +der Tartaren dadurch zu entziehen gewusst, dass er sie nach den noerdlichen +Provinzen schaffte, waehrend er in seiner Parochie bis zum letzten +Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen muessen, und da die +Strasse nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht. + +Diese verschiedenen kirchlichen Personen sassen auf dem Vordertheil des +Flosses zusammen, beteten in regelmaessigen Zwischenraeumen, erhoben ihre +Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres +Gebets hoerte man ihre Lippen ein "Slava Bogu", das ist Ehre sei Gott, +fluestern. + +Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in +tiefer Erschoepfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur +sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer. + +Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, +der die Wirkung der Stroemung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse +der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr +Nachmittag nicht erreichen. Den Fluechtlingen kam das insofern zu statten, +als sie den Fluss hinunter waehrend der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre +Reise nach Irkutsk beguenstigen musste. + +Die einzige Besorgniss des alten Schiffers betraf nur die Bildung von +Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden +schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach +Westen ziehen. Diese waren nicht zu fuerchten, da sie in die Angara, deren +Muendung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden +vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der +Stroemung angezogen und pressten sich zwischen die Flussufer. Das brachte +dann wohl Schwierigkeiten, Verzoegerungen oder gar unuebersteigliche +Hindernisse hervor, die das Floss aufzuhalten drohten. + +Michael Strogoff war es also vom hoechsten Interesse, den Zustand des Sees +zu kennen, fuer den Fall, dass Eisschollen in groesserer Anzahl auftreten +sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und liess sich von +ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserflaeche vorging. + +Waehrend dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem +Baikalsee noch mancherlei eigenthuemliche Erscheinungen, unter andern das +Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees +gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersaeulen erhoben sich +zu betraechtlicher Hoehe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen +Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von +der Kaelte verdichtet wurden. Gewiss haette dieses Schauspiel das Auge jedes +Touristen ergoetzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum +Vergnuegen bereiste. + +Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluss der +Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Kueste zur Rechten +erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die +wenigen am steilen Strande erbauten Haeuser. + +Leider waelzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen +zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch +erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluss zu verstopfen, +sowie die Kaelte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren. + +Das Floss erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann +wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen +vorzunehmen. Die Staemme drohten aus einander zu weichen und mussten +nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Stroemung der +Angara sicherer zu widerstehen. + +Waehrend der schoenen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- +und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier +entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der +russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl +durch Dampfboote, als auch durch Kuestenfahrer aller Art sehr belebt. + +Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den +Verwuestungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. +Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen +ueberwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, +reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt +Ostsibiriens zurueckgezogen. + +Der alte Seemann erwartete also gewiss nicht, hier noch weitere Fluechtlinge +aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floss nur anlegte, zwei +Passagiere mit aller Hast aus einem veroedeten Hause herabgelaufen. + +Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin. + +Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff's, +der verwundert den Kopf emporrichtete. + +"Was hast Du, Nadia? fragte er. + +-- Unsere beiden Reisegefaehrten, Michael. + +-- Jener Franzose und jener Englaender, denen wir in dem Engpasse des Ural +begegneten? + +-- Dieselben." + +Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus +dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthuellt zu werden. + +Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr fuer den +Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael +Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf +dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine +Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute ueber +das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt +wurde. Sie wussten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste. + +Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse. + +"Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Englaender sich eingeschifft +haben, so bitte sie, zu mir zu kommen." + +Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der +Zufall, sondern die Gewalt der Umstaende, ebenso wie Michael Strogoff, nach +dem Hafen von Livenitchnaia gefuehrt hatte. + +Man erinnert sich, dass sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor +der graesslichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloss, abreisten. +Sie zweifelten gar nicht daran, dass ihr alter Reisegefaehrte um's Leben +gebracht worden sei, und wussten also nicht, dass er auf Befehl des Emirs +damals nur geblendet wurde. + +Noch an demselben Abend verliessen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, +Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte ueber den Feldzug nur aus dem +Lager der Russen zu entsenden. + +Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in groesster Eile nach Irkutsk. +Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und haetten das auch unzweifelhaft +durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, +welche durch das Thal des Jenisei ganz unerwartet aus Sueden heraufzog, +aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der +Dinka abgeschnitten und mussten in Folge dessen nach dem Baikalsee +herabziehen. + +Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. +Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmoeglich, nach Irkutsk +hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert +wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floss ankam. + +Die Absicht der Fluechtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel +vermehrte der Umstand, dass es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen +gluecklichen Erfolg und auf die Moeglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. +Sie beschlossen also, die Sache zu wagen. + +Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um +fuer sich und seinen Begleiter Erlaubniss mitzufahren zu erlangen, und bot +ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern wuerde, an. + +"Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt +nur sein Leben, nichts weiter." Die beiden Journalisten schifften sich ein +und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen. + +Harry Blount war noch immer der steife, frostige Englaender, der waehrend +der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte. + +Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewoehnlich, was unter den +gegebenen Verhaeltnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte. + +Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, +als er eine Hand auf seiner Schulter fuehlte. + +Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes frueheren +Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren. + +Fast haette er vor Verwunderung einen Schrei ausgestossen, als er das junge +Maedchen einen Finger an ihre Lippen legen sah. + +"Kommen Sie mit mir", bat Nadia. + +Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm +nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr. + +War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon gross genug, Nadia auf +dem Flosse zu begegnen, so ueberschritt es alle Grenzen, als sie auch +Michael Strogoff's ansichtig wurden, den sie laengst nicht mehr am Leben +glaubten. + +Michael Strogoff sprach bei ihrer Annaeherung nicht. + +Alcide Jolivet wendete sich an das junge Maedchen. + +"Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die +Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!" + +Das lebhafte Gefuehl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet's und seines +Gefaehrten Zuegen. Einen Augenblick spaeter sassen Beide neben Michael +Strogoff, drueckten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen +habe. + +"Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie duerfen nicht +wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben +hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniss zu bewahren. Versprechen Sie mir +das? + +-- Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet. + +-- Auf Gentlemans Wort, fuegte Harry Blount hinzu. + +-- Ich danke, meine Herren. + +-- Koennen wir Ihnen nach irgend welcher Seite nuetzlich sein? fragte Harry +Blount. Wuenschen Sie, dass wir Sie bei der Ausfuehrung Ihrer Auftraege +unterstuetzen? + +-- Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff. + +-- Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstoert, sagte Alcide Jolivet. + +-- Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind fuer mich genug!" + +Eine halbe Stunde spaeter trieb das Floss, nachdem es den kleinen Hafen +verlassen, in den Fluss hinein. Es war gegen fuenf Uhr Abends. Schon brach +die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die +Temperatur sank schon jetzt bis unter Null. + +Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael +Strogoff's Geheimniss zu bewahren, so verliessen sie ihn doch nicht. Sie +plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der +Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wusste, eine vollstaendige +Vorstellung von dem thatsaechlichen Zustande der Dinge. + +Es lag ausser Zweifel, dass die Tartaren Irkutsk bedraengten und die drei +Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Hoechst wahrscheinlich standen +der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt. + +Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren +zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem +Grossfuersten noch zu uebergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal +bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso +wenig als frueher Nadia. + +Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide +Jolivet zu Michael Strogoff folgendermassen begann: + +"Wir muessen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf +dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben. + +-- Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich fuer einen Feigling zu halten! + +-- Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes +Schurken verdientermassen mit der Knute bearbeitet, so dass er noch lange +die Spuren davon tragen wird. + +-- Nein, nicht mehr lange!" antwortete einfach Michael Strogoff. + +Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein +Gefaehrte alle die harten Pruefungen des Schicksals, welche Michael Strogoff +nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rueckhalt bewunderten sie +seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Maedchens einigermassen +die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben +Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau aeusserte: "In der That, das ist +ein Mann!" + +Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floss ungemein schnell +mit der Stroemung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich +zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Taeuschung +schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker +Bilder ziehe unaufhoerlich an ihm vorueber. Hier zeigten sich sonderbar +gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein +schaeumender Bergstrom hervorsprang, manchmal oeffnete sich ein weites Thal +vor ihren Blicken, in dem ein zerstoertes Dorf noch rauchte, oder ein +dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterliessen +auch die Tartaren ueberall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie +doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den naeheren Umgebungen +von Irkutsk zusammendraengten. + +Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und +der alte Seemann hielt das Floss, von dem er die zu nahe heran treibenden +Eisschollen mit kraeftiger Hand abstiess, immer streng in der Mitte der +Stroemung der Angara. + + + + + Elftes Capitel. + + + Zwischen zwei Ufern. + + +Gegen acht Uhr Abends huellte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus +sehen liess, eine tiefe Finsterniss die ganze Umgebung ein. Da es jetzt +Neumond war, stieg auch dieser nicht ueber den Horizont empor. Von der +Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen +Felsen an den Seiten verschwammen in maessiger Hoehe mit den schwarzen, tief +herabhaengenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu +Zeit rauschte ein Windstoss von Osten her und schien in dem engen Thale der +Angara zu ersterben. + +Die Dunkelheit beguenstigte nach der einen Seite gewiss das Vorhaben der +Fluechtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren laengs der +Ufer, so liess sich doch annehmen, dass das Floss ungesehen von ihnen +voruebergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befuerchten, dass die Belagerer +stromaufwaerts von Irkutsk den Fluss gesperrt haben sollten, da sie recht +gut wussten, dass die Russen aus dem Sueden der Provinz keine Hilfe zu +erwarten hatten. In kurzer Zeit musste freilich die Natur schon allein +diese Flusssperre herstellen, wenn die Kaelte die einzelnen Schollen fest +aneinander loethete. + +Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter +in den Fluss eindrang, liessen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr +vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem +Gemurmel, dass dasselbe am Ufer unmoeglich gehoert werden konnte. Auf der +Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Koerper der Fluechtlinge kaum +die ebene Flaeche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am +Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnuegte sich, nur die +Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geraeusch zu erreichen war. + +Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer guenstiger +Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum +unuebersteigbaren Hinderniss wurde. Waere es ueberhaupt moeglich gewesen, den +Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn +jetzt zum Theil die Schollen jeder Groesse und Form und das +Aneinanderprallen und Krachen derselben uebertoente gleichzeitig jedes sonst +vielleicht hoerbare verdaechtige Geraeusch. + +Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Fluechtlinge, deren +Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie +draengten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der aeusseren +Temperatur, welche waehrend der Nacht bis auf 10 deg. unter Null herabging, +besser zu ertragen. Der schwache Wind, der ueber die schneebedeckten Berge +im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln. + +Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses +gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten +Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters +nach Kraeften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern +sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwaertige Situation +beschaeftigte vollstaendig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein +Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche +Allen verderblich werden musste. + +Fuer einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein laengst erstrebtes +Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch +in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er +sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein wuerde, +an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fuerchtete nur noch +eine einzige letzte Stoerung, das Floss moechte durch die Anhaeufung von +Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte +nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch +durch ein letztes kuehnes Wagstueck seine Absicht durchzusetzen. + +Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kraefte wieder +gewonnen, welche das Unglueck wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals +den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, dass Michael Strogoff +nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und dass +sie bei der Hand sein muesse, ihn zu fuehren. Je mehr sie sich aber Irkutsk +naeherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das +geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er +liebte, jedoch - woran sie niemals zweifelte, - mit dem ganzen Feuer +seines Patriotismus kaempfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr +jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, +ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts +sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor's +niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie +ganz natuerlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater ueberhaupt +wieder zu sehen, ihres edelmuethigen Reisegefaehrten, ihres "Bruders", der +nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen +wuerde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!... + +Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschaeftigten sich nur mit dem +einen Gedanken, dass die Situation hoechst dramatisch sei und, gut in Scene +gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben muesse. Der Englaender +dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner +Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit +doch nicht ganz erwehren. + +"Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muss selbst bewegt sein, um +Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem +beruehmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich +nicht ..." + +Dabei suchte er mit seinen beruehmten Reporteraugen immer das Dunkel zur +Seite des Flusses zu durchdringen. + +Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniss und +zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Waelder hervor. Hier stand ein +ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die +traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur dass diese +gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara +war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten +ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben +wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Stroemung +wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Koerper zog das Floss +unbemerkt dahin. + +Hier drohte also keine besondere Gefahr. + +Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen +und vorzueglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz +zufaellig und zwar durch folgenden Umstand: + +Auf der rechten Seite des Flosses liegend, liess derselbe einmal seine Hand +in's Wasser haengen. Ploetzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine +klebrige Substanz, etwa ein Mineraloel, seine Haut benetzte. + +Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, - er konnte sich nicht +taeuschen. Das war eine Lage fluessiger Naphtha, welche auf der Oberflaeche +der Angara schwamm und mit der Stroemung hinabtrieb. + +Schwamm das Floss also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so +ungemein leicht entzuendlich ist? Woher ruehrte diese Naphtha? Hatte sie ein +natuerliches Phaenomen an die Oberflaeche der Angara gefuehrt, oder sollte sie +als Zerstoerungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in +Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegfuehrung freilich, welche unter +gesitteten Voelkern nicht wohl vorkommen koennte. + +Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt +er es fuer gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu +machen, und Beide kamen auch ueberein, ihre Reisegefaehrten nicht unnoethig +durch diese neue Gefahr zu aengstigen. + +Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm impraegnirt von +fluessigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen +Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, +in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die +Oberflaeche. Dort ist das "Oelgebiet", ein Pendant zu dem Theile +Nordamerikas, der diesen Namen wirklich traegt. + +Bei gewissen religioesen Festen giessen die Eingebornen im Hafen zu Baku, +welche Feueranbeter sind, fluessige Naphtha auf die Oberflaeche des Meeres, +die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat +sich die brennbare Schicht dann ueber das Wasser verbreitet, so zuenden sie +dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das +unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde +auf und niederbewegt. + +Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das musste zum Unheil auf den +Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht +oder aus Unvorsichtigkeit angezuendet wurde, jedenfalls haette es sich in +einem Augenblicke bis ueber Irkutsk hinaus verbreitet. + +Auf dem Flosse selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher +sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbruenste an beiden Ufern der +Angara zu fuerchten, denn es genuegte ja schon ein brennendes Holzstueckchen, +vielleicht ein blosser Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen. + +Die Besorgnisse Harry Blount's und Alcide Jolivet's gegenueber dieser neuen +Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht +rathsamer, vorlaeufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen +und eine Zeit lang zu warten? - Sie legten sich wohl diese Frage vor. + +"Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiss +ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen wuerde." + +Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an. + +Inzwischen schwamm das Floss schnell zwischen den Eisschollen hinab, die +sich immer enger und enger zusammendraengten. + +Bisher hatte man an den Uferabhaengen der Angara noch nirgends tartarische +Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, dass das Floss deren +Vorpostenkette noch nicht erreicht haben koenne. Gegen zehn Uhr Abends +glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die +sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der +andern sprangen, schnell naeher herankamen. + +"Tartaren!" dachte er. + +Er schlich sich in die Naehe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und +lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdaechtigen Bewegungen. + +Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf. + +"Das sind nur Woelfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch +werden wir uns zu vertheidigen suchen muessen, ohne dabei Geraeusch zu +machen." + +Wirklich mussten die Fluechtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen +die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kaelte nach diesen Gegenden +verschlagen hatte. Die Woelfe witterten das Floss, und bald fielen sie +dasselbe an. Die Fluechtlinge mussten sich also, ohne von Feuerwaffen +Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte +des Flosses untergebracht, die Maenner bewaffneten sich mit Stangen, Messern +oder einfachen Stoecken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu +schicken. Kein Ausruf liess sich hoeren, nur das Geheul der Woelfe +erschuetterte die Luft. + +Michael Strogoff hatte nicht unthaetig bleiben wollen. Er streckte sich an +der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Flosses nieder, ergriff +sein furchtbares Messer, und wusste dieses allemal, wenn ein Wolf in +erreichbarer Naehe vorueberkam, demselben in den Hals zu stossen. Harry +Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre uebrigen muthigen +Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich +mehrere der Fluechtlinge ernsthafte Bisswunden davon trugen. + +Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Luecken in +der Bande der Woelfe fuellten sich immer von Neuem und jedenfalls war die +ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht. + +"Das hat auch gar kein Ende!" sagte Alcide Jolivet, waehrend er den +bluttriefenden Dolch schwang. + +Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Woelfe noch immer +in ganzen Banden ueber das Treibeis. + +Die erschoepften Fluechtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu +ihrem Nachtheil. Eben stuerzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende +Woelfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie gluehende Kohlen +leuchteten, auf die Plattform des Flosses. Ohne Zoegern eilten Alcide +Jolivet und Harry Blount auf diese zu, waehrend Michael Strogoff sich +denselben kriechend zu naehern suchte, als die Scene sich ploetzlich +veraenderte. + +Binnen wenigen Secunden hatten die Woelfe nicht nur das Floss, sondern auch +die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten +verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten +Flussufers. + +Es ruehrte das daher, dass Woelfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, +und jetzt die ganze Flaeche der Angara ploetzlich in hellem Lichte glaenzte. + +Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken +Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwaermten also Tartaren umher, +die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flussabwaerts die +beiden Ufer besetzt hielten. Die Fluechtlinge traten jetzt in die +gefaehrliche Zone ihrer naechtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt +noch dreissig Werst von ihnen entfernt. + +Es war jetzt gegen halb zwoelf Uhr Nachts. Das Floss glitt wieder versteckt +zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur +dann und wann flog ein heller Lichtschein ueber dasselbe hin. Auf der +Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, +die sie haette verrathen koennen. + +Die erwaehnte Ortschaft brannte ausserordentlich schnell nieder. Ihre aus +Fichtenholz erbauten Haeuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen +fuenfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und +Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebruell der Tartaren. + +Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den groesseren Eisschollen +einsetzte, das Floss mehr nach der rechten Seite, so dass sie eine +Entfernung von drei- bis vierhundert Fuss von dem durch den Brand +erleuchteten Flussufer trennte. + +Nichtsdestoweniger haetten die Fluechtlinge, auf die zuweilen ein greller +Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden muessen, wenn die Brandstifter nicht +allzu eifrig mit der Zerstoerung des Ortes beschaeftigt gewesen waeren. Jeder +wird sich aber leicht die Besorgniss Alcide Jolivet's und Harry Blount's +vorstellen koennen, wenn diese an den so fluechtigen Brennstoff dachten, auf +dem das Floss noch immer schwamm. + +Ganze Funkengarben spruehten aus den Haeusern auf, welche ebenso vielen +brennenden Schmelzoefen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese +Funken fuenf- bis sechshundert Fuss hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer +selbst schienen die Baeume, im Widerscheine des roethlichen Lichtes, selbst +in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die +Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und +Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstoerung des Flosses und der +Tod seiner Insassen musste dann die nothwendige Folge sein. + +Zum Glueck wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies +fortwaehrend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab. +Moeglicherweise konnten die Fluechtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr +entgehen. + +Wirklich liessen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und +nach erblasste der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und +bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, +welche hier einen scharfen Bogen bildet. + +So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniss schuetzte wieder das +Floss. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie +zwar nicht, hoerte sie aber, uebrigens glaenzten auch die Feuer der aeussersten +Vorposten hell durch die Nacht. + +Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedraengten +Eisschollen noethig, mit groesster Vorsicht weiter zu fahren. + +Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle +waren vollauf beschaeftigt, da die Fuehrung des Flosses immer schwieriger und +das Bett des Flusses immer enger wurde. + +Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen. + +Alcide Jolivet folgte ihm. + +Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten +gewechselten Worte. + +"Achtung, dort rechts! + +-- Links draengen ein paar Schollen heran! + +-- Stoss' ab, fest mit der Stange! + +-- Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ... + +-- Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist +nichts zu thun. + +-- Hoeren Sie Jene? fragte Alcide Jolivet. + +-- Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!" + +Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floss wirklich +aufgehalten, so gelangten die Fluechtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, +sondern mussten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, +das von den Eisschollen gedrueckt bald unter ihnen in Stuecke gehen wuerde. +Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Baender zu reissen, die +von einander weichenden Fichtenstaemme unter das Eis zu gerathen und den +Ungluecklichen waere nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die +schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages haetten sie dann die +Tartaren ohne Zweifel entdecken muessen, von deren Hand keine Gnade zu +hoffen war. + +Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, +zurueck. Er naeherte sich derselben, fasste ihre Hand und legte ihr die oft +wiederholte Frage vor: "Bist Du bereit, Nadia?" - welche sie wie immer mit + +"Ich bin stets und zu Allem bereit!" beantwortete. + +Noch einige Werst draengte sich das Floss zwischen dem Schollengewirr dahin. +Verengerte sich die Angara noch mehr, so musste sich ein Eisschutz bilden, +der die Weiterbenutzung der Wasserstrasse so gut wie unmoeglich machte. +Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fuehlte +man Stoesse und sah, wie das Floss abwich. Hier musste man sich vor dem +vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. +Immer wiederholten sich unerwuenschte Verzoegerungen. + +Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die +Fluechtlinge Irkutsk nicht vor fuenf Uhr des Morgens, so konnten sie auch +alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen. + +Gegen halb zwei Uhr stiess das Floss trotz aller Anstrengungen gegen einen +compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrueckenden Schollen +draengten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich +fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert waere. + +An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so dass die Breite +ihres Bettes nur noch die Haelfte der gewoehnlichen betrug. Hieraus erklaerte +sich diese Anhaeufung von Schollen, welche allmaelig mit einander +verloetheten, sowohl durch den ganz betraechtlichen Druck, unter dem sie +standen, als auch durch die Kaelte, welche fuehlbar zunahm. Fuenfhundert +Schritt weiter unten dehnte sich das Flussbett wieder aus, und hier trieben +einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank loesten, in +der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annaeherung der Ufer haette sich +die Schollenwand nicht bilden koennen und das Floss waere nach wie vor von +der Stroemung fortgetragen worden. Gegen den ungluecklichen Zufall war aber +nicht das Geringste zu thun, und die Fluechtlinge mussten eben auf jede +Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen. + +Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um +sich Kanaele durch das Eisfeld zu brechen, haetten sie vielleicht gerade +noch Zeit gehabt, das Hinderniss bis zu der wieder erweiterten Stelle des +Stromes zu beseitigen. Aber keine Saege, keine Spitzhaue war zur Hand, um +die von der Kaelte granitartig verhaertete Kruste mit Aussicht auf Erfolg +anzugreifen. + +Was nun? + +In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. +Ein ganzer Kugelregen war auf das Floss gerichtet. Man hatte die Armen also +noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestaetigung, dass es jetzt +auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt +dienten die Fluechtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. +Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden +Dunkelheit nur durch Zufall trafen. + +"Komm, Nadia", raunte Michael Strogoff dem jungen Maedchen in's Ohr. + +Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia "bereit zu Allem" Michael +Strogoff's Hand. + +"Wir muessen jetzt die Eisbank uebersteigen, fluesterte er, aber Keiner darf +gewahr werden, dass wir das Floss verlassen!" + +Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschuetzt von +der Finsterniss, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, +auf die Eisflaeche. + +Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln +rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke +mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riss ihnen die Haende +auf, aber sie kamen doch vorwaerts. + +Zehn Minuten spaeter erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier +ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier +und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter. + +Nadia verstand Michael Strogoff's Absichten. + +Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest +hing. "Komm", sagte Nadia. + +Beide legten sich auf das Eisstueck, das sich nach einigem Schwanken von +der Bank abloeste. + +Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, +der Weg stand offen. + +Michael Strogoff und Nadia hoerten noch das Knallen der Gewehre, die +Ausrufe der Verzweiflung, das Bruellen der Tartaren ... Dann verstummten +langsam diese Ausbrueche der entsetzlichen Angst und der teuflischen +Freude. + +"Unsre armen Gefaehrten!" seufzte Nadia. + +Waehrend einer Stunde trug die Stroemung jene Eisscholle mit Michael +Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu +befuerchten, dass sie unter ihnen in Stuecke gehen koenne. Von der staerksten +Stroemung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserflaeche erhalten, und doch +handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an +einem der Quais in Irkutsk landen sollte. + +Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. +Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fuehlte jetzt, dass er es erreichen +werde!... + +Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen +Horizonte neben den beiden Ufern der Angara. + +Zur Rechten ruehrte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den +Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers. + +Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt. + +"Endlich!" murmelte er fuer sich. + +Aber ploetzlich stiess Nadia einen furchtbaren Schrei aus. + +Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden +Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von +blaeulichen Reflexen ueberstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck +an, und dann rief er, als haetten sich seine Augen auf's Neue dem Lichte +erschlossen: + +"Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!" + + + + + Zwoelftes Capitel. + + + Irkutsk. + + +Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zaehlt unter gewoehnlichen +Verhaeltnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an +der rechten Seite der Angara traegt seine von einer hohen Kathedrale +ueberragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten +Haeuser. + +Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Hoehe des Berges, ueber den +in einer Entfernung von zwanzig Werst die grosse sibirische Heerstrasse +fuehrt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthuermen, seinen den +Minarets aehnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische +Art ausgehoehlten Daechern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese +Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt +selbst betritt. Zur Haelfte in byzantinischem, zur Haelfte in chinesischem +Stile erbaut, wird sie doch zu einer europaeischen durch die macadamisirten +Strassen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanaele in denselben, die +reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebaeude aus Ziegelstein und +Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die +zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur +Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, +endlich durch eine grosse Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der +Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser +Moden nichts Fremdes sind. + +Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstaette der Bewohner einer +ganzen Provinz, furchtbar ueberfuellt. Alle Beduerfnisse fanden hier dennoch +reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen +Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht +werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, +den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fuerchten, und +konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwuesten lassen. + +Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm +fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Haenden die +Verwaltungsgeschaefte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer +Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich +ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des +unerklaerlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende +Persoenlichkeit. + +Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuss, in der +Staerke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit +Helm und blauer, silberbesetzter Uniform. + +Ausserdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge +eigenthuemlicher Verhaeltnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt +eingeschlossen. + +Ueber jene Verhaeltnisse nur einige Worte. + +Eine wichtige politische Reise hatte den Grossfuersten in diese entlegenen +Provinzen Ostasiens gefuehrt. + +Der Grossfuerst beruehrte die hauptsaechlichsten Staedte Sibiriens, reiste mehr +als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen +Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den +transbaikalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische +Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt. + +An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der +Grossfuerst nach Irkutsk zurueck, von wo er den Weg nach Europa wieder +einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso +gefaehrlichen, als urploetzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die +Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die +Verbindung mit Russland schon unterbrochen. Einige Telegramme von +Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort +zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umstaenden +zerstoert worden. + +Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt. + +Dem Grossfuersten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu +organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchfuehrte, von der er +bei anderer Gelegenheit hinlaengliche Proben gegeben hat. + +Die Nachrichten ueber die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine +nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens +musste auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht +rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk +zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrueckten, nicht aus, den +tartarischen Heersaeulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe +offenbar nicht entgehen konnte, so musste die Stadt vor allen Dingen in den +Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten. + +Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in +die Haende der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der +Grossfuerst, dass der Emir von Bukhara und die verbuendeten Khans in Person +die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, dass der zweite Fuehrer +dieser Barbarenhaeuptlinge, Iwan Ogareff, ein frueherer russischer Officier +war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte. + +Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, +veranlasst, alle Staedte und Doerfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der +Hauptstadt suchte, musste sich noch weiter hinaus, jenseit des Baikalsees, +begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde hoechst wahrscheinlich nicht +gelangen konnte. Die Vorraethe an Getreide und Fourrage wurden fuer die +Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft +in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten. + +Irkutsk, gegruendet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und +der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende +Holzbruecken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des +Fahrwassers oeffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstaedten am +linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine +Schwierigkeiten. Die Vorstaedte wurden geraeumt, die Bruecken abgebrochen. +Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara waere unter dem Feuer der +Belagerten nicht leicht auszufuehren gewesen. + +Der Fluss konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt +ueberschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines +Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schuetzte. + +Alle kraeftigen Arme wurden nun zunaechst zu Fortificationsarbeiten +verwendet. Man war Tag und Nacht thaetig. Der Grossfuerst fand eine ueberaus +eifrige Bevoelkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch +ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern - +Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der +Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwaelle aufgeworfen. Ausserdem +war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara +speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht +weggenommen werden. Sie musste belagert und gestuermt werden. + +Das dritte tartarische Armeecorps, - dasselbe, welches im Thale des +Jenisei hinaufgezogen war, - erschien am 24. September vor Irkutsk. Es +besetzte sofort die verlassenen Vorstaedte, deren Haeuser uebrigens meist +niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des +Grossfuersten keine Hindernisse zu bieten. + +Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen +von dem Emir und seinen Verbuendeten gefuehrten Heerhaufen. + +Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das +Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der +in den groesseren Staedten zurueckgelassenen Besatzungen unter dem Befehle +Feofar-Khan's vereinigt. + +Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst fuer +unausfuehrbar erklaerte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst +stromabwaerts mittels Schiffbruecken ueber den Fluss. Der Grossfuerst griff +hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stoeren, aus Mangel +an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so +blieb er, gewiss mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk. + +Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flussseite; dann marschirten +sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des +Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Waeldchen +nieder, und begannen nach voelliger Einschliessung der Stadt die regelrechte +Belagerung. + +Iwan Ogareff bemuehte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu +leiten, nur gingen ihm die noethigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu +erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines +Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen. + +Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geaendert. +Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem +Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Grossfuerst die +jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wusste. An diesen beiden Ursachen +scheiterte seine urspruengliche Absicht und er sah sich zu einer +regelrechten Belagerung genoethigt. + +Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Ruecksicht auf +die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stuermen. Er warf seine +Truppen auf die scheinbar schwaechsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe +wurden aber muthig abgeschlagen. Der Grossfuerst und seine Officiere setzten +sich bei dieser Gelegenheit ruecksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit +ihrer eigenen Person ein und fuehrten die Civilbevoelkerung mit auf die +Waelle. Buerger und Mujiks erfuellten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem +zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den +Waellen zu erobern. An dem einen Ende der grossen, zwei Werst langen und +oben und unten an der Angara ausmuendenden Strasse von Bolchaia kam es zu +einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Buerger setzten den Tartaren +einen so hartnaeckigen Widerstand entgegen, dass sich diese zuletzt in ihre +frueheren Stellungen zurueckziehen mussten. + +Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt +nicht erlangen konnte. Wir wissen, dass seine Absicht dahin ging, in die +Stadt einzudringen, sich dem Grossfuersten zu naehern, dessen Vertrauen zu +erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu +ueberliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des +Czaar stillen. + +Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara, +trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszufuehren. + +In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus +dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der +Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In hoechstens sechs Tagen mussten +sie eintreffen, also wurde es noethig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch +Verrath zu ueberwaeltigen. + +Iwan Ogareff zoegerte keinen Augenblick. - + +Eines Abends, am 2. October, wurde in dem grossen Salon des +Gouvernementspalastes, in dem der Grossfuerst residirte, ein Kriegsrath +abgehalten. + +Dieses am Ende der Bolchaiastrasse gelegene Gebaeude beherrscht weithin den +Lauf des Flusses. Gegenueber den Fenstern seiner Hauptfacade sah man das +Lager der Tartaren; haetten letztere weiter tragende Belagerungsgeschuetze +besessen, so waere dieses Gebaeude ganz unhaltbar gewesen. + +Der Grossfuerst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef +der Kaufleute und eine Anzahl hoehere Officiere besprachen eben +verschiedene nothwendige Massregeln. + +"Meine Herren, begann der Grossfuerst, unsere dermalige Lage ist Ihnen +hinlaenglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, dass wir Irkutsk bis +zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir +leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an +mir soll es gewiss nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser +Gebiet nicht sehr theuer bezahlen. + +-- Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, dass Sie +auf die Bevoelkerung von Irkutsk zaehlen koennen. + +-- Gewiss, General, antwortete der Grossfuerst, und ich erkenne diesen +eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die +Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth +verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den +Waellen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern koennen. Sie hoeren +meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, +dieselben weiter zu verbreiten. + +-- Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. +Darf ich wohl auch fragen, nach welchem laengsten Zeitraume auf das +Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist? + +-- Hoechstens nach sechs Tagen, erklaerte der Grossfuerst. Erst heute Morgen +ist ein gewandter und kuehner Emissaer in die Stadt gekommen, der mir +mittheilt, dass fuenfzigtausend russische Truppen unter Fuehrung des Generals +Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am +Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kaelte ihren Zug +aufzuhalten vermoegen. Fuenfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren +in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien. + +-- Ich erlaube mir hinzuzufuegen, dass wir sofort, wenn Eure kaiserliche +Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu +folgen. + +-- Ich danke, mein Herr, sagte der Grossfuerst. Warten wir es ab, bis die +Spitzen unserer Colonnen auf den naechsten Hoehen erscheinen, dann wollen +wir die Feinde zerschmettern." + +Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff. + +"Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. +Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke +erhalten und den Tartaren den Uebergang ermoeglichen. + +-- Wuerden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der +Kaufleute. + +-- Sprechen Sie. + +-- Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreissig und vierzig Grade unter +Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen +Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Stroemung Schuld zu +sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den +Fluss zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, dass sie auf diesem Wege +nie nach Irkutsk hinein gelangen werden." + +Der Generalgouverneur bestaetigte die Bemerkung des Chefs der +Kaufmannschaft. + +"Das ist gewiss ein recht gluecklicher Umstand, aeusserte der Grossfuerst. +Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualitaet in's Auge zu +fassen." + +Er wandte sich dann an den Director der Polizei. + +"Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er. + +-- Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der +Polizeidirector, dass mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift +uebergeben wurde ... + +-- Ausgehend von ...? + +-- Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich +hier auf Fuenfhundert belaeuft." + +Die politischen Verbannten, welche sonst ueber die ganze Provinz verbreitet +sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem +Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die +Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschaeften +oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der +japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der +Grossfuerst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und +sie als tuechtige Vertheidiger erkannt. + +"Was wuenschen die Verbannten? fragte der Grossfuerst. + +-- Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniss, ein besonderes +Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu duerfen. + +-- O, erwiderte der Grossfuerst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, +ich wusste es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das +Recht, sich fuer ihr Vaterland zu schlagen. + +-- Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu koennen, sagte der +Generalgouverneur, dass Sie keine besseren Soldaten zu finden vermoegen. + +-- Doch sie brauchen dann einen Fuehrer, bemerkte der Grossfuerst. Wer soll +das sein? + +-- Sie wuenschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, +antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten +ausgezeichnet hat. + +-- Ist es ein Russe? + +-- Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen. + +-- Sein Name ...? + +-- Wassili Fedor." + +Der Verbannte war der Vater Nadia's. + +Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als +Arzt. Ein kenntnissreicher und im Umgange liebenswuerdiger Mann, war er +gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede +Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er +den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen +zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der uebrigen +Bevoelkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit +des Grossfuersten zu erregen. Bei mehreren Ausfaellen hatten sie mit dem +Blute ihre Schuld an das heilige Russland bezahlt. Wassili Fedor benahm +sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, +doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die +Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, dass +sie beabsichtigen koennten, ihn zu ihrem Fuehrer auszuersehen. + +Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der +Grossfuerst, dass ihm derselbe nicht unbekannt sei. + +"In der That, bestaetigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein +muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluss auf die anderen +Verbannten von grosser Bedeutung. + +-- Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Grossfuerst. + +-- Seit zwei Jahren. + +-- Und seine Auffuehrung ...? + +-- Er fuegt sich, antwortete der Polizeidirector, als verstaendiger Mann den +Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt. + +-- General, antwortete der Grossfuerst, lassen Sie mir denselben ohne Zoegern +zufuehren." + +Der Befehl des Grossfuersten ward ausgefuehrt, und noch vor Ablauf einer +halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein. + +Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, +gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, dass sein ganzes Leben sich in +dem Worte: Kampf! zusammen fassen liess, und dass er gekaempft, aber auch +gelitten hatte. Seine Zuege erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia +Fedor. + +Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persoenlich +schmerzlich beruehrt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der +achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief +hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise +seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniss ausgewirkt hatte, +ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten. + +Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. +Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze ueberschritten hatte, was war +aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe +musste der unglueckliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine +Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte! + +Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Grossfuersten und erwartete +von diesem angesprochen zu werden. + +"Wassili Fedor, begann der Grossfuerst, Deine Genossen in der Verbannung +haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu duerfen. Sie vergessen doch +nicht, dass in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben +bereit sein muss? + +-- Sie sind sich dessen bewusst, erwiderte Wassili Fedor. + +-- Sie wuenschen Dich als Anfuehrer? + +-- Ja, kaiserliche Hoheit. + +-- Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen? + +-- Wenn das Heil Russlands es erheischt, gewiss. + +-- Commandant Fedor, sagte der Grossfuerst, Du bist nicht mehr verbannt. + +-- Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann ueber Solche den Befehl fuehren, die +es noch sind? + +-- Sie sind es nicht mehr." + +In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten +Genossen, jetzt seiner Waffengefaehrten. + +Tief bewegt drueckte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Grossfuersten +und verliess das Gemach. + +Der Letztere wendete sich an seine Officiere. + +"Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen +ausstelle, sagte er laechelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt +Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen." + +Diese den Verbannten von Irkutsk gewaehrte Gnade entsprach in der That +ebenso einer grossherzigen Justiz, wie einer klugen Politik. + +Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die +Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara +wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen +einige an den alten Pfeilern der frueheren hoelzernen Bruecke haengen blieben. +Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar +konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt +hatte, nur schwer in der ganzen Oberflaeche zufrieren. Die Gefahr eines +Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also +nicht sonderlich zu fuerchten. + +Eben schlug es zehn Uhr. Der Grossfuerst verabschiedete seine Officiere und +wollte sich gerade in seine Gemaecher zurueckziehen, als vor dem Palaste ein +auffallender Tumult entstand. + +Fast gleichzeitig oeffnete sich die Thuer des Salons, ein Feldjaeger trat ein +und ging auf den Grossfuersten zu. + +"Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!" + + + + + Dreizehntes Capitel. + + + Ein Courier des Czaar. + + +Eine unwillkuerliche Bewegung fuehrte alle Theilnehmer der Berathung nach +der halb offenen Thuer zurueck. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk +angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick ueber die +Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht haetten, mussten sie +dieselbe fuer unmoeglich ansehen. + +Der Grossfuerst war lebhaft auf seinen Feldjaeger zugeschritten. + +"Lass den Courier eintreten!" sagte er. + +An der Schwelle erschien ein Mann. Seine aeussere Erscheinung zeugte von +grosser Erschoepfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines +sibirischen Bauern, an der sogar einige Loecher von Kugeln sichtbar waren. +Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Muetze. Auf der Wange sah man eine +kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und +beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche +Fussbekleidung verrieth auch, dass er einen Theil seiner Reise zu Fuss +zurueckgelegt haben musste. + +"Seine kaiserliche Hoheit der Grossfuerst?" fragte er eintretend. + +Der Grossfuerst ging auf ihn zu. + +"Du bist Courier des Czaar? fragte er. + +-- Ja, Hoheit. + +-- Und kommst ...? + +-- Aus Moskau. + +-- Und hast Moskau verlassen? + +-- Am 15. Juli. + +-- Dein Name ...? + +-- Michael Strogoff." + +Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen +angenommen, den er unschaedlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte +ihn weder der Grossfuerst, noch irgend Jemand Anderes, so dass er sein +Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine +etwa angezweifelte Identitaet zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu +fuerchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen +eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama +des feindlichen Einfalles zu kroenen. + +Nach der Antwort Iwan Ogareff's gab der Grossfuerst seinen Officieren ein +Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurueckzogen. + +Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurueck. + +Der Grossfuerst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer +Aufmerksamkeit. Dann begann er: + +"Du hast Moskau am 15. Juli verlassen? + +-- Ja, Hoheit, und habe Seine Majestaet den Czaaren in der Nacht vom 14. zum +15. Juli im Neuen Palais gesprochen. + +-- Du hast einen Brief des Czaar? + +-- Ja, hier ist er." + +Iwan Ogareff uebergab dem Grossfuersten das kaiserliche Schreiben, das er auf +das kleinste Format zusammengebrochen hatte. + +"Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande uebergeben worden? + +-- Nein, Hoheit, doch musste ich das Couvert zerstoeren, um ihn vor den +Soldaten des Emirs besser verbergen zu koennen. + +-- Warst Du Gefangener der Tartaren? + +-- Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es +auch, dass ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser +Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h. +also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen." + +Der Grossfuerst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die +Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen +Eingangsformel. An der Authenticitaet dieses Schreibens, wie an der +Identitaet des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein +wildes Antlitz auch erst einiges Misstrauen in dem Grossfuersten erweckt, so +schwand dieses doch jetzt vollstaendig. + +Einige Augenblicke verhielt sich der Grossfuerst schweigend. Er durchlas +langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen. + +Endlich nahm er wieder das Wort. + +"Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens? + +-- Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu +muessen, um es nicht den Tartaren in die Haende fallen zu lassen, und war +fuer diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit moeglichst +genau mittheilen zu koennen. + +-- Du weisst also, dass dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu +sterben, als die Stadt auszuliefern? + +-- Ich weiss es. + +-- Und weisst auch, dass er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche +aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekaempfen? + +-- Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglueckt. + +-- Wie so? + +-- Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Staedten Sibiriens +zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan's nach und nach in die Haende +gefallen. + +-- Ohne dass es zu Gefechten gekommen waere? Sollten unsere Kosaken nicht auf +die Tartaren getroffen sein? + +-- Mehrmals, kaiserliche Hoheit. + +-- Und sie sind zurueckgeschlagen worden? + +-- Sie verfuegten nur ueber ungenuegende Kraefte. + +-- Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden? + +-- Bei Kolyvan, Tomsk ..." + +Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die +Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, uebertrieb er die durch die +Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fuegte hinzu: + +"Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk. + +-- Und das letzte Treffen?... fragte der Grossfuerst, ueber dessen Lippen kaum +die Worte kamen. + +-- Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht. + +-- Eine Schlacht? + +-- Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement +Tobolsk heranzogen, stuerzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden +trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben. + +-- Du luegst, rief der Grossfuerst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern +suchte. + +-- Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich +war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwaertig und gerieth eben +da in Gefangenschaft!" + +Der Grossfuerst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen +zu erkennen, dass er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle. + +"An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er. + +-- Am 2. September. + +-- Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt? + +-- Alle. + +-- Und Du schaetzest diese ...? + +-- Auf 400,000 Mann." + +Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten +Uebertreibung Iwan Ogareff's. + +"Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten? +fragte der Grossfuerst. + +-- Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters. + +-- Nun wohl, so hoere, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten +noch von Westen her Unterstuetzung bekommen, und zaehlten die Barbaren +600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals uebergeben!" + +Das boshafte Auge Iwan Ogareff's bedeckte sich ein wenig. Der Verraether +schien sagen zu wollen, dass der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne +Ruecksicht auf Verraetherei machte. + +Der Grossfuerst hatte bei seinem nervoesen Temperament alle Muehe, bei diesen +Ungluecksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab +vor den Augen Iwan Ogareff's, die ihm wie einer schon seiner Rache +verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach +den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich ueber ein Geraeusch +aufzuklaeren, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und +aneinander prallenden Eisschollen herruehrte. + +Eine Viertelstunde verging, ohne dass er eine weitere Frage stellte. Dann +nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle +desselben. + +"Du weisst, Michael Strogoff, dass hierin von einem Verraether die Rede ist, +vor dem ich mich hueten soll? + +-- Ja, Hoheit. + +-- Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen +und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den +Tartaren zu ueberliefern. + +-- Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiss auch, dass Iwan Ogareff +geschworen hat, persoenlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen. + +-- Warum? + +-- Man sagt, dieser Officier sei von dem Grossfuersten zu einer entehrenden +Degradation verurtheilt worden. + +-- Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser +Elende, der spaeter gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der +Barbaren zu organisiren. + +-- Seiner Majestaet dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem +darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten +gegen Ihre Person in Kenntniss zu setzen. + +-- Ja, der Brief enthaelt die noethigen Aufschluesse ... + +-- Und Seine Majestaet haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir +vorzueglich eingeschaerft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor +diesem Verraether zu hueten. + +-- Bist Du ihm begegnet? + +-- Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Haette er vermuthen +koennen, dass ich der Traeger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten +Schreibens war, das seine abscheulichen Plaene enthuellte, so wuerde er mir +keine Gnade gewaehrt haben. + +-- Gewiss, dann waerst Du verloren gewesen, antwortete der Grossfuerst. Doch +wie bist Du ueberhaupt entkommen? + +-- Dadurch, dass ich mich in den Irtysch stuerzte. + +-- Und wie kamst Du nach Irkutsk herein? + +-- Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher +der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die +Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so +fuehrte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit. + +-- Gut, Michael Strogoff, antwortete der Grossfuerst. Du hast bei Deiner +Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen. +Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen? + +-- Nein, ausser dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu +duerfen. + +-- Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen +persoenlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten. + +-- Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer +kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ... + +-- So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und +soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!" + +Iwan Ogareff salutirte vor dem Grossfuersten militaerisch, indem er nicht +vergass, dass er Kapitaen bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog +sich zurueck. + +Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen. +Das Vertrauen des Grossfuersten hatte er schnell und im vollsten Masse +errungen. Er konnte dasselbe missbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er +sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, wuerde in alle Geheimnisse der +Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollstaendig +in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske +abreissen. Er beschloss also ohne Zoegern an's Werk zu gehen. + +Die Zeit draengte in der That. Jedenfalls musste die Auslieferung der Stadt +vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen; +letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren +erst Herren von Irkutsk, so waeren sie gewiss nur schwer wieder daraus zu +vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen wuerden, es spaeter wieder +aufzugeben, so wuerde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund +aus zerstoert und den Kopf des Grossfuersten zu Feofar-Khan's Fuessen gelegt +haetten. + +Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu +handeln, so beschaeftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Waelle +zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glueckwuenschen der Officiere, +Soldaten und Buerger begruesst. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie +ein Band, welches sie auf's Neue mit dem Kaiserreiche verknuepfte. Iwan +Ogareff erzaehlte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn +niemals im Stiche liess, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er, +ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er, +ebenso wie vor dem Grossfuersten, die Erfolge der Tartaren und die Kraefte, +ueber welche sie verfuegten, absichtlich uebertrieb. Seiner Darstellung nach +waren die bevorstehenden Zuzuege, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen, +gewiss unzureichend, und es stand zu befuerchten, dass eine Schlacht unter +den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen wuerde, wie die Treffen +bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk. + +Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch +um. Er liess diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hoeren. Er schien +nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit +Widerwillen. Allemal aber fuegte er hinzu, dass man sich bis auf den letzten +Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen muesse, bevor man +sie uebergebe. + +Auf jede Weise suchte er die ueble Lage schlimmer darzustellen. Die +Garnison und die Bevoelkerung von Irkutsk waren gluecklicher Weise aber viel +zu patriotisch, um sich einschuechtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten +und Buergern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch +kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen +gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen. + +Dagegen argwoehnte auch Keiner die haessliche Rolle, welche Iwan Ogareff +spielte, Keiner konnte vermuthen, dass dieser scheinbare Courier des Czaar +ein erbaermlicher Verraether war. + +Ganz erklaerlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk +bald in naehere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der +Stadt, zu Wassili Fedor. + +Es ist dem Leser bekannt, von welch' verzehrender Unruhe der unglueckliche +Vater gequaelt ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres +letzten Briefes nach annehmen musste, Russland wirklich zu jener Zeit +verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Wuerde sie +dennoch versuchen, die von den Feinden ueberschwemmten Provinzen zu +bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft? +Wassili Fedor fand kein anderes Betaeubungsmittel fuer seinen Schmerz, als +sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider +viel zu selten darbot. + +Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm, +sagte ihm ein Vorgefuehl, dass er von diesem werde Nachrichten ueber seine +Tochter einziehen koennen. Wenn er sich auch nicht verhehlte, dass diese +Hoffnung auf sehr schwachen Fuessen stehe, so klammerte er sich doch gern an +sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia +vielleicht heute noch war? + +Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit +ergriff, mit dem Commandanten in taegliche Beruehrung zu kommen. Dachte der +Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunuetzen? + +Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt +verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia's. Schon am Morgen +nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem +Palaste des Grossfuersten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstaende mit, +unter welchen seine Tochter hoechst wahrscheinlich das europaeische Russland +verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen +empfinde. + +Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu +Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff +daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden +Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe +aufhielten. Er war also ausser Stande, Wassili Fedor die gewuenschten +Nachrichten ueber seine Tochter mitzutheilen. + +"Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa +verlassen? + +-- Ungefaehr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor. + +-- Ich verliess Moskau am 15. Juli. + +-- Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr +letzter Brief diesen Termin an. + +-- Sie war am 15. Juli in Moskau? + +-- Ja gewiss, an eben diesem Tage. + +-- Richtig ..." sagte zoegernd Iwan Ogareff. + +Dann aber schien er seine Meinung zu aendern. + +"Nein, nein, ich taeusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum, +fuegte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, dass ihre Tochter die +Grenze noch ueberschritten hat, und Sie koennen nun hoechstens die einzige +Hoffnung hegen, dass sie sich hat zurueckhalten lassen, wenn sie von dem +Einfall der Tartaren Nachricht erhielt. + +Wassili Fedor neigte betruebt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wusste, +dass nichts im Stande sein wuerde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen. + +Iwan Ogareff beging hier eine unnoethige Grausamkeit. Er haette Wassili +Fedor mit einem Worte beruhigen koennen. Hatte Nadia auch, wie wir wissen, +die sibirische Grenze unter ganz besondern Umstaenden passirt, so haette +Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und +des ergangenen Verbotes erwaehnte, glauben muessen, dass sie nicht den +Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch +gezwungen, doch noch auf europaeischem Gebiete befinden werde. + +Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals beruehrt wurde, +folgte dabei nur seiner Natur, er haette jenes Wort sprechen koennen ... er +sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurueck. +Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung. + +An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, liess der Grossfuerst +den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und +befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen +Palais gehoert hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen +vorbereitet hatte, stets ohne Zoegern. Er verheimlichte dabei absichtlich +nicht, dass die Regierung des Czaar durch den Einfall vollstaendig +ueberrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet +worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als +die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, dass in +den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der +Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen. + +Da er uebrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun +Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und +vorzueglich deren schwaechste Punkte auszuspaehen, um davon Nutzen ziehen zu +koennen, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausfuehrung der geplanten +Verraetherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaia +seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu ueberliefern +beabsichtigte. + +An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne +die Kugeln der Belagerer zu fuerchten, deren erste Posten noch keine Werst +weit von demselben entfernt waren; er wusste recht gut, dass ihm nichts +widerfahren koenne, ja, dass man ihn sogar erkenne. + +Da bemerkte er einen Schatten, der geraeuschlos bis an den Fuss der Erdwerke +heranschlich. + +Sangarre war es, die ihr Leben auf's Spiel setzte, um von Iwan Ogareff +Nachricht zu erlangen. + +Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an +welche die Tartaren sie bisher nicht gewoehnt hatten. + +Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff's. Der Lieutenant Feofar-Khan's +wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben +wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk +vollkommen. Vielleicht, - wenigstens setzte er noch einige Hoffnung +hierauf, - liess die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Fuer jeden +Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner +Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entbloesste Thor vorzugehen, wenn +von Iwan Ogareff die Stunde fuer den Angriff bestimmt worden waere. + +Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung musste fallen, bevor die +russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff's Beschluss war +gefasst und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand +Sangarre's. + +Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff +Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes ueberliefern. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + + Die Nacht vom 5. zum 6. October. + + +Iwan Ogareff's Plan war mit groesster Sorgfalt vorbereitet und musste, im +Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiss +gelingen, wenn er nur dafuer sorgen konnte, das Thor von Bolchaia zur Zeit, +wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entbloesst zu halten. +Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern +Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet. + +Ein Scheinangriff flussauf- und flussabwaerts auf dem rechten Ufer der Angara +sollte an beiden Stellen mit moeglichster Kraftaufwendung ausgefuehrt und +auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht +werden. Dabei durfte man voraussetzen, dass das Thor von Bolchaia ziemlich +verlassen werden wuerde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben +weiter zurueckgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie waeren +an anderen Stellen verwendet worden. + +Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden +sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Haenden des Emirs, der Grossfuerst +in der Gewalt Iwan Ogareff's sein. + +Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz +ungewoehnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Haeuser am +Ufer erkannte man deutlich, dass daselbst sehr umfassende Vorbereitungen +betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem +Punkte zusammen und verstaerkten die Truppenmacht, welche der Emir +persoenlich befehligte. Alles das gehoerte zu der verabredeten Diversion und +wurde moeglichst auffaellig in's Werk gesetzt. + +Iwan Ogareff verhehlte auch dem Grossfuersten nicht, dass von jener Seite ein +Angriff zu befuerchten sei. Er glaube annehmen zu muessen, sagte er, dass von +beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem +Grossfuersten, die bedrohten Punkte moeglichst zu verstaerken. + +Alles, was man sehen konnte, bestaetigte Iwan Ogareff's Ansicht, der man +sich bald Rechnung zu tragen entschloss. Nach einem im Palais abgehaltenen +Kriegsrathe erging der Befehl, die verfuegbare Hauptmacht an beiden Enden +der Stadt, wo sich deren Waelle auf den Strom stuetzten, zu concentriren. + +Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wuenschte. Er rechnete zwar bestimmt +nicht darauf, dass das Thor von Bolchaia ganz von Mannschaften entbloesst +wuerde, aber diese konnten doch nur in geringer Staerke daselbst verbleiben. +Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu +geben, dass der Grossfuerst sich genoethigt sehen sollte, alle disponiblen +Kraefte gegen dieselbe aufzubieten. + +Die Verhaeltnisse wurden uebrigens durch ein Ereigniss von ungewoehnlicher +Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff's, ungemein erschwert, +ein Ereigniss, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner +Absichten beitragen musste. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von +dem Thore von Bolchaia entferntestem Punkte unternommen wurde, so haette +jener Zwischenfall hingereicht, alle Kraefte der Vertheidiger dahin zu +concentriren, wo es Iwan Ogareff wuenschte. Gleichzeitig musste es eine +entsetzliche Katastrophe ueber die arme Stadt herbeifuehren. + +Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde +fast unbedeckt zu finden, waehrend mehrere tausend Tartaren in Verstecken +bereit lagen, gegen dasselbe anzustuermen. + +Waehrend dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevoelkerung von +Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniss gefasst. Alle Massnahmen zur +Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte +Punkte wurden eiligst getroffen. Der Grossfuerst und der General Voranzoff +visitirten die auf ergangenen Befehl verstaerkten Posten. Das Elitecorps +Wassili Fedor's hielt den noerdlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der +Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am groessten waere. Mit +diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff's getroffenen Massregeln +wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der +Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, ueber die man +eben verfuegte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man +erwarten, dass sie fuer den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff +doch mindestens einige Tage verschieben wuerden. Die von dem Grossfuersten +erwarteten Truppen mussten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil +oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Faedchen. + +An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fuenf +Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf +Stunden. Zwei Stunden noch kaempfte die Daemmerung gegen das Dunkel der +Nacht. Dann huellte sich Alles in Finsterniss, und auch auf das Erscheinen +des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu +rechnen. + +Die tiefe Dunkelheit musste offenbar Iwan Ogareff's Plaene beguenstigen. + +Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kaelte auf die +bevorstehende Strenge des sibirischen Winters ueber und an eben diesem +Abend war sie doppelt fuehlbar. Die auf der rechten Seite der Angara +aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten, +hatten deshalb kein Wachtfeuer angezuendet. Sie litten von der auffaelligen +Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen +schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen +Tag ueber sah man sie in gedraengten Massen in breitem Zuge zwischen beiden +Ufern. Dieser von dem Grossfuersten und seinen Officieren beobachtete +Umstand ward fuer besonders gluecklich angesehen. Es lag auf der Hand, dass +an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange +dieses Gewirr von Eisstuecken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren +konnten weder Boote noch Floesse benutzen. Dabei brauchte man nicht zu +befuerchten, dass sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander +gefrorenen Eise versuchen wuerden, da dieses fuer die Passage einer starken +Colonne offenbar zu wenig haltbar war. + +Wenn diese Verhaeltnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz +vortheilhaft erschienen, so haette Iwan Ogareff sie doch bedauern muessen. +Doch im Gegentheil! Der Verraether wusste ja recht gut, dass die Tartaren gar +nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und dass alle ihre +hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien. + +Gegen zehn Uhr Abends veraenderte sich die Oberflaeche des Flusses zum +groessten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar. +Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes +reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in grosser +Menge dahinjagten, verschwanden ploetzlich stromabwaerts, und nur fuenf bis +sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre +Structur veraenderte sich gegenueber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt +war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem groesseren +Eisfelde mit glatten Raendern abgeloeste Splitter. + +Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veraenderungen am Flusse +wahrnahmen, dieselben dem Grossfuersten. Sie erklaerten sich uebrigens +dadurch, dass das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte +und einen festen Schutz bildete. + +Man weiss, dass dem so war. + +Die Passage der Angara musste also jetzt leichter zu forciren sein, was die +Russen nun zu noch groesserer Vorsicht nach dieser Seite noethigte. + +Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore +von Bolchaia, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein +Feuerschein gluehte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen +Wolken des Horizontes verschmolz. + +Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine +allgemeine Bewegung des Heeres. + +Etwa eine Werst stromauf- und stromabwaerts von den Stellen, wo die +Erdwerke sich den Abhaengen des Flussufers anschlossen, liess sich ein +dumpfes Geraeusch vernehmen, ein Beweis dafuer, dass daselbst tartarische +Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten. + +Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher. + +Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und +auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere +feindliche Absichten. + +Der Grossfuerst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer +Taeuschung befangen waeren, zu glauben, dass die Tartaren einen Versuch zur +Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden +Naechte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette +einzelne Flintenschuesse auf und brausten einige groebere Geschosse durch +die Luft, - heute blieb Alles still. + +Dennoch verweilten der Grossfuerst, der General Voranzoff und deren +Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umstaenden die +noethigen Befehle zu geben und zu ertheilen. + +Wir wissen, dass Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich +war dasselbe ein geraeumiger Saal im Erdgeschoss, dessen Fenster nach einer +Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten ueber diese Terrasse +gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu +uebersehen war. + +In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniss. + +Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff +darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm +ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger +von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das +Palais verlassen, um sein Bubenstueck zu vollenden. + +Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine +Beute stuerzen will. + +Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Grossfuerst, dass Michael Strogoff, +- denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, - vor ihn gefuehrt werde. Ein +Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thuer geschlossen. +Er rief ... + +Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster, +huetete sich aber zu antworten. + +Man meldete dem Grossfuersten, dass der Courier des Czaar augenblicklich im +Palais nicht anwesend sei. + +Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt fuer die mit den Tartaren +verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt +waren. + +Iwan Ogareff oeffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem +noerdlichen Ende der Seitenterrasse. + +Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hoerbar an +den Pfeilern der frueheren Bruecke brachen. + +Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzuendete dadurch ein +Stueckchen mit Pulver impraegnirten Schwamm und warf diesen in den Fluss ... + +Auf Iwan Ogareff's Befehl waren jene Stroeme Mineraloels auf die Oberflaeche +der Angara geleitet worden. + +Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen +dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff +verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand +zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den +vorraethigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung +eines Stuecks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome +ausfliessen zu lassen. + +Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die +Ursache, weshalb das Floss mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia +und den uebrigen Fluechtlingen in einem Strome von Mineraloel schwamm. Durch +die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs +hatte sich die fluessige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der +natuerlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet, +auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf +schwimmen musste. + +So fuehrte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie +ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. - + +Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara. + +In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestaende, flammte die +ganze Flaeche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen +den beiden Ufern waelzten sich blaeuliche Feuerwogen. Darueber wirbelten +dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Stroemung vorhandenen +Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen +und mit Zischen und Pfeifen schoss das verdampfende Wasser in die Hoehe. + +Gleichzeitig knatterte am suedlichen und noerdlichen Ende der Stadt das +Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara oeffneten ihren groben +Mund. Mehrere Tausend Tartaren stuerzten sich stuermend auf die Erdwerke. +Die hoelzernen Gebaeude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen +Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht. + +"Endlich!" sagte Iwan Ogareff fuer sich. + +Er konnte sich mit vollem Rechte Glueck wuenschen. Sein Angriffsplan ging +fuerchterlich in Erfuellung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen ploetzlich +zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes. + +Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevoelkerung noch kraeftige +Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem +Feuer zerstoerten Haeusern, um wenigstens die uebrige Stadt zu retten. + +Das Thor von Bolchaia entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann +sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des +Verraethers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwaehlt, um die letzten +Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwaelzen und eher durch den +politischen Hass jener Mannschaften erklaeren zu koennen. + +Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell +erleuchteten Zimmer zurueck. Dann machte er sich bereit, auszugehen. + +Doch kaum oeffnete er die Thuer, als sich ein Weib mit durchnaesster Kleidung +und wild herab haengendem Haar in das Zimmer stuerzte. + +"Sangarre!" rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes +weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte. + +Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia. + +In dem Augenblicke, als das junge Maedchen auf der Eisscholle, dem letzten +Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf +ausstiess, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich +mit ihr in das Wasser gestuerzt, um unter demselben einen Schutz gegen die +Flammen zu finden. Wie erwaehnt befand sich die Scholle, welche sie trug, +nur etwa noch dreissig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk. + +Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff, +daselbst mit Nadia an das Land zu kommen. + +Endlich winkte Michael Strogoff sein heissersehntes Ziel. Er war in +Irkutsk! + +"Zum Palaste des Gouverneurs!" rief er Nadia zu. + +Kaum zehn Minuten spaeter erreichten Beide den Eingang des Palais, um +dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschaedlich emporzuengelte. + +Weiterhin standen die Haeuser am Ufer alle in Flammen. + +Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt ueberall +offene Gebaeude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz +ihrer triefenden Kleidung, Niemand. + +In dem grossen Parterresaale draengte sich eine Anzahl Officiere, um sich +Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszufuehren. Hier wurden +Michael Strogoff und Nadia durch das Stossen und Draengen der erregten Menge +von einander getrennt. + +Rathlos durchirrte Nadia die Saele des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach +ihrem Begleiter und verlangte, vor den Grossfuersten gefuehrt zu werden. + +Da oeffnete sich vor ihr die Thuer zu einem vom Feuerscheine hell +erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den +sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenueber Demjenigen, dessen +ruchlose Hand in der naechsten Stunde die Stadt ausliefern sollte. + +"Iwan Ogareff!" rief sie entsetzt. + +Der Elende zitterte, als er seinen Namen hoerte. Sein ganzer Plan musste ja +scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines uebrig: das +lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen +kannte. + +Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Maedchens, +das sich durch eine Mauer im Ruecken zu decken suchte, blitzte schon ein +Messer, um sich zu vertheidigen. + +"Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewusstsein, dass dieser +verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde. + +-- Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verraether. + +-- Iwan Ogareff!" rief das unerschrockene Maedchen zum dritten Male mit +einer Stimme, deren Staerke ihr toedtlicher Hass nur verdoppelte. + +In wahnsinniger Wuth riss Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Guertel, +sprang auf Nadia zu und draengte sie nach einer Ecke des Raumes. + +Jetzt waere es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den +Schurken von ihr wegriss und zur Erde schleuderte. + +"Michael!" rief Nadia. + +Es war Michael Strogoff. + +Die Ausrufe Nadia's hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem +Zimmer Iwan Ogareff's gelangt und durch die halb offen gebliebene Thuer +eingetreten. + +"Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff +stellend. + +-- Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verraether ist +bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ..." + +Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes +Spiel zu haben waehnte, rannte er auf Michael Strogoff zu. + +Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern +seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden. + +Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, dass er ja +einen Degen habe. Er riss diesen aus der Scheide und stellte sich wieder +zum Angriff bereit. + +Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur +mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut fuer ihn. + +Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen +Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thuer, um nach Hilfe zu rufen. + +"Schliesse die Thuer, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, lass die +Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken +nicht mehr zu fuerchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte +ihn!" + +Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen. +Er suchte das Geraeusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems +dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn toedtlich treffen, bevor +er seine Annaeherung gewahr wuerde. Der Schuft dachte nicht daran, sich +ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte, +einfach ermorden. + +Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese +fuerchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff's +unerschuetterliche Ruhe schien auch ueber sie gekommen zu sein. Als Waffe +besass Michael Strogoff nur sein sibirisches Jaegermesser, und seinen mit +dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade +des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit ueber Jenen? Wie +konnte er, ohne dass ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des +Feindes zu begegnen? + +Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese +uebermenschliche Ruhe erdrueckte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu +Rathe zog, sagte er sich wieder, dass ja der Vortheil ganz auf seiner Seite +sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er +suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte +sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurueck? + +Endlich sprang er auf und fuehrte einen heftigen Stoss gegen Michael +Strogoff's Brust. + +Eine geschickte und unerklaerliche Bewegung des Messers Michael Strogoff's +lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltbluetig schien +er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten. + +Aus Iwan Ogareff's Stirn perlte ein eiskalter Schweiss. Er trat erst einen +Schritt zurueck und drang dann auf's Neue vor. Aber der Todesstreich +misslang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten +Messers draengte den nutzlosen Degen zur Seite. + +Rasend vor Wuth und Schrecken gegenueber dieser lebenden Bildsaeule heftete +der Verraether seinen Blick auf die weit geoeffneten Augen des Geblendeten. +Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen +und doch unmoeglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art +entsetzlicher Zauberkraft. + +Ploetzlich stiess Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es +unerwartet klar. + +"Er sieht, rief er, er kann sehen!..." + +Und wie ein Raubthier scheu seine Hoehle zu gewinnen sucht, wich er in den +Hintergrund des Saales zurueck. + +Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan +Ogareff zu und sagte: + +"Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich +elenden Verraether gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein +Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir +noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genuegt mir gegen +Deinen Degen! + +-- Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Guetiger, gerechter Gott, ist +das moeglich?" + +Iwan Ogareff fuehlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten +Muth zusammen und stuerzte sich mit dem Degen auf seinen unerschuetterlichen +Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael +Strogoff's, gefuehrt von der geuebten Hand des sibirischen Jaegers, sprengte +die Klinge in Stuecke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos +zu Boden. + +In diesem Augenblick wurde die Zimmerthuer von aussen aufgestossen. Begleitet +von einigen Officieren erschien der Grossfuerst auf der Schwelle. + +Letzterer trat vor. Auf dem Fussboden erkannte er die Leiche Desjenigen, +den er fuer den Courier des Czaar gehalten hatte. + +Mit drohender Stimme fragte er. + +"Wer hat diesen Mann getoedtet? + +-- Ich that es", antwortete Michael Strogoff. + +Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schlaefe. + +"Dein Name? fragte der Grossfuerst. + +-- Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber +zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Fuessen liegt. + +-- Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier +des Czaar. + +-- Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff! + +-- Iwan Ogareff? rief der Grossfuerst. + +-- Ja, Iwan, der Verraether seines Vaterlandes. + +-- Aber Du, wer bist Du denn? + +-- Ich bin Michael Strogoff." + + + + + Fuenfzehntes Capitel. + + + Schluss. + + +Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals +gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische +Ursache hatte die Wirkung der gluehenden Saebelklinge vereitelt, die der +Scharfrichter Iwan Ogareff's damals vor seinen Augen vorbeifuehrte. + +Der Leser erinnert sich, dass bei Vollziehung des grausamen Urtheils die +alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand. +Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird, +wenn er weiss, dass es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen +ihm die Thraenen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurueck zu draengen +suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung +auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thraenen +gebildete Dampfschicht zwischen der gluehenden Klinge und den Augaepfeln +befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschaedlich zu machen. Es ist +das derselbe Vorgang, als wenn ein Giesser nach Anfeuchtung seiner Hand mit +Wasser diese ungestraft durch einen Strahl fluessigen Eisens fuehrt. + +Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus +erwachsen koenne, wenn er sein Geheimniss gegen irgend Jemand offenbarte. +Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande +bezueglich der Durchfuehrung seiner Aufgabe ziehen koenne. Nur dass er fuer +blind galt, schien seine persoenliche Freiheit einigermassen sicher zu +stellen. Er musste also blind scheinen, er musste es fuer Alle sein, selbst +fuer Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der +Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluss stand fest. Er +musste selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu +geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf's Spiel setzte. + +Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es +damals auf dem Platze vor Tomsk in's Ohr gefluestert, als er in der +Dunkelheit ueber jene gebeugt sie mit seinen heissen Kuessen bedeckte. + +Man entsinnt sich auch, dass, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das +kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff's geblendete Augen hielt, +dieser dasselbe lesen konnte, und natuerlich Alles gelesen hatte, was die +verruchten Plaene des Verraethers enthuellte. Hieraus erklaert sich auch sein +verdoppeltes Draengen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner +Mission wenigstens muendlich zu entledigen. Er wusste, dass die Stadt +verrathen werden solle, dass des Grossfuersten Leben in der ernstesten Gefahr +schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens +ruhte also in seiner Hand. + +Mit wenigen Worten wurden dem Grossfuersten alle die frueheren Vorkommnisse +mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Waerme den Antheil hervorhob, der +Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebuehrte. + +"Wer ist das junge Maedchen? fragte der Grossfuerst. + +-- Die Tochter Wassili Fedor's, eines Verbannten. + +-- Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Grossfuerst fort, ist +nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine +Verbannten mehr!" + +Nadia fiel, ueberwaeltigt von der Freude, der sie leichter erlag als den +harten Schlaegen des Schicksals, dem Grossfuersten zu Fuessen, der sie jedoch +mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot. + +Eine Stunde spaeter lag Nadia in den Armen ihres Vaters. + +Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch +schlugen ihre Herzen im Uebermass des Glueckes. + +Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gaenzlich fehl. Wassili Fedor +hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstuermenden niedergemacht, die +vor dem Thore von Bolchaia in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden, +erschienen, waehrend Jener mit instinctivem Vorgefuehl darauf drang, hier +zur Vertheidigung zurueck zu bleiben. + +Gleichzeitig mit der Zurueckweisung der Tartaren gelang es den Belagerten +auch, die Feuersbrunst zu bewaeltigen. Die Naphtha auf der Oberflaeche der +Angara war bald verbrannt, und die auf die Haeuser laengs des Flusses +concentrirten Flammen verschonten die uebrigen Theile der Stadt. + +Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan's, unter +Zuruecklassung einer grossen Anzahl auf den Waellen umherliegender Todter, in +ihr Lager zurueck. + +Zu den Gefallenen gehoerte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich +vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte. + +Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff. +Iwan Ogareff's Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des +ganzen Kriegszuges, und er allein besass durch seine unausgesetzten +Agitationen Einfluss genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu +dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Russlands zu verleiten. + +Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts +der noch andauernden Einschliessung, stets gleichmaessig wachsam und +kampfbereit. + +Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von +Geschuetzen auf den umgebenden Hoehen der Stadt. + +Es war der Gruss der Hilfsarmee, die unter der Fuehrung des Generals +Kisselef heranrueckte und dem Grossfuersten ihr Eintreffen anmeldete. + +Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen, +unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu muessen, und hoben +daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf. + +Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen. + +Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael +Strogoff's in die Stadt eingezogen, - die unzertrennlichen Collegen Harry +Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, ueber den Eisschutz das +rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den uebrigen Fluechtlingen zu +entkommen, bevor die brennende Angara das Floss ergriffen hatte. In Alcide +Jolivet's Notizbuch fand sich hierueber die lakonische Bemerkung: + +"Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!" + +Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund +wieder zu treffen, vorzueglich als sie erfuhren, dass ihr muthiger Gefaehrte +nicht blind sei. Harry Blount fuehlte sich veranlasst, als eigene +Beobachtung zu notiren: + +"Rothgluehendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilitaet des +Sehnerven zu zerstoeren. Das Verfahren bedarf der Modification." + +Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie +an's Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach +London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte ueber den +Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den +untergeordnetsten Punkten widersprachen. + +Der ganze Feldzug verlief uebrigens hoechst ungluecklich fuer den Emir und +seine Verbuendeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen +den russischen Koloss gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich +werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten, +welche in rascher Folge alle eroberten Staedte wieder in ihre Gewalt +brachten. Dazu trat der Winter mit ungewoehnlicher Strenge auf, so dass von +den durch die Kaelte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die +Steppen der Tartarei wieder erreichte. + +Die Strasse von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den +Grossfuersten draengte es, nach Moskau zurueckzukehren, doch er verschob seine +Abreise, um einer ruehrenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage +nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog. + +Michael Strogoff befand sich an Nadia's Seite und sagte zu ihr in +Gegenwart ihres Vaters: + +"Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga +nach Irkutsk einen andern Kummer zurueckgelassen, als die Trauer um Deine +Mutter? + +-- Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern. + +-- Kein Stueckchen Deines Herzens ist dort zurueck geblieben? + +-- Keines, Bruder. + +-- Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als dass es Gottes Absicht war, uns +nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Pruefungen, sondern wohl +fuer immer zusammen zu fuehren." + +Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff's Arme. + +Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor. + +"Mein Vater! sagte er leicht erroethend. + +-- Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude +sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!" + +Die Vermaehlungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war +nur einfach hinsichtlich des aeusseren Pompes, aber erhebend durch die +ungeheure Theilnahme der ganzen Bevoelkerung, welche ihrer tiefen +Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren +Irrfahrten schon in Aller Munde lebten. + +Selbstverstaendlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei +dieser Hochzeit, ueber die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten. + +"Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte +Alcide Jolivet seinen Collegen. + +-- Pah, erwiderte Harry Blount, haette ich freilich eine Cousine so wie +Sie ... + +-- Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide +Jolivet. + +-- Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von +Schwierigkeiten zwischen London und Peking. - Haetten Sie keine Lust +zuzusehen, was dort vorgeht? + +-- Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen +diesen Vorschlag machen!" + +Stehenden Fusses brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem +Himmlischen Reiche. + +Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und +Nadia, natuerlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rueckreise nach +Europa. Diese Schmerzensstrasse auf dem Herweg wurde zum Glueckspfade fuer +den Rueckweg. Sie eilten in groesster Schnelligkeit dahin auf einem jener +praechtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug ueber Sibiriens eisbedeckte +Steppen fliegen. + +Nur am Ufer der Dinka goennten sie sich einen einzigen Rasttag. + +Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus +begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein +letztes Gebet an der Ruhestaette des ergebenen, heldenmuethigen Freundes, +den Beide niemals vergessen konnten. + +In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Haeuschen der Strogoff's. +Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal +ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn +erkennen und ihrem muetterlichen Stolze genug thun. + +Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff +nach Europa weiter. Wassili Fedor liess sich in Petersburg nieder, und +weder sein Sohn noch seine Tochter verliessen ihn jemals, ausser wenn sie +der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten. + +Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in +seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen +Georg aushaendigte. + +Michael Strogoff gelangte spaeter zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die +Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die +seiner maennlich ueberwundenen Pruefungen und Leiden. + + + + Ende des Courier des Czaar. + + + + + + + FUSSNOTEN + + + 1 Eine Art Blaettergebackenes. + + 2 Dieses Kleidungsstueck heisst "_dakha_"; es ist sehr leicht und doch + fuer Kaelte fast undurchdringlich. + + 3 Eine russische Geldmuenze im Werthe von 5 Rubeln. + + 4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebraeuchlichen "Sir" + und wird gegenueber dem Sultan von Bukhara gewoehnlich angewendet. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe erschien in zwei Baenden, die in der elektronischen +Fassung vereinigt sind. Die Inhaltsverzeichnisse am Schluss der beiden +Baende wurden an den Beginn des Textes gesetzt. + +Die Fussnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt. + +Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert: + + Seite 1-6: "Keliwan" geaendert in "Kolywan" ("Nishny-Nowgorod, Perm, + Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, + Tomsk") + Seite 1-12: "Krasnojask" geaendert in "Krasnojarsk" ("Und die + meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte") + Seite 1-15: "Okfotsk" geaendert in "Ochotsk" ("es zwei Districte, die + von Ochotsk") + Seite 1-16: "Elamks" geaendert in "Elamsk", "Nishny, Udinsk" in + "Nishny-Udinsk", "Blagowestenks" in "Blagoweshensk", "Orloneskaga" + in "Orlomskaya" ("Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, + Elamsk, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, + Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, + Orlomskaya, Alexandrowskoe, Nicolajewsk") + Seite 1-26: "Ovirenna" geaendert in "Ovicenna" ("deren schon die + Ovicenna's und andere Gelehrte") + Seite 1-49: "Tschermissen" geaendert in "Tscheremissen" ("Finnen, + Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken") + Seite 1-87: "spezielle" geaendert in "specielle" ("dass ihn eine + specielle Mission berechtigte") + Seite 1-101: "Ordnnng" geaendert in "Ordnung" ("Nun, er ist bis + Kolyvan noch in Ordnung?") + Seite 1-111: "Zaun" geaendert in "Zaum" ("Von Zaum und Gebiss keine + weitere Spur") + Seite 1-137: "Nikolaus" geaendert in "Nicolaus" ("Nicolaus Korpanoff, + Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff") + Seite 1-189: "bivuakirten" geaendert in "bivouakirten" ("mit + Wachposten besetzten Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren") + Seite 1-216: "Omsk" geaendert in "Tomsk" ("nach gluecklicher Umgehung + von Tomsk") + Seite 1-218: "begehende" geaendert in "bestehende" ("und Haidekraut + bestehende Gruppen von Zwergbaeumen") + Seite 1-233: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Gewehrfeuer!" ("Das + ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer!") + Seite 1-234: "Diahinsk" geaendert in "Diachinsk" ("vielleicht nach + Diachinsk oder einem andern, durchzuschlagen") + Seite 2-19: "Instinkt" geaendert in "Instinct" ("ein wahrhaft + aussergewoehnlicher Instinct, noch maechtiger entwickelt") + Seite 2-25: "Stellvertreters des" hinzugefuegt vor "Emirs" ("des + Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiss bald mit") + Seite 2-38: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht!" ("gilt meinem + Sohne noch nicht!") + Seite 2-43: "bivouaquirte" geaendert in "bivouakirte" ("waehrend das + Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte") + Seite 2-76: "Daily Telegraph" geaendert in "Daily-Telegraph" ("Ihre + Leser des Daily-Telegraph werden") + Seite 2-77: "Ein" geaendert in "Eine" ("Eine Stunde spaeter trabten + sie schon auf der") + Seite 2-99: "Hoffnnng" geaendert in "Hoffnung" ("glaubte. Jetzt + fuerchtete er, seine Hoffnung werde") + Seite 2-112: "slawischen" geaendert in "slavischen" ("die zum groessten + Theil einen slavischen Typus zeigen") + Seite 2-113: "20 deg." geaendert in "-20 deg." ("-20 deg. fuer eine ganz + ertraegliche haelt") + Seite 2-143: Punkt hinzugefuegt hinter "Meere" ("Der Baikalsee liegt + 1700 Fuss ueber dem Meere.") + Seite 2-206: "vorher gehenden" geaendert in "vorhergehenden" ("Fast + in keiner der vorhergehenden Naechte") + +Nicht vereinheitlicht wurden mehr als einmal vorkommende +Schreibweisenvarianten: "Baikal" und "Baikal"; "Flosse" und "Flosse"; +"Ischim" und "Ichim"; "Jenisei", "Jenisei" und "Yenisei" bzw. "Jeniseisk", +"Jeniseisk" und "Yeniseisk"; "Kamtschatka" und "Kamschatka"; "Kolywan" und +"Kolyvan"; "Madeleine" und "Madelaine"; "Nischny-Nowgorod", +"Nishny-Nowgorod", "Nischnij-Nowgorod" und "Nishnij-Nowgorod"; "Officier" +und "Offizier"; "Sibirier(in)" und "Sibirer(in)"; "Sylbe" und "Silbe". + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)*** + + + + CREDITS + + +October 12, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by K.-F. Greiner, Markus Brenner, Ralf Stephan, + Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net. + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 34064.txt or 34064.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/0/6/34064/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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