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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:47 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:47 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) by
+Jules Verne
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)
+
+Author: Jules Verne
+
+Release Date: October 12, 2010 [Ebook #34064]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***
+
+
+
+
+
+ Collection Verne. Band 22.
+
+
+ *Der Courier des Czaar.*
+
+ (Michael Strogoff.)
+
+ Von
+
+ *Julius Verne.*
+
+
+_Autorisirte Ausgabe_
+
+Erster Band.
+
+*Vierte Auflage.*
+
+Wien. Pest. Leipzig.
+
+_A. Hartleben's Verlag._
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+
+ K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
+
+
+
+
+
+ INHALT.
+
+
+Erster Theil
+ 1. Ein Fest im Neuen Palais
+ 2. Russen und Tartaren
+ 3. Michael Strogoff
+ 4. Von Moskau nach Nishny-Nowgorod
+ 5. Eine Verordnung mit zwei Artikeln
+ 6. Bruder und Schwester
+ 7. Auf der Wolga stromabwaerts
+ 8. Die Kama stromaufwaerts
+ 9. Tag und Nacht im Tarantass
+ 10. Ein Unwetter in den Uralbergen
+ 11. Reisende in Noth
+ 12. Eine Herausforderung
+ 13. Die Pflicht ueber Alles!
+ 14. Mutter und Sohn
+ 15. Der Barabinen-Sumpf
+ 16. Eine letzte Anstrengung
+ 17. Bibelsprueche und Liederverse
+Zweiter Theil
+ 1. Ein tartarisches Feldlager
+ 2. Alcide Jolivet's Haltung
+ 3. Schlag fuer Schlag
+ 4. Der siegreiche Einzug
+ 5. Nun sieh' Dich um
+ 6. Ein Freund unterwegs
+ 7. Die Ueberschreitung des Jenisei
+ 8. Ein Hase, der ueber den Weg laeuft
+ 9. In der Steppe
+ 10. Baikal und Angara
+ 11. Zwischen zwei Ufern
+ 12. Irkutsk
+ 13. Ein Courier des Czaar
+ 14. Die Nacht vom 5. zum 6. October
+ 15. Schluss
+[Bemerkungen zur Textgestalt]
+
+
+
+
+
+
+ MICHAEL STROGOFF.
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+
+ Ein Fest im Neuen Palais.
+
+
+"Sire, eine neue Depesche.
+
+-- Von woher?
+
+-- Aus Tomsk.
+
+-- Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen?
+
+-- Sie ist seit gestern gestoert.
+
+-- General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk
+einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten.
+
+-- Zu Ew. Majestaet Befehl", antwortete der General Kissoff.
+
+Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen
+Palais abgehaltenes Fest eben in hoechstem Glanze strahlte.
+
+Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten
+zu dieser Soiree die gewaehltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas,
+Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von
+Taenzern und Taenzerinnen rauschten durch die praechtigen Salons dieses
+Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem "alten Hause aus
+Stein" erhebt, in welch' letzterem sich so viele furchtbare Dramen
+abgespielt haben und das jetzt nur die fluechtigen Melodien der Quadrillen
+wiederhallte.
+
+Der Oberhofmarschall fand bei Erfuellung seiner delicaten Pflichten sehr
+beachtenswerthe Unterstuetzung. Die Grossfuersten selbst, deren Adjutanten,
+die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen
+sich des Arrangements der Taenze. Die von Diamanten strahlenden
+Grossfuerstinnen und die Hofdamen in gewaehltester Galatoilette gingen den
+Frauen und Toechtern der hoechsten Militaer- und Civilbeamten mit
+aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertoente, als
+die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen
+Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines
+Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenueberwebten
+Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der
+hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu
+verdoppeln schienen, dem Auge ein entzueckendes, kaum zu beschreibendes
+Bild.
+
+Dazu lieferte der grosse Salon, das schoenste der Gemaecher im Neuen Palais,
+fuer diese Versammlung hoher und hoechster Personen und verschwenderisch
+geschmueckter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche
+Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien
+wie besaeet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in
+schweren Falten herabfallenden Portieren faerbte sich mit warmen Toenen,
+welche sich nur an den schaerferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter
+heraushoben.
+
+Durch die Scheiben der grossen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern
+nur wenig geschwaecht, aehnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach
+aussen, und stach grell ab von dem naechtlichen Dunkel, das seit wenig
+Stunden diesen glitzernden Palast umhuellte. Dieser Contrast mochte auch
+die Aufmerksamkeit zweier Ballgaeste erregen, welche am Tanze keinen
+Antheil nahmen. In einer der Fensteroeffnungen stehend, konnten sie mehrere
+jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthuerme wahrnehmen, deren riesige
+Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend,
+das Gewehr wagrecht ueber die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf
+und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann
+von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch
+den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiss
+taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem
+Parket des Festsaales. Dann und wann hoerte man den Zuruf der Schildwachen
+von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes
+Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters.
+
+Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den
+Fenstern des Neuen Palais ausgestroemten Lichtkegeln. Das waren Schiffe,
+die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, ueberstrahlt von den
+grellen Lichtbuendeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuss der Terrassen
+des Palastes bespuelten.
+
+Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem
+gegenueber General Kissoff jene nur den Souveraenen zukommende Anrede
+benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejaeger.
+Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines
+Mannes, der fuer aeusseren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung
+contrastirte demnach mit den prachtvollen Costuemen, die sich um ihn
+draengten, und ebenso zeigte er sich auch gewoehnlich inmitten seiner
+Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener praechtigen
+Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus.
+
+Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie,
+aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur
+andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gespraechen
+der juengern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den
+ernsteren Worten seiner hoechsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des
+diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe
+vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker - geborene
+Physiognomiker, - glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige
+Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklaerlich
+blieb, aber ohne dass Einer derselben sich erlaubt haette, eingehender
+danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu
+zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejaeger, durch seine
+Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeintraechtigen, und da er
+einer der seltenen Fuersten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im
+Gedanken, zu gehorchen sich gewoehnt hatte, so wurden auch die Vergnuegungen
+des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen.
+
+Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm
+aus Tomsk ueberreicht hatte, auf die Erlaubniss sich zurueckziehen zu duerfen;
+aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen,
+durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn.
+Unwillkuerlich fasste seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese
+wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien,
+als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas
+Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu koennen.
+
+"Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine
+Fensternische gefuehrt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem
+Grossfuersten?
+
+-- Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befuerchten, dass die Depeschen
+bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr ueberschreiten koennen.
+
+-- Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben
+die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen?
+
+-- Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches ueber den Baikalsee
+hinaus zu senden moeglich war.
+
+-- Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk
+stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?
+
+-- Gewiss, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, dass
+die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht ueberschritten
+haben.
+
+-- Und von dem Verraether Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?
+
+-- Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen,
+ob jener die Grenze ueberschritten hat oder nicht.
+
+-- Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg,
+Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und ueberhaupt nach
+allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr
+stehen.
+
+-- Ew. Majestaet Befehle werden unverzueglich ausgefuehrt werden, erwiderte
+der General.
+
+-- Kein Wort ueber alles Dieses!"
+
+Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der
+General, mischte sich erst unbefangen unter die Gaeste, verliess aber bald
+die Salons, ohne dass sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte.
+
+Der Officier blieb traeumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den
+verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militaers wieder naeherte, hatte
+sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollstaendig
+wiedergefunden.
+
+Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber
+keineswegs so unbekannt, als der Gardejaegerofficier und der General
+Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht
+einmal officioes, da die Zungen jetzt noch nicht geloest waren, aber
+verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue
+Berichte erhalten ueber die Vorgaenge jenseit der Grenze.
+
+Was man nur so vom Hoerensagen wusste, davon unterhielt man sich nicht,
+nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei
+Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche
+Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen
+mit gedaempfter Stimme ueber diese Angelegenheit und schienen sehr genaue
+Informationen zu besitzen.
+
+Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wussten aber diese beiden
+einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflussreiche
+Personen kaum muthmassten? - Niemand haette das sagen koennen. Waren sie mit
+einem Vorgefuehl oder mit einer Voraussicht begabt? Besassen sie noch einen
+sechsten Sinn, der es ihnen ermoeglichte, ueber den begrenzten Horizont
+hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschliesst?
+Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten
+auszuspueren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten
+Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gaenzlich veraendert
+haben? Man wurde versucht, das zu glauben.
+
+Diese beiden Maenner, der eine Englaender, der andere Franzose, waren lange,
+hagere Gestalten, - dieser gebraeunt wie die Suedlaender der heissen Provence,
+- jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte,
+phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushaelterische Anglo-Normanne
+schien nur bei der Ausloesung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die
+von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestueme Gallo-Romane
+dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Haenden, und schien seine
+Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, waehrend seinem Partner nur
+eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest sass.
+
+Diese physischen Unterschiede haetten des oberflaechlichen Beobachters
+Urtheil gewiss leicht irre fuehren koennen; der Physiognomiker aber, der
+diese beiden Persoenlichkeiten aus der Naehe beobachtete, haette den
+physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiss in die Worte
+zusammen gefasst, dass der Franzose "ganz Auge" und der Englaender "ganz Ohr"
+sei.
+
+In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz
+ausserordentlich geschaerft. Seine Netzhaut besass dieselbe
+Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geuebten Taschenspieler, welche
+eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren
+Zeichen erkennen, dass es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose
+besass also in hoechstem Grade das, was man so bezeichnend "das Gedaechtniss
+des Auges" nennt.
+
+Der Englaender im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hoeren
+und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehoerapparat der Ton einer Stimme nur
+ein einzig Mal, so vergass er diesen niemals mehr und haette diese Stimme
+nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehoert.
+Seine Ohren besassen zwar sicherlich nicht das Vermoegen, sich so zu
+bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln
+versehen sind; da die Gelehrten aber ausser Zweifel gesetzt haben, dass die
+aeusseren Ohren des Menschen nur "nahezu" unbeweglich sind, so waere man
+anzunehmen berechtigt gewesen, dass die des genannten Englaenders sich
+mussten strecken, verschieben und winden koennen, um die Schallwellen unter
+den guenstigsten Verhaeltnissen aufzunehmen, so dass einem Sachverstaendigen
+ihre Bewegungen wohl nicht entgangen waeren.
+
+Es sei gleich hierbei bemerkt, dass diese Vervollkommnung des Gesichts und
+Gehoers den beiden Maennern bei ihrer Beschaeftigung sehr zu Statten kam,
+denn der Englaender war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose
+Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er
+nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er
+correspondire mit "seiner Cousine Madelaine". Im Grunde war dieser
+Franzose trotz seines legeren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und
+wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche
+Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Bloesse.
+Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und
+wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein
+College vom Daily-Telegraph.
+
+Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais
+gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als
+Journalisten und zwar zur groessten Erbauung ihrer Leserkreise.
+
+Es versteht sich ganz von selbst, dass diese beiden Maenner fuer ihre Mission
+in der Welt wirklich begeistert waren; dass sie es liebten, sich wie
+Spuerhunde auf die Faehrte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stuerzen, dass
+Nichts sie zurueckschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und
+dass sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser
+Helden von der Feder besassen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase,
+dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie ueber die Hecken, flogen ueber
+die Fluesse, setzten ueber die Huerden mit dem unvergleichlichen Feuereifer
+jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben
+wollen.
+
+Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt
+sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu
+ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, dass weder der Eine noch der Andere
+je ueber die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und dass sie nur dann
+in Thaetigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in's Spiel
+kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu
+sagen pflegt, "die grossen politischen und militaerischen Berichterstatter".
+
+Indess wird man bei naeherer Betrachtung sehen, dass sie die Thatsachen und
+ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben
+jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie
+jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr
+Moeglichstes thaten, so wuerde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln.
+
+Der franzoesische Correspondent hiess Alcide Jolivet. Harry Blount war der
+Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male
+bei dem Feste im Neuen Palais, ueber welches sie ihren Journalen Bericht
+erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit
+einer gewissen Geschaeftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige
+Sympathie einfloessen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie
+suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages
+abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem naemlichen
+Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse
+gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, dass sie immer so weit
+Fuehlung behielten, um einander zu sehen und zu hoeren.
+
+An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas
+in der Luft.
+
+"Und wenn's nur ein Volk Enten waere, sagte sich Alcide Jolivet, einen
+Flintenschuss wird's doch werth sein!"
+
+Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gespraech waehrend des Balles,
+kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide
+klopften erst gegenseitig auf den Busch.
+
+"Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide
+Jolivet, mit der liebenswuerdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit
+dieser ausgesprochen franzoesischen Phrase einleitend.
+
+-- Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount
+mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Buerger des
+Vereinigten Koenigreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen
+pflegt.
+
+-- Ich jedoch, fuegte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine ...
+
+-- Ihrer Cousine?... wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen
+Collegen unterbrach.
+
+-- Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine
+Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren,
+meine Cousine!... Ich glaubte ihr also mittheilen zu muessen, dass die Stirn
+des Souveraens bei diesem Feste doch von einigen Woelkchen beschattet
+gewesen sei.
+
+-- Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der
+wahrscheinlich seine Ansicht ueber diesen Gegenstand zu verbergen suchte.
+
+-- Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des
+Daily-Telegraph 'strahlen' lassen?
+
+-- Gewiss.
+
+-- Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im
+Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist?
+
+-- So genau, als ob ich dabei gewesen waere, erwiderte der englische
+Reporter.
+
+-- Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, dass man bei einem dem
+Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte,
+dass Napoleon mit der franzoesischen Vorhut soeben den Niemen ueberschritten
+habe. Der Kaiser verliess jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit
+dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekaempfte
+aeusserlich jede Unruhe ...
+
+-- So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die
+Meldung machte, dass die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze
+und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien.
+
+-- Ah, Sie kennen diese Einzelheiten?
+
+-- Ich kenne sie.
+
+-- Ich muss wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis
+Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen
+Genugthuung.
+
+-- Und die meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte Harry Blount etwas
+unwirsch.
+
+-- So wissen Sie auch, dass schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk
+abgegangen sind?
+
+-- Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements
+Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen liess, sich zu sammeln.
+
+-- Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Massnahmen sind mir vollkommen
+bekannt, und glauben Sie, meine liebenswuerdige Cousine wird schon morgen
+Einiges davon zu erzaehlen wissen.
+
+-- Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein
+werden, Herr Jolivet.
+
+-- Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht ...
+
+-- Und wenn man Alles hoert, was gesprochen wird!
+
+-- Da wird's einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben.
+
+-- Dem ich mich anschliesse, Herr Jolivet.
+
+-- O, dann kann sich's treffen, dass wir uns auf einem minder sicheren
+Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen.
+
+-- Wohl einem minder sicheren, aber auch ...
+
+-- Einem weniger glatten!" antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen
+in den Armen auffing, als dieser eben beim Rueckwaertsgehen fast umgefallen
+waere.
+
+Spaeter trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, dass
+Keiner dem Andern um eine Nasenlaenge voraus war.
+
+Jetzt sprangen die Thueren der anstossenden Saele auf. Dort zeigten sich
+verschiedene grosse und praechtig servirte Tafeln, schwer beladen mit
+kostbarem Porzellan und goldenen Gefaessen. Auf der mittelsten, fuer die
+Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps
+reservirten Tafel glaenzte ein Tafelaufsatz von unschaetzbarem Werthe aus
+Londoner Werkstaetten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit
+spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzaehligen Stuecken des
+herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Sevres verlassen
+hatte.
+
+Die Gaeste des Neuen Palais begaben sich nach den Speisesaelen.
+
+In diesem Augenblicke naeherte sich der General Kissoff, der inzwischen
+zurueckgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejaeger.
+
+"Nun, wie steht's? fragte dieser lebhaft.
+
+-- Die Telegramme gehen nicht ueber Tomsk hinaus, Sire.
+
+-- Sofort einen Courier!"
+
+Der Officier verliess den grossen Saal und zog sich in ein daneben liegendes
+grosses Gemach zurueck. Es war das ein mit Eichenmoebeln sehr einfach
+ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige
+Bilder, darunter einzelne Oelgemaelde von Horace Vernet, hingen an den
+Waenden.
+
+Der Officier riss schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an
+Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem maechtigen Balcon die laue Luft der
+schoenen Julinacht ein.
+
+Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art
+Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Palaeste
+und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen
+Staedte: Kitai-Gorod, Boloi-Gorod und Zemlianoi-Gorod, das ungeheure
+europaeische, tartarische und chinesische Quartier, ueberragt von Thuermen
+und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren gruenen
+Daechern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Fluss mit
+vielgewundenem Laufe glaenzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das
+Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefaerbte Mosaik, welche ein
+zehn Stunden langer Rahmen umschloss.
+
+Dieser Fluss war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk
+war der Kreml und jener Officier der Gardejaeger, der mit gekreuzten Armen
+und traeumerischer Stirn nur halb den Laermen des Festes hoerte, der sich aus
+dem Neuen Palais ueber die alte Stadt der Moskowiter verbreitete - das war
+der Czaar.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+ Russen und Tartaren.
+
+
+Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest,
+welches er den Spitzen der Civil- und Militaerbehoerden gab, in schoenstem
+Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verliess, so kam das daher,
+dass sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war
+gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen
+Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen.
+
+Das asiatische Russland oder Sibirien bedeckt eine Oberflaeche von 560,000
+Quadratmeilen (franzoesische Lieues) und zaehlt etwa zwei Millionen
+Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem
+europaeischen Russland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans.
+Nach Sueden zu schliesst es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer,
+haeufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem
+Karameere bis zur Behringsstrasse. Es wird in Gouvernements oder Provinzen
+getheilt, naemlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk;
+ferner umfasst es zwei Districte, die von Ochotsk und von Kamschatka, und
+besitzt endlich zwei Laender, welche jetzt dem moskowitischen Scepter
+unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen.
+
+Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Laengenausdehnung ueber 110
+Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort fuer
+Verbrecher, das Exil fuer diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung
+belegte.
+
+Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem
+weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen
+Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenfluss des Jenisei, trennt die beiden
+Haelften des Territoriums.
+
+Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige
+ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen,
+welche bei ihrer Ausdehnung ueber grosse Strecken den Boden Sibiriens unter
+der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberflaeche. Im Sommer
+reist man daselbst im Tarantass; im Winter im Schlitten.
+
+Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknuepft die beiden
+Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht
+weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung
+des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk,
+Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk,
+Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, Orlomskaya, Alexandrowskoe,
+Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das aeusserste Ende zu befoerdernde Wort
+6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden oestr.). Von
+Irkutsk aus verlaeuft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen
+Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort fuer 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder
+48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befoerdert werden.
+
+Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk,
+nachher vor Tomsk und einige Stunden spaeter zwischen Tomsk und Kolyvan
+durchschnitten worden.
+
+Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General
+Kissoff ihm machte, nur geantwortet: "Sofort einen Courier!"
+
+Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines
+Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thueren oeffneten. Der erste
+Chef der Polizei erschien auf der Schwelle.
+
+"Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du ueber
+Iwan Ogareff weisst.
+
+-- Es ist das ein sehr gefaehrlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe
+Polizeibeamte.
+
+-- Er hatte den Rang eines Obersten?
+
+-- Ja, Sire.
+
+-- Und war ein intelligenter Officier?
+
+-- Gewiss, sehr intelligent, aber unmoeglich zu zuegeln und von sinnlosem
+Ehrgeiz, der vor nichts zurueckschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in
+verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem
+Grossfuersten erst degradirt und spaeter nach Sibirien verwiesen.
+
+-- Wann ungefaehr?
+
+-- Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew.
+Majestaet Gnade erloest, kehrte er nach Russland zurueck.
+
+-- Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien?
+
+-- Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurueck", antwortete
+der Chef der Polizei.
+
+Dann fuegte er mit etwas zurueckgehaltener Stimme hinzu:
+
+"Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurueckkehrte, wenn man nach Sibirien
+ging!
+
+-- Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem
+man auch wiederkehrt!"
+
+Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck
+zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, dass die
+russische Justiz auch zu verzeihen vermoege.
+
+Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von
+halben Massregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter
+Bedeckung von Gensdarmen ueberschritten hatte, jemals daran denken, es noch
+einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und
+der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere
+Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als fuer Verbrechen gegen das gemeine
+Recht? Politische Straeflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk
+in das Vaterland zurueck? Wahrlich, der Polizeichef, gewoehnt an die
+autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit
+dieser Art und Weise zu regieren niemals aussoehnen. Doch er schwieg und
+wartete es ab, dass der Czaar ihn weiter fragen werde.
+
+Das liess nicht lange auf sich warten.
+
+"Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den
+sibirischen Provinzen, einer Reise uebrigens, deren eigentlicher Zweck wohl
+unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Russland gekommen?
+
+-- Gewiss, Sire.
+
+-- Und seit dieser Rueckkehr hat die Polizei seine Spur verloren?
+
+-- O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst
+gefaehrlich!"
+
+Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht fuerchtete
+der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten
+seiner Ideen gewiss nicht groesser und staerker war, als seine unbegrenzte
+Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte
+Vorwuerfe bezueglich seiner innern Politik unbeachtet liess, fuhr einfach in
+seiner Fragestellung fort:
+
+"Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt?
+
+-- Im Gouvernement von Perm.
+
+-- In welcher Stadt?
+
+-- In Perm selbst.
+
+-- Was that er daselbst?
+
+-- Er schien unbeschaeftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei
+Verdacht.
+
+-- Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht?
+
+-- Nein, Sire.
+
+-- Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?
+
+-- Etwa im Maerz.
+
+-- Und wandte sich wohin?
+
+-- Das ist mir unbekannt.
+
+-- Seit dieser Zeit weiss man auch nicht, was aus ihm geworden ist?
+
+-- Niemand weiss es.
+
+-- Recht schoen, aber ich, ich weiss es! antwortete der Czaar. Geheime
+Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich
+gelangt und in Beruecksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit
+der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben
+zu glauben!
+
+-- Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, dass Iwan Ogareff bei
+der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe?
+
+-- Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weisst. Iwan
+Ogareff ueberschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural.
+Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort
+nicht ohne Erfolg die Nomadenvoelker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er
+sich weiter nach Sueden, bis nach dem unabhaengigen Turkestan begeben. Dort
+fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Haeuptlinge,
+welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu
+werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in
+Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschuert worden,
+sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege
+und Communicationsmittel zwischen dem oestlichen und dem westlichen
+Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben,
+meinem Bruder nach dem Leben!"
+
+Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen
+Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort,
+aber er sagte sich, dass Iwan Ogareff's Plaene zur Zeit, als die
+Selbstherrscher aller Reussen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht
+haetten zur Reife gedeihen koennen.
+
+Still vergingen einige Augenblicke, dann naeherte er sich dem Czaaren, der
+sich in einen Fauteuil geworfen hatte.
+
+"Ew. Majestaet, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, dass dieser
+Einfall so schnell als moeglich zurueckgewiesen wird?
+
+-- Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat
+erreichen koennen, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk,
+Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees
+in Bewegung setzen muessen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und
+Nishny-Nowgorod in Eilmaerschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen
+sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden
+moeglich ist!
+
+-- Und Ew. Majestaet Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Grossfuerst, der in
+diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau
+in keiner directen Verbindung mehr?
+
+-- Nein.
+
+-- Er muss aus den letzten Depeschen aber die Massregeln Ew. Majestaet
+erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunaechst
+gelegenen Gouvernements zu erwarten hat?
+
+-- Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er weiss aber nicht, dass Iwan
+Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang
+es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren
+Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben
+unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die
+aber der Grossfuerst nicht kennt und folglich sofort erfahren muss!
+
+-- Nun wohl, Sire, ein tuechtiger, muthiger Courier ...
+
+-- Den erwarte ich.
+
+-- Und beeilen muss er sich, fuegte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie
+gestatten mir auszusprechen, Sire, dass dieses ganze Sibirien zur Rebellion
+sehr geneigt ist!
+
+-- Glaubst Du, General, dass die Straeflinge mit den Feinden
+gemeinschaftliche Sache machen koennten? rief der Czaar, der bei dieser
+Andeutung des Polizeichefs ganz ausser sich gerieth.
+
+-- Verzeihung, Majestaet!... entgegnete stammelnd der Chef des
+Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem
+unruhigen und misstrauischen Kopfe aufgestiegen war.
+
+-- Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar.
+
+-- In Sibirien befinden sich auch andere Straeflinge, als die politischen
+Verbannten, antwortete der Polizeichef.
+
+-- Die Verbrecher! O, General, die ueberlasse ich Dir! Das ist der Auswurf
+des menschlichen Geschlechts; diese haben ueberhaupt kein Vaterland. Die
+Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser
+gerichtet, sondern gegen Russland, gegen die Heimat, welche die Verbannten
+doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen
+werden!... Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang
+mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben
+und zu schwaechen!"
+
+Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die
+seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner
+Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden
+Erleichterungen bei Ausfuehrung der frueher so schrecklichen Ukase
+garantirten ihm, dass er sich hierin nicht taeusche. Aber auch ohne diese
+maechtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich
+die Sachlage ueberaus ernst, denn es stand mindestens zu befuerchten, dass
+sich ein grosser Theil der Kirghisenbevoelkerung den Angreifern anschliessen
+werde.
+
+Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Grosse, die Kleine und die
+Mittlere, und zaehlen etwa 40,000 "Zelte", d. h. gegen 2,000,000 Seelen.
+Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhaengig, Andere
+erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von
+Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der maechtigsten Haeuptlinge von
+Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist uebrigens auch die
+bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den
+Wasserlaeufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang-
+und Aksakalsee. Die Grosse Horde, welche die oestlich von der Mittleren
+gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und
+Tobolsk aus. Empoerten sich diese Kirghisenvoelker, so ueberschwemmten sie
+das asiatische Russland und rissen Sibirien oestlich vom Jenisei los.
+
+Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr
+naechtliche Raeuber oder gewohnt, die Karawanen zu ueberfallen, als regulaere
+Soldaten. Levchine sagte von ihnen: "Eine geschlossene Front oder ein
+Quarre tuechtiger Infanterie widersteht einer zehnfach groesseren Anzahl
+Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde."
+
+Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch noethig, dass ein Quarre
+Infanterie in dem empoerten Lande bei der Hand sei und dass die
+Feuerschluende die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen,
+welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Ausser auf der
+directen Strasse von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die haeufig
+sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen mussten
+unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen,
+die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben.
+
+Omsk, das Centrum der Militaerorganisation von Westsibirien, ist dazu
+bestimmt, die Kirghisenbevoelkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen
+die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt
+haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, dass Omsk
+schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militaercolonien, d. h. der
+Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewiss
+an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befuerchten, dass die
+"Grosssultane", welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig
+oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmaenner so wie sie selbst,
+anerkannten und dabei der durch ihre Botmaessigkeit schon genaehrte Hass sich
+durch den Antagonismus der muselmaennischen und griechischen Religion
+verstaerkte.
+
+Schon seit langer Zeit suchten thatsaechlich die Tartaren von Turkestan,
+und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara, Khiwa und Khokhand, durch
+Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem
+moskowitischen Scepter zu entreissen.
+
+Ueber diese Tartaren nur einige Worte.
+
+Speciell gehoeren die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der
+kaukasischen und der mongolischen Menschenrace.
+
+Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Remusat sagt, "dass sie in
+Europa als der Typus der Schoenheit unserer Menschenklassen angesehen wird,
+weil alle Voelker dieses Erdtheiles von ihr abstammen", umfasst unter
+demselben Namen die Tuerken und die Eingeborenen persischer Abkunft.
+
+Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und
+den Thibetanern.
+
+Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehoerten zur
+kaukasischen Race und waren vorzueglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite
+Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch
+der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von
+Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w.
+
+Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflussreichste und maechtigste.
+Schon mehrmals hatte Russland Krieg gefuehrt mit seinen Haeuptlingen, welche
+aus persoenlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die
+Unabhaengigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft
+vertheidigten. Der dermalige Haeuptling, Feofar-Khan, folgte ganz den
+Fussstapfen seiner Vorgaenger.
+
+Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Sueden nach Norden vom 37. bis
+zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Laengengrade,
+d. h. ueber eine Flaeche von gegen 10,000 Quadratmeilen.
+
+Die Bevoelkerung des Staates schaetzt man auf 2,500,000 Einwohner mit einer
+Armee von 60,000 Mann Fussvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache
+verstaerkt wird, und etwa 30,000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit
+grossen Schaetzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch
+durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Aukoi und Meimaneh nicht
+unwesentlich vergroessert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Staedte.
+Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von
+Thuermen flankirten Mauer, eine beruehmte Stadt, deren schon die Ovicenna's
+und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwaehnen, wird als Mittelpunkt
+muselmaennischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptplaetzen
+Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan's und jenem
+beruehmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan
+bei Antritt seiner Regierung setzen muss, wird von einer ungemein starken
+Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in
+einer Oase mit sumpfiger, von Schildkroeten und Eidechsen wimmelnden
+Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer
+Volksmenge von fast 20,000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan,
+Nurata, Djizah, Paikande, Karakul, Khuzar und andere, - sie alle bilden
+einen Kranz von schwer zu baendigenden Staedten. Dieses durch seine Berge
+geschuetzte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach
+ein in Wahrheit zu fuerchtender Staat, und Russland muss ihm stets nicht
+unbetraechtliche Streitkraefte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der
+ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gestuetzt auf die
+andern Khans, - vorzueglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame
+und beutegierige Kriegsmaenner, welche stets bereit waren, sich zu
+betheiligen, wo es ihr Interesse galt, - und unter Mitwirkung der
+Haeuptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er
+sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff
+war. Dieser Verraether hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und
+gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, dass man zuerst die
+grosse sibirische Strasse in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein
+Tollhaeusler, glaubte er die russische Macht brechen zu koennen, und auf
+seine Anordnung ueberschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die
+Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in
+das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen
+Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurueckziehen muessen. Sogar
+ueber den Balkhachsee drang er vor und riss die Kirghisenbevoelkerung mit
+sich fort. Raubend, sengend und brennend waelzte sich der Schwarm von Stadt
+zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in's Heer, wer Widerstand
+leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen
+Anhaengseln eines orientalischen Souveraens, seiner aus den Frauen und
+Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, - immer mit der gedankenlosen
+Tollkuehnheit eines modernen Gengis-Khan.
+
+Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der
+Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau
+gelangte?
+
+Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen
+zurueckweichen muessen? - Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen
+waren gestoert. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige
+Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder ueberzog schon
+der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze suedliche
+Westsibirien in Flammen? Reichte die Empoerung schon bis nach den Gebieten
+im Osten? - Keiner wusste es. Der einzige Kundschafter, der weder die Kaelte
+noch die Hitze fuerchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die
+verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden
+Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch
+die Steppen laufen, war ausser Stande, den Grossfuersten zu benachrichtigen
+von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff's
+bedrohte.
+
+Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermassen ersetzen.
+Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523
+Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurueckzulegen. Er musste, um die Haufen der
+Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen
+uebermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf
+und Herz kommt man ja weit!
+
+"Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?" fragte sich der Czaar.
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+ Michael Strogoff.
+
+
+Bald oeffnete sich die Thuer des kaiserlichen Cabinets und der Huissier
+meldete den General Kissoff.
+
+"Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar.
+
+-- Ist schon da, Sire, antwortete der General.
+
+-- Du hast einen geeigneten Mann gefunden?
+
+-- Ich wage, mich Ew. Majestaet dafuer zu verbuergen.
+
+-- Stand er in Palastdiensten?
+
+-- Ja, Sire.
+
+-- Du kennst ihn?
+
+-- Persoenlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur
+Zufriedenheit ausgefuehrt.
+
+-- Im Auslande?
+
+-- Gerade in Sibirien.
+
+-- Woher ist er?
+
+-- Aus Omsk, also selbst ein Sibirier.
+
+-- Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth?
+
+-- Gewiss, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo
+Andere vielleicht scheitern koennten.
+
+-- Wie alt?
+
+-- Dreissig Jahre.
+
+-- Es ist ein gesunder, kraeftiger Mann?
+
+-- Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeussersten
+zu ertragen.
+
+-- Er hat einen Koerper von Stahl?
+
+-- Ohne Zweifel, Sire.
+
+-- Und ein Herz?...
+
+-- Ein Herz von Gold.
+
+-- Sein Name?
+
+-- Michael Strogoff.
+
+-- Er ist bereit abzureisen?
+
+-- Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestaet Befehle.
+
+-- Er soll hierher kommen", sagte der Czaar.
+
+Einige Augenblicke spaeter trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers
+ein.
+
+Michael Strogoff war hochgewachsen, kraeftig, hatte breite Schultern und
+eine volle Brust. Sein maechtiger Kopf zeigte die besten Merkmale
+kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmassen erschienen wie eben so
+viel mechanische Hebel zur sicheren Ausfuehrung kraeftiger Bewegungen. Der
+aeusserlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht
+wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu koennen, denn wenn er
+seine Fuesse auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu
+wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kraeuselte
+sich ueppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der
+moskowitischen Muetze bedeckte. Veraenderte sich sein gewoehnlich etwas
+blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug,
+unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes
+lebhafter faerbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem
+Blicke glaenzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas
+zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, "jenen Muth ohne
+Zorn, den die Helden besitzen", wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu
+kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig
+hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmuethigen und guten
+Charakters.
+
+Michael Strogoff besass das Temperament des entschiedenen Mannes, der
+seinen Entschluss schnell zu fassen gewoehnt ist, der nicht in der
+Ungewissheit die Naegel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren
+kraut und nicht unentschlossen mit den Fuessen stampft. Karg in Bewegungen
+und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er
+jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine grosse Leichtigkeit, eine
+auffallende Sicherheit der Bewegungen - ein Zeichen des Selbstvertrauens
+und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehoerte zu den Leuten, die immer
+etwas vorzuhaben scheinen und die Ausfuehrung nicht zu verzoegern pflegen.
+
+Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, aehnlich jener des
+Officiercorps der berittenen Feldjaeger, Stiefeln, Sporen, anliegende
+Beinkleider und einen pelzverbraemten Dolman mit gelben Schnueren auf
+braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glaenzten ein Kreuz und
+verschiedene Medaillen.
+
+Michael Strogoff gehoerte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren
+und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos
+erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person,
+und leicht genug erkannte es auch der Czaar, dass dieser Mann gewoehnt war,
+einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besass also eine der in
+Russland schaetzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach
+Aussage des beruehmten Schriftstellers Turgenjew, im Moskowitenreiche die
+Staffel nach den hoechsten Ehrenstellen bildet.
+
+Gewiss, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk gluecklich vollenden,
+in jenem empoerten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren
+ueberwinden konnte, so war es Michael Strogoff.
+
+Ein fuer das Gelingen jenes Vorhabens sehr guenstiger Umstand war es, dass
+Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die
+verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon
+bereist hatte, sondern weil er, wie erwaehnt, von Geburt selbst Sibirier
+war.
+
+Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die
+in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine
+Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen
+der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jaeger
+seinen Sohn Michael "verstaehlt" hatte, wie der landlaeufige Ausdruck hiess.
+Sommer und Winter, im gluehenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten
+Kaelte, streifte er ueber die endlosen Ebenen, durch die Laerchen- und
+Weidengebuesche, durch die duestern Kiefernwaelder, legte seine Fallen aus,
+verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das grosse mit dem Spiesse und
+dem Waidmesser. Unter grossem Wilde verstand man hierbei aber den
+sibirischen Baeren, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Groesse
+ihren Verwandten in den Polargegenden vollstaendig gleichkommt. Peter
+Strogoff hatte mehr als neununddreissig Baeren erlegt, das will sagen, dass
+auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, - und man weiss
+ja, wenn den Jagdgeschichten aus Russland einigermassen zu trauen ist, wie
+viele Jaeger bis zum neununddreissigsten Baeren gluecklich davon kamen und
+beim vierzigsten unterliegen mussten!
+
+Peter Strogoff hatte diese Unglueckszahl also ueberschritten, ohne auch nur
+eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterliess es der damals
+elfjaehrige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausfluegen zu
+begleiten, wobei er die "Ragatina" trug, d. h. eine Art Gabelspiess, um
+seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich fuehrte, im Nothfall
+zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff
+seinen ersten Baeren erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel
+heissen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des
+riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten vaeterlichen Hause
+geschleppt, - was bei dem Kinde eine ungewoehnliche Kraft voraussetzen
+liess.
+
+Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte,
+vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Muehsal
+und Plage.
+
+Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein
+ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne
+etwas zu essen, zehn Naechte, ohne zu schlafen, und begnuegte sich mit einem
+Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkaeltet
+haetten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weisse Ebene gefuehrt
+von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen
+Horizont verhuellte, und das selbst in hoehern Breiten, wo die Polarnacht
+schon mehrere Tage anhaelt, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo
+Andere nicht mehr gewusst haetten, wohin sie den Fuss setzen sollten. Alle
+Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wusste sich nach kaum
+bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der
+Stellung der duennsten Baumzweige, nach schwachen Geruechen, welche von
+ausserhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blaetter im
+Walde, nach den schwaechsten Geraeuschen in der Luft oder nach entfernten
+Detonationen, wie nach dem Zuge der Voegel in der dunstigen Atmosphaere, -
+nach tausend Einzelheiten, welche fuer den Kenner eben so viel Wahrzeichen
+sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehaertet war, wie der
+Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und
+doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz
+von Gold.
+
+Eine einzige Leidenschaft besass Michael Strogoff, die Liebe zu seiner
+alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der
+Strogoff's in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so
+lange Zeit mit dem alten Jaeger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie
+verliess, geschah es, um seinem Triebe nach einem groesseren Wirkungskreise
+zu genuegen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr
+zurueckzukehren, sobald die Umstaende es erlaubten - ein Versprechen, das
+mit religioeser Strenge eingehalten wurde.
+
+Es war beschlossen worden, dass Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten
+Jahre in den persoenlichen Dienst des Kaisers von Russland eintreten sollte,
+und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kuehne, intelligente,
+eifrige und sich wacker auffuehrende junge Sibirier fand die erste
+Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus,
+mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl's aufgewuehlte
+Land; spaeter bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in
+Kamtschatka, nach den aeussersten Grenzen des asiatischen Russland, fuehrte.
+Waehrend dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner
+ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltbluetigkeit, Klugheit und seines
+Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner
+Vorgesetzten erwarben und seine Carriere beschleunigten. Den ihm nach so
+muehseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versaeumte er nie
+seiner alten Mutter zu widmen - und wenn er auch Tausende von Wersten
+entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte.
+Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Sueden des Reichs vielfach beschaeftigt
+wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, fuer ihn drei
+Jahrhunderte - nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen
+reglementsmaessigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen
+zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse
+eintraten.
+
+Michael Strogoff wurde vor den Czaaren gefuehrt, in vollstaendiger
+Unkenntniss dessen, was derselbe von ihm verlangen wuerde.
+
+Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit
+durchdringendem Blicke, waehrend Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb.
+
+Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorpruefung,
+nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich
+dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig
+Zeilen.
+
+Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit
+groesster Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch
+die Worte: "_Byt po semu_", welche "So geschehe es" bedeuten und eine
+gewoehnliche Bestaetigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt
+hatte.
+
+Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem
+kaiserlichen Wappen verschlossen.
+
+Der Czaar erhob das Schriftstueck und winkte Michael Strogoff, sich zu
+naehern.
+
+Dieser that dann einige Schritte vorwaerts und blieb wieder unbeweglich vor
+seinem Kaiser stehen.
+
+Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in's Gesicht.
+Dann begann er:
+
+"Dein Name?
+
+-- Michael Strogoff, Sire.
+
+-- Deine Stellung?
+
+-- Kapitaen bei den Courieren des Czaaren.
+
+-- Du kennst Sibirien?
+
+-- Ich stamme daher.
+
+-- Du bist geboren?
+
+-- In Omsk.
+
+-- Hast Du Verwandte in Omsk?
+
+-- Meine alte Mutter."
+
+Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr
+er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt:
+
+"Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem
+Grossfuersten eigenhaendig, keinem, keinem Anderen! - zu ueberliefern.
+
+-- Ich werde ihn besorgen, Sire.
+
+-- Der Grossfuerst befindet sich in Irkutsk.
+
+-- Ich werde nach Irkutsk gehen.
+
+-- Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes,
+von den Tartaren ueberfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene
+Meuterer ein Interesse haben koennten, diesen Brief aufzufangen.
+
+-- Ich werde hindurch kommen.
+
+-- Und wirst Dich vor Allem vor einem Verraether, Iwan Ogareff, zu hueten
+haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen koenntest.
+
+-- Ich werde ihm auszuweichen wissen.
+
+-- Kommst Du ueber Omsk?
+
+-- Mein Weg fuehrt mich dahin.
+
+-- Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, wuerdest Du Gefahr laufen, erkannt
+zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!"
+
+Michael Strogoff zoegerte einen Augenblick mit seiner Antwort.
+
+"Ich werde sie nicht sehen, sagte er.
+
+-- Schwoere mir, dass nichts Dich vermoegen wird, Dir zu entlocken, wer Du
+bist und wohin Du gehst.
+
+-- Ich schwoere es.
+
+-- Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das
+Schreiben einhaendigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens
+und vielleicht das Leben meines Bruders, des Grossfuersten, abhaengt.
+
+-- Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Grossfuersten gelangen.
+
+-- Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?
+
+-- Ich dringe hindurch ueberall, bis man mich toedtet.
+
+-- Ich bedarf aber Deines Lebens.
+
+-- Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen", antwortete Michael
+Strogoff.
+
+Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten
+Michael Strogoff's wohl zufrieden.
+
+"So geh' also, Michael Strogoff, sagte er, geh' mit Gott fuer Russland, fuer
+meinen Bruder und fuer mich!"
+
+Michael Strogoff gruesste militaerisch, verliess sofort das Cabinet des
+Kaisers und wenige Minuten spaeter das Neue Palais.
+
+"Ich glaube, Du hast eine glueckliche Hand gehabt, General, sagte der
+Czaar.
+
+-- Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestaet koennen
+versichert sein, dass Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu
+leisten vermag.
+
+-- In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!" bemerkte der Czaar.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+ Von Moskau nach Nishny-Nowgorod.
+
+
+Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk
+zurueckzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein
+Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der
+Ostkueste Sibiriens ueberspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere
+versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von
+Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte
+die Reise durch das asiatische Russland gewoehnlich vier bis fuenf Wochen,
+obwohl alle Befoerderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfuegung
+gestellt wurden.
+
+Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fuerchtete, haette es Michael
+Strogoff vorgezogen, waehrend der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es
+erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurueckzulegen. Dann sind alle
+Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kaempfen hat,
+bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich
+vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte
+Eisflaeche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet.
+Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen
+zu fuerchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kaelte, lange
+andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze
+Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, dass von Hunger
+gequaelte Woelfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer waere es noch
+besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch' hartem
+Winter mussten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den
+Staedten aufhalten, ihre Marodeure haetten die Steppen nicht unsicher
+gemacht, jede Truppenbewegung waere unausfuehrbar gewesen und Michael
+Strogoff leichter hindurch gekommen. Indess er konnte weder Zeit noch
+Stunde selbst waehlen. Wie auch die Umstaende lagen, er musste sie hinnehmen
+und abreisen.
+
+Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar ueberschaute, und er
+richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden.
+
+Dazu kamen ihm nicht die gewoehnlichen Verhaeltnisse eines Couriers des
+Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand waehrend seiner Fahrt
+diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden ueberschwemmten Lande
+wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission
+compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe
+einhaendigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Moeglichkeit
+erleichtern musste, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der
+Bezeichnung: "Specialdienst des Kaisers", das Sesam, dessen Kraefte nie
+versagen. Er begnuegte sich, ihm nur einen "Podaroshna" auszustellen.
+
+Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus
+Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen
+Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben
+enthielt er die ausdrueckliche Bemerkung, dass er selbst dann giltig sei,
+wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus
+Russland verbieten sollte.
+
+Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnissschein, Postpferde zu
+requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem
+Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezueglich seiner Eigenschaft
+hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europaeischem Boden befand.
+Hieraus folgte, dass er in Sibirien, wenn er die aufstaendischen Provinzen
+durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenueber benehmen,
+noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel fuer
+seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht
+vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann,
+Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als
+solcher allen Zufaelligkeiten einer gewoehnlichen Reise unterworfen.
+
+Unbemerkt hindurch zu kommen - ob mehr oder weniger schnell, - aber
+jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe.
+
+Vor dreissig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht
+weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fussvolk,
+fuenfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert
+Pferden, fuenfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stueck
+Kanonen. Das war das noethige Material bei einer Reise durch Sibirien.
+
+Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fusssoldaten oder
+Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das moeglich war; zu
+Fuss, wenn es nicht anders anging.
+
+Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der
+Grenze Russlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten.
+Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen,
+Dampfschiffe - standen hier Jedermann zur Verfuegung und waren folglich
+auch dem Courier des Czaaren zur Hand.
+
+Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber
+mit einem Reisesack, den er auf dem Ruecken trug, bekleidet mit einem
+gewoehnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock,
+dem herkoemmlichen Mujik (Guertel), weiten Beinkleidern und an den Knoecheln
+anschliessenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den naechsten Zug zu
+benutzen. Er fuehrte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich,
+unter dem Guertel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener
+langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan
+bilden und mit dem ein sibirischer Jaeger einen Baeren sauber auszuweiden im
+Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschaedigen.
+
+Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedraenge. Die
+Perrons der russischen Eisenbahnen bilden haeufig gewissermassen
+Versammlungsoerter ebensowohl fuer Diejenigen, welche abreisen, als fuer
+Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Boerse
+fuer Neuigkeiten.
+
+Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod
+fuehren. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St.
+Petersburg verbindet und bis zur Grenze Russlands fortgefuehrt werden soll.
+Die Strecke bis dahin mass etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in
+ungefaehr zehn Stunden zuruecklegen musste. In Nishny-Nowgorod angelangt,
+wollte Michael Strogoff je nach den Umstaenden entweder zu Lande weiter
+reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell
+als moeglich zu erreichen.
+
+Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver
+Buerger, den seine Geschaefte nicht uebermaessig beunruhigen und der sich die
+Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht.
+
+Da er in dem Coupe aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem
+Auge, hoerte aber dabei mit beiden Ohren.
+
+Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch
+schon einigermassen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn
+zusammenwuerfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer
+gewissen Zurueckhaltung.
+
+Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges,
+Kaufleute, die sich zur grossen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine
+erklaerlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Tuerken,
+Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmuecken und Anderen bestand, die sich
+indessen Alle der Nationalsprache bedienten.
+
+Man besprach das Fuer und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich
+eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu
+fuerchten, dass die russische Regierung sich veranlasst sehen koennte, einige
+beschraenkende Massregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der
+asiatischen Grenze, zu ergreifen, - Massregeln, unter denen der Handel ohne
+Zweifel leiden musste.
+
+Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die
+Unterdrueckung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem
+einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines
+einfachen Soldaten in Uniform - man weiss ja, wie gross der Einfluss der
+Uniform gerade in Russland ist, - haette gewiss hingereicht, die Zungen
+dieser Handelsleute zu zuegeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupe
+liess nichts die Gegenwart einer Militaerperson vermuthen, und der Courier
+des Czaaren, der sein Incognito bewahren musste, huetete sich wohl, seinen
+wahren Charakter zu verrathen.
+
+Er horchte gespannt.
+
+"Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein
+Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Muetze und dem
+abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte.
+
+-- O, der Thee hat auch keine Baisse zu fuerchten, erwiderte ein alter Jude
+mit verschmitzten Zuegen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird
+nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen
+aus Bukhara aber anders.
+
+-- Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser.
+
+-- Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther
+sind eher noch mehr gefaehrdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus
+einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in
+helle Empoerung gebracht ist.
+
+-- Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von
+den Verraethern noch weniger zu erwarten, denke ich.
+
+-- Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den
+fuer nichts?
+
+-- Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespraech,
+asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus
+Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls
+aus dem Morgenlande.
+
+-- Ei, nehmen Sie sich in Acht, Vaeterchen, antwortete ein russischer
+Reisender mit spoettelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in
+ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken!
+
+-- Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der
+Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte.
+
+-- Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf's Haupt streuen
+wollte, fuhr jener Reisende fort, wuerde das den Lauf der Dinge aendern?
+Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Messgueter.
+
+-- Man erkennt es, dass Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude.
+
+-- Meiner Treu, nein, wuerdiger Nachkomme Abraham's! Ich verkaufe weder
+Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Poekelfleisch,
+Caviar, Holz, Wolle, Baender, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder
+Pelzwaaren!...
+
+-- Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des
+Reisenden unterbrechend.
+
+-- So wenig als moeglich und nur fuer meinen Privatbedarf, antwortete jener
+mit den Augen zwinkernd.
+
+-- Das ist ein Spassvogel, raunte der Jude dem Perser zu.
+
+-- Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedaempfter Stimme. Hueten wir uns
+und sprechen nicht mehr als noethig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten
+nicht sehr zart, und man weiss nie, mit wem man zusammen sitzt."
+
+In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger ueber
+Handelsgeschaefte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen
+moeglichen Folgen.
+
+"Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, aeusserte sich ein Reisender,
+und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens
+werden sehr erschwert sein!
+
+-- Bestaetigt es sich, fragte sein Nachbar, dass die Kirghisen der Mittleren
+Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?
+
+-- Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in
+diesem Lande ruehmen, etwas Bestimmtes zu wissen!
+
+-- Ich hoerte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die
+Donischen Kosaken sollen bereits laengs der Wolga versammelt sein und man
+will sie den aufruehrerischen Kirghisen entgegen werfen.
+
+-- Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die
+Strasse nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte
+ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis
+dahin gelangen koennen. Es steht zu befuerchten, dass die Tartarenhaufen
+binnen Kurzem das ganze oestliche Sibirien isolirt haben werden!
+
+-- In Summa, Vaeterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese
+Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschaeftsabwickelung
+besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die
+Reihe kommen, dann die Wagen und ueberhaupt alle Transportmittel, bis es
+endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuss zu
+bewegen.
+
+-- Ich fuerchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant
+enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschuettelnd. Aber
+die Sicherheit und Integritaet des russischen Gebietes geht ueber Alles!
+Geschaefte sind eben doch nur Geschaefte!"
+
+Wenn in diesem Coupe der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte,
+so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein
+strenger Beobachter wuerde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine
+ungemeine Zurueckhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das
+Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten
+der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Massnahmen zu
+kritisiren.
+
+Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen
+des Zuges. Dieser - offenbar ein Auslaender, - hatte seine Augen ueberall
+und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung
+fanden. Fortwaehrend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster,
+dessen Scheibe er stets zum grossen Unbehagen seiner Reisegefaehrten
+niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte
+sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren
+Handelsbeziehungen und Gewerbsverhaeltnissen, nach den Einwohnerzahlen, der
+mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er
+erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen ueberladenes Notizbuch.
+
+Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide
+Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten
+doch dann und wann etwas Interessantes "fuer seine Cousine" zu erhaschen.
+Natuerlich sah man ihn deshalb fuer einen Spion an und sprach vor ihm keine
+Sylbe bezueglich der Tagesereignisse.
+
+Als er sich ueberzeugt, dass er ueber den Tartareneinfall hier nichts zu
+erfahren vermoege, schrieb er in das Notizbuch: "Die Reisenden absolut
+discret. Schiessen ueber Politik nur sehr schwer los."
+
+Waehrend aber Alcide Jolivet seine Reiseeindruecke mit peinlicher
+Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben
+Zuge sass und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupe ganz der
+naemlichen Beschaeftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu
+Moskau nicht begegnet, und Keiner wusste von des Andern Aufbruche nach dem
+voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen naeher zu stehen.
+
+Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen
+Reisegefaehrten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn
+hatte man nicht fuer einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten
+vor ihm ohne jede Zurueckhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen liessen,
+als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet haette. Der
+Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die
+Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute
+beruehrten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei.
+
+Er zoegerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung
+einzuverleiben:
+
+"Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man
+behandelt dieses Thema mit einer Freimuethigkeit, welche zwischen Weichsel
+und Wolga erstaunlich zu nennen ist."
+
+Die Leser des Daily-Telegraph mussten demnach ebenso gut unterrichtet
+werden, wie "die Cousine" Alcide Jolivet's.
+
+Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges sass, hatte er nur
+den einen Theil der hier ziemlich huegeligen Landschaft ueberblicken koennen,
+ohne dass er es der Muehe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten
+Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fuegte er seiner
+Notiz kurz und buendig hinzu:
+
+"Zwischen Moskau und Wladimir Bergland."
+
+Inzwischen lag es auf der Hand, dass die russische Regierung angesichts der
+ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge
+Massregeln nehmen werde. Die Empoerung griff zwar noch nicht ueber die Grenze
+Sibiriens hinueber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden
+Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines uebeln Einflusses jener
+Ereignisse versehen.
+
+Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff's Spuren nicht wieder zu finden
+vermocht. Ob dieser Verraether, der die Fremden aufhetzte, um seine
+persoenliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden
+habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empoerung schuere,
+wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen
+gewuerfelte Bevoelkerung tummelte, - kein Mensch wusste es.
+
+Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen
+Persern, Armeniern und Kalmuecken Vertraute, welche die Bewegung im Innern
+des Reiches in Fluss bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren,
+vorzueglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reussen, nicht
+zurueck zu weisen.
+
+In der That kann dieses ungeheure Laendergebiet von zwoelf Millionen
+Quadratkilometern die Homogenitaet der westlichen Staaten Europas ueberhaupt
+nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Voelkerschaften desselben
+herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflaechliche Nuancen. In
+Europa, Asien und Amerika (unsere Erzaehlung spielt in der Zeit, da das
+russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war)
+erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade oestl. Laenge (von Ferro) bis zum
+110. Grade westlicher Laenge und vom 38. bis zum 81. Grade noerdl. Breite.
+Es zaehlt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreissig
+verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der
+Slaven, aber ausser den eigentlichen Russen zaehlen zu dieser auch die
+Polen, Litthauer und die Kurlaender. Rechne man zu diesen noch die Finnen,
+Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen,
+die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Staemme, die Mongolenhorden,
+Kalmuecken, Samojeden, Kamtschadalen und Aleuten, so sieht man leicht ein,
+wie schwierig es sein muss, die Einheit eines so ungeheuren Reiches
+aufrecht zu erhalten, und dass diese dereinst nur von der Zeit und der
+Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann.
+
+Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen
+Nachforschungen zu entziehen gewusst. Auf jeder Station aber, wo der Zug
+anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle
+scharf in's Auge fassten, denn sie hatten auf Befehl des Grossmeisters der
+Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, dass
+dieser Verraether das europaeische Russland noch nicht habe verlassen koennen.
+Erschien ein Reisender verdaechtig, so musste er sich im Polizeibureau
+ausweisen, waehrend der Zug weiter sauste, ohne sich um solche
+unfreiwillige Nachzuegler zu bekuemmern.
+
+Es ist voellig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten
+Ruecksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in
+militaerischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel,
+womit ein Souveraen sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat,
+an die Spitze seiner Ukase zu setzen: "Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und
+Selbstherrscher aller Reussen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod,
+Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones,
+Fuerst von Skof, Grossherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien
+und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von
+Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen
+Laendern, Herrscher und Grossfuerst der Territorien von Nishny-Nowgorod,
+Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien,
+Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber ueber die
+hyperboraeischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie,
+Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souveraen der
+Tscherkessenfuersten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen,
+Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg." In der That ein
+maechtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweikoepfiger Adler mit Scepter und
+Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod,
+Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem grossen
+Bande des St. Andreasordens, ueber dem eine Kaiserkrone schwebt! -
+
+Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen
+Scheerereien.
+
+Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem
+Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende
+Skizze dieser alten Hauptstadt Russlands zu entwerfen.
+
+Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch
+ein junges Maedchen an der Thuer von Michael Strogoff's Coupe.
+
+Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Maedchen
+nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche,
+scheinbar ihr ganzes Gepaeck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie
+sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufaelligen Reisegefaehrten
+auch nur einmal angesehen zu haben, fuer eine mehrstuendige Fahrt zurecht.
+
+Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin
+theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Ruecksitz einnahm, bot er ihr
+seinen Platz an, wenn sie diesen vorzoege, aber sie lehnte das mit einer
+leichten Verbeugung dankend ab.
+
+Das junge Maedchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zaehlen. Ihr
+wirklich huebscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, - einen etwas
+strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schoen als huebsch werden musste,
+wenn einige Jahre die Zuege ihres Gesichtes weiter befestigt haben wuerden.
+Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fuelle goldblonden Haares. Ihre
+braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade
+Nase verband mit beweglichen Fluegeln ihre etwas schmalen und blassen
+Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit laengerer Zeit alles
+Laecheln verlernt zu haben.
+
+Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie
+trug, erkennen konnte, gross und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne
+des Wortes als "ein sehr junges, unschuldiges Kind" erschien, so war doch
+ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des
+Gesichtes liess auf eine ungewoehnliche Energie schliessen, - Einzelheiten,
+welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Maedchen
+frueher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in
+rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die
+Widerwaertigkeiten des Lebens sowohl anzukaempfen gewusst, als sie die
+Entschlossenheit besass, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft
+schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschuetterlich,
+vielleicht selbst unter Umstaenden, welche einen Mann in Verlegenheit
+gebracht haetten.
+
+Diesen Eindruck erweckte das junge Maedchen auf den ersten Blick. Michael
+Strogoff, selbst ein energischer Charakter, musste sich von einer solchen
+Erscheinung getroffen fuehlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie
+dadurch nicht zu belaestigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen
+Aufmerksamkeit.
+
+Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die groesste
+Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar
+nicht sein; aber man haette vergeblich nach einer Spur von Nachlaessigkeit
+an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepaeck barg jene rothe Tasche, die sie aus
+Mangel an Platz auf den Knieen hielt.
+
+Sie trug einen langen, aermellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich
+mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloss. Unter demselben
+bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fussgelenk
+reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffaelliger
+Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als
+waeren sie fuer eine lange Reise bestimmt, schuetzten die kleinen Fuesschen.
+
+Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costuems die Tracht der
+Lieflaenderinnen zu erkennen und setzte also voraus, dass seine Nachbarin in
+den baltischen Provinzen zu Hause sei.
+
+Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstuetzung
+des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie
+wirklich schon nach Zuruecklegung einer laengeren Reise aus den westlichen
+Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag
+ihr Ziel noch ueber den oestlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter,
+ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich,
+dass sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt
+befinden werde, wie in diesem Coupe, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine
+Seele um sie kuemmerte?
+
+Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewoehnen pflegt,
+zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und
+Weise, wie sie in das Coupe einstieg und sich fuer die Fahrt einrichtete,
+das Vermeiden jeder Belaestigung Anderer, welches an eine gewisse
+Schuechternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und
+nur auf sich selbst zu rechnen.
+
+Michael Strogoff beobachtete sie mit zurueckhaltendem Interesse und suchte
+nicht einmal ein Gespraech anzuknuepfen, wiewohl die Fahrt bis
+Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte.
+
+Nur einmal, als der Nachbar des jungen Maedchens, - jener Kaufmann, welcher
+so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, - im Einschlafen
+seine Nachbarin mit dem grossen, auf den Schultern hin und her taumelnden
+Kopfe zu belaestigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm
+zu verstehen, dass er gerade sitzen und sich etwas ruecksichtsvoller
+betragen solle.
+
+Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte "von
+Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen"; Michael
+Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, dass der
+Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende
+von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite.
+
+Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke,
+der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrueckte.
+
+Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den
+Charakter des jungen Maedchens noch klarer erkennen liess.
+
+Etwa zwoelf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen
+Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoss. Dann lief er noch eine Minute
+neben der Boeschung eines Dammes hin.
+
+Ein tuechtiges Schuetteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine
+Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man
+konnte wohl noch ein schweres Unglueck befuerchten. Noch bevor der Zug zum
+Stehen kam, sprangen schon die Waggonthueren auf, die entsetzten Reisenden
+suchten ihr Heil in der Flucht und stuerzten aus den Coupes.
+
+Michael Strogoff dachte zunaechst an seine Nachbarin; doch waehrend die
+uebrigen Insassen sich schreiend und stossend hinaus draengten, hielt das
+junge Maedchen, deren Gesicht kaum etwas blaesser geworden war, ruhig auf
+ihrem Platze aus.
+
+Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls.
+
+Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut
+kam ueber ihre Lippen.
+
+Beide blieben ganz ruhig.
+
+"Eine energische Natur!" dachte Michael Strogoff.
+
+Inzwischen war jede Gefahr vorueber. Ein Radreifensprung am Gepaeckwagen
+hatte erst den Stoss und dann das Anhalten des Zuges veranlasst, doch haette
+nicht viel gefehlt, dass er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme
+in die Tiefe gestuerzt waere. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich,
+nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und
+gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod.
+
+Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die
+unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden.
+
+Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden
+Podaroshna vor, der ihn genuegend legitimirte.
+
+Auch die andern Insassen des Coupes, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod
+gingen, schienen zu ihrem Gluecke unverdaechtig.
+
+Das junge Maedchen fuer ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepass
+hervor, der ja im Innern Russlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern
+einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein
+schien.
+
+Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfaeltiger
+Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt:
+
+"Du bist aus Riga?
+
+-- Ja, erwiderte das junge Maedchen.
+
+-- Und willst nach Irkutsk?
+
+-- Ja.
+
+-- Auf welchem Wege?
+
+-- Auf der Strasse ueber Perm.
+
+-- Gut, antwortete der Inspector. Vergiss in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen
+Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen."
+
+Das junge Maedchen verneigte sich bejahend.
+
+Als er diese Fragen und Antworten hoerte, empfand Michael Strogoff
+gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie!
+Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu
+jetzt, wo zu den gewoehnlichen Unzutraeglichkeiten noch alle Gefahren eines
+von Feinden ueberschwemmten, aufruehrerischen Landes hinzutraten! Wie wuerde
+sie ankommen? - was aus ihr werden?...
+
+Nach Schluss der Inspection wurden die Waggonthueren geoeffnet, doch bevor
+Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die
+junge Lieflaenderin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die
+Perrons bedeckte, verschwunden.
+
+
+
+
+ Fuenftes Capitel.
+
+
+ Eine Verordnung mit zwei Artikeln.
+
+
+Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist
+die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier musste Michael
+Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit ueber die Stadt noch
+nicht hinausreichte. Je weiter er vorwaerts kam, desto langsamer und
+gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel.
+
+Nishny-Nowgorod, das gewoehnlich nur 30-35,000 Einwohner zaehlt, beherbergte
+jetzt ueber 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht.
+Dieser Zuwachs ruehrte von der weltberuehmten Messe her, welche in seinen
+Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Frueher erfreute
+sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem
+Jahre 1817 aber ward die grosse Messe hierher verlegt.
+
+Die sonst ziemlich duestere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der
+lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europaeischer und
+asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige
+Handelsgeschaefte im Spiel waren.
+
+Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof
+verliess, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten
+Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen
+ist die obere, auf einem abschuessigen Felsen erbaute Stadt von einer jener
+Festungsanlagen vertheidigt, die man in Russland ganz allgemein "Kreml" zu
+nennen pflegt.
+
+Waere Michael Strogoff genoethigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod laengere
+Zeit aufzuhalten, so haette er wohl Muehe haben sollen, ein Hotel oder doch
+eine halbwegs passende Herberge zu finden, - Alles war ueberfuellt. Da er
+indess auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den
+naechstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so musste er sich doch wohl
+oder uebel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indess,
+sich ueber die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab
+er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst
+zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen.
+
+Dort erfuhr er zu seinem grossen Missvergnuegen, dass der "Kaukasus" - so hiess
+das reisefertige Schiff - erst zu Mittag am naechsten Tage abgehen werde.
+Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm fuer einen Mann, der es
+eilig hatte, und doch musste er sich darein finden. Er that es auch ruhig,
+da er nicht unnoethig zu aussergewoehnlichen Mitteln greifen wollte.
+
+Uebrigens haette ihn unter den gegebenen Umstaenden auch kein Teleg oder
+Tarantass, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach
+Perm oder Kasan befoerdert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des
+Steamers zu erwarten - jenes Befoerderungsmittels, das ihn schneller als
+jedes andere vorwaerts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich
+wieder einbringen musste.
+
+Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne
+Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen koennte. Der
+letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das
+Gefuehl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fuehlbar machte, haette
+er die Strassen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht ueber durchirrt.
+Es geluestete ihn also weit mehr nach einem tuechtigen Abendimbiss, als nach
+einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der "Stadt
+Konstantinopel".
+
+Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmaessiges Zimmerchen ablassen, das
+zwar nur ein duerftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebraeuchliche
+Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in
+Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von saeuerlichem
+Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer
+Zucker mit Zimmet, ein Krug "Kwass", d. i. eine in Russland sehr verbreitete
+Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel,
+seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls ass er sich aber satt, und das auch
+besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer "Altglaeubiger" von der Secte
+der Raskolniks, der bei seinem Geluebde der Enthaltung gewisser Speisen die
+Kartoffeln von sich wies und sich weislich huetete, seinen Thee zu
+versuessen.
+
+Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem
+Zimmer zu begeben, ganz maschinenmaessig die unterbrochene Promenade durch
+die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Daemmerung
+lichteten sich doch schon die Mengen, die Strassen wurden allmaelig oeder und
+Jedermann suchte sein Lager.
+
+Warum Michael Strogoff sich nicht gemaechlich in's Bett begab, wie man es
+nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte?
+Dachte er vielleicht noch an die junge Lieflaenderin, seine Reisegenossin
+waehrend einiger fluechtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun
+wusste, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befuerchtung an, dass sie in
+dieser geraeuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein koennte? -
+Er fuerchtete es, und gewiss mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und
+im Nothfall sich zu ihrem Beschuetzer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war
+nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem
+Rechte durfte er ihn anbieten?
+
+"Allein, sprach er so fuer sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und
+doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft
+birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich fuer Russland, fuer den Czaaren wagen
+will, das unternimmt sie fuer ... Ja, fuer wen? Fuer was ... Sie hat einen
+Pass zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land ueber derselben ist in
+Empoerung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!..."
+
+Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie ueberlegend, stehen.
+
+"Unzweifelhaft, dachte er bei sich, fasste sie den Plan zu dieser Reise vor
+dem Einfalle. Vielleicht weiss sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch
+nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien
+gesprochen, und sie schien darueber nicht im Mindesten betroffen ... Sie
+verlangte keine naeheren Erklaerungen ... Aber dann wusste sie davon auch
+schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund
+dieser gefahrvollen Reise muss ein sehr zwingender sein! Doch so
+entschlossen sie auch sein mag - und sie ist es ganz gewiss, - die Kraefte
+werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und
+Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar
+nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk
+gelangen!"
+
+Michael Strogoff ging hierbei immer auf's Gerathewohl weiter. Bei seiner
+ausreichenden Localkenntniss konnte ihm die Wiederauffindung seiner
+Herberge ja nicht schwer fallen.
+
+Nach einstuendigem Umherwandeln setzte er sich von ungefaehr auf eine Bank
+an einer Art Holzhuette, die sich inmitten vieler anderer auf einem grossen
+Platze erhob.
+
+Etwa fuenf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf
+seine Schulter legte.
+
+"Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen
+Mannes an, dessen Annaeherung ihm entgangen war.
+
+-- Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff.
+
+-- Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben?
+fragte der Mann.
+
+-- Wenn mir das passt, gewiss! versetzte Michael Strogoff in einem etwas
+bestimmteren Tone, als er seinem Aeussern, d. h. einem einfachen Kaufmanne,
+entsprach.
+
+-- Tritt heran, dass ich Dich erkenne!"
+
+Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, dass er auf keinen
+Fall eine Unklugheit begehen duerfe, wich unwillkuerlich aus.
+
+-- "Mich hat Keiner noethig zu erkennen", erwiderte er.
+
+Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurueck.
+
+Bei genauerer Betrachtung ueberzeugte er sich, dass er es mit einer Art
+Zigeuner zu thun hatte, wie man sie haeufig bei allen Messen und Maerkten
+trifft, und deren Beruehrung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter
+erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geraeumigen
+Wagen, die gewoehnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in
+Russland ueberall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen
+sind.
+
+Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich
+eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thuer der Bude
+oeffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und
+eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von
+mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:
+
+"Wieder ein Spion! Lass ihn und komm zum Essen. Die 'Papluka'(1) wartet."
+
+Michael Strogoff musste unwillkuerlich lachen, als er diesen Titel hoerte,
+er, der vielmehr allen Spionen moeglichst auswich.
+
+In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete
+der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:
+
+"Du hast recht, Sangarre; uebrigens werden wir morgen weg sein!
+
+-- Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermassen
+ueberrascht.
+
+-- Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater
+selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!"
+
+Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurueck, deren Thuer von Innen
+sorgfaeltig geschlossen wurde.
+
+"Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen,
+nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart
+einer andern Sprache zu bedienen."
+
+Als geborener Sibirier, der seine ganze fruehe Jugend in der Steppe verlebt
+hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwaehnt, fast alle gebraeuchlichen
+Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner
+und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekuemmerte er sich blutwenig.
+Welches Interesse konnte er daran haben?
+
+Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der
+Herberge zurueckzukehren, um sich einige Ruhe zu goennen. Er folgte auf
+seinem Rueckwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse
+unzaehliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte
+er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden
+standen auf eben dem geraeumigen Platze, auf dem alljaehrlich die grosse
+Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde - ein Erklaerungsgrund fuer die
+Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind
+von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte.
+
+Eine Stunde spaeter ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf
+einem jener russischen Betten, welche dem Auslaender so hart vorkommen, und
+erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage.
+
+Noch hatte er fuenf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein
+Jahrhundert duenkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen,
+als mit einer Wanderung durch die Strassen wie am Tage vorher? Hatte er
+sein Fruehstueck verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von
+der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber
+nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu waelzen; deshalb
+stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen
+Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches
+er den Guertel schnallte. Dann schloss er seinen Reisesack und warf ihn ueber
+den Ruecken. Da er nicht noch einmal nach "Stadt Konstantinopel"
+zurueckkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu fruehstuecken gedachte, um
+nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und
+verliess das Gasthaus.
+
+Aus uebergrosser Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux
+der Steamer und versicherte sich, dass der "Kaukasus" zur angegebenen
+Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, dass
+die junge Lieflaenderin, da sie ja ebenfalls ueber Perm reisen musste, sich
+hoechst wahrscheinlich auch auf dem "Kaukasus" einschiffen wuerde, in
+welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen musste.
+
+Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau
+uebrigens sehr aehnlich ist, erschien damals merkwuerdig veroedet. Selbst der
+Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere
+Stadt war, so belebt war dafuer die untere.
+
+Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets
+bewachten Schiffbruecke ueber die Wolga, nach dem naemlichen Platze, wo er am
+Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die
+Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe
+vergleichen kann, wird ein wenig ausserhalb der Stadt abgehalten. Auf
+weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des
+Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl waehrend der
+ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den
+Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhoerliche Bewachung
+erfordert.
+
+Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und
+langen, breiten Gaengen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf-
+und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Groesse
+und Form bildete allemal ein besonderes Quartier fuer je einen bestimmten
+Handelszweig. Da gab es Quartiere fuer den Handel mit Eisenwaaren,
+Quartiere fuer die Rauchwaaren, fuer Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete
+Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem
+sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen
+in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem
+Salzfleische; - es galt das als Musterkarte fuer die Waaren, welche die
+Inhaber der Messmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare,
+fast amerikanische Reclame!
+
+Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, ueber denen die frueh um vier Uhr
+aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen,
+Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen,
+Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europaeern und
+Asiaten, - Alles plauderte, eroerterte, stritt und feilschte daselbst.
+Traeger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum
+Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Messplatze angehaeuft.
+Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, tuerkische
+Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Ruestungen aus Tiflis,
+Karawanenthee, europaeische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus
+Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Fruechte,
+Gemuese, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums,
+Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kuerbisse, Wassermelonen u. s.
+w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die
+vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte
+der Erde zusammengehaeuft.
+
+Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder
+Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur
+sehr zum Laermen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht
+nichts nachgeben zu duerfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein
+ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren ueber die endlosen Ebenen zu
+bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Laeden und
+Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in
+Nishny-Nowgorod ist so gross, dass der Werth der Handelstransactionen
+daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark,
+also 157 Mill. Gulden) beziffert.
+
+Auf den Plaetzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt
+tummelten sich eine ganze Menge wandernder Kuenstler. Seiltaenzer und
+Akrobaten betaeubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen
+ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen
+Muessiggaengern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre
+ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Taenze producirten;
+Schauspieler von auswaertigen Gesellschaften, welche die Dramen
+Shakespeare's auffuehrten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge,
+die in hellen Haufen herzustroemte. In den langen Zwischengaengen trieben
+sich Baerenfuehrer mit ihren vierbeinigen Kuenstlern ganz sorglos umher, und
+aus den Menagerien toenten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe
+Geissel oder das rothgluehende Eisen des Thierbaendigers in Wuth brachte;
+endlich in der Mitte des grossen Centralplatzes, umrahmt von einem
+vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor "Seeleute der
+Wolga", die auf dem Boden sassen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und
+unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen
+Untersteuermanns dieses imaginaeren Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen
+nachahmten.
+
+Da, welch' eigenthuemliche und reizende Sitte! Ueber den Koepfen dieses
+Menschenknaeuels flogen ganze Wolken von Voegeln aus den Kaefigen, in denen
+man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod
+sehr beliebten Gebrauche oeffneten die Kerkermeister der Voegel gegen einige
+von gutmuethigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die
+Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher
+hinaus.
+
+Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch waehrend der sechs
+Wochen, so lange die beruehmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewoehnlich dauert.
+Nach dieser geraeuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Laerm wie durch
+einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder,
+die untere versinkt zu ihrer gewoehnlichen Eintoenigkeit, und von all'
+diesem ungeheuren Zusammenfluss von Kaufleuten, welcher aus aller Herren
+Laendern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkaeufer zurueck,
+der irgend etwas ausboete, noch auch nur ein einziger Einkaeufer, der irgend
+etwas zu erhandeln suchte.
+
+Es verdient wohl bemerkt zu werden, dass England und Frankreich bei der
+dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende
+Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, - durch die
+Herren Harry Blount und Alcide Jolivet.
+
+Die beiden Correspondenten hatten sich naemlich zunaechst hier eingefunden,
+um zum Besten ihrer Leserkreise Eindruecke zu sammeln, und nutzten auch die
+wenigen freien Stunden nach besten Kraeften aus, denn sie wollten ebenfalls
+mit dem Dampfer "Kaukasus" weiter reisen.
+
+Sie begegneten sich gerade auf dem Messplatze, ohne sonderlich darueber zu
+erstaunen, denn der naemliche Instinct musste sie ja auf ein und dieselbe
+Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern
+beschraenkten sich auf eine gegenseitige, etwas kuehle Begruessung.
+
+Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, dass hier
+Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes
+Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein
+Notizbuch um einige fuer die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende
+Anmerkungen.
+
+Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode
+umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel uebernachten
+muessen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und
+ueberlegte sich schon einen geharnischten Artikel ueber die Stadt, in der
+die Hoteliers die Reisenden von der Thuer wiesen, welche doch bereit waren,
+sich "moralisch und physisch misshandeln zu lassen."
+
+Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der
+andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der
+gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indess haette es ein
+feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt,
+dass er an seinem Zaume nagte.
+
+Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Strassen der Stadt,
+um immer wieder nach dem Messplatze zurueckzukehren. Als er sich da so durch
+die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten
+asiatischen Laendern eine offenkundige Unruhe. Die Geschaefte lahmten
+sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltaenzer und
+Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie
+ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die
+Haendler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien
+einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien.
+
+Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente.
+In Russland erblickt man den Soldaten ueberall. Die Mitglieder des Heeres
+mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die
+Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit
+bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der
+Schulter fuer Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000
+Fremdlingen sorgen.
+
+Heute fehlte es auf dem Messplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an
+anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein ploetzliches
+Ausruecken in ihren Kasernen consignirt.
+
+Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezueglich
+der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjaeger und
+Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der
+Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewoehnliche Bewegung, welche man
+sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklaeren konnte. Die Stafetten
+jagten einander auf den Strassen der Provinz, sowohl in der Richtung von
+Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg
+wechselten die Telegramme unaufhoerlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern
+der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende
+Vorsichtsmassregeln. Man durfte nicht vergessen, dass die Stadt im 14.
+Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden
+war, welche Feofar-Khan's Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte.
+
+Eine andere hohe Person, den Polizeipraefecten, drueckte die Last der
+Geschaefte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er
+selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu
+nehmen, die Ausfuehrung aller Reglements zu ueberwachen, kamen nicht dazu,
+die Haende in den Schooss zu legen. Die Tag und Nacht geoeffneten Raeume des
+Polizeiamtes waren unaufhoerlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt,
+wie von Fremden aus Europa und Asien.
+
+Michael Strogoff befand sich gerade auf dem grossen Mittelplatze, als sich
+das Geruecht verbreitete, der Polizeipraefect sei soeben durch Estafette zum
+Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene
+Depesche solle die Veranlassung hierzu sein.
+
+Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des
+Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge
+einer allgemeinen Ahnung, dass eine eingreifende, ganz unerwartete und
+aussergewoehnliche Massnahme in Aussicht stehe.
+
+Michael Strogoff lauschte auf das Geruecht, um im Nothfall davon Nutzen zu
+ziehen.
+
+"Man will die Messe schliessen! rief der Eine.
+
+-- Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausruecken erhalten!
+meinte ein Anderer.
+
+-- Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk!
+
+-- Da kommt der Polizeipraefect!" scholl es von allen Seiten.
+
+Ein wuestes Geschrei hatte sich ploetzlich erhoben, legte sich dann allmaelig
+und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fuehlte, dass jetzt eine
+wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde.
+
+Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Tross Beamter, den
+Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken
+begleitete ihn und brach ihm durch ruecksichtslos ausgetheilte und geduldig
+hingenommene Rippenstoesse Bahn durch die Menge.
+
+Der Polizeipraefect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo
+Jedermann sehen konnte, dass er ein Papier in der Hand hielt.
+
+Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme:
+
+ _Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._
+
+"1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle,
+das Land verlassen.
+
+"2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden
+das Land zu verlassen."
+
+
+
+
+ Sechstes Capitel.
+
+
+ Bruder und Schwester.
+
+
+In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm
+eingreifen; die Umstaende rechtfertigten sie gewiss vollkommen.
+
+"Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen" - wenn sich Iwan
+Ogareff jetzt noch hier aufhielt, musste er verhindert oder es ihm
+mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder
+anzuschliessen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber
+entzogen wurde.
+
+"Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das
+Land zu verlassen"; damit schaffte man sich gruendlich alle jenen Haendler
+aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit
+den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe
+hier zusammengehaeuft hatte. So viele Koepfe, so viele Spione; ohne Zweifel
+erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt.
+
+Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschlaege, welche
+auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar
+empfindlicher als jede andere getroffen wurde.
+
+Einheimische, deren Geschaeftsangelegenheiten sie vielleicht ueber die
+sibirische Grenze gerufen haetten, konnten das Land also nicht verlassen,
+mindestens fuer den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der
+Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes
+Privatinteresse musste dem oeffentlichen Wohle weichen.
+
+Auch der zweite Artikel der Verordnung liess keinen Zweifel uebrig. Er bezog
+sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese
+hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und
+des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Fuer die Seiltaenzer und derlei
+Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurueckzulegen hatten,
+erschien der Befehl als ein wahres Unglueck.
+
+Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhoerten Massregeln ein Murmeln der
+Entruestung, die Kosaken und Polizisten wussten dasselbe aber bald zum
+Schweigen zu bringen.
+
+Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abruestung dieses
+ungeheuren Lagers nennen koennte. Die vor und ueber den Buden ausgespannten
+Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stuecke; Taenze
+und Gesaenge hoerten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen;
+die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde
+der wandelnden Wohnungen kamen aus den Staellen wieder an die Deichseln.
+Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben
+die Saeumigen an und zoegerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst
+abzureissen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin
+befanden. Offenbar musste unter dem Einflusse dieser Massregeln der Messplatz
+von Nishny-Nowgorod bald vollstaendig geraeumt sein, und dem geraeuschvollen
+Leben das Schweigen der Wueste folgen.
+
+Und - um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere
+Erschwerung bei dieser Verordnung - allen jenen Nomaden, welche der
+Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens
+verboten, und diese mussten sich nach dem Sueden des Kaspischen Meeres, nach
+Persien, der Tuerkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und
+der Berge, welche gewissermassen eine Verlaengerung dieses Flusses laengs der
+russischen Grenze darstellten, haetten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie
+hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den
+Fuss auf freien Boden setzen konnten.
+
+Eben als der Polizeipraefect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael
+Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemaechtigte, sonderbar
+erregt.
+
+"Ein ungewoehnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen
+dieser Verordnung bezueglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer
+Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten
+Worten! 'Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir
+wollen', hatte der Alte gesagt. Aber 'der Vater', das ist der Kaiser! Man
+bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute
+die gegen sie ergriffenen Massregeln voraussehen, so als haetten sie
+dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir
+verdaechtige Leute, denen gegenueber die Verordnung des Generalgouverneurs
+weit mehr nuetzlich als schaedlich sein wird."
+
+Diese ganz zeitgemaesse Reflexion wurde aber in Michael Strogoff's Geist
+durch eine andere Gedankenreihe, welche sich ploetzlich ihm aufdraengte,
+bald unterbrochen. Er vergass die Tsiganen, ihre verdaechtigen Aeusserungen,
+die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafuer
+trat das Bild und das Schicksal der jungen Lieflaenderin lebhaft vor sein
+Auge.
+
+"Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht
+ueberschreiten koennen!"
+
+In der That, das junge Maedchen aus Riga war ja Lieflaenderin, also Russin
+und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen
+neuesten Massregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmoeglich noch
+Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich
+verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk
+zu begeben, jetzt musste es ihr unmoeglich werden, dasselbe zu erreichen.
+
+Dieser Gedankengang beschaeftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte
+sich zuerst so ganz oben hin, dass er, ohne bezueglich der wichtigen ihm
+anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein koennte,
+dem guten Kinde einigermassen behilflich zu sein, und er freute sich fast
+ueber diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persoenlich entgegen
+ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen,
+dass dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde
+kannte, fuer jenes junge Maedchen doch ungleich furchtbarer werden mussten.
+Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie
+Jene; auch sie wuerde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen muessen,
+wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie hoechst wahrscheinlich,
+nur die fuer eine Reise unter gewoehnlichen Umstaenden berechneten
+Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhaeltnissen
+auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefaehrlicher, sondern
+auch weit kostspieliger machten?
+
+"Nun gut, schloss er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm
+einschlaegt, ist es ja fast unmoeglich, dass ich ihr nicht begegnen sollte.
+Dann werde ich ueber sie wachen koennen, ohne dass sie es weiss, und da sie es
+nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen,
+wird sie mir keine Ursache zur Verzoegerung werden."
+
+Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis
+jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen
+Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm ploetzlich ein anderer Gedanke, der
+die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen liess.
+
+"Ja, sagte er sich, ich koennte ihrer vielleicht doch noch mehr noethig
+haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnuetzlich sein
+und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen.
+Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, koennte man
+weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen
+jenes junge Maedchen, so muesste ich ja in aller Augen weit mehr als der
+Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie
+muss mich also begleiten, ich muss sie wiederfinden! Unmoeglich kann sie sich
+seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu
+verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!"
+
+Michael Strogoff verliess den grossen Platz, wo der durch die Ausfuehrung
+jener Verordnung erzeugte Tumult eben den hoechsten Grad erreicht hatte.
+Die Einsprueche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der
+Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen
+Getoese. Hier konnte sich die Gesuchte unmoeglich aufhalten.
+
+Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen.
+Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu
+suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wuenschte.
+
+Von Neuem ueberschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen
+Ufer, wo die Menschenmenge minder betraechtlich war. Er durchforschte, man
+konnte sagen, Strasse fuer Strasse, die obere und die untere Stadt. Er trat
+in die Kirchen, jener natuerliche Zufluchtsort aller Weinenden und
+Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Lieflaenderin.
+
+"Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen
+haben. Ich muss weiter suchen!"
+
+So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne
+auszuruhen, er empfand keine Ermuedung, er gehorchte einem ihn ganz
+beherrschenden Gefuehle, das ihm keine Zeit liess, lange nachzudenken. Alles
+vergeblich!
+
+Da fiel ihm ein, dass das junge Maedchen vielleicht noch ohne alle Kenntniss
+war von der ergangenen Verordnung, - zwar ein unwahrscheinlicher Umstand,
+denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von
+Allen gehoert zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben musste an
+Allem, was Sibirien betraf, wie haetten ihr die Massnahmen des Gouverneurs
+entgehen koennen, Massnahmen, welche ihr so direct angingen?
+
+Kannte sie dieselben indessen nicht, so musste sie ja in wenig Stunden nach
+dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre
+Weiterreise hindern werde. Unbedingt musste Michael Strogoff sie noch
+vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu
+entgehen.
+
+Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle
+Hoffnung auf, sie je wieder zu finden.
+
+Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, - was unter
+anderen Verhaeltnissen ganz unnoethig gewesen waere, seinen Podaroshna im
+Bureau der Polizei zu praesentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar
+nicht treffen, da dieser Fall fuer ihn vorhergesehen war; aber er wollte
+sich ueberzeugen, dass seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe.
+
+Der Courier musste deshalb nach der andern Seite des Flusses zurueckkehren,
+nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipraefecten zur Zeit
+befanden.
+
+Dort war ein grosser Zusammenfluss von Menschen, denn wenn die Auslaender
+auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte
+ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitaeten vor der Abreise. Ohne dem
+haette auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte
+Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen
+koennen, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem
+Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die
+Erlaubniss zur Abreise erst zu beschaffen.
+
+Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern,
+Baenkelsaengern, Zigeunern und Tsiganen, ausser diesen aber von Kaufleuten
+aus Persien, der Tuerkei, Turkestan und China buchstaeblich vollgepfropft.
+
+Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener
+bald mangeln mussten, so dass Saeumige leicht in die Lage kommen konnten, die
+festgesetzte Frist zu ueberschreiten und in Folge dessen sich einer
+brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen.
+
+Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kraeftigen Ellenbogen, durch den
+Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der
+Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stueck Arbeit. Indessen
+ein Wort, das er einem Inspector in's Ohr fluesterte, und einige
+rechtzeitig in dessen Hand gedrueckte Rubel besassen die Macht, ihm den
+Durchgang zu erzwingen.
+
+Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent
+bei einem Oberbeamten an.
+
+Michael Strogoff musste also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in
+seinen Bewegungen sein.
+
+Inzwischen sah er sich von ungefaehr etwas um. Und was erblickte er?
+
+Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Maedchen, ein
+Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen
+konnte, da sich nur das Profil desselben von der weissgetuenchten Mauer
+abhob.
+
+Michael Strogoff taeuschte sich nicht; er hatte die junge Lieflaenderin
+wieder erkannt.
+
+Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei
+gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum
+versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene
+Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle frueher
+ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloss alle Wege nach
+Sibirien.
+
+Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben,
+naeherte sich dem jungen Maedchen.
+
+Diese sah ihn einen Moment an, und ueber ihr Gesicht flog ein leichter
+Schimmer, als sie den Reisegefaehrten wieder erkannte. Sie erhob sich fast
+instinctmaessig und wollte, so wie ein Schiffbruechiger sich an jedes
+Truemmerstueck klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ...
+
+In diesem Augenblick beruehrte der Agent Michael Strogoff's Schulter.
+
+"Der Polizeipraefect erwartet Sie, sagte er.
+
+-- Gut", erwiderte Michael Strogoff.
+
+Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen
+Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn
+selbst oder auch sie haette compromittiren koennen, zu beruhigen, folgte er
+dem Agenten durch die gedraengten Massen.
+
+Als die junge Lieflaenderin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige
+Unterstuetzung erwartet haette, sank sie auf die Bank zurueck.
+
+Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines
+Agenten wieder im Saale erschien.
+
+In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien
+oeffnete.
+
+Er ging auf die junge Lieflaenderin zu, streckte ihr die Hand entgegen und
+sagte:
+
+"Schwester ...!"
+
+Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine ploetzliche Eingebung ihr
+nicht erlaubte, zu zaudern.
+
+"Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt,
+unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du?
+
+-- Ich folge Dir, Bruder", antwortete das junge Maedchen und legte ihre Hand
+in die Michael Strogoff's.
+
+Sofort verliessen Beide das Gebaeude des Polizeiamtes.
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+ Auf der Wolga stromabwaerts.
+
+
+Kurz vor zwoelf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze
+an der Wolga eine grosse Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht
+nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche
+hatten abreisen wollen. Die Kessel des "Kaukasus" besassen schon
+hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kraeuselten sich nur leichte
+Rauchwirbel, waehrend aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der
+weisse Dampf brodelte.
+
+Selbstverstaendlich ueberwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und
+schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als
+ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen.
+
+Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu
+unterstuetzen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention noethig und
+Alles verlief ohne offenen Widerstand.
+
+Rechtzeitig ertoente das letzte Glockensignal; die Taue wurden geloest, die
+maechtigen Raeder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen
+Schaufeln, und schnell glitt der "Kaukasus" zwischen den beiden
+Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin.
+
+Michael Strogoff und die junge Lieflaenderin hatten sich mit eingeschifft
+und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, dass
+der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann
+berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter
+dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und
+Schwester.
+
+Still sassen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlass des
+Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen.
+
+Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Maedchen gesprochen, keine
+Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, dass sie reden wuerde, wenn es ihr
+passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen,
+in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten
+Beschuetzers gefangen zurueckgeblieben waere. Sie sprach zwar nicht, aber
+ihre Augen dankten ihm.
+
+Die Wolga, die Rha der Alten, wird fuer den bedeutendsten Strom ganz
+Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als
+4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei
+Nishny-Nowgorod durch die Einmuendung der Oka, eines schnell fliessenden
+Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert.
+
+Man hat die Gesammtheit der Kanaele und Wasserlaeufe Russlands mit einem
+riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des
+Czaarenreiches veraesteln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes
+darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Muendungen in
+dem Kuestengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer
+Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im groessten Theile ihres Laufes
+schiffbar.
+
+Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod
+legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt
+und Kasan sehr schnell zurueck. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der
+Stroemung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde
+zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmuendung der Kama, so vertauschen
+sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwaerts
+fahren muessen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner maechtigen
+Maschine konnte der "Kaukasus" nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde
+zuruecklegen. Bei nur einstuendigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von
+Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in
+Anspruch.
+
+Der Steamer besass uebrigens sehr bequeme Einrichtungen fuer die Passagiere,
+welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen
+Klassen befoerdert wurden. - Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster
+Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige
+zurueck zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte.
+
+Heut war der "Kaukasus" von Passagieren aller Art ueberfuellt. Eine grosse
+Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es fuer gerathen erachtet haben,
+Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der fuer die erste
+Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in
+langen Gewaendern und einer Mitra aehnlichen Kopfbedeckungen, - Juden, mit
+ihren hohen, konischen Muetzen, - reichen Chinesen in Landestracht, mit
+sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und
+Rueckseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitaermeligen
+Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, -
+Tuerken mit dem nationalen Turban, - Indier mit viereckiger Muetze, einem
+einfachen Stricke als Guertel, von denen einige Staemme, vorzueglich aber die
+Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, - endlich
+Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und ueber der Brust reichverzierten
+Kleidern. Diese Kaufleute alle mussten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck
+ihr umfaengliches Gepaeck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiss theuer
+zu stehen kam, da sie vorschriftsmaessig nur zwanzig Pfund Freigepaeck
+mitfuehren durften.
+
+Im Vordertheile des "Kaukasus" befanden sich noch weit zahlreichere
+Passagiere, nicht allein Auslaender, sondern auch Russen, denen die
+Verordnung nach den Heimatsstaedten der Provinz zurueckzukehren nicht
+verbot.
+
+Dort sassen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Muetzen auf dem Kopfe,
+bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze;
+Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln,
+das Hemd von roethlichem Baumwollengewebe mit einem Strick geguertet, und
+mit flacher Kappe oder Filzmuetze. Einige Frauen in gebluemten
+Baumwollkleidern trugen Schuerzen mit moeglichst lebhaften Farben und
+grellroth gemusterte Tuecher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die
+Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine
+langdauernde Rueckfahrt nicht sonderlich zu belaestigen schien. Jedenfalls
+war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des
+Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich
+uebrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war.
+
+Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der "Kaukasus" indessen
+zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch
+Remorqueure stromaufwaerts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren
+nach Nishny-Nowgorod befoerderten. Dann schwammen Holzfloesse daher, so lang
+wie die unmessbaren Sargassobuendel im Atlantischen Ocean, und bis zum
+Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen.
+Uebrigens sehr unnuetze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach
+ihrem Anfang ploetzlich geschlossen worden war.
+
+Die von dem Wellenschlage des Dampfers ueberspuelten Ufer der Wolga zeigten
+sich mit grossen Entenschwaermen besetzt, welche mit betaeubendem Geschnatter
+aufflogen. Darueber hinaus weideten auf den duerren, von Birken, Weiden und
+Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kuehe, Heerden von Schafen mit
+braeunlichem Fell und ganze Haufen von weissen und schwarzen Schweinen und
+Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder duerftigem Korn bestandene
+Felder dehnten sich bis ueber kleine Landerhebungen aus, welche indess
+nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einfoermigen
+Landstrichen haette der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder
+suchte, gewiss nichts zu thun gefunden.
+
+Zwei Stunden nach der Abfahrt des "Kaukasus" wandte sich die junge
+Lieflaenderin an Michael Strogoff und fragte:
+
+"Du gehst nach Irkutsk, Bruder?
+
+-- Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den naemlichen
+Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen.
+
+-- Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Kueste der Ostsee
+verliess, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen.
+
+-- Ich frage nach Nichts, Schwester.
+
+-- Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Maedchen, auf deren Lippen
+ein schmerzliches Laecheln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts
+verheimlichen. Heute koennte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die
+Verzweiflung haben meine Kraefte verzehrt.
+
+-- Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Ja ... ja ... und morgen ...
+
+-- So komm ...!"
+
+Er brach den Satz ab, so als haette er ihn mit dem ihm noch unbekannten
+Namen seiner Begleiterin schliessen wollen.
+
+"Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand.
+
+-- Komm, Nadia, und verfuege ueber Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle
+Umstaende."
+
+Er geleitete das junge Maedchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des
+Hintertheils.
+
+Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurueck und mischte sich, begierig zu
+hoeren, doch ohne sich an den Gespraechen zu betheiligen, unter die Gruppen
+der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte,
+was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande waere. Sollte
+er zufaellig selbst gefragt und zu einer Antwort genoethigt werden, so
+wollte er sich fuer den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der
+"Kaukasus" nur nach der Grenze zuruecktrug, denn Niemand sollte vermuthen,
+dass ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen.
+
+Die Auslaender auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den
+Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen
+Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter
+sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem
+Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin,
+dass sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurueck.
+Moeglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem
+"Kaukasus" geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten,
+denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer
+noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder
+fluesterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, dass daraus im
+Zusammenhange nichts zu entnehmen war.
+
+Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder
+schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar - denn man kannte ihn ja nicht,
+- so traf sein Ohr dafuer der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt
+zu sein schien, ob sie gehoert wurde oder nicht.
+
+Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente,
+und sein mehr zugeknoepfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart,
+welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war.
+
+"Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich
+bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod
+wieder sah?
+
+-- Gewiss, ich selbst! entgegnete trocken der Andere.
+
+-- Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, dass Sie mir so
+unmittelbar, so auf den Fersen folgen wuerden.
+
+-- Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus.
+
+-- Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren
+gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und
+vorlaeufig koennten wir uebereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen.
+
+-- Ich werde es doch thun!
+
+-- Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin
+koennen wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Spaeter werden wir noch
+Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden.
+
+-- Feinde!
+
+-- Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine
+Klarheit des Ausdrucks, welche mich hoechst angenehm beruehrt. Bei Ihnen
+weiss Einer doch, woran er ist.
+
+-- Nun, was ist daran so schlimm?
+
+-- O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, dass auch ich mir die Freiheit nehme,
+unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen.
+
+-- Nach Belieben.
+
+-- Sie gehen nach Perm ... wie ich?
+
+-- Wie Sie.
+
+-- Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem
+besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes.
+
+-- Wahrscheinlich.
+
+-- Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten
+des ueberfallenen Gebietes sein.
+
+-- So ist es.
+
+-- Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: 'Jeder fuer
+sich und Gott mit ...'
+
+-- Gott mit mir!
+
+-- Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schoen! Da wir indess noch acht neutrale
+Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten
+regnen duerfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden.
+
+-- Zu Feinden!
+
+-- Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin koennen wir aber in
+Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren!
+Ich verspreche Ihnen ueberdies, Alles fuer mich zu behalten, was ich etwa
+sehe ...
+
+-- Und ich Alles, was ich etwa hoere.
+
+-- Abgemacht?
+
+-- Abgemacht!
+
+-- Ihre Hand darauf?
+
+-- Hier ist sie!"
+
+Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fuenf weit offene Finger,
+schuettelte kraeftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch
+hinhielt.
+
+"Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den
+Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine
+zu telegraphiren.
+
+-- Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13
+gesendet.
+
+-- Bravo, Herr Blount!
+
+-- Zu guetig, Herr Jolivet!
+
+-- Bis ich mich revanchire!
+
+-- Duerfte Ihnen schwer fallen!
+
+-- Man versucht eben Alles!"
+
+Bei diesen Worten gruesste der franzoesische Correspondent vertraulich den
+englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte.
+
+Diese beiden Neuigkeitsjaeger, welche ja weder Russen, noch Fremde von
+asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs
+nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben
+Stunde verliessen, so geschah das, weil der naemliche Instinct sie vorwaerts
+trieb. Ganz natuerlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit
+und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache
+Reisegefaehrten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage "bis
+zum Aufgang der Jagd" vor sich. Dann hiess es: Dran und drauf! Jetzt hatte
+Jolivet die ersten Zwischenvorschlaege gemacht und der Brite sie, wenn auch
+so kuehl als moeglich, angenommen.
+
+Jedenfalls sassen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur
+Schwatzhaftigkeit, der Englaender immer verschlossen, an derselben Tafel
+und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten
+Cliquot, offenbar den Abkoemmling des frischen Birkensaftes der Umgegend.
+
+Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hoerte,
+sprach er fuer sich:
+
+"Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der
+Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese
+drei Schritt vom Leibe zu halten."
+
+Die junge Lieflaenderin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer
+Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam
+heran, ohne dass sie wieder auf Deck erschienen waere.
+
+Mit der langen Daemmerung gewann die Atmosphaere eine wohlthuende Frische,
+an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in
+vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die
+Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Baenke gestreckt, athmeten sie
+behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte.
+Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten
+zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem
+Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die
+Wolga stromauf und stromab befuhren.
+
+Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr
+doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das
+Schweigen wurde nur durch das regelmaessige Klatschen der Schaufelraeder
+unterbrochen.
+
+Eine eigenthuemliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch
+meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch
+ueber den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der fuer die
+Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung.
+
+Dort schlief Alles nicht nur auf den Baenken, sondern auch auf Ballen und
+Gepaeckstuecken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen
+der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine gruene und
+eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe
+Strahlen auf die Wand des Dampfers.
+
+Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher
+liegenden Schlaefer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei
+ihrer Gewoehnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon
+genuegte, die aber doch Jeden schlecht empfangen haetten, der sie vorzeitig
+durch einen Fusstritt erweckte.
+
+Michael Strogoff huetete sich also wohl, an Jemand zu stossen. Bei seiner
+Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als
+sich durch eine laengere Promenade des Schlafes zu erwehren.
+
+Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem
+Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hoerte. Er hielt
+an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit
+allerhand Shawls und Decken verhuellt dasass, die er aber bei der Dunkelheit
+nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig,
+wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige
+roethliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten
+durch die Gruppe oder als erglaenzten Tausende von Metallflitterchen in dem
+ungewissen Lichte.
+
+Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher
+vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem
+Messplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war.
+
+Unwillkuerlich draengte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des
+Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit
+einander redenden Fahrgaeste eigentlich sehen konnte. Er musste sich demnach
+begnuegen, zu horchen.
+
+Die anfaenglich gewechselten Worte besassen, - wenigstens fuer ihn, - keine
+besondere Bedeutung, doch genuegten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der
+Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod
+gehoert hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht
+unmoeglich, dass jene Tsiganen, von deren Gespraech er einige Brocken
+aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord
+des "Kaukasus" Passage genommen haetten.
+
+Wie gut es war, dass er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer
+Mundart gewechselten Worten:
+
+"Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk.
+
+-- Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spaet oder
+auch gar nicht ankommen!"
+
+Michael Strogoff fuehlte, wie diese ihn persoenlich so nahe angehende
+Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann
+und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen
+vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemuehungen.
+
+Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck
+gelangt und setzte sich, den Kopf in die Haende gestuetzt, nieder. Man haette
+meinen sollen, er schliefe.
+
+Er schlief aber weder, noch dachte er ueberhaupt daran. Er ueberlegte sich
+vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniss, was er gehoert hatte.
+
+"Wer in aller Welt weiss von meiner Abreise und wer hat ein Interesse
+daran, sie zu kennen?"
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+
+ Die Kama stromaufwaerts.
+
+
+Am Morgen des 18. Juli kam der "Kaukasus" um sechs Uhr vierzig Minuten an
+dem Landeplatze fuer Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.
+
+Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des
+Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universitaet und eines
+griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevoelkerung dieser
+Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken,
+Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den
+asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.
+
+Trotz der grossen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze draengte sich eine
+ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der
+Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie
+sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzaermeligem
+Kaftan und mit spitzen Muetzen, deren breite Krempen an den gewoehnlichen
+Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe
+ein kleines Scheitelkaeppchen, wie es die polnischen Juden tragen.
+Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich
+halbmondfoermig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in
+Gruppen bei einander.
+
+Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der
+Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl fuer die Passagiere,
+die den "Kaukasus" hier verliessen, als auch fuer andere, welche hier das
+Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfaeltiger Musterung jedes
+Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene
+Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.
+
+Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zustroemen, das
+man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der "Kaukasus" sollte
+behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.
+
+An's Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er haette
+die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Lieflaenderin nicht auf
+dem Schiffe allein lassen koennen.
+
+Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie
+sich's eben fuer eifrige Jaeger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und
+mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff
+beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er
+entweder einige Erscheinungen fluechtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug,
+als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines
+Gedaechtnisses nur plaudernd umher lief.
+
+Laengs der ganzen Ostgrenze Russlands schwirrte das Geruecht durch die Luft,
+dass die Empoerung und der Einfall sehr gefaehrliche Dimensionen annaehmen.
+Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein
+schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den "Kaukasus" verlassen zu
+haben, von verschiedenen neuen Ankoemmlingen.
+
+Erfuellten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so
+erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die
+Uralkette zu ueberschreiten, um selbst ueber die Bedeutung der Ereignisse
+urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen
+zu koennen. Fast haette er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere
+Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit ploetzlich abgelenkt wurde.
+
+Unter den Reisenden, welche den "Kaukasus" verliessen, erkannte Michael
+Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod
+figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die
+ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer
+Fuehrung, schifften sich etwa zwanzig Taenzerinnen und Saengerinnen im Alter
+von fuenfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothduerftig
+den Flitterstaat darunter verhuellten.
+
+Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen,
+erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht.
+Es war der naemliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem
+Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.
+
+"Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsueber
+unter dem Verdeck auf und wollte sich waehrend der Nacht unter dem
+Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es fuer gut, moeglichst wenig
+gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!"
+
+Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, dass der ihn besonders
+angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergeruehrt habe, die nur dann
+und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und dass jene Worte zwischen
+dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt
+worden seien.
+
+Wider Willen naeherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des
+Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verliess, um nicht wieder zu
+kehren.
+
+Dort stand der Alte in sehr demuethiger, mit der natuerlichen
+Unverschaemtheit seiner Stammesgenossen wenig uebereinstimmender Haltung. Er
+sah aus, als meide er es moeglichst gesehen zu werden, statt die Blicke
+Anderer auf sich zu lenken. Sein schaebiger, von der Sonne des ganzen
+Erdballs verbrannter Hut sass tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem
+breiten Ruecken bauschte sich trotz der Waerme der Sonne ein weiter Kittel.
+Es waere schwierig gewesen, unter dieser erbaermlichen Huelle seine Figur
+deutlich zu erkennen.
+
+Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine grosse Frau von dreissig
+Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, praechtigen Augen und
+ueppigem Haar in stolzer Haltung.
+
+Einige der jungen Taenzerinnen waren von auffallender Schoenheit, und Alle
+zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind
+im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Grossen, welche
+mit den Englaendern gern an Excentricitaet wetteifern, hat sich nicht
+entbloedet, ein Weib aus diesem Stamme zu waehlen.
+
+Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthuemlichem Rhythmus vor sich
+hin, dessen erste Verse man etwa so uebersetzen koennte:
+
+ Am braunen Hals die Koralle blinkt,
+ Die goldene Nadel im Haar;
+ Ich ziehe, wo immer das Glueck mir winkt,
+ Zum Lande der ...
+
+Die lustige Dirne sang gewiss weiter, doch Michael Strogoff hoerte sie nicht
+mehr.
+
+Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre's mit besonderer
+Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Zuege
+ihrem Gedaechtniss unausloeschlich einpraegen.
+
+Einige Minuten spaeter verliess dann auch Sangarre den "Kaukasus", als der
+Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.
+
+"Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich
+als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit 'Spion'
+titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch
+deutlich in der Nacht, und Diese koennte wohl wissen ..."
+
+Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu
+folgen, aber er bezwang sich noch.
+
+"Nein, nein, dachte er, keinen unueberlegten Schritt! Lasse ich den alten
+Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito
+aufgeben zu muessen. Sie sind ja fort, und bevor sie ueber die Grenze
+gelangen koennen, werde ich schon weit ueber den Ural hinaus sein. Ich weiss
+wohl, dass sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen koennen, aber
+dieser bietet keinerlei Befoerderungsmittel, und ein Tarantass mit tuechtigen
+sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig,
+bleib' ruhig, Freund Korpanoff!"
+
+Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge
+verschwunden.
+
+Wenn Kasan mit Recht "das Thor Asiens" genannt wird, wenn man diese Stadt
+als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt
+das von den zwei hier zusammenlaufenden Strassenzuegen her, welche ueber die
+Paesse des Uralwalles fuehren. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den
+ueber Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die grosse
+Poststrasse, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit
+Relais und setzt sich ueber Tschim bis Irkutsk fort.
+
+Daneben verbindet freilich eine zweite Strasse, - eben jene von Michael
+Strogoff erwaehnte, - Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges
+ueber Perm, welche ueber Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie
+Europa verlaesst, und ueber Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne fuehrt. Mag
+sie auch etwas kuerzer sein, als jene, so haelt der Mangel an Posthaeusern,
+der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Doerfern diesem
+Vortheil gewiss die Wage. Michael Strogoff musste mit seiner Wahl um so
+zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach
+Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.
+
+Eine Stunde spaeter laeutete die Glocke auf dem Vorderdeck des "Kaukasus",
+rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurueck. Es mochte bald acht
+Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der
+Kessel zitterten unter der Pressung der Daempfe. Das Schiff konnte jeden
+Augenblick abfahren.
+
+Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plaetze an Bord schon
+eingenommen.
+
+Da fiel es Michael Strogoff auf, dass von den beiden Journalisten nur der
+eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurueck gekehrt war.
+
+Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versaeumen?
+
+Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue loeste, erschien Alcide
+Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestossen und die
+Landungsbruecke auf den Kai zurueck gerollt, der leichtfuessige Held der Feder
+bekuemmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte
+er ueber die Luecke und fiel auf dem Deck des "Kaukasus", fast in die Haende
+seines Collegen, nieder.
+
+"Ich glaubte schon, der 'Kaukasus' sollte ohne Sie weiter gehen, sagte
+Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube
+aehnelte.
+
+-- Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich haette Sie schon einzuholen gewusst
+und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff
+chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst fuer zwanzig Kopeken,
+nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau
+ist's eine tuechtige Strecke.
+
+-- Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich
+dabei zusammenzogen.
+
+-- Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem
+liebenswuerdigsten Laecheln.
+
+-- Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung?
+
+-- Das weiss ich nicht, kann Ihnen dafuer aber versichern, dass er z. B. von
+Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.
+
+-- Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?...
+
+-- Mit reinem Feuereifer!
+
+-- Sie haben also gehoert ...
+
+-- Erlauben Sie, Vaeterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete
+Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniss vor
+Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind ueber
+Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwaermen in hellen Haufen laengs der
+Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!"
+
+Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht,
+waehrend sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben
+mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische
+Zeitung war um zwei Pferdelaengen geschlagen!
+
+Der arme Harry Blount wandelte, die Haende auf dem Ruecken gekreuzt, nach
+dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.
+
+Gegen zehn Uhr Morgens verliess die junge Lieflaenderin ihre Cabine und
+erschien auf dem Verdeck.
+
+Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.
+
+"Sieh Dich hier um, Schwester", mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile
+des Schiffes gelangt waren.
+
+Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.
+
+Der "Kaukasus" erreichte jetzt den Zusammenfluss der Wolga und Kama. Hier
+verliess er nach einer Thalfahrt von ueber 400 Werst jenen Strom, um den
+immerhin bedeutenden Fluss 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu
+durchpfluegen.
+
+An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserlaeufe mischten sich deren
+verschieden gefaerbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer
+denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten,
+und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.
+
+Die Kama endigte in weitgeoeffneter Muendung, umrahmt von lieblich
+bewaldeten Ufern. Einige weisse Segel belebten das reinliche Wasser, auf
+dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit
+maechtigen Eichen geschmueckte Huegel schlossen den Horizont in harmonischer
+Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen
+des Himmels zu verschmelzen schien.
+
+Und doch schien es, als blieben diese Naturschoenheiten ohne allen Eindruck
+auf den Gedankengang des jungen Maedchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr
+Reiseziel zu erreichen! - Die Kama bildete fuer sie nur einen leichteren
+Weg, dahin zu gelangen. Wie glaenzten ihre Augen in schoenem Feuer auf, wenn
+sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont
+durchbohren.
+
+Nadia hatte die Hand in der ihres Gefaehrten gelassen und fragte, indem sie
+sich zu ihm hinwendete:
+
+"Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?
+
+-- Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.
+
+-- Neunhundert auf sieben Tausend!" seufzte das junge Maedchen.
+
+Die Zeit zum Fruehstuecken war gekommen; das Laeuten einer Glocke meldete es
+den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsraeumen
+des Steamers. Sie beruehrte die auf einer seitlichen Tafel servirten
+Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Haering in Stuecken, anishaltiger
+Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte,
+der man in allen noerdlichen Laendern, in Russland ebenso wie in Schweden und
+Norwegen begegnet. Nadia ass nur wenig, etwa wie ein armes Maedchen, deren
+beschraenkte Mittel sie nicht weiter gehen liessen. Michael Strogoff glaubte
+sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner
+Gefaehrtin genuegten, naemlich ein wenig "Kulbat", eine Art Pastete aus Reis,
+Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getraenk etwas
+Thee.
+
+Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten,
+nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und
+Nadia wieder das Deck des "Kaukasus".
+
+Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle
+Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehoert zu
+werden:
+
+"Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heisse Nadia Fedor. Vor
+kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt
+nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.
+
+-- Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es
+als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in
+die Arme ihres Vaters zu fuehren.
+
+-- Ich danke, Bruder!" erwiderte Nadia.
+
+Michael Strogoff fuegte noch hinzu, dass er fuer Sibirien einen speciellen
+Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behoerden
+kein Hinderniss im Wege stehen werde.
+
+Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufaelligen Begegnung dieses
+einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem
+Vater zu gelangen!
+
+"Ich besass, fuhr sie fort, einen Pass, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu
+gehen; ihn hat der Erlass des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod
+ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, haette ich die Stadt, in der Du
+mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen waere, nicht verlassen
+koennen.
+
+-- Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du
+Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?
+
+-- Es war meine Pflicht, Bruder.
+
+-- Wusstest Du aber nicht, dass das empoerte und von Feinden ueberschwemmte
+Land kaum zu passiren ist?
+
+-- Der Tartareneinfall war, als ich Riga verliess, noch nicht bekannt,
+erwiderte die junge Lieflaenderin. In Moskau erst erfuhr ich diese
+Neuigkeiten.
+
+-- Und setztest trotzdem Deine Reise fort?
+
+-- Es war meine Pflicht."
+
+Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Maedchens.
+Was sie fuer ihre Pflicht erkannte, zoegerte Nadia niemals auszufuehren.
+
+Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein
+geschaetzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte gluecklich im
+Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer auslaendischen geheimen
+Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen
+und die Gensdarmen, welche jene Ordre ueberbrachten, geleiteten ihn ohne
+Verzug ueber die Grenze.
+
+Wassili Fedor liess man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und
+seine hilflos zurueckbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoss heisse
+Thraenen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.
+
+Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte
+dort, aber fast ohne pecuniaeren Vortheil, seine Praxis weiter betreiben
+koennen. Und doch waere er wohl so gluecklich gewesen, wie das einem
+Verbannten ueberhaupt moeglich ist, haette er Weib und Kind um sich haben
+koennen. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwaechlichkeit wegen aber auch
+schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des
+Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist
+dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behoerden nun um die bald
+zugestandene Erlaubniss an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb
+Diesem, dass sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser
+weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen.
+Sie that, was sie konnte!... Gott wuerde das Uebrige thun!
+
+Indess arbeitete sich der "Kaukasus" gegen den Strom vorwaerts. Die Nacht
+brach an und die Luft kuehlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die
+Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem
+Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das
+Geheul der Woelfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+
+ Tag und Nacht im Tarantass.
+
+
+Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der "Kaukasus" am Landungsplatze in
+Perm an, der letzten Station, die er an der Kama beruehrte.
+
+Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der
+umfaenglichsten in ganz Russland und greift ueber das Uralgebirge hinweg bis
+nach Sibirien hinueber. Marmorbrueche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie
+Steinkohlengruben werden dort in grossem Massstabe ausgebeutet. Perm mag
+allen Umstaenden nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorlaeufig
+aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen.
+Fuer Diejenigen, welche von Russland nach Sibirien gehen, faellt jener Mangel
+an Comfort nicht allzu sehr in's Gewicht, denn Diese sind gewoehnlich mit
+allem Noethigen hinlaenglich versehen; den Ankoemmlingen aus Centralasien
+dagegen wuerde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiss recht
+angenehm sein, die erste europaeische Stadt des Reiches an der asiatischen
+Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenstaenden des Bedarfs
+versorgt zu sehen.
+
+In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen
+meist mehr oder weniger beschaedigten Wagen zu veraeussern; andererseits
+kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im
+Winter Schlitten, bevor er sich fuer mehrere Monate in die verlassenen
+Steppenwuesten wagt.
+
+Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und
+durfte dasselbe nur erfuellen.
+
+Gewoehnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich
+schnell ueberschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhaeltnisse
+hatte man diesen aber einstellen muessen. Auch ohnedem haette Michael
+Strogoff, dem es auf die groesste Eile ankam, auf dieses Befoerderungsmittel
+verzichtet, und wuerde er es, um von Niemand abhaengig zu sein, vorgezogen
+haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu
+wechseln, wobei er durch splendide "_na vodku_" (Trinkgelder) den Eifer
+der Postillone anzuspornen hoffen durfte.
+
+Zum Unglueck hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft
+beliebten Massnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge
+dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam
+also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmaehten zu begnuegen.
+Bezueglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren ausserhalb
+Sibiriens wohl seinen Podaroshna in's Treffen fuehren, auf welchen hin ihn
+die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen
+wuerden. Einmal ausser dem europaeischen Reiche aber sah er sich gleich jedem
+Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschraenkt.
+
+An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen
+Tarantass oder einen Teleg?
+
+Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierraederiges Waegelchen und durchweg
+aus Holz construirt. Raeder, Axen, Schlussnaegel, Sitze und Deichsel, alles
+stammt von den Baeumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der
+einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke
+hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles
+Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer
+Beschaedigung leichter wieder in Stand zu setzen waere. An Tannen fehlt es
+laengs der russischen Grenze nicht, und die Schlussnaegel wachsen in den
+Waeldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden
+die unter dem Namen "Perekladnoi" bekannten Extraposten befoerdert.
+Manchmal reissen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und
+waehrend der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der
+Vordertheil des Fuhrwerks bei dem naechsten Relais auf zwei Raedern an; aber
+man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.
+
+Michael Strogoff haette sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen
+muessen, wenn es ihm nicht gelungen waere, noch einen Tarantass aufzutreiben.
+
+Es glaube aber Niemand, dass ein derartiges Gefaehrt auf der obersten
+Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem
+Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart;
+aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuss von einander entfernten
+Raeder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen
+Strassen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schuetzt die Insassen vor
+dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche
+herabgezogen das Gefaehrt fast hermetisch verschliesst, vor dem Sonnenbrande
+und den nicht seltenen Windstoessen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantass
+ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits
+weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.
+
+Michael Strogoff gelang es nur mit grosser Muehe, einen solchen Tarantass
+aufzufinden; vielleicht gab's in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen
+zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe
+nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff
+auch hier treu zu bleiben.
+
+Nadia folgte ihrem Reisegefaehrten bei seinen Nachsuchungen nach einem
+Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe
+Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man koennte
+sagen, dass sie ein und derselbe Wille draengte.
+
+"Schwester, begann Michael Strogoff, ich haette fuer Dich gerne eine
+bequemere Fahrgelegenheit gesucht.
+
+-- Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuss
+aufgebrochen waere, um meinen Vater zu finden.
+
+-- An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische
+Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.
+
+-- Ich wuerde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das
+junge Maedchen. Wenn Du eine Klage ueber meine Lippen kommen hoerst, so
+verlass mich und setze Deinen Weg allein fort!"
+
+Eine halbe Stunde spaeter standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei
+Postpferde vor dem Tarantass angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere
+aehnelten fast den Baeren. Sie waren, wie die sibirische Race ueberhaupt,
+klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermassen
+angespannt: das eine, etwas groessere, stand zwischen einer Gabeldeichsel
+mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Gloeckchen behangen
+war, d. i. der russische "_duga_"; die beiden andern waren einfach mittels
+Seilen an das Fussgestell des Tarantass gekoppelt. Von Zaum und Gebiss keine
+weitere Spur; als Zuegel diente einfache Hanfschnur.
+
+Weder Michael Strogoff noch die junge Lieflaenderin fuehrten vieles Gepaeck
+mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen
+musste, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede
+Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das
+sehr zu Statten, denn der Tarantass haette entweder das Gepaeck oder die
+Reisenden nicht aufnehmen koennen. Er war, den Postillon ungerechnet, nur
+fuer zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch
+nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.
+
+Dieser Jemschik wechselt uebrigens bei jedem Relais. Der Fuehrer des
+Tarantass auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen
+Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen
+langen Haare ueber der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen
+Hut, rothen Guertel und einen Capot mit kreuzweisen Schnueren an Knoepfen mit
+dem kaiserlichen Abzeichen.
+
+Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden
+des Tarantass erst mit pruefendem Blicke. Kein Gepaeck! - Aber wo zum Teufel
+haette er solches unterbringen wollen? - Magere Aussichten! Er machte eine
+nicht misszudeutende Bewegung.
+
+"Ein Paar Raben, sagte er halb fuer sich und unbekuemmert darum, ob er
+verstanden wurde oder nicht, Raben fuer sechs Kopeken die Werst.
+
+-- Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon
+recht wohl verstand, Adler, hoerst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das
+Trinkgeld!"
+
+Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der "Rabe" bedeutet in der
+Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten
+Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei
+Kopeken per Werst bezahlt. Ein "Adler" dagegen ist der Reisende, der auch
+vor hohen Preisen nicht zurueckschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft.
+Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu
+fliegen, wie der Koenig der Voegel.
+
+Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plaetze in dem Tarantass ein.
+Einiger wenig umfaenglicher Proviant, der in den Sitzkaesten untergebracht
+wurde, gewaehrte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzoegerung erleiden zu
+koennen, wenn sie einmal die durch Fuersorge des Staates wohlversehenen
+Posthaeuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde
+uebergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag
+verliess der Tarantass, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog
+in eine dichte Staubwolke gehuellt dahin.
+
+Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, haette jedem
+Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, hoechlichst
+verwundern muessen. Das etwas groessere Pferd in der Gabel hielt ungestoert,
+wie abschuessig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter
+Regelmaessigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart
+als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der
+Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen
+Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber,
+wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der
+Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er fuer sie borgte! Die Schnur, die
+ihm als Zuegel diente, waere gegenueber den ausgelassenen Thieren wohl ganz
+nutzlos gewesen, aber "_na pravo_", rechts, oder "_na levo_", links,
+diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr
+Wirkung, als Zuegel und Zaum.
+
+Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der wuerdige Rosselenker!
+
+"Vorwaerts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwaerts meine artigen
+Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltaeubchen! Immer dran, mein Vetter zur
+Linken! Greif' aus, Vaeterchen zur Rechten!"
+
+Wenn sie aber nachliessen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso
+vielseitige Verwuenschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen
+schienen.
+
+"Lauf zu, Du Hoellenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwuerge
+Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkroete! Du sollst noch in jener Welt
+verdammt sein!"
+
+Was man aber auch denken moege ueber diese Art der Pferdefuehrung, welche
+mehr die Soliditaet der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in
+Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantass nur so dahin und bewaeltigte
+zwoelf bis vierzehn Werst in der Stunde.
+
+Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Befoerderung
+gewoehnt. Weder das Schuetteln noch das Huepfen des Gefaehrtes belaestigte ihn.
+Er wusste, dass ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder
+tiefe Loecher vermeidet, so wenig wie umgestuerzte Baumstaemme oder Graeben,
+die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefaehrtin freilich lief
+Gefahr, durch dieses Stossen des Tarantass verletzt zu werden, doch sie
+beklagte sich nicht.
+
+Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin
+gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur
+ankommen! verfolgt, begann sie:
+
+"Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich
+mich geirrt?
+
+-- Gewiss nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg
+werden wir den Fuss des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.
+
+-- Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?
+
+-- Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, - ich sage Tag und
+Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muss ohne Saeumen nach
+Irkutsk eilen.
+
+-- Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen
+Tag und Nacht fahren.
+
+-- Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so
+koennen wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.
+
+-- Du hast diese Reise schon einmal gemacht?
+
+-- Schon mehrere Male.
+
+-- Im Winter wuerden wir schneller und sicherer vorwaerts kommen, nicht wahr?
+
+-- Schneller gewiss, doch wuerdest Du von der Kaelte und dem Schnee schwer
+gelitten haben.
+
+-- Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.
+
+-- Ja wohl, Nadia, aber es gehoert doch ein gewisses Temperament dazu, diese
+Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kaelte in den Steppen
+Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner
+Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis ueberziehen, meine
+Glieder sich zusammenkruemmen, meine Fuesse unter dreifacher wollener
+Umhuellung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt
+mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nuestern erstarren. Ich sah es,
+wie der Branntwein in meiner Kuerbisflasche zu Stein wurde, so dass kein
+Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein
+Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglaetteten und unuebersehbar
+weissen Ebene! Keine Wasserlaeufe, durch die man sonst eine passirbare Furth
+suchen musste! Keine Seen, welche Schiffe noethig machten! Allueberall das
+harte Eis, die freie, sichere Strasse. Aber um den Preis welcher Leiden,
+Nadia! Die allein koennten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren
+Leichname der wehende Schnee begrub!
+
+-- Und doch bist Du zurueck gekehrt, Bruder! sagte Nadia.
+
+-- Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei
+seinen Jagdzuegen folgte, gewoehnte ich mich an all' diese harten Proben.
+Als Du, Nadia, mir aber sagtest, dass der Winter Dich nicht zurueck gehalten
+haette, dass Du abgereist waerst mit dem Vorsatze, gegen das fuerchterliche,
+unwirthbare Klima Sibiriens anzukaempfen, da sah ich Dich schon im Geiste
+verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!
+
+-- Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge
+Lieflaenderin.
+
+-- Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.
+
+-- Und was thatest Du in Omsk?
+
+-- Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.
+
+-- Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm
+die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, dass mich
+Nichts haette zurueckhalten koennen?
+
+-- Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott
+wuerde Dir geholfen haben!"
+
+Diesen Tag ueber wurde der Tarantass durch die bei jedem Relais wechselnden
+Jemschiks sehr schnell weiter befoerdert. Die Adler der Berge haetten ihren
+Namen durch jene "Adler" der Landstrasse nicht als entehrt ansehen koennen.
+Der hohe Preis fuer jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder
+dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den
+Postmeistern mochte es nach Veroeffentlichung jener Verordnung wohl
+auffallen, dass ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar
+Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indess waren ihre
+Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn
+auch die Kilometer-(Werst-)Pfaehle bald im Ruecken des Tarantass.
+
+Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden
+auf der Strasse von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais
+ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, dass ein Wagen ihm vorausging, ohne
+sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darueber besondere Sorge zu
+machen.
+
+Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die noethigen
+Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthaeuser boten Unterkunft und
+Staerkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht haette, waere das Haus
+jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geoeffnet gewesen. In diesen
+einander ueberaus aehnlichen Doerfern mit ihren weissen steinernen Capellen
+und gruenlichen Daechern kann der Reisende wohl an jede Thuer klopfen; sie
+wird sich gewiss oeffnen. Dann erscheint der Mujik laechelnden Gesichts und
+giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rueckt den
+"Samowar" ueber's Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fuehlen. Die
+Familie wuerde im Nothfalle das Haus raeumen, um ihm Platz zu machen. Der
+ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der "den Gott selbst
+sendet".
+
+Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem
+unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie
+viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.
+
+"Vor zwei Stunden, Vaeterchen, berichtete der Postmeister.
+
+-- Es ist eine Berline?
+
+-- Nein, ein Teleg.
+
+-- Wie viel Reisende?
+
+-- Zwei.
+
+-- Sie haben es eilig?
+
+-- Es sind Adler!
+
+-- Lasst schleunigst anspannen."
+
+Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang
+aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.
+
+Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fuehlte man, dass die
+drueckender gewordene Luft sich allmaelig mit Elektricitaet saettigte. Kein
+Woelkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein
+warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befuerchten, dass in den
+Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael
+Strogoff, der gewoehnt war, alle atmosphaerischen Vorzeichen zu deuten,
+fuehlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger
+Besorgniss erfuellte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stoesse
+des Tarantass vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb
+zurueckgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schoepfen, nach der
+die Lungen in dieser erstickenden Atmosphaere begierig verlangten.
+
+Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er misstraute den Jemschiks,
+weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den
+Relais verloren, keine Stunde unterwegs.
+
+Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die
+ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese maechtige Kette, die
+Grenzmauer zwischen dem europaeischen Russland und Sibirien, lag jedoch noch
+in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen
+hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst
+waehrend der folgenden Nacht stattfinden.
+
+Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgaengig bedeckt und in Folge
+dessen auch die Luftwaerme ertraeglicher, doch wurde die Witterung immer
+gewitterschwueler.
+
+Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten
+in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff wuerde es gewiss
+unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt haette; als ihn der
+Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden
+Donner aufmerksam machte, fragte er nur:
+
+"Ein Teleg faehrt uns noch immer voraus?
+
+-- Ja.
+
+-- Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?
+
+-- Ungefaehr eine Stunde.
+
+-- Vorwaerts! - Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen frueh in
+Jekaterinenburg sind."
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+
+ Ein Unwetter in den Uralbergen.
+
+
+Die Uralkette erstreckt sich auf einer Laenge von nahe 3000 Werst (3200
+Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht,
+der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung "Poyas" aus
+russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den
+betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmaessig den "Guertel". Mit
+dem einen Fusse an der unwirthlichen Kueste des Arktischen Oceans netzen sie
+den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.
+
+Das war die Grenze, welche Michael Strogoff ueberschreiten musste, um von
+Russland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwaehnt, die Strasse
+einschlug, die auf der oestlichen Abdachung des Ural von Perm nach
+Jekaterinenburg fuehrt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der
+leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten
+centralasiatischen Handels dient.
+
+Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniss eintrat, wohl zum Passiren der
+Berge ausreichen. Leider kuendigte das erste Grollen des Donners ein
+Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphaere furchtbar zu
+werden drohte. Die elektrische Spannung war so gross, dass sie sich nur
+durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.
+
+Michael Strogoff achtete darauf, dass seine junge Begleiterin bestmoeglich
+versorgt war. Die Wagendecke, die ein schaerferer Windstoss leicht haette
+wegreissen koennen, wurde durch ueber und hinter ihr gekreuzte Stricke besser
+gesichert. Man verdoppelte die Zugstraenge der Pferde und polsterte aus
+uebergrosser Vorsicht das Stosseisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die
+Haltbarkeit der Raeder zu vergroessern, als auch um die Stoesse zu mildern, die
+in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein wuerden.
+Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefaehrtes,
+deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantass angepfloeckt waren, mit
+einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange.
+Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstueckes, das an den
+Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.
+
+Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte
+sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei
+Ledervorhaenge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem
+Regen und Sturme schuetzen mussten.
+
+An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei grosse Laternen
+angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht
+gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung
+des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so
+dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstossen mit einem etwa
+entgegenkommenden Wagen.
+
+Man erkennt hieraus, dass keine Vorsichtsmassregel versaeumt wurde, und
+gegenueber einer so drohenden Nacht waren sie gewiss am Platze.
+
+"Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.
+
+-- So wollen wir fahren", antwortete das junge Maedchen.
+
+Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantass schwankte die ersten
+Vorberge des Urals hinan.
+
+Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es,
+trotz der in jenen Breiten laenger andauernden Daemmerung, schon recht
+dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Woelbung des Himmels herab zu
+druecken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie
+auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das
+doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom
+Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art
+phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von
+sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise naeherten sie sich der
+Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den
+Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den hoeheren
+Luftschichten von oben nach unten. Die Strasse fuehrte diesen gewaltigen,
+dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen.
+Binnen Kurzem mussten Strasse und Dunstmassen einander begegnen, und loesten
+die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel,
+durch welchen der Tarantass nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu
+laufen in einen Abgrund zu stuerzen.
+
+Die Kette der Uralberge erreicht uebrigens nur eine mittlere Hoehe; ihr
+bedeutendster Gipfel uebersteigt noch nicht 5000 Fuss. Der ewige Schnee ist
+daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter
+ueber das Gebirge schuettet, schmelzen vollstaendig bei der Sonnenwaerme des
+Sommers. Pflanzen und Baeume gedeihen noch in betraechtlicher Hoehenlage. Die
+Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstaetten kostbarer
+Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleissiger Haende. So
+begegnet man denn auch den "Zarody" genannten Dorfschaften ziemlich haeufig
+und der durch die gewaltigen Engpaesse gefuehrte Weg ist fuer die Postwagen
+in gut fahrbarem Zustande.
+
+Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet
+Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kaempfen und
+man sich in diesem Gewuehle befindet.
+
+Aus Erfahrung wusste Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen
+bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor fuer
+ebenso gefahrbringend, als die fuerchterlichen Schneestuerme, die hier
+waehrend des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wuethen.
+
+Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das
+Wageninnere schuetzenden Ledervorhaenge aufgehoben, sah hinaus und achtete
+scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit
+phantastischen Schattenbildern belebte.
+
+Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, waehrend
+ihr Begleiter mit halbem Koerper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel
+und die Erde musterte.
+
+Die Atmosphaere war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen
+ruehrte sich vom Platze. Man haette sagen moegen, dass die halberstickte Natur
+nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene duesteren, dichten Wolken,
+aus irgend welchem Grunde gelaehmt, nicht mehr functioniren konnten. Das
+Schweigen waere ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Raeder des
+Tarantass, die die Kiesel der Strasse zerrieben, ohne das Seufzen der Naben
+und ueberhaupt des Holzwerkes am Gefaehrte, ohne den keuchenden Athem des
+Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte
+Funken spruehten.
+
+Uebrigens war die Strasse vollkommen oede. Der Tarantass begegnete weder
+einem Fussgaenger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden
+Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Koehlers rauchte
+im Walde, keine Lagerstaette von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar,
+keine einzige im Gehoelz verlorene Huette. Es bedurfte solcher Gruende,
+welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die
+Gebirgskette unter den gegebenen Verhaeltnissen zu unternehmen. Michael
+Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmoeglich; aber - und das
+fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniss einzufloessen, - wer in aller
+Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantass vorausgehenden
+Teleg sein; welch' gewichtige Gruende hatten sie, eben so tollkuehn zu
+handeln?
+
+Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr
+begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr
+aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten maechtiger Kiefern
+auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Strasse
+gruppenweise flankirten. Naeherte sich der Tarantass dem Rande der Strasse,
+dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgruende neben jener. Von
+Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stossen, dass der Wagen eine
+Bruecke aus Baumstaemmen passirte, welche kaum zugehauen eine Hoehlung des
+Weges ueberdeckten. Je hoeher sie hinauf kamen, desto mehr ertoente ein
+monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe
+des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmaehreden an seine Thiere
+verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphaere als durch den
+Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens
+vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast
+zusammen.
+
+"Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael
+Strogoff den Jemschik.
+
+-- Um ein Uhr frueh ... wenn wir ueberhaupt hinkommen! antwortete dieser mit
+unglaeubigem Kopfschuetteln.
+
+-- Sag' doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den
+Bergen, nicht wahr?
+
+-- Nein, und gebe Gott, dass es auch nicht mein letztes ist.
+
+-- Hast Du Furcht?
+
+-- Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, dass Du unrecht handeltest,
+abzufahren.
+
+-- Ich haette noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.
+
+-- Na, dann vorwaerts, meine Taeubchen!" erwiderte der Jemschik, als ein
+Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.
+
+In diesem Augenblicke liess sich ein entferntes Geraeusch vernehmen; es
+glich einem tausendfachen gellenden und betaeubenden Pfeifen in der bisher
+noch halb ruhigen Atmosphaere. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes,
+dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff
+einige grosse Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm
+brach los, jagte aber bis jetzt nur die hoehern Luftschichten
+durcheinander. Ein trockenes Geknatter liess erkennen, dass einige alte oder
+schlecht bewurzelte Baeume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht
+hatten Widerstand leisten koennen. Eine Lawine gebrochener Staemme rollte
+bald ueber die Strasse, schlug huepfend auf die Felsenvorspruenge und verlor
+sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantass, in den Tiefen zur Linken.
+
+Stutzend hielten die Pferde still.
+
+"Immer vorwaerts, meine Turteltaeubchen!" rief der Jemschik, und munter
+knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.
+
+Michael Strogoff ergriff Nadia's Hand.
+
+"Schlaefst Du, Schwester? fragte er.
+
+-- Nein, Bruder.
+
+-- Sei bereit fuer Alles. Jetzt kommt das Unwetter!
+
+-- Ich bin bereit."
+
+Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhaenge zu schliessen.
+
+Wild tobte der Sturmwind heran.
+
+Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die
+Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine
+schreckliche Gefahr.
+
+Unbeweglich stand der Tarantass an einer Biegung des Weges, durch welche
+der Sturm hereintobte. Der Wagen musste also dem Winde gerade entgegen
+gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so waere er
+unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden.
+Von den Windstoessen zurueckgedraengt baeumten sich die Pferde, ohne dass es
+ihrem Fuehrer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die
+Schmeichelworte folgten die kraeftigsten Flueche. Nichts half. Die armen,
+von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen,
+Artilleriesalven aehnlichen Donner betaeubten Thiere drohten die Straenge zu
+zerreissen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines
+Gespannes.
+
+Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantass und kam dem Kutscher zu Hilfe.
+Seiner aussergewoehnlichen Koerperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Muehe,
+die Thiere zu baendigen.
+
+Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Strasse erweiterte sich an
+der eben erreichten Stelle tonnenartig, so dass sich der Wind hineinpresste,
+etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht.
+Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstaemmen den Abhang
+herab zu poltern.
+
+"Hier koennen wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.
+
+-- Wir werden auch gar nicht laenger hier sein! rief der Jemschik, waehrend
+er ganz bestuerzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht
+einherstuermenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran,
+uns bergab zu befoerdern und das auf dem kuerzesten Wege.
+
+-- Nimm das Handpferd beim Zuegel, Memme! antwortete Michael Strogoff; fuer
+das linke werde ich stehen!"
+
+Ein neuer heftiger Windstoss unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und
+er mussten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu
+werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie
+jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine
+Strecke zurueck, und haette ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm
+aufgehalten, so waere er wohl vom Wege abgedraengt worden.
+
+"Fuerchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.
+
+-- Ich habe keine Furcht", erwiderte die junge Lieflaenderin, ohne dass ihre
+Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen haette.
+
+Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm
+verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.
+
+"Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.
+
+-- Nein, wir muessen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu
+ueberwinden, hoeher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.
+
+-- Aber die Pferde wollen nicht vorwaerts.
+
+-- Mach' es wie ich, ziehe sie!
+
+-- Diese Windstoesse werden sich wiederholen.
+
+-- Wirst Du gehorchen?
+
+-- Du willst es.
+
+-- Der 'Vater' selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum
+ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmaechtigen Namen des Kaisers
+gebrauchte.
+
+-- Dann also vorwaerts, meine Schwalben!" rief der Jemschik und ergriff das
+Pferd zur Rechten, waehrend Michael Strogoff die Zuegel des linken packte.
+
+So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht
+mehr seitwaerts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das
+nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Strasse einhalten.
+Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei
+Schritte vorwaerts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren.
+Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefaehrt
+schwebte jeden Augenblick in Gefahr, ausser Ordnung zu kommen. Waere die
+Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so haette sie der
+erste Anprall des Sturmes gewiss schon entfuehrt.
+
+Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese
+kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurueckzulegen, welche der Geissel
+des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein
+in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzueglich auch in jenem Hagel
+von Geroell und geknickten Staemmen, welchen der Berg um sie herum
+niederschuettete.
+
+Ploetzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein groesserer
+Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den
+Tarantass herabstuerzte.
+
+Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.
+
+Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe
+antreiben.
+
+Nur wenige Schritte, und das Felsstueck waere hinter ihnen niedergeschlagen.
+
+In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, dass der Tarantass
+getroffen, seine Gefaehrtin zerschmettert werden muesste! Er fuehlte, dass er
+sie lebend nicht mehr herauszuholen vermoechte ...
+
+Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schoepfte er eine
+fast uebermenschliche Kraft, stemmte den Ruecken gegen die Achse, die Fuesse
+fest auf den Boden und draengte das schwerfaellige Fuhrwerk einige Schritte
+vorwaerts.
+
+Der gewaltige Block flog vorueber, streifte dem jungen Manne fast die Brust
+und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd
+und Funken spruehend zersprangen die Steine auf der Strasse.
+
+"Bruder!" hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene
+beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.
+
+-- Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!
+
+-- Um meinetwillen koennte ich mich niemals fuerchten.
+
+-- Gott ist mit uns, Schwester!
+
+-- Mit mir gewiss, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!" sagte
+halblaut das junge Maedchen.
+
+Der Anstoss, den der Tarantass durch Michael Strogoff's Anstrengung erhielt,
+sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung fuer die stutzenden
+Pferde, die fruehere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff
+und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem
+schmalen von Norden nach Sueden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den
+directen Anprall des Unwetters einigermassen gesichert waren. Die Berglehne
+zur Rechten bildete hier eine Art Saegewerk durch einen vorspringenden
+Felsen, der sich mitten in einem schaeumenden Wildwasser erhob. Hier
+wuethete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien
+einigermassen haltbar, waehrend in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone
+sich gewiss kein Mensch oder Thier haette aufrecht erhalten koennen.
+
+Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel
+ueberragten, in einem Augenblick gekoepft, so als sauste eine Riesensense
+ueber die Hochflaeche dahin.
+
+Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in
+den Engpass hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der
+Boden schien unter den furchtbaren Schlaegen zu erzittern, so als wuerde die
+ganze Uralkette erschuettert.
+
+Zum Glueck hatte man den Tarantass in einer tiefen Felsenaushoehlung ziemlich
+gut unterbringen koennen, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf;
+doch war er nicht so vollkommen geschuetzt, dass er nicht manchmal durch
+einige von den Bergvorspruengen abgeleitete Seitenstroemungen tuechtig
+geschuettelt worden waere. Dabei stiess er wohl gegen die Felsmauer, dass man
+befuerchten musste, ihn in tausend Truemmer zersplittert zu sehen.
+
+Nadia musste den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff
+fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushoehlung,
+die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herruehrte und in
+welche sich das junge Maedchen verkriechen musste, bis es moeglich wuerde, die
+Fahrt wieder fortzusetzen.
+
+Jetzt begann - es war gegen ein Uhr Morgens - der Regen in Stroemen
+herabzustuerzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten
+Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu
+verloeschen. Unter diesen Verhaeltnissen war an den Wiederaufbruch natuerlich
+gar nicht zu denken.
+
+Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff's - und man begreift wohl, wie gross
+diese war - musste er doch das schlimmste Unwetter erst voruebergehen
+lassen. Da uebrigens der Bergruecken, ueber den die Strasse von Perm nach
+Jekaterinenburg fuehrt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch
+darum, die Bergabhaenge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt,
+jetzt, ueber einen von unzaehligen Bergbaechen durchwuehlten Boden, mitten in
+dem Sturm und den Regenschauern, hiess wirklich das Leben auf's Spiel
+setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.
+
+"Abwarten - es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch
+gegen vielleicht noch laengere Verzoegerungen. Die Heftigkeit des Gewitters
+laesst mich annehmen, dass es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr
+muss der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen duerfen, in der
+Finsterniss bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch
+nicht leicht, so doch mindestens ausfuehrbar sein.
+
+-- So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt
+aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu
+ersparen.
+
+-- Ich weiss es, Nadia, dass Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich
+uns Beide aber blossstelle, dann setze ich einen noch hoeheren Preis ein,
+als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und
+dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfuellen habe.
+
+-- Einer Pflicht!..." murmelte Nadia.
+
+Eben zerriss ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen
+gleichsam zu zerstaeuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen
+Krach. Die Luft erfuellte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche
+und eine zwanzig Schritte von dem Tarantass entfernte Gruppe alter Kiefern
+flammte, von dem elektrischen Fluidum entzuendet, gleich einer
+Gigantenfackel lodernd in die Hoehe.
+
+Der Jemschik stuerzte, wie von einem Rueckschlag getroffen, zu Boden, erhob
+sich aber gluecklicher Weise unverletzt wieder.
+
+Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges
+verloren hatte, fuehlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia's
+ergriffen und hoerte sie die Worte in sein Ohr sprechen:
+
+"Hilferufe, Bruder! Hoerst Du sie?"
+
+
+
+
+ Elftes Capitel.
+
+
+ Reisende in Noth.
+
+
+Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Strasse
+her und unfern der Aushoehlung, welche den Tarantass deckte, wiederholtes
+Hilferufen.
+
+Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von
+irgend einem gefaehrdeten Reisenden ausging.
+
+Michael Strogoff lauschte aufmerksam.
+
+Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschuetteln, so als
+scheine es ihm unmoeglich, hier Beistand zu leisten.
+
+"Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.
+
+-- Auf uns werden sie nicht zaehlen duerfen!... fiel rasch der Jemschik ein.
+
+-- Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene
+unter gleichen Verhaeltnissen gewiss fuer uns thun wuerden, sollen wir das
+unversucht lassen?
+
+-- Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf's Spiel!...
+
+-- Ich werde zu Fuss gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten
+Geschirrfuehrer.
+
+-- Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Lieflaenderin.
+
+-- Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich moechte diesen
+nicht allein lassen ...
+
+-- So werd' ich dableiben, erwiderte Nadia.
+
+-- Was auch geschehe, verlasse diese geschuetzte Stelle nicht!
+
+-- Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin."
+
+Michael Strogoff drueckte dankend die Hand seiner Gefaehrtin, eilte nach der
+Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.
+
+"Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Maedchen.
+
+-- Er handelt recht", antwortete einfach Nadia.
+
+Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er grosse Eile hatte
+den Bedraengten, welche jene Rufe erschallen liessen, helfend beizuspringen,
+so war doch auch sein Wunsch nicht minder gross, zu erfahren, wer jene
+Reisenden sein moechten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte,
+sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, dass es
+dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantass vorausrollte.
+
+Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit
+verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden
+immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurueck
+gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Strasse verlief mehrfach gekruemmt
+und der blaeuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der
+sich in einen solchen Strassenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er
+sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende
+Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kraefte zu
+widerstehen vermochte.
+
+Jedoch, es zeigte sich sehr bald, dass die Reisenden, von denen jene
+Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie fuer
+Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar - ob das nun daher kam, dass Jene
+sich nicht auf der Strasse selbst befanden, oder dass nur die herrschende
+Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, - jedenfalls verstand er ihre
+Worte schon ganz deutlich.
+
+Da hoerte er denn, - natuerlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, -
+Folgendes:
+
+"Wirst Du wohl zurueckkommen, Schlingel?
+
+-- Dich erwartet die Knute auf dem naechsten Relais.
+
+-- Hoerst Du, Du Postillon der Hoelle! He! Du, da unten!
+
+-- So wird man in diesem verwuenschten Lande befoerdert.
+
+-- Und das nennen sie einen Teleg!
+
+-- He, Du dreifacher Erztoelpel! - Da reisst er aus und scheint's gar nicht
+zu bemerken, dass er uns hier sitzen gelassen hat!
+
+-- Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Englaender! Ich
+werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen
+lassen!"
+
+Der, welcher diese Worte herauspolterte, schaeumte vor Wuth. Aber ploetzlich
+schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz
+anderer Seite betrachtete, denn er hoerte nach einem hellen, bei solcher
+Scene gewiss unerwarteten Gelaechter die Worte:
+
+"Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!
+
+-- Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in aergerlichem Tone der
+Buerger des Vereinigten Koenigreichs.
+
+-- Natuerlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn
+Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort!
+Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!..."
+
+Da erfuellte ein heftiger Donnerschlag den Engpass mit schrecklichem
+Krachen, das der Widerhall der Berge noch maechtig verstaerkte. Dann, als
+das letzte schwache Rollen verloescht war, liess sich wiederum die lustige
+Stimme vernehmen:
+
+"Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das koennte in Frankreich wahrlich nicht
+passiren!
+
+-- In England auch nicht!" antwortete der Brite.
+
+Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Strasse und
+gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Maenner auf dem hohen Ruecksitz eines
+sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen
+Geleises fest zu sitzen schien.
+
+Michael Strogoff naeherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer
+weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald
+die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem "Kaukasus" den Weg von
+Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurueckgelegt hatten.
+
+"Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter
+diesen Umstaenden wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten
+Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen."
+
+Der englische Reporter gruesste und vielleicht wollte er nach allen Regeln
+des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen,
+als ihn Michael Strogoff unterbrach:
+
+"Nicht noethig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga
+gemeinschaftlich befahren haben.
+
+-- Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...?
+
+-- Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff.
+Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher fuer den Einen so erheiternde,
+fuer den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?
+
+-- Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide
+Jolivet. Stellen Sie sich vor, dass unser Postillon mit dem Vordertheile
+seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig
+sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswuerdigen Fahrzeugs.
+Da haben wir nun die schlechtere Haelfte eines Telegs fuer uns Zwei, aber
+keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt
+und ueber alle Massen drollig?
+
+-- Ich finde gar nichts Laecherliches dabei! knurrte der Englaender.
+
+-- Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten
+Seite anzusehen.
+
+-- Aber wie denken Sie denn, dass es moeglich werden soll, unsern Weg
+fortzusetzen? fragte Harry Blount.
+
+-- Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich
+beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife
+die Zuegel, ich nenne Sie 'mein Taeubchen', wie ein leibhaftiger Jemschik,
+und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ...
+
+-- Herr Jolivet, fiel der Englaender ein, ein solcher Scherz geht zu weit
+und ...
+
+-- O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben,
+trete ich an Ihre Stelle und Sie moegen mich dann als engbruestige Schnecke
+oder ohnmaechtige Schildkroete behandeln, wenn ich Sie nicht in einem
+Hoellengalop dahinfahre!"
+
+Alcide Jolivet schuettelte das Alles mit einem so liebenswuerdigen Humor
+hervor, dass Michael Strogoff sich eines Laechelns nicht enthalten konnte.
+
+"Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiss ich doch besseren Rath.
+Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem hoechsten Kamme des Ural und
+folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen
+befindet sich fuenfhundert Schritt weiter rueckwaerts. Ich will Ihnen eines
+meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und
+kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhaelt, morgen zusammen in
+Jekaterinenburg an.
+
+-- Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag,
+der aus sehr edelmuethigem Herzen kommt.
+
+-- Ich bemerke noch, mein Herr, dass ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen
+Tarantass mit zu benutzen, weil er nur zwei Plaetze enthaelt, die ich mit
+meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.
+
+-- O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein
+College und ich wuerden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers
+Halbtelegs noethigenfalls bis an's Ende der Welt kommen.
+
+-- Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren grossmuethigen
+Vorschlag an. Aber jener Jemschik ...
+
+-- O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, dass ihm solch'
+kleiner Unfall zustiess, bemerkte Michael Strogoff.
+
+-- Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurueck? Er wird recht gut wissen,
+dass er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!
+
+-- Er!? Er weiss sicher kein Sterbenswoertchen davon.
+
+-- Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreissung des Telegs in zwei Haelften
+gar nicht bemerkt haben?
+
+-- Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben
+von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.
+
+-- Sagt' ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide
+Jolivet, dass uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?
+
+-- Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefaellig
+ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ...
+
+-- Aber der Teleg? bemerkte der Englaender.
+
+-- Fuerchten Sie nicht, dass er uns davon fliege, mein lieber Blount,
+troestete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt,
+dass er kommendes Fruehjahr Knospen treiben muesste, wenn man ihn stehen
+liesse.
+
+-- Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den
+Tarantass nun hierher schaffen."
+
+Der Franzose und der Englaender verliessen ihre Bank, die aus einem Ruecksitz
+zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.
+
+Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner
+rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstoeren im Stande war.
+
+"Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie
+ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.
+
+-- Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als
+was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan haette. Wenn sich
+Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstuetzen wollen, moege man lieber
+gleich die Landstrassen sperren.
+
+-- Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie
+weit durch die Steppe reisen, koennten wir uns wohl auch noch einmal
+begegnen, und ..."
+
+Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge,
+dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu
+geben:
+
+"Ich reise nach Omsk, meine Herren.
+
+-- Und Herr Blount und ich, erklaerte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich
+nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber
+Neuigkeiten zu erwischen giebt.
+
+-- Nach den empoerten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen
+Eifer.
+
+-- Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort
+wohl nicht wieder!
+
+-- Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht
+luestern nach einer Buechsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu
+friedliebender Natur, um mich unnoethig dahin zu begeben, wo man sich
+herumschlaegt.
+
+-- Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiss leid thun, so schnell
+von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern
+aber doch, dass wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stueck Weges
+zusammen zuruecklegen, und waere es nur waehrend weniger Tage?
+
+-- Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer
+Ueberlegung.
+
+-- Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet.
+Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die
+Verhaeltnisse unseren weiteren Weg bestimmen.
+
+-- Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden
+wir also zusammen sein."
+
+Michael Strogoff haette es gewiss vorgezogen, allein zu reisen, er konnte
+sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden
+absondern, welche des naemlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide
+Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu
+machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag fuer ihn
+uebrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer
+Gesellschaft zurueck zu legen.
+
+"Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen."
+
+Dann setzte er mit moeglichst gleichgiltigem Tone hinzu:
+
+"Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten ueber den
+Tartareneinfall?
+
+-- Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als
+in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan's haben die
+ganze Provinz Semipalatinsk ueberschwemmt und dringen jetzt in Eilmaerschen
+laengs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen
+muessen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.
+
+-- Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.
+
+-- Dazu geht das Geruecht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet
+die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten
+Provinz, dem Tartarenchef unverzueglich anschliessen.
+
+-- Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr
+oder weniger begruendeten Neuigkeiten selbstverstaendlich sehr
+interessirten.
+
+-- Ei, so wie man eben Alles weiss, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so
+in der Luft.
+
+-- Und Sie haben begruendete Ursache zu glauben, dass Colonel Ogareff in
+Sibirien sei?
+
+-- Ich habe mindestens davon sprechen hoeren, dass er den Weg von Kasan nach
+Jekaterinenburg eingeschlagen habe.
+
+-- O, Sie wuessten das, Herr Jolivet? liess sich da Harry Blount vernehmen,
+den jene Bemerkung des franzoesischen Correspondenten aus seiner
+Schweigsamkeit aufruettelte.
+
+-- Ich wusste es, erwiderte Alcide Jolivet.
+
+-- Und es war Ihnen auch bekannt, dass er als Zigeuner verkleidet ging?
+fragte Harry Blount.
+
+-- Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkuerlich, da er sich der
+Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem
+"Kaukasus" und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.
+
+-- Ich hatte davon eben genug erfahren, um darueber einen Brief an meine
+Cousine zu richten, antwortete laechelnd Alcide Jolivet.
+
+-- Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Englaender in
+trockenem Tone.
+
+-- Gewiss nicht, liebster College, und waehrend der 'Kaukasus' sich
+verproviantirte, that ich ganz dasselbe!"
+
+Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplaenkel, das sich
+zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte
+jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht
+ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die
+jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemuehte sich, alle
+Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedaechtniss aufzufrischen, als in
+geringer Entfernung ein Knall hoerbar wurde.
+
+"Ah, vorwaerts, meine Herren! rief Michael Strogoff.
+
+-- Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschuesse flieht, meinte
+Alcide Jolivet, der laeuft ueber Hals und Kopf dahin, wo er solche hoert!"
+
+Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch
+nicht der Mann dazu war, feig zurueck zu bleiben, Michael Strogoff
+furchtlos nach.
+
+Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der
+den Tarantass deckte.
+
+Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzuendeten
+Fichtengruppe empor. Die Strasse war leer. Und doch, Michael Strogoff
+konnte sich unmoeglich getaeuscht haben; das musste ein Gewehrschuss sein, der
+vorher an sein Ohr schlug.
+
+Da hoerte man ploetzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte
+ein zweiter Schuss.
+
+"Ein Baer! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war.
+Nadia! Nadia!"
+
+Sein Dolchmesser aus dem Guertel reissend stuerzte Michael Strogoff hastig
+vorwaerts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Maedchen zu warten
+versprochen hatte.
+
+Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten
+den Schauplatz.
+
+In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantass erreichte, waelzte
+sich ihm eine enorme Masse entgegen.
+
+Es war ein ungeheurer Baer. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehoelz, das diese
+Abhaenge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner
+gewohnten Hoehle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.
+
+Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt ueber den Anblick des
+furchtbaren Raubgesellen, ihre Straenge und entflohen; der Jemschik, dem
+nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergass, dass das junge
+Maedchen nun allein dem Angriffe des Baeren ausgesetzt blieb, jagte ihnen
+nach.
+
+Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst
+nicht bemerkt haben, denn es stuerzte sich auf das dritte Pferd. Nadia
+schluepfte aus der Hoehlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen,
+ergriff einen von Michael Strogoff's Revolvern, ging kaltbluetig auf den
+Baeren los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Naehe.
+
+Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge
+Maedchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantass lief,
+dessen einzig uebrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureissen suchte.
+Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze
+Weiterfahrt zunaechst in Frage gestellt. Nadia war also dem Baeren wieder
+entgegen getreten und gab mit bewunderungswuerdig ruhigem Blute, gerade als
+jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum
+zweiten Male Feuer.
+
+Das war jener zweite Schuss, welcher ganz in der Naehe Michael Strogoff's
+aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Baeren und das
+junge Maedchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und
+das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine
+leblose Masse, vor ihm zusammen.
+
+Es war ein huebsches Proebchen jener Methode der sibirischen Jaeger, die
+stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene
+Fell eines Baeren nicht zu beschaedigen.
+
+"Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff's erste Frage,
+als er sich zu dem jungen Maedchen wandte.
+
+-- Nein, Bruder", antwortete Nadia.
+
+Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.
+
+Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er musste wohl eine
+kraeftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu baendigen. Sein
+Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff's mit angesehen.
+
+"Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, fuer einen einfachen Kaufmann,
+Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich
+umzugehen.
+
+-- Sogar sehr geschickt, fuegte Harry Blount hinzu.
+
+-- In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir
+genoethigt, uns um Alles ein wenig zu bekuemmern."
+
+Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.
+
+Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in
+der Hand, den einen Fuss auf dem Koerper des erlegten Baeren, sah Michael
+Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich
+schoen aus.
+
+"Ein famoser Kerl!" sagte Alcide Jolivet fuer sich.
+
+Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begruesste das junge
+Maedchen.
+
+Nadia verneigte sich leicht.
+
+Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:
+
+"Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Baer waere, ich riebe
+mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswuerdigen
+Paerchen!"
+
+Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in
+einiger Entfernung. Die zwanglose Hoeflichkeit seines Collegen vermehrte
+nur seine natuerliche Steifheit.
+
+Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden
+Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das
+praechtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute fuer die Raubvoegel
+liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr
+wieder in Ordnung zu bringen.
+
+Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in
+Kenntniss und sagte, dass er diesen ein Pferd vom Tarantass zur Verfuegung
+stellen wolle.
+
+"Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indess, zwei Wagen statt
+des einen ...
+
+-- Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zoegern schnell
+genug verstand, ihm in's Wort, Du wirst natuerlich auch doppelte Bezahlung
+erhalten.
+
+-- Nun denn vorwaerts, meine Turteltaeubchen!" rief der Jemschik.
+
+Nadia hatte den Tarantass wieder bestiegen, waehrend Michael Strogoff und
+seine Begleiter diesem zu Fusse nachfolgten.
+
+Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte
+nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so dass man
+leidlich schnell vorwaerts kam.
+
+Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantass das
+Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Raeder in den
+Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, dass ein heftiger
+Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlasst hatte.
+
+Das eine der Seitenpferde des Tarantass ward nun so gut es eben anging mit
+Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten
+nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und
+gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja
+nur die Bergabhaenge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere
+Schwierigkeit bot.
+
+Sechs Stunden spaeter langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem
+anderen in Jekaterinenburg an, ohne dass ein weiterer Unfall diesen zweiten
+Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen haette.
+
+Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses
+in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der groessten
+Gemuethsruhe zu erwarten schien.
+
+Ohne alle Verlegenheit ging der gutmuethige Russe seinen Passagieren
+laechelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld
+einzuheimsen.
+
+Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, dass Harry Blount's Zorn
+dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und waere der
+Jemschik nicht klueglich zurueckgewichen, so haette ihm ein nach allen Regeln
+der edlen Boxkunst gefuehrter Faustschlag wohl sein '_na vodku_' mitten
+in's Gesicht gezeichnet.
+
+Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen
+und jubelte auf, wie er vielleicht frueher noch nie gelacht hatte.
+
+"Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem
+vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir
+keine Mittel fanden, ihm zu folgen!"
+
+Er zog einige Kopeken aus der Tasche.
+
+"Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da,
+steck' sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war's ja Deine Schuld
+nicht!"
+
+Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount's, der sich an
+dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozess an den Hals werfen
+wollte.
+
+"Einen Prozess! Und in Russland! rief Alcide Jolivet; aber unter den
+obwaltenden Verhaeltnissen, bester College, waeren Sie nicht im Stande,
+dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener
+russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Saeuglings
+gegenueber klagbar wurde, dass sie jenen weiter naehren wollte?
+
+-- Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.
+
+-- Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Saeugling geworden war, als das
+Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten faellte?
+
+-- Und was, wenn ich bitten darf?
+
+-- Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!"
+
+Alle brachen in helles Gelaechter aus.
+
+Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und
+bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Woerterbuche zu figuriren,
+durch folgende Bemerkung:
+
+"Teleg, ein in Russland gebraeuchlicher Wagen, wenn er abfaehrt mit vier, -
+wenn er ankommt mit zwei Raedern!"
+
+
+
+
+ Zwoelftes Capitel.
+
+
+ Eine Herausforderung.
+
+
+Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens,
+denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Auslaeufern der
+oestlichen Berglehne. Trotzdem gehoert es zu dem Gouvernement von Perm und
+bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europaeischen
+Russlands. Dieser administrative Uebergriff muss wohl seinen Grund haben. Er
+betrifft ein Stueck Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Russlands
+verblieb.
+
+Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer
+so grossen, schon im Jahre 1723 gegruendeten Stadt um die Beschaffung der
+noethigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.
+
+In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Muenzstaette des
+ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der
+Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen
+Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhuetten, Gold- und Platinwaeschereien fast
+im Ueberfluss vorhanden sind.
+
+Zu jener Zeit hatte die Bevoelkerung Jekaterinenburgs sich ganz
+ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen
+und Sibirier stroemten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von
+Feofar-Khan's Horden schon ueberflutheten Provinzen und vorzueglich aus dem
+Lande der Kirghisen, das sich im Suedwesten des Irtysch bis zu den Grenzen
+von Turkestan ausdehnt.
+
+Fehlten also die Befoerderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu
+gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluss vorhanden, um diese Stadt
+verlassen zu koennen. Bei der jetzigen Lage der Dinge fuehlten die meisten
+Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.
+
+Unter eben diesen Umstaenden gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount
+natuerlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen.
+Was Michael Strogoff betrifft, so gehoerte der Tarantass ja ihm an;
+letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht
+sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter
+Pferde, um ihn schnell auf der Strasse nach Irkutsk weiter zu befoerdern.
+
+Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoe verlief diese Strasse noch sehr
+huegelig, denn sie wand sich bis dahin ueber die launenhaften
+Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden.
+Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoe aber begann die grenzenlose Steppe, die
+sich bis in die Naehe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. ueber einen Raum von
+1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.
+
+Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im
+Vorigen erfahren haben, zunaechst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von
+Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich naeher ueber den Verlauf
+der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den
+im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint,
+je nachdem ihr Jaegerinstinct sie auf die eine oder die andere Faehrte
+leiten wuerde.
+
+Dieselbe Strasse von Jekaterinenburg nach Ischim, - die sich auch nach
+Irkutsk fortsetzt, - war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff
+unbedingt benutzen musste. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von
+Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu
+vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er fuer seinen Theil
+fest entschlossen, nirgends unnoethig eine Stunde zu verweilen.
+
+"Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr
+angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft
+zurueckzulegen, doch muss ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, dass
+ich die groesste Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich
+wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiss, ob es uns ueberhaupt moeglich
+werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Haende
+faellt! Ich werde mich also auf den Relais nie laengere Zeit aufhalten, als
+das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.
+
+-- Wir denken vorlaeufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.
+
+-- Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen
+Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ...
+
+-- Der so freundlich ist, fuegte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem
+Vorder- und Hintertheil bei der naechsten Station anzukommen."
+
+Eine halbe Stunde spaeter hatte der ruehrige Franzose denn auch ohne
+besondere Muehe einen Tarantass aufgetrieben, der dem Michael Strogoff's
+ziemlich aehnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort
+bequem einrichtete.
+
+Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plaetze im Tarantass ebenfalls wieder
+ein, und zu Mittag verliessen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.
+
+Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach
+Irkutsk fuehrt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Lieflaenderin da
+wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten,
+in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten
+Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich
+kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht
+einmal haette betreten duerfen; ihr Blick schweifte hinaus ueber den
+entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie
+beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von
+sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des
+westlichen Sibiriens, die sich von dem des oestlichen so merklich
+unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern,
+einem, mindest auf der Oberflaeche, sehr mageren Boden, denn in seinem
+Innern birgt er neben einem Ueberfluss von Eisen auch viel Kupfer, Gold und
+Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl huettengewerbliche Anlagen, aber
+fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch
+die noethigen Arme nehmen, die Erde zu pfluegen, die Felder zu besaeen, die
+Erndten einzuholen, wenn es eintraeglicher ist, die Eingeweide der Erde mit
+Spitzhaue und Schlaegel zu durchwuehlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann
+den Platz geraeumt. Die Hacke trifft man ueberall, den Spaten nirgends.
+
+Manchmal loesten sich Nadia's Gedanken indess doch von den entlegenen
+Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre
+gegenwaertige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie
+sah wieder ihren edelmuethigen Reisegefaehrten zuerst auf der Eisenbahn von
+Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen gefuehrt
+hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit waehrend der Fahrt, seines
+Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden
+Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner
+Sorgfalt fuer sie waehrend der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen,
+was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit
+Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!
+
+Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafuer, dass er ihr
+gerade diesen wachsamen Beschuetzer, diesen edelmuethigen und verschwiegenen
+Freund zugefuehrt hatte. Sie fuehlte sich neben ihm, unter seinem Schutze
+vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder haette nicht besser an ihr
+handeln koennen. Sie fuerchtete jetzt kein Hinderniss mehr; sie war
+ueberzeugt, ihr Endziel zu erreichen.
+
+Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen
+Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, dass er ihm durch diese Begegnung
+mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualitaet gegen
+Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes
+Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Maedchens erweckte
+die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine
+Schwester? Er empfand fuer seine schoene heroische Begleiterin ebenso viel
+Hochachtung als Zuneigung. Er fuehlte es, dass in ihr eines jener reinen und
+seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zaehlen kann.
+
+Seitdem er indess den Boden Sibiriens durchzog, begannen fuer Michael
+Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden
+Journalisten sich nicht etwa taeuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die
+Grenze ueberschritten hatte, so musste er ueberall mit der groessten Vorsicht
+auftreten. Die Verhaeltnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen
+Provinzen wimmelte es gewiss von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito
+gelueftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um
+seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff
+empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.
+
+So gestalteten sich die Umstaende in dem ersten Wagen, und wie sah es denn
+in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewoehnlich. Alcide Jolivet sprach in
+lustigen Saetzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder
+sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich
+Anmerkungen ueber Vorkommnisse waehrend der Reise, Ereignisse, welche
+uebrigens waehrend dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens
+nicht von besonderem Gewichte waren.
+
+Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten
+Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen
+werden, so verliess Nadia den Tarantass gar nicht. Beabsichtigte man zu
+fruehstuecken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel
+Platz, hielt sich aber sehr zurueckgezogen und betheiligte sich moeglichst
+wenig bei der Unterhaltung.
+
+Ohne jemals die Grenzen gebildeter Hoeflichkeit zu ueberschreiten, zeigte
+Alcide Jolivet doch fuer die junge Lieflaenderin, die er uebrigens reizend
+fand, stets die groesste Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie,
+die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umstaenden ausgefuehrten
+Reise gegenueber zeigte.
+
+Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr
+mittelmaessig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die
+Postmeister an, liess die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das
+Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt - gewoehnlich zu schnell
+und zum grossen Leidwesen Harry Blount's, der nun einmal ein methodischer
+Esser war, - so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn
+sie bezahlten fuerstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, "als und mit
+russischen Adlern(3)".
+
+Es versteht sich von selbst, dass Harry Blount sich des jungen Maedchens
+wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen
+Unterhaltungsgegenstaende, ueber welche er mit seinem Gefaehrten nicht gern
+plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei
+Sachen auf einmal zu thun.
+
+Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge
+Lieflaenderin wohl sein moege, antwortete er ganz ernsthaft und mit
+halbgeschlossenen Augen:
+
+"Welche junge Lieflaenderin?
+
+-- Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff's.
+
+-- Das ist seine Schwester?
+
+-- Nein, seine Grossmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma
+ausser Fassung brachte. -- Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?
+
+-- Waere ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so wuerde ich es wissen!"
+antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen
+wollte.
+
+Der Landstrich, durch den die beiden Tarantass dahinrollten, war fast
+vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht
+bewoelkt, die Temperatur ertraeglich. Mit besser auf Federn befestigten
+Wagen haetten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie
+kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell
+vorwaerts.
+
+Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwaertigen
+Verhaeltnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar
+keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche
+Bauern eine beruehmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt
+ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige
+verlassene Doerfer die Annaeherung der tartarischen Heerhaufen. Die
+Einwohner waren unter Mitfuehrung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und
+Pferden nach den noerdlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene
+Staemme der grossen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls ueber den
+Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Pluenderungen der Eindringlinge zu
+entgehen.
+
+Gluecklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Stoerung, so wenig
+wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch
+reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den
+vorschriftsmaessigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die
+Beamten an ihren Schaltern zur Befoerderung der aufgegebenen Telegramme,
+welche hoechstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzoegerung
+erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen
+ausgiebigen Gebrauch.
+
+Bis hierher ging Michael Strogoff's Reise also unter befriedigenden
+Umstaenden von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends
+verspaetet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan ueber
+Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch
+sicher, vor ihnen und in der kuerzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in
+Irkutsk anzulangen.
+
+Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantass Jekaterinenburg verliessen,
+erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach
+Zuruecklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne dass sich dabei ein irgend
+nennenswerther Zufall ereignet haette.
+
+Dort wurde dem Fruehstueck ein halbes Stuendchen gegoennt. Gleich darauf
+eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das
+Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklaerlich machte.
+
+Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst
+weiter in Tiumen an.
+
+Tiumen, dessen normale Bevoelkerung gegen 10,000 Seelen zaehlt, beherbergte
+jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, uebrigens das erste von den
+Russen in Sibirien gegruendete Industriestaedtchen, dessen schoene
+metallurgische Werkstaetten und Glockengiessereien weithin bekannt sind, bot
+noch nie vorher einen so belebten Anblick.
+
+Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach
+Neuigkeiten. Was die sibirischen Fluechtlinge vom Kriegsschauplatze
+mittheilten, klang nicht eben sehr troestlich.
+
+Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan's naehere sich in
+Eilmaerschen dem Thale des Ischim, und man bestaetigte mehrfach, dass der
+Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten
+werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz
+richtig, dass die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens
+gefuehrt werden wuerden.
+
+Die russischen Truppen mussten ihrer Mehrzahl nach erst aus den
+europaeischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu
+entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu koennen. Dagegen bewegten
+sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Maerschen auf Tomsk
+zu und hofften die Tartarenschwaerme dort abzuschneiden.
+
+Um acht Uhr Abends hatten die Tarantass weitere fuenfundsiebzig Werst
+zurueckgelegt und kamen in Jalutorowsk an.
+
+Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich ausserhalb der Stadt auf
+einer Faehre den Tobolfluss. Sein sehr friedliches Gewaesser erleichterte
+diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals,
+und dann wohl unter minder guenstigen Umstaenden wiederholen musste.
+
+Gegen Mitternacht wurde, fuenfundfuenfzig Werst weiter, der Flecken
+Novo-Saimsk erreicht und nun liessen die Reisenden endlich den leicht
+wellenfoermigen Boden mit seinen waldbedeckten Huegeln, den letzten Wurzeln
+der Uralberge, hinter sich.
+
+Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis
+in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne
+Grenzen, eine Art mit Graesern bestandener Wueste, an deren Umfang sich
+Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen beruehrten.
+Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die
+Telegraphenpfaehle zu beiden Seiten der Strasse, laengs der die Draehte leise,
+wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen.
+Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den
+feinen Staub, der unter den Raedern der Tarantass aufwirbelte. Ohne dieses
+weissliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, haette man
+geglaubt, in der Wueste zu sein.
+
+Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefaehrten mit noch
+groesserer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten
+kein besonderes Hinderniss zu ueberwinden, und der Weg verschwand sichtbar
+hinter ihnen. Die Tarantass flogen direct auf Ischim zu, woselbst die
+beiden Correspondenten zunaechst bleiben wollten, wenn kein besonderer
+Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.
+
+Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am
+Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurueckgelegt sein,
+vorausgesetzt, dass man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der
+Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich grosse Herren
+oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in
+der Freigebigkeit bezueglich der vertheilten Trinkgelder begruendet sein.
+
+Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantass in der
+That nur noch dreissig Werst von Ischim.
+
+Da bemerkte Michael Strogoff auf der Strasse und vor einer wallenden
+Staubwolke kaum sichtbar, dass noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da
+seine weniger ermuedeten Pferde sehr schnell liefen, musste er diesen
+offenbar bald einholen.
+
+Jenes war weder ein Tarantass, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche;
+ueber und ueber mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich
+zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gaeule los und suchte
+sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline
+hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie musste auf die Strasse nach
+Irkutsk ueber irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.
+
+Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie
+Alle nur den naemlichen Gedanken, sie zu ueberholen, vor ihr beim Relais
+anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes
+an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der
+von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.
+
+Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.
+
+Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.
+
+Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er
+indessen voruebereilte, so hoerte er den Fremden doch mit befehlendem Tone
+ihm zurufen:
+
+"Anhalten!"
+
+Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell
+ueberholt.
+
+Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf
+der voruebersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline
+gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke
+verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weisslich-grauen Masse
+erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit
+den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.
+
+Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im
+Vorsprung, - ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das
+Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das
+verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach
+einander, wohl zu leisten vermochte.
+
+Eine halbe Stunde spaeter sah man die weit ueberholte Berline kaum noch als
+ein Puenktchen am Horizonte der Steppe.
+
+Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantass am Posthause, gleich am
+Eingange der Stadt Ischim anlangten.
+
+Die Nachrichten ueber den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die
+Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen
+bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehoerden auf
+Tobolsk zurueckgezogen. Ischim besass jetzt weder einen Beamten noch einen
+Soldaten.
+
+Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais fuer sich
+frische Pferde.
+
+Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade
+drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die
+andern lagen erschoepft von irgend einem kurz zuvor zurueckgelegten langen
+Wege in den Stallungen.
+
+Der Postmeister gab Befehl, den Tarantass zu bespannen.
+
+Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige
+Weiterbefoerderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es fuer gerathen hielten,
+vorlaeufig in Ischim zu verweilen; sie liessen also nur ihren Wagen in einer
+Remise des Posthofes unterbringen.
+
+Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die
+Meldung, dass sein Tarantass zum Abfahren bereit sei.
+
+"Gut", erwiderte er.
+
+Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.
+
+"Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl
+die Zeit des Abschieds fuer uns gekommen.
+
+-- Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht
+ein Stuendchen lang auch in Ischim aufhalten?
+
+-- Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu
+haben, bevor die von uns ueberholte Berline hier eintrifft.
+
+-- Fuerchten Sie, dass der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde
+streitig machen koennte?
+
+-- Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.
+
+-- Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, haetten wir nur nochmals fuer
+den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie fuer das Vergnuegen, welches es
+uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.
+
+-- Es ist uebrigens moeglich, setzte Harry Blount hinzu, dass wir uns nach
+Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.
+
+-- Das koennte wohl sein, bestaetigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin
+abgehe.
+
+-- Also glueckliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und
+Gott bewahre Sie vor allen Telegs."
+
+Die beiden Correspondenten ergriffen die Haende Michael Strogoff's, um sie
+ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu druecken, als von draussen das
+Heranrollen eines Wagens hoerbar wurde.
+
+Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebaeudes stuermisch aufgerissen und
+erschien in demselben eine maennliche Gestalt.
+
+Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militaerischem Aussehen,
+der gegen vierzig Jahre zaehlen mochte, von hoher, kraeftiger Gestalt,
+maechtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen
+Schnurrbart, der unmittelbar in den roethlichen Backenbart ueberging. Er
+trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesaebel hing an seiner
+Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.
+
+"Pferde!" rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu
+befehlen leicht heraushoerte.
+
+-- Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfuegung, antwortete der
+Postmeister mit einer hoeflichen Verbeugung.
+
+-- Ich brauche solche aber im Augenblick.
+
+-- Es ist unmoeglich.
+
+-- Was sind das fuer Pferde, welche ich eben vor der Thuer des Relais an den
+Tarantass gespannt sah?
+
+-- Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit
+einem Hinweis auf Michael Strogoff.
+
+-- So spanne man sie wieder ab!..." sagte der Reisende in einem Tone, der
+jeden Widerspruch fast abschnitt.
+
+Michael Strogoff trat einen Schritt vor.
+
+"Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.
+
+-- Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwaerts - lebhaft! Ich habe keine Zeit zu
+verlieren.
+
+-- Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar", erwiderte Michael
+Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Muehe zurueckhalten
+konnte.
+
+Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien aeusserlich ruhig und doch
+fuerchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen
+haette.
+
+"Genug der Worte!" versetzte der fremde Reisende.
+
+Dann wandte er sich an den Postmeister:
+
+"Sie lassen jenen Tarantass wieder abschirren, rief er und bekraeftigte
+seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor
+meine Berline gespannt."
+
+In seiner Verlegenheit wusste der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen
+sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den
+unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.
+
+Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe
+seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken musste,
+nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde
+seine Reise verzoegern, und ausserdem lag es ihm am Herzen, keinen
+zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausfuehrung seiner Mission haette
+in Frage stellen koennen.
+
+Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar
+bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstuetzung anrufen sollte.
+
+"Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben", sagte Michael Strogoff,
+aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es fuer einen einfachen
+sibirischen Kaufmann passend erschien.
+
+Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine
+Hand derb auf dessen Schulter fallen liess: "Also so steht es! Du weigerst
+Dich, mir Deine Pferde abzutreten?
+
+-- Gewiss, antwortete Michael Strogoff.
+
+-- Nun gut, so werden sie dem gehoeren, der nachher noch im Stande ist
+weiter zu reisen! Vertheidige Dich - ich schone Dich nicht!"
+
+Bei diesen Worten riss der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide
+und legte sich zum Fechten aus.
+
+Nadia stuerzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.
+
+Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.
+
+"Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und
+kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.
+
+-- Du wirst Dich nicht schlagen?
+
+-- Nein.
+
+-- Auch hiernach nicht?" schrie der Reisende.
+
+Und bevor man ihn zurueckhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche
+Michael Strogoff's Schulter.
+
+Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen
+des jungen Mannes. Seine Haende hoben sich krampfhaft, als wollten sie den
+rohen Gegner zermalmen. Nur mit aeusserster Anstrengung blieb er seiner
+maechtig. Ein Duell, - das war mehr, als eine Verzoegerung, das konnte ihn
+seine Mission gaenzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige
+Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!
+
+"Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den
+Raufbold eines weiteren Wortes zu wuerdigen, waehrend er dem Fremden aber
+fest in's Auge sah.
+
+-- Die Pferde fuer mich! Und augenblicklich!" herrschte Jener.
+
+Er verliess mit diesen Worten das Zimmer.
+
+Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den
+Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick
+zu.
+
+Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten
+hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders guenstig sein. Sie
+erschienen sichtlich enttaeuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann liess
+sich schlagen und forderte auch fuer eine solche rohe Beleidigung keine
+Genugthuung! Sie gruessten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich
+zurueck, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:
+
+"Das haette ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Baeren des Ural
+so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, dass der Muth
+seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir
+unverstaendlich. Uns Andern koennte hier vielleicht nur das Eine abgehen,
+dass wir niemals Leibeigene gewesen sind."
+
+Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Raedern und das Knallen einer
+Peitsche, dass die mit den Pferden des Tarantass bespannte Berline das
+Posthaus verliess.
+
+Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd
+in dem Wartesaale des Relais zurueck.
+
+Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen
+niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsaeule. Nur hatte
+eine tiefe Roethe, welche einer Schamroethe dennoch nicht aehnlich sah, die
+fruehere Blaesse seines Gesichtes verdraengt.
+
+Fuer Nadia lag es ausser allem Zweifel, dass nur die gewichtigsten Gruende
+einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich
+ungestraft hingehen zu lassen.
+
+Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in
+Nishnij-Nowgorod genaehert hatte.
+
+"Deine Hand, Bruder!" redete sie ihn an.
+
+Dabei fing ihre Hand bei einer fast muetterlich-zaertlichen Bewegung eine
+Thraene auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordraengte.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+
+ Die Pflicht ueber Alles!
+
+
+Nadia hatte es durchschaut, dass irgend ein wichtiges Geheimniss die
+Handlungsweise Michael Strogoff's bestimmte, dass dieser, aus welchem
+Grunde wusste sie nicht, sich nicht selbst angehoerte, nicht das Recht
+hatte, ueber seine Person zu verfuegen, und dass er unter diesen Umstaenden
+sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenueber einer so
+frechen, toedtlichen Beleidigung.
+
+Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklaerung zu
+beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden
+Morgen nicht zu beschaffen; man musste demnach die ganze Nacht auf dem
+Relais zubringen. Fuer Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so
+noethige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewaehren. Es wurde fuer
+sie also ein Zimmer zurecht gemacht.
+
+Gewiss waere das junge Maedchen lieber bei ihrem Reisegefaehrten geblieben,
+aber sie fuehlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte
+sich an, das fuer sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.
+
+Unmoeglich war es ihr aber, sich zurueck zu ziehen, ohne sich von Jenem
+wenigstens zu verabschieden.
+
+"Lieber Bruder ...", fluesterte sie noch einmal.
+
+Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein
+Seufzer entrang sich der Brust des jungen Maedchens, und schweigend verliess
+sie das Zimmer.
+
+Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er haette unmoeglich Schlaf finden
+koennen. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen
+Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.
+
+"Fuer das Vaterland und fuer dessen Vater!" murmelte er endlich am Schlusse
+eines stillen Abendgebetes.
+
+Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der
+Mann sein moege, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er kaeme, wohin er
+ginge. Die Gesichtszuege desselben hatten sich seinem Gedaechtniss so tief
+eingepraegt, dass er nie zu befuerchten brauchte, dieselben zu vergessen.
+
+Michael Strogoff liess den Postmeister rufen.
+
+Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann
+etwas ueber die Achsel an und erwartete dessen Begehren.
+
+"Du bist selbst aus diesem Lande?
+
+-- Ja.
+
+-- Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?
+
+-- Nein.
+
+-- Du hast ihn nie vorher gesehen?
+
+-- Niemals.
+
+-- Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?
+
+-- Ein grosser Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiss!"
+
+Wie ein Dolchstoss traf Michael Strogoff's Blick den Sibirier bis in's
+Herz, aber der Postmeister ruehrte die Augenlider nicht.
+
+"Du unterstehst Dich, ueber mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.
+
+-- Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die
+auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.
+
+-- Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?
+
+-- Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage,
+Dir das sagen zu koennen."
+
+Michael Strogoff naeherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden
+wuchtigen Haende auf die Schultern.
+
+Dann sagte er mit besonders gemaessigter Stimme:
+
+"Geh' Deines Weges, guter Freund! - Geh', ich koennte Dich umbringen!"
+
+Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht missverstanden. "So sehe ich Dich
+lieber", sagte er noch halblaut.
+
+Ohne ein weiteres Wort verliess er den Wartesaal.
+
+Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantass Morgens acht Uhr mit drei
+muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz,
+und Ischim, fuer Beide eine Stadt mit so betruebender Erinnerung, verschwand
+bald hinter einer Biegung der Strasse.
+
+Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages
+beruehrte, konnte er sich ueberzeugen, dass die Berline ihm immerfort auf dem
+Wege nach Irkutsk vorausfuhr und dass der Reisende, der es offenbar ebenso
+eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.
+
+Gegen vier Uhr Abends musste, fuenfundsiebzig Werst weiter, bei der Station
+Abatskaja, der Ischimfluss, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch,
+ueberschritten werden.
+
+Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene ueber den Tobol. Die
+Stroemung des Ischim ist naemlich gerade an dieser Stelle eine besonders
+heftige. Waehrend des sibirischen Winters sind alle diese Steppenfluesse,
+welche der Frost mit mehrere Fuss dickem Eise belegt, leicht zu passiren;
+ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weissen Decke, welche sich
+ueber die ganze Haelfte des groessten Erdtheils lagert; im Sommer koennen sie
+dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.
+
+Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt ueber den Ischim hin, - zwei
+Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung
+brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende
+Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.
+
+Diese lauteten etwa folgendermassen:
+
+Einzelne Plaenkler von Feofar-Khan's Truppen waren schon an beiden Ufern
+des unteren Ischim, in den suedlichen Landstrichen des Gouvernements
+Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von
+einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der
+Grenze des Gebietes der grossen Kirghisenhorde, - ein Treffen, das fuer die
+auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen
+sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rueckzug, der gleichzeitig
+eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansaessigen Bauern zur
+Folge hatte. Man erzaehlte sich von haarstraeubenden Frevelthaten der
+Eindringlinge, von Pluenderungen, Diebstaehlen, Brandstiftungen und
+Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegfuehrung der Tartaren. Von allen
+Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan's zu entfliehen. Bei
+dieser Entvoelkerung der Flecken und Doerfer fuerchtete Michael Strogoff vor
+Allem, dass es ihm an den noethigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen
+koenne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede moegliche Weise.
+Jenseits dieser Stadt schien es eher moeglich, den tartarischen Plaenklern,
+die laengs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie
+Strasse nach Irkutsk zu erreichen.
+
+Der Tarantass ueberschritt den Fluss uebrigens gerade am Ende der Stelle,
+welche man in der Militaersprache als "die Ischimsperre" bezeichnet, eine
+Reihe von hoelzernen Thuermen und Fortificationsanlagen, die sich von der
+suedlichen Grenze Sibiriens in einer Laenge von 400 Werst (= 427 Kilometer)
+nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhaeuser u. s. w. von
+Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen
+Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die
+moskowitische Regierung diese Horden aber fuer vollstaendig unterworfen
+hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nuetzen,
+obschon sie gerade jetzt haetten recht vortheilhaft vertheidigt werden
+koennen. Der groesste Theil dieser Blockhaeuser lag in Asche, und einige
+Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten,
+bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annaeherung der tartarischen
+Vorhut.
+
+Sobald die Faehre den Tarantass nebst Bespannung an das rechte Flussufer
+befoerdert hatte, ward der Weg durch die Steppe in moeglichster
+Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.
+
+Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmaessig verschleiert. Wiederholt
+fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu
+loeschen und den Weg eher zu bessern.
+
+Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in truebem
+Schweigen, ohne dass er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor,
+Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast moeglichst
+zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage ueber des jungen Maedchens Lippen
+kam. Wie gern haette sie den Pferden des Tarantass Fluegel verliehen! Ein
+unbekanntes Etwas rief ihr zu, dass ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe,
+in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie
+jetzt noch von diesem Ziele!
+
+In ihr stieg auch der Gedanke auf, dass bei einer Besetzung von Omsk durch
+die Tartaren Michael Strogoff's alte Mutter, welche ja in dieser Stadt
+wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf's
+schmerzlichste beunruhigen mussten, und dass hierin wohl ein hinreichender
+Erklaerungsgrund zu finden sei fuer seine Ungeduld, moeglichst schnell bei
+ihr einzutreffen.
+
+Nadia hielt es also fuer gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm
+zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so
+ernsthaften Ereignisse befand.
+
+"Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine
+Nachricht erhalten? fragte sie.
+
+-- Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei
+Monaten, dieser enthielt jedoch nur guenstige Nachrichten. Marfa ist eine
+energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters
+bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiss sich
+auch in missliche Umstaende zu schicken.
+
+-- Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Maedchen. Da
+Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa's Tochter!"
+
+Michael Strogoff antwortete nicht sofort.
+
+"Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen koennen? fuegte sie hinzu.
+
+-- Das ist wohl moeglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe
+sogar, dass es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die
+alte Marfa ist von Hass gegen die Tartaren erfuellt. Sie kennt die Steppe,
+sie hat keine Furcht, und ich wuenschte, sie haette ihren Stab ergriffen und
+waere laengs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es
+keinen Ort, der ihr unbekannt waere. Wie oft hat sie das ganze Land an der
+Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als
+Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzuegen durch die sibirische
+Wuestenei! Gewiss, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk gluecklich
+verlassen haben.
+
+-- Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?
+
+-- Jedenfalls ... auf der Rueckreise.
+
+-- Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk waere, wirst Du ein Stuendchen opfern,
+sie zu umarmen?
+
+-- Ich werde nicht erst zu ihr gehen.
+
+-- Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?
+
+-- Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich muehsam
+hob und der wohl einsah, dass er die Fragen des jungen Maedchens noch weiter
+zu beantworten nicht im Stande sei.
+
+-- Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen koennten Dich, wenn Deine
+Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?
+
+-- Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gruenden meiner
+Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veraenderten
+Stimme, dass das junge Maedchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der
+Ursachen, die mich meinen Zorn ueberwinden liessen gegenueber jenem Elenden,
+dessen ..."
+
+Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.
+
+"Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu.
+Ich weiss nur Eines, oder vielmehr ich weiss es nicht, aber ich fuehle es,
+dass jetzt nur ein Gefuehl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefuehl einer
+noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter
+bindet!"
+
+Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespraech,
+welches zu der gegenwaertigen eigenthuemlichen Lage Michael Strogoff's
+irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniss, gewiss ein wichtiges,
+vor. Sie achtete es aufrichtig.
+
+Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantass um drei Uhr frueh bei dem
+Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am
+Ischim gegen 120 Werst zurueckgelegt hatte.
+
+Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indess erhob hier zum ersten Male der
+Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, dass
+Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und dass Reisende, Pferde
+und Wagen fuer jenes Raubgesindel eine erwuenschte Beute sein wuerden.
+
+Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender
+Muenze, denn in diesem wie in mehreren anderen Faellen wollte er von seinem
+Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen
+uebermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen
+Russen lenkte sich dadurch, dass er von der Befolgung der in jenem
+enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine
+Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden
+suchte. Sollten die ausgesprochenen Befuerchtungen des Jemschiks vielleicht
+nur daher ruehren, dass der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des
+Reisenden gruendete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer
+zu befuerchten?
+
+Endlich fuhr der Tarantass ab und bewegte sich mit einer solchen
+Schnelligkeit weiter, dass er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoe, in
+einer Entfernung von 80 Werst, gluecklich erreichte. Eine Stunde spaeter
+befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20
+Werst entfernt.
+
+Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen
+Hauptarterien, die ihre Waesser nach dem Norden Asiens hinabrollen.
+Entsprungen in den Altaibergen, wendet er sich schraeg von Suedosten nach
+Nordwesten und muendet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den
+Obi ein.
+
+Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Stroeme der
+sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein
+ungewoehnlich hoher, so dass die heftige, fast reissende Stroemung die
+Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste
+Schwimmer haette sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst
+eine Faehre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt ueber den Irtysch, bot jetzt
+einige Gefahren.
+
+Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael
+Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide
+entschlossen waren, all' und jedem Hinderniss ohne Besinnen zu trotzen.
+
+Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den
+Vorschlag, erst allein ueber den Fluss zu gehen, indem er sich auf der mit
+dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Faehre einschiffen wollte, denn
+er fuerchtete, dass das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Faehre
+einigermassen in Frage stellen koenne. Nachdem er Pferde und Wagen am
+jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurueckkehren, um Nadia abzuholen.
+
+Nadia verweigerte diese Ruecksichtnahme, welche eine volle Stunde
+Zeitverlust veranlasst haette, und sie wollte um ihrer persoenlichen
+Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzoegerung sein.
+
+Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand
+jetzt theilweise unter Wasser und die Faehre konnte in Folge dessen nicht
+so nahe anlegen.
+
+Nach halbstuendiger Anstrengung brachte der Faehrmann den Tarantass und die
+drei Pferde gluecklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und
+der Jemschik schifften sich ein, und man stiess nun vom Ufer.
+
+Waehrend der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der
+sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete
+hier eine Art Wirbel, welchen die Faehre leicht ueberwand. Die beiden
+Schiffer stiessen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr
+geschickt bedienten, vorwaerts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes
+naeherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so dass von den Stangen
+kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter
+stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuss aus dem
+Wasser, was die Arbeit der Leute natuerlich nicht wenig erschwerte.
+
+Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Faehre Platz
+genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzoegerung zu
+erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsfuehrer.
+
+"Achtung!" rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.
+
+Diesen Zuruf veranlasste eine unerwartete Wendung der Faehre, welche mit
+grosser Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Stroemung des
+Flusses ergriffen und von dieser stromabwaerts mit fortgerissen. Es
+handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die
+Faehre wieder in schraege Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu
+bringen. Die Bootsfuehrer liessen nichts unversucht, und es gelang ihnen,
+wenn auch mit einiger Muehe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu
+veraendern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.
+
+Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, dass das Faehrboot fuenf bis sechs
+Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen wuerde, was ja
+nicht von zu grosser Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere gluecklich
+das Land erreichten.
+
+Die beiden Bootsfuehrer, kraeftige Maenner, welche noch das Versprechen eines
+reichlichen Faehrgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten
+Zweifel in das glueckliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.
+
+Dabei liessen sie freilich einen Zwischenfall ausser Acht, den sie unmoeglich
+voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick haetten eben
+gegen diesen etwas auszurichten vermocht.
+
+Die Faehre befand sich inmitten der Stroemung, etwa in gleicher Entfernung
+von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der
+Stunde mit jener thalabwaerts, als Michael Strogoff sich erhob und mit
+gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwaerts richtete.
+
+Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer
+Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch
+der Druck der Ruder, mit denen sie ausgeruestet waren.
+
+Auf Michael Strogoff's Stirn bildeten sich ploetzlich einige Falten und ein
+leiser Schrei kam unwillkuerlich ueber seine Lippen.
+
+"Was giebt es?" fragte das junge Maedchen.
+
+Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der
+Bootsfuehrer mit erschrockener Stimme:
+
+"Die Tartaren! Die Tartaren!"
+
+Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in
+groesster Schnelligkeit hinab und mussten binnen wenigen Minuten die Faehre
+erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug
+entweichen zu koennen.
+
+Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Faehrleute verzweifelt auf und
+verliessen ihre Bootshaken.
+
+"Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fuenfzig Rubel sind
+euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels
+erreichen!"
+
+Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmuethigen Faehrleute so
+weit, dass sie mit dem Aufgebot aller Kraefte die scharfe Stroemung zu
+durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmoeglichkeit,
+vor Ankunft der Tartaren zu landen.
+
+Wuerden diese nun vorueberfahren, ohne die Faehre und ihre Insassen zu
+belaestigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen
+Barbaren Alles zu fuerchten.
+
+"Hab' keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor
+auf Alles!
+
+-- Ich bin es, antwortete Nadia.
+
+-- Selbst Dich in den Fluss zu stuerzen, wenn ich es verlangte?
+
+-- Auf Dein erstes Wort.
+
+-- Vertraue mir, Nadia.
+
+-- Ich vertraue Dir stets."
+
+Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert
+Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche
+offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.
+
+Die Faehre befand sich jetzt noch zwei Schiffslaengen weit vom Ufer. Die
+Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang
+ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit uebermenschlicher
+Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantass noch auszuschiffen und im Galop
+davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht
+berittenen Tartaren zu entgehen.
+
+Aber alle Muehe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!
+
+"_Sarin na kitschu!_" riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.
+
+Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf
+das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.
+
+Und da weder er selbst noch die Bootsfuehrer diesem Befehle gehorchten,
+knatterte eine kraeftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde toedtlich
+getroffen wurden.
+
+Da - in diesem Augenblick, - folgte auch ein heftiger Stoss: die Barken
+waren an der Langseite der Faehre angelangt.
+
+"Komm, Nadia!" rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr ueber Bord zu
+stuerzen.
+
+Eben wollte das junge Maedchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von
+einem Lanzenstosse getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riss ihn mit weg;
+einen Augenblick noch kaempften seine Arme ueber den Fluthen, dann
+verschwand er unter den wirbelnden Wellen.
+
+Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann,
+sich Michael Strogoff nachzustuerzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und
+in eines der Boote gefangen gesetzt.
+
+Einen Augenblick nachher fielen die Bootsfuehrer, von Lanzenstichen
+durchbohrt, und die Faehre trieb steuerlos weiter, waehrend die Tartaren den
+Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+
+ Mutter und Sohn.
+
+
+Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar
+nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk
+mehr Einwohner zaehlt und einen betraechtlicheren Umfang hat, in Omsk
+residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Haelfte des asiatischen
+Russlands.
+
+Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Staedten, von denen die
+eine ausschliesslich von den Behoerden eingenommen und von den zugehoerigen
+Beamten bewohnt ist, waehrend die andere vorzueglich die sibirischen
+Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen
+Bedeutung sind, beherbergt.
+
+Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie
+wird durch eine von Bastionen verstaerkte Umwallung vertheidigt; freilich
+bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr
+unzulaenglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger
+Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre
+Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschliessung von nur wenigen
+Tagen gelingen sollte.
+
+Die kaum 2000 Mann zaehlende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand
+geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle
+umgewandelt, die Haeuser und Kirchen mit Schiessscharten versehen worden,
+und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch,
+trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die
+tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf
+dem Irtysch tagtaeglich neuen Zuzug und wurden, - hier ein besonders
+wichtiger Umstand, - von einem Officier angefuehrt, der zwar ein Verraether
+an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und
+beispielloser Kuehnheit war.
+
+Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren.
+
+Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwaerts
+draengte, zeichnete sich durch tiefe militaerische Kenntnisse aus. In seinen
+Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer
+Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte
+gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurueck, wenn es ihm
+darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur,
+bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich
+selbst als Bettler auf, wobei ihn seine ausserordentliche Geschicklichkeit
+der Verstellung des aeussern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich
+unterstuetzte. Dabei befaehigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den
+Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besass in ihm einen Stellvertreter,
+der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen.
+
+Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff
+schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des hoeher gelegenen
+Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben,
+wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte.
+
+Tomsk war naemlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan's Haende gefallen und
+von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der
+centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen.
+
+Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff's.
+
+Der Plan des erbaermlichen Verraethers ging dahin, sich dem Grossfuersten
+daselbst unter falschem Namen anzuschliessen, sein Vertrauen zu
+erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in
+die Haende zu liefern.
+
+Mit dieser Stadt und einer solchen Geissel im Besitz musste das ganze
+asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.
+
+Wir wissen ja von frueher, dass dieser Anschlag zur Kenntniss des Czaaren
+gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der
+hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit
+auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden ueberschwemmte Land
+unter falschem Namen zu durchreisen.
+
+Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfuellt - wuerde er sie aber
+auch jetzt noch ebenso zu Ende fuehren koennen?
+
+Der Lanzenstoss, den Michael Strogoff empfing, war nicht toedtlich gewesen.
+Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flussufer und
+brach in dem Gebuesch daselbst kraftlos zusammen.
+
+Als er wieder zum Bewusstsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in
+der Huette eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er
+zunaechst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der
+Gast des braven Sibiriers sein? - er vermochte sich darueber keine
+Rechenschaft zu geben. Als er die Augen oeffnete, bemerkte er ueber sich ein
+baertiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Laecheln
+spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte
+Mujik ihm zuvorkam:
+
+"Sprich nicht, Vaeterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde
+Dir sagen, wo Du bist, und erzaehlen, was sich zugetragen hat, seitdem ich
+Dich in mein Haeuschen schaffte."
+
+Der redliche Landmann erzaehlte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes,
+dessen Augenzeuge er zufaellig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die
+Pluenderung des Tarantass, die Ermordung der Faehrleute ...
+
+Doch darauf hoerte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine
+Kleidung und fuehlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf
+seiner Brust.
+
+Er athmete auf, noch war er indess nicht jeder Sorge ledig.
+
+"Mich begleitete ein junges Maedchen, sagte er.
+
+-- Sie wurde nicht getoedtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu
+beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen
+leuchtete. In einer Barke haben sie jene entfuehrt, als sie den Irtysch
+weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit
+ihren Leidensgefaehrtinnen nach Tomsk schleppt!"
+
+Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er presste seine Hand auf's
+Herz, um dessen stuermisches Klopfen zu bewaeltigen.
+
+Und doch, trotz aller Pruefungen, beherrschte nur ein Gefuehl seine ganze
+Seele, das Gefuehl seiner heiligen Pflicht.
+
+"Wo bin ich? fragte er.
+
+-- Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fuenf Werst von Omsk entfernt,
+antwortete ihm der Mujik.
+
+-- Was fuer eine Wunde empfing ich damals, dass sie mich so lange
+besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuss?
+
+-- Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik.
+Nach einigen Tagen der Ruhe, Vaeterchen, wirst Du, denk' ich, Deinen Weg
+fortsetzen koennen. Du warst in's Wasser gestuerzt. Die Tartaren haben Dich
+weder beruehrt noch gepluendert; auch Deine Boerse steckt noch in Deiner
+Tasche."
+
+Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er
+sich mit einer ploetzlichen Anstrengung auf und fragte:
+
+"Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund?
+
+-- Seit drei Tagen.
+
+-- Drei ganze Tage verloren!
+
+-- Drei Tage, waehrend der Du bewusstlos dalagst.
+
+-- Kannst Du mir ein Pferd verkaufen?
+
+-- Du willst weiter reisen?
+
+-- Womoeglich noch diesen Augenblick.
+
+-- Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Vaeterchen. Wo die Tartaren
+vorueber zogen, da ist von solchen Dingen nichts uebrig geblieben.
+
+-- So werde ich nach Omsk zu Fuss gehen muessen, um dort ein Pferd zu kaufen.
+
+-- Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande
+sein, Deinen Weg fortzusetzen.
+
+-- Keine Stunde laenger!
+
+-- So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, dass er vergeblich dem
+festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit
+geben, fuegte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk
+und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch.
+
+-- Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff,
+lohne er Dir, was Du Alles fuer mich gethan hast!
+
+-- Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche
+auf der Erde."
+
+Michael Strogoff trat aus der Huette. Als er gehen wollte, uebermannte ihn
+ein so heftiger Schwindel, dass er ohne die hilfreiche Unterstuetzung des
+Bauern wohl umgesunken waere, aber bald staerkte ihn der Genuss der freien
+Luft sichtlich. Jetzt fuehlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf
+gefuehrten Stosses, dessen Heftigkeit seine Pelzmuetze gluecklicher Weise
+gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht
+der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kuemmern. Vor seinen Augen sah
+er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen musste!
+Omsk musste er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren.
+
+"Gott schuetze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein
+Recht, an Beide zu denken."
+
+Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der
+Unterstadt an, in welche sie trotz der militaerischen Besetzung derselben
+unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen
+Stellen zerstoert, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich
+die Marodeurs der Armee Feofar-Khan's eindraengten.
+
+Im Innern von Omsk, auf den Strassen und Plaetzen, wimmelte es von
+tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, dass
+eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an
+welche Jene wohl nur wenig gewoehnt waren. Sie liefen auch nie einzeln
+umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu
+sein, jeden Angriff abzuwehren.
+
+Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten
+Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten
+Pfaehlen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausruestung, um
+beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur
+einen provisorischen Halteplatz fuer die Tartarenreiter, welche die
+reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mussten, weil dort die Staedte
+bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzuege also jedenfalls
+ergiebiger wurden.
+
+Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan
+Ogareff trotz mehrerer stuermischer Angriffe, die immer standhaft
+abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen koennen.
+Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebaeuden flatterten noch immer
+die Fahnen mit den russischen Farben.
+
+Nicht ohne einen gewiss berechtigten Stolz begruessten Michael Strogoff's und
+seines Fuehrers Wuensche das wehende Banner.
+
+Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natuerlich vollstaendig. Waehrend er
+scheinbar seinem Fuehrer folgte, wusste er doch geschickt die lebhaftesten
+Strassen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniss erkannt zu werden.
+In dieser Stadt haette nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen
+rufen koennen; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war
+entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese
+vielleicht - was er von ganzem Herzen wuenschte, - nach irgend einem
+ruhigeren Theil der Steppe entflohen.
+
+Zum Glueck kannte der Mujik persoenlich einen Postmeister, der es seiner
+Annahme nach fuer gute Bezahlung nicht ausschlagen wuerde, einen Wagen und
+Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die
+Schwierigkeit uebrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen
+Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff's Entkommen
+einigermassen erleichtern mussten.
+
+Der Mujik fuehrte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als
+Michael Strogoff ploetzlich in einer engen Strasse stehen blieb und sich
+hinter einem Mauervorsprunge verbarg.
+
+"Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt ueber dieses unerklaerliche
+Benehmen.
+
+-- Still, still!" fluesterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch
+den Finger auf seine Lippen legte.
+
+Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in
+dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz
+vorher betreten hatten.
+
+An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte
+ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer
+Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen
+Rueckzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmoeglich gesehen
+haben.
+
+Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Strasse. Weder der
+Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die
+Ungluecklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genuegenden Platz zu
+machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem
+ruecksichtslosen Lanzenstosse beantwortet und der Weg auf diese Weise in
+kuerzester Zeit gesaeubert.
+
+"Wer war dieser Officier?" fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung
+vorueber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloss.
+
+Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das
+einer Leiche.
+
+"Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der
+man einen verhaltenen Hass heraushoerte.
+
+-- Er!" rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes
+entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte.
+
+Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem
+Relais zu Ischim geschlagen hatte.
+
+Und gleichzeitig, so als ob ihm ploetzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn
+dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den
+alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod
+vernommen hatte.
+
+Michael Strogoff taeuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehoerten
+nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff
+unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu
+verlassen gewusst, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach
+jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spiessgesellen zur Ausfuehrung
+seines fluchwuerdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der
+ganzen uebrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und
+waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht
+auf dem Messplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn
+Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der
+ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer "Kaukasus"; er ueberschritt den Ural
+jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte
+endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte.
+
+Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und
+ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen
+Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, haette
+Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiss weit ueberholt.
+
+Und wer weiss, wie viel Unglueck in der naechsten Zeit dadurch vermieden
+worden waere!
+
+Jedenfalls, ja, mehr als je vorher musste Michael Strogoff Iwan Ogareff
+ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der
+Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenueber zu treten, so wuerde er ihn wieder zu
+finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien
+aufgeworfen haette.
+
+Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und
+gelangten unbelaestigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte
+es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen.
+Dagegen stellte sich die Unmoeglichkeit heraus, an Stelle des Tarantass ein
+anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen,
+noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines
+Wagens? War er fuer den uebrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm musste
+auch schon ein Reitpferd genuegen, und ein solches war gluecklicher Weise zu
+beschaffen. Er bekam ein tuechtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen
+offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter,
+ausdauernder Reiter, den groessten Nutzen versprach.
+
+Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand
+es zum Aufbruch bereit.
+
+Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags.
+
+Da Michael Strogoff die Nacht abwarten musste, um die Umwallung zu
+passiren, sich in den Strassen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so
+blieb er gleich im Posthause und liess sich daselbst einige Staerkungsmittel
+besorgen.
+
+In dem oeffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie
+wir es von den russischen Bahnhoefen kennen gelernt haben, liefen die
+aengstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man
+sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar
+nicht in Omsk, aber in Tomsk, - eines Corps, das diese Stadt den Tartaren
+Feofar-Khan's wieder entreissen sollte.
+
+Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung
+gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespraech
+einzulassen.
+
+Ploetzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang
+bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte:
+
+"Mein Sohn! Mein Sohn!"
+
+Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie laechelte und sie zitterte
+doch vor Freude und streckte ihm sehnsuechtig die Arme entgegen.
+
+Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen ....
+
+Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr fuer
+seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung ploetzlich zurueck,
+und er gewann so viel Herrschaft ueber sich, dass auch nicht ein Muskel
+seines Gerichtes zuckte.
+
+Zwanzig Personen fuellten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht
+wohl einige Spione sein, und wusste man denn nicht auch, dass Marfa
+Strogoff's Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehoerte?
+
+Michael Strogoff sprach kein Wort.
+
+"Michael! rief seine Mutter.
+
+-- Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr
+hervorstammelte als aussprach.
+
+-- Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht
+mehr wieder?
+
+-- Sie taeuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine
+Aehnlichkeit fuehrt Sie irre ...."
+
+Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug' in Auge
+gegenueber.
+
+"Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff's Sohn?" sagte sie.
+
+Michael Strogoff haette sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die
+Arme schliessen zu duerfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn,
+sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er
+bezwang sich nach Kraeften, er schloss die Augen, um nicht die angsterregten
+Zuege in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu muessen; er zog
+seine Haende zurueck, um nicht unwillkuerlich den zitternden Haenden, die nach
+ihm verlangten, zu begegnen.
+
+"Ich weiss in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen
+soll, antwortete er, einige Schritte zurueckweichend.
+
+-- Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter.
+
+-- Ich heisse nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus
+Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!..."
+
+Hastig verliess er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte
+wiedertoenten:
+
+"Mein Sohn! Mein Sohn!"
+
+Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte
+Mutter, welche bewusstlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, fuer jetzt
+nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob
+sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es ploetzlich
+hell geworden. Sie, - verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, - das war
+unmoeglich! Ebenso unmoeglich erschien es ihr aber, sich getaeuscht und einen
+Anderen fuer ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen,
+den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so
+wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige,
+zwingende Gruende, so zu handeln. Dann unterdrueckte sie allen Mutterschmerz
+in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: "Sollte ich
+ihn wider Willen in's Verderben gestuerzt haben?"
+
+"Ich bin eine Thoerin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen
+haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja
+gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch
+in Jedermann zu sehen glauben."
+
+Kaum zehn Minuten spaeter erschien ein Tartarenofficier im Posthause.
+
+"Marfa Strogoff? fragte er laut.
+
+-- Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz,
+dass die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten.
+
+-- Komm mit mir!" sagte der Officier.
+
+Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und
+verliess das Posthaus.
+
+Wenige Minuten spaeter befand sich Marfa Strogoff mitten in dem
+Truppenlager des Hauptplatzes und gegenueber dem gefuerchteten Iwan Ogareff,
+dem alle Einzelheiten der oben erzaehlten Scene unverweilt berichtet worden
+waren.
+
+Iwan Ogareff muthmasste ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte
+Sibirierin selbst darueber befragen wollen.
+
+"Dein Name? leitete er das Verhoer in strengem Tone ein.
+
+-- Marfa Strogoff.
+
+-- Du hast einen Sohn?
+
+-- Ja.
+
+-- Er ist Courier des Czaaren?
+
+-- Ja.
+
+-- Wo befindet er sich?
+
+-- In Moskau.
+
+-- Du bist von ihm ohne Nachrichten?
+
+-- Ohne jede Nachricht.
+
+-- Seit wie lange?
+
+-- Seit zwei Monaten.
+
+-- Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im
+Posthause Deinen Sohn nanntest?
+
+-- Ein junger Sibirier, den ich fuer ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff.
+Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die
+Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben ueberall zu erkennen.
+
+-- Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht?
+
+-- Er war es leider nicht.
+
+-- Weisst Du, alte Frau, dass ich Dich foltern lassen kann, bis Du die
+Wahrheit eingestehst?
+
+-- Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter wuerde meine Aussage
+abzuaendern vermoegen.
+
+-- Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten
+Male und eindringlicher Iwan Ogareff.
+
+-- Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male.
+Glaubt Ihr, ich wuerde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn
+Gott gegeben hat, verleugnen?"
+
+Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in's Gesicht zu
+trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, dass sie in dem jungen
+Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn
+zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits
+that, so mussten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen.
+
+Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, dass der angebliche
+Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des
+Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag
+haben musste, dessen Kenntniss fuer ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein
+konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen.
+
+Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurueck und sagte:
+
+"Diese Frau soll sofort nach Tomsk uebergefuehrt werden!"
+
+Und waehrend die Soldaten Jene roh und grausam fortdraengten, murmelte er
+zwischen den Zaehnen:
+
+"Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu loesen wissen, der
+alten Hexe!"
+
+
+
+
+ Fuenfzehntes Capitel.
+
+
+ Der Barabinen-Sumpf.
+
+
+Es war Michael Strogoff's Glueck gewesen, dass er das Posthaus so schnell
+als moeglich verliess. Auf Iwan Ogareff's Befehl wurden sofort alle Ausgaenge
+der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern
+mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber
+geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd
+jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter
+sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29.
+Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese
+Stadt liegt ungefaehr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk,
+woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen musste, wenn er die
+tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der
+beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen fuehrte, sein
+Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darueber im Unklaren
+sein, dass ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk
+gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mussten von besonderer
+Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, dass man Alles daran
+setzen werde, sich seiner Person zu bemaechtigen.
+
+Was er aber nicht wusste, was er nicht wissen konnte, war, dass Marfa
+Strogoff sich in Iwan Ogareff's Gewalt befand, dass sie buessen, vielleicht
+mit ihrem Leben bezahlen sollte fuer die Erregung ihres Mutterherzens, die
+sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdruecken im
+Stande gewesen war. Ein Glueck fuer ihn, dass er davon nichts wusste! Haette er
+dieser neuen Pruefung widerstehen koennen?
+
+Michael Strogoff trieb sein Ross an, er floesste ihm gleichsam dieselbe
+fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von
+dem Thiere, ihn so schnell als moeglich nach dem naechsten Relais zu tragen,
+wo er es gegen ein noch schnelleres Befoerderungsmittel einzutauschen
+hoffte.
+
+Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurueckgelegt und machte bei der
+Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestaetigung seiner
+Besorgniss, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren
+schon auf der Hauptstrasse durch die Steppe dahin gezogen. In den Doerfern
+und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen.
+Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung fuer sich und etwas Futter fuer
+sein Pferd erhalten.
+
+Er musste dieses Pferd, fuer das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien,
+etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan
+Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den groesstmoeglichen Zwischenraum
+sehen wollte, beschloss er, moeglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer
+nur einstuendigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder
+ein.
+
+Bisher hatten die Witterungsverhaeltnisse die Reise des Czaarencouriers
+auffallend beguenstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in ertraeglichen
+Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten
+Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Daemmerlichte
+gemilderte Nacht machte die Strasse leidlich gangbar. Michael Strogoff zog
+uebrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne
+Zoegern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnaeckig
+verfolgten, hatte er sich doch eine ausserordentliche Klarheit des Geistes
+bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am
+Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges,
+einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schoepfen zu
+lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drueckte
+das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden
+Pferden an der Oberflaeche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts
+Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort.
+
+O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht ueber diese weite sibirische
+Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es waere viel leichter
+gewesen, jene sicher zu durchreisen.
+
+Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station
+Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der
+Barabinen-Steppe.
+
+Auf einem Gebiete von 300 Werst Laenge konnten hier schon die natuerlichen
+Hindernisse allein grosse Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wusste
+das, aber er wusste auch, dass er alle siegreich ueberwinden werde.
+
+Die ausgedehnten, von Norden nach Sueden zwischen dem 60. und 52.
+Breitengrade liegenden Barabinen-Suempfe bilden das grosse Sammelbassin
+derjenigen atmosphaerischen Niederschlaege, welche weder durch den Obi noch
+durch den Irtysch einen Abfluss finden. Der Boden dieser ungeheuren
+Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlaessigem Lehm, so dass das Wasser
+darueber stehen bleibt und eine waehrend der warmen Jahreszeit schwer zu
+passirende Gegend darstellt.
+
+Gerade durch diesen Landstrich fuehrt aber die Strasse nach Irkutsk, mitten
+durch die zahlreichen Suempfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefaehrliche
+Ausduenstungen bei der heissen Sommersonne den Reisenden mindestens mit
+schweren Muehseligkeiten, wenn nicht gar mit tueckischer Gefahr bedrohen.
+
+Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst fluessig war, erstarren
+liess, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglaettet, die
+schaedlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen
+die leichten Schlitten gefahrlos ueber die erhaertete Kruste der
+Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleissig die Jaeger die wildreichen
+Gruende und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Fuechse, deren
+Felle so gesucht sind. Waehrend des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend
+kothig, bruetet gefaehrliche Krankheiten aus und ist bei einigermassen hohem
+Wasserstande ueberhaupt gar nicht zu passiren.
+
+Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht
+mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich
+die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschliesslich ernaehren. Hier
+dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus,
+sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gestraeuch.
+
+Der Rasen stieg hier bis fuenf und sechs Fuss Hoehe auf. Das feine Gras hatte
+den Platz geraeumt vor ueppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde
+Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft
+gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf,
+welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten,
+geschmueckt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben,
+darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerueche sich mit den
+warmen, dem Boden entsteigenden Duensten mischten.
+
+Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von
+den die Strasse begleitenden Suempfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die
+grossen Stengel ueberragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern
+unzaehliger Wasservoegel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in
+schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, dass sich Etwas in
+jenem Dickicht bewege.
+
+Die Strasse selbst war uebrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in
+gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie
+sich um das gekruemmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer
+Laenge von mehreren Wersten und ebenso grosser Breite schon den Namen von
+Seen verdient haetten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne
+stehende Gewaesser nicht umgehen koennen; fuer Ueberschreitung derselben
+dienten aber keine Bruecken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art
+Plateform mit uebergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie
+ein zu duenner ueber einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven
+Strassenbruecken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Laenge
+aus, und man erzaehlt sich, dass Reisende, mindestens reisende Damen beim
+Fahren ueber einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art
+Seekrankheit bekommen haetten.
+
+Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter
+sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kuehnem
+Sprunge ueber die Luecken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an
+manchen Stellen zwischen sich liessen; so schnell aber Ross und Reiter auch
+dahin flogen, so konnten sie doch den belaestigenden Stichen der
+zweifluegeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen
+Gegenden zur wahren Landplage werden.
+
+Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren,
+so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stueck
+feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschliesst. Doch trotz
+dieser Vorsichtsmassregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe
+Tuepfel im Gesicht, auf dem Hals und den Haenden davon getragen zu haben,
+aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphaere erscheint dort wie
+erfuellt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verfuehrt, dass
+kaum eine complete Ritterruestung zum Schutz gegen die Stacheln dieser
+Zweifluegler hinreichen koenne. Hier ist eine traurige Gegend, die der
+Mensch den Muecken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel
+streitig macht, - ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer
+Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge ueberhaupt nicht wahrzunehmen
+im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fuehlt man sie desto
+mehr wegen ihrer unertraeglich quaelenden feinen Stiche, gegen welche auch
+hartgesottene sibirische Jaeger niemals gleichgiltig werden.
+
+Michael Strogoff's Pferd sprang, von den giftigen Dipteren ueberfallen,
+haeufig auf, als wuerden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke
+gedrueckt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst fuer Werst
+mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem
+Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen.
+
+Es gehoerte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch
+die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbaeumen und
+Spruenge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht
+abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen
+Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu
+erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als dass er
+seinen Weg mit gluecklicher Eile zuruecklegte.
+
+Wer wuerde nun glauben, dass diese in der heissen Jahreszeit so ungesunde
+Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl boete?
+
+Und doch ist es an dem. In grossen Zwischenraeumen tauchen da und dort
+sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Maenner, Frauen,
+Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer
+pechueberzogenen Maske bedeckt, fuehren ihre duerftigen Heerden zur Weide; um
+die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schuetzen, halten sie
+dieselben stets unter dem Winde in der Naehe von Feuern aus gruenem Holze,
+die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beissende Rauchsaeulen sich
+schwerfaellig ueber die morastige Niederung ausbreiten.
+
+Als Michael Strogoff bemerkte, dass sein Pferd auf dem Punkte stand, vor
+Erschoepfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Doerfchen
+halt, und rieb, seine eigene Ermuedung vergessend, die vielen Stiche des
+armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm
+eine tuechtige Ration Futter, und erst als er es den Umstaenden nach
+bestmoeglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine
+Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kraefte etwas Brod und
+Fleisch und trank einige Glaeser Kwass dazu. Nach einer, hoechstens zwei
+Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem
+fernen Irkutsk.
+
+Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurueck gelegt und
+kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich fuer jede
+Anstrengung, in Elamsk an.
+
+Daselbst musste er seinem Pferde eine Nacht Ruhe goennen. Das muthige Thier
+haette jetzt die Reise unmoeglich fortzusetzen vermocht.
+
+In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres
+Befoerderungsmittel. Aus den naemlichen Gruenden, wie in den andern kleinen
+Staedten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden.
+
+Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen
+waren, erwies sich fast ganz entvoelkert, denn es konnte von Sueden her sehr
+leicht ueberfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschuetzt
+werden. Auf hoeheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das
+Regierungsgebaeude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner
+nach dem noerdlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe,
+ausgewandert.
+
+Michael Strogoff musste sich also darauf beschraenken, in Elamsk die Nacht
+zuzubringen und seinem Pferde zwoelf Stunden Ruhe zu goennen. Er erinnerte
+sich der ihm in Moskau an's Herz gelegten Instructionen, Sibirien
+unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als moeglich Irkutsk zu
+erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg
+seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf's Spiel zu setzen, - in
+Anbetracht dieser Umstaende hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm
+noch verbliebene Befoerderungsmittel, das Reitpferd, vernuenftig zu schonen.
+
+Am folgenden Tage verliess Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das
+Erscheinen tartarischer Plaenkler, auf der Strasse durch die
+Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte
+wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Strasse lief zwar ganz eben
+hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen,
+wodurch der Weg sehr verlaengert wurde. Uebrigens verboten es die
+Bodenverhaeltnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer
+durch diese Tuempel und Teiche zu versuchen.
+
+Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen
+Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoe, und um zwei Uhr
+hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoe, zum
+ersten Male wieder an.
+
+Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher ueber Gebuehr
+angestrengtes Ross haette auch keinen Schritt mehr vorwaerts thun koennen.
+
+Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest
+des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am naechsten
+Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter
+Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Staedtchen Kamsk.
+
+Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken
+Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem
+unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe
+ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines
+bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden
+Suempfe in ueppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese
+Bodenmeliorationen noch nicht voellig jene Fieber zu besiegen, welche den
+Aufenthalt in dieser Stadt waehrend des Herbstes noch einigermassen
+gefaehrden. Immerhin fluechten sich hierher die wenigen Bewohner der
+Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den uebrigen
+Theilen der Provinz vertreiben.
+
+Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte
+Kamsk doch noch nicht entvoelkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte
+ihres fuer groessere Truppenmassen so schwer zugaenglichen Landes
+verhaeltnissmaessig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch
+immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht wuerden.
+
+Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wuenschte, keinerlei
+neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls haette sich der Gouverneur vielmehr
+an ihn gewendet, waere ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen
+Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner
+besonders guenstigen Lage der uebrigen sibirischen Welt in der That nicht
+anzugehoeren und gaenzlich ausserhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die
+jene erschuetterten.
+
+Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff moeglichst wenig oder gar nicht. Ihm
+genuegte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wuenschte ueberhaupt gar
+nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der juengsten Vergangenheit
+verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie fuer die Zukunft. So hielt
+er sich denn ganz zurueckgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen
+Strassen des Staedtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er
+abgestiegen war, ueberhaupt nicht verlassen.
+
+In Kamsk haette Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd,
+welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres
+Befoerderungsmittel ersetzen koennen. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er
+sich aber, dass das Einhandeln eines Tarantass doch die Aufmerksamkeit mehr,
+als ihm lieb war, auf ihn lenken musste, und da er die von den Tartaren
+besetzte Linie noch nicht ueberschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit
+dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen
+Verdacht zu erwecken.
+
+Um uebrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese
+Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen
+sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung
+abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer
+hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen.
+Spaeter, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte
+Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere
+Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.
+
+Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser
+Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde
+Thier schon gewoehnt; er wusste, was er von ihm verlangen konnte. Als er es
+in Omsk erkaufte, hatte er eine glueckliche Hand gehabt, und dankbar pries
+er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter
+fuehrte. Doch nicht nur Michael Strogoff fuehlte eine gewisse Anhaenglichkeit
+seinem Pferde gegenueber, auch dieses schien sich allgemach an die
+Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewoehnen, und wenn ihm nur je
+einige Stunden Ruhe gegoennt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis
+ueber die ueberfallenen Provinzen hinaus zu gelangen.
+
+Waehrend dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich
+Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Staedtchens,
+einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gaeste.
+
+Von Ermuedung uebermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher
+nieder, als bis er wusste, dass es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem
+vermochte er nur einen haeufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele
+Erinnerungen, zu viele Sorgen fuer die Zukunft regten sich in ihm. Die
+Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen,
+jungen Gefaehrtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen
+in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken.
+
+Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausfuehrung ein Eid
+ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, liess ihn
+immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke
+einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen
+Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von
+einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, - dann
+bemaechtigte sich Michael Strogoff's fast unbesiegbares Verlangen, sofort
+wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die
+Strecke zu ueberfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu
+sein, um alle Hindernisse ueberwinden zu koennen, ein Orkan, um mit der
+Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde ueber der Erde dahin zu rasen
+und endlich vor den Grossfuersten zu treten und ihm zuzurufen: "Kaiserliche
+Hoheit, von Seiner Majestaet dem Czaaren!"
+
+Am andern Morgen um sechs Uhr frueh ritt Michael Strogoff wieder mit der
+Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis
+Ubinsk zurueckzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz
+die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben
+mehr trocken legte, so dass der Erdboden manchmal einen Fuss hoch unter
+Wasser stand. Dann war die Strasse nur schwierig zu erkennen, aber er legte
+diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall
+zurueck.
+
+In Ubinsk angelangt liess Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht ueber
+rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende
+Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoe durchmessen. Er brach also mit der
+Morgenroethe auf, aber leider gestaltete sich die Strasse durch diesen Theil
+der Barabinen-Steppe immer unwegsamer.
+
+Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich naemlich die reichlichen
+Regenniederschlaege der letztvergangenen Wochen wie in einer
+undurchlaessigen Schuessel in der verhaeltnissmaessig engen Bodensenkung
+angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Suempfen, Teichen und Seen hing
+fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, - uebrigens einer von
+solcher Groesse, dass er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz
+verdient haette, - den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name),
+musste Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst laengs seines Ufers
+unter den groessten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige
+Verzoegerungen veranlasste, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu
+vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan,
+sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter
+Verhaeltnissen noch vorwaerts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten haetten.
+
+Abends gegen neun Uhr in Ikulskoe angekommen, verweilte Michael Strogoff
+daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen
+Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natuerlich gaenzlich.
+Dieser Theil der Provinz war durch seine natuerliche Lage, mitten in der
+Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges
+Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von
+den Schrecken des Einfalls noch gaenzlich verschont geblieben.
+
+Bald mussten sich nun auch die natuerlichen Schwierigkeiten des Weges
+vermindern, denn im Fall er keine Verzoegerung erlitt, hoffte Michael
+Strogoff am naechsten Tage ueber die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Spaeter
+bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn
+noch von Kolywan trennten, zurueckgelegt hatte.
+
+Von diesem etwas bedeutenderen Staedtchen aus rechnete man bis Tomsk nur
+noch die gleiche Entfernung. Dann musste er eine weitere Entscheidung
+treffen, die hoechst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von
+Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen.
+
+Wenn sich aber diese kleinen Staedtchen, wie Ikulskoe, Karguinsk u. a., in
+Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der
+tartarischen Streitkraefte unueberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte,
+noch einer gluecklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befuerchtung nahe,
+dass Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an
+Stelle der natuerlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren
+von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er
+keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Strasse nach Irkutsk
+abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich
+Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entbloessen. Dort fand sich naemlich
+keine weitere Strasse, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf
+man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Huetten aermlicher Leute, bei
+denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das
+Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern!
+
+Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verliess Michael Strogoff, nachdem
+er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte
+Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth
+durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen
+Landes.
+
+Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des
+Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5.
+August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen.
+
+Fuenfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Capitel.
+
+
+ Eine letzte Anstrengung.
+
+
+Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich oestlich an
+die Barabinen-Steppe anschliessen, ein unliebsames Zusammentreffen zu
+fuerchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, dass die
+Tartaren hier vorueber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch
+die zuerst auf die Tuerken angewendeten Worte: "Auf dem Boden, den der
+Tuerke betrat, waechst kein Grashalm wieder!"
+
+Bei seinem Zuge durch diese Gegend musste Michael Strogoff also die groesste
+Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten
+ihm, dass hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Ruehrten
+diese Feuersbruenste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze
+Armee des Emir schon nach den aeussersten Grenzen der Provinz? Befand sich
+Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseisk? Michael Strogoff
+wusste hierueber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten
+erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so
+menschenleer geworden sein, dass er keinen einzigen Sibirier mehr faende, um
+von ihm Auskunft zu erlangen?
+
+Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Strasse etwa zwei Werst weiter.
+Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht
+verlassenes Haus, aber alle, alle fand er oede und leer.
+
+Eine einzelne Huette, welche er zwischen einer Gruppe Baeume entdeckte,
+rauchte noch. Als er sich naeherte, fand er wenige Schritte von den
+Truemmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine
+noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter
+der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf
+diese Scene der Verwuestung geheftet. Ein zarter Saeugling von wenigen
+Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine
+und Zerstoerung!
+
+Michael Strogoff ging auf den Greis zu.
+
+"Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme.
+
+-- Rede, erwiderte der alte Mann.
+
+-- Sind die Tartaren hier vorueber gekommen?
+
+-- Gewiss, sonst staende mein Haus nicht in Flammen.
+
+-- Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung?
+
+-- Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder
+verwuestet!
+
+-- Commandirt von dem Emir?...
+
+-- Von ihm, denn das Wasser des Obi faerbte sich roth.
+
+-- Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen?
+
+-- Gewiss.
+
+-- Weisst Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemaechtigt haben?
+
+-- Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen.
+
+-- Ich danke, Freund. - Kann ich Etwas fuer Dich und die Deinen thun?
+
+-- Nichts.
+
+-- Auf Wiedersehen!
+
+-- Leb' wohl!"
+
+Nachdem Michael Strogoff noch fuenfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor
+dem ungluecklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu
+danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick
+unterbrochenen Weg fort.
+
+Er wusste nun Eines: dass er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu
+passiren. Eher schien es moeglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren
+noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu
+thun, als sich zu staerken und mit dem Noethigsten fuer eine sehr lange
+Tagereise zu versehen. Dann musste er die Strasse nach Irkutsk verlassen, um
+nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, - einen anderen Ausweg sah
+er nicht vor sich.
+
+Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht
+einen Augenblick zoegern. Er zoegerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd
+zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an
+das linke Ufer des Stromes fuehrte und bis zu dem noch eine Strecke von 40
+Werst zurueckzulegen war. Wuerde er eine Faehre finden, um dort ueberzusetzen,
+oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstoert, weggeschleppt haben
+und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu ueberschreiten? Die Zukunft
+musste diese Fragen bald beantworten.
+
+Was sein nun auf's Aeusserste erschoepftes Pferd betraf, so wollte es
+Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und hoechst
+anstrengenden Tagereise, in Kolywan womoeglich gegen ein anderes
+vertauschen. Er fuehlte wohl, dass das arme Thier binnen Kurzem unter ihm
+zusammenbrechen musste. Kolywan bildete also fuer ihn gleichsam einen neuen
+Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr
+veraenderten Verhaeltnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch
+die von den Eindringlingen besetzten Gebiete fuehrte, mussten die
+Schwierigkeiten offenbar grosse sein; nach gluecklicher Umgehung von Tomsk
+aber konnte er die Strasse nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz
+Jeniseisk den Verwuestungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte
+er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen.
+
+Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht
+huellte tiefe Finsterniss die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit
+Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterliess in der Atmosphaere eine
+vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hoerte man auf der
+verlassenen Strasse, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter
+es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniss bedurfte es der
+aeussersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer
+begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi.
+
+Michael Strogoff trabte also moeglichst schnell, aber immer mit groesster
+Aufmerksamkeit weiter. Er verliess sich dabei nicht allein auf die grosse
+Schaerfe seiner Augen, die auch die Finsterniss durchdrangen, sondern
+daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spuersinn er
+kannte.
+
+Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich ueber die genaue
+Richtung der Strasse zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes
+Geraeusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf
+der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rueckwaerts
+hoerte er die regelmaessigen Hufschlaege von Pferden.
+
+Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester
+Aufmerksamkeit.
+
+"Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Strasse von
+Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geraeusch
+nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?"
+
+Michael Strogoff lauschte noch immer.
+
+"Ja, ja, sprach er halblaut fuer sich, sie naehern sich in scharfem Trabe!
+Vor Ablauf von zehn Minuten muessen sie hier sein. Mein Pferd wird
+schwerlich mit ihnen Schritt halten koennen. Sind es Russen, so wuerde ich
+mich ihnen anschliessen. Sind es Tartaren, so muss ich ihnen entweichen.
+Aber wie? Wo koennt' ich mich verbergen in dieser Steppe?"
+
+Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte
+eine bei der herrschenden Finsterniss kaum erkennbare dunklere Masse etwa
+hundert Schritt vor sich zur Linken der Strasse.
+
+"Da ist ein kleines Gehoelz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe
+ich zwar Gefahr, den Reitern in die Haende zu fallen, wenn sie es
+durchsuchen sollten. Indess, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen
+sie schon!"
+
+Wenige Minuten spaeter erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zuegel
+fuehrend, ein kleines Gehoelz von Laerchenbaeumen, das einen Zugang von der
+Strasse aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von
+Baeumen zwischen den Loechern und Tuempeln hin, welche aus Stechginster und
+Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbaeumen trennten. Zu beiden Seiten
+war das Terrain also voellig ungangbar und die Reiterschaar musste
+zweifellos an dem kleinen Gehoelz vorueber kommen, da sie offenbar der
+Hauptstrasse nach Irkutsk folgte.
+
+Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Laerchenbaeume hinein, bis er
+sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der
+den Hain im Halbkreise begrenzte.
+
+Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, dass Michael Strogoff nicht im
+Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehoelz nicht ganz
+peinlich durchsucht wurde. Er fuehrte sein Pferd also bis an jenes Wasser,
+band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand
+des Dickichts, um bestimmen zu koennen, wie er sich zu verhalten habe.
+
+Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Laerchen Platz genommen, als ihm
+ein Lichtschein in's Auge fiel, aus dem da und dort einige glaenzende
+Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten.
+
+"Wie? Fackeln!" murmelte er.
+
+Schnell wich er wieder weiter zurueck und schluepfte wie ein Wilder
+geraeuschlos in das Gebuesch, wo es am dichtesten war.
+
+Bei ihrer Annaeherung an das Gehoelz nahmen die Pferde einen langsameren
+Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Strasse, um sie in allen
+Einzelheiten genau kennen zu lernen?
+
+Michael Strogoff musste das befuerchten und begab sich wenigstens bis nach
+dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurueck, entschlossen, sich im
+Nothfalle auch hinein zu stuerzen.
+
+Als die Reiterschaar bei dem Gehoelz ankam, machte sie Halt. Die Maenner
+stiegen ab. Es mochten gegen fuenfzig sein. Mehrere derselben trugen
+Fackeln, welche die Strasse in weitem Umkreise beleuchteten.
+
+An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Gluecke, dass
+es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehoelz zu
+durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden
+einige Ruhe zu goennen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu
+lassen.
+
+Die abgezaeumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier
+den Boden bedeckte. Die Reiter selbst liessen sich laengs der Strasse nieder
+und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen.
+
+Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltbluetigkeit bewahrt. Er
+schlich wieder naeher, erst um Etwas zu sehen, dann um womoeglich einige
+Worte zu vernehmen.
+
+Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus
+usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren
+Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese
+wohlgebauten, alle ueber mittelgrossen Maenner mit rohem, wildem
+Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen "Talpak", eine Art Muetze aus
+schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere
+Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden
+des Mittelalters zu sehen gewoehnt ist. Ihren Rock aus mit grobem
+Baumwollenstoffe gefuettertem Kattun umschloss ein Lederguertel mit rother
+Stickerei. Als Vertheidigungswaffe fuehrten sie einen Schild, als
+Angriffswaffen einen krummen Saebel, ein langes Dolchmesser und ein am
+Sattelknopfe haengendes Steinschlossgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein
+Filzmantel in grellen Farben.
+
+Die in voller Freiheit am Saume des Gehoelzes grasenden Pferde waren von
+usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln,
+die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Laerchen verbreiteten, konnte
+man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der
+turkomanischen Race, aber ungemein kraeftig und ausdauernd, sind diese doch
+als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen
+Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen.
+
+Die Abtheilung selbst fuehrte ein "Pendja-Baschi", d. h. ein Befehlshaber
+ueber fuenfzig Mann, dem noch ein "Deh-Baschi", ein Anfuehrer von einer Rotte
+zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und
+Waffenroecke; ausserdem bildeten kleine, am Sattelknopfe haengende Trompeten
+ihre verschiedene Gradauszeichnung.
+
+Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermuedeten
+Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den "Beng" (d. i. ein
+Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des "Haschich", von dem die Asiaten einen
+so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am
+Rande des Gehoelzes so auf und ab, dass Michael Strogoff ihre Unterhaltung
+hoeren und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen
+Sprache bedienten.
+
+Schon die ersten Worte ihres Gespraechs erregten die Aufmerksamkeit Michael
+Strogoff's im hoechsten Grade.
+
+Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede.
+
+"Jener Courier kann einen so grossen Vorsprung vor uns unmoeglich haben,
+sagte der Pendja-Baschi, und ausserdem konnte er bestimmt keinen andern Weg
+einschlagen, als die Strasse durch die Barabinen-Steppe.
+
+-- Wer weiss, ob er Omsk ueberhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi.
+Vielleicht haelt er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt
+versteckt.
+
+-- Wahrlich, das waere nur zu wuenschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff
+nicht zu fuerchten, dass die Depeschen, deren Traeger der Courier doch ohne
+Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten!
+
+-- Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der
+Deh-Baschi fort. Als solchen muss ihm wohl die Provinz bekannt sein und er
+konnte recht wohl von der Landstrasse nach Irkutsk abweichen in der
+Rechnung, sie erst spaeter wieder aufzusuchen.
+
+-- Dann waeren wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir
+haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls
+verlassen und sind bei der groessten Schnelligkeit der Pferde dem kuerzesten
+Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurueck geblieben oder wir vor ihm in
+Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk
+nicht zu erreichen vermoegen.
+
+-- Eine derbe Frau uebrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine
+Mutter ist!" bemerkte der Deh-Baschi.
+
+Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff's Herz, als wollte es springen.
+
+"Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen,
+dass dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht.
+Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht taeuschen lassen, denn er sprach
+es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum
+Gestaendniss der Wahrheit zu bringen wissen."
+
+So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das fuer Michael Strogoff. Er
+war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung
+ausgesendete Reiterabtheilung musste ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu
+befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der
+Tartaren, und der grausame Ogareff ruehmte sich, er werde sie zum Sprechen
+zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte.
+
+Michael Strogoff wusste recht gut, dass die energische Sibirierin Nichts
+aussagen und dass ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!...
+
+Michael Strogoff glaubte zwar, dass er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen
+im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehasst habe, und doch drang ihm auf's
+Neue ein bitteres Gefuehl des Hasses in's Herz. Der Schurke, der sein
+Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern!
+
+Das Gespraech der beiden Officiere dauerte noch laenger fort, und Michael
+Strogoff glaubte zu verstehen, dass in der Umgebung von Kolywan ein
+Zusammenstoss zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und
+den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von
+2000 Mann naeherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten
+zufolge, in Eilmaerschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestaetigte, so
+musste jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan
+aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehoerte die
+Strasse nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.
+
+Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen
+Aeusserungen des Pendja-Baschi, dass auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und
+Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.
+
+Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor
+zu kommen und auf der Strasse nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und
+seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht musste er aber
+vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.
+
+Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluss auszufuehren.
+
+Die Rast konnte unmoeglich lange waehren, und dem Pendja-Baschi durfte es
+kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu goennen, obwohl
+ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische
+verwechselten Pferde gewiss in demselben Masse und aus denselben Gruenden
+erschoepft sein mussten, wie das Reitpferd Michael Strogoff's.
+
+Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr
+Morgens. Er musste sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenroethe zu
+weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehoelz wieder zu verlassen
+und die Strasse zu gewinnen; doch trotz der Beguenstigung durch die dunkle
+Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im hoechsten Grade
+unsicher.
+
+Um Nichts vom blinden Zufall abhaengig zu machen, nahm sich Michael
+Strogoff Zeit zu ueberlegen und erwog sorgsam die Aussichten fuer und wider,
+um einen Entschluss zu fassen, der ihm noch die besten bot.
+
+Aus den oertlichen Verhaeltnissen ergab sich Folgendes: An der der Strasse
+entgegen gesetzten Seite des Gehoelzes vermochte er nicht zu entweichen,
+denn um die Bogenlinie der Laerchenbaeume, deren Sehne eben die Landstrasse
+darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige
+Wasserarm. Grosse Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur
+Unmoeglichkeit. Unter der schaeumenden Wasserflaeche befand sich offenbar
+eine steile Vertiefung, in der der Fuss keinen Stuetzpunkt finden wuerde.
+Ausserdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten
+Gebueschen fuer eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er
+einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiss mit Aufwendung
+aller Mittel und Kraefte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den
+tartarischen Reitern gefangen.
+
+Es gab fuer ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen,
+die grosse Landstrasse. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hoelzchens
+hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken,
+wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der
+Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer
+des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines
+Bootes zu ueberfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln
+sollte, zu durchschwimmen, - das war es, was Michael Strogoff versuchen
+und wagen musste.
+
+Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es
+handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes,
+vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zoegern, er ging an's
+Werk.
+
+Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder
+einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter
+gingen auf der Strasse, an dem Saume des Waeldchens hin und her. Die Andern
+lagen noch am Fusse der Baeume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich
+nach und nach wieder zusammen.
+
+Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu
+bemaechtigen, aber er sagte sich doch, dass diese nicht minder erschoepft
+sein muessten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem
+Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so
+vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt
+von hohem Haidekraute, gluecklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst
+drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hoelzchens ein.
+
+Auf dem Boden hinkriechend, naeherte sich Michael Strogoff seinem Pferde,
+das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise
+freundlich zu und brachte es geraeuschlos wieder auf die Fuesse.
+
+Eben jetzt verloeschten zu Michael Strogoff's Glueck die voellig
+niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln
+der Laerchenbaeume, die dichteste Finsterniss.
+
+Nachdem Michael Strogoff das Gebiss wieder eingelegt, den Sattelgurt
+festgeschnallt und die Riemen der Steigbuegel geprueft hatte, begann er sein
+Pferd langsam am Zuegel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente
+Thier, so als verstaende es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn,
+ohne nur ein einziges Mal zu wiehern.
+
+Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Koepfe und wandten
+sich dem Rande des Gehoelzes zu.
+
+In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem
+ersten tartarischen Reiter, der sich naehern wuerde, den Kopf zu
+zerschmettern. Gluecklicher Weise hoerte er aber keinen Weckruf und konnte
+den rechts auslaufenden Winkel des Waeldchens, da wo dieser an die Strasse
+herantrat, erreichen.
+
+Um womoeglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich
+erst so spaet als moeglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst,
+nachdem er ueber eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit
+des Gehoelzes befand, hinter sich haben wuerde.
+
+Zum Unglueck aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand
+ueberschritt, das Ross eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu.
+
+Sein Reiter lief ihm nach, es zurueck zu fuehren, als er aber beim ersten
+schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er
+laut:
+
+"Achtung!"
+
+Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stuerzte
+hervor auf die Strasse.
+
+Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop
+davon zu jagen.
+
+Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer
+Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen.
+
+Jetzt sass Michael Strogoff schon auf dem Pferde.
+
+Da krachte ein Schuss und eine Kugel durchloecherte den Mantel des Couriers.
+
+Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide
+Sporen, erreichte mit einem kuehnen Sprunge vom Waldrande aus die Strasse
+und jagte mit verhaengtem Zuegel in der Richtung nach dem Obi davon.
+
+Die usbeckischen Pferde waren abgezaeumt worden, er musste also vor den
+Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen koennen; freilich
+beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hoerte er, kaum
+zwei Minuten nachdem er das Hoelzchen verlassen, die schnellen Tritte
+mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach naeher kamen.
+
+Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren
+Umkreise alle Gegenstaende hervor.
+
+Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, dass ein Reiter ihn
+besonders schnell einzuholen drohte.
+
+Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzueglich berittene Officier sprengte der
+ganzen Abtheilung voraus und musste den Fluechtling bald erreichen.
+
+Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den
+Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust
+getroffen sank der Officier vom Pferde.
+
+Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fusse nach, und ohne sich wegen
+ihres gefallenen Fuehrers aufzuhalten, sausten sie unter wildem
+Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrueckt, weiter,
+und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael
+Strogoff.
+
+Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer ausserhalb der
+Tragweite ihrer Schiesswaffen zu halten, aber er bemerkte leider, dass die
+Kraefte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fuerchtete mit Recht, dass
+dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniss stiesse, stuerzen wuerde, um nicht
+wieder aufzustehen.
+
+Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch
+nicht ueber dem Horizonte stand.
+
+In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlaengelte sich eine durch Baeume
+begrenzte hellere Linie hin.
+
+Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von
+Suedwesten nach Nordosten dahinfloss und als dessen Thalbett man fueglich die
+ganze umgebende Steppe ansehen musste.
+
+Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne dass
+eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals musste auch er gegen Reiter, die ihm
+zu gefaehrlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal
+rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet
+in den Sand.
+
+Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael
+Strogoff's ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode
+erschoepft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flussufer zu
+treiben.
+
+Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fuenfzig Schritte hinter
+ihm.
+
+Auf dem vollstaendig verlassenen Obi erblickte er weder eine Faehre, noch
+ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen ueber den Strom haetten dienen koennen.
+
+"Jetzt Muth, mein wackres Ross! rief Michael Strogoff. Vorwaerts! Jetzt
+gilt's die letzte Anstrengung!"
+
+Er stuerzte sich in den Fluss, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst
+betragen mochte.
+
+Gegen die rasche Stroemung war nur schwer anzukaempfen. Michael Strogoff's
+Pferd konnte nirgends Fuss fassen. Ohne jeden Stuetzpunkt musste es die
+brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder
+von Muth gehoerte fuer Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu
+trotzen.
+
+Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich
+ebenfalls in denselben nachzustuerzen.
+
+In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte
+sorgfaeltig auf den Fluechtling, der sich schon in der Mitte der Stroemung
+befand. Der Schuss krachte, und toedtlich in der Flanke getroffen versank
+das Pferd Michael Strogoff's unter seinem Reiter.
+
+Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbuegeln, eben als sein
+treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er
+unter fortwaehrendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der
+Oberflaeche Athem schoepfend trotz des nachgesendeten Kugelregens gluecklich
+an das rechte Flussufer und verschwand hinter den Gebueschen, die sich laengs
+des Obirandes hinzogen.
+
+
+
+
+ Siebenzehntes Capitel.
+
+
+ Bibelsprueche und Liederverse.
+
+
+Michael Strogoff befand sich einigermassen in Sicherheit; immerhin war
+seine Lage noch eine schreckliche.
+
+Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den
+Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise
+fortsetzen koennen?
+
+Er war zu Fuss, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empoerung verwuesteten,
+durch die Plaenkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine
+grosse Strecke von dem Ziele, das er erreichen musste, entfernt.
+
+"Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle
+Einwaende der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen.
+Der Herr schuetzt das heilige Russland!"
+
+Michael Strogoff befand sich jetzt ausserhalb des Bereichs der usbeckischen
+Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluss weiter zu verfolgen,
+und mussten auch annehmen, dass er ertrunken sei, da sie ihn nach dem
+letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder
+auftauchen sahen.
+
+Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers
+hinschluepfend eine hoehere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit grosser
+Muehe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurueckgebliebener
+Schlamm seinen Weg sehr schluepfrig machte.
+
+Als er festen Grund und Boden unter sich fuehlte, hielt Michael Strogoff an
+und ueberlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darueber
+einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu
+vermeiden. Dennoch musste er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais
+zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen.
+Mit diesen wollte er sich ausserhalb der besetzten Wege halten und die
+Strasse nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen.
+Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so
+dass er nach dem Suedosten der Provinzen am Baikalsee herabgelangen konnte.
+
+Zunaechst begann Michael Strogoff sich zu orientiren.
+
+Zwei Werst vor ihm laengs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in
+pittoresken Stufen auf einem leichten Landruecken. Einige Kirchen mit
+byzantinischen, gruen und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am
+grauen Himmelsgrunde ab.
+
+Das war Kolywan, wohin die niederen und hoeheren Beamten aus Kamsk und
+anderen Staedten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der
+Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten,
+die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Haenden der
+Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen
+hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der
+Mitte aber frei liegen lassen.
+
+Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand
+darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des
+Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und waere es auch um
+den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach
+Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr
+Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen
+vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevoelkerung auf der
+Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen
+vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseisk zurueckgezogen.
+
+Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als
+entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen.
+
+Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die
+Luftschichten erschuetterte, und dazu ein trockenes Knattern, ueber dessen
+Natur er sich nicht taeuschen konnte.
+
+"Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er fuer sich. Das
+kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O
+gebe der Himmel, dass ich vor ihnen in Kolywan ankomme!"
+
+Michael Strogoff taeuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen
+deutlicher, und weiter rueckwaerts, links von Kolywan, lagerten sich weisse
+Daempfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf
+abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt.
+
+Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den
+Ausgang der Schlacht abzuwarten.
+
+Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fuerchten und
+beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt.
+
+Inzwischen wurde der Kanonendonner staerker und naeherte sich merklich. Es
+war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich
+unterscheidbarer Donnerschlaege. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde
+entfuehrte Dampf in die Luft, und man erkannte, dass die Kaempfer im Sueden
+offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der
+Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die
+Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu
+entreissen? Das liess sich fuer jetzt unmoeglich erkennen und setzte Michael
+Strogoff in nicht geringe Verlegenheit.
+
+Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl
+mitten aus den Haeusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche
+unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach.
+
+Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff musste es wohl glauben;
+in diesem Falle kaempften die Russen und Tartaren also in den Strassen der
+Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht
+Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, dass es ihm
+gelingen werde, aus Kolywan ebenso gluecklich zu entfliehen, wie vorher aus
+Omsk?
+
+Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen
+Augenblick still.
+
+Erschien es nicht besser, sich zu Fuss nach Sueden oder Osten, bis zu irgend
+einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern,
+durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen?
+
+Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael
+Strogoff, indem er das Ufer des Obi verliess, nach der rechten Seite von
+Kolywan.
+
+Gerade jetzt krachten die Geschuetze lauter als je. Bald zuengelten Flammen
+an der rechten Seite der Stadt in die Hoehe; die Feuersbrunst ergriff ein
+ganzes Stadtviertel von Kolywan.
+
+Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und
+suchte den Schutz einiger Baeume zu erlangen, welche da und dort verstreut
+standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten
+Stromufer erschien.
+
+Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr
+fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es waere ihm schwer
+geworden, ihnen zu entgehen.
+
+Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebuesch ein isolirtes
+Haeuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen.
+
+Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich
+daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, noethigenfalls sich anzueignen,
+womit er seine Kraefte wieder herstellen koennte, denn er war nun wirklich
+erschoepft von Hunger und Strapazen.
+
+Er stuerzte also auf dieses hoechstens eine halbe Werst entfernte Haeuschen
+zu. Naeher gekommen sah er erst, dass dieses Gebaeude ein Telegraphenbureau
+war. Zwei Draehte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter
+Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt.
+
+Wohl haette man voraussetzen koennen, dass dieses Bureau unter den jetzigen
+Verhaeltnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael
+Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich
+dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plaenkler
+durchirrten.
+
+Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thuer des Hauses zu und stiess
+sie schnell und heftig auf.
+
+Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die
+Telegraphenleitungen zusammenliefen.
+
+Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um
+das Geringste kuemmerte, was in der Aussenwelt vorging. Treu auf seinem
+Posten ausharrend, wartete er, dass das Publicum seine Dienste in Anspruch
+nehme.
+
+Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschoepfung
+gebrochener Stimme:
+
+"Was wissen Sie Neues?
+
+-- Ei nichts, erwiderte der Beamte laechelnd.
+
+-- Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden?
+
+-- Man sagt es.
+
+-- Aber wer ist Sieger?
+
+-- Das weiss ich selbst nicht."
+
+So viel Gemuetlichkeit unter so schrecklichen Verhaeltnissen, so viel
+Indifferenz erschien doch kaum glaublich. "Und der Draht ist noch nicht
+zerschnitten? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstoert, sie
+functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze.
+
+-- Fuer die Regierung?
+
+-- Fuer die Regierung, wenn sie es fuer noethig erachtet, fuer das Publicum,
+wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt,
+mein Herr?"
+
+Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, dass
+er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod
+und Wasser zu erbitten, als die Thuer des Hauses wieder hastig aufgerissen
+wurde.
+
+Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von
+Tartaren ueberfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah,
+dass nur zwei einzelne Maenner in den Raum eintraten, die tartarischen
+Soldaten nicht im Geringsten aehnelten.
+
+Mit einem leicht erklaerlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in
+diesen zwei Maennern zwei Persoenlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im
+Entferntesten dachte und die er ueberhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt
+hatte.
+
+Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet,
+jetzt keine Reisegefaehrten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie
+ihre Thaetigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen.
+
+Ischim verliessen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael
+Strogoff's Weiterreise, und wenn sie auf derselben Strasse Kolywan vor ihm
+erreichten, ja, ihn selbst unterwegs ueberholten, so kam das daher, dass
+Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebuesst hatte.
+
+Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und
+tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem
+Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Strassen der Stadt hinein
+fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre
+rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die
+erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen.
+
+Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte
+von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hoeren.
+Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen
+abnehmen zu koennen, ob er sich nach Kolywan hinein wagen duerfe oder nicht.
+
+Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den
+Platz am Schalter eingenommen, waehrend Alcide Jolivet ganz gegen seine
+Gewohnheit ungeduldig mit den Fuessen stampfte.
+
+"Jedes Wort kostet zehn Kopeken", sagte der Beamte, die Depesche entgegen
+nehmend.
+
+Harry Blount stapelte auf einer Zaehltafel eine kleine Saeule Rubel auf, die
+sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete.
+
+"Schoen, schoen", sagte der Beamte.
+
+Und mit der unerschuetterlichsten Kaltbluetigkeit der Welt begann er
+folgende Depesche abzutelegraphiren:
+
+ _"Daily-Telegraph, London._
+
+_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._
+
+_"Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ..."_
+
+Da die Worte laut vorgelesen wurden, hoerte Michael Strogoff auch Alles,
+was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte.
+
+_"Die russischen Truppen mit grossen Verlusten zurueckgedraengt. Tartaren an
+demselben Tage in Kolywan eingezogen ..."_
+
+Diese Worte beendigten die Depesche.
+
+"Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine
+im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte.
+
+Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser
+dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die
+er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten
+zu koennen. Er machte also seinem Gefaehrten nicht Platz.
+
+"Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet.
+
+-- Ich bin noch nicht zu Ende", antwortete einfach Harry Blount.
+
+Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten uebergab,
+welcher sie mit stets gleichmaessig ruhiger Stimme durchlas:
+
+ _"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!..."_
+
+Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount
+telegraphirte, um die Zeit auszufuellen und seinem Collegen gegenueber den
+einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem
+Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafuer auch die
+allerersten Berichte. Frankreich konnte warten!
+
+Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet's. Unter allen
+anderen Verhaeltnissen haette er zwar begriffen, dass dieses Verfahren ein
+gesetzlich vollkommen begruendetes war, jetzt suchte er aber den Beamten
+womoeglich zu noethigen, dass er seiner Depesche vor der Fortsetzung der
+seines Collegen den Vorzug gebe.
+
+"Der Herr ist in seinem Recht", bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er
+auf Harry Blount wies und ihm liebenswuerdig zulaechelte.
+
+Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der
+heiligen Schrift zu telegraphiren.
+
+Waehrend der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig
+an's Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan
+vorging, um seine Berichte zu vervollstaendigen.
+
+Einige Augenblicke spaeter nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und
+fuegte seinem Telegramm hinzu:
+
+_"Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem
+rechten Flussufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wueste und leer und es
+war finster auf der Tiefe ..."_
+
+In Alcide Jolivet stieg eine hoellische Lust auf, den ehrenwerthen
+Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwuergen.
+
+Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der naemlichen
+Ruhe die Antwort gab:
+
+"Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort
+kostet zehn Kopeken."
+
+Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry
+Blount brachte.
+
+_"Russische Fluechtlinge draengen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es
+werde Licht und es ward Licht!..."_
+
+Alcide Jolivet wollte buchstaeblich vor Wuth bersten.
+
+Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurueckgekehrt, zog aber
+seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem
+Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die
+Laenge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet
+hatte, nahm Alcide Jolivet geraeuschlos am Schalter Platz und uebergab, nach
+Deponirung einiger recht anstaendiger Rubelrollen, seine Depesche dem
+Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas:
+
+ _"Madeleine Jolivet,_
+
+_"10, Faubourg Montmartre (Paris)._
+
+_"Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._
+
+_"Fluechtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige
+Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ..."_
+
+Und als Harry Blount nach dem Schalter zurueckkehrte, vernahm er nur, wie
+Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone
+vervollstaendigte:
+
+ _"Es ist ein kleines Maennchen,_
+ _Gekleidet ganz in Grau,_
+ _In Paris!..."_
+
+Da er es fuer unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu
+mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Beranger's an
+Stelle der Bibelverse.
+
+"Oha! platzte Harry Blount heraus.
+
+-- Ja ja, so geht's", erwiderte lachend Alcide Jolivet.
+
+Inzwischen gestalteten sich die Verhaeltnisse in den Umgebungen Kolywans
+immer bedrohlicher. Die Schlacht waelzte sich naeher heran, der
+Geschuetzdonner krachte immer entsetzlicher.
+
+Da erzitterte ploetzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen.
+
+Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke
+erfuellte den ganzen Raum.
+
+Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder:
+
+ _"Bausbaeckig, wie ein Apfel,_
+ _Doch ohn' ein'n Heller Geld ..."_
+
+Dann hielt er inne, stuerzte auf die Granate zu, erfasste sie noch vor der
+Explosion derselben mit beiden Haenden, warf sie zum Fenster hinaus und
+trat wieder an den Schalter - Alles das Werk eines Augenblicks.
+
+Fuenf Secunden spaeter zersprang die Granate vor dem Hause in tausend
+Stuecke.
+
+Alcide Jolivet liess sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht
+stoeren und fuegte dem voellig ruhig und kaltbluetig hinzu:
+
+_"Eine sechspfuendige Granate schlug soeben durch die Mauer des
+Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ..."_
+
+Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, dass die Russen aus Kolywan
+vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die
+suedliche Steppe zu wagen.
+
+Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein
+Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben.
+
+An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde.
+
+Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufuegen.
+
+_"Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von
+einer Kugel getroffen ..."_
+
+Da unterbrach ihn der kaltbluetige Beamte und sagte mit seiner
+unerschuetterlichen Ruhe:
+
+"Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen."
+
+Den Schalter schliessend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, buerstete ihn
+sorgfaeltig mit dem Ellbogen und verliess, immer laechelnd, das Haus durch
+eine kleine Nebenthuer, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war.
+
+Das Gebaeude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so
+dass weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rueckzug zu
+bewerkstelligen vermochten.
+
+Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem
+auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Muehe, letzteren auf die
+Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spaet!
+
+Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff,
+als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die
+Haende der Tartaren!
+
+
+
+ Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+
+ Collection Verne. Band 23.
+
+
+ *Der Courier des Czaar.*
+
+ (Michael Strogoff.)
+
+ Von
+
+ *Julius Verne.*
+
+
+_Autorisirte Ausgabe_
+
+Zweiter Band.
+
+*Vierte Auflage.*
+
+Wien. Pest. Leipzig.
+
+_A. Hartleben's Verlag._
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+ K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
+
+
+
+
+
+
+ MICHAEL STROGOFF.
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+
+ Ein tartarisches Feldlager.
+
+
+Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk
+breitet sich eine grosse Ebene aus, auf der sich einige hohe Baeume,
+vorzueglich Tannen und Cedern, erheben.
+
+Waehrend der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewoehnlich von
+sibirischen Hirten besucht und gewaehrt auch den zahlreichen Heerden
+derselben hinlaengliche Nahrung. Jetzt haette man wohl vergeblich nach einem
+dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht dass diese fruchtbare Ebene
+verlassen und oede gewesen waere, - im Gegentheil, sie zeigte ein ganz
+aussergewoehnliches Leben.
+
+Hier erhoben sich naemlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte
+Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am
+7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen
+russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000
+Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestuetzten,
+feindlichen Heersaeulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert
+Soldaten davon gekommen.
+
+Der Verlauf der Ereignisse war also kein guenstiger, und die kaiserliche
+Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedraengt, - mindestens fuer
+den Augenblick, denn frueher oder spaeter musste es den Russen ja wohl
+gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die
+raeuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche
+Einfall sich ueber das empoerte Land entweder nach den Provinzen im Westen,
+oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller
+Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der
+Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens
+zu besetzen, so musste sie wohl, bei den mangelhaften Kraeften zu ihrer
+Vertheidigung, den Tartaren in die Haende fallen, und bevor es dann moeglich
+wurde, sie diesen wiederum zu entreissen, blieb der Grossfuerst, der Bruder
+des Kaisers, den Rachegeluesten Iwan Ogareff's preis gegeben.
+
+Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last
+so vieler Pruefungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel
+Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten?
+Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung fuer verfehlt, die
+Ueberlieferung seines Mandats fuer unmoeglich an?
+
+Michael Strogoff gehoerte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr
+regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war
+sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte
+er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiss befand er sich
+unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh
+daher trieben; aber mit der Annaeherung an Tomsk kam er auch Irkutsk naeher,
+und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurueck.
+
+"Ich werde noch ankommen!" wiederholte er sich immer wieder.
+
+Seit jener Affaire bei Kolyvan draengte sich seine ganze Lebenskraft
+zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den
+Soldaten des Emirs entrinnen wuerde? - Das wollte er sehen, wenn der
+passende Zeitpunkt da waere.
+
+Feofar's Feldlager bot einen praechtigen Anblick. Zahllose Zelte aus
+Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der
+Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen
+wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin
+und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehoerten den Seids und den
+Khodjas, den vornehmsten Maennern des Khanates, an. Eine besondere Flagge,
+mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem
+kunstvoll geordneten Buendel rother und weisser Staebe erhob, bezeichnete den
+hohen Rang dieser Tartarenhaeuptlinge. Weit ueber Sehweite hinaus
+erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, "Karaoys"
+genannt, die auf dem Ruecken der Kameele mitgefuehrt wurden.
+
+Das ganze Lager zaehlte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fussvolk
+als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan,
+zuerst die Tadjiks mit ihren schoenen, regelmaessigen Zuegen, weisser
+Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, maechtigen Wuchse, -
+die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und
+Kunduz nahezu ein gleich grosses Contingent wie Bukhara geliefert hatten.
+Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Staemme, welche
+entweder in Turkestan sesshaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete
+grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem
+Barte, ganz aehnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff's
+ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der
+Kalmuecken aehnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein
+Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft fuehrte, ein anderer
+mit dem Saebel, einem Luntengewehre und dem "Tschakane", d. i. eine kurz
+gestielte Axt, welche leicht toedtliche Wunden verursacht, ausgeruestet
+erschien. Dazu mittelgrosse Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in
+einen Zopf geflochten auf den Ruecken hinabfiel, mit rundlichem,
+sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder
+sehr spaerlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbraemte
+Nankingstoffe, geschmueckt mit Lederguerteln, mit Silberschnallen,
+Schnuerstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Muetzen, von denen
+nach rueckwaerts drei Baender hinausflatterten. Endlich sah man auch
+tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schoenen semitischen
+Racen und Turkomanen mit engen gedrueckten Augen, an denen die Lider ganz
+zu fehlen schienen, - Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs,
+einer Fahne von Mordbrennern und zerstoerungssuechtigen Horden.
+
+Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl
+Sklavenhaufen, vorzueglich Perser, welche von eingeborenen Anfuehrern
+befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschaetzt
+wurden.
+
+Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels
+eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des
+ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkaeppchen,
+und endlich darunter gemischt noch Hunderte "Kalender", eine Art
+religioeser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothduerftig
+bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollstaendigen Vorstellung
+des fast unuebersehbaren Gemisches der verschiedenen Voelker und Staemme
+gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.
+
+Fuenfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben
+nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu
+je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in
+Knoten geknuepft, deren Ruecken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren,
+unterschied man die feingebauten, grossen Turkomanen mit glaenzendem Haar
+und stolzer Haltung; die ausdauernden, kraeftigen Usbecks; die
+Khokhandiner, welche ausser ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze
+Kuecheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den
+Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels "Arkan", d. i. der
+Lasso der Tartaren, einfaengt, und endlich viele andere Abkoemmlinge
+gekreuzter Racen von geringerem Werthe.
+
+Lastthiere zaehlten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich
+kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte
+Maehne ihren Hals verhuellte, gelehrige und leichter als die Dromedare
+zaehmbare Thiere; ferner einhoeckerige "Nars" mit rothgelbem, gelocktem
+Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten
+und deren sehr geschaetztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung
+der Tartaren ausmacht.
+
+Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, ueber diese ungeheuren
+Haufen von Zelten verbreiteten in groesseren Gruppen zusammen stehende
+Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und
+dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen
+hoechst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle
+Farben seiner Palette haette erschoepfen muessen.
+
+Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar's und der
+Grosswuerdentraeger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und
+schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getoese mischte sich aber
+auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und
+sechspfuendiger Geschuetze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.
+
+Feofar lebte hier unter rein militaerischer Umgebung und Lebensweise. Seine
+Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner
+Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Haenden der Tartaren war.
+
+Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt
+werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien
+endgiltig zu vertauschen hoffte.
+
+Feofar's Fuerstenzelt ueberragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus
+breiten Stuecken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit
+goldenen Fransen zusammenhielten, ueberragt von dichten Troddeln, welche
+der Luftzug faecherartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer
+weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch praechtige Birken und
+gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem
+glaenzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geoeffnet der
+heilige Koran, dessen Blaetter aus ganz duennen, fein gravirten
+Goldplaettchen bestanden. Darueber flatterte die tartarische Fahne.
+
+Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der hoechsten
+Beamten von Bukhara. Da wohnten der Grossstallmeister, dem das Recht
+zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der
+Gross-Falkenier, der "Housch-Begui", d. i. der Siegelbewahrer des
+Herrschers, der "Toptschi-Baschi", d. i. der Oberbefehlshaber der
+Artillerie, der "Khodja" oder Vorsitzende des Grossen Rathes, der von dem
+Fuersten gekuesst wird und sich vor ihm mit offenem Guertel zeigen darf, der
+"Scheik-ul-Islam", der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste,
+der "Cazi-Askev", der in Abwesenheit des Emirs ueber alle Streitfragen
+zwischen Militaers zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen,
+deren Hauptgeschaeft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan
+beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.
+
+Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden,
+gluecklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm
+haette wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er
+hielt sich aber zurueck in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestaet
+der orientalischen Fuersten erhaelt. Man bewundert Den, der sich nicht
+zeigt, und fuerchtet ihn mehr.
+
+Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzaeunung eingepfercht, wo sie
+misshandelt, nur nothduerftig ernaehrt und allen verderblichen Einfluessen des
+Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar's entgegen harrten.
+
+Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiss
+Michael Strogoff. Er liess sich gern fuehren, denn man fuehrte ihn dahin,
+wohin er selbst wollte, und das in verhaeltnissmaessiger Sicherheit, die er,
+frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie haette
+finden koennen. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt haette ihn
+unzweifelhaft in die Haende der Plaenkler zurueck geliefert, welche die
+umgebende Steppe durchschwaermten. Die oestlichste, von den Schaaren der
+Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht ueber dem zweiundachtzigsten
+Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung
+dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich ausserhalb
+des von Feinden ueberschwemmten Gebietes zu befinden, den Yenisei gefahrlos
+zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese
+Provinz besetzte.
+
+"Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner
+Ungeduld, deren er nicht voellig Meister werden konnte, zu unterdruecken,
+werde ich binnen wenigen Minuten ueber die Vorpostenkette hinaus sein, und
+zwoelf Stunden vor Feofar, zwoelf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein,
+das genuegt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!"
+
+Was Michael Strogoff am meisten fuerchtete und wohl auch fuerchten musste,
+das war die Anwesenheit Iwan Ogareff's in dem tartarischen Lager.
+Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser
+Instinct, dass es fuer ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem
+Verraether zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, dass durch die
+Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff's und Feofar-Khan's die
+feindliche Armee nun vollzaehlig wurde und mit aller Macht nach der
+ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte
+in ihm aber die schwersten Befuerchtungen, und aufmerksam lauschte er auf
+jeden schmetternden Trompetenstoss, ob dieser etwa das Eintreffen jenes
+Unterbefehlshabers des Emirs verkuende.
+
+An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter
+und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurueck geblieben, die Andere auf den
+Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese
+ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte
+Nichts fuer sie zu thun! Wuerde er jene Zwei ueberhaupt wiedersehen?
+Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu
+beantworten wagte.
+
+Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch
+Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt
+worden. Ihr frueherer Reisegefaehrte wusste zwar, dass Jene in derselben dicht
+mit Wachtposten besetzten Umzaeunung untergebracht waren, er hatte sich
+ihnen aber nicht zu naehern gesucht. Nur wenig kuemmerte es ihn jedoch, was
+sie ueber ihn bezueglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken moechten;
+er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein
+handeln zu koennen. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.
+
+Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite
+fiel, diesem die groesste Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager,
+daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch,
+dass er sich auf den Arm seines Rivalen stuetzte, dem Gefangenenzuge folgen.
+Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Englaender legitimiren, das
+haette ihm aber gegenueber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstoessen und
+Saebelhieben antworteten, nicht im mindesten genuetzt. Der ehrenwerthe
+Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunaechst das Schicksal
+aller Uebrigen, und blieb es ihm ueberlassen, spaeter zu reclamiren und
+Satisfaction fuer die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte
+er aber seiner Wunde wegen nur mit der groessten, schmerzlichen Anstrengung
+zurueck, und ohne Alcide Jolivet's Hilfe waere er wohl kaum im Stande
+gewesen, das Lager zu erreichen.
+
+Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche liess,
+hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote
+stehenden Mittel moeglichst gestaerkt. Als er sich unabwendbar in jene Huerde
+eingeschlossen sah, eilte er zunaechst, Harry Blount's Wunde zu
+untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er
+ueberzeugte sich, dass dessen Schulter nur von dem Sprengstueck einer Kugel
+gestreift worden war.
+
+"O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder
+drei kuehlen Aufschlaegen ist die ganze Sache vorueber.
+
+-- Aber diese nothwendigen Umschlaege?... fragte Harry Blount.
+
+-- Die mache ich Ihnen selbst.
+
+-- Sie sind also ein wenig Arzt?
+
+-- Alle Franzosen sind halbe Aerzte!"
+
+Nach dieser dreisten Versicherung zerriss Alcide Jolivet sein Taschentuch,
+zupfte aus einem Stuecke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem
+Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen
+Ziehbrunnen Wasser, wusch die gluecklicher Weise nur leichte Wunde
+sorgfaeltig aus und legte mit grosser Geschicklichkeit die feuchten
+Leinenstuecke auf Harry Blount's Schulter.
+
+"Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Fluessigkeit ist das
+wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt,
+und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000
+Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000
+Jahre!
+
+-- Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf
+ein Lager von duerren Blaettern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im
+Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.
+
+-- Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie haetten an meiner Stelle
+dasselbe gethan.
+
+-- Ja, ich weiss nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv.
+
+-- Sie Spassvogel! Alle Englaender sind edelmuethig!
+
+-- Gewiss, aber die Franzosen ...?
+
+-- Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfaeltig; aber
+was das wieder gut macht, ist, dass sie eben Franzosen sind. Doch sprechen
+wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar
+nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe."
+
+Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als
+Verwundeter vernuenftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war
+das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der
+Fall.
+
+"Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, dass unsere letzten Depeschen noch
+ueber die russische Grenze befoerdert worden sind?
+
+-- Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde
+wird meine glueckselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei
+Kolyvan zu halten ist.
+
+-- Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry
+Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen
+richtete.
+
+-- Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine
+ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hoert und
+ungluecklich sein wuerde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer
+stoerte.
+
+-- Ich mag nicht schlafen, versetzte der Englaender. -- Was urtheilt Ihre
+Cousine wohl ueber die Sachlage?
+
+-- Nun, dass es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch,
+was da! die moskowitische Regierung ist maechtig, sie braucht sich wegen
+eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird
+und kann ihr nicht verloren gehen.
+
+-- Ueberhebung hat schon die groessten Reiche gestuerzt! antwortete Harry
+Blount, der von einer gewissen "englischen" Eifersuechtelei wegen der
+russischen Praetensionen in Centralasien nicht ganz frei war.
+
+-- O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der
+Facultaet untersagt! Fuer Schulterwunden giebt es gar nichts Gefaehrlicheres!
+... Sie muessten denn dadurch einschlummern wollen!
+
+-- So sprechen wir davon, was uns zu thun uebrig bleibt, lenkte Harry Blount
+ein. Ich, Herr Jolivet, verspuere nicht die mindeste Lust, hier unbedingt
+Gefangener der Tartaren zu bleiben.
+
+-- Ich bei Gott auch nicht!
+
+-- Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.
+
+-- Ja, wenn's zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel
+giebt.
+
+-- Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter
+erwartungsvoll an.
+
+-- Gewiss! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden
+reclamiren.
+
+-- Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?
+
+-- Nein, er verstaende das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan
+Ogareff, seinem Untergeneral.
+
+-- Der ist ein Schurke!
+
+-- Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiss, dass er
+mit dem Voelkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns
+zurueckzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht
+schwer werden.
+
+-- Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn
+noch nicht bemerkt, aeusserte Harry Blount.
+
+-- Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muss sich hier dem Emir
+anschliessen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und
+offenbar erwartet ihn nur Feofar's Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.
+
+-- Und was thun wir, wenn wir frei sind?
+
+-- Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den
+Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner
+ueberzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenfluechtig werden! Wir
+stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glueck gehabt,
+im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, - ich
+habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwaerts!
+Vorwaerts! - Ach, schoen, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert
+ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser,
+mehr bedarf es nicht, um einen Englaender wieder auf die Beine zu bringen.
+Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!"
+
+Und waehrend Harry Blount der Ruhe genoss, wachte Alcide Jolivet an seiner
+Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen
+bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter,
+gewiss zur groessten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich
+zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Maenner an einander
+geknuepft und sie weiterer Eifersuechtelei enthoben.
+
+Was also Michael Strogoff vor Allem fuerchtete, gerade das wuenschten die
+beiden Journalisten sehnsuechtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff's
+musste fuer diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft
+eines englischen und franzoesischen Correspondenten erst festgestellt war,
+mussten sie hoechst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der
+Stellvertreter des Emirs wuerde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es
+dessen Charakter auch entsprochen haette, die Gefangenen einfach als Spione
+abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet's und Harry Blount's lief also
+dem Michael Strogoff's direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den
+frueheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annaeherung an die alten
+Reisegefaehrten sorgfaeltig vermeiden liess. Er richtete sich also moeglichst
+so ein, dass Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.
+
+Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veraenderung der Sachlage. Von der
+Aufhebung des Lagers hoerten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden
+strengstens ueberwacht. Es waere thatsaechlich unmoeglich gewesen, den Cordon
+von Fussvolk und Reitern, der sich um die Huerde schloss, zu durchbrechen.
+Die ihnen gebotene Nahrung schuetzte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal
+binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stueck auf Kohlen
+geroestetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem "Krut"
+genannten Kaese, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch
+geweicht die gewoehnlich "Kumiss" genannte Speise der Kirghisen darstellt.
+Das war Alles. Hierzu kam, dass die Witterung wahrhaft abscheulich wurde.
+Heftige Stoerungen in der Atmosphaere fuehrten stuermische Winde mit
+Regenschauern herbei. Schutzlos mussten die Ungluecklichen diesen ungesunden
+Witterungswechsel aushalten, ohne dass man ihre Leiden irgendwie zu mindern
+gesucht haette. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei,
+deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mussten, da ihre Peiniger
+jenen sogar ein Grab verweigerten.
+
+Waehrend dieser harten Pruefungen machten sich Alcide Jolivet und Harry
+Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nuetzlich und waren zu jedem Dienste
+bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie frueher keinen
+harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kraeftig waren, so
+widerstanden sie auch den jetzigen ueblen Einfluessen besser und konnten
+sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nuetzlich erweisen,
+welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.
+
+Sollte dieser Jammerzustand laenger andauern? Wollte Feofar-Khan,
+befriedigt durch die ersten gluecklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor
+er auf Irkutsk marschirte? Man haette das wohl befuerchten koennen, es kam
+indess anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte,
+von Michael Strogoff so gefuerchtete Ereigniss trat am Morgen des 12. August
+wirklich ein.
+
+An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und
+knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke waelzte sich langsam
+ueber der Strasse von Kolyvan dahin.
+
+Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das
+Lager der Tartaren.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+ Alcide Jolivet's Haltung.
+
+
+Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zufuehrte. Diese
+Reiter und Fusssoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche
+sich der Stadt Omsk bemaechtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande
+gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzaehlt, der
+Gouverneur zurueckgezogen hatte, so entschloss er sich, weiter zu ziehen, um
+die Operationen, welche im oestlichen Sibirien geplant waren, nicht
+aufzuhalten. So liess er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurueck.
+Dann sammelte er seine Horden, verstaerkte sich unterwegs durch die Sieger
+von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar's her.
+
+Die Truppen Iwan Ogareff's hielten vor den Aussenposten des Lagers. Sie
+erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Fuehrer ging
+offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu
+dringen und in kuerzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre
+Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukuenftigen
+Operationen bestimmt schien.
+
+Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport
+russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in
+Feindeshand gefallen waren. Diese Ungluecklichen wurden gar nicht erst in
+die Umzaeunung gefuehrt, welche ohnedies schon zu klein fuer alle die
+erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten,
+ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch
+Feofar-Khan bevor? Wuerde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie
+vielleicht eine blutige Execution, das gewoehnliche Verfahren der
+Tartarenhaeuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniss des launischen
+Emirs.
+
+Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen
+grossen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche
+gewoehnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen.
+Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und
+liess wenig zu pluendern hinter sich zurueck. Schon hieraus ergab sich die
+Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um fuer die
+Expeditions-Colonnen den noethigen Proviant zu verschaffen. Der ganze
+Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwuestet
+und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich liessen die Tartaren eine
+Wueste, welche die Russen gewiss nur mit groesster Schwierigkeit zu
+durchziehen im Stande sein konnten.
+
+Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren,
+befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet
+hatte. Sangarre zaehlte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der boese
+Geist Iwan Ogareff's, verliess ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben
+sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Russland selbst, im Gouvernement
+von Nishny-Nowgorod, ihre Plaene schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural
+hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals
+Ichim so schnell als moeglich zu erreichen, waehrend Sangarre und ihre
+Gesellschaft durch den Sueden der Provinz auf Omsk zu zogen.
+
+Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete.
+Durch ihre Tsiganen drang sie ueberall ein, hoerte und beobachtete Alles.
+Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf
+dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem
+Dienst geoeffnet. Uebrigens gewaehrte er fuer diese Spionendienste, deren
+Vortheil ihm genuegend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.
+
+Als Sangarre frueher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt
+gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergass sie,
+was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als
+Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verraethers beschritt, erkannte er
+recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen
+konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, - Sangarre fuehrte
+ihn aus; ein wahrhaft aussergewoehnlicher Instinct, noch maechtiger
+entwickelt als selbst das Gefuehl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast
+gedraengt, sich dem Verraether als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit
+den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloss. Geschmeichelt
+durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr
+Vagabundenleben den Empoerern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien
+fuehrte. Mit der natuerlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde
+Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine
+Wilde, wuerdig die Huette eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu
+theilen.
+
+Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder
+anschloss, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall,
+welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengefuehrt hatte, war ihr bekannt.
+Die Befuerchtungen Iwan Ogareff's wegen des Durchzugs eines Couriers des
+Czaaren wusste und theilte sie. Fuer die gefangene Marfa Strogoff waere sie
+die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu
+peinigen, um ihr ihr Geheimniss zu entreissen. Noch war aber die Stunde
+nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen
+wollte. Sangarre musste warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den
+Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren
+geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag
+und Nacht bewachte, um das Wort "Sohn" einmal ihren Lippen entschluepfen zu
+hoeren, waehrend Marfa Strogoff's ausserordentliche Kaltbluetigkeit vorlaeufig
+noch alle diese Bemuehungen vereitelte.
+
+Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der
+Oberbefehlshaber der Artillerie und der Grossstallmeister des Emirs,
+begleitet von einer glaenzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff's vor
+das Feldlager hinaus begeben.
+
+Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die hoechsten Ehrenbezeigungen
+und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan's zu folgen.
+
+Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kuehl die
+Hoeflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen
+Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, - fast
+erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, - noch
+russische Uniform.
+
+Gerade als er die Zuegel seines Rosses fasste, um in den Kreis des Lagers zu
+reiten, draengte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, naeherte sich
+ihm und blieb unbeweglich stehen.
+
+"Nichts? fragte Iwan Ogareff.
+
+-- Nichts.
+
+-- Sei geduldig.
+
+-- Naehert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen
+wirst?
+
+-- Sie kommt, Sangarre.
+
+-- Wann wird das Weib sprechen sollen?
+
+-- Sobald wir in Tomsk sind.
+
+-- Und dahin kommen wir ...?
+
+-- Binnen drei Tagen."
+
+Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre's grossen, schwarzen Augen, dann
+zog sie sich still und geschmeidig zurueck.
+
+Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem
+Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fuersten.
+
+Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem
+bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze
+Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner
+Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln
+Steinen glitzernden Degengehaenge, mit dem krummen, einem Yatagan aehnlichen
+Saebel, dessen Scheide mit praechtigen Gemmen eingelegt war, den
+schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Muetze, an der eine
+Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das
+fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal,
+eines unumschraenkten Herrschers, der ueber Leib und Blut seiner Unterthanen
+ganz nach Gutduenken verfuegt, dessen persoenliche Macht ohne Grenzen ist,
+und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschliesslich
+den Namen "Emir" beilegte.
+
+Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Grosswuerdentraeger auf ihren
+goldbetressten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem
+reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fussboden der weiche
+Sammet eines bukharischen Teppichs verhuellte.
+
+Der Emir naeherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuss; ein Zeichen,
+dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuss erhob den
+Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig
+ueber den Khodja.
+
+Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.
+
+"Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du
+wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hoeren.
+
+-- Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so hoere, was ich zu sagen habe."
+
+Iwan Ogareff sprach tartarisch und drueckte sich mit dem emphatischen
+Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.
+
+"Takhsir, die Zeit ist unnuetzen Worten nicht hold! Du weisst, was ich an
+der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch
+sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter koennen ihre Pferde in dem
+nun tartarisch gewordenen Strome traenken. Die Kirghisenhorden erheben sich
+auf den Ruf Feofar-Khan's, und Dein ist die Hauptstrasse Sibiriens vom
+Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersaeulen ebenso wohl
+nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem
+Westen, wo sie sich niederlegt.
+
+-- Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne dass ein Zug
+des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.
+
+-- Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach
+Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen
+von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.
+
+-- Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?
+
+-- So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der
+tartarischen Herrschaft unterwerfen.
+
+-- Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit
+diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Russland bezeichnete.
+
+-- Von ihnen hast Du nichts zu fuerchten, weder nach Sonnenaufgang, noch
+nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte
+zu ploetzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu
+leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Haende gefallen sein. Die
+Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es ueberall
+geschehen wird, wo die Deinen gegen jene veraechtlichen Heerhaufen des
+Occidentes streiten werden.
+
+-- Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit fuer die Sache der Tartaren
+ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.
+
+-- Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der
+Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der oestlichen Steppen sollen die Rosse
+der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die
+Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geissel zu gewinnen,
+welche den Besitz eines grossen Landes aufwiegt. Jetzt muss, da es der Czaar
+nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Grossfuerst, sein Bruder, in
+Deine Haende fallen."
+
+Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hoerte man ihn so
+reden, so haette man ihn wohl fuer einen Abkommen jenes grausamen Stephan
+Razine halten koennen, der das suedliche Russland im 18. Jahrhundert
+verwuestete. Sich des Grossfuersten zu bemaechtigen, ihn ohne Mitleid in
+Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er
+unablaessig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf uebrigens gleichzeitig das
+ganze oestliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.
+
+"Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.
+
+-- Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?
+
+-- Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden."
+
+Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui
+zurueck, um die Befehle des Emirs auszufuehren.
+
+Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurueckzukehren,
+entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen
+Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wuestes Geschrei, dem
+zwei oder drei Gewehrschuesse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch
+einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurueckgewiesen
+wurde?
+
+Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und
+fast gleichzeitig erschienen zwei Maenner, trotz der Anstrengung der
+Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.
+
+Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der
+Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Koepfe der Gefangenen
+wohl schnell haette in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige
+Worte fallen liess, die dem schon ueber Jenen geschwungenen Saebel Halt
+geboten.
+
+Der Russe hatte schnell erkannt, dass die beiden Gefangenen Fremde waren,
+und befahl, sie ihm vorzufuehren.
+
+Man liess nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.
+
+Seit der Ankunft Iwan Ogareff's im Lager hatten sie schon verlangt, vor
+ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab.
+Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen
+Gewehrschuessen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung
+entgingen; immerhin haetten sie ohne das Dazwischentreten des
+Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiss bald mit dem Leben zu
+buessen gehabt.
+
+Letzterer examinirte die ihm vollstaendig unbekannten Gefangenen einige
+Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim
+beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der
+brutale Reisende von damals hatte indess den mit anwesenden Personen
+keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.
+
+Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder
+und Letzterer sagte halblaut:
+
+"Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim
+sind ein und dieselbe Person!"
+
+Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:
+
+"Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir
+einen grossen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager
+missfaellt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner
+Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so wuerden sich meine Augen
+doch eher veraechtlich von ihm abwenden, als ihm in's Angesicht zu sehen."
+
+In Alcide Jolivet's Zuegen malte sich die vollstaendigste und hochmuethigste
+Gleichgiltigkeit.
+
+Empfand es Iwan Ogareff, dass diese Haltung des Gefangenen etwas
+Beleidigendes fuer ihn hatte? Jedenfalls liess er nichts davon bemerken.
+
+"Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber
+minder als gewoehnlich rauhem Tone.
+
+-- Zwei Correspondenten englischer und franzoesischer Journale, erwiderte
+Harry Blount lakonisch.
+
+-- Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identitaet nachzuweisen?
+
+-- Hier sind Schriftstuecke, welche uns in Russland bei den Kanzlern Englands
+und Frankreichs accreditiren."
+
+Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen
+und las sie mit Aufmerksamkeit durch.
+
+"Sie begehren die Erlaubniss, unseren militaerischen Operationen in Sibirien
+zu folgen? begann er darauf.
+
+-- Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische
+Reporter.
+
+-- Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr
+begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.
+
+-- Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht
+kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto."
+
+Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurueck, der seine
+Worte stillschweigend zu bestaetigen schien.
+
+Iwan Ogareff laechelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand
+an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.
+
+"Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie ueber Iwan Ogareff, den Oberanfuehrer der
+Tartarenheere? fragte Harry Blount.
+
+-- Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte laechelnd Alcide Jolivet,
+dass jener Housch-Begui eine recht huebsche Geste machte, als er den Befehl
+gab, uns um einen Kopf kuerzer zu machen!"
+
+Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die
+Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den
+Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiss nicht
+in den Sinn, die Flinte in's Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche
+sie frueher wohl gegen einander fuehlten, hatte einer innigen Freundschaft
+Platz gemacht. Durch die Umstaende einander genaehert, dachten sie gar nicht
+daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnuetzen Eifersucht
+waren fuer immer geloescht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er
+seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu
+erinnern; die gegenseitige Annaeherung erleichterte die Zwecke der
+Reportage, gewiss zum Vortheile der beiderseitigen Leser.
+
+"Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit
+anfangen?
+
+-- Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu
+sehen, was dort geschieht.
+
+-- Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet,
+uns einem russischen Corps anzuschliessen? -
+
+-- Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr
+tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die
+Civilisation verbreiten, und offenbar haetten die Volksstaemme Centralasiens
+Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu
+gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann
+nur eine Frage der Zeit sein."
+
+Das Erscheinen Iwan Ogareff's, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre
+Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine grosse Gefahr fuer
+Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff
+vor Augen fuehrte, musste dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen,
+den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael
+Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan
+haette, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so musste er doch der
+Gegenstand erhoehter Aufmerksamkeit werden, - was der Erreichung seiner
+Ziele gewiss nicht foerderlich sein konnte.
+
+Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff's. Dagegen
+durfte es als eine glueckliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, dass
+noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur
+Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.
+
+Michael Strogoff's lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfuellung. Seine
+Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der uebrigen Gefangenen zu
+erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plaenklern in die Haende zu
+fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in grosser Anzahl
+umschwaermten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff's aber und der Furcht, von
+diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber
+auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen
+solle.
+
+Michael Strogoff haette sich wahrscheinlich noch fuer das letztere
+entschieden, als ihm zu Ohren kam, dass Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der
+Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.
+
+"Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz
+ausnahmsweise guenstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk
+ueberwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten
+immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden ueber die am meisten nach Osten
+vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage
+Geduld und dann stehe Gott mir bei!"
+
+In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die
+Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch
+die Steppe zurueckzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine
+Entfernung von einhundertfuenfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an
+nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer
+aber den ungluecklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwaechten
+Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug ueber die sibirische
+Heerstrasse bezeichnen.
+
+Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei grosser Hitze und wolkenlosem
+Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.
+
+Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry
+Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die
+wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen musste.
+Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten
+Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie
+von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein
+Klagelaut kam ueber ihre Lippen. Man haette sie eine Bildsaeule des Schmerzes
+nennen koennen. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als
+die Andern bewachte Frau wurde, ohne dass sie es ahnte oder sich darum zu
+kuemmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte
+auch sie dem Gefangenentransporte zu Fusse folgen muessen, ohne dass Jemand
+versucht haette, ihr irgend eine Erleichterung zu gewaehren.
+
+Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswuerdiges anderes
+Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu
+leisten. Unter ihren Ungluecksgefaehrten befand sich ein junges, durch seine
+Schoenheit und Kaltbluetigkeit ausgezeichnetes Maedchen, das es sich zur
+Aufgabe machte, ueber sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden
+Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Maedchen
+stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten
+konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten
+nicht ohne einiges Misstrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der
+gerade, offene Blick des Maedchens, ihre Zurueckhaltung und die
+geheimnissvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen
+zwei gleichmaessig Ungluecklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb
+abweisende Kaelte Marfa Strogoff's. Nadia, - denn sie war es, - hatte auf
+diese Weise unbewusst der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurueckzahlen
+koennen, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie
+hier doppelt gut geleitet. Dadurch, dass sie Jener gern diente, erwarb sich
+Nadia fuer ihre Jugend und Schoenheit den Schutz der aelteren Gefangenen.
+Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wussten
+sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die
+Grossmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art
+Hochachtung zu sichern.
+
+Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plaenkler in die Barken auf dem
+Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt
+gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die
+Truppen Iwan Ogareff's bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das
+Marfa Strogoff's.
+
+Ohne ihre unbeugsame Energie waere Nadia wohl dem doppelten Schlage, der
+sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael
+Strogoff's drueckten und empoerten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht fuer
+immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsaeglichen gluecklich
+ueberstandenen Muehen, die sie ihm genaehert hatten, und, um ihren Schmerz
+auf's Hoechste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den
+Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu
+geleiten, - Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das
+Bild Michael Strogoff's, der vor ihren Augen von einem Lanzenstosse
+getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Musste
+ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Fuer wen sparte Gott seine
+Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiss einem edlen Zwecke diente, so
+jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der
+Zorn die Oberhand ueber ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr
+Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig ueber sich ergehen
+liess, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser
+Erinnerung.
+
+"Wer wird wohl diesen Todten raechen, sagte sie zu sich selbst, da er es
+selbst nicht mehr kann?"
+
+Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:
+
+"Mach es, Herr, dass ich es sein darf!"
+
+Haette ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniss
+anvertraut, wie gern haette sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes
+Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den
+Gott ihr nicht erst haette schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder
+verlieren sollte!...
+
+Man begreift, dass Nadia, von solchen Gedanken erfuellt, fuer die Leiden
+ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.
+
+Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa
+Strogoff zusammengefuehrt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, dass
+diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres frueheren Begleiters
+sein koenne, der fuer sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen
+war. Und wie haette Marfa auf der andern Seite ahnen koennen, welches Band
+der Erkenntlichkeit das junge Maedchen an ihren Sohn fesselte?
+
+Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer
+Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose
+unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenueber den Leiden und
+Entbehrungen ihres taeglichen Lebens, diese Verachtung aller koerperlichen
+Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der
+dem ihrigen an Groesse gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia's, und wir
+wissen, dass sie sich damit nicht taeuschte. Eine instinctive Sympathie fuer
+jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu
+ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit
+der stolzen Seele des jungen Maedchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht
+erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder
+abschlagen zu koennen. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge
+Maedchen da und unterstuetzte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel
+ausgetheilt wurden, haette die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia
+theilte mit ihr die eigenen kaerglichen Mahlzeiten, so dass sie Beide den
+qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zuruecklegten. Dank ihrer
+jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den
+Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf
+gefesselt zu werden, wie manche andere Unglueckliche, welche so auf ihrem
+Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.
+
+"Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du fuer meine alten Tage gethan
+hast!" sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das waehrend einer
+langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.
+
+Man haette meinen sollen, dass die aeltere Frau und das junge Maedchen im
+Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal
+ueber ihre Verhaeltnisse ausgesprochen haetten. Marfa Strogoff hatte aber aus
+leicht begreiflichen Gruenden, und auch das nur moeglichst kurz, von sich
+allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen
+Augenblicks erwaehnt, der sie mit ihm zusammenfuehrte.
+
+Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes
+unnuetze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fuehlte, dass sie
+eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das
+Herz ueber und sie erzaehlte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr
+seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff's begegnet
+war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hoerte, erregte die lebhafteste
+Theilnahme der alten Sibirerin.
+
+"Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzaehle mir noch mehr von diesem Nicolaus!
+Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend,
+von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen haette! Nicolaus
+Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?
+
+-- Warum sollte er mich hierin getaeuscht haben, erwiderte Nadia, da er in
+allen andern Dingen die Wahrheit sprach?"
+
+Dennoch trieb ein ungewisses Gefuehl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere
+Fragen zu stellen.
+
+"Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir
+versichert, dass er es war, sagte sie.
+
+-- Gewiss, unerschrocken, bestaetigte Nadia.
+
+-- So waere mein Sohn auch gewesen", murmelte Marfa Strogoff halb fuer sich.
+
+Dann fuhr sie fort:
+
+"Du sagst mir auch, dass Nichts ihn aufhalten konnte, dass Nichts ihn
+erschreckte, dass er so mild war, bei aller Kraft, dass Du in ihm ebenso gut
+eine Schwester, wie einen Bruder hattest, dass er ueber Dich wachte, wie
+eine Mutter?
+
+-- Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!
+
+-- Und auch ein Loewe, Dich zu vertheidigen?
+
+-- Wahrhaftig, ein Loewe! antwortete Nadia; ja ein Loewe, ein Held!
+
+-- Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, dass er
+im Posthofe zu Ichim sich eine so unwuerdige Behandlung gefallen liess?
+
+-- Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.
+
+-- Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.
+
+-- Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniss
+mit sich, worueber heut nur Gott noch Richter sein kann.
+
+-- Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und
+Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen,
+in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff
+verachtet?
+
+-- Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge
+Maedchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung fuer ihn gefuehlt."
+
+Die alte Frau schwieg einen Augenblick.
+
+"Er war gross? fragte sie hierauf.
+
+-- Sehr gross.
+
+-- Und sehr schoen, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.
+
+-- Er war sehr schoen, antwortete Nadia leicht erroethend.
+
+-- Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die
+alte Frau ueberwaeltigt und schloss Nadia in ihre Arme.
+
+-- Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!
+
+-- Weiter, draengte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein
+Freund, Dein Beschuetzer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von
+seiner Mutter gesprochen?
+
+-- Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm
+von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!
+
+-- Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzaehlt",
+schluchzte die alte Frau.
+
+Dann fuegte sie ruhiger hinzu:
+
+"Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,
+welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk
+einmal zu sehen?
+
+-- Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.
+
+-- Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?
+
+-- Ja gewiss, aber ich muss wohl noch hinzufuegen, dass Nicolaus Korpanoff aus
+Gruenden, die ihm ueber Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,
+gezwungen schien, das Land moeglichst unerkannt zu durchziehen. Es war fuer
+ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und
+Gewissenspflicht.
+
+-- Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte
+Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, fuer deren
+Erfuellung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuss, ach
+vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiss jetzt
+Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du
+hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir
+angezuendet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein
+Geheimniss nicht mittheilte, so muss auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,
+Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.
+
+-- Ich verlange keine Belohnung, Mutter", antwortete Nadia.
+
+Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das
+unerklaerliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu
+Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen
+Augenblick mehr, dass der Begleiter des jungen Maedchens Michael Strogoff
+gewesen sei, dass eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er
+durch das ueberfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine
+Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.
+
+"O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht
+verrathen und keine Tortur soll mir das Gestaendniss ablocken, dass Du es
+wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!"
+
+Marfa Strogoff haette Nadia mit einem Worte fuer ihre erwiesene Ergebenheit
+belohnen koennen. Sie konnte ihr mittheilen, dass ihr Begleiter Nicolaus
+Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch
+umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst
+gesprochen hatte!...
+
+Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnuegte sich zu sagen:
+
+"Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglueck kann Dich nicht fuer
+immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fuehle es, und
+vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott
+kann es nicht gestatten, dass Dein edler Gefaehrte umgekommen sei!... Hoffe
+noch immer, meine Tochter! Mach' es wie ich! Die Trauerkleidung, welche
+ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!"
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+ Schlag fuer Schlag.
+
+
+In dieser Weise gestaltete sich also das Verhaeltniss Marfa Strogoff's und
+Nadia's zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn
+dem jungen Maedchen auch nicht bekannt war, dass ihr so aufrichtig
+betrauerter Begleiter noch lebte, so wusste sie doch, was seiner kindlich
+verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafuer, dass er ihr die Freude
+gewaehrte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermassen zu ersetzen.
+
+Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, dass der bei Kolyvan
+gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig
+mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.
+
+Die von Iwan Ogareff weiter zugefuehrten Gefangenen wurden mit denen,
+welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen liess, vereinigt.
+Nach Tausenden zaehlten diese Ungluecklichen, Russen oder Sibirier, Militaers
+oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Laenge.
+Diejenigen derselben, welche man fuer die gefaehrlichsten hielt, waren
+mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder
+band oder haengte man an die Sattelknoepfe, um sie ohne Erbarmen auf der
+Strasse hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her.
+Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung,
+so dass es hier keine Nachzuegler gab, ausser denjenigen, welche zusammen
+brachen, um nicht wieder aufzustehen.
+
+In Folge dieser Ordnung kam es, dass Michael Strogoff, der sich in den
+ersten Reihen befand, die das Feldlager verliessen, d. h. unter den
+Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten
+Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter
+und Nadia's in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die
+seinige.
+
+Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und
+solch' traurigen Verhaeltnissen, wurde fuer nicht Wenige toedtlich, fuer Alle
+furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Strasse, die
+durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger
+geworden war. Dazu war Befehl gegeben, moeglichst schnell nachzuruecken, so
+dass nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst
+unter brennender Sonne zurueckzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der
+Bewegung, ein endloser Weg zu sein!
+
+Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des
+Obi bis zum Fusse der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach
+Sueden verlaufenden Sayanskgebirge gehoeren. Kaum unterbrechen einige
+magere, halb verbrannte Gebuesche die Einfoermigkeit dieser grenzenlosen
+Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch
+den von dem anstrengenden Marsche erschoepften Gefangenen fehlte es vor
+allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluss anzutreffen, haette
+man sich etwa fuenfzig Werst weiter nach Osten begeben muessen, bis zu dem
+Fusse jenes Landrueckens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jenisei
+darstellt. Dort laeuft der Tom, ein kleiner Nebenfluss des Obi, der auch die
+Stadt Tomsk durchfliesst, bevor er sich in einer der grossen Wasseradern des
+Nordens verliert. Dort waere Wasser in Ueberfluss, die Steppe minder duerr,
+die Hitze nicht so drueckend gewesen. Die Fuehrer des Zuges hatten aber die
+gemessensten Befehle erhalten, auf dem kuerzesten Wege nach Tomsk zu
+marschiren, denn der Emir musste jede Stunde fuerchten, in der Flanke gefasst
+und von einer aus den noerdlichen Provinzen herab dringenden russischen
+Colonne abgeschnitten zu werden. Die grosse sibirische Heerstrasse beruehrte
+nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen
+Kolyvan und dem naechsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, - und von
+der Strasse durfte nicht abgewichen werden.
+
+Wir wollen uns nicht unnuetzer Weise bei den Leiden so vieler ungluecklicher
+Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre
+Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher
+getriebenen hungrigen Woelfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.
+
+So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin
+helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei
+bewegen konnte, seinen schwaechlicheren Leidensgefaehrten alle unter diesen
+Verhaeltnissen moeglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstuetzte
+die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn
+die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz
+wieder einzunehmen.
+
+Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? - Weil jetzt sein Entschluss fest
+stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die
+nothwendige Sicherheit boete. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, "auf
+Unkosten des Emirs" bis Tomsk zu gelangen, und waehlte hiermit wohl auch
+den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen
+beruecksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im
+Sueden und bald im Norden umschwaermten, so musste er zu der Ueberzeugung
+gelangen, dass er gewiss kaum zwei Werst vorwaerts gekommen waere, ohne von
+diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwaermten die
+Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen,
+wie die laestigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden
+bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden
+Verhaeltnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausfuehrbar. Die escortirenden
+Soldaten wachten mit aeusserster Strenge, denn fuer eine erwiesene
+Nachlaessigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.
+
+Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen
+Flecken Zabediero, etwa dreissig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die
+Strasse mit dem Laufe des Tom.
+
+Gern waeren die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre
+Waechter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als
+bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit
+gerade ueberaus heftigen Stroemung des Tom haette der Fluss doch die Flucht
+einiger Wagehaelse oder Halbverzweifelter beguenstigen koennen, weshalb die
+sorgsamsten Vorsichtsmassregeln getroffen wurden. Auf den Fluss verlegte man
+eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmoeglich zu
+durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Aussenlinie der an die ersten
+Haeuser des Staedtchens gelehnten Lagerstaette umschloss dagegen ein lueckenlos
+dichter Cordon von Feldwachen.
+
+Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von
+hier aus in die Steppe zu fluechten, so sah er doch, nachdem er sich ueber
+die Sachlage unterrichtet, leicht ein, dass unter diesen Verhaeltnissen
+jeder Fluchtversuch unmoeglich sei, und beschloss, sich in Geduld zu fassen,
+um nicht Alles auf's Spiel zu setzen.
+
+Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht ueber an den Ufern des Tom. Der
+Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk
+hinein zu fuehren. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener
+wichtigen Stadt durch ein grosses militaerisches Fest gefeiert werden.
+Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, waehrend das Gros der
+Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden
+Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.
+
+Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage
+vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurueck
+gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrieregarde des
+tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst
+ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die
+Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in
+Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveraenen
+gebraeuchlichen Pompe empfangen wollte.
+
+Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf's
+Aeusserste erschoepften Gefangenen endlich ihren quaelenden Durst loeschen und
+einige Ruhe geniessen.
+
+Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein
+schwaches Daemmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer
+des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der
+Verschmachteten, welche das Flussufer umdraengten, nicht zu durchbrechen
+vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu
+erobern.
+
+Die alte Sibirerin beugte sich erschoepft ueber das Wasser; Nadia schoepfte
+daraus mit ihrer Hand und fuehrte diese an Marfa's Lippen. Dann erst
+erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Maedchen
+tranken ein neues Leben aus den wohlthaetigen Fluthen.
+
+Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten,
+ploetzlich um. Ein unwillkuerlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.
+
+Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!
+
+Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.
+
+Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug
+Herrschaft ueber sich, um nicht ein Wort hoeren zu lassen, das ihn haette
+compromittiren koennen.
+
+Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...
+
+Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drueckte Michael
+Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte
+sich.
+
+Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie
+zurueck und raunte ihr in's Ohr:
+
+"Bleib' hier, meine Tochter!
+
+-- Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrueckter Stimme. Er
+lebt, Mutter! Er ist es!
+
+-- Ja, es ist mein Sohn, bestaetigte Marfa Strogoff, das ist Michael
+Strogoff, und Du siehst, dass ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir
+darin, meine Tochter!"
+
+Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl
+je ein Mann empfinden kann. Er wusste seine Mutter und Nadia hier. Diese
+beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der
+Himmel zu gemeinschaftlichem Unglueck zusammen gefuehrt. Wusste Nadia nun,
+wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff's Handbewegung bemerkt, mit
+der sie jene zurueckhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff
+hatte Alles durchschaut und sein Geheimniss bewahrt.
+
+Zwanzigmal waehrend dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte,
+seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, dass er dem
+herzinnigen Wunsche widerstehen muesse, sie in seine Arme zu pressen und
+die Hand seiner jungen Gefaehrtin zu druecken. Die geringste Unklugheit
+konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu
+sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in
+Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmoeglich war,
+hinausfluechten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen,
+an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt
+zurueck liess.
+
+Michael Strogoff durfte also hoffen, dass dieses neue Zusammentreffen im
+Lager zu Zabediero weder fuer seine Mutter noch fuer ihn nachtheilige Folgen
+haben werde. Er wusste aber nicht, dass gewisse Einzelheiten dieser Scene,
+trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff's,
+beobachtet wurden.
+
+Auch die Zigeunerin befand sich naemlich am Ufer, wo sie wie immer die alte
+Sibirerin ohne deren Wissen argwoehnisch ueberwachte. Michael Strogoff,
+welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar
+nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie
+Nadia zurueck hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen
+Marfa's sagte ihr Alles.
+
+Es stand ihr nun ausser Zweifel, dass der Sohn Marfa Strogoff's, der Courier
+des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan
+Ogareff's befinden muesse.
+
+Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wusste, dass er da war! Sie suchte ihn
+vorlaeufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten
+in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmoeglich schien.
+
+Auch eine weitere Beobachtung Nadia's und Marfa Strogoff's hielt sie fuer
+nutzlos. Offenbar wuerden die beiden Frauen aeusserst vorsichtig sein und
+Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend
+compromittiren koennte.
+
+Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu
+erstatten. Sie verliess also sofort das Lager.
+
+Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in
+das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.
+
+Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.
+
+"Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.
+
+-- Der Sohn Marfa Strogoff's befindet sich im Lager, antwortete das Weib.
+
+-- Als Gefangener?
+
+-- Als Gefangener!
+
+-- O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ...
+
+-- Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in's Wort, denn Du
+kennst ihn ja nicht.
+
+-- Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!
+
+-- Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine
+Bewegung, die mir Alles erklaerte.
+
+-- Taeuschest Du Dich nicht?
+
+-- Ich taeusche mich nicht.
+
+-- Du weisst, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege,
+sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls uebergebene
+Cabinetsschreiben dem Grossfuersten ausgehaendigt, so wird dieser auf seiner
+Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu naehern vermoegen. Jenen Brief muss
+ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der
+Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner
+Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, taeuschte Dich Deine
+Beobachtung nicht?"
+
+Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen
+Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der
+bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in
+ihrer Ueberzeugung.
+
+"Ich taeusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.
+
+-- Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest,
+dass Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.
+
+-- Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte,
+ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man
+wird seine Mutter zum Sprechen zwingen muessen.
+
+-- Morgen soll das geschehen!" erwiderte Iwan Ogareff.
+
+Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese kuesste sie, ohne
+dass diese bei den Voelkerschaften des Nordens so gebraeuchliche
+Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwuerfigkeit zeigte.
+
+Sangarre kehrte nach dem Lager zurueck. Sie spuerte bald die Stelle aus, an
+der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und liess diese nun die ganze
+Nacht ueber nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Maedchen
+schliefen nicht, trotzdem dass die Erschoepfung sie fast uebermannte. Eine
+fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber
+Gefangener gleich ihnen. Wusste das Iwan Ogareff, und wenn nicht, wuerde er
+es noch erfahren? Nadia beschaeftigte sich nur mit dem einen Gedanken, dass
+ihr todt geglaubter Gefaehrte noch lebe. Marfa Strogoff's Blick reichte
+weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war,
+so hatte sie doch Grund genug, fuer ihren Sohn das Schlimmste zu
+befuerchten.
+
+Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und
+verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie
+durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und
+Nadia, ueberhaupt ein Wort zu wechseln.
+
+Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten
+helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten
+augenblicklich unter die Waffen.
+
+Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe
+tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch
+finsterer, als gewoehnlich, und die strengen Zuege verriethen einen
+verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.
+
+Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind
+vorueber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefuehl, dass jetzt eine
+Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wusste, dass Marfa Strogoff die
+Mutter Michael Strogoff's, des Officiers im Corps der Czaarencouriere,
+sei.
+
+Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde,
+und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.
+
+Da naeherte sich Sangarre wieder und sagte:
+
+"Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!"
+
+Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der
+Officiere.
+
+Bald darauf draengten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen
+der Gefangenen. Von Peitschenschlaegen getrieben oder von Lanzenschaeften
+gestossen, mussten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des
+Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fusssoldaten, und hinter
+diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmoeglich.
+
+Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff's begab
+sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.
+
+Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle.
+Ein veraechtliches Laecheln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu
+Nadia und sagte zu ihr mit gedaempfter Stimme:
+
+"Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart
+diese Pruefung werden moege, - kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich
+hier um ihn, nicht um mich!"
+
+Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand
+auf die Schulter der alten Sibirerin.
+
+"Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.
+
+-- Komm' mit mir!" erwiderte Sangarre.
+
+Fortdraengend fuehrte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan
+Ogareff.
+
+Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das
+Aufflammen seiner Augen zu verrathen.
+
+Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz
+empor, kreuzte die Arme und wartete.
+
+"Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.
+
+-- Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.
+
+-- Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in
+Omsk um Etwas fragte?
+
+-- Nein.
+
+-- Du weisst also nicht, dass Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk
+gekommen ist?
+
+-- Das weiss ich nicht.
+
+-- Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen
+glaubtest, das war Dein Sohn nicht?
+
+-- Nein, das war er nicht.
+
+-- Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht
+gekommen?
+
+-- Nein.
+
+-- Und wenn ich Dir ihn zeigte, wuerdest Du ihn wieder erkennen?
+
+-- Nein."
+
+Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschuetterlichen Entschlusses,
+nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.
+
+Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.
+
+"So hoere: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.
+
+-- Nein!
+
+-- Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Maenner werden Dir vorgefuehrt
+werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich
+ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorueber gekommen sind."
+
+Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, dass er die unbeugsame Sibirerin trotz
+aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen koennen. Um den
+Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als
+auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es fuer unmoeglich, dass Mutter und
+Sohn, wenn sie einander gegenueber staenden, sich nicht durch irgend eine
+Bewegung verrathen sollten. Waere es ihm nur allein um das kaiserliche
+Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur
+Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das
+Schriftstueck aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt
+durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch,
+nach Irkutsk zu fluechten, so waren Iwan Ogareff's Plaene durchkreuzt. Der
+Verraether musste sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des
+Ueberbringers desselben versichern.
+
+Nadia hatte Alles mit angehoert; sie wusste nun, wer Michael Strogoff sei
+und warum er die von den Feinden ueberfallenen Provinzen Sibiriens
+unerkannt durchreisen wollte.
+
+Auf Iwan Ogareff's Befehl defilirten die Gefangenen Mann fuer Mann vor
+Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsaeule, und deren
+Blicke die vollstaendigste Gleichgiltigkeit heuchelten.
+
+Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor
+seiner Mutter vorueber schritt, schloss Nadia die Augen, um es nicht mit
+anzusehen.
+
+Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand
+blutete, so fest hatten sich die Naegel eingepresst.
+
+Iwan Ogareff war vorlaeufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!
+
+Sangarre, welche neben ihm stand, aeusserte nur ein Wort.
+
+"Die Knute herbei! sagte sie.
+
+-- Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute
+dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!"
+
+Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand naeherte sich ein
+tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.
+
+Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in
+geflochtene Drahtstuecken auslaufen. Man nimmt an, dass eine Verurtheilung
+zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist.
+Marfa Strogoff wusste das wohl, aber sie wusste auch, dass keine Tortur sie
+zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer
+bringen.
+
+Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden
+geworfen. Man riss ihr das Kleid herunter und entbloesste den Ruecken. Nur
+wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Saebel befestigt, so dass sie in
+dessen Spitze fallen musste, wenn der Schmerz sie niederbeugte.
+
+Der Tartar stand bereit.
+
+Er wartete eines Zeichens.
+
+"Thu' Deine Pflicht!" sagte Iwan Ogareff.
+
+Die Geissel pfiff durch die Luft ...
+
+Aber bevor sie niederfiel hatte eine kraeftige Faust sie der Hand des
+Tartaren entrissen.
+
+Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser
+entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte,
+als die Peitsche Iwan Ogareff's ihn selbst traf, hier, wo sie seiner
+Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.
+
+Iwan Ogareff hatte gesiegt.
+
+"Michael Strogoff!" rief er.
+
+Dann trat er naeher.
+
+"Ah, sagte er hoehnisch, der Mann von Ichim?
+
+-- Derselbe!" schrie Michael Strogoff.
+
+Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wuethend mehrmals
+in's Gesicht.
+
+"Schlag fuer Schlag! rief er.
+
+-- Brav zurueckerstattet!" liess sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen,
+die sich gluecklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.
+
+Ein Haufe Soldaten stuerzte sich auf Michael Strogoff, um ihn
+umzubringen ...
+
+Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr,
+hielt sie durch eine Handbewegung zurueck.
+
+"Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man
+durchsuche ihn!"
+
+Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael
+Strogoff's gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu
+vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.
+
+Der Zuschauer, von dem der Ausruf: "Brav zurueckerstattet!" herruehrte, war
+kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefaehrte und er wohnten, da sie
+sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.
+
+"Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind
+doch handfeste Maenner. Sie geben doch zu, dass wir unsrem Reisegefaehrten
+nun eine Ehrenerklaerung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die
+Wage! Eine schoene Revanche fuer die Schmach in Ichim!
+
+-- Gewiss, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser
+Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse haette er wohl
+besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.
+
+-- Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!
+
+-- Glauben Sie, dass er dieser und seiner Schwester durch seinen
+Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?
+
+-- Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiss auch nichts,
+als dass ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt haette. O, zum
+Teufel, manchmal muss man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott haette
+Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, dass wir
+stets und allezeit unerregt blieben.
+
+-- Ein huebsches Thema fuer eine Erzaehlung! meinte Harry Blount. Nun sollte
+uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!..."
+
+Nachdem er sich das Blut, das ihm ueber das Antlitz rann, abgewischt, hatte
+Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam
+durch, so als wollte er seinem Gedaechtniss jedes Wort des Inhaltes
+einpraegen.
+
+Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit
+den uebrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann uebernahm er den
+Befehl ueber die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter
+betaeubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in
+der der Emir ihn erwartete.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+ Der siegreiche Einzug.
+
+
+Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegruendet, ist eine
+der bedeutendsten Staedte des asiatischen Russlands. Tobolsk, das schon ueber
+den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das ueber den 100. Meridian hinaus liegt,
+sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen.
+
+Dennoch ist, wie schon erwaehnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt
+dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt
+vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur
+hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaiberge, d. h.
+an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den
+Abhaengen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige
+Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das
+Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der
+eintraeglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der aeussere und innere
+Luxus der Gebaeude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit
+den groessten Hauptstaedten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine
+Stadt der Millionaere vom Schlaegel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre
+nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu
+beherbergen, so troestet sie sich damit, dass der erste Kaufmann der Stadt,
+der Hauptconcessionaer der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten
+Range der Notabeln des Reiches zaehlt.
+
+Frueher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt.
+Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine grosse Reise. Jetzt ist das,
+vorausgesetzt, dass keine wilden Feindeshorden die Strasse umschwaermen,
+durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der
+Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit
+Perm in Verbindung setzen soll.
+
+Haelt man Tomsk fuer eine schoene Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen
+in dieser Hinsicht nur wenig ueberein. Frau von Bourboulon, welche auf
+ihrer Reise von Shang-hai nach Moskau einige Tage daselbst verweilte,
+nennt es einen wenig malerischen Haeuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist
+es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebaeuden aus Granit
+und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in
+sibirischen Staedten findet, wenig abweichenden Strassen, mit schmutzigen
+Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen
+schweigsame Betrunkene umhertaumeln, "deren Trunkenheit ebenso apathisch
+erscheint, wie bei allen Voelkern des Nordens".
+
+Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte
+Bewunderung. Sollte das nur daher ruehren, dass er es mitten im Winter sah,
+wogegen Frau von Bourboulon es nur waehrend des Sommers besuchte? Das ist
+wohl moeglich und wuerde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern,
+dass man kalte Laender nur waehrend der kalten Jahreszeit, warme nur waehrend
+der heissen wirklich kennen und beurtheilen lernt.
+
+Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, dass Tomsk nicht nur die
+schoenste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der huebschesten Staedte
+ueberhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Saeulengaengen und Peristylen
+geschmueckten Haeuser, die bequemen Holztrottoirs, wie ueberhaupt die
+breiten, regelmaessigen Strassen, sammt den fuenfzehn praechtigen Kirchen, die
+sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses,
+wiederspiegeln.
+
+Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei
+einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenfoermig ueber einen
+langgestreckten, aber steil abfallenden Huegel aus.
+
+Die huebscheste Stadt der Welt wird aber zur haesslichsten, wenn Feinde in
+ihr hausen. Wer haette sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von
+wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuss hatte sie dem Anprall der tartarischen
+Heersaeulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der
+Stadtbevoelkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben
+ungern empfangen, und fuer den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch
+oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara
+versetzt worden waere.
+
+In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu
+Ehren sollte ein Fest mit Gesaengen, Taenzen und Schaugepraenge abgehalten
+werden, dessen Ende wie gewoehnlich in eine laermende, wilde Orgie auslief.
+
+Der fuer diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen
+ausgewaehlte Platz nahm eine geraeumige Ebene auf einem Theile des Huegels
+ein, der sich etwa hundert Fuss hoch ueber den Tom erhebt. Den Rahmen dieser
+Flaeche bildeten einerseits die langen eleganten Haeuserreihen, die vielen
+Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen
+des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Waelder, oder in
+der Naehe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern.
+
+An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse
+provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen
+Palastes - wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen,
+halb tartarischen Baudenkmaeler, - in bizarrstem Style errichtet. Ueber
+diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den
+hoechsten Zweigen der Baeume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu
+Hunderten gezaehmte Stoerche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt
+waren.
+
+Jene Terrasse blieb reservirt fuer den Hofstaat des Emirs, fuer die
+verbuendeten Khans, die Grosswuerdentraeger des Reiches und fuer die Harems
+eines jeden der turkomanischen Fuersten.
+
+Unter den Sultaninnen, zum groessten Theile uebrigens nur auf den Maerkten von
+Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht
+unverhuellt, waehrend Andere fast vollstaendig unter einem dichten Schleier
+verborgen waren. Alle erschienen in der praechtigsten Kleidung. Reizende
+Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rueckseite aufgeschlagen, eine
+eigenthuemliche Faltenordnung zeigten, liessen ihre entbloessten Arme sehen,
+deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden
+erschienen, und ihre kleinen Haende, an denen die Fingernaegel mit dem Safte
+der "Henneh" gefaerbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider,
+welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Faeden des Spinnengewebes, zum
+Theil aus wundervoll weichem "Aladja" (ein schmalgestreifter, herrlicher
+Baumwollstoff) bestanden, liess sich jenes vornehme Rascheln hoeren, das den
+Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe
+erglaenzten brocatne kurze Roeckchen ueber den seidenen Beinkleidern, welche
+letztere ein wenig oberhalb der feinen, grazioes geschweiften und mit
+echten Perlen geschmueckten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos
+erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die
+unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schoenen Augen, die
+praechtigen Zaehne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die
+tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und
+die mit Bleiglaette gefaerbten Lider hervorgehoben wurden.
+
+Am Fusse der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die
+Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekruemmten Saebeln an der Seite,
+einem Dolch im Guertel und der zehn Fuss langen Lanze in der Hand. Einige
+dieser Tartaren trugen weisse Staebe, Andere ungeheure Hellebarden mit
+maechtigen Troddeln aus Gold- und Silberfaeden.
+
+Ringsumher, bis zu den aeussersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen
+Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, draengte sich eine
+wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewuerfelt aus allen Eingeborenen
+Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen
+Schaffellmuetzen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem "Arkaluk", einer
+besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten
+sich Turkomanen in ihrem Nationalcostuem, langen Beinkleidern von
+schreiender Farbe, Westen und Maenteln aus Kameelhaar, rothen entweder
+konisch oder auch oben erweiterten Muetzen, hohen juchtenen Stiefeln,
+Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Naehe
+ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von
+Natur ueppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu
+verlaengern pflegen, mit unter der "Tjuba" offnem, blauem, purpurnem oder
+gruenem Hemd, die Beine in farbige Baender eingeschnuert, die sich bis herab
+ueber den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, - so als ob
+sich alle Voelkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des
+Emirs erhoben haetten, - an der Stirn und den Schlaefen rasirte Mandschus
+mit geflochtenem Haar, langen Ueberroecken, einem Guertel, der die Taille
+ueber einem seidnen Hemd umschloss, mit ovalen kirschrothen Atlasmuetzen mit
+gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen
+aus der Mandschurei, coquett mit kuenstlichen Blumen coiffirt, welche
+reizende Haeubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen
+Haaren trugen. Ausser diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser,
+Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste
+Geladenen mischten.
+
+Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen
+nicht hatte fliehen koennen, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, dass
+Feofar-Khan noch, zum wuerdigen Schluss dieser Siegesfestlichkeit, einen
+Befehl zum Pluendern ergehen lassen koenne.
+
+Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet
+von lustigen Fanfaren, Tamtamschlaegen, von Kanonen- und Gewehrsalven.
+
+Feofar ritt sein Lieblingsross, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten
+funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten
+die Khans von Khokhand und Kunduz, die Grosswuerdentraeger des Khanates und
+als Gefolge ein zahlreicher Stab.
+
+Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar's die Terrasse,
+gewissermassen die Koenigin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der
+bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Koenigin oder Sklavin,
+jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswuerdiger
+Schoenheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich
+nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhuelltem
+Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die
+blendendweissen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten
+Schleier bedeckt waren, der sich rueckwaerts an eine Art mit den
+werthvollsten Gemmen geschmueckte Haube anschloss. Unter der Tunica von
+blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der "Zir-djameh" von
+Seidengaze herab und ueber den Guertel faltete sich der "Pirahn", eine Art
+Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu grazioes
+ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln
+an den Fuessen glaenzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide,
+goldenen Tomans an Silberschnueren, Kraenze von Tuerkisen, Achate, Smaragde,
+Opale und Saphire, dass ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt
+erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenpraechtig an ihrem Halse,
+den Armen, den Haenden, am Guertel und an den Fuessen blitzten, waeren mit
+Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem
+Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, haette man glauben koennen,
+dass sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten
+elektrischen Bogen verbunden seien.
+
+Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen
+Staatsbeamten und militaerischen Wuerdentraeger des Gefolges. Alle nahmen
+Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse
+erhob. Vor dem Zelte lag wie gewoehnlich der geoeffnete Koran auf dem
+heiligen Tische.
+
+Feofar's Befehlshaber liess nicht lange auf sich warten, und noch vor fuenf
+Uhr meldeten Trompetenstoesse die Ankunft des Verbuendeten.
+
+Iwan Ogareff, - "mit der Schmarre", wie man ihn schon nannte - kam, jetzt
+in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des
+Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero
+begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so dass in
+der Mitte nur der fuer die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei
+blieb. Quer ueber das Gesicht des Verraethers zog sich eine blutig
+unterlaufene Strieme hin.
+
+Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan
+empfing sie, wenn auch mit der seiner Wuerde entsprechenden Kaelte, doch in
+einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise.
+
+Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt
+unzertrennlichen Neuigkeitsjaeger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten
+sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin,
+sich sobald als moeglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen,
+sich einem russischen Truppencorps anzuschliessen und mit diesem Irkutsk zu
+erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den
+Feuersbruensten, Pluenderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte
+nur das Gefuehl der Entruestung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr,
+in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen.
+
+Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, dass er Tomsk
+nicht wohl eher verlassen koenne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden
+Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, - und waere es
+nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, - und Harry Blount
+hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben
+Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder
+einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den
+Plaenklern des Emirs zuvorzukommen.
+
+Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge
+gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich
+kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen huebschen
+Artikel fuer die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten
+Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die
+Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europaeischen
+Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber
+voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht
+ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes.
+
+"Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig
+erschienen, so wie der brave Buerger, der fuer sein Geld auch etwas
+Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es waere besser
+gewesen, erst zum Ballet zu kommen.
+
+-- Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount.
+
+-- Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt
+sich schon."
+
+Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein
+Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, "die ersten Kraefte der
+Truppe Feofar-Khans" moeglichst genau kennen zu lernen.
+
+Den lustigen Taenzen sollte aber noch eine hoechst peinliche Scene
+vorhergehen.
+
+Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der
+Besiegten kein vollstaendiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene
+unter den Knuten der Soldaten vorgefuehrt. Diese sollten vor Feofar-Khan
+und seinen Verbuendeten defiliren, bevor man sie in den Gefaengnissen der
+Stadt einkerkerte.
+
+In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem
+Befehle Iwan Ogareff's entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten
+zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch
+gegenwaertig.
+
+Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie
+allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein
+bleich. Sie machte sich wohl gefasst auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn
+ward gewiss nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgefuehrt, und sie
+zitterte leise fuer ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon
+fuer sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu,
+solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache wuerde wohl ohne Grenzen sein.
+Gewiss drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die
+Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff
+damals, als seine Knechte sich ueber ihn stuerzen wollten, geschont hatte,
+so wusste er gewiss, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs
+vorzubehalten.
+
+Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und
+Sohn unmoeglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie
+unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden,
+hier, wo es ihnen ein suesser Trost gewesen waere, waehrend einiger Tage der
+Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern haette Marfa Strogoff ihren
+Sohn um Verzeihung wegen all' des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen
+zugefuegt hatte, denn sie klagte sich an, ihre muetterlichen Gefuehle nicht
+gehoerig im Zaum gehalten zu haben. Haette sie sich damals im Posthofe zu
+Omsk bezwungen, als sie ihm gegenueber stand, so kam Michael Strogoff
+unerkannt hindurch, - und wie viel Unglueck waere dann verhuetet worden!
+
+Michael Strogoff seinerseits quaelte sich mit dem Gedanken, dass man seine
+Mutter mit hierher schleppe, um sie fuer sein Vergehen buessen zu lassen,
+vielleicht dass sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er
+selbst.
+
+Nadia endlich fragte sich, was sie thun koenne, um den Einen oder die
+Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe
+kommen koenne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fuehlte, dass es hier vor
+Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,
+sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht waere
+sie doch noch im Stande, die Gitter des Kaefigs ihres Loewen zu zerbrechen.
+Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln boete,
+gewiss nicht zoegern, und noethigenfalls ihr Leben fuer den Sohn der Marfa
+Strogoff opfern.
+
+Inzwischen zog der groesste Theil der Gefangenen vor dem Emir vorueber, wobei
+jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit
+der Stirn beruehren musste, das erniedrigende Merkmal fuer den Anfang der
+Sklaverei. Kruemmten die Ungluecklichen den Ruecken zu langsam, so warf sie
+die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden.
+
+Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel
+nicht ohne die Gefuehle der tiefsten Indignation beizuwohnen.
+
+"Dieser erbaermliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet.
+
+-- Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen!
+
+-- Alles sehen!... Ah, dort! rief ploetzlich Alcide Jolivet und ergriff den
+Arm seines Gefaehrten.
+
+-- Was haben Sie? fragte dieser.
+
+-- Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie!
+
+-- Sie? - Welche sie?
+
+-- Die Schwester unseres Reisegefaehrten! Hilflos und gefangen. Wir muessen
+sie retten ...
+
+-- Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten
+des jungen Maedchens duerfte ihr eher schaedlich als nuetzlich werden."
+
+Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia draengen wollte, liess sich
+belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte,
+ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorueber, ohne
+dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken.
+
+Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell
+genug in den Staub warf, drueckten sie die Wachen mit rauher Faust nieder.
+
+Marfa Strogoff fiel zu Boden.
+
+Ihr Sohn schaeumte auf vor Wuth, so dass ihn die bewachenden Soldaten kaum
+zu baendigen vermochten.
+
+Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgefuehrt werden, als
+Iwan Ogareff das verhinderte.
+
+"Dieses Weib bleibt hier!" rief er.
+
+Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurueckgefuehrt. Iwan Ogareff's
+Blick hatte sie nicht erkannt.
+
+Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch
+nur die Augen zu senken, vor diesem stehen.
+
+"Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an.
+
+-- Nein", antwortete Michael Strogoff.
+
+Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kraeftige Hand
+des jungen Mannes drueckte sie an seiner Statt zu Boden.
+
+Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu.
+
+"Du verwirkst Dein Leben! rief er.
+
+-- Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine
+Verraetherstirn, Iwan, wird fuer immer die schmachvolle Schramme von der
+Knute tragen!"
+
+Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten.
+
+"Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so
+drohender war.
+
+-- Ein russischer Spion", antwortete Iwan Ogareff.
+
+Als er Michael Strogoff fuer einen Spion ausgab, wusste er recht wohl,
+welches entsetzliche Loos ihm bevorstand.
+
+Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genaehert.
+
+Die Soldaten hielten ihn zurueck.
+
+Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze grosse Menge
+niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er
+oeffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt.
+
+Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das
+Schicksal Michael Strogoff's entscheiden.
+
+Die Voelker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren "Fal". Nach der
+Auslegung des von dem Finger des Richters zufaellig getroffenen Verses
+faellen sie das Urtheil.
+
+Der Emir liess den Finger auf der einen Seite des Koran liegen.
+
+Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers,
+der mit den Worten schloss:
+
+"Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen."
+
+"Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was
+im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"
+
+
+
+
+ Fuenftes Capitel.
+
+
+ Nun sieh' Dich um.
+
+
+Michael Strogoff musste mit gefesselten Haenden vor dem Thron des Emirs am
+Fusse der Terrasse stehen bleiben.
+
+Ueberwaeltigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter
+endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hoeren.
+
+"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!" hatte Feofar-Khan mit einer
+drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt.
+
+Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniss der tartarischen
+Sitte den Sinn dieser Worte genuegend, denn um seine Lippen spielte einen
+Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Laecheln. Dann hatte er neben
+Feofar-Khan Platz genommen.
+
+Jetzt erklangen lustige Trompetenstoesse, das Signal zum Beginn der
+Festspiele.
+
+"Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese
+Barbaren fuehren es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt
+nachher."
+
+Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von
+Taenzerinnen flog auf den Platz.
+
+Eine fremdartige Musik ertoente von den verschiedensten tartarischen
+Instrumenten, der "Dutare", einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des
+Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten
+aus fest gedrehter Seide; der "Kobiz", eine Art offenes Violoncell, dessen
+Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die
+"Tschibyzga", eine lange Floete aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins,
+Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltoenen zahlreicher
+Saenger. Hierzu kam noch das dann und wann hoerbare, leise Erklingen eines
+besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen
+herruehrte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren,
+welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen.
+
+Sofort begann nun der Tanz.
+
+Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa
+Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig.
+
+Frueher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden
+aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und
+aus dem Reiche verbannt, so dass sie ihr Glueck in andern Laendern suchen
+mussten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art ueberladenes Nationalcostuem.
+Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehaengen schaukelten an ihren Ohren,
+Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine
+schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, waehrend an den
+Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Tuerkisen und
+Karneolen erglaenzte. Den Taillenguertel schloss eine Art Diamant-Agraffe, in
+der Form des Grosskreuzes eines europaeischen Ordens.
+
+Diese Taenzerinnen fuehrten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit
+vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhuellt, von Zeit zu
+Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so dass es
+schien, als lege sich eine Wolke von Gaze ueber alle diese laechelnden
+Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesaeeten Himmel bedeckt. Einzelne
+dieser Perserinnen trugen ferner als Schaerpe eine Art Wehrgehaenge aus
+perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine
+dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit oeffneten. Aus
+diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Baender
+von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprueche aus dem Koran
+gestickt waren.
+
+Sie spannten diese Baender zwischen sich aus und bildeten so einen Ring,
+unter welchem andere Taenzerinnen hindurchschluepften, und je nach dem Verse
+ueber ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Spruengen
+dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed's
+verschwinden.
+
+Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzueglich fuehlte sich
+Alcide Jolivet dadurch betroffen, dass sich diese Perserinnen weit eher
+ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und
+sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Taenze, wie durch deren
+Ausfuehrung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa
+an die leidenschaftlichen Almes (Taenzerinnen) Egyptens.
+
+Nach Schluss dieses ersten Schauspieles liess sich neben Michael Strogoff
+eine ernste Stimme vernehmen:
+
+"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"
+
+Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war
+der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan's. Er hatte hinter dem
+Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekruemmten Saebel in
+der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die beruehmten
+Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern.
+
+An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem,
+ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen gluehte. Der
+leichte, empor steigende Dampf ruehrte nur von der Verbrennung einer
+harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und
+Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute.
+
+Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgaengerinnen
+sehr verschiedene Gruppe Taenzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr
+bald erkannte.
+
+Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor
+sich haetten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen:
+
+"Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod!
+
+-- Wahrhaftig, bestaetigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als
+Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre
+Beine!"
+
+Wenn Alcide Jolivet vermuthete, dass Jene im Solde des Emirs standen, so
+taeuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der
+Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber praechtigen
+Anzuge, der ihre Schoenheit vortheilhaft hervorhob.
+
+Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin
+vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas
+Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Laender, an Boehmen,
+Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen.
+
+Sie erregten sich gegenseitig durch den Laermen der Cymbeln an ihren Armen,
+und durch das Schnarren der "Daires", eine Art baskischer Trommeln, welche
+sie mit den Fingern schlugen.
+
+Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daire in der Hand, durch dessen
+Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte.
+
+Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fuenfzehn Jahren vor. Er trug eine
+Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Naegeln eine leise
+Melodie entlockte. Er sang. Eine Taenzerin nahm neben ihm Platz und
+verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur
+wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Saengers
+erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daire und suchte
+Jenen durch das Getoese ihrer Schellentrommel zu uebertoenen.
+
+Nach dem letzten Refrain umschwaermten die Zigeunerinnen alle den Saenger
+und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes.
+
+Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstuecken aus den Haenden des Emirs,
+seiner Verbuendeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem
+Klingen der Muenzen, welche die Cymbeln der Taenzerinnen trafen, mischten
+sich noch die letzten Toene der Dutares und der Tambourins.
+
+"Verschwenderisch, wie die Raeuber gewoehnlich!" raunte Alcide Jolivet
+seinem Gefaehrten in's Ohr.
+
+Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn
+mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und
+russische Rubelstuecke.
+
+Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine
+Hand auf Michael Strogoff's Schulter legte, sprach noch einmal die Worte,
+deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen liess:
+
+"Sieh' mit allen Deinen Augen, sieh' Dich um!"
+
+Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, dass der Henker nicht mehr seinen
+blanken Saebel in der Hand hatte.
+
+Indess sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel
+verhuellte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und
+Pinienwald erschien schwaerzer und die in der Ferne dunkel fluthenden
+Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im
+Schatten, der auch bald das Plateau erreichen musste.
+
+Jetzt drangen ploetzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den
+Haenden auf den Platz. Von Sangarre gefuehrt, traten die Zigeunerinnen und
+Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den
+Contrast gegen ihre frueheren Taenze und Evolutionen noch mehr zu ergoetzen.
+Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten
+sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltoenen der Saenger.
+Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmueckt mit
+einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten
+erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller.
+
+Dann schloss sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der
+an Wildheit allmaelig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den
+fremdartigsten Eindruck hervorbrachte.
+
+Waehrend des Springens und Tanzens erfuellten diese Soldaten mit blanken
+Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der
+Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der
+Daires und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schiesswaffen waren
+dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusaetze
+farbig abbrennenden Pulver geladen und spruehten lange rothe, gruene und
+blaue Feuerstrahlen in die Luft, so dass es schien, als wogten alle diese
+lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte
+gewissermassen an die Cybistik (Springkuenste) der Alten, eine Art
+militaerischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Saebel-
+und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass
+die Berichte davon sich bis auf die Voelker Centralasiens fortgeerbt haben;
+diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit maerchenhafter durch die
+farbigen Flammen, welche ueber den Taenzerinnen loderten und die ganze
+Gruppe mit glitzernden Funken schmueckten. Es war wie ein Kaleidoskop von
+Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden
+wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenueber derartigen
+Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Buehnentechnik ja so weit
+gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem
+Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La
+Madelaine etwa: "Nicht uebel, nicht uebel!" bedeutet haette.
+
+Ploetzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres,
+die Taenze hoerten auf, die Taenzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war
+vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in
+tausend Lichtern erglaenzte.
+
+Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz
+gefuehrt.
+
+"Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das
+Ende hiervon noch ansehen?
+
+-- Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount.
+
+-- Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein,
+die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren
+kennen zu lernen.
+
+-- Nicht mehr als Ihre Cousine.
+
+-- Armer Kerl! fuegte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael
+Strogoff. Dieser wackere Soldat haette einen besseren Tod auf dem Felde der
+Ehre verdient!
+
+-- Koennen wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount.
+
+-- Nein, leider gar nichts."
+
+Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennuetzigen
+Entgegenkommens Michael Strogoff's, sie wussten nun, welche Pruefung er, ein
+Sklave seiner Pflicht, hatte ueber sich ergehen lassen, und nichts konnten
+sie fuer den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts fuer
+ihn thun!
+
+Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem
+Ungluecklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurueck.
+
+Eine Stunde spaeter trabten sie schon auf der Strasse nach Irkutsk, um unter
+dem russischen Heere "den Revanchekrieg", wie Alcide Jolivet schon zu
+sagen beliebte, weiter zu verfolgen.
+
+Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll
+maennlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er
+erwartete sterben zu muessen, und doch haette man vergeblich ein Zeichen der
+Schwaeche an ihm zu entdecken gesucht.
+
+Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab
+Feofar-Khan's, fuer welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum
+Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung
+ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu
+berauschen.
+
+Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedraengt naeherte sich Michael
+Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm
+verstaendlichen tartarischen Mundart:
+
+"Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen.
+Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte fuer immer
+verschlossen sein!"
+
+Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger
+Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht
+noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglueckliche war verdammt,
+geblendet zu werden.
+
+Auch als Michael Strogoff das ueber ihn gefaellte Urtheil aus dem Munde des
+Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschuettert, die Augen weit
+geoeffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick
+zusammendraengen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur
+unnuetz, sondern auch seiner unwuerdig. Er dachte ueberhaupt gar nicht daran.
+Alle seine Geistesthaetigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner
+unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie
+wiedersehen sollte. Dennoch liess er aeusserlich nichts von der tiefen
+Erregung seines Innern blicken.
+
+Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend
+eine Weise zu raechen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um.
+
+"Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verraether, die letzte
+Drohung meiner Augen wird fuer Dich sein!"
+
+Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln.
+
+Aber Michael Strogoff taeuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf
+Iwan Ogareff sollten sich seine Augen fuer immer schliessen.
+
+Marfa Strogoff naeherte sich ihm.
+
+"Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch
+gelten, nicht jenem Schurken dort!
+
+-- O bleibe vor mir stehen! Lass mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen!
+Moegen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schliessen!..."
+
+Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu.
+
+"Fort mit diesem Weibe!" befahl Iwan Ogareff.
+
+Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureissen. Sie wich zurueck, blieb
+aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen.
+
+Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den blossen Saebel in der Hand,
+aber dieser leuchtete in heller Weissgluth, wie er ihn aus dem Becken mit
+wohlriechenden Kohlen gezogen hatte.
+
+Michael Strogoff sollte nach der gewoehnlichen Sitte der Tartaren geblendet
+werden, indem man eine weissgluehende Klinge dicht vor seinen Augen
+vorbeifuehrte.
+
+Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Fuer seinen Blick war nichts
+vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte!
+All' sein Leben draengte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen!
+
+Mit weit geoeffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa
+Strogoff ihn an ...
+
+Die gluehende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff's.
+
+Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden.
+
+Michael Strogoff war blind.
+
+Nach Ausfuehrung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe
+zurueck. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackeltraeger auf dem
+Platze.
+
+Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, oeffnete es und
+hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen.
+
+"Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden,
+was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das
+ist Iwan Ogareff!" Mit diesen Worten verbarg der Verraether den Brief
+wieder an seiner Brust. Dann verliess er, ohne sich umzuwenden, den Platz,
+und lautlos folgten ihm die Fackeltraeger.
+
+Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch
+leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag.
+
+In der Ferne hoerte man das Schreien und Singen, das Laermen der Orgie.
+Festlich erleuchtet prangte die unglueckliche Stadt.
+
+Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen.
+
+Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter
+niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich ueber sie, er legte sein
+Antlitz auf das ihre, er hoerte die Schlaege ihres Herzens. Dann schien es,
+als fluesterte er ihr einige Worte zu.
+
+Lebte die alte Marfa noch, und hoerte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte?
+
+Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung.
+
+Michael Strogoff kuesste ihr die Stirn und das weisse Haar. Dann erhob er
+sich, tastete mit den Fuessen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg
+zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes.
+
+Ploetzlich erschien Nadia.
+
+Sie ging gerade auf ihren Gefaehrten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug,
+diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff's Arme
+drueckten.
+
+Bei seiner Blindheit wusste dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia
+hatte noch kein Wort gesprochen.
+
+Nachher erst fluesterte sie:
+
+"Bruder, mein Bruder!
+
+-- Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia!
+
+-- Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein,
+ich werde Dich nach Irkutsk fuehren!"
+
+
+
+
+ Sechs tes Capitel.
+
+
+ Ein Freund unterwegs.
+
+
+Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk
+verlassen.
+
+Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen
+zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden
+Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes
+Menschenknaeuels vernachlaessigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie
+erst mit den anderen Gefangenen weggefuehrt hatte, zu entfliehen und nach
+dem Plateau zurueck zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir
+geschleppt wurde.
+
+Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht
+ein Schrei entfuhr ihr, als die weissgluehende Saebelklinge die Augen ihres
+Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos
+zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurueck
+zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff's nach
+dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen
+Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin
+ohnmaechtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all' die
+fruehere Entschlossenheit zurueck zu geben.
+
+"Ich werde der treue Hund des Blinden sein!" sagte sie sich.
+
+Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen.
+Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen,
+wie ein elendes Geschoepf, das man nicht weiter zu fuerchten hatte, war
+Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner
+Mutter hin tastete, sich ueber sie beugte, ihre Stirn voll heisser Liebe
+kuesste und dann zu entfliehen suchte ...
+
+Einige Minuten spaeter verliessen Beide Hand in Hand den Abhang des Huegels,
+folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt
+durch eine Oeffnung des Umfassungswalles.
+
+Nur die eine Strasse nach Irkutsk verlief dort in oestlicher Richtung. Nadia
+fuehrte Michael Strogoff moeglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniss,
+es moechten die Plaenkler des Emirs nach Schluss der thierischen Orgie, die
+sie jetzt feierten, wieder ausschwaermen und jeden Weg verlegen. Ihr galt
+es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das uebrigens 500 Werst
+von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwaerts von
+der Strasse zu wagen, das hiess dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich
+aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen.
+
+Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen
+vermochte; woher sie die Kraefte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten;
+wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch
+blutenden Fuesse sie bis dahin tragen konnten, - wohl ist das kaum
+begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am naechsten Tage, zwoelf Stunden
+nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoe,
+- nach einem Wege von fuenfzig Werst Laenge.
+
+Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt
+seine Hand, sondern er schloss sich die ganze Nacht ueber an die seiner
+Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise
+zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen.
+
+Semilowskoe erwies sich fast vollstaendig verlassen. Aus Furcht vor den
+Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseisk entflohen, und nur
+zwei oder drei Haeuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an
+nuetzlichen und werthvollen Gegenstaenden hatte man auf Karren fort
+geschafft.
+
+Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen.
+Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe.
+
+Das junge Maedchen fuehrte seinen Begleiter also nach dem Ende des
+Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thuer. Sie
+traten ein. Neben dem in sibirischen Haeusern gebraeuchlichen ungeheuren
+Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hoelzerne Bank. Beide setzten
+sich dort nieder.
+
+Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefaehrten in's Gesicht, wie sie
+ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als
+Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglueck. Haette nur Michael Strogoff
+sie sehen koennen, er haette in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der
+Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zaertlichkeit lesen muessen.
+
+Die von der hellgluehenden Klinge geroetheten Lider bedeckten zur Haelfte die
+trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weisse Augenhaut) erschien
+leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergroessert; die Iris
+(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und
+Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, - scheinbar aber hatte
+der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs veraendert.
+Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollstaendig war, so
+ruehrte das von der totalen Zerstoerung der Lichtempfindlichkeit der
+Netzhaeute und Sehnerven durch die Hitze des gluehenden Stahles her.
+
+Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Haende aus.
+
+"Du bist hier, Nadia? fragte er.
+
+-- Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Maedchen, ich werde Dich niemals
+verlassen, Michael."
+
+Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen
+wahren Namen aussprach. Er begriff, dass seine Gefaehrtin Alles wusste, wer
+er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknuepften.
+
+"Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen muessen.
+
+-- Uns trennen? Und warum, Michael?
+
+-- Ich will Dir kein Hinderniss Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich
+in Irkutsk. Du musst zu ihm eilen.
+
+-- Mein Vater wuerde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du
+fuer mich gethan, verlassen wollte.
+
+-- Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drueckte die Hand, welche
+das junge Maedchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an
+Deinen Vater zu denken.
+
+-- Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr,
+als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen?
+
+-- Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine
+ganze fruehere Energie durchklingen liess.
+
+-- Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ...
+
+-- Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll
+mich nicht abhalten, Nadia! - Sie haben mich als Spion verurtheilt, - gut,
+so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was
+ich gesehen, was ich gehoert habe, und, beim allmaechtigen Gott, ich schwoere
+es, dass der Verraether mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muss
+ich vor ihm in Irkutsk ankommen.
+
+-- Und doch sprichst Du von Trennung, Michael!
+
+-- Die Nichtswuerdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia.
+
+-- Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann fuer Dich mit
+ihnen sehen und Dich dahin fuehren, wohin Du allein niemals gelangen
+wuerdest.
+
+-- Und wie sollen wir weiter reisen?
+
+-- Zu Fuss.
+
+-- Und wovon leben?
+
+-- Wir betteln.
+
+-- Nun denn, mit Gott!
+
+-- Komm, Michael."
+
+Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das
+gemeinsame Unglueck kettete sie noch inniger an einander. Beide verliessen
+das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher
+die Strassen des kleinen Ortes, und es war ihr geglueckt, einige Stuecken
+"Tschornekhleb", d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in
+Russland mit dem Namen "Meed" bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete
+ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das
+Brod und der Meth saettigten nothduerftig Michael Strogoff's Hunger und
+Durst. Nadia hatte ihm den groesseren Theil des kaerglichen Mahles
+aufgenoethigt. Er ass die Brodbissen, die ihm seine Gefaehrtin einen nach dem
+andern reichte; er trank aus der Kuerbisflasche, die sie an seine Lippen
+setzte.
+
+"Isst Du auch, Nadia? fragte er wiederholt.
+
+-- Ja wohl, Michael", beruhigte ihn das junge Maedchen, waehrend es sich doch
+mit den Ueberresten begnuegte.
+
+Michael Strogoff und Nadia verliessen Semilowskoe und begaben sich wieder
+auf den muehseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge
+Maedchen jeder Ermuedung. Haette Michael Strogoff sie gesehen, es waere ihm
+wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht,
+und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hoerte, so ging er mit einer
+Hast, die er selbst nicht zu zuegeln vermochte. Und warum? Durfte er
+hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuss, ohne Geld und -
+blind, und wenn Nadia, seine einzige Fuehrerin, ihm entrissen werden
+sollte, blieb ihm ja nichts Anderes uebrig, als sich an die Seite der
+Strasse zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte
+Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles
+verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne
+Zweifel die noethigen Mittel gewaehren wuerde, um Irkutsk zu erreichen.
+
+Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken
+weiter. Er hielt Nadia's Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es
+schien, als beduerften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar
+nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das
+Schweigen.
+
+"Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er.
+
+-- Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!" antwortete die junge
+Lieflaenderin und bemuehte sich, ihre Erschoepfung nicht durch ihre Stimme zu
+verrathen.
+
+Manchmal aber sanken ihre Fuesse zusammen, als staende ihr Puls schon still,
+ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geoeffneten Armen blieb sie
+ein wenig zurueck, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und
+richtete die Augen auf das junge Maedchen, so als koenne er es in der
+Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine
+Begleiterin noch besser zu unterstuetzen und nahm den ermuedenden Weg wieder
+auf.
+
+Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine ueberaus
+glueckliche Wendung erfahren, welche Beiden fuer die Zukunft eine grosse
+Erleichterung versprach.
+
+Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoe verlassen, als Michael Strogoff
+stehen blieb und fragte:
+
+"Ist die Strasse menschenleer?
+
+-- Vollstaendig verlassen, antwortete Nadia.
+
+-- Hoerst Du nicht hinter uns irgend ein Geraeusch?
+
+-- Ja, wirklich.
+
+-- Das koennten Tartaren sein; wir werden uns verbergen muessen. Passe wohl
+auf!
+
+-- Warte ein wenig, Michael!" erwiderte Nadia und ging die Strasse einige
+Schritte, bis zu einer nahen Biegung rueckwaerts.
+
+Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein.
+
+Nadia kehrte sehr bald zurueck und meldete:
+
+"Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann fuehrt.
+
+-- Ist er allein?
+
+-- So viel ich sehen kann, ja."
+
+Michael Strogoff zoegerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? - oder
+sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf
+diesem Wagen, wenn auch nicht fuer sich selbst, so doch vielleicht fuer sie,
+einen Platz zu erhalten? Er wuerde sich damit begnuegen, eine Hand auf den
+Wagen zu stuetzen; ja, er wuerde diesen selbst mit schieben, denn seine Fuesse
+versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fuehlte wohl, dass
+Nadia durch die lange, achttaegige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende
+ihrer Kraefte sein muesse.
+
+Er wartete.
+
+Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Strasse.
+
+Es war ein sehr verfallenes, fuer hoechstens drei Personen eingerichtetes
+Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka.
+
+Gewoehnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese
+wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger
+Maehne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine
+Staerke und Ausdauer verrieth.
+
+Als Fuehrer sass ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund
+neugierig hervorguckte.
+
+Nadia erkannte bald, dass der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein
+freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile
+schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um
+sein Pferd nicht ueberanzustrengen, und wer ihn so sah, haette gewiss nie
+geglaubt, dass er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren
+jederzeit abschneiden konnten.
+
+Nadia fasste Michael Strogoff's Hand sicherer und trat zur Seite.
+
+Die Kibitka hielt; laechelnd sah deren Fuehrer das junge Maedchen an.
+
+"Ei, wo wandert Ihr denn hin?" fragte er mit freundlich theilnehmendem
+Blicke.
+
+Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, dass er dieselbe irgendwo
+schon einmal gehoert habe. Ohne Zweifel genuegte ihm dieser Anhaltepunkt, um
+den Fuehrer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn
+heiterte sich ploetzlich auf.
+
+"Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich
+direct an Michael Strogoff wandte.
+
+-- Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser.
+
+-- Aber, Vaeterchen, Du weisst wohl gar nicht, dass es noch viele, viele Werst
+bis Irkutsk ist.
+
+-- O ja, das weiss ich.
+
+-- Und Du reisest zu Fuss?
+
+-- Wie Du siehst.
+
+-- Fuer Dich mag das angehen, aber die junge Dame ...
+
+-- Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es fuer
+gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen.
+
+-- Ja, das ist ganz gut, Vaeterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu
+Fuss niemals nach Irkutsk kommen.
+
+-- Guter Freund, begann Michael Strogoff und naeherte sich dem Wagen, die
+Tartaren haben uns gepluendert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir
+anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen
+willst, so werd' ich Dir gern zu Fuss folgen, noethigenfalls laufen, um Dich
+keine Stunde aufzuhalten ...
+
+-- Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in's Wort,... ich will das nicht, nein, ich
+will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr!
+
+-- Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme.
+
+-- Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu,
+waehrend sie die Haende ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen.
+
+-- Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? - O, Du armes Vaeterchen! - Nun, ich
+will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf
+meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei
+Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuss zu gehen.
+Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen.
+
+-- Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Ich heisse Nicolaus Pigassof.
+
+-- Diesen Namen werd' ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff.
+
+-- Nun komm, steig' auf, blindes Vaeterchen. Hinten im Wagen mag Deine
+Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu
+fuehren. Im Wagen liegt schoene Birkenrinde und Gerstenstroh - es ist wie
+ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach' Platz!"
+
+Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer
+Race mit grauem Fell, von mittlerer Groesse, mit grossem, gutmuethigem Kopfe
+und schien sehr an seinem Herrn zu haengen.
+
+Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein.
+Michael Strogoff hatte die Haende ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof's
+zu suchen.
+
+"Meine Hand willst Du druecken, Vaeterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie!
+Druecke sie, soviel es Dir Vergnuegen macht."
+
+Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus
+Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Passgaenger. Wenn Michael
+Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia
+doch weitere Koerperanstrengungen erspart.
+
+Die Erschoepfung des jungen Maedchens war auch so gross, dass es, geschaukelt
+von dem gleichmaessigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast
+todtenaehnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof
+betteten die muede Schlaeferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der
+mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael
+Strogoff's Lidern keine Thraene draengte, so lag es daran, dass das gluehende
+Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte.
+
+"Es ist ein nettes Maedchen, sagte Nicolaus.
+
+-- O ja, erwiderte Michael Strogoff.
+
+-- Die Pueppchen wollen immer stark sein, Vaeterchen, immer muthig, und im
+Grunde sind sie doch nur schwach. - Kommt Ihr von weit her?
+
+-- Von sehr weit.
+
+-- Arme Leutchen, - das musste Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen
+verbrannten.
+
+-- Ja gewiss, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als haette er
+Nicolaus sehen koennen.
+
+-- Und Du weintest dabei nicht?
+
+-- Doch.
+
+-- O, ich haette wohl auch geweint. Zu denken, dass man seine Lieben niemals
+wiedersehen soll! Aber, sie koennen Euch doch sehen, darin liegt ja
+wenigstens _ein_ Trost.
+
+-- Ja, vielleicht. - Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du
+mich noch niemals gesehen haben?
+
+-- Dich, Vaeterchen? Dass ich nicht wuesste.
+
+-- Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor.
+
+-- Sieh da! versetzte Nicolaus laechelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme.
+Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das
+will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan.
+
+-- Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch
+begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte?
+
+-- Das trifft, bestaetigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter.
+
+-- Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick?
+
+-- Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeussersten auszuharren.
+
+-- Das geschah an dem Tage, da ein Englaender und ein Franzose, die Haende
+voller Rubelstuecke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der
+Englaender die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren liess?
+
+-- Das mag sein, Vaeterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht.
+
+-- Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht?
+
+-- Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie
+zu vergessen, und das Kuerzeste, gar keine Kenntniss von ihnen zu nehmen."
+
+Diese Antwort schloss Michael Strogoff den Mund.
+
+Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem maessigen Tempo weiter, das
+Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt haette. Doch Nicolaus und sein
+Pferd erschienen an jenes so gewoehnt, dass weder der Eine noch das Andere
+je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte
+weiter, dann ruhte es waehrend einer Stunde, - und das Tag und Nacht. An
+den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in
+Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiss ein. Die Kibitka war mindestens
+fuer zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig
+seine Vorraethe den beiden Gaesten, die er fuer Bruder und Schwester hielt,
+zur Verfuegung.
+
+Nach eintaegiger Ruhe gewann Nadia ihre Kraefte so ziemlich wieder. Nicolaus
+sorgte nach Kraeften fuer ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch
+langsam, doch regelmaessig und unter ganz leidlichen Verhaeltnissen von
+statten. Es kam auch vor, dass Nicolaus waehrend der Nacht, die Zuegel in den
+Haenden, einschlief, wobei sein ungestoertes Schnarchen ein beredtes Zeugniss
+fuer sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann haette man beobachten koennen, dass
+Michael Strogoff die Zuegel des Pferdes zu erlangen und dieses in
+schnelleren Gang zu bringen suchte, zum groessten Erstaunen Sersko's, der
+das indess schweigend geschehen liess. Unwiderruflich verlangsamte sich
+dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Passgang, sobald Nicolaus
+erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst ueber die
+reglementmaessige Geschwindigkeit gewonnen.
+
+So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoe,
+Berikylskoe, Kuskoe, den Mariinsk-Fluss, die gleichnamige Ortschaft,
+Bogostowskoe und kam endlich ueber den Tschula, einen unbedeutenderen
+Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Strasse
+durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten
+Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwaelder, die gar kein Ende zu
+nehmen schienen.
+
+Alles war oede; die Wohnstaetten der Menschen fast ausnahmslos verlassen.
+Die Landleute fluechteten sich ueber den Yenisei, in der Meinung, dass dieser
+breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde.
+
+Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von
+Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein
+Zwischenfall hatte die Fahrt gestoert. Seit sechs Tagen vereinigt waren
+Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die naemlichen geblieben, jener
+bezueglich seiner unerschuetterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen
+der Stunde, in der sich ihr Gefaehrte von ihnen trennen wuerde.
+
+Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die
+Augen Nicolaus' und des jungen Maedchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide
+die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wusste, ob in der Umgebung
+ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Haeuschen in
+der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus' Zunge stand
+selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen
+Anschauungsweise der Dinge hoerte man ihm gern zu.
+
+Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei.
+
+"O, recht schoen, Vaeterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die
+letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald
+genug werden sich die ersten Winterfroeste melden. Vielleicht beschliessen
+die Tartaren, waehrend der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu
+beziehen?"
+
+Unglaeubig schuettelte Michael Strogoff den Kopf.
+
+"Du glaubst es nicht, Vaeterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden
+bis Irkutsk vordringen?
+
+-- Ich fuerchte es, erwiderte Michael Strogoff.
+
+-- Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der
+ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. - Hast Du
+von Iwan Ogareff gehoert?
+
+-- Gewiss.
+
+-- Weisst Du, dass es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen?
+
+-- Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe muehsam zu
+bewahren suchte.
+
+-- Vaeterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empoert Dich gar nicht so
+sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hoeren. Jedes russische Herz zittert
+doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht.
+
+-- Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen
+koenntest.
+
+-- Das ist unmoeglich, erklaerte Nicolaus; nein, das ist nicht moeglich! Wenn
+ich an Iwan Ogareff denke, an das Boese, das er unserm heiligen Russland
+zugefuegt hat, so uebermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Haenden
+haette ...
+
+-- Nun, wenn Du ihn haettest, Freund?
+
+-- Ich glaube, ich wuerde ihn umbringen.
+
+-- Und ich, ich weiss das gewiss", erklaerte ruhig Michael Strogoff.
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+ Die Ueberschreitung des Jenisei.
+
+
+Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk
+an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen.
+Wenn sie trotz aller Bemuehungen Michael Strogoff's nicht schneller vor
+sich ging, kam das daher, dass Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus
+ergab sich die Unmoeglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen,
+das unter anderen Haenden nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht
+haette.
+
+Zum Glueck war von den Tartaren noch gar nichts zu spueren. Kein Plaenkler
+liess sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Strasse sehen. Es
+erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar musste ein sehr gewichtiger
+Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk
+zu weiter zu marschiren.
+
+In der That war ein solches Hinderniss eingetreten. Ein neues in aller Eile
+gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseisk auf Tomsk
+gezogen, um diese Stadt womoeglich wieder zu erobern. Freilich erwies es
+sich der Heeresmacht Feofar-Khan's gegenueber noch zu schwach und hatte
+sich wieder zurueckziehen muessen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen
+mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfuegte Feofar-Khan
+ueber eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch
+keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So
+fruehzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausfuehrbar, und
+jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk
+aufzubrechen.
+
+Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff
+zunaechst nichts wusste, das aber hinreichend erklaert, warum der Vortrab des
+Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelaestigt gelassen hatte.
+
+Kannte Michael Strogoff auch die juengsten Ereignisse nicht, so wusste er
+doch das Eine, dass er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht
+daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die
+Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm
+entfernt.
+
+Er rechnete uebrigens darauf, dass es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von
+etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen koenne. Da Nicolaus
+Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines
+Fuehrers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes noethig. Michael Strogoff
+hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete,
+seine Identitaet und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, -
+was ihm nicht schwer fallen konnte, - gewiss gelingen, mit dessen Hilfe
+Irkutsk in kuerzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren
+Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und
+unverzueglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher
+verlassen, als bis er sie den Haenden ihres Vaters uebergeben haette.
+
+Nicolaus' Entschluss, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur "unter
+der Bedingung, dort Verwendung zu finden".
+
+Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen
+Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der
+Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfuegung zu stellen.
+
+"Wie koennte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient haette?"
+wiederholte er mehrfach.
+
+Fuer den Fall, dass man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benoethigte,
+wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer
+Verbindung stehen musste, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der
+Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem
+Bruder und der Schwester fort, und wo haetten diese einen sicherern Fuehrer,
+einen ergebeneren Freund finden koennen?
+
+Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk.
+Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier
+an den Strassen in der Naehe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des
+Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen
+und die Profile der an dem steilen Abhange des Jenisei erbauten Haeuser ab.
+Das Wasser des Flusses erglaenzte in den letzten Lichtstrahlen der
+Atmosphaere.
+
+Die Kibitka hielt an.
+
+"Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Eine halbe Werst von den ersten Haeusern der Stadt, belehrte ihn Nadia.
+
+-- Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut
+dringt zu meinen Ohren.
+
+-- Und ich sehe auch kein Licht erglaenzen, keinen Rauch in die Luft
+emporsteigen, fuegte Nadia hinzu.
+
+-- Eine eigenthuemliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Laermen
+und legt sich sehr zeitig nieder!"
+
+In Michael Strogoff stieg eine boese Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht
+mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel
+zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fuerchtete
+er, seine Hoffnung werde noch einmal getaeuscht werden. Aber Nadia hatte
+seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefaehrte
+jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach
+Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige
+Worte fallen lassen.
+
+"Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!" Darauf beschraenkte sich
+seine ganze Antwort.
+
+Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfuellen, musste er in Krasnojarsk
+noch ein schnelles Befoerderungsmittel finden.
+
+"Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?
+
+-- Ich befuerchte, die Bewohner der Stadt durch das Geraeusch unsres Wagens
+aus dem Schlafe zu stoeren."
+
+Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd
+wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte
+maessig schnell die Strasse hinab, die nach Krasnojarsk hinein fuehrte.
+
+Zehn Minuten spaeter befand sie sich in der Hauptstrasse.
+
+Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte "das nordische
+Athen", wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so
+praechtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen
+Strassen. Kein Fussgaenger wandelte auf den Trottoirs der schoenen, in
+monumentalem Style erbauten Holzhaeuser. Keine elegante, nach neuester
+Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke,
+der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jenisei
+fortsetzte. Die grosse Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der
+Kirchen blieben stumm, waehrend sonst nur selten der Gesang derselben in
+den russischen Staedten nicht ertoent. Doch hier war Alles erstorben. Kein
+lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!
+
+Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der
+telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den
+Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand
+und Alles, was den Tartaren haette von Nutzen sein koennen, wegzuschaffen
+und nach Irkutsk zu fluechten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller
+kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den
+Schritten der Feinde eine Wueste herzustellen. Solche eines Rostopschin
+wuerdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam
+ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in
+Krasnojarsk zurueck.
+
+Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Strassen
+der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geraeusch, das in dieser
+todten Stadt ertoente. Von den Empfindungen, die ihn marterten, liess
+Michael Strogoff zwar aeusserlich nichts merken, aber es kochte doch
+manchmal auf in ihm ueber das unersaettliche Missgeschick, welches ihn
+verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter taeuschte.
+
+"Grosser Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wuestenei werde ich meinen
+Gehalt nimmer ehrlich verdienen koennen.
+
+-- Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach
+Irkutsk einschlagen muessen.
+
+-- Freilich muss ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk
+muss die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter,
+Vaeterchen?
+
+-- Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.
+
+-- Du hast Recht, bestaetigte Nicolaus. Wir muessen den Jenisei passiren und
+dazu sehen koennen.
+
+-- Sehen koennen!" murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden
+Gefaehrten.
+
+Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehoert und wendete sich an Michael
+Strogoff.
+
+"Verzeihe, Vaeterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist fuer Dich ja
+gleichgiltig!
+
+-- Mache Dir keine Vorwuerfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und
+strich dabei mit der Hand ueber seine Augen. Mit Dir als Fuehrer kann ich
+auch noch etwas nuetzen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich
+durch den Schlummer staerken. Morgen wird es ja wieder Tag."
+
+Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine
+Ruhestaette zu finden. Das erste Haus, dessen Thuere sie oeffneten, war ja
+ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich
+darin vor. In Ermangelung besseren Futters musste das Pferd sich mit diesem
+begnuegen. Von dem noch nicht erschoepften Proviant aus der Kibitka erhielt
+jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand
+haengenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flaemmchen einer Lampe
+beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Maedchen
+bald ein, waehrend Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen
+wachte.
+
+Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka
+durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jenisei.
+
+Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluss
+ueberschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Faehren
+zerstoert hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzoegern? Er kannte den
+Jenisei, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die
+betraechtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen
+den Inseln in seinem Bette. Unter gewoehnlichen Verhaeltnissen verlangt die
+Ueberschreitung des Jenisei mittels besonderer fuer den Transport von
+Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Faehren eine Zeit von drei
+Stunden, und dabei erreichen diese Faehrboote das rechte Ufer nur unter dem
+Aufwande der groessten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes
+Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?
+
+"Und ich muss doch hinueber kommen!" sagte sich Michael Strogoff wiederholt.
+
+Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee
+des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das
+Uferland etwa hundert Fuss ueber der Wasserflaeche, so dass diese bis auf
+weite Entfernung hin zu uebersehen ist.
+
+"Entdeckt Ihr eine Faehre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen,
+eine Folge frueher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als koenne er
+selbst noch sehen.
+
+-- Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so
+dichter Dunst, dass man kaum das Wasser zu sehen vermag.
+
+-- Doch ich hoere das Rauschen der Wellen", setzte Michael Strogoff noch
+hinzu.
+
+Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf
+einander treffenden Stroemungen und Gegenstroemungen herauf. Das zu dieser
+Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt
+dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des
+Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne ueber den Horizont empor und ihre
+ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Duenste weg.
+
+"Nun? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon
+durchdringt ihn allmaelig das Licht des Tages.
+
+-- Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?
+
+-- Bis jetzt noch nicht.
+
+-- Etwas Geduld, Vaeterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da,
+es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben.
+Schon zeigen die hohen Huegel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die
+dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehaeuften Wasserduenste. O,
+wie schoen das ist, Du armer Blinder, und welches Unglueck fuer Dich, dies
+praechtige Schauspiel nicht geniessen zu koennen!
+
+-- Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.
+
+-- Sieh scharf hinaus, Freund, laengs dieses Ufers und laengs des anderen,
+soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus
+Baumrinde!"
+
+Nicolaus und Nadia, die sich an den aeussersten Birkenstaemmen des steilen
+Ufers anhielten, bogen sich fast bis ueber den Fluss hinaus. Ihr
+Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jenisei ist an
+dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei
+ungleich grosse Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit
+dahin schiessen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die
+mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte
+Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Huegel des oestlichen
+Ufers, gekroent mit Waeldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem
+Morgenlichte flammten. Stromaufwaerts und stromabwaerts erstreckte sich der
+Lauf des Jenisei bis ueber Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schoene
+Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fuenfzig Werst.
+
+Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch
+an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau
+einer Schiffbruecke nicht selbst von Sueden hierher, so musste ihr Zug auf
+Irkutsk durch den schwer ueberschreitbaren Jenisei eine nicht
+unbetraechtliche Verzoegerung erfahren.
+
+"Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen
+Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Haeusern von
+Krasnojarsk. Dort legten die Faehren an. Lass uns den Fluss hinauf ziehen,
+Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden
+ist."
+
+Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff
+Michael Strogoff's Hand und fuehrte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine
+Barke, nur ein hinreichend grosses Boot, um die leichte Kibitka zu tragen,
+und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren
+ueberzufuehren, - und Michael Strogoff wuerde keinen Augenblick gezoegert
+haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.
+
+Zwanzig Minuten spaeter hatten alle drei die beschraenkte Landungsstelle
+erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Haeuser bis an das Niveau des
+Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschliessender
+kleiner Vorort.
+
+Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der
+Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein fuer drei Personen
+hinreichendes Floss haette herstellen lassen.
+
+Michael Strogoff befragte Nadia ueber den Befund, und diese gab leider die
+wenig trostreiche Antwort, dass ihr unter den gegebenen Verhaeltnissen eine
+Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmoeglich scheine.
+
+"Wir kommen hinueber", erklaerte Michael Strogoff.
+
+Die Nachsuchungen begannen auf's Neue. Man durchstoeberte die an dem
+Abhange gelegenen Gebaeude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der
+eigentlichen Stadt. Hoechstens die Thueren haette man dort ausheben koennen.
+Es waren uebrigens nur vollkommen leere Huetten aermerer Leute. Nicolaus sah
+sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael
+Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande,
+der ihm jetzt haette von Nutzen sein koennen.
+
+Nicolaus und das junge Maedchen hatten sich vergeblich in den Huetten
+umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie
+ihre Namen rufen hoerten.
+
+Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der
+Schwelle einer Hausthuer.
+
+"Kommt hierher!" rief dieser.
+
+Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Huettchen ein.
+
+"Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und beruehrte mit der Hand
+verschiedene in einer Art Speisegewoelbe liegende Gegenstaende.
+
+-- Das sind Schlaeuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles
+halbes Dutzend.
+
+-- Sind sie gefuellt?
+
+-- Ja wohl, mit Kumiss, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant
+zu erneuern."
+
+Der "Kumiss" ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes staerkendes,
+sogar berauschendes Getraenk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses
+Fundes zu freuen.
+
+"Leg' einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort
+alle uebrigen.
+
+-- Sogleich, Vaeterchen.
+
+-- Diese sollen uns den Jenisei ueberschreiten helfen.
+
+-- Und das Floss?
+
+-- Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst
+zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser
+Schlaeuche halten.
+
+-- Gut ausgedacht, Vaeterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden
+wir gluecklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie,
+denn die Stroemung ist sehr stark.
+
+-- Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Lass uns nur erst hinueber
+kommen, die Strasse nach Irkutsk finden wir schon wieder.
+
+-- An's Werk also", sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schlaeuche zu
+entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.
+
+Nur ein mit Kumiss gefuellter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft
+aufgeblasen und sorgfaeltig verschlossen, sollten als schwimmende Traeger
+dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses ueber
+Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka
+zwischen den Raedern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floss
+benutzen zu koennen.
+
+Diese Arbeit war bald vollendet.
+
+"Du wirst Dich doch nicht fuerchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.
+
+-- Nein, Bruder, erwiderte das junge Maedchen.
+
+-- Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfuellung meiner
+Traeume, gleich in der Kutsche zu schwimmen."
+
+Das hier sanfter geneigte Ufer beguenstigte den Stapellauf (wenn man so
+sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und
+bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des
+Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.
+
+Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die
+Fussbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener
+Schlaeuche, das Wasser kaum bis an die Knoechel.
+
+Michael Strogoff fuehrte die Zuegel des Pferdes und lenkte es, nach den
+Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das
+Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So
+lange die Kibitka sich direct mit der Stroemung bewegte, ging Alles ganz
+gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von
+Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der
+Hand, dass sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwaerts von der Stadt
+erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.
+
+Die Fahrt ueber den Jenisei waere nun, trotz der sehr mangelhaften
+Hilfsmittel, ohne zu grosse Schwierigkeit ausgefuehrt worden, wenn sich die
+Stroemung in ihren gewoehnlichen, regelrechten Verhaeltnissen bewegt haette.
+Ungluecklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberflaeche
+des schaeumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller
+Anstrengungen Michael Strogoff's, sie in einer andern Linie zu erhalten,
+unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.
+
+Die Gefahr war gross. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem
+oestlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit
+ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser
+Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen
+Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch
+den Kopf ueber dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt
+zu werden. Auch Sersko hatte einen Stuetzpunkt an der Kibitka suchen
+muessen.
+
+Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fuehlte sich in
+einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen
+konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu
+wollen, um sie leichter zu vermeiden - sie konnten es nicht!
+
+Auch Nadia schwieg. Ihre Haende klammerten sich krampfhaft an das Geruest
+des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen
+desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.
+
+Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das
+Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die
+Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth fuer ihn und galt es ihm,
+nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, "wie eine Hotelwohnung fuer
+fuenf Tage", die man wohl oder uebel am sechsten Tage raeumen muss? Jedenfalls
+zeigte sein immer laechelndes Gesicht keine Spur einer Veraenderung.
+
+Die Kibitka verblieb also in dem reissenden Strudel und das Pferd stand am
+Ende seiner Kraefte. Ploetzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstuecke,
+die ihm hinderlich sein konnten, ab und stuerzte sich in das Wasser; dann
+ergriff er mit maechtigem Arme den Zuegel des halb scheu gewordenen Pferdes
+und riss es so maechtig fort, dass es sich bis ueber den anziehenden
+Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die
+geordnete Stroemung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.
+
+"Hurrah!" rief Nicolaus.
+
+Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka
+den groesseren Arm des Stromes ueberschritten und landete, freilich sechs
+Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.
+
+Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren
+Thiere gern eine Stunde Ruhe gegoennt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter
+dem schuetzenden Dache praechtiger Birken quer ueber das ganze Eiland und
+langte an dem schmaeleren Arme des Jenisei an.
+
+Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach
+den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so
+schnelle, dass die Kibitka das rechte Ufer erst fuenf Werst stromabwaerts
+erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.
+
+Diese grossen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch
+nirgends ueberbrueckt sind, bilden ueberall sehr fuehlbare Hindernisse der
+Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger
+verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Faehre, welche ihn und
+Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel
+erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen.
+Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jenisei noch verhaeltnissmaessig
+am gluecklichsten ab.
+
+"Das waere gar nicht so amuesant gewesen, aeusserte Nicolaus, als er, sich die
+Haende reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche
+Schwierigkeiten geboten haette.
+
+-- Und was fuer uns nur schwer durchzufuehren war, antwortete Michael
+Strogoff, das, guter Freund, wird fuer die Tartaren nahezu unmoeglich sein!"
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+
+ Ein Hase, der ueber den Weg laeuft.
+
+
+Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, dass die Strasse bis nach
+Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurueckgehaltenen Tartaren gewiss
+weit ueberholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen,
+fanden sie da nur eine verlassene Stadt und ausserdem keinerlei Hilfsmittel
+zur Ueberschreitung des Jenisei. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich
+hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer
+anzubringende Schiffsbruecke schlagen musste, um sich einen Uebergang
+herzustellen.
+
+Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in
+Omsk fuehlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte
+hoffen, dass sich kein neues Hinderniss zwischen ihm und seinem Ziel erheben
+werde.
+
+Die Kibitka rollte nun schraeg nach Suedosten und traf nach einem Wege von
+etwa fuenfzehn Werst wieder auf die lange Strasse durch die Steppe.
+
+Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Strasse zwischen Krasnojarsk und
+Irkutsk wird sogar fuer den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stoesse
+durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schuetzte die Reisenden vor den
+Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Waelder von Fichten und
+Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht
+mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des
+Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken
+und Doerfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum
+groessten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gaehnte eine Wueste und,
+wie wir wissen, eine kuenstliche Wueste auf Befehl der Regierung.
+
+Das Wetter hielt sich schoen; bei den schon kuehleren Naechten aber erwaermte
+sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rueckten die
+ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite
+gelegenen Gegend verkuerzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns ueber
+dem Horizont. Der Herbst waehrt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des
+sibirischen Gebietes nicht ueber dem 55. Grade der Breite, also etwa so
+hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter
+so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des
+asiatischen Russlands auch auf, wenn man bedenkt, dass sie das Quecksilber
+im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei
+ungefaehr 42 deg. unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20 deg. fuer
+eine ganz ertraegliche haelt.
+
+Die Witterung beguenstigte also die Reisenden; sie war weder stuermisch noch
+regnerisch, die Hitze nur maessig, die Naechte frisch. Nadia's und Michael
+Strogoff's Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus
+Tomsk hatten sie fast alle frueheren Beschwerden vergessen.
+
+Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.
+
+Ihm galt diese Reise fuer einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit
+der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfuellte.
+
+"Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwoelf Stunden
+des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator
+(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen
+Zeichen gegeben werden) zu arbeiten."
+
+Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermoegen, dass er
+das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er
+ihm anvertraut, dass Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk
+verbannten Vater aufzusuchen, und dass sie grosse Eile haetten, dahin zu
+kommen. Natuerlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn
+wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu
+ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fuenfzehn Werst genuegend Ruhe
+gegoennt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst
+zuruecklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kraeften und schon seiner Race
+nach fuer laengere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter
+fehlte es ihm laengs der Strasse nicht, ueberall sprosste fettes, frisches
+Gras fast im Ueberfluss. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum
+wohl zumuthen.
+
+Nicolaus fuegte sich diesen Gruenden. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute,
+welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe.
+Nichts erschien ihm ruehrender. Mit zufriedenem Laecheln sagte er auch zu
+Nadia:
+
+"Himmlische Guete, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine
+Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange oeffnen. Wenn ich bis
+Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer
+wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu
+sein? Ja, nicht wahr?"
+
+Dann schlug er sich vor die Stirn.
+
+"Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, dass sein
+armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und
+Schmerz doch immer!"
+
+Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwaerts und legte,
+Michael Strogoff's Rechnung nach, zehn bis zwoelf Werst in der Stunde
+zurueck.
+
+Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaisk, achtzig Werst
+von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaisk.
+
+Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung
+von fuenfunddreissig Werst Kamsk, einen groesseren Ort, den der gleichnamige
+Fluss, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des
+Jenisei, bespuelt. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen
+grossen Platz errichtete Gruppe von hoelzernen Haeusern; ueber diese hinaus
+ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz
+hell in der Sonne funkelte.
+
+Die Haeuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt;
+kein Pferd in den Staellen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die
+Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen.
+Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstoert.
+
+Als sie Kamsk verliessen, theilte Michael Strogoff seinen beiden
+Reisegefaehrten mit, dass sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines
+Staedtchen, Nishny-Udinsk, antreffen wuerden. Nicolaus antwortete, dass er
+dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation
+befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so
+blieb ihm gar nichts anderes uebrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens
+Beschaeftigung zu suchen.
+
+Die Kibitka konnte den Fluss an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde
+passiren und gelangte wieder auf die Strasse, auf welcher nun, zwischen
+Jenisei und einem seiner groessten Zufluesse, der Angara, die Irkutsk selbst
+beruehrt, wenigstens bezueglich der Wasserlaeufe, ein ernsthaftes Hinderniss
+nicht mehr zu gewaertigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein
+solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gruenden nicht mehr besonders
+verzoegert werden.
+
+Zwischen Kamsk und dem naechsten Dorfe lag eine grosse Strecke von etwa
+einhundertdreissig Werst. Natuerlich wurden unterwegs die noethigen Pausen
+nicht versaeumt, "ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr
+gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen wuerde". Nach
+stillschweigender Uebereinkunft wusste das treue Thier, dass es nach je
+fuenfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem
+Thiere, einen Vertrag abschliesst, so muss er von beiden Theilen auch streng
+beobachtet werden.
+
+Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka
+Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.
+
+Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollstaendigung seines
+Mundvorraths umsah, gluecklicher Weise ein Dutzend "Pogatchas", das ist
+eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer grossen Menge in Wasser gekochtem
+Reis. Dieser Zuwachs passte recht gut zu dem Vorrath an Kumiss, mit dem die
+Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.
+
+Hier wurde laengere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag
+des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun
+fuenfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine
+Spur. Michael Strogoff glaubte also gegruendete Aussicht zu haben, seine
+Reise binnen acht, hoechstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem
+Grossfuersten zu erscheinen.
+
+Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreissig Schritt vor der
+Kibitka, ueber den Weg.
+
+"O weh! rief Nicolaus.
+
+-- Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche
+das geringste Geraeusch erregt.
+
+-- Siehst Du nicht" ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich
+ploetzlich verduestert hatte.
+
+Doch er unterbrach sich.
+
+"Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut fuer Dich,
+Vaeterchen.
+
+-- Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.
+
+-- Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ...
+
+-- Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.
+
+-- Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!" antwortete Nicolaus.
+
+Wenn ein Hase Jemand ueber den Weg laeuft, so haelt das der Volksglaube in
+Russland allgemein fuer das Vorzeichen eines drohenden Ungluecks.
+
+Aberglaeubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.
+
+Michael Strogoff verstand recht gut das Zoegern seines Gefaehrten, obgleich
+er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezueglich des vorueberlaufenden
+Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.
+
+"O, deshalb ist nichts zu fuerchten, Freund, sagte er.
+
+-- Fuer Dich nichts, fuer sie auch nicht, Vaeterchen, das weiss ich, erwiderte
+Nicolaus, wohl aber fuer mich!"
+
+Dann fuhr er fort:
+
+"Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!"
+
+Er trieb das Pferd wieder an.
+
+Trotz des ungluecklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede
+Stoerung.
+
+Am naechsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in
+Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.
+
+Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer,
+wie sie die sibirischen Jaeger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine
+Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte
+selbst das andere.
+
+Die Kibitka befand sich nun noch fuenfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk
+entfernt.
+
+Waehrend dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine fruehere gute Laune
+wiederfinden koennen. Das ueble Vorzeichen hatte ihn tiefer beruehrt, als man
+haette glauben sollen, und wenn er frueher fast unaufhoerlich plauderte, so
+verfiel er jetzt manchmal in so duesteres Schweigen, dass Nadia Muehe hatte,
+ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei
+einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen
+aberglaeubischen Vorfahren die duestere hyperboraeische Mythologie herruehrt.
+
+Von Jekaterinenburg aus verlaeuft die Strasse nach Irkutsk fast stets
+parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich
+herab nach Suedosten, so dass sie den 100. Meridian schief durchschneidet.
+Sie haelt nun die kuerzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und
+wendet sich ueber den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge
+stellt selbst nur einen Vorwall der grossen Altaikette dar, welche man hier
+schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.
+
+Die Kibitka eilte also auf dieser Strasse hin. Ja, sie eilte. Man fuehlte
+recht wohl, dass Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu
+schonen, und dass er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist
+trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr fuer sicher, als in
+den Mauern von Irkutsk. Gewiss haetten viele Russen dieselbe Empfindung
+gehabt, und nicht wenige von ihnen haetten wohl gar das Pferd gewendet, um
+die Stelle nicht zu ueberschreiten, an der ihnen ein Hase ueber den Weg
+gelaufen war!
+
+Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich
+Nadia ueberzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien
+es allerdings moeglich, dass die Reihe der ihnen bevorstehenden Pruefungen
+noch immer nicht abgeschlossen sei.
+
+Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht
+sonderlich veraendert, hier aber trugen die Waelder Spuren von Zerstoerungen
+durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Strasse waren
+verwuestet, und es lag auf der Hand, dass daselbst eine bedeutende
+Truppenmacht vorueber gekommen sein musste.
+
+Dreissig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings
+stattgefundenen Zerstoerung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von
+der Hand der Tartaren herruehren konnte.
+
+Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde
+zertreten, die Waelder von der Axt des Holzhauers gefaellt. Die in weiten
+Zwischenraeumen laengs der Strasse verstreuten Haeuser standen nicht nur leer,
+nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstoert. Die
+Waende verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.
+
+Michael Strogoff's Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es
+schwand ihm jeder Zweifel, dass ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf
+dieser Strasse gehaust hatte, und doch konnten das unmoeglich Soldaten des
+Emirs gewesen sein, denn sie haetten ihn, wenn sie den Wagen einholten,
+ganz bestimmt treffen muessen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge
+sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstrasse nach
+Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren
+noch entgegen?
+
+Michael Strogoff theilte seine Befuerchtungen weder Nadia, noch Nicolaus
+mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht ueberhaupt unnoethig zu
+beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen,
+so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniss aufhielt. Dann wollte er sehen,
+was sich noch thun liesse.
+
+Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer
+starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten
+verdaechtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter.
+Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Haeuser, die gewiss
+erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezuendet worden waren.
+
+Am 8. September endlich stand die Kibitka ploetzlich still; das Pferd
+scheute zurueck. Sersko bellte Klagelaute.
+
+"Was giebt es, fragte Michael Strogoff.
+
+-- Hier liegt ein Leichnam!" antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen
+sprang.
+
+Es war der Koerper eines graesslich verstuemmelten Mujiks.
+
+Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff's Hilfe schleppte er den
+Todten nach der Boeschung der Strasse. Er gedachte ihn auch ordentlich zu
+begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe
+von den Resten dieses Koerpers abzuhalten, doch Michael Strogoff liess ihm
+nicht die Zeit dazu.
+
+"Vorwaerts, Freund, rief er, vorwaerts, wir duerfen uns auch nicht eine
+Stunde aufhalten."
+
+Die Kibitka setzte ihren Weg fort.
+
+Haette Nicolaus uebrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten,
+die letzte Ehre erweisen wollen, er waere nimmer fertig geworden. Mehr in
+der Naehe von Nishny-Udinsk fand man die Koerper der Ermordeten zu Fuenfzigen
+auf der Erde liegend.
+
+Dennoch musste man diesem Wege so lange folgen, als es ausfuehrbar war, ohne
+den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unveraendert
+beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstoerung mit
+jedem Dorfe mehrten.
+
+Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gruendung durch verbannte
+Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwuestung und Pluenderung
+ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet.
+Wie es ueberhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniss gekommen war, das konnte
+Niemand erklaeren, da sich keine lebende Seele fand, die es haette sagen
+koennen.
+
+An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte
+die hohen Thuerme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie waelzten sich
+dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herruehrten.
+
+Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff
+die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluss musste gefasst werden.
+War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren,
+hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es,
+sie um jeden Preis zu umgehen.
+
+"Lasst uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber
+jedenfalls vorsichtig."
+
+Noch eine Werst wurde zurueckgelegt.
+
+"Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder,
+man zuendet dort die Stadt an!"
+
+Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die
+Dunstmassen zuengelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf
+und waelzte sich gen Himmel. Einen Fluechtling sah man aber nicht.
+Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der
+Zerstoerung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese
+Verwuestung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf hoeheren Befehl? Lag
+es in der Absicht der Regierung des Czaaren, dass keine Stadt, kein Flecken
+vom Jenisei und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht
+bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun
+zurueckbleiben oder seinen Weg fortsetzen?
+
+Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gruendlicher Erwaegung des
+Fuer und Wider hielt er es aber doch fuer das Wichtigste, selbst um den
+Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in
+die Haende zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Strasse
+zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben
+zurueckzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuss krachte. Eine
+Kugel pfiff herueber, und zu Tode getroffen stuerzte das Pferd der Kibitka
+zusammen.
+
+Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Strasse und
+umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie
+recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach
+Nishny-Udinsk abgefuehrt.
+
+Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine
+Kaltbluetigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm
+auch unmoeglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Haette er seine Augen
+gebrauchen koennen, er wuerde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu
+einem schrecklichen Blutvergiessen gefuehrt haette. Doch wenn er nichts sah,
+so konnte er doch hoeren und verstehen, was Jene sagten.
+
+An ihrer Sprache erkannte er, dass diese Soldaten Tartaren waren, und an
+ihren Worten, dass sie der Armee der Feinde vorausschwaermten.
+
+Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt fuehrten, und aus einigen Brocken
+ihrer spaeteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:
+
+Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch
+immer hinter dem Jenisei zurueckgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung
+einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von
+Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan's naechstens in
+der Naehe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.
+
+Auf Iwan Ogareff's Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des
+Einfalls in die oestlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der
+Grenze des Gouvernements Semipalatinsk laengs der Suedkueste des
+Balkhachsee's und dem Fusse des Altaigebirges hingeschlichen. Gefuehrt von
+einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den
+oberen Lauf des Jenisei. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch
+den Czaaren getroffenen Massregeln zur Erleichterung des Uebergangs der
+Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche
+entweder als solche oder als Brueckenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung
+des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jenisei
+herabgezogen und hatte die Strasse nach Irkutsk erst in der Naehe von
+Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklaerte sich die Anhaeufung von Ruinen
+jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegfuehrung dieser
+Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren,
+in einer Gesammtstaerke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich
+einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemaechtigen. In kurzer Zeit
+sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.
+
+So lagen die Dinge zu jener Zeit, - gewiss eine gefaehrliche Lage fuer den
+vollstaendig isolirten Theil des oestlichen Sibiriens und fuer die
+verhaeltnissmaessig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.
+
+Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der
+Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs
+und Iwan Ogareff's mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf
+Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine
+Frage der Zeit.
+
+Welche Gedanken bestuermten hierbei Michael Strogoff! Wer wuerde erstaunen,
+wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch
+war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder
+die Worte:
+
+"Ich werde dennoch ankommen!"
+
+Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael
+Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte
+der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben
+die letzten Marodeure verliessen, sollten sie nicht bleiben.
+
+Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt.
+Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschuettert in ihrem
+Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar aeusserlich gleichgiltig, aber
+immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit boete.
+
+Den Tartaren entging es keineswegs, dass einer ihrer Gefangenen blind war,
+und ihre natuerliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen
+Ungluecklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte.
+Michael Strogoff's Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte oefters
+Seitenspruenge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es
+Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Maedchens brachen und
+Nicolaus empoerten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der
+Tartaren war ihnen nicht gelaeufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch
+zurueckgewiesen.
+
+Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den
+Gedanken, Michael Strogoff's Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein
+blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der
+Reiter, den Michael Strogoff sagen hoerte:
+
+"Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!"
+
+Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Doerfern
+Tatan und Chibarlinskoe. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd
+gesetzt, dessen Zuegel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch
+Peitschenschlaege, Steinwuerfe und lautes Schreien in Galop.
+
+Das blinde Pferd stiess, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in
+gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das
+andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und
+Stoessen wieder zurueck.
+
+Michael Strogoff widersprach nicht. Er liess keine Klage hoeren. Stuerzte
+sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Fuesse brachte. Das
+geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.
+
+Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht
+mehr zurueckhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt
+ihn zurueck und misshandelte ihn.
+
+Gewiss haette dieses Spiel noch lange Zeit zum groessten Ergoetzen der Tartaren
+fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.
+
+Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und
+lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuss tiefe Schlucht neben der
+Strasse zu.
+
+Nicolaus wollte ihm nach, - man hielt ihn zurueck. Das fuehrerlose blinde
+Pferd stuerzte mit seinem Reiter in die Tiefe.
+
+Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mussten glauben, dass
+ihr ungluecklicher Gefaehrte bei diesem Fall zerschmettert sei.
+
+Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff ausser dem Sattel
+und unverwundet, waehrend das Pferd zwei Fuesse gebrochen hatte und voellig
+dienstuntauglich geworden war.
+
+Man liess es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoss zu geben, und
+band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so dass er dem
+Detachement zu Fusse folgen musste.
+
+Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen
+Schrittes, so dass sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum
+anspannte. Er blieb immer "der Mann von Eisen", von dem General Kissoff
+dem Czaaren gesprochen hatte.
+
+Am naechsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken
+Chibarlinskoe.
+
+Hier trug sich ein Ereigniss zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.
+
+Die Nacht war gekommen. Waehrend einer Stunde der Rast hatten die
+tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt
+wieder aufbrechen.
+
+Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten
+achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.
+
+Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber
+Nicolaus hatte diesen fuer ihn gesehen.
+
+Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu ueberlegen und ohne sich von seiner That
+Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen
+zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff
+Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoss sie dem
+Tartaren mitten auf die Brust ab.
+
+Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses
+herzugelaufen.
+
+Die Reiter wollten den ungluecklichen Nicolaus erwuergen, doch auf ein
+Zeichen des Officiers begnuegte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf
+ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.
+
+Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb
+durchnagt sein mochte, riss bei der unerwartet heftigen Bewegung des
+Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus,
+ohne es nur gewahr zu werden.
+
+Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstrasse.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+
+ In der Steppe.
+
+
+Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie waehrend
+ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich
+aber Alles veraendert! Damals gewaehrleisteten ihnen ein bequemer Tarantass,
+eine haeufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen
+ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt
+zogen sie zu Fuss dahin, ohne die Moeglichkeit, sich ein Befoerderungsmittel
+zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise
+sie nur die dringendsten Lebensbeduerfnisse befriedigen wuerden, - und dabei
+trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch,
+dass Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia's sah.
+
+Den Freund, den ihnen ein gluecklicher Zufall zufuehrte, hatten sie unter
+den traurigsten Umstaenden wieder verloren.
+
+Michael Strogoff lagerte auf der Boeschung der Strasse; Nadia stand daneben
+und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.
+
+Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon
+verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Huette zeigte
+sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und
+Nadia standen ganz, ganz allein.
+
+"Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus!
+Das Zusammentreffen mit uns musste Dir so verhaengnissvoll werden!"
+
+Michael Strogoff erwiderte nichts.
+
+"Michael, fuhr Nadia fort, weisst Du es nicht, dass er Dich zu schuetzen
+suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, dass er sein Leben fuer
+Dich wagte?"
+
+Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand
+gestuetzt, hing er seinen Gedanken nach. Hoerte er ueberhaupt, da er keine
+Antwort gab, was das junge Maedchen zu ihm sprach?
+
+Gewiss, denn als Nadia hinzufuegte:
+
+"Wohin soll ich Dich fuehren, Michael? antwortete er:
+
+-- Nach Irkutsk.
+
+-- Auf der grossen Landstrasse?
+
+-- Ja, Nadia."
+
+Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekraeftigten Vorhaben,
+sein Ziel unter allen Umstaenden zu erreichen, abzubringen. Auf der
+Landstrasse gelangte er auf kuerzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde
+von Feofar-Khan's Heere zeigte, wuerde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu
+verlassen.
+
+Nadia fasste Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.
+
+Am folgenden Morgen, dem 12. September, goennten sie sich nach einem
+Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoe eine kurze Rast. Die
+ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus'
+Leichnam vielleicht an der Strasse liegen geblieben sei; doch vergeblich
+durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen
+Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiss
+sparte man ihn fuer eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers
+bei Irkutsk auf.
+
+Erschoepft vom Hunger, der ihren Gefaehrten ebenso schrecklich quaelte, war
+Nadia so gluecklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas
+trockenes Fleisch und mehrere "Sukharis" (d. s. Brode, welche durch
+Verdunstung ausgetrocknet ihre Naehrfaehigkeit auf unbegrenzte Zeit
+bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem
+so grossen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung
+war also fuer mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend,
+welche tausend kleine Zufluesse zur Angara durchrieselten, nicht leicht
+fehlen.
+
+Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren
+Schrittes weiter und verlangsamte diesen hoechstens ein wenig mit Ruecksicht
+auf seine Begleiterin, waehrend diese sich eifrig bemuehte, nicht zurueck zu
+bleiben. Gluecklicher Weise konnte ihr Gefaehrte ja nicht sehen, in welch'
+beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.
+
+Michael Strogoff schien es jedoch zu fuehlen.
+
+"Deine Kraefte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.
+
+-- O nein, antwortete sie.
+
+-- Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.
+
+-- Ja wohl, Michael."
+
+Im Laufe dieses Tages mussten sie einen kleinen Fluss, die Oka,
+ueberschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so dass sie ohne
+Schwierigkeiten an's andere Ufer kamen.
+
+Der Himmel war bedeckt, die Temperatur ertraeglich; freilich drohte die
+Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fussreise sicher nur
+vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber
+ziemlich schnell vorueber.
+
+So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu
+wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rueckwaerts sorgsam auslugte.
+Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang waehrend
+der Nacht. In einigen Huetten entdeckte Nadia auch noch einiges
+Schaffleisch, welches hier so gewoehnlich ist, dass ein Pfund desselben nur
+zwei und eine halbe Kopeke kostet.
+
+Aber ganz wider Michael Strogoff's noch immer genaehrte Hoffnung fand sich
+kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren
+alle getoedtet oder geraubt. Zu Fuss mussten sie die Reise durch die
+grenzenlose Steppe fortsetzen.
+
+Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf
+Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort
+stand ein verlassener Wagen. Die Koerper der ungluecklichen Sibirer
+bezeichneten die Strasse und haeuften sich in der Naehe der Doerfer. Nadia
+kaempfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.
+
+Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Ruecken her.
+Die von Iwan Ogareff gefuehrte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte
+jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jenisei hinunter
+gesendeten Barken bei Krasnojarsk laengst bereit, um den Uebergang ueber den
+Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg fuer die Eindringlinge frei.
+Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches
+Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fuerchtete also stuendlich das
+Auftauchen der tartarischen Plaenkler.
+
+Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine hoeher gelegene Stelle
+und blickte aufmerksam ueber die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt
+verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.
+
+Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff
+bemerkte, dass er die arme Nadia zog, so verzoegerte er seine Schritte. Sie
+sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Maedchen erinnerte
+an Alles, was ihnen jener Begleiter waehrend weniger Tage gewesen war.
+
+Michael Strogoff suchte dem jungen Maedchen durch seine Antworten immer
+einige Hoffnung einzufloessen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er
+wusste recht gut, dass der Arme dem Tode gewiss nicht entgehen wuerde.
+
+Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:
+
+"Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?"
+
+Von seiner Mutter! Nadia hatte das aengstlich vermieden. Warum sollte sie
+seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drueckte der
+Sohn damals nicht den letzten Kuss auf die stummen Lippen, als ihre Leiche
+auf dem Plateau bei Tomsk lag?
+
+"Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir
+dadurch ein Vergnuegen."
+
+Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzaehlte alles,
+was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufaelligen Zusammentreffen in
+Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie
+gestand, wie ein unerklaerlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten
+Gefangenen hingezogen und wie gern sie fuer jene gesorgt, aber auch, wie
+sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit
+hielt sie Michael Strogoff ja noch fuer Nicolaus Korpanoff.
+
+"Der ich immer haette bleiben sollen", fiel da der Blinde ein, um dessen
+Stirn sich duestere Wolken lagerten.
+
+Nach einer Pause fuegte er dann hinzu:
+
+"Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter
+nicht zu sehen.
+
+-- Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen,
+der Zufall nur hat Dich ihr zugefuehrt.
+
+-- Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!
+
+-- Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geissel ueber Marfa
+Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! - Es giebt keinen Eid, der einen
+Sohn hindern koennte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.
+
+-- Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff
+traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) moegen es mir vergeben.
+
+-- Michael, sagte das junge Maedchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte
+mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu duerfen. Von Dir beleidigt mich
+nichts.
+
+-- Sprich, Nadia!
+
+-- Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch
+immer so dringend nach Irkutsk?"
+
+Michael Strogoff drueckte die Hand seiner Fuehrerin waermer, aber er gab
+keine weitere Antwort.
+
+"Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?
+
+-- Nein, er war mir unbekannt.
+
+-- Soll ich annehmen, Michael, dass nur das Verlangen, mich meinem Vater
+zuzufuehren, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?
+
+-- Nein, Nadia, ich wuerde Dich taeuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir
+erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann
+ich Dich nach Irkutsk fuehren, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil
+mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, haelt mich nicht Deine
+Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste
+vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiss nicht,
+wann das Unglueck muede sein wird, uns zu pruefen, aber ich weiss, dass ich an
+dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Haende Deines Vaters gefuehrt
+zu haben, Dir innig danken werde fuer Deine treue Leitung auf meinem Wege!
+
+-- Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das
+ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, draengst Du jetzt so, in
+Irkutsk einzutreffen?
+
+-- Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muss! gestand ihr Michael Strogoff.
+
+-- Auch jetzt noch?
+
+-- Auch jetzt, und es wird mir gelingen!"
+
+Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Hass gegen den
+Verraether. Aber Nadia merkte es, dass ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte,
+nicht Alles sagen durfte.
+
+Drei Tage spaeter, am 15. September, erreichten Beide den Flecken
+Kuitunskoe, siebzig Werst von Tulunowskoe.
+
+Das junge Maedchen hielt sich nur mit aeusserster Anstrengung noch aufrecht.
+Ihre wunden Fuesse versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem
+Schmerze, sie bekaempfte die Ermuedung; ihr einziger Gedanke war:
+
+"Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!"
+
+Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniss, keine
+Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste
+Erschoepfung fuehlten sie.
+
+So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach
+Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen laengs des Weges, die
+Brandstaetten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung
+uebergehenden Leichname an den Seiten der Strasse.
+
+Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht.
+Michael Strogoff erschoepfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen,
+diese Verzoegerung zu erklaeren. Bedrohten schon hinreichende russische
+Streitkraefte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte
+isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle
+musste es dem Grossfuersten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen,
+und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenueber als ein
+Fortschritt zu seiner Abwehr.
+
+Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber
+trat ihm das Truegerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele,
+und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als laege die Rettung des
+Grossfuersten nur allein in seinen Haenden.
+
+Sechzig Werst trennen Kuitunskoe von Kimilteiskoe, einem kleinen Flecken
+unweit der Dinka, welche der Angara zustroemt. Nicht ohne Besorgniss dachte
+Michael Strogoff an das Hinderniss, welches dieser nicht so unbedeutende
+Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Faehren oder Boote zu finden, darauf
+durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen
+Reisen in guenstigeren Jahreszeiten, dass dieser Fluss nur mit Gefahr zu
+durchwaten war. Dafuer unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein
+weiterer Strom oder Fluss die Strasse, welche in einer Laenge von noch 230
+Werst nach Irkutsk fuehrte.
+
+Um Kimilteiskoe zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage.
+Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie
+verliessen sie die physischen Kraefte. Michael Strogoff wusste das nur zu
+gut.
+
+Waere er nicht blind gewesen, Nadia haette gewiss zu ihm gesagt:
+
+"Geh', Michael, lass mich in einer Huette zurueck. Geh' nach Irkutsk! Richte
+Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag'
+ihm, dass ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden
+wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fuerchte mich nicht. Vor den
+Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich fuer ihn, fuer
+Dich! Geh' Du, Michael, - ich kann es nicht mehr!..."
+
+Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael
+Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermuedung des
+jungen Maedchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so
+schneller.
+
+Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide
+Kimilteiskoe. Von dem Gipfel eines Huegels bemerkte Nadia eine minder
+dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten
+sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis
+erhellten.
+
+Nadia fuehrte ihren Begleiter quer durch die verwuestete Ortschaft. Die
+Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fuenf bis
+sechs Tagen hier durchpassirt sein.
+
+Bei den letzten Haeusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.
+
+"Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.
+
+-- Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch
+einige Stunden ruhen?
+
+-- Ich waere gern noch bis ueber die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich
+haette den Fluss gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewusst. Aber Du
+kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?
+
+-- Komm, Michael!" lautete Nadia's Antwort, mit der sie die Hand ihres
+Gefaehrten ergriff und ihn weiter fuehrte.
+
+In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Strasse
+nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte,
+wollte das junge Maedchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim
+Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine
+grenzenlose Wueste, in der sich der kleine Fluss verlor. Kein Baum, kein
+Huegel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische
+Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphaere, durch deren
+ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt
+haette.
+
+Ploetzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Fuesse in
+eine Aushoehlung des Bodens gekommen waeren.
+
+Aus der Steppe her ertoente Gebell.
+
+"Hoerst Du das?" fragte Nadia.
+
+Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter
+Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.
+
+"Nicolaus! Nicolaus!" rief das junge Maedchen, von einer duesteren Ahnung
+erfuellt.
+
+Michael Strogoff horchte und schuettelte den Kopf.
+
+"Komm, Michael, komm!" bat Nadia.
+
+Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich
+eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kraefte wieder.
+
+"Wir sind von der Strasse abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht
+mehr den feinsandigen Fussboden, sondern ein duerres Gras unter seinen Fuessen
+fuehlte.
+
+-- Ja, es muss sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener
+Hilferuf."
+
+Einige Minuten spaeter befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom
+Flusse entfernt.
+
+Ein zweites Bellen liess sich hoeren, das zwar schwaecher, aber unzweifelhaft
+naeher erscholl.
+
+Nadia blieb stehen.
+
+"Ja, sagte Michael, das war Sersko's Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.
+
+-- Nicolaus!" rief das junge Maedchen.
+
+Keine Antwort liess sich vernehmen.
+
+Nur einige Raubvoegel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des
+Himmels.
+
+Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete
+Ebene zu ueberschauen, sah aber nichts.
+
+Doch noch einmal erklang eine Stimme in klaeglichem Tone.
+
+"Michael!" verstanden sie deutlich.
+
+Dann sprang ein Hund, ueber und ueber blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.
+
+Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael
+stammeln koennen. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.
+
+Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Haenden.
+
+Da erhob Sersko ein neues Gebell und stuerzte auf einen ungeheuren
+Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.
+
+Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stueck auf,
+kehrte aber zurueck und stiess auf den Hund.
+
+Noch einmal stuerzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der
+furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier
+zusammen.
+
+Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.
+
+"Da ... da!" rief sie.
+
+Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die
+Steppe erhellte, haette sie mit dem Fusse daran gestossen.
+
+Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.
+
+Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals
+eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu
+sterben oder unter dem Zahne der Woelfe oder den Schnaebeln der Raubvoegel
+umzukommen. Eine schreckliche Todesart fuer das Opfer, welches der Boden
+gefangen haelt, welches die Erde halb erdrueckt, die der Verurtheilte nicht
+von sich zu stossen vermag, da ihm die Arme am Koerper befestigt werden, wie
+die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in
+der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so
+langsam naht!
+
+Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!
+
+... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun
+leider zu spaet werden sollte.
+
+Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert,
+und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die
+gefraessigen Voegel.
+
+Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus
+dem Grabe zu befreien.
+
+Nicolaus' schon geschlossene Augen oeffneten sich noch einmal.
+
+Er erkannte Michael und Nadia.
+
+"Lebt wohl, meine Freunde, fluesterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch
+einmal gesehen zu haben ... Betet fuer mich!..."
+
+Das waren seine letzten Worte.
+
+Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureissen, welche durch festes
+Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich,
+den Koerper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch
+schluege. - Es schlug nicht mehr.
+
+Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der
+Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergroesserte das Loch, Nicolaus
+Pigassof's Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe fuer den Entseelten. Der
+treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.
+
+Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstrasse ein lauter
+Tumult.
+
+Michael Strogoff horchte.
+
+Aus dem Geraeusch erkannte er, dass sich eine Abtheilung Berittener nach der
+Dinka zu bewege.
+
+"Nadia, Nadia!" sagte er heimlich.
+
+Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge
+Lieflaenderin.
+
+"Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.
+
+-- Ah, die Tartaren!" fluesterte sie.
+
+Jene Reiter gehoerten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell
+auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.
+
+"Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen", sagte Michael
+Strogoff.
+
+Schweigend setzte er seine Arbeit fort.
+
+Bald ward der Koerper des armen Nicolaus mit ueber der Brust gekreuzten
+Haenden in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael
+Strogoff und Nadia ein letztes Gebet fuer das harmlose und gute Geschoepf,
+das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.
+
+"Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde ueberfuellte,
+nun sollen die Steppenwoelfe Dich nicht verzehren!"
+
+Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorueberziehenden
+Reiterschwarm.
+
+"Vorwaerts, Nadia!" sagte er.
+
+Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstrasse
+nicht mehr einhalten, sondern musste sich quer durch die Steppe schlagen,
+um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der
+Dinka keine besondere Eile.
+
+Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch fuer ihn sehen. Er
+nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Suedwesten der Provinz.
+
+Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurueck? Wie kam
+es, dass ihn die Anstrengung nicht ueberwaeltigte? Wie konnte er sich
+unterwegs ernaehren? Welch uebermenschliche Energie half ihm, die ersten
+Abhaenge der Sayanskberge zu ueberklettern? - Weder Nadia noch er haetten auf
+diese Fragen die Antwort gewusst.
+
+Und doch, - zwoelf Tage spaeter, am 2. October, breitete sich eine ungeheure
+Wasserflaeche vor Michael Strogoff's Fuessen aus.
+
+Er stand am Baikalsee.
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+
+ Baikal und Angara.
+
+
+Der Baikalsee liegt 1700 Fuss ueber dem Meere. Seine Laenge betraegt gegen 900
+Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von
+Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, dass derselbe "Frau
+Meer" genannt sein will und in Wuth geraeth, wenn man ihn "Herr See"
+titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in
+demselben ertrunken.
+
+Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zufluessen ernaehrte Suesswasserbecken wird
+von einem praechtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen
+anderen Abfluss als die Angara, welche bei Irkutsk vorueber stroemt und sich
+etwas oberhalb der Stadt in den Jenisei ergiesst. Die Berge, welche den See
+einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des
+orographischen Systems des Altaigebirges.
+
+In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kaelte schon bemerkbar. Der
+Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthuemlichen
+klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann
+vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man
+schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um
+fuenf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank waehrend der langen Nacht wohl
+bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis
+Anfang des naechsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des
+Baikal. Waehrend des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuss
+tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach
+belebt.
+
+Geschehe es nun wegen des Verstosses gegen die gute Lebensart, wenn man ihn
+"Herr See" nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde,
+jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stuermen bewegt. Seine, gleich
+denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Floessen, den
+Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpfluegen, nicht wenig
+gefuerchtet.
+
+An der Suedwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen
+Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was
+konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten,
+als hier erschoepft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch
+uebrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren
+zuruecklegen musste, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst laengs
+der Suedkueste bis zum Abfluss der Angara, und achtzig Werst von diesem
+Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine
+Reise von drei Tagen fuer einen kraeftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch
+zu Fusse zuruecklegen sollte.
+
+Konnte aber Michael Strogoff noch fuer einen solchen Mann gelten?
+
+Der Himmel schien ihm diese letzte Pruefung ersparen zu wollen. Das
+Unglueck, sein hartnaeckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende
+des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er oede und verlassen glaubte
+und der es auch sonst immer ist, - heut' war er es nicht.
+
+Etwa fuenfzig Personen standen an dem Winkel, der die suedwestliche Spitze
+des Sees bildet.
+
+Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die
+letzten Abhaenge eines Berges herunterstieg.
+
+Einen Augenblick konnte das junge Maedchen wohl fuerchten, hier wieder nur
+eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet waere, an den
+Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes
+Entfliehen unmoeglich sein musste.
+
+Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.
+
+"Das sind Russen!" rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber
+fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael
+Strogoff's nieder.
+
+Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie
+zukamen, fuehrten den Blinden und das junge Maedchen nach einer Stelle des
+Ufers, an der ein Floss befestigt lag.
+
+Das Floss schien zur Abfahrt bereit.
+
+Diese Russen, Leute aus allen Staenden, waren Fluechtlinge, welche die
+naemliche Absicht hier an der Kueste des Baikal vereinigt hatte. Von den
+tartarischen Plaenklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen,
+und da das zu Lande ziemlich unmoeglich war, seitdem die Feinde sich auf
+beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel
+dadurch zu erreichen, dass sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die
+Stadt durchstroemt.
+
+Wie huepfte Michael Strogoff's Herz vor Freude, als er diese Absicht
+vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten fuer ihn auf. Er hatte
+aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er fuer
+angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.
+
+Der Plan der Fluechtlinge war sehr einfach. Nahe dem noerdlichen Ufer des
+Sees zeigte sich eine Stroemung bis zum Abfluss der Angara hin, und diese
+wollten sie zunaechst benutzen, um nach jenem Ausgussthore des Baikal zu
+gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit
+einer Schnelligkeit von zehn bis zwoelf Werst die Stunde dahin. Binnen
+anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.
+
+Am Seeufer fehlte es natuerlich an jedem Schiff oder Boot. Man musste diese
+zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floss, wie man deren haeufig auf den
+sibirischen Stroemen begegnet. Das noethige Holz lieferte ein Tannenwald in
+der Naehe. Die mittels Weidenzweigen so gut als moeglich verbundenen Staemme
+bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden
+haetten.
+
+Auf dieses Floss fuehrte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge
+Maedchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter
+etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf
+dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.
+
+Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm
+bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich fuer einen Bewohner von
+Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen
+des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fuegte nur hinzu,
+dass die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der
+Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.
+
+Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kaelte
+empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der
+Oberflaeche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das
+Floss auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das
+doch zwischen den Ufern der Angara misslicher zu gestalten, wenn sich die
+Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhaeuften.
+
+Alle Umstaende draengten also darauf hin, dass die Fluechtlinge baldmoeglichst
+abreisten.
+
+Um acht Uhr Abends loeste man die Seile und von der Stroemung gefuehrt folgte
+das Floss dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte
+Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.
+
+Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando uebernommen. Es war ein
+Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebraeuntem Gesicht. Ein dichter weisser
+Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmuetze trug er auf dem Kopfe und
+zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen
+Guertel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Fuessen.
+Schweigend sass er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch
+Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens
+reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floss in der
+Stroemung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung
+nach der offenen See zu hindern.
+
+Wir erwaehnten schon, dass Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse
+Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl
+Maenner, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen
+Einfalle auf der Reise ueberraschte Pilger, einige Moenche und ein Pope. Die
+Pilger trugen den Reisestab, die Kuerbisflasche im Guertel und sangen mit
+klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom
+Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein
+schon bejahrter Mann, trug am Guertel eine kleine Sammelbuechse mit
+Vorlegeschloss, wie man sie an den Eingaengen der Kirchen trifft. Alles, was
+er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehoerte nicht
+ihm, und er besass nicht einmal den Schluessel zu der Buechse, welche erst
+bei seiner Rueckkehr geoeffnet werden sollte.
+
+Die Moenche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie
+die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, dass sie
+einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln
+nahe der Kueste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von
+Troitsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew,
+der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das
+von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altglaeubigen, und begaben sich
+nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach
+Irkutsk.
+
+Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren,
+welche das russische Reich zaehlt. Seine Kleidung sah erbaermlicher aus, als
+die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich
+nicht ueberragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und
+sein Stueck Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schliesst und
+Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten
+der Tartaren dadurch zu entziehen gewusst, dass er sie nach den noerdlichen
+Provinzen schaffte, waehrend er in seiner Parochie bis zum letzten
+Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen muessen, und da die
+Strasse nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.
+
+Diese verschiedenen kirchlichen Personen sassen auf dem Vordertheil des
+Flosses zusammen, beteten in regelmaessigen Zwischenraeumen, erhoben ihre
+Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres
+Gebets hoerte man ihre Lippen ein "Slava Bogu", das ist Ehre sei Gott,
+fluestern.
+
+Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in
+tiefer Erschoepfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur
+sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.
+
+Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes,
+der die Wirkung der Stroemung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse
+der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr
+Nachmittag nicht erreichen. Den Fluechtlingen kam das insofern zu statten,
+als sie den Fluss hinunter waehrend der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre
+Reise nach Irkutsk beguenstigen musste.
+
+Die einzige Besorgniss des alten Schiffers betraf nur die Bildung von
+Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden
+schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach
+Westen ziehen. Diese waren nicht zu fuerchten, da sie in die Angara, deren
+Muendung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden
+vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der
+Stroemung angezogen und pressten sich zwischen die Flussufer. Das brachte
+dann wohl Schwierigkeiten, Verzoegerungen oder gar unuebersteigliche
+Hindernisse hervor, die das Floss aufzuhalten drohten.
+
+Michael Strogoff war es also vom hoechsten Interesse, den Zustand des Sees
+zu kennen, fuer den Fall, dass Eisschollen in groesserer Anzahl auftreten
+sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und liess sich von
+ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserflaeche vorging.
+
+Waehrend dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem
+Baikalsee noch mancherlei eigenthuemliche Erscheinungen, unter andern das
+Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees
+gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersaeulen erhoben sich
+zu betraechtlicher Hoehe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen
+Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von
+der Kaelte verdichtet wurden. Gewiss haette dieses Schauspiel das Auge jedes
+Touristen ergoetzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum
+Vergnuegen bereiste.
+
+Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluss der
+Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Kueste zur Rechten
+erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die
+wenigen am steilen Strande erbauten Haeuser.
+
+Leider waelzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen
+zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch
+erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluss zu verstopfen,
+sowie die Kaelte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.
+
+Das Floss erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann
+wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen
+vorzunehmen. Die Staemme drohten aus einander zu weichen und mussten
+nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Stroemung der
+Angara sicherer zu widerstehen.
+
+Waehrend der schoenen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein-
+und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier
+entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der
+russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl
+durch Dampfboote, als auch durch Kuestenfahrer aller Art sehr belebt.
+
+Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den
+Verwuestungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten.
+Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen
+ueberwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig,
+reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt
+Ostsibiriens zurueckgezogen.
+
+Der alte Seemann erwartete also gewiss nicht, hier noch weitere Fluechtlinge
+aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floss nur anlegte, zwei
+Passagiere mit aller Hast aus einem veroedeten Hause herabgelaufen.
+
+Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.
+
+Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff's,
+der verwundert den Kopf emporrichtete.
+
+"Was hast Du, Nadia? fragte er.
+
+-- Unsere beiden Reisegefaehrten, Michael.
+
+-- Jener Franzose und jener Englaender, denen wir in dem Engpasse des Ural
+begegneten?
+
+-- Dieselben."
+
+Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus
+dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthuellt zu werden.
+
+Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr fuer den
+Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael
+Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf
+dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine
+Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute ueber
+das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt
+wurde. Sie wussten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.
+
+Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.
+
+"Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Englaender sich eingeschifft
+haben, so bitte sie, zu mir zu kommen."
+
+Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der
+Zufall, sondern die Gewalt der Umstaende, ebenso wie Michael Strogoff, nach
+dem Hafen von Livenitchnaia gefuehrt hatte.
+
+Man erinnert sich, dass sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor
+der graesslichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloss, abreisten.
+Sie zweifelten gar nicht daran, dass ihr alter Reisegefaehrte um's Leben
+gebracht worden sei, und wussten also nicht, dass er auf Befehl des Emirs
+damals nur geblendet wurde.
+
+Noch an demselben Abend verliessen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten,
+Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte ueber den Feldzug nur aus dem
+Lager der Russen zu entsenden.
+
+Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in groesster Eile nach Irkutsk.
+Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und haetten das auch unzweifelhaft
+durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres,
+welche durch das Thal des Jenisei ganz unerwartet aus Sueden heraufzog,
+aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der
+Dinka abgeschnitten und mussten in Folge dessen nach dem Baikalsee
+herabziehen.
+
+Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen.
+Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmoeglich, nach Irkutsk
+hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert
+wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floss ankam.
+
+Die Absicht der Fluechtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel
+vermehrte der Umstand, dass es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen
+gluecklichen Erfolg und auf die Moeglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen.
+Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.
+
+Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um
+fuer sich und seinen Begleiter Erlaubniss mitzufahren zu erlangen, und bot
+ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern wuerde, an.
+
+"Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt
+nur sein Leben, nichts weiter." Die beiden Journalisten schifften sich ein
+und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.
+
+Harry Blount war noch immer der steife, frostige Englaender, der waehrend
+der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.
+
+Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewoehnlich, was unter den
+gegebenen Verhaeltnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.
+
+Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet,
+als er eine Hand auf seiner Schulter fuehlte.
+
+Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes frueheren
+Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.
+
+Fast haette er vor Verwunderung einen Schrei ausgestossen, als er das junge
+Maedchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.
+
+"Kommen Sie mit mir", bat Nadia.
+
+Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm
+nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.
+
+War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon gross genug, Nadia auf
+dem Flosse zu begegnen, so ueberschritt es alle Grenzen, als sie auch
+Michael Strogoff's ansichtig wurden, den sie laengst nicht mehr am Leben
+glaubten.
+
+Michael Strogoff sprach bei ihrer Annaeherung nicht.
+
+Alcide Jolivet wendete sich an das junge Maedchen.
+
+"Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die
+Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!"
+
+Das lebhafte Gefuehl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet's und seines
+Gefaehrten Zuegen. Einen Augenblick spaeter sassen Beide neben Michael
+Strogoff, drueckten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen
+habe.
+
+"Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie duerfen nicht
+wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben
+hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniss zu bewahren. Versprechen Sie mir
+das?
+
+-- Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.
+
+-- Auf Gentlemans Wort, fuegte Harry Blount hinzu.
+
+-- Ich danke, meine Herren.
+
+-- Koennen wir Ihnen nach irgend welcher Seite nuetzlich sein? fragte Harry
+Blount. Wuenschen Sie, dass wir Sie bei der Ausfuehrung Ihrer Auftraege
+unterstuetzen?
+
+-- Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.
+
+-- Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstoert, sagte Alcide Jolivet.
+
+-- Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind fuer mich genug!"
+
+Eine halbe Stunde spaeter trieb das Floss, nachdem es den kleinen Hafen
+verlassen, in den Fluss hinein. Es war gegen fuenf Uhr Abends. Schon brach
+die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die
+Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.
+
+Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael
+Strogoff's Geheimniss zu bewahren, so verliessen sie ihn doch nicht. Sie
+plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der
+Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wusste, eine vollstaendige
+Vorstellung von dem thatsaechlichen Zustande der Dinge.
+
+Es lag ausser Zweifel, dass die Tartaren Irkutsk bedraengten und die drei
+Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Hoechst wahrscheinlich standen
+der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.
+
+Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren
+zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem
+Grossfuersten noch zu uebergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal
+bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso
+wenig als frueher Nadia.
+
+Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide
+Jolivet zu Michael Strogoff folgendermassen begann:
+
+"Wir muessen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf
+dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.
+
+-- Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich fuer einen Feigling zu halten!
+
+-- Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes
+Schurken verdientermassen mit der Knute bearbeitet, so dass er noch lange
+die Spuren davon tragen wird.
+
+-- Nein, nicht mehr lange!" antwortete einfach Michael Strogoff.
+
+Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein
+Gefaehrte alle die harten Pruefungen des Schicksals, welche Michael Strogoff
+nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rueckhalt bewunderten sie
+seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Maedchens einigermassen
+die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben
+Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau aeusserte: "In der That, das ist
+ein Mann!"
+
+Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floss ungemein schnell
+mit der Stroemung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich
+zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Taeuschung
+schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker
+Bilder ziehe unaufhoerlich an ihm vorueber. Hier zeigten sich sonderbar
+gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein
+schaeumender Bergstrom hervorsprang, manchmal oeffnete sich ein weites Thal
+vor ihren Blicken, in dem ein zerstoertes Dorf noch rauchte, oder ein
+dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterliessen
+auch die Tartaren ueberall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie
+doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den naeheren Umgebungen
+von Irkutsk zusammendraengten.
+
+Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und
+der alte Seemann hielt das Floss, von dem er die zu nahe heran treibenden
+Eisschollen mit kraeftiger Hand abstiess, immer streng in der Mitte der
+Stroemung der Angara.
+
+
+
+
+ Elftes Capitel.
+
+
+ Zwischen zwei Ufern.
+
+
+Gegen acht Uhr Abends huellte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus
+sehen liess, eine tiefe Finsterniss die ganze Umgebung ein. Da es jetzt
+Neumond war, stieg auch dieser nicht ueber den Horizont empor. Von der
+Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen
+Felsen an den Seiten verschwammen in maessiger Hoehe mit den schwarzen, tief
+herabhaengenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu
+Zeit rauschte ein Windstoss von Osten her und schien in dem engen Thale der
+Angara zu ersterben.
+
+Die Dunkelheit beguenstigte nach der einen Seite gewiss das Vorhaben der
+Fluechtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren laengs der
+Ufer, so liess sich doch annehmen, dass das Floss ungesehen von ihnen
+voruebergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befuerchten, dass die Belagerer
+stromaufwaerts von Irkutsk den Fluss gesperrt haben sollten, da sie recht
+gut wussten, dass die Russen aus dem Sueden der Provinz keine Hilfe zu
+erwarten hatten. In kurzer Zeit musste freilich die Natur schon allein
+diese Flusssperre herstellen, wenn die Kaelte die einzelnen Schollen fest
+aneinander loethete.
+
+Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter
+in den Fluss eindrang, liessen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr
+vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem
+Gemurmel, dass dasselbe am Ufer unmoeglich gehoert werden konnte. Auf der
+Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Koerper der Fluechtlinge kaum
+die ebene Flaeche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am
+Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnuegte sich, nur die
+Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geraeusch zu erreichen war.
+
+Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer guenstiger
+Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum
+unuebersteigbaren Hinderniss wurde. Waere es ueberhaupt moeglich gewesen, den
+Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn
+jetzt zum Theil die Schollen jeder Groesse und Form und das
+Aneinanderprallen und Krachen derselben uebertoente gleichzeitig jedes sonst
+vielleicht hoerbare verdaechtige Geraeusch.
+
+Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Fluechtlinge, deren
+Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie
+draengten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der aeusseren
+Temperatur, welche waehrend der Nacht bis auf 10 deg. unter Null herabging,
+besser zu ertragen. Der schwache Wind, der ueber die schneebedeckten Berge
+im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.
+
+Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses
+gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten
+Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters
+nach Kraeften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern
+sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwaertige Situation
+beschaeftigte vollstaendig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein
+Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche
+Allen verderblich werden musste.
+
+Fuer einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein laengst erstrebtes
+Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch
+in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er
+sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein wuerde,
+an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fuerchtete nur noch
+eine einzige letzte Stoerung, das Floss moechte durch die Anhaeufung von
+Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte
+nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch
+durch ein letztes kuehnes Wagstueck seine Absicht durchzusetzen.
+
+Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kraefte wieder
+gewonnen, welche das Unglueck wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals
+den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, dass Michael Strogoff
+nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und dass
+sie bei der Hand sein muesse, ihn zu fuehren. Je mehr sie sich aber Irkutsk
+naeherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das
+geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er
+liebte, jedoch - woran sie niemals zweifelte, - mit dem ganzen Feuer
+seines Patriotismus kaempfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr
+jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen,
+ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts
+sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor's
+niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie
+ganz natuerlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater ueberhaupt
+wieder zu sehen, ihres edelmuethigen Reisegefaehrten, ihres "Bruders", der
+nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen
+wuerde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!...
+
+Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschaeftigten sich nur mit dem
+einen Gedanken, dass die Situation hoechst dramatisch sei und, gut in Scene
+gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben muesse. Der Englaender
+dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner
+Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit
+doch nicht ganz erwehren.
+
+"Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muss selbst bewegt sein, um
+Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem
+beruehmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich
+nicht ..."
+
+Dabei suchte er mit seinen beruehmten Reporteraugen immer das Dunkel zur
+Seite des Flusses zu durchdringen.
+
+Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniss und
+zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Waelder hervor. Hier stand ein
+ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die
+traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur dass diese
+gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara
+war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten
+ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben
+wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Stroemung
+wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Koerper zog das Floss
+unbemerkt dahin.
+
+Hier drohte also keine besondere Gefahr.
+
+Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen
+und vorzueglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz
+zufaellig und zwar durch folgenden Umstand:
+
+Auf der rechten Seite des Flosses liegend, liess derselbe einmal seine Hand
+in's Wasser haengen. Ploetzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine
+klebrige Substanz, etwa ein Mineraloel, seine Haut benetzte.
+
+Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, - er konnte sich nicht
+taeuschen. Das war eine Lage fluessiger Naphtha, welche auf der Oberflaeche
+der Angara schwamm und mit der Stroemung hinabtrieb.
+
+Schwamm das Floss also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so
+ungemein leicht entzuendlich ist? Woher ruehrte diese Naphtha? Hatte sie ein
+natuerliches Phaenomen an die Oberflaeche der Angara gefuehrt, oder sollte sie
+als Zerstoerungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in
+Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegfuehrung freilich, welche unter
+gesitteten Voelkern nicht wohl vorkommen koennte.
+
+Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt
+er es fuer gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu
+machen, und Beide kamen auch ueberein, ihre Reisegefaehrten nicht unnoethig
+durch diese neue Gefahr zu aengstigen.
+
+Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm impraegnirt von
+fluessigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen
+Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China,
+in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die
+Oberflaeche. Dort ist das "Oelgebiet", ein Pendant zu dem Theile
+Nordamerikas, der diesen Namen wirklich traegt.
+
+Bei gewissen religioesen Festen giessen die Eingebornen im Hafen zu Baku,
+welche Feueranbeter sind, fluessige Naphtha auf die Oberflaeche des Meeres,
+die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat
+sich die brennbare Schicht dann ueber das Wasser verbreitet, so zuenden sie
+dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das
+unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde
+auf und niederbewegt.
+
+Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das musste zum Unheil auf den
+Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht
+oder aus Unvorsichtigkeit angezuendet wurde, jedenfalls haette es sich in
+einem Augenblicke bis ueber Irkutsk hinaus verbreitet.
+
+Auf dem Flosse selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher
+sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbruenste an beiden Ufern der
+Angara zu fuerchten, denn es genuegte ja schon ein brennendes Holzstueckchen,
+vielleicht ein blosser Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.
+
+Die Besorgnisse Harry Blount's und Alcide Jolivet's gegenueber dieser neuen
+Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht
+rathsamer, vorlaeufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen
+und eine Zeit lang zu warten? - Sie legten sich wohl diese Frage vor.
+
+"Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiss
+ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen wuerde."
+
+Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.
+
+Inzwischen schwamm das Floss schnell zwischen den Eisschollen hinab, die
+sich immer enger und enger zusammendraengten.
+
+Bisher hatte man an den Uferabhaengen der Angara noch nirgends tartarische
+Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, dass das Floss deren
+Vorpostenkette noch nicht erreicht haben koenne. Gegen zehn Uhr Abends
+glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die
+sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der
+andern sprangen, schnell naeher herankamen.
+
+"Tartaren!" dachte er.
+
+Er schlich sich in die Naehe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und
+lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdaechtigen Bewegungen.
+
+Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.
+
+"Das sind nur Woelfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch
+werden wir uns zu vertheidigen suchen muessen, ohne dabei Geraeusch zu
+machen."
+
+Wirklich mussten die Fluechtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen
+die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kaelte nach diesen Gegenden
+verschlagen hatte. Die Woelfe witterten das Floss, und bald fielen sie
+dasselbe an. Die Fluechtlinge mussten sich also, ohne von Feuerwaffen
+Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte
+des Flosses untergebracht, die Maenner bewaffneten sich mit Stangen, Messern
+oder einfachen Stoecken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu
+schicken. Kein Ausruf liess sich hoeren, nur das Geheul der Woelfe
+erschuetterte die Luft.
+
+Michael Strogoff hatte nicht unthaetig bleiben wollen. Er streckte sich an
+der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Flosses nieder, ergriff
+sein furchtbares Messer, und wusste dieses allemal, wenn ein Wolf in
+erreichbarer Naehe vorueberkam, demselben in den Hals zu stossen. Harry
+Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre uebrigen muthigen
+Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich
+mehrere der Fluechtlinge ernsthafte Bisswunden davon trugen.
+
+Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Luecken in
+der Bande der Woelfe fuellten sich immer von Neuem und jedenfalls war die
+ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.
+
+"Das hat auch gar kein Ende!" sagte Alcide Jolivet, waehrend er den
+bluttriefenden Dolch schwang.
+
+Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Woelfe noch immer
+in ganzen Banden ueber das Treibeis.
+
+Die erschoepften Fluechtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu
+ihrem Nachtheil. Eben stuerzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende
+Woelfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie gluehende Kohlen
+leuchteten, auf die Plattform des Flosses. Ohne Zoegern eilten Alcide
+Jolivet und Harry Blount auf diese zu, waehrend Michael Strogoff sich
+denselben kriechend zu naehern suchte, als die Scene sich ploetzlich
+veraenderte.
+
+Binnen wenigen Secunden hatten die Woelfe nicht nur das Floss, sondern auch
+die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten
+verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten
+Flussufers.
+
+Es ruehrte das daher, dass Woelfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen,
+und jetzt die ganze Flaeche der Angara ploetzlich in hellem Lichte glaenzte.
+
+Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken
+Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwaermten also Tartaren umher,
+die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flussabwaerts die
+beiden Ufer besetzt hielten. Die Fluechtlinge traten jetzt in die
+gefaehrliche Zone ihrer naechtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt
+noch dreissig Werst von ihnen entfernt.
+
+Es war jetzt gegen halb zwoelf Uhr Nachts. Das Floss glitt wieder versteckt
+zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur
+dann und wann flog ein heller Lichtschein ueber dasselbe hin. Auf der
+Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen,
+die sie haette verrathen koennen.
+
+Die erwaehnte Ortschaft brannte ausserordentlich schnell nieder. Ihre aus
+Fichtenholz erbauten Haeuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen
+fuenfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und
+Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebruell der Tartaren.
+
+Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den groesseren Eisschollen
+einsetzte, das Floss mehr nach der rechten Seite, so dass sie eine
+Entfernung von drei- bis vierhundert Fuss von dem durch den Brand
+erleuchteten Flussufer trennte.
+
+Nichtsdestoweniger haetten die Fluechtlinge, auf die zuweilen ein greller
+Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden muessen, wenn die Brandstifter nicht
+allzu eifrig mit der Zerstoerung des Ortes beschaeftigt gewesen waeren. Jeder
+wird sich aber leicht die Besorgniss Alcide Jolivet's und Harry Blount's
+vorstellen koennen, wenn diese an den so fluechtigen Brennstoff dachten, auf
+dem das Floss noch immer schwamm.
+
+Ganze Funkengarben spruehten aus den Haeusern auf, welche ebenso vielen
+brennenden Schmelzoefen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese
+Funken fuenf- bis sechshundert Fuss hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer
+selbst schienen die Baeume, im Widerscheine des roethlichen Lichtes, selbst
+in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die
+Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und
+Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstoerung des Flosses und der
+Tod seiner Insassen musste dann die nothwendige Folge sein.
+
+Zum Glueck wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies
+fortwaehrend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.
+Moeglicherweise konnten die Fluechtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr
+entgehen.
+
+Wirklich liessen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und
+nach erblasste der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und
+bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara,
+welche hier einen scharfen Bogen bildet.
+
+So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniss schuetzte wieder das
+Floss. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie
+zwar nicht, hoerte sie aber, uebrigens glaenzten auch die Feuer der aeussersten
+Vorposten hell durch die Nacht.
+
+Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedraengten
+Eisschollen noethig, mit groesster Vorsicht weiter zu fahren.
+
+Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle
+waren vollauf beschaeftigt, da die Fuehrung des Flosses immer schwieriger und
+das Bett des Flusses immer enger wurde.
+
+Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.
+
+Alcide Jolivet folgte ihm.
+
+Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten
+gewechselten Worte.
+
+"Achtung, dort rechts!
+
+-- Links draengen ein paar Schollen heran!
+
+-- Stoss' ab, fest mit der Stange!
+
+-- Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ...
+
+-- Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist
+nichts zu thun.
+
+-- Hoeren Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.
+
+-- Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!"
+
+Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floss wirklich
+aufgehalten, so gelangten die Fluechtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk,
+sondern mussten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen,
+das von den Eisschollen gedrueckt bald unter ihnen in Stuecke gehen wuerde.
+Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Baender zu reissen, die
+von einander weichenden Fichtenstaemme unter das Eis zu gerathen und den
+Ungluecklichen waere nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die
+schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages haetten sie dann die
+Tartaren ohne Zweifel entdecken muessen, von deren Hand keine Gnade zu
+hoffen war.
+
+Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt,
+zurueck. Er naeherte sich derselben, fasste ihre Hand und legte ihr die oft
+wiederholte Frage vor: "Bist Du bereit, Nadia?" - welche sie wie immer mit
+
+"Ich bin stets und zu Allem bereit!" beantwortete.
+
+Noch einige Werst draengte sich das Floss zwischen dem Schollengewirr dahin.
+Verengerte sich die Angara noch mehr, so musste sich ein Eisschutz bilden,
+der die Weiterbenutzung der Wasserstrasse so gut wie unmoeglich machte.
+Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fuehlte
+man Stoesse und sah, wie das Floss abwich. Hier musste man sich vor dem
+vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren.
+Immer wiederholten sich unerwuenschte Verzoegerungen.
+
+Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die
+Fluechtlinge Irkutsk nicht vor fuenf Uhr des Morgens, so konnten sie auch
+alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.
+
+Gegen halb zwei Uhr stiess das Floss trotz aller Anstrengungen gegen einen
+compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrueckenden Schollen
+draengten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich
+fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert waere.
+
+An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so dass die Breite
+ihres Bettes nur noch die Haelfte der gewoehnlichen betrug. Hieraus erklaerte
+sich diese Anhaeufung von Schollen, welche allmaelig mit einander
+verloetheten, sowohl durch den ganz betraechtlichen Druck, unter dem sie
+standen, als auch durch die Kaelte, welche fuehlbar zunahm. Fuenfhundert
+Schritt weiter unten dehnte sich das Flussbett wieder aus, und hier trieben
+einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank loesten, in
+der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annaeherung der Ufer haette sich
+die Schollenwand nicht bilden koennen und das Floss waere nach wie vor von
+der Stroemung fortgetragen worden. Gegen den ungluecklichen Zufall war aber
+nicht das Geringste zu thun, und die Fluechtlinge mussten eben auf jede
+Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.
+
+Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um
+sich Kanaele durch das Eisfeld zu brechen, haetten sie vielleicht gerade
+noch Zeit gehabt, das Hinderniss bis zu der wieder erweiterten Stelle des
+Stromes zu beseitigen. Aber keine Saege, keine Spitzhaue war zur Hand, um
+die von der Kaelte granitartig verhaertete Kruste mit Aussicht auf Erfolg
+anzugreifen.
+
+Was nun?
+
+In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara.
+Ein ganzer Kugelregen war auf das Floss gerichtet. Man hatte die Armen also
+noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestaetigung, dass es jetzt
+auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt
+dienten die Fluechtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs.
+Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden
+Dunkelheit nur durch Zufall trafen.
+
+"Komm, Nadia", raunte Michael Strogoff dem jungen Maedchen in's Ohr.
+
+Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia "bereit zu Allem" Michael
+Strogoff's Hand.
+
+"Wir muessen jetzt die Eisbank uebersteigen, fluesterte er, aber Keiner darf
+gewahr werden, dass wir das Floss verlassen!"
+
+Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschuetzt von
+der Finsterniss, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach,
+auf die Eisflaeche.
+
+Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln
+rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke
+mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riss ihnen die Haende
+auf, aber sie kamen doch vorwaerts.
+
+Zehn Minuten spaeter erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier
+ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier
+und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.
+
+Nadia verstand Michael Strogoff's Absichten.
+
+Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest
+hing. "Komm", sagte Nadia.
+
+Beide legten sich auf das Eisstueck, das sich nach einigem Schwanken von
+der Bank abloeste.
+
+Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich,
+der Weg stand offen.
+
+Michael Strogoff und Nadia hoerten noch das Knallen der Gewehre, die
+Ausrufe der Verzweiflung, das Bruellen der Tartaren ... Dann verstummten
+langsam diese Ausbrueche der entsetzlichen Angst und der teuflischen
+Freude.
+
+"Unsre armen Gefaehrten!" seufzte Nadia.
+
+Waehrend einer Stunde trug die Stroemung jene Eisscholle mit Michael
+Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu
+befuerchten, dass sie unter ihnen in Stuecke gehen koenne. Von der staerksten
+Stroemung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserflaeche erhalten, und doch
+handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an
+einem der Quais in Irkutsk landen sollte.
+
+Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres.
+Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fuehlte jetzt, dass er es erreichen
+werde!...
+
+Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen
+Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.
+
+Zur Rechten ruehrte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den
+Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.
+
+Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.
+
+"Endlich!" murmelte er fuer sich.
+
+Aber ploetzlich stiess Nadia einen furchtbaren Schrei aus.
+
+Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden
+Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von
+blaeulichen Reflexen ueberstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck
+an, und dann rief er, als haetten sich seine Augen auf's Neue dem Lichte
+erschlossen:
+
+"Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!"
+
+
+
+
+ Zwoelftes Capitel.
+
+
+ Irkutsk.
+
+
+Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zaehlt unter gewoehnlichen
+Verhaeltnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an
+der rechten Seite der Angara traegt seine von einer hohen Kathedrale
+ueberragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten
+Haeuser.
+
+Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Hoehe des Berges, ueber den
+in einer Entfernung von zwanzig Werst die grosse sibirische Heerstrasse
+fuehrt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthuermen, seinen den
+Minarets aehnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische
+Art ausgehoehlten Daechern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese
+Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt
+selbst betritt. Zur Haelfte in byzantinischem, zur Haelfte in chinesischem
+Stile erbaut, wird sie doch zu einer europaeischen durch die macadamisirten
+Strassen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanaele in denselben, die
+reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebaeude aus Ziegelstein und
+Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die
+zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur
+Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat,
+endlich durch eine grosse Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der
+Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser
+Moden nichts Fremdes sind.
+
+Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstaette der Bewohner einer
+ganzen Provinz, furchtbar ueberfuellt. Alle Beduerfnisse fanden hier dennoch
+reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen
+Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht
+werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale,
+den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fuerchten, und
+konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwuesten lassen.
+
+Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm
+fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Haenden die
+Verwaltungsgeschaefte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer
+Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich
+ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des
+unerklaerlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende
+Persoenlichkeit.
+
+Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuss, in der
+Staerke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit
+Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.
+
+Ausserdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge
+eigenthuemlicher Verhaeltnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt
+eingeschlossen.
+
+Ueber jene Verhaeltnisse nur einige Worte.
+
+Eine wichtige politische Reise hatte den Grossfuersten in diese entlegenen
+Provinzen Ostasiens gefuehrt.
+
+Der Grossfuerst beruehrte die hauptsaechlichsten Staedte Sibiriens, reiste mehr
+als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen
+Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den
+transbaikalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische
+Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.
+
+An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der
+Grossfuerst nach Irkutsk zurueck, von wo er den Weg nach Europa wieder
+einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso
+gefaehrlichen, als urploetzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die
+Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die
+Verbindung mit Russland schon unterbrochen. Einige Telegramme von
+Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort
+zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umstaenden
+zerstoert worden.
+
+Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.
+
+Dem Grossfuersten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu
+organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchfuehrte, von der er
+bei anderer Gelegenheit hinlaengliche Proben gegeben hat.
+
+Die Nachrichten ueber die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine
+nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens
+musste auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht
+rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk
+zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrueckten, nicht aus, den
+tartarischen Heersaeulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe
+offenbar nicht entgehen konnte, so musste die Stadt vor allen Dingen in den
+Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.
+
+Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in
+die Haende der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der
+Grossfuerst, dass der Emir von Bukhara und die verbuendeten Khans in Person
+die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, dass der zweite Fuehrer
+dieser Barbarenhaeuptlinge, Iwan Ogareff, ein frueherer russischer Officier
+war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.
+
+Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen,
+veranlasst, alle Staedte und Doerfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der
+Hauptstadt suchte, musste sich noch weiter hinaus, jenseit des Baikalsees,
+begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde hoechst wahrscheinlich nicht
+gelangen konnte. Die Vorraethe an Getreide und Fourrage wurden fuer die
+Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft
+in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.
+
+Irkutsk, gegruendet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und
+der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende
+Holzbruecken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des
+Fahrwassers oeffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstaedten am
+linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine
+Schwierigkeiten. Die Vorstaedte wurden geraeumt, die Bruecken abgebrochen.
+Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara waere unter dem Feuer der
+Belagerten nicht leicht auszufuehren gewesen.
+
+Der Fluss konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt
+ueberschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines
+Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schuetzte.
+
+Alle kraeftigen Arme wurden nun zunaechst zu Fortificationsarbeiten
+verwendet. Man war Tag und Nacht thaetig. Der Grossfuerst fand eine ueberaus
+eifrige Bevoelkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch
+ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern -
+Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der
+Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwaelle aufgeworfen. Ausserdem
+war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara
+speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht
+weggenommen werden. Sie musste belagert und gestuermt werden.
+
+Das dritte tartarische Armeecorps, - dasselbe, welches im Thale des
+Jenisei hinaufgezogen war, - erschien am 24. September vor Irkutsk. Es
+besetzte sofort die verlassenen Vorstaedte, deren Haeuser uebrigens meist
+niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des
+Grossfuersten keine Hindernisse zu bieten.
+
+Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen
+von dem Emir und seinen Verbuendeten gefuehrten Heerhaufen.
+
+Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das
+Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der
+in den groesseren Staedten zurueckgelassenen Besatzungen unter dem Befehle
+Feofar-Khan's vereinigt.
+
+Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst fuer
+unausfuehrbar erklaerte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst
+stromabwaerts mittels Schiffbruecken ueber den Fluss. Der Grossfuerst griff
+hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stoeren, aus Mangel
+an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so
+blieb er, gewiss mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.
+
+Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flussseite; dann marschirten
+sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des
+Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Waeldchen
+nieder, und begannen nach voelliger Einschliessung der Stadt die regelrechte
+Belagerung.
+
+Iwan Ogareff bemuehte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu
+leiten, nur gingen ihm die noethigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu
+erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines
+Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.
+
+Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geaendert.
+Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem
+Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Grossfuerst die
+jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wusste. An diesen beiden Ursachen
+scheiterte seine urspruengliche Absicht und er sah sich zu einer
+regelrechten Belagerung genoethigt.
+
+Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Ruecksicht auf
+die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stuermen. Er warf seine
+Truppen auf die scheinbar schwaechsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe
+wurden aber muthig abgeschlagen. Der Grossfuerst und seine Officiere setzten
+sich bei dieser Gelegenheit ruecksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit
+ihrer eigenen Person ein und fuehrten die Civilbevoelkerung mit auf die
+Waelle. Buerger und Mujiks erfuellten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem
+zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den
+Waellen zu erobern. An dem einen Ende der grossen, zwei Werst langen und
+oben und unten an der Angara ausmuendenden Strasse von Bolchaia kam es zu
+einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Buerger setzten den Tartaren
+einen so hartnaeckigen Widerstand entgegen, dass sich diese zuletzt in ihre
+frueheren Stellungen zurueckziehen mussten.
+
+Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt
+nicht erlangen konnte. Wir wissen, dass seine Absicht dahin ging, in die
+Stadt einzudringen, sich dem Grossfuersten zu naehern, dessen Vertrauen zu
+erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu
+ueberliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des
+Czaar stillen.
+
+Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara,
+trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszufuehren.
+
+In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus
+dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der
+Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In hoechstens sechs Tagen mussten
+sie eintreffen, also wurde es noethig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch
+Verrath zu ueberwaeltigen.
+
+Iwan Ogareff zoegerte keinen Augenblick. -
+
+Eines Abends, am 2. October, wurde in dem grossen Salon des
+Gouvernementspalastes, in dem der Grossfuerst residirte, ein Kriegsrath
+abgehalten.
+
+Dieses am Ende der Bolchaiastrasse gelegene Gebaeude beherrscht weithin den
+Lauf des Flusses. Gegenueber den Fenstern seiner Hauptfacade sah man das
+Lager der Tartaren; haetten letztere weiter tragende Belagerungsgeschuetze
+besessen, so waere dieses Gebaeude ganz unhaltbar gewesen.
+
+Der Grossfuerst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef
+der Kaufleute und eine Anzahl hoehere Officiere besprachen eben
+verschiedene nothwendige Massregeln.
+
+"Meine Herren, begann der Grossfuerst, unsere dermalige Lage ist Ihnen
+hinlaenglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, dass wir Irkutsk bis
+zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir
+leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an
+mir soll es gewiss nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser
+Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.
+
+-- Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, dass Sie
+auf die Bevoelkerung von Irkutsk zaehlen koennen.
+
+-- Gewiss, General, antwortete der Grossfuerst, und ich erkenne diesen
+eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die
+Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth
+verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den
+Waellen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern koennen. Sie hoeren
+meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie,
+dieselben weiter zu verbreiten.
+
+-- Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete.
+Darf ich wohl auch fragen, nach welchem laengsten Zeitraume auf das
+Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?
+
+-- Hoechstens nach sechs Tagen, erklaerte der Grossfuerst. Erst heute Morgen
+ist ein gewandter und kuehner Emissaer in die Stadt gekommen, der mir
+mittheilt, dass fuenfzigtausend russische Truppen unter Fuehrung des Generals
+Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am
+Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kaelte ihren Zug
+aufzuhalten vermoegen. Fuenfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren
+in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.
+
+-- Ich erlaube mir hinzuzufuegen, dass wir sofort, wenn Eure kaiserliche
+Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu
+folgen.
+
+-- Ich danke, mein Herr, sagte der Grossfuerst. Warten wir es ab, bis die
+Spitzen unserer Colonnen auf den naechsten Hoehen erscheinen, dann wollen
+wir die Feinde zerschmettern."
+
+Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.
+
+"Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen.
+Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke
+erhalten und den Tartaren den Uebergang ermoeglichen.
+
+-- Wuerden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der
+Kaufleute.
+
+-- Sprechen Sie.
+
+-- Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreissig und vierzig Grade unter
+Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen
+Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Stroemung Schuld zu
+sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den
+Fluss zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, dass sie auf diesem Wege
+nie nach Irkutsk hinein gelangen werden."
+
+Der Generalgouverneur bestaetigte die Bemerkung des Chefs der
+Kaufmannschaft.
+
+"Das ist gewiss ein recht gluecklicher Umstand, aeusserte der Grossfuerst.
+Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualitaet in's Auge zu
+fassen."
+
+Er wandte sich dann an den Director der Polizei.
+
+"Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.
+
+-- Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der
+Polizeidirector, dass mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift
+uebergeben wurde ...
+
+-- Ausgehend von ...?
+
+-- Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich
+hier auf Fuenfhundert belaeuft."
+
+Die politischen Verbannten, welche sonst ueber die ganze Provinz verbreitet
+sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem
+Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die
+Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschaeften
+oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der
+japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der
+Grossfuerst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und
+sie als tuechtige Vertheidiger erkannt.
+
+"Was wuenschen die Verbannten? fragte der Grossfuerst.
+
+-- Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniss, ein besonderes
+Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu duerfen.
+
+-- O, erwiderte der Grossfuerst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen,
+ich wusste es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das
+Recht, sich fuer ihr Vaterland zu schlagen.
+
+-- Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu koennen, sagte der
+Generalgouverneur, dass Sie keine besseren Soldaten zu finden vermoegen.
+
+-- Doch sie brauchen dann einen Fuehrer, bemerkte der Grossfuerst. Wer soll
+das sein?
+
+-- Sie wuenschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen,
+antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten
+ausgezeichnet hat.
+
+-- Ist es ein Russe?
+
+-- Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.
+
+-- Sein Name ...?
+
+-- Wassili Fedor."
+
+Der Verbannte war der Vater Nadia's.
+
+Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als
+Arzt. Ein kenntnissreicher und im Umgange liebenswuerdiger Mann, war er
+gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede
+Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er
+den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen
+zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der uebrigen
+Bevoelkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit
+des Grossfuersten zu erregen. Bei mehreren Ausfaellen hatten sie mit dem
+Blute ihre Schuld an das heilige Russland bezahlt. Wassili Fedor benahm
+sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt,
+doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die
+Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, dass
+sie beabsichtigen koennten, ihn zu ihrem Fuehrer auszuersehen.
+
+Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der
+Grossfuerst, dass ihm derselbe nicht unbekannt sei.
+
+"In der That, bestaetigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein
+muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluss auf die anderen
+Verbannten von grosser Bedeutung.
+
+-- Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Grossfuerst.
+
+-- Seit zwei Jahren.
+
+-- Und seine Auffuehrung ...?
+
+-- Er fuegt sich, antwortete der Polizeidirector, als verstaendiger Mann den
+Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.
+
+-- General, antwortete der Grossfuerst, lassen Sie mir denselben ohne Zoegern
+zufuehren."
+
+Der Befehl des Grossfuersten ward ausgefuehrt, und noch vor Ablauf einer
+halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.
+
+Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster,
+gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, dass sein ganzes Leben sich in
+dem Worte: Kampf! zusammen fassen liess, und dass er gekaempft, aber auch
+gelitten hatte. Seine Zuege erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia
+Fedor.
+
+Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persoenlich
+schmerzlich beruehrt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der
+achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief
+hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise
+seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniss ausgewirkt hatte,
+ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.
+
+Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli.
+Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze ueberschritten hatte, was war
+aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe
+musste der unglueckliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine
+Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!
+
+Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Grossfuersten und erwartete
+von diesem angesprochen zu werden.
+
+"Wassili Fedor, begann der Grossfuerst, Deine Genossen in der Verbannung
+haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu duerfen. Sie vergessen doch
+nicht, dass in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben
+bereit sein muss?
+
+-- Sie sind sich dessen bewusst, erwiderte Wassili Fedor.
+
+-- Sie wuenschen Dich als Anfuehrer?
+
+-- Ja, kaiserliche Hoheit.
+
+-- Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?
+
+-- Wenn das Heil Russlands es erheischt, gewiss.
+
+-- Commandant Fedor, sagte der Grossfuerst, Du bist nicht mehr verbannt.
+
+-- Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann ueber Solche den Befehl fuehren, die
+es noch sind?
+
+-- Sie sind es nicht mehr."
+
+In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten
+Genossen, jetzt seiner Waffengefaehrten.
+
+Tief bewegt drueckte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Grossfuersten
+und verliess das Gemach.
+
+Der Letztere wendete sich an seine Officiere.
+
+"Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen
+ausstelle, sagte er laechelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt
+Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen."
+
+Diese den Verbannten von Irkutsk gewaehrte Gnade entsprach in der That
+ebenso einer grossherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.
+
+Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die
+Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara
+wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen
+einige an den alten Pfeilern der frueheren hoelzernen Bruecke haengen blieben.
+Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar
+konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt
+hatte, nur schwer in der ganzen Oberflaeche zufrieren. Die Gefahr eines
+Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also
+nicht sonderlich zu fuerchten.
+
+Eben schlug es zehn Uhr. Der Grossfuerst verabschiedete seine Officiere und
+wollte sich gerade in seine Gemaecher zurueckziehen, als vor dem Palaste ein
+auffallender Tumult entstand.
+
+Fast gleichzeitig oeffnete sich die Thuer des Salons, ein Feldjaeger trat ein
+und ging auf den Grossfuersten zu.
+
+"Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!"
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+
+ Ein Courier des Czaar.
+
+
+Eine unwillkuerliche Bewegung fuehrte alle Theilnehmer der Berathung nach
+der halb offenen Thuer zurueck. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk
+angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick ueber die
+Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht haetten, mussten sie
+dieselbe fuer unmoeglich ansehen.
+
+Der Grossfuerst war lebhaft auf seinen Feldjaeger zugeschritten.
+
+"Lass den Courier eintreten!" sagte er.
+
+An der Schwelle erschien ein Mann. Seine aeussere Erscheinung zeugte von
+grosser Erschoepfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines
+sibirischen Bauern, an der sogar einige Loecher von Kugeln sichtbar waren.
+Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Muetze. Auf der Wange sah man eine
+kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und
+beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche
+Fussbekleidung verrieth auch, dass er einen Theil seiner Reise zu Fuss
+zurueckgelegt haben musste.
+
+"Seine kaiserliche Hoheit der Grossfuerst?" fragte er eintretend.
+
+Der Grossfuerst ging auf ihn zu.
+
+"Du bist Courier des Czaar? fragte er.
+
+-- Ja, Hoheit.
+
+-- Und kommst ...?
+
+-- Aus Moskau.
+
+-- Und hast Moskau verlassen?
+
+-- Am 15. Juli.
+
+-- Dein Name ...?
+
+-- Michael Strogoff."
+
+Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen
+angenommen, den er unschaedlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte
+ihn weder der Grossfuerst, noch irgend Jemand Anderes, so dass er sein
+Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine
+etwa angezweifelte Identitaet zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu
+fuerchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen
+eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama
+des feindlichen Einfalles zu kroenen.
+
+Nach der Antwort Iwan Ogareff's gab der Grossfuerst seinen Officieren ein
+Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurueckzogen.
+
+Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurueck.
+
+Der Grossfuerst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer
+Aufmerksamkeit. Dann begann er:
+
+"Du hast Moskau am 15. Juli verlassen?
+
+-- Ja, Hoheit, und habe Seine Majestaet den Czaaren in der Nacht vom 14. zum
+15. Juli im Neuen Palais gesprochen.
+
+-- Du hast einen Brief des Czaar?
+
+-- Ja, hier ist er."
+
+Iwan Ogareff uebergab dem Grossfuersten das kaiserliche Schreiben, das er auf
+das kleinste Format zusammengebrochen hatte.
+
+"Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande uebergeben worden?
+
+-- Nein, Hoheit, doch musste ich das Couvert zerstoeren, um ihn vor den
+Soldaten des Emirs besser verbergen zu koennen.
+
+-- Warst Du Gefangener der Tartaren?
+
+-- Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es
+auch, dass ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser
+Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h.
+also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen."
+
+Der Grossfuerst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die
+Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen
+Eingangsformel. An der Authenticitaet dieses Schreibens, wie an der
+Identitaet des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein
+wildes Antlitz auch erst einiges Misstrauen in dem Grossfuersten erweckt, so
+schwand dieses doch jetzt vollstaendig.
+
+Einige Augenblicke verhielt sich der Grossfuerst schweigend. Er durchlas
+langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen.
+
+Endlich nahm er wieder das Wort.
+
+"Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens?
+
+-- Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu
+muessen, um es nicht den Tartaren in die Haende fallen zu lassen, und war
+fuer diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit moeglichst
+genau mittheilen zu koennen.
+
+-- Du weisst also, dass dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu
+sterben, als die Stadt auszuliefern?
+
+-- Ich weiss es.
+
+-- Und weisst auch, dass er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche
+aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekaempfen?
+
+-- Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglueckt.
+
+-- Wie so?
+
+-- Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Staedten Sibiriens
+zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan's nach und nach in die Haende
+gefallen.
+
+-- Ohne dass es zu Gefechten gekommen waere? Sollten unsere Kosaken nicht auf
+die Tartaren getroffen sein?
+
+-- Mehrmals, kaiserliche Hoheit.
+
+-- Und sie sind zurueckgeschlagen worden?
+
+-- Sie verfuegten nur ueber ungenuegende Kraefte.
+
+-- Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden?
+
+-- Bei Kolyvan, Tomsk ..."
+
+Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die
+Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, uebertrieb er die durch die
+Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fuegte hinzu:
+
+"Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk.
+
+-- Und das letzte Treffen?... fragte der Grossfuerst, ueber dessen Lippen kaum
+die Worte kamen.
+
+-- Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht.
+
+-- Eine Schlacht?
+
+-- Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement
+Tobolsk heranzogen, stuerzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden
+trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben.
+
+-- Du luegst, rief der Grossfuerst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern
+suchte.
+
+-- Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich
+war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwaertig und gerieth eben
+da in Gefangenschaft!"
+
+Der Grossfuerst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen
+zu erkennen, dass er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle.
+
+"An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er.
+
+-- Am 2. September.
+
+-- Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt?
+
+-- Alle.
+
+-- Und Du schaetzest diese ...?
+
+-- Auf 400,000 Mann."
+
+Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten
+Uebertreibung Iwan Ogareff's.
+
+"Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten?
+fragte der Grossfuerst.
+
+-- Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters.
+
+-- Nun wohl, so hoere, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten
+noch von Westen her Unterstuetzung bekommen, und zaehlten die Barbaren
+600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals uebergeben!"
+
+Das boshafte Auge Iwan Ogareff's bedeckte sich ein wenig. Der Verraether
+schien sagen zu wollen, dass der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne
+Ruecksicht auf Verraetherei machte.
+
+Der Grossfuerst hatte bei seinem nervoesen Temperament alle Muehe, bei diesen
+Ungluecksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab
+vor den Augen Iwan Ogareff's, die ihm wie einer schon seiner Rache
+verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach
+den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich ueber ein Geraeusch
+aufzuklaeren, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und
+aneinander prallenden Eisschollen herruehrte.
+
+Eine Viertelstunde verging, ohne dass er eine weitere Frage stellte. Dann
+nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle
+desselben.
+
+"Du weisst, Michael Strogoff, dass hierin von einem Verraether die Rede ist,
+vor dem ich mich hueten soll?
+
+-- Ja, Hoheit.
+
+-- Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen
+und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den
+Tartaren zu ueberliefern.
+
+-- Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiss auch, dass Iwan Ogareff
+geschworen hat, persoenlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen.
+
+-- Warum?
+
+-- Man sagt, dieser Officier sei von dem Grossfuersten zu einer entehrenden
+Degradation verurtheilt worden.
+
+-- Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser
+Elende, der spaeter gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der
+Barbaren zu organisiren.
+
+-- Seiner Majestaet dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem
+darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten
+gegen Ihre Person in Kenntniss zu setzen.
+
+-- Ja, der Brief enthaelt die noethigen Aufschluesse ...
+
+-- Und Seine Majestaet haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir
+vorzueglich eingeschaerft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor
+diesem Verraether zu hueten.
+
+-- Bist Du ihm begegnet?
+
+-- Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Haette er vermuthen
+koennen, dass ich der Traeger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten
+Schreibens war, das seine abscheulichen Plaene enthuellte, so wuerde er mir
+keine Gnade gewaehrt haben.
+
+-- Gewiss, dann waerst Du verloren gewesen, antwortete der Grossfuerst. Doch
+wie bist Du ueberhaupt entkommen?
+
+-- Dadurch, dass ich mich in den Irtysch stuerzte.
+
+-- Und wie kamst Du nach Irkutsk herein?
+
+-- Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher
+der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die
+Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so
+fuehrte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit.
+
+-- Gut, Michael Strogoff, antwortete der Grossfuerst. Du hast bei Deiner
+Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen.
+Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen?
+
+-- Nein, ausser dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu
+duerfen.
+
+-- Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen
+persoenlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten.
+
+-- Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer
+kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ...
+
+-- So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und
+soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!"
+
+Iwan Ogareff salutirte vor dem Grossfuersten militaerisch, indem er nicht
+vergass, dass er Kapitaen bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog
+sich zurueck.
+
+Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen.
+Das Vertrauen des Grossfuersten hatte er schnell und im vollsten Masse
+errungen. Er konnte dasselbe missbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er
+sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, wuerde in alle Geheimnisse der
+Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollstaendig
+in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske
+abreissen. Er beschloss also ohne Zoegern an's Werk zu gehen.
+
+Die Zeit draengte in der That. Jedenfalls musste die Auslieferung der Stadt
+vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen;
+letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren
+erst Herren von Irkutsk, so waeren sie gewiss nur schwer wieder daraus zu
+vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen wuerden, es spaeter wieder
+aufzugeben, so wuerde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund
+aus zerstoert und den Kopf des Grossfuersten zu Feofar-Khan's Fuessen gelegt
+haetten.
+
+Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu
+handeln, so beschaeftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Waelle
+zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glueckwuenschen der Officiere,
+Soldaten und Buerger begruesst. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie
+ein Band, welches sie auf's Neue mit dem Kaiserreiche verknuepfte. Iwan
+Ogareff erzaehlte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn
+niemals im Stiche liess, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er,
+ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er,
+ebenso wie vor dem Grossfuersten, die Erfolge der Tartaren und die Kraefte,
+ueber welche sie verfuegten, absichtlich uebertrieb. Seiner Darstellung nach
+waren die bevorstehenden Zuzuege, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen,
+gewiss unzureichend, und es stand zu befuerchten, dass eine Schlacht unter
+den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen wuerde, wie die Treffen
+bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk.
+
+Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch
+um. Er liess diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hoeren. Er schien
+nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit
+Widerwillen. Allemal aber fuegte er hinzu, dass man sich bis auf den letzten
+Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen muesse, bevor man
+sie uebergebe.
+
+Auf jede Weise suchte er die ueble Lage schlimmer darzustellen. Die
+Garnison und die Bevoelkerung von Irkutsk waren gluecklicher Weise aber viel
+zu patriotisch, um sich einschuechtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten
+und Buergern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch
+kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen
+gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen.
+
+Dagegen argwoehnte auch Keiner die haessliche Rolle, welche Iwan Ogareff
+spielte, Keiner konnte vermuthen, dass dieser scheinbare Courier des Czaar
+ein erbaermlicher Verraether war.
+
+Ganz erklaerlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk
+bald in naehere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der
+Stadt, zu Wassili Fedor.
+
+Es ist dem Leser bekannt, von welch' verzehrender Unruhe der unglueckliche
+Vater gequaelt ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres
+letzten Briefes nach annehmen musste, Russland wirklich zu jener Zeit
+verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Wuerde sie
+dennoch versuchen, die von den Feinden ueberschwemmten Provinzen zu
+bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft?
+Wassili Fedor fand kein anderes Betaeubungsmittel fuer seinen Schmerz, als
+sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider
+viel zu selten darbot.
+
+Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm,
+sagte ihm ein Vorgefuehl, dass er von diesem werde Nachrichten ueber seine
+Tochter einziehen koennen. Wenn er sich auch nicht verhehlte, dass diese
+Hoffnung auf sehr schwachen Fuessen stehe, so klammerte er sich doch gern an
+sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia
+vielleicht heute noch war?
+
+Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit
+ergriff, mit dem Commandanten in taegliche Beruehrung zu kommen. Dachte der
+Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunuetzen?
+
+Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt
+verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia's. Schon am Morgen
+nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem
+Palaste des Grossfuersten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstaende mit,
+unter welchen seine Tochter hoechst wahrscheinlich das europaeische Russland
+verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen
+empfinde.
+
+Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu
+Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff
+daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden
+Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe
+aufhielten. Er war also ausser Stande, Wassili Fedor die gewuenschten
+Nachrichten ueber seine Tochter mitzutheilen.
+
+"Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa
+verlassen?
+
+-- Ungefaehr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor.
+
+-- Ich verliess Moskau am 15. Juli.
+
+-- Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr
+letzter Brief diesen Termin an.
+
+-- Sie war am 15. Juli in Moskau?
+
+-- Ja gewiss, an eben diesem Tage.
+
+-- Richtig ..." sagte zoegernd Iwan Ogareff.
+
+Dann aber schien er seine Meinung zu aendern.
+
+"Nein, nein, ich taeusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum,
+fuegte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, dass ihre Tochter die
+Grenze noch ueberschritten hat, und Sie koennen nun hoechstens die einzige
+Hoffnung hegen, dass sie sich hat zurueckhalten lassen, wenn sie von dem
+Einfall der Tartaren Nachricht erhielt.
+
+Wassili Fedor neigte betruebt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wusste,
+dass nichts im Stande sein wuerde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen.
+
+Iwan Ogareff beging hier eine unnoethige Grausamkeit. Er haette Wassili
+Fedor mit einem Worte beruhigen koennen. Hatte Nadia auch, wie wir wissen,
+die sibirische Grenze unter ganz besondern Umstaenden passirt, so haette
+Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und
+des ergangenen Verbotes erwaehnte, glauben muessen, dass sie nicht den
+Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch
+gezwungen, doch noch auf europaeischem Gebiete befinden werde.
+
+Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals beruehrt wurde,
+folgte dabei nur seiner Natur, er haette jenes Wort sprechen koennen ... er
+sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurueck.
+Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung.
+
+An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, liess der Grossfuerst
+den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und
+befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen
+Palais gehoert hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen
+vorbereitet hatte, stets ohne Zoegern. Er verheimlichte dabei absichtlich
+nicht, dass die Regierung des Czaar durch den Einfall vollstaendig
+ueberrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet
+worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als
+die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, dass in
+den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der
+Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen.
+
+Da er uebrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun
+Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und
+vorzueglich deren schwaechste Punkte auszuspaehen, um davon Nutzen ziehen zu
+koennen, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausfuehrung der geplanten
+Verraetherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaia
+seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu ueberliefern
+beabsichtigte.
+
+An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne
+die Kugeln der Belagerer zu fuerchten, deren erste Posten noch keine Werst
+weit von demselben entfernt waren; er wusste recht gut, dass ihm nichts
+widerfahren koenne, ja, dass man ihn sogar erkenne.
+
+Da bemerkte er einen Schatten, der geraeuschlos bis an den Fuss der Erdwerke
+heranschlich.
+
+Sangarre war es, die ihr Leben auf's Spiel setzte, um von Iwan Ogareff
+Nachricht zu erlangen.
+
+Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an
+welche die Tartaren sie bisher nicht gewoehnt hatten.
+
+Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff's. Der Lieutenant Feofar-Khan's
+wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben
+wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk
+vollkommen. Vielleicht, - wenigstens setzte er noch einige Hoffnung
+hierauf, - liess die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Fuer jeden
+Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner
+Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entbloesste Thor vorzugehen, wenn
+von Iwan Ogareff die Stunde fuer den Angriff bestimmt worden waere.
+
+Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung musste fallen, bevor die
+russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff's Beschluss war
+gefasst und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand
+Sangarre's.
+
+Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff
+Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes ueberliefern.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+
+ Die Nacht vom 5. zum 6. October.
+
+
+Iwan Ogareff's Plan war mit groesster Sorgfalt vorbereitet und musste, im
+Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiss
+gelingen, wenn er nur dafuer sorgen konnte, das Thor von Bolchaia zur Zeit,
+wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entbloesst zu halten.
+Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern
+Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet.
+
+Ein Scheinangriff flussauf- und flussabwaerts auf dem rechten Ufer der Angara
+sollte an beiden Stellen mit moeglichster Kraftaufwendung ausgefuehrt und
+auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht
+werden. Dabei durfte man voraussetzen, dass das Thor von Bolchaia ziemlich
+verlassen werden wuerde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben
+weiter zurueckgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie waeren
+an anderen Stellen verwendet worden.
+
+Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden
+sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Haenden des Emirs, der Grossfuerst
+in der Gewalt Iwan Ogareff's sein.
+
+Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz
+ungewoehnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Haeuser am
+Ufer erkannte man deutlich, dass daselbst sehr umfassende Vorbereitungen
+betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem
+Punkte zusammen und verstaerkten die Truppenmacht, welche der Emir
+persoenlich befehligte. Alles das gehoerte zu der verabredeten Diversion und
+wurde moeglichst auffaellig in's Werk gesetzt.
+
+Iwan Ogareff verhehlte auch dem Grossfuersten nicht, dass von jener Seite ein
+Angriff zu befuerchten sei. Er glaube annehmen zu muessen, sagte er, dass von
+beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem
+Grossfuersten, die bedrohten Punkte moeglichst zu verstaerken.
+
+Alles, was man sehen konnte, bestaetigte Iwan Ogareff's Ansicht, der man
+sich bald Rechnung zu tragen entschloss. Nach einem im Palais abgehaltenen
+Kriegsrathe erging der Befehl, die verfuegbare Hauptmacht an beiden Enden
+der Stadt, wo sich deren Waelle auf den Strom stuetzten, zu concentriren.
+
+Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wuenschte. Er rechnete zwar bestimmt
+nicht darauf, dass das Thor von Bolchaia ganz von Mannschaften entbloesst
+wuerde, aber diese konnten doch nur in geringer Staerke daselbst verbleiben.
+Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu
+geben, dass der Grossfuerst sich genoethigt sehen sollte, alle disponiblen
+Kraefte gegen dieselbe aufzubieten.
+
+Die Verhaeltnisse wurden uebrigens durch ein Ereigniss von ungewoehnlicher
+Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff's, ungemein erschwert,
+ein Ereigniss, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner
+Absichten beitragen musste. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von
+dem Thore von Bolchaia entferntestem Punkte unternommen wurde, so haette
+jener Zwischenfall hingereicht, alle Kraefte der Vertheidiger dahin zu
+concentriren, wo es Iwan Ogareff wuenschte. Gleichzeitig musste es eine
+entsetzliche Katastrophe ueber die arme Stadt herbeifuehren.
+
+Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde
+fast unbedeckt zu finden, waehrend mehrere tausend Tartaren in Verstecken
+bereit lagen, gegen dasselbe anzustuermen.
+
+Waehrend dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevoelkerung von
+Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniss gefasst. Alle Massnahmen zur
+Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte
+Punkte wurden eiligst getroffen. Der Grossfuerst und der General Voranzoff
+visitirten die auf ergangenen Befehl verstaerkten Posten. Das Elitecorps
+Wassili Fedor's hielt den noerdlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der
+Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am groessten waere. Mit
+diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff's getroffenen Massregeln
+wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der
+Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, ueber die man
+eben verfuegte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man
+erwarten, dass sie fuer den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff
+doch mindestens einige Tage verschieben wuerden. Die von dem Grossfuersten
+erwarteten Truppen mussten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil
+oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Faedchen.
+
+An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fuenf
+Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf
+Stunden. Zwei Stunden noch kaempfte die Daemmerung gegen das Dunkel der
+Nacht. Dann huellte sich Alles in Finsterniss, und auch auf das Erscheinen
+des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu
+rechnen.
+
+Die tiefe Dunkelheit musste offenbar Iwan Ogareff's Plaene beguenstigen.
+
+Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kaelte auf die
+bevorstehende Strenge des sibirischen Winters ueber und an eben diesem
+Abend war sie doppelt fuehlbar. Die auf der rechten Seite der Angara
+aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten,
+hatten deshalb kein Wachtfeuer angezuendet. Sie litten von der auffaelligen
+Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen
+schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen
+Tag ueber sah man sie in gedraengten Massen in breitem Zuge zwischen beiden
+Ufern. Dieser von dem Grossfuersten und seinen Officieren beobachtete
+Umstand ward fuer besonders gluecklich angesehen. Es lag auf der Hand, dass
+an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange
+dieses Gewirr von Eisstuecken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren
+konnten weder Boote noch Floesse benutzen. Dabei brauchte man nicht zu
+befuerchten, dass sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander
+gefrorenen Eise versuchen wuerden, da dieses fuer die Passage einer starken
+Colonne offenbar zu wenig haltbar war.
+
+Wenn diese Verhaeltnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz
+vortheilhaft erschienen, so haette Iwan Ogareff sie doch bedauern muessen.
+Doch im Gegentheil! Der Verraether wusste ja recht gut, dass die Tartaren gar
+nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und dass alle ihre
+hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien.
+
+Gegen zehn Uhr Abends veraenderte sich die Oberflaeche des Flusses zum
+groessten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar.
+Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes
+reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in grosser
+Menge dahinjagten, verschwanden ploetzlich stromabwaerts, und nur fuenf bis
+sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre
+Structur veraenderte sich gegenueber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt
+war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem groesseren
+Eisfelde mit glatten Raendern abgeloeste Splitter.
+
+Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veraenderungen am Flusse
+wahrnahmen, dieselben dem Grossfuersten. Sie erklaerten sich uebrigens
+dadurch, dass das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte
+und einen festen Schutz bildete.
+
+Man weiss, dass dem so war.
+
+Die Passage der Angara musste also jetzt leichter zu forciren sein, was die
+Russen nun zu noch groesserer Vorsicht nach dieser Seite noethigte.
+
+Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore
+von Bolchaia, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein
+Feuerschein gluehte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen
+Wolken des Horizontes verschmolz.
+
+Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine
+allgemeine Bewegung des Heeres.
+
+Etwa eine Werst stromauf- und stromabwaerts von den Stellen, wo die
+Erdwerke sich den Abhaengen des Flussufers anschlossen, liess sich ein
+dumpfes Geraeusch vernehmen, ein Beweis dafuer, dass daselbst tartarische
+Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten.
+
+Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher.
+
+Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und
+auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere
+feindliche Absichten.
+
+Der Grossfuerst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer
+Taeuschung befangen waeren, zu glauben, dass die Tartaren einen Versuch zur
+Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden
+Naechte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette
+einzelne Flintenschuesse auf und brausten einige groebere Geschosse durch
+die Luft, - heute blieb Alles still.
+
+Dennoch verweilten der Grossfuerst, der General Voranzoff und deren
+Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umstaenden die
+noethigen Befehle zu geben und zu ertheilen.
+
+Wir wissen, dass Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich
+war dasselbe ein geraeumiger Saal im Erdgeschoss, dessen Fenster nach einer
+Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten ueber diese Terrasse
+gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu
+uebersehen war.
+
+In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniss.
+
+Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff
+darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm
+ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger
+von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das
+Palais verlassen, um sein Bubenstueck zu vollenden.
+
+Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine
+Beute stuerzen will.
+
+Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Grossfuerst, dass Michael Strogoff,
+- denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, - vor ihn gefuehrt werde. Ein
+Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thuer geschlossen.
+Er rief ...
+
+Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster,
+huetete sich aber zu antworten.
+
+Man meldete dem Grossfuersten, dass der Courier des Czaar augenblicklich im
+Palais nicht anwesend sei.
+
+Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt fuer die mit den Tartaren
+verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt
+waren.
+
+Iwan Ogareff oeffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem
+noerdlichen Ende der Seitenterrasse.
+
+Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hoerbar an
+den Pfeilern der frueheren Bruecke brachen.
+
+Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzuendete dadurch ein
+Stueckchen mit Pulver impraegnirten Schwamm und warf diesen in den Fluss ...
+
+Auf Iwan Ogareff's Befehl waren jene Stroeme Mineraloels auf die Oberflaeche
+der Angara geleitet worden.
+
+Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen
+dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff
+verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand
+zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den
+vorraethigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung
+eines Stuecks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome
+ausfliessen zu lassen.
+
+Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die
+Ursache, weshalb das Floss mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia
+und den uebrigen Fluechtlingen in einem Strome von Mineraloel schwamm. Durch
+die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs
+hatte sich die fluessige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der
+natuerlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet,
+auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf
+schwimmen musste.
+
+So fuehrte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie
+ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. -
+
+Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.
+
+In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestaende, flammte die
+ganze Flaeche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen
+den beiden Ufern waelzten sich blaeuliche Feuerwogen. Darueber wirbelten
+dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Stroemung vorhandenen
+Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen
+und mit Zischen und Pfeifen schoss das verdampfende Wasser in die Hoehe.
+
+Gleichzeitig knatterte am suedlichen und noerdlichen Ende der Stadt das
+Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara oeffneten ihren groben
+Mund. Mehrere Tausend Tartaren stuerzten sich stuermend auf die Erdwerke.
+Die hoelzernen Gebaeude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen
+Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.
+
+"Endlich!" sagte Iwan Ogareff fuer sich.
+
+Er konnte sich mit vollem Rechte Glueck wuenschen. Sein Angriffsplan ging
+fuerchterlich in Erfuellung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen ploetzlich
+zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.
+
+Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevoelkerung noch kraeftige
+Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem
+Feuer zerstoerten Haeusern, um wenigstens die uebrige Stadt zu retten.
+
+Das Thor von Bolchaia entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann
+sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des
+Verraethers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwaehlt, um die letzten
+Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwaelzen und eher durch den
+politischen Hass jener Mannschaften erklaeren zu koennen.
+
+Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell
+erleuchteten Zimmer zurueck. Dann machte er sich bereit, auszugehen.
+
+Doch kaum oeffnete er die Thuer, als sich ein Weib mit durchnaesster Kleidung
+und wild herab haengendem Haar in das Zimmer stuerzte.
+
+"Sangarre!" rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes
+weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.
+
+Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.
+
+In dem Augenblicke, als das junge Maedchen auf der Eisscholle, dem letzten
+Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf
+ausstiess, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich
+mit ihr in das Wasser gestuerzt, um unter demselben einen Schutz gegen die
+Flammen zu finden. Wie erwaehnt befand sich die Scholle, welche sie trug,
+nur etwa noch dreissig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.
+
+Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff,
+daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.
+
+Endlich winkte Michael Strogoff sein heissersehntes Ziel. Er war in
+Irkutsk!
+
+"Zum Palaste des Gouverneurs!" rief er Nadia zu.
+
+Kaum zehn Minuten spaeter erreichten Beide den Eingang des Palais, um
+dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschaedlich emporzuengelte.
+
+Weiterhin standen die Haeuser am Ufer alle in Flammen.
+
+Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt ueberall
+offene Gebaeude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz
+ihrer triefenden Kleidung, Niemand.
+
+In dem grossen Parterresaale draengte sich eine Anzahl Officiere, um sich
+Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszufuehren. Hier wurden
+Michael Strogoff und Nadia durch das Stossen und Draengen der erregten Menge
+von einander getrennt.
+
+Rathlos durchirrte Nadia die Saele des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach
+ihrem Begleiter und verlangte, vor den Grossfuersten gefuehrt zu werden.
+
+Da oeffnete sich vor ihr die Thuer zu einem vom Feuerscheine hell
+erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den
+sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenueber Demjenigen, dessen
+ruchlose Hand in der naechsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.
+
+"Iwan Ogareff!" rief sie entsetzt.
+
+Der Elende zitterte, als er seinen Namen hoerte. Sein ganzer Plan musste ja
+scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines uebrig: das
+lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen
+kannte.
+
+Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Maedchens,
+das sich durch eine Mauer im Ruecken zu decken suchte, blitzte schon ein
+Messer, um sich zu vertheidigen.
+
+"Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewusstsein, dass dieser
+verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.
+
+-- Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verraether.
+
+-- Iwan Ogareff!" rief das unerschrockene Maedchen zum dritten Male mit
+einer Stimme, deren Staerke ihr toedtlicher Hass nur verdoppelte.
+
+In wahnsinniger Wuth riss Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Guertel,
+sprang auf Nadia zu und draengte sie nach einer Ecke des Raumes.
+
+Jetzt waere es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den
+Schurken von ihr wegriss und zur Erde schleuderte.
+
+"Michael!" rief Nadia.
+
+Es war Michael Strogoff.
+
+Die Ausrufe Nadia's hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem
+Zimmer Iwan Ogareff's gelangt und durch die halb offen gebliebene Thuer
+eingetreten.
+
+"Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff
+stellend.
+
+-- Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verraether ist
+bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ..."
+
+Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes
+Spiel zu haben waehnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.
+
+Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern
+seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.
+
+Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, dass er ja
+einen Degen habe. Er riss diesen aus der Scheide und stellte sich wieder
+zum Angriff bereit.
+
+Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur
+mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut fuer ihn.
+
+Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen
+Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thuer, um nach Hilfe zu rufen.
+
+"Schliesse die Thuer, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, lass die
+Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken
+nicht mehr zu fuerchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte
+ihn!"
+
+Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen.
+Er suchte das Geraeusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems
+dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn toedtlich treffen, bevor
+er seine Annaeherung gewahr wuerde. Der Schuft dachte nicht daran, sich
+ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte,
+einfach ermorden.
+
+Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese
+fuerchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff's
+unerschuetterliche Ruhe schien auch ueber sie gekommen zu sein. Als Waffe
+besass Michael Strogoff nur sein sibirisches Jaegermesser, und seinen mit
+dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade
+des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit ueber Jenen? Wie
+konnte er, ohne dass ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des
+Feindes zu begegnen?
+
+Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese
+uebermenschliche Ruhe erdrueckte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu
+Rathe zog, sagte er sich wieder, dass ja der Vortheil ganz auf seiner Seite
+sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er
+suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte
+sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurueck?
+
+Endlich sprang er auf und fuehrte einen heftigen Stoss gegen Michael
+Strogoff's Brust.
+
+Eine geschickte und unerklaerliche Bewegung des Messers Michael Strogoff's
+lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltbluetig schien
+er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.
+
+Aus Iwan Ogareff's Stirn perlte ein eiskalter Schweiss. Er trat erst einen
+Schritt zurueck und drang dann auf's Neue vor. Aber der Todesstreich
+misslang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten
+Messers draengte den nutzlosen Degen zur Seite.
+
+Rasend vor Wuth und Schrecken gegenueber dieser lebenden Bildsaeule heftete
+der Verraether seinen Blick auf die weit geoeffneten Augen des Geblendeten.
+Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen
+und doch unmoeglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art
+entsetzlicher Zauberkraft.
+
+Ploetzlich stiess Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es
+unerwartet klar.
+
+"Er sieht, rief er, er kann sehen!..."
+
+Und wie ein Raubthier scheu seine Hoehle zu gewinnen sucht, wich er in den
+Hintergrund des Saales zurueck.
+
+Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan
+Ogareff zu und sagte:
+
+"Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich
+elenden Verraether gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein
+Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir
+noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genuegt mir gegen
+Deinen Degen!
+
+-- Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Guetiger, gerechter Gott, ist
+das moeglich?"
+
+Iwan Ogareff fuehlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten
+Muth zusammen und stuerzte sich mit dem Degen auf seinen unerschuetterlichen
+Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael
+Strogoff's, gefuehrt von der geuebten Hand des sibirischen Jaegers, sprengte
+die Klinge in Stuecke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos
+zu Boden.
+
+In diesem Augenblick wurde die Zimmerthuer von aussen aufgestossen. Begleitet
+von einigen Officieren erschien der Grossfuerst auf der Schwelle.
+
+Letzterer trat vor. Auf dem Fussboden erkannte er die Leiche Desjenigen,
+den er fuer den Courier des Czaar gehalten hatte.
+
+Mit drohender Stimme fragte er.
+
+"Wer hat diesen Mann getoedtet?
+
+-- Ich that es", antwortete Michael Strogoff.
+
+Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schlaefe.
+
+"Dein Name? fragte der Grossfuerst.
+
+-- Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber
+zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Fuessen liegt.
+
+-- Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier
+des Czaar.
+
+-- Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!
+
+-- Iwan Ogareff? rief der Grossfuerst.
+
+-- Ja, Iwan, der Verraether seines Vaterlandes.
+
+-- Aber Du, wer bist Du denn?
+
+-- Ich bin Michael Strogoff."
+
+
+
+
+ Fuenfzehntes Capitel.
+
+
+ Schluss.
+
+
+Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals
+gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische
+Ursache hatte die Wirkung der gluehenden Saebelklinge vereitelt, die der
+Scharfrichter Iwan Ogareff's damals vor seinen Augen vorbeifuehrte.
+
+Der Leser erinnert sich, dass bei Vollziehung des grausamen Urtheils die
+alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand.
+Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird,
+wenn er weiss, dass es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen
+ihm die Thraenen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurueck zu draengen
+suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung
+auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thraenen
+gebildete Dampfschicht zwischen der gluehenden Klinge und den Augaepfeln
+befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschaedlich zu machen. Es ist
+das derselbe Vorgang, als wenn ein Giesser nach Anfeuchtung seiner Hand mit
+Wasser diese ungestraft durch einen Strahl fluessigen Eisens fuehrt.
+
+Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus
+erwachsen koenne, wenn er sein Geheimniss gegen irgend Jemand offenbarte.
+Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande
+bezueglich der Durchfuehrung seiner Aufgabe ziehen koenne. Nur dass er fuer
+blind galt, schien seine persoenliche Freiheit einigermassen sicher zu
+stellen. Er musste also blind scheinen, er musste es fuer Alle sein, selbst
+fuer Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der
+Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluss stand fest. Er
+musste selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu
+geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf's Spiel setzte.
+
+Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es
+damals auf dem Platze vor Tomsk in's Ohr gefluestert, als er in der
+Dunkelheit ueber jene gebeugt sie mit seinen heissen Kuessen bedeckte.
+
+Man entsinnt sich auch, dass, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das
+kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff's geblendete Augen hielt,
+dieser dasselbe lesen konnte, und natuerlich Alles gelesen hatte, was die
+verruchten Plaene des Verraethers enthuellte. Hieraus erklaert sich auch sein
+verdoppeltes Draengen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner
+Mission wenigstens muendlich zu entledigen. Er wusste, dass die Stadt
+verrathen werden solle, dass des Grossfuersten Leben in der ernstesten Gefahr
+schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens
+ruhte also in seiner Hand.
+
+Mit wenigen Worten wurden dem Grossfuersten alle die frueheren Vorkommnisse
+mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Waerme den Antheil hervorhob, der
+Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebuehrte.
+
+"Wer ist das junge Maedchen? fragte der Grossfuerst.
+
+-- Die Tochter Wassili Fedor's, eines Verbannten.
+
+-- Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Grossfuerst fort, ist
+nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine
+Verbannten mehr!"
+
+Nadia fiel, ueberwaeltigt von der Freude, der sie leichter erlag als den
+harten Schlaegen des Schicksals, dem Grossfuersten zu Fuessen, der sie jedoch
+mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.
+
+Eine Stunde spaeter lag Nadia in den Armen ihres Vaters.
+
+Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch
+schlugen ihre Herzen im Uebermass des Glueckes.
+
+Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gaenzlich fehl. Wassili Fedor
+hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstuermenden niedergemacht, die
+vor dem Thore von Bolchaia in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden,
+erschienen, waehrend Jener mit instinctivem Vorgefuehl darauf drang, hier
+zur Vertheidigung zurueck zu bleiben.
+
+Gleichzeitig mit der Zurueckweisung der Tartaren gelang es den Belagerten
+auch, die Feuersbrunst zu bewaeltigen. Die Naphtha auf der Oberflaeche der
+Angara war bald verbrannt, und die auf die Haeuser laengs des Flusses
+concentrirten Flammen verschonten die uebrigen Theile der Stadt.
+
+Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan's, unter
+Zuruecklassung einer grossen Anzahl auf den Waellen umherliegender Todter, in
+ihr Lager zurueck.
+
+Zu den Gefallenen gehoerte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich
+vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.
+
+Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff.
+Iwan Ogareff's Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des
+ganzen Kriegszuges, und er allein besass durch seine unausgesetzten
+Agitationen Einfluss genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu
+dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Russlands zu verleiten.
+
+Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts
+der noch andauernden Einschliessung, stets gleichmaessig wachsam und
+kampfbereit.
+
+Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von
+Geschuetzen auf den umgebenden Hoehen der Stadt.
+
+Es war der Gruss der Hilfsarmee, die unter der Fuehrung des Generals
+Kisselef heranrueckte und dem Grossfuersten ihr Eintreffen anmeldete.
+
+Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen,
+unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu muessen, und hoben
+daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.
+
+Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.
+
+Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael
+Strogoff's in die Stadt eingezogen, - die unzertrennlichen Collegen Harry
+Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, ueber den Eisschutz das
+rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den uebrigen Fluechtlingen zu
+entkommen, bevor die brennende Angara das Floss ergriffen hatte. In Alcide
+Jolivet's Notizbuch fand sich hierueber die lakonische Bemerkung:
+
+"Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!"
+
+Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund
+wieder zu treffen, vorzueglich als sie erfuhren, dass ihr muthiger Gefaehrte
+nicht blind sei. Harry Blount fuehlte sich veranlasst, als eigene
+Beobachtung zu notiren:
+
+"Rothgluehendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilitaet des
+Sehnerven zu zerstoeren. Das Verfahren bedarf der Modification."
+
+Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie
+an's Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach
+London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte ueber den
+Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den
+untergeordnetsten Punkten widersprachen.
+
+Der ganze Feldzug verlief uebrigens hoechst ungluecklich fuer den Emir und
+seine Verbuendeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen
+den russischen Koloss gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich
+werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten,
+welche in rascher Folge alle eroberten Staedte wieder in ihre Gewalt
+brachten. Dazu trat der Winter mit ungewoehnlicher Strenge auf, so dass von
+den durch die Kaelte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die
+Steppen der Tartarei wieder erreichte.
+
+Die Strasse von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den
+Grossfuersten draengte es, nach Moskau zurueckzukehren, doch er verschob seine
+Abreise, um einer ruehrenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage
+nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog.
+
+Michael Strogoff befand sich an Nadia's Seite und sagte zu ihr in
+Gegenwart ihres Vaters:
+
+"Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga
+nach Irkutsk einen andern Kummer zurueckgelassen, als die Trauer um Deine
+Mutter?
+
+-- Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.
+
+-- Kein Stueckchen Deines Herzens ist dort zurueck geblieben?
+
+-- Keines, Bruder.
+
+-- Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als dass es Gottes Absicht war, uns
+nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Pruefungen, sondern wohl
+fuer immer zusammen zu fuehren."
+
+Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff's Arme.
+
+Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.
+
+"Mein Vater! sagte er leicht erroethend.
+
+-- Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude
+sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!"
+
+Die Vermaehlungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war
+nur einfach hinsichtlich des aeusseren Pompes, aber erhebend durch die
+ungeheure Theilnahme der ganzen Bevoelkerung, welche ihrer tiefen
+Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren
+Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.
+
+Selbstverstaendlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei
+dieser Hochzeit, ueber die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.
+
+"Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte
+Alcide Jolivet seinen Collegen.
+
+-- Pah, erwiderte Harry Blount, haette ich freilich eine Cousine so wie
+Sie ...
+
+-- Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide
+Jolivet.
+
+-- Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von
+Schwierigkeiten zwischen London und Peking. - Haetten Sie keine Lust
+zuzusehen, was dort vorgeht?
+
+-- Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen
+diesen Vorschlag machen!"
+
+Stehenden Fusses brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem
+Himmlischen Reiche.
+
+Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und
+Nadia, natuerlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rueckreise nach
+Europa. Diese Schmerzensstrasse auf dem Herweg wurde zum Glueckspfade fuer
+den Rueckweg. Sie eilten in groesster Schnelligkeit dahin auf einem jener
+praechtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug ueber Sibiriens eisbedeckte
+Steppen fliegen.
+
+Nur am Ufer der Dinka goennten sie sich einen einzigen Rasttag.
+
+Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus
+begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein
+letztes Gebet an der Ruhestaette des ergebenen, heldenmuethigen Freundes,
+den Beide niemals vergessen konnten.
+
+In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Haeuschen der Strogoff's.
+Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal
+ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn
+erkennen und ihrem muetterlichen Stolze genug thun.
+
+Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff
+nach Europa weiter. Wassili Fedor liess sich in Petersburg nieder, und
+weder sein Sohn noch seine Tochter verliessen ihn jemals, ausser wenn sie
+der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten.
+
+Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in
+seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen
+Georg aushaendigte.
+
+Michael Strogoff gelangte spaeter zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die
+Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die
+seiner maennlich ueberwundenen Pruefungen und Leiden.
+
+
+
+ Ende des Courier des Czaar.
+
+
+
+
+
+
+ FUSSNOTEN
+
+
+ 1 Eine Art Blaettergebackenes.
+
+ 2 Dieses Kleidungsstueck heisst "_dakha_"; es ist sehr leicht und doch
+ fuer Kaelte fast undurchdringlich.
+
+ 3 Eine russische Geldmuenze im Werthe von 5 Rubeln.
+
+ 4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebraeuchlichen "Sir"
+ und wird gegenueber dem Sultan von Bukhara gewoehnlich angewendet.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe erschien in zwei Baenden, die in der elektronischen
+Fassung vereinigt sind. Die Inhaltsverzeichnisse am Schluss der beiden
+Baende wurden an den Beginn des Textes gesetzt.
+
+Die Fussnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 1-6: "Keliwan" geaendert in "Kolywan" ("Nishny-Nowgorod, Perm,
+ Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan,
+ Tomsk")
+ Seite 1-12: "Krasnojask" geaendert in "Krasnojarsk" ("Und die
+ meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte")
+ Seite 1-15: "Okfotsk" geaendert in "Ochotsk" ("es zwei Districte, die
+ von Ochotsk")
+ Seite 1-16: "Elamks" geaendert in "Elamsk", "Nishny, Udinsk" in
+ "Nishny-Udinsk", "Blagowestenks" in "Blagoweshensk", "Orloneskaga"
+ in "Orlomskaya" ("Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk,
+ Elamsk, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk,
+ Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde,
+ Orlomskaya, Alexandrowskoe, Nicolajewsk")
+ Seite 1-26: "Ovirenna" geaendert in "Ovicenna" ("deren schon die
+ Ovicenna's und andere Gelehrte")
+ Seite 1-49: "Tschermissen" geaendert in "Tscheremissen" ("Finnen,
+ Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken")
+ Seite 1-87: "spezielle" geaendert in "specielle" ("dass ihn eine
+ specielle Mission berechtigte")
+ Seite 1-101: "Ordnnng" geaendert in "Ordnung" ("Nun, er ist bis
+ Kolyvan noch in Ordnung?")
+ Seite 1-111: "Zaun" geaendert in "Zaum" ("Von Zaum und Gebiss keine
+ weitere Spur")
+ Seite 1-137: "Nikolaus" geaendert in "Nicolaus" ("Nicolaus Korpanoff,
+ Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff")
+ Seite 1-189: "bivuakirten" geaendert in "bivouakirten" ("mit
+ Wachposten besetzten Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren")
+ Seite 1-216: "Omsk" geaendert in "Tomsk" ("nach gluecklicher Umgehung
+ von Tomsk")
+ Seite 1-218: "begehende" geaendert in "bestehende" ("und Haidekraut
+ bestehende Gruppen von Zwergbaeumen")
+ Seite 1-233: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Gewehrfeuer!" ("Das
+ ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer!")
+ Seite 1-234: "Diahinsk" geaendert in "Diachinsk" ("vielleicht nach
+ Diachinsk oder einem andern, durchzuschlagen")
+ Seite 2-19: "Instinkt" geaendert in "Instinct" ("ein wahrhaft
+ aussergewoehnlicher Instinct, noch maechtiger entwickelt")
+ Seite 2-25: "Stellvertreters des" hinzugefuegt vor "Emirs" ("des
+ Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiss bald mit")
+ Seite 2-38: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht!" ("gilt meinem
+ Sohne noch nicht!")
+ Seite 2-43: "bivouaquirte" geaendert in "bivouakirte" ("waehrend das
+ Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte")
+ Seite 2-76: "Daily Telegraph" geaendert in "Daily-Telegraph" ("Ihre
+ Leser des Daily-Telegraph werden")
+ Seite 2-77: "Ein" geaendert in "Eine" ("Eine Stunde spaeter trabten
+ sie schon auf der")
+ Seite 2-99: "Hoffnnng" geaendert in "Hoffnung" ("glaubte. Jetzt
+ fuerchtete er, seine Hoffnung werde")
+ Seite 2-112: "slawischen" geaendert in "slavischen" ("die zum groessten
+ Theil einen slavischen Typus zeigen")
+ Seite 2-113: "20 deg." geaendert in "-20 deg." ("-20 deg. fuer eine ganz
+ ertraegliche haelt")
+ Seite 2-143: Punkt hinzugefuegt hinter "Meere" ("Der Baikalsee liegt
+ 1700 Fuss ueber dem Meere.")
+ Seite 2-206: "vorher gehenden" geaendert in "vorhergehenden" ("Fast
+ in keiner der vorhergehenden Naechte")
+
+Nicht vereinheitlicht wurden mehr als einmal vorkommende
+Schreibweisenvarianten: "Baikal" und "Baikal"; "Flosse" und "Flosse";
+"Ischim" und "Ichim"; "Jenisei", "Jenisei" und "Yenisei" bzw. "Jeniseisk",
+"Jeniseisk" und "Yeniseisk"; "Kamtschatka" und "Kamschatka"; "Kolywan" und
+"Kolyvan"; "Madeleine" und "Madelaine"; "Nischny-Nowgorod",
+"Nishny-Nowgorod", "Nischnij-Nowgorod" und "Nishnij-Nowgorod"; "Officier"
+und "Offizier"; "Sibirier(in)" und "Sibirer(in)"; "Sylbe" und "Silbe".
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+October 12, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by K.-F. Greiner, Markus Brenner, Ralf Stephan,
+ Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net.
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 34064.txt or 34064.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/0/6/34064/
+
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
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+_Please read this before you distribute or use this work._
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
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+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
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+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+ 1.E.
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+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+ 1.E.3.
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+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
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+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
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+
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+
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+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
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+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
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+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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+
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+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
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