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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:22 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:22 -0700
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+++ b/33863-h/33863-h.htm
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+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
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+<!-- $Id: header.txt 236 2009-12-07 18:57:00Z vlsimpson $ -->
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+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
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+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
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+ <title>
+ The Project Gutenberg eBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke.
+ </title>
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+
+body {
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+
+ h1,h2,h3,h4,h5,h6 {
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+<body>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***</div>
+
+<h1>NEUE GEDICHTE</h1>
+
+<h3>Von</h3>
+
+<h2>RAINER MARIA RILKE</h2>
+
+<h4>LEIPZIG</h4>
+
+<h4>IM INSEL-VERLAG</h4>
+
+<h4>MCMXX</h4>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h4>KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT</h4>
+<h4>IN FREUNDSCHAFT</h4>
+
+<hr style="width: 95%;" />
+<h3><a href="#INHALT">Inhalt</a></h3>
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<p>
+<a name="FRUHER_APOLLO" id="FRUHER_APOLLO"></a>FRÜHER APOLLO<br />
+<br />
+<br />
+Wie manches Mal durch das noch unbelaubte<br />
+Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz<br />
+im Frühling ist: so ist in seinem Haupte<br />
+nichts, was verhindern könnte, daß der Glanz<br />
+<br />
+aller Gedichte uns fast tödlich träfe;<br />
+denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,<br />
+zu kühl für Lorbeer sind noch seine Schläfe,<br />
+und später erst wird aus den Augenbraun<br />
+<br />
+hochstämmig sich der Rosengarten heben,<br />
+aus welchem Blätter, einzeln, ausgelöst<br />
+hintreiben werden auf des Mundes Beben,<br />
+<br />
+der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend<br />
+und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend,<br />
+als würde ihm sein Singen eingeflößt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MADCHENKLAGE" id="MADCHENKLAGE"></a>MÄDCHENKLAGE<br />
+<br />
+<br />
+Diese Neigung, in den Jahren,<br />
+da wir alle Kinder waren,<br />
+viel allein zu sein, war mild;<br />
+andern ging die Zeit im Streite,<br />
+und man hatte seine Seite,<br />
+seine Nähe, seine Weite,<br />
+einen Weg, ein Tier, ein Bild.<br />
+<br />
+Und ich dachte noch, das Leben<br />
+hörte niemals auf zu geben,<br />
+daß man sich in sich besinnt.<br />
+Bin ich in mir nicht im Größten?<br />
+Will mich meines nicht mehr trösten<br />
+und verstehen wie als Kind?<br />
+<br />
+Plötzlich bin ich wie verstoßen,<br />
+und zu einem Übergroßen<br />
+wird mir diese Einsamkeit,<br />
+wenn, auf meiner Brüste Hügeln<br />
+stehend, mein Gefühl nach Flügeln<br />
+oder einem Ende schreit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LIEBESLIED" id="LIEBESLIED"></a>LIEBESLIED<br />
+<br />
+<br />
+Wie soll ich meine Seele halten, daß<br />
+sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie<br />
+hinheben über dich zu andern Dingen?<br />
+Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas<br />
+Verlorenem im Dunkel unterbringen<br />
+an einer fremden stillen Stelle, die<br />
+nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.<br />
+Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,<br />
+nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br />
+der aus zwei Saiten <i>eine</i> Stimme zieht.<br />
+Auf welches Instrument sind wir gespannt?<br />
+Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<br />
+O süßes Lied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ERANNA_AN_SAPPHO" id="ERANNA_AN_SAPPHO"></a>ERANNA AN SAPPHO<br />
+<br />
+<br />
+O du wilde weite Werferin:<br />
+Wie ein Speer bei andern Dingen<br />
+lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen<br />
+warf mich weit. Ich weiß nicht, wo ich bin.<br />
+Mich kann keiner wiederbringen.<br />
+<br />
+Meine Schwestern denken mich und weben,<br />
+und das Haus ist voll vertrauter Schritte.<br />
+Ich allein bin fern und fortgegeben,<br />
+und ich zittere wie eine Bitte;<br />
+denn die schöne Göttin in der Mitte<br />
+ihrer Mythen glüht und lebt mein Leben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAPPHO_AN_ERANNA" id="SAPPHO_AN_ERANNA"></a>SAPPHO AN ERANNA<br />
+<br />
+<br />
+Unruh will ich über dich bringen,<br />
+schwingen will ich dich, umrankter Stab.<br />
+Wie das Sterben will ich dich durchdringen<br />
+und dich weitergeben wie das Grab<br />
+an das Alles: allen diesen Dingen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAPPHO_AN_ALKAIOS" id="SAPPHO_AN_ALKAIOS"></a>SAPPHO AN ALKAÏOS<br />
+<br />
+FRAGMENT<br />
+<br />
+<br />
+Und was hättest du mir denn zu sagen,<br />
+und was gehst du meine Seele an,<br />
+wenn sich deine Augen niederschlagen<br />
+vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,<br />
+<br />
+sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge<br />
+hingerissen und bis in den Ruhm.<br />
+Wenn ich denke: unter euch verginge<br />
+dürftig unser süßes Mädchentum,<br />
+<br />
+welches wir, ich Wissende und jene<br />
+mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,<br />
+trugen unberührt, daß Mytilene<br />
+wie ein Apfelgarten in der Nacht<br />
+duftete vom Wachsen unsrer Brüste&mdash;.<br />
+<br />
+Ja, auch dieser Brüste, die du nicht<br />
+wähltest wie zu Fruchtgewinden, Freier<br />
+mit dem weggesenkten Angesicht.<br />
+Geh und laß mich, daß zu meiner Leier<br />
+komme, was du abhältst: alles steht.<br />
+<br />
+Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,<br />
+aber wenn er durch den einen geht<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS" id="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS"></a>GRABMAL EINES JUNGEN MÄDCHENS<br />
+<br />
+<br />
+Wir gedenkens noch. Das ist, als müßte<br />
+alles dieses einmal wieder sein.<br />
+Wie ein Baum an der Limonenküste<br />
+trugst du deine kleinen leichten Brüste<br />
+in das Rauschen seines Bluts hinein:<br />
+<br />
+&mdash;jenes Gottes.<br />
+<span style="margin-left: 8em;">Und es war der schlanke</span><br />
+Flüchtling, der Verwöhnende der Fraun.<br />
+Süß und glühend, warm wie dein Gedanke,<br />
+überschattend deine frühe Flanke<br />
+und geneigt wie deine Augenbraun.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="OPFER" id="OPFER"></a>OPFER<br />
+<br />
+<br />
+O wie blüht mein Leib aus jeder Ader<br />
+duftender, seitdem ich dich erkenn;<br />
+sieh, ich gehe schlanker und gerader,<br />
+und du wartest nur&mdash;: wer bist du denn?<br />
+<br />
+Sieh: ich fühle, wie ich mich entferne,<br />
+wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.<br />
+Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne<br />
+über dir und bald auch über mir.<br />
+<br />
+Alles was durch meine Kinderjahre<br />
+namenlos noch und wie Wasser glänzt,<br />
+will ich nach dir nennen am Altäre,<br />
+der entzündet ist von deinem Haare<br />
+und mit deinen Brüsten leicht bekränzt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="OSTLICHES_TAGLIED" id="OSTLICHES_TAGLIED"></a>ÖSTLICHES TAGLIED<br />
+<br />
+<br />
+Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,<br />
+ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?<br />
+Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,<br />
+die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.<br />
+<br />
+Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,<br />
+in der sich Tiere rufen und zerreißen,<br />
+ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:<br />
+was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,<br />
+ist das uns denn verständlicher als sie?<br />
+<br />
+Man müßte so sich ineinanderlegen<br />
+wie Blütenblätter um die Staubgefäße:<br />
+so sehr ist überall das Ungemäße<br />
+und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.<br />
+<br />
+Doch während wir uns aneinanderdrücken,<br />
+um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,<br />
+kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:<br />
+denn unsre Seelen leben von Verrat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABISAG" id="ABISAG"></a>ABISAG<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Sie lag. Und ihre Kinderarme waren<br />
+von Dienern um den Welkenden gebunden,<br />
+auf dem sie lag die süßen langen Stunden,<br />
+ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.<br />
+<br />
+Und manchmal wandte sie in seinem Barte<br />
+ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;<br />
+und alles, was die Nacht war, kam und scharte<br />
+mit Bangen und Verlangen sich um sie.<br />
+<br />
+Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,<br />
+der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,<br />
+der Vorhang rührte sich und gab ein Zeichen,<br />
+und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.<br />
+<br />
+Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,<br />
+und, von der Nacht der Nächte nicht erreicht,<br />
+lag sie auf seinem fürstlichen Erkalten<br />
+jungfräulich und wie eine Seele leicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der König saß und sann den leeren Tag<br />
+getaner Taten, ungefühlter Lüste<br />
+und seiner Lieblingshündin, der er pflag&mdash;.<br />
+Aber am Abend wölbte Abisag<br />
+sich über ihm. Sein wirres Leben lag<br />
+verlassen wie verrufne Meeresküste<br />
+unter dem Sternbild ihrer stillen Brüste.<br />
+<br />
+Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,<br />
+erkannte er durch seine Augenbrauen<br />
+den unbewegten, küsselosen Mund;<br />
+und sah: ihres Gefühles grüne Rute<br />
+neigte sich nicht herab zu seinem Grund.<br />
+Ihn fröstelte. Er horchte wie ein Hund<br />
+und suchte sich in seinem letzten Blute.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAVID_SINGT_VOR_SAUL" id="DAVID_SINGT_VOR_SAUL"></a>DAVID SINGT VOR SAUL<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+König, hörst du, wie mein Saitenspiel<br />
+Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?<br />
+Sterne treiben uns verwirrt entgegen,<br />
+und wir fallen endlich wie ein Regen,<br />
+und es blüht, wo dieser Regen fiel.<br />
+<br />
+Mädchen blühen, die du noch erkannt,<br />
+die jetzt Frauen sind und mich verführen;<br />
+den Geruch der Jungfraun kannst du spüren,<br />
+und die Knaben stehen, angespannt<br />
+schlank und atmend, an verschwiegnen Türen.<br />
+<br />
+Daß mein Klang dir alles wiederbrächte.<br />
+Aber trunken taumelt mein Getön:<br />
+Deine Nächte, König, deine Nächte&mdash;,<br />
+und wie waren, die dein Schaffen schwächte,<br />
+o wie waren alle Leiber schön.<br />
+<br />
+Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,<br />
+weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten<br />
+greif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+König, der du alles dieses hattest<br />
+und der du mit lauter Leben mich<br />
+überwältigest und überschattest:<br />
+komm aus deinem Throne und zerbrich<br />
+meine Harfe, die du so ermattest.<br />
+<br />
+Sie ist wie ein abgenommner Baum:<br />
+durch die Zweige, die dir Frucht getragen,<br />
+schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,<br />
+welche kommen&mdash;, und ich kenn sie kaum.<br />
+<br />
+Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;<br />
+sich dir diese Knabenhand da an:<br />
+glaubst du, König, daß sie die Oktaven<br />
+eines Leibes noch nicht greifen kann?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+König, birgst du dich in Finsternissen,<br />
+und ich hab dich doch in der Gewalt.<br />
+Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,<br />
+und der Raum wird um uns beide kalt.<br />
+Mein verwaistes Herz und dein verworrnes<br />
+hängen in den Wolken deines Zornes,<br />
+wütend ineinander eingebissen<br />
+und zu einem einzigen verkrallt.<br />
+<br />
+Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?<br />
+König, König, das Gewicht wird Geist.<br />
+Wenn wir uns nur aneinanderhalten,<br />
+du am Jungen, König, ich am Alten,<br />
+sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JOSUAS_LANDTAG" id="JOSUAS_LANDTAG"></a>JOSUAS LANDTAG<br />
+<br />
+<br />
+So wie der Strom am Ausgang seine Dämme<br />
+durchbricht mit seiner Mündung Übermaß,<br />
+so brach nun durch die Ältesten der Stimme<br />
+zum letztenmal die Stimme Josuas.<br />
+<br />
+Wie waren die geschlagen, welche lachten,<br />
+wie hielten alle Herz und Hände an,<br />
+als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten<br />
+in einem Mund; und dieser Mund begann.<br />
+<br />
+Und wieder waren Tausende voll Staunen<br />
+wie an dem großen Tag vor Jericho,<br />
+nun aber waren in ihm die Posaunen,<br />
+und ihres Lebens Mauern schwankten so,<br />
+<br />
+daß sie sich wälzten, von Entsetzen trächtig<br />
+und wehrlos schon und überwältigt, eh<br />
+sie's noch gedachten, wie er eigenmächtig<br />
+zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!<br />
+<br />
+Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,<br />
+und hielt die Sonne, bis ihm seine Hände<br />
+wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,<br />
+nur weil da einer wollte, daß sie stände.<br />
+<br />
+Und das war dieser; dieser Alte wars,<br />
+von dem sie meinten, daß er nicht mehr gelte<br />
+inmitten seines hundertzehnten Jahrs.<br />
+Da stand er auf und brach in ihre Zelte.<br />
+<br />
+Er ging wie Hagel nieder über Halmen.<br />
+Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezählt<br />
+stehn um euch Götter, wartend, daß ihr wählt.<br />
+Doch wenn ihr wählt, wird euch der Herr zermalmen.<br />
+<br />
+Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:<br />
+Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt.<br />
+<br />
+Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen<br />
+und stärke uns zu unsrer schweren Wahl.<br />
+<br />
+Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,<br />
+zu seiner festen Stadt am Berge steigend;<br />
+und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES" id="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES"></a>DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES<br />
+<br />
+<br />
+NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,<br />
+das unser ist und uns doch nicht gehört,<br />
+das, wie das Wasser in den alten Bornen,<br />
+uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört;<br />
+von allem diesen, das sich wie mit Dornen<br />
+noch einmal an uns anhängt&mdash;fortzugehn<br />
+und Das und Den,<br />
+die man schon nicht mehr sah<br />
+(so täglich waren sie und so gewöhnlich),<br />
+auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich<br />
+und wie an einem Anfang und von nah<br />
+und ahnend einzusehn, wie unpersönlich,<br />
+wie über alle hin das Leid geschah,<br />
+von dem die Kindheit voll war bis zum Rand&mdash;:<br />
+Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,<br />
+als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,<br />
+und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,<br />
+weit in ein unverwandtes warmes Land,<br />
+das hinter allem Handeln wie Kulisse<br />
+gleichgültig sein wird: Garten oder Wand;<br />
+und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,<br />
+aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,<br />
+aus Unverständlichkeit und Unverstand:<br />
+Dies alles auf sich nehmen und vergebens<br />
+vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um<br />
+allein zu sterben, wissend nicht warum&mdash;<br />
+<br />
+Ist das der Eingang eines neuen Lebens?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_OLBAUMGARTEN" id="DER_OLBAUMGARTEN"></a>DER ÖLBAUMGARTEN<br />
+<br />
+<br />
+Er ging hinauf unter dem grauen Laub<br />
+ganz grau und aufgelöst im ölgelände<br />
+und legte seine Stirne voller Staub<br />
+tief in das Staubigsein der heißen Hände.<br />
+<br />
+Nach allem dies. Und dieses war der Schluß.<br />
+Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,<br />
+und warum willst Du, daß ich sagen muß,<br />
+Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.<br />
+<br />
+Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.<br />
+Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.<br />
+Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.<br />
+<br />
+Ich bin allein mit aller Menschen Gram,<br />
+den ich durch Dich zu lindern unternahm,<br />
+der Du nicht bist, ü namenlose Scham...<br />
+<br />
+Später erzählte man: ein Engel kam&mdash;.<br />
+<br />
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht<br />
+und blätterte gleichgültig in den Bäumen.<br />
+Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.<br />
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.<br />
+<br />
+Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;<br />
+so gehen hunderte vorbei.<br />
+<br />
+Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.<br />
+Ach eine traurige, ach irgendeine,<br />
+die wartet, bis es wieder Morgen sei.<br />
+<br />
+Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,<br />
+und Nächte werden nicht um solche groß.<br />
+Die Sich-Verlierenden läßt alles los,<br />
+und sie sind preisgegeben von den Vätern<br />
+und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PIETA" id="PIETA"></a>PIETÀ<br />
+<br />
+<br />
+So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,<br />
+O die damals eines Jünglings Füße waren,<br />
+da ich sie bang entkleidete und wusch;<br />
+wie standen sie verwirrt in meinen Haaren<br />
+und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.<br />
+<br />
+So seh ich deine niegeliebten Glieder<br />
+zum erstenmal in dieser Liebesnacht.<br />
+Wir legten uns noch nie zusammen nieder,<br />
+und nun wird nur bewundert und gewacht.<br />
+<br />
+Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen&mdash;:<br />
+Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.<br />
+Dein Herz steht offen, und man kann hinein:<br />
+das hätte dürfen nur mein Eingang sein.<br />
+<br />
+Nun bist du müde, und dein müder Mund<br />
+hat keine Lust zu meinem wehen Munde&mdash;.<br />
+O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?<br />
+Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER" id="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER"></a>GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER<br />
+<br />
+<br />
+Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;<br />
+denn wir sind nichts als solche Seligkeit.<br />
+Was Blut und Dunkel war in einem Tier,<br />
+das wuchs in uns zur Seele an und schreit<br />
+<br />
+als Seele weiter. Und es schreit nach dir.<br />
+Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,<br />
+als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.<br />
+Und darum meinen wir, du bist es nicht,<br />
+<br />
+nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,<br />
+an den wir uns ganz ohne Rest verlören?<br />
+Und werden wir in irgendeinem <i>mehr</i>?<br />
+<br />
+Mit uns geht das Unendliche <i>vorbei</i>.<br />
+Du aber sei, du Mund, daß wir es hören,<br />
+du aber, du Uns-Sagender: du sei.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TOD_DES_DICHTERS" id="DER_TOD_DES_DICHTERS"></a>DER TOD DES DICHTERS<br />
+<br />
+<br />
+Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war<br />
+bleich und verweigernd in den steilen Kissen,<br />
+seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,<br />
+von seinen Sinnen abgerissen,<br />
+zurückfiel an das teilnahmslose Jahr.<br />
+<br />
+Die, so ihn leben sahen, wußten nicht,<br />
+wie sehr er <i>eines</i> war mit allem diesen,<br />
+denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen<br />
+und diese Wasser waren sein Gesicht.<br />
+<br />
+O sein Gesicht war diese ganze Weite,<br />
+die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;<br />
+und seine Maske, die nun bang verstirbt,<br />
+ist zart und offen wie die Innenseite<br />
+von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA" id="BUDDHA"></a>BUDDHA<br />
+<br />
+<br />
+Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....<br />
+Wir halten ein und hören sie nicht mehr.<br />
+Und er ist Stern. Und andre große Sterne,<br />
+die wir nicht sehen, stehen um ihn her.<br />
+<br />
+O er ist alles. Wirklich, warten wir,<br />
+daß er uns sähe? Sollte er bedürfen?<br />
+Und wenn wir hier uns vor ihm niederwürfen,<br />
+er bliebe tief und träge wie ein Tier.<br />
+<br />
+Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt,<br />
+das kreist in ihm seit Millionen Jahren.<br />
+Er, der vergißt, was wir erfahren,<br />
+und der erfahrt, was uns verweist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LANGE_DU_MERIDIEN" id="LANGE_DU_MERIDIEN"></a>L'ANGE DU MÉRIDIEN<br />
+<br />
+CHARTRES<br />
+<br />
+<br />
+Im Sturm, der um die starke Kathedrale<br />
+wie ein Verneiner stürzt, der denkt und denkt,<br />
+fühlt man sich zärtlicher mit einem Male<br />
+von deinem Lächeln zu dir hingelenkt:<br />
+<br />
+lächelnder Engel, fühlende Figur,<br />
+mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:<br />
+gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden<br />
+abgleiten von der vollen Sonnenuhr,<br />
+<br />
+auf der des Tages ganze Zahl zugleich,<br />
+gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,<br />
+als wären alle Stunden reif und reich?<br />
+<br />
+Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?<br />
+und hältst du mit noch seligerm Gesichte<br />
+vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_KATHEDRALE" id="DIE_KATHEDRALE"></a>DIE KATHEDRALE<br />
+<br />
+<br />
+In jenen kleinen Städten, wo herum<br />
+die alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken,<br />
+der sie bemerkt hat plötzlich und erschrocken<br />
+die Buden zumacht und ganz zu und stumm,<br />
+<br />
+die Schreier still, die Trommeln angehalten,<br />
+zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs&mdash;:<br />
+dieweil sie ruhig immer in dem alten<br />
+Faltenmantel ihrer Contreforts<br />
+dasteht und von den Häusern gar nicht weiß:<br />
+<br />
+in jenen kleinen Städten kannst du sehn,<br />
+wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis<br />
+die Kathedralen waren. Ihr Erstehn<br />
+ging über alles fort, so wie den Blick<br />
+des eignen Lebens viel zu große Nähe<br />
+fortwährend übersteigt und als geschähe<br />
+nichts anderes; als wäre <i>das</i> Geschick,<br />
+was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen,<br />
+versteinert und zum Dauernden bestimmt,<br />
+nicht <i>das</i>, was unten in den dunkeln Straßen<br />
+vom Zufall irgendwelche Namen nimmt<br />
+und darin geht, wie Kinder Grün und Rot<br />
+und was der Krämer hat als Schürze tragen.<br />
+Da war Geburt in diesen Unterlagen,<br />
+und Kraft und Andrang war in diesem Ragen<br />
+und Liebe überall wie Wein und Brot,<br />
+und die Portale voller Liebesklagcn.<br />
+Das Leben zögerte Im Stundenschlagen,<br />
+und in den Türmen, welche voll Entsagen<br />
+auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_PORTAL" id="DAS_PORTAL"></a>DAS PORTAL<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Da blieben sie, als wäre jene Flut<br />
+zurückgetreten, deren großes Branden<br />
+an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;<br />
+sie nahm im Fallen manches Attribut<br />
+<br />
+aus ihren Händen, welche viel zu gut<br />
+und gebend sind, um etwas festzuhalten.<br />
+Sie blieben, von den Formen in Basalten<br />
+durch einen Nimbus, einen Bischofshut,<br />
+<br />
+bisweilen durch ein Lächeln unterschieden,<br />
+für das ein Antlitz seiner Stunden Frieden<br />
+bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;<br />
+<br />
+jetzt fortgerückt ins Leere ihres Tores,<br />
+waren sie einst die Muschel eines Ohres<br />
+und fingen jedes Stöhnen dieser Stadt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Sehr viele Weite ist gemeint damit:<br />
+so wie mit den Kulissen einer Szene<br />
+die Welt gemeint ist; und so wie durch jene<br />
+der Held im Mantel seiner Handlung tritt:&mdash;<br />
+so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd<br />
+auf seiner Tiefe tragisches Theater,<br />
+so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater<br />
+und so wie Er sich wunderlich verwandelnd<br />
+<br />
+in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier<br />
+auf viele kleine beinah stumme Rollen,<br />
+genommen aus des Elends Zubehör.<br />
+<br />
+Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)<br />
+aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen<br />
+der Heiland wie ein einziger Akteur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+So ragen sie, die Herzen angehalten<br />
+(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);<br />
+nur selten tritt aus dem Gefäll der Falten<br />
+eine Gebärde, aufrecht, steil wie sie,<br />
+<br />
+und bleibt nach einem halben Schritte stehn,<br />
+wo die Jahrhunderte sie überholen.<br />
+Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,<br />
+in denen eine Welt, die sie nicht sehn,<br />
+<br />
+die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,<br />
+Figur und Tier, wie um sie zu gefährden,<br />
+sich krümmt und schüttelt und sie dennoch hält:<br />
+weil die Gestalten dort wie Akrobaten<br />
+sich nur so zuckend und so wild gebärden,<br />
+damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fällt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_FENSTERROSE" id="DIE_FENSTERROSE"></a>DIE FENSTERROSE<br />
+<br />
+<br />
+Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen<br />
+macht eine Stille, die dich fast verwirrt;<br />
+und wie dann plötzlich eine von den Katzen<br />
+den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,<br />
+<br />
+gewaltsam in ihr großes Auge nimmt,&mdash;<br />
+den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis<br />
+ergriffen, eine kleine Weile schwimmt<br />
+und dann versinkt und nichts mehr von sich weiß,<br />
+<br />
+wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,<br />
+sich au auftut und zusammenschlägt mit Tosen<br />
+und ihn hineinreißt bis ins rote Blut&mdash;:<br />
+<br />
+so griffen einstmals aus dem Dunkelsein<br />
+der Kathedralen große Fensterrosen<br />
+ein Herz und rissen es in Gott hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KAPITAL" id="DAS_KAPITAL"></a>DAS KAPITÄL<br />
+<br />
+<br />
+Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten<br />
+aufsteigend aus verwirrendem Gequäl<br />
+der nächste Tag erhebt,&mdash;so gehn die Gurten<br />
+der Wölbung aus dem wirren Kapitäl<br />
+<br />
+und lassen drin, gedrängt und rätselhaft<br />
+verschlungen, flügelschlagende Geschöpfe:<br />
+ihr Zögern und das Plötzliche der Köpfe<br />
+und jene starken Blätter, deren Saft<br />
+<br />
+wie Jähzorn steigt, sich schließlich überschlagend<br />
+in einer schnellen Geste, die sich ballt<br />
+und sich heraushält: alles aufwärtsjagend,<br />
+<br />
+was immer wieder mit dem Dunkel kalt<br />
+herunterfällt, wie Regen Sorge tragend<br />
+für dieses alten Wachstums Unterhalt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GOTT_IM_MITTELALTER" id="GOTT_IM_MITTELALTER"></a>GOTT IM MITTELALTER<br />
+<br />
+<br />
+Und sie hatten ihn in sich erspart,<br />
+und sie wollten, daß er sei und richte,<br />
+und sie hängten schließlich wie Gewichte<br />
+(zu verhindern seine Himmelfahrt)<br />
+<br />
+an ihn ihrer großen Kathedralen<br />
+Last und Masse. Und er sollte nur<br />
+über seine grenzenlosen Zahlen<br />
+zeigend kreisen und wie eine Uhr<br />
+<br />
+Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.<br />
+Aber plötzlich kam er ganz in Gang,<br />
+und die Leute der entsetzten Stadt<br />
+<br />
+ließen ihn, vor seiner Stimme bang,<br />
+weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk<br />
+und entflohn vor seinem Zifferblatt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MORGUE" id="MORGUE"></a>MORGUE<br />
+<br />
+<br />
+Da liegen sie bereit, als ob es gälte,<br />
+nachträglich eine Handlung zu erfinden,<br />
+die miteinander und mit dieser Kälte<br />
+sie zu versöhnen weiß und zu verbinden;<br />
+<br />
+denn das ist alles noch wie ohne Schluß.<br />
+Was für ein Name hätte in den Taschen<br />
+sich finden sollen? An dem Überdruß<br />
+um ihren Mund hat man herumgewaschen;<br />
+<br />
+er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.<br />
+Die Bärte stehen, noch ein wenig härter,<br />
+doch ordentlicher im Geschmack der Wärter,<br />
+<br />
+nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.<br />
+Die Augen haben hinter ihren Lidern<br />
+sich umgewandt und schauen jetzt hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_GEFANGENE" id="DER_GEFANGENE"></a>DER GEFANGENE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Meine Hand hat nur noch eine<br />
+Gebärde, mit der sie verscheucht;<br />
+auf die alten Steine<br />
+fällt es aus Felsen feucht.<br />
+<br />
+Ich höre nur dieses Klopfen,<br />
+und mein Herz hält Schritt<br />
+mit dem Gehen der Tropfen<br />
+und vergeht damit.<br />
+<br />
+Tropften sie doch schneller,<br />
+käme doch wieder ein Tier.<br />
+Irgendwo war es heller&mdash;.<br />
+Aber was wissen wir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,<br />
+Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,<br />
+das würde Stein bis um die kleine Stelle,<br />
+an der dein Herz und deine Hände sind.<br />
+<br />
+Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann<br />
+und: späterhin und nächstes Jahr und weiter&mdash;<br />
+das würde wund in dir und voller Eiter<br />
+und schwäre nur und bräche nicht mehr an.<br />
+<br />
+Und das was war, das wäre irre und<br />
+raste in dir herum, den lieben Mund,<br />
+der niemals lachte, schäumend von Gelächter.<br />
+<br />
+Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter<br />
+und stopfte boshaft in das letzte Loch<br />
+ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PANTHER" id="DER_PANTHER"></a>DER PANTHER<br />
+<br />
+IM JARDIN DES PLANTES, PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe<br />
+so müd geworden, daß er nichts mehr hält.<br />
+Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe<br />
+und hinter tausend Stäben keine Welt.<br />
+<br />
+Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,<br />
+der sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br />
+ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br />
+in der betäubt ein großer Wille steht.<br />
+<br />
+Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br />
+sich lautlos auf&mdash;. Dann geht ein Bild hinein,<br />
+geht durch der Glieder angespannte Stille&mdash;<br />
+und hört im Herzen auf zu sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GAZELLE" id="DIE_GAZELLE"></a>DIE GAZELLE<br />
+<br />
+ANTILOPE DORCAS<br />
+<br />
+<br />
+Verzauberte: wie kann der Einklang zweier<br />
+erwählter Worte je den Reim erreichen,<br />
+der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.<br />
+Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,<br />
+<br />
+und alles Deine geht schon im Vergleich<br />
+durch Liebeslieder, deren Worte, weich<br />
+wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,<br />
+sich auf die Augen legen, die er schließt,<br />
+<br />
+um dich zu sehen: hingetragen, als<br />
+wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen<br />
+und schösse nur nicht ab, solang der Hals<br />
+<br />
+das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden<br />
+im Wald die Badende sich unterbricht,<br />
+den Waldsee im gewendeten Gesicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_EINHORN" id="DAS_EINHORN"></a>DAS EINHORN<br />
+<br />
+<br />
+Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet<br />
+fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:<br />
+denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,<br />
+das weiße Tier, das wie eine geraubte<br />
+hilflose Hindin mit den Augen fleht.<br />
+<br />
+Der Beine elfenbeinernes Gestell<br />
+bewegte sich in leichten Gleichgewichten,<br />
+ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,<br />
+und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,<br />
+stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,<br />
+und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.<br />
+<br />
+Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum<br />
+war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß<br />
+(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;<br />
+die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.<br />
+Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,<br />
+warfen sich Bilder in den Raum<br />
+und schlössen einen blauen Sagenkreis.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SANKT_SEBASTIAN" id="SANKT_SEBASTIAN"></a>SANKT SEBASTIAN<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Liegender so steht er; ganz<br />
+hingehalten von dem großen Willen.<br />
+Weit entrückt wie Mütter, wenn sie stillen,<br />
+und in sich gebunden wie ein Kranz.<br />
+<br />
+Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt<br />
+und als sprängen sie aus seinen Lenden,<br />
+eisern bebend mit den freien Enden.<br />
+Doch er lächelt dunkel, unverletzt.<br />
+<br />
+Einmal nur wird eine Trauer groß,<br />
+und die Augen liegen schmerzlich bloß,<br />
+bis sie etwas leugnen, wie Geringes,<br />
+und als ließen sie verächtlich los<br />
+die Vernichter eines schönen Dinges.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_STIFTER" id="DER_STIFTER"></a>DER STIFTER<br />
+<br />
+<br />
+Das war der Auftrag an die Malergilde.<br />
+Vielleicht daß ihm der Heiland nie erschien;<br />
+vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde<br />
+an seine Seite wie in diesem Bilde<br />
+und legte leise seine Hand auf ihn.<br />
+<br />
+Vielleicht war dieses alles: so zu knien<br />
+(so wie es alles ist, was wir erfuhren):<br />
+zu knien: daß man die eigenen Konturen,<br />
+die auswärtswollenden, ganz angespannt<br />
+im Herzen hält, wie Pferde in der Hand.<br />
+<br />
+Daß, wenn ein Ungeheueres geschähe,<br />
+das nicht versprochen ist und nieverbrieft,<br />
+wir hoffen könnten, daß es uns nicht sähe<br />
+und näher käme, ganz in unsre Nähe,<br />
+mit sich beschäftigt und in sich vertieft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br />
+<br />
+<br />
+Mit einem Neigen seiner Stirne weist<br />
+er weit von sich, was einschränkt und verpflichtet;<br />
+denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet<br />
+das ewig Kommende, das kreist.<br />
+<br />
+Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,<br />
+und jede kann ihm rufen: komm, erkenn&mdash;.<br />
+Gib seinen leichten Händen nichts zu halten<br />
+aus deinem Lastenden. Sie kämen denn<br />
+<br />
+bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,<br />
+und gingen wie Erzürnte durch das Haus<br />
+und griffen dich, als ob sie dich erschüfen,<br />
+und brächen dich aus deiner Form heraus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_SARKOPHAGE" id="ROMISCHE_SARKOPHAGE"></a>RÖMISCHE SARKOPHAGE<br />
+<br />
+<br />
+Was aber hindert uns zu glauben, daß<br />
+(so wie wir hingestellt sind und verteilt)<br />
+nicht eine kleine Zeit nur Drang und Haß<br />
+und dies Verwirrende in uns verweilt,<br />
+<br />
+wie einst in dem verzierten Sarkophag<br />
+bei Ringen, Götterbildern, Gläsern, Bändern,<br />
+in langsam sich verzehrenden Gewändern<br />
+ein langsam Aufgelöstes lag&mdash;<br />
+<br />
+bis es die unbekannten Munde schluckten,<br />
+die niemals reden. (Wo besteht und denkt<br />
+ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)<br />
+<br />
+Da wurde von den alten Aquädukten<br />
+ewiges Wasser in sie eingelenkt&mdash;:<br />
+das spiegelt jetzt und geht und glänzt in ihnen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_SCHWAN" id="DER_SCHWAN"></a>DER SCHWAN<br />
+<br />
+<br />
+Diese Mühsal, durch noch Ungetanes<br />
+schwer und wie gebunden hinzugehn,<br />
+gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.<br />
+<br />
+Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen<br />
+jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,<br />
+seinem ängstlichen Sich-Niederlassen&mdash;:<br />
+<br />
+in die Wasser, die ihn sanft empfangen<br />
+und die sich, wie glücklich und vergangen,<br />
+unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;<br />
+während er unendlich still und sicher<br />
+immer mündiger und königlicher<br />
+und gelassener zu ziehn geruht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KINDHEIT" id="KINDHEIT"></a>KINDHEIT<br />
+<br />
+<br />
+Es wäre gut viel nachzudenken, um<br />
+von so Verlornem etwas auszusagen,<br />
+von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,<br />
+die so nie wiederkamen&mdash;und warum?<br />
+<br />
+Noch mahnt es uns&mdash;: vielleicht in einem Regnen,<br />
+aber wir wissen nicht mehr, was das soll;<br />
+nie wieder war das Leben von Begegnen,<br />
+von Wiedersehn und Weitergehn so voll<br />
+<br />
+wie damals, da uns nichts geschah als nur,<br />
+was einem Ding geschieht und einem Tiere:<br />
+da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre<br />
+und wurden bis zum Rande voll Figur.<br />
+<br />
+Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt<br />
+und so mit großen Fernen überladen<br />
+und wie von weit berufen und berührt<br />
+und langsam wie ein langer neuer Faden<br />
+in jene Bilderfolgen eingeführt,<br />
+in welchen nun zu dauern uns verwirrt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_DICHTER" id="DER_DICHTER"></a>DER DICHTER<br />
+<br />
+<br />
+Du entfernst dich von mir, du Stunde.<br />
+Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.<br />
+Allein: was soll ich mit meinem Munde?<br />
+mit meiner Nacht? mit meinem Tag?<br />
+<br />
+Ich habe keine Geliebte, kein Haus,<br />
+keine Stelle, auf der ich lebe.<br />
+Alle Dinge, an die ich mich gebe,<br />
+werden reich und geben mich aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_SPITZE" id="DIE_SPITZE"></a>DIE SPITZE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,<br />
+noch unbestätigter Bestand von Glück:<br />
+ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze,<br />
+zu diesem kleinen dichten Spitzenstück<br />
+zwei Augen wurden?&mdash;Willst du sie zurück?<br />
+<br />
+Du Langvergangene und schließlich Blinde,<br />
+ist deine Seligkeit in diesem Ding,<br />
+zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,<br />
+dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging?<br />
+<br />
+Durch einen Riß im Schicksal, eine Lücke<br />
+entzogst du deine Seele deiner Zeit;<br />
+und sie ist so in diesem lichten Stücke,<br />
+daß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Und wenn uns eines Tages dieses Tun<br />
+und was an uns geschieht gering erschiene<br />
+und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,<br />
+daß wir so mühsam aus den Kinderschuhn<br />
+um seinetwillen wachsen&mdash;: Ob die Bahn<br />
+vergilbter Spitze, diese dichtgefügte<br />
+blumige Spitzenbahn, dann nicht genügte,<br />
+uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.<br />
+<br />
+Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß?<br />
+Ein Glück war da und wurde hingegeben,<br />
+und endlich wurde doch, um jeden Preis,<br />
+dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben<br />
+und doch vollendet und so schön, als sei's<br />
+nicht mehr zu früh, zu lächeln und zu schweben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_FRAUENSCHICKSAL" id="EIN_FRAUENSCHICKSAL"></a>EIN FRAUENSCHICKSAL<br />
+<br />
+<br />
+So wie der König auf der Jagd ein Glas<br />
+ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,&mdash;<br />
+und wie hernach der, welcher es besaß,<br />
+es fortstellt und verwahrt, als wär es keines:<br />
+<br />
+so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,<br />
+bisweilen Eine an den Mund und trank,<br />
+die dann ein kleines Leben, viel zu bang<br />
+sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch<br />
+<br />
+hinstellte in die ängstliche Vitrine,<br />
+in welcher seine Kostbarkeiten sind<br />
+(oder die Dinge, die für kostbar gelten).<br />
+<br />
+Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne<br />
+und wurde einfach alt und wurde blind<br />
+und war nicht kostbar und war niemals selten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GENESENDE" id="DIE_GENESENDE"></a>DIE GENESENDE<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Singen kommt und geht in Gassen<br />
+und sich nähert und sich wieder scheut,<br />
+flügelschlagend, manchmal fast zu fassen<br />
+und dann wieder weit hinausgestreut:<br />
+<br />
+spielt mit der Genesenden das Leben;<br />
+während sie, geschwächt und ausgeruht,<br />
+unbeholfen, um sich hinzugeben,<br />
+eine ungewohnte Geste tut.<br />
+<br />
+Und sie fühlt sich beinah wie Verführung,<br />
+wenn die hartgewordne Hand, darin<br />
+Fieber waren voller Widersinn,<br />
+fernher, wie mit blühender Berührung,<br />
+zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ERWACHSENE" id="DIE_ERWACHSENE"></a>DIE ERWACHSENE<br />
+<br />
+<br />
+Das alles stand auf ihr und war die Welt<br />
+und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,<br />
+wie Bäume stehen, wachsend und gerade,<br />
+ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade<br />
+und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.<br />
+<br />
+Und sie ertrug es; trug bis obenhin<br />
+das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,<br />
+das Ungeheuere, noch Unerlernte<br />
+gelassen wie die Wasserträgerin<br />
+den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,<br />
+verwandelnd und auf andres vorbereitend,<br />
+der erste weiße Schleier, leise gleitend,<br />
+über das aufgetane Antlitz fiel<br />
+<br />
+fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend<br />
+und irgendwie auf alle Fragen ihr<br />
+nur eine Antwort vage wiedergebend:<br />
+In dir, du Kindgewesene, in dir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TANAGRA" id="TANAGRA"></a>TANAGRA<br />
+<br />
+<br />
+Ein wenig gebrannter Erde,<br />
+wie von großer Sonne gebrannt.<br />
+Als wäre die Gebärde<br />
+einer Mädchenhand<br />
+auf einmal nicht mehr vergangen;<br />
+ohne nach etwas zu langen,<br />
+zu keinem Dinge hin<br />
+aus ihrem Gefühle führend,<br />
+nur an sich selber rührend<br />
+wie eine Hand ans Kinn.<br />
+<br />
+Wir heben und wir drehen<br />
+eine und eine Figur;<br />
+wir können fast verstehen,<br />
+weshalb sie nicht vergehen,&mdash;<br />
+aber wir sollen nur<br />
+tiefer und wunderbarer<br />
+hängen an dem, was war,<br />
+und lächeln: ein wenig klarer<br />
+vielleicht als vor einem Jahr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ERBLINDENDE" id="DIE_ERBLINDENDE"></a>DIE ERBLINDENDE<br />
+<br />
+<br />
+Sie saß so wie die anderen beim Tee.<br />
+Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse<br />
+ein wenig anders als die andern fasse.<br />
+Sie lächelte einmal. Es tat fast weh.<br />
+<br />
+Und als man schließlich sich erhob und sprach<br />
+und langsam und wie es der Zufall brachte<br />
+durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),<br />
+da sah ich sie. Sie ging den andern nach,<br />
+<br />
+verhalten, so wie eine, welche gleich<br />
+wird singen müssen und vor vielen Leuten;<br />
+auf ihren hellen Augen, die sich freuten,<br />
+war Licht von außen wie auf einem Teich.<br />
+<br />
+Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,<br />
+als wäre etwas noch nicht überstiegen;<br />
+und doch: als ob, nach einem Übergang,<br />
+sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_EINEM_FREMDEN_PARK" id="IN_EINEM_FREMDEN_PARK"></a>IN EINEM FREMDEN PARK<br />
+<br />
+BORGEBY-GÅRD<br />
+<br />
+<br />
+Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin.<br />
+Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine<br />
+dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;<br />
+aber auf einmal bist du im Rondel<br />
+alleingelassen wieder mit dem Steine<br />
+und wieder auf ihm lesend: Freiherrin<br />
+Brite Sophie&mdash;und wieder mit dem Finger<br />
+abfühlend die zerfallne Jahreszahl&mdash;.<br />
+Warum wird dieses Finden nicht geringer?<br />
+<br />
+Was zögerst du ganz wie zum erstenmal<br />
+erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,<br />
+der feucht und dunkel ist und niebetreten?<br />
+<br />
+Und was verlockt dich für ein Gegensatz,<br />
+etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,<br />
+als wärs der Name eines Rosenstocks?<br />
+<br />
+Was stehst du oft? Was hören deine Ohren?<br />
+Und warum siehst du schließlich, wie verloren,<br />
+die Falter flimmern um den hohen Phlox?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABSCHIED" id="ABSCHIED"></a>ABSCHIED<br />
+<br />
+<br />
+Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.<br />
+Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes<br />
+grausames Etwas, das ein Schönverbundnes<br />
+noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.<br />
+<br />
+Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,<br />
+das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,<br />
+zurückblieb, so als wärens alle Frauen<br />
+und dennoch klein und weiß und nichts als dies:<br />
+<br />
+Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,<br />
+ein leise Weiterwinkendes&mdash;, schon kaum<br />
+erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,<br />
+von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TODESERFAHRUNG" id="TODESERFAHRUNG"></a>TODESERFAHRUNG<br />
+<br />
+<br />
+Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das<br />
+nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,<br />
+Bewunderung und Liebe oder Haß<br />
+dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund<br />
+<br />
+tragischer Klage wunderlich entstellt.<br />
+Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.<br />
+Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,<br />
+spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.<br />
+<br />
+<br />
+Doch als du gingst, da brach in diese Bühne<br />
+ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,<br />
+durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,<br />
+wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.<br />
+<br />
+Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes<br />
+hersagend und Gebärden dann und wann<br />
+aufhebend; aber dein von uns entferntes,<br />
+aus unserm Stück entrücktes Dasein kann<br />
+<br />
+uns manchmal überkommen, wie ein Wissen<br />
+von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,<br />
+so daß wir eine Weile hingerissen<br />
+das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BLAUE_HORTENSIE" id="BLAUE_HORTENSIE"></a>BLAUE HORTENSIE<br />
+<br />
+<br />
+So wie das letzte Grün in Farbentiegeln<br />
+sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,<br />
+hinter den Blütendolden, die ein Blau<br />
+nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.<br />
+<br />
+Sie spiegeln es verweint und ungenau,<br />
+als wollten sie es wiederum verlieren,<br />
+und wie in alten blauen Briefpapieren<br />
+ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;<br />
+<br />
+Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,<br />
+Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:<br />
+wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.<br />
+<br />
+Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen<br />
+in einer von den Dolden, und man sieht<br />
+ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOR_DEM_SOMMERREGEN" id="VOR_DEM_SOMMERREGEN"></a>VOR DEM SOMMERREGEN<br />
+<br />
+<br />
+Auf einmal ist aus allem Grün im Park<br />
+man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen;<br />
+man fühlt ihn näher an die Fenster kommen<br />
+und schweigsam sein. Inständig nur und stark<br />
+<br />
+ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,<br />
+man denkt an einen Hieronymus:<br />
+so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer<br />
+aus dieser einen Stimme, die der Guß<br />
+<br />
+erhören wird. Des Saales Wände sind<br />
+mit ihren Bildern von uns fortgetreten,<br />
+als dürften sie nicht hören, was wir sagen.<br />
+<br />
+Es spiegeln die verblichenen Tapeten<br />
+das ungewisse Licht von Nachmittagen,<br />
+in denen man sich fürchtete als Kind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_SAAL" id="IM_SAAL"></a>IM SAAL<br />
+<br />
+<br />
+Wie sind sie alle um uns, diese Herrn<br />
+in Kammerherrentrachten und Jabots,<br />
+wie eine Nacht um ihren Ordensstern<br />
+sich immer mehr verdunkelnd, rücksichtslos,<br />
+und diese Damen, zart, fragile, doch groß<br />
+von ihren Kleidern, eine Hand im Schoß,<br />
+klein wie ein Halsband für den Bologneser;<br />
+wie sind sie da um jeden: um den Leser,<br />
+um den Betrachter dieser Bibelots,<br />
+darunter manches ihnen noch gehört.<br />
+<br />
+Sie lassen, voller Takt, uns ungestört<br />
+das Leben leben, wie wir es begreifen<br />
+und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blühn,<br />
+und blühn ist schön sein; doch wir wollen reifen,<br />
+und das heißt dunkel sein und sich bemühn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LETZTER_ABEND" id="LETZTER_ABEND"></a>LETZTER ABEND<br />
+<br />
+(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)<br />
+<br />
+<br />
+Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train<br />
+des ganzen Heeres zog am Park vorüber.<br />
+Er aber hob den Blick vom Clavecin<br />
+und spielte noch und sah zu ihr hinüber<br />
+<br />
+beinah, wie man in einen Spiegel schaut:<br />
+so sehr erfüllt von seinen jungen Zügen<br />
+und wissend, wie sie seine Trauer trügen,<br />
+schön und verführender bei jedem Laut.<br />
+<br />
+Doch plötzlich wars, als ob sich das verwische:<br />
+sie stand wie mühsam in der Fensternische<br />
+und hielt des Herzens drängendes Geklopf.<br />
+<br />
+Sein Spiel gab nach. Von draußen wehte Frische.<br />
+Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische<br />
+der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS" id="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS"></a>JUGENDBILDNIS MEINES VATERS<br />
+<br />
+<br />
+Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berührung<br />
+mit etwas Fernem. Um den Mund enorm<br />
+viel Jugend, ungelächelte Verführung,<br />
+und vor der vollen schmückenden Verschnürung<br />
+der schlanken adeligen Uniform<br />
+der Säbelkorb und beide Hände&mdash;, die<br />
+abwarten, ruhig, zu nichts hingedrängt.<br />
+Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie<br />
+zuerst, die Fernes greifenden, verschwänden.<br />
+Und alles andre mit sich selbst verhängt<br />
+und ausgelöscht, als ob wirs nicht verständen,<br />
+und tief aus seiner eignen Tiefe trüb&mdash;.<br />
+<br />
+Du schnell vergehendes Daguerreotyp<br />
+in meinen langsamer vergehenden Händen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906" id="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906"></a>SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906<br />
+<br />
+<br />
+Des alten lange adligen Geschlechtes<br />
+Feststehendes im Augenbogenbau.<br />
+Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau<br />
+und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,<br />
+doch eines Dienenden und einer Frau.<br />
+Der Mund als Mund gemacht, groß und genau,<br />
+nicht überredend, aber ein Gerechtes<br />
+Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes<br />
+und gern im Schatten stiller Niederschau.<br />
+<br />
+Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;<br />
+noch nie im Leiden oder im Gelingen<br />
+zusammgefaßt zu dauerndem Durchdringen,<br />
+doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen<br />
+von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KONIG" id="DER_KONIG"></a>DER KÖNIG<br />
+<br />
+<br />
+Der König ist sechzehn Jahre alt.<br />
+Sechzehn Jahre und schon der Staat.<br />
+Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,<br />
+vorbei an den Greisen vom Rat<br />
+<br />
+in den Saal hinein und irgendwohin<br />
+und fühlt vielleicht nur dies:<br />
+an dem schmalen langen harten Kinn<br />
+die kalte Kette vom Vlies.<br />
+<br />
+Das Todesurteil vor ihm bleibt<br />
+lang ohne Namenszug.<br />
+Und sie denken: wie er sich quält.<br />
+<br />
+Sie wüßten, kennten sie ihn genug,<br />
+daß er nur langsam bis siebzig zählt,<br />
+eh er es unterschreibt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUFERSTEHUNG" id="AUFERSTEHUNG"></a>AUFERSTEHUNG<br />
+<br />
+<br />
+Der Graf vernimmt die Töne,<br />
+er sieht einen lichten Riß;<br />
+er weckt seine dreizehn Söhne<br />
+im Erbbegräbnis.<br />
+<br />
+Er grüßt seine beiden Frauen<br />
+ehrerbietig von weit&mdash;;<br />
+und alle voll Vertrauen<br />
+stehn auf zur Ewigkeit<br />
+<br />
+und warten nur noch auf Erich<br />
+und Ulriken Dorotheen,<br />
+die sieben- und dreizehnjährig<br />
+<span style="margin-left: 1.5em;">(sechzehnhundertzehn)</span><br />
+verstorben sind in Flandern,<br />
+um heute vor den andern<br />
+unbeirrt herzugehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_FAHNENTRAGER" id="DER_FAHNENTRAGER"></a>DER FAHNENTRÄGER<br />
+<br />
+<br />
+Die andern fühlen alles an sich rauh<br />
+und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.<br />
+Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,<br />
+doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;<br />
+er aber trägt&mdash;als trüg er eine Frau&mdash;<br />
+die Fahne in dem feierlichen Kleide.<br />
+Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,<br />
+die manchmal über seine Hände fließt.<br />
+<br />
+Er kann allein, wenn er die Augen schließt,<br />
+ein Lächeln sehn: er darf sie nicht verlassen.<br />
+<br />
+Und wenn es kommt in blitzenden Kürassen<br />
+und nach ihr greift und ringt und will sie fassen&mdash;:<br />
+<br />
+dann darf er sie abreißen von dem Stocke,<br />
+als riß er sie aus ihrem Mädchentum,<br />
+um sie zu halten unterm Waffenrocke.<br />
+<br />
+Und für die andern ist das Mut und Ruhm.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE" id="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE"></a>DER LETZTE GRAF VON BREDERODE<br />
+ENTZIEHT SICH TÜRKISCHER<br />
+GEFANGENSCHAFT<br />
+<br />
+<br />
+Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod<br />
+von ferne nach ihm werfend, während er<br />
+verloren floh, nichts weiter als: bedroht.<br />
+Die Ferne seiner Väter schien nicht mehr<br />
+<br />
+für ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,<br />
+genügt ein Tier vor Jägern. Bis der Fluß<br />
+aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschluß<br />
+hob ihn samt seiner Not und machte ihn<br />
+<br />
+wieder zum Knaben fürstlichen Geblütes.<br />
+Ein Lächeln adeliger Frauen goß<br />
+noch einmal Süßigkeit in sein verfrühtes<br />
+<br />
+vollendetes Gesicht. Er zwang sein Roß,<br />
+groß wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglühte:<br />
+es trug ihn in den Strom wie in sein Schloß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_KURTISANE" id="DIE_KURTISANE"></a>DIE KURTISANE<br />
+<br />
+<br />
+Venedigs Sonne wird in meinem Haar<br />
+ein Gold bereiten: aller Alchemie<br />
+erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die<br />
+den Brücken gleichen, siehst du sie<br />
+<br />
+hinführen ob der lautlosen Gefahr<br />
+der Augen, die ein heimlicher Verkehr<br />
+an die Kanäle schließt, so daß das Meer<br />
+in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer<br />
+<br />
+mich einmal sah, beneidet meinen Hund,<br />
+weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause<br />
+die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,<br />
+<br />
+die unverwundbare, geschmückt, erholt&mdash;.<br />
+Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,<br />
+gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE" id="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE"></a>DIE TREPPE DER ORANGERIE<br />
+<br />
+VERSAILLES<br />
+<br />
+<br />
+Wie Könige, die schließlich nur noch schreiten<br />
+fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit<br />
+sich den Verneigenden auf beiden Seiten<br />
+zu zeigen in des Mantels Einsamkeit&mdash;:<br />
+<br />
+so steigt, allein zwischen den Balustraden,<br />
+die sich verneigen schon seit Anbeginn,<br />
+die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden<br />
+und auf den Himmel zu und nirgends hin;<br />
+<br />
+als ob sie allen Folgenden befahl<br />
+zurückzubleiben,&mdash;so daß sie nicht wagen,<br />
+von ferne nachzugehen; nicht einmal<br />
+die schwere Schleppe durfte einer tragen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_MARMORKARREN" id="DER_MARMORKARREN"></a>DER MARMORKARREN<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,<br />
+verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;<br />
+denn was hochmütig in des Marmors Mitte<br />
+an Alter, Widerstand und All verweilt,<br />
+<br />
+das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht<br />
+unkenntlich, unter irgendeinem Namen,<br />
+nein: wie der Held das Drängen in den Dramen<br />
+erst sichtbar macht und plötzlich unterbricht:<br />
+<br />
+so kommt es durch den stauenden Verlauf<br />
+des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,<br />
+als ob ein großer Triumphator nahte,<br />
+<br />
+langsam zuletzt; und langsam vor ihm her<br />
+Gefangene, von seiner Schwere schwer.<br />
+Und naht noch immer und hält alles auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA_II" id="BUDDHA_II"></a>BUDDHA<br />
+<br />
+<br />
+Schon von ferne fühlt der fremde scheue<br />
+Pilger, wie es golden von ihm träuft;<br />
+so als hätten Reiche voller Reue<br />
+ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.<br />
+<br />
+Aber näher kommend wird er irre<br />
+vor der Hoheit dieser Augenbraun:<br />
+denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre<br />
+und die Ohrgehänge ihrer Fraun.<br />
+<br />
+Wüßte einer denn zu sagen, welche<br />
+Dinge eingeschmolzen wurden, um<br />
+dieses Bild auf diesem Blumenkelche<br />
+<br />
+aufzurichten: stummer, ruhiggelber<br />
+als ein goldenes und rundherum<br />
+auch den Raum berührend wie sich selber.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_FONTANE" id="ROMISCHE_FONTANE"></a>RÖMISCHE FONTÄNE<br />
+<br />
+BORGHESE<br />
+<br />
+<br />
+Zwei Becken, eins das andre übersteigend<br />
+aus einem alten runden Marmorrand,<br />
+und aus dem oberen Wasser leis sich neigend<br />
+zum Wasser, welches unten wartend stand,<br />
+<br />
+dem leise redenden entgegenschweigend<br />
+und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand<br />
+ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend<br />
+wie einen unbekannten Gegenstand;<br />
+<br />
+sich selber ruhig in der schönen Schale<br />
+verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,<br />
+nur manchmal träumerisch und tropfenweis<br />
+<br />
+sich niederlassend an den Moosbehängen<br />
+zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis<br />
+von unten lächeln macht mit Obergängen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KARUSSELL" id="DAS_KARUSSELL"></a>DAS KARUSSELL<br />
+<br />
+JARDIN DU LUXEMBOURG<br />
+<br />
+<br />
+Mit einem Dach und seinem Schatten dreht<br />
+sich eine kleine Weile der Bestand<br />
+von bunten Pferden, alle aus dem Land,<br />
+das lange zögert, eh es untergeht.<br />
+Zwar manche sind an Wagen angespannt,<br />
+doch alle haben Mut in ihren Mienen;<br />
+ein böser roter Löwe geht mit ihnen<br />
+und dann und wann ein weißer Elefant.<br />
+<br />
+Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,<br />
+nur daß er einen Sattel trägt und drüber<br />
+ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.<br />
+<br />
+Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge<br />
+und hält sich mit der kleinen heißen Hand,<br />
+dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.<br />
+<br />
+Und dann und wann ein weißer Elefant.<br />
+<br />
+Und auf den Pferden kommen sie vorüber,<br />
+auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge<br />
+fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge<br />
+schauen sie auf, irgendwohin, herüber&mdash;<br />
+<br />
+Und dann und wann ein weißer Elefant.<br />
+<br />
+Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,<br />
+und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.<br />
+Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,<br />
+ein kleines kaum begonnenes Profil.<br />
+Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,<br />
+ein seliges, das blendet und verschwendet<br />
+an dieses atemlose blinde Spiel.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SPANISCHE_TANZERIN" id="SPANISCHE_TANZERIN"></a>SPANISCHE TÄNZERIN<br />
+<br />
+<br />
+Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,<br />
+eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten<br />
+zuckende Zungen streckt&mdash;: beginnt im Kreis<br />
+naher Beschauer hastig, hell und heiß<br />
+ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.<br />
+<br />
+Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.<br />
+<br />
+Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar<br />
+und dreht auf einmal mit gewagter Kunst<br />
+ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,<br />
+aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,<br />
+die nackten Arme wach und klappernd strecken.<br />
+<br />
+Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,<br />
+nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab<br />
+sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde<br />
+und schaut: da liegt es rasend auf der Erde<br />
+und flammt noch immer und ergibt sich nicht&mdash;.<br />
+Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen<br />
+grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht<br />
+und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TURM" id="DER_TURM"></a>DER TURM<br />
+<br />
+TOUR ST.-NICOLAS, FURNES<br />
+<br />
+<br />
+Erdinneres. Als wäre dort, wohin<br />
+du blindlings steigst, erst Erdenoberfläche,<br />
+zu der du steigst im schrägen Bett der Bäche,<br />
+die langsam aus dem suchenden Gerinn<br />
+<br />
+der Dunkelheit entsprungen sind, durch die<br />
+sich dein Gesicht, wie auferstehend, drängt<br />
+und die du plötzlich <i>siehst</i>, als fiele sie<br />
+aus diesem Abgrund, der dich überhängt<br />
+<br />
+und den du, wie er riesig über dir<br />
+sich umstürzt in dem dämmernden Gestühle,<br />
+erkennst, erschreckt und fürchtend, im Gefühle:<br />
+o wenn er steigt, behängen wie ein Stier&mdash;:<br />
+<br />
+Da aber nimmt dich aus der engen Endung<br />
+windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier<br />
+die Himmel wieder, Blendung über Blendung,<br />
+und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,<br />
+<br />
+und kleine Tage wie bei Patenier,<br />
+gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,<br />
+durch die die Brücken springen wie die Hunde,<br />
+dem hellen Wege immer auf der Spur,<br />
+den unbeholfne Häuser manchmal nur<br />
+verbergen, bis er ganz im Hintergründe<br />
+beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PLATZ" id="DER_PLATZ"></a>DER PLATZ<br />
+<br />
+FURNES<br />
+<br />
+<br />
+Willkürlich von Gewesnem ausgeweitet:<br />
+von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,<br />
+das die Verurteilten zu Tod begleitet,<br />
+von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,<br />
+und von dem Herzog, der vorüberreitet,<br />
+und von dem Hochmut von Burgund,<br />
+<br />
+(auf allen Seiten Hintergrund):<br />
+<br />
+ladet der Platz zum Einzug seiner Weite<br />
+die fernen Fenster unaufhörlich ein,<br />
+während sich das Gefolge und Geleite<br />
+der Leere langsam an den Handelsreihn<br />
+<br />
+verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,<br />
+wollen die kleinen Häuser alles sehn,<br />
+die Türme voreinander scheu verschweigend,<br />
+die immer maßlos hinter ihnen stehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="QUAI_DU_ROSAIRE" id="QUAI_DU_ROSAIRE"></a>QUAI DU ROSAIRE<br />
+<br />
+BRÜGGE<br />
+<br />
+<br />
+Die Gassen haben einen sachten Gang<br />
+(wie manchmal Menschen gehen im Genesen<br />
+nachdenkend: was ist früher hier gewesen?)<br />
+und die an Plätze kommen, warten lang<br />
+<br />
+auf eine andre, die mit einem Schritt<br />
+über das abendklare Wasser tritt,<br />
+darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,<br />
+die eingehängte Welt von Spiegelbildern<br />
+so wirklich wird, wie diese Dinge nie.<br />
+<br />
+Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie<br />
+(nach einem unbegreiflichen Gesetz)<br />
+sie wach und deutlich wird im Umgestellten,<br />
+als wäre dort das Leben nicht so selten;<br />
+dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten,<br />
+dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten<br />
+Fenstern der Tanz in den Estaminets.<br />
+<br />
+Und oben blieb?&mdash;Die Stille nur, ich glaube,<br />
+und kostet langsam und von nichts gedrängt<br />
+Beere um Beere aus der süßen Traube<br />
+des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEGUINAGE" id="BEGUINAGE"></a>BÉGUINAGE<br />
+<br />
+BÉGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRÜGGE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,<br />
+die Brücke geht gleich gerne hin und her,<br />
+und doch sind sicher alle in dem alten<br />
+offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr<br />
+aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen<br />
+zur Kirche hin, um besser zu begreifen,<br />
+warum in ihnen so viel Liebe war.<br />
+<br />
+Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen<br />
+so gleich, als wäre nur das Bild der einen<br />
+tausendmal im Choral, der tief und klar<br />
+zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;<br />
+und ihre Stimmen gehn den immer steilern<br />
+Gesang hinan und werfen sich von dort,<br />
+wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,<br />
+den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.<br />
+<br />
+Drum sind die unten, wenn sie sich erheben<br />
+und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend<br />
+mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend<br />
+Empfangenden, geweihtes Wasser, das<br />
+die Stirnen kühl macht und die Munde blaß.<br />
+<br />
+Und gehen dann, verhangen und verhalten,<br />
+auf jenem Streifen wieder überquer&mdash;<br />
+die Jungen ruhig, ungewiß die Alten<br />
+und eine Greisin, weilend, hinterher&mdash;<br />
+zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen<br />
+und die sich durch die Ulmen hin von Zeit<br />
+zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,<br />
+in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben<br />
+das Kirchenfenster in den Hof hinein,<br />
+darin sich Schweigen, Schein und Widerschein<br />
+vermischen, trinken, trüben, übertreiben,<br />
+phantastisch alternd wie ein alter Wein?<br />
+<br />
+Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite,<br />
+Außen auf Inneres und Ewigkeit<br />
+auf Immer-Hingehn, Weite über Weite,<br />
+erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.<br />
+<br />
+Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor<br />
+des Sommertags, das Graue alter Winter:<br />
+als stünde regungslos ein sanftgesinnter<br />
+langmütig lange Wartender dahinter<br />
+und eine weinend Wartende davor.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MARIENPROZESSION" id="DIE_MARIENPROZESSION"></a>DIE MARIENPROZESSION<br />
+<br />
+GENT<br />
+<br />
+<br />
+Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß,<br />
+hinwallendes Metall in solchen Massen,<br />
+als sollte drunten in der Form der Gassen<br />
+ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß,<br />
+<br />
+an dessen Rand, gehämmert und erhaben,<br />
+zu sehen ist der buntgebundne Zug<br />
+der leichten Mädchen und der neuen Knaben,<br />
+und wie er Wellen schlug und trieb und trug,<br />
+hinabgehalten von dem ungewissen<br />
+Gewicht der Fahnen und von Hindernissen<br />
+gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;<br />
+<br />
+und drüben plötzlich beinah mitgerissen<br />
+vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken,<br />
+die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken<br />
+an ihren Silberketten zerrn.<br />
+<br />
+Die Böschung Schauender umschließt die Schiene,<br />
+in der das alles stockt und rauscht und rollt:<br />
+das Kommende, das Chryselephantine,<br />
+aus dem sich zu Balkonen Baldachine<br />
+aufbäumen, schwankend im Behang von Gold.<br />
+<br />
+Und sie erkennen über all dem Weißen,<br />
+getragen und im spanischen Gewand,<br />
+das alte Standbild mit dem kleinen heißen<br />
+Gesichte und dem Kinde auf der Hand<br />
+und knieen hin, je mehr es naht und naht,<br />
+in seiner Krone ahnungslos veraltend<br />
+und immer noch das Segnen hölzern haltend<br />
+aus dem sich groß gebärdenden Brokat.<br />
+<br />
+Da aber, wie es an den Hingeknieten<br />
+vorüberkommt, die scheu von unten schaun,<br />
+da scheint es seinen Trägern zu gebieten<br />
+mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,<br />
+hochmütig, ungehalten und bestimmt:<br />
+so daß sie staunen, stehn und überlegen<br />
+und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt<br />
+<br />
+in sich die Schritte dieses ganzen Stromes<br />
+und geht, allein, wie auf erkannten Wegen<br />
+dem Glockendonnern des großoffnen Domes<br />
+auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_INSEL" id="DIE_INSEL"></a>DIE INSEL<br />
+<br />
+NORDSEE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt,<br />
+und alles wird auf allen Seiten gleich;<br />
+die kleine Insel draußen aber hat<br />
+die Augen zu; verwirrend kreist der Deich<br />
+<br />
+um ihre Wohner, die in einen Schlaf<br />
+geboren werden, drin sie viele Welten<br />
+verwechseln schweigend; denn sie reden selten,<br />
+und jeder Satz ist wie ein Epitaph<br />
+<br />
+für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,<br />
+das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt.<br />
+Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,<br />
+<br />
+von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,<br />
+zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes,<br />
+das ihre Einsamkeit noch übertreibt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Als läge er in einem Kraterkreise<br />
+auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt,<br />
+und drin die Gärten sind auf gleiche Weise<br />
+gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt<br />
+<br />
+von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht<br />
+und tagelang sie bange macht mit Toden.<br />
+Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht<br />
+in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden<br />
+<br />
+Seltsames steht. Und einer von den Söhnen<br />
+tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen<br />
+aus der Harmonika wie Weinen weich;<br />
+<br />
+so hörte ers in einem fremden Hafen&mdash;.<br />
+Und draußen formt sich eines von den Schafen<br />
+ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+Nah ist nur Innres; alles andre fern.<br />
+Und dieses Innere gedrängt und täglich<br />
+mit allem überfüllt und ganz unsäglich.<br />
+Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,<br />
+<br />
+welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört<br />
+in seinem unbewußten Furchtbarsein,<br />
+so daß er, unerhellt und überhört,<br />
+allein,<br />
+<br />
+damit dies alles doch ein Ende nehme,<br />
+dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn<br />
+versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan<br />
+der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HETARENGRABER" id="HETARENGRABER"></a>HETÄRENGRÄBER<br />
+<br />
+<br />
+In ihren langen Haaren liegen sie<br />
+mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.<br />
+Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.<br />
+Skelette, Munde, Blumen. In den Munden<br />
+die glatten Zähne wie ein Reiseschachspiel<br />
+aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.<br />
+Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,<br />
+Hände und Hemden, welkende Gewebe<br />
+über dem eingestürzten Herzen. Aber<br />
+dort unter jenen Ringen, Talismanen<br />
+und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)<br />
+steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,<br />
+bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern.<br />
+Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,&mdash;<br />
+Schalen gebrannten Tones, deren Bug<br />
+ihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherben<br />
+von Salbenvasen, die wie Blumen duften,<br />
+und Formen kleiner Götter: Hausaltäre,<br />
+Hetärenhimmel mit entzückten Göttern.<br />
+Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen,<br />
+kleine Figuren riesigen Geschlechtes,<br />
+ein Mund, der lacht, und Tanzende und Läufer,<br />
+goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlich<br />
+zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,<br />
+und lange Nadeln, zieres Hausgeräte<br />
+und eine runde Scherbe roten Grundes,<br />
+darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,<br />
+die straffen Beine eines Viergespannes.<br />
+Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,<br />
+die hellen Lenden einer kleinen Leier,<br />
+und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,<br />
+wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:<br />
+des Fußgelenkes leichter Schmetterling.<br />
+<br />
+So liegen sie mit Dingen angefüllt,<br />
+kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,<br />
+zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),<br />
+und dunkeln wie der Grund von einem Fluß.<br />
+<br />
+Flußbetten waren sie,<br />
+darüber hin in kurzen schnellen Wellen<br />
+(die weiter wollten zu dem nächsten Leben)<br />
+die Leiber vieler Jünglinge sich stürzten<br />
+und in denen der Männer Ströme rauschten.<br />
+Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen<br />
+der Kindheit, kamen zagen Falles nieder<br />
+und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,<br />
+bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff:<br />
+<br />
+Dann füllten sie mit flachem klaren Wasser<br />
+die ganze Breite dieses breiten Weges<br />
+und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;<br />
+und spiegelten zum erstenmal die Ufer<br />
+und ferne Vogelrufe, während hoch<br />
+die Sternennächte eines süßen Landes<br />
+in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES" id="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES"></a>ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES<br />
+<br />
+<br />
+Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.<br />
+Wie stille Silbererze gingen sie<br />
+als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln<br />
+entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,<br />
+und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.<br />
+Sonst war nichts Rotes.<br />
+<br />
+Felsen war da<br />
+und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres<br />
+und jener große, graue, blinde Teich,<br />
+der über seinem fernen Grunde hing<br />
+wie Regenhimmel über einer Landschaft.<br />
+Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,<br />
+erschien des einen Weges blasser Streifen<br />
+wie eine lange Bleiche hingelegt.<br />
+<br />
+Und dieses einen Weges kamen sie.<br />
+<br />
+Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,<br />
+der stumm und ungeduldig vor sich aussah.<br />
+Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg<br />
+in großen Bissen; seine Hände hingen<br />
+schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten<br />
+und wußten nicht mehr von der leichten Leier,<br />
+die in die Linke eingewachsen war<br />
+wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.<br />
+Und seine Sinne waren wie entzweit:<br />
+<br />
+indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,<br />
+umkehrte, kam und immer wieder weit<br />
+und wartend an der nächsten Wendung stand,&mdash;<br />
+blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.<br />
+Manchmal erschien es ihm, als reichte es<br />
+bis an das Gehen jener beiden andern,<br />
+die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.<br />
+Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang<br />
+und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.<br />
+Er aber sagte sich, sie kämen doch;<br />
+sagte es laut und hörte sich verhallen.<br />
+Sie kämen doch, nur wärens zwei,<br />
+die furchtbar leise gingen. Dürfte er<br />
+sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun<br />
+nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,<br />
+das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,<br />
+die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:<br />
+<br />
+den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,<br />
+die Reischaube über hellen Augen,<br />
+den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe<br />
+und flügelschlagend an den Fußgelenken;<br />
+und seiner linken Hand gegeben: <i>sie</i>.<br />
+Die So-geliebte, daß aus einer Leier<br />
+mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;<br />
+daß eine Welt aus Klage ward, in der<br />
+alles noch einmal da war: Wald und Tal<br />
+und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;<br />
+und daß um diese Klage-Welt ganz so<br />
+wie um die andre Erde eine Sonne<br />
+und ein gestirnter stiller Himmel ging,<br />
+ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen&mdash;:<br />
+diese So-geliebte.<br />
+<br />
+Sie aber ging an jenes Gottes Hand,<br />
+den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,<br />
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br />
+Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung<br />
+und dachte nicht des Mannes, der voranging,<br />
+und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.<br />
+Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein<br />
+erfüllte sie wie Fülle.<br />
+Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,<br />
+so war sie voll von ihrem großen Tode,<br />
+der also neu war, daß sie nichts begriff.<br />
+<br />
+Sie war in einem neuen Mädchentum<br />
+und unberührbar; ihr Geschlecht war zu<br />
+wie eine junge Blume gegen Abend,<br />
+und ihre Hände waren der Vermählung<br />
+so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes<br />
+unendlich leise leitende Berührung<br />
+sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.<br />
+<br />
+Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,<br />
+die in des Dichters Liedern manchmal anklang,<br />
+nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland<br />
+und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.<br />
+Sie war schon aufgelöst wie langes Haar<br />
+und hingegeben wie gefallner Regen<br />
+und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.<br />
+<br />
+Sie war schon Wurzel.<br />
+Und als plötzlich jäh<br />
+der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf<br />
+die Worte sprach: Er hat sich umgewendet<br />
+begriff sie nichts und sagte leise: Wer?<br />
+<br />
+Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,<br />
+stand irgend jemand, dessen Angesicht<br />
+nicht zu erkennen war. Er stand und sah,<br />
+wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades<br />
+mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft<br />
+sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,<br />
+die schon zurückging dieses selben Weges,<br />
+den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,<br />
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALKESTIS" id="ALKESTIS"></a>ALKESTIS<br />
+<br />
+<br />
+Da plötzlich war der Bote unter ihnen,<br />
+hineingeworfen in das Überkochen<br />
+des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.<br />
+Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes<br />
+heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit<br />
+so an sich hielt wie einen nassen Mantel<br />
+und ihrer einer schien, der oder jener,<br />
+wie er so durchging. Aber plötzlich sah<br />
+mitten im Sprechen einer von den Gästen<br />
+den jungen Hausherrn oben an dem Tische<br />
+wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend<br />
+und überall und mit dem ganzen Wesen<br />
+ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.<br />
+Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung,<br />
+war Stille; nur mit einem Satz am Boden<br />
+von trübem Lärm und einem Niederschlag<br />
+fallenden Lallens, schon verdorben riechend<br />
+nach dumpfem umgestandenen Gelächter.<br />
+Und da erkannten sie den schlanken Gott,<br />
+und wie er dastand, innerlich voll Sendung<br />
+und unerbittlich,&mdash;wußten sie es beinah.<br />
+Und doch, als es gesagt war, war es mehr<br />
+als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.<br />
+Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde.<br />
+<br />
+Der aber brach die Schale seines Schreckens<br />
+in Stücken ab und streckte seine Hände<br />
+heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.<br />
+Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,<br />
+um Monate, um Wochen, um paar Tage,<br />
+ach, Tage nicht, um Nächte, nur um eine,<br />
+um eine Nacht, um diese nur: um die.<br />
+Der Gott verneinte, und da schrie er auf<br />
+und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,<br />
+wie seine Mutter aufschrie beim Gebären.<br />
+<br />
+Und die trat zu ihm, eine alte Frau,<br />
+und auch der Vater kam, der alte Vater,<br />
+und beide standen, alt, veraltet, ratlos,<br />
+beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie<br />
+so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:<br />
+Vater,<br />
+liegt dir denn viel daran an diesem Rest,<br />
+an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?<br />
+Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau,<br />
+Matrone,<br />
+was tust du denn noch hier: du hast geboren.<br />
+Und beide hielt er sie wie Opfertiere<br />
+in einem Griff. Auf einmal ließ er los<br />
+und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend<br />
+und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!<br />
+Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.<br />
+Aber in seinem Antlitz stand das andere,<br />
+das er nicht sagte, namenlos erwartend,<br />
+wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,<br />
+erglühend hinhielt übern wirren Tisch.<br />
+<br />
+Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,<br />
+sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,<br />
+du aber, du, in deiner ganzen Schönheit&mdash;<br />
+<br />
+Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.<br />
+Er blieb zurück, und das, was kam, war sie,<br />
+ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,<br />
+und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.<br />
+Die andern alle sind nur ihre Gasse,<br />
+durch die sie kommt und kommt&mdash;: (gleich wird sie da sein<br />
+in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).<br />
+Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.<br />
+Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,<br />
+und alle hörens gleichsam erst im Gotte:<br />
+<br />
+Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins.<br />
+Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,<br />
+wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,<br />
+was ich hier war? Das <i>ists</i> ja, daß ich sterbe.<br />
+Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,<br />
+daß jenes Lager, das da drinnen wartet,<br />
+zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied.<br />
+Abschied über Abschied.<br />
+Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,<br />
+damit das alles, unter dem begraben,<br />
+der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst&mdash;.<br />
+So für mich hin: ich sterbe ja für ihn.<br />
+<br />
+Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,<br />
+so trat der Gott fast wie zu einer Toten<br />
+und war auf einmal weit von ihrem Gatten,<br />
+dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,<br />
+die hundert Leben dieser Erde zuwarf.<br />
+Der stürzte taumelnd zu den beiden hin<br />
+und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen<br />
+schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen<br />
+verweint sich drängten. Aber einmal sah<br />
+er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte<br />
+mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung,<br />
+die beinah ein Versprechen war: erwachsen<br />
+zurückzukommen aus dem tiefen Tode<br />
+zu ihm, dem Lebenden&mdash;<br />
+<br />
+Da schlug er jäh<br />
+die Hände vors Gesicht, wie er so kniete,<br />
+um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GEBURT_DER_VENUS" id="GEBURT_DER_VENUS"></a>GEBURT DER VENUS<br />
+<br />
+<br />
+An diesem Morgen nach der Nacht, die bang<br />
+vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,&mdash;<br />
+brach alles Meer noch einmal auf und schrie.<br />
+Und als der Schrei sich langsam wieder schloß<br />
+und von der Himmel blassem Tag und Anfang<br />
+herabfiel in der stummen Fische Abgrund&mdash;:<br />
+gebar das Meer.<br />
+<br />
+Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum<br />
+der weiten Wogenscham, an deren Rand<br />
+das Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht.<br />
+So wie ein junges grünes Blatt sich rührt,<br />
+sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlägt,<br />
+entfaltete ihr Leib sich in die Kühle<br />
+hinein und in den unberührten Frühwind.<br />
+<br />
+Wie Monde stiegen klar die Kniee auf<br />
+und tauchten in der Schenkel Wolkenränder;<br />
+der Waden schmaler Schatten wich zurück,<br />
+die Füße spannten sich und wurden licht,<br />
+und die Gelenke lebten wie die Kehlen<br />
+von Trinkenden.<br />
+<br />
+Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib<br />
+wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.<br />
+In seines Nabels engem Becher war<br />
+das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.<br />
+<br />
+Darunter hob sich licht die kleine Welle<br />
+und floß beständig über nach den Lenden,<br />
+wo dann und wann ein stilles Rieseln war.<br />
+Durchschienen aber und noch ohne Schatten,<br />
+wie ein Bestand von Birken im April,<br />
+warm, leer und unverborgen lag die Scham.<br />
+<br />
+Jetzt stand der Schultern rege Wage schon<br />
+im Gleichgewichte auf dem graden Körper,<br />
+der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg<br />
+und zögernd in den langen Armen abfiel<br />
+und rascher in dem vollen Kall des Haars.<br />
+<br />
+Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:<br />
+aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigung<br />
+in klares, wagrechtes Erhobensein.<br />
+Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn.<br />
+<br />
+Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl<br />
+und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,<br />
+streckten sich auch die Arme aus wie Hälse<br />
+von Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen.<br />
+<br />
+Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühe<br />
+wie Morgenwind der erste Atemzug.<br />
+Im zartesten Geäst der Aderbäume<br />
+entstand ein Flüstern, und das Blut begann<br />
+zu rauschen über seinen tiefen Stellen.<br />
+Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich<br />
+mit allem Atem in die neuen Brüste<br />
+und füllte sie und drückte sich in sie,&mdash;<br />
+daß sie wie Segel, von der Ferne voll,<br />
+das leichte Mädchen nach dem Strande drängten.<br />
+<br />
+So landete die Göttin.<br />
+<br />
+Hinter ihr,<br />
+die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,<br />
+erhoben sich den ganzen Vormittag<br />
+die Blumen und die Halme, warm, verwirrt<br />
+wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.<br />
+<br />
+Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,<br />
+hob sich das Meer noch einmal auf und warf<br />
+einen Delphin an jene selbe Stelle.<br />
+Tot, rot und offen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ROSENSCHALE" id="DIE_ROSENSCHALE"></a>DIE ROSENSCHALE<br />
+<br />
+<br />
+Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben<br />
+zu einem Etwas sich zusammenballen,<br />
+das Haß war und sich auf der Erde wälzte<br />
+wie ein von Bienen überfallnes Tier;<br />
+Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,<br />
+rasende Pferde, die zusammenbrachen,<br />
+den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß,<br />
+als schälte sich der Schädel aus dem Maule.<br />
+<br />
+Nun aber weißt du, wie sich das vergißt:<br />
+denn vor dir steht die volle Rosenschale,<br />
+die unvergeßlich ist und angefüllt<br />
+mit jenem Äußersten von Sein und Neigen,<br />
+Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,<br />
+das unser sein mag: Äußerstes auch uns.<br />
+<br />
+Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,<br />
+Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum<br />
+zu nehmen, den die Dinge rings verringern,<br />
+fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes<br />
+und lauter Inneres, viel seltsam Zartes<br />
+und Sich-bescheinendes bis an den Rand:<br />
+ist irgend etwas uns bekannt wie dies?<br />
+Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht,<br />
+weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?<br />
+<br />
+Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid,<br />
+und drunter liegen lauter Augenlider,<br />
+geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend<br />
+zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.<br />
+Und dies vor allem: daß durch diese Blätter<br />
+das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln<br />
+filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,<br />
+in dessen Feuerschein das wirre Bündel<br />
+der Staubgeläße sich erregt und aufbäumt.<br />
+<br />
+Und die Bewegung in den Rosen, sieh:<br />
+Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel,<br />
+daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre<br />
+Strahlen nicht auseinander in das Weltall.<br />
+<br />
+Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug<br />
+und dasteht in den großen offnen Blättern<br />
+wie eine Venus aufrecht in der Muschel;<br />
+und die errötende, die wie verwirrt<br />
+nach einer kühlen sich hinüberwendet,<br />
+und wie die kühle fühllos sich zurückzieht,<br />
+und wie die kalte steht, in sich gehüllt,<br />
+unter den offenen, die alles abtun.<br />
+Und <i>was</i> sie abtun, wie das leicht und schwer,<br />
+wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel<br />
+und eine Maske sein kann, je nachdem,<br />
+und <i>wie</i> sie's abtun: wie vor dem Geliebten.<br />
+<br />
+Was können sie nicht sein: war jene gelbe,<br />
+die hohl und offen daliegt, nicht die Schale<br />
+von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,<br />
+gesammelter, orangeröter, Saft war?<br />
+Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn,<br />
+weil an der Luft ihr namenloses Rosa<br />
+den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?<br />
+Und die batistene, ist sie kein Kleid,<br />
+in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,<br />
+mit dem zugleich es abgeworfen wurde<br />
+im Morgenschatten an dem alten Waldbad?<br />
+Und dieses hier, opalnes Porzellan,<br />
+zerbrechlich, eine flache Chinatasse<br />
+und angefüllt mit kleinen hellen Faltern,&mdash;<br />
+und jene da, die nichts enthält als sich?<br />
+<br />
+Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,<br />
+wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen<br />
+und Wind und Regen und Geduld des Frühlings<br />
+und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal<br />
+und Dunkelheit der abendlichen Erde<br />
+bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,<br />
+bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne<br />
+in eine Hand voll Innres zu verwandeln?<br />
+<br />
+Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br />
+<br />
+<br />
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+</p>
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+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***</div>
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