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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:16 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:16 -0700 |
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diff --git a/33821-0.txt b/33821-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b28f89f --- /dev/null +++ b/33821-0.txt @@ -0,0 +1,4509 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 *** + +ERSTE GEDICHTE + +Von + +RAINER MARIA RILKE + + +LEIPZIG + +IM INSEL-VERLAG + +MCMXIII + + + + + + LARENOPFER + + + + +IM ALTEN HAUSE + + +Im alten Hause; vor mir frei +seh ich ganz Prag in weiter Runde; +tief unten geht die Dämmerstunde +mit lautlos leisem Schritt vorbei. + +Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas. +Nur hoch, wie ein behelmter Hüne, +ragt klar vor mir die grünspangrüne +Turmkuppel von Sankt Nikolas. + +Schon blinzelt da und dort ein Licht +fern auf im schwülen Stadtgebrause.-- +Mir ist, daß in dem alten Hause +jetzt eine Stimme "Amen" spricht. + + + + +AUF DER KLEINSEITE + + +Alte Häuser, steilgegiebelt, +hohe Türme voll Gebimmel,-- +in die engen Höfe liebelt +nur ein winzig Stückchen Himmel. + +Und auf jedem Treppenpflocke +müde lächelnd--Amoretten; +hoch am Dache um barocke +Vasen rieseln Rosenketten. + +Spinnverwoben ist die Pforte +dort. Verstohlen liest die Sonne +die geheimnisvollen Worte +unter einer Steinmadonne. + + + + +EIN ADELSHAUS + + +Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe: +wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen. +Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen +und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe. + +Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber, +als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken; +und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken: +das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich--Zauber. + + + + +DER HRADSCHIN + + +Schau so gerne die verwetterte +Stirn der alten Hofburg an; +schon der Blick des Kindes kletterte +dort hinan. + +Und es grüßen selbst die eiligen +Moldauwellen den Hradschin, +von der Brücke sehn die Heiligen +ernst auf ihn. + +Und die Türme schaun, die neueren, +alle zu des Veitsturms Knauf +wie die Kinderschar zum teueren +Vater auf. + + + + +BEI ST. VEIT + + +Gern steh ich vor dem alten Dom; +wie Moder weht es dort, wie Fäule, +und jedes Fenster, jede Säule +spricht noch ihr eignes Idiom. + +Da hockt ein reich geschnörkelt Haus +und lächelt Rokoko-Erotik, +und hart daneben streckt die Gotik +die dürren Hände betend aus. + +Jetzt wird mir klar der casus rei; +ein Gleichnis ists aus alten Zeiten: +der Herr Abbé hier--ihm zuseiten +die Dame des roi soleil. + + + + +IM DOME + + +Wie von Steinen rings, von Erzen +weit der Wände Wölbung funkelt, +eine Heilge, braungedunkelt, +dämmert hinter trüben Kerzen. + +Von der Decke, rundgemauert, +schwebt ob eines Engels Kopfe +hell ein weißer Silbertropfe, +drin ein ewig Lichtlein kauert. + +Und im Eck, wo Goldgeglaste +niederhangt in staubgen Klumpen, +steht in Schmutz gehüllt und Lumpen +still ein Kind der Bettlerkaste. + +Von dem ganzen Glänze floß ihm +in die Brust kein Fünkchen Segen.... +Zitternd, matt, streckts mir entgegen +seine Hand mit leisem: "Prosim!" + + + + +IN DER KAPELLE ST. WENZELS + + +Alle Wände in der Halle +voll des Prachtgesteins; wer wüßte +sie zu nennen: Bergkristalle, +Rauchtopase, Amethyste. + +Zauberhell wie ein Mirakel +glänzt der Raum im Lichtgetänzel, +unterm goldnen Tabernakel +ruht der Staub des heilgen Wenzel. + +Ganz von Leuchten bis zum Scheitel +ist die Kuppel voll, die hohle; +und der Goldglast sieht sich eitel +in die gelben Karneole. + + + + +VOM LUGAUS + + +Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln +und jene wieder spitz wie schlanke Birnen; +dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen +schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln. + +Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten +sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen. +Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen +in sich des Himmels violette Tinten! + + + + +DER BAU + + + (1) + +Die moderne Bauschablone +will mir wahrlich gar nicht passen. +Hier, dies alte Haus darf fassen +reiche, weite Steinterrassen, +kleine, heimliche Balkone. + +Und die weitgewölbten Decken, +die so günstig sind den Lauten, +Nischen rings, die eingebauten, +draus die Arme sich der trauten +Dämmrung dir entgegenstrecken. + +Alle Mauern breiter, stärker +und aus echten Quaderkernen;-- +traun, das Gruseln könnt ich lernen, +seh ich auf die Zinskasernen +aus dem kleinen, Stillen Erker. + + + + +IM STÜBCHEN + + + (2) + +Traut ists, wenn verstohlen heulen +im Kamine wilde Winde +in der Stube; ganz gelinde +tickt auf dem barocken Spinde +fort die Stockuhr mit den Säulen. +Dort, die kleine Silhouette +zeigt die alte Tracht der Locken, +tief im Fenster steht ein Rocken, +und vergeßne Töne stocken +im verlassenen Spinette. +Immer noch hegt die Postille, +daß an ihrem Geist erfrische +jung und alt sich, auf dem Tische, +und der Spruch ob jener Nische +lautet: "Es gescheh Dein Wille...." + + + + +ZAUBER + + + (3) + +Oft seh ich die heimliche Stube belebt, +so lebhaft erzählen die Wände; +ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt +dort zu der Madonna die Hände. + +Ein tüchtiger Junge beim Vater steht, +der viel zu des Hauses Gewinn tat. +An huben sie flüsternd das Abendgebet, +und Mutter läßt ruhen das Spinnrad. + +Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß +sogar der Madonna im Rahmen. +Ich lausche:--Laut von des Vaters Baß +ertönt das versöhnende: "Amen". + + + + +EIN ANDERES + + + (4) + +Naht der Sohn mit schwerem Schritt +seinem Vater. Schwer die Zunge.... +"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?! +Vorwärts, nur herein damit!" + +Und da steht zum erstenmal +jetzt das Mädchen rot und stille; +und der Vater putzt die Brille: +"Teufel! Gut war deine Wahl!" + +Und er streckt die Arme aus, +und das Bräutchen nimmt verlegen +seinen Kuß und seinen Segen.... +Davon weiß das alte Haus. + + + + +NOCH EINES + + + (5) + +Auch dem blonden Kinde kam es +In sein Herz, sein waldseereines, +wie das dunkle Ahnen eines +großen Glückes oder Grames. + +Und die Mutter ließ das Rädchen +stocken.--"Kind, was macht dich leiden?" +Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen: +doch verstanden sich die beiden. + +Kurz darauf: Am Pförtchen pochte +junger Herr.--"Wollt ihr euch?"--Pause.-- +Ob!--Wer da noch fragen mochte!?-- +So geschahs im alten Hause. + + + + +UND DAS LETZTE + + + (6) + +Still heut die Stube.--Weiß wie Kalk +ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos +ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos +lehnt sie bei Vaters Katafalk. + +Zuseiten ihr der Gatte kann +sie trösten mehr in keiner Weise; +nun faßt er ihre Hände leise +und sieht sie ernst und bittend an. + +"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!" +tönt türher hell das Wort des Kleinen; +da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen, +und Trost geht durch das alte Haus. + + + + +IM ERKERSTÜBCHEN + + + (7) + +Nicht zu sehn das Alltagstreiben, +flieh ich--wie wenn ich ein Strauß war,-- +in das alte, alte Haus her; +lang dann seh ich nicht hinaus mehr +durch die breit verbleiten Scheiben. + +Schlichtheit war der Väter Aussaat, +Glück die Frucht, die sie gefunden; +sitz so träumend manche Stunden +dort im Polsterstuhl, im runden, +mitten in Urväterhausrat. + + + + +DER NÖVEMBERTAG + + +Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln, +seine tausend Jubelstimmen schweigen; +hoch vom Domturm wimmern gar so eigen +Sterbeglocken in Novembernebeln. + +Auf den nassen Dächern liegt verschlafen +weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen +greift der Sturm in des Kamines Wänden +eines Totenkarmens Schlußoktaven. + + + + +IM STRAßEN KAPELLCHEN + + +Bei St. Loretto da brennt ein Licht +vorm Bilde im Straßenkapellchen; +und um das Wandbild schmiegen sich dicht +Blechblumen mit farbigen Kelchen. + +Die Heiligen machen ein übel Gesicht; +denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat +nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht +schaut fromm in den dämmernden Sabbat. + + + + +DAS KLOSTER + + +Im Dämmerdustgeschwel +ist schon die Stadt zerronnen +hoch steht das Haus der Nonnen +des Ordens von Carmel. + +Der Abend hüpft hangab +vorbei mit Feuergarben +und windet tausend Farben +um jeden Fensterstab. + +Er schmückt das düstre Haus +umsonst mit Lichtgeglänze; +So sehen frische Kränze +auf Leichensteinen aus. + + + + +BEI DEN KAPUZINERN + + +Es hat der Pater Guardian +vom Klosterschnaps mir angeboten; +ich kenn ihn schon, den dunkelroten, +der alle Toten wecken kann. + +Der Pater sucht den Schlüssel, klein, +dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten, +und holt den Schatz, den selbstgebrauten, +hervor aus dem Reliquienschrein. + +Und wie er einschenkt, lacht er feist +und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine, +die einstens ruhten in dem Schreine, +doch uns erhalten blieb----der Geist!" + + + + +ABEND + + +Einsam hinterm letzten Haus +geht die rote Sonne schlafen, +und in ernste Schlußoktaven +klingt des Tages Jubel aus. + +Lose Lichter haschen spät +noch sich auf den Dächerkanten, +wenn die Nacht schon Diamanten +in die blauen Fernen sät. + + + + +JAR. VRCHLICKÝ + + +Ich lehn im Armstuhl, im bequemen, +wo oft ich Ungemach vergaß, +müd nicken krause Chrysanthemen +im hohen Venezianergläs. + +Ich las in einem Band Gedichte +gar lange; wie die Zeit entschwand! +Jetzt erst im Abenddämmerlicbte +leg ich sie selig aus der Hand. + +Mir ist, von göttlichen Problemen +hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,-- +hat mich der Hauch der Chrysanthemen, +hat mich Vrchlickýs Buch berauscht? + + + + +IM KREUZGANG VON LORETTO + + +Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten, +wo über krausen Säulenarabesken +herniederschaun aus halb verwischten Fresken +geheimnisvolle Heiligengestalten. + +Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht +so manchen gnadenvollen Heilmirakels, +prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels +im silberübersäten Seidenkleid. + +Spannt über Blättergold Spätsommerhaar +sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,-- +vor einem Bild im Stile Tintorettos +steht selig still ein junges Liebespaar. + + + + +DER JUNGE BILDNER + + +Ich muß nach Rom; in unser Städtchen +kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück; +nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen, +ich mach in Rom mein Meisterstück. + +Er sprachs; dann zog er fort im Rausche +durch jene Welt, die er erhofft; +doch war ihm, seine Seele lausche +auf einen innern Vorwurf oft. + +Die Unrast trieb ihn heim, die arge: +Er bildete mit nassem Blick +sein armes, fahles Lieb im Sarge, +und das--das war sein Meisterstück. + + + + +FRÜHLING + + +Die Vögel jubeln--lichtgeweckt--, +die blauen Weiten füllt der Schall aus; +im Kaiserpark das alte Ballhaus +ist ganz mit Blüten überdeckt. + +Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll +ins junge Gras mit großen Lettern. +Nur dorten unter welken Blättern +seufzt traurig noch ein Steinapoll. + +Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz +hinweg das gelbe Blattgeranke +und legt um seine Stirn, die blanke, +den blauenden Syringenkranz. + + + + +LAND UND VOLK + + +...Gott war guter Laune. Geizen +ist doch wohl nicht seine Art; +und er lächelte: da ward +Böhmen, reich an tausend Reizen. + +Wie erstarrtes Licht liegt Weizen +zwischen Bergen, waldbehaart, +und der Baum, den dichtgeschaart +Früchte drücken, fordert Spreizen. + +Gott gab Hütten; voll von Schafen +Ställe; und der Dirne klafft +vor Gesundheit fast das Mieder. + +Gab den Burschen all, den braven, +in die raube Faust die Kraft, +in das Herz--die Heimatlieder. + + + + +DER ENGEL + + +Hin geh ich durch die Malvasinka +die Kinderreih, wo sanft und gut +die kleine Anka oder Ninka +in ihrem letzten Bettchen ruht. + +Auf einem schmalen Schollenhügel +kniet, ganz versteckt in hohem Mohn, +mit staubigem, gebrochnem Flügel +ein Engelchen aus rohem Ton. + +Das flügellahme Kindchen flößte +mir Mitleid ein,--das arme Ding.... +Da, sieh! Von seinen Lippen löste +sich leicht ein kleiner Schmetterling.-- + + + + +ALLERSEELEN + + +I + +Rings liegt der Tag von Allerseelen +voll Wehmut und voll Blütenduft, +und hundert bunte Lichter schwelen +vom Feld des Friedens in die Luft. + +Sie senden Palmen heut und Rosen; +der Gärtner ordnet sie mit Sinn-- +und kehrt zum Eck der Glaubenslosen +die alten, welken Blumen hin. + + +II + +"Jetzt beten, Willi,--und nicht reden!" +Mit großem Aug gehorcht der Knab. +Der Vater legt den Kranz Reseden +auf seines armen Weibes Grab. + +"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!" +Klein Willi sieht empor und macht, +wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun, +daß er am Weg heraus gelacht! + +Es sticht im Auge ihn--wie Weinen.... +Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht; +ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen +beim Ausgang jäh der Buden Pracht. + +Es blinkt durch den Novembernebel +herüber lichtbeglänzter Tand; +er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel +und küßt dem Vater leis die Hand. + +Und der versteht. Dann gehn sie weiter.... +Der Vater sieht so traurig aus.-- +Doch einen Pfeiferkuchenreiter +schleppt Willi selig sich nach Haus. + + + + +BEI NACHT + + +Weit über Prag ist riesengroß +der Kelch der Nacht schon aufgegangen; +der Sonnenfalter barg sein Prangen +in ihrem kühlen Blütenschoß. + +Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom, +und neckend streut er das Gesträhne +der weißen Silberhobelspäne +hernieder in den Moldaustrom. + +Da plötzlich, wie beleidigt, hat +zurückgerufen er die Strahlen, +weil er gewahr ward des Rivalen: +der Turmuhr helles Stundenblatt. + + + + +ABEND + + +Der Abend naht.--Die klare Zone +der Stirne schmückt ein goldner Reifen, +und tausend Schattenhände greifen +verstohlen nach der roten Krone. + +Die ersten, blassen Sterne liebeln +ihm zu; er steht hoch am Hradschine +und schaut mit ernster Träumermiene +die Türme und die grauen Giebeln. + + + + +AUF DEM WOLSCHAN + +Am Abend des Tages von Allerseelen + + +I + +Die dürren Äste übergittern +des Himmels abendblasse Scheiben; +und über Grüfte, reich mit Füttern +geschmückt, geht Wehmut, und es zittern +die Lichter durch das Blättertreiben. + +Im müden Blau, im regungslosen, +schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume, +die seine blanke Stirne kosen, +sind schwarz. Der Duft von welken Rosen +schleicht her wie Geister toter Träume. + + + +II + +Ferner Lärm vom Wagendamm.-- +Hier keimt Friede und Vergessen, +zwischen zweien Grabzypressen +hangt der Mond wie ein Tam-Tam. + +Schlägt die Ewigkeit nicht sacht +jetzt daran mit schwarzem Schwengel? +Bange schaut ein Marmorengel +in das Aug der Spätherbstnacht. + + + + +WINTERMORGEN + + +Der Wasserfall ist eingefroren, +die Dohlen hocken hart am Teich. +Mein schönes Lieb hat rote Ohren +und sinnt auf einen Schelmenstreich. + +Die Sonne küßt uns. Traumverloren +schwimmt im Geäst ein Klang in Moll; +und wir gehn fürder, alle Poren +vom Kraftarom des Morgens voll. + + + + +BRUNNEN + + +Ganz verschollen ist die alte, +holde Brunnenpoesie, +da aus Tritons Muschelspalte +eine klare Quelle lallte, +die den Gassen Sprache lieh. + +Abends bei den Röhrenkasten +sammelte sich Paar um Paar, +weil der Quelle lieblich Glasten +und ihr Laut der tiefgefaßten +Neigung süßes Omen war. + +Aber als durch Menschenmühn dann +Wasser treppen aufwärts stieg, +und kein Paar kam: Misogyn dann +ward der Gott; es schlich sich Grünspan +in die Muschel,--und er schwieg. + + + + +SPHINX + + +Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen, +in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl. +Die Menge gaffte.--Bis der Rettungswagen +sie brachte in das gelbe Stadtspital. + +Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen.... +Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal; +dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen +und dann der Priester.--Sie blieb stumm und fahl. + +Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen, +gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal. +Ein Röcheln.--Dann ward sie herausgetragen, +sie und ihr Schmerz.-- + Und draußen steht kein Mal. + + + + +TRÄUME + + +Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden +geschmückt des blauen Kleides Saum;-- +sie reicht mir mild mit ihren beiden +Madonnenhänden einen Traum. + +Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben, +hinfort die Stadt mit leisem Schritt +und nimmt, als Sold des Traumes, drüben +des kranken Kindes Seele mit. + + + + +MAITAG + + +Still!--Ich hör, wie an Geländen +leicht der Wind vorüberhüpft, +wie die Sonne Strahlenenden +an Syringendolden knüpft. + +Stille rings. Nur ein geblähter +Frosch hält eine Mückenjagd, +und ein Käfer schwimmt im Äther, +ein lebendiger Smaragd. + +Im Geäst spinnt Süberrhomben +Mutter Spinne Zoll um Zoll, +und von Blütenhekatomben +hat die Welt die Hände voll. + + + + +KÖNIG ABEND + + +Wie König Balthasar einst nahte, +die Stirn vom Kronenreif erhellt, +so tritt im purpurnen Ornate +der König Abend in die Welt. + +Der erste Stern führt ihn wie jenen +bis an den fernsten Hügelsaum; +dort findet Mutter Nacht er lehnen +mit ihrem Kind im Arm, dem Traum. + +Dem bringt er just, wie jener Weise +des Orients, das Gold, gehäuft,-- +das Gold, das uns der Knabe leise +erlösend in den Schlummer träuft. + + + + +AN DER ECKE + + +Der Winter kommt und mit ihm meine Alte, +die an der Ecke stets Kastanien briet. +Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte +froh und gesund, ob Falte auch bei Falte +seit vielen Jahren es durchzieht. + +Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen; +die Tüten müssen rein sein, und das Licht +an ihrem Stand muß immer helle scheinen, +und von dem Ofen mit den krummen Beinen +verlangt sie streng die heiße Pflicht. + +So trefflich schmort auch keine die Maroni. +Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht, +und alle kennt sie--bis zum Tramwaypony; +sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni.... +Und leise summt ihr Herd sein Lied. + + + + +HEILIGE + + +Große Heilige und kleine +feiert jegliche Gemeine; +hölzern und von Steine feine, +große Heilige und kleine. + +Heilge Annen und Kathrinen, +die im Traum erschienen ihnen, +baun sie sich und dienen ihnen, +heilgen Annen und Kathrinen. + +Wenzel laß ich auch noch gelten, +weil sie selten ihn bestellten; +denn zu viele gelten selten-- +nun, Sankt Wenzel laß ich gelten. + +Aber diese Nepomuken! +Von des Torgangs Luken gucken +und auf allen Brucken spuken +lauter, lauter Nepomuken! + + + + +DAS ARME KIND + + +Ich weiß ein Mädchen, eingefallen +die Wangen.--War ein leichtes Tuch +die Mütter; und des Vaters Fluch +fiel in ihr erstes Lallen. + +Die Armut blieb ihr treu die Jahre, +und Hunger ward ihr Angebind; +so ward sie ernst.--Das Lenzgold rinnt +umsonst in ihre Haare. + +Sie schaut die lächelnden Gesichter +der Blumen traurig an im Hag +und denkt: der Allerseelentag +hat Blüten auch und Lichter. + + + + +WENNS FRÜHLING WIRD + + +Die ersten Keime sind, die zarten, +im goldnen Schimmer aufgesprossen; +schon sind die ersten der Karossen + im Baumgarten. + +Die Wandervögel wieder scharten +zusamm sich an der alten Stelle, +und bald stimmt ein auch die Kapelle + im Baumgarten. + +Der Lenzwind plauscht in neuen Arten +die alten, wundersamen Märchen, +und draußen träumt das erste Pärchen + im Baumgarten. + + + + +ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG + + +Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr +so müheschwer vorüberrollte; +nun endlich bin ich, was ich wollte +und was ich strebte: ein Skolar. + +Erst "Recht" studieren war mein Plan; +doch meine leichte Laune schreckten +die strengen, staubigen Pandekten, +und also ward der Plan zum Wahn. + +Theologie verbot mein Lieb, +könnt mich auf Medizin nicht werfen, +so daß für meine schwachen Nerven +nichts als--Philosophieren blieb. + +Die Alma mater reicht mir dar +der freien Künste Prachtregister,-- +und bring ichs nie auch zum Magister, +bin was ich strebte: ein Skolar. + + + + +SUPERAVIT + + +Nie kann ganz die Spur verlaufen +einer starken Tat; dies lehrt +zu Konstanz der Scheiterhaufen; +denn aus tausend Feuertaufen +steigt der Hochgeist unversehrt. + +Bis zu uns her ungeheuer +ragt der Reformator Hus, +fürchten wir der Lehre Feuer, +neigen wir uns doch in scheuer +Ehrfurcht vor dem Genius. + +Der, den das Gericht verdammte, +war im Herzen, tief und rein, +überzeugt von seinem Amte,-- +und der hohe Holzstoß flammte +seines Ruhmes Strahlenschein. + + + + +TROTZDEM + + +Manchmal vom Regal der Wand +hol ich meinen Schopenhauer, +einen "Kerker voller Trauer" +hat er dieses Sein genannt. + +So er recht hat, ich verlor +nichts: in Kerkereinsamkeiten +weck ich meiner Seele Saiten +glücklich wie einst Dalibor. + + + + +HERBSTSTIMMUNG + + +Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer, +an dessen Türe schon der Tod steht still; +auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer, +wie der der Kerze, die verlöschen will. + +Das Regenwasser röchelt in den Rinnen, +der matte Wind hält Blätterleichenschau;-- +und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen +ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau. + + + + +AN JULIUS ZEYER + + +Du bist ein Meister;--früher oder später +spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen; +du preisest seine Art und seine Sagen,-- +aus deinen Liedern weht der Heimat Äther. + +Dein Volk tut recht,--nicht, voll von wahngeblähter +Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen, +es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen, +stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter. + +Es hat dein Volk sich seine Ideale +noch nicht versetzen lassen zu den Sternen, +die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten; + +du aber mahnst, ein echter Orientale, +es möge in dem Ringen nicht verlernen +auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten. + + + + +DER TRÄUMER + + +I + +Es war ein Traum in meiner Seele tief. +Ich horchte auf den holden Traum: +ich schlief. +Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief, +und wie ich träumte, hört ich nicht; +es rief. + + +II + +Träume scheinen mir wie Orchideen.-- +So wie jene sind sie bunt und reich. +Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte +ziehn sie just wie jene ihre Kräfte, +brüsten sich mit dem ersaugten Blute, +freuen in der flüchtigen Minute, +in der nächsten sind sie tot und bleich.-- +Und wenn Welten oben leise gehen, +fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen? +Träume scheinen mir wie Orchideen.-- + + + + +DIE MUTTER + + +Aufwärts die Theaterrampe +rollen dröhnend die Karossen, +abseits unter trüber Lampe +steht ein altes Weib verdrossen. + +Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute, +wars, daß sie zusammenschrecke; +niemand aus dem Strom der Leute +sieht die Alte in der Ecke. + +An die neue "Größe" dachte, +von ihr sprach man nur.--Die Güte +eines Grafen, hieß es, brachte +herrlich ihr Talent zur Blüte. + +Später. Jubelstürme hallten +in den Schlußklang der Trompeten.... +Aber draußen kams der Alten, +heimlich für ihr Kind zu beten. + + + + +UNSER ABENDGANG + + +Gedenkst du noch, wie guter Dinge +wir wallten durch das Nusler Tal; +zwei kleine, blaue Schmetterlinge +verflattertcn im Abendstrahl. + +Am Häuschen lehnte die Melone +dort--wie auf einem Bilde Dows, +und herrlich mit der Kuppelkrone +hob sich das Haupt der Karlshofs. + +Im West war noch der Weizen golden, +blaugrün verdämmerte der Kohl; +die ersten weißen Sternendolden +umzitterten den Himmelspol. + + + +KAJETAN TÝL + +Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen +ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war. + +Da also hat der arme Týl +sein Lied "Kde domov můj"--geschrieben. +In Wahrheit; Wen die Musen lieben, +dem gibt das Leben nicht zuviel. + +Ein Stübchen--nicht zu klein dem Flug +des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.-- +Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe, +ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug. + +Doch wär er nicht für tausend Louis +von Böhmen fort. Mit jeder Fiber +hing er daran.--"Ich bleibe lieber," +hätt er gesagt, "kde domov můj." + + + + +VOLKSWEISE + + +Mich rührt so sehr +böhmischen Volkes Weise, +schleicht sie ins Herz sich leise, +macht sie es schwer. + +Wenn ein Kind sacht +singt beim Kartoffeljäten, +klingt dir sein Lied im späten +Traum noch der Nacht. + +Magst du auch sein +weit über Land gefahren, +fällt es dir doch nach Jahren +stets wieder ein. + + + + +DAS VOLKSLIED + +Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier + + +Es legt dem Burschen auf die Stirne +die Hand der Genius so lind, +daß mit des Liedes Silberzwirne +er seiner Liebsten Herz umspinnt. + +Da mag der Bursch sich süß erinnern, +was aus der Mutter Mund ihm scholl, +und mit dem Klang aus seinem Innern +füllt er sich seine Fiedel voll. + +Die Liebe und der Heimat Schöne +drückt ihm den Bogen in die Hand, +und leise rieseln seine Töne +wie Blütenregen in das Land. + +Und große Dichter, ruhmberauschte, +dem schlichten Liede lauschen sie, +so gläubig wie das Volk einst lauschte +dem Gottes wort des Sinai. + + + + +DORFSONNTAG + + +Im Wirtshaus auf den blanken Dielen +schwingt sich die Jugend frisch und laut, +des Burschen Hand, so hart von Schwielen, +drückt die des blonden Mädchens traut; +bierfrohe Musikanten spielen +ein Lied aus der "verkauften Braut". + +"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden." +Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist. +Und wie er nach dem Tanz die Holden +zu seinem Tische kommen heißt, +da geht der Abend draußen, golden, +und lacht durch alle Fenster dreist. + + + + +MEIN GEBURTSHAUS + + +Der Erinnrung ist das traute +Heim der Kindheit nicht entflohn, +wo ich Bilderbogen schaute +im blauseidenen Salon. + +Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen +dicken Silbers reich betreßt, +Glück mir war; wo heiße Tränen +mir das "Rechnen" ausgepreßt. + +Wo ich, einem dunklen Rufe +folgend, nach Gedichten griff, +und auf einer Fensterstufe +Tramway spielte oder Schiff. + +Wo ein Mädchen stets mir winkte +drüben in dem Gräfenhains.... +Der Palast, der damals blinkte, +sieht heut so verschlafen aus. + +Und das blonde Kind, das lachte, +wenn der Knab ihm Küsse warf, +ist nun fort; fern ruht es sachte, +wo es nie mehr lächeln darf. + + + + +IN DUBIIS + + +I + +Es dringt kein Laut bis her zu mir +von der Nationen wildem Streite, +ich stehe ja auf keiner Seite; +denn Recht ist weder dort noch hier. + +Und weil ich nie Horaz vergaß, +bleib gut ich aller Welt und halte +mich unverbrüchlich an die alte +aurea mediocritas. + + +II + +Der erscheint mir als der Größte, +der zu keiner Fahne schwört, +und, weil er vom Teil sich löste, +nun der ganzen Weit gehört. + +Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm +doch nicht klein der Heimat Hort; +denn das Vaterland, es ist ihm +dann sein Haus im Heimatsort. + + + + +BARBAREN + + +Ich weiß von einem Riesenparke +dort, wo die Stadt sich schon verliert; +jetzt nagt die Axt an seinem Marke, +sie sagen: er wird parzelliert. + +Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas, +der Mietskasernen weichen soll, +der war doch wie ein Hain der Pallas +der raunenden Orakel voll. + +Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten, +den Ort, den kein Profaner sah: +Es übertönt der Lärm der Zeiten +das Götterwort der Pythia. + + + +SOMMERABEND + + +Die große Sonne ist versprüht, +der Sommerabend liegt im Fieber, +und seine heiße Wange glüht. +Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...." +Und wieder dann: "Ich bin so müd...." + +Die Büsche beten Litanein, +Glühwürmchen hangt, das regungslose, +dort wie ein ewiges Licht hinein; +und eine kleine weiße Rose +tragt einen roten Heiligenschein. + + + +GERICHTET + + +"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst, +lang ist es her; doch wenn der Schein +des runden Monds das Rathaus küßt, +dann wallen aus dem heilgen Teyn +Gerichtete in Geisterreihn ... + Weh wer sie sah! + +Viel Herren fielen auf dem Ring; +die Herren finden Ruhe nicht;-- +sie zogen eines Nachts: Es ging +voran Herr Christus, groß und licht, +mit ernstem, traurigem Gesicht ... + Und einer sahs! + +Der war ein Maler. Und im Flug +malt er, wie er geschaut, den Ring. +Er malt den ganzen Geisterzug, +dem ernst voran Herr Christus ging. +Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ... + Jetzt ist er tot.-- + + + + +DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE + + +Der Tag ging aus mit mildem Tone, +so wie ein Hammerschlag verklang. +Wie eine gelbe Goldmelone +lag groß der Mond im Kraut am Hang. + +Ein Wölkchen wollte davon naschen, +und es gelang ihm, ein paar Zoll +des hellen Rundes zu erhaschen, +rasch kaut es sich die Bäckchen voll. + +Es hielt sich lange auf der Flucht auf +und zog sich ganz mit Lichte an;-- +da hob die Nacht die goldne Frucht auf: +Schwarz ward die Wolke und zerrann. + + + + +FREIHEITSKLÄNGE + + +Böhmens Volk! In deinen Kreisen +weckt ein neuer Genius +alte, heiße Freiheitsweisen, +und die mahnen nicht mit leisen +Worten, daß dein Fesseleisen +ganz zerschmettert werden muß. + +Diese Streitpoeten blasen +lockend; und in Stücke haun +kannst du, Volk, in deinem Rasen +des Gesetzes Marmorvasen, +doch du kannst aus ihren Phrasen +keine Zukunft dir erbaun. + +Tief in Herz und Sinn in treuer +Hoffnung senk die Liedersaat, +sind dir deine Dichter teuer, +daß daraus ein Lenz, ein neuer, +keime.--Was dann blieb vom Feuer, +das entflamme dich zur Tat. + + + + +NACHTBILD + + +Auch auf der Theaterrampe +wird es stille nach und nach.-- +Eine eitle Bogenlampe +schaut sich in ein Droschkendach. + +Auf dem leeren Gangsteig zucken +Lichter.--Sehn nicht dort am Haus +helle Dachmansardenlucken +wie verweinte Augen aus? + + + + +HINTER SMICHOV + + +Hin gehn durch heißes Abendrot +aus den Fabriken Männer, Dirnen,-- +auf ihre niedern, dumpfen Stirnen +schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not. + +Die Mienen sind verstumpft; es brach +das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle +den Weg, und Staub zieht und Gejohle +wie das Verhängnis ihnen nach. + + + + +IM SOMMER + + +Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer +auf Moldauwogen uns nach Zlichov +zu jenem Kirchlein, hoch und frei. +Im blauen Nebel schwindet Smichov;-- +zur Rechten Flächen braun von Ampfer, +zur Linken stolz die "Loreley". + +Wir legen an; und sieh, ein Alter +begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!" +Am Friedhofsrand dann lehnen wir. +Hoch blaut des Himmels Prachtzyane, +und unser Träumen hebt, ein Falter, +auf Sonnenflügeln sich zu ihr. + + + + +AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis) + + +Auf schloß das Erztor der Kustode. +Du sahst vor Blüten keine Gruft. +Der Lenz verschleierte dem Tode +das Angesicht mit Blust und Duft; +da stieg wie eine Todesode +ein Trauermantel in die Luft. + +Wir sahn ihn beide und wir schwiegen.... +Rings feierte Mittsommerlicht, +in den Syringen summten Fliegen.-- +Da lag ein Schädel vor uns dicht; +aus seinen leeren Augen stiegen +verkümmerte Vergißmeinnicht. + + + + +VIGILIEN + + +I + +Die falben Felder schlafen schon, +mein Herz nur wacht allem; +der Abend refft im Hafen schon +sein rotes Segel ein. + +Traumselige Vigilie! +Jetzt wallt die Nacht durchs Land; +der Mond, die weiße Lilie, +blüht auf in ihrer Hand. + + +II + +Am offnen Stubenfenster lehn ich +und träume in die Nacht hinauf; +das Mondlicht windet silbersträhnig +sich um den schwarzen Kirchturmknauf. + +Sehn wenig Welten aus den Fernen +auch durch den engen Hof ins Haus,-- +es füllte Licht von zehen Sternen +ein ganzes, dunkles Leben aus. + + +III + +Horch, der Schritt der Nacht erstirbt +in der weiten Stille; +meine Schreibtischlampe zirpt +leis wie eine Grille. + +Goldig auf dem Bücherstand +glühn der Bände Rücken: +zu der Fahrt ins Feenland +Pfeiler für die Brücken. + + +IV + +Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht +beim toten Mütterlein verbracht +und hat geweint und hat gewacht;-- +dann gingen Jahre, Jahre sacht: +nie hat sie jener Nacht gedacht. + +Und dann kam eine andre Nacht. +Da hat von Glut und Sünd entfacht +die rote Lippe Lust gelacht, +doch plötzlich--wie durch höhre Macht +dacht sie der Nacht der Leichenwacht. + + + + +DEK LETZTE SONNENGRUSS + +Zu einem Bilde des Benes Knüpfer + +Die Sonne schmolz, die hehre, +ins weiße Meer so heiß. +Zwei Mönche saßen am Meere, +ein blonder und ein Greis. + +Der sann: Geh ich einst rasten, +so friedlich mög es sein-- +und jener: Des Ruhmes Glasten +sollt mir mein Sterben weihn. + + + + +KAISER RUDOLF + + +Hoch auf seiner Himmelswarte +über einer Sternenkarte +sitzt der Kaiser Rudolf dort, +forschend, ob der langerharrte +Flugstern, der die Weisen narrte, +streifen würde diesen Ort. + +Und er fragt den Astrologen, +der am hohen Himmelsbogen +alle Wanderwege weiß: +"Wird von Unglück der betrogen, +den der Stern hineingezogen +in den unheilvollen Kreis?" + +Und der Alte weicht ihm leise +aus: "Der Stern zieht seine Gleise, +Herr, im fernen Ätherreich!" +Und gen Süden sieht der Weise;-- +und der Kaiser schaut die Kreise +seines Globen, ernst und bleich.-- + +Und von Süden kommt Verderben, +kommt Matthias.--Eilge Erben +lassen ihm nur den Hradschin; +und der Kaiser spricht im herben +Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben, +denn schon bin ich tot für 'ihn'. + +Alter! Laß den Bück uns heben! +du hast recht, die Sterne schweben +hoch ob allem Erdenbann; +aber--die nach ihnen streben, +knüpfen selbst ihr dunkles Leben +an die lichten Lose an!--" + + + + +AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE + +Kohlenskizzen in Callots Manier + + +1. KRIEG + + +Feinster ist die Welt geworden,-- +darum Dörfer rasch entloht! +und die Welt ist grau;--drum rot +färbt sie durch das Morden! + +Bauer! Bittest um dein Leben? +Nimm dirs! Aber bei uns bleib! +Herrgott hat dir Ochs und Weib +nur für uns gegeben. + +Laß den Teufel Felder pflügen; +sieh, wir haben stets genung! +Vorwärts--einen Werbetrunk +aus den vollen Krügen! + + + + +2. ALEA JACTA EST + + +"... Tod oder Sold!" +Und jetzt die Trommel schnell +her. Auf das Trommelfell +Würfel gerollt. + +So wird dem Lohn, +der unsre Streiche sucht. +Sieh, der Baum, reiche Frucht +trägt er doch schon! + +Solltest schon längst +hängen dran, Kamerad! +Drum ists nicht jammerschad, +wenn du dann hängst! + + + + +3. KRIEGSKNECHTS-SANG + + +Lag auf einer Trommel nackt, +kaum zwei Spannen lang, +und der rauhe Trommeltakt +war mein Wiegensang. + +Wild zu wettern taugte ich +damals schon im Zorn, +meine Milch, die saugte ich +aus dem Pulverhorn. + +Damals taufte jeden gut +der Korp'ral; beim Schopf +nahm er ihn, goß Schwedenblut +heiß ihm übern Kopf. + + + + +4. KRIEGSKNECHTS-RANG + + +Bei uns gibts nicht Edelinge, +die was gelten durch ihr Blut, +jedes Rang ist jedes Klinge, +und sein Wappen ist der Mut. + +Wer nur immer kühn sein Schwert +hält den Schild von Schande rein, +wer noch gestern unterm Heer zog, +Herzog kann er morgen sein. + + + + +5. BEIM KLOSTER + + +Was gibts?--Eine Klosterpforte?-- +Ei, Potz Blitz! +Eine Tür von dieser Sorte +renn ich ohne viele Worte +ein mit meiner Nasenspitz! + +Auf das Tor ein fester Stempel.... +Pfaffe, komm! +Jetzt heraus mit deinem Krempel, +paar Monstranzen zum Exempel +und paar Kelche: wir sind fromm. + +Laß jetzt dein: Peccavi, pater.... +Leucht zum Wein +uns mit deiner Nase, frater, +dorten kannst du uns ein Rater, +und ein "Seelensorger" sein! + + + + +6. BALLADE + + +Gestern zogen wilde Horden +durch das Dörfchen hin mit Morden, +und ein Mädchen sinnt jetzt still: +Ist der Liebste untreu worden, +weil er heut nicht kommen will?-- +Draußen schrien die Dohlen. + +Mädchen ging mit bleicher Wange +durch das Haus.--Sie harrte lange, +und des Nachts floh sie der Schlaf. +Und sie schlich hinaus zum Hange, +wo sie stets den Teuren traf. +Ängstlich schrien die Dohlen. + +Und die Nacht war schwarz, die schwüle, +fern nur brannte eine Mühle.... +Weinend wählt die matte Maid +sich gar weiches Kraut zum Pfühle +und entschlief in lauter Leid. +Schrieen noch die Dohlen? + +Spät erwacht sie. Nebel grauten +rings--soweit die Augen schauten.... +Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt, +ist das Haar an ihres Trauten +blutigem, zerschelltem Haupt.-- +Schrecklich schrien die Dohlen. + + + + +7. DER FENSTERSTURZ + + +"Naht Verrat mit leisem Schritte, +ungerächt, bei der Madonna, +bleibt er nicht! Nach alter Sitte +zu den Fenstern!" schrie Colonna. + +"Schont den Popel! doch die andern, +jeder eine feige Natter, +aus den Fenstern laßt sie wandern! +Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!" + +Bange hangt am Fensterstocke +Martinitz noch.--Da Geröchel: +Turn schwingt seine Degenglocke +und zerschmettert ihm die Knöchel. + +Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er, +Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!" +"Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister +lasse alle Glocken läuten!"-- + + + + +8. GOLD + + +"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold. +Wo hast das Gold du her?"-- +"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold, +kein Obrist hat wohl mehr!" + +"Nein, das ist gutes, rotes Gold, +das kann dein Sold nicht sein!" +"Beim Spielen war das Glück mir hold, +und da ward alles mein!" + +"Ist wirklich alles dein--das Gold, +gesteh,--und ists kein Trug?"-- +"Nun, Würfel haben mit gerollt +und jetzt laß es genug!" + +"Und gibst du mir auch von dem Gold?" +"Das weißt du!"--"Nein, du Schelm, +just auf der Stelle, sieh, ich wollt, +du füllst mir deinen Helm!" + +"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt, +der Glanz gefällt mir gut!-- + + + +... Schau, was dir da am Finger klebt, +kam das vom Golde?--Blut!"--.... + + + + + +9. SZENE + + +Du kniest am Markstein, Alter, sprich!-- +Das ist kein Heilgenbild!" +"Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich +das Schicksal gar so wild." + +"Hast du kein Haus, hast du kein Land, +das deiner Hände braucht?" +"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt, +sieh hin--gewiß--es raucht." + +"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn +und hilft dir aus der Not?" +"Mein Sohn zog in den Krieg davon, +jetzt ist er sicher tot."-- + +"Was streicht dir deines Haares Schnee +der Tochter Hand nicht, weich?"-- +"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh, +da sprang sie in den Teich."-- + +"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach +das Herz dir auch vor Graus...." + + * * * * * + +"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach +mir beide Augen aus." + + + + +10. FEUERLILIE + + +Winters, ab die Äste krachten, +keine Bäche konnten frieren, +weil die Fluten Blutes ihren +Pulsschlag immer neu entfachten. + +Als die Zeit kam, da die Blume +aufwacht und der Vogel flötet, +sprang die Lilie selbst gerötet +aus der todgedüngten Krume. + + + + +11. BEIM FRIEDLAND + + +Heimgekehrt von Schlacht und Schlag +freut sich Obrist und Gemeiner; +denn jetzt hält der Wallensteiner +wieder seinen Hof zu Prag. + +Just ließ frei den Turn er ziehn; +das war so von seinen Trümpfen +einer.--Drauf ward Nasenrümpfen +Mode ... dort bei Hof zu Wien. + +Laßt sie zetern. Friedlands Heer +muß nicht darben und nicht dürsten,-- +und aus Knechten macht er Fürsten, +unser Herzog.--Wer kann mehr? + + + + +12. FRIEDEN + + +Prag gebar die Mißgestalt +dieses Krieges, der voll Tücke +hauste.--Auf der Karlsbrücke +starb er, dreißig Jahre alt. + +Endlich riß das Eisenstück +nur dem Acker eine Schramme, +und vom Kirchturm schlug die Flamme +in den trauten Herd zurück. + + + + +BEI DEN URSULINEN + + +Geh mittags zu den Ursulinen, +wenn man den Armen Speise trug, +da siehst du, wie in müde Mienen +die Not schrieb ihren Namenszug. + +Da siehst du Stirnen, die schon frühe +des Schmerzes Eisenreif umschloß, +und Wangen, die der Dunst der Brühe +mit falscher Röte übergoß. + +Du hörst, wie leisem Dankesworte +sich Fluch bald, bald Gebet gesellt: +so brandet an der Klosterpforte +das ganze Elend dieser Welt. + + + + +AUS DER KINDERZEIT + + +Sommertage auf der "Golka".... +Ich, ein Kind noch--Leise her, +aus dem Gasthaus klingt die Polka, +und die Luft ist sonnenschwer. + +Sonntag ists.--Es liest Helene +lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz +ziehn die Wolken, wie die Schwäne +aus dem Märchen Andersens. + +Schwarze Fichten stehn wie Wächter +bei der Wiesen buntem Schatz; +von der Straße dringt Gelächter +bis zu unserm Laubenplatz. + +An die Mauer lockt uns beide +mancher laute Jubelschrei: +drunten geht im Feierkleide +Paar um Paar zum Tanz vorbei. + +Bunt und selig, Bursch und Holka, +Glück und Sonne im Gesicht!-- +Sommertage auf der "Golka",-- +und die Luft war voller Licht.... + + + + +RABBI LÖW + + +"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem + Bann der Not; +heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns + der Tod. +Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und + kaum hat der Leichenwart +eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das + ist hart." +Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen + Bocher rasch herein--" +So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese + Nacht dich ganz allein;" +"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör, + um Mitternacht +tanzen all die Kindergeister auf den grauen + Steinen sacht. +Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein + Herz beklemmt, +Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn + sein Leichenhemd, +raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir! + Begreifst du wohl?" +"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt + die Antwort hohl. + + +Mitternacht und Mondgegleiße,-- +... und es stürzt der totenblasse +Bocher bebend durch die Gasse, +in der Hand das Hemd, das weiße. + +Da jetzt ... sind das seine Schritte?... +Jach kehrt er zurück das bleiche +Antlitz: weh, die Kindesleiche, +folgt ihm nach, im Aug die Bitte: + +"... Gib das Linnen, ohne Linnen +lassen mich nicht ein die Geister...." +Und der Bocher, halb von Sinnen, +reicht es endlich seinem Meister. + +Und schon naht der Geist mit Klagen.... +"Sag, was sterben hundert binnen +Tagen?--Kind, du mußt es sagen, +früher darfst du nicht von hinnen." + +So der Rabbi.--"Wehe, wehe," +ruft der Geist, "aus unserm Stamme +haben zwei entehrt der Ehe +keusche, reine Altarflamme! + +Hier die Namen!--Sucht nicht fremde +Ursach, daß euch Tod beschieden...." +Und der Rabbi reicht das Hemde +jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!" + +Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung +stieg der Tag in rosgem Licht, +hielt der Rabbi schon Gericht,-- +und der Unschuld ward Befreiung. + +Mit der Geißel des Gesetzes +brandmarkt er die Sünderstirn;-- +langsam löste jedes Hirn +ich vom Bann des Fluchgenetzes. + +Manches Paar war da erschienen, +dankerfüllt, daß Gott verzieh, +und der Weise segnet sie.-- +Freude lag auf aller Mienen. + +Nur der Bocher warf, der bleiche, +sich im Fieber hin und her.... +Doch nach Beth Chaim lange mehr +trug man keine Kindesleiche. + + + + +DIE ALTE UHR + + +Bald hättest, alte Rathausuhr, +du nimmer dürfen Stunden weisen; +sie hätten bald in altem Eisen +versplittert deine letzte Spur. + +Der Geizhals hart zum letztenmal +sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen, +zum letztenmal der Tod mit Glotzen +geschwungen seinen Sensenstahl. + +Dann hätt der Hahn auch ausgekräht. +Und heut noch kräht er; freilich heiser, +noch nickt der Geizhals fort, und leiser +droht ihm des Todes Majestät. + + + + +KÄMPFEN + + +I + +Ein heißer Eid, ein gramerpreßter, +der leicht von jungen Lippen rinnt, +der machte zur barmherzgen Schwester +fast über Nacht ein blondes Kind. + +Des jungen Lebens Wellen fließen +fortan durch Krankenstuben still; +es träumt ihr Herz noch vom Genießen, +wenn auch das Aug es leugnen will. + +Denn mit der Strenge der Asketen +drängt sie zurück, was in ihr quillt, +und geht um Kraft nach Emaus beten +zum wunderstarken Gnadenbild. + + + + +SIEGEN + + +II + +Der Tag beginnt sich kaum zu lichten; +"Heut sei im Glauben stark wie nie +und geh mit Gott an deine Pflichten: +Es ist ein Fall von Diphtherie...." + +Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken, +und doch packt ihn der Tod beim Hals.... +Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken, +erfröstelnd in dem Schutz des Schals. + +Als man vorbei beim Kloster gestern +den Kleinen trug ins Bett von Lehm, +klang aus der "Kirche von den Schwestern" +ganz leis ein Totenrequiem.... + + + + +IM HERBST + + +Ein Riesenspinngewebe, zieht +Altweibersommer durch die Welt sich;-- +und der Laurenziberg gefällt sich +im goldig-bläulichen Habit. + +Weil er so mild herübersieht, +sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken, +die Sonne hinter seinem Rücken +schon frühe ihr Valladolid. + + + + +DER KLEINE "DRATENÍK" + + +Kommt so ein Bursche, ein junger, +Mausfallen, Siebe am Rücken, +folgt mir durch Gassen und Brücken: +"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'. + +Nur einen Krajcar, nur einen +für ein Stück Brot, milost' pánků!" +Da!--Und er stammelt mir Dank zu, +doch läßt nicht Ruh er den Beinen. + +Lebt nicht von bloßem Gelunger.-- +Riecht an den Türen den Braten +und muß die Pfannen doch drahten-- +leer:--das macht 'türkischen Hunger'. + + + + +IN DER VORSTADT + + +Die Alte oben mit dem heisern Husten, +ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott, +sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott.... +Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten. + +Und unten stand der schwarze Kastenwagen. +Die letzte Klasse; als der Totenschrein +sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein, +und dann ward rauh die Türe zugeschlagen. + +Der Kutscher hieb in seine magern Mähren +und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin, +als wenn da nicht ein ganzes Leben drin +voll Weh und Glück und tote Träume waren. + + + + +BEI ST. HEINRICH + + +Hart am Kirchenaltargitter, +wo die Ampel flammt, die matte, +schlaft ein alter, alter Ritter +unter grauer Wappenplatte. + +Lebend hielt er hoch sein Wappen, +sorgte immer für sein Blinken;-- +weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen +alte Weiber drüber hinken? + + + + +MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT + + +Fern dämmert wogender Wälder +beschatteter Saum. +Dann unterbricht +nur hie und da ein Baum +die falbe Fläche hoher Ährenfelder. +Im hellsten Licht +keimt die Kartoffel; dann +ein wenig weiter Gerste, bis der Tann +das Bild begrenzt. +Hoch überm Jungwald glänzt +so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber +aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;-- +und drüber +wölbt sich ein Himmel, blank und blau. + + + + +DAS HEIMATLIED + + +Vom Feld klingt ernste Weise; +weiß nicht, wie mir geschieht.... +"Komm her, du Tschechenmädchen, +sing mir ein Heimatlied."-- + +Das Mädchen läßt die Sichel, +ist hier mit Husch und Hui,-- +setzt nieder sich am Feldrain +und singt: "Kde domov můj".... + +Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen +das Aug mir zugewandt,-- +nimmt meine Kupferkreuzer +und küßt mir stumm die Hand. + + + * * * * * + + + TRAUMGEKRÖNT + + (1897) + + + +KÖNIGSLIED + + +Darfst das Leben mit Würde ertragen, +nur die Kleinlichen macht es klein; +Bettler können dir Bruder sagen, +und du kannst doch ein König sein. + +Ob dir der Stirne göttliches Schweigen +auch kein rotgoldener Reif unterbrach,-- +Kinder werden sich vor dir neigen, +selige Schwärmer staunen dir nach. + +Tage weben aus leuchtender Sonne +dir deinen Purpur und Hermelin, +und, in den Händen Wehmut und Wonne, +liegen die Nächte vor dir auf den Knien.... + + + + +TRÄUMEN + + +I + +Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle; +auf dem Altare prahlt ein wilder Mai. +Der Sturm, der übermütige Geselle, +brach längst die kleinen Fenster schon entzwei; +er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei +und zerrt dort an der Ministrantenschelle. +Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei +ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle +den arg erstaunten fernen Gott herbei. +Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei. +Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle +und schmettert an den Fliesen sie entzwei. + +Und arme Wünsche knien in langer Reih +vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle. +Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei. + + + + +II + +Ich denke an: +--Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen, +drin Hahngekräh; +und dieses Dörfchen verloren gegangen +im Blütenschnee. +Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen +ein kleines Haus; +ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen +verstohlen heraus. +Rasch auf die Türe, die angelheiser +um Hilfe ruft,-- +und dann in der Stube ein leiser, leiser +Lavendelduft.... + + + + +III + +Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen; +vor seiner Türe saß ich spät, +wenn hinter violetten Zweigen +bei halb verhalltem Grillengeigen +die rote Sonne sterben geht. + +Wie eine Mütze grünlich-samten +steht meinem Haus das moosge Dach, +und seine kleinen, dickumrammten +und blank verbleiten Scheiben flammten +dem Tage heiße Grüße nach. + +Ich träumte, und mein Auge langte +schon nach den blassen Sternen hin,-- +vom Dorfe her ein Ave bangte, +und ein verlorner Falter schwankte +im schneeig schimmernden Jasmin. + +Die müde Herde trollte trabend +vorbei, der kleine Hirte pfiff,-- +und in die Hand das Haupt vergrabend, +empfand ick, wie der Feierabend +in meiner Seele Saiten griff. + + + + +IV + +Eine alte Weide trauert +dürr und fühllos in den Mai,-- +eine alte Hütte kauert +grau und einsam hart dabei. + +War ein Nest einst in der Weide, +in der Hütt ein Glück zu Haus; +Winter kam und Weh,--und beide +blieben aus.... + + + + +V + +Die Rose hier, die gelbe, +gab gestern mir der Knab, +heut trag ich sie, dieselbe, +hin auf sein frisches Grab. + +An ihren Blättern lehnen +noch lichte Tröpfchen,--schau! +Nur heute sind es Tränen,-- +und gestern war es Tau.... + + + + +VI + +Wir saßen beisammen im Dämmerlichte. +"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr, +du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte +von der Prinzessin mit goldnem Haar?"-- + +Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage +führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau; +und von der schonen Prinzessin die Sage +weiß sie wie Mütterchen ganz genau.... + + + + +VII + +Ich wollt, sie hätten statt der Wiege +mir einen kleinen Sarg gemacht, +dann wär mir besser wohl, dann schwiege +die Lippe längst in feuchter Nacht. + +Dann hätte nie ein wilder Wille +die bange Brust durchzittert,--dann +wärs in dem kleinen Körper stille, +so still wie's niemand denken kann. + +Nur eine Kinderseele stiege +zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht.... +Was haben sie mir statt der Wiege +nicht einen kleinen Sarg gemacht?-- + + + + +VIII + +Jene Wolke will ich neiden, +die dort oben schweben darf! +Wie sie auf besonnte Heiden +ihre schwarzen Schatten warf. + +Wie die Sonne zu verdüstern +sie vermochte kühn genug, +wenn die Erde lichteslüstern +grollte unter ihrem Flug. + +All die goldnen Strahlenfluten +jener Sonne wollt auch ich +hemmen! Wenn auch für Minuten! +Wolke! Ja, ich neide dich! + + + + +IX + +Mir ist: Die Welt, die laute, krank +hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben +und mir nur ist der Weltgedanke, +der große, in der Brust geblieben. + +Denn so ist sie, wie ich sie dachte; +ein jeder Zwiespalt ist vertost: +auf goldnen Sonnenflügeln sachte +umschwebt mich grüner Waldestrost. + + + +X + +Wenn das Volk, das drohnenträge, +trabt den altvertrauten Trott, +möcbt ich weiße Wandelwege +wallen durch das Duftgehege +ernst und einsam wie ein Gott. + +Wandeln nach den glanzdurchsprühten +Fernen, lichten Lohns bewußt;-- +um die Stirne kühle Blüten +und von kinderkeuschen Mythen +voll die sabbatstille Brust. + + + + +XI + +Weiß ich denn wie mir geschieht? +In den Lüften Düftequalmen +und in bronzebraunen Halmen +ein verlornes Grillenlied. + +Auch in meiner Seele klingt +tief ein Klang, ein traurig-lieber,-- +so hört wohl ein Kind im Fieber, +wie die tote Mutter singt. + + + + +XII + +Schon blinzt aus argzerfetztem Laken +der holde, keusche Götternacken +der früherwachenden Natur, +und nur in tiefentiegnen Talen +zeigt hinter violetten, kahlen +Gebüschen sich mit falschem Prahlen +des Winters weiße Sohlenspur. + +Hin geh ich zwischen Weidenbäumen +an nassen Räderrinnensäumen +den Fahrweg, und der Wind ist mild. +Die Sonne prangt im Glast des Märzen +und zündet an im dunkeln Herzen +der Sehnsucht weiße Opferkerzen +vor meiner Hoffnung Gnadenbild. + + + + +XIII + +Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe +bange verblich. +Weit--ein einziger lohroter Strich +wie eine brennende Geißelnarbe. + +Irre Reflexe vergehn und erscheinen. +Und in der Luft +liegts wie ersterbender Rosenduft +und wie verhaltenes Weinen.... + + + +XIV + +Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke, +und ihre Sterne schauen still, +wie schon des Mondes weiße Barke +im Lindenwipfel landen will. + +Fern hör ich die Fontäne hallen +ein Märchen, das ich längst vergaß,-- +und dann ein leises Apfelfallen +ins hohe, regungslose Gras. + +Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel +und trägt durch alte Eichenreihn +auf seinem blauen Faltcrflügel +den schweren Duft vom jungen Wein. + + + +XV + +Im Schoß der silberhellen Schneenacht +dort schlummert alles weit und breit, +und nur ein ewig wildes Weh wacht +in einer Seele Einsamkeit. + +Du fragst, warum die Seele schwiege, +warum sies in die Nacht hinaus +nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege, +es löschte alle Sterne aus. + + + + +XVI + +Abendläuten. Aus den Bergen hallt es +wieder neu zurück in immer mattern +Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern +von dem grünen Talgrund her, ein kaltes. + +In den weißen Wiesenquellen lallt es +wie ein Stammeln kindischen Gebetes; +durch den schwarzen Tannenhochwald geht es +wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes. + +Durch die Fuge eines Wolkenspaltes +wirft der Abend rote Blutkorallen +nach den Felsenwänden.--Und sie prallen +lautlos von den Schultern des Basaltes. + + + + +XVII + +Weltenweiter Wandrer +walle fort in Ruh.... +also kennt kein andrer +Menschenleid wie du. + +Wenn mit lichtem Leuchten +du beginnst den Lauf, +schlägt der Schmerz die feuchten +Augen zu dir auf. + +Drinnen liegt--als riefen +sie dir zu: versteh!-- +tief in ihren Tiefen +eine Welt voll Weh.... + +Tausend Tränen reden +ewig ungestillt, +und in einer jeden +spiegelt sich dein Bild! + + + + +XVIII + + +Möchte mir ein blondes Glück erkiesen; +doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.-- +Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen, +und der Abend blutet in die Buchen. + +Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder +Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen.... +Und die ersten Sterne kommen wieder +und die Träume, die so traurig machen. + + + + +XIX + +Vor mir liegt ein Felsenmeer, +Sträucher, halb im Schutt versunken, +Todesschweigen.--Nebeltrunken +hangt der Himmel drüber her. + +Nur ein matter Falter schwirrt +rastlos durch das Land, das kranke.... +Einsam, wie ein Gottgedanke +durch die Brust des Leugners irrt. + + + +XX + +Die Fenster glühten an dem stillen Haus, +der ganze Garten war voll Rosendüften. +Hoch spannte über weißen Wolkenklüften +der Abend in den unbewegten Lüften +die Schwingen aus. + +Ein Glockenton ergoß sich auf die Au.... +Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken, +Und heimlich über flüstervollen Birken +sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken +ins blasse Blau. + + + + +XXI + +Es gibt so wunderweiße Nächte, +drin alle Dinge Silber sind. +Da schimmert mancher Stern so lind, +als ob er fromme Hirten brächte +zu einem neuen Jesuskind. + +Weit wie mit dichtem Demantstaube +bestreut, erscheinen Flur und Flut, +und in die Herzen, traumgemut, +steigt ein kapellenloser Glaube, +der leise seine Wunder tut. + + + +XXII + +Wie eine Riesenwunderblume prangt +voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze, +ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze, +die Mainacht hangt. + +Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt.... +Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter, +nach Morgen, wo aus feuerroter Aster +er Sterben trink.... + + + +XXIII + +Wie, jegliches Gefühl vertiefend, +ein süßer Drang die Brust bewegt, +wenn sich die Mainacht, sternetriefend, +auf mäuschenstille Plätze legt-- + +Da schleichst du hin auf sachter Sohle +und schwärmst zum blanken Blau hinauf, +und groß wie eine Nachtviole +geht dir die dunkle Seele auf.... + + + + +XXIV + +O gabs doch Sterne, die nicht bleichen, +wenn schon der Tag den Ost besäumt; +von solchen Sternen ohnegleichen +hat meine Seele oft geträumt. + +Von Sternen, die so milde blinken, +daß dort das Auge landen mag, +das müde ward vom Sonnetrinken +an einem goldnen Sommertag. + +Und schlichen hoch ins Weltgetriebe +sich wirklich solche Sterne ein,-- +sie müßten der verborgnen Liebe +und allen Dichtern heilig sein. + + + + +XXV + +Mir ist so weh, so weh, als müßte +die ganze Welt in Grau vergehn, +als ob mich die Geliebte küßte +und sprach: Auf Nimmerwiedersehn. + +Als ob Ich tot wär und im Hirne +mir dennoch wühlte wilde Qual, +weil mir vom Hügel eine Dirne +die letzte, blasse Rose stahl.... + + + + +XXVI + +Matt durch der Tale Gequalme wankt +Abend auf goldenen Schuhn,-- +Falter, der träumend am Halme hangt, +weiß nichts vor Wonne zu tun. + +Alles schlürft hei! an der Stille sich.-- +Wie da die Seele sich schwellt, +daß sie als schimmernde Hülle sich +legt um das Dunkel der Welt. + + + + +XXVII + +Ein Erinnern, das ich heilig heiße, +leuchtet mir durchs innerste Gemüt, +so wie Götterbildermarmorweiße +durch geweihter Haine Dämmer glüht. + +Das Erinnern einstger Seligkeiten, +das Erinnern an den toten Mai,-- +Weihrauch in den weißen Händen, schreiten +meine stillen Tage dran vorbei.... + + + + +XXVIII + +Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken, +keinen lauten Lenz mehr mag,-- +will nur einen sonnenblanken, +wipfelroten Frühherbsttag. + +Will die Lust, die jubelschrille, +nicht mehr in die Brust zurück,-- +will nur Sterbestübenstille +drinnen--für mein totes Gluck. + + + * * * * * + + + LIEBEN + + + +I + + +Und wie mag die Liebe dir kommen sein? +Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein, +kam sie wie ein Beten?--Erzähle: + +Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los +und hing mit gefalteten Schwingen groß +an meiner blühenden Seele.... + + +II + + +Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,-- +mir bangte fast vor seiner schweren Pracht.... +Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen +tief in der Nacht. + +Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,-- +ich hatte grad im Traum an dich gedacht. +Du kamst, und leis wie eine Märchenweise +erklang die Nacht.... + + +III + + +Einen Maitag mit dir beisammen sein, +und selbander verloren ziehn +durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn +zu der Laube von weißem Jasmin. + +Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun, +jeder Wunsch in der Seele so still.... +Und ein Glück sich mitten in Mailust baun, +ein großes,--das ists, was ich will.... + + +IV + + +Ich weiß nicht, wie mir geschieht.... +Weiß nicht, was Wonne ich lausche, +mein Herz ist fort wie im Rausche, +und die Sehnsucht ist wie ein Lied. + +Und mein Mädel hat fröhliches Blut +und hat das Haar voller Sonne +und die Augen von der Madonne, +die heute noch Wunder tut. + + +V + + +Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte +und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind? +Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte, +und du warst damals noch ein Kind. + +Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte +ein junges Hoffen und ein alter Gram.... +Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante +den "Werther" aus den Händen nahm. + +Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen, +dein Auge sah mich groß und selig an. +Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen, +und Lichter gingen durch den Tann.... + + +VI + +Wir saßen beide in Gedanken +im Weinblattdämmcr--du und ich-- +und über uns in duftgen Ranken +versummte wo ein Hummel sich. + +Reflexe hielten, bunte Kreise, +in deinem Haare flüchtig Rast.... +Ich sagte nichts als einmal leise: +"Was du für schöne Augen hast." + + +VII + +Blondköpfchen hinter den Scheiben +hebt es sich ab so fein,-- +sternt es ins Stäubchentreiben +oder zu mir herein? + +Ist es das Köpfchen, das liebe, +das mich gefesselt hält, +oder das Staubchengetriebe +dort in der sonnigen Welt? + +Keins sieht zum andern hinüber. +Heimlich, die Stirne voll Ruh +schreitet der Abend vorüber.... +Und wir? Wir sehn ihm halt zu.-- + + +VIII + + +Die Liese wird heute just sechzehn Jahr. +Sie findet im Klee einen Vierung.... +Fern drängt sichs wie eine Bubenschar: +die Löwenzähne mit blondem Haar +betreut vom sternigen Schierling. + +Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan, +der strotzige, lose Geselle. +Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn +und lacht und wälzt durch den Wiesenplan +des Windes wallende Welle.... + + +IX + + +Ich träume tief im Weingerank +mit meiner blonden Kleinen; +es bebt ihr Händchen, elfenschlank, +im heißen Zwang der meinen. + +So wie ein gelbes Eichhorn huscht +das Licht hin im Reflexe, +und violetter Schatten tuscht +ins weiße Kleid ihr Kleckse. + +In unsrer Brust liegt glückverschneit +goldsonniges Verstummen. +Da kommt in seinem Sammerkleid +ein Hummel Segen summen.... + + +X + + +Es ist ein Weltmeer voller Lichte, +das der Geliebten Aug umschließt, +wenn von der Flut der Traumgesichte +die keusche Seele überfließt. + +Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers +so wie ein Kind, das stockt im Lauf, +geht vor der Pracht des Christbaumzimmers +die Flügeltüre lautlos auf. + + +XI + + +Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß: +Heut kommt Base Olga zu Gaste. +Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies +ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte. + +Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang +und frischte sich mäßig die Kehle; +und wie mein Glas an das deine klang, +da ging mir ein Riß durch die Seele. + +Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß +mich dem Plaudern der andern zu einen, +denn tief im trockenen Halse saß +mir würgend ein wimmerndes Weinen. + +Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück +und küßtest die Lippen mir lange, +und ich gab dir fiebernde Küsse zurück +auf die Stirne, den Mund und die Wange. + +Und da machtest du leise die Augen zu, +die Wonne blind zu ergründen.... +Und mir ahnte im Herzen: da wärest du +am liebsten gestorben in Sünden.... + + +XII + + +Die Nacht im Silberfunkenkleid +streut Trâume eine Handvoll, +die füllen mir mit Trunkenheit +die tiefe Seele randvoll. + +Wie Kinder eine Weihnacht sehn +voll Glanz und goldnen Nüssen,-- +seh ich dich durch die Mainacht gehn +und alle Blumen küssen. + + +XIII + +Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft, +und unter Farren bluteten Zyklamen, +die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft, +es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen. +Du warst von unserm weiten Weg erschlafft, +ich sagte leise deinen süßen Namen: +Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft +aus deines Herzens weißem Liliensamen +die Feuerlilie der Leidenschaft. + +Rot war der Abend--und dein Mund so rot, +wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden, +und jene Flammen, die uns jäh durchloht, +sie leckten an den neidischen Gewanden.... +Der Wald war stille, und der Tag war tot. +Uns aber war der Heiland auferstanden, +und mit dem Tage starben Neid und Not. +Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen, +und leise stieg das Glück aus weißem Boot. + + +XIV + +Es leuchteten im Garten die Syringen, +von einem Ave war der Abend voll,-- +da war es, daß wir voneinander gingen +in Gram und Groll. + +Die Sonne war in heißen Fieberträumen +gestorben hinter grauen Hängen weit, +und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen +dein weißes Kleid. + +Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen +und bangte bebend wie ein furchtsam Kind, +das lange in ein helles Licht gesehen: +Bin ich jetzt blind?-- + + +XV + +Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,-- +dann fühl ich mich so ernst und alt,-- +wenn nur ganz leis dein glockenreines +Gelächter in mir widerhallt. + +Wenn dann in großem Kinderstaunen +dein Auge aufgeht, tief und heiß,-- +möcht ich dich küssen und dir raunen +die schönsten Märchen, die ich weiß. + + +XVI + +Nach einem Glück ist meine Seele lüstern, +nach einem kurzen, dummen Wunderwahn.... +Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern +da hör ichs nahn.... + +Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen, +in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,-- +dann unter schattenschweren Blütenbäumen +seh ich es nahn. + +In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote, +am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch, +am Herzen jene Blume nur, die rote, +trug es die auch?... + + +XVII + +Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen, +vom Abschiedsweh die Augen beide rot... +"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen." +Ich sagte bang: "Die sind schon tot." + +Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern +stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern. +Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern, +und eine Dohle schrie von fern-- + + +XVIII + +Im Frühling oder im Traume +bin ich dir begegnet, einst, +und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag, +und du drückst mir die Hand und weinst. + +Weinst du ob der jagenden Wolken? +Ob der blutroten Blätter? Kaum. +Ich fühl es: du warst einmal glücklich +im Frühling oder im Traum.... + + +XIX + +Sie hatte keinerlei Geschichte, +ereignislos ging Jahr um Jahr-- +auf einmal kams mit lauter Lichte.... +die Liebe oder was das war. + +Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen, +da liegt ein Teich vor ihrem Haus.... +So wie ein Traum scheints zu beginnen, +und wie ein Schicksal geht es aus. + + +XX + +Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell +erstorben im eigenen Blute. +Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell +auf der Kleinen verbogenem Hute. + +Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich +sie die Hand mir schmeichelnd und leise.-- +Kein Mensch in der Gasse als sie und ich.... +Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise". + +Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot +in den Stoff meines Mantels vergrabend.... +Vom Hütchen nickte die Rose rot, +und es lächelte müde der Abend. + + +XXI + +Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh +will mich das Schicksal noch segnen, +wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh +lachende Mädchen begegne.... +Lachen hör ich sie gerne. + +Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr, +nie kann ichs, wähn ich, vergessen... +Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor, +will ich mirs singen ... Indessen +singens schon oben die Sterne.... + + +XXII + +Es ist lang,--es ist lang.... +wann--weiß ich gar nimmer zu sagen.... +eine Glocke klang, eine Lerche sang-- +und ein Herz hat so selig geschlagen. +Der Himmel so blank überm Jungwaldhang, +der Flieder hat Blüten getragen,-- +und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank, +das Auge voll staunender Fragen.... + Es ist lang,--es ist lang.... + + + + + + ADVENT + + (1898) + + + + +ADVENT + + +Es treibt der Wind im Winterwalde +die Flockenherde wie ein Hirt, +und manche Tanne ahnt, wie balde +sie fromm und lichterheilig wird, +und lauscht hinaus. Den weißen Wegen +streckt sie die Zweige hin--bereit, +und wehrt dem Wind und wächst entgegen +der einen Nacht der Herrlichkeit. + + + + + + GABEN + + AN VERSCHIEDENE FREUNDE + + + +Das ist mein Streit: +Sehnsuchtgeweiht +durch alle Tage Sehweifen, +Dann, stark und breit, +mit tausend Wurzelstreifen +rief in das Leben greifen-- +und durch das Leid +weit aus dem Leben reifen, +weit aus der Zeit! + +Du meine heilige Einsamkeit, +du bist so reich und rein und weit +wie ein erwachender Garten. +Meine heilige Einsamkeit du-- +halte die goldenen Türen zu, +vor denen die Wünsche warten. + +Der Bach hat leise Melodien, +und fern ist Staub und Stadt; +die Wipfel winken her und hin +und machen mich so matt. + +Der Wald ist wild, die Welt ist weit, +mein Herz ist hell und groß; +es hält die blasse Einsamkeit +mein Haupt in ihrem Schoß. + +Ich liebe vergessene Flurmadonnen, +die ratlos warten auf irgendwen, +und Mädchen, die an einsame Bronnen, +Blumen im Blondhaar, träumen gehn. + +Und Kinder, die in die Sonne singen +und staunend groß zu den Sternen sehn, +und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen, +und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn. + +Warst du ein Kind in froher Schar, +dann kannst du's freilich nicht erfassen, +wie es mir kam, den Tag zu hassen +als ewig feindliche Gefahr. +Ich war so fremd und so verlassen, +daß ich nur tief in blütenblassen +Mainächten heimlich selig war. + +Am Tag trug ich den engen Ring +der feigen Pflicht in frommer Weise. +Doch abends schlich ich aus dem Kreise, +mein kleines Fenster klirrte--kling-- +sie wußtens nicht. Ein Schmetterling, +nahm meine Sehnsucht ihre Reise, +weil sie die weiten Sterne leise +nach ihrer Heimat fragen ging. + + + + +PFAUENFEDER: + + +in deiner Feinheit sondergleichen, +wie liebte ich dich schon als Kind. +Ich hielt dich für ein Liebeszeichen, +das sich an silberstillen Teichen +in kühler Nacht die Elfen reichen, +wenn alle Kinder schlafen sind. + +Und weil Großmütterchen, das gute, +mir oft von Wünschegerten las, +so träumte ich, du Zartgemute, +in deinen feinen Fasern flute +die kluge Kraft der Rätselrute-- +und suchte dich im Sommergras. + +Oft denk ich auf der Alltagsreise +der Nacht, und daß ein Traum mir frommt, +der mir mit Lippen, kühl und leise, +die schwüle Stirne küssen kommt. + +Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen +zu sehn.--Der Tag ist karg und klein, +die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen +und könnte eine Sage sein. + + + + +DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE-- + + +das müßte sein von jenen blanken +Lenztagen einer, da die Kranken +man vor die dunklen Türen bringt. +Im Flieder ist ein Spatzenzanken, +weil keinem rechter Sang gelingt. +Der Bach, dem alle Bande sanken, +weiß nicht, was tun vor Glück, und springt +bis aufwärts zu den Bretterplanken, +dahinter Beete, kiesumringt, +und Blumenblühn und Birkenschwanken. +Und vor dem Häuschen, goldbezinkt, +um das der Frühling seine Ranken +wie liebeleise Arme schlingt-- +ein blondes Kind, das in Gedanken +das schönste meiner Lieder singt. + +An manchem Tag ist meine Seele still: +Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen. +Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen +dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen +den Jubel seiner Arme fesseln will. + +Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin +in ratlos-sehnendem Erhörenwollen: +Sie warten auf den Sonntag mit den vollen +Gestühlen und dem großen Orgelrollen-- +und blasse Ampeln schwanken her und hin. + + +Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt +in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen, +um Beifall bettelt und um Würde wirbt, +und endlich arm ein armes Sterben stirbt +im Weihrauchabend gotischer Kapellen,-- +nennt ihr das Seele? + +Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit, +in der die Welten weite Wege reisen, +mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit +in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit +und will hinauf und will mir ihnen kreisen.... +Und das ist Seele. + + +Die hohen Tannen armen heiser +im Winterschnee, und bauschiger +schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser. +Die weißen Wege werden leiser, +die trauten Stuben lauschiger. + +Da singt die Uhr, die Kinder zittern: +Im grünen Ofen kracht ein Scheit +und stürzt in lichten Lohgewittern,-- +und draußen wächst im Flockenflittern +der weiße Tag zur Ewigkeit. + + +Der Abend kommt von weit gegangen +durch den verschneiten, leisen Tann. +Dann preßt er seine Winterwangen +an alle Fenster lauschend an. + +Und stille wird ein jedes Haus; +die Alten in den Sesseln sinnen, +die Mütter sind wie Königinnen, +die Kinder wollen nicht beginnen +mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen +nicht mehr. Der Abend horcht nach innen +und innen horchen sie hinaus. + + +Das Wetter war grau und grell; +der Abend ist lichter und leiser. +Sicher kommt irgendein Kaiser: +Alle Häuser sind hell. +Und so festlich und weich +war das Abendgebimmel; +die Alten schaun in den Himmel, +und die Kinder sind reich. + + +Sonne verlodert am Himmelsrain. +Durch ernteverarmte Krumen +waten die Weiber feldein. + +An den verschimmernden Schienenreihn +beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein, +sinnen Sonnenblumen. + + +Du arme, alte Kapelle +mit deiner verstaubten Zier-- +der Frühling baut eine helle +Kirche neben dir. + +Viel frierende Frauen hinken +in deine Weihrauchruh, +draußen die Kinder winken +allen Rosen zu. + + +Die Mädchen singen: +Alle Mädchen erwarten wen, +wenn die Bäume in Blüten stehn; +wir müssen immer nähn und nähn, +bis uns die Augen brennen. +Unser Singen wird nimmer froh, +fürchten uns vor dem Frühling so: +Finden wir einmal ihn irgendwo, +wird er uns nicht mehr erkennen. + + +Lehnen im Abendgarten beide, +lauschen lange nach irgendwo. +"Du hast Hände wie weiße Seide...." +Und da staunt sie: "Du sagst das so...." + +Etwas ist in den Garten getreten, +und das Gitter hat nicht geknarrt, +und die Rosen in allen Beeten +heben vor seiner Gegenwart. + + +Eine der weißen Vestageweihten +lächelte Gnade dem Todbereiten, +löste ihm von der Stirn die Schmach. + +Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten +des todbefreiten, Schulter breiten +Epheben nach. + + +Im Kreise der Barone +der König ritt zur Jagd. +Ihm wohnte in roter Krone +ein einsamer Smaragd. + +Da gibts unter hellen Hufen +Wege so weit und weiß; +keiner hört Hilfe rufen, +und der Mittag ist heiß.... + +Ob einer den König erkannte? + +Die Dohlen im Abend schrien. + +Die allerkühnste spannte +den Flug schon über Ihn: +Auf des Königs Stirne brannte +ein einsamer Rubin. + + +Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit. +In blanken Sälen schleichen leise Schauer. +Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer, +und alle Wege weltwärts sind verschneit. + +Darüber hängt der Himmel brach und breit. +Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden +hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen.... +Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit. + + +Irgendwo muß es Paläste geben, +drin die Fenster von Staub verschnein; +in der Säle hallende Reihn +tauchen tote Tage hinein: +Gestalten wallen, es warnt der Schrein; +und kein lustiger Leuchterschein +reicht In das einsame Seltsamsein.... + +Dorten wollen wir Feste gehen-- +märchenallein. + + +Im Schlosse mit den roten Zinken +wär ich so gern des Abends Gast. +Die Fenster glühn, die Falten sinken, +und meine weißen Wünsche winken +mir aus dem lodernden Palast. + +Ich will durch lange Hallen schleichen +und in die tiefen Gärten schaun, +die über alle Marken reichen. +Und Frauen lächeln an den Teichen, +und in den Wiesen prahlen Pfaun.... + + +Einmal möcht ich dich wiederschauen, +Park, mit den alten Lindenalleen, +und mit der leisesten aller Frauen +zu dem heiligen Weiher gehn. + +Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen +gleiten leise auf glänzendem Glatt, +aus der Tiefe tauchen die Rosen +wie Sagen einer versunkenen Stadt. + +Und wir sind ganz allein im Garten, +drin die Blumen wie Kinder stehn, +und wir lächeln und lauschen und warten, +und wir fragen uns nicht, auf wen.... + + +Es kommt in prunkenden Gebreiten +der Abend wie ein leiser Gott. +Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten +durch purpurbunte Einsamkeiten +in bügelleichtem Träumertrott. + +Ich atme tief. Ich werde Kaiser. +Mein heiler Helm ist losgeschnallt, +und meine Stirne streifen Reiser +und rauschen so. Und leiser, leiser +hallt Huf und Ruf im roten Wald. + + +Horch, verhallt nicht ein scheuer +Schrei von den Hängen her? +Aus dem morschen Klostergemäuer +kann der Abend nicht mehr. +Er sucht sich wund an der Wand. +Und mit hilfloser Hand +in das Säulengedränge, +in ewige Gänge, +wirft er den Brand. +Feuer.-- +In schlichtem Gewand +flieht er, der Heimkehr singender Heuer +leise gesellt, ins verlöschende Land. + + +Der König Abend weiß sich schwach +und satt, und ihm geschieht: +Er schenkt sein Gold dem jungen Bach, +der einem Hirtensingen nach +in Menschen lande zieht. + +Jetzt ist der Bach ein Königskind. +Er jubelt laut Alarm +und gibt den wunden Krumen blind +sein Gold.--Und wo die Hütten sind, +dort ist er wieder arm. + + +Der Tag entschlummert leise,-- +ich walle menschenfern.... +Wach sind im weiten Kreise +ich--und ein bleicher Stern. + +Sein Auge licht durchwoben +ruht flimmernd hell auf mir, +er scheint am Himmel droben +so einsam, wie ich hier.... + + + + + + FAHRTEN + + + + +VENEDIG + + +I + + +Fremdes Rufen. Und wir wählen +eine Gondel, schwarz und schlank: +Leises Gleiten an den Pfählen +einer Marmorstadt entlang. + +Still. Die Schiffer nur erzählen +sich. Die Ruder rauschen sacht, +und aus Kirchen und Kanälen +winkt uns eine fremde Nacht. + +Und der schwarze Pfad wird leiser, +fernes Ave weht die Luft,-- +traun: Ich bin ein toter Kaiser, +und sie lenken mich zur Gruft. + + + +II + + +Immer ist mir, daß die leisen +Gondeln durch Kanäle reisen +irgend jemand zum Empfang; +denn das Warten dauert lang, +und das Volk ist arm und krank, +und die Kinder sind wie Waisen. + +Lange harren die Paläste +auf die Herren, auf die Gäste, +und das Volk will Kronen sehn. +Auf dem Markusplatze stehn +möcht ich oft und irgendwen +fragen nach dem fernen Feste.... + + + +III + + +Mein Ruder sang: +Poppé, fahr zu! +Ein Volk von Sklaven +drängt sich im Hafen +um nüchterne Feste, +und die Paläste +können nicht schlafen. +Poppé, fahr zu! + +Eisige Ruh +in Marmorgliedern, +mit matten Lidern +erschauern die Plätze. +Im Gassennetze +betteln die Niedern. +Poppe, fahr zu! + +Sag mir, weißt du +noch von den Toten, +die hier geboten +in köstlichen Kronen? +Wo sie jetzt wohnen, +die Purpurroten? + +Poppé, fahr zu! + + + +IV + + +Ave weht von den Türmen her, +immer noch hörst du die Kirchen erzählen; +doch die Paläste an stillen Kanälen +verraten nichts mehr. + +Und vorbei an der Traumesruh +ihrer schlafenden Stirnen schwanken +leise Gondeln wie schwarze Gedanken +dem Abend zu. + + + + +ENGLAR IM EPPAN + + +Später Weg. Die Hütten kauern, +und das dumpfe Dorf schläft ein. +Ernste Türme seh ich dauern, +weit aus weißen Blütenschauern +wächst ihr Weltverlorensein. + +Abendbrand in brachen Zinnen, +und der Wind fährt durch den Saal. +Und für wen im Burghof drinnen +immer noch die Brunnen rinnen-- +keiner weiß es dort im Tal. + + + + +TENNO + + +Der Kirchhof hoch im Sommerschnee +gehört zum Berghof hin; +wie über einem Hochlandsee +wacht Frieden über ihn. +Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl. +Der Rasen schüchtert frühfrostfahl, +die Kreuze arm, die Hügel kahl, +und sacht und selten wächst die Zahl: +einmal. + +Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal. +Im kleinen Dorf ist kleine Wahl +und kleines Glück und kleine Qual,-- +drum läuten sie so fern im Tal: +einmal,--einmal,--einmal.-- + + + + +CASABLANCA + + +Am Berge weiß ich trutzen +ein Kirchlein mit rostigem Knauf, +wie Mönche in grauen Kapuzen +steigen Zypressen hinauf. + +Vergessene Heilige wohnen +dort einsam im Altarschrein; +der Abend reicht ihnen Kronen +durch hohle Fenster hinein. + + + + +ARCO + + +Die Hochschneezinne, schartig scharf, +loht auf wie eine Mauerkrone, +in die der lachende Nerone, +der Morgen, seine Fackel warf. + +Und wie die Flammen bis ins Blau +sich zu verblühten Sternen strecken, +erwacht das Tal in schönem Schrecken +und taucht empor aus Traum und Tau. + + + + +I MULINI + + +Du müde, morsche Mühle, +dein Moosrad feiert Ruh, +aus der Olivenkühle +schaut dir der Abend zu. + +Der Bach singt wie verloren +Menschenlieder nach, +tiefer über die Ohren +ziehst du dein trutziges Dach. + + + + +BODENSEE + + +Die Dörfer sind wie ein Garten. +In Türmen von seltsamen Arten +klingen die Glocken wie weh. +Uferschlösser warten +und schauen durch schwarze Scharten +müd auf den Mittagsee. + +Und schnellende Wellchen spielen, +und goldene Dampfer kielen +leise den lichten Lauf; +und hinter den Uferzielen +tauchen die vielen, vielen +Silberberge auf. + + + + +KONSTANZ + + +Dem Tag ist so todesweh +Müd gießt er aus goldenen Kelchen +Wein in den Bergesschnee. + +Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh, +ein Stern überm Uferschleh, +und ziere, zitternde Weilchen +gittern den Abendsee. + + + + + + FUNDE + + + + +Wenn wie ein leises Flügelbreiten +sich in den späten Lüften wiegt,-- +ich möchte immer weiter schreiten +bis in das Tal, wo riefgeschmiegt +an abendrote Einsamkeiten +die Sehnsucht wie ein Garten liegt. + +Vielleicht darf ich dich dorten rinden, +und zage wird dein erstes Mühn +die wehen Wünsche mir verbinden, +du wirst mich führen tief ins Grün-- +und heimlich werden weiße Winden +an meinem staubigen Stabe blühn. + + + + +Ich möchte draußen dir begegnen, +wenn Mai auf Wunder Wunder häuft, +und wenn ein leises Seelensegnen +von allen Zweigen niederträuft. + +Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken, +Jasmin die weißen Arme streckt +und lind den ewgen Wehgedanken +der Stirne Christi überdeckt. + + + + +Ich mußte denken unverwandt, +wie ich einst zwischen schwarzen Pinien +den tiefen Frühling sinnen fand, +als ich vor deiner Schönheit stand +und durch der Scheitel dunkle Linien +dein Antlitz träumte wie ein Land. + +Es schlich von deiner Lippen Saum +ein Lächeln auf verlornem Pfade-- +ganz leis. Die andern merktens kaum. +So weht ein Blatt vom Blütenbaum: +Nur einer schaut die Frühlingsgnade, +und der sie schaut, ist wie im Traum. + + + + +Fremd ist, was deine Lippen sagen, +fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid +fremd ist, was deine Augen fragen, +und auch aus unsern wilden Tagen +reicht nicht ein leises Wellenschlagen +an deine tiefe Seltsamkeit. + +Du bist wie jene Bildgestalten, +die überm leeren Altarspind +noch immer ihre Hände falten, +noch immer alte Kränze halten, +noch immer leise Wunder walten-- +wenn längst schon keine Wunder sind. + + + + +Du bist so fremd, du bist so bleich. +Nur manchmal glüht auf deinen Wange +ein hoffnungsloses Heimverlangen +nach dem verlornen Rosenreich. + +Dann sehnt dein Auge, tief und klar, +aus allem Müssen, allem Mühen +ins Land, wo nichts als stilles Blühen +die Arbeit deiner Hände war. + + + + +Weißt du, ich will mich schleichen +leise aus lautem Kreis, +wenn ich erst die bleichen +Sterne über den Eichen +blühen weiß. + +Wege will ich erkiesen, +die selten wer betritt +in blassen Abendwiesen-- +und keinen Traum, als diesen: +Du gehst mit. + + + + +Bei dir ist es traut: +Zage Uhren schlagen +wie aus weiten Tagen. +Komm mir ein Liebes sagen: +aber nur nicht laut. + +Ein Tor geht irgendwo +draußen im Blütentreiben. +Der Abend horcht an den Scheiben. +Laß uns leise bleiben: +Keiner weiß uns so. + + + + +Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten +aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein. +Schau, ich will nichts, als deine Hände halten +und still und gut und voller Frieden sein. + +Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben +den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit: +An ihren morgenroten Molen sterben +die ersten Wellen der Unendlichkeit. + + + + +Du, Hände, welche immer geben, +die müssen blühn von fremdem Glück. +Zart wie ein zartes Birkenbeben, +bleibt von dem gebenden Erleben +ein Rhythmenzittern drin zurück. + +Das sind die Hände mit den schmalen +Gelenken, die sich leise mühn; +und wüßten die von Kathedralen, +sie müßten sich in Wundenmalen +vor allem Volke heiligblühn. + + + + +Bist gewandert durch Wahn und Weh, +kommst aus meinen dunkelsten Tagen, +hast dir eine Brücke geschlagen +bis zu mir über Schuld und Schnee. + +Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot, +und auf kronengoldenen Locken +trägst du flüchtige Federflocken +in den fröhlichen Frühlingstod. + + + + +Will dir den Frühling zeigen, +der hundert Wunder hat. +Der Frühling ist waldeigen +und kommt nicht in die Stadt. + +Nur die weit aus den kalten +Gassen zu zweien gehn +und sich bei den Händen halten-- +dürfen ihn einmal sehn. + + + + +Und dieser Frühling macht dich bleicher, +in weite Wiesen will dein Fuß, +dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher, +und deine Hände werden reicher +mit jedem Wink, mit jedem Gruß. + +Du holst aus düfteschwüler Lade +dein Konfirmandenkleidchen dreist +und trägst es in die wilden Pfade +und schmückst dich für die große Gnade, +die deine Seele blühen heißt. + + + + +Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß +weit aus dem Abend bringen. +Ich geh in die goldene Stunde hinaus, +und die Fenster leuchten am letzten Haus, +drin spielende Kinder singen. + +Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei, +drin singende Kinder wohnen, +und mein Wandern wächst und wächst in den Mal +und kann nicht zurück,--und die Blüten, verzeih, +die wind ich mir alle zu Kronen. + + + + +Bist du so müd? Ich will dich leise leiten +aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß. +Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten. +Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten, +harrt schon der Abend wie ein helles Schloß. + +Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen, +und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus.... +Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen: +Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,-- +du, winde wieder einen Kranz daraus. + + + + +Du: +ein Schloß an wellenschweren, +atlasblassen Abendmeeren-- +und in seinen säulenhehren +Sälen warten Preis und Prunk, +uns zu ehren: + +Weil wir beide wiederkehren-- +ohne Kronen und mit leeren +Händen-- + aber jung + + + + +Purpurrote Rosen binden +möcht ich mir für meinen Tisch +und, verloren unter Linden, +irgendwo ein Mädchen finden, +klug und blond und träumerisch. + +Möchte seine Hände fassen, +möchte knieen vor dem Kind +und den Mund, den sehnsuchtblassen, +mir von Lippen küssen lassen, +die der Frühling selber sind. + + + + +Ein Händeineinanderlegen, +ein langer Kuß auf kühlen Mund, +und dann; auf Schimmer weißen Wegen +durchwandern wir den Wiesengrund. + +Durch leisen, weißen Blütenregen +schickt uns der Tag den ersten Kuß,-- +mir ist: wir wandeln Gott entgegen, +der durchs Gebreite kommen muß. + + +Du willst dir einen Pagen küren? +Mich komm erküren, Königin. +Mir klingt aus alten Aventüren +ein Sang in Saitenspiel und Sinn. + +Ich will ins weiße Schloß dich führen, +in dem ich selber König bin, +und singen hinter tausend Türen +für meine weiße Königin. + + + + +Abend hat mich müd gemacht, +und in meinen Sinnen schrillen +kleine Wünsche mit den Grillen. + +Wo das blasse Land verflacht, +liegen lauter weiße Villen +hinter roter Rosenpracht. + +Liegen wie auf leiser Wacht +weiße Villen an dem stillen +Uferrand der Frühlingsnacht. + + + + +Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen +Stunden mich in der wirbelnden Kreise +wirres Geflimmer? +Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen. +Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer +einsam, mit heimlichem Lächeln, leise, +leise--Tage und Träume bauen. + + + + +Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang. +Das war im Traum. Und deine Seele klang. + +Ganz leise tönte meine Seele mit, +und beide Seelen sangen sich; Ich litt. + +Da wurde Friede tief in mir. Ich lag +im Silberhimmel zwischen Traum und Tag. + + + + +Wie meine Träume nach dir schrein. +Wir sind uns mühsam fremd geworden, +jetzt will es mir die Seele morden, +dies arme, bange Einsamsein. + +Kein Hoffen, das die Segel bauscht. +Nur diese weite, weiße Stille, +in die mein tatenloser Wille +in atemlosem Bangen lauscht. + + + + +Und du warst schön. In deinem Auge schien +sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen. +Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin +dich ein: So kam dich meine Liebe krönen. +Und meine nächteblasse Sehnsucht stand, +weißbindig wie der Vesta Priesterin, +an deines Seelentempels Säulenrand +und streute lächelnd weiße Blüten hin. + + + + +Du hast so große Augen, Kind. +Du siehst gewiß oft nachts Gestalten, +die, fremd und bleich, in marmorkalten +Traumhänden rote Kronen halten, +um die ein Leuchten leise rinnt. +Dann ist dein Blick am Tag wie blind +und deine Seele wie zerspalten, +dann bangt dir vor den Alltagsalten, +wenn Wünsche sich in dir entfalten, +die allen andern Wahnsinn sind. + +Dann ist die Sehnsucht dir erwacht, +stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern, +die plump, mit Händen, blöd und bleiern, +auf deiner Silberseele leiern +das irre Lied, das sterblich macht; +zu fliehn in eine blaue Nacht, +drin alle Wipfel lauschend feiern; +der Glieder Hymne zu entschleiern +und scheu im Schoß von weißen Weihern +zu finden ihre nackte Pracht. + + + + +Du sahst in hohe Lichthofmauern +und spieltest still in dumpfem Raum, +es lag ein unverstandnes Trauern +auf deinem blassen Kindheitsträum. + +Und deine Tage waren bleiern, +die Mutter krank, der Vater roh; +und manchmal kam ein Krüppel leiern-- +dann lauschtest du und weintest so. + +Was kann dir nun der Sommer taugen? +Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag, +durchirren deine Heimwehaugen +den uferlosen Sonnentag. + + + + +Sie war: +Ein unerwünschtes Kind, verstoßen +auch aus der Mutter Nachtgebet, +und ewig fern von jenem Großen, +das gebend durch die Zeiten geht. + +Sie wünschte wenig--und nur selten +kam wie ein Weinen über sie +nach einem Land mit Purpurzelten, +nach einer fremden Melodie, + +nach weißen Wegen, die nicht stauben-- +dann bog sie Rosen sich ins Haar, +und konnte doch nie Liebe glauben, +auch wenn es tief im Frühling war. + + + + +Wenn ich dir ernst ins Auge schaute, +klang oft dein Wort so kummerkrank, +wie eine leise Liebeslaute, +die einsam einst ein Meister baute, +als seine Seele Sehnsucht sang. + +Sie lernte seither leichte Lieder +und tönte gern zu Tag und Tanz,-- +da greift ein Träumer ihre Glieder: +und wie erwachend weint sie wieder +das Heimweh ihres Heimatlands. + + + + +Ja, früher, wenn ich an dich dachte, +wie Wunder wars: ein Mai erwachte +um dich im Aureolenglänz, +und meine Sehnsucht träumte sachte +um deine Stirne einen Kranz. + +Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen +ins Herz den herbstverhangnen Hainen, +schleicht an den bleichen Meilensteinen +ein wunder Sonnenuntergang. + + + + +Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land. +Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband +lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand, +darüber aus nassem Nebelgewand +reckte die Weide die Totenhand. + +Mir war so traurig. Ich starrte und stand. +Ich sah dich kauern am Wegesrand. +Einst hab ich dich und das Glück gekannt. +Du weintest wühlend und unverwandt, +und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland? + +Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt.... +Da hab ich dich wieder wie einst genannt; +doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand. +Die Pappeln kohlten im Abendbrand, +und der Tod ging rot durch dein Heimatland. + + + + +Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte +ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt-- +Siehst du den Mond, wie eine silberechte +Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt: +ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt-- +Das ist das Zeichen toter Liebesnächte. + +Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben? +Und jede läßt die Schwester schauernd los +und muß allein verdarben und verderben, +und alle fallen fahl in deinen Schoß. +Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß. +Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben. + + + + +Kannst du die alten Lieder noch spielen? +Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh +wie die Schiffe mit silbernen Kielen, +die nach heimlichen Inselzielen +treiben im leisen Abendsee. + +Und sie landen am Blütengestade, +und der Frühling ist dort so jung. +Und da findet an einsamem Pfade +vergessene Götter in wartender Gnade +meine müde Erinnerung. + + + + +Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas, +die deine Hand zu pflegen nie vergaß? + Schon tot? +Wo ist die Freude deiner Wangen hin, +die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien-- + Verloht? +Und wo ist unser Glück so groß und rein, +das hell dein Haar wie ein Madonnenschein + Umspann? +Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach, +und morgen kommt der Frost uns ins Gemach-- + Und dann? + + + + + + MÜTTER + + + + +Ich sehne oft nach einer Mutter mich, +nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln. +In ihrer Liebe blühte erst mein Ich; +sie könnte jenen wilden Haß vereiteln, +der eisig sich in meine Seele schlich. + +Dann säßen wir wohl beieinander dicht, +ein Feuer surrte leise im Kamine. +Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht, +und Friede schwebte ob der Teeterrine +so wie ein Falter um das Lampenlicht. + + + + +Mir ist oft, daß ich fragen müßt: +Du, Mutter, was hast du gesungen, +eh deinem blassen, blonden Jungen +der Schlaf die Wangen warm geküßt? + +Hattest du damals sehr viel Gram? +Und weißt du, wie du aufgesprungen, +wenn deinem blassen, blonden Jungen +im tiefen Traum ein Weinen kam? + + + + +Ich gehe unter roten Zweigen +und suche einen späten Strauß. +Weiß nicht vor Glück wo ein und aus, +mir ist so neu, mir ist so eigen: +Mein Lieb ist müd und ist zu Haus. + +Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel, +seit sich sein Mieder weiter zieht, +und seit ein Wunder ihm geschieht: +Bald hat es breite braune Scheitel +und sitzt und singt ein Wiegenlied. + + + + +Leise weht ein erstes Blühn +von den Lindenbäumen, +und, in meinen Träumen kühn, +seh ich dich im Laubengrün +hold im ersten Muttermühn +Kinderhemdchen säumen. + +Singst ein kleines Lied dabei, +und dein Lied klingt in den Mai: + Blühe, blühe, Blütenbaum, + tief im trauten Garten. + Blühe, blühe, Blütenbaum, + meiner Sehnsucht schönsten Traum + will ich hier erwarten. + + Blühe, blühe Blütenbaum, + Sommer wird dirs zahlen. + Blühe, blühe, Blütenbaum. + Schau, ich säume einen Saum + hier mit Sonnenstrahlen. + + Blühe, blühe, Blürenbaum, + balde kommt das Reifen. + Blühe, blühe, Blütenbaum, + meiner Sehnsucht schönsten Traum + lehr mich, ihn begreifen. + +Singst ein kleines Lied dabei, +und dein Lied ist lauter Mai. + + Und der Blütenbaum wird blühn, + blühn vor allen Bäumen, + sonnig wird dein Saum erglühn, + und verklärt im Laubengrün + wird dein junges Muttermühn + Kinderhemdchen säumen. + + + + +Und reden sie dir jetzt von Schande, +da Schmerz und Sorge dich durchirrt,-- +o, lächle, Weib! Du stehst am Rande +des Wunders, das dich weihen wird. + +Fühlst du in dir das scheue Schwellen, +und Leib und Seele wird dir weit-- +o, bete, Weib! Das sind die Wellen +der Ewigkeit. + + + + +DER BLONDE KNABE SINGT: +Was weinst du, Mutter? Ist das Spind +auch bettelleer,--sei gut! +Ich bin dein blondes Kronenkind, +und du hast Edelblut. + +Ich schaute ja, du weißt es nicht,-- +wie du so oft noch spät +beim morgenmatten Lampenlicht +dein Königskleid genäht. + +So bist du eine Königin, +und sei nicht bang und zag-- +und bis Ich erst krafteigen bin, +kommt unser Königs tag. + + + + +DIE MUTTER: +"Liebling, hast du gerufen?" +Es war ein Wort im Wind. +"Wie viele steile Stufen +sind noch bis zu dir, mein Kind?"-- +Da fand ihre Stimme die Sterne, +fand aber die Tochter nicht. + +Im Tale in tiefer Taverne +löschte ein letztes Licht. + + + + +Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß, +wilder, wie Strüme, die schäumen, +wilder, wie Sturm in den Bäumen. +Und leise läßt sie die Stunden los +und schenkt ihre Seele den Träumen. + +Dann erwacht sie. Da steht ein Stern +still überm leisen Gelände, +und ihr Haus hat ganz weiße Wände-- +Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern-- +und faltet die alternden Hände. + + + + + +INHALT + + +LARENOPFER (1896) + +Im alten Hause +Auf der Kleinseite +Ein Adelshaus +Der Hradschin +Bei St. Veit +Im Dome +In der Kapelle St. Wenzels +Vom Lugaus +Der Bau +Im Stübchen +Zauber +Ein anderes +Noch eines +Und das letzte +Im Erkerstübchen +Der Novembertag +Im Straßenkapellchen +Das Kloster +Bei den Kapuzinern +Abend +Jar. Vrchlický +Im Kreuzgang von Loretto +Der junge Bildner +Frühling +Land und Volk +Der Engel +Allerseelen I. II. +Bei Nacht +Abend +Auf dem Wolschan I + II +Wintermorgen +Brunnen +Sphinx +Träume +Maitag +König Abend +An der Ecke +Heilige +Das arme Kind +Wenns Frühling wird +Als ich die Universität bezog +Superavit +Trotzdem +Herbststimmung +An Julius Zeyer +Der Träumer I + II +Die Mutter +Unser Abendgang +Kajetan Týl +Volksweise +Das Volkslied +Dorfsonntag +Mein Geburtshaus +In dubiis I. II. +Barbaren +Sommerabend +Gerichtet +Das Märchen von der Wolke +Freiheitsklänge +Nachtbild +Hinter Smichov +Im Sommer +Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis) +Vigilien I. II. + III. IV. +Der letzte Sonnengruß +Kaiser Rudolf +Aus dem Dreißigjährigen Kriege. 1. Krieg + 2. Alea jacta est + 3. Kriegsknechts-Sang + 4. Kriegsknechts-Rang + 5. Beim Kloster + 6. Ballade + 7. Der Fenstersturz + 8. Gold + 9. Szene + 10. Feuerlilie + 11. Beim Friedland + 12. Frieden +Bei den Ursulinen +Aus der Kinderzeit +Rabbi Löw +Die alte Uhr +Kämpfen +Siegen +Im Herbst +Der kleine "Drateník" +In der Vorstadt +Bei St. Heinrich +Mittelböhmische Landschaft +Das Heimatlied + +TRAUMGEKRÖNT (1897) + +Königslied +Träumen +I. Mein Herz gleicht +II. Ich denke an: +III. Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen +IV. Eine alte Weide trauert +V. Die Rose hier, die gelbe +VI. Wir saßen beisammen +VII. Ich wollt, sie hätten statt der Wiege +VIII. Jene Wolke will ich neiden +IX. Mir ist: Die Welt +X. Wenn das Volk, das drohnenträge +XI. Weiß ich denn, wie mir geschieht +XII. Schon blinzt +XIII. Fahlgrauer Himmel +XIV. Die Nacht liegt duftschwer +XV. Im Schoß der silberhellen +XVI. Abendläuten +XVII. Weltenweiter Wandrer +XVIII. Möchte mir ein blondes Glück erkiesen +XIX. Vor mir liegt ein Felsenmeer +XX. Die Fenster glühten +XXI. Es gibt so wunderweiße Nächte +XXII. Wie eine Riesenwunderblume +XXIII. Wie, jegliches Gefühl vertiefend. +XXIV. O gäbs doch Sterne +XXV. Mir ist so weh, so weh, als müßte +XXVI. Matt durch der Tale +XXVII. Ein Erinnern, das ich heilig heiße +XXVIII. Glaubt mir + +LIEBEN + +I. Und wie mag die Liebe +II. Das war der Tag +III. Einen Maitag mit dir beisammen sein +IV. Ich weiß nicht, wie mir geschieht +V. Ob dus noch denkst +VI. Wir saßen beide in Gedanken +VII. Blondköpfchen hinter den Scheiben +VIII. Die Liese wird heute +IX. Ich träume tief im Weingerank +X. Es ist ein Weltmeer voller Lichte +XI. Ich war noch ein Knabe +XII. Die Nacht im Silberfunkenkleid +XIII. Schon starb der Tag +XIV. Es leuchteten im Garten die Syringen +XV. Oft scheinst du mir ein Kind +XVI. Nach einem Glück +XVII. Wir gingen +XVIII. Im Frühling oder im Traume +XIX. Sie hatte keinerlei Geschichte +XX. Man merkte: der Herbst kam +XXI. Manchmal da ist mir +XXII. Es ist lang + +ADVENT (1898) + +Advent. Es treibt der Wind + +GABEN + +Das ist mein Streit +Du meine heilige Einsamkeit +Der Bach hat leise Melodien +Ich liebe vergessene Flurmadonnen +Warst du ein Kind in froher Schar +Pfauenfeder: in deiner Feinheit +Oft denk ich auf der Alltagsreise +Damit ich glücklich wäre +An manchem Tag ist meine Seele still +Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt +Die hohen Tannen atmen heiser +Der Abend kommt von weit gegangen +Das Wetter war grau und grell +Sonne verlodert am Himmelsrain +Du arme, alte Kapelle +Die Mädchen singen +Lehnen im Abendgarten beide +Eine der weißen Vestageweihten +Im Kreise der Barone +Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit +Irgendwo muß es Paläste geben +Im Schlosse mit den roten Zinken +Einmal möcht ich dich wiederschauen +Es kommt in prunkenden Gebreiten +Horch, verhallt nicht ein scheuer +Der König Abend weiß sich schwach +Der Tag entschlummert leise + +FAHRTEN + +Venedig I. Fremdes Rufen +II. Immer ist mir, daß die leisen +III. Mein Ruder sang +IV. Ave weht von den Türmen her +Englar im Eppan +Tenno +Casablanca +Arco +I mulini +Bodensee +Konstanz + +FUNDE + +Wenn wie ein leises Flügelbreiten +Ich möchte draußen dir begegnen +Ich mußte denken unverwandt +Fremd ist, was deine Lippen sagen +Du bist so fremd, du bist so bleich +Weißt du, ich will mich schleichen +Bei dir ist es traut +Die Nacht holt heimlich +Du, Hände, welche immer geben +Bist gewandert durch Wähn und Weh +Will dir den Frühling zeigen +Und dieser Frühling macht dich bleicher +Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß +Bist du so müd? Ich will dich leise leiten +Du: ein Schloß an wellenschweren +Purpurrote Rosen binden +Ein Händeineinanderlegen +Du willst dir einen Pagen küren? +Abend hat mich müd gemacht +Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen +Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang +Wie meine Träume nach dir schrein +Und du warst schön. In deinem Auge schien +Du hast so große Augen, Kind +Du sahst in hohe Lichthofmauern +Sie war: Ein unerwünschtes Kind +Wenn ich dir ernst ins Auge schaute +Ja, früher, wenn ich an dich dachte +Ich ging durch ein Land +Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte +Kannst du die alten Lieder noch spielen +Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas + +MÜTTER + +Ich sehne oft nach einer Mutter mich +Mir ist oft, daß ich fragen müßt +Ich gehe unter roten Zweigen +Leise weht ein erstes Blühn +Und reden sie dir jetzt von Schande +Der blonde Knabe singt +Die Mutter +Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***
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