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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:16 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***
+
+ERSTE GEDICHTE
+
+Von
+
+RAINER MARIA RILKE
+
+
+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXIII
+
+
+
+
+
+ LARENOPFER
+
+
+
+
+IM ALTEN HAUSE
+
+
+Im alten Hause; vor mir frei
+seh ich ganz Prag in weiter Runde;
+tief unten geht die Dämmerstunde
+mit lautlos leisem Schritt vorbei.
+
+Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.
+Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,
+ragt klar vor mir die grünspangrüne
+Turmkuppel von Sankt Nikolas.
+
+Schon blinzelt da und dort ein Licht
+fern auf im schwülen Stadtgebrause.--
+Mir ist, daß in dem alten Hause
+jetzt eine Stimme "Amen" spricht.
+
+
+
+
+AUF DER KLEINSEITE
+
+
+Alte Häuser, steilgegiebelt,
+hohe Türme voll Gebimmel,--
+in die engen Höfe liebelt
+nur ein winzig Stückchen Himmel.
+
+Und auf jedem Treppenpflocke
+müde lächelnd--Amoretten;
+hoch am Dache um barocke
+Vasen rieseln Rosenketten.
+
+Spinnverwoben ist die Pforte
+dort. Verstohlen liest die Sonne
+die geheimnisvollen Worte
+unter einer Steinmadonne.
+
+
+
+
+EIN ADELSHAUS
+
+
+Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:
+wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen.
+Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen
+und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe.
+
+Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber,
+als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;
+und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:
+das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich--Zauber.
+
+
+
+
+DER HRADSCHIN
+
+
+Schau so gerne die verwetterte
+Stirn der alten Hofburg an;
+schon der Blick des Kindes kletterte
+dort hinan.
+
+Und es grüßen selbst die eiligen
+Moldauwellen den Hradschin,
+von der Brücke sehn die Heiligen
+ernst auf ihn.
+
+Und die Türme schaun, die neueren,
+alle zu des Veitsturms Knauf
+wie die Kinderschar zum teueren
+Vater auf.
+
+
+
+
+BEI ST. VEIT
+
+
+Gern steh ich vor dem alten Dom;
+wie Moder weht es dort, wie Fäule,
+und jedes Fenster, jede Säule
+spricht noch ihr eignes Idiom.
+
+Da hockt ein reich geschnörkelt Haus
+und lächelt Rokoko-Erotik,
+und hart daneben streckt die Gotik
+die dürren Hände betend aus.
+
+Jetzt wird mir klar der casus rei;
+ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:
+der Herr Abbé hier--ihm zuseiten
+die Dame des roi soleil.
+
+
+
+
+IM DOME
+
+
+Wie von Steinen rings, von Erzen
+weit der Wände Wölbung funkelt,
+eine Heilge, braungedunkelt,
+dämmert hinter trüben Kerzen.
+
+Von der Decke, rundgemauert,
+schwebt ob eines Engels Kopfe
+hell ein weißer Silbertropfe,
+drin ein ewig Lichtlein kauert.
+
+Und im Eck, wo Goldgeglaste
+niederhangt in staubgen Klumpen,
+steht in Schmutz gehüllt und Lumpen
+still ein Kind der Bettlerkaste.
+
+Von dem ganzen Glänze floß ihm
+in die Brust kein Fünkchen Segen....
+Zitternd, matt, streckts mir entgegen
+seine Hand mit leisem: "Prosim!"
+
+
+
+
+IN DER KAPELLE ST. WENZELS
+
+
+Alle Wände in der Halle
+voll des Prachtgesteins; wer wüßte
+sie zu nennen: Bergkristalle,
+Rauchtopase, Amethyste.
+
+Zauberhell wie ein Mirakel
+glänzt der Raum im Lichtgetänzel,
+unterm goldnen Tabernakel
+ruht der Staub des heilgen Wenzel.
+
+Ganz von Leuchten bis zum Scheitel
+ist die Kuppel voll, die hohle;
+und der Goldglast sieht sich eitel
+in die gelben Karneole.
+
+
+
+
+VOM LUGAUS
+
+
+Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln
+und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;
+dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen
+schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.
+
+Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten
+sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen.
+Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen
+in sich des Himmels violette Tinten!
+
+
+
+
+DER BAU
+
+
+ (1)
+
+Die moderne Bauschablone
+will mir wahrlich gar nicht passen.
+Hier, dies alte Haus darf fassen
+reiche, weite Steinterrassen,
+kleine, heimliche Balkone.
+
+Und die weitgewölbten Decken,
+die so günstig sind den Lauten,
+Nischen rings, die eingebauten,
+draus die Arme sich der trauten
+Dämmrung dir entgegenstrecken.
+
+Alle Mauern breiter, stärker
+und aus echten Quaderkernen;--
+traun, das Gruseln könnt ich lernen,
+seh ich auf die Zinskasernen
+aus dem kleinen, Stillen Erker.
+
+
+
+
+IM STÜBCHEN
+
+
+ (2)
+
+Traut ists, wenn verstohlen heulen
+im Kamine wilde Winde
+in der Stube; ganz gelinde
+tickt auf dem barocken Spinde
+fort die Stockuhr mit den Säulen.
+Dort, die kleine Silhouette
+zeigt die alte Tracht der Locken,
+tief im Fenster steht ein Rocken,
+und vergeßne Töne stocken
+im verlassenen Spinette.
+Immer noch hegt die Postille,
+daß an ihrem Geist erfrische
+jung und alt sich, auf dem Tische,
+und der Spruch ob jener Nische
+lautet: "Es gescheh Dein Wille...."
+
+
+
+
+ZAUBER
+
+
+ (3)
+
+Oft seh ich die heimliche Stube belebt,
+so lebhaft erzählen die Wände;
+ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt
+dort zu der Madonna die Hände.
+
+Ein tüchtiger Junge beim Vater steht,
+der viel zu des Hauses Gewinn tat.
+An huben sie flüsternd das Abendgebet,
+und Mutter läßt ruhen das Spinnrad.
+
+Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß
+sogar der Madonna im Rahmen.
+Ich lausche:--Laut von des Vaters Baß
+ertönt das versöhnende: "Amen".
+
+
+
+
+EIN ANDERES
+
+
+ (4)
+
+Naht der Sohn mit schwerem Schritt
+seinem Vater. Schwer die Zunge....
+"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?!
+Vorwärts, nur herein damit!"
+
+Und da steht zum erstenmal
+jetzt das Mädchen rot und stille;
+und der Vater putzt die Brille:
+"Teufel! Gut war deine Wahl!"
+
+Und er streckt die Arme aus,
+und das Bräutchen nimmt verlegen
+seinen Kuß und seinen Segen....
+Davon weiß das alte Haus.
+
+
+
+
+NOCH EINES
+
+
+ (5)
+
+Auch dem blonden Kinde kam es
+In sein Herz, sein waldseereines,
+wie das dunkle Ahnen eines
+großen Glückes oder Grames.
+
+Und die Mutter ließ das Rädchen
+stocken.--"Kind, was macht dich leiden?"
+Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen:
+doch verstanden sich die beiden.
+
+Kurz darauf: Am Pförtchen pochte
+junger Herr.--"Wollt ihr euch?"--Pause.--
+Ob!--Wer da noch fragen mochte!?--
+So geschahs im alten Hause.
+
+
+
+
+UND DAS LETZTE
+
+
+ (6)
+
+Still heut die Stube.--Weiß wie Kalk
+ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos
+ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos
+lehnt sie bei Vaters Katafalk.
+
+Zuseiten ihr der Gatte kann
+sie trösten mehr in keiner Weise;
+nun faßt er ihre Hände leise
+und sieht sie ernst und bittend an.
+
+"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!"
+tönt türher hell das Wort des Kleinen;
+da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen,
+und Trost geht durch das alte Haus.
+
+
+
+
+IM ERKERSTÜBCHEN
+
+
+ (7)
+
+Nicht zu sehn das Alltagstreiben,
+flieh ich--wie wenn ich ein Strauß war,--
+in das alte, alte Haus her;
+lang dann seh ich nicht hinaus mehr
+durch die breit verbleiten Scheiben.
+
+Schlichtheit war der Väter Aussaat,
+Glück die Frucht, die sie gefunden;
+sitz so träumend manche Stunden
+dort im Polsterstuhl, im runden,
+mitten in Urväterhausrat.
+
+
+
+
+DER NÖVEMBERTAG
+
+
+Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,
+seine tausend Jubelstimmen schweigen;
+hoch vom Domturm wimmern gar so eigen
+Sterbeglocken in Novembernebeln.
+
+Auf den nassen Dächern liegt verschlafen
+weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen
+greift der Sturm in des Kamines Wänden
+eines Totenkarmens Schlußoktaven.
+
+
+
+
+IM STRAßEN KAPELLCHEN
+
+
+Bei St. Loretto da brennt ein Licht
+vorm Bilde im Straßenkapellchen;
+und um das Wandbild schmiegen sich dicht
+Blechblumen mit farbigen Kelchen.
+
+Die Heiligen machen ein übel Gesicht;
+denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat
+nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht
+schaut fromm in den dämmernden Sabbat.
+
+
+
+
+DAS KLOSTER
+
+
+Im Dämmerdustgeschwel
+ist schon die Stadt zerronnen
+hoch steht das Haus der Nonnen
+des Ordens von Carmel.
+
+Der Abend hüpft hangab
+vorbei mit Feuergarben
+und windet tausend Farben
+um jeden Fensterstab.
+
+Er schmückt das düstre Haus
+umsonst mit Lichtgeglänze;
+So sehen frische Kränze
+auf Leichensteinen aus.
+
+
+
+
+BEI DEN KAPUZINERN
+
+
+Es hat der Pater Guardian
+vom Klosterschnaps mir angeboten;
+ich kenn ihn schon, den dunkelroten,
+der alle Toten wecken kann.
+
+Der Pater sucht den Schlüssel, klein,
+dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,
+und holt den Schatz, den selbstgebrauten,
+hervor aus dem Reliquienschrein.
+
+Und wie er einschenkt, lacht er feist
+und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,
+die einstens ruhten in dem Schreine,
+doch uns erhalten blieb----der Geist!"
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Einsam hinterm letzten Haus
+geht die rote Sonne schlafen,
+und in ernste Schlußoktaven
+klingt des Tages Jubel aus.
+
+Lose Lichter haschen spät
+noch sich auf den Dächerkanten,
+wenn die Nacht schon Diamanten
+in die blauen Fernen sät.
+
+
+
+
+JAR. VRCHLICKÝ
+
+
+Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,
+wo oft ich Ungemach vergaß,
+müd nicken krause Chrysanthemen
+im hohen Venezianergläs.
+
+Ich las in einem Band Gedichte
+gar lange; wie die Zeit entschwand!
+Jetzt erst im Abenddämmerlicbte
+leg ich sie selig aus der Hand.
+
+Mir ist, von göttlichen Problemen
+hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,--
+hat mich der Hauch der Chrysanthemen,
+hat mich Vrchlickýs Buch berauscht?
+
+
+
+
+IM KREUZGANG VON LORETTO
+
+
+Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,
+wo über krausen Säulenarabesken
+herniederschaun aus halb verwischten Fresken
+geheimnisvolle Heiligengestalten.
+
+Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht
+so manchen gnadenvollen Heilmirakels,
+prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels
+im silberübersäten Seidenkleid.
+
+Spannt über Blättergold Spätsommerhaar
+sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,--
+vor einem Bild im Stile Tintorettos
+steht selig still ein junges Liebespaar.
+
+
+
+
+DER JUNGE BILDNER
+
+
+Ich muß nach Rom; in unser Städtchen
+kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück;
+nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen,
+ich mach in Rom mein Meisterstück.
+
+Er sprachs; dann zog er fort im Rausche
+durch jene Welt, die er erhofft;
+doch war ihm, seine Seele lausche
+auf einen innern Vorwurf oft.
+
+Die Unrast trieb ihn heim, die arge:
+Er bildete mit nassem Blick
+sein armes, fahles Lieb im Sarge,
+und das--das war sein Meisterstück.
+
+
+
+
+FRÜHLING
+
+
+Die Vögel jubeln--lichtgeweckt--,
+die blauen Weiten füllt der Schall aus;
+im Kaiserpark das alte Ballhaus
+ist ganz mit Blüten überdeckt.
+
+Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll
+ins junge Gras mit großen Lettern.
+Nur dorten unter welken Blättern
+seufzt traurig noch ein Steinapoll.
+
+Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz
+hinweg das gelbe Blattgeranke
+und legt um seine Stirn, die blanke,
+den blauenden Syringenkranz.
+
+
+
+
+LAND UND VOLK
+
+
+...Gott war guter Laune. Geizen
+ist doch wohl nicht seine Art;
+und er lächelte: da ward
+Böhmen, reich an tausend Reizen.
+
+Wie erstarrtes Licht liegt Weizen
+zwischen Bergen, waldbehaart,
+und der Baum, den dichtgeschaart
+Früchte drücken, fordert Spreizen.
+
+Gott gab Hütten; voll von Schafen
+Ställe; und der Dirne klafft
+vor Gesundheit fast das Mieder.
+
+Gab den Burschen all, den braven,
+in die raube Faust die Kraft,
+in das Herz--die Heimatlieder.
+
+
+
+
+DER ENGEL
+
+
+Hin geh ich durch die Malvasinka
+die Kinderreih, wo sanft und gut
+die kleine Anka oder Ninka
+in ihrem letzten Bettchen ruht.
+
+Auf einem schmalen Schollenhügel
+kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,
+mit staubigem, gebrochnem Flügel
+ein Engelchen aus rohem Ton.
+
+Das flügellahme Kindchen flößte
+mir Mitleid ein,--das arme Ding....
+Da, sieh! Von seinen Lippen löste
+sich leicht ein kleiner Schmetterling.--
+
+
+
+
+ALLERSEELEN
+
+
+I
+
+Rings liegt der Tag von Allerseelen
+voll Wehmut und voll Blütenduft,
+und hundert bunte Lichter schwelen
+vom Feld des Friedens in die Luft.
+
+Sie senden Palmen heut und Rosen;
+der Gärtner ordnet sie mit Sinn--
+und kehrt zum Eck der Glaubenslosen
+die alten, welken Blumen hin.
+
+
+II
+
+"Jetzt beten, Willi,--und nicht reden!"
+Mit großem Aug gehorcht der Knab.
+Der Vater legt den Kranz Reseden
+auf seines armen Weibes Grab.
+
+"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!"
+Klein Willi sieht empor und macht,
+wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,
+daß er am Weg heraus gelacht!
+
+Es sticht im Auge ihn--wie Weinen....
+Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht;
+ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen
+beim Ausgang jäh der Buden Pracht.
+
+Es blinkt durch den Novembernebel
+herüber lichtbeglänzter Tand;
+er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel
+und küßt dem Vater leis die Hand.
+
+Und der versteht. Dann gehn sie weiter....
+Der Vater sieht so traurig aus.--
+Doch einen Pfeiferkuchenreiter
+schleppt Willi selig sich nach Haus.
+
+
+
+
+BEI NACHT
+
+
+Weit über Prag ist riesengroß
+der Kelch der Nacht schon aufgegangen;
+der Sonnenfalter barg sein Prangen
+in ihrem kühlen Blütenschoß.
+
+Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,
+und neckend streut er das Gesträhne
+der weißen Silberhobelspäne
+hernieder in den Moldaustrom.
+
+Da plötzlich, wie beleidigt, hat
+zurückgerufen er die Strahlen,
+weil er gewahr ward des Rivalen:
+der Turmuhr helles Stundenblatt.
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Der Abend naht.--Die klare Zone
+der Stirne schmückt ein goldner Reifen,
+und tausend Schattenhände greifen
+verstohlen nach der roten Krone.
+
+Die ersten, blassen Sterne liebeln
+ihm zu; er steht hoch am Hradschine
+und schaut mit ernster Träumermiene
+die Türme und die grauen Giebeln.
+
+
+
+
+AUF DEM WOLSCHAN
+
+Am Abend des Tages von Allerseelen
+
+
+I
+
+Die dürren Äste übergittern
+des Himmels abendblasse Scheiben;
+und über Grüfte, reich mit Füttern
+geschmückt, geht Wehmut, und es zittern
+die Lichter durch das Blättertreiben.
+
+Im müden Blau, im regungslosen,
+schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,
+die seine blanke Stirne kosen,
+sind schwarz. Der Duft von welken Rosen
+schleicht her wie Geister toter Träume.
+
+
+
+II
+
+Ferner Lärm vom Wagendamm.--
+Hier keimt Friede und Vergessen,
+zwischen zweien Grabzypressen
+hangt der Mond wie ein Tam-Tam.
+
+Schlägt die Ewigkeit nicht sacht
+jetzt daran mit schwarzem Schwengel?
+Bange schaut ein Marmorengel
+in das Aug der Spätherbstnacht.
+
+
+
+
+WINTERMORGEN
+
+
+Der Wasserfall ist eingefroren,
+die Dohlen hocken hart am Teich.
+Mein schönes Lieb hat rote Ohren
+und sinnt auf einen Schelmenstreich.
+
+Die Sonne küßt uns. Traumverloren
+schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
+und wir gehn fürder, alle Poren
+vom Kraftarom des Morgens voll.
+
+
+
+
+BRUNNEN
+
+
+Ganz verschollen ist die alte,
+holde Brunnenpoesie,
+da aus Tritons Muschelspalte
+eine klare Quelle lallte,
+die den Gassen Sprache lieh.
+
+Abends bei den Röhrenkasten
+sammelte sich Paar um Paar,
+weil der Quelle lieblich Glasten
+und ihr Laut der tiefgefaßten
+Neigung süßes Omen war.
+
+Aber als durch Menschenmühn dann
+Wasser treppen aufwärts stieg,
+und kein Paar kam: Misogyn dann
+ward der Gott; es schlich sich Grünspan
+in die Muschel,--und er schwieg.
+
+
+
+
+SPHINX
+
+
+Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,
+in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.
+Die Menge gaffte.--Bis der Rettungswagen
+sie brachte in das gelbe Stadtspital.
+
+Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....
+Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;
+dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen
+und dann der Priester.--Sie blieb stumm und fahl.
+
+Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,
+gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal.
+Ein Röcheln.--Dann ward sie herausgetragen,
+sie und ihr Schmerz.--
+ Und draußen steht kein Mal.
+
+
+
+
+TRÄUME
+
+
+Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden
+geschmückt des blauen Kleides Saum;--
+sie reicht mir mild mit ihren beiden
+Madonnenhänden einen Traum.
+
+Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben,
+hinfort die Stadt mit leisem Schritt
+und nimmt, als Sold des Traumes, drüben
+des kranken Kindes Seele mit.
+
+
+
+
+MAITAG
+
+
+Still!--Ich hör, wie an Geländen
+leicht der Wind vorüberhüpft,
+wie die Sonne Strahlenenden
+an Syringendolden knüpft.
+
+Stille rings. Nur ein geblähter
+Frosch hält eine Mückenjagd,
+und ein Käfer schwimmt im Äther,
+ein lebendiger Smaragd.
+
+Im Geäst spinnt Süberrhomben
+Mutter Spinne Zoll um Zoll,
+und von Blütenhekatomben
+hat die Welt die Hände voll.
+
+
+
+
+KÖNIG ABEND
+
+
+Wie König Balthasar einst nahte,
+die Stirn vom Kronenreif erhellt,
+so tritt im purpurnen Ornate
+der König Abend in die Welt.
+
+Der erste Stern führt ihn wie jenen
+bis an den fernsten Hügelsaum;
+dort findet Mutter Nacht er lehnen
+mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.
+
+Dem bringt er just, wie jener Weise
+des Orients, das Gold, gehäuft,--
+das Gold, das uns der Knabe leise
+erlösend in den Schlummer träuft.
+
+
+
+
+AN DER ECKE
+
+
+Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,
+die an der Ecke stets Kastanien briet.
+Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte
+froh und gesund, ob Falte auch bei Falte
+seit vielen Jahren es durchzieht.
+
+Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;
+die Tüten müssen rein sein, und das Licht
+an ihrem Stand muß immer helle scheinen,
+und von dem Ofen mit den krummen Beinen
+verlangt sie streng die heiße Pflicht.
+
+So trefflich schmort auch keine die Maroni.
+Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,
+und alle kennt sie--bis zum Tramwaypony;
+sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....
+Und leise summt ihr Herd sein Lied.
+
+
+
+
+HEILIGE
+
+
+Große Heilige und kleine
+feiert jegliche Gemeine;
+hölzern und von Steine feine,
+große Heilige und kleine.
+
+Heilge Annen und Kathrinen,
+die im Traum erschienen ihnen,
+baun sie sich und dienen ihnen,
+heilgen Annen und Kathrinen.
+
+Wenzel laß ich auch noch gelten,
+weil sie selten ihn bestellten;
+denn zu viele gelten selten--
+nun, Sankt Wenzel laß ich gelten.
+
+Aber diese Nepomuken!
+Von des Torgangs Luken gucken
+und auf allen Brucken spuken
+lauter, lauter Nepomuken!
+
+
+
+
+DAS ARME KIND
+
+
+Ich weiß ein Mädchen, eingefallen
+die Wangen.--War ein leichtes Tuch
+die Mütter; und des Vaters Fluch
+fiel in ihr erstes Lallen.
+
+Die Armut blieb ihr treu die Jahre,
+und Hunger ward ihr Angebind;
+so ward sie ernst.--Das Lenzgold rinnt
+umsonst in ihre Haare.
+
+Sie schaut die lächelnden Gesichter
+der Blumen traurig an im Hag
+und denkt: der Allerseelentag
+hat Blüten auch und Lichter.
+
+
+
+
+WENNS FRÜHLING WIRD
+
+
+Die ersten Keime sind, die zarten,
+im goldnen Schimmer aufgesprossen;
+schon sind die ersten der Karossen
+ im Baumgarten.
+
+Die Wandervögel wieder scharten
+zusamm sich an der alten Stelle,
+und bald stimmt ein auch die Kapelle
+ im Baumgarten.
+
+Der Lenzwind plauscht in neuen Arten
+die alten, wundersamen Märchen,
+und draußen träumt das erste Pärchen
+ im Baumgarten.
+
+
+
+
+ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG
+
+
+Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr
+so müheschwer vorüberrollte;
+nun endlich bin ich, was ich wollte
+und was ich strebte: ein Skolar.
+
+Erst "Recht" studieren war mein Plan;
+doch meine leichte Laune schreckten
+die strengen, staubigen Pandekten,
+und also ward der Plan zum Wahn.
+
+Theologie verbot mein Lieb,
+könnt mich auf Medizin nicht werfen,
+so daß für meine schwachen Nerven
+nichts als--Philosophieren blieb.
+
+Die Alma mater reicht mir dar
+der freien Künste Prachtregister,--
+und bring ichs nie auch zum Magister,
+bin was ich strebte: ein Skolar.
+
+
+
+
+SUPERAVIT
+
+
+Nie kann ganz die Spur verlaufen
+einer starken Tat; dies lehrt
+zu Konstanz der Scheiterhaufen;
+denn aus tausend Feuertaufen
+steigt der Hochgeist unversehrt.
+
+Bis zu uns her ungeheuer
+ragt der Reformator Hus,
+fürchten wir der Lehre Feuer,
+neigen wir uns doch in scheuer
+Ehrfurcht vor dem Genius.
+
+Der, den das Gericht verdammte,
+war im Herzen, tief und rein,
+überzeugt von seinem Amte,--
+und der hohe Holzstoß flammte
+seines Ruhmes Strahlenschein.
+
+
+
+
+TROTZDEM
+
+
+Manchmal vom Regal der Wand
+hol ich meinen Schopenhauer,
+einen "Kerker voller Trauer"
+hat er dieses Sein genannt.
+
+So er recht hat, ich verlor
+nichts: in Kerkereinsamkeiten
+weck ich meiner Seele Saiten
+glücklich wie einst Dalibor.
+
+
+
+
+HERBSTSTIMMUNG
+
+
+Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,
+an dessen Türe schon der Tod steht still;
+auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,
+wie der der Kerze, die verlöschen will.
+
+Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,
+der matte Wind hält Blätterleichenschau;--
+und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen
+ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.
+
+
+
+
+AN JULIUS ZEYER
+
+
+Du bist ein Meister;--früher oder später
+spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;
+du preisest seine Art und seine Sagen,--
+aus deinen Liedern weht der Heimat Äther.
+
+Dein Volk tut recht,--nicht, voll von wahngeblähter
+Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen,
+es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen,
+stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter.
+
+Es hat dein Volk sich seine Ideale
+noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,
+die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;
+
+du aber mahnst, ein echter Orientale,
+es möge in dem Ringen nicht verlernen
+auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.
+
+
+
+
+DER TRÄUMER
+
+
+I
+
+Es war ein Traum in meiner Seele tief.
+Ich horchte auf den holden Traum:
+ich schlief.
+Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
+und wie ich träumte, hört ich nicht;
+es rief.
+
+
+II
+
+Träume scheinen mir wie Orchideen.--
+So wie jene sind sie bunt und reich.
+Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
+ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
+brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
+freuen in der flüchtigen Minute,
+in der nächsten sind sie tot und bleich.--
+Und wenn Welten oben leise gehen,
+fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?
+Träume scheinen mir wie Orchideen.--
+
+
+
+
+DIE MUTTER
+
+
+Aufwärts die Theaterrampe
+rollen dröhnend die Karossen,
+abseits unter trüber Lampe
+steht ein altes Weib verdrossen.
+
+Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute,
+wars, daß sie zusammenschrecke;
+niemand aus dem Strom der Leute
+sieht die Alte in der Ecke.
+
+An die neue "Größe" dachte,
+von ihr sprach man nur.--Die Güte
+eines Grafen, hieß es, brachte
+herrlich ihr Talent zur Blüte.
+
+Später. Jubelstürme hallten
+in den Schlußklang der Trompeten....
+Aber draußen kams der Alten,
+heimlich für ihr Kind zu beten.
+
+
+
+
+UNSER ABENDGANG
+
+
+Gedenkst du noch, wie guter Dinge
+wir wallten durch das Nusler Tal;
+zwei kleine, blaue Schmetterlinge
+verflattertcn im Abendstrahl.
+
+Am Häuschen lehnte die Melone
+dort--wie auf einem Bilde Dows,
+und herrlich mit der Kuppelkrone
+hob sich das Haupt der Karlshofs.
+
+Im West war noch der Weizen golden,
+blaugrün verdämmerte der Kohl;
+die ersten weißen Sternendolden
+umzitterten den Himmelspol.
+
+
+
+KAJETAN TÝL
+
+Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen
+ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.
+
+Da also hat der arme Týl
+sein Lied "Kde domov můj"--geschrieben.
+In Wahrheit; Wen die Musen lieben,
+dem gibt das Leben nicht zuviel.
+
+Ein Stübchen--nicht zu klein dem Flug
+des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.--
+Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,
+ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.
+
+Doch wär er nicht für tausend Louis
+von Böhmen fort. Mit jeder Fiber
+hing er daran.--"Ich bleibe lieber,"
+hätt er gesagt, "kde domov můj."
+
+
+
+
+VOLKSWEISE
+
+
+Mich rührt so sehr
+böhmischen Volkes Weise,
+schleicht sie ins Herz sich leise,
+macht sie es schwer.
+
+Wenn ein Kind sacht
+singt beim Kartoffeljäten,
+klingt dir sein Lied im späten
+Traum noch der Nacht.
+
+Magst du auch sein
+weit über Land gefahren,
+fällt es dir doch nach Jahren
+stets wieder ein.
+
+
+
+
+DAS VOLKSLIED
+
+Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier
+
+
+Es legt dem Burschen auf die Stirne
+die Hand der Genius so lind,
+daß mit des Liedes Silberzwirne
+er seiner Liebsten Herz umspinnt.
+
+Da mag der Bursch sich süß erinnern,
+was aus der Mutter Mund ihm scholl,
+und mit dem Klang aus seinem Innern
+füllt er sich seine Fiedel voll.
+
+Die Liebe und der Heimat Schöne
+drückt ihm den Bogen in die Hand,
+und leise rieseln seine Töne
+wie Blütenregen in das Land.
+
+Und große Dichter, ruhmberauschte,
+dem schlichten Liede lauschen sie,
+so gläubig wie das Volk einst lauschte
+dem Gottes wort des Sinai.
+
+
+
+
+DORFSONNTAG
+
+
+Im Wirtshaus auf den blanken Dielen
+schwingt sich die Jugend frisch und laut,
+des Burschen Hand, so hart von Schwielen,
+drückt die des blonden Mädchens traut;
+bierfrohe Musikanten spielen
+ein Lied aus der "verkauften Braut".
+
+"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."
+Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.
+Und wie er nach dem Tanz die Holden
+zu seinem Tische kommen heißt,
+da geht der Abend draußen, golden,
+und lacht durch alle Fenster dreist.
+
+
+
+
+MEIN GEBURTSHAUS
+
+
+Der Erinnrung ist das traute
+Heim der Kindheit nicht entflohn,
+wo ich Bilderbogen schaute
+im blauseidenen Salon.
+
+Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen
+dicken Silbers reich betreßt,
+Glück mir war; wo heiße Tränen
+mir das "Rechnen" ausgepreßt.
+
+Wo ich, einem dunklen Rufe
+folgend, nach Gedichten griff,
+und auf einer Fensterstufe
+Tramway spielte oder Schiff.
+
+Wo ein Mädchen stets mir winkte
+drüben in dem Gräfenhains....
+Der Palast, der damals blinkte,
+sieht heut so verschlafen aus.
+
+Und das blonde Kind, das lachte,
+wenn der Knab ihm Küsse warf,
+ist nun fort; fern ruht es sachte,
+wo es nie mehr lächeln darf.
+
+
+
+
+IN DUBIIS
+
+
+I
+
+Es dringt kein Laut bis her zu mir
+von der Nationen wildem Streite,
+ich stehe ja auf keiner Seite;
+denn Recht ist weder dort noch hier.
+
+Und weil ich nie Horaz vergaß,
+bleib gut ich aller Welt und halte
+mich unverbrüchlich an die alte
+aurea mediocritas.
+
+
+II
+
+Der erscheint mir als der Größte,
+der zu keiner Fahne schwört,
+und, weil er vom Teil sich löste,
+nun der ganzen Weit gehört.
+
+Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm
+doch nicht klein der Heimat Hort;
+denn das Vaterland, es ist ihm
+dann sein Haus im Heimatsort.
+
+
+
+
+BARBAREN
+
+
+Ich weiß von einem Riesenparke
+dort, wo die Stadt sich schon verliert;
+jetzt nagt die Axt an seinem Marke,
+sie sagen: er wird parzelliert.
+
+Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas,
+der Mietskasernen weichen soll,
+der war doch wie ein Hain der Pallas
+der raunenden Orakel voll.
+
+Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten,
+den Ort, den kein Profaner sah:
+Es übertönt der Lärm der Zeiten
+das Götterwort der Pythia.
+
+
+
+SOMMERABEND
+
+
+Die große Sonne ist versprüht,
+der Sommerabend liegt im Fieber,
+und seine heiße Wange glüht.
+Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...."
+Und wieder dann: "Ich bin so müd...."
+
+Die Büsche beten Litanein,
+Glühwürmchen hangt, das regungslose,
+dort wie ein ewiges Licht hinein;
+und eine kleine weiße Rose
+tragt einen roten Heiligenschein.
+
+
+
+GERICHTET
+
+
+"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst,
+lang ist es her; doch wenn der Schein
+des runden Monds das Rathaus küßt,
+dann wallen aus dem heilgen Teyn
+Gerichtete in Geisterreihn ...
+ Weh wer sie sah!
+
+Viel Herren fielen auf dem Ring;
+die Herren finden Ruhe nicht;--
+sie zogen eines Nachts: Es ging
+voran Herr Christus, groß und licht,
+mit ernstem, traurigem Gesicht ...
+ Und einer sahs!
+
+Der war ein Maler. Und im Flug
+malt er, wie er geschaut, den Ring.
+Er malt den ganzen Geisterzug,
+dem ernst voran Herr Christus ging.
+Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...
+ Jetzt ist er tot.--
+
+
+
+
+DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE
+
+
+Der Tag ging aus mit mildem Tone,
+so wie ein Hammerschlag verklang.
+Wie eine gelbe Goldmelone
+lag groß der Mond im Kraut am Hang.
+
+Ein Wölkchen wollte davon naschen,
+und es gelang ihm, ein paar Zoll
+des hellen Rundes zu erhaschen,
+rasch kaut es sich die Bäckchen voll.
+
+Es hielt sich lange auf der Flucht auf
+und zog sich ganz mit Lichte an;--
+da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
+Schwarz ward die Wolke und zerrann.
+
+
+
+
+FREIHEITSKLÄNGE
+
+
+Böhmens Volk! In deinen Kreisen
+weckt ein neuer Genius
+alte, heiße Freiheitsweisen,
+und die mahnen nicht mit leisen
+Worten, daß dein Fesseleisen
+ganz zerschmettert werden muß.
+
+Diese Streitpoeten blasen
+lockend; und in Stücke haun
+kannst du, Volk, in deinem Rasen
+des Gesetzes Marmorvasen,
+doch du kannst aus ihren Phrasen
+keine Zukunft dir erbaun.
+
+Tief in Herz und Sinn in treuer
+Hoffnung senk die Liedersaat,
+sind dir deine Dichter teuer,
+daß daraus ein Lenz, ein neuer,
+keime.--Was dann blieb vom Feuer,
+das entflamme dich zur Tat.
+
+
+
+
+NACHTBILD
+
+
+Auch auf der Theaterrampe
+wird es stille nach und nach.--
+Eine eitle Bogenlampe
+schaut sich in ein Droschkendach.
+
+Auf dem leeren Gangsteig zucken
+Lichter.--Sehn nicht dort am Haus
+helle Dachmansardenlucken
+wie verweinte Augen aus?
+
+
+
+
+HINTER SMICHOV
+
+
+Hin gehn durch heißes Abendrot
+aus den Fabriken Männer, Dirnen,--
+auf ihre niedern, dumpfen Stirnen
+schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.
+
+Die Mienen sind verstumpft; es brach
+das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle
+den Weg, und Staub zieht und Gejohle
+wie das Verhängnis ihnen nach.
+
+
+
+
+IM SOMMER
+
+
+Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer
+auf Moldauwogen uns nach Zlichov
+zu jenem Kirchlein, hoch und frei.
+Im blauen Nebel schwindet Smichov;--
+zur Rechten Flächen braun von Ampfer,
+zur Linken stolz die "Loreley".
+
+Wir legen an; und sieh, ein Alter
+begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!"
+Am Friedhofsrand dann lehnen wir.
+Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,
+und unser Träumen hebt, ein Falter,
+auf Sonnenflügeln sich zu ihr.
+
+
+
+
+AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)
+
+
+Auf schloß das Erztor der Kustode.
+Du sahst vor Blüten keine Gruft.
+Der Lenz verschleierte dem Tode
+das Angesicht mit Blust und Duft;
+da stieg wie eine Todesode
+ein Trauermantel in die Luft.
+
+Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....
+Rings feierte Mittsommerlicht,
+in den Syringen summten Fliegen.--
+Da lag ein Schädel vor uns dicht;
+aus seinen leeren Augen stiegen
+verkümmerte Vergißmeinnicht.
+
+
+
+
+VIGILIEN
+
+
+I
+
+Die falben Felder schlafen schon,
+mein Herz nur wacht allem;
+der Abend refft im Hafen schon
+sein rotes Segel ein.
+
+Traumselige Vigilie!
+Jetzt wallt die Nacht durchs Land;
+der Mond, die weiße Lilie,
+blüht auf in ihrer Hand.
+
+
+II
+
+Am offnen Stubenfenster lehn ich
+und träume in die Nacht hinauf;
+das Mondlicht windet silbersträhnig
+sich um den schwarzen Kirchturmknauf.
+
+Sehn wenig Welten aus den Fernen
+auch durch den engen Hof ins Haus,--
+es füllte Licht von zehen Sternen
+ein ganzes, dunkles Leben aus.
+
+
+III
+
+Horch, der Schritt der Nacht erstirbt
+in der weiten Stille;
+meine Schreibtischlampe zirpt
+leis wie eine Grille.
+
+Goldig auf dem Bücherstand
+glühn der Bände Rücken:
+zu der Fahrt ins Feenland
+Pfeiler für die Brücken.
+
+
+IV
+
+Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht
+beim toten Mütterlein verbracht
+und hat geweint und hat gewacht;--
+dann gingen Jahre, Jahre sacht:
+nie hat sie jener Nacht gedacht.
+
+Und dann kam eine andre Nacht.
+Da hat von Glut und Sünd entfacht
+die rote Lippe Lust gelacht,
+doch plötzlich--wie durch höhre Macht
+dacht sie der Nacht der Leichenwacht.
+
+
+
+
+DEK LETZTE SONNENGRUSS
+
+Zu einem Bilde des Benes Knüpfer
+
+Die Sonne schmolz, die hehre,
+ins weiße Meer so heiß.
+Zwei Mönche saßen am Meere,
+ein blonder und ein Greis.
+
+Der sann: Geh ich einst rasten,
+so friedlich mög es sein--
+und jener: Des Ruhmes Glasten
+sollt mir mein Sterben weihn.
+
+
+
+
+KAISER RUDOLF
+
+
+Hoch auf seiner Himmelswarte
+über einer Sternenkarte
+sitzt der Kaiser Rudolf dort,
+forschend, ob der langerharrte
+Flugstern, der die Weisen narrte,
+streifen würde diesen Ort.
+
+Und er fragt den Astrologen,
+der am hohen Himmelsbogen
+alle Wanderwege weiß:
+"Wird von Unglück der betrogen,
+den der Stern hineingezogen
+in den unheilvollen Kreis?"
+
+Und der Alte weicht ihm leise
+aus: "Der Stern zieht seine Gleise,
+Herr, im fernen Ätherreich!"
+Und gen Süden sieht der Weise;--
+und der Kaiser schaut die Kreise
+seines Globen, ernst und bleich.--
+
+Und von Süden kommt Verderben,
+kommt Matthias.--Eilge Erben
+lassen ihm nur den Hradschin;
+und der Kaiser spricht im herben
+Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,
+denn schon bin ich tot für 'ihn'.
+
+Alter! Laß den Bück uns heben!
+du hast recht, die Sterne schweben
+hoch ob allem Erdenbann;
+aber--die nach ihnen streben,
+knüpfen selbst ihr dunkles Leben
+an die lichten Lose an!--"
+
+
+
+
+AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE
+
+Kohlenskizzen in Callots Manier
+
+
+1. KRIEG
+
+
+Feinster ist die Welt geworden,--
+darum Dörfer rasch entloht!
+und die Welt ist grau;--drum rot
+färbt sie durch das Morden!
+
+Bauer! Bittest um dein Leben?
+Nimm dirs! Aber bei uns bleib!
+Herrgott hat dir Ochs und Weib
+nur für uns gegeben.
+
+Laß den Teufel Felder pflügen;
+sieh, wir haben stets genung!
+Vorwärts--einen Werbetrunk
+aus den vollen Krügen!
+
+
+
+
+2. ALEA JACTA EST
+
+
+"... Tod oder Sold!"
+Und jetzt die Trommel schnell
+her. Auf das Trommelfell
+Würfel gerollt.
+
+So wird dem Lohn,
+der unsre Streiche sucht.
+Sieh, der Baum, reiche Frucht
+trägt er doch schon!
+
+Solltest schon längst
+hängen dran, Kamerad!
+Drum ists nicht jammerschad,
+wenn du dann hängst!
+
+
+
+
+3. KRIEGSKNECHTS-SANG
+
+
+Lag auf einer Trommel nackt,
+kaum zwei Spannen lang,
+und der rauhe Trommeltakt
+war mein Wiegensang.
+
+Wild zu wettern taugte ich
+damals schon im Zorn,
+meine Milch, die saugte ich
+aus dem Pulverhorn.
+
+Damals taufte jeden gut
+der Korp'ral; beim Schopf
+nahm er ihn, goß Schwedenblut
+heiß ihm übern Kopf.
+
+
+
+
+4. KRIEGSKNECHTS-RANG
+
+
+Bei uns gibts nicht Edelinge,
+die was gelten durch ihr Blut,
+jedes Rang ist jedes Klinge,
+und sein Wappen ist der Mut.
+
+Wer nur immer kühn sein Schwert
+hält den Schild von Schande rein,
+wer noch gestern unterm Heer zog,
+Herzog kann er morgen sein.
+
+
+
+
+5. BEIM KLOSTER
+
+
+Was gibts?--Eine Klosterpforte?--
+Ei, Potz Blitz!
+Eine Tür von dieser Sorte
+renn ich ohne viele Worte
+ein mit meiner Nasenspitz!
+
+Auf das Tor ein fester Stempel....
+Pfaffe, komm!
+Jetzt heraus mit deinem Krempel,
+paar Monstranzen zum Exempel
+und paar Kelche: wir sind fromm.
+
+Laß jetzt dein: Peccavi, pater....
+Leucht zum Wein
+uns mit deiner Nase, frater,
+dorten kannst du uns ein Rater,
+und ein "Seelensorger" sein!
+
+
+
+
+6. BALLADE
+
+
+Gestern zogen wilde Horden
+durch das Dörfchen hin mit Morden,
+und ein Mädchen sinnt jetzt still:
+Ist der Liebste untreu worden,
+weil er heut nicht kommen will?--
+Draußen schrien die Dohlen.
+
+Mädchen ging mit bleicher Wange
+durch das Haus.--Sie harrte lange,
+und des Nachts floh sie der Schlaf.
+Und sie schlich hinaus zum Hange,
+wo sie stets den Teuren traf.
+Ängstlich schrien die Dohlen.
+
+Und die Nacht war schwarz, die schwüle,
+fern nur brannte eine Mühle....
+Weinend wählt die matte Maid
+sich gar weiches Kraut zum Pfühle
+und entschlief in lauter Leid.
+Schrieen noch die Dohlen?
+
+Spät erwacht sie. Nebel grauten
+rings--soweit die Augen schauten....
+Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt,
+ist das Haar an ihres Trauten
+blutigem, zerschelltem Haupt.--
+Schrecklich schrien die Dohlen.
+
+
+
+
+7. DER FENSTERSTURZ
+
+
+"Naht Verrat mit leisem Schritte,
+ungerächt, bei der Madonna,
+bleibt er nicht! Nach alter Sitte
+zu den Fenstern!" schrie Colonna.
+
+"Schont den Popel! doch die andern,
+jeder eine feige Natter,
+aus den Fenstern laßt sie wandern!
+Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!"
+
+Bange hangt am Fensterstocke
+Martinitz noch.--Da Geröchel:
+Turn schwingt seine Degenglocke
+und zerschmettert ihm die Knöchel.
+
+Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,
+Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!"
+"Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister
+lasse alle Glocken läuten!"--
+
+
+
+
+8. GOLD
+
+
+"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.
+Wo hast das Gold du her?"--
+"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,
+kein Obrist hat wohl mehr!"
+
+"Nein, das ist gutes, rotes Gold,
+das kann dein Sold nicht sein!"
+"Beim Spielen war das Glück mir hold,
+und da ward alles mein!"
+
+"Ist wirklich alles dein--das Gold,
+gesteh,--und ists kein Trug?"--
+"Nun, Würfel haben mit gerollt
+und jetzt laß es genug!"
+
+"Und gibst du mir auch von dem Gold?"
+"Das weißt du!"--"Nein, du Schelm,
+just auf der Stelle, sieh, ich wollt,
+du füllst mir deinen Helm!"
+
+"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt,
+der Glanz gefällt mir gut!--
+
+
+
+... Schau, was dir da am Finger klebt,
+kam das vom Golde?--Blut!"--....
+
+
+
+
+
+9. SZENE
+
+
+Du kniest am Markstein, Alter, sprich!--
+Das ist kein Heilgenbild!"
+"Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich
+das Schicksal gar so wild."
+
+"Hast du kein Haus, hast du kein Land,
+das deiner Hände braucht?"
+"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,
+sieh hin--gewiß--es raucht."
+
+"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn
+und hilft dir aus der Not?"
+"Mein Sohn zog in den Krieg davon,
+jetzt ist er sicher tot."--
+
+"Was streicht dir deines Haares Schnee
+der Tochter Hand nicht, weich?"--
+"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,
+da sprang sie in den Teich."--
+
+"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach
+das Herz dir auch vor Graus...."
+
+ * * * * *
+
+"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach
+mir beide Augen aus."
+
+
+
+
+10. FEUERLILIE
+
+
+Winters, ab die Äste krachten,
+keine Bäche konnten frieren,
+weil die Fluten Blutes ihren
+Pulsschlag immer neu entfachten.
+
+Als die Zeit kam, da die Blume
+aufwacht und der Vogel flötet,
+sprang die Lilie selbst gerötet
+aus der todgedüngten Krume.
+
+
+
+
+11. BEIM FRIEDLAND
+
+
+Heimgekehrt von Schlacht und Schlag
+freut sich Obrist und Gemeiner;
+denn jetzt hält der Wallensteiner
+wieder seinen Hof zu Prag.
+
+Just ließ frei den Turn er ziehn;
+das war so von seinen Trümpfen
+einer.--Drauf ward Nasenrümpfen
+Mode ... dort bei Hof zu Wien.
+
+Laßt sie zetern. Friedlands Heer
+muß nicht darben und nicht dürsten,--
+und aus Knechten macht er Fürsten,
+unser Herzog.--Wer kann mehr?
+
+
+
+
+12. FRIEDEN
+
+
+Prag gebar die Mißgestalt
+dieses Krieges, der voll Tücke
+hauste.--Auf der Karlsbrücke
+starb er, dreißig Jahre alt.
+
+Endlich riß das Eisenstück
+nur dem Acker eine Schramme,
+und vom Kirchturm schlug die Flamme
+in den trauten Herd zurück.
+
+
+
+
+BEI DEN URSULINEN
+
+
+Geh mittags zu den Ursulinen,
+wenn man den Armen Speise trug,
+da siehst du, wie in müde Mienen
+die Not schrieb ihren Namenszug.
+
+Da siehst du Stirnen, die schon frühe
+des Schmerzes Eisenreif umschloß,
+und Wangen, die der Dunst der Brühe
+mit falscher Röte übergoß.
+
+Du hörst, wie leisem Dankesworte
+sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:
+so brandet an der Klosterpforte
+das ganze Elend dieser Welt.
+
+
+
+
+AUS DER KINDERZEIT
+
+
+Sommertage auf der "Golka"....
+Ich, ein Kind noch--Leise her,
+aus dem Gasthaus klingt die Polka,
+und die Luft ist sonnenschwer.
+
+Sonntag ists.--Es liest Helene
+lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz
+ziehn die Wolken, wie die Schwäne
+aus dem Märchen Andersens.
+
+Schwarze Fichten stehn wie Wächter
+bei der Wiesen buntem Schatz;
+von der Straße dringt Gelächter
+bis zu unserm Laubenplatz.
+
+An die Mauer lockt uns beide
+mancher laute Jubelschrei:
+drunten geht im Feierkleide
+Paar um Paar zum Tanz vorbei.
+
+Bunt und selig, Bursch und Holka,
+Glück und Sonne im Gesicht!--
+Sommertage auf der "Golka",--
+und die Luft war voller Licht....
+
+
+
+
+RABBI LÖW
+
+
+"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem
+ Bann der Not;
+heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns
+ der Tod.
+Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und
+ kaum hat der Leichenwart
+eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das
+ ist hart."
+Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen
+ Bocher rasch herein--"
+So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese
+ Nacht dich ganz allein;"
+"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,
+ um Mitternacht
+tanzen all die Kindergeister auf den grauen
+ Steinen sacht.
+Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein
+ Herz beklemmt,
+Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn
+ sein Leichenhemd,
+raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir!
+ Begreifst du wohl?"
+"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt
+ die Antwort hohl.
+
+
+Mitternacht und Mondgegleiße,--
+... und es stürzt der totenblasse
+Bocher bebend durch die Gasse,
+in der Hand das Hemd, das weiße.
+
+Da jetzt ... sind das seine Schritte?...
+Jach kehrt er zurück das bleiche
+Antlitz: weh, die Kindesleiche,
+folgt ihm nach, im Aug die Bitte:
+
+"... Gib das Linnen, ohne Linnen
+lassen mich nicht ein die Geister...."
+Und der Bocher, halb von Sinnen,
+reicht es endlich seinem Meister.
+
+Und schon naht der Geist mit Klagen....
+"Sag, was sterben hundert binnen
+Tagen?--Kind, du mußt es sagen,
+früher darfst du nicht von hinnen."
+
+So der Rabbi.--"Wehe, wehe,"
+ruft der Geist, "aus unserm Stamme
+haben zwei entehrt der Ehe
+keusche, reine Altarflamme!
+
+Hier die Namen!--Sucht nicht fremde
+Ursach, daß euch Tod beschieden...."
+Und der Rabbi reicht das Hemde
+jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"
+
+Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung
+stieg der Tag in rosgem Licht,
+hielt der Rabbi schon Gericht,--
+und der Unschuld ward Befreiung.
+
+Mit der Geißel des Gesetzes
+brandmarkt er die Sünderstirn;--
+langsam löste jedes Hirn
+ich vom Bann des Fluchgenetzes.
+
+Manches Paar war da erschienen,
+dankerfüllt, daß Gott verzieh,
+und der Weise segnet sie.--
+Freude lag auf aller Mienen.
+
+Nur der Bocher warf, der bleiche,
+sich im Fieber hin und her....
+Doch nach Beth Chaim lange mehr
+trug man keine Kindesleiche.
+
+
+
+
+DIE ALTE UHR
+
+
+Bald hättest, alte Rathausuhr,
+du nimmer dürfen Stunden weisen;
+sie hätten bald in altem Eisen
+versplittert deine letzte Spur.
+
+Der Geizhals hart zum letztenmal
+sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,
+zum letztenmal der Tod mit Glotzen
+geschwungen seinen Sensenstahl.
+
+Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.
+Und heut noch kräht er; freilich heiser,
+noch nickt der Geizhals fort, und leiser
+droht ihm des Todes Majestät.
+
+
+
+
+KÄMPFEN
+
+
+I
+
+Ein heißer Eid, ein gramerpreßter,
+der leicht von jungen Lippen rinnt,
+der machte zur barmherzgen Schwester
+fast über Nacht ein blondes Kind.
+
+Des jungen Lebens Wellen fließen
+fortan durch Krankenstuben still;
+es träumt ihr Herz noch vom Genießen,
+wenn auch das Aug es leugnen will.
+
+Denn mit der Strenge der Asketen
+drängt sie zurück, was in ihr quillt,
+und geht um Kraft nach Emaus beten
+zum wunderstarken Gnadenbild.
+
+
+
+
+SIEGEN
+
+
+II
+
+Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;
+"Heut sei im Glauben stark wie nie
+und geh mit Gott an deine Pflichten:
+Es ist ein Fall von Diphtherie...."
+
+Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,
+und doch packt ihn der Tod beim Hals....
+Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,
+erfröstelnd in dem Schutz des Schals.
+
+Als man vorbei beim Kloster gestern
+den Kleinen trug ins Bett von Lehm,
+klang aus der "Kirche von den Schwestern"
+ganz leis ein Totenrequiem....
+
+
+
+
+IM HERBST
+
+
+Ein Riesenspinngewebe, zieht
+Altweibersommer durch die Welt sich;--
+und der Laurenziberg gefällt sich
+im goldig-bläulichen Habit.
+
+Weil er so mild herübersieht,
+sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,
+die Sonne hinter seinem Rücken
+schon frühe ihr Valladolid.
+
+
+
+
+DER KLEINE "DRATENÍK"
+
+
+Kommt so ein Bursche, ein junger,
+Mausfallen, Siebe am Rücken,
+folgt mir durch Gassen und Brücken:
+"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.
+
+Nur einen Krajcar, nur einen
+für ein Stück Brot, milost' pánků!"
+Da!--Und er stammelt mir Dank zu,
+doch läßt nicht Ruh er den Beinen.
+
+Lebt nicht von bloßem Gelunger.--
+Riecht an den Türen den Braten
+und muß die Pfannen doch drahten--
+leer:--das macht 'türkischen Hunger'.
+
+
+
+
+IN DER VORSTADT
+
+
+Die Alte oben mit dem heisern Husten,
+ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott,
+sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott....
+Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.
+
+Und unten stand der schwarze Kastenwagen.
+Die letzte Klasse; als der Totenschrein
+sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,
+und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.
+
+Der Kutscher hieb in seine magern Mähren
+und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,
+als wenn da nicht ein ganzes Leben drin
+voll Weh und Glück und tote Träume waren.
+
+
+
+
+BEI ST. HEINRICH
+
+
+Hart am Kirchenaltargitter,
+wo die Ampel flammt, die matte,
+schlaft ein alter, alter Ritter
+unter grauer Wappenplatte.
+
+Lebend hielt er hoch sein Wappen,
+sorgte immer für sein Blinken;--
+weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen
+alte Weiber drüber hinken?
+
+
+
+
+MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT
+
+
+Fern dämmert wogender Wälder
+beschatteter Saum.
+Dann unterbricht
+nur hie und da ein Baum
+die falbe Fläche hoher Ährenfelder.
+Im hellsten Licht
+keimt die Kartoffel; dann
+ein wenig weiter Gerste, bis der Tann
+das Bild begrenzt.
+Hoch überm Jungwald glänzt
+so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber
+aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;--
+und drüber
+wölbt sich ein Himmel, blank und blau.
+
+
+
+
+DAS HEIMATLIED
+
+
+Vom Feld klingt ernste Weise;
+weiß nicht, wie mir geschieht....
+"Komm her, du Tschechenmädchen,
+sing mir ein Heimatlied."--
+
+Das Mädchen läßt die Sichel,
+ist hier mit Husch und Hui,--
+setzt nieder sich am Feldrain
+und singt: "Kde domov můj"....
+
+Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen
+das Aug mir zugewandt,--
+nimmt meine Kupferkreuzer
+und küßt mir stumm die Hand.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ TRAUMGEKRÖNT
+
+ (1897)
+
+
+
+KÖNIGSLIED
+
+
+Darfst das Leben mit Würde ertragen,
+nur die Kleinlichen macht es klein;
+Bettler können dir Bruder sagen,
+und du kannst doch ein König sein.
+
+Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
+auch kein rotgoldener Reif unterbrach,--
+Kinder werden sich vor dir neigen,
+selige Schwärmer staunen dir nach.
+
+Tage weben aus leuchtender Sonne
+dir deinen Purpur und Hermelin,
+und, in den Händen Wehmut und Wonne,
+liegen die Nächte vor dir auf den Knien....
+
+
+
+
+TRÄUMEN
+
+
+I
+
+Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;
+auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.
+Der Sturm, der übermütige Geselle,
+brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;
+er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei
+und zerrt dort an der Ministrantenschelle.
+Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei
+ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle
+den arg erstaunten fernen Gott herbei.
+Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.
+Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle
+und schmettert an den Fliesen sie entzwei.
+
+Und arme Wünsche knien in langer Reih
+vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.
+Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.
+
+
+
+
+II
+
+Ich denke an:
+--Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,
+drin Hahngekräh;
+und dieses Dörfchen verloren gegangen
+im Blütenschnee.
+Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen
+ein kleines Haus;
+ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen
+verstohlen heraus.
+Rasch auf die Türe, die angelheiser
+um Hilfe ruft,--
+und dann in der Stube ein leiser, leiser
+Lavendelduft....
+
+
+
+
+III
+
+Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen;
+vor seiner Türe saß ich spät,
+wenn hinter violetten Zweigen
+bei halb verhalltem Grillengeigen
+die rote Sonne sterben geht.
+
+Wie eine Mütze grünlich-samten
+steht meinem Haus das moosge Dach,
+und seine kleinen, dickumrammten
+und blank verbleiten Scheiben flammten
+dem Tage heiße Grüße nach.
+
+Ich träumte, und mein Auge langte
+schon nach den blassen Sternen hin,--
+vom Dorfe her ein Ave bangte,
+und ein verlorner Falter schwankte
+im schneeig schimmernden Jasmin.
+
+Die müde Herde trollte trabend
+vorbei, der kleine Hirte pfiff,--
+und in die Hand das Haupt vergrabend,
+empfand ick, wie der Feierabend
+in meiner Seele Saiten griff.
+
+
+
+
+IV
+
+Eine alte Weide trauert
+dürr und fühllos in den Mai,--
+eine alte Hütte kauert
+grau und einsam hart dabei.
+
+War ein Nest einst in der Weide,
+in der Hütt ein Glück zu Haus;
+Winter kam und Weh,--und beide
+blieben aus....
+
+
+
+
+V
+
+Die Rose hier, die gelbe,
+gab gestern mir der Knab,
+heut trag ich sie, dieselbe,
+hin auf sein frisches Grab.
+
+An ihren Blättern lehnen
+noch lichte Tröpfchen,--schau!
+Nur heute sind es Tränen,--
+und gestern war es Tau....
+
+
+
+
+VI
+
+Wir saßen beisammen im Dämmerlichte.
+"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,
+du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte
+von der Prinzessin mit goldnem Haar?"--
+
+Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage
+führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;
+und von der schonen Prinzessin die Sage
+weiß sie wie Mütterchen ganz genau....
+
+
+
+
+VII
+
+Ich wollt, sie hätten statt der Wiege
+mir einen kleinen Sarg gemacht,
+dann wär mir besser wohl, dann schwiege
+die Lippe längst in feuchter Nacht.
+
+Dann hätte nie ein wilder Wille
+die bange Brust durchzittert,--dann
+wärs in dem kleinen Körper stille,
+so still wie's niemand denken kann.
+
+Nur eine Kinderseele stiege
+zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht....
+Was haben sie mir statt der Wiege
+nicht einen kleinen Sarg gemacht?--
+
+
+
+
+VIII
+
+Jene Wolke will ich neiden,
+die dort oben schweben darf!
+Wie sie auf besonnte Heiden
+ihre schwarzen Schatten warf.
+
+Wie die Sonne zu verdüstern
+sie vermochte kühn genug,
+wenn die Erde lichteslüstern
+grollte unter ihrem Flug.
+
+All die goldnen Strahlenfluten
+jener Sonne wollt auch ich
+hemmen! Wenn auch für Minuten!
+Wolke! Ja, ich neide dich!
+
+
+
+
+IX
+
+Mir ist: Die Welt, die laute, krank
+hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben
+und mir nur ist der Weltgedanke,
+der große, in der Brust geblieben.
+
+Denn so ist sie, wie ich sie dachte;
+ein jeder Zwiespalt ist vertost:
+auf goldnen Sonnenflügeln sachte
+umschwebt mich grüner Waldestrost.
+
+
+
+X
+
+Wenn das Volk, das drohnenträge,
+trabt den altvertrauten Trott,
+möcbt ich weiße Wandelwege
+wallen durch das Duftgehege
+ernst und einsam wie ein Gott.
+
+Wandeln nach den glanzdurchsprühten
+Fernen, lichten Lohns bewußt;--
+um die Stirne kühle Blüten
+und von kinderkeuschen Mythen
+voll die sabbatstille Brust.
+
+
+
+
+XI
+
+Weiß ich denn wie mir geschieht?
+In den Lüften Düftequalmen
+und in bronzebraunen Halmen
+ein verlornes Grillenlied.
+
+Auch in meiner Seele klingt
+tief ein Klang, ein traurig-lieber,--
+so hört wohl ein Kind im Fieber,
+wie die tote Mutter singt.
+
+
+
+
+XII
+
+Schon blinzt aus argzerfetztem Laken
+der holde, keusche Götternacken
+der früherwachenden Natur,
+und nur in tiefentiegnen Talen
+zeigt hinter violetten, kahlen
+Gebüschen sich mit falschem Prahlen
+des Winters weiße Sohlenspur.
+
+Hin geh ich zwischen Weidenbäumen
+an nassen Räderrinnensäumen
+den Fahrweg, und der Wind ist mild.
+Die Sonne prangt im Glast des Märzen
+und zündet an im dunkeln Herzen
+der Sehnsucht weiße Opferkerzen
+vor meiner Hoffnung Gnadenbild.
+
+
+
+
+XIII
+
+Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe
+bange verblich.
+Weit--ein einziger lohroter Strich
+wie eine brennende Geißelnarbe.
+
+Irre Reflexe vergehn und erscheinen.
+Und in der Luft
+liegts wie ersterbender Rosenduft
+und wie verhaltenes Weinen....
+
+
+
+XIV
+
+Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,
+und ihre Sterne schauen still,
+wie schon des Mondes weiße Barke
+im Lindenwipfel landen will.
+
+Fern hör ich die Fontäne hallen
+ein Märchen, das ich längst vergaß,--
+und dann ein leises Apfelfallen
+ins hohe, regungslose Gras.
+
+Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel
+und trägt durch alte Eichenreihn
+auf seinem blauen Faltcrflügel
+den schweren Duft vom jungen Wein.
+
+
+
+XV
+
+Im Schoß der silberhellen Schneenacht
+dort schlummert alles weit und breit,
+und nur ein ewig wildes Weh wacht
+in einer Seele Einsamkeit.
+
+Du fragst, warum die Seele schwiege,
+warum sies in die Nacht hinaus
+nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege,
+es löschte alle Sterne aus.
+
+
+
+
+XVI
+
+Abendläuten. Aus den Bergen hallt es
+wieder neu zurück in immer mattern
+Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern
+von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.
+
+In den weißen Wiesenquellen lallt es
+wie ein Stammeln kindischen Gebetes;
+durch den schwarzen Tannenhochwald geht es
+wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.
+
+Durch die Fuge eines Wolkenspaltes
+wirft der Abend rote Blutkorallen
+nach den Felsenwänden.--Und sie prallen
+lautlos von den Schultern des Basaltes.
+
+
+
+
+XVII
+
+Weltenweiter Wandrer
+walle fort in Ruh....
+also kennt kein andrer
+Menschenleid wie du.
+
+Wenn mit lichtem Leuchten
+du beginnst den Lauf,
+schlägt der Schmerz die feuchten
+Augen zu dir auf.
+
+Drinnen liegt--als riefen
+sie dir zu: versteh!--
+tief in ihren Tiefen
+eine Welt voll Weh....
+
+Tausend Tränen reden
+ewig ungestillt,
+und in einer jeden
+spiegelt sich dein Bild!
+
+
+
+
+XVIII
+
+
+Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;
+doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.--
+Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,
+und der Abend blutet in die Buchen.
+
+Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder
+Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....
+Und die ersten Sterne kommen wieder
+und die Träume, die so traurig machen.
+
+
+
+
+XIX
+
+Vor mir liegt ein Felsenmeer,
+Sträucher, halb im Schutt versunken,
+Todesschweigen.--Nebeltrunken
+hangt der Himmel drüber her.
+
+Nur ein matter Falter schwirrt
+rastlos durch das Land, das kranke....
+Einsam, wie ein Gottgedanke
+durch die Brust des Leugners irrt.
+
+
+
+XX
+
+Die Fenster glühten an dem stillen Haus,
+der ganze Garten war voll Rosendüften.
+Hoch spannte über weißen Wolkenklüften
+der Abend in den unbewegten Lüften
+die Schwingen aus.
+
+Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....
+Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,
+Und heimlich über flüstervollen Birken
+sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken
+ins blasse Blau.
+
+
+
+
+XXI
+
+Es gibt so wunderweiße Nächte,
+drin alle Dinge Silber sind.
+Da schimmert mancher Stern so lind,
+als ob er fromme Hirten brächte
+zu einem neuen Jesuskind.
+
+Weit wie mit dichtem Demantstaube
+bestreut, erscheinen Flur und Flut,
+und in die Herzen, traumgemut,
+steigt ein kapellenloser Glaube,
+der leise seine Wunder tut.
+
+
+
+XXII
+
+Wie eine Riesenwunderblume prangt
+voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,
+ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,
+die Mainacht hangt.
+
+Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....
+Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,
+nach Morgen, wo aus feuerroter Aster
+er Sterben trink....
+
+
+
+XXIII
+
+Wie, jegliches Gefühl vertiefend,
+ein süßer Drang die Brust bewegt,
+wenn sich die Mainacht, sternetriefend,
+auf mäuschenstille Plätze legt--
+
+Da schleichst du hin auf sachter Sohle
+und schwärmst zum blanken Blau hinauf,
+und groß wie eine Nachtviole
+geht dir die dunkle Seele auf....
+
+
+
+
+XXIV
+
+O gabs doch Sterne, die nicht bleichen,
+wenn schon der Tag den Ost besäumt;
+von solchen Sternen ohnegleichen
+hat meine Seele oft geträumt.
+
+Von Sternen, die so milde blinken,
+daß dort das Auge landen mag,
+das müde ward vom Sonnetrinken
+an einem goldnen Sommertag.
+
+Und schlichen hoch ins Weltgetriebe
+sich wirklich solche Sterne ein,--
+sie müßten der verborgnen Liebe
+und allen Dichtern heilig sein.
+
+
+
+
+XXV
+
+Mir ist so weh, so weh, als müßte
+die ganze Welt in Grau vergehn,
+als ob mich die Geliebte küßte
+und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.
+
+Als ob Ich tot wär und im Hirne
+mir dennoch wühlte wilde Qual,
+weil mir vom Hügel eine Dirne
+die letzte, blasse Rose stahl....
+
+
+
+
+XXVI
+
+Matt durch der Tale Gequalme wankt
+Abend auf goldenen Schuhn,--
+Falter, der träumend am Halme hangt,
+weiß nichts vor Wonne zu tun.
+
+Alles schlürft hei! an der Stille sich.--
+Wie da die Seele sich schwellt,
+daß sie als schimmernde Hülle sich
+legt um das Dunkel der Welt.
+
+
+
+
+XXVII
+
+Ein Erinnern, das ich heilig heiße,
+leuchtet mir durchs innerste Gemüt,
+so wie Götterbildermarmorweiße
+durch geweihter Haine Dämmer glüht.
+
+Das Erinnern einstger Seligkeiten,
+das Erinnern an den toten Mai,--
+Weihrauch in den weißen Händen, schreiten
+meine stillen Tage dran vorbei....
+
+
+
+
+XXVIII
+
+Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,
+keinen lauten Lenz mehr mag,--
+will nur einen sonnenblanken,
+wipfelroten Frühherbsttag.
+
+Will die Lust, die jubelschrille,
+nicht mehr in die Brust zurück,--
+will nur Sterbestübenstille
+drinnen--für mein totes Gluck.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ LIEBEN
+
+
+
+I
+
+
+Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
+Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
+kam sie wie ein Beten?--Erzähle:
+
+Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
+und hing mit gefalteten Schwingen groß
+an meiner blühenden Seele....
+
+
+II
+
+
+Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,--
+mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....
+Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
+tief in der Nacht.
+
+Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,--
+ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
+Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
+erklang die Nacht....
+
+
+III
+
+
+Einen Maitag mit dir beisammen sein,
+und selbander verloren ziehn
+durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn
+zu der Laube von weißem Jasmin.
+
+Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,
+jeder Wunsch in der Seele so still....
+Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,
+ein großes,--das ists, was ich will....
+
+
+IV
+
+
+Ich weiß nicht, wie mir geschieht....
+Weiß nicht, was Wonne ich lausche,
+mein Herz ist fort wie im Rausche,
+und die Sehnsucht ist wie ein Lied.
+
+Und mein Mädel hat fröhliches Blut
+und hat das Haar voller Sonne
+und die Augen von der Madonne,
+die heute noch Wunder tut.
+
+
+V
+
+
+Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte
+und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?
+Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,
+und du warst damals noch ein Kind.
+
+Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte
+ein junges Hoffen und ein alter Gram....
+Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante
+den "Werther" aus den Händen nahm.
+
+Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,
+dein Auge sah mich groß und selig an.
+Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,
+und Lichter gingen durch den Tann....
+
+
+VI
+
+Wir saßen beide in Gedanken
+im Weinblattdämmcr--du und ich--
+und über uns in duftgen Ranken
+versummte wo ein Hummel sich.
+
+Reflexe hielten, bunte Kreise,
+in deinem Haare flüchtig Rast....
+Ich sagte nichts als einmal leise:
+"Was du für schöne Augen hast."
+
+
+VII
+
+Blondköpfchen hinter den Scheiben
+hebt es sich ab so fein,--
+sternt es ins Stäubchentreiben
+oder zu mir herein?
+
+Ist es das Köpfchen, das liebe,
+das mich gefesselt hält,
+oder das Staubchengetriebe
+dort in der sonnigen Welt?
+
+Keins sieht zum andern hinüber.
+Heimlich, die Stirne voll Ruh
+schreitet der Abend vorüber....
+Und wir? Wir sehn ihm halt zu.--
+
+
+VIII
+
+
+Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.
+Sie findet im Klee einen Vierung....
+Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:
+die Löwenzähne mit blondem Haar
+betreut vom sternigen Schierling.
+
+Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,
+der strotzige, lose Geselle.
+Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn
+und lacht und wälzt durch den Wiesenplan
+des Windes wallende Welle....
+
+
+IX
+
+
+Ich träume tief im Weingerank
+mit meiner blonden Kleinen;
+es bebt ihr Händchen, elfenschlank,
+im heißen Zwang der meinen.
+
+So wie ein gelbes Eichhorn huscht
+das Licht hin im Reflexe,
+und violetter Schatten tuscht
+ins weiße Kleid ihr Kleckse.
+
+In unsrer Brust liegt glückverschneit
+goldsonniges Verstummen.
+Da kommt in seinem Sammerkleid
+ein Hummel Segen summen....
+
+
+X
+
+
+Es ist ein Weltmeer voller Lichte,
+das der Geliebten Aug umschließt,
+wenn von der Flut der Traumgesichte
+die keusche Seele überfließt.
+
+Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers
+so wie ein Kind, das stockt im Lauf,
+geht vor der Pracht des Christbaumzimmers
+die Flügeltüre lautlos auf.
+
+
+XI
+
+
+Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:
+Heut kommt Base Olga zu Gaste.
+Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies
+ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.
+
+Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang
+und frischte sich mäßig die Kehle;
+und wie mein Glas an das deine klang,
+da ging mir ein Riß durch die Seele.
+
+Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß
+mich dem Plaudern der andern zu einen,
+denn tief im trockenen Halse saß
+mir würgend ein wimmerndes Weinen.
+
+Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück
+und küßtest die Lippen mir lange,
+und ich gab dir fiebernde Küsse zurück
+auf die Stirne, den Mund und die Wange.
+
+Und da machtest du leise die Augen zu,
+die Wonne blind zu ergründen....
+Und mir ahnte im Herzen: da wärest du
+am liebsten gestorben in Sünden....
+
+
+XII
+
+
+Die Nacht im Silberfunkenkleid
+streut Trâume eine Handvoll,
+die füllen mir mit Trunkenheit
+die tiefe Seele randvoll.
+
+Wie Kinder eine Weihnacht sehn
+voll Glanz und goldnen Nüssen,--
+seh ich dich durch die Mainacht gehn
+und alle Blumen küssen.
+
+
+XIII
+
+Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,
+und unter Farren bluteten Zyklamen,
+die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,
+es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen.
+Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,
+ich sagte leise deinen süßen Namen:
+Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft
+aus deines Herzens weißem Liliensamen
+die Feuerlilie der Leidenschaft.
+
+Rot war der Abend--und dein Mund so rot,
+wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,
+und jene Flammen, die uns jäh durchloht,
+sie leckten an den neidischen Gewanden....
+Der Wald war stille, und der Tag war tot.
+Uns aber war der Heiland auferstanden,
+und mit dem Tage starben Neid und Not.
+Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,
+und leise stieg das Glück aus weißem Boot.
+
+
+XIV
+
+Es leuchteten im Garten die Syringen,
+von einem Ave war der Abend voll,--
+da war es, daß wir voneinander gingen
+in Gram und Groll.
+
+Die Sonne war in heißen Fieberträumen
+gestorben hinter grauen Hängen weit,
+und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen
+dein weißes Kleid.
+
+Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen
+und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,
+das lange in ein helles Licht gesehen:
+Bin ich jetzt blind?--
+
+
+XV
+
+Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,--
+dann fühl ich mich so ernst und alt,--
+wenn nur ganz leis dein glockenreines
+Gelächter in mir widerhallt.
+
+Wenn dann in großem Kinderstaunen
+dein Auge aufgeht, tief und heiß,--
+möcht ich dich küssen und dir raunen
+die schönsten Märchen, die ich weiß.
+
+
+XVI
+
+Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,
+nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....
+Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern
+da hör ichs nahn....
+
+Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,
+in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,--
+dann unter schattenschweren Blütenbäumen
+seh ich es nahn.
+
+In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,
+am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,
+am Herzen jene Blume nur, die rote,
+trug es die auch?...
+
+
+XVII
+
+Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,
+vom Abschiedsweh die Augen beide rot...
+"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."
+Ich sagte bang: "Die sind schon tot."
+
+Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern
+stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.
+Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,
+und eine Dohle schrie von fern--
+
+
+XVIII
+
+Im Frühling oder im Traume
+bin ich dir begegnet, einst,
+und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,
+und du drückst mir die Hand und weinst.
+
+Weinst du ob der jagenden Wolken?
+Ob der blutroten Blätter? Kaum.
+Ich fühl es: du warst einmal glücklich
+im Frühling oder im Traum....
+
+
+XIX
+
+Sie hatte keinerlei Geschichte,
+ereignislos ging Jahr um Jahr--
+auf einmal kams mit lauter Lichte....
+die Liebe oder was das war.
+
+Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,
+da liegt ein Teich vor ihrem Haus....
+So wie ein Traum scheints zu beginnen,
+und wie ein Schicksal geht es aus.
+
+
+XX
+
+Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell
+erstorben im eigenen Blute.
+Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell
+auf der Kleinen verbogenem Hute.
+
+Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich
+sie die Hand mir schmeichelnd und leise.--
+Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....
+Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".
+
+Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot
+in den Stoff meines Mantels vergrabend....
+Vom Hütchen nickte die Rose rot,
+und es lächelte müde der Abend.
+
+
+XXI
+
+Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh
+will mich das Schicksal noch segnen,
+wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh
+lachende Mädchen begegne....
+Lachen hör ich sie gerne.
+
+Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,
+nie kann ichs, wähn ich, vergessen...
+Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,
+will ich mirs singen ... Indessen
+singens schon oben die Sterne....
+
+
+XXII
+
+Es ist lang,--es ist lang....
+wann--weiß ich gar nimmer zu sagen....
+eine Glocke klang, eine Lerche sang--
+und ein Herz hat so selig geschlagen.
+Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,
+der Flieder hat Blüten getragen,--
+und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,
+das Auge voll staunender Fragen....
+ Es ist lang,--es ist lang....
+
+
+
+
+
+ ADVENT
+
+ (1898)
+
+
+
+
+ADVENT
+
+
+Es treibt der Wind im Winterwalde
+die Flockenherde wie ein Hirt,
+und manche Tanne ahnt, wie balde
+sie fromm und lichterheilig wird,
+und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
+streckt sie die Zweige hin--bereit,
+und wehrt dem Wind und wächst entgegen
+der einen Nacht der Herrlichkeit.
+
+
+
+
+
+ GABEN
+
+ AN VERSCHIEDENE FREUNDE
+
+
+
+Das ist mein Streit:
+Sehnsuchtgeweiht
+durch alle Tage Sehweifen,
+Dann, stark und breit,
+mit tausend Wurzelstreifen
+rief in das Leben greifen--
+und durch das Leid
+weit aus dem Leben reifen,
+weit aus der Zeit!
+
+Du meine heilige Einsamkeit,
+du bist so reich und rein und weit
+wie ein erwachender Garten.
+Meine heilige Einsamkeit du--
+halte die goldenen Türen zu,
+vor denen die Wünsche warten.
+
+Der Bach hat leise Melodien,
+und fern ist Staub und Stadt;
+die Wipfel winken her und hin
+und machen mich so matt.
+
+Der Wald ist wild, die Welt ist weit,
+mein Herz ist hell und groß;
+es hält die blasse Einsamkeit
+mein Haupt in ihrem Schoß.
+
+Ich liebe vergessene Flurmadonnen,
+die ratlos warten auf irgendwen,
+und Mädchen, die an einsame Bronnen,
+Blumen im Blondhaar, träumen gehn.
+
+Und Kinder, die in die Sonne singen
+und staunend groß zu den Sternen sehn,
+und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,
+und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.
+
+Warst du ein Kind in froher Schar,
+dann kannst du's freilich nicht erfassen,
+wie es mir kam, den Tag zu hassen
+als ewig feindliche Gefahr.
+Ich war so fremd und so verlassen,
+daß ich nur tief in blütenblassen
+Mainächten heimlich selig war.
+
+Am Tag trug ich den engen Ring
+der feigen Pflicht in frommer Weise.
+Doch abends schlich ich aus dem Kreise,
+mein kleines Fenster klirrte--kling--
+sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,
+nahm meine Sehnsucht ihre Reise,
+weil sie die weiten Sterne leise
+nach ihrer Heimat fragen ging.
+
+
+
+
+PFAUENFEDER:
+
+
+in deiner Feinheit sondergleichen,
+wie liebte ich dich schon als Kind.
+Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,
+das sich an silberstillen Teichen
+in kühler Nacht die Elfen reichen,
+wenn alle Kinder schlafen sind.
+
+Und weil Großmütterchen, das gute,
+mir oft von Wünschegerten las,
+so träumte ich, du Zartgemute,
+in deinen feinen Fasern flute
+die kluge Kraft der Rätselrute--
+und suchte dich im Sommergras.
+
+Oft denk ich auf der Alltagsreise
+der Nacht, und daß ein Traum mir frommt,
+der mir mit Lippen, kühl und leise,
+die schwüle Stirne küssen kommt.
+
+Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen
+zu sehn.--Der Tag ist karg und klein,
+die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen
+und könnte eine Sage sein.
+
+
+
+
+DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE--
+
+
+das müßte sein von jenen blanken
+Lenztagen einer, da die Kranken
+man vor die dunklen Türen bringt.
+Im Flieder ist ein Spatzenzanken,
+weil keinem rechter Sang gelingt.
+Der Bach, dem alle Bande sanken,
+weiß nicht, was tun vor Glück, und springt
+bis aufwärts zu den Bretterplanken,
+dahinter Beete, kiesumringt,
+und Blumenblühn und Birkenschwanken.
+Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,
+um das der Frühling seine Ranken
+wie liebeleise Arme schlingt--
+ein blondes Kind, das in Gedanken
+das schönste meiner Lieder singt.
+
+An manchem Tag ist meine Seele still:
+Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.
+Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen
+dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen
+den Jubel seiner Arme fesseln will.
+
+Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin
+in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:
+Sie warten auf den Sonntag mit den vollen
+Gestühlen und dem großen Orgelrollen--
+und blasse Ampeln schwanken her und hin.
+
+
+Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
+in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
+um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
+und endlich arm ein armes Sterben stirbt
+im Weihrauchabend gotischer Kapellen,--
+nennt ihr das Seele?
+
+Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
+in der die Welten weite Wege reisen,
+mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
+in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
+und will hinauf und will mir ihnen kreisen....
+Und das ist Seele.
+
+
+Die hohen Tannen armen heiser
+im Winterschnee, und bauschiger
+schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
+Die weißen Wege werden leiser,
+die trauten Stuben lauschiger.
+
+Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
+Im grünen Ofen kracht ein Scheit
+und stürzt in lichten Lohgewittern,--
+und draußen wächst im Flockenflittern
+der weiße Tag zur Ewigkeit.
+
+
+Der Abend kommt von weit gegangen
+durch den verschneiten, leisen Tann.
+Dann preßt er seine Winterwangen
+an alle Fenster lauschend an.
+
+Und stille wird ein jedes Haus;
+die Alten in den Sesseln sinnen,
+die Mütter sind wie Königinnen,
+die Kinder wollen nicht beginnen
+mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
+nicht mehr. Der Abend horcht nach innen
+und innen horchen sie hinaus.
+
+
+Das Wetter war grau und grell;
+der Abend ist lichter und leiser.
+Sicher kommt irgendein Kaiser:
+Alle Häuser sind hell.
+Und so festlich und weich
+war das Abendgebimmel;
+die Alten schaun in den Himmel,
+und die Kinder sind reich.
+
+
+Sonne verlodert am Himmelsrain.
+Durch ernteverarmte Krumen
+waten die Weiber feldein.
+
+An den verschimmernden Schienenreihn
+beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,
+sinnen Sonnenblumen.
+
+
+Du arme, alte Kapelle
+mit deiner verstaubten Zier--
+der Frühling baut eine helle
+Kirche neben dir.
+
+Viel frierende Frauen hinken
+in deine Weihrauchruh,
+draußen die Kinder winken
+allen Rosen zu.
+
+
+Die Mädchen singen:
+Alle Mädchen erwarten wen,
+wenn die Bäume in Blüten stehn;
+wir müssen immer nähn und nähn,
+bis uns die Augen brennen.
+Unser Singen wird nimmer froh,
+fürchten uns vor dem Frühling so:
+Finden wir einmal ihn irgendwo,
+wird er uns nicht mehr erkennen.
+
+
+Lehnen im Abendgarten beide,
+lauschen lange nach irgendwo.
+"Du hast Hände wie weiße Seide...."
+Und da staunt sie: "Du sagst das so...."
+
+Etwas ist in den Garten getreten,
+und das Gitter hat nicht geknarrt,
+und die Rosen in allen Beeten
+heben vor seiner Gegenwart.
+
+
+Eine der weißen Vestageweihten
+lächelte Gnade dem Todbereiten,
+löste ihm von der Stirn die Schmach.
+
+Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten
+des todbefreiten, Schulter breiten
+Epheben nach.
+
+
+Im Kreise der Barone
+der König ritt zur Jagd.
+Ihm wohnte in roter Krone
+ein einsamer Smaragd.
+
+Da gibts unter hellen Hufen
+Wege so weit und weiß;
+keiner hört Hilfe rufen,
+und der Mittag ist heiß....
+
+Ob einer den König erkannte?
+
+Die Dohlen im Abend schrien.
+
+Die allerkühnste spannte
+den Flug schon über Ihn:
+Auf des Königs Stirne brannte
+ein einsamer Rubin.
+
+
+Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.
+In blanken Sälen schleichen leise Schauer.
+Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,
+und alle Wege weltwärts sind verschneit.
+
+Darüber hängt der Himmel brach und breit.
+Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden
+hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....
+Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.
+
+
+Irgendwo muß es Paläste geben,
+drin die Fenster von Staub verschnein;
+in der Säle hallende Reihn
+tauchen tote Tage hinein:
+Gestalten wallen, es warnt der Schrein;
+und kein lustiger Leuchterschein
+reicht In das einsame Seltsamsein....
+
+Dorten wollen wir Feste gehen--
+märchenallein.
+
+
+Im Schlosse mit den roten Zinken
+wär ich so gern des Abends Gast.
+Die Fenster glühn, die Falten sinken,
+und meine weißen Wünsche winken
+mir aus dem lodernden Palast.
+
+Ich will durch lange Hallen schleichen
+und in die tiefen Gärten schaun,
+die über alle Marken reichen.
+Und Frauen lächeln an den Teichen,
+und in den Wiesen prahlen Pfaun....
+
+
+Einmal möcht ich dich wiederschauen,
+Park, mit den alten Lindenalleen,
+und mit der leisesten aller Frauen
+zu dem heiligen Weiher gehn.
+
+Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen
+gleiten leise auf glänzendem Glatt,
+aus der Tiefe tauchen die Rosen
+wie Sagen einer versunkenen Stadt.
+
+Und wir sind ganz allein im Garten,
+drin die Blumen wie Kinder stehn,
+und wir lächeln und lauschen und warten,
+und wir fragen uns nicht, auf wen....
+
+
+Es kommt in prunkenden Gebreiten
+der Abend wie ein leiser Gott.
+Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten
+durch purpurbunte Einsamkeiten
+in bügelleichtem Träumertrott.
+
+Ich atme tief. Ich werde Kaiser.
+Mein heiler Helm ist losgeschnallt,
+und meine Stirne streifen Reiser
+und rauschen so. Und leiser, leiser
+hallt Huf und Ruf im roten Wald.
+
+
+Horch, verhallt nicht ein scheuer
+Schrei von den Hängen her?
+Aus dem morschen Klostergemäuer
+kann der Abend nicht mehr.
+Er sucht sich wund an der Wand.
+Und mit hilfloser Hand
+in das Säulengedränge,
+in ewige Gänge,
+wirft er den Brand.
+Feuer.--
+In schlichtem Gewand
+flieht er, der Heimkehr singender Heuer
+leise gesellt, ins verlöschende Land.
+
+
+Der König Abend weiß sich schwach
+und satt, und ihm geschieht:
+Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,
+der einem Hirtensingen nach
+in Menschen lande zieht.
+
+Jetzt ist der Bach ein Königskind.
+Er jubelt laut Alarm
+und gibt den wunden Krumen blind
+sein Gold.--Und wo die Hütten sind,
+dort ist er wieder arm.
+
+
+Der Tag entschlummert leise,--
+ich walle menschenfern....
+Wach sind im weiten Kreise
+ich--und ein bleicher Stern.
+
+Sein Auge licht durchwoben
+ruht flimmernd hell auf mir,
+er scheint am Himmel droben
+so einsam, wie ich hier....
+
+
+
+
+
+ FAHRTEN
+
+
+
+
+VENEDIG
+
+
+I
+
+
+Fremdes Rufen. Und wir wählen
+eine Gondel, schwarz und schlank:
+Leises Gleiten an den Pfählen
+einer Marmorstadt entlang.
+
+Still. Die Schiffer nur erzählen
+sich. Die Ruder rauschen sacht,
+und aus Kirchen und Kanälen
+winkt uns eine fremde Nacht.
+
+Und der schwarze Pfad wird leiser,
+fernes Ave weht die Luft,--
+traun: Ich bin ein toter Kaiser,
+und sie lenken mich zur Gruft.
+
+
+
+II
+
+
+Immer ist mir, daß die leisen
+Gondeln durch Kanäle reisen
+irgend jemand zum Empfang;
+denn das Warten dauert lang,
+und das Volk ist arm und krank,
+und die Kinder sind wie Waisen.
+
+Lange harren die Paläste
+auf die Herren, auf die Gäste,
+und das Volk will Kronen sehn.
+Auf dem Markusplatze stehn
+möcht ich oft und irgendwen
+fragen nach dem fernen Feste....
+
+
+
+III
+
+
+Mein Ruder sang:
+Poppé, fahr zu!
+Ein Volk von Sklaven
+drängt sich im Hafen
+um nüchterne Feste,
+und die Paläste
+können nicht schlafen.
+Poppé, fahr zu!
+
+Eisige Ruh
+in Marmorgliedern,
+mit matten Lidern
+erschauern die Plätze.
+Im Gassennetze
+betteln die Niedern.
+Poppe, fahr zu!
+
+Sag mir, weißt du
+noch von den Toten,
+die hier geboten
+in köstlichen Kronen?
+Wo sie jetzt wohnen,
+die Purpurroten?
+
+Poppé, fahr zu!
+
+
+
+IV
+
+
+Ave weht von den Türmen her,
+immer noch hörst du die Kirchen erzählen;
+doch die Paläste an stillen Kanälen
+verraten nichts mehr.
+
+Und vorbei an der Traumesruh
+ihrer schlafenden Stirnen schwanken
+leise Gondeln wie schwarze Gedanken
+dem Abend zu.
+
+
+
+
+ENGLAR IM EPPAN
+
+
+Später Weg. Die Hütten kauern,
+und das dumpfe Dorf schläft ein.
+Ernste Türme seh ich dauern,
+weit aus weißen Blütenschauern
+wächst ihr Weltverlorensein.
+
+Abendbrand in brachen Zinnen,
+und der Wind fährt durch den Saal.
+Und für wen im Burghof drinnen
+immer noch die Brunnen rinnen--
+keiner weiß es dort im Tal.
+
+
+
+
+TENNO
+
+
+Der Kirchhof hoch im Sommerschnee
+gehört zum Berghof hin;
+wie über einem Hochlandsee
+wacht Frieden über ihn.
+Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.
+Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,
+die Kreuze arm, die Hügel kahl,
+und sacht und selten wächst die Zahl:
+einmal.
+
+Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.
+Im kleinen Dorf ist kleine Wahl
+und kleines Glück und kleine Qual,--
+drum läuten sie so fern im Tal:
+einmal,--einmal,--einmal.--
+
+
+
+
+CASABLANCA
+
+
+Am Berge weiß ich trutzen
+ein Kirchlein mit rostigem Knauf,
+wie Mönche in grauen Kapuzen
+steigen Zypressen hinauf.
+
+Vergessene Heilige wohnen
+dort einsam im Altarschrein;
+der Abend reicht ihnen Kronen
+durch hohle Fenster hinein.
+
+
+
+
+ARCO
+
+
+Die Hochschneezinne, schartig scharf,
+loht auf wie eine Mauerkrone,
+in die der lachende Nerone,
+der Morgen, seine Fackel warf.
+
+Und wie die Flammen bis ins Blau
+sich zu verblühten Sternen strecken,
+erwacht das Tal in schönem Schrecken
+und taucht empor aus Traum und Tau.
+
+
+
+
+I MULINI
+
+
+Du müde, morsche Mühle,
+dein Moosrad feiert Ruh,
+aus der Olivenkühle
+schaut dir der Abend zu.
+
+Der Bach singt wie verloren
+Menschenlieder nach,
+tiefer über die Ohren
+ziehst du dein trutziges Dach.
+
+
+
+
+BODENSEE
+
+
+Die Dörfer sind wie ein Garten.
+In Türmen von seltsamen Arten
+klingen die Glocken wie weh.
+Uferschlösser warten
+und schauen durch schwarze Scharten
+müd auf den Mittagsee.
+
+Und schnellende Wellchen spielen,
+und goldene Dampfer kielen
+leise den lichten Lauf;
+und hinter den Uferzielen
+tauchen die vielen, vielen
+Silberberge auf.
+
+
+
+
+KONSTANZ
+
+
+Dem Tag ist so todesweh
+Müd gießt er aus goldenen Kelchen
+Wein in den Bergesschnee.
+
+Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,
+ein Stern überm Uferschleh,
+und ziere, zitternde Weilchen
+gittern den Abendsee.
+
+
+
+
+
+ FUNDE
+
+
+
+
+Wenn wie ein leises Flügelbreiten
+sich in den späten Lüften wiegt,--
+ich möchte immer weiter schreiten
+bis in das Tal, wo riefgeschmiegt
+an abendrote Einsamkeiten
+die Sehnsucht wie ein Garten liegt.
+
+Vielleicht darf ich dich dorten rinden,
+und zage wird dein erstes Mühn
+die wehen Wünsche mir verbinden,
+du wirst mich führen tief ins Grün--
+und heimlich werden weiße Winden
+an meinem staubigen Stabe blühn.
+
+
+
+
+Ich möchte draußen dir begegnen,
+wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,
+und wenn ein leises Seelensegnen
+von allen Zweigen niederträuft.
+
+Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,
+Jasmin die weißen Arme streckt
+und lind den ewgen Wehgedanken
+der Stirne Christi überdeckt.
+
+
+
+
+Ich mußte denken unverwandt,
+wie ich einst zwischen schwarzen Pinien
+den tiefen Frühling sinnen fand,
+als ich vor deiner Schönheit stand
+und durch der Scheitel dunkle Linien
+dein Antlitz träumte wie ein Land.
+
+Es schlich von deiner Lippen Saum
+ein Lächeln auf verlornem Pfade--
+ganz leis. Die andern merktens kaum.
+So weht ein Blatt vom Blütenbaum:
+Nur einer schaut die Frühlingsgnade,
+und der sie schaut, ist wie im Traum.
+
+
+
+
+Fremd ist, was deine Lippen sagen,
+fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid
+fremd ist, was deine Augen fragen,
+und auch aus unsern wilden Tagen
+reicht nicht ein leises Wellenschlagen
+an deine tiefe Seltsamkeit.
+
+Du bist wie jene Bildgestalten,
+die überm leeren Altarspind
+noch immer ihre Hände falten,
+noch immer alte Kränze halten,
+noch immer leise Wunder walten--
+wenn längst schon keine Wunder sind.
+
+
+
+
+Du bist so fremd, du bist so bleich.
+Nur manchmal glüht auf deinen Wange
+ein hoffnungsloses Heimverlangen
+nach dem verlornen Rosenreich.
+
+Dann sehnt dein Auge, tief und klar,
+aus allem Müssen, allem Mühen
+ins Land, wo nichts als stilles Blühen
+die Arbeit deiner Hände war.
+
+
+
+
+Weißt du, ich will mich schleichen
+leise aus lautem Kreis,
+wenn ich erst die bleichen
+Sterne über den Eichen
+blühen weiß.
+
+Wege will ich erkiesen,
+die selten wer betritt
+in blassen Abendwiesen--
+und keinen Traum, als diesen:
+Du gehst mit.
+
+
+
+
+Bei dir ist es traut:
+Zage Uhren schlagen
+wie aus weiten Tagen.
+Komm mir ein Liebes sagen:
+aber nur nicht laut.
+
+Ein Tor geht irgendwo
+draußen im Blütentreiben.
+Der Abend horcht an den Scheiben.
+Laß uns leise bleiben:
+Keiner weiß uns so.
+
+
+
+
+Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
+aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
+Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
+und still und gut und voller Frieden sein.
+
+Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
+den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
+An ihren morgenroten Molen sterben
+die ersten Wellen der Unendlichkeit.
+
+
+
+
+Du, Hände, welche immer geben,
+die müssen blühn von fremdem Glück.
+Zart wie ein zartes Birkenbeben,
+bleibt von dem gebenden Erleben
+ein Rhythmenzittern drin zurück.
+
+Das sind die Hände mit den schmalen
+Gelenken, die sich leise mühn;
+und wüßten die von Kathedralen,
+sie müßten sich in Wundenmalen
+vor allem Volke heiligblühn.
+
+
+
+
+Bist gewandert durch Wahn und Weh,
+kommst aus meinen dunkelsten Tagen,
+hast dir eine Brücke geschlagen
+bis zu mir über Schuld und Schnee.
+
+Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot,
+und auf kronengoldenen Locken
+trägst du flüchtige Federflocken
+in den fröhlichen Frühlingstod.
+
+
+
+
+Will dir den Frühling zeigen,
+der hundert Wunder hat.
+Der Frühling ist waldeigen
+und kommt nicht in die Stadt.
+
+Nur die weit aus den kalten
+Gassen zu zweien gehn
+und sich bei den Händen halten--
+dürfen ihn einmal sehn.
+
+
+
+
+Und dieser Frühling macht dich bleicher,
+in weite Wiesen will dein Fuß,
+dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,
+und deine Hände werden reicher
+mit jedem Wink, mit jedem Gruß.
+
+Du holst aus düfteschwüler Lade
+dein Konfirmandenkleidchen dreist
+und trägst es in die wilden Pfade
+und schmückst dich für die große Gnade,
+die deine Seele blühen heißt.
+
+
+
+
+Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß
+weit aus dem Abend bringen.
+Ich geh in die goldene Stunde hinaus,
+und die Fenster leuchten am letzten Haus,
+drin spielende Kinder singen.
+
+Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,
+drin singende Kinder wohnen,
+und mein Wandern wächst und wächst in den Mal
+und kann nicht zurück,--und die Blüten, verzeih,
+die wind ich mir alle zu Kronen.
+
+
+
+
+Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
+aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.
+Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.
+Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,
+harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.
+
+Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,
+und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus....
+Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:
+Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,--
+du, winde wieder einen Kranz daraus.
+
+
+
+
+Du:
+ein Schloß an wellenschweren,
+atlasblassen Abendmeeren--
+und in seinen säulenhehren
+Sälen warten Preis und Prunk,
+uns zu ehren:
+
+Weil wir beide wiederkehren--
+ohne Kronen und mit leeren
+Händen--
+ aber jung
+
+
+
+
+Purpurrote Rosen binden
+möcht ich mir für meinen Tisch
+und, verloren unter Linden,
+irgendwo ein Mädchen finden,
+klug und blond und träumerisch.
+
+Möchte seine Hände fassen,
+möchte knieen vor dem Kind
+und den Mund, den sehnsuchtblassen,
+mir von Lippen küssen lassen,
+die der Frühling selber sind.
+
+
+
+
+Ein Händeineinanderlegen,
+ein langer Kuß auf kühlen Mund,
+und dann; auf Schimmer weißen Wegen
+durchwandern wir den Wiesengrund.
+
+Durch leisen, weißen Blütenregen
+schickt uns der Tag den ersten Kuß,--
+mir ist: wir wandeln Gott entgegen,
+der durchs Gebreite kommen muß.
+
+
+Du willst dir einen Pagen küren?
+Mich komm erküren, Königin.
+Mir klingt aus alten Aventüren
+ein Sang in Saitenspiel und Sinn.
+
+Ich will ins weiße Schloß dich führen,
+in dem ich selber König bin,
+und singen hinter tausend Türen
+für meine weiße Königin.
+
+
+
+
+Abend hat mich müd gemacht,
+und in meinen Sinnen schrillen
+kleine Wünsche mit den Grillen.
+
+Wo das blasse Land verflacht,
+liegen lauter weiße Villen
+hinter roter Rosenpracht.
+
+Liegen wie auf leiser Wacht
+weiße Villen an dem stillen
+Uferrand der Frühlingsnacht.
+
+
+
+
+Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
+Stunden mich in der wirbelnden Kreise
+wirres Geflimmer?
+Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.
+Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer
+einsam, mit heimlichem Lächeln, leise,
+leise--Tage und Träume bauen.
+
+
+
+
+Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang.
+Das war im Traum. Und deine Seele klang.
+
+Ganz leise tönte meine Seele mit,
+und beide Seelen sangen sich; Ich litt.
+
+Da wurde Friede tief in mir. Ich lag
+im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.
+
+
+
+
+Wie meine Träume nach dir schrein.
+Wir sind uns mühsam fremd geworden,
+jetzt will es mir die Seele morden,
+dies arme, bange Einsamsein.
+
+Kein Hoffen, das die Segel bauscht.
+Nur diese weite, weiße Stille,
+in die mein tatenloser Wille
+in atemlosem Bangen lauscht.
+
+
+
+
+Und du warst schön. In deinem Auge schien
+sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
+Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin
+dich ein: So kam dich meine Liebe krönen.
+Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
+weißbindig wie der Vesta Priesterin,
+an deines Seelentempels Säulenrand
+und streute lächelnd weiße Blüten hin.
+
+
+
+
+Du hast so große Augen, Kind.
+Du siehst gewiß oft nachts Gestalten,
+die, fremd und bleich, in marmorkalten
+Traumhänden rote Kronen halten,
+um die ein Leuchten leise rinnt.
+Dann ist dein Blick am Tag wie blind
+und deine Seele wie zerspalten,
+dann bangt dir vor den Alltagsalten,
+wenn Wünsche sich in dir entfalten,
+die allen andern Wahnsinn sind.
+
+Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,
+stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,
+die plump, mit Händen, blöd und bleiern,
+auf deiner Silberseele leiern
+das irre Lied, das sterblich macht;
+zu fliehn in eine blaue Nacht,
+drin alle Wipfel lauschend feiern;
+der Glieder Hymne zu entschleiern
+und scheu im Schoß von weißen Weihern
+zu finden ihre nackte Pracht.
+
+
+
+
+Du sahst in hohe Lichthofmauern
+und spieltest still in dumpfem Raum,
+es lag ein unverstandnes Trauern
+auf deinem blassen Kindheitsträum.
+
+Und deine Tage waren bleiern,
+die Mutter krank, der Vater roh;
+und manchmal kam ein Krüppel leiern--
+dann lauschtest du und weintest so.
+
+Was kann dir nun der Sommer taugen?
+Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag,
+durchirren deine Heimwehaugen
+den uferlosen Sonnentag.
+
+
+
+
+Sie war:
+Ein unerwünschtes Kind, verstoßen
+auch aus der Mutter Nachtgebet,
+und ewig fern von jenem Großen,
+das gebend durch die Zeiten geht.
+
+Sie wünschte wenig--und nur selten
+kam wie ein Weinen über sie
+nach einem Land mit Purpurzelten,
+nach einer fremden Melodie,
+
+nach weißen Wegen, die nicht stauben--
+dann bog sie Rosen sich ins Haar,
+und konnte doch nie Liebe glauben,
+auch wenn es tief im Frühling war.
+
+
+
+
+Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,
+klang oft dein Wort so kummerkrank,
+wie eine leise Liebeslaute,
+die einsam einst ein Meister baute,
+als seine Seele Sehnsucht sang.
+
+Sie lernte seither leichte Lieder
+und tönte gern zu Tag und Tanz,--
+da greift ein Träumer ihre Glieder:
+und wie erwachend weint sie wieder
+das Heimweh ihres Heimatlands.
+
+
+
+
+Ja, früher, wenn ich an dich dachte,
+wie Wunder wars: ein Mai erwachte
+um dich im Aureolenglänz,
+und meine Sehnsucht träumte sachte
+um deine Stirne einen Kranz.
+
+Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen
+ins Herz den herbstverhangnen Hainen,
+schleicht an den bleichen Meilensteinen
+ein wunder Sonnenuntergang.
+
+
+
+
+Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.
+Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband
+lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand,
+darüber aus nassem Nebelgewand
+reckte die Weide die Totenhand.
+
+Mir war so traurig. Ich starrte und stand.
+Ich sah dich kauern am Wegesrand.
+Einst hab ich dich und das Glück gekannt.
+Du weintest wühlend und unverwandt,
+und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?
+
+Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....
+Da hab ich dich wieder wie einst genannt;
+doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.
+Die Pappeln kohlten im Abendbrand,
+und der Tod ging rot durch dein Heimatland.
+
+
+
+
+Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte
+ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt--
+Siehst du den Mond, wie eine silberechte
+Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:
+ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt--
+Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.
+
+Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben?
+Und jede läßt die Schwester schauernd los
+und muß allein verdarben und verderben,
+und alle fallen fahl in deinen Schoß.
+Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.
+Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.
+
+
+
+
+Kannst du die alten Lieder noch spielen?
+Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh
+wie die Schiffe mit silbernen Kielen,
+die nach heimlichen Inselzielen
+treiben im leisen Abendsee.
+
+Und sie landen am Blütengestade,
+und der Frühling ist dort so jung.
+Und da findet an einsamem Pfade
+vergessene Götter in wartender Gnade
+meine müde Erinnerung.
+
+
+
+
+Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,
+die deine Hand zu pflegen nie vergaß?
+ Schon tot?
+Wo ist die Freude deiner Wangen hin,
+die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien--
+ Verloht?
+Und wo ist unser Glück so groß und rein,
+das hell dein Haar wie ein Madonnenschein
+ Umspann?
+Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,
+und morgen kommt der Frost uns ins Gemach--
+ Und dann?
+
+
+
+
+
+ MÜTTER
+
+
+
+
+Ich sehne oft nach einer Mutter mich,
+nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.
+In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;
+sie könnte jenen wilden Haß vereiteln,
+der eisig sich in meine Seele schlich.
+
+Dann säßen wir wohl beieinander dicht,
+ein Feuer surrte leise im Kamine.
+Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,
+und Friede schwebte ob der Teeterrine
+so wie ein Falter um das Lampenlicht.
+
+
+
+
+Mir ist oft, daß ich fragen müßt:
+Du, Mutter, was hast du gesungen,
+eh deinem blassen, blonden Jungen
+der Schlaf die Wangen warm geküßt?
+
+Hattest du damals sehr viel Gram?
+Und weißt du, wie du aufgesprungen,
+wenn deinem blassen, blonden Jungen
+im tiefen Traum ein Weinen kam?
+
+
+
+
+Ich gehe unter roten Zweigen
+und suche einen späten Strauß.
+Weiß nicht vor Glück wo ein und aus,
+mir ist so neu, mir ist so eigen:
+Mein Lieb ist müd und ist zu Haus.
+
+Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel,
+seit sich sein Mieder weiter zieht,
+und seit ein Wunder ihm geschieht:
+Bald hat es breite braune Scheitel
+und sitzt und singt ein Wiegenlied.
+
+
+
+
+Leise weht ein erstes Blühn
+von den Lindenbäumen,
+und, in meinen Träumen kühn,
+seh ich dich im Laubengrün
+hold im ersten Muttermühn
+Kinderhemdchen säumen.
+
+Singst ein kleines Lied dabei,
+und dein Lied klingt in den Mai:
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ tief im trauten Garten.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ meiner Sehnsucht schönsten Traum
+ will ich hier erwarten.
+
+ Blühe, blühe Blütenbaum,
+ Sommer wird dirs zahlen.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum.
+ Schau, ich säume einen Saum
+ hier mit Sonnenstrahlen.
+
+ Blühe, blühe, Blürenbaum,
+ balde kommt das Reifen.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ meiner Sehnsucht schönsten Traum
+ lehr mich, ihn begreifen.
+
+Singst ein kleines Lied dabei,
+und dein Lied ist lauter Mai.
+
+ Und der Blütenbaum wird blühn,
+ blühn vor allen Bäumen,
+ sonnig wird dein Saum erglühn,
+ und verklärt im Laubengrün
+ wird dein junges Muttermühn
+ Kinderhemdchen säumen.
+
+
+
+
+Und reden sie dir jetzt von Schande,
+da Schmerz und Sorge dich durchirrt,--
+o, lächle, Weib! Du stehst am Rande
+des Wunders, das dich weihen wird.
+
+Fühlst du in dir das scheue Schwellen,
+und Leib und Seele wird dir weit--
+o, bete, Weib! Das sind die Wellen
+der Ewigkeit.
+
+
+
+
+DER BLONDE KNABE SINGT:
+Was weinst du, Mutter? Ist das Spind
+auch bettelleer,--sei gut!
+Ich bin dein blondes Kronenkind,
+und du hast Edelblut.
+
+Ich schaute ja, du weißt es nicht,--
+wie du so oft noch spät
+beim morgenmatten Lampenlicht
+dein Königskleid genäht.
+
+So bist du eine Königin,
+und sei nicht bang und zag--
+und bis Ich erst krafteigen bin,
+kommt unser Königs tag.
+
+
+
+
+DIE MUTTER:
+"Liebling, hast du gerufen?"
+Es war ein Wort im Wind.
+"Wie viele steile Stufen
+sind noch bis zu dir, mein Kind?"--
+Da fand ihre Stimme die Sterne,
+fand aber die Tochter nicht.
+
+Im Tale in tiefer Taverne
+löschte ein letztes Licht.
+
+
+
+
+Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
+wilder, wie Strüme, die schäumen,
+wilder, wie Sturm in den Bäumen.
+Und leise läßt sie die Stunden los
+und schenkt ihre Seele den Träumen.
+
+Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
+still überm leisen Gelände,
+und ihr Haus hat ganz weiße Wände--
+Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern--
+und faltet die alternden Hände.
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+LARENOPFER (1896)
+
+Im alten Hause
+Auf der Kleinseite
+Ein Adelshaus
+Der Hradschin
+Bei St. Veit
+Im Dome
+In der Kapelle St. Wenzels
+Vom Lugaus
+Der Bau
+Im Stübchen
+Zauber
+Ein anderes
+Noch eines
+Und das letzte
+Im Erkerstübchen
+Der Novembertag
+Im Straßenkapellchen
+Das Kloster
+Bei den Kapuzinern
+Abend
+Jar. Vrchlický
+Im Kreuzgang von Loretto
+Der junge Bildner
+Frühling
+Land und Volk
+Der Engel
+Allerseelen I. II.
+Bei Nacht
+Abend
+Auf dem Wolschan I
+ II
+Wintermorgen
+Brunnen
+Sphinx
+Träume
+Maitag
+König Abend
+An der Ecke
+Heilige
+Das arme Kind
+Wenns Frühling wird
+Als ich die Universität bezog
+Superavit
+Trotzdem
+Herbststimmung
+An Julius Zeyer
+Der Träumer I
+ II
+Die Mutter
+Unser Abendgang
+Kajetan Týl
+Volksweise
+Das Volkslied
+Dorfsonntag
+Mein Geburtshaus
+In dubiis I. II.
+Barbaren
+Sommerabend
+Gerichtet
+Das Märchen von der Wolke
+Freiheitsklänge
+Nachtbild
+Hinter Smichov
+Im Sommer
+Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis)
+Vigilien I. II.
+ III. IV.
+Der letzte Sonnengruß
+Kaiser Rudolf
+Aus dem Dreißigjährigen Kriege. 1. Krieg
+ 2. Alea jacta est
+ 3. Kriegsknechts-Sang
+ 4. Kriegsknechts-Rang
+ 5. Beim Kloster
+ 6. Ballade
+ 7. Der Fenstersturz
+ 8. Gold
+ 9. Szene
+ 10. Feuerlilie
+ 11. Beim Friedland
+ 12. Frieden
+Bei den Ursulinen
+Aus der Kinderzeit
+Rabbi Löw
+Die alte Uhr
+Kämpfen
+Siegen
+Im Herbst
+Der kleine "Drateník"
+In der Vorstadt
+Bei St. Heinrich
+Mittelböhmische Landschaft
+Das Heimatlied
+
+TRAUMGEKRÖNT (1897)
+
+Königslied
+Träumen
+I. Mein Herz gleicht
+II. Ich denke an:
+III. Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen
+IV. Eine alte Weide trauert
+V. Die Rose hier, die gelbe
+VI. Wir saßen beisammen
+VII. Ich wollt, sie hätten statt der Wiege
+VIII. Jene Wolke will ich neiden
+IX. Mir ist: Die Welt
+X. Wenn das Volk, das drohnenträge
+XI. Weiß ich denn, wie mir geschieht
+XII. Schon blinzt
+XIII. Fahlgrauer Himmel
+XIV. Die Nacht liegt duftschwer
+XV. Im Schoß der silberhellen
+XVI. Abendläuten
+XVII. Weltenweiter Wandrer
+XVIII. Möchte mir ein blondes Glück erkiesen
+XIX. Vor mir liegt ein Felsenmeer
+XX. Die Fenster glühten
+XXI. Es gibt so wunderweiße Nächte
+XXII. Wie eine Riesenwunderblume
+XXIII. Wie, jegliches Gefühl vertiefend.
+XXIV. O gäbs doch Sterne
+XXV. Mir ist so weh, so weh, als müßte
+XXVI. Matt durch der Tale
+XXVII. Ein Erinnern, das ich heilig heiße
+XXVIII. Glaubt mir
+
+LIEBEN
+
+I. Und wie mag die Liebe
+II. Das war der Tag
+III. Einen Maitag mit dir beisammen sein
+IV. Ich weiß nicht, wie mir geschieht
+V. Ob dus noch denkst
+VI. Wir saßen beide in Gedanken
+VII. Blondköpfchen hinter den Scheiben
+VIII. Die Liese wird heute
+IX. Ich träume tief im Weingerank
+X. Es ist ein Weltmeer voller Lichte
+XI. Ich war noch ein Knabe
+XII. Die Nacht im Silberfunkenkleid
+XIII. Schon starb der Tag
+XIV. Es leuchteten im Garten die Syringen
+XV. Oft scheinst du mir ein Kind
+XVI. Nach einem Glück
+XVII. Wir gingen
+XVIII. Im Frühling oder im Traume
+XIX. Sie hatte keinerlei Geschichte
+XX. Man merkte: der Herbst kam
+XXI. Manchmal da ist mir
+XXII. Es ist lang
+
+ADVENT (1898)
+
+Advent. Es treibt der Wind
+
+GABEN
+
+Das ist mein Streit
+Du meine heilige Einsamkeit
+Der Bach hat leise Melodien
+Ich liebe vergessene Flurmadonnen
+Warst du ein Kind in froher Schar
+Pfauenfeder: in deiner Feinheit
+Oft denk ich auf der Alltagsreise
+Damit ich glücklich wäre
+An manchem Tag ist meine Seele still
+Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
+Die hohen Tannen atmen heiser
+Der Abend kommt von weit gegangen
+Das Wetter war grau und grell
+Sonne verlodert am Himmelsrain
+Du arme, alte Kapelle
+Die Mädchen singen
+Lehnen im Abendgarten beide
+Eine der weißen Vestageweihten
+Im Kreise der Barone
+Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit
+Irgendwo muß es Paläste geben
+Im Schlosse mit den roten Zinken
+Einmal möcht ich dich wiederschauen
+Es kommt in prunkenden Gebreiten
+Horch, verhallt nicht ein scheuer
+Der König Abend weiß sich schwach
+Der Tag entschlummert leise
+
+FAHRTEN
+
+Venedig I. Fremdes Rufen
+II. Immer ist mir, daß die leisen
+III. Mein Ruder sang
+IV. Ave weht von den Türmen her
+Englar im Eppan
+Tenno
+Casablanca
+Arco
+I mulini
+Bodensee
+Konstanz
+
+FUNDE
+
+Wenn wie ein leises Flügelbreiten
+Ich möchte draußen dir begegnen
+Ich mußte denken unverwandt
+Fremd ist, was deine Lippen sagen
+Du bist so fremd, du bist so bleich
+Weißt du, ich will mich schleichen
+Bei dir ist es traut
+Die Nacht holt heimlich
+Du, Hände, welche immer geben
+Bist gewandert durch Wähn und Weh
+Will dir den Frühling zeigen
+Und dieser Frühling macht dich bleicher
+Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß
+Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
+Du: ein Schloß an wellenschweren
+Purpurrote Rosen binden
+Ein Händeineinanderlegen
+Du willst dir einen Pagen küren?
+Abend hat mich müd gemacht
+Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
+Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang
+Wie meine Träume nach dir schrein
+Und du warst schön. In deinem Auge schien
+Du hast so große Augen, Kind
+Du sahst in hohe Lichthofmauern
+Sie war: Ein unerwünschtes Kind
+Wenn ich dir ernst ins Auge schaute
+Ja, früher, wenn ich an dich dachte
+Ich ging durch ein Land
+Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte
+Kannst du die alten Lieder noch spielen
+Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas
+
+MÜTTER
+
+Ich sehne oft nach einer Mutter mich
+Mir ist oft, daß ich fragen müßt
+Ich gehe unter roten Zweigen
+Leise weht ein erstes Blühn
+Und reden sie dir jetzt von Schande
+Der blonde Knabe singt
+Die Mutter
+Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 *** \ No newline at end of file
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+ The Project Gutenberg eBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke.
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+<body>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***</div>
+
+<h1>ERSTE GEDICHTE</h1>
+
+<h3>Von</h3>
+
+<h2>RAINER MARIA RILKE</h2>
+
+
+<h4>LEIPZIG</h4>
+
+<h4>IM INSEL-VERLAG</h4>
+
+<h4>MCMXIII</h4>
+
+
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+<h3><a href="#INHALT">INHALT</a></h3>
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+
+<p>
+<span style="margin-left: 5em;">LARENOPFER</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_ALTEN_HAUSE" id="IM_ALTEN_HAUSE"></a>IM ALTEN HAUSE<br />
+<br />
+<br />
+Im alten Hause; vor mir frei<br />
+seh ich ganz Prag in weiter Runde;<br />
+tief unten geht die Dämmerstunde<br />
+mit lautlos leisem Schritt vorbei.<br />
+<br />
+Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.<br />
+Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,<br />
+ragt klar vor mir die grünspangrüne<br />
+Turmkuppel von Sankt Nikolas.<br />
+<br />
+Schon blinzelt da und dort ein Licht<br />
+fern auf im schwülen Stadtgebrause.&mdash;<br />
+Mir ist, daß in dem alten Hause<br />
+jetzt eine Stimme "Amen" spricht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUF_DER_KLEINSEITE" id="AUF_DER_KLEINSEITE"></a>AUF DER KLEINSEITE<br />
+<br />
+<br />
+Alte Häuser, steilgegiebelt,<br />
+hohe Türme voll Gebimmel,&mdash;<br />
+in die engen Höfe liebelt<br />
+nur ein winzig Stückchen Himmel.<br />
+<br />
+Und auf jedem Treppenpflocke<br />
+müde lächelnd&mdash;Amoretten;<br />
+hoch am Dache um barocke<br />
+Vasen rieseln Rosenketten.<br />
+<br />
+Spinnverwoben ist die Pforte<br />
+dort. Verstohlen liest die Sonne<br />
+die geheimnisvollen Worte<br />
+unter einer Steinmadonne.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_ADELSHAUS" id="EIN_ADELSHAUS"></a>EIN ADELSHAUS<br />
+<br />
+<br />
+Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:<br />
+wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen.<br />
+Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen<br />
+und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe.<br />
+<br />
+Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber,<br />
+als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;<br />
+und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:<br />
+das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich&mdash;Zauber.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_HRADSCHIN" id="DER_HRADSCHIN"></a>DER HRADSCHIN<br />
+<br />
+<br />
+Schau so gerne die verwetterte<br />
+Stirn der alten Hofburg an;<br />
+schon der Blick des Kindes kletterte<br />
+dort hinan.<br />
+<br />
+Und es grüßen selbst die eiligen<br />
+Moldauwellen den Hradschin,<br />
+von der Brücke sehn die Heiligen<br />
+ernst auf ihn.<br />
+<br />
+Und die Türme schaun, die neueren,<br />
+alle zu des Veitsturms Knauf<br />
+wie die Kinderschar zum teueren<br />
+Vater auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_ST_VEIT" id="BEI_ST_VEIT"></a>BEI ST. VEIT<br />
+<br />
+<br />
+Gern steh ich vor dem alten Dom;<br />
+wie Moder weht es dort, wie Fäule,<br />
+und jedes Fenster, jede Säule<br />
+spricht noch ihr eignes Idiom.<br />
+<br />
+Da hockt ein reich geschnörkelt Haus<br />
+und lächelt Rokoko-Erotik,<br />
+und hart daneben streckt die Gotik<br />
+die dürren Hände betend aus.<br />
+<br />
+Jetzt wird mir klar der casus rei;<br />
+ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:<br />
+der Herr Abbé hier&mdash;ihm zuseiten<br />
+die Dame des roi soleil.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_DOME" id="IM_DOME"></a>IM DOME<br />
+<br />
+<br />
+Wie von Steinen rings, von Erzen<br />
+weit der Wände Wölbung funkelt,<br />
+eine Heilge, braungedunkelt,<br />
+dämmert hinter trüben Kerzen.<br />
+<br />
+Von der Decke, rundgemauert,<br />
+schwebt ob eines Engels Kopfe<br />
+hell ein weißer Silbertropfe,<br />
+drin ein ewig Lichtlein kauert.<br />
+<br />
+Und im Eck, wo Goldgeglaste<br />
+niederhangt in staubgen Klumpen,<br />
+steht in Schmutz gehüllt und Lumpen<br />
+still ein Kind der Bettlerkaste.<br />
+<br />
+Von dem ganzen Glänze floß ihm<br />
+in die Brust kein Fünkchen Segen....<br />
+Zitternd, matt, streckts mir entgegen<br />
+seine Hand mit leisem: "Prosim!"<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS" id="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS"></a>IN DER KAPELLE ST. WENZELS<br />
+<br />
+<br />
+Alle Wände in der Halle<br />
+voll des Prachtgesteins; wer wüßte<br />
+sie zu nennen: Bergkristalle,<br />
+Rauchtopase, Amethyste.<br />
+<br />
+Zauberhell wie ein Mirakel<br />
+glänzt der Raum im Lichtgetänzel,<br />
+unterm goldnen Tabernakel<br />
+ruht der Staub des heilgen Wenzel.<br />
+<br />
+Ganz von Leuchten bis zum Scheitel<br />
+ist die Kuppel voll, die hohle;<br />
+und der Goldglast sieht sich eitel<br />
+in die gelben Karneole.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOM_LUGAUS" id="VOM_LUGAUS"></a>VOM LUGAUS<br />
+<br />
+<br />
+Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln<br />
+und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;<br />
+dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen<br />
+schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.<br />
+<br />
+Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten<br />
+sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen.<br />
+Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen<br />
+in sich des Himmels violette Tinten!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BAU" id="DER_BAU"></a>DER BAU<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(1)</span><br />
+<br />
+Die moderne Bauschablone<br />
+will mir wahrlich gar nicht passen.<br />
+Hier, dies alte Haus darf fassen<br />
+reiche, weite Steinterrassen,<br />
+kleine, heimliche Balkone.<br />
+<br />
+Und die weitgewölbten Decken,<br />
+die so günstig sind den Lauten,<br />
+Nischen rings, die eingebauten,<br />
+draus die Arme sich der trauten<br />
+Dämmrung dir entgegenstrecken.<br />
+<br />
+Alle Mauern breiter, stärker<br />
+und aus echten Quaderkernen;&mdash;<br />
+traun, das Gruseln könnt ich lernen,<br />
+seh ich auf die Zinskasernen<br />
+aus dem kleinen, Stillen Erker.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_STUBCHEN" id="IM_STUBCHEN"></a>IM STÜBCHEN<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(2)</span><br />
+<br />
+Traut ists, wenn verstohlen heulen<br />
+im Kamine wilde Winde<br />
+in der Stube; ganz gelinde<br />
+tickt auf dem barocken Spinde<br />
+fort die Stockuhr mit den Säulen.<br />
+Dort, die kleine Silhouette<br />
+zeigt die alte Tracht der Locken,<br />
+tief im Fenster steht ein Rocken,<br />
+und vergeßne Töne stocken<br />
+im verlassenen Spinette.<br />
+Immer noch hegt die Postille,<br />
+daß an ihrem Geist erfrische<br />
+jung und alt sich, auf dem Tische,<br />
+und der Spruch ob jener Nische<br />
+lautet: "Es gescheh Dein Wille...."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ZAUBER" id="ZAUBER"></a>ZAUBER<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(3)</span><br />
+<br />
+Oft seh ich die heimliche Stube belebt,<br />
+so lebhaft erzählen die Wände;<br />
+ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt<br />
+dort zu der Madonna die Hände.<br />
+<br />
+Ein tüchtiger Junge beim Vater steht,<br />
+der viel zu des Hauses Gewinn tat.<br />
+An huben sie flüsternd das Abendgebet,<br />
+und Mutter läßt ruhen das Spinnrad.<br />
+<br />
+Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß<br />
+sogar der Madonna im Rahmen.<br />
+Ich lausche:&mdash;Laut von des Vaters Baß<br />
+ertönt das versöhnende: "Amen".<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_ANDERES" id="EIN_ANDERES"></a>EIN ANDERES<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(4)</span><br />
+<br />
+Naht der Sohn mit schwerem Schritt<br />
+seinem Vater. Schwer die Zunge....<br />
+"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?!<br />
+Vorwärts, nur herein damit!"<br />
+<br />
+Und da steht zum erstenmal<br />
+jetzt das Mädchen rot und stille;<br />
+und der Vater putzt die Brille:<br />
+"Teufel! Gut war deine Wahl!"<br />
+<br />
+Und er streckt die Arme aus,<br />
+und das Bräutchen nimmt verlegen<br />
+seinen Kuß und seinen Segen....<br />
+Davon weiß das alte Haus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="NOCH_EINES" id="NOCH_EINES"></a>NOCH EINES<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(5)</span><br />
+<br />
+Auch dem blonden Kinde kam es<br />
+In sein Herz, sein waldseereines,<br />
+wie das dunkle Ahnen eines<br />
+großen Glückes oder Grames.<br />
+<br />
+Und die Mutter ließ das Rädchen<br />
+stocken.&mdash;"Kind, was macht dich leiden?"<br />
+Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen:<br />
+doch verstanden sich die beiden.<br />
+<br />
+Kurz darauf: Am Pförtchen pochte<br />
+junger Herr.&mdash;"Wollt ihr euch?"&mdash;Pause.&mdash;<br />
+Ob!&mdash;Wer da noch fragen mochte!?&mdash;<br />
+So geschahs im alten Hause.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="UND_DAS_LETZTE" id="UND_DAS_LETZTE"></a>UND DAS LETZTE<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(6)</span><br />
+<br />
+Still heut die Stube.&mdash;Weiß wie Kalk<br />
+ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos<br />
+ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos<br />
+lehnt sie bei Vaters Katafalk.<br />
+<br />
+Zuseiten ihr der Gatte kann<br />
+sie trösten mehr in keiner Weise;<br />
+nun faßt er ihre Hände leise<br />
+und sieht sie ernst und bittend an.<br />
+<br />
+"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!"<br />
+tönt türher hell das Wort des Kleinen;<br />
+da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen,<br />
+und Trost geht durch das alte Haus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_ERKERSTUBCHEN" id="IM_ERKERSTUBCHEN"></a>IM ERKERSTÜBCHEN<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(7)</span><br />
+<br />
+Nicht zu sehn das Alltagstreiben,<br />
+flieh ich&mdash;wie wenn ich ein Strauß war,&mdash;<br />
+in das alte, alte Haus her;<br />
+lang dann seh ich nicht hinaus mehr<br />
+durch die breit verbleiten Scheiben.<br />
+<br />
+Schlichtheit war der Väter Aussaat,<br />
+Glück die Frucht, die sie gefunden;<br />
+sitz so träumend manche Stunden<br />
+dort im Polsterstuhl, im runden,<br />
+mitten in Urväterhausrat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_NOVEMBERTAG" id="DER_NOVEMBERTAG"></a>DER NÖVEMBERTAG<br />
+<br />
+<br />
+Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,<br />
+seine tausend Jubelstimmen schweigen;<br />
+hoch vom Domturm wimmern gar so eigen<br />
+Sterbeglocken in Novembernebeln.<br />
+<br />
+Auf den nassen Dächern liegt verschlafen<br />
+weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen<br />
+greift der Sturm in des Kamines Wänden<br />
+eines Totenkarmens Schlußoktaven.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN" id="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN"></a>IM STRAßEN KAPELLCHEN<br />
+<br />
+<br />
+Bei St. Loretto da brennt ein Licht<br />
+vorm Bilde im Straßenkapellchen;<br />
+und um das Wandbild schmiegen sich dicht<br />
+Blechblumen mit farbigen Kelchen.<br />
+<br />
+Die Heiligen machen ein übel Gesicht;<br />
+denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat<br />
+nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht<br />
+schaut fromm in den dämmernden Sabbat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KLOSTER" id="DAS_KLOSTER"></a>DAS KLOSTER<br />
+<br />
+<br />
+Im Dämmerdustgeschwel<br />
+ist schon die Stadt zerronnen<br />
+hoch steht das Haus der Nonnen<br />
+des Ordens von Carmel.<br />
+<br />
+Der Abend hüpft hangab<br />
+vorbei mit Feuergarben<br />
+und windet tausend Farben<br />
+um jeden Fensterstab.<br />
+<br />
+Er schmückt das düstre Haus<br />
+umsonst mit Lichtgeglänze;<br />
+So sehen frische Kränze<br />
+auf Leichensteinen aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_DEN_KAPUZINERN" id="BEI_DEN_KAPUZINERN"></a>BEI DEN KAPUZINERN<br />
+<br />
+<br />
+Es hat der Pater Guardian<br />
+vom Klosterschnaps mir angeboten;<br />
+ich kenn ihn schon, den dunkelroten,<br />
+der alle Toten wecken kann.<br />
+<br />
+Der Pater sucht den Schlüssel, klein,<br />
+dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,<br />
+und holt den Schatz, den selbstgebrauten,<br />
+hervor aus dem Reliquienschrein.<br />
+<br />
+Und wie er einschenkt, lacht er feist<br />
+und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,<br />
+die einstens ruhten in dem Schreine,<br />
+doch uns erhalten blieb&mdash;&mdash;der Geist!"<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABEND_I" id="ABEND_I"></a>ABEND<br />
+<br />
+<br />
+Einsam hinterm letzten Haus<br />
+geht die rote Sonne schlafen,<br />
+und in ernste Schlußoktaven<br />
+klingt des Tages Jubel aus.<br />
+<br />
+Lose Lichter haschen spät<br />
+noch sich auf den Dächerkanten,<br />
+wenn die Nacht schon Diamanten<br />
+in die blauen Fernen sät.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JAR_VRCHLICKY" id="JAR_VRCHLICKY"></a>JAR. VRCHLICKÝ<br />
+<br />
+<br />
+Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,<br />
+wo oft ich Ungemach vergaß,<br />
+müd nicken krause Chrysanthemen<br />
+im hohen Venezianergläs.<br />
+<br />
+Ich las in einem Band Gedichte<br />
+gar lange; wie die Zeit entschwand!<br />
+Jetzt erst im Abenddämmerlicbte<br />
+leg ich sie selig aus der Hand.<br />
+<br />
+Mir ist, von göttlichen Problemen<br />
+hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,&mdash;<br />
+hat mich der Hauch der Chrysanthemen,<br />
+hat mich Vrchlickýs Buch berauscht?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO" id="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO"></a>IM KREUZGANG VON LORETTO<br />
+<br />
+<br />
+Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,<br />
+wo über krausen Säulenarabesken<br />
+herniederschaun aus halb verwischten Fresken<br />
+geheimnisvolle Heiligengestalten.<br />
+<br />
+Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht<br />
+so manchen gnadenvollen Heilmirakels,<br />
+prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels<br />
+im silberübersäten Seidenkleid.<br />
+<br />
+Spannt über Blättergold Spätsommerhaar<br />
+sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,&mdash;<br />
+vor einem Bild im Stile Tintorettos<br />
+steht selig still ein junges Liebespaar.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_JUNGE_BILDNER" id="DER_JUNGE_BILDNER"></a>DER JUNGE BILDNER<br />
+<br />
+<br />
+Ich muß nach Rom; in unser Städtchen<br />
+kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück;<br />
+nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen,<br />
+ich mach in Rom mein Meisterstück.<br />
+<br />
+Er sprachs; dann zog er fort im Rausche<br />
+durch jene Welt, die er erhofft;<br />
+doch war ihm, seine Seele lausche<br />
+auf einen innern Vorwurf oft.<br />
+<br />
+Die Unrast trieb ihn heim, die arge:<br />
+Er bildete mit nassem Blick<br />
+sein armes, fahles Lieb im Sarge,<br />
+und das&mdash;das war sein Meisterstück.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="FRUHLING" id="FRUHLING"></a>FRÜHLING<br />
+<br />
+<br />
+Die Vögel jubeln&mdash;lichtgeweckt&mdash;,<br />
+die blauen Weiten füllt der Schall aus;<br />
+im Kaiserpark das alte Ballhaus<br />
+ist ganz mit Blüten überdeckt.<br />
+<br />
+Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll<br />
+ins junge Gras mit großen Lettern.<br />
+Nur dorten unter welken Blättern<br />
+seufzt traurig noch ein Steinapoll.<br />
+<br />
+Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz<br />
+hinweg das gelbe Blattgeranke<br />
+und legt um seine Stirn, die blanke,<br />
+den blauenden Syringenkranz.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LAND_UND_VOLK" id="LAND_UND_VOLK"></a>LAND UND VOLK<br />
+<br />
+<br />
+...Gott war guter Laune. Geizen<br />
+ist doch wohl nicht seine Art;<br />
+und er lächelte: da ward<br />
+Böhmen, reich an tausend Reizen.<br />
+<br />
+Wie erstarrtes Licht liegt Weizen<br />
+zwischen Bergen, waldbehaart,<br />
+und der Baum, den dichtgeschaart<br />
+Früchte drücken, fordert Spreizen.<br />
+<br />
+Gott gab Hütten; voll von Schafen<br />
+Ställe; und der Dirne klafft<br />
+vor Gesundheit fast das Mieder.<br />
+<br />
+Gab den Burschen all, den braven,<br />
+in die raube Faust die Kraft,<br />
+in das Herz&mdash;die Heimatlieder.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br />
+<br />
+<br />
+Hin geh ich durch die Malvasinka<br />
+die Kinderreih, wo sanft und gut<br />
+die kleine Anka oder Ninka<br />
+in ihrem letzten Bettchen ruht.<br />
+<br />
+Auf einem schmalen Schollenhügel<br />
+kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,<br />
+mit staubigem, gebrochnem Flügel<br />
+ein Engelchen aus rohem Ton.<br />
+<br />
+Das flügellahme Kindchen flößte<br />
+mir Mitleid ein,&mdash;das arme Ding....<br />
+Da, sieh! Von seinen Lippen löste<br />
+sich leicht ein kleiner Schmetterling.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALLERSEELEN" id="ALLERSEELEN"></a>ALLERSEELEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Rings liegt der Tag von Allerseelen<br />
+voll Wehmut und voll Blütenduft,<br />
+und hundert bunte Lichter schwelen<br />
+vom Feld des Friedens in die Luft.<br />
+<br />
+Sie senden Palmen heut und Rosen;<br />
+der Gärtner ordnet sie mit Sinn&mdash;<br />
+und kehrt zum Eck der Glaubenslosen<br />
+die alten, welken Blumen hin.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+"Jetzt beten, Willi,&mdash;und nicht reden!"<br />
+Mit großem Aug gehorcht der Knab.<br />
+Der Vater legt den Kranz Reseden<br />
+auf seines armen Weibes Grab.<br />
+<br />
+"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!"<br />
+Klein Willi sieht empor und macht,<br />
+wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,<br />
+daß er am Weg heraus gelacht!<br />
+<br />
+Es sticht im Auge ihn&mdash;wie Weinen....<br />
+Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht;<br />
+ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen<br />
+beim Ausgang jäh der Buden Pracht.<br />
+<br />
+Es blinkt durch den Novembernebel<br />
+herüber lichtbeglänzter Tand;<br />
+er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel<br />
+und küßt dem Vater leis die Hand.<br />
+<br />
+Und der versteht. Dann gehn sie weiter....<br />
+Der Vater sieht so traurig aus.&mdash;<br />
+Doch einen Pfeiferkuchenreiter<br />
+schleppt Willi selig sich nach Haus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_NACHT" id="BEI_NACHT"></a>BEI NACHT<br />
+<br />
+<br />
+Weit über Prag ist riesengroß<br />
+der Kelch der Nacht schon aufgegangen;<br />
+der Sonnenfalter barg sein Prangen<br />
+in ihrem kühlen Blütenschoß.<br />
+<br />
+Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,<br />
+und neckend streut er das Gesträhne<br />
+der weißen Silberhobelspäne<br />
+hernieder in den Moldaustrom.<br />
+<br />
+Da plötzlich, wie beleidigt, hat<br />
+zurückgerufen er die Strahlen,<br />
+weil er gewahr ward des Rivalen:<br />
+der Turmuhr helles Stundenblatt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABEND_II" id="ABEND_II"></a>ABEND<br />
+<br />
+<br />
+Der Abend naht.&mdash;Die klare Zone<br />
+der Stirne schmückt ein goldner Reifen,<br />
+und tausend Schattenhände greifen<br />
+verstohlen nach der roten Krone.<br />
+<br />
+Die ersten, blassen Sterne liebeln<br />
+ihm zu; er steht hoch am Hradschine<br />
+und schaut mit ernster Träumermiene<br />
+die Türme und die grauen Giebeln.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUF_DEM_WOLSCHAN" id="AUF_DEM_WOLSCHAN"></a>AUF DEM WOLSCHAN<br />
+<br />
+Am Abend des Tages von Allerseelen<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Die dürren Äste übergittern<br />
+des Himmels abendblasse Scheiben;<br />
+und über Grüfte, reich mit Füttern<br />
+geschmückt, geht Wehmut, und es zittern<br />
+die Lichter durch das Blättertreiben.<br />
+<br />
+Im müden Blau, im regungslosen,<br />
+schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,<br />
+die seine blanke Stirne kosen,<br />
+sind schwarz. Der Duft von welken Rosen<br />
+schleicht her wie Geister toter Träume.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Ferner Lärm vom Wagendamm.&mdash;<br />
+Hier keimt Friede und Vergessen,<br />
+zwischen zweien Grabzypressen<br />
+hangt der Mond wie ein Tam-Tam.<br />
+<br />
+Schlägt die Ewigkeit nicht sacht<br />
+jetzt daran mit schwarzem Schwengel?<br />
+Bange schaut ein Marmorengel<br />
+in das Aug der Spätherbstnacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="WINTERMORGEN" id="WINTERMORGEN"></a>WINTERMORGEN<br />
+<br />
+<br />
+Der Wasserfall ist eingefroren,<br />
+die Dohlen hocken hart am Teich.<br />
+Mein schönes Lieb hat rote Ohren<br />
+und sinnt auf einen Schelmenstreich.<br />
+<br />
+Die Sonne küßt uns. Traumverloren<br />
+schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;<br />
+und wir gehn fürder, alle Poren<br />
+vom Kraftarom des Morgens voll.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BRUNNEN" id="BRUNNEN"></a>BRUNNEN<br />
+<br />
+<br />
+Ganz verschollen ist die alte,<br />
+holde Brunnenpoesie,<br />
+da aus Tritons Muschelspalte<br />
+eine klare Quelle lallte,<br />
+die den Gassen Sprache lieh.<br />
+<br />
+Abends bei den Röhrenkasten<br />
+sammelte sich Paar um Paar,<br />
+weil der Quelle lieblich Glasten<br />
+und ihr Laut der tiefgefaßten<br />
+Neigung süßes Omen war.<br />
+<br />
+Aber als durch Menschenmühn dann<br />
+Wasser treppen aufwärts stieg,<br />
+und kein Paar kam: Misogyn dann<br />
+ward der Gott; es schlich sich Grünspan<br />
+in die Muschel,&mdash;und er schwieg.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SPHINX" id="SPHINX"></a>SPHINX<br />
+<br />
+<br />
+Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,<br />
+in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.<br />
+Die Menge gaffte.&mdash;Bis der Rettungswagen<br />
+sie brachte in das gelbe Stadtspital.<br />
+<br />
+Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....<br />
+Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;<br />
+dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen<br />
+und dann der Priester.&mdash;Sie blieb stumm und fahl.<br />
+<br />
+Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,<br />
+gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal.<br />
+Ein Röcheln.&mdash;Dann ward sie herausgetragen,<br />
+sie und ihr Schmerz.&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 8em;">Und draußen steht kein Mal.</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TRAUME" id="TRAUME"></a>TRÄUME<br />
+<br />
+<br />
+Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden<br />
+geschmückt des blauen Kleides Saum;&mdash;<br />
+sie reicht mir mild mit ihren beiden<br />
+Madonnenhänden einen Traum.<br />
+<br />
+Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben,<br />
+hinfort die Stadt mit leisem Schritt<br />
+und nimmt, als Sold des Traumes, drüben<br />
+des kranken Kindes Seele mit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MAITAG" id="MAITAG"></a>MAITAG<br />
+<br />
+<br />
+Still!&mdash;Ich hör, wie an Geländen<br />
+leicht der Wind vorüberhüpft,<br />
+wie die Sonne Strahlenenden<br />
+an Syringendolden knüpft.<br />
+<br />
+Stille rings. Nur ein geblähter<br />
+Frosch hält eine Mückenjagd,<br />
+und ein Käfer schwimmt im Äther,<br />
+ein lebendiger Smaragd.<br />
+<br />
+Im Geäst spinnt Süberrhomben<br />
+Mutter Spinne Zoll um Zoll,<br />
+und von Blütenhekatomben<br />
+hat die Welt die Hände voll.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KONIG_ABEND" id="KONIG_ABEND"></a>KÖNIG ABEND<br />
+<br />
+<br />
+Wie König Balthasar einst nahte,<br />
+die Stirn vom Kronenreif erhellt,<br />
+so tritt im purpurnen Ornate<br />
+der König Abend in die Welt.<br />
+<br />
+Der erste Stern führt ihn wie jenen<br />
+bis an den fernsten Hügelsaum;<br />
+dort findet Mutter Nacht er lehnen<br />
+mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.<br />
+<br />
+Dem bringt er just, wie jener Weise<br />
+des Orients, das Gold, gehäuft,&mdash;<br />
+das Gold, das uns der Knabe leise<br />
+erlösend in den Schlummer träuft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AN_DER_ECKE" id="AN_DER_ECKE"></a>AN DER ECKE<br />
+<br />
+<br />
+Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,<br />
+die an der Ecke stets Kastanien briet.<br />
+Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte<br />
+froh und gesund, ob Falte auch bei Falte<br />
+seit vielen Jahren es durchzieht.<br />
+<br />
+Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;<br />
+die Tüten müssen rein sein, und das Licht<br />
+an ihrem Stand muß immer helle scheinen,<br />
+und von dem Ofen mit den krummen Beinen<br />
+verlangt sie streng die heiße Pflicht.<br />
+<br />
+So trefflich schmort auch keine die Maroni.<br />
+Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,<br />
+und alle kennt sie&mdash;bis zum Tramwaypony;<br />
+sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....<br />
+Und leise summt ihr Herd sein Lied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HEILIGE" id="HEILIGE"></a>HEILIGE<br />
+<br />
+<br />
+Große Heilige und kleine<br />
+feiert jegliche Gemeine;<br />
+hölzern und von Steine feine,<br />
+große Heilige und kleine.<br />
+<br />
+Heilge Annen und Kathrinen,<br />
+die im Traum erschienen ihnen,<br />
+baun sie sich und dienen ihnen,<br />
+heilgen Annen und Kathrinen.<br />
+<br />
+Wenzel laß ich auch noch gelten,<br />
+weil sie selten ihn bestellten;<br />
+denn zu viele gelten selten&mdash;<br />
+nun, Sankt Wenzel laß ich gelten.<br />
+<br />
+Aber diese Nepomuken!<br />
+Von des Torgangs Luken gucken<br />
+und auf allen Brucken spuken<br />
+lauter, lauter Nepomuken!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_ARME_KIND" id="DAS_ARME_KIND"></a>DAS ARME KIND<br />
+<br />
+<br />
+Ich weiß ein Mädchen, eingefallen<br />
+die Wangen.&mdash;War ein leichtes Tuch<br />
+die Mütter; und des Vaters Fluch<br />
+fiel in ihr erstes Lallen.<br />
+<br />
+Die Armut blieb ihr treu die Jahre,<br />
+und Hunger ward ihr Angebind;<br />
+so ward sie ernst.&mdash;Das Lenzgold rinnt<br />
+umsonst in ihre Haare.<br />
+<br />
+Sie schaut die lächelnden Gesichter<br />
+der Blumen traurig an im Hag<br />
+und denkt: der Allerseelentag<br />
+hat Blüten auch und Lichter.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="WENNS_FRUHLING_WIRD" id="WENNS_FRUHLING_WIRD"></a>WENNS FRÜHLING WIRD<br />
+<br />
+<br />
+Die ersten Keime sind, die zarten,<br />
+im goldnen Schimmer aufgesprossen;<br />
+schon sind die ersten der Karossen<br />
+<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br />
+<br />
+Die Wandervögel wieder scharten<br />
+zusamm sich an der alten Stelle,<br />
+und bald stimmt ein auch die Kapelle<br />
+<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br />
+<br />
+Der Lenzwind plauscht in neuen Arten<br />
+die alten, wundersamen Märchen,<br />
+und draußen träumt das erste Pärchen<br />
+<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG" id="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG"></a>ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG<br />
+<br />
+<br />
+Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr<br />
+so müheschwer vorüberrollte;<br />
+nun endlich bin ich, was ich wollte<br />
+und was ich strebte: ein Skolar.<br />
+<br />
+Erst "Recht" studieren war mein Plan;<br />
+doch meine leichte Laune schreckten<br />
+die strengen, staubigen Pandekten,<br />
+und also ward der Plan zum Wahn.<br />
+<br />
+Theologie verbot mein Lieb,<br />
+könnt mich auf Medizin nicht werfen,<br />
+so daß für meine schwachen Nerven<br />
+nichts als&mdash;Philosophieren blieb.<br />
+<br />
+Die Alma mater reicht mir dar<br />
+der freien Künste Prachtregister,&mdash;<br />
+und bring ichs nie auch zum Magister,<br />
+bin was ich strebte: ein Skolar.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SUPERAVIT" id="SUPERAVIT"></a>SUPERAVIT<br />
+<br />
+<br />
+Nie kann ganz die Spur verlaufen<br />
+einer starken Tat; dies lehrt<br />
+zu Konstanz der Scheiterhaufen;<br />
+denn aus tausend Feuertaufen<br />
+steigt der Hochgeist unversehrt.<br />
+<br />
+Bis zu uns her ungeheuer<br />
+ragt der Reformator Hus,<br />
+fürchten wir der Lehre Feuer,<br />
+neigen wir uns doch in scheuer<br />
+Ehrfurcht vor dem Genius.<br />
+<br />
+Der, den das Gericht verdammte,<br />
+war im Herzen, tief und rein,<br />
+überzeugt von seinem Amte,&mdash;<br />
+und der hohe Holzstoß flammte<br />
+seines Ruhmes Strahlenschein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TROTZDEM" id="TROTZDEM"></a>TROTZDEM<br />
+<br />
+<br />
+Manchmal vom Regal der Wand<br />
+hol ich meinen Schopenhauer,<br />
+einen "Kerker voller Trauer"<br />
+hat er dieses Sein genannt.<br />
+<br />
+So er recht hat, ich verlor<br />
+nichts: in Kerkereinsamkeiten<br />
+weck ich meiner Seele Saiten<br />
+glücklich wie einst Dalibor.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HERBSTSTIMMUNG" id="HERBSTSTIMMUNG"></a>HERBSTSTIMMUNG<br />
+<br />
+<br />
+Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,<br />
+an dessen Türe schon der Tod steht still;<br />
+auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,<br />
+wie der der Kerze, die verlöschen will.<br />
+<br />
+Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,<br />
+der matte Wind hält Blätterleichenschau;&mdash;<br />
+und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen<br />
+ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AN_JULIUS_ZEYER" id="AN_JULIUS_ZEYER"></a>AN JULIUS ZEYER<br />
+<br />
+<br />
+Du bist ein Meister;&mdash;früher oder später<br />
+spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;<br />
+du preisest seine Art und seine Sagen,&mdash;<br />
+aus deinen Liedern weht der Heimat Äther.<br />
+<br />
+Dein Volk tut recht,&mdash;nicht, voll von wahngeblähter<br />
+Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen,<br />
+es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen,<br />
+stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter.<br />
+<br />
+Es hat dein Volk sich seine Ideale<br />
+noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,<br />
+die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;<br />
+<br />
+du aber mahnst, ein echter Orientale,<br />
+es möge in dem Ringen nicht verlernen<br />
+auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TRAUMER" id="DER_TRAUMER"></a>DER TRÄUMER<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Es war ein Traum in meiner Seele tief.<br />
+Ich horchte auf den holden Traum:<br />
+ich schlief.<br />
+Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,<br />
+und wie ich träumte, hört ich nicht;<br />
+es rief.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Träume scheinen mir wie Orchideen.&mdash;<br />
+So wie jene sind sie bunt und reich.<br />
+Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte<br />
+ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,<br />
+brüsten sich mit dem ersaugten Blute,<br />
+freuen in der flüchtigen Minute,<br />
+in der nächsten sind sie tot und bleich.&mdash;<br />
+Und wenn Welten oben leise gehen,<br />
+fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?<br />
+Träume scheinen mir wie Orchideen.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MUTTER" id="DIE_MUTTER"></a>DIE MUTTER<br />
+<br />
+<br />
+Aufwärts die Theaterrampe<br />
+rollen dröhnend die Karossen,<br />
+abseits unter trüber Lampe<br />
+steht ein altes Weib verdrossen.<br />
+<br />
+Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute,<br />
+wars, daß sie zusammenschrecke;<br />
+niemand aus dem Strom der Leute<br />
+sieht die Alte in der Ecke.<br />
+<br />
+An die neue "Größe" dachte,<br />
+von ihr sprach man nur.&mdash;Die Güte<br />
+eines Grafen, hieß es, brachte<br />
+herrlich ihr Talent zur Blüte.<br />
+<br />
+Später. Jubelstürme hallten<br />
+in den Schlußklang der Trompeten....<br />
+Aber draußen kams der Alten,<br />
+heimlich für ihr Kind zu beten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="UNSER_ABENDGANG" id="UNSER_ABENDGANG"></a>UNSER ABENDGANG<br />
+<br />
+<br />
+Gedenkst du noch, wie guter Dinge<br />
+wir wallten durch das Nusler Tal;<br />
+zwei kleine, blaue Schmetterlinge<br />
+verflattertcn im Abendstrahl.<br />
+<br />
+Am Häuschen lehnte die Melone<br />
+dort&mdash;wie auf einem Bilde Dows,<br />
+und herrlich mit der Kuppelkrone<br />
+hob sich das Haupt der Karlshofs.<br />
+<br />
+Im West war noch der Weizen golden,<br />
+blaugrün verdämmerte der Kohl;<br />
+die ersten weißen Sternendolden<br />
+umzitterten den Himmelspol.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KAJETAN_TYL" id="KAJETAN_TYL"></a>KAJETAN TÝL<br />
+<br />
+Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen<br />
+ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.<br />
+<br />
+Da also hat der arme Týl<br />
+sein Lied "Kde domov m&#367;j"&mdash;geschrieben.<br />
+In Wahrheit; Wen die Musen lieben,<br />
+dem gibt das Leben nicht zuviel.<br />
+<br />
+Ein Stübchen&mdash;nicht zu klein dem Flug<br />
+des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.&mdash;<br />
+Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,<br />
+ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.<br />
+<br />
+Doch wär er nicht für tausend Louis<br />
+von Böhmen fort. Mit jeder Fiber<br />
+hing er daran.&mdash;"Ich bleibe lieber,"<br />
+hätt er gesagt, "kde domov m&#367;j."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOLKSWEISE" id="VOLKSWEISE"></a>VOLKSWEISE<br />
+<br />
+<br />
+Mich rührt so sehr<br />
+böhmischen Volkes Weise,<br />
+schleicht sie ins Herz sich leise,<br />
+macht sie es schwer.<br />
+<br />
+Wenn ein Kind sacht<br />
+singt beim Kartoffeljäten,<br />
+klingt dir sein Lied im späten<br />
+Traum noch der Nacht.<br />
+<br />
+Magst du auch sein<br />
+weit über Land gefahren,<br />
+fällt es dir doch nach Jahren<br />
+stets wieder ein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_VOLKSLIED" id="DAS_VOLKSLIED"></a>DAS VOLKSLIED<br />
+<br />
+Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier<br />
+<br />
+<br />
+Es legt dem Burschen auf die Stirne<br />
+die Hand der Genius so lind,<br />
+daß mit des Liedes Silberzwirne<br />
+er seiner Liebsten Herz umspinnt.<br />
+<br />
+Da mag der Bursch sich süß erinnern,<br />
+was aus der Mutter Mund ihm scholl,<br />
+und mit dem Klang aus seinem Innern<br />
+füllt er sich seine Fiedel voll.<br />
+<br />
+Die Liebe und der Heimat Schöne<br />
+drückt ihm den Bogen in die Hand,<br />
+und leise rieseln seine Töne<br />
+wie Blütenregen in das Land.<br />
+<br />
+Und große Dichter, ruhmberauschte,<br />
+dem schlichten Liede lauschen sie,<br />
+so gläubig wie das Volk einst lauschte<br />
+dem Gottes wort des Sinai.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DORFSONNTAG" id="DORFSONNTAG"></a>DORFSONNTAG<br />
+<br />
+<br />
+Im Wirtshaus auf den blanken Dielen<br />
+schwingt sich die Jugend frisch und laut,<br />
+des Burschen Hand, so hart von Schwielen,<br />
+drückt die des blonden Mädchens traut;<br />
+bierfrohe Musikanten spielen<br />
+ein Lied aus der "verkauften Braut".<br />
+<br />
+"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."<br />
+Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.<br />
+Und wie er nach dem Tanz die Holden<br />
+zu seinem Tische kommen heißt,<br />
+da geht der Abend draußen, golden,<br />
+und lacht durch alle Fenster dreist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MEIN_GEBURTSHAUS" id="MEIN_GEBURTSHAUS"></a>MEIN GEBURTSHAUS<br />
+<br />
+<br />
+Der Erinnrung ist das traute<br />
+Heim der Kindheit nicht entflohn,<br />
+wo ich Bilderbogen schaute<br />
+im blauseidenen Salon.<br />
+<br />
+Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen<br />
+dicken Silbers reich betreßt,<br />
+Glück mir war; wo heiße Tränen<br />
+mir das "Rechnen" ausgepreßt.<br />
+<br />
+Wo ich, einem dunklen Rufe<br />
+folgend, nach Gedichten griff,<br />
+und auf einer Fensterstufe<br />
+Tramway spielte oder Schiff.<br />
+<br />
+Wo ein Mädchen stets mir winkte<br />
+drüben in dem Gräfenhains....<br />
+Der Palast, der damals blinkte,<br />
+sieht heut so verschlafen aus.<br />
+<br />
+Und das blonde Kind, das lachte,<br />
+wenn der Knab ihm Küsse warf,<br />
+ist nun fort; fern ruht es sachte,<br />
+wo es nie mehr lächeln darf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_DUBIIS" id="IN_DUBIIS"></a>IN DUBIIS<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Es dringt kein Laut bis her zu mir<br />
+von der Nationen wildem Streite,<br />
+ich stehe ja auf keiner Seite;<br />
+denn Recht ist weder dort noch hier.<br />
+<br />
+Und weil ich nie Horaz vergaß,<br />
+bleib gut ich aller Welt und halte<br />
+mich unverbrüchlich an die alte<br />
+aurea mediocritas.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der erscheint mir als der Größte,<br />
+der zu keiner Fahne schwört,<br />
+und, weil er vom Teil sich löste,<br />
+nun der ganzen Weit gehört.<br />
+<br />
+Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm<br />
+doch nicht klein der Heimat Hort;<br />
+denn das Vaterland, es ist ihm<br />
+dann sein Haus im Heimatsort.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BARBAREN" id="BARBAREN"></a>BARBAREN<br />
+<br />
+<br />
+Ich weiß von einem Riesenparke<br />
+dort, wo die Stadt sich schon verliert;<br />
+jetzt nagt die Axt an seinem Marke,<br />
+sie sagen: er wird parzelliert.<br />
+<br />
+Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas,<br />
+der Mietskasernen weichen soll,<br />
+der war doch wie ein Hain der Pallas<br />
+der raunenden Orakel voll.<br />
+<br />
+Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten,<br />
+den Ort, den kein Profaner sah:<br />
+Es übertönt der Lärm der Zeiten<br />
+das Götterwort der Pythia.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SOMMERABEND" id="SOMMERABEND"></a>SOMMERABEND<br />
+<br />
+<br />
+Die große Sonne ist versprüht,<br />
+der Sommerabend liegt im Fieber,<br />
+und seine heiße Wange glüht.<br />
+Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...."<br />
+Und wieder dann: "Ich bin so müd...."<br />
+<br />
+Die Büsche beten Litanein,<br />
+Glühwürmchen hangt, das regungslose,<br />
+dort wie ein ewiges Licht hinein;<br />
+und eine kleine weiße Rose<br />
+tragt einen roten Heiligenschein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GERICHTET" id="GERICHTET"></a>GERICHTET<br />
+<br />
+<br />
+"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst,<br />
+lang ist es her; doch wenn der Schein<br />
+des runden Monds das Rathaus küßt,<br />
+dann wallen aus dem heilgen Teyn<br />
+Gerichtete in Geisterreihn ...<br />
+<span style="margin-left: 9em;">Weh wer sie sah!</span><br />
+<br />
+Viel Herren fielen auf dem Ring;<br />
+die Herren finden Ruhe nicht;&mdash;<br />
+sie zogen eines Nachts: Es ging<br />
+voran Herr Christus, groß und licht,<br />
+mit ernstem, traurigem Gesicht ...<br />
+<span style="margin-left: 9em;">Und einer sahs!</span><br />
+<br />
+Der war ein Maler. Und im Flug<br />
+malt er, wie er geschaut, den Ring.<br />
+Er malt den ganzen Geisterzug,<br />
+dem ernst voran Herr Christus ging.<br />
+Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...<br />
+<span style="margin-left: 9em;">Jetzt ist er tot.&mdash;</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE" id="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE"></a>DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE<br />
+<br />
+<br />
+Der Tag ging aus mit mildem Tone,<br />
+so wie ein Hammerschlag verklang.<br />
+Wie eine gelbe Goldmelone<br />
+lag groß der Mond im Kraut am Hang.<br />
+<br />
+Ein Wölkchen wollte davon naschen,<br />
+und es gelang ihm, ein paar Zoll<br />
+des hellen Rundes zu erhaschen,<br />
+rasch kaut es sich die Bäckchen voll.<br />
+<br />
+Es hielt sich lange auf der Flucht auf<br />
+und zog sich ganz mit Lichte an;&mdash;<br />
+da hob die Nacht die goldne Frucht auf:<br />
+Schwarz ward die Wolke und zerrann.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="FREIHEITSKLANGE" id="FREIHEITSKLANGE"></a>FREIHEITSKLÄNGE<br />
+<br />
+<br />
+Böhmens Volk! In deinen Kreisen<br />
+weckt ein neuer Genius<br />
+alte, heiße Freiheitsweisen,<br />
+und die mahnen nicht mit leisen<br />
+Worten, daß dein Fesseleisen<br />
+ganz zerschmettert werden muß.<br />
+<br />
+Diese Streitpoeten blasen<br />
+lockend; und in Stücke haun<br />
+kannst du, Volk, in deinem Rasen<br />
+des Gesetzes Marmorvasen,<br />
+doch du kannst aus ihren Phrasen<br />
+keine Zukunft dir erbaun.<br />
+<br />
+Tief in Herz und Sinn in treuer<br />
+Hoffnung senk die Liedersaat,<br />
+sind dir deine Dichter teuer,<br />
+daß daraus ein Lenz, ein neuer,<br />
+keime.&mdash;Was dann blieb vom Feuer,<br />
+das entflamme dich zur Tat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="NACHTBILD" id="NACHTBILD"></a>NACHTBILD<br />
+<br />
+<br />
+Auch auf der Theaterrampe<br />
+wird es stille nach und nach.&mdash;<br />
+Eine eitle Bogenlampe<br />
+schaut sich in ein Droschkendach.<br />
+<br />
+Auf dem leeren Gangsteig zucken<br />
+Lichter.&mdash;Sehn nicht dort am Haus<br />
+helle Dachmansardenlucken<br />
+wie verweinte Augen aus?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HINTER_SMICHOV" id="HINTER_SMICHOV"></a>HINTER SMICHOV<br />
+<br />
+<br />
+Hin gehn durch heißes Abendrot<br />
+aus den Fabriken Männer, Dirnen,&mdash;<br />
+auf ihre niedern, dumpfen Stirnen<br />
+schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.<br />
+<br />
+Die Mienen sind verstumpft; es brach<br />
+das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle<br />
+den Weg, und Staub zieht und Gejohle<br />
+wie das Verhängnis ihnen nach.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_SOMMER" id="IM_SOMMER"></a>IM SOMMER<br />
+<br />
+<br />
+Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer<br />
+auf Moldauwogen uns nach Zlichov<br />
+zu jenem Kirchlein, hoch und frei.<br />
+Im blauen Nebel schwindet Smichov;&mdash;<br />
+zur Rechten Flächen braun von Ampfer,<br />
+zur Linken stolz die "Loreley".<br />
+<br />
+Wir legen an; und sieh, ein Alter<br />
+begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!"<br />
+Am Friedhofsrand dann lehnen wir.<br />
+Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,<br />
+und unser Träumen hebt, ein Falter,<br />
+auf Sonnenflügeln sich zu ihr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL" id="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL"></a>AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)<br />
+<br />
+<br />
+Auf schloß das Erztor der Kustode.<br />
+Du sahst vor Blüten keine Gruft.<br />
+Der Lenz verschleierte dem Tode<br />
+das Angesicht mit Blust und Duft;<br />
+da stieg wie eine Todesode<br />
+ein Trauermantel in die Luft.<br />
+<br />
+Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....<br />
+Rings feierte Mittsommerlicht,<br />
+in den Syringen summten Fliegen.&mdash;<br />
+Da lag ein Schädel vor uns dicht;<br />
+aus seinen leeren Augen stiegen<br />
+verkümmerte Vergißmeinnicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VIGILIEN" id="VIGILIEN"></a>VIGILIEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Die falben Felder schlafen schon,<br />
+mein Herz nur wacht allem;<br />
+der Abend refft im Hafen schon<br />
+sein rotes Segel ein.<br />
+<br />
+Traumselige Vigilie!<br />
+Jetzt wallt die Nacht durchs Land;<br />
+der Mond, die weiße Lilie,<br />
+blüht auf in ihrer Hand.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Am offnen Stubenfenster lehn ich<br />
+und träume in die Nacht hinauf;<br />
+das Mondlicht windet silbersträhnig<br />
+sich um den schwarzen Kirchturmknauf.<br />
+<br />
+Sehn wenig Welten aus den Fernen<br />
+auch durch den engen Hof ins Haus,&mdash;<br />
+es füllte Licht von zehen Sternen<br />
+ein ganzes, dunkles Leben aus.<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+Horch, der Schritt der Nacht erstirbt<br />
+in der weiten Stille;<br />
+meine Schreibtischlampe zirpt<br />
+leis wie eine Grille.<br />
+<br />
+Goldig auf dem Bücherstand<br />
+glühn der Bände Rücken:<br />
+zu der Fahrt ins Feenland<br />
+Pfeiler für die Brücken.<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht<br />
+beim toten Mütterlein verbracht<br />
+und hat geweint und hat gewacht;&mdash;<br />
+dann gingen Jahre, Jahre sacht:<br />
+nie hat sie jener Nacht gedacht.<br />
+<br />
+Und dann kam eine andre Nacht.<br />
+Da hat von Glut und Sünd entfacht<br />
+die rote Lippe Lust gelacht,<br />
+doch plötzlich&mdash;wie durch höhre Macht<br />
+dacht sie der Nacht der Leichenwacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS" id="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS"></a>DEK LETZTE SONNENGRUSS<br />
+<br />
+Zu einem Bilde des Benes Knüpfer<br />
+<br />
+Die Sonne schmolz, die hehre,<br />
+ins weiße Meer so heiß.<br />
+Zwei Mönche saßen am Meere,<br />
+ein blonder und ein Greis.<br />
+<br />
+Der sann: Geh ich einst rasten,<br />
+so friedlich mög es sein&mdash;<br />
+und jener: Des Ruhmes Glasten<br />
+sollt mir mein Sterben weihn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KAISER_RUDOLF" id="KAISER_RUDOLF"></a>KAISER RUDOLF<br />
+<br />
+<br />
+Hoch auf seiner Himmelswarte<br />
+über einer Sternenkarte<br />
+sitzt der Kaiser Rudolf dort,<br />
+forschend, ob der langerharrte<br />
+Flugstern, der die Weisen narrte,<br />
+streifen würde diesen Ort.<br />
+<br />
+Und er fragt den Astrologen,<br />
+der am hohen Himmelsbogen<br />
+alle Wanderwege weiß:<br />
+"Wird von Unglück der betrogen,<br />
+den der Stern hineingezogen<br />
+in den unheilvollen Kreis?"<br />
+<br />
+Und der Alte weicht ihm leise<br />
+aus: "Der Stern zieht seine Gleise,<br />
+Herr, im fernen Ätherreich!"<br />
+Und gen Süden sieht der Weise;&mdash;<br />
+und der Kaiser schaut die Kreise<br />
+seines Globen, ernst und bleich.&mdash;<br />
+<br />
+Und von Süden kommt Verderben,<br />
+kommt Matthias.&mdash;Eilge Erben<br />
+lassen ihm nur den Hradschin;<br />
+und der Kaiser spricht im herben<br />
+Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,<br />
+denn schon bin ich tot für 'ihn'.<br />
+<br />
+Alter! Laß den Bück uns heben!<br />
+du hast recht, die Sterne schweben<br />
+hoch ob allem Erdenbann;<br />
+aber&mdash;die nach ihnen streben,<br />
+knüpfen selbst ihr dunkles Leben<br />
+an die lichten Lose an!&mdash;"<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE<br />
+<br />
+Kohlenskizzen in Callots Manier<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a1_KRIEG" id="a1_KRIEG"></a>1. KRIEG<br />
+<br />
+<br />
+Feinster ist die Welt geworden,&mdash;<br />
+darum Dörfer rasch entloht!<br />
+und die Welt ist grau;&mdash;drum rot<br />
+färbt sie durch das Morden!<br />
+<br />
+Bauer! Bittest um dein Leben?<br />
+Nimm dirs! Aber bei uns bleib!<br />
+Herrgott hat dir Ochs und Weib<br />
+nur für uns gegeben.<br />
+<br />
+Laß den Teufel Felder pflügen;<br />
+sieh, wir haben stets genung!<br />
+Vorwärts&mdash;einen Werbetrunk<br />
+aus den vollen Krügen!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a2_ALEA_JACTA_EST" id="a2_ALEA_JACTA_EST"></a>2. ALEA JACTA EST<br />
+<br />
+<br />
+"... Tod oder Sold!"<br />
+Und jetzt die Trommel schnell<br />
+her. Auf das Trommelfell<br />
+Würfel gerollt.<br />
+<br />
+So wird dem Lohn,<br />
+der unsre Streiche sucht.<br />
+Sieh, der Baum, reiche Frucht<br />
+trägt er doch schon!<br />
+<br />
+Solltest schon längst<br />
+hängen dran, Kamerad!<br />
+Drum ists nicht jammerschad,<br />
+wenn du dann hängst!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG" id="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG"></a>3. KRIEGSKNECHTS-SANG<br />
+<br />
+<br />
+Lag auf einer Trommel nackt,<br />
+kaum zwei Spannen lang,<br />
+und der rauhe Trommeltakt<br />
+war mein Wiegensang.<br />
+<br />
+Wild zu wettern taugte ich<br />
+damals schon im Zorn,<br />
+meine Milch, die saugte ich<br />
+aus dem Pulverhorn.<br />
+<br />
+Damals taufte jeden gut<br />
+der Korp'ral; beim Schopf<br />
+nahm er ihn, goß Schwedenblut<br />
+heiß ihm übern Kopf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG" id="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG"></a>4. KRIEGSKNECHTS-RANG<br />
+<br />
+<br />
+Bei uns gibts nicht Edelinge,<br />
+die was gelten durch ihr Blut,<br />
+jedes Rang ist jedes Klinge,<br />
+und sein Wappen ist der Mut.<br />
+<br />
+Wer nur immer kühn sein Schwert<br />
+hält den Schild von Schande rein,<br />
+wer noch gestern unterm Heer zog,<br />
+Herzog kann er morgen sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a5_BEIM_KLOSTER" id="a5_BEIM_KLOSTER"></a>5. BEIM KLOSTER<br />
+<br />
+<br />
+Was gibts?&mdash;Eine Klosterpforte?&mdash;<br />
+Ei, Potz Blitz!<br />
+Eine Tür von dieser Sorte<br />
+renn ich ohne viele Worte<br />
+ein mit meiner Nasenspitz!<br />
+<br />
+Auf das Tor ein fester Stempel....<br />
+Pfaffe, komm!<br />
+Jetzt heraus mit deinem Krempel,<br />
+paar Monstranzen zum Exempel<br />
+und paar Kelche: wir sind fromm.<br />
+<br />
+Laß jetzt dein: Peccavi, pater....<br />
+Leucht zum Wein<br />
+uns mit deiner Nase, frater,<br />
+dorten kannst du uns ein Rater,<br />
+und ein "Seelensorger" sein!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a6_BALLADE" id="a6_BALLADE"></a>6. BALLADE<br />
+<br />
+<br />
+Gestern zogen wilde Horden<br />
+durch das Dörfchen hin mit Morden,<br />
+und ein Mädchen sinnt jetzt still:<br />
+Ist der Liebste untreu worden,<br />
+weil er heut nicht kommen will?&mdash;<br />
+Draußen schrien die Dohlen.<br />
+<br />
+Mädchen ging mit bleicher Wange<br />
+durch das Haus.&mdash;Sie harrte lange,<br />
+und des Nachts floh sie der Schlaf.<br />
+Und sie schlich hinaus zum Hange,<br />
+wo sie stets den Teuren traf.<br />
+Ängstlich schrien die Dohlen.<br />
+<br />
+Und die Nacht war schwarz, die schwüle,<br />
+fern nur brannte eine Mühle....<br />
+Weinend wählt die matte Maid<br />
+sich gar weiches Kraut zum Pfühle<br />
+und entschlief in lauter Leid.<br />
+Schrieen noch die Dohlen?<br />
+<br />
+Spät erwacht sie. Nebel grauten<br />
+rings&mdash;soweit die Augen schauten....<br />
+Weh!&mdash;Was sie ein Kraut geglaubt,<br />
+ist das Haar an ihres Trauten<br />
+blutigem, zerschelltem Haupt.&mdash;<br />
+Schrecklich schrien die Dohlen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a7_DER_FENSTERSTURZ" id="a7_DER_FENSTERSTURZ"></a>7. DER FENSTERSTURZ<br />
+<br />
+<br />
+"Naht Verrat mit leisem Schritte,<br />
+ungerächt, bei der Madonna,<br />
+bleibt er nicht! Nach alter Sitte<br />
+zu den Fenstern!" schrie Colonna.<br />
+<br />
+"Schont den Popel! doch die andern,<br />
+jeder eine feige Natter,<br />
+aus den Fenstern laßt sie wandern!<br />
+Mitleid?&mdash;Werft ihn mit, den Platter!"<br />
+<br />
+Bange hangt am Fensterstocke<br />
+Martinitz noch.&mdash;Da Geröchel:<br />
+Turn schwingt seine Degenglocke<br />
+und zerschmettert ihm die Knöchel.<br />
+<br />
+Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,<br />
+Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!"<br />
+"Graf von Turn!"&mdash;"Der Bürgermeister<br />
+lasse alle Glocken läuten!"&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a8_GOLD" id="a8_GOLD"></a>8. GOLD<br />
+<br />
+<br />
+"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.<br />
+Wo hast das Gold du her?"&mdash;<br />
+"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,<br />
+kein Obrist hat wohl mehr!"<br />
+<br />
+"Nein, das ist gutes, rotes Gold,<br />
+das kann dein Sold nicht sein!"<br />
+"Beim Spielen war das Glück mir hold,<br />
+und da ward alles mein!"<br />
+<br />
+"Ist wirklich alles dein&mdash;das Gold,<br />
+gesteh,&mdash;und ists kein Trug?"&mdash;<br />
+"Nun, Würfel haben mit gerollt<br />
+und jetzt laß es genug!"<br />
+<br />
+"Und gibst du mir auch von dem Gold?"<br />
+"Das weißt du!"&mdash;"Nein, du Schelm,<br />
+just auf der Stelle, sieh, ich wollt,<br />
+du füllst mir deinen Helm!"<br />
+<br />
+"Es sei!"&mdash;"Wies durch die Finger bebt,<br />
+der Glanz gefällt mir gut!&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+... Schau, was dir da am Finger klebt,<br />
+kam das vom Golde?&mdash;Blut!"&mdash;....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a9_SZENE" id="a9_SZENE"></a>9. SZENE<br />
+<br />
+<br />
+Du kniest am Markstein, Alter, sprich!&mdash;<br />
+Das ist kein Heilgenbild!"<br />
+"Kein Bild?&mdash;Ich bet.&mdash;Es faßte mich<br />
+das Schicksal gar so wild."<br />
+<br />
+"Hast du kein Haus, hast du kein Land,<br />
+das deiner Hände braucht?"<br />
+"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,<br />
+sieh hin&mdash;gewiß&mdash;es raucht."<br />
+<br />
+"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn<br />
+und hilft dir aus der Not?"<br />
+"Mein Sohn zog in den Krieg davon,<br />
+jetzt ist er sicher tot."&mdash;<br />
+<br />
+"Was streicht dir deines Haares Schnee<br />
+der Tochter Hand nicht, weich?"&mdash;<br />
+"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,<br />
+da sprang sie in den Teich."&mdash;<br />
+<br />
+"So sieh mir ins Gesicht!&mdash;Und brach<br />
+das Herz dir auch vor Graus...."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach<br />
+mir beide Augen aus."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a10_FEUERLILIE" id="a10_FEUERLILIE"></a>10. FEUERLILIE<br />
+<br />
+<br />
+Winters, ab die Äste krachten,<br />
+keine Bäche konnten frieren,<br />
+weil die Fluten Blutes ihren<br />
+Pulsschlag immer neu entfachten.<br />
+<br />
+Als die Zeit kam, da die Blume<br />
+aufwacht und der Vogel flötet,<br />
+sprang die Lilie selbst gerötet<br />
+aus der todgedüngten Krume.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a11_BEIM_FRIEDLAND" id="a11_BEIM_FRIEDLAND"></a>11. BEIM FRIEDLAND<br />
+<br />
+<br />
+Heimgekehrt von Schlacht und Schlag<br />
+freut sich Obrist und Gemeiner;<br />
+denn jetzt hält der Wallensteiner<br />
+wieder seinen Hof zu Prag.<br />
+<br />
+Just ließ frei den Turn er ziehn;<br />
+das war so von seinen Trümpfen<br />
+einer.&mdash;Drauf ward Nasenrümpfen<br />
+Mode ... dort bei Hof zu Wien.<br />
+<br />
+Laßt sie zetern. Friedlands Heer<br />
+muß nicht darben und nicht dürsten,&mdash;<br />
+und aus Knechten macht er Fürsten,<br />
+unser Herzog.&mdash;Wer kann mehr?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a12_FRIEDEN" id="a12_FRIEDEN"></a>12. FRIEDEN<br />
+<br />
+<br />
+Prag gebar die Mißgestalt<br />
+dieses Krieges, der voll Tücke<br />
+hauste.&mdash;Auf der Karlsbrücke<br />
+starb er, dreißig Jahre alt.<br />
+<br />
+Endlich riß das Eisenstück<br />
+nur dem Acker eine Schramme,<br />
+und vom Kirchturm schlug die Flamme<br />
+in den trauten Herd zurück.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_DEN_URSULINEN" id="BEI_DEN_URSULINEN"></a>BEI DEN URSULINEN<br />
+<br />
+<br />
+Geh mittags zu den Ursulinen,<br />
+wenn man den Armen Speise trug,<br />
+da siehst du, wie in müde Mienen<br />
+die Not schrieb ihren Namenszug.<br />
+<br />
+Da siehst du Stirnen, die schon frühe<br />
+des Schmerzes Eisenreif umschloß,<br />
+und Wangen, die der Dunst der Brühe<br />
+mit falscher Röte übergoß.<br />
+<br />
+Du hörst, wie leisem Dankesworte<br />
+sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:<br />
+so brandet an der Klosterpforte<br />
+das ganze Elend dieser Welt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUS_DER_KINDERZEIT" id="AUS_DER_KINDERZEIT"></a>AUS DER KINDERZEIT<br />
+<br />
+<br />
+Sommertage auf der "Golka"....<br />
+Ich, ein Kind noch&mdash;Leise her,<br />
+aus dem Gasthaus klingt die Polka,<br />
+und die Luft ist sonnenschwer.<br />
+<br />
+Sonntag ists.&mdash;Es liest Helene<br />
+lieb mir vor.&mdash;Im Lichtgeglänz<br />
+ziehn die Wolken, wie die Schwäne<br />
+aus dem Märchen Andersens.<br />
+<br />
+Schwarze Fichten stehn wie Wächter<br />
+bei der Wiesen buntem Schatz;<br />
+von der Straße dringt Gelächter<br />
+bis zu unserm Laubenplatz.<br />
+<br />
+An die Mauer lockt uns beide<br />
+mancher laute Jubelschrei:<br />
+drunten geht im Feierkleide<br />
+Paar um Paar zum Tanz vorbei.<br />
+<br />
+Bunt und selig, Bursch und Holka,<br />
+Glück und Sonne im Gesicht!&mdash;<br />
+Sommertage auf der "Golka",&mdash;<br />
+und die Luft war voller Licht....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="RABBI_LOW" id="RABBI_LOW"></a>RABBI LÖW<br />
+<br />
+<br />
+"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Bann der Not;</span><br />
+heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">der Tod.</span><br />
+Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">kaum hat der Leichenwart</span><br />
+eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">ist hart."</span><br />
+Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Bocher rasch herein&mdash;"</span><br />
+So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Nacht dich ganz allein;"</span><br />
+"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">um Mitternacht</span><br />
+tanzen all die Kindergeister auf den grauen<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Steinen sacht.</span><br />
+Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Herz beklemmt,</span><br />
+Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">sein Leichenhemd,</span><br />
+raubst es,&mdash;bringst es her im Fluge, her zu mir!<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Begreifst du wohl?"</span><br />
+"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">die Antwort hohl.</span><br />
+<br />
+<br />
+Mitternacht und Mondgegleiße,&mdash;<br />
+... und es stürzt der totenblasse<br />
+Bocher bebend durch die Gasse,<br />
+in der Hand das Hemd, das weiße.<br />
+<br />
+Da jetzt ... sind das seine Schritte?...<br />
+Jach kehrt er zurück das bleiche<br />
+Antlitz: weh, die Kindesleiche,<br />
+folgt ihm nach, im Aug die Bitte:<br />
+<br />
+"... Gib das Linnen, ohne Linnen<br />
+lassen mich nicht ein die Geister...."<br />
+Und der Bocher, halb von Sinnen,<br />
+reicht es endlich seinem Meister.<br />
+<br />
+Und schon naht der Geist mit Klagen....<br />
+"Sag, was sterben hundert binnen<br />
+Tagen?&mdash;Kind, du mußt es sagen,<br />
+früher darfst du nicht von hinnen."<br />
+<br />
+So der Rabbi.&mdash;"Wehe, wehe,"<br />
+ruft der Geist, "aus unserm Stamme<br />
+haben zwei entehrt der Ehe<br />
+keusche, reine Altarflamme!<br />
+<br />
+Hier die Namen!&mdash;Sucht nicht fremde<br />
+Ursach, daß euch Tod beschieden...."<br />
+Und der Rabbi reicht das Hemde<br />
+jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"<br />
+<br />
+Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung<br />
+stieg der Tag in rosgem Licht,<br />
+hielt der Rabbi schon Gericht,&mdash;<br />
+und der Unschuld ward Befreiung.<br />
+<br />
+Mit der Geißel des Gesetzes<br />
+brandmarkt er die Sünderstirn;&mdash;<br />
+langsam löste jedes Hirn<br />
+ich vom Bann des Fluchgenetzes.<br />
+<br />
+Manches Paar war da erschienen,<br />
+dankerfüllt, daß Gott verzieh,<br />
+und der Weise segnet sie.&mdash;<br />
+Freude lag auf aller Mienen.<br />
+<br />
+Nur der Bocher warf, der bleiche,<br />
+sich im Fieber hin und her....<br />
+Doch nach Beth Chaim lange mehr<br />
+trug man keine Kindesleiche.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ALTE_UHR" id="DIE_ALTE_UHR"></a>DIE ALTE UHR<br />
+<br />
+<br />
+Bald hättest, alte Rathausuhr,<br />
+du nimmer dürfen Stunden weisen;<br />
+sie hätten bald in altem Eisen<br />
+versplittert deine letzte Spur.<br />
+<br />
+Der Geizhals hart zum letztenmal<br />
+sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,<br />
+zum letztenmal der Tod mit Glotzen<br />
+geschwungen seinen Sensenstahl.<br />
+<br />
+Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.<br />
+Und heut noch kräht er; freilich heiser,<br />
+noch nickt der Geizhals fort, und leiser<br />
+droht ihm des Todes Majestät.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KAMPFEN" id="KAMPFEN"></a>KÄMPFEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Ein heißer Eid, ein gramerpreßter,<br />
+der leicht von jungen Lippen rinnt,<br />
+der machte zur barmherzgen Schwester<br />
+fast über Nacht ein blondes Kind.<br />
+<br />
+Des jungen Lebens Wellen fließen<br />
+fortan durch Krankenstuben still;<br />
+es träumt ihr Herz noch vom Genießen,<br />
+wenn auch das Aug es leugnen will.<br />
+<br />
+Denn mit der Strenge der Asketen<br />
+drängt sie zurück, was in ihr quillt,<br />
+und geht um Kraft nach Emaus beten<br />
+zum wunderstarken Gnadenbild.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SIEGEN" id="SIEGEN"></a>SIEGEN<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;<br />
+"Heut sei im Glauben stark wie nie<br />
+und geh mit Gott an deine Pflichten:<br />
+Es ist ein Fall von Diphtherie...."<br />
+<br />
+Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,<br />
+und doch packt ihn der Tod beim Hals....<br />
+Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,<br />
+erfröstelnd in dem Schutz des Schals.<br />
+<br />
+Als man vorbei beim Kloster gestern<br />
+den Kleinen trug ins Bett von Lehm,<br />
+klang aus der "Kirche von den Schwestern"<br />
+ganz leis ein Totenrequiem....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_HERBST" id="IM_HERBST"></a>IM HERBST<br />
+<br />
+<br />
+Ein Riesenspinngewebe, zieht<br />
+Altweibersommer durch die Welt sich;&mdash;<br />
+und der Laurenziberg gefällt sich<br />
+im goldig-bläulichen Habit.<br />
+<br />
+Weil er so mild herübersieht,<br />
+sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,<br />
+die Sonne hinter seinem Rücken<br />
+schon frühe ihr Valladolid.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KLEINE_DRATENIK" id="DER_KLEINE_DRATENIK"></a>DER KLEINE "DRATENÍK"<br />
+<br />
+<br />
+Kommt so ein Bursche, ein junger,<br />
+Mausfallen, Siebe am Rücken,<br />
+folgt mir durch Gassen und Brücken:<br />
+"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.<br />
+<br />
+Nur einen Krajcar, nur einen<br />
+für ein Stück Brot, milost' pánk&#367;!"<br />
+Da!&mdash;Und er stammelt mir Dank zu,<br />
+doch läßt nicht Ruh er den Beinen.<br />
+<br />
+Lebt nicht von bloßem Gelunger.&mdash;<br />
+Riecht an den Türen den Braten<br />
+und muß die Pfannen doch drahten&mdash;<br />
+leer:&mdash;das macht 'türkischen Hunger'.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_DER_VORSTADT" id="IN_DER_VORSTADT"></a>IN DER VORSTADT<br />
+<br />
+<br />
+Die Alte oben mit dem heisern Husten,<br />
+ja, die ist tot.&mdash;Wer war sie?&mdash;Du mein Gott,<br />
+sie gab uns nichts,&mdash;ihr gab man Hohn und Spott....<br />
+Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.<br />
+<br />
+Und unten stand der schwarze Kastenwagen.<br />
+Die letzte Klasse; als der Totenschrein<br />
+sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,<br />
+und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.<br />
+<br />
+Der Kutscher hieb in seine magern Mähren<br />
+und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,<br />
+als wenn da nicht ein ganzes Leben drin<br />
+voll Weh und Glück und tote Träume waren.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_ST_HEINRICH" id="BEI_ST_HEINRICH"></a>BEI ST. HEINRICH<br />
+<br />
+<br />
+Hart am Kirchenaltargitter,<br />
+wo die Ampel flammt, die matte,<br />
+schlaft ein alter, alter Ritter<br />
+unter grauer Wappenplatte.<br />
+<br />
+Lebend hielt er hoch sein Wappen,<br />
+sorgte immer für sein Blinken;&mdash;<br />
+weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen<br />
+alte Weiber drüber hinken?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT" id="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT"></a>MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT<br />
+<br />
+<br />
+Fern dämmert wogender Wälder<br />
+beschatteter Saum.<br />
+Dann unterbricht<br />
+nur hie und da ein Baum<br />
+die falbe Fläche hoher Ährenfelder.<br />
+Im hellsten Licht<br />
+keimt die Kartoffel; dann<br />
+ein wenig weiter Gerste, bis der Tann<br />
+das Bild begrenzt.<br />
+Hoch überm Jungwald glänzt<br />
+so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber<br />
+aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;&mdash;<br />
+und drüber<br />
+wölbt sich ein Himmel, blank und blau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_HEIMATLIED" id="DAS_HEIMATLIED"></a>DAS HEIMATLIED<br />
+<br />
+<br />
+Vom Feld klingt ernste Weise;<br />
+weiß nicht, wie mir geschieht....<br />
+"Komm her, du Tschechenmädchen,<br />
+sing mir ein Heimatlied."&mdash;<br />
+<br />
+Das Mädchen läßt die Sichel,<br />
+ist hier mit Husch und Hui,&mdash;<br />
+setzt nieder sich am Feldrain<br />
+und singt: "Kde domov m&#367;j"....<br />
+<br />
+Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen<br />
+das Aug mir zugewandt,&mdash;<br />
+nimmt meine Kupferkreuzer<br />
+und küßt mir stumm die Hand.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">TRAUMGEKRÖNT</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">(1897)</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KONIGSLIED" id="KONIGSLIED"></a>KÖNIGSLIED<br />
+<br />
+<br />
+Darfst das Leben mit Würde ertragen,<br />
+nur die Kleinlichen macht es klein;<br />
+Bettler können dir Bruder sagen,<br />
+und du kannst doch ein König sein.<br />
+<br />
+Ob dir der Stirne göttliches Schweigen<br />
+auch kein rotgoldener Reif unterbrach,&mdash;<br />
+Kinder werden sich vor dir neigen,<br />
+selige Schwärmer staunen dir nach.<br />
+<br />
+Tage weben aus leuchtender Sonne<br />
+dir deinen Purpur und Hermelin,<br />
+und, in den Händen Wehmut und Wonne,<br />
+liegen die Nächte vor dir auf den Knien....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TRAUMEN" id="TRAUMEN"></a>TRÄUMEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<a name="Mein_Herz_gleicht" id="Mein_Herz_gleicht"></a>Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;<br />
+auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.<br />
+Der Sturm, der übermütige Geselle,<br />
+brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;<br />
+er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei<br />
+und zerrt dort an der Ministrantenschelle.<br />
+Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei<br />
+ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle<br />
+den arg erstaunten fernen Gott herbei.<br />
+Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.<br />
+Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle<br />
+und schmettert an den Fliesen sie entzwei.<br />
+<br />
+Und arme Wünsche knien in langer Reih<br />
+vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.<br />
+Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<a name="Ich_denke_an" id="Ich_denke_an"></a>Ich denke an:<br />
+&mdash;Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,<br />
+drin Hahngekräh;<br />
+und dieses Dörfchen verloren gegangen<br />
+im Blütenschnee.<br />
+Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen<br />
+ein kleines Haus;<br />
+ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen<br />
+verstohlen heraus.<br />
+Rasch auf die Türe, die angelheiser<br />
+um Hilfe ruft,&mdash;<br />
+und dann in der Stube ein leiser, leiser<br />
+Lavendelduft....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen" id="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen"></a>Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen;<br />
+vor seiner Türe saß ich spät,<br />
+wenn hinter violetten Zweigen<br />
+bei halb verhalltem Grillengeigen<br />
+die rote Sonne sterben geht.<br />
+<br />
+Wie eine Mütze grünlich-samten<br />
+steht meinem Haus das moosge Dach,<br />
+und seine kleinen, dickumrammten<br />
+und blank verbleiten Scheiben flammten<br />
+dem Tage heiße Grüße nach.<br />
+<br />
+Ich träumte, und mein Auge langte<br />
+schon nach den blassen Sternen hin,&mdash;<br />
+vom Dorfe her ein Ave bangte,<br />
+und ein verlorner Falter schwankte<br />
+im schneeig schimmernden Jasmin.<br />
+<br />
+Die müde Herde trollte trabend<br />
+vorbei, der kleine Hirte pfiff,&mdash;<br />
+und in die Hand das Haupt vergrabend,<br />
+empfand ick, wie der Feierabend<br />
+in meiner Seele Saiten griff.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<a name="Eine_alte_Weide_trauert" id="Eine_alte_Weide_trauert"></a>Eine alte Weide trauert<br />
+dürr und fühllos in den Mai,&mdash;<br />
+eine alte Hütte kauert<br />
+grau und einsam hart dabei.<br />
+<br />
+War ein Nest einst in der Weide,<br />
+in der Hütt ein Glück zu Haus;<br />
+Winter kam und Weh,&mdash;und beide<br />
+blieben aus....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+V<br />
+<br />
+<a name="Die_Rose_hier_die_gelbe" id="Die_Rose_hier_die_gelbe"></a>Die Rose hier, die gelbe,<br />
+gab gestern mir der Knab,<br />
+heut trag ich sie, dieselbe,<br />
+hin auf sein frisches Grab.<br />
+<br />
+An ihren Blättern lehnen<br />
+noch lichte Tröpfchen,&mdash;schau!<br />
+Nur heute sind es Tränen,&mdash;<br />
+und gestern war es Tau....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VI<br />
+<br />
+<a name="Wir_sassen_beisammen" id="Wir_sassen_beisammen"></a>Wir saßen beisammen im Dämmerlichte.<br />
+"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,<br />
+du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte<br />
+von der Prinzessin mit goldnem Haar?"&mdash;<br />
+<br />
+Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage<br />
+führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;<br />
+und von der schonen Prinzessin die Sage<br />
+weiß sie wie Mütterchen ganz genau....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VII<br />
+<br />
+<a name="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege" id="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege"></a>Ich wollt, sie hätten statt der Wiege<br />
+mir einen kleinen Sarg gemacht,<br />
+dann wär mir besser wohl, dann schwiege<br />
+die Lippe längst in feuchter Nacht.<br />
+<br />
+Dann hätte nie ein wilder Wille<br />
+die bange Brust durchzittert,&mdash;dann<br />
+wärs in dem kleinen Körper stille,<br />
+so still wie's niemand denken kann.<br />
+<br />
+Nur eine Kinderseele stiege<br />
+zum Himmel hoch so sieht,&mdash;ganz sacht....<br />
+Was haben sie mir statt der Wiege<br />
+nicht einen kleinen Sarg gemacht?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VIII<br />
+<br />
+<a name="Jene_Wolke_will_ich_neiden" id="Jene_Wolke_will_ich_neiden"></a>Jene Wolke will ich neiden,<br />
+die dort oben schweben darf!<br />
+Wie sie auf besonnte Heiden<br />
+ihre schwarzen Schatten warf.<br />
+<br />
+Wie die Sonne zu verdüstern<br />
+sie vermochte kühn genug,<br />
+wenn die Erde lichteslüstern<br />
+grollte unter ihrem Flug.<br />
+<br />
+All die goldnen Strahlenfluten<br />
+jener Sonne wollt auch ich<br />
+hemmen! Wenn auch für Minuten!<br />
+Wolke! Ja, ich neide dich!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IX<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_Die_Welt" id="Mir_ist_Die_Welt"></a>Mir ist: Die Welt, die laute, krank<br />
+hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben<br />
+und mir nur ist der Weltgedanke,<br />
+der große, in der Brust geblieben.<br />
+<br />
+Denn so ist sie, wie ich sie dachte;<br />
+ein jeder Zwiespalt ist vertost:<br />
+auf goldnen Sonnenflügeln sachte<br />
+umschwebt mich grüner Waldestrost.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+X<br />
+<br />
+<a name="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage" id="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage"></a>Wenn das Volk, das drohnenträge,<br />
+trabt den altvertrauten Trott,<br />
+möcbt ich weiße Wandelwege<br />
+wallen durch das Duftgehege<br />
+ernst und einsam wie ein Gott.<br />
+<br />
+Wandeln nach den glanzdurchsprühten<br />
+Fernen, lichten Lohns bewußt;&mdash;<br />
+um die Stirne kühle Blüten<br />
+und von kinderkeuschen Mythen<br />
+voll die sabbatstille Brust.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XI<br />
+<br />
+<a name="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht" id="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht"></a>Weiß ich denn wie mir geschieht?<br />
+In den Lüften Düftequalmen<br />
+und in bronzebraunen Halmen<br />
+ein verlornes Grillenlied.<br />
+<br />
+Auch in meiner Seele klingt<br />
+tief ein Klang, ein traurig-lieber,&mdash;<br />
+so hört wohl ein Kind im Fieber,<br />
+wie die tote Mutter singt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XII<br />
+<br />
+<a name="Schon_blinzt" id="Schon_blinzt"></a>Schon blinzt aus argzerfetztem Laken<br />
+der holde, keusche Götternacken<br />
+der früherwachenden Natur,<br />
+und nur in tiefentiegnen Talen<br />
+zeigt hinter violetten, kahlen<br />
+Gebüschen sich mit falschem Prahlen<br />
+des Winters weiße Sohlenspur.<br />
+<br />
+Hin geh ich zwischen Weidenbäumen<br />
+an nassen Räderrinnensäumen<br />
+den Fahrweg, und der Wind ist mild.<br />
+Die Sonne prangt im Glast des Märzen<br />
+und zündet an im dunkeln Herzen<br />
+der Sehnsucht weiße Opferkerzen<br />
+vor meiner Hoffnung Gnadenbild.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XIII<br />
+<br />
+<a name="Fahlgrauer_Himmel" id="Fahlgrauer_Himmel"></a>Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe<br />
+bange verblich.<br />
+Weit&mdash;ein einziger lohroter Strich<br />
+wie eine brennende Geißelnarbe.<br />
+<br />
+Irre Reflexe vergehn und erscheinen.<br />
+Und in der Luft<br />
+liegts wie ersterbender Rosenduft<br />
+und wie verhaltenes Weinen....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XIV<br />
+<br />
+<a name="Die_Nacht_liegt_duftschwer" id="Die_Nacht_liegt_duftschwer"></a>Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,<br />
+und ihre Sterne schauen still,<br />
+wie schon des Mondes weiße Barke<br />
+im Lindenwipfel landen will.<br />
+<br />
+Fern hör ich die Fontäne hallen<br />
+ein Märchen, das ich längst vergaß,&mdash;<br />
+und dann ein leises Apfelfallen<br />
+ins hohe, regungslose Gras.<br />
+<br />
+Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel<br />
+und trägt durch alte Eichenreihn<br />
+auf seinem blauen Faltcrflügel<br />
+den schweren Duft vom jungen Wein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XV<br />
+<br />
+<a name="Im_Schoss_der_silberhellen" id="Im_Schoss_der_silberhellen"></a>Im Schoß der silberhellen Schneenacht<br />
+dort schlummert alles weit und breit,<br />
+und nur ein ewig wildes Weh wacht<br />
+in einer Seele Einsamkeit.<br />
+<br />
+Du fragst, warum die Seele schwiege,<br />
+warum sies in die Nacht hinaus<br />
+nicht gießt?&mdash;Sie weiß, wenns ihr entstiege,<br />
+es löschte alle Sterne aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XVI<br />
+<br />
+<a name="Abendlauten" id="Abendlauten"></a>Abendläuten. Aus den Bergen hallt es<br />
+wieder neu zurück in immer mattern<br />
+Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern<br />
+von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.<br />
+<br />
+In den weißen Wiesenquellen lallt es<br />
+wie ein Stammeln kindischen Gebetes;<br />
+durch den schwarzen Tannenhochwald geht es<br />
+wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.<br />
+<br />
+Durch die Fuge eines Wolkenspaltes<br />
+wirft der Abend rote Blutkorallen<br />
+nach den Felsenwänden.&mdash;Und sie prallen<br />
+lautlos von den Schultern des Basaltes.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XVII<br />
+<br />
+<a name="Weltenweiter_Wandrer" id="Weltenweiter_Wandrer"></a>Weltenweiter Wandrer<br />
+walle fort in Ruh....<br />
+also kennt kein andrer<br />
+Menschenleid wie du.<br />
+<br />
+Wenn mit lichtem Leuchten<br />
+du beginnst den Lauf,<br />
+schlägt der Schmerz die feuchten<br />
+Augen zu dir auf.<br />
+<br />
+Drinnen liegt&mdash;als riefen<br />
+sie dir zu: versteh!&mdash;<br />
+tief in ihren Tiefen<br />
+eine Welt voll Weh....<br />
+<br />
+Tausend Tränen reden<br />
+ewig ungestillt,<br />
+und in einer jeden<br />
+spiegelt sich dein Bild!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XVIII<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen" id="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen"></a>Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;<br />
+doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.&mdash;<br />
+Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,<br />
+und der Abend blutet in die Buchen.<br />
+<br />
+Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder<br />
+Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....<br />
+Und die ersten Sterne kommen wieder<br />
+und die Träume, die so traurig machen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XIX<br />
+<br />
+<a name="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer" id="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer"></a>Vor mir liegt ein Felsenmeer,<br />
+Sträucher, halb im Schutt versunken,<br />
+Todesschweigen.&mdash;Nebeltrunken<br />
+hangt der Himmel drüber her.<br />
+<br />
+Nur ein matter Falter schwirrt<br />
+rastlos durch das Land, das kranke....<br />
+Einsam, wie ein Gottgedanke<br />
+durch die Brust des Leugners irrt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XX<br />
+<br />
+<a name="Die_Fenster_gluhten" id="Die_Fenster_gluhten"></a>Die Fenster glühten an dem stillen Haus,<br />
+der ganze Garten war voll Rosendüften.<br />
+Hoch spannte über weißen Wolkenklüften<br />
+der Abend in den unbewegten Lüften<br />
+die Schwingen aus.<br />
+<br />
+Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....<br />
+Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,<br />
+Und heimlich über flüstervollen Birken<br />
+sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken<br />
+ins blasse Blau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXI<br />
+<br />
+<a name="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte" id="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte"></a>Es gibt so wunderweiße Nächte,<br />
+drin alle Dinge Silber sind.<br />
+Da schimmert mancher Stern so lind,<br />
+als ob er fromme Hirten brächte<br />
+zu einem neuen Jesuskind.<br />
+<br />
+Weit wie mit dichtem Demantstaube<br />
+bestreut, erscheinen Flur und Flut,<br />
+und in die Herzen, traumgemut,<br />
+steigt ein kapellenloser Glaube,<br />
+der leise seine Wunder tut.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXII<br />
+<br />
+<a name="Wie_eine_Riesenwunderblume" id="Wie_eine_Riesenwunderblume"></a>Wie eine Riesenwunderblume prangt<br />
+voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,<br />
+ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,<br />
+die Mainacht hangt.<br />
+<br />
+Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....<br />
+Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,<br />
+nach Morgen, wo aus feuerroter Aster<br />
+er Sterben trink....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXIII<br />
+<br />
+<a name="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend" id="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend"></a>Wie, jegliches Gefühl vertiefend,<br />
+ein süßer Drang die Brust bewegt,<br />
+wenn sich die Mainacht, sternetriefend,<br />
+auf mäuschenstille Plätze legt&mdash;<br />
+<br />
+Da schleichst du hin auf sachter Sohle<br />
+und schwärmst zum blanken Blau hinauf,<br />
+und groß wie eine Nachtviole<br />
+geht dir die dunkle Seele auf....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXIV<br />
+<br />
+<a name="O_gabs_doch_Sterne" id="O_gabs_doch_Sterne"></a>O gäbs doch Sterne, die nicht bleichen,<br />
+wenn schon der Tag den Ost besäumt;<br />
+von solchen Sternen ohnegleichen<br />
+hat meine Seele oft geträumt.<br />
+<br />
+Von Sternen, die so milde blinken,<br />
+daß dort das Auge landen mag,<br />
+das müde ward vom Sonnetrinken<br />
+an einem goldnen Sommertag.<br />
+<br />
+Und schlichen hoch ins Weltgetriebe<br />
+sich wirklich solche Sterne ein,&mdash;<br />
+sie müßten der verborgnen Liebe<br />
+und allen Dichtern heilig sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXV<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste" id="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste"></a>Mir ist so weh, so weh, als müßte<br />
+die ganze Welt in Grau vergehn,<br />
+als ob mich die Geliebte küßte<br />
+und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.<br />
+<br />
+Als ob Ich tot wär und im Hirne<br />
+mir dennoch wühlte wilde Qual,<br />
+weil mir vom Hügel eine Dirne<br />
+die letzte, blasse Rose stahl....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXVI<br />
+<br />
+<a name="Matt_durch_der_Tale" id="Matt_durch_der_Tale"></a>Matt durch der Tale Gequalme wankt<br />
+Abend auf goldenen Schuhn,&mdash;<br />
+Falter, der träumend am Halme hangt,<br />
+weiß nichts vor Wonne zu tun.<br />
+<br />
+Alles schlürft hei! an der Stille sich.&mdash;<br />
+Wie da die Seele sich schwellt,<br />
+daß sie als schimmernde Hülle sich<br />
+legt um das Dunkel der Welt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXVII<br />
+<br />
+<a name="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse" id="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse"></a>Ein Erinnern, das ich heilig heiße,<br />
+leuchtet mir durchs innerste Gemüt,<br />
+so wie Götterbildermarmorweiße<br />
+durch geweihter Haine Dämmer glüht.<br />
+<br />
+Das Erinnern einstger Seligkeiten,<br />
+das Erinnern an den toten Mai,&mdash;<br />
+Weihrauch in den weißen Händen, schreiten<br />
+meine stillen Tage dran vorbei....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXVIII<br />
+<br />
+<a name="Glaubt_mir" id="Glaubt_mir"></a>Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,<br />
+keinen lauten Lenz mehr mag,&mdash;<br />
+will nur einen sonnenblanken,<br />
+wipfelroten Frühherbsttag.<br />
+<br />
+Will die Lust, die jubelschrille,<br />
+nicht mehr in die Brust zurück,&mdash;<br />
+will nur Sterbestübenstille<br />
+drinnen&mdash;für mein totes Gluck.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">LIEBEN</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_wie_mag_die_Liebe" id="Und_wie_mag_die_Liebe"></a>Und wie mag die Liebe dir kommen sein?<br />
+Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,<br />
+kam sie wie ein Beten?&mdash;Erzähle:<br />
+<br />
+Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los<br />
+und hing mit gefalteten Schwingen groß<br />
+an meiner blühenden Seele....<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Das_war_der_Tag" id="Das_war_der_Tag"></a>Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,&mdash;<br />
+mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....<br />
+Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen<br />
+tief in der Nacht.<br />
+<br />
+Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,&mdash;<br />
+ich hatte grad im Traum an dich gedacht.<br />
+Du kamst, und leis wie eine Märchenweise<br />
+erklang die Nacht....<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein" id="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein"></a>Einen Maitag mit dir beisammen sein,<br />
+und selbander verloren ziehn<br />
+durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn<br />
+zu der Laube von weißem Jasmin.<br />
+<br />
+Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,<br />
+jeder Wunsch in der Seele so still....<br />
+Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,<br />
+ein großes,&mdash;das ists, was ich will....<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht" id="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht"></a>Ich weiß nicht, wie mir geschieht....<br />
+Weiß nicht, was Wonne ich lausche,<br />
+mein Herz ist fort wie im Rausche,<br />
+und die Sehnsucht ist wie ein Lied.<br />
+<br />
+Und mein Mädel hat fröhliches Blut<br />
+und hat das Haar voller Sonne<br />
+und die Augen von der Madonne,<br />
+die heute noch Wunder tut.<br />
+<br />
+<br />
+V<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ob_dus_noch_denkst" id="Ob_dus_noch_denkst"></a>Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte<br />
+und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?<br />
+Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,<br />
+und du warst damals noch ein Kind.<br />
+<br />
+Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte<br />
+ein junges Hoffen und ein alter Gram....<br />
+Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante<br />
+den "Werther" aus den Händen nahm.<br />
+<br />
+Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,<br />
+dein Auge sah mich groß und selig an.<br />
+Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,<br />
+und Lichter gingen durch den Tann....<br />
+<br />
+<br />
+VI<br />
+<br />
+<a name="Wir_sassen_beide_in_Gedanken" id="Wir_sassen_beide_in_Gedanken"></a>Wir saßen beide in Gedanken<br />
+im Weinblattdämmcr&mdash;du und ich&mdash;<br />
+und über uns in duftgen Ranken<br />
+versummte wo ein Hummel sich.<br />
+<br />
+Reflexe hielten, bunte Kreise,<br />
+in deinem Haare flüchtig Rast....<br />
+Ich sagte nichts als einmal leise:<br />
+"Was du für schöne Augen hast."<br />
+<br />
+<br />
+VII<br />
+<br />
+<a name="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben" id="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben"></a>Blondköpfchen hinter den Scheiben<br />
+hebt es sich ab so fein,&mdash;<br />
+sternt es ins Stäubchentreiben<br />
+oder zu mir herein?<br />
+<br />
+Ist es das Köpfchen, das liebe,<br />
+das mich gefesselt hält,<br />
+oder das Staubchengetriebe<br />
+dort in der sonnigen Welt?<br />
+<br />
+Keins sieht zum andern hinüber.<br />
+Heimlich, die Stirne voll Ruh<br />
+schreitet der Abend vorüber....<br />
+Und wir? Wir sehn ihm halt zu.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+VIII<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Liese_wird_heute" id="Die_Liese_wird_heute"></a>Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.<br />
+Sie findet im Klee einen Vierung....<br />
+Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:<br />
+die Löwenzähne mit blondem Haar<br />
+betreut vom sternigen Schierling.<br />
+<br />
+Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,<br />
+der strotzige, lose Geselle.<br />
+Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn<br />
+und lacht und wälzt durch den Wiesenplan<br />
+des Windes wallende Welle....<br />
+<br />
+<br />
+IX<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_traume_tief_im_Weingerank" id="Ich_traume_tief_im_Weingerank"></a>Ich träume tief im Weingerank<br />
+mit meiner blonden Kleinen;<br />
+es bebt ihr Händchen, elfenschlank,<br />
+im heißen Zwang der meinen.<br />
+<br />
+So wie ein gelbes Eichhorn huscht<br />
+das Licht hin im Reflexe,<br />
+und violetter Schatten tuscht<br />
+ins weiße Kleid ihr Kleckse.<br />
+<br />
+In unsrer Brust liegt glückverschneit<br />
+goldsonniges Verstummen.<br />
+Da kommt in seinem Sammerkleid<br />
+ein Hummel Segen summen....<br />
+<br />
+<br />
+X<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte" id="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte"></a>Es ist ein Weltmeer voller Lichte,<br />
+das der Geliebten Aug umschließt,<br />
+wenn von der Flut der Traumgesichte<br />
+die keusche Seele überfließt.<br />
+<br />
+Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers<br />
+so wie ein Kind, das stockt im Lauf,<br />
+geht vor der Pracht des Christbaumzimmers<br />
+die Flügeltüre lautlos auf.<br />
+<br />
+<br />
+XI<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_war_noch_ein_Knabe" id="Ich_war_noch_ein_Knabe"></a>Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:<br />
+Heut kommt Base Olga zu Gaste.<br />
+Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies<br />
+ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.<br />
+<br />
+Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang<br />
+und frischte sich mäßig die Kehle;<br />
+und wie mein Glas an das deine klang,<br />
+da ging mir ein Riß durch die Seele.<br />
+<br />
+Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß<br />
+mich dem Plaudern der andern zu einen,<br />
+denn tief im trockenen Halse saß<br />
+mir würgend ein wimmerndes Weinen.<br />
+<br />
+Wir gingen im Parke.&mdash;Du sprachst vom Glück<br />
+und küßtest die Lippen mir lange,<br />
+und ich gab dir fiebernde Küsse zurück<br />
+auf die Stirne, den Mund und die Wange.<br />
+<br />
+Und da machtest du leise die Augen zu,<br />
+die Wonne blind zu ergründen....<br />
+Und mir ahnte im Herzen: da wärest du<br />
+am liebsten gestorben in Sünden....<br />
+<br />
+<br />
+XII<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid" id="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid"></a>Die Nacht im Silberfunkenkleid<br />
+streut Trâume eine Handvoll,<br />
+die füllen mir mit Trunkenheit<br />
+die tiefe Seele randvoll.<br />
+<br />
+Wie Kinder eine Weihnacht sehn<br />
+voll Glanz und goldnen Nüssen,&mdash;<br />
+seh ich dich durch die Mainacht gehn<br />
+und alle Blumen küssen.<br />
+<br />
+<br />
+XIII<br />
+<br />
+<a name="Schon_starb_der_Tag" id="Schon_starb_der_Tag"></a>Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,<br />
+und unter Farren bluteten Zyklamen,<br />
+die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,<br />
+es war ein Wind,&mdash;und schwere Düfte kamen.<br />
+Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,<br />
+ich sagte leise deinen süßen Namen:<br />
+Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft<br />
+aus deines Herzens weißem Liliensamen<br />
+die Feuerlilie der Leidenschaft.<br />
+<br />
+Rot war der Abend&mdash;und dein Mund so rot,<br />
+wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,<br />
+und jene Flammen, die uns jäh durchloht,<br />
+sie leckten an den neidischen Gewanden....<br />
+Der Wald war stille, und der Tag war tot.<br />
+Uns aber war der Heiland auferstanden,<br />
+und mit dem Tage starben Neid und Not.<br />
+Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,<br />
+und leise stieg das Glück aus weißem Boot.<br />
+<br />
+<br />
+XIV<br />
+<br />
+<a name="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen" id="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen"></a>Es leuchteten im Garten die Syringen,<br />
+von einem Ave war der Abend voll,&mdash;<br />
+da war es, daß wir voneinander gingen<br />
+in Gram und Groll.<br />
+<br />
+Die Sonne war in heißen Fieberträumen<br />
+gestorben hinter grauen Hängen weit,<br />
+und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen<br />
+dein weißes Kleid.<br />
+<br />
+Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen<br />
+und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,<br />
+das lange in ein helles Licht gesehen:<br />
+Bin ich jetzt blind?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+XV<br />
+<br />
+<a name="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind" id="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind"></a>Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,&mdash;<br />
+dann fühl ich mich so ernst und alt,&mdash;<br />
+wenn nur ganz leis dein glockenreines<br />
+Gelächter in mir widerhallt.<br />
+<br />
+Wenn dann in großem Kinderstaunen<br />
+dein Auge aufgeht, tief und heiß,&mdash;<br />
+möcht ich dich küssen und dir raunen<br />
+die schönsten Märchen, die ich weiß.<br />
+<br />
+<br />
+XVI<br />
+<br />
+<a name="Nach_einem_Gluck" id="Nach_einem_Gluck"></a>Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,<br />
+nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....<br />
+Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern<br />
+da hör ichs nahn....<br />
+<br />
+Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,<br />
+in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,&mdash;<br />
+dann unter schattenschweren Blütenbäumen<br />
+seh ich es nahn.<br />
+<br />
+In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,<br />
+am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,<br />
+am Herzen jene Blume nur, die rote,<br />
+trug es die auch?...<br />
+<br />
+<br />
+XVII<br />
+<br />
+<a name="Wir_gingen" id="Wir_gingen"></a>Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,<br />
+vom Abschiedsweh die Augen beide rot...<br />
+"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."<br />
+Ich sagte bang: "Die sind schon tot."<br />
+<br />
+Mein "Wort war lauter Weinen.&mdash;In den Äthern<br />
+stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.<br />
+Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,<br />
+und eine Dohle schrie von fern&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+XVIII<br />
+<br />
+<a name="Im_Fruhling_oder_im_Traume" id="Im_Fruhling_oder_im_Traume"></a>Im Frühling oder im Traume<br />
+bin ich dir begegnet, einst,<br />
+und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,<br />
+und du drückst mir die Hand und weinst.<br />
+<br />
+Weinst du ob der jagenden Wolken?<br />
+Ob der blutroten Blätter? Kaum.<br />
+Ich fühl es: du warst einmal glücklich<br />
+im Frühling oder im Traum....<br />
+<br />
+<br />
+XIX<br />
+<br />
+<a name="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte" id="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte"></a>Sie hatte keinerlei Geschichte,<br />
+ereignislos ging Jahr um Jahr&mdash;<br />
+auf einmal kams mit lauter Lichte....<br />
+die Liebe oder was das war.<br />
+<br />
+Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,<br />
+da liegt ein Teich vor ihrem Haus....<br />
+So wie ein Traum scheints zu beginnen,<br />
+und wie ein Schicksal geht es aus.<br />
+<br />
+<br />
+XX<br />
+<br />
+<a name="Man_merkte_der_Herbst_kam" id="Man_merkte_der_Herbst_kam"></a>Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell<br />
+erstorben im eigenen Blute.<br />
+Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell<br />
+auf der Kleinen verbogenem Hute.<br />
+<br />
+Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich<br />
+sie die Hand mir schmeichelnd und leise.&mdash;<br />
+Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....<br />
+Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".<br />
+<br />
+Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot<br />
+in den Stoff meines Mantels vergrabend....<br />
+Vom Hütchen nickte die Rose rot,<br />
+und es lächelte müde der Abend.<br />
+<br />
+<br />
+XXI<br />
+<br />
+<a name="Manchmal_da_ist_mir" id="Manchmal_da_ist_mir"></a>Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh<br />
+will mich das Schicksal noch segnen,<br />
+wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh<br />
+lachende Mädchen begegne....<br />
+Lachen hör ich sie gerne.<br />
+<br />
+Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,<br />
+nie kann ichs, wähn ich, vergessen...<br />
+Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,<br />
+will ich mirs singen ... Indessen<br />
+singens schon oben die Sterne....<br />
+<br />
+<br />
+XXII<br />
+<br />
+<a name="Es_ist_lang" id="Es_ist_lang"></a>Es ist lang,&mdash;es ist lang....<br />
+wann&mdash;weiß ich gar nimmer zu sagen....<br />
+eine Glocke klang, eine Lerche sang&mdash;<br />
+und ein Herz hat so selig geschlagen.<br />
+Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,<br />
+der Flieder hat Blüten getragen,&mdash;<br />
+und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,<br />
+das Auge voll staunender Fragen....<br />
+<span style="margin-left: 1.5em;">Es ist lang,&mdash;es ist lang....</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">ADVENT</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">(1898)</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+ADVENT<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde" id="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde"></a>Es treibt der Wind im Winterwalde<br />
+die Flockenherde wie ein Hirt,<br />
+und manche Tanne ahnt, wie balde<br />
+sie fromm und lichterheilig wird,<br />
+und lauscht hinaus. Den weißen Wegen<br />
+streckt sie die Zweige hin&mdash;bereit,<br />
+und wehrt dem Wind und wächst entgegen<br />
+der einen Nacht der Herrlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">GABEN</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">AN VERSCHIEDENE FREUNDE</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Das_ist_mein_Streit" id="Das_ist_mein_Streit"></a>Das ist mein Streit:<br />
+Sehnsuchtgeweiht<br />
+durch alle Tage Sehweifen,<br />
+Dann, stark und breit,<br />
+mit tausend Wurzelstreifen<br />
+rief in das Leben greifen&mdash;<br />
+und durch das Leid<br />
+weit aus dem Leben reifen,<br />
+weit aus der Zeit!<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_meine_heilige_Einsamkeit" id="Du_meine_heilige_Einsamkeit"></a>Du meine heilige Einsamkeit,<br />
+du bist so reich und rein und weit<br />
+wie ein erwachender Garten.<br />
+Meine heilige Einsamkeit du&mdash;<br />
+halte die goldenen Türen zu,<br />
+vor denen die Wünsche warten.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Bach_hat_leise_Melodien" id="Der_Bach_hat_leise_Melodien"></a>Der Bach hat leise Melodien,<br />
+und fern ist Staub und Stadt;<br />
+die Wipfel winken her und hin<br />
+und machen mich so matt.<br />
+<br />
+Der Wald ist wild, die Welt ist weit,<br />
+mein Herz ist hell und groß;<br />
+es hält die blasse Einsamkeit<br />
+mein Haupt in ihrem Schoß.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen" id="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen"></a>Ich liebe vergessene Flurmadonnen,<br />
+die ratlos warten auf irgendwen,<br />
+und Mädchen, die an einsame Bronnen,<br />
+Blumen im Blondhaar, träumen gehn.<br />
+<br />
+Und Kinder, die in die Sonne singen<br />
+und staunend groß zu den Sternen sehn,<br />
+und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,<br />
+und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar" id="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar"></a>Warst du ein Kind in froher Schar,<br />
+dann kannst du's freilich nicht erfassen,<br />
+wie es mir kam, den Tag zu hassen<br />
+als ewig feindliche Gefahr.<br />
+Ich war so fremd und so verlassen,<br />
+daß ich nur tief in blütenblassen<br />
+Mainächten heimlich selig war.<br />
+<br />
+Am Tag trug ich den engen Ring<br />
+der feigen Pflicht in frommer Weise.<br />
+Doch abends schlich ich aus dem Kreise,<br />
+mein kleines Fenster klirrte&mdash;kling&mdash;<br />
+sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,<br />
+nahm meine Sehnsucht ihre Reise,<br />
+weil sie die weiten Sterne leise<br />
+nach ihrer Heimat fragen ging.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PFAUENFEDER" id="PFAUENFEDER"></a>PFAUENFEDER:<br />
+<br />
+<br />
+in deiner Feinheit sondergleichen,<br />
+wie liebte ich dich schon als Kind.<br />
+Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,<br />
+das sich an silberstillen Teichen<br />
+in kühler Nacht die Elfen reichen,<br />
+wenn alle Kinder schlafen sind.<br />
+<br />
+Und weil Großmütterchen, das gute,<br />
+mir oft von Wünschegerten las,<br />
+so träumte ich, du Zartgemute,<br />
+in deinen feinen Fasern flute<br />
+die kluge Kraft der Rätselrute&mdash;<br />
+und suchte dich im Sommergras.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise" id="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise"></a>Oft denk ich auf der Alltagsreise<br />
+der Nacht, und daß ein Traum mir frommt,<br />
+der mir mit Lippen, kühl und leise,<br />
+die schwüle Stirne küssen kommt.<br />
+<br />
+Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen<br />
+zu sehn.&mdash;Der Tag ist karg und klein,<br />
+die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen<br />
+und könnte eine Sage sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE" id="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE"></a>DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE&mdash;<br />
+<br />
+das müßte sein von jenen blanken<br />
+Lenztagen einer, da die Kranken<br />
+man vor die dunklen Türen bringt.<br />
+Im Flieder ist ein Spatzenzanken,<br />
+weil keinem rechter Sang gelingt.<br />
+Der Bach, dem alle Bande sanken,<br />
+weiß nicht, was tun vor Glück, und springt<br />
+bis aufwärts zu den Bretterplanken,<br />
+dahinter Beete, kiesumringt,<br />
+und Blumenblühn und Birkenschwanken.<br />
+Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,<br />
+um das der Frühling seine Ranken<br />
+wie liebeleise Arme schlingt&mdash;<br />
+ein blondes Kind, das in Gedanken<br />
+das schönste meiner Lieder singt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still" id="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still"></a>An manchem Tag ist meine Seele still:<br />
+Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.<br />
+Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen<br />
+dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen<br />
+den Jubel seiner Arme fesseln will.<br />
+<br />
+Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin<br />
+in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:<br />
+Sie warten auf den Sonntag mit den vollen<br />
+Gestühlen und dem großen Orgelrollen&mdash;<br />
+und blasse Ampeln schwanken her und hin.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt" id="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt"></a>Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt<br />
+in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,<br />
+um Beifall bettelt und um Würde wirbt,<br />
+und endlich arm ein armes Sterben stirbt<br />
+im Weihrauchabend gotischer Kapellen,&mdash;<br />
+nennt ihr das Seele?<br />
+<br />
+Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,<br />
+in der die Welten weite Wege reisen,<br />
+mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit<br />
+in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit<br />
+und will hinauf und will mir ihnen kreisen....<br />
+Und das ist Seele.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser" id="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser"></a>Die hohen Tannen atmen heiser<br />
+im Winterschnee, und bauschiger<br />
+schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.<br />
+Die weißen Wege werden leiser,<br />
+die trauten Stuben lauschiger.<br />
+<br />
+Da singt die Uhr, die Kinder zittern:<br />
+Im grünen Ofen kracht ein Scheit<br />
+und stürzt in lichten Lohgewittern,&mdash;<br />
+und draußen wächst im Flockenflittern<br />
+der weiße Tag zur Ewigkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen" id="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen"></a>Der Abend kommt von weit gegangen<br />
+durch den verschneiten, leisen Tann.<br />
+Dann preßt er seine Winterwangen<br />
+an alle Fenster lauschend an.<br />
+<br />
+Und stille wird ein jedes Haus;<br />
+die Alten in den Sesseln sinnen,<br />
+die Mütter sind wie Königinnen,<br />
+die Kinder wollen nicht beginnen<br />
+mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen<br />
+nicht mehr. Der Abend horcht nach innen<br />
+und innen horchen sie hinaus.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Das_Wetter_war_grau_und_grell" id="Das_Wetter_war_grau_und_grell"></a>Das Wetter war grau und grell;<br />
+der Abend ist lichter und leiser.<br />
+Sicher kommt irgendein Kaiser:<br />
+Alle Häuser sind hell.<br />
+Und so festlich und weich<br />
+war das Abendgebimmel;<br />
+die Alten schaun in den Himmel,<br />
+und die Kinder sind reich.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain" id="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain"></a>Sonne verlodert am Himmelsrain.<br />
+Durch ernteverarmte Krumen<br />
+waten die Weiber feldein.<br />
+<br />
+An den verschimmernden Schienenreihn<br />
+beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,<br />
+sinnen Sonnenblumen.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_arme_alte_Kapelle" id="Du_arme_alte_Kapelle"></a>Du arme, alte Kapelle<br />
+mit deiner verstaubten Zier&mdash;<br />
+der Frühling baut eine helle<br />
+Kirche neben dir.<br />
+<br />
+Viel frierende Frauen hinken<br />
+in deine Weihrauchruh,<br />
+draußen die Kinder winken<br />
+allen Rosen zu.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Madchen_singen" id="Die_Madchen_singen"></a>Die Mädchen singen:<br />
+Alle Mädchen erwarten wen,<br />
+wenn die Bäume in Blüten stehn;<br />
+wir müssen immer nähn und nähn,<br />
+bis uns die Augen brennen.<br />
+Unser Singen wird nimmer froh,<br />
+fürchten uns vor dem Frühling so:<br />
+Finden wir einmal ihn irgendwo,<br />
+wird er uns nicht mehr erkennen.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Lehnen_im_Abendgarten_beide" id="Lehnen_im_Abendgarten_beide"></a>Lehnen im Abendgarten beide,<br />
+lauschen lange nach irgendwo.<br />
+"Du hast Hände wie weiße Seide...."<br />
+Und da staunt sie: "Du sagst das so...."<br />
+<br />
+Etwas ist in den Garten getreten,<br />
+und das Gitter hat nicht geknarrt,<br />
+und die Rosen in allen Beeten<br />
+heben vor seiner Gegenwart.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Eine_der_weissen_Vestageweihten" id="Eine_der_weissen_Vestageweihten"></a>Eine der weißen Vestageweihten<br />
+lächelte Gnade dem Todbereiten,<br />
+löste ihm von der Stirn die Schmach.<br />
+<br />
+Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten<br />
+des todbefreiten, Schulter breiten<br />
+Epheben nach.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Im_Kreise_der_Barone" id="Im_Kreise_der_Barone"></a>Im Kreise der Barone<br />
+der König ritt zur Jagd.<br />
+Ihm wohnte in roter Krone<br />
+ein einsamer Smaragd.<br />
+<br />
+Da gibts unter hellen Hufen<br />
+Wege so weit und weiß;<br />
+keiner hört Hilfe rufen,<br />
+und der Mittag ist heiß....<br />
+<br />
+Ob einer den König erkannte?<br />
+<br />
+Die Dohlen im Abend schrien.<br />
+<br />
+Die allerkühnste spannte<br />
+den Flug schon über Ihn:<br />
+Auf des Königs Stirne brannte<br />
+ein einsamer Rubin.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit" id="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit"></a>Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.<br />
+In blanken Sälen schleichen leise Schauer.<br />
+Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,<br />
+und alle Wege weltwärts sind verschneit.<br />
+<br />
+Darüber hängt der Himmel brach und breit.<br />
+Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden<br />
+hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....<br />
+Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben" id="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben"></a>Irgendwo muß es Paläste geben,<br />
+drin die Fenster von Staub verschnein;<br />
+in der Säle hallende Reihn<br />
+tauchen tote Tage hinein:<br />
+Gestalten wallen, es warnt der Schrein;<br />
+und kein lustiger Leuchterschein<br />
+reicht In das einsame Seltsamsein....<br />
+<br />
+Dorten wollen wir Feste gehen&mdash;<br />
+märchenallein.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken" id="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken"></a>Im Schlosse mit den roten Zinken<br />
+wär ich so gern des Abends Gast.<br />
+Die Fenster glühn, die Falten sinken,<br />
+und meine weißen Wünsche winken<br />
+mir aus dem lodernden Palast.<br />
+<br />
+Ich will durch lange Hallen schleichen<br />
+und in die tiefen Gärten schaun,<br />
+die über alle Marken reichen.<br />
+Und Frauen lächeln an den Teichen,<br />
+und in den Wiesen prahlen Pfaun....<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen" id="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen"></a>Einmal möcht ich dich wiederschauen,<br />
+Park, mit den alten Lindenalleen,<br />
+und mit der leisesten aller Frauen<br />
+zu dem heiligen Weiher gehn.<br />
+<br />
+Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen<br />
+gleiten leise auf glänzendem Glatt,<br />
+aus der Tiefe tauchen die Rosen<br />
+wie Sagen einer versunkenen Stadt.<br />
+<br />
+Und wir sind ganz allein im Garten,<br />
+drin die Blumen wie Kinder stehn,<br />
+und wir lächeln und lauschen und warten,<br />
+und wir fragen uns nicht, auf wen....<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten" id="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten"></a>Es kommt in prunkenden Gebreiten<br />
+der Abend wie ein leiser Gott.<br />
+Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten<br />
+durch purpurbunte Einsamkeiten<br />
+in bügelleichtem Träumertrott.<br />
+<br />
+Ich atme tief. Ich werde Kaiser.<br />
+Mein heiler Helm ist losgeschnallt,<br />
+und meine Stirne streifen Reiser<br />
+und rauschen so. Und leiser, leiser<br />
+hallt Huf und Ruf im roten Wald.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer" id="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer"></a>Horch, verhallt nicht ein scheuer<br />
+Schrei von den Hängen her?<br />
+Aus dem morschen Klostergemäuer<br />
+kann der Abend nicht mehr.<br />
+Er sucht sich wund an der Wand.<br />
+Und mit hilfloser Hand<br />
+in das Säulengedränge,<br />
+in ewige Gänge,<br />
+wirft er den Brand.<br />
+Feuer.&mdash;<br />
+In schlichtem Gewand<br />
+flieht er, der Heimkehr singender Heuer<br />
+leise gesellt, ins verlöschende Land.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach" id="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach"></a>Der König Abend weiß sich schwach<br />
+und satt, und ihm geschieht:<br />
+Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,<br />
+der einem Hirtensingen nach<br />
+in Menschen lande zieht.<br />
+<br />
+Jetzt ist der Bach ein Königskind.<br />
+Er jubelt laut Alarm<br />
+und gibt den wunden Krumen blind<br />
+sein Gold.&mdash;Und wo die Hütten sind,<br />
+dort ist er wieder arm.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Tag_entschlummert_leise" id="Der_Tag_entschlummert_leise"></a>Der Tag entschlummert leise,&mdash;<br />
+ich walle menschenfern....<br />
+Wach sind im weiten Kreise<br />
+ich&mdash;und ein bleicher Stern.<br />
+<br />
+Sein Auge licht durchwoben<br />
+ruht flimmernd hell auf mir,<br />
+er scheint am Himmel droben<br />
+so einsam, wie ich hier....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">FAHRTEN</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VENEDIG" id="VENEDIG"></a>VENEDIG<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Fremdes Rufen. Und wir wählen<br />
+eine Gondel, schwarz und schlank:<br />
+Leises Gleiten an den Pfählen<br />
+einer Marmorstadt entlang.<br />
+<br />
+Still. Die Schiffer nur erzählen<br />
+sich. Die Ruder rauschen sacht,<br />
+und aus Kirchen und Kanälen<br />
+winkt uns eine fremde Nacht.<br />
+<br />
+Und der schwarze Pfad wird leiser,<br />
+fernes Ave weht die Luft,&mdash;<br />
+traun: Ich bin ein toter Kaiser,<br />
+und sie lenken mich zur Gruft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Immer ist mir, daß die leisen<br />
+Gondeln durch Kanäle reisen<br />
+irgend jemand zum Empfang;<br />
+denn das Warten dauert lang,<br />
+und das Volk ist arm und krank,<br />
+und die Kinder sind wie Waisen.<br />
+<br />
+Lange harren die Paläste<br />
+auf die Herren, auf die Gäste,<br />
+und das Volk will Kronen sehn.<br />
+Auf dem Markusplatze stehn<br />
+möcht ich oft und irgendwen<br />
+fragen nach dem fernen Feste....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+Mein Ruder sang:<br />
+Poppé, fahr zu!<br />
+Ein Volk von Sklaven<br />
+drängt sich im Hafen<br />
+um nüchterne Feste,<br />
+und die Paläste<br />
+können nicht schlafen.<br />
+Poppé, fahr zu!<br />
+<br />
+Eisige Ruh<br />
+in Marmorgliedern,<br />
+mit matten Lidern<br />
+erschauern die Plätze.<br />
+Im Gassennetze<br />
+betteln die Niedern.<br />
+Poppe, fahr zu!<br />
+<br />
+Sag mir, weißt du<br />
+noch von den Toten,<br />
+die hier geboten<br />
+in köstlichen Kronen?<br />
+Wo sie jetzt wohnen,<br />
+die Purpurroten?<br />
+<br />
+Poppé, fahr zu!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<br />
+Ave weht von den Türmen her,<br />
+immer noch hörst du die Kirchen erzählen;<br />
+doch die Paläste an stillen Kanälen<br />
+verraten nichts mehr.<br />
+<br />
+Und vorbei an der Traumesruh<br />
+ihrer schlafenden Stirnen schwanken<br />
+leise Gondeln wie schwarze Gedanken<br />
+dem Abend zu.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ENGLAR_IM_EPPAN" id="ENGLAR_IM_EPPAN"></a>ENGLAR IM EPPAN<br />
+<br />
+<br />
+Später Weg. Die Hütten kauern,<br />
+und das dumpfe Dorf schläft ein.<br />
+Ernste Türme seh ich dauern,<br />
+weit aus weißen Blütenschauern<br />
+wächst ihr Weltverlorensein.<br />
+<br />
+Abendbrand in brachen Zinnen,<br />
+und der Wind fährt durch den Saal.<br />
+Und für wen im Burghof drinnen<br />
+immer noch die Brunnen rinnen&mdash;<br />
+keiner weiß es dort im Tal.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TENNO" id="TENNO"></a>TENNO<br />
+<br />
+<br />
+Der Kirchhof hoch im Sommerschnee<br />
+gehört zum Berghof hin;<br />
+wie über einem Hochlandsee<br />
+wacht Frieden über ihn.<br />
+Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.<br />
+Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,<br />
+die Kreuze arm, die Hügel kahl,<br />
+und sacht und selten wächst die Zahl:<br />
+einmal.<br />
+<br />
+Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.<br />
+Im kleinen Dorf ist kleine Wahl<br />
+und kleines Glück und kleine Qual,&mdash;<br />
+drum läuten sie so fern im Tal:<br />
+einmal,&mdash;einmal,&mdash;einmal.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="CASABLANCA" id="CASABLANCA"></a>CASABLANCA<br />
+<br />
+<br />
+Am Berge weiß ich trutzen<br />
+ein Kirchlein mit rostigem Knauf,<br />
+wie Mönche in grauen Kapuzen<br />
+steigen Zypressen hinauf.<br />
+<br />
+Vergessene Heilige wohnen<br />
+dort einsam im Altarschrein;<br />
+der Abend reicht ihnen Kronen<br />
+durch hohle Fenster hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ARCO" id="ARCO"></a>ARCO<br />
+<br />
+<br />
+Die Hochschneezinne, schartig scharf,<br />
+loht auf wie eine Mauerkrone,<br />
+in die der lachende Nerone,<br />
+der Morgen, seine Fackel warf.<br />
+<br />
+Und wie die Flammen bis ins Blau<br />
+sich zu verblühten Sternen strecken,<br />
+erwacht das Tal in schönem Schrecken<br />
+und taucht empor aus Traum und Tau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="I_MULINI" id="I_MULINI"></a>I MULINI<br />
+<br />
+<br />
+Du müde, morsche Mühle,<br />
+dein Moosrad feiert Ruh,<br />
+aus der Olivenkühle<br />
+schaut dir der Abend zu.<br />
+<br />
+Der Bach singt wie verloren<br />
+Menschenlieder nach,<br />
+tiefer über die Ohren<br />
+ziehst du dein trutziges Dach.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BODENSEE" id="BODENSEE"></a>BODENSEE<br />
+<br />
+<br />
+Die Dörfer sind wie ein Garten.<br />
+In Türmen von seltsamen Arten<br />
+klingen die Glocken wie weh.<br />
+Uferschlösser warten<br />
+und schauen durch schwarze Scharten<br />
+müd auf den Mittagsee.<br />
+<br />
+Und schnellende Wellchen spielen,<br />
+und goldene Dampfer kielen<br />
+leise den lichten Lauf;<br />
+und hinter den Uferzielen<br />
+tauchen die vielen, vielen<br />
+Silberberge auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KONSTANZ" id="KONSTANZ"></a>KONSTANZ<br />
+<br />
+<br />
+Dem Tag ist so todesweh<br />
+Müd gießt er aus goldenen Kelchen<br />
+Wein in den Bergesschnee.<br />
+<br />
+Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,<br />
+ein Stern überm Uferschleh,<br />
+und ziere, zitternde Weilchen<br />
+gittern den Abendsee.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">FUNDE</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten" id="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten"></a>Wenn wie ein leises Flügelbreiten<br />
+sich in den späten Lüften wiegt,&mdash;<br />
+ich möchte immer weiter schreiten<br />
+bis in das Tal, wo riefgeschmiegt<br />
+an abendrote Einsamkeiten<br />
+die Sehnsucht wie ein Garten liegt.<br />
+<br />
+Vielleicht darf ich dich dorten rinden,<br />
+und zage wird dein erstes Mühn<br />
+die wehen Wünsche mir verbinden,<br />
+du wirst mich führen tief ins Grün&mdash;<br />
+und heimlich werden weiße Winden<br />
+an meinem staubigen Stabe blühn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen" id="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen"></a>Ich möchte draußen dir begegnen,<br />
+wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,<br />
+und wenn ein leises Seelensegnen<br />
+von allen Zweigen niederträuft.<br />
+<br />
+Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,<br />
+Jasmin die weißen Arme streckt<br />
+und lind den ewgen Wehgedanken<br />
+der Stirne Christi überdeckt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_musste_denken_unverwandt" id="Ich_musste_denken_unverwandt"></a>Ich mußte denken unverwandt,<br />
+wie ich einst zwischen schwarzen Pinien<br />
+den tiefen Frühling sinnen fand,<br />
+als ich vor deiner Schönheit stand<br />
+und durch der Scheitel dunkle Linien<br />
+dein Antlitz träumte wie ein Land.<br />
+<br />
+Es schlich von deiner Lippen Saum<br />
+ein Lächeln auf verlornem Pfade&mdash;<br />
+ganz leis. Die andern merktens kaum.<br />
+So weht ein Blatt vom Blütenbaum:<br />
+Nur einer schaut die Frühlingsgnade,<br />
+und der sie schaut, ist wie im Traum.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen" id="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen"></a>Fremd ist, was deine Lippen sagen,<br />
+fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid<br />
+fremd ist, was deine Augen fragen,<br />
+und auch aus unsern wilden Tagen<br />
+reicht nicht ein leises Wellenschlagen<br />
+an deine tiefe Seltsamkeit.<br />
+<br />
+Du bist wie jene Bildgestalten,<br />
+die überm leeren Altarspind<br />
+noch immer ihre Hände falten,<br />
+noch immer alte Kränze halten,<br />
+noch immer leise Wunder walten&mdash;<br />
+wenn längst schon keine Wunder sind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich" id="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich"></a>Du bist so fremd, du bist so bleich.<br />
+Nur manchmal glüht auf deinen Wange<br />
+ein hoffnungsloses Heimverlangen<br />
+nach dem verlornen Rosenreich.<br />
+<br />
+Dann sehnt dein Auge, tief und klar,<br />
+aus allem Müssen, allem Mühen<br />
+ins Land, wo nichts als stilles Blühen<br />
+die Arbeit deiner Hände war.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen" id="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen"></a>Weißt du, ich will mich schleichen<br />
+leise aus lautem Kreis,<br />
+wenn ich erst die bleichen<br />
+Sterne über den Eichen<br />
+blühen weiß.<br />
+<br />
+Wege will ich erkiesen,<br />
+die selten wer betritt<br />
+in blassen Abendwiesen&mdash;<br />
+und keinen Traum, als diesen:<br />
+Du gehst mit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Bei_dir_ist_es_traut" id="Bei_dir_ist_es_traut"></a>Bei dir ist es traut:<br />
+Zage Uhren schlagen<br />
+wie aus weiten Tagen.<br />
+Komm mir ein Liebes sagen:<br />
+aber nur nicht laut.<br />
+<br />
+Ein Tor geht irgendwo<br />
+draußen im Blütentreiben.<br />
+Der Abend horcht an den Scheiben.<br />
+Laß uns leise bleiben:<br />
+Keiner weiß uns so.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten" id="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten"></a>Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten<br />
+aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.<br />
+Schau, ich will nichts, als deine Hände halten<br />
+und still und gut und voller Frieden sein.<br />
+<br />
+Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben<br />
+den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:<br />
+An ihren morgenroten Molen sterben<br />
+die ersten Wellen der Unendlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_Hande_welche_immer_geben" id="Du_Hande_welche_immer_geben"></a>Du, Hände, welche immer geben,<br />
+die müssen blühn von fremdem Glück.<br />
+Zart wie ein zartes Birkenbeben,<br />
+bleibt von dem gebenden Erleben<br />
+ein Rhythmenzittern drin zurück.<br />
+<br />
+Das sind die Hände mit den schmalen<br />
+Gelenken, die sich leise mühn;<br />
+und wüßten die von Kathedralen,<br />
+sie müßten sich in Wundenmalen<br />
+vor allem Volke heiligblühn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh" id="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh"></a>Bist gewandert durch Wahn und Weh,<br />
+kommst aus meinen dunkelsten Tagen,<br />
+hast dir eine Brücke geschlagen<br />
+bis zu mir über Schuld und Schnee.<br />
+<br />
+Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot,<br />
+und auf kronengoldenen Locken<br />
+trägst du flüchtige Federflocken<br />
+in den fröhlichen Frühlingstod.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Will_dir_den_Fruhling_zeigen" id="Will_dir_den_Fruhling_zeigen"></a>Will dir den Frühling zeigen,<br />
+der hundert Wunder hat.<br />
+Der Frühling ist waldeigen<br />
+und kommt nicht in die Stadt.<br />
+<br />
+Nur die weit aus den kalten<br />
+Gassen zu zweien gehn<br />
+und sich bei den Händen halten&mdash;<br />
+dürfen ihn einmal sehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher" id="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher"></a>Und dieser Frühling macht dich bleicher,<br />
+in weite Wiesen will dein Fuß,<br />
+dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,<br />
+und deine Hände werden reicher<br />
+mit jedem Wink, mit jedem Gruß.<br />
+<br />
+Du holst aus düfteschwüler Lade<br />
+dein Konfirmandenkleidchen dreist<br />
+und trägst es in die wilden Pfade<br />
+und schmückst dich für die große Gnade,<br />
+die deine Seele blühen heißt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss" id="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss"></a>Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß<br />
+weit aus dem Abend bringen.<br />
+Ich geh in die goldene Stunde hinaus,<br />
+und die Fenster leuchten am letzten Haus,<br />
+drin spielende Kinder singen.<br />
+<br />
+Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,<br />
+drin singende Kinder wohnen,<br />
+und mein Wandern wächst und wächst in den Mal<br />
+und kann nicht zurück,&mdash;und die Blüten, verzeih,<br />
+die wind ich mir alle zu Kronen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten" id="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten"></a>Bist du so müd? Ich will dich leise leiten<br />
+aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.<br />
+Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.<br />
+Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,<br />
+harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.<br />
+<br />
+Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,<br />
+und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus....<br />
+Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:<br />
+Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,&mdash;<br />
+du, winde wieder einen Kranz daraus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du" id="Du"></a>Du:<br />
+ein Schloß an wellenschweren,<br />
+atlasblassen Abendmeeren&mdash;<br />
+und in seinen säulenhehren<br />
+Sälen warten Preis und Prunk,<br />
+uns zu ehren:<br />
+<br />
+Weil wir beide wiederkehren&mdash;<br />
+ohne Kronen und mit leeren<br />
+Händen&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 4.5em;">aber jung</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Purpurrote_Rosen_binden" id="Purpurrote_Rosen_binden"></a>Purpurrote Rosen binden<br />
+möcht ich mir für meinen Tisch<br />
+und, verloren unter Linden,<br />
+irgendwo ein Mädchen finden,<br />
+klug und blond und träumerisch.<br />
+<br />
+Möchte seine Hände fassen,<br />
+möchte knieen vor dem Kind<br />
+und den Mund, den sehnsuchtblassen,<br />
+mir von Lippen küssen lassen,<br />
+die der Frühling selber sind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ein_Handeineinanderlegen" id="Ein_Handeineinanderlegen"></a>Ein Händeineinanderlegen,<br />
+ein langer Kuß auf kühlen Mund,<br />
+und dann; auf Schimmer weißen Wegen<br />
+durchwandern wir den Wiesengrund.<br />
+<br />
+Durch leisen, weißen Blütenregen<br />
+schickt uns der Tag den ersten Kuß,&mdash;<br />
+mir ist: wir wandeln Gott entgegen,<br />
+der durchs Gebreite kommen muß.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren" id="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren"></a>Du willst dir einen Pagen küren?<br />
+Mich komm erküren, Königin.<br />
+Mir klingt aus alten Aventüren<br />
+ein Sang in Saitenspiel und Sinn.<br />
+<br />
+Ich will ins weiße Schloß dich führen,<br />
+in dem ich selber König bin,<br />
+und singen hinter tausend Türen<br />
+für meine weiße Königin.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Abend_hat_mich_mud_gemacht" id="Abend_hat_mich_mud_gemacht"></a>Abend hat mich müd gemacht,<br />
+und in meinen Sinnen schrillen<br />
+kleine Wünsche mit den Grillen.<br />
+<br />
+Wo das blasse Land verflacht,<br />
+liegen lauter weiße Villen<br />
+hinter roter Rosenpracht.<br />
+<br />
+Liegen wie auf leiser Wacht<br />
+weiße Villen an dem stillen<br />
+Uferrand der Frühlingsnacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen" id="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen"></a>Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen<br />
+Stunden mich in der wirbelnden Kreise<br />
+wirres Geflimmer?<br />
+Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.<br />
+Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer<br />
+einsam, mit heimlichem Lächeln, leise,<br />
+leise&mdash;Tage und Träume bauen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang" id="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang"></a>Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang.<br />
+Das war im Traum. Und deine Seele klang.<br />
+<br />
+Ganz leise tönte meine Seele mit,<br />
+und beide Seelen sangen sich; Ich litt.<br />
+<br />
+Da wurde Friede tief in mir. Ich lag<br />
+im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein" id="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein"></a>Wie meine Träume nach dir schrein.<br />
+Wir sind uns mühsam fremd geworden,<br />
+jetzt will es mir die Seele morden,<br />
+dies arme, bange Einsamsein.<br />
+<br />
+Kein Hoffen, das die Segel bauscht.<br />
+Nur diese weite, weiße Stille,<br />
+in die mein tatenloser Wille<br />
+in atemlosem Bangen lauscht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien" id="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien"></a>Und du warst schön. In deinem Auge schien<br />
+sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.<br />
+Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin<br />
+dich ein: So kam dich meine Liebe krönen.<br />
+Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,<br />
+weißbindig wie der Vesta Priesterin,<br />
+an deines Seelentempels Säulenrand<br />
+und streute lächelnd weiße Blüten hin.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind" id="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind"></a>Du hast so große Augen, Kind.<br />
+Du siehst gewiß oft nachts Gestalten,<br />
+die, fremd und bleich, in marmorkalten<br />
+Traumhänden rote Kronen halten,<br />
+um die ein Leuchten leise rinnt.<br />
+Dann ist dein Blick am Tag wie blind<br />
+und deine Seele wie zerspalten,<br />
+dann bangt dir vor den Alltagsalten,<br />
+wenn Wünsche sich in dir entfalten,<br />
+die allen andern Wahnsinn sind.<br />
+<br />
+Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,<br />
+stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,<br />
+die plump, mit Händen, blöd und bleiern,<br />
+auf deiner Silberseele leiern<br />
+das irre Lied, das sterblich macht;<br />
+zu fliehn in eine blaue Nacht,<br />
+drin alle Wipfel lauschend feiern;<br />
+der Glieder Hymne zu entschleiern<br />
+und scheu im Schoß von weißen Weihern<br />
+zu finden ihre nackte Pracht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern" id="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern"></a>Du sahst in hohe Lichthofmauern<br />
+und spieltest still in dumpfem Raum,<br />
+es lag ein unverstandnes Trauern<br />
+auf deinem blassen Kindheitsträum.<br />
+<br />
+Und deine Tage waren bleiern,<br />
+die Mutter krank, der Vater roh;<br />
+und manchmal kam ein Krüppel leiern&mdash;<br />
+dann lauschtest du und weintest so.<br />
+<br />
+Was kann dir nun der Sommer taugen?<br />
+Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag,<br />
+durchirren deine Heimwehaugen<br />
+den uferlosen Sonnentag.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+Sie war:<br />
+<a name="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen" id="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen"></a>Ein unerwünschtes Kind, verstoßen<br />
+auch aus der Mutter Nachtgebet,<br />
+und ewig fern von jenem Großen,<br />
+das gebend durch die Zeiten geht.<br />
+<br />
+Sie wünschte wenig&mdash;und nur selten<br />
+kam wie ein Weinen über sie<br />
+nach einem Land mit Purpurzelten,<br />
+nach einer fremden Melodie,<br />
+<br />
+nach weißen Wegen, die nicht stauben&mdash;<br />
+dann bog sie Rosen sich ins Haar,<br />
+und konnte doch nie Liebe glauben,<br />
+auch wenn es tief im Frühling war.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute" id="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute"></a>Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,<br />
+klang oft dein Wort so kummerkrank,<br />
+wie eine leise Liebeslaute,<br />
+die einsam einst ein Meister baute,<br />
+als seine Seele Sehnsucht sang.<br />
+<br />
+Sie lernte seither leichte Lieder<br />
+und tönte gern zu Tag und Tanz,&mdash;<br />
+da greift ein Träumer ihre Glieder:<br />
+und wie erwachend weint sie wieder<br />
+das Heimweh ihres Heimatlands.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte" id="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte"></a>Ja, früher, wenn ich an dich dachte,<br />
+wie Wunder wars: ein Mai erwachte<br />
+um dich im Aureolenglänz,<br />
+und meine Sehnsucht träumte sachte<br />
+um deine Stirne einen Kranz.<br />
+<br />
+Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen<br />
+ins Herz den herbstverhangnen Hainen,<br />
+schleicht an den bleichen Meilensteinen<br />
+ein wunder Sonnenuntergang.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_ging_durch_ein_Land" id="Ich_ging_durch_ein_Land"></a>Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.<br />
+Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband<br />
+lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand,<br />
+darüber aus nassem Nebelgewand<br />
+reckte die Weide die Totenhand.<br />
+<br />
+Mir war so traurig. Ich starrte und stand.<br />
+Ich sah dich kauern am Wegesrand.<br />
+Einst hab ich dich und das Glück gekannt.<br />
+Du weintest wühlend und unverwandt,<br />
+und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?<br />
+<br />
+Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....<br />
+Da hab ich dich wieder wie einst genannt;<br />
+doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.<br />
+Die Pappeln kohlten im Abendbrand,<br />
+und der Tod ging rot durch dein Heimatland.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte" id="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte"></a>Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte<br />
+ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt&mdash;<br />
+Siehst du den Mond, wie eine silberechte<br />
+Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:<br />
+ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt&mdash;<br />
+Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.<br />
+<br />
+Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben?<br />
+Und jede läßt die Schwester schauernd los<br />
+und muß allein verdarben und verderben,<br />
+und alle fallen fahl in deinen Schoß.<br />
+Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.<br />
+Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen" id="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen"></a>Kannst du die alten Lieder noch spielen?<br />
+Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh<br />
+wie die Schiffe mit silbernen Kielen,<br />
+die nach heimlichen Inselzielen<br />
+treiben im leisen Abendsee.<br />
+<br />
+Und sie landen am Blütengestade,<br />
+und der Frühling ist dort so jung.<br />
+Und da findet an einsamem Pfade<br />
+vergessene Götter in wartender Gnade<br />
+meine müde Erinnerung.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas" id="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas"></a>Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,<br />
+die deine Hand zu pflegen nie vergaß?<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Schon tot?</span><br />
+Wo ist die Freude deiner Wangen hin,<br />
+die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Verloht?</span><br />
+Und wo ist unser Glück so groß und rein,<br />
+das hell dein Haar wie ein Madonnenschein<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Umspann?</span><br />
+Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,<br />
+und morgen kommt der Frost uns ins Gemach&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Und dann?</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">MÜTTER</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich" id="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich"></a>Ich sehne oft nach einer Mutter mich,<br />
+nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.<br />
+In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;<br />
+sie könnte jenen wilden Haß vereiteln,<br />
+der eisig sich in meine Seele schlich.<br />
+<br />
+Dann säßen wir wohl beieinander dicht,<br />
+ein Feuer surrte leise im Kamine.<br />
+Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,<br />
+und Friede schwebte ob der Teeterrine<br />
+so wie ein Falter um das Lampenlicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst" id="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst"></a>Mir ist oft, daß ich fragen müßt:<br />
+Du, Mutter, was hast du gesungen,<br />
+eh deinem blassen, blonden Jungen<br />
+der Schlaf die Wangen warm geküßt?<br />
+<br />
+Hattest du damals sehr viel Gram?<br />
+Und weißt du, wie du aufgesprungen,<br />
+wenn deinem blassen, blonden Jungen<br />
+im tiefen Traum ein Weinen kam?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen" id="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen"></a>Ich gehe unter roten Zweigen<br />
+und suche einen späten Strauß.<br />
+Weiß nicht vor Glück wo ein und aus,<br />
+mir ist so neu, mir ist so eigen:<br />
+Mein Lieb ist müd und ist zu Haus.<br />
+<br />
+Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel,<br />
+seit sich sein Mieder weiter zieht,<br />
+und seit ein Wunder ihm geschieht:<br />
+Bald hat es breite braune Scheitel<br />
+und sitzt und singt ein Wiegenlied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn" id="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn"></a>Leise weht ein erstes Blühn<br />
+von den Lindenbäumen,<br />
+und, in meinen Träumen kühn,<br />
+seh ich dich im Laubengrün<br />
+hold im ersten Muttermühn<br />
+Kinderhemdchen säumen.<br />
+<br />
+Singst ein kleines Lied dabei,<br />
+und dein Lied klingt in den Mai:<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">tief im trauten Garten.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schönsten Traum</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">will ich hier erwarten.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe Blütenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Sommer wird dirs zahlen.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Schau, ich säume einen Saum</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">hier mit Sonnenstrahlen.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blürenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">balde kommt das Reifen.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schönsten Traum</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">lehr mich, ihn begreifen.</span><br />
+<br />
+Singst ein kleines Lied dabei,<br />
+und dein Lied ist lauter Mai.<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Und der Blütenbaum wird blühn,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">blühn vor allen Bäumen,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">sonnig wird dein Saum erglühn,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">und verklärt im Laubengrün</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">wird dein junges Muttermühn</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Kinderhemdchen säumen.</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande" id="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande"></a>Und reden sie dir jetzt von Schande,<br />
+da Schmerz und Sorge dich durchirrt,&mdash;<br />
+o, lächle, Weib! Du stehst am Rande<br />
+des Wunders, das dich weihen wird.<br />
+<br />
+Fühlst du in dir das scheue Schwellen,<br />
+und Leib und Seele wird dir weit&mdash;<br />
+o, bete, Weib! Das sind die Wellen<br />
+der Ewigkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BLONDE_KNABE_SINGT" id="DER_BLONDE_KNABE_SINGT"></a>DER BLONDE KNABE SINGT:<br />
+Was weinst du, Mutter? Ist das Spind<br />
+auch bettelleer,&mdash;sei gut!<br />
+Ich bin dein blondes Kronenkind,<br />
+und du hast Edelblut.<br />
+<br />
+Ich schaute ja, du weißt es nicht,&mdash;<br />
+wie du so oft noch spät<br />
+beim morgenmatten Lampenlicht<br />
+dein Königskleid genäht.<br />
+<br />
+So bist du eine Königin,<br />
+und sei nicht bang und zag&mdash;<br />
+und bis Ich erst krafteigen bin,<br />
+kommt unser Königs tag.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MUTTER_II" id="DIE_MUTTER_II"></a>DIE MUTTER:<br />
+"Liebling, hast du gerufen?"<br />
+Es war ein Wort im Wind.<br />
+"Wie viele steile Stufen<br />
+sind noch bis zu dir, mein Kind?"&mdash;<br />
+Da fand ihre Stimme die Sterne,<br />
+fand aber die Tochter nicht.<br />
+<br />
+Im Tale in tiefer Taverne<br />
+löschte ein letztes Licht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross" id="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross"></a>Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,<br />
+wilder, wie Strüme, die schäumen,<br />
+wilder, wie Sturm in den Bäumen.<br />
+Und leise läßt sie die Stunden los<br />
+und schenkt ihre Seele den Träumen.<br />
+<br />
+Dann erwacht sie. Da steht ein Stern<br />
+still überm leisen Gelände,<br />
+und ihr Haus hat ganz weiße Wände&mdash;<br />
+Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern&mdash;<br />
+und faltet die alternden Hände.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br />
+<br />
+<br />
+LARENOPFER (1896)<br />
+<br />
+<a href="#IM_ALTEN_HAUSE">Im alten Hause</a><br />
+<a href="#AUF_DER_KLEINSEITE">Auf der Kleinseite</a><br />
+<a href="#EIN_ADELSHAUS">Ein Adelshaus</a><br />
+<a href="#DER_HRADSCHIN">Der Hradschin</a><br />
+<a href="#BEI_ST_VEIT">Bei St. Veit</a><br />
+<a href="#IM_DOME">Im Dome</a><br />
+<a href="#IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS">In der Kapelle St. Wenzels</a><br />
+<a href="#VOM_LUGAUS">Vom Lugaus</a><br />
+<a href="#DER_BAU">Der Bau</a><br />
+<a href="#IM_STUBCHEN">Im Stübchen</a><br />
+<a href="#ZAUBER">Zauber</a>
+<a href="#EIN_ANDERES">Ein anderes</a><br />
+<a href="#NOCH_EINES">Noch eines</a><br />
+<a href="#UND_DAS_LETZTE">Und das letzte</a><br />
+<a href="#IM_ERKERSTUBCHEN">Im Erkerstübchen</a><br />
+<a href="#DER_NOVEMBERTAG">Der Novembertag</a><br />
+<a href="#IM_STRAssEN_KAPELLCHEN">Im Straßenkapellchen</a><br />
+<a href="#DAS_KLOSTER">Das Kloster</a><br />
+<a href="#BEI_DEN_KAPUZINERN">Bei den Kapuzinern</a><br />
+<a href="#ABEND_I">Abend</a><br />
+<a href="#JAR_VRCHLICKY">Jar. Vrchlický</a><br />
+<a href="#IM_KREUZGANG_VON_LORETTO">Im Kreuzgang von Loretto</a><br />
+<a href="#DER_JUNGE_BILDNER">Der junge Bildner</a><br />
+<a href="#FRUHLING">Frühling</a><br />
+<a href="#LAND_UND_VOLK">Land und Volk</a><br />
+<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br />
+<a href="#ALLERSEELEN">Allerseelen</a> I. II.<br />
+<a href="#BEI_NACHT">Bei Nacht</a><br />
+<a href="#ABEND_II">Abend</a><br />
+<a href="#AUF_DEM_WOLSCHAN">Auf dem Wolschan</a> I<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">II</span><br />
+<a href="#WINTERMORGEN">Wintermorgen</a><br />
+<a href="#BRUNNEN">Brunnen</a><br />
+<a href="#SPHINX">Sphinx</a><br />
+<a href="#TRAUME">Träume</a><br />
+<a href="#MAITAG">Maitag</a><br />
+<a href="#KONIG_ABEND">König Abend</a><br />
+<a href="#AN_DER_ECKE">An der Ecke</a><br />
+<a href="#HEILIGE">Heilige</a><br />
+<a href="#DAS_ARME_KIND">Das arme Kind</a><br />
+<a href="#WENNS_FRUHLING_WIRD">Wenns Frühling wird</a><br />
+<a href="#ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG">Als ich die Universität bezog</a><br />
+<a href="#SUPERAVIT">Superavit</a><br />
+<a href="#TROTZDEM">Trotzdem</a><br />
+<a href="#HERBSTSTIMMUNG">Herbststimmung</a><br />
+<a href="#AN_JULIUS_ZEYER">An Julius Zeyer</a><br />
+<a href="#DER_TRAUMER">Der Träumer</a> I<br />
+<span style="margin-left: 5em;">II</span><br />
+<a href="#DIE_MUTTER">Die Mutter</a><br />
+<a href="#UNSER_ABENDGANG">Unser Abendgang</a><br />
+<a href="#KAJETAN_TYL">Kajetan Týl</a><br />
+<a href="#VOLKSWEISE">Volksweise</a><br />
+<a href="#DAS_VOLKSLIED">Das Volkslied</a><br />
+<a href="#DORFSONNTAG">Dorfsonntag</a><br />
+<a href="#MEIN_GEBURTSHAUS">Mein Geburtshaus</a><br />
+<a href="#IN_DUBIIS">In dubiis</a> I. II.<br />
+<a href="#BARBAREN">Barbaren</a><br />
+<a href="#SOMMERABEND">Sommerabend</a><br />
+<a href="#GERICHTET">Gerichtet</a><br />
+<a href="#DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE">Das Märchen von der Wolke</a><br />
+<a href="#FREIHEITSKLANGE">Freiheitsklänge</a><br />
+<a href="#NACHTBILD">Nachtbild</a><br />
+<a href="#HINTER_SMICHOV">Hinter Smichov</a><br />
+<a href="#IM_SOMMER">Im Sommer</a><br />
+<a href="#AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL">Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis)</a><br />
+<a href="#VIGILIEN">Vigilien</a> I. II.<br />
+<span style="margin-left: 2.5em;">III. IV.</span><br />
+<a href="#DEK_LETZTE_SONNENGRUSS">Der letzte Sonnengruß</a><br />
+<a href="#KAISER_RUDOLF">Kaiser Rudolf</a><br />
+Aus dem Dreißigjährigen Kriege. <a href="#a1_KRIEG">1. Krieg</a><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a2_ALEA_JACTA_EST">2. Alea jacta est</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a3_KRIEGSKNECHTS-SANG">3. Kriegsknechts-Sang</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a4_KRIEGSKNECHTS-RANG">4. Kriegsknechts-Rang</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a5_BEIM_KLOSTER">5. Beim Kloster</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a6_BALLADE">6. Ballade</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a7_DER_FENSTERSTURZ">7. Der Fenstersturz</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a8_GOLD">8. Gold</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a9_SZENE">9. Szene</a></span><br />
+<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a10_FEUERLILIE">10. Feuerlilie</a></span><br />
+<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a11_BEIM_FRIEDLAND">11. Beim Friedland</a></span><br />
+<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a12_FRIEDEN">12. Frieden</a></span><br />
+<a href="#BEI_DEN_URSULINEN">Bei den Ursulinen</a><br />
+<a href="#AUS_DER_KINDERZEIT">Aus der Kinderzeit</a><br />
+<a href="#RABBI_LOW">Rabbi Löw</a><br />
+<a href="#DIE_ALTE_UHR">Die alte Uhr</a><br />
+<a href="#KAMPFEN">Kämpfen</a><br />
+<a href="#SIEGEN">Siegen</a><br />
+<a href="#IM_HERBST">Im Herbst</a><br />
+<a href="#DER_KLEINE_DRATENIK">Der kleine "Drateník"</a><br />
+<a href="#IN_DER_VORSTADT">In der Vorstadt</a><br />
+<a href="#BEI_ST_HEINRICH">Bei St. Heinrich</a><br />
+<a href="#MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT">Mittelböhmische Landschaft</a><br />
+<a href="#DAS_HEIMATLIED">Das Heimatlied</a><br />
+<br />
+TRAUMGEKRÖNT (1897)<br />
+<br />
+<a href="#KONIGSLIED">Königslied</a><br />
+<a href="#TRAUMEN">Träumen</a><br />
+I. <a href="#Mein_Herz_gleicht">Mein Herz gleicht</a><br />
+II. <a href="#Ich_denke_an">Ich denke an:</a><br />
+III. <a href="#Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen">Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen</a><br />
+IV. <a href="#Eine_alte_Weide_trauert">Eine alte Weide trauert</a><br />
+V. <a href="#Die_Rose_hier_die_gelbe">Die Rose hier, die gelbe</a><br />
+VI. <a href="#Wir_sassen_beisammen">Wir saßen beisammen</a><br />
+VII. <a href="#Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege">Ich wollt, sie hätten statt der Wiege</a><br />
+VIII. <a href="#Jene_Wolke_will_ich_neiden">Jene Wolke will ich neiden</a><br />
+IX. <a href="#Mir_ist_Die_Welt">Mir ist: Die Welt</a><br />
+X. <a href="#Wenn_das_Volk_das_drohnentrage">Wenn das Volk, das drohnenträge</a><br />
+XI. <a href="#Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht">Weiß ich denn, wie mir geschieht</a><br />
+XII. <a href="#Schon_blinzt">Schon blinzt</a><br />
+XIII. <a href="#Fahlgrauer_Himmel">Fahlgrauer Himmel</a><br />
+XIV. <a href="#Die_Nacht_liegt_duftschwer">Die Nacht liegt duftschwer</a><br />
+XV. <a href="#Im_Schoss_der_silberhellen">Im Schoß der silberhellen</a><br />
+XVI. <a href="#Abendlauten">Abendläuten</a><br />
+XVII. <a href="#Weltenweiter_Wandrer">Weltenweiter Wandrer</a><br />
+XVIII. <a href="#Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen">Möchte mir ein blondes Glück erkiesen</a><br />
+XIX. <a href="#Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer">Vor mir liegt ein Felsenmeer</a><br />
+XX. <a href="#Die_Fenster_gluhten">Die Fenster glühten</a><br />
+XXI. <a href="#Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte">Es gibt so wunderweiße Nächte</a><br />
+XXII. <a href="#Wie_eine_Riesenwunderblume">Wie eine Riesenwunderblume</a><br />
+XXIII. <a href="#Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend">Wie, jegliches Gefühl vertiefend</a>.<br />
+XXIV. <a href="#O_gabs_doch_Sterne">O gäbs doch Sterne</a><br />
+XXV. <a href="#Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste">Mir ist so weh, so weh, als müßte</a><br />
+XXVI. <a href="#Matt_durch_der_Tale">Matt durch der Tale</a><br />
+XXVII. <a href="#Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse">Ein Erinnern, das ich heilig heiße</a><br />
+XXVIII. <a href="#Glaubt_mir">Glaubt mir</a><br />
+<br />
+LIEBEN<br />
+<br />
+I. <a href="#Und_wie_mag_die_Liebe">Und wie mag die Liebe</a><br />
+II. <a href="#Das_war_der_Tag">Das war der Tag</a><br />
+III. <a href="#Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein">Einen Maitag mit dir beisammen sein</a><br />
+IV. <a href="#Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht">Ich weiß nicht, wie mir geschieht</a><br />
+V. <a href="#Ob_dus_noch_denkst">Ob dus noch denkst</a><br />
+VI. <a href="#Wir_sassen_beide_in_Gedanken">Wir saßen beide in Gedanken</a><br />
+VII. <a href="#Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben">Blondköpfchen hinter den Scheiben</a><br />
+VIII. <a href="#Die_Liese_wird_heute">Die Liese wird heute</a><br />
+IX. <a href="#Ich_traume_tief_im_Weingerank">Ich träume tief im Weingerank</a><br />
+X. <a href="#Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte">Es ist ein Weltmeer voller Lichte</a><br />
+XI. <a href="#Ich_war_noch_ein_Knabe">Ich war noch ein Knabe</a><br />
+XII. <a href="#Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid">Die Nacht im Silberfunkenkleid</a><br />
+XIII. <a href="#Schon_starb_der_Tag">Schon starb der Tag</a><br />
+XIV. <a href="#Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen">Es leuchteten im Garten die Syringen</a><br />
+XV. <a href="#Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind">Oft scheinst du mir ein Kind</a><br />
+XVI. <a href="#Nach_einem_Gluck">Nach einem Glück</a><br />
+XVII. <a href="#Wir_gingen">Wir gingen</a><br />
+XVIII. <a href="#Im_Fruhling_oder_im_Traume">Im Frühling oder im Traume</a><br />
+XIX. <a href="#Sie_hatte_keinerlei_Geschichte">Sie hatte keinerlei Geschichte</a><br />
+XX. <a href="#Man_merkte_der_Herbst_kam">Man merkte: der Herbst kam</a><br />
+XXI. <a href="#Manchmal_da_ist_mir">Manchmal da ist mir</a><br />
+XXII. <a href="#Es_ist_lang">Es ist lang</a><br />
+<br />
+ADVENT (1898)<br />
+<br />
+<a href="#Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde">Advent. Es treibt der Wind</a><br />
+<br />
+GABEN<br />
+<br />
+<a href="#Das_ist_mein_Streit">Das ist mein Streit</a><br />
+<a href="#Du_meine_heilige_Einsamkeit">Du meine heilige Einsamkeit</a><br />
+<a href="#Der_Bach_hat_leise_Melodien">Der Bach hat leise Melodien</a><br />
+<a href="#Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen">Ich liebe vergessene Flurmadonnen</a><br />
+<a href="#Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar">Warst du ein Kind in froher Schar</a><br />
+<a href="#PFAUENFEDER">Pfauenfeder: in deiner Feinheit</a><br />
+<a href="#Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise">Oft denk ich auf der Alltagsreise</a><br />
+<a href="#DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE">Damit ich glücklich wäre</a><br />
+<a href="#An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still">An manchem Tag ist meine Seele still</a><br />
+<a href="#Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt">Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt</a><br />
+<a href="#Die_hohen_Tannen_atmen_heiser">Die hohen Tannen atmen heiser</a><br />
+<a href="#Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen">Der Abend kommt von weit gegangen</a><br />
+<a href="#Das_Wetter_war_grau_und_grell">Das Wetter war grau und grell</a><br />
+<a href="#Sonne_verlodert_am_Himmelsrain">Sonne verlodert am Himmelsrain</a><br />
+<a href="#Du_arme_alte_Kapelle">Du arme, alte Kapelle</a><br />
+<a href="#Die_Madchen_singen">Die Mädchen singen</a><br />
+<a href="#Lehnen_im_Abendgarten_beide">Lehnen im Abendgarten beide</a><br />
+<a href="#Eine_der_weissen_Vestageweihten">Eine der weißen Vestageweihten</a><br />
+<a href="#Im_Kreise_der_Barone">Im Kreise der Barone</a><br />
+<a href="#Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit">Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit</a><br />
+<a href="#Irgendwo_muss_es_Palaste_geben">Irgendwo muß es Paläste geben</a><br />
+<a href="#Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken">Im Schlosse mit den roten Zinken</a><br />
+<a href="#Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen">Einmal möcht ich dich wiederschauen</a><br />
+<a href="#Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten">Es kommt in prunkenden Gebreiten</a><br />
+<a href="#Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer">Horch, verhallt nicht ein scheuer</a><br />
+<a href="#Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach">Der König Abend weiß sich schwach</a><br />
+<a href="#Der_Tag_entschlummert_leise">Der Tag entschlummert leise</a><br />
+<br />
+FAHRTEN<br />
+<br />
+<a href="#VENEDIG">Venedig</a> I. Fremdes Rufen<br />
+II. Immer ist mir, daß die leisen<br />
+III. Mein Ruder sang<br />
+IV. Ave weht von den Türmen her<br />
+<a href="#ENGLAR_IM_EPPAN">Englar im Eppan</a><br />
+<a href="#TENNO">Tenno</a>
+<a href="#CASABLANCA">Casablanca</a>
+<a href="#ARCO">Arco</a><br />
+<a href="#I_MULINI">I mulini</a><br />
+<a href="#BODENSEE">Bodensee</a><br />
+<a href="#KONSTANZ">Konstanz</a><br />
+<br />
+FUNDE<br />
+<br />
+<a href="#Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten">Wenn wie ein leises Flügelbreiten</a><br />
+<a href="#Ich_mochte_draussen_dir_begegnen">Ich möchte draußen dir begegnen</a><br />
+<a href="#Ich_musste_denken_unverwandt">Ich mußte denken unverwandt</a><br />
+<a href="#Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen">Fremd ist, was deine Lippen sagen</a><br />
+<a href="#Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich">Du bist so fremd, du bist so bleich</a><br />
+<a href="#Weisst_du_ich_will_mich_schleichen">Weißt du, ich will mich schleichen</a><br />
+<a href="#Bei_dir_ist_es_traut">Bei dir ist es traut</a><br />
+<a href="#Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten">Die Nacht holt heimlich</a><br />
+<a href="#Du_Hande_welche_immer_geben">Du, Hände, welche immer geben</a><br />
+<a href="#Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh">Bist gewandert durch Wähn und Weh</a><br />
+<a href="#Will_dir_den_Fruhling_zeigen">Will dir den Frühling zeigen</a><br />
+<a href="#Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher">Und dieser Frühling macht dich bleicher</a><br />
+<a href="#Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss">Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß</a><br />
+<a href="#Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten">Bist du so müd? Ich will dich leise leiten</a><br />
+<a href="#Du">Du: ein Schloß an wellenschweren</a><br />
+<a href="#Purpurrote_Rosen_binden">Purpurrote Rosen binden</a><br />
+<a href="#Ein_Handeineinanderlegen">Ein Händeineinanderlegen</a><br />
+<a href="#Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren">Du willst dir einen Pagen küren?</a><br />
+<a href="#Abend_hat_mich_mud_gemacht">Abend hat mich müd gemacht</a><br />
+<a href="#Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen">Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen</a><br />
+<a href="#Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang">Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang</a><br />
+<a href="#Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein">Wie meine Träume nach dir schrein</a><br />
+<a href="#Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien">Und du warst schön. In deinem Auge schien</a><br />
+<a href="#Du_hast_so_grosse_Augen_Kind">Du hast so große Augen, Kind</a><br />
+<a href="#Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern">Du sahst in hohe Lichthofmauern</a><br />
+<a href="#Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen">Sie war: Ein unerwünschtes Kind</a><br />
+<a href="#Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute">Wenn ich dir ernst ins Auge schaute</a><br />
+<a href="#Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte">Ja, früher, wenn ich an dich dachte</a><br />
+<a href="#Ich_ging_durch_ein_Land">Ich ging durch ein Land</a><br />
+<a href="#Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte">Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte</a><br />
+<a href="#Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen">Kannst du die alten Lieder noch spielen</a><br />
+<a href="#Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas">Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas</a><br />
+<br />
+MÜTTER<br />
+<br />
+<a href="#Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich">Ich sehne oft nach einer Mutter mich</a><br />
+<a href="#Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst">Mir ist oft, daß ich fragen müßt</a><br />
+<a href="#Ich_gehe_unter_roten_Zweigen">Ich gehe unter roten Zweigen</a><br />
+<a href="#Leise_weht_ein_erstes_Bluhn">Leise weht ein erstes Blühn</a><br />
+<a href="#Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande">Und reden sie dir jetzt von Schande</a><br />
+<a href="#DER_BLONDE_KNABE_SINGT">Der blonde Knabe singt</a><br />
+<a href="#DIE_MUTTER_II">Die Mutter</a><br />
+<a href="#Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross">Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß</a><br />
+</p>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***</div>
+</body>
+</html>
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+The Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Erste Gedichte
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: September 30, 2010 [EBook #33821]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
+
+
+
+
+ERSTE GEDICHTE
+
+Von
+
+RAINER MARIA RILKE
+
+
+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXIII
+
+
+
+
+
+ LARENOPFER
+
+
+
+
+IM ALTEN HAUSE
+
+
+Im alten Hause; vor mir frei
+seh ich ganz Prag in weiter Runde;
+tief unten geht die Dämmerstunde
+mit lautlos leisem Schritt vorbei.
+
+Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.
+Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,
+ragt klar vor mir die grünspangrüne
+Turmkuppel von Sankt Nikolas.
+
+Schon blinzelt da und dort ein Licht
+fern auf im schwülen Stadtgebrause.--
+Mir ist, daß in dem alten Hause
+jetzt eine Stimme "Amen" spricht.
+
+
+
+
+AUF DER KLEINSEITE
+
+
+Alte Häuser, steilgegiebelt,
+hohe Türme voll Gebimmel,--
+in die engen Höfe liebelt
+nur ein winzig Stückchen Himmel.
+
+Und auf jedem Treppenpflocke
+müde lächelnd--Amoretten;
+hoch am Dache um barocke
+Vasen rieseln Rosenketten.
+
+Spinnverwoben ist die Pforte
+dort. Verstohlen liest die Sonne
+die geheimnisvollen Worte
+unter einer Steinmadonne.
+
+
+
+
+EIN ADELSHAUS
+
+
+Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:
+wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen.
+Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen
+und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe.
+
+Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber,
+als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;
+und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:
+das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich--Zauber.
+
+
+
+
+DER HRADSCHIN
+
+
+Schau so gerne die verwetterte
+Stirn der alten Hofburg an;
+schon der Blick des Kindes kletterte
+dort hinan.
+
+Und es grüßen selbst die eiligen
+Moldauwellen den Hradschin,
+von der Brücke sehn die Heiligen
+ernst auf ihn.
+
+Und die Türme schaun, die neueren,
+alle zu des Veitsturms Knauf
+wie die Kinderschar zum teueren
+Vater auf.
+
+
+
+
+BEI ST. VEIT
+
+
+Gern steh ich vor dem alten Dom;
+wie Moder weht es dort, wie Fäule,
+und jedes Fenster, jede Säule
+spricht noch ihr eignes Idiom.
+
+Da hockt ein reich geschnörkelt Haus
+und lächelt Rokoko-Erotik,
+und hart daneben streckt die Gotik
+die dürren Hände betend aus.
+
+Jetzt wird mir klar der casus rei;
+ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:
+der Herr Abbé hier--ihm zuseiten
+die Dame des roi soleil.
+
+
+
+
+IM DOME
+
+
+Wie von Steinen rings, von Erzen
+weit der Wände Wölbung funkelt,
+eine Heilge, braungedunkelt,
+dämmert hinter trüben Kerzen.
+
+Von der Decke, rundgemauert,
+schwebt ob eines Engels Kopfe
+hell ein weißer Silbertropfe,
+drin ein ewig Lichtlein kauert.
+
+Und im Eck, wo Goldgeglaste
+niederhangt in staubgen Klumpen,
+steht in Schmutz gehüllt und Lumpen
+still ein Kind der Bettlerkaste.
+
+Von dem ganzen Glänze floß ihm
+in die Brust kein Fünkchen Segen....
+Zitternd, matt, streckts mir entgegen
+seine Hand mit leisem: "Prosim!"
+
+
+
+
+IN DER KAPELLE ST. WENZELS
+
+
+Alle Wände in der Halle
+voll des Prachtgesteins; wer wüßte
+sie zu nennen: Bergkristalle,
+Rauchtopase, Amethyste.
+
+Zauberhell wie ein Mirakel
+glänzt der Raum im Lichtgetänzel,
+unterm goldnen Tabernakel
+ruht der Staub des heilgen Wenzel.
+
+Ganz von Leuchten bis zum Scheitel
+ist die Kuppel voll, die hohle;
+und der Goldglast sieht sich eitel
+in die gelben Karneole.
+
+
+
+
+VOM LUGAUS
+
+
+Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln
+und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;
+dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen
+schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.
+
+Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten
+sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen.
+Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen
+in sich des Himmels violette Tinten!
+
+
+
+
+DER BAU
+
+
+ (1)
+
+Die moderne Bauschablone
+will mir wahrlich gar nicht passen.
+Hier, dies alte Haus darf fassen
+reiche, weite Steinterrassen,
+kleine, heimliche Balkone.
+
+Und die weitgewölbten Decken,
+die so günstig sind den Lauten,
+Nischen rings, die eingebauten,
+draus die Arme sich der trauten
+Dämmrung dir entgegenstrecken.
+
+Alle Mauern breiter, stärker
+und aus echten Quaderkernen;--
+traun, das Gruseln könnt ich lernen,
+seh ich auf die Zinskasernen
+aus dem kleinen, Stillen Erker.
+
+
+
+
+IM STÜBCHEN
+
+
+ (2)
+
+Traut ists, wenn verstohlen heulen
+im Kamine wilde Winde
+in der Stube; ganz gelinde
+tickt auf dem barocken Spinde
+fort die Stockuhr mit den Säulen.
+Dort, die kleine Silhouette
+zeigt die alte Tracht der Locken,
+tief im Fenster steht ein Rocken,
+und vergeßne Töne stocken
+im verlassenen Spinette.
+Immer noch hegt die Postille,
+daß an ihrem Geist erfrische
+jung und alt sich, auf dem Tische,
+und der Spruch ob jener Nische
+lautet: "Es gescheh Dein Wille...."
+
+
+
+
+ZAUBER
+
+
+ (3)
+
+Oft seh ich die heimliche Stube belebt,
+so lebhaft erzählen die Wände;
+ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt
+dort zu der Madonna die Hände.
+
+Ein tüchtiger Junge beim Vater steht,
+der viel zu des Hauses Gewinn tat.
+An huben sie flüsternd das Abendgebet,
+und Mutter läßt ruhen das Spinnrad.
+
+Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß
+sogar der Madonna im Rahmen.
+Ich lausche:--Laut von des Vaters Baß
+ertönt das versöhnende: "Amen".
+
+
+
+
+EIN ANDERES
+
+
+ (4)
+
+Naht der Sohn mit schwerem Schritt
+seinem Vater. Schwer die Zunge....
+"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?!
+Vorwärts, nur herein damit!"
+
+Und da steht zum erstenmal
+jetzt das Mädchen rot und stille;
+und der Vater putzt die Brille:
+"Teufel! Gut war deine Wahl!"
+
+Und er streckt die Arme aus,
+und das Bräutchen nimmt verlegen
+seinen Kuß und seinen Segen....
+Davon weiß das alte Haus.
+
+
+
+
+NOCH EINES
+
+
+ (5)
+
+Auch dem blonden Kinde kam es
+In sein Herz, sein waldseereines,
+wie das dunkle Ahnen eines
+großen Glückes oder Grames.
+
+Und die Mutter ließ das Rädchen
+stocken.--"Kind, was macht dich leiden?"
+Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen:
+doch verstanden sich die beiden.
+
+Kurz darauf: Am Pförtchen pochte
+junger Herr.--"Wollt ihr euch?"--Pause.--
+Ob!--Wer da noch fragen mochte!?--
+So geschahs im alten Hause.
+
+
+
+
+UND DAS LETZTE
+
+
+ (6)
+
+Still heut die Stube.--Weiß wie Kalk
+ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos
+ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos
+lehnt sie bei Vaters Katafalk.
+
+Zuseiten ihr der Gatte kann
+sie trösten mehr in keiner Weise;
+nun faßt er ihre Hände leise
+und sieht sie ernst und bittend an.
+
+"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!"
+tönt türher hell das Wort des Kleinen;
+da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen,
+und Trost geht durch das alte Haus.
+
+
+
+
+IM ERKERSTÜBCHEN
+
+
+ (7)
+
+Nicht zu sehn das Alltagstreiben,
+flieh ich--wie wenn ich ein Strauß war,--
+in das alte, alte Haus her;
+lang dann seh ich nicht hinaus mehr
+durch die breit verbleiten Scheiben.
+
+Schlichtheit war der Väter Aussaat,
+Glück die Frucht, die sie gefunden;
+sitz so träumend manche Stunden
+dort im Polsterstuhl, im runden,
+mitten in Urväterhausrat.
+
+
+
+
+DER NÖVEMBERTAG
+
+
+Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,
+seine tausend Jubelstimmen schweigen;
+hoch vom Domturm wimmern gar so eigen
+Sterbeglocken in Novembernebeln.
+
+Auf den nassen Dächern liegt verschlafen
+weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen
+greift der Sturm in des Kamines Wänden
+eines Totenkarmens Schlußoktaven.
+
+
+
+
+IM STRAßEN KAPELLCHEN
+
+
+Bei St. Loretto da brennt ein Licht
+vorm Bilde im Straßenkapellchen;
+und um das Wandbild schmiegen sich dicht
+Blechblumen mit farbigen Kelchen.
+
+Die Heiligen machen ein übel Gesicht;
+denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat
+nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht
+schaut fromm in den dämmernden Sabbat.
+
+
+
+
+DAS KLOSTER
+
+
+Im Dämmerdustgeschwel
+ist schon die Stadt zerronnen
+hoch steht das Haus der Nonnen
+des Ordens von Carmel.
+
+Der Abend hüpft hangab
+vorbei mit Feuergarben
+und windet tausend Farben
+um jeden Fensterstab.
+
+Er schmückt das düstre Haus
+umsonst mit Lichtgeglänze;
+So sehen frische Kränze
+auf Leichensteinen aus.
+
+
+
+
+BEI DEN KAPUZINERN
+
+
+Es hat der Pater Guardian
+vom Klosterschnaps mir angeboten;
+ich kenn ihn schon, den dunkelroten,
+der alle Toten wecken kann.
+
+Der Pater sucht den Schlüssel, klein,
+dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,
+und holt den Schatz, den selbstgebrauten,
+hervor aus dem Reliquienschrein.
+
+Und wie er einschenkt, lacht er feist
+und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,
+die einstens ruhten in dem Schreine,
+doch uns erhalten blieb----der Geist!"
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Einsam hinterm letzten Haus
+geht die rote Sonne schlafen,
+und in ernste Schlußoktaven
+klingt des Tages Jubel aus.
+
+Lose Lichter haschen spät
+noch sich auf den Dächerkanten,
+wenn die Nacht schon Diamanten
+in die blauen Fernen sät.
+
+
+
+
+JAR. VRCHLICKÝ
+
+
+Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,
+wo oft ich Ungemach vergaß,
+müd nicken krause Chrysanthemen
+im hohen Venezianergläs.
+
+Ich las in einem Band Gedichte
+gar lange; wie die Zeit entschwand!
+Jetzt erst im Abenddämmerlicbte
+leg ich sie selig aus der Hand.
+
+Mir ist, von göttlichen Problemen
+hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,--
+hat mich der Hauch der Chrysanthemen,
+hat mich Vrchlickýs Buch berauscht?
+
+
+
+
+IM KREUZGANG VON LORETTO
+
+
+Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,
+wo über krausen Säulenarabesken
+herniederschaun aus halb verwischten Fresken
+geheimnisvolle Heiligengestalten.
+
+Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht
+so manchen gnadenvollen Heilmirakels,
+prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels
+im silberübersäten Seidenkleid.
+
+Spannt über Blättergold Spätsommerhaar
+sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,--
+vor einem Bild im Stile Tintorettos
+steht selig still ein junges Liebespaar.
+
+
+
+
+DER JUNGE BILDNER
+
+
+Ich muß nach Rom; in unser Städtchen
+kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück;
+nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen,
+ich mach in Rom mein Meisterstück.
+
+Er sprachs; dann zog er fort im Rausche
+durch jene Welt, die er erhofft;
+doch war ihm, seine Seele lausche
+auf einen innern Vorwurf oft.
+
+Die Unrast trieb ihn heim, die arge:
+Er bildete mit nassem Blick
+sein armes, fahles Lieb im Sarge,
+und das--das war sein Meisterstück.
+
+
+
+
+FRÜHLING
+
+
+Die Vögel jubeln--lichtgeweckt--,
+die blauen Weiten füllt der Schall aus;
+im Kaiserpark das alte Ballhaus
+ist ganz mit Blüten überdeckt.
+
+Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll
+ins junge Gras mit großen Lettern.
+Nur dorten unter welken Blättern
+seufzt traurig noch ein Steinapoll.
+
+Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz
+hinweg das gelbe Blattgeranke
+und legt um seine Stirn, die blanke,
+den blauenden Syringenkranz.
+
+
+
+
+LAND UND VOLK
+
+
+...Gott war guter Laune. Geizen
+ist doch wohl nicht seine Art;
+und er lächelte: da ward
+Böhmen, reich an tausend Reizen.
+
+Wie erstarrtes Licht liegt Weizen
+zwischen Bergen, waldbehaart,
+und der Baum, den dichtgeschaart
+Früchte drücken, fordert Spreizen.
+
+Gott gab Hütten; voll von Schafen
+Ställe; und der Dirne klafft
+vor Gesundheit fast das Mieder.
+
+Gab den Burschen all, den braven,
+in die raube Faust die Kraft,
+in das Herz--die Heimatlieder.
+
+
+
+
+DER ENGEL
+
+
+Hin geh ich durch die Malvasinka
+die Kinderreih, wo sanft und gut
+die kleine Anka oder Ninka
+in ihrem letzten Bettchen ruht.
+
+Auf einem schmalen Schollenhügel
+kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,
+mit staubigem, gebrochnem Flügel
+ein Engelchen aus rohem Ton.
+
+Das flügellahme Kindchen flößte
+mir Mitleid ein,--das arme Ding....
+Da, sieh! Von seinen Lippen löste
+sich leicht ein kleiner Schmetterling.--
+
+
+
+
+ALLERSEELEN
+
+
+I
+
+Rings liegt der Tag von Allerseelen
+voll Wehmut und voll Blütenduft,
+und hundert bunte Lichter schwelen
+vom Feld des Friedens in die Luft.
+
+Sie senden Palmen heut und Rosen;
+der Gärtner ordnet sie mit Sinn--
+und kehrt zum Eck der Glaubenslosen
+die alten, welken Blumen hin.
+
+
+II
+
+"Jetzt beten, Willi,--und nicht reden!"
+Mit großem Aug gehorcht der Knab.
+Der Vater legt den Kranz Reseden
+auf seines armen Weibes Grab.
+
+"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!"
+Klein Willi sieht empor und macht,
+wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,
+daß er am Weg heraus gelacht!
+
+Es sticht im Auge ihn--wie Weinen....
+Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht;
+ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen
+beim Ausgang jäh der Buden Pracht.
+
+Es blinkt durch den Novembernebel
+herüber lichtbeglänzter Tand;
+er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel
+und küßt dem Vater leis die Hand.
+
+Und der versteht. Dann gehn sie weiter....
+Der Vater sieht so traurig aus.--
+Doch einen Pfeiferkuchenreiter
+schleppt Willi selig sich nach Haus.
+
+
+
+
+BEI NACHT
+
+
+Weit über Prag ist riesengroß
+der Kelch der Nacht schon aufgegangen;
+der Sonnenfalter barg sein Prangen
+in ihrem kühlen Blütenschoß.
+
+Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,
+und neckend streut er das Gesträhne
+der weißen Silberhobelspäne
+hernieder in den Moldaustrom.
+
+Da plötzlich, wie beleidigt, hat
+zurückgerufen er die Strahlen,
+weil er gewahr ward des Rivalen:
+der Turmuhr helles Stundenblatt.
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Der Abend naht.--Die klare Zone
+der Stirne schmückt ein goldner Reifen,
+und tausend Schattenhände greifen
+verstohlen nach der roten Krone.
+
+Die ersten, blassen Sterne liebeln
+ihm zu; er steht hoch am Hradschine
+und schaut mit ernster Träumermiene
+die Türme und die grauen Giebeln.
+
+
+
+
+AUF DEM WOLSCHAN
+
+Am Abend des Tages von Allerseelen
+
+
+I
+
+Die dürren Äste übergittern
+des Himmels abendblasse Scheiben;
+und über Grüfte, reich mit Füttern
+geschmückt, geht Wehmut, und es zittern
+die Lichter durch das Blättertreiben.
+
+Im müden Blau, im regungslosen,
+schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,
+die seine blanke Stirne kosen,
+sind schwarz. Der Duft von welken Rosen
+schleicht her wie Geister toter Träume.
+
+
+
+II
+
+Ferner Lärm vom Wagendamm.--
+Hier keimt Friede und Vergessen,
+zwischen zweien Grabzypressen
+hangt der Mond wie ein Tam-Tam.
+
+Schlägt die Ewigkeit nicht sacht
+jetzt daran mit schwarzem Schwengel?
+Bange schaut ein Marmorengel
+in das Aug der Spätherbstnacht.
+
+
+
+
+WINTERMORGEN
+
+
+Der Wasserfall ist eingefroren,
+die Dohlen hocken hart am Teich.
+Mein schönes Lieb hat rote Ohren
+und sinnt auf einen Schelmenstreich.
+
+Die Sonne küßt uns. Traumverloren
+schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
+und wir gehn fürder, alle Poren
+vom Kraftarom des Morgens voll.
+
+
+
+
+BRUNNEN
+
+
+Ganz verschollen ist die alte,
+holde Brunnenpoesie,
+da aus Tritons Muschelspalte
+eine klare Quelle lallte,
+die den Gassen Sprache lieh.
+
+Abends bei den Röhrenkasten
+sammelte sich Paar um Paar,
+weil der Quelle lieblich Glasten
+und ihr Laut der tiefgefaßten
+Neigung süßes Omen war.
+
+Aber als durch Menschenmühn dann
+Wasser treppen aufwärts stieg,
+und kein Paar kam: Misogyn dann
+ward der Gott; es schlich sich Grünspan
+in die Muschel,--und er schwieg.
+
+
+
+
+SPHINX
+
+
+Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,
+in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.
+Die Menge gaffte.--Bis der Rettungswagen
+sie brachte in das gelbe Stadtspital.
+
+Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....
+Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;
+dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen
+und dann der Priester.--Sie blieb stumm und fahl.
+
+Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,
+gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal.
+Ein Röcheln.--Dann ward sie herausgetragen,
+sie und ihr Schmerz.--
+ Und draußen steht kein Mal.
+
+
+
+
+TRÄUME
+
+
+Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden
+geschmückt des blauen Kleides Saum;--
+sie reicht mir mild mit ihren beiden
+Madonnenhänden einen Traum.
+
+Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben,
+hinfort die Stadt mit leisem Schritt
+und nimmt, als Sold des Traumes, drüben
+des kranken Kindes Seele mit.
+
+
+
+
+MAITAG
+
+
+Still!--Ich hör, wie an Geländen
+leicht der Wind vorüberhüpft,
+wie die Sonne Strahlenenden
+an Syringendolden knüpft.
+
+Stille rings. Nur ein geblähter
+Frosch hält eine Mückenjagd,
+und ein Käfer schwimmt im Äther,
+ein lebendiger Smaragd.
+
+Im Geäst spinnt Süberrhomben
+Mutter Spinne Zoll um Zoll,
+und von Blütenhekatomben
+hat die Welt die Hände voll.
+
+
+
+
+KÖNIG ABEND
+
+
+Wie König Balthasar einst nahte,
+die Stirn vom Kronenreif erhellt,
+so tritt im purpurnen Ornate
+der König Abend in die Welt.
+
+Der erste Stern führt ihn wie jenen
+bis an den fernsten Hügelsaum;
+dort findet Mutter Nacht er lehnen
+mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.
+
+Dem bringt er just, wie jener Weise
+des Orients, das Gold, gehäuft,--
+das Gold, das uns der Knabe leise
+erlösend in den Schlummer träuft.
+
+
+
+
+AN DER ECKE
+
+
+Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,
+die an der Ecke stets Kastanien briet.
+Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte
+froh und gesund, ob Falte auch bei Falte
+seit vielen Jahren es durchzieht.
+
+Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;
+die Tüten müssen rein sein, und das Licht
+an ihrem Stand muß immer helle scheinen,
+und von dem Ofen mit den krummen Beinen
+verlangt sie streng die heiße Pflicht.
+
+So trefflich schmort auch keine die Maroni.
+Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,
+und alle kennt sie--bis zum Tramwaypony;
+sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....
+Und leise summt ihr Herd sein Lied.
+
+
+
+
+HEILIGE
+
+
+Große Heilige und kleine
+feiert jegliche Gemeine;
+hölzern und von Steine feine,
+große Heilige und kleine.
+
+Heilge Annen und Kathrinen,
+die im Traum erschienen ihnen,
+baun sie sich und dienen ihnen,
+heilgen Annen und Kathrinen.
+
+Wenzel laß ich auch noch gelten,
+weil sie selten ihn bestellten;
+denn zu viele gelten selten--
+nun, Sankt Wenzel laß ich gelten.
+
+Aber diese Nepomuken!
+Von des Torgangs Luken gucken
+und auf allen Brucken spuken
+lauter, lauter Nepomuken!
+
+
+
+
+DAS ARME KIND
+
+
+Ich weiß ein Mädchen, eingefallen
+die Wangen.--War ein leichtes Tuch
+die Mütter; und des Vaters Fluch
+fiel in ihr erstes Lallen.
+
+Die Armut blieb ihr treu die Jahre,
+und Hunger ward ihr Angebind;
+so ward sie ernst.--Das Lenzgold rinnt
+umsonst in ihre Haare.
+
+Sie schaut die lächelnden Gesichter
+der Blumen traurig an im Hag
+und denkt: der Allerseelentag
+hat Blüten auch und Lichter.
+
+
+
+
+WENNS FRÜHLING WIRD
+
+
+Die ersten Keime sind, die zarten,
+im goldnen Schimmer aufgesprossen;
+schon sind die ersten der Karossen
+ im Baumgarten.
+
+Die Wandervögel wieder scharten
+zusamm sich an der alten Stelle,
+und bald stimmt ein auch die Kapelle
+ im Baumgarten.
+
+Der Lenzwind plauscht in neuen Arten
+die alten, wundersamen Märchen,
+und draußen träumt das erste Pärchen
+ im Baumgarten.
+
+
+
+
+ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG
+
+
+Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr
+so müheschwer vorüberrollte;
+nun endlich bin ich, was ich wollte
+und was ich strebte: ein Skolar.
+
+Erst "Recht" studieren war mein Plan;
+doch meine leichte Laune schreckten
+die strengen, staubigen Pandekten,
+und also ward der Plan zum Wahn.
+
+Theologie verbot mein Lieb,
+könnt mich auf Medizin nicht werfen,
+so daß für meine schwachen Nerven
+nichts als--Philosophieren blieb.
+
+Die Alma mater reicht mir dar
+der freien Künste Prachtregister,--
+und bring ichs nie auch zum Magister,
+bin was ich strebte: ein Skolar.
+
+
+
+
+SUPERAVIT
+
+
+Nie kann ganz die Spur verlaufen
+einer starken Tat; dies lehrt
+zu Konstanz der Scheiterhaufen;
+denn aus tausend Feuertaufen
+steigt der Hochgeist unversehrt.
+
+Bis zu uns her ungeheuer
+ragt der Reformator Hus,
+fürchten wir der Lehre Feuer,
+neigen wir uns doch in scheuer
+Ehrfurcht vor dem Genius.
+
+Der, den das Gericht verdammte,
+war im Herzen, tief und rein,
+überzeugt von seinem Amte,--
+und der hohe Holzstoß flammte
+seines Ruhmes Strahlenschein.
+
+
+
+
+TROTZDEM
+
+
+Manchmal vom Regal der Wand
+hol ich meinen Schopenhauer,
+einen "Kerker voller Trauer"
+hat er dieses Sein genannt.
+
+So er recht hat, ich verlor
+nichts: in Kerkereinsamkeiten
+weck ich meiner Seele Saiten
+glücklich wie einst Dalibor.
+
+
+
+
+HERBSTSTIMMUNG
+
+
+Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,
+an dessen Türe schon der Tod steht still;
+auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,
+wie der der Kerze, die verlöschen will.
+
+Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,
+der matte Wind hält Blätterleichenschau;--
+und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen
+ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.
+
+
+
+
+AN JULIUS ZEYER
+
+
+Du bist ein Meister;--früher oder später
+spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;
+du preisest seine Art und seine Sagen,--
+aus deinen Liedern weht der Heimat Äther.
+
+Dein Volk tut recht,--nicht, voll von wahngeblähter
+Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen,
+es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen,
+stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter.
+
+Es hat dein Volk sich seine Ideale
+noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,
+die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;
+
+du aber mahnst, ein echter Orientale,
+es möge in dem Ringen nicht verlernen
+auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.
+
+
+
+
+DER TRÄUMER
+
+
+I
+
+Es war ein Traum in meiner Seele tief.
+Ich horchte auf den holden Traum:
+ich schlief.
+Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
+und wie ich träumte, hört ich nicht;
+es rief.
+
+
+II
+
+Träume scheinen mir wie Orchideen.--
+So wie jene sind sie bunt und reich.
+Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
+ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
+brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
+freuen in der flüchtigen Minute,
+in der nächsten sind sie tot und bleich.--
+Und wenn Welten oben leise gehen,
+fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?
+Träume scheinen mir wie Orchideen.--
+
+
+
+
+DIE MUTTER
+
+
+Aufwärts die Theaterrampe
+rollen dröhnend die Karossen,
+abseits unter trüber Lampe
+steht ein altes Weib verdrossen.
+
+Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute,
+wars, daß sie zusammenschrecke;
+niemand aus dem Strom der Leute
+sieht die Alte in der Ecke.
+
+An die neue "Größe" dachte,
+von ihr sprach man nur.--Die Güte
+eines Grafen, hieß es, brachte
+herrlich ihr Talent zur Blüte.
+
+Später. Jubelstürme hallten
+in den Schlußklang der Trompeten....
+Aber draußen kams der Alten,
+heimlich für ihr Kind zu beten.
+
+
+
+
+UNSER ABENDGANG
+
+
+Gedenkst du noch, wie guter Dinge
+wir wallten durch das Nusler Tal;
+zwei kleine, blaue Schmetterlinge
+verflattertcn im Abendstrahl.
+
+Am Häuschen lehnte die Melone
+dort--wie auf einem Bilde Dows,
+und herrlich mit der Kuppelkrone
+hob sich das Haupt der Karlshofs.
+
+Im West war noch der Weizen golden,
+blaugrün verdämmerte der Kohl;
+die ersten weißen Sternendolden
+umzitterten den Himmelspol.
+
+
+
+KAJETAN TÝL
+
+Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen
+ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.
+
+Da also hat der arme Týl
+sein Lied "Kde domov můj"--geschrieben.
+In Wahrheit; Wen die Musen lieben,
+dem gibt das Leben nicht zuviel.
+
+Ein Stübchen--nicht zu klein dem Flug
+des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.--
+Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,
+ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.
+
+Doch wär er nicht für tausend Louis
+von Böhmen fort. Mit jeder Fiber
+hing er daran.--"Ich bleibe lieber,"
+hätt er gesagt, "kde domov můj."
+
+
+
+
+VOLKSWEISE
+
+
+Mich rührt so sehr
+böhmischen Volkes Weise,
+schleicht sie ins Herz sich leise,
+macht sie es schwer.
+
+Wenn ein Kind sacht
+singt beim Kartoffeljäten,
+klingt dir sein Lied im späten
+Traum noch der Nacht.
+
+Magst du auch sein
+weit über Land gefahren,
+fällt es dir doch nach Jahren
+stets wieder ein.
+
+
+
+
+DAS VOLKSLIED
+
+Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier
+
+
+Es legt dem Burschen auf die Stirne
+die Hand der Genius so lind,
+daß mit des Liedes Silberzwirne
+er seiner Liebsten Herz umspinnt.
+
+Da mag der Bursch sich süß erinnern,
+was aus der Mutter Mund ihm scholl,
+und mit dem Klang aus seinem Innern
+füllt er sich seine Fiedel voll.
+
+Die Liebe und der Heimat Schöne
+drückt ihm den Bogen in die Hand,
+und leise rieseln seine Töne
+wie Blütenregen in das Land.
+
+Und große Dichter, ruhmberauschte,
+dem schlichten Liede lauschen sie,
+so gläubig wie das Volk einst lauschte
+dem Gottes wort des Sinai.
+
+
+
+
+DORFSONNTAG
+
+
+Im Wirtshaus auf den blanken Dielen
+schwingt sich die Jugend frisch und laut,
+des Burschen Hand, so hart von Schwielen,
+drückt die des blonden Mädchens traut;
+bierfrohe Musikanten spielen
+ein Lied aus der "verkauften Braut".
+
+"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."
+Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.
+Und wie er nach dem Tanz die Holden
+zu seinem Tische kommen heißt,
+da geht der Abend draußen, golden,
+und lacht durch alle Fenster dreist.
+
+
+
+
+MEIN GEBURTSHAUS
+
+
+Der Erinnrung ist das traute
+Heim der Kindheit nicht entflohn,
+wo ich Bilderbogen schaute
+im blauseidenen Salon.
+
+Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen
+dicken Silbers reich betreßt,
+Glück mir war; wo heiße Tränen
+mir das "Rechnen" ausgepreßt.
+
+Wo ich, einem dunklen Rufe
+folgend, nach Gedichten griff,
+und auf einer Fensterstufe
+Tramway spielte oder Schiff.
+
+Wo ein Mädchen stets mir winkte
+drüben in dem Gräfenhains....
+Der Palast, der damals blinkte,
+sieht heut so verschlafen aus.
+
+Und das blonde Kind, das lachte,
+wenn der Knab ihm Küsse warf,
+ist nun fort; fern ruht es sachte,
+wo es nie mehr lächeln darf.
+
+
+
+
+IN DUBIIS
+
+
+I
+
+Es dringt kein Laut bis her zu mir
+von der Nationen wildem Streite,
+ich stehe ja auf keiner Seite;
+denn Recht ist weder dort noch hier.
+
+Und weil ich nie Horaz vergaß,
+bleib gut ich aller Welt und halte
+mich unverbrüchlich an die alte
+aurea mediocritas.
+
+
+II
+
+Der erscheint mir als der Größte,
+der zu keiner Fahne schwört,
+und, weil er vom Teil sich löste,
+nun der ganzen Weit gehört.
+
+Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm
+doch nicht klein der Heimat Hort;
+denn das Vaterland, es ist ihm
+dann sein Haus im Heimatsort.
+
+
+
+
+BARBAREN
+
+
+Ich weiß von einem Riesenparke
+dort, wo die Stadt sich schon verliert;
+jetzt nagt die Axt an seinem Marke,
+sie sagen: er wird parzelliert.
+
+Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas,
+der Mietskasernen weichen soll,
+der war doch wie ein Hain der Pallas
+der raunenden Orakel voll.
+
+Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten,
+den Ort, den kein Profaner sah:
+Es übertönt der Lärm der Zeiten
+das Götterwort der Pythia.
+
+
+
+SOMMERABEND
+
+
+Die große Sonne ist versprüht,
+der Sommerabend liegt im Fieber,
+und seine heiße Wange glüht.
+Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...."
+Und wieder dann: "Ich bin so müd...."
+
+Die Büsche beten Litanein,
+Glühwürmchen hangt, das regungslose,
+dort wie ein ewiges Licht hinein;
+und eine kleine weiße Rose
+tragt einen roten Heiligenschein.
+
+
+
+GERICHTET
+
+
+"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst,
+lang ist es her; doch wenn der Schein
+des runden Monds das Rathaus küßt,
+dann wallen aus dem heilgen Teyn
+Gerichtete in Geisterreihn ...
+ Weh wer sie sah!
+
+Viel Herren fielen auf dem Ring;
+die Herren finden Ruhe nicht;--
+sie zogen eines Nachts: Es ging
+voran Herr Christus, groß und licht,
+mit ernstem, traurigem Gesicht ...
+ Und einer sahs!
+
+Der war ein Maler. Und im Flug
+malt er, wie er geschaut, den Ring.
+Er malt den ganzen Geisterzug,
+dem ernst voran Herr Christus ging.
+Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...
+ Jetzt ist er tot.--
+
+
+
+
+DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE
+
+
+Der Tag ging aus mit mildem Tone,
+so wie ein Hammerschlag verklang.
+Wie eine gelbe Goldmelone
+lag groß der Mond im Kraut am Hang.
+
+Ein Wölkchen wollte davon naschen,
+und es gelang ihm, ein paar Zoll
+des hellen Rundes zu erhaschen,
+rasch kaut es sich die Bäckchen voll.
+
+Es hielt sich lange auf der Flucht auf
+und zog sich ganz mit Lichte an;--
+da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
+Schwarz ward die Wolke und zerrann.
+
+
+
+
+FREIHEITSKLÄNGE
+
+
+Böhmens Volk! In deinen Kreisen
+weckt ein neuer Genius
+alte, heiße Freiheitsweisen,
+und die mahnen nicht mit leisen
+Worten, daß dein Fesseleisen
+ganz zerschmettert werden muß.
+
+Diese Streitpoeten blasen
+lockend; und in Stücke haun
+kannst du, Volk, in deinem Rasen
+des Gesetzes Marmorvasen,
+doch du kannst aus ihren Phrasen
+keine Zukunft dir erbaun.
+
+Tief in Herz und Sinn in treuer
+Hoffnung senk die Liedersaat,
+sind dir deine Dichter teuer,
+daß daraus ein Lenz, ein neuer,
+keime.--Was dann blieb vom Feuer,
+das entflamme dich zur Tat.
+
+
+
+
+NACHTBILD
+
+
+Auch auf der Theaterrampe
+wird es stille nach und nach.--
+Eine eitle Bogenlampe
+schaut sich in ein Droschkendach.
+
+Auf dem leeren Gangsteig zucken
+Lichter.--Sehn nicht dort am Haus
+helle Dachmansardenlucken
+wie verweinte Augen aus?
+
+
+
+
+HINTER SMICHOV
+
+
+Hin gehn durch heißes Abendrot
+aus den Fabriken Männer, Dirnen,--
+auf ihre niedern, dumpfen Stirnen
+schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.
+
+Die Mienen sind verstumpft; es brach
+das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle
+den Weg, und Staub zieht und Gejohle
+wie das Verhängnis ihnen nach.
+
+
+
+
+IM SOMMER
+
+
+Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer
+auf Moldauwogen uns nach Zlichov
+zu jenem Kirchlein, hoch und frei.
+Im blauen Nebel schwindet Smichov;--
+zur Rechten Flächen braun von Ampfer,
+zur Linken stolz die "Loreley".
+
+Wir legen an; und sieh, ein Alter
+begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!"
+Am Friedhofsrand dann lehnen wir.
+Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,
+und unser Träumen hebt, ein Falter,
+auf Sonnenflügeln sich zu ihr.
+
+
+
+
+AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)
+
+
+Auf schloß das Erztor der Kustode.
+Du sahst vor Blüten keine Gruft.
+Der Lenz verschleierte dem Tode
+das Angesicht mit Blust und Duft;
+da stieg wie eine Todesode
+ein Trauermantel in die Luft.
+
+Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....
+Rings feierte Mittsommerlicht,
+in den Syringen summten Fliegen.--
+Da lag ein Schädel vor uns dicht;
+aus seinen leeren Augen stiegen
+verkümmerte Vergißmeinnicht.
+
+
+
+
+VIGILIEN
+
+
+I
+
+Die falben Felder schlafen schon,
+mein Herz nur wacht allem;
+der Abend refft im Hafen schon
+sein rotes Segel ein.
+
+Traumselige Vigilie!
+Jetzt wallt die Nacht durchs Land;
+der Mond, die weiße Lilie,
+blüht auf in ihrer Hand.
+
+
+II
+
+Am offnen Stubenfenster lehn ich
+und träume in die Nacht hinauf;
+das Mondlicht windet silbersträhnig
+sich um den schwarzen Kirchturmknauf.
+
+Sehn wenig Welten aus den Fernen
+auch durch den engen Hof ins Haus,--
+es füllte Licht von zehen Sternen
+ein ganzes, dunkles Leben aus.
+
+
+III
+
+Horch, der Schritt der Nacht erstirbt
+in der weiten Stille;
+meine Schreibtischlampe zirpt
+leis wie eine Grille.
+
+Goldig auf dem Bücherstand
+glühn der Bände Rücken:
+zu der Fahrt ins Feenland
+Pfeiler für die Brücken.
+
+
+IV
+
+Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht
+beim toten Mütterlein verbracht
+und hat geweint und hat gewacht;--
+dann gingen Jahre, Jahre sacht:
+nie hat sie jener Nacht gedacht.
+
+Und dann kam eine andre Nacht.
+Da hat von Glut und Sünd entfacht
+die rote Lippe Lust gelacht,
+doch plötzlich--wie durch höhre Macht
+dacht sie der Nacht der Leichenwacht.
+
+
+
+
+DEK LETZTE SONNENGRUSS
+
+Zu einem Bilde des Benes Knüpfer
+
+Die Sonne schmolz, die hehre,
+ins weiße Meer so heiß.
+Zwei Mönche saßen am Meere,
+ein blonder und ein Greis.
+
+Der sann: Geh ich einst rasten,
+so friedlich mög es sein--
+und jener: Des Ruhmes Glasten
+sollt mir mein Sterben weihn.
+
+
+
+
+KAISER RUDOLF
+
+
+Hoch auf seiner Himmelswarte
+über einer Sternenkarte
+sitzt der Kaiser Rudolf dort,
+forschend, ob der langerharrte
+Flugstern, der die Weisen narrte,
+streifen würde diesen Ort.
+
+Und er fragt den Astrologen,
+der am hohen Himmelsbogen
+alle Wanderwege weiß:
+"Wird von Unglück der betrogen,
+den der Stern hineingezogen
+in den unheilvollen Kreis?"
+
+Und der Alte weicht ihm leise
+aus: "Der Stern zieht seine Gleise,
+Herr, im fernen Ätherreich!"
+Und gen Süden sieht der Weise;--
+und der Kaiser schaut die Kreise
+seines Globen, ernst und bleich.--
+
+Und von Süden kommt Verderben,
+kommt Matthias.--Eilge Erben
+lassen ihm nur den Hradschin;
+und der Kaiser spricht im herben
+Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,
+denn schon bin ich tot für 'ihn'.
+
+Alter! Laß den Bück uns heben!
+du hast recht, die Sterne schweben
+hoch ob allem Erdenbann;
+aber--die nach ihnen streben,
+knüpfen selbst ihr dunkles Leben
+an die lichten Lose an!--"
+
+
+
+
+AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE
+
+Kohlenskizzen in Callots Manier
+
+
+1. KRIEG
+
+
+Feinster ist die Welt geworden,--
+darum Dörfer rasch entloht!
+und die Welt ist grau;--drum rot
+färbt sie durch das Morden!
+
+Bauer! Bittest um dein Leben?
+Nimm dirs! Aber bei uns bleib!
+Herrgott hat dir Ochs und Weib
+nur für uns gegeben.
+
+Laß den Teufel Felder pflügen;
+sieh, wir haben stets genung!
+Vorwärts--einen Werbetrunk
+aus den vollen Krügen!
+
+
+
+
+2. ALEA JACTA EST
+
+
+"... Tod oder Sold!"
+Und jetzt die Trommel schnell
+her. Auf das Trommelfell
+Würfel gerollt.
+
+So wird dem Lohn,
+der unsre Streiche sucht.
+Sieh, der Baum, reiche Frucht
+trägt er doch schon!
+
+Solltest schon längst
+hängen dran, Kamerad!
+Drum ists nicht jammerschad,
+wenn du dann hängst!
+
+
+
+
+3. KRIEGSKNECHTS-SANG
+
+
+Lag auf einer Trommel nackt,
+kaum zwei Spannen lang,
+und der rauhe Trommeltakt
+war mein Wiegensang.
+
+Wild zu wettern taugte ich
+damals schon im Zorn,
+meine Milch, die saugte ich
+aus dem Pulverhorn.
+
+Damals taufte jeden gut
+der Korp'ral; beim Schopf
+nahm er ihn, goß Schwedenblut
+heiß ihm übern Kopf.
+
+
+
+
+4. KRIEGSKNECHTS-RANG
+
+
+Bei uns gibts nicht Edelinge,
+die was gelten durch ihr Blut,
+jedes Rang ist jedes Klinge,
+und sein Wappen ist der Mut.
+
+Wer nur immer kühn sein Schwert
+hält den Schild von Schande rein,
+wer noch gestern unterm Heer zog,
+Herzog kann er morgen sein.
+
+
+
+
+5. BEIM KLOSTER
+
+
+Was gibts?--Eine Klosterpforte?--
+Ei, Potz Blitz!
+Eine Tür von dieser Sorte
+renn ich ohne viele Worte
+ein mit meiner Nasenspitz!
+
+Auf das Tor ein fester Stempel....
+Pfaffe, komm!
+Jetzt heraus mit deinem Krempel,
+paar Monstranzen zum Exempel
+und paar Kelche: wir sind fromm.
+
+Laß jetzt dein: Peccavi, pater....
+Leucht zum Wein
+uns mit deiner Nase, frater,
+dorten kannst du uns ein Rater,
+und ein "Seelensorger" sein!
+
+
+
+
+6. BALLADE
+
+
+Gestern zogen wilde Horden
+durch das Dörfchen hin mit Morden,
+und ein Mädchen sinnt jetzt still:
+Ist der Liebste untreu worden,
+weil er heut nicht kommen will?--
+Draußen schrien die Dohlen.
+
+Mädchen ging mit bleicher Wange
+durch das Haus.--Sie harrte lange,
+und des Nachts floh sie der Schlaf.
+Und sie schlich hinaus zum Hange,
+wo sie stets den Teuren traf.
+Ängstlich schrien die Dohlen.
+
+Und die Nacht war schwarz, die schwüle,
+fern nur brannte eine Mühle....
+Weinend wählt die matte Maid
+sich gar weiches Kraut zum Pfühle
+und entschlief in lauter Leid.
+Schrieen noch die Dohlen?
+
+Spät erwacht sie. Nebel grauten
+rings--soweit die Augen schauten....
+Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt,
+ist das Haar an ihres Trauten
+blutigem, zerschelltem Haupt.--
+Schrecklich schrien die Dohlen.
+
+
+
+
+7. DER FENSTERSTURZ
+
+
+"Naht Verrat mit leisem Schritte,
+ungerächt, bei der Madonna,
+bleibt er nicht! Nach alter Sitte
+zu den Fenstern!" schrie Colonna.
+
+"Schont den Popel! doch die andern,
+jeder eine feige Natter,
+aus den Fenstern laßt sie wandern!
+Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!"
+
+Bange hangt am Fensterstocke
+Martinitz noch.--Da Geröchel:
+Turn schwingt seine Degenglocke
+und zerschmettert ihm die Knöchel.
+
+Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,
+Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!"
+"Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister
+lasse alle Glocken läuten!"--
+
+
+
+
+8. GOLD
+
+
+"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.
+Wo hast das Gold du her?"--
+"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,
+kein Obrist hat wohl mehr!"
+
+"Nein, das ist gutes, rotes Gold,
+das kann dein Sold nicht sein!"
+"Beim Spielen war das Glück mir hold,
+und da ward alles mein!"
+
+"Ist wirklich alles dein--das Gold,
+gesteh,--und ists kein Trug?"--
+"Nun, Würfel haben mit gerollt
+und jetzt laß es genug!"
+
+"Und gibst du mir auch von dem Gold?"
+"Das weißt du!"--"Nein, du Schelm,
+just auf der Stelle, sieh, ich wollt,
+du füllst mir deinen Helm!"
+
+"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt,
+der Glanz gefällt mir gut!--
+
+
+
+... Schau, was dir da am Finger klebt,
+kam das vom Golde?--Blut!"--....
+
+
+
+
+
+9. SZENE
+
+
+Du kniest am Markstein, Alter, sprich!--
+Das ist kein Heilgenbild!"
+"Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich
+das Schicksal gar so wild."
+
+"Hast du kein Haus, hast du kein Land,
+das deiner Hände braucht?"
+"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,
+sieh hin--gewiß--es raucht."
+
+"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn
+und hilft dir aus der Not?"
+"Mein Sohn zog in den Krieg davon,
+jetzt ist er sicher tot."--
+
+"Was streicht dir deines Haares Schnee
+der Tochter Hand nicht, weich?"--
+"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,
+da sprang sie in den Teich."--
+
+"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach
+das Herz dir auch vor Graus...."
+
+ * * * * *
+
+"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach
+mir beide Augen aus."
+
+
+
+
+10. FEUERLILIE
+
+
+Winters, ab die Äste krachten,
+keine Bäche konnten frieren,
+weil die Fluten Blutes ihren
+Pulsschlag immer neu entfachten.
+
+Als die Zeit kam, da die Blume
+aufwacht und der Vogel flötet,
+sprang die Lilie selbst gerötet
+aus der todgedüngten Krume.
+
+
+
+
+11. BEIM FRIEDLAND
+
+
+Heimgekehrt von Schlacht und Schlag
+freut sich Obrist und Gemeiner;
+denn jetzt hält der Wallensteiner
+wieder seinen Hof zu Prag.
+
+Just ließ frei den Turn er ziehn;
+das war so von seinen Trümpfen
+einer.--Drauf ward Nasenrümpfen
+Mode ... dort bei Hof zu Wien.
+
+Laßt sie zetern. Friedlands Heer
+muß nicht darben und nicht dürsten,--
+und aus Knechten macht er Fürsten,
+unser Herzog.--Wer kann mehr?
+
+
+
+
+12. FRIEDEN
+
+
+Prag gebar die Mißgestalt
+dieses Krieges, der voll Tücke
+hauste.--Auf der Karlsbrücke
+starb er, dreißig Jahre alt.
+
+Endlich riß das Eisenstück
+nur dem Acker eine Schramme,
+und vom Kirchturm schlug die Flamme
+in den trauten Herd zurück.
+
+
+
+
+BEI DEN URSULINEN
+
+
+Geh mittags zu den Ursulinen,
+wenn man den Armen Speise trug,
+da siehst du, wie in müde Mienen
+die Not schrieb ihren Namenszug.
+
+Da siehst du Stirnen, die schon frühe
+des Schmerzes Eisenreif umschloß,
+und Wangen, die der Dunst der Brühe
+mit falscher Röte übergoß.
+
+Du hörst, wie leisem Dankesworte
+sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:
+so brandet an der Klosterpforte
+das ganze Elend dieser Welt.
+
+
+
+
+AUS DER KINDERZEIT
+
+
+Sommertage auf der "Golka"....
+Ich, ein Kind noch--Leise her,
+aus dem Gasthaus klingt die Polka,
+und die Luft ist sonnenschwer.
+
+Sonntag ists.--Es liest Helene
+lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz
+ziehn die Wolken, wie die Schwäne
+aus dem Märchen Andersens.
+
+Schwarze Fichten stehn wie Wächter
+bei der Wiesen buntem Schatz;
+von der Straße dringt Gelächter
+bis zu unserm Laubenplatz.
+
+An die Mauer lockt uns beide
+mancher laute Jubelschrei:
+drunten geht im Feierkleide
+Paar um Paar zum Tanz vorbei.
+
+Bunt und selig, Bursch und Holka,
+Glück und Sonne im Gesicht!--
+Sommertage auf der "Golka",--
+und die Luft war voller Licht....
+
+
+
+
+RABBI LÖW
+
+
+"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem
+ Bann der Not;
+heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns
+ der Tod.
+Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und
+ kaum hat der Leichenwart
+eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das
+ ist hart."
+Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen
+ Bocher rasch herein--"
+So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese
+ Nacht dich ganz allein;"
+"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,
+ um Mitternacht
+tanzen all die Kindergeister auf den grauen
+ Steinen sacht.
+Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein
+ Herz beklemmt,
+Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn
+ sein Leichenhemd,
+raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir!
+ Begreifst du wohl?"
+"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt
+ die Antwort hohl.
+
+
+Mitternacht und Mondgegleiße,--
+... und es stürzt der totenblasse
+Bocher bebend durch die Gasse,
+in der Hand das Hemd, das weiße.
+
+Da jetzt ... sind das seine Schritte?...
+Jach kehrt er zurück das bleiche
+Antlitz: weh, die Kindesleiche,
+folgt ihm nach, im Aug die Bitte:
+
+"... Gib das Linnen, ohne Linnen
+lassen mich nicht ein die Geister...."
+Und der Bocher, halb von Sinnen,
+reicht es endlich seinem Meister.
+
+Und schon naht der Geist mit Klagen....
+"Sag, was sterben hundert binnen
+Tagen?--Kind, du mußt es sagen,
+früher darfst du nicht von hinnen."
+
+So der Rabbi.--"Wehe, wehe,"
+ruft der Geist, "aus unserm Stamme
+haben zwei entehrt der Ehe
+keusche, reine Altarflamme!
+
+Hier die Namen!--Sucht nicht fremde
+Ursach, daß euch Tod beschieden...."
+Und der Rabbi reicht das Hemde
+jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"
+
+Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung
+stieg der Tag in rosgem Licht,
+hielt der Rabbi schon Gericht,--
+und der Unschuld ward Befreiung.
+
+Mit der Geißel des Gesetzes
+brandmarkt er die Sünderstirn;--
+langsam löste jedes Hirn
+ich vom Bann des Fluchgenetzes.
+
+Manches Paar war da erschienen,
+dankerfüllt, daß Gott verzieh,
+und der Weise segnet sie.--
+Freude lag auf aller Mienen.
+
+Nur der Bocher warf, der bleiche,
+sich im Fieber hin und her....
+Doch nach Beth Chaim lange mehr
+trug man keine Kindesleiche.
+
+
+
+
+DIE ALTE UHR
+
+
+Bald hättest, alte Rathausuhr,
+du nimmer dürfen Stunden weisen;
+sie hätten bald in altem Eisen
+versplittert deine letzte Spur.
+
+Der Geizhals hart zum letztenmal
+sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,
+zum letztenmal der Tod mit Glotzen
+geschwungen seinen Sensenstahl.
+
+Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.
+Und heut noch kräht er; freilich heiser,
+noch nickt der Geizhals fort, und leiser
+droht ihm des Todes Majestät.
+
+
+
+
+KÄMPFEN
+
+
+I
+
+Ein heißer Eid, ein gramerpreßter,
+der leicht von jungen Lippen rinnt,
+der machte zur barmherzgen Schwester
+fast über Nacht ein blondes Kind.
+
+Des jungen Lebens Wellen fließen
+fortan durch Krankenstuben still;
+es träumt ihr Herz noch vom Genießen,
+wenn auch das Aug es leugnen will.
+
+Denn mit der Strenge der Asketen
+drängt sie zurück, was in ihr quillt,
+und geht um Kraft nach Emaus beten
+zum wunderstarken Gnadenbild.
+
+
+
+
+SIEGEN
+
+
+II
+
+Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;
+"Heut sei im Glauben stark wie nie
+und geh mit Gott an deine Pflichten:
+Es ist ein Fall von Diphtherie...."
+
+Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,
+und doch packt ihn der Tod beim Hals....
+Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,
+erfröstelnd in dem Schutz des Schals.
+
+Als man vorbei beim Kloster gestern
+den Kleinen trug ins Bett von Lehm,
+klang aus der "Kirche von den Schwestern"
+ganz leis ein Totenrequiem....
+
+
+
+
+IM HERBST
+
+
+Ein Riesenspinngewebe, zieht
+Altweibersommer durch die Welt sich;--
+und der Laurenziberg gefällt sich
+im goldig-bläulichen Habit.
+
+Weil er so mild herübersieht,
+sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,
+die Sonne hinter seinem Rücken
+schon frühe ihr Valladolid.
+
+
+
+
+DER KLEINE "DRATENÍK"
+
+
+Kommt so ein Bursche, ein junger,
+Mausfallen, Siebe am Rücken,
+folgt mir durch Gassen und Brücken:
+"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.
+
+Nur einen Krajcar, nur einen
+für ein Stück Brot, milost' pánků!"
+Da!--Und er stammelt mir Dank zu,
+doch läßt nicht Ruh er den Beinen.
+
+Lebt nicht von bloßem Gelunger.--
+Riecht an den Türen den Braten
+und muß die Pfannen doch drahten--
+leer:--das macht 'türkischen Hunger'.
+
+
+
+
+IN DER VORSTADT
+
+
+Die Alte oben mit dem heisern Husten,
+ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott,
+sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott....
+Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.
+
+Und unten stand der schwarze Kastenwagen.
+Die letzte Klasse; als der Totenschrein
+sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,
+und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.
+
+Der Kutscher hieb in seine magern Mähren
+und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,
+als wenn da nicht ein ganzes Leben drin
+voll Weh und Glück und tote Träume waren.
+
+
+
+
+BEI ST. HEINRICH
+
+
+Hart am Kirchenaltargitter,
+wo die Ampel flammt, die matte,
+schlaft ein alter, alter Ritter
+unter grauer Wappenplatte.
+
+Lebend hielt er hoch sein Wappen,
+sorgte immer für sein Blinken;--
+weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen
+alte Weiber drüber hinken?
+
+
+
+
+MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT
+
+
+Fern dämmert wogender Wälder
+beschatteter Saum.
+Dann unterbricht
+nur hie und da ein Baum
+die falbe Fläche hoher Ährenfelder.
+Im hellsten Licht
+keimt die Kartoffel; dann
+ein wenig weiter Gerste, bis der Tann
+das Bild begrenzt.
+Hoch überm Jungwald glänzt
+so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber
+aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;--
+und drüber
+wölbt sich ein Himmel, blank und blau.
+
+
+
+
+DAS HEIMATLIED
+
+
+Vom Feld klingt ernste Weise;
+weiß nicht, wie mir geschieht....
+"Komm her, du Tschechenmädchen,
+sing mir ein Heimatlied."--
+
+Das Mädchen läßt die Sichel,
+ist hier mit Husch und Hui,--
+setzt nieder sich am Feldrain
+und singt: "Kde domov můj"....
+
+Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen
+das Aug mir zugewandt,--
+nimmt meine Kupferkreuzer
+und küßt mir stumm die Hand.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ TRAUMGEKRÖNT
+
+ (1897)
+
+
+
+KÖNIGSLIED
+
+
+Darfst das Leben mit Würde ertragen,
+nur die Kleinlichen macht es klein;
+Bettler können dir Bruder sagen,
+und du kannst doch ein König sein.
+
+Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
+auch kein rotgoldener Reif unterbrach,--
+Kinder werden sich vor dir neigen,
+selige Schwärmer staunen dir nach.
+
+Tage weben aus leuchtender Sonne
+dir deinen Purpur und Hermelin,
+und, in den Händen Wehmut und Wonne,
+liegen die Nächte vor dir auf den Knien....
+
+
+
+
+TRÄUMEN
+
+
+I
+
+Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;
+auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.
+Der Sturm, der übermütige Geselle,
+brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;
+er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei
+und zerrt dort an der Ministrantenschelle.
+Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei
+ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle
+den arg erstaunten fernen Gott herbei.
+Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.
+Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle
+und schmettert an den Fliesen sie entzwei.
+
+Und arme Wünsche knien in langer Reih
+vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.
+Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.
+
+
+
+
+II
+
+Ich denke an:
+--Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,
+drin Hahngekräh;
+und dieses Dörfchen verloren gegangen
+im Blütenschnee.
+Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen
+ein kleines Haus;
+ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen
+verstohlen heraus.
+Rasch auf die Türe, die angelheiser
+um Hilfe ruft,--
+und dann in der Stube ein leiser, leiser
+Lavendelduft....
+
+
+
+
+III
+
+Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen;
+vor seiner Türe saß ich spät,
+wenn hinter violetten Zweigen
+bei halb verhalltem Grillengeigen
+die rote Sonne sterben geht.
+
+Wie eine Mütze grünlich-samten
+steht meinem Haus das moosge Dach,
+und seine kleinen, dickumrammten
+und blank verbleiten Scheiben flammten
+dem Tage heiße Grüße nach.
+
+Ich träumte, und mein Auge langte
+schon nach den blassen Sternen hin,--
+vom Dorfe her ein Ave bangte,
+und ein verlorner Falter schwankte
+im schneeig schimmernden Jasmin.
+
+Die müde Herde trollte trabend
+vorbei, der kleine Hirte pfiff,--
+und in die Hand das Haupt vergrabend,
+empfand ick, wie der Feierabend
+in meiner Seele Saiten griff.
+
+
+
+
+IV
+
+Eine alte Weide trauert
+dürr und fühllos in den Mai,--
+eine alte Hütte kauert
+grau und einsam hart dabei.
+
+War ein Nest einst in der Weide,
+in der Hütt ein Glück zu Haus;
+Winter kam und Weh,--und beide
+blieben aus....
+
+
+
+
+V
+
+Die Rose hier, die gelbe,
+gab gestern mir der Knab,
+heut trag ich sie, dieselbe,
+hin auf sein frisches Grab.
+
+An ihren Blättern lehnen
+noch lichte Tröpfchen,--schau!
+Nur heute sind es Tränen,--
+und gestern war es Tau....
+
+
+
+
+VI
+
+Wir saßen beisammen im Dämmerlichte.
+"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,
+du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte
+von der Prinzessin mit goldnem Haar?"--
+
+Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage
+führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;
+und von der schonen Prinzessin die Sage
+weiß sie wie Mütterchen ganz genau....
+
+
+
+
+VII
+
+Ich wollt, sie hätten statt der Wiege
+mir einen kleinen Sarg gemacht,
+dann wär mir besser wohl, dann schwiege
+die Lippe längst in feuchter Nacht.
+
+Dann hätte nie ein wilder Wille
+die bange Brust durchzittert,--dann
+wärs in dem kleinen Körper stille,
+so still wie's niemand denken kann.
+
+Nur eine Kinderseele stiege
+zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht....
+Was haben sie mir statt der Wiege
+nicht einen kleinen Sarg gemacht?--
+
+
+
+
+VIII
+
+Jene Wolke will ich neiden,
+die dort oben schweben darf!
+Wie sie auf besonnte Heiden
+ihre schwarzen Schatten warf.
+
+Wie die Sonne zu verdüstern
+sie vermochte kühn genug,
+wenn die Erde lichteslüstern
+grollte unter ihrem Flug.
+
+All die goldnen Strahlenfluten
+jener Sonne wollt auch ich
+hemmen! Wenn auch für Minuten!
+Wolke! Ja, ich neide dich!
+
+
+
+
+IX
+
+Mir ist: Die Welt, die laute, krank
+hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben
+und mir nur ist der Weltgedanke,
+der große, in der Brust geblieben.
+
+Denn so ist sie, wie ich sie dachte;
+ein jeder Zwiespalt ist vertost:
+auf goldnen Sonnenflügeln sachte
+umschwebt mich grüner Waldestrost.
+
+
+
+X
+
+Wenn das Volk, das drohnenträge,
+trabt den altvertrauten Trott,
+möcbt ich weiße Wandelwege
+wallen durch das Duftgehege
+ernst und einsam wie ein Gott.
+
+Wandeln nach den glanzdurchsprühten
+Fernen, lichten Lohns bewußt;--
+um die Stirne kühle Blüten
+und von kinderkeuschen Mythen
+voll die sabbatstille Brust.
+
+
+
+
+XI
+
+Weiß ich denn wie mir geschieht?
+In den Lüften Düftequalmen
+und in bronzebraunen Halmen
+ein verlornes Grillenlied.
+
+Auch in meiner Seele klingt
+tief ein Klang, ein traurig-lieber,--
+so hört wohl ein Kind im Fieber,
+wie die tote Mutter singt.
+
+
+
+
+XII
+
+Schon blinzt aus argzerfetztem Laken
+der holde, keusche Götternacken
+der früherwachenden Natur,
+und nur in tiefentiegnen Talen
+zeigt hinter violetten, kahlen
+Gebüschen sich mit falschem Prahlen
+des Winters weiße Sohlenspur.
+
+Hin geh ich zwischen Weidenbäumen
+an nassen Räderrinnensäumen
+den Fahrweg, und der Wind ist mild.
+Die Sonne prangt im Glast des Märzen
+und zündet an im dunkeln Herzen
+der Sehnsucht weiße Opferkerzen
+vor meiner Hoffnung Gnadenbild.
+
+
+
+
+XIII
+
+Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe
+bange verblich.
+Weit--ein einziger lohroter Strich
+wie eine brennende Geißelnarbe.
+
+Irre Reflexe vergehn und erscheinen.
+Und in der Luft
+liegts wie ersterbender Rosenduft
+und wie verhaltenes Weinen....
+
+
+
+XIV
+
+Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,
+und ihre Sterne schauen still,
+wie schon des Mondes weiße Barke
+im Lindenwipfel landen will.
+
+Fern hör ich die Fontäne hallen
+ein Märchen, das ich längst vergaß,--
+und dann ein leises Apfelfallen
+ins hohe, regungslose Gras.
+
+Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel
+und trägt durch alte Eichenreihn
+auf seinem blauen Faltcrflügel
+den schweren Duft vom jungen Wein.
+
+
+
+XV
+
+Im Schoß der silberhellen Schneenacht
+dort schlummert alles weit und breit,
+und nur ein ewig wildes Weh wacht
+in einer Seele Einsamkeit.
+
+Du fragst, warum die Seele schwiege,
+warum sies in die Nacht hinaus
+nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege,
+es löschte alle Sterne aus.
+
+
+
+
+XVI
+
+Abendläuten. Aus den Bergen hallt es
+wieder neu zurück in immer mattern
+Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern
+von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.
+
+In den weißen Wiesenquellen lallt es
+wie ein Stammeln kindischen Gebetes;
+durch den schwarzen Tannenhochwald geht es
+wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.
+
+Durch die Fuge eines Wolkenspaltes
+wirft der Abend rote Blutkorallen
+nach den Felsenwänden.--Und sie prallen
+lautlos von den Schultern des Basaltes.
+
+
+
+
+XVII
+
+Weltenweiter Wandrer
+walle fort in Ruh....
+also kennt kein andrer
+Menschenleid wie du.
+
+Wenn mit lichtem Leuchten
+du beginnst den Lauf,
+schlägt der Schmerz die feuchten
+Augen zu dir auf.
+
+Drinnen liegt--als riefen
+sie dir zu: versteh!--
+tief in ihren Tiefen
+eine Welt voll Weh....
+
+Tausend Tränen reden
+ewig ungestillt,
+und in einer jeden
+spiegelt sich dein Bild!
+
+
+
+
+XVIII
+
+
+Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;
+doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.--
+Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,
+und der Abend blutet in die Buchen.
+
+Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder
+Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....
+Und die ersten Sterne kommen wieder
+und die Träume, die so traurig machen.
+
+
+
+
+XIX
+
+Vor mir liegt ein Felsenmeer,
+Sträucher, halb im Schutt versunken,
+Todesschweigen.--Nebeltrunken
+hangt der Himmel drüber her.
+
+Nur ein matter Falter schwirrt
+rastlos durch das Land, das kranke....
+Einsam, wie ein Gottgedanke
+durch die Brust des Leugners irrt.
+
+
+
+XX
+
+Die Fenster glühten an dem stillen Haus,
+der ganze Garten war voll Rosendüften.
+Hoch spannte über weißen Wolkenklüften
+der Abend in den unbewegten Lüften
+die Schwingen aus.
+
+Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....
+Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,
+Und heimlich über flüstervollen Birken
+sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken
+ins blasse Blau.
+
+
+
+
+XXI
+
+Es gibt so wunderweiße Nächte,
+drin alle Dinge Silber sind.
+Da schimmert mancher Stern so lind,
+als ob er fromme Hirten brächte
+zu einem neuen Jesuskind.
+
+Weit wie mit dichtem Demantstaube
+bestreut, erscheinen Flur und Flut,
+und in die Herzen, traumgemut,
+steigt ein kapellenloser Glaube,
+der leise seine Wunder tut.
+
+
+
+XXII
+
+Wie eine Riesenwunderblume prangt
+voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,
+ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,
+die Mainacht hangt.
+
+Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....
+Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,
+nach Morgen, wo aus feuerroter Aster
+er Sterben trink....
+
+
+
+XXIII
+
+Wie, jegliches Gefühl vertiefend,
+ein süßer Drang die Brust bewegt,
+wenn sich die Mainacht, sternetriefend,
+auf mäuschenstille Plätze legt--
+
+Da schleichst du hin auf sachter Sohle
+und schwärmst zum blanken Blau hinauf,
+und groß wie eine Nachtviole
+geht dir die dunkle Seele auf....
+
+
+
+
+XXIV
+
+O gabs doch Sterne, die nicht bleichen,
+wenn schon der Tag den Ost besäumt;
+von solchen Sternen ohnegleichen
+hat meine Seele oft geträumt.
+
+Von Sternen, die so milde blinken,
+daß dort das Auge landen mag,
+das müde ward vom Sonnetrinken
+an einem goldnen Sommertag.
+
+Und schlichen hoch ins Weltgetriebe
+sich wirklich solche Sterne ein,--
+sie müßten der verborgnen Liebe
+und allen Dichtern heilig sein.
+
+
+
+
+XXV
+
+Mir ist so weh, so weh, als müßte
+die ganze Welt in Grau vergehn,
+als ob mich die Geliebte küßte
+und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.
+
+Als ob Ich tot wär und im Hirne
+mir dennoch wühlte wilde Qual,
+weil mir vom Hügel eine Dirne
+die letzte, blasse Rose stahl....
+
+
+
+
+XXVI
+
+Matt durch der Tale Gequalme wankt
+Abend auf goldenen Schuhn,--
+Falter, der träumend am Halme hangt,
+weiß nichts vor Wonne zu tun.
+
+Alles schlürft hei! an der Stille sich.--
+Wie da die Seele sich schwellt,
+daß sie als schimmernde Hülle sich
+legt um das Dunkel der Welt.
+
+
+
+
+XXVII
+
+Ein Erinnern, das ich heilig heiße,
+leuchtet mir durchs innerste Gemüt,
+so wie Götterbildermarmorweiße
+durch geweihter Haine Dämmer glüht.
+
+Das Erinnern einstger Seligkeiten,
+das Erinnern an den toten Mai,--
+Weihrauch in den weißen Händen, schreiten
+meine stillen Tage dran vorbei....
+
+
+
+
+XXVIII
+
+Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,
+keinen lauten Lenz mehr mag,--
+will nur einen sonnenblanken,
+wipfelroten Frühherbsttag.
+
+Will die Lust, die jubelschrille,
+nicht mehr in die Brust zurück,--
+will nur Sterbestübenstille
+drinnen--für mein totes Gluck.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ LIEBEN
+
+
+
+I
+
+
+Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
+Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
+kam sie wie ein Beten?--Erzähle:
+
+Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
+und hing mit gefalteten Schwingen groß
+an meiner blühenden Seele....
+
+
+II
+
+
+Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,--
+mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....
+Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
+tief in der Nacht.
+
+Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,--
+ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
+Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
+erklang die Nacht....
+
+
+III
+
+
+Einen Maitag mit dir beisammen sein,
+und selbander verloren ziehn
+durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn
+zu der Laube von weißem Jasmin.
+
+Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,
+jeder Wunsch in der Seele so still....
+Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,
+ein großes,--das ists, was ich will....
+
+
+IV
+
+
+Ich weiß nicht, wie mir geschieht....
+Weiß nicht, was Wonne ich lausche,
+mein Herz ist fort wie im Rausche,
+und die Sehnsucht ist wie ein Lied.
+
+Und mein Mädel hat fröhliches Blut
+und hat das Haar voller Sonne
+und die Augen von der Madonne,
+die heute noch Wunder tut.
+
+
+V
+
+
+Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte
+und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?
+Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,
+und du warst damals noch ein Kind.
+
+Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte
+ein junges Hoffen und ein alter Gram....
+Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante
+den "Werther" aus den Händen nahm.
+
+Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,
+dein Auge sah mich groß und selig an.
+Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,
+und Lichter gingen durch den Tann....
+
+
+VI
+
+Wir saßen beide in Gedanken
+im Weinblattdämmcr--du und ich--
+und über uns in duftgen Ranken
+versummte wo ein Hummel sich.
+
+Reflexe hielten, bunte Kreise,
+in deinem Haare flüchtig Rast....
+Ich sagte nichts als einmal leise:
+"Was du für schöne Augen hast."
+
+
+VII
+
+Blondköpfchen hinter den Scheiben
+hebt es sich ab so fein,--
+sternt es ins Stäubchentreiben
+oder zu mir herein?
+
+Ist es das Köpfchen, das liebe,
+das mich gefesselt hält,
+oder das Staubchengetriebe
+dort in der sonnigen Welt?
+
+Keins sieht zum andern hinüber.
+Heimlich, die Stirne voll Ruh
+schreitet der Abend vorüber....
+Und wir? Wir sehn ihm halt zu.--
+
+
+VIII
+
+
+Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.
+Sie findet im Klee einen Vierung....
+Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:
+die Löwenzähne mit blondem Haar
+betreut vom sternigen Schierling.
+
+Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,
+der strotzige, lose Geselle.
+Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn
+und lacht und wälzt durch den Wiesenplan
+des Windes wallende Welle....
+
+
+IX
+
+
+Ich träume tief im Weingerank
+mit meiner blonden Kleinen;
+es bebt ihr Händchen, elfenschlank,
+im heißen Zwang der meinen.
+
+So wie ein gelbes Eichhorn huscht
+das Licht hin im Reflexe,
+und violetter Schatten tuscht
+ins weiße Kleid ihr Kleckse.
+
+In unsrer Brust liegt glückverschneit
+goldsonniges Verstummen.
+Da kommt in seinem Sammerkleid
+ein Hummel Segen summen....
+
+
+X
+
+
+Es ist ein Weltmeer voller Lichte,
+das der Geliebten Aug umschließt,
+wenn von der Flut der Traumgesichte
+die keusche Seele überfließt.
+
+Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers
+so wie ein Kind, das stockt im Lauf,
+geht vor der Pracht des Christbaumzimmers
+die Flügeltüre lautlos auf.
+
+
+XI
+
+
+Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:
+Heut kommt Base Olga zu Gaste.
+Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies
+ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.
+
+Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang
+und frischte sich mäßig die Kehle;
+und wie mein Glas an das deine klang,
+da ging mir ein Riß durch die Seele.
+
+Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß
+mich dem Plaudern der andern zu einen,
+denn tief im trockenen Halse saß
+mir würgend ein wimmerndes Weinen.
+
+Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück
+und küßtest die Lippen mir lange,
+und ich gab dir fiebernde Küsse zurück
+auf die Stirne, den Mund und die Wange.
+
+Und da machtest du leise die Augen zu,
+die Wonne blind zu ergründen....
+Und mir ahnte im Herzen: da wärest du
+am liebsten gestorben in Sünden....
+
+
+XII
+
+
+Die Nacht im Silberfunkenkleid
+streut Trâume eine Handvoll,
+die füllen mir mit Trunkenheit
+die tiefe Seele randvoll.
+
+Wie Kinder eine Weihnacht sehn
+voll Glanz und goldnen Nüssen,--
+seh ich dich durch die Mainacht gehn
+und alle Blumen küssen.
+
+
+XIII
+
+Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,
+und unter Farren bluteten Zyklamen,
+die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,
+es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen.
+Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,
+ich sagte leise deinen süßen Namen:
+Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft
+aus deines Herzens weißem Liliensamen
+die Feuerlilie der Leidenschaft.
+
+Rot war der Abend--und dein Mund so rot,
+wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,
+und jene Flammen, die uns jäh durchloht,
+sie leckten an den neidischen Gewanden....
+Der Wald war stille, und der Tag war tot.
+Uns aber war der Heiland auferstanden,
+und mit dem Tage starben Neid und Not.
+Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,
+und leise stieg das Glück aus weißem Boot.
+
+
+XIV
+
+Es leuchteten im Garten die Syringen,
+von einem Ave war der Abend voll,--
+da war es, daß wir voneinander gingen
+in Gram und Groll.
+
+Die Sonne war in heißen Fieberträumen
+gestorben hinter grauen Hängen weit,
+und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen
+dein weißes Kleid.
+
+Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen
+und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,
+das lange in ein helles Licht gesehen:
+Bin ich jetzt blind?--
+
+
+XV
+
+Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,--
+dann fühl ich mich so ernst und alt,--
+wenn nur ganz leis dein glockenreines
+Gelächter in mir widerhallt.
+
+Wenn dann in großem Kinderstaunen
+dein Auge aufgeht, tief und heiß,--
+möcht ich dich küssen und dir raunen
+die schönsten Märchen, die ich weiß.
+
+
+XVI
+
+Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,
+nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....
+Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern
+da hör ichs nahn....
+
+Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,
+in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,--
+dann unter schattenschweren Blütenbäumen
+seh ich es nahn.
+
+In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,
+am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,
+am Herzen jene Blume nur, die rote,
+trug es die auch?...
+
+
+XVII
+
+Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,
+vom Abschiedsweh die Augen beide rot...
+"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."
+Ich sagte bang: "Die sind schon tot."
+
+Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern
+stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.
+Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,
+und eine Dohle schrie von fern--
+
+
+XVIII
+
+Im Frühling oder im Traume
+bin ich dir begegnet, einst,
+und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,
+und du drückst mir die Hand und weinst.
+
+Weinst du ob der jagenden Wolken?
+Ob der blutroten Blätter? Kaum.
+Ich fühl es: du warst einmal glücklich
+im Frühling oder im Traum....
+
+
+XIX
+
+Sie hatte keinerlei Geschichte,
+ereignislos ging Jahr um Jahr--
+auf einmal kams mit lauter Lichte....
+die Liebe oder was das war.
+
+Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,
+da liegt ein Teich vor ihrem Haus....
+So wie ein Traum scheints zu beginnen,
+und wie ein Schicksal geht es aus.
+
+
+XX
+
+Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell
+erstorben im eigenen Blute.
+Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell
+auf der Kleinen verbogenem Hute.
+
+Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich
+sie die Hand mir schmeichelnd und leise.--
+Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....
+Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".
+
+Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot
+in den Stoff meines Mantels vergrabend....
+Vom Hütchen nickte die Rose rot,
+und es lächelte müde der Abend.
+
+
+XXI
+
+Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh
+will mich das Schicksal noch segnen,
+wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh
+lachende Mädchen begegne....
+Lachen hör ich sie gerne.
+
+Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,
+nie kann ichs, wähn ich, vergessen...
+Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,
+will ich mirs singen ... Indessen
+singens schon oben die Sterne....
+
+
+XXII
+
+Es ist lang,--es ist lang....
+wann--weiß ich gar nimmer zu sagen....
+eine Glocke klang, eine Lerche sang--
+und ein Herz hat so selig geschlagen.
+Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,
+der Flieder hat Blüten getragen,--
+und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,
+das Auge voll staunender Fragen....
+ Es ist lang,--es ist lang....
+
+
+
+
+
+ ADVENT
+
+ (1898)
+
+
+
+
+ADVENT
+
+
+Es treibt der Wind im Winterwalde
+die Flockenherde wie ein Hirt,
+und manche Tanne ahnt, wie balde
+sie fromm und lichterheilig wird,
+und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
+streckt sie die Zweige hin--bereit,
+und wehrt dem Wind und wächst entgegen
+der einen Nacht der Herrlichkeit.
+
+
+
+
+
+ GABEN
+
+ AN VERSCHIEDENE FREUNDE
+
+
+
+Das ist mein Streit:
+Sehnsuchtgeweiht
+durch alle Tage Sehweifen,
+Dann, stark und breit,
+mit tausend Wurzelstreifen
+rief in das Leben greifen--
+und durch das Leid
+weit aus dem Leben reifen,
+weit aus der Zeit!
+
+Du meine heilige Einsamkeit,
+du bist so reich und rein und weit
+wie ein erwachender Garten.
+Meine heilige Einsamkeit du--
+halte die goldenen Türen zu,
+vor denen die Wünsche warten.
+
+Der Bach hat leise Melodien,
+und fern ist Staub und Stadt;
+die Wipfel winken her und hin
+und machen mich so matt.
+
+Der Wald ist wild, die Welt ist weit,
+mein Herz ist hell und groß;
+es hält die blasse Einsamkeit
+mein Haupt in ihrem Schoß.
+
+Ich liebe vergessene Flurmadonnen,
+die ratlos warten auf irgendwen,
+und Mädchen, die an einsame Bronnen,
+Blumen im Blondhaar, träumen gehn.
+
+Und Kinder, die in die Sonne singen
+und staunend groß zu den Sternen sehn,
+und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,
+und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.
+
+Warst du ein Kind in froher Schar,
+dann kannst du's freilich nicht erfassen,
+wie es mir kam, den Tag zu hassen
+als ewig feindliche Gefahr.
+Ich war so fremd und so verlassen,
+daß ich nur tief in blütenblassen
+Mainächten heimlich selig war.
+
+Am Tag trug ich den engen Ring
+der feigen Pflicht in frommer Weise.
+Doch abends schlich ich aus dem Kreise,
+mein kleines Fenster klirrte--kling--
+sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,
+nahm meine Sehnsucht ihre Reise,
+weil sie die weiten Sterne leise
+nach ihrer Heimat fragen ging.
+
+
+
+
+PFAUENFEDER:
+
+
+in deiner Feinheit sondergleichen,
+wie liebte ich dich schon als Kind.
+Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,
+das sich an silberstillen Teichen
+in kühler Nacht die Elfen reichen,
+wenn alle Kinder schlafen sind.
+
+Und weil Großmütterchen, das gute,
+mir oft von Wünschegerten las,
+so träumte ich, du Zartgemute,
+in deinen feinen Fasern flute
+die kluge Kraft der Rätselrute--
+und suchte dich im Sommergras.
+
+Oft denk ich auf der Alltagsreise
+der Nacht, und daß ein Traum mir frommt,
+der mir mit Lippen, kühl und leise,
+die schwüle Stirne küssen kommt.
+
+Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen
+zu sehn.--Der Tag ist karg und klein,
+die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen
+und könnte eine Sage sein.
+
+
+
+
+DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE--
+
+
+das müßte sein von jenen blanken
+Lenztagen einer, da die Kranken
+man vor die dunklen Türen bringt.
+Im Flieder ist ein Spatzenzanken,
+weil keinem rechter Sang gelingt.
+Der Bach, dem alle Bande sanken,
+weiß nicht, was tun vor Glück, und springt
+bis aufwärts zu den Bretterplanken,
+dahinter Beete, kiesumringt,
+und Blumenblühn und Birkenschwanken.
+Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,
+um das der Frühling seine Ranken
+wie liebeleise Arme schlingt--
+ein blondes Kind, das in Gedanken
+das schönste meiner Lieder singt.
+
+An manchem Tag ist meine Seele still:
+Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.
+Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen
+dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen
+den Jubel seiner Arme fesseln will.
+
+Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin
+in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:
+Sie warten auf den Sonntag mit den vollen
+Gestühlen und dem großen Orgelrollen--
+und blasse Ampeln schwanken her und hin.
+
+
+Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
+in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
+um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
+und endlich arm ein armes Sterben stirbt
+im Weihrauchabend gotischer Kapellen,--
+nennt ihr das Seele?
+
+Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
+in der die Welten weite Wege reisen,
+mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
+in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
+und will hinauf und will mir ihnen kreisen....
+Und das ist Seele.
+
+
+Die hohen Tannen armen heiser
+im Winterschnee, und bauschiger
+schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
+Die weißen Wege werden leiser,
+die trauten Stuben lauschiger.
+
+Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
+Im grünen Ofen kracht ein Scheit
+und stürzt in lichten Lohgewittern,--
+und draußen wächst im Flockenflittern
+der weiße Tag zur Ewigkeit.
+
+
+Der Abend kommt von weit gegangen
+durch den verschneiten, leisen Tann.
+Dann preßt er seine Winterwangen
+an alle Fenster lauschend an.
+
+Und stille wird ein jedes Haus;
+die Alten in den Sesseln sinnen,
+die Mütter sind wie Königinnen,
+die Kinder wollen nicht beginnen
+mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
+nicht mehr. Der Abend horcht nach innen
+und innen horchen sie hinaus.
+
+
+Das Wetter war grau und grell;
+der Abend ist lichter und leiser.
+Sicher kommt irgendein Kaiser:
+Alle Häuser sind hell.
+Und so festlich und weich
+war das Abendgebimmel;
+die Alten schaun in den Himmel,
+und die Kinder sind reich.
+
+
+Sonne verlodert am Himmelsrain.
+Durch ernteverarmte Krumen
+waten die Weiber feldein.
+
+An den verschimmernden Schienenreihn
+beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,
+sinnen Sonnenblumen.
+
+
+Du arme, alte Kapelle
+mit deiner verstaubten Zier--
+der Frühling baut eine helle
+Kirche neben dir.
+
+Viel frierende Frauen hinken
+in deine Weihrauchruh,
+draußen die Kinder winken
+allen Rosen zu.
+
+
+Die Mädchen singen:
+Alle Mädchen erwarten wen,
+wenn die Bäume in Blüten stehn;
+wir müssen immer nähn und nähn,
+bis uns die Augen brennen.
+Unser Singen wird nimmer froh,
+fürchten uns vor dem Frühling so:
+Finden wir einmal ihn irgendwo,
+wird er uns nicht mehr erkennen.
+
+
+Lehnen im Abendgarten beide,
+lauschen lange nach irgendwo.
+"Du hast Hände wie weiße Seide...."
+Und da staunt sie: "Du sagst das so...."
+
+Etwas ist in den Garten getreten,
+und das Gitter hat nicht geknarrt,
+und die Rosen in allen Beeten
+heben vor seiner Gegenwart.
+
+
+Eine der weißen Vestageweihten
+lächelte Gnade dem Todbereiten,
+löste ihm von der Stirn die Schmach.
+
+Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten
+des todbefreiten, Schulter breiten
+Epheben nach.
+
+
+Im Kreise der Barone
+der König ritt zur Jagd.
+Ihm wohnte in roter Krone
+ein einsamer Smaragd.
+
+Da gibts unter hellen Hufen
+Wege so weit und weiß;
+keiner hört Hilfe rufen,
+und der Mittag ist heiß....
+
+Ob einer den König erkannte?
+
+Die Dohlen im Abend schrien.
+
+Die allerkühnste spannte
+den Flug schon über Ihn:
+Auf des Königs Stirne brannte
+ein einsamer Rubin.
+
+
+Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.
+In blanken Sälen schleichen leise Schauer.
+Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,
+und alle Wege weltwärts sind verschneit.
+
+Darüber hängt der Himmel brach und breit.
+Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden
+hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....
+Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.
+
+
+Irgendwo muß es Paläste geben,
+drin die Fenster von Staub verschnein;
+in der Säle hallende Reihn
+tauchen tote Tage hinein:
+Gestalten wallen, es warnt der Schrein;
+und kein lustiger Leuchterschein
+reicht In das einsame Seltsamsein....
+
+Dorten wollen wir Feste gehen--
+märchenallein.
+
+
+Im Schlosse mit den roten Zinken
+wär ich so gern des Abends Gast.
+Die Fenster glühn, die Falten sinken,
+und meine weißen Wünsche winken
+mir aus dem lodernden Palast.
+
+Ich will durch lange Hallen schleichen
+und in die tiefen Gärten schaun,
+die über alle Marken reichen.
+Und Frauen lächeln an den Teichen,
+und in den Wiesen prahlen Pfaun....
+
+
+Einmal möcht ich dich wiederschauen,
+Park, mit den alten Lindenalleen,
+und mit der leisesten aller Frauen
+zu dem heiligen Weiher gehn.
+
+Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen
+gleiten leise auf glänzendem Glatt,
+aus der Tiefe tauchen die Rosen
+wie Sagen einer versunkenen Stadt.
+
+Und wir sind ganz allein im Garten,
+drin die Blumen wie Kinder stehn,
+und wir lächeln und lauschen und warten,
+und wir fragen uns nicht, auf wen....
+
+
+Es kommt in prunkenden Gebreiten
+der Abend wie ein leiser Gott.
+Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten
+durch purpurbunte Einsamkeiten
+in bügelleichtem Träumertrott.
+
+Ich atme tief. Ich werde Kaiser.
+Mein heiler Helm ist losgeschnallt,
+und meine Stirne streifen Reiser
+und rauschen so. Und leiser, leiser
+hallt Huf und Ruf im roten Wald.
+
+
+Horch, verhallt nicht ein scheuer
+Schrei von den Hängen her?
+Aus dem morschen Klostergemäuer
+kann der Abend nicht mehr.
+Er sucht sich wund an der Wand.
+Und mit hilfloser Hand
+in das Säulengedränge,
+in ewige Gänge,
+wirft er den Brand.
+Feuer.--
+In schlichtem Gewand
+flieht er, der Heimkehr singender Heuer
+leise gesellt, ins verlöschende Land.
+
+
+Der König Abend weiß sich schwach
+und satt, und ihm geschieht:
+Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,
+der einem Hirtensingen nach
+in Menschen lande zieht.
+
+Jetzt ist der Bach ein Königskind.
+Er jubelt laut Alarm
+und gibt den wunden Krumen blind
+sein Gold.--Und wo die Hütten sind,
+dort ist er wieder arm.
+
+
+Der Tag entschlummert leise,--
+ich walle menschenfern....
+Wach sind im weiten Kreise
+ich--und ein bleicher Stern.
+
+Sein Auge licht durchwoben
+ruht flimmernd hell auf mir,
+er scheint am Himmel droben
+so einsam, wie ich hier....
+
+
+
+
+
+ FAHRTEN
+
+
+
+
+VENEDIG
+
+
+I
+
+
+Fremdes Rufen. Und wir wählen
+eine Gondel, schwarz und schlank:
+Leises Gleiten an den Pfählen
+einer Marmorstadt entlang.
+
+Still. Die Schiffer nur erzählen
+sich. Die Ruder rauschen sacht,
+und aus Kirchen und Kanälen
+winkt uns eine fremde Nacht.
+
+Und der schwarze Pfad wird leiser,
+fernes Ave weht die Luft,--
+traun: Ich bin ein toter Kaiser,
+und sie lenken mich zur Gruft.
+
+
+
+II
+
+
+Immer ist mir, daß die leisen
+Gondeln durch Kanäle reisen
+irgend jemand zum Empfang;
+denn das Warten dauert lang,
+und das Volk ist arm und krank,
+und die Kinder sind wie Waisen.
+
+Lange harren die Paläste
+auf die Herren, auf die Gäste,
+und das Volk will Kronen sehn.
+Auf dem Markusplatze stehn
+möcht ich oft und irgendwen
+fragen nach dem fernen Feste....
+
+
+
+III
+
+
+Mein Ruder sang:
+Poppé, fahr zu!
+Ein Volk von Sklaven
+drängt sich im Hafen
+um nüchterne Feste,
+und die Paläste
+können nicht schlafen.
+Poppé, fahr zu!
+
+Eisige Ruh
+in Marmorgliedern,
+mit matten Lidern
+erschauern die Plätze.
+Im Gassennetze
+betteln die Niedern.
+Poppe, fahr zu!
+
+Sag mir, weißt du
+noch von den Toten,
+die hier geboten
+in köstlichen Kronen?
+Wo sie jetzt wohnen,
+die Purpurroten?
+
+Poppé, fahr zu!
+
+
+
+IV
+
+
+Ave weht von den Türmen her,
+immer noch hörst du die Kirchen erzählen;
+doch die Paläste an stillen Kanälen
+verraten nichts mehr.
+
+Und vorbei an der Traumesruh
+ihrer schlafenden Stirnen schwanken
+leise Gondeln wie schwarze Gedanken
+dem Abend zu.
+
+
+
+
+ENGLAR IM EPPAN
+
+
+Später Weg. Die Hütten kauern,
+und das dumpfe Dorf schläft ein.
+Ernste Türme seh ich dauern,
+weit aus weißen Blütenschauern
+wächst ihr Weltverlorensein.
+
+Abendbrand in brachen Zinnen,
+und der Wind fährt durch den Saal.
+Und für wen im Burghof drinnen
+immer noch die Brunnen rinnen--
+keiner weiß es dort im Tal.
+
+
+
+
+TENNO
+
+
+Der Kirchhof hoch im Sommerschnee
+gehört zum Berghof hin;
+wie über einem Hochlandsee
+wacht Frieden über ihn.
+Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.
+Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,
+die Kreuze arm, die Hügel kahl,
+und sacht und selten wächst die Zahl:
+einmal.
+
+Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.
+Im kleinen Dorf ist kleine Wahl
+und kleines Glück und kleine Qual,--
+drum läuten sie so fern im Tal:
+einmal,--einmal,--einmal.--
+
+
+
+
+CASABLANCA
+
+
+Am Berge weiß ich trutzen
+ein Kirchlein mit rostigem Knauf,
+wie Mönche in grauen Kapuzen
+steigen Zypressen hinauf.
+
+Vergessene Heilige wohnen
+dort einsam im Altarschrein;
+der Abend reicht ihnen Kronen
+durch hohle Fenster hinein.
+
+
+
+
+ARCO
+
+
+Die Hochschneezinne, schartig scharf,
+loht auf wie eine Mauerkrone,
+in die der lachende Nerone,
+der Morgen, seine Fackel warf.
+
+Und wie die Flammen bis ins Blau
+sich zu verblühten Sternen strecken,
+erwacht das Tal in schönem Schrecken
+und taucht empor aus Traum und Tau.
+
+
+
+
+I MULINI
+
+
+Du müde, morsche Mühle,
+dein Moosrad feiert Ruh,
+aus der Olivenkühle
+schaut dir der Abend zu.
+
+Der Bach singt wie verloren
+Menschenlieder nach,
+tiefer über die Ohren
+ziehst du dein trutziges Dach.
+
+
+
+
+BODENSEE
+
+
+Die Dörfer sind wie ein Garten.
+In Türmen von seltsamen Arten
+klingen die Glocken wie weh.
+Uferschlösser warten
+und schauen durch schwarze Scharten
+müd auf den Mittagsee.
+
+Und schnellende Wellchen spielen,
+und goldene Dampfer kielen
+leise den lichten Lauf;
+und hinter den Uferzielen
+tauchen die vielen, vielen
+Silberberge auf.
+
+
+
+
+KONSTANZ
+
+
+Dem Tag ist so todesweh
+Müd gießt er aus goldenen Kelchen
+Wein in den Bergesschnee.
+
+Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,
+ein Stern überm Uferschleh,
+und ziere, zitternde Weilchen
+gittern den Abendsee.
+
+
+
+
+
+ FUNDE
+
+
+
+
+Wenn wie ein leises Flügelbreiten
+sich in den späten Lüften wiegt,--
+ich möchte immer weiter schreiten
+bis in das Tal, wo riefgeschmiegt
+an abendrote Einsamkeiten
+die Sehnsucht wie ein Garten liegt.
+
+Vielleicht darf ich dich dorten rinden,
+und zage wird dein erstes Mühn
+die wehen Wünsche mir verbinden,
+du wirst mich führen tief ins Grün--
+und heimlich werden weiße Winden
+an meinem staubigen Stabe blühn.
+
+
+
+
+Ich möchte draußen dir begegnen,
+wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,
+und wenn ein leises Seelensegnen
+von allen Zweigen niederträuft.
+
+Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,
+Jasmin die weißen Arme streckt
+und lind den ewgen Wehgedanken
+der Stirne Christi überdeckt.
+
+
+
+
+Ich mußte denken unverwandt,
+wie ich einst zwischen schwarzen Pinien
+den tiefen Frühling sinnen fand,
+als ich vor deiner Schönheit stand
+und durch der Scheitel dunkle Linien
+dein Antlitz träumte wie ein Land.
+
+Es schlich von deiner Lippen Saum
+ein Lächeln auf verlornem Pfade--
+ganz leis. Die andern merktens kaum.
+So weht ein Blatt vom Blütenbaum:
+Nur einer schaut die Frühlingsgnade,
+und der sie schaut, ist wie im Traum.
+
+
+
+
+Fremd ist, was deine Lippen sagen,
+fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid
+fremd ist, was deine Augen fragen,
+und auch aus unsern wilden Tagen
+reicht nicht ein leises Wellenschlagen
+an deine tiefe Seltsamkeit.
+
+Du bist wie jene Bildgestalten,
+die überm leeren Altarspind
+noch immer ihre Hände falten,
+noch immer alte Kränze halten,
+noch immer leise Wunder walten--
+wenn längst schon keine Wunder sind.
+
+
+
+
+Du bist so fremd, du bist so bleich.
+Nur manchmal glüht auf deinen Wange
+ein hoffnungsloses Heimverlangen
+nach dem verlornen Rosenreich.
+
+Dann sehnt dein Auge, tief und klar,
+aus allem Müssen, allem Mühen
+ins Land, wo nichts als stilles Blühen
+die Arbeit deiner Hände war.
+
+
+
+
+Weißt du, ich will mich schleichen
+leise aus lautem Kreis,
+wenn ich erst die bleichen
+Sterne über den Eichen
+blühen weiß.
+
+Wege will ich erkiesen,
+die selten wer betritt
+in blassen Abendwiesen--
+und keinen Traum, als diesen:
+Du gehst mit.
+
+
+
+
+Bei dir ist es traut:
+Zage Uhren schlagen
+wie aus weiten Tagen.
+Komm mir ein Liebes sagen:
+aber nur nicht laut.
+
+Ein Tor geht irgendwo
+draußen im Blütentreiben.
+Der Abend horcht an den Scheiben.
+Laß uns leise bleiben:
+Keiner weiß uns so.
+
+
+
+
+Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
+aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
+Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
+und still und gut und voller Frieden sein.
+
+Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
+den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
+An ihren morgenroten Molen sterben
+die ersten Wellen der Unendlichkeit.
+
+
+
+
+Du, Hände, welche immer geben,
+die müssen blühn von fremdem Glück.
+Zart wie ein zartes Birkenbeben,
+bleibt von dem gebenden Erleben
+ein Rhythmenzittern drin zurück.
+
+Das sind die Hände mit den schmalen
+Gelenken, die sich leise mühn;
+und wüßten die von Kathedralen,
+sie müßten sich in Wundenmalen
+vor allem Volke heiligblühn.
+
+
+
+
+Bist gewandert durch Wahn und Weh,
+kommst aus meinen dunkelsten Tagen,
+hast dir eine Brücke geschlagen
+bis zu mir über Schuld und Schnee.
+
+Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot,
+und auf kronengoldenen Locken
+trägst du flüchtige Federflocken
+in den fröhlichen Frühlingstod.
+
+
+
+
+Will dir den Frühling zeigen,
+der hundert Wunder hat.
+Der Frühling ist waldeigen
+und kommt nicht in die Stadt.
+
+Nur die weit aus den kalten
+Gassen zu zweien gehn
+und sich bei den Händen halten--
+dürfen ihn einmal sehn.
+
+
+
+
+Und dieser Frühling macht dich bleicher,
+in weite Wiesen will dein Fuß,
+dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,
+und deine Hände werden reicher
+mit jedem Wink, mit jedem Gruß.
+
+Du holst aus düfteschwüler Lade
+dein Konfirmandenkleidchen dreist
+und trägst es in die wilden Pfade
+und schmückst dich für die große Gnade,
+die deine Seele blühen heißt.
+
+
+
+
+Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß
+weit aus dem Abend bringen.
+Ich geh in die goldene Stunde hinaus,
+und die Fenster leuchten am letzten Haus,
+drin spielende Kinder singen.
+
+Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,
+drin singende Kinder wohnen,
+und mein Wandern wächst und wächst in den Mal
+und kann nicht zurück,--und die Blüten, verzeih,
+die wind ich mir alle zu Kronen.
+
+
+
+
+Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
+aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.
+Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.
+Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,
+harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.
+
+Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,
+und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus....
+Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:
+Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,--
+du, winde wieder einen Kranz daraus.
+
+
+
+
+Du:
+ein Schloß an wellenschweren,
+atlasblassen Abendmeeren--
+und in seinen säulenhehren
+Sälen warten Preis und Prunk,
+uns zu ehren:
+
+Weil wir beide wiederkehren--
+ohne Kronen und mit leeren
+Händen--
+ aber jung
+
+
+
+
+Purpurrote Rosen binden
+möcht ich mir für meinen Tisch
+und, verloren unter Linden,
+irgendwo ein Mädchen finden,
+klug und blond und träumerisch.
+
+Möchte seine Hände fassen,
+möchte knieen vor dem Kind
+und den Mund, den sehnsuchtblassen,
+mir von Lippen küssen lassen,
+die der Frühling selber sind.
+
+
+
+
+Ein Händeineinanderlegen,
+ein langer Kuß auf kühlen Mund,
+und dann; auf Schimmer weißen Wegen
+durchwandern wir den Wiesengrund.
+
+Durch leisen, weißen Blütenregen
+schickt uns der Tag den ersten Kuß,--
+mir ist: wir wandeln Gott entgegen,
+der durchs Gebreite kommen muß.
+
+
+Du willst dir einen Pagen küren?
+Mich komm erküren, Königin.
+Mir klingt aus alten Aventüren
+ein Sang in Saitenspiel und Sinn.
+
+Ich will ins weiße Schloß dich führen,
+in dem ich selber König bin,
+und singen hinter tausend Türen
+für meine weiße Königin.
+
+
+
+
+Abend hat mich müd gemacht,
+und in meinen Sinnen schrillen
+kleine Wünsche mit den Grillen.
+
+Wo das blasse Land verflacht,
+liegen lauter weiße Villen
+hinter roter Rosenpracht.
+
+Liegen wie auf leiser Wacht
+weiße Villen an dem stillen
+Uferrand der Frühlingsnacht.
+
+
+
+
+Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
+Stunden mich in der wirbelnden Kreise
+wirres Geflimmer?
+Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.
+Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer
+einsam, mit heimlichem Lächeln, leise,
+leise--Tage und Träume bauen.
+
+
+
+
+Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang.
+Das war im Traum. Und deine Seele klang.
+
+Ganz leise tönte meine Seele mit,
+und beide Seelen sangen sich; Ich litt.
+
+Da wurde Friede tief in mir. Ich lag
+im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.
+
+
+
+
+Wie meine Träume nach dir schrein.
+Wir sind uns mühsam fremd geworden,
+jetzt will es mir die Seele morden,
+dies arme, bange Einsamsein.
+
+Kein Hoffen, das die Segel bauscht.
+Nur diese weite, weiße Stille,
+in die mein tatenloser Wille
+in atemlosem Bangen lauscht.
+
+
+
+
+Und du warst schön. In deinem Auge schien
+sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
+Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin
+dich ein: So kam dich meine Liebe krönen.
+Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
+weißbindig wie der Vesta Priesterin,
+an deines Seelentempels Säulenrand
+und streute lächelnd weiße Blüten hin.
+
+
+
+
+Du hast so große Augen, Kind.
+Du siehst gewiß oft nachts Gestalten,
+die, fremd und bleich, in marmorkalten
+Traumhänden rote Kronen halten,
+um die ein Leuchten leise rinnt.
+Dann ist dein Blick am Tag wie blind
+und deine Seele wie zerspalten,
+dann bangt dir vor den Alltagsalten,
+wenn Wünsche sich in dir entfalten,
+die allen andern Wahnsinn sind.
+
+Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,
+stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,
+die plump, mit Händen, blöd und bleiern,
+auf deiner Silberseele leiern
+das irre Lied, das sterblich macht;
+zu fliehn in eine blaue Nacht,
+drin alle Wipfel lauschend feiern;
+der Glieder Hymne zu entschleiern
+und scheu im Schoß von weißen Weihern
+zu finden ihre nackte Pracht.
+
+
+
+
+Du sahst in hohe Lichthofmauern
+und spieltest still in dumpfem Raum,
+es lag ein unverstandnes Trauern
+auf deinem blassen Kindheitsträum.
+
+Und deine Tage waren bleiern,
+die Mutter krank, der Vater roh;
+und manchmal kam ein Krüppel leiern--
+dann lauschtest du und weintest so.
+
+Was kann dir nun der Sommer taugen?
+Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag,
+durchirren deine Heimwehaugen
+den uferlosen Sonnentag.
+
+
+
+
+Sie war:
+Ein unerwünschtes Kind, verstoßen
+auch aus der Mutter Nachtgebet,
+und ewig fern von jenem Großen,
+das gebend durch die Zeiten geht.
+
+Sie wünschte wenig--und nur selten
+kam wie ein Weinen über sie
+nach einem Land mit Purpurzelten,
+nach einer fremden Melodie,
+
+nach weißen Wegen, die nicht stauben--
+dann bog sie Rosen sich ins Haar,
+und konnte doch nie Liebe glauben,
+auch wenn es tief im Frühling war.
+
+
+
+
+Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,
+klang oft dein Wort so kummerkrank,
+wie eine leise Liebeslaute,
+die einsam einst ein Meister baute,
+als seine Seele Sehnsucht sang.
+
+Sie lernte seither leichte Lieder
+und tönte gern zu Tag und Tanz,--
+da greift ein Träumer ihre Glieder:
+und wie erwachend weint sie wieder
+das Heimweh ihres Heimatlands.
+
+
+
+
+Ja, früher, wenn ich an dich dachte,
+wie Wunder wars: ein Mai erwachte
+um dich im Aureolenglänz,
+und meine Sehnsucht träumte sachte
+um deine Stirne einen Kranz.
+
+Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen
+ins Herz den herbstverhangnen Hainen,
+schleicht an den bleichen Meilensteinen
+ein wunder Sonnenuntergang.
+
+
+
+
+Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.
+Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband
+lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand,
+darüber aus nassem Nebelgewand
+reckte die Weide die Totenhand.
+
+Mir war so traurig. Ich starrte und stand.
+Ich sah dich kauern am Wegesrand.
+Einst hab ich dich und das Glück gekannt.
+Du weintest wühlend und unverwandt,
+und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?
+
+Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....
+Da hab ich dich wieder wie einst genannt;
+doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.
+Die Pappeln kohlten im Abendbrand,
+und der Tod ging rot durch dein Heimatland.
+
+
+
+
+Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte
+ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt--
+Siehst du den Mond, wie eine silberechte
+Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:
+ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt--
+Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.
+
+Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben?
+Und jede läßt die Schwester schauernd los
+und muß allein verdarben und verderben,
+und alle fallen fahl in deinen Schoß.
+Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.
+Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.
+
+
+
+
+Kannst du die alten Lieder noch spielen?
+Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh
+wie die Schiffe mit silbernen Kielen,
+die nach heimlichen Inselzielen
+treiben im leisen Abendsee.
+
+Und sie landen am Blütengestade,
+und der Frühling ist dort so jung.
+Und da findet an einsamem Pfade
+vergessene Götter in wartender Gnade
+meine müde Erinnerung.
+
+
+
+
+Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,
+die deine Hand zu pflegen nie vergaß?
+ Schon tot?
+Wo ist die Freude deiner Wangen hin,
+die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien--
+ Verloht?
+Und wo ist unser Glück so groß und rein,
+das hell dein Haar wie ein Madonnenschein
+ Umspann?
+Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,
+und morgen kommt der Frost uns ins Gemach--
+ Und dann?
+
+
+
+
+
+ MÜTTER
+
+
+
+
+Ich sehne oft nach einer Mutter mich,
+nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.
+In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;
+sie könnte jenen wilden Haß vereiteln,
+der eisig sich in meine Seele schlich.
+
+Dann säßen wir wohl beieinander dicht,
+ein Feuer surrte leise im Kamine.
+Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,
+und Friede schwebte ob der Teeterrine
+so wie ein Falter um das Lampenlicht.
+
+
+
+
+Mir ist oft, daß ich fragen müßt:
+Du, Mutter, was hast du gesungen,
+eh deinem blassen, blonden Jungen
+der Schlaf die Wangen warm geküßt?
+
+Hattest du damals sehr viel Gram?
+Und weißt du, wie du aufgesprungen,
+wenn deinem blassen, blonden Jungen
+im tiefen Traum ein Weinen kam?
+
+
+
+
+Ich gehe unter roten Zweigen
+und suche einen späten Strauß.
+Weiß nicht vor Glück wo ein und aus,
+mir ist so neu, mir ist so eigen:
+Mein Lieb ist müd und ist zu Haus.
+
+Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel,
+seit sich sein Mieder weiter zieht,
+und seit ein Wunder ihm geschieht:
+Bald hat es breite braune Scheitel
+und sitzt und singt ein Wiegenlied.
+
+
+
+
+Leise weht ein erstes Blühn
+von den Lindenbäumen,
+und, in meinen Träumen kühn,
+seh ich dich im Laubengrün
+hold im ersten Muttermühn
+Kinderhemdchen säumen.
+
+Singst ein kleines Lied dabei,
+und dein Lied klingt in den Mai:
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ tief im trauten Garten.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ meiner Sehnsucht schönsten Traum
+ will ich hier erwarten.
+
+ Blühe, blühe Blütenbaum,
+ Sommer wird dirs zahlen.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum.
+ Schau, ich säume einen Saum
+ hier mit Sonnenstrahlen.
+
+ Blühe, blühe, Blürenbaum,
+ balde kommt das Reifen.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ meiner Sehnsucht schönsten Traum
+ lehr mich, ihn begreifen.
+
+Singst ein kleines Lied dabei,
+und dein Lied ist lauter Mai.
+
+ Und der Blütenbaum wird blühn,
+ blühn vor allen Bäumen,
+ sonnig wird dein Saum erglühn,
+ und verklärt im Laubengrün
+ wird dein junges Muttermühn
+ Kinderhemdchen säumen.
+
+
+
+
+Und reden sie dir jetzt von Schande,
+da Schmerz und Sorge dich durchirrt,--
+o, lächle, Weib! Du stehst am Rande
+des Wunders, das dich weihen wird.
+
+Fühlst du in dir das scheue Schwellen,
+und Leib und Seele wird dir weit--
+o, bete, Weib! Das sind die Wellen
+der Ewigkeit.
+
+
+
+
+DER BLONDE KNABE SINGT:
+Was weinst du, Mutter? Ist das Spind
+auch bettelleer,--sei gut!
+Ich bin dein blondes Kronenkind,
+und du hast Edelblut.
+
+Ich schaute ja, du weißt es nicht,--
+wie du so oft noch spät
+beim morgenmatten Lampenlicht
+dein Königskleid genäht.
+
+So bist du eine Königin,
+und sei nicht bang und zag--
+und bis Ich erst krafteigen bin,
+kommt unser Königs tag.
+
+
+
+
+DIE MUTTER:
+"Liebling, hast du gerufen?"
+Es war ein Wort im Wind.
+"Wie viele steile Stufen
+sind noch bis zu dir, mein Kind?"--
+Da fand ihre Stimme die Sterne,
+fand aber die Tochter nicht.
+
+Im Tale in tiefer Taverne
+löschte ein letztes Licht.
+
+
+
+
+Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
+wilder, wie Strüme, die schäumen,
+wilder, wie Sturm in den Bäumen.
+Und leise läßt sie die Stunden los
+und schenkt ihre Seele den Träumen.
+
+Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
+still überm leisen Gelände,
+und ihr Haus hat ganz weiße Wände--
+Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern--
+und faltet die alternden Hände.
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+LARENOPFER (1896)
+
+Im alten Hause
+Auf der Kleinseite
+Ein Adelshaus
+Der Hradschin
+Bei St. Veit
+Im Dome
+In der Kapelle St. Wenzels
+Vom Lugaus
+Der Bau
+Im Stübchen
+Zauber
+Ein anderes
+Noch eines
+Und das letzte
+Im Erkerstübchen
+Der Novembertag
+Im Straßenkapellchen
+Das Kloster
+Bei den Kapuzinern
+Abend
+Jar. Vrchlický
+Im Kreuzgang von Loretto
+Der junge Bildner
+Frühling
+Land und Volk
+Der Engel
+Allerseelen I. II.
+Bei Nacht
+Abend
+Auf dem Wolschan I
+ II
+Wintermorgen
+Brunnen
+Sphinx
+Träume
+Maitag
+König Abend
+An der Ecke
+Heilige
+Das arme Kind
+Wenns Frühling wird
+Als ich die Universität bezog
+Superavit
+Trotzdem
+Herbststimmung
+An Julius Zeyer
+Der Träumer I
+ II
+Die Mutter
+Unser Abendgang
+Kajetan Týl
+Volksweise
+Das Volkslied
+Dorfsonntag
+Mein Geburtshaus
+In dubiis I. II.
+Barbaren
+Sommerabend
+Gerichtet
+Das Märchen von der Wolke
+Freiheitsklänge
+Nachtbild
+Hinter Smichov
+Im Sommer
+Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis)
+Vigilien I. II.
+ III. IV.
+Der letzte Sonnengruß
+Kaiser Rudolf
+Aus dem Dreißigjährigen Kriege. 1. Krieg
+ 2. Alea jacta est
+ 3. Kriegsknechts-Sang
+ 4. Kriegsknechts-Rang
+ 5. Beim Kloster
+ 6. Ballade
+ 7. Der Fenstersturz
+ 8. Gold
+ 9. Szene
+ 10. Feuerlilie
+ 11. Beim Friedland
+ 12. Frieden
+Bei den Ursulinen
+Aus der Kinderzeit
+Rabbi Löw
+Die alte Uhr
+Kämpfen
+Siegen
+Im Herbst
+Der kleine "Drateník"
+In der Vorstadt
+Bei St. Heinrich
+Mittelböhmische Landschaft
+Das Heimatlied
+
+TRAUMGEKRÖNT (1897)
+
+Königslied
+Träumen
+I. Mein Herz gleicht
+II. Ich denke an:
+III. Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen
+IV. Eine alte Weide trauert
+V. Die Rose hier, die gelbe
+VI. Wir saßen beisammen
+VII. Ich wollt, sie hätten statt der Wiege
+VIII. Jene Wolke will ich neiden
+IX. Mir ist: Die Welt
+X. Wenn das Volk, das drohnenträge
+XI. Weiß ich denn, wie mir geschieht
+XII. Schon blinzt
+XIII. Fahlgrauer Himmel
+XIV. Die Nacht liegt duftschwer
+XV. Im Schoß der silberhellen
+XVI. Abendläuten
+XVII. Weltenweiter Wandrer
+XVIII. Möchte mir ein blondes Glück erkiesen
+XIX. Vor mir liegt ein Felsenmeer
+XX. Die Fenster glühten
+XXI. Es gibt so wunderweiße Nächte
+XXII. Wie eine Riesenwunderblume
+XXIII. Wie, jegliches Gefühl vertiefend.
+XXIV. O gäbs doch Sterne
+XXV. Mir ist so weh, so weh, als müßte
+XXVI. Matt durch der Tale
+XXVII. Ein Erinnern, das ich heilig heiße
+XXVIII. Glaubt mir
+
+LIEBEN
+
+I. Und wie mag die Liebe
+II. Das war der Tag
+III. Einen Maitag mit dir beisammen sein
+IV. Ich weiß nicht, wie mir geschieht
+V. Ob dus noch denkst
+VI. Wir saßen beide in Gedanken
+VII. Blondköpfchen hinter den Scheiben
+VIII. Die Liese wird heute
+IX. Ich träume tief im Weingerank
+X. Es ist ein Weltmeer voller Lichte
+XI. Ich war noch ein Knabe
+XII. Die Nacht im Silberfunkenkleid
+XIII. Schon starb der Tag
+XIV. Es leuchteten im Garten die Syringen
+XV. Oft scheinst du mir ein Kind
+XVI. Nach einem Glück
+XVII. Wir gingen
+XVIII. Im Frühling oder im Traume
+XIX. Sie hatte keinerlei Geschichte
+XX. Man merkte: der Herbst kam
+XXI. Manchmal da ist mir
+XXII. Es ist lang
+
+ADVENT (1898)
+
+Advent. Es treibt der Wind
+
+GABEN
+
+Das ist mein Streit
+Du meine heilige Einsamkeit
+Der Bach hat leise Melodien
+Ich liebe vergessene Flurmadonnen
+Warst du ein Kind in froher Schar
+Pfauenfeder: in deiner Feinheit
+Oft denk ich auf der Alltagsreise
+Damit ich glücklich wäre
+An manchem Tag ist meine Seele still
+Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
+Die hohen Tannen atmen heiser
+Der Abend kommt von weit gegangen
+Das Wetter war grau und grell
+Sonne verlodert am Himmelsrain
+Du arme, alte Kapelle
+Die Mädchen singen
+Lehnen im Abendgarten beide
+Eine der weißen Vestageweihten
+Im Kreise der Barone
+Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit
+Irgendwo muß es Paläste geben
+Im Schlosse mit den roten Zinken
+Einmal möcht ich dich wiederschauen
+Es kommt in prunkenden Gebreiten
+Horch, verhallt nicht ein scheuer
+Der König Abend weiß sich schwach
+Der Tag entschlummert leise
+
+FAHRTEN
+
+Venedig I. Fremdes Rufen
+II. Immer ist mir, daß die leisen
+III. Mein Ruder sang
+IV. Ave weht von den Türmen her
+Englar im Eppan
+Tenno
+Casablanca
+Arco
+I mulini
+Bodensee
+Konstanz
+
+FUNDE
+
+Wenn wie ein leises Flügelbreiten
+Ich möchte draußen dir begegnen
+Ich mußte denken unverwandt
+Fremd ist, was deine Lippen sagen
+Du bist so fremd, du bist so bleich
+Weißt du, ich will mich schleichen
+Bei dir ist es traut
+Die Nacht holt heimlich
+Du, Hände, welche immer geben
+Bist gewandert durch Wähn und Weh
+Will dir den Frühling zeigen
+Und dieser Frühling macht dich bleicher
+Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß
+Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
+Du: ein Schloß an wellenschweren
+Purpurrote Rosen binden
+Ein Händeineinanderlegen
+Du willst dir einen Pagen küren?
+Abend hat mich müd gemacht
+Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
+Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang
+Wie meine Träume nach dir schrein
+Und du warst schön. In deinem Auge schien
+Du hast so große Augen, Kind
+Du sahst in hohe Lichthofmauern
+Sie war: Ein unerwünschtes Kind
+Wenn ich dir ernst ins Auge schaute
+Ja, früher, wenn ich an dich dachte
+Ich ging durch ein Land
+Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte
+Kannst du die alten Lieder noch spielen
+Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas
+
+MÜTTER
+
+Ich sehne oft nach einer Mutter mich
+Mir ist oft, daß ich fragen müßt
+Ich gehe unter roten Zweigen
+Leise weht ein erstes Blühn
+Und reden sie dir jetzt von Schande
+Der blonde Knabe singt
+Die Mutter
+Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß
+
+
+
+
+
+
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+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
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+ </title>
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Erste Gedichte
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+Author: Rainer Maria Rilke
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE ***
+
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+Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
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+<h1>ERSTE GEDICHTE</h1>
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+<h3>Von</h3>
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+<h2>RAINER MARIA RILKE</h2>
+
+
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+
+<h4>IM INSEL-VERLAG</h4>
+
+<h4>MCMXIII</h4>
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+
+<hr style="width: 95%;" />
+<h3><a href="#INHALT">INHALT</a></h3>
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+<p>
+<span style="margin-left: 5em;">LARENOPFER</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_ALTEN_HAUSE" id="IM_ALTEN_HAUSE"></a>IM ALTEN HAUSE<br />
+<br />
+<br />
+Im alten Hause; vor mir frei<br />
+seh ich ganz Prag in weiter Runde;<br />
+tief unten geht die Dmmerstunde<br />
+mit lautlos leisem Schritt vorbei.<br />
+<br />
+Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.<br />
+Nur hoch, wie ein behelmter Hne,<br />
+ragt klar vor mir die grnspangrne<br />
+Turmkuppel von Sankt Nikolas.<br />
+<br />
+Schon blinzelt da und dort ein Licht<br />
+fern auf im schwlen Stadtgebrause.&mdash;<br />
+Mir ist, da in dem alten Hause<br />
+jetzt eine Stimme "Amen" spricht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUF_DER_KLEINSEITE" id="AUF_DER_KLEINSEITE"></a>AUF DER KLEINSEITE<br />
+<br />
+<br />
+Alte Huser, steilgegiebelt,<br />
+hohe Trme voll Gebimmel,&mdash;<br />
+in die engen Hfe liebelt<br />
+nur ein winzig Stckchen Himmel.<br />
+<br />
+Und auf jedem Treppenpflocke<br />
+mde lchelnd&mdash;Amoretten;<br />
+hoch am Dache um barocke<br />
+Vasen rieseln Rosenketten.<br />
+<br />
+Spinnverwoben ist die Pforte<br />
+dort. Verstohlen liest die Sonne<br />
+die geheimnisvollen Worte<br />
+unter einer Steinmadonne.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_ADELSHAUS" id="EIN_ADELSHAUS"></a>EIN ADELSHAUS<br />
+<br />
+<br />
+Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:<br />
+wie schn will mir sein grau er Glast erscheinen.<br />
+Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen<br />
+und dort, am Eck, die trbe, fette Lampe.<br />
+<br />
+Auf einer Fensterbrstung nickt ein Tauber,<br />
+als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;<br />
+und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:<br />
+das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich&mdash;Zauber.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_HRADSCHIN" id="DER_HRADSCHIN"></a>DER HRADSCHIN<br />
+<br />
+<br />
+Schau so gerne die verwetterte<br />
+Stirn der alten Hofburg an;<br />
+schon der Blick des Kindes kletterte<br />
+dort hinan.<br />
+<br />
+Und es gren selbst die eiligen<br />
+Moldauwellen den Hradschin,<br />
+von der Brcke sehn die Heiligen<br />
+ernst auf ihn.<br />
+<br />
+Und die Trme schaun, die neueren,<br />
+alle zu des Veitsturms Knauf<br />
+wie die Kinderschar zum teueren<br />
+Vater auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_ST_VEIT" id="BEI_ST_VEIT"></a>BEI ST. VEIT<br />
+<br />
+<br />
+Gern steh ich vor dem alten Dom;<br />
+wie Moder weht es dort, wie Fule,<br />
+und jedes Fenster, jede Sule<br />
+spricht noch ihr eignes Idiom.<br />
+<br />
+Da hockt ein reich geschnrkelt Haus<br />
+und lchelt Rokoko-Erotik,<br />
+und hart daneben streckt die Gotik<br />
+die drren Hnde betend aus.<br />
+<br />
+Jetzt wird mir klar der casus rei;<br />
+ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:<br />
+der Herr Abb hier&mdash;ihm zuseiten<br />
+die Dame des roi soleil.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_DOME" id="IM_DOME"></a>IM DOME<br />
+<br />
+<br />
+Wie von Steinen rings, von Erzen<br />
+weit der Wnde Wlbung funkelt,<br />
+eine Heilge, braungedunkelt,<br />
+dmmert hinter trben Kerzen.<br />
+<br />
+Von der Decke, rundgemauert,<br />
+schwebt ob eines Engels Kopfe<br />
+hell ein weier Silbertropfe,<br />
+drin ein ewig Lichtlein kauert.<br />
+<br />
+Und im Eck, wo Goldgeglaste<br />
+niederhangt in staubgen Klumpen,<br />
+steht in Schmutz gehllt und Lumpen<br />
+still ein Kind der Bettlerkaste.<br />
+<br />
+Von dem ganzen Glnze flo ihm<br />
+in die Brust kein Fnkchen Segen....<br />
+Zitternd, matt, streckts mir entgegen<br />
+seine Hand mit leisem: "Prosim!"<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS" id="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS"></a>IN DER KAPELLE ST. WENZELS<br />
+<br />
+<br />
+Alle Wnde in der Halle<br />
+voll des Prachtgesteins; wer wte<br />
+sie zu nennen: Bergkristalle,<br />
+Rauchtopase, Amethyste.<br />
+<br />
+Zauberhell wie ein Mirakel<br />
+glnzt der Raum im Lichtgetnzel,<br />
+unterm goldnen Tabernakel<br />
+ruht der Staub des heilgen Wenzel.<br />
+<br />
+Ganz von Leuchten bis zum Scheitel<br />
+ist die Kuppel voll, die hohle;<br />
+und der Goldglast sieht sich eitel<br />
+in die gelben Karneole.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOM_LUGAUS" id="VOM_LUGAUS"></a>VOM LUGAUS<br />
+<br />
+<br />
+Dort, seh ich Trme, kuppig bald wie Eicheln<br />
+und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;<br />
+dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen<br />
+schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.<br />
+<br />
+Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten<br />
+sieh St. Mariens Doppeltrme blitzen.<br />
+Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fhlerspitzen<br />
+in sich des Himmels violette Tinten!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BAU" id="DER_BAU"></a>DER BAU<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(1)</span><br />
+<br />
+Die moderne Bauschablone<br />
+will mir wahrlich gar nicht passen.<br />
+Hier, dies alte Haus darf fassen<br />
+reiche, weite Steinterrassen,<br />
+kleine, heimliche Balkone.<br />
+<br />
+Und die weitgewlbten Decken,<br />
+die so gnstig sind den Lauten,<br />
+Nischen rings, die eingebauten,<br />
+draus die Arme sich der trauten<br />
+Dmmrung dir entgegenstrecken.<br />
+<br />
+Alle Mauern breiter, strker<br />
+und aus echten Quaderkernen;&mdash;<br />
+traun, das Gruseln knnt ich lernen,<br />
+seh ich auf die Zinskasernen<br />
+aus dem kleinen, Stillen Erker.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_STUBCHEN" id="IM_STUBCHEN"></a>IM STBCHEN<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(2)</span><br />
+<br />
+Traut ists, wenn verstohlen heulen<br />
+im Kamine wilde Winde<br />
+in der Stube; ganz gelinde<br />
+tickt auf dem barocken Spinde<br />
+fort die Stockuhr mit den Sulen.<br />
+Dort, die kleine Silhouette<br />
+zeigt die alte Tracht der Locken,<br />
+tief im Fenster steht ein Rocken,<br />
+und vergene Tne stocken<br />
+im verlassenen Spinette.<br />
+Immer noch hegt die Postille,<br />
+da an ihrem Geist erfrische<br />
+jung und alt sich, auf dem Tische,<br />
+und der Spruch ob jener Nische<br />
+lautet: "Es gescheh Dein Wille...."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ZAUBER" id="ZAUBER"></a>ZAUBER<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(3)</span><br />
+<br />
+Oft seh ich die heimliche Stube belebt,<br />
+so lebhaft erzhlen die Wnde;<br />
+ein liebliches Mdchen, halb Kind noch, hebt<br />
+dort zu der Madonna die Hnde.<br />
+<br />
+Ein tchtiger Junge beim Vater steht,<br />
+der viel zu des Hauses Gewinn tat.<br />
+An huben sie flsternd das Abendgebet,<br />
+und Mutter lt ruhen das Spinnrad.<br />
+<br />
+Da deucht mich, es wird wohl das Auge na<br />
+sogar der Madonna im Rahmen.<br />
+Ich lausche:&mdash;Laut von des Vaters Ba<br />
+ertnt das vershnende: "Amen".<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_ANDERES" id="EIN_ANDERES"></a>EIN ANDERES<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(4)</span><br />
+<br />
+Naht der Sohn mit schwerem Schritt<br />
+seinem Vater. Schwer die Zunge....<br />
+"Wirklich, was, ein Brutchen, junge?!<br />
+Vorwrts, nur herein damit!"<br />
+<br />
+Und da steht zum erstenmal<br />
+jetzt das Mdchen rot und stille;<br />
+und der Vater putzt die Brille:<br />
+"Teufel! Gut war deine Wahl!"<br />
+<br />
+Und er streckt die Arme aus,<br />
+und das Brutchen nimmt verlegen<br />
+seinen Ku und seinen Segen....<br />
+Davon wei das alte Haus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="NOCH_EINES" id="NOCH_EINES"></a>NOCH EINES<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(5)</span><br />
+<br />
+Auch dem blonden Kinde kam es<br />
+In sein Herz, sein waldseereines,<br />
+wie das dunkle Ahnen eines<br />
+groen Glckes oder Grames.<br />
+<br />
+Und die Mutter lie das Rdchen<br />
+stocken.&mdash;"Kind, was macht dich leiden?"<br />
+Strmisch schluchzend schwieg das Mdchen:<br />
+doch verstanden sich die beiden.<br />
+<br />
+Kurz darauf: Am Pfrtchen pochte<br />
+junger Herr.&mdash;"Wollt ihr euch?"&mdash;Pause.&mdash;<br />
+Ob!&mdash;Wer da noch fragen mochte!?&mdash;<br />
+So geschahs im alten Hause.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="UND_DAS_LETZTE" id="UND_DAS_LETZTE"></a>UND DAS LETZTE<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(6)</span><br />
+<br />
+Still heut die Stube.&mdash;Wei wie Kalk<br />
+ist Frauchens Antlitz. Md und lustlos<br />
+ihr feuchtes Auge; halb bewutlos<br />
+lehnt sie bei Vaters Katafalk.<br />
+<br />
+Zuseiten ihr der Gatte kann<br />
+sie trsten mehr in keiner Weise;<br />
+nun fat er ihre Hnde leise<br />
+und sieht sie ernst und bittend an.<br />
+<br />
+"Mein Mtterchen, nimm diesen Strau!"<br />
+tnt trher hell das Wort des Kleinen;<br />
+da glimmt ein Lcheln durch ihr Weinen,<br />
+und Trost geht durch das alte Haus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_ERKERSTUBCHEN" id="IM_ERKERSTUBCHEN"></a>IM ERKERSTBCHEN<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 6em;">(7)</span><br />
+<br />
+Nicht zu sehn das Alltagstreiben,<br />
+flieh ich&mdash;wie wenn ich ein Strau war,&mdash;<br />
+in das alte, alte Haus her;<br />
+lang dann seh ich nicht hinaus mehr<br />
+durch die breit verbleiten Scheiben.<br />
+<br />
+Schlichtheit war der Vter Aussaat,<br />
+Glck die Frucht, die sie gefunden;<br />
+sitz so trumend manche Stunden<br />
+dort im Polsterstuhl, im runden,<br />
+mitten in Urvterhausrat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_NOVEMBERTAG" id="DER_NOVEMBERTAG"></a>DER NVEMBERTAG<br />
+<br />
+<br />
+Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,<br />
+seine tausend Jubelstimmen schweigen;<br />
+hoch vom Domturm wimmern gar so eigen<br />
+Sterbeglocken in Novembernebeln.<br />
+<br />
+Auf den nassen Dchern liegt verschlafen<br />
+weies Dunstlicht; und mit kalten Hnden<br />
+greift der Sturm in des Kamines Wnden<br />
+eines Totenkarmens Schluoktaven.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN" id="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN"></a>IM STRAEN KAPELLCHEN<br />
+<br />
+<br />
+Bei St. Loretto da brennt ein Licht<br />
+vorm Bilde im Straenkapellchen;<br />
+und um das Wandbild schmiegen sich dicht<br />
+Blechblumen mit farbigen Kelchen.<br />
+<br />
+Die Heiligen machen ein bel Gesicht;<br />
+denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat<br />
+nicht Achtung fr sie; bei Loretto das Licht<br />
+schaut fromm in den dmmernden Sabbat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KLOSTER" id="DAS_KLOSTER"></a>DAS KLOSTER<br />
+<br />
+<br />
+Im Dmmerdustgeschwel<br />
+ist schon die Stadt zerronnen<br />
+hoch steht das Haus der Nonnen<br />
+des Ordens von Carmel.<br />
+<br />
+Der Abend hpft hangab<br />
+vorbei mit Feuergarben<br />
+und windet tausend Farben<br />
+um jeden Fensterstab.<br />
+<br />
+Er schmckt das dstre Haus<br />
+umsonst mit Lichtgeglnze;<br />
+So sehen frische Krnze<br />
+auf Leichensteinen aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_DEN_KAPUZINERN" id="BEI_DEN_KAPUZINERN"></a>BEI DEN KAPUZINERN<br />
+<br />
+<br />
+Es hat der Pater Guardian<br />
+vom Klosterschnaps mir angeboten;<br />
+ich kenn ihn schon, den dunkelroten,<br />
+der alle Toten wecken kann.<br />
+<br />
+Der Pater sucht den Schlssel, klein,<br />
+dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,<br />
+und holt den Schatz, den selbstgebrauten,<br />
+hervor aus dem Reliquienschrein.<br />
+<br />
+Und wie er einschenkt, lacht er feist<br />
+und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,<br />
+die einstens ruhten in dem Schreine,<br />
+doch uns erhalten blieb&mdash;&mdash;der Geist!"<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABEND_I" id="ABEND_I"></a>ABEND<br />
+<br />
+<br />
+Einsam hinterm letzten Haus<br />
+geht die rote Sonne schlafen,<br />
+und in ernste Schluoktaven<br />
+klingt des Tages Jubel aus.<br />
+<br />
+Lose Lichter haschen spt<br />
+noch sich auf den Dcherkanten,<br />
+wenn die Nacht schon Diamanten<br />
+in die blauen Fernen st.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JAR_VRCHLICKY" id="JAR_VRCHLICKY"></a>JAR. VRCHLICK<br />
+<br />
+<br />
+Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,<br />
+wo oft ich Ungemach verga,<br />
+md nicken krause Chrysanthemen<br />
+im hohen Venezianergls.<br />
+<br />
+Ich las in einem Band Gedichte<br />
+gar lange; wie die Zeit entschwand!<br />
+Jetzt erst im Abenddmmerlicbte<br />
+leg ich sie selig aus der Hand.<br />
+<br />
+Mir ist, von gttlichen Problemen<br />
+htt ich die Lsung jetzt erlauscht,&mdash;<br />
+hat mich der Hauch der Chrysanthemen,<br />
+hat mich Vrchlicks Buch berauscht?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO" id="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO"></a>IM KREUZGANG VON LORETTO<br />
+<br />
+<br />
+Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,<br />
+wo ber krausen Sulenarabesken<br />
+herniederschaun aus halb verwischten Fresken<br />
+geheimnisvolle Heiligengestalten.<br />
+<br />
+Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht<br />
+so manchen gnadenvollen Heilmirakels,<br />
+prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels<br />
+im silberbersten Seidenkleid.<br />
+<br />
+Spannt ber Blttergold Sptsommerhaar<br />
+sich drauen auch im Klosterhof Lorettos,&mdash;<br />
+vor einem Bild im Stile Tintorettos<br />
+steht selig still ein junges Liebespaar.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_JUNGE_BILDNER" id="DER_JUNGE_BILDNER"></a>DER JUNGE BILDNER<br />
+<br />
+<br />
+Ich mu nach Rom; in unser Stdtchen<br />
+kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurck;<br />
+nicht weinen; sieh, geliebtes Mdchen,<br />
+ich mach in Rom mein Meisterstck.<br />
+<br />
+Er sprachs; dann zog er fort im Rausche<br />
+durch jene Welt, die er erhofft;<br />
+doch war ihm, seine Seele lausche<br />
+auf einen innern Vorwurf oft.<br />
+<br />
+Die Unrast trieb ihn heim, die arge:<br />
+Er bildete mit nassem Blick<br />
+sein armes, fahles Lieb im Sarge,<br />
+und das&mdash;das war sein Meisterstck.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="FRUHLING" id="FRUHLING"></a>FRHLING<br />
+<br />
+<br />
+Die Vgel jubeln&mdash;lichtgeweckt&mdash;,<br />
+die blauen Weiten fllt der Schall aus;<br />
+im Kaiserpark das alte Ballhaus<br />
+ist ganz mit Blten berdeckt.<br />
+<br />
+Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll<br />
+ins junge Gras mit groen Lettern.<br />
+Nur dorten unter welken Blttern<br />
+seufzt traurig noch ein Steinapoll.<br />
+<br />
+Da naht ein Lftchen, fegt im Tanz<br />
+hinweg das gelbe Blattgeranke<br />
+und legt um seine Stirn, die blanke,<br />
+den blauenden Syringenkranz.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LAND_UND_VOLK" id="LAND_UND_VOLK"></a>LAND UND VOLK<br />
+<br />
+<br />
+...Gott war guter Laune. Geizen<br />
+ist doch wohl nicht seine Art;<br />
+und er lchelte: da ward<br />
+Bhmen, reich an tausend Reizen.<br />
+<br />
+Wie erstarrtes Licht liegt Weizen<br />
+zwischen Bergen, waldbehaart,<br />
+und der Baum, den dichtgeschaart<br />
+Frchte drcken, fordert Spreizen.<br />
+<br />
+Gott gab Htten; voll von Schafen<br />
+Stlle; und der Dirne klafft<br />
+vor Gesundheit fast das Mieder.<br />
+<br />
+Gab den Burschen all, den braven,<br />
+in die raube Faust die Kraft,<br />
+in das Herz&mdash;die Heimatlieder.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br />
+<br />
+<br />
+Hin geh ich durch die Malvasinka<br />
+die Kinderreih, wo sanft und gut<br />
+die kleine Anka oder Ninka<br />
+in ihrem letzten Bettchen ruht.<br />
+<br />
+Auf einem schmalen Schollenhgel<br />
+kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,<br />
+mit staubigem, gebrochnem Flgel<br />
+ein Engelchen aus rohem Ton.<br />
+<br />
+Das flgellahme Kindchen flte<br />
+mir Mitleid ein,&mdash;das arme Ding....<br />
+Da, sieh! Von seinen Lippen lste<br />
+sich leicht ein kleiner Schmetterling.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALLERSEELEN" id="ALLERSEELEN"></a>ALLERSEELEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Rings liegt der Tag von Allerseelen<br />
+voll Wehmut und voll Bltenduft,<br />
+und hundert bunte Lichter schwelen<br />
+vom Feld des Friedens in die Luft.<br />
+<br />
+Sie senden Palmen heut und Rosen;<br />
+der Grtner ordnet sie mit Sinn&mdash;<br />
+und kehrt zum Eck der Glaubenslosen<br />
+die alten, welken Blumen hin.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+"Jetzt beten, Willi,&mdash;und nicht reden!"<br />
+Mit groem Aug gehorcht der Knab.<br />
+Der Vater legt den Kranz Reseden<br />
+auf seines armen Weibes Grab.<br />
+<br />
+"Die Mutter schlft hier! Mach ein Kreuz nun!"<br />
+Klein Willi sieht empor und macht,<br />
+wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,<br />
+da er am Weg heraus gelacht!<br />
+<br />
+Es sticht im Auge ihn&mdash;wie Weinen....<br />
+Dann gehn sie heimwrts durch die Nacht;<br />
+ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen<br />
+beim Ausgang jh der Buden Pracht.<br />
+<br />
+Es blinkt durch den Novembernebel<br />
+herber lichtbeglnzter Tand;<br />
+er sieht dort Pferdchen, Heime, Sbel<br />
+und kt dem Vater leis die Hand.<br />
+<br />
+Und der versteht. Dann gehn sie weiter....<br />
+Der Vater sieht so traurig aus.&mdash;<br />
+Doch einen Pfeiferkuchenreiter<br />
+schleppt Willi selig sich nach Haus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_NACHT" id="BEI_NACHT"></a>BEI NACHT<br />
+<br />
+<br />
+Weit ber Prag ist riesengro<br />
+der Kelch der Nacht schon aufgegangen;<br />
+der Sonnenfalter barg sein Prangen<br />
+in ihrem khlen Bltenscho.<br />
+<br />
+Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,<br />
+und neckend streut er das Gestrhne<br />
+der weien Silberhobelspne<br />
+hernieder in den Moldaustrom.<br />
+<br />
+Da pltzlich, wie beleidigt, hat<br />
+zurckgerufen er die Strahlen,<br />
+weil er gewahr ward des Rivalen:<br />
+der Turmuhr helles Stundenblatt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABEND_II" id="ABEND_II"></a>ABEND<br />
+<br />
+<br />
+Der Abend naht.&mdash;Die klare Zone<br />
+der Stirne schmckt ein goldner Reifen,<br />
+und tausend Schattenhnde greifen<br />
+verstohlen nach der roten Krone.<br />
+<br />
+Die ersten, blassen Sterne liebeln<br />
+ihm zu; er steht hoch am Hradschine<br />
+und schaut mit ernster Trumermiene<br />
+die Trme und die grauen Giebeln.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUF_DEM_WOLSCHAN" id="AUF_DEM_WOLSCHAN"></a>AUF DEM WOLSCHAN<br />
+<br />
+Am Abend des Tages von Allerseelen<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Die drren ste bergittern<br />
+des Himmels abendblasse Scheiben;<br />
+und ber Grfte, reich mit Fttern<br />
+geschmckt, geht Wehmut, und es zittern<br />
+die Lichter durch das Blttertreiben.<br />
+<br />
+Im mden Blau, im regungslosen,<br />
+schwimmt fern der Mond. Die Lebensbume,<br />
+die seine blanke Stirne kosen,<br />
+sind schwarz. Der Duft von welken Rosen<br />
+schleicht her wie Geister toter Trume.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Ferner Lrm vom Wagendamm.&mdash;<br />
+Hier keimt Friede und Vergessen,<br />
+zwischen zweien Grabzypressen<br />
+hangt der Mond wie ein Tam-Tam.<br />
+<br />
+Schlgt die Ewigkeit nicht sacht<br />
+jetzt daran mit schwarzem Schwengel?<br />
+Bange schaut ein Marmorengel<br />
+in das Aug der Sptherbstnacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="WINTERMORGEN" id="WINTERMORGEN"></a>WINTERMORGEN<br />
+<br />
+<br />
+Der Wasserfall ist eingefroren,<br />
+die Dohlen hocken hart am Teich.<br />
+Mein schnes Lieb hat rote Ohren<br />
+und sinnt auf einen Schelmenstreich.<br />
+<br />
+Die Sonne kt uns. Traumverloren<br />
+schwimmt im Gest ein Klang in Moll;<br />
+und wir gehn frder, alle Poren<br />
+vom Kraftarom des Morgens voll.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BRUNNEN" id="BRUNNEN"></a>BRUNNEN<br />
+<br />
+<br />
+Ganz verschollen ist die alte,<br />
+holde Brunnenpoesie,<br />
+da aus Tritons Muschelspalte<br />
+eine klare Quelle lallte,<br />
+die den Gassen Sprache lieh.<br />
+<br />
+Abends bei den Rhrenkasten<br />
+sammelte sich Paar um Paar,<br />
+weil der Quelle lieblich Glasten<br />
+und ihr Laut der tiefgefaten<br />
+Neigung ses Omen war.<br />
+<br />
+Aber als durch Menschenmhn dann<br />
+Wasser treppen aufwrts stieg,<br />
+und kein Paar kam: Misogyn dann<br />
+ward der Gott; es schlich sich Grnspan<br />
+in die Muschel,&mdash;und er schwieg.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SPHINX" id="SPHINX"></a>SPHINX<br />
+<br />
+<br />
+Sie fanden sie, den Schdel halb zerschlagen,<br />
+in starrer Hand das heie Rohr von Stahl.<br />
+Die Menge gaffte.&mdash;Bis der Rettungswagen<br />
+sie brachte in das gelbe Stadtspital.<br />
+<br />
+Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....<br />
+Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;<br />
+dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen<br />
+und dann der Priester.&mdash;Sie blieb stumm und fahl.<br />
+<br />
+Doch spt bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,<br />
+gestehn ... Doch niemand hrte sie im Saal.<br />
+Ein Rcheln.&mdash;Dann ward sie herausgetragen,<br />
+sie und ihr Schmerz.&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 8em;">Und drauen steht kein Mal.</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TRAUME" id="TRAUME"></a>TRUME<br />
+<br />
+<br />
+Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden<br />
+geschmckt des blauen Kleides Saum;&mdash;<br />
+sie reicht mir mild mit ihren beiden<br />
+Madonnenhnden einen Traum.<br />
+<br />
+Dann geht sie, ihre Pflicht zu ben,<br />
+hinfort die Stadt mit leisem Schritt<br />
+und nimmt, als Sold des Traumes, drben<br />
+des kranken Kindes Seele mit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MAITAG" id="MAITAG"></a>MAITAG<br />
+<br />
+<br />
+Still!&mdash;Ich hr, wie an Gelnden<br />
+leicht der Wind vorberhpft,<br />
+wie die Sonne Strahlenenden<br />
+an Syringendolden knpft.<br />
+<br />
+Stille rings. Nur ein geblhter<br />
+Frosch hlt eine Mckenjagd,<br />
+und ein Kfer schwimmt im ther,<br />
+ein lebendiger Smaragd.<br />
+<br />
+Im Gest spinnt Sberrhomben<br />
+Mutter Spinne Zoll um Zoll,<br />
+und von Bltenhekatomben<br />
+hat die Welt die Hnde voll.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KONIG_ABEND" id="KONIG_ABEND"></a>KNIG ABEND<br />
+<br />
+<br />
+Wie Knig Balthasar einst nahte,<br />
+die Stirn vom Kronenreif erhellt,<br />
+so tritt im purpurnen Ornate<br />
+der Knig Abend in die Welt.<br />
+<br />
+Der erste Stern fhrt ihn wie jenen<br />
+bis an den fernsten Hgelsaum;<br />
+dort findet Mutter Nacht er lehnen<br />
+mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.<br />
+<br />
+Dem bringt er just, wie jener Weise<br />
+des Orients, das Gold, gehuft,&mdash;<br />
+das Gold, das uns der Knabe leise<br />
+erlsend in den Schlummer truft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AN_DER_ECKE" id="AN_DER_ECKE"></a>AN DER ECKE<br />
+<br />
+<br />
+Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,<br />
+die an der Ecke stets Kastanien briet.<br />
+Ihr Antlitz schaut aus einer Tcherspalte<br />
+froh und gesund, ob Falte auch bei Falte<br />
+seit vielen Jahren es durchzieht.<br />
+<br />
+Und tchtig ist sie, ja, das will ich meinen;<br />
+die Tten mssen rein sein, und das Licht<br />
+an ihrem Stand mu immer helle scheinen,<br />
+und von dem Ofen mit den krummen Beinen<br />
+verlangt sie streng die heie Pflicht.<br />
+<br />
+So trefflich schmort auch keine die Maroni.<br />
+Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,<br />
+und alle kennt sie&mdash;bis zum Tramwaypony;<br />
+sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....<br />
+Und leise summt ihr Herd sein Lied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HEILIGE" id="HEILIGE"></a>HEILIGE<br />
+<br />
+<br />
+Groe Heilige und kleine<br />
+feiert jegliche Gemeine;<br />
+hlzern und von Steine feine,<br />
+groe Heilige und kleine.<br />
+<br />
+Heilge Annen und Kathrinen,<br />
+die im Traum erschienen ihnen,<br />
+baun sie sich und dienen ihnen,<br />
+heilgen Annen und Kathrinen.<br />
+<br />
+Wenzel la ich auch noch gelten,<br />
+weil sie selten ihn bestellten;<br />
+denn zu viele gelten selten&mdash;<br />
+nun, Sankt Wenzel la ich gelten.<br />
+<br />
+Aber diese Nepomuken!<br />
+Von des Torgangs Luken gucken<br />
+und auf allen Brucken spuken<br />
+lauter, lauter Nepomuken!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_ARME_KIND" id="DAS_ARME_KIND"></a>DAS ARME KIND<br />
+<br />
+<br />
+Ich wei ein Mdchen, eingefallen<br />
+die Wangen.&mdash;War ein leichtes Tuch<br />
+die Mtter; und des Vaters Fluch<br />
+fiel in ihr erstes Lallen.<br />
+<br />
+Die Armut blieb ihr treu die Jahre,<br />
+und Hunger ward ihr Angebind;<br />
+so ward sie ernst.&mdash;Das Lenzgold rinnt<br />
+umsonst in ihre Haare.<br />
+<br />
+Sie schaut die lchelnden Gesichter<br />
+der Blumen traurig an im Hag<br />
+und denkt: der Allerseelentag<br />
+hat Blten auch und Lichter.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="WENNS_FRUHLING_WIRD" id="WENNS_FRUHLING_WIRD"></a>WENNS FRHLING WIRD<br />
+<br />
+<br />
+Die ersten Keime sind, die zarten,<br />
+im goldnen Schimmer aufgesprossen;<br />
+schon sind die ersten der Karossen<br />
+<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br />
+<br />
+Die Wandervgel wieder scharten<br />
+zusamm sich an der alten Stelle,<br />
+und bald stimmt ein auch die Kapelle<br />
+<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br />
+<br />
+Der Lenzwind plauscht in neuen Arten<br />
+die alten, wundersamen Mrchen,<br />
+und drauen trumt das erste Prchen<br />
+<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG" id="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG"></a>ALS ICH DIE UNIVERSITT BEZOG<br />
+<br />
+<br />
+Ich seh zurck, wie Jahr um Jahr<br />
+so mheschwer vorberrollte;<br />
+nun endlich bin ich, was ich wollte<br />
+und was ich strebte: ein Skolar.<br />
+<br />
+Erst "Recht" studieren war mein Plan;<br />
+doch meine leichte Laune schreckten<br />
+die strengen, staubigen Pandekten,<br />
+und also ward der Plan zum Wahn.<br />
+<br />
+Theologie verbot mein Lieb,<br />
+knnt mich auf Medizin nicht werfen,<br />
+so da fr meine schwachen Nerven<br />
+nichts als&mdash;Philosophieren blieb.<br />
+<br />
+Die Alma mater reicht mir dar<br />
+der freien Knste Prachtregister,&mdash;<br />
+und bring ichs nie auch zum Magister,<br />
+bin was ich strebte: ein Skolar.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SUPERAVIT" id="SUPERAVIT"></a>SUPERAVIT<br />
+<br />
+<br />
+Nie kann ganz die Spur verlaufen<br />
+einer starken Tat; dies lehrt<br />
+zu Konstanz der Scheiterhaufen;<br />
+denn aus tausend Feuertaufen<br />
+steigt der Hochgeist unversehrt.<br />
+<br />
+Bis zu uns her ungeheuer<br />
+ragt der Reformator Hus,<br />
+frchten wir der Lehre Feuer,<br />
+neigen wir uns doch in scheuer<br />
+Ehrfurcht vor dem Genius.<br />
+<br />
+Der, den das Gericht verdammte,<br />
+war im Herzen, tief und rein,<br />
+berzeugt von seinem Amte,&mdash;<br />
+und der hohe Holzsto flammte<br />
+seines Ruhmes Strahlenschein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TROTZDEM" id="TROTZDEM"></a>TROTZDEM<br />
+<br />
+<br />
+Manchmal vom Regal der Wand<br />
+hol ich meinen Schopenhauer,<br />
+einen "Kerker voller Trauer"<br />
+hat er dieses Sein genannt.<br />
+<br />
+So er recht hat, ich verlor<br />
+nichts: in Kerkereinsamkeiten<br />
+weck ich meiner Seele Saiten<br />
+glcklich wie einst Dalibor.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HERBSTSTIMMUNG" id="HERBSTSTIMMUNG"></a>HERBSTSTIMMUNG<br />
+<br />
+<br />
+Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,<br />
+an dessen Tre schon der Tod steht still;<br />
+auf nassen Dchern liegt ein blasser Schimmer,<br />
+wie der der Kerze, die verlschen will.<br />
+<br />
+Das Regenwasser rchelt in den Rinnen,<br />
+der matte Wind hlt Bltterleichenschau;&mdash;<br />
+und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen<br />
+ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AN_JULIUS_ZEYER" id="AN_JULIUS_ZEYER"></a>AN JULIUS ZEYER<br />
+<br />
+<br />
+Du bist ein Meister;&mdash;frher oder spter<br />
+spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;<br />
+du preisest seine Art und seine Sagen,&mdash;<br />
+aus deinen Liedern weht der Heimat ther.<br />
+<br />
+Dein Volk tut recht,&mdash;nicht, voll von wahngeblhter<br />
+Vergangenheit, die Hand im Scho zu tragen,<br />
+es kmpft noch heut und mu sich tchtig schlagen,<br />
+stolz auf sich selbst und stolz auf seine Vter.<br />
+<br />
+Es hat dein Volk sich seine Ideale<br />
+noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,<br />
+die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;<br />
+<br />
+du aber mahnst, ein echter Orientale,<br />
+es mge in dem Ringen nicht verlernen<br />
+auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TRAUMER" id="DER_TRAUMER"></a>DER TRUMER<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Es war ein Traum in meiner Seele tief.<br />
+Ich horchte auf den holden Traum:<br />
+ich schlief.<br />
+Just ging ein Glck vorber, als ich schlief,<br />
+und wie ich trumte, hrt ich nicht;<br />
+es rief.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Trume scheinen mir wie Orchideen.&mdash;<br />
+So wie jene sind sie bunt und reich.<br />
+Aus dem Riesenstamm der Lebenssfte<br />
+ziehn sie just wie jene ihre Krfte,<br />
+brsten sich mit dem ersaugten Blute,<br />
+freuen in der flchtigen Minute,<br />
+in der nchsten sind sie tot und bleich.&mdash;<br />
+Und wenn Welten oben leise gehen,<br />
+fhlst dus dann nicht wie von Dften wehen?<br />
+Trume scheinen mir wie Orchideen.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MUTTER" id="DIE_MUTTER"></a>DIE MUTTER<br />
+<br />
+<br />
+Aufwrts die Theaterrampe<br />
+rollen drhnend die Karossen,<br />
+abseits unter trber Lampe<br />
+steht ein altes Weib verdrossen.<br />
+<br />
+Nur wenn jh ein Hengst mal scheute,<br />
+wars, da sie zusammenschrecke;<br />
+niemand aus dem Strom der Leute<br />
+sieht die Alte in der Ecke.<br />
+<br />
+An die neue "Gre" dachte,<br />
+von ihr sprach man nur.&mdash;Die Gte<br />
+eines Grafen, hie es, brachte<br />
+herrlich ihr Talent zur Blte.<br />
+<br />
+Spter. Jubelstrme hallten<br />
+in den Schluklang der Trompeten....<br />
+Aber drauen kams der Alten,<br />
+heimlich fr ihr Kind zu beten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="UNSER_ABENDGANG" id="UNSER_ABENDGANG"></a>UNSER ABENDGANG<br />
+<br />
+<br />
+Gedenkst du noch, wie guter Dinge<br />
+wir wallten durch das Nusler Tal;<br />
+zwei kleine, blaue Schmetterlinge<br />
+verflattertcn im Abendstrahl.<br />
+<br />
+Am Huschen lehnte die Melone<br />
+dort&mdash;wie auf einem Bilde Dows,<br />
+und herrlich mit der Kuppelkrone<br />
+hob sich das Haupt der Karlshofs.<br />
+<br />
+Im West war noch der Weizen golden,<br />
+blaugrn verdmmerte der Kohl;<br />
+die ersten weien Sternendolden<br />
+umzitterten den Himmelspol.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KAJETAN_TYL" id="KAJETAN_TYL"></a>KAJETAN TL<br />
+<br />
+Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der bhmischen<br />
+ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.<br />
+<br />
+Da also hat der arme Tl<br />
+sein Lied "Kde domov m&#367;j"&mdash;geschrieben.<br />
+In Wahrheit; Wen die Musen lieben,<br />
+dem gibt das Leben nicht zuviel.<br />
+<br />
+Ein Stbchen&mdash;nicht zu klein dem Flug<br />
+des Geistes; nicht zu gro zur Ruhe.&mdash;<br />
+Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,<br />
+ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.<br />
+<br />
+Doch wr er nicht fr tausend Louis<br />
+von Bhmen fort. Mit jeder Fiber<br />
+hing er daran.&mdash;"Ich bleibe lieber,"<br />
+htt er gesagt, "kde domov m&#367;j."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOLKSWEISE" id="VOLKSWEISE"></a>VOLKSWEISE<br />
+<br />
+<br />
+Mich rhrt so sehr<br />
+bhmischen Volkes Weise,<br />
+schleicht sie ins Herz sich leise,<br />
+macht sie es schwer.<br />
+<br />
+Wenn ein Kind sacht<br />
+singt beim Kartoffeljten,<br />
+klingt dir sein Lied im spten<br />
+Traum noch der Nacht.<br />
+<br />
+Magst du auch sein<br />
+weit ber Land gefahren,<br />
+fllt es dir doch nach Jahren<br />
+stets wieder ein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_VOLKSLIED" id="DAS_VOLKSLIED"></a>DAS VOLKSLIED<br />
+<br />
+Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier<br />
+<br />
+<br />
+Es legt dem Burschen auf die Stirne<br />
+die Hand der Genius so lind,<br />
+da mit des Liedes Silberzwirne<br />
+er seiner Liebsten Herz umspinnt.<br />
+<br />
+Da mag der Bursch sich s erinnern,<br />
+was aus der Mutter Mund ihm scholl,<br />
+und mit dem Klang aus seinem Innern<br />
+fllt er sich seine Fiedel voll.<br />
+<br />
+Die Liebe und der Heimat Schne<br />
+drckt ihm den Bogen in die Hand,<br />
+und leise rieseln seine Tne<br />
+wie Bltenregen in das Land.<br />
+<br />
+Und groe Dichter, ruhmberauschte,<br />
+dem schlichten Liede lauschen sie,<br />
+so glubig wie das Volk einst lauschte<br />
+dem Gottes wort des Sinai.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DORFSONNTAG" id="DORFSONNTAG"></a>DORFSONNTAG<br />
+<br />
+<br />
+Im Wirtshaus auf den blanken Dielen<br />
+schwingt sich die Jugend frisch und laut,<br />
+des Burschen Hand, so hart von Schwielen,<br />
+drckt die des blonden Mdchens traut;<br />
+bierfrohe Musikanten spielen<br />
+ein Lied aus der "verkauften Braut".<br />
+<br />
+"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."<br />
+Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.<br />
+Und wie er nach dem Tanz die Holden<br />
+zu seinem Tische kommen heit,<br />
+da geht der Abend drauen, golden,<br />
+und lacht durch alle Fenster dreist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MEIN_GEBURTSHAUS" id="MEIN_GEBURTSHAUS"></a>MEIN GEBURTSHAUS<br />
+<br />
+<br />
+Der Erinnrung ist das traute<br />
+Heim der Kindheit nicht entflohn,<br />
+wo ich Bilderbogen schaute<br />
+im blauseidenen Salon.<br />
+<br />
+Wo ein Puppenkleid, mit Strhnen<br />
+dicken Silbers reich betret,<br />
+Glck mir war; wo heie Trnen<br />
+mir das "Rechnen" ausgepret.<br />
+<br />
+Wo ich, einem dunklen Rufe<br />
+folgend, nach Gedichten griff,<br />
+und auf einer Fensterstufe<br />
+Tramway spielte oder Schiff.<br />
+<br />
+Wo ein Mdchen stets mir winkte<br />
+drben in dem Grfenhains....<br />
+Der Palast, der damals blinkte,<br />
+sieht heut so verschlafen aus.<br />
+<br />
+Und das blonde Kind, das lachte,<br />
+wenn der Knab ihm Ksse warf,<br />
+ist nun fort; fern ruht es sachte,<br />
+wo es nie mehr lcheln darf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_DUBIIS" id="IN_DUBIIS"></a>IN DUBIIS<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Es dringt kein Laut bis her zu mir<br />
+von der Nationen wildem Streite,<br />
+ich stehe ja auf keiner Seite;<br />
+denn Recht ist weder dort noch hier.<br />
+<br />
+Und weil ich nie Horaz verga,<br />
+bleib gut ich aller Welt und halte<br />
+mich unverbrchlich an die alte<br />
+aurea mediocritas.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der erscheint mir als der Grte,<br />
+der zu keiner Fahne schwrt,<br />
+und, weil er vom Teil sich lste,<br />
+nun der ganzen Weit gehrt.<br />
+<br />
+Ist sein Heim die Weit; es mit ihm<br />
+doch nicht klein der Heimat Hort;<br />
+denn das Vaterland, es ist ihm<br />
+dann sein Haus im Heimatsort.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BARBAREN" id="BARBAREN"></a>BARBAREN<br />
+<br />
+<br />
+Ich wei von einem Riesenparke<br />
+dort, wo die Stadt sich schon verliert;<br />
+jetzt nagt die Axt an seinem Marke,<br />
+sie sagen: er wird parzelliert.<br />
+<br />
+Das ist der Frstenpark Clam-Gallas,<br />
+der Mietskasernen weichen soll,<br />
+der war doch wie ein Hain der Pallas<br />
+der raunenden Orakel voll.<br />
+<br />
+Jetzt strmen sie, die Uhgeweihten,<br />
+den Ort, den kein Profaner sah:<br />
+Es bertnt der Lrm der Zeiten<br />
+das Gtterwort der Pythia.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SOMMERABEND" id="SOMMERABEND"></a>SOMMERABEND<br />
+<br />
+<br />
+Die groe Sonne ist versprht,<br />
+der Sommerabend liegt im Fieber,<br />
+und seine heie Wange glht.<br />
+Jach seufzt er auf: "Ich mchte lieber...."<br />
+Und wieder dann: "Ich bin so md...."<br />
+<br />
+Die Bsche beten Litanein,<br />
+Glhwrmchen hangt, das regungslose,<br />
+dort wie ein ewiges Licht hinein;<br />
+und eine kleine weie Rose<br />
+tragt einen roten Heiligenschein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GERICHTET" id="GERICHTET"></a>GERICHTET<br />
+<br />
+<br />
+"Am Ring" stand einst ein Blutgerst,<br />
+lang ist es her; doch wenn der Schein<br />
+des runden Monds das Rathaus kt,<br />
+dann wallen aus dem heilgen Teyn<br />
+Gerichtete in Geisterreihn ...<br />
+<span style="margin-left: 9em;">Weh wer sie sah!</span><br />
+<br />
+Viel Herren fielen auf dem Ring;<br />
+die Herren finden Ruhe nicht;&mdash;<br />
+sie zogen eines Nachts: Es ging<br />
+voran Herr Christus, gro und licht,<br />
+mit ernstem, traurigem Gesicht ...<br />
+<span style="margin-left: 9em;">Und einer sahs!</span><br />
+<br />
+Der war ein Maler. Und im Flug<br />
+malt er, wie er geschaut, den Ring.<br />
+Er malt den ganzen Geisterzug,<br />
+dem ernst voran Herr Christus ging.<br />
+Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...<br />
+<span style="margin-left: 9em;">Jetzt ist er tot.&mdash;</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE" id="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE"></a>DAS MRCHEN VON DER WOLKE<br />
+<br />
+<br />
+Der Tag ging aus mit mildem Tone,<br />
+so wie ein Hammerschlag verklang.<br />
+Wie eine gelbe Goldmelone<br />
+lag gro der Mond im Kraut am Hang.<br />
+<br />
+Ein Wlkchen wollte davon naschen,<br />
+und es gelang ihm, ein paar Zoll<br />
+des hellen Rundes zu erhaschen,<br />
+rasch kaut es sich die Bckchen voll.<br />
+<br />
+Es hielt sich lange auf der Flucht auf<br />
+und zog sich ganz mit Lichte an;&mdash;<br />
+da hob die Nacht die goldne Frucht auf:<br />
+Schwarz ward die Wolke und zerrann.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="FREIHEITSKLANGE" id="FREIHEITSKLANGE"></a>FREIHEITSKLNGE<br />
+<br />
+<br />
+Bhmens Volk! In deinen Kreisen<br />
+weckt ein neuer Genius<br />
+alte, heie Freiheitsweisen,<br />
+und die mahnen nicht mit leisen<br />
+Worten, da dein Fesseleisen<br />
+ganz zerschmettert werden mu.<br />
+<br />
+Diese Streitpoeten blasen<br />
+lockend; und in Stcke haun<br />
+kannst du, Volk, in deinem Rasen<br />
+des Gesetzes Marmorvasen,<br />
+doch du kannst aus ihren Phrasen<br />
+keine Zukunft dir erbaun.<br />
+<br />
+Tief in Herz und Sinn in treuer<br />
+Hoffnung senk die Liedersaat,<br />
+sind dir deine Dichter teuer,<br />
+da daraus ein Lenz, ein neuer,<br />
+keime.&mdash;Was dann blieb vom Feuer,<br />
+das entflamme dich zur Tat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="NACHTBILD" id="NACHTBILD"></a>NACHTBILD<br />
+<br />
+<br />
+Auch auf der Theaterrampe<br />
+wird es stille nach und nach.&mdash;<br />
+Eine eitle Bogenlampe<br />
+schaut sich in ein Droschkendach.<br />
+<br />
+Auf dem leeren Gangsteig zucken<br />
+Lichter.&mdash;Sehn nicht dort am Haus<br />
+helle Dachmansardenlucken<br />
+wie verweinte Augen aus?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HINTER_SMICHOV" id="HINTER_SMICHOV"></a>HINTER SMICHOV<br />
+<br />
+<br />
+Hin gehn durch heies Abendrot<br />
+aus den Fabriken Mnner, Dirnen,&mdash;<br />
+auf ihre niedern, dumpfen Stirnen<br />
+schrieb sich mit Schwei und Ru die Not.<br />
+<br />
+Die Mienen sind verstumpft; es brach<br />
+das Auge. Schwer durchschlrft die Sohle<br />
+den Weg, und Staub zieht und Gejohle<br />
+wie das Verhngnis ihnen nach.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_SOMMER" id="IM_SOMMER"></a>IM SOMMER<br />
+<br />
+<br />
+Im Sommer trgt ein kleiner Dampfer<br />
+auf Moldauwogen uns nach Zlichov<br />
+zu jenem Kirchlein, hoch und frei.<br />
+Im blauen Nebel schwindet Smichov;&mdash;<br />
+zur Rechten Flchen braun von Ampfer,<br />
+zur Linken stolz die "Loreley".<br />
+<br />
+Wir legen an; und sieh, ein Alter<br />
+begrt uns leiernd: "Hej, Slovane!"<br />
+Am Friedhofsrand dann lehnen wir.<br />
+Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,<br />
+und unser Trumen hebt, ein Falter,<br />
+auf Sonnenflgeln sich zu ihr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL" id="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL"></a>AM KIRCHHOF ZU KNIGSAAL (aula regis)<br />
+<br />
+<br />
+Auf schlo das Erztor der Kustode.<br />
+Du sahst vor Blten keine Gruft.<br />
+Der Lenz verschleierte dem Tode<br />
+das Angesicht mit Blust und Duft;<br />
+da stieg wie eine Todesode<br />
+ein Trauermantel in die Luft.<br />
+<br />
+Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....<br />
+Rings feierte Mittsommerlicht,<br />
+in den Syringen summten Fliegen.&mdash;<br />
+Da lag ein Schdel vor uns dicht;<br />
+aus seinen leeren Augen stiegen<br />
+verkmmerte Vergimeinnicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VIGILIEN" id="VIGILIEN"></a>VIGILIEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Die falben Felder schlafen schon,<br />
+mein Herz nur wacht allem;<br />
+der Abend refft im Hafen schon<br />
+sein rotes Segel ein.<br />
+<br />
+Traumselige Vigilie!<br />
+Jetzt wallt die Nacht durchs Land;<br />
+der Mond, die weie Lilie,<br />
+blht auf in ihrer Hand.<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Am offnen Stubenfenster lehn ich<br />
+und trume in die Nacht hinauf;<br />
+das Mondlicht windet silberstrhnig<br />
+sich um den schwarzen Kirchturmknauf.<br />
+<br />
+Sehn wenig Welten aus den Fernen<br />
+auch durch den engen Hof ins Haus,&mdash;<br />
+es fllte Licht von zehen Sternen<br />
+ein ganzes, dunkles Leben aus.<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+Horch, der Schritt der Nacht erstirbt<br />
+in der weiten Stille;<br />
+meine Schreibtischlampe zirpt<br />
+leis wie eine Grille.<br />
+<br />
+Goldig auf dem Bcherstand<br />
+glhn der Bnde Rcken:<br />
+zu der Fahrt ins Feenland<br />
+Pfeiler fr die Brcken.<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht<br />
+beim toten Mtterlein verbracht<br />
+und hat geweint und hat gewacht;&mdash;<br />
+dann gingen Jahre, Jahre sacht:<br />
+nie hat sie jener Nacht gedacht.<br />
+<br />
+Und dann kam eine andre Nacht.<br />
+Da hat von Glut und Snd entfacht<br />
+die rote Lippe Lust gelacht,<br />
+doch pltzlich&mdash;wie durch hhre Macht<br />
+dacht sie der Nacht der Leichenwacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS" id="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS"></a>DEK LETZTE SONNENGRUSS<br />
+<br />
+Zu einem Bilde des Benes Knpfer<br />
+<br />
+Die Sonne schmolz, die hehre,<br />
+ins weie Meer so hei.<br />
+Zwei Mnche saen am Meere,<br />
+ein blonder und ein Greis.<br />
+<br />
+Der sann: Geh ich einst rasten,<br />
+so friedlich mg es sein&mdash;<br />
+und jener: Des Ruhmes Glasten<br />
+sollt mir mein Sterben weihn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KAISER_RUDOLF" id="KAISER_RUDOLF"></a>KAISER RUDOLF<br />
+<br />
+<br />
+Hoch auf seiner Himmelswarte<br />
+ber einer Sternenkarte<br />
+sitzt der Kaiser Rudolf dort,<br />
+forschend, ob der langerharrte<br />
+Flugstern, der die Weisen narrte,<br />
+streifen wrde diesen Ort.<br />
+<br />
+Und er fragt den Astrologen,<br />
+der am hohen Himmelsbogen<br />
+alle Wanderwege wei:<br />
+"Wird von Unglck der betrogen,<br />
+den der Stern hineingezogen<br />
+in den unheilvollen Kreis?"<br />
+<br />
+Und der Alte weicht ihm leise<br />
+aus: "Der Stern zieht seine Gleise,<br />
+Herr, im fernen therreich!"<br />
+Und gen Sden sieht der Weise;&mdash;<br />
+und der Kaiser schaut die Kreise<br />
+seines Globen, ernst und bleich.&mdash;<br />
+<br />
+Und von Sden kommt Verderben,<br />
+kommt Matthias.&mdash;Eilge Erben<br />
+lassen ihm nur den Hradschin;<br />
+und der Kaiser spricht im herben<br />
+Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,<br />
+denn schon bin ich tot fr 'ihn'.<br />
+<br />
+Alter! La den Bck uns heben!<br />
+du hast recht, die Sterne schweben<br />
+hoch ob allem Erdenbann;<br />
+aber&mdash;die nach ihnen streben,<br />
+knpfen selbst ihr dunkles Leben<br />
+an die lichten Lose an!&mdash;"<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+AUS DEM DREISSIGJHRIGEN KRIEGE<br />
+<br />
+Kohlenskizzen in Callots Manier<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a1_KRIEG" id="a1_KRIEG"></a>1. KRIEG<br />
+<br />
+<br />
+Feinster ist die Welt geworden,&mdash;<br />
+darum Drfer rasch entloht!<br />
+und die Welt ist grau;&mdash;drum rot<br />
+frbt sie durch das Morden!<br />
+<br />
+Bauer! Bittest um dein Leben?<br />
+Nimm dirs! Aber bei uns bleib!<br />
+Herrgott hat dir Ochs und Weib<br />
+nur fr uns gegeben.<br />
+<br />
+La den Teufel Felder pflgen;<br />
+sieh, wir haben stets genung!<br />
+Vorwrts&mdash;einen Werbetrunk<br />
+aus den vollen Krgen!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a2_ALEA_JACTA_EST" id="a2_ALEA_JACTA_EST"></a>2. ALEA JACTA EST<br />
+<br />
+<br />
+"... Tod oder Sold!"<br />
+Und jetzt die Trommel schnell<br />
+her. Auf das Trommelfell<br />
+Wrfel gerollt.<br />
+<br />
+So wird dem Lohn,<br />
+der unsre Streiche sucht.<br />
+Sieh, der Baum, reiche Frucht<br />
+trgt er doch schon!<br />
+<br />
+Solltest schon lngst<br />
+hngen dran, Kamerad!<br />
+Drum ists nicht jammerschad,<br />
+wenn du dann hngst!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG" id="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG"></a>3. KRIEGSKNECHTS-SANG<br />
+<br />
+<br />
+Lag auf einer Trommel nackt,<br />
+kaum zwei Spannen lang,<br />
+und der rauhe Trommeltakt<br />
+war mein Wiegensang.<br />
+<br />
+Wild zu wettern taugte ich<br />
+damals schon im Zorn,<br />
+meine Milch, die saugte ich<br />
+aus dem Pulverhorn.<br />
+<br />
+Damals taufte jeden gut<br />
+der Korp'ral; beim Schopf<br />
+nahm er ihn, go Schwedenblut<br />
+hei ihm bern Kopf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG" id="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG"></a>4. KRIEGSKNECHTS-RANG<br />
+<br />
+<br />
+Bei uns gibts nicht Edelinge,<br />
+die was gelten durch ihr Blut,<br />
+jedes Rang ist jedes Klinge,<br />
+und sein Wappen ist der Mut.<br />
+<br />
+Wer nur immer khn sein Schwert<br />
+hlt den Schild von Schande rein,<br />
+wer noch gestern unterm Heer zog,<br />
+Herzog kann er morgen sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a5_BEIM_KLOSTER" id="a5_BEIM_KLOSTER"></a>5. BEIM KLOSTER<br />
+<br />
+<br />
+Was gibts?&mdash;Eine Klosterpforte?&mdash;<br />
+Ei, Potz Blitz!<br />
+Eine Tr von dieser Sorte<br />
+renn ich ohne viele Worte<br />
+ein mit meiner Nasenspitz!<br />
+<br />
+Auf das Tor ein fester Stempel....<br />
+Pfaffe, komm!<br />
+Jetzt heraus mit deinem Krempel,<br />
+paar Monstranzen zum Exempel<br />
+und paar Kelche: wir sind fromm.<br />
+<br />
+La jetzt dein: Peccavi, pater....<br />
+Leucht zum Wein<br />
+uns mit deiner Nase, frater,<br />
+dorten kannst du uns ein Rater,<br />
+und ein "Seelensorger" sein!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a6_BALLADE" id="a6_BALLADE"></a>6. BALLADE<br />
+<br />
+<br />
+Gestern zogen wilde Horden<br />
+durch das Drfchen hin mit Morden,<br />
+und ein Mdchen sinnt jetzt still:<br />
+Ist der Liebste untreu worden,<br />
+weil er heut nicht kommen will?&mdash;<br />
+Drauen schrien die Dohlen.<br />
+<br />
+Mdchen ging mit bleicher Wange<br />
+durch das Haus.&mdash;Sie harrte lange,<br />
+und des Nachts floh sie der Schlaf.<br />
+Und sie schlich hinaus zum Hange,<br />
+wo sie stets den Teuren traf.<br />
+ngstlich schrien die Dohlen.<br />
+<br />
+Und die Nacht war schwarz, die schwle,<br />
+fern nur brannte eine Mhle....<br />
+Weinend whlt die matte Maid<br />
+sich gar weiches Kraut zum Pfhle<br />
+und entschlief in lauter Leid.<br />
+Schrieen noch die Dohlen?<br />
+<br />
+Spt erwacht sie. Nebel grauten<br />
+rings&mdash;soweit die Augen schauten....<br />
+Weh!&mdash;Was sie ein Kraut geglaubt,<br />
+ist das Haar an ihres Trauten<br />
+blutigem, zerschelltem Haupt.&mdash;<br />
+Schrecklich schrien die Dohlen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a7_DER_FENSTERSTURZ" id="a7_DER_FENSTERSTURZ"></a>7. DER FENSTERSTURZ<br />
+<br />
+<br />
+"Naht Verrat mit leisem Schritte,<br />
+ungercht, bei der Madonna,<br />
+bleibt er nicht! Nach alter Sitte<br />
+zu den Fenstern!" schrie Colonna.<br />
+<br />
+"Schont den Popel! doch die andern,<br />
+jeder eine feige Natter,<br />
+aus den Fenstern lat sie wandern!<br />
+Mitleid?&mdash;Werft ihn mit, den Platter!"<br />
+<br />
+Bange hangt am Fensterstocke<br />
+Martinitz noch.&mdash;Da Gerchel:<br />
+Turn schwingt seine Degenglocke<br />
+und zerschmettert ihm die Knchel.<br />
+<br />
+Und zum nchsten: "Sag, wie heit er,<br />
+Bhmens Herr? du sollst mirs deuten!"<br />
+"Graf von Turn!"&mdash;"Der Brgermeister<br />
+lasse alle Glocken luten!"&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a8_GOLD" id="a8_GOLD"></a>8. GOLD<br />
+<br />
+<br />
+"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.<br />
+Wo hast das Gold du her?"&mdash;<br />
+"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,<br />
+kein Obrist hat wohl mehr!"<br />
+<br />
+"Nein, das ist gutes, rotes Gold,<br />
+das kann dein Sold nicht sein!"<br />
+"Beim Spielen war das Glck mir hold,<br />
+und da ward alles mein!"<br />
+<br />
+"Ist wirklich alles dein&mdash;das Gold,<br />
+gesteh,&mdash;und ists kein Trug?"&mdash;<br />
+"Nun, Wrfel haben mit gerollt<br />
+und jetzt la es genug!"<br />
+<br />
+"Und gibst du mir auch von dem Gold?"<br />
+"Das weit du!"&mdash;"Nein, du Schelm,<br />
+just auf der Stelle, sieh, ich wollt,<br />
+du fllst mir deinen Helm!"<br />
+<br />
+"Es sei!"&mdash;"Wies durch die Finger bebt,<br />
+der Glanz gefllt mir gut!&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+... Schau, was dir da am Finger klebt,<br />
+kam das vom Golde?&mdash;Blut!"&mdash;....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a9_SZENE" id="a9_SZENE"></a>9. SZENE<br />
+<br />
+<br />
+Du kniest am Markstein, Alter, sprich!&mdash;<br />
+Das ist kein Heilgenbild!"<br />
+"Kein Bild?&mdash;Ich bet.&mdash;Es fate mich<br />
+das Schicksal gar so wild."<br />
+<br />
+"Hast du kein Haus, hast du kein Land,<br />
+das deiner Hnde braucht?"<br />
+"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,<br />
+sieh hin&mdash;gewi&mdash;es raucht."<br />
+<br />
+"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn<br />
+und hilft dir aus der Not?"<br />
+"Mein Sohn zog in den Krieg davon,<br />
+jetzt ist er sicher tot."&mdash;<br />
+<br />
+"Was streicht dir deines Haares Schnee<br />
+der Tochter Hand nicht, weich?"&mdash;<br />
+"Der bracht ein Trobub Schand und Weh,<br />
+da sprang sie in den Teich."&mdash;<br />
+<br />
+"So sieh mir ins Gesicht!&mdash;Und brach<br />
+das Herz dir auch vor Graus...."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach<br />
+mir beide Augen aus."<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a10_FEUERLILIE" id="a10_FEUERLILIE"></a>10. FEUERLILIE<br />
+<br />
+<br />
+Winters, ab die ste krachten,<br />
+keine Bche konnten frieren,<br />
+weil die Fluten Blutes ihren<br />
+Pulsschlag immer neu entfachten.<br />
+<br />
+Als die Zeit kam, da die Blume<br />
+aufwacht und der Vogel fltet,<br />
+sprang die Lilie selbst gertet<br />
+aus der todgedngten Krume.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a11_BEIM_FRIEDLAND" id="a11_BEIM_FRIEDLAND"></a>11. BEIM FRIEDLAND<br />
+<br />
+<br />
+Heimgekehrt von Schlacht und Schlag<br />
+freut sich Obrist und Gemeiner;<br />
+denn jetzt hlt der Wallensteiner<br />
+wieder seinen Hof zu Prag.<br />
+<br />
+Just lie frei den Turn er ziehn;<br />
+das war so von seinen Trmpfen<br />
+einer.&mdash;Drauf ward Nasenrmpfen<br />
+Mode ... dort bei Hof zu Wien.<br />
+<br />
+Lat sie zetern. Friedlands Heer<br />
+mu nicht darben und nicht drsten,&mdash;<br />
+und aus Knechten macht er Frsten,<br />
+unser Herzog.&mdash;Wer kann mehr?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="a12_FRIEDEN" id="a12_FRIEDEN"></a>12. FRIEDEN<br />
+<br />
+<br />
+Prag gebar die Migestalt<br />
+dieses Krieges, der voll Tcke<br />
+hauste.&mdash;Auf der Karlsbrcke<br />
+starb er, dreiig Jahre alt.<br />
+<br />
+Endlich ri das Eisenstck<br />
+nur dem Acker eine Schramme,<br />
+und vom Kirchturm schlug die Flamme<br />
+in den trauten Herd zurck.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_DEN_URSULINEN" id="BEI_DEN_URSULINEN"></a>BEI DEN URSULINEN<br />
+<br />
+<br />
+Geh mittags zu den Ursulinen,<br />
+wenn man den Armen Speise trug,<br />
+da siehst du, wie in mde Mienen<br />
+die Not schrieb ihren Namenszug.<br />
+<br />
+Da siehst du Stirnen, die schon frhe<br />
+des Schmerzes Eisenreif umschlo,<br />
+und Wangen, die der Dunst der Brhe<br />
+mit falscher Rte bergo.<br />
+<br />
+Du hrst, wie leisem Dankesworte<br />
+sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:<br />
+so brandet an der Klosterpforte<br />
+das ganze Elend dieser Welt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUS_DER_KINDERZEIT" id="AUS_DER_KINDERZEIT"></a>AUS DER KINDERZEIT<br />
+<br />
+<br />
+Sommertage auf der "Golka"....<br />
+Ich, ein Kind noch&mdash;Leise her,<br />
+aus dem Gasthaus klingt die Polka,<br />
+und die Luft ist sonnenschwer.<br />
+<br />
+Sonntag ists.&mdash;Es liest Helene<br />
+lieb mir vor.&mdash;Im Lichtgeglnz<br />
+ziehn die Wolken, wie die Schwne<br />
+aus dem Mrchen Andersens.<br />
+<br />
+Schwarze Fichten stehn wie Wchter<br />
+bei der Wiesen buntem Schatz;<br />
+von der Strae dringt Gelchter<br />
+bis zu unserm Laubenplatz.<br />
+<br />
+An die Mauer lockt uns beide<br />
+mancher laute Jubelschrei:<br />
+drunten geht im Feierkleide<br />
+Paar um Paar zum Tanz vorbei.<br />
+<br />
+Bunt und selig, Bursch und Holka,<br />
+Glck und Sonne im Gesicht!&mdash;<br />
+Sommertage auf der "Golka",&mdash;<br />
+und die Luft war voller Licht....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="RABBI_LOW" id="RABBI_LOW"></a>RABBI LW<br />
+<br />
+<br />
+"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Bann der Not;</span><br />
+heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">der Tod.</span><br />
+Schon fat Beth Chaim nicht die Scharen, und<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">kaum hat der Leichenwart</span><br />
+eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">ist hart."</span><br />
+Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Bocher rasch herein&mdash;"</span><br />
+So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Nacht dich ganz allein;"</span><br />
+"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hr,<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">um Mitternacht</span><br />
+tanzen all die Kindergeister auf den grauen<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Steinen sacht.</span><br />
+Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Herz beklemmt,</span><br />
+Streif sie ab: Du raubst dem nchsten Kinde khn<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">sein Leichenhemd,</span><br />
+raubst es,&mdash;bringst es her im Fluge, her zu mir!<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">Begreifst du wohl?"</span><br />
+"Wie du heiest tun mich, Meister, tu ich!" klingt<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">die Antwort hohl.</span><br />
+<br />
+<br />
+Mitternacht und Mondgegleie,&mdash;<br />
+... und es strzt der totenblasse<br />
+Bocher bebend durch die Gasse,<br />
+in der Hand das Hemd, das weie.<br />
+<br />
+Da jetzt ... sind das seine Schritte?...<br />
+Jach kehrt er zurck das bleiche<br />
+Antlitz: weh, die Kindesleiche,<br />
+folgt ihm nach, im Aug die Bitte:<br />
+<br />
+"... Gib das Linnen, ohne Linnen<br />
+lassen mich nicht ein die Geister...."<br />
+Und der Bocher, halb von Sinnen,<br />
+reicht es endlich seinem Meister.<br />
+<br />
+Und schon naht der Geist mit Klagen....<br />
+"Sag, was sterben hundert binnen<br />
+Tagen?&mdash;Kind, du mut es sagen,<br />
+frher darfst du nicht von hinnen."<br />
+<br />
+So der Rabbi.&mdash;"Wehe, wehe,"<br />
+ruft der Geist, "aus unserm Stamme<br />
+haben zwei entehrt der Ehe<br />
+keusche, reine Altarflamme!<br />
+<br />
+Hier die Namen!&mdash;Sucht nicht fremde<br />
+Ursach, da euch Tod beschieden...."<br />
+Und der Rabbi reicht das Hemde<br />
+jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"<br />
+<br />
+Kaum, da aus dem Nachtkelch maijung<br />
+stieg der Tag in rosgem Licht,<br />
+hielt der Rabbi schon Gericht,&mdash;<br />
+und der Unschuld ward Befreiung.<br />
+<br />
+Mit der Geiel des Gesetzes<br />
+brandmarkt er die Snderstirn;&mdash;<br />
+langsam lste jedes Hirn<br />
+ich vom Bann des Fluchgenetzes.<br />
+<br />
+Manches Paar war da erschienen,<br />
+dankerfllt, da Gott verzieh,<br />
+und der Weise segnet sie.&mdash;<br />
+Freude lag auf aller Mienen.<br />
+<br />
+Nur der Bocher warf, der bleiche,<br />
+sich im Fieber hin und her....<br />
+Doch nach Beth Chaim lange mehr<br />
+trug man keine Kindesleiche.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ALTE_UHR" id="DIE_ALTE_UHR"></a>DIE ALTE UHR<br />
+<br />
+<br />
+Bald httest, alte Rathausuhr,<br />
+du nimmer drfen Stunden weisen;<br />
+sie htten bald in altem Eisen<br />
+versplittert deine letzte Spur.<br />
+<br />
+Der Geizhals hart zum letztenmal<br />
+sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,<br />
+zum letztenmal der Tod mit Glotzen<br />
+geschwungen seinen Sensenstahl.<br />
+<br />
+Dann htt der Hahn auch ausgekrht.<br />
+Und heut noch krht er; freilich heiser,<br />
+noch nickt der Geizhals fort, und leiser<br />
+droht ihm des Todes Majestt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KAMPFEN" id="KAMPFEN"></a>KMPFEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Ein heier Eid, ein gramerpreter,<br />
+der leicht von jungen Lippen rinnt,<br />
+der machte zur barmherzgen Schwester<br />
+fast ber Nacht ein blondes Kind.<br />
+<br />
+Des jungen Lebens Wellen flieen<br />
+fortan durch Krankenstuben still;<br />
+es trumt ihr Herz noch vom Genieen,<br />
+wenn auch das Aug es leugnen will.<br />
+<br />
+Denn mit der Strenge der Asketen<br />
+drngt sie zurck, was in ihr quillt,<br />
+und geht um Kraft nach Emaus beten<br />
+zum wunderstarken Gnadenbild.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SIEGEN" id="SIEGEN"></a>SIEGEN<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;<br />
+"Heut sei im Glauben stark wie nie<br />
+und geh mit Gott an deine Pflichten:<br />
+Es ist ein Fall von Diphtherie...."<br />
+<br />
+Sie pflegt und kt den kleinen Kranken,<br />
+und doch packt ihn der Tod beim Hals....<br />
+Spt rafft sie auf sich, heimzuwanken,<br />
+erfrstelnd in dem Schutz des Schals.<br />
+<br />
+Als man vorbei beim Kloster gestern<br />
+den Kleinen trug ins Bett von Lehm,<br />
+klang aus der "Kirche von den Schwestern"<br />
+ganz leis ein Totenrequiem....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_HERBST" id="IM_HERBST"></a>IM HERBST<br />
+<br />
+<br />
+Ein Riesenspinngewebe, zieht<br />
+Altweibersommer durch die Welt sich;&mdash;<br />
+und der Laurenziberg gefllt sich<br />
+im goldig-blulichen Habit.<br />
+<br />
+Weil er so mild herbersieht,<br />
+sucht md, gesttzt auf Strahlenkrcken,<br />
+die Sonne hinter seinem Rcken<br />
+schon frhe ihr Valladolid.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KLEINE_DRATENIK" id="DER_KLEINE_DRATENIK"></a>DER KLEINE "DRATENK"<br />
+<br />
+<br />
+Kommt so ein Bursche, ein junger,<br />
+Mausfallen, Siebe am Rcken,<br />
+folgt mir durch Gassen und Brcken:<br />
+"Herr, ich hab 'trkischen Hunger'.<br />
+<br />
+Nur einen Krajcar, nur einen<br />
+fr ein Stck Brot, milost' pnk&#367;!"<br />
+Da!&mdash;Und er stammelt mir Dank zu,<br />
+doch lt nicht Ruh er den Beinen.<br />
+<br />
+Lebt nicht von bloem Gelunger.&mdash;<br />
+Riecht an den Tren den Braten<br />
+und mu die Pfannen doch drahten&mdash;<br />
+leer:&mdash;das macht 'trkischen Hunger'.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_DER_VORSTADT" id="IN_DER_VORSTADT"></a>IN DER VORSTADT<br />
+<br />
+<br />
+Die Alte oben mit dem heisern Husten,<br />
+ja, die ist tot.&mdash;Wer war sie?&mdash;Du mein Gott,<br />
+sie gab uns nichts,&mdash;ihr gab man Hohn und Spott....<br />
+Kaum, da die Leute ihren Namen wuten.<br />
+<br />
+Und unten stand der schwarze Kastenwagen.<br />
+Die letzte Klasse; als der Totenschrein<br />
+sich spreizte, stie man fluchend ihn hinein,<br />
+und dann ward rauh die Tre zugeschlagen.<br />
+<br />
+Der Kutscher hieb in seine magern Mhren<br />
+und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,<br />
+als wenn da nicht ein ganzes Leben drin<br />
+voll Weh und Glck und tote Trume waren.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEI_ST_HEINRICH" id="BEI_ST_HEINRICH"></a>BEI ST. HEINRICH<br />
+<br />
+<br />
+Hart am Kirchenaltargitter,<br />
+wo die Ampel flammt, die matte,<br />
+schlaft ein alter, alter Ritter<br />
+unter grauer Wappenplatte.<br />
+<br />
+Lebend hielt er hoch sein Wappen,<br />
+sorgte immer fr sein Blinken;&mdash;<br />
+wei er, da mit schmutzgen Schlappen<br />
+alte Weiber drber hinken?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT" id="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT"></a>MITTELBHMISCHE LANDSCHAFT<br />
+<br />
+<br />
+Fern dmmert wogender Wlder<br />
+beschatteter Saum.<br />
+Dann unterbricht<br />
+nur hie und da ein Baum<br />
+die falbe Flche hoher hrenfelder.<br />
+Im hellsten Licht<br />
+keimt die Kartoffel; dann<br />
+ein wenig weiter Gerste, bis der Tann<br />
+das Bild begrenzt.<br />
+Hoch berm Jungwald glnzt<br />
+so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herber<br />
+aus Fichten ragt der Hegerhtte Bau;&mdash;<br />
+und drber<br />
+wlbt sich ein Himmel, blank und blau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_HEIMATLIED" id="DAS_HEIMATLIED"></a>DAS HEIMATLIED<br />
+<br />
+<br />
+Vom Feld klingt ernste Weise;<br />
+wei nicht, wie mir geschieht....<br />
+"Komm her, du Tschechenmdchen,<br />
+sing mir ein Heimatlied."&mdash;<br />
+<br />
+Das Mdchen lt die Sichel,<br />
+ist hier mit Husch und Hui,&mdash;<br />
+setzt nieder sich am Feldrain<br />
+und singt: "Kde domov m&#367;j"....<br />
+<br />
+Jetzt schweigt sie still. Voll Trnen<br />
+das Aug mir zugewandt,&mdash;<br />
+nimmt meine Kupferkreuzer<br />
+und kt mir stumm die Hand.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">TRAUMGEKRNT</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">(1897)</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KONIGSLIED" id="KONIGSLIED"></a>KNIGSLIED<br />
+<br />
+<br />
+Darfst das Leben mit Wrde ertragen,<br />
+nur die Kleinlichen macht es klein;<br />
+Bettler knnen dir Bruder sagen,<br />
+und du kannst doch ein Knig sein.<br />
+<br />
+Ob dir der Stirne gttliches Schweigen<br />
+auch kein rotgoldener Reif unterbrach,&mdash;<br />
+Kinder werden sich vor dir neigen,<br />
+selige Schwrmer staunen dir nach.<br />
+<br />
+Tage weben aus leuchtender Sonne<br />
+dir deinen Purpur und Hermelin,<br />
+und, in den Hnden Wehmut und Wonne,<br />
+liegen die Nchte vor dir auf den Knien....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TRAUMEN" id="TRAUMEN"></a>TRUMEN<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<a name="Mein_Herz_gleicht" id="Mein_Herz_gleicht"></a>Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;<br />
+auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.<br />
+Der Sturm, der bermtige Geselle,<br />
+brach lngst die kleinen Fenster schon entzwei;<br />
+er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei<br />
+und zerrt dort an der Ministrantenschelle.<br />
+Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei<br />
+ruft zu der lngst entwhnten Opferstelle<br />
+den arg erstaunten fernen Gott herbei.<br />
+Da lacht der Wind und hpft durchs Fenster frei.<br />
+Doch der Erzrnte packt des Klanges Welle<br />
+und schmettert an den Fliesen sie entzwei.<br />
+<br />
+Und arme Wnsche knien in langer Reih<br />
+vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.<br />
+Doch lngst schon geht kein Beter mehr vorbei.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<a name="Ich_denke_an" id="Ich_denke_an"></a>Ich denke an:<br />
+&mdash;Ein Drfchen schlicht in des Friedens Prangen,<br />
+drin Hahngekrh;<br />
+und dieses Drfchen verloren gegangen<br />
+im Bltenschnee.<br />
+Und drin im Drfchen mit Sonntagsmienen<br />
+ein kleines Haus;<br />
+ein Blondkopf nickt aus den Tllgardinen<br />
+verstohlen heraus.<br />
+Rasch auf die Tre, die angelheiser<br />
+um Hilfe ruft,&mdash;<br />
+und dann in der Stube ein leiser, leiser<br />
+Lavendelduft....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen" id="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen"></a>Mir ist: ein Huschen wr mein eigen;<br />
+vor seiner Tre sa ich spt,<br />
+wenn hinter violetten Zweigen<br />
+bei halb verhalltem Grillengeigen<br />
+die rote Sonne sterben geht.<br />
+<br />
+Wie eine Mtze grnlich-samten<br />
+steht meinem Haus das moosge Dach,<br />
+und seine kleinen, dickumrammten<br />
+und blank verbleiten Scheiben flammten<br />
+dem Tage heie Gre nach.<br />
+<br />
+Ich trumte, und mein Auge langte<br />
+schon nach den blassen Sternen hin,&mdash;<br />
+vom Dorfe her ein Ave bangte,<br />
+und ein verlorner Falter schwankte<br />
+im schneeig schimmernden Jasmin.<br />
+<br />
+Die mde Herde trollte trabend<br />
+vorbei, der kleine Hirte pfiff,&mdash;<br />
+und in die Hand das Haupt vergrabend,<br />
+empfand ick, wie der Feierabend<br />
+in meiner Seele Saiten griff.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<a name="Eine_alte_Weide_trauert" id="Eine_alte_Weide_trauert"></a>Eine alte Weide trauert<br />
+drr und fhllos in den Mai,&mdash;<br />
+eine alte Htte kauert<br />
+grau und einsam hart dabei.<br />
+<br />
+War ein Nest einst in der Weide,<br />
+in der Htt ein Glck zu Haus;<br />
+Winter kam und Weh,&mdash;und beide<br />
+blieben aus....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+V<br />
+<br />
+<a name="Die_Rose_hier_die_gelbe" id="Die_Rose_hier_die_gelbe"></a>Die Rose hier, die gelbe,<br />
+gab gestern mir der Knab,<br />
+heut trag ich sie, dieselbe,<br />
+hin auf sein frisches Grab.<br />
+<br />
+An ihren Blttern lehnen<br />
+noch lichte Trpfchen,&mdash;schau!<br />
+Nur heute sind es Trnen,&mdash;<br />
+und gestern war es Tau....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VI<br />
+<br />
+<a name="Wir_sassen_beisammen" id="Wir_sassen_beisammen"></a>Wir saen beisammen im Dmmerlichte.<br />
+"Mtterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,<br />
+du erzhlst mir noch einmal die schne Geschichte<br />
+von der Prinzessin mit goldnem Haar?"&mdash;<br />
+<br />
+Seit Mtterchen tot ist, durch dmmernde Tage<br />
+fhrt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;<br />
+und von der schonen Prinzessin die Sage<br />
+wei sie wie Mtterchen ganz genau....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VII<br />
+<br />
+<a name="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege" id="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege"></a>Ich wollt, sie htten statt der Wiege<br />
+mir einen kleinen Sarg gemacht,<br />
+dann wr mir besser wohl, dann schwiege<br />
+die Lippe lngst in feuchter Nacht.<br />
+<br />
+Dann htte nie ein wilder Wille<br />
+die bange Brust durchzittert,&mdash;dann<br />
+wrs in dem kleinen Krper stille,<br />
+so still wie's niemand denken kann.<br />
+<br />
+Nur eine Kinderseele stiege<br />
+zum Himmel hoch so sieht,&mdash;ganz sacht....<br />
+Was haben sie mir statt der Wiege<br />
+nicht einen kleinen Sarg gemacht?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VIII<br />
+<br />
+<a name="Jene_Wolke_will_ich_neiden" id="Jene_Wolke_will_ich_neiden"></a>Jene Wolke will ich neiden,<br />
+die dort oben schweben darf!<br />
+Wie sie auf besonnte Heiden<br />
+ihre schwarzen Schatten warf.<br />
+<br />
+Wie die Sonne zu verdstern<br />
+sie vermochte khn genug,<br />
+wenn die Erde lichteslstern<br />
+grollte unter ihrem Flug.<br />
+<br />
+All die goldnen Strahlenfluten<br />
+jener Sonne wollt auch ich<br />
+hemmen! Wenn auch fr Minuten!<br />
+Wolke! Ja, ich neide dich!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IX<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_Die_Welt" id="Mir_ist_Die_Welt"></a>Mir ist: Die Welt, die laute, krank<br />
+hat jngst zerstrt ein jh Zerstleben<br />
+und mir nur ist der Weltgedanke,<br />
+der groe, in der Brust geblieben.<br />
+<br />
+Denn so ist sie, wie ich sie dachte;<br />
+ein jeder Zwiespalt ist vertost:<br />
+auf goldnen Sonnenflgeln sachte<br />
+umschwebt mich grner Waldestrost.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+X<br />
+<br />
+<a name="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage" id="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage"></a>Wenn das Volk, das drohnentrge,<br />
+trabt den altvertrauten Trott,<br />
+mcbt ich weie Wandelwege<br />
+wallen durch das Duftgehege<br />
+ernst und einsam wie ein Gott.<br />
+<br />
+Wandeln nach den glanzdurchsprhten<br />
+Fernen, lichten Lohns bewut;&mdash;<br />
+um die Stirne khle Blten<br />
+und von kinderkeuschen Mythen<br />
+voll die sabbatstille Brust.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XI<br />
+<br />
+<a name="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht" id="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht"></a>Wei ich denn wie mir geschieht?<br />
+In den Lften Dftequalmen<br />
+und in bronzebraunen Halmen<br />
+ein verlornes Grillenlied.<br />
+<br />
+Auch in meiner Seele klingt<br />
+tief ein Klang, ein traurig-lieber,&mdash;<br />
+so hrt wohl ein Kind im Fieber,<br />
+wie die tote Mutter singt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XII<br />
+<br />
+<a name="Schon_blinzt" id="Schon_blinzt"></a>Schon blinzt aus argzerfetztem Laken<br />
+der holde, keusche Gtternacken<br />
+der frherwachenden Natur,<br />
+und nur in tiefentiegnen Talen<br />
+zeigt hinter violetten, kahlen<br />
+Gebschen sich mit falschem Prahlen<br />
+des Winters weie Sohlenspur.<br />
+<br />
+Hin geh ich zwischen Weidenbumen<br />
+an nassen Rderrinnensumen<br />
+den Fahrweg, und der Wind ist mild.<br />
+Die Sonne prangt im Glast des Mrzen<br />
+und zndet an im dunkeln Herzen<br />
+der Sehnsucht weie Opferkerzen<br />
+vor meiner Hoffnung Gnadenbild.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XIII<br />
+<br />
+<a name="Fahlgrauer_Himmel" id="Fahlgrauer_Himmel"></a>Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe<br />
+bange verblich.<br />
+Weit&mdash;ein einziger lohroter Strich<br />
+wie eine brennende Geielnarbe.<br />
+<br />
+Irre Reflexe vergehn und erscheinen.<br />
+Und in der Luft<br />
+liegts wie ersterbender Rosenduft<br />
+und wie verhaltenes Weinen....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XIV<br />
+<br />
+<a name="Die_Nacht_liegt_duftschwer" id="Die_Nacht_liegt_duftschwer"></a>Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,<br />
+und ihre Sterne schauen still,<br />
+wie schon des Mondes weie Barke<br />
+im Lindenwipfel landen will.<br />
+<br />
+Fern hr ich die Fontne hallen<br />
+ein Mrchen, das ich lngst verga,&mdash;<br />
+und dann ein leises Apfelfallen<br />
+ins hohe, regungslose Gras.<br />
+<br />
+Der Nachtwind schwebt vom nahen Hgel<br />
+und trgt durch alte Eichenreihn<br />
+auf seinem blauen Faltcrflgel<br />
+den schweren Duft vom jungen Wein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XV<br />
+<br />
+<a name="Im_Schoss_der_silberhellen" id="Im_Schoss_der_silberhellen"></a>Im Scho der silberhellen Schneenacht<br />
+dort schlummert alles weit und breit,<br />
+und nur ein ewig wildes Weh wacht<br />
+in einer Seele Einsamkeit.<br />
+<br />
+Du fragst, warum die Seele schwiege,<br />
+warum sies in die Nacht hinaus<br />
+nicht giet?&mdash;Sie wei, wenns ihr entstiege,<br />
+es lschte alle Sterne aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XVI<br />
+<br />
+<a name="Abendlauten" id="Abendlauten"></a>Abendluten. Aus den Bergen hallt es<br />
+wieder neu zurck in immer mattern<br />
+Tnen. Und ein Lftchen fhlst du flattern<br />
+von dem grnen Talgrund her, ein kaltes.<br />
+<br />
+In den weien Wiesenquellen lallt es<br />
+wie ein Stammeln kindischen Gebetes;<br />
+durch den schwarzen Tannenhochwald geht es<br />
+wie ein Dmmern, ein jahrhundertaltes.<br />
+<br />
+Durch die Fuge eines Wolkenspaltes<br />
+wirft der Abend rote Blutkorallen<br />
+nach den Felsenwnden.&mdash;Und sie prallen<br />
+lautlos von den Schultern des Basaltes.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XVII<br />
+<br />
+<a name="Weltenweiter_Wandrer" id="Weltenweiter_Wandrer"></a>Weltenweiter Wandrer<br />
+walle fort in Ruh....<br />
+also kennt kein andrer<br />
+Menschenleid wie du.<br />
+<br />
+Wenn mit lichtem Leuchten<br />
+du beginnst den Lauf,<br />
+schlgt der Schmerz die feuchten<br />
+Augen zu dir auf.<br />
+<br />
+Drinnen liegt&mdash;als riefen<br />
+sie dir zu: versteh!&mdash;<br />
+tief in ihren Tiefen<br />
+eine Welt voll Weh....<br />
+<br />
+Tausend Trnen reden<br />
+ewig ungestillt,<br />
+und in einer jeden<br />
+spiegelt sich dein Bild!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XVIII<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen" id="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen"></a>Mchte mir ein blondes Glck erkiesen;<br />
+doch vom Sehnen bin ich md und Suchen.&mdash;<br />
+Weie Wasser gehn in stillen Wiesen,<br />
+und der Abend blutet in die Buchen.<br />
+<br />
+Mdchen wandern heimwrts. Rot im Mieder<br />
+Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....<br />
+Und die ersten Sterne kommen wieder<br />
+und die Trume, die so traurig machen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XIX<br />
+<br />
+<a name="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer" id="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer"></a>Vor mir liegt ein Felsenmeer,<br />
+Strucher, halb im Schutt versunken,<br />
+Todesschweigen.&mdash;Nebeltrunken<br />
+hangt der Himmel drber her.<br />
+<br />
+Nur ein matter Falter schwirrt<br />
+rastlos durch das Land, das kranke....<br />
+Einsam, wie ein Gottgedanke<br />
+durch die Brust des Leugners irrt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XX<br />
+<br />
+<a name="Die_Fenster_gluhten" id="Die_Fenster_gluhten"></a>Die Fenster glhten an dem stillen Haus,<br />
+der ganze Garten war voll Rosendften.<br />
+Hoch spannte ber weien Wolkenklften<br />
+der Abend in den unbewegten Lften<br />
+die Schwingen aus.<br />
+<br />
+Ein Glockenton ergo sich auf die Au....<br />
+Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,<br />
+Und heimlich ber flstervollen Birken<br />
+sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken<br />
+ins blasse Blau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXI<br />
+<br />
+<a name="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte" id="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte"></a>Es gibt so wunderweie Nchte,<br />
+drin alle Dinge Silber sind.<br />
+Da schimmert mancher Stern so lind,<br />
+als ob er fromme Hirten brchte<br />
+zu einem neuen Jesuskind.<br />
+<br />
+Weit wie mit dichtem Demantstaube<br />
+bestreut, erscheinen Flur und Flut,<br />
+und in die Herzen, traumgemut,<br />
+steigt ein kapellenloser Glaube,<br />
+der leise seine Wunder tut.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXII<br />
+<br />
+<a name="Wie_eine_Riesenwunderblume" id="Wie_eine_Riesenwunderblume"></a>Wie eine Riesenwunderblume prangt<br />
+voll Duft die Welt, an deren ltenspelze,<br />
+ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,<br />
+die Mainacht hangt.<br />
+<br />
+Nichts regt sich; nur der Silberfhler blinkt....<br />
+Dann trgt sein Flgel ihn, sein frhverblater,<br />
+nach Morgen, wo aus feuerroter Aster<br />
+er Sterben trink....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXIII<br />
+<br />
+<a name="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend" id="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend"></a>Wie, jegliches Gefhl vertiefend,<br />
+ein ser Drang die Brust bewegt,<br />
+wenn sich die Mainacht, sternetriefend,<br />
+auf muschenstille Pltze legt&mdash;<br />
+<br />
+Da schleichst du hin auf sachter Sohle<br />
+und schwrmst zum blanken Blau hinauf,<br />
+und gro wie eine Nachtviole<br />
+geht dir die dunkle Seele auf....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXIV<br />
+<br />
+<a name="O_gabs_doch_Sterne" id="O_gabs_doch_Sterne"></a>O gbs doch Sterne, die nicht bleichen,<br />
+wenn schon der Tag den Ost besumt;<br />
+von solchen Sternen ohnegleichen<br />
+hat meine Seele oft getrumt.<br />
+<br />
+Von Sternen, die so milde blinken,<br />
+da dort das Auge landen mag,<br />
+das mde ward vom Sonnetrinken<br />
+an einem goldnen Sommertag.<br />
+<br />
+Und schlichen hoch ins Weltgetriebe<br />
+sich wirklich solche Sterne ein,&mdash;<br />
+sie mten der verborgnen Liebe<br />
+und allen Dichtern heilig sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXV<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste" id="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste"></a>Mir ist so weh, so weh, als mte<br />
+die ganze Welt in Grau vergehn,<br />
+als ob mich die Geliebte kte<br />
+und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.<br />
+<br />
+Als ob Ich tot wr und im Hirne<br />
+mir dennoch whlte wilde Qual,<br />
+weil mir vom Hgel eine Dirne<br />
+die letzte, blasse Rose stahl....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXVI<br />
+<br />
+<a name="Matt_durch_der_Tale" id="Matt_durch_der_Tale"></a>Matt durch der Tale Gequalme wankt<br />
+Abend auf goldenen Schuhn,&mdash;<br />
+Falter, der trumend am Halme hangt,<br />
+wei nichts vor Wonne zu tun.<br />
+<br />
+Alles schlrft hei! an der Stille sich.&mdash;<br />
+Wie da die Seele sich schwellt,<br />
+da sie als schimmernde Hlle sich<br />
+legt um das Dunkel der Welt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXVII<br />
+<br />
+<a name="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse" id="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse"></a>Ein Erinnern, das ich heilig heie,<br />
+leuchtet mir durchs innerste Gemt,<br />
+so wie Gtterbildermarmorweie<br />
+durch geweihter Haine Dmmer glht.<br />
+<br />
+Das Erinnern einstger Seligkeiten,<br />
+das Erinnern an den toten Mai,&mdash;<br />
+Weihrauch in den weien Hnden, schreiten<br />
+meine stillen Tage dran vorbei....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+XXVIII<br />
+<br />
+<a name="Glaubt_mir" id="Glaubt_mir"></a>Glaubt mir, da ich, matt vom Kranken,<br />
+keinen lauten Lenz mehr mag,&mdash;<br />
+will nur einen sonnenblanken,<br />
+wipfelroten Frhherbsttag.<br />
+<br />
+Will die Lust, die jubelschrille,<br />
+nicht mehr in die Brust zurck,&mdash;<br />
+will nur Sterbestbenstille<br />
+drinnen&mdash;fr mein totes Gluck.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">LIEBEN</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_wie_mag_die_Liebe" id="Und_wie_mag_die_Liebe"></a>Und wie mag die Liebe dir kommen sein?<br />
+Kam sie wie ein Sonnen, ein Bltenschnein,<br />
+kam sie wie ein Beten?&mdash;Erzhle:<br />
+<br />
+Ein Glck lste leuchtend aus Himmeln sich los<br />
+und hing mit gefalteten Schwingen gro<br />
+an meiner blhenden Seele....<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Das_war_der_Tag" id="Das_war_der_Tag"></a>Das war der Tag der weien Chrysanthemen,&mdash;<br />
+mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....<br />
+Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen<br />
+tief in der Nacht.<br />
+<br />
+Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,&mdash;<br />
+ich hatte grad im Traum an dich gedacht.<br />
+Du kamst, und leis wie eine Mrchenweise<br />
+erklang die Nacht....<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein" id="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein"></a>Einen Maitag mit dir beisammen sein,<br />
+und selbander verloren ziehn<br />
+durch der Blten duftqualmende Flammenreihn<br />
+zu der Laube von weiem Jasmin.<br />
+<br />
+Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,<br />
+jeder Wunsch in der Seele so still....<br />
+Und ein Glck sich mitten in Mailust baun,<br />
+ein groes,&mdash;das ists, was ich will....<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht" id="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht"></a>Ich wei nicht, wie mir geschieht....<br />
+Wei nicht, was Wonne ich lausche,<br />
+mein Herz ist fort wie im Rausche,<br />
+und die Sehnsucht ist wie ein Lied.<br />
+<br />
+Und mein Mdel hat frhliches Blut<br />
+und hat das Haar voller Sonne<br />
+und die Augen von der Madonne,<br />
+die heute noch Wunder tut.<br />
+<br />
+<br />
+V<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ob_dus_noch_denkst" id="Ob_dus_noch_denkst"></a>Ob dus noch denkst, da ich dir pfel brachte<br />
+und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?<br />
+Weit du, das war, als ich noch gerne lachte,<br />
+und du warst damals noch ein Kind.<br />
+<br />
+Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte<br />
+ein junges Hoffen und ein alter Gram....<br />
+Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante<br />
+den "Werther" aus den Hnden nahm.<br />
+<br />
+Der Frhling rief. Ich kte dir die Wangen,<br />
+dein Auge sah mich gro und selig an.<br />
+Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,<br />
+und Lichter gingen durch den Tann....<br />
+<br />
+<br />
+VI<br />
+<br />
+<a name="Wir_sassen_beide_in_Gedanken" id="Wir_sassen_beide_in_Gedanken"></a>Wir saen beide in Gedanken<br />
+im Weinblattdmmcr&mdash;du und ich&mdash;<br />
+und ber uns in duftgen Ranken<br />
+versummte wo ein Hummel sich.<br />
+<br />
+Reflexe hielten, bunte Kreise,<br />
+in deinem Haare flchtig Rast....<br />
+Ich sagte nichts als einmal leise:<br />
+"Was du fr schne Augen hast."<br />
+<br />
+<br />
+VII<br />
+<br />
+<a name="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben" id="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben"></a>Blondkpfchen hinter den Scheiben<br />
+hebt es sich ab so fein,&mdash;<br />
+sternt es ins Stubchentreiben<br />
+oder zu mir herein?<br />
+<br />
+Ist es das Kpfchen, das liebe,<br />
+das mich gefesselt hlt,<br />
+oder das Staubchengetriebe<br />
+dort in der sonnigen Welt?<br />
+<br />
+Keins sieht zum andern hinber.<br />
+Heimlich, die Stirne voll Ruh<br />
+schreitet der Abend vorber....<br />
+Und wir? Wir sehn ihm halt zu.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+VIII<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Liese_wird_heute" id="Die_Liese_wird_heute"></a>Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.<br />
+Sie findet im Klee einen Vierung....<br />
+Fern drngt sichs wie eine Bubenschar:<br />
+die Lwenzhne mit blondem Haar<br />
+betreut vom sternigen Schierling.<br />
+<br />
+Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,<br />
+der strotzige, lose Geselle.<br />
+Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn<br />
+und lacht und wlzt durch den Wiesenplan<br />
+des Windes wallende Welle....<br />
+<br />
+<br />
+IX<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_traume_tief_im_Weingerank" id="Ich_traume_tief_im_Weingerank"></a>Ich trume tief im Weingerank<br />
+mit meiner blonden Kleinen;<br />
+es bebt ihr Hndchen, elfenschlank,<br />
+im heien Zwang der meinen.<br />
+<br />
+So wie ein gelbes Eichhorn huscht<br />
+das Licht hin im Reflexe,<br />
+und violetter Schatten tuscht<br />
+ins weie Kleid ihr Kleckse.<br />
+<br />
+In unsrer Brust liegt glckverschneit<br />
+goldsonniges Verstummen.<br />
+Da kommt in seinem Sammerkleid<br />
+ein Hummel Segen summen....<br />
+<br />
+<br />
+X<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte" id="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte"></a>Es ist ein Weltmeer voller Lichte,<br />
+das der Geliebten Aug umschliet,<br />
+wenn von der Flut der Traumgesichte<br />
+die keusche Seele berfliet.<br />
+<br />
+Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers<br />
+so wie ein Kind, das stockt im Lauf,<br />
+geht vor der Pracht des Christbaumzimmers<br />
+die Flgeltre lautlos auf.<br />
+<br />
+<br />
+XI<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_war_noch_ein_Knabe" id="Ich_war_noch_ein_Knabe"></a>Ich war noch ein Knabe. Ich wei, es hie:<br />
+Heut kommt Base Olga zu Gaste.<br />
+Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies<br />
+ins Kleidchen gepret, ins verblate.<br />
+<br />
+Bei Tisch sa man spter nach Ordnung und Rang<br />
+und frischte sich mig die Kehle;<br />
+und wie mein Glas an das deine klang,<br />
+da ging mir ein Ri durch die Seele.<br />
+<br />
+Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und verga<br />
+mich dem Plaudern der andern zu einen,<br />
+denn tief im trockenen Halse sa<br />
+mir wrgend ein wimmerndes Weinen.<br />
+<br />
+Wir gingen im Parke.&mdash;Du sprachst vom Glck<br />
+und ktest die Lippen mir lange,<br />
+und ich gab dir fiebernde Ksse zurck<br />
+auf die Stirne, den Mund und die Wange.<br />
+<br />
+Und da machtest du leise die Augen zu,<br />
+die Wonne blind zu ergrnden....<br />
+Und mir ahnte im Herzen: da wrest du<br />
+am liebsten gestorben in Snden....<br />
+<br />
+<br />
+XII<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid" id="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid"></a>Die Nacht im Silberfunkenkleid<br />
+streut Trume eine Handvoll,<br />
+die fllen mir mit Trunkenheit<br />
+die tiefe Seele randvoll.<br />
+<br />
+Wie Kinder eine Weihnacht sehn<br />
+voll Glanz und goldnen Nssen,&mdash;<br />
+seh ich dich durch die Mainacht gehn<br />
+und alle Blumen kssen.<br />
+<br />
+<br />
+XIII<br />
+<br />
+<a name="Schon_starb_der_Tag" id="Schon_starb_der_Tag"></a>Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,<br />
+und unter Farren bluteten Zyklamen,<br />
+die hohen Tannen glhten, Schaft bei Schaft,<br />
+es war ein Wind,&mdash;und schwere Dfte kamen.<br />
+Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,<br />
+ich sagte leise deinen sen Namen:<br />
+Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft<br />
+aus deines Herzens weiem Liliensamen<br />
+die Feuerlilie der Leidenschaft.<br />
+<br />
+Rot war der Abend&mdash;und dein Mund so rot,<br />
+wie meine Lippen sehnsuchthei ihn fanden,<br />
+und jene Flammen, die uns jh durchloht,<br />
+sie leckten an den neidischen Gewanden....<br />
+Der Wald war stille, und der Tag war tot.<br />
+Uns aber war der Heiland auferstanden,<br />
+und mit dem Tage starben Neid und Not.<br />
+Der Mond kam gro an unsern Hgeln landen,<br />
+und leise stieg das Glck aus weiem Boot.<br />
+<br />
+<br />
+XIV<br />
+<br />
+<a name="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen" id="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen"></a>Es leuchteten im Garten die Syringen,<br />
+von einem Ave war der Abend voll,&mdash;<br />
+da war es, da wir voneinander gingen<br />
+in Gram und Groll.<br />
+<br />
+Die Sonne war in heien Fiebertrumen<br />
+gestorben hinter grauen Hngen weit,<br />
+und jetzt verglomm auch hinter Bltenbumen<br />
+dein weies Kleid.<br />
+<br />
+Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen<br />
+und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,<br />
+das lange in ein helles Licht gesehen:<br />
+Bin ich jetzt blind?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+XV<br />
+<br />
+<a name="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind" id="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind"></a>Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,&mdash;<br />
+dann fhl ich mich so ernst und alt,&mdash;<br />
+wenn nur ganz leis dein glockenreines<br />
+Gelchter in mir widerhallt.<br />
+<br />
+Wenn dann in groem Kinderstaunen<br />
+dein Auge aufgeht, tief und hei,&mdash;<br />
+mcht ich dich kssen und dir raunen<br />
+die schnsten Mrchen, die ich wei.<br />
+<br />
+<br />
+XVI<br />
+<br />
+<a name="Nach_einem_Gluck" id="Nach_einem_Gluck"></a>Nach einem Glck ist meine Seele lstern,<br />
+nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....<br />
+Im Quellenquirlen und im Fhrenflstern<br />
+da hr ichs nahn....<br />
+<br />
+Und wenn von Hgeln, die sich purpurn sumen,<br />
+in bleiche Blue schwimmt der Silberkahn,&mdash;<br />
+dann unter schattenschweren Bltenbumen<br />
+seh ich es nahn.<br />
+<br />
+In weiem Kleid; so wie das Lieb, das tote,<br />
+am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,<br />
+am Herzen jene Blume nur, die rote,<br />
+trug es die auch?...<br />
+<br />
+<br />
+XVII<br />
+<br />
+<a name="Wir_gingen" id="Wir_gingen"></a>Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,<br />
+vom Abschiedsweh die Augen beide rot...<br />
+"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."<br />
+Ich sagte bang: "Die sind schon tot."<br />
+<br />
+Mein "Wort war lauter Weinen.&mdash;In den thern<br />
+stand kindisch lchelnd schon ein blasser Stern.<br />
+Der matte Tag ging sterbend zu den Vtern,<br />
+und eine Dohle schrie von fern&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+XVIII<br />
+<br />
+<a name="Im_Fruhling_oder_im_Traume" id="Im_Fruhling_oder_im_Traume"></a>Im Frhling oder im Traume<br />
+bin ich dir begegnet, einst,<br />
+und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,<br />
+und du drckst mir die Hand und weinst.<br />
+<br />
+Weinst du ob der jagenden Wolken?<br />
+Ob der blutroten Bltter? Kaum.<br />
+Ich fhl es: du warst einmal glcklich<br />
+im Frhling oder im Traum....<br />
+<br />
+<br />
+XIX<br />
+<br />
+<a name="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte" id="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte"></a>Sie hatte keinerlei Geschichte,<br />
+ereignislos ging Jahr um Jahr&mdash;<br />
+auf einmal kams mit lauter Lichte....<br />
+die Liebe oder was das war.<br />
+<br />
+Dann pltzlich sah sies bang zerrinnen,<br />
+da liegt ein Teich vor ihrem Haus....<br />
+So wie ein Traum scheints zu beginnen,<br />
+und wie ein Schicksal geht es aus.<br />
+<br />
+<br />
+XX<br />
+<br />
+<a name="Man_merkte_der_Herbst_kam" id="Man_merkte_der_Herbst_kam"></a>Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell<br />
+erstorben im eigenen Blute.<br />
+Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell<br />
+auf der Kleinen verbogenem Hute.<br />
+<br />
+Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich<br />
+sie die Hand mir schmeichelnd und leise.&mdash;<br />
+Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....<br />
+Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".<br />
+<br />
+Da stand sie, das Kpfchen voll Abschiedsnot<br />
+in den Stoff meines Mantels vergrabend....<br />
+Vom Htchen nickte die Rose rot,<br />
+und es lchelte mde der Abend.<br />
+<br />
+<br />
+XXI<br />
+<br />
+<a name="Manchmal_da_ist_mir" id="Manchmal_da_ist_mir"></a>Manchmal da ist mir: Nach Gram und Mh<br />
+will mich das Schicksal noch segnen,<br />
+wenn mir in feiernder Sonntagsfrh<br />
+lachende Mdchen begegne....<br />
+Lachen hr ich sie gerne.<br />
+<br />
+Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,<br />
+nie kann ichs, whn ich, vergessen...<br />
+Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,<br />
+will ich mirs singen ... Indessen<br />
+singens schon oben die Sterne....<br />
+<br />
+<br />
+XXII<br />
+<br />
+<a name="Es_ist_lang" id="Es_ist_lang"></a>Es ist lang,&mdash;es ist lang....<br />
+wann&mdash;wei ich gar nimmer zu sagen....<br />
+eine Glocke klang, eine Lerche sang&mdash;<br />
+und ein Herz hat so selig geschlagen.<br />
+Der Himmel so blank berm Jungwaldhang,<br />
+der Flieder hat Blten getragen,&mdash;<br />
+und im Sonntagskleide ein Mdchen, schlank,<br />
+das Auge voll staunender Fragen....<br />
+<span style="margin-left: 1.5em;">Es ist lang,&mdash;es ist lang....</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">ADVENT</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">(1898)</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+ADVENT<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde" id="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde"></a>Es treibt der Wind im Winterwalde<br />
+die Flockenherde wie ein Hirt,<br />
+und manche Tanne ahnt, wie balde<br />
+sie fromm und lichterheilig wird,<br />
+und lauscht hinaus. Den weien Wegen<br />
+streckt sie die Zweige hin&mdash;bereit,<br />
+und wehrt dem Wind und wchst entgegen<br />
+der einen Nacht der Herrlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">GABEN</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">AN VERSCHIEDENE FREUNDE</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Das_ist_mein_Streit" id="Das_ist_mein_Streit"></a>Das ist mein Streit:<br />
+Sehnsuchtgeweiht<br />
+durch alle Tage Sehweifen,<br />
+Dann, stark und breit,<br />
+mit tausend Wurzelstreifen<br />
+rief in das Leben greifen&mdash;<br />
+und durch das Leid<br />
+weit aus dem Leben reifen,<br />
+weit aus der Zeit!<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_meine_heilige_Einsamkeit" id="Du_meine_heilige_Einsamkeit"></a>Du meine heilige Einsamkeit,<br />
+du bist so reich und rein und weit<br />
+wie ein erwachender Garten.<br />
+Meine heilige Einsamkeit du&mdash;<br />
+halte die goldenen Tren zu,<br />
+vor denen die Wnsche warten.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Bach_hat_leise_Melodien" id="Der_Bach_hat_leise_Melodien"></a>Der Bach hat leise Melodien,<br />
+und fern ist Staub und Stadt;<br />
+die Wipfel winken her und hin<br />
+und machen mich so matt.<br />
+<br />
+Der Wald ist wild, die Welt ist weit,<br />
+mein Herz ist hell und gro;<br />
+es hlt die blasse Einsamkeit<br />
+mein Haupt in ihrem Scho.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen" id="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen"></a>Ich liebe vergessene Flurmadonnen,<br />
+die ratlos warten auf irgendwen,<br />
+und Mdchen, die an einsame Bronnen,<br />
+Blumen im Blondhaar, trumen gehn.<br />
+<br />
+Und Kinder, die in die Sonne singen<br />
+und staunend gro zu den Sternen sehn,<br />
+und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,<br />
+und die Nchte, wenn sie in Blten stehn.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar" id="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar"></a>Warst du ein Kind in froher Schar,<br />
+dann kannst du's freilich nicht erfassen,<br />
+wie es mir kam, den Tag zu hassen<br />
+als ewig feindliche Gefahr.<br />
+Ich war so fremd und so verlassen,<br />
+da ich nur tief in bltenblassen<br />
+Mainchten heimlich selig war.<br />
+<br />
+Am Tag trug ich den engen Ring<br />
+der feigen Pflicht in frommer Weise.<br />
+Doch abends schlich ich aus dem Kreise,<br />
+mein kleines Fenster klirrte&mdash;kling&mdash;<br />
+sie wutens nicht. Ein Schmetterling,<br />
+nahm meine Sehnsucht ihre Reise,<br />
+weil sie die weiten Sterne leise<br />
+nach ihrer Heimat fragen ging.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PFAUENFEDER" id="PFAUENFEDER"></a>PFAUENFEDER:<br />
+<br />
+<br />
+in deiner Feinheit sondergleichen,<br />
+wie liebte ich dich schon als Kind.<br />
+Ich hielt dich fr ein Liebeszeichen,<br />
+das sich an silberstillen Teichen<br />
+in khler Nacht die Elfen reichen,<br />
+wenn alle Kinder schlafen sind.<br />
+<br />
+Und weil Gromtterchen, das gute,<br />
+mir oft von Wnschegerten las,<br />
+so trumte ich, du Zartgemute,<br />
+in deinen feinen Fasern flute<br />
+die kluge Kraft der Rtselrute&mdash;<br />
+und suchte dich im Sommergras.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise" id="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise"></a>Oft denk ich auf der Alltagsreise<br />
+der Nacht, und da ein Traum mir frommt,<br />
+der mir mit Lippen, khl und leise,<br />
+die schwle Stirne kssen kommt.<br />
+<br />
+Dann sehn ich mich, die Sterne glnzen<br />
+zu sehn.&mdash;Der Tag ist karg und klein,<br />
+die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen<br />
+und knnte eine Sage sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE" id="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE"></a>DAMIT ICH GLCKLICH WRE&mdash;<br />
+<br />
+das mte sein von jenen blanken<br />
+Lenztagen einer, da die Kranken<br />
+man vor die dunklen Tren bringt.<br />
+Im Flieder ist ein Spatzenzanken,<br />
+weil keinem rechter Sang gelingt.<br />
+Der Bach, dem alle Bande sanken,<br />
+wei nicht, was tun vor Glck, und springt<br />
+bis aufwrts zu den Bretterplanken,<br />
+dahinter Beete, kiesumringt,<br />
+und Blumenblhn und Birkenschwanken.<br />
+Und vor dem Huschen, goldbezinkt,<br />
+um das der Frhling seine Ranken<br />
+wie liebeleise Arme schlingt&mdash;<br />
+ein blondes Kind, das in Gedanken<br />
+das schnste meiner Lieder singt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still" id="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still"></a>An manchem Tag ist meine Seele still:<br />
+Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.<br />
+Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen<br />
+dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen<br />
+den Jubel seiner Arme fesseln will.<br />
+<br />
+Vertrumte Heiligenbilder dunkeln drin<br />
+in ratlos-sehnendem Erhrenwollen:<br />
+Sie warten auf den Sonntag mit den vollen<br />
+Gesthlen und dem groen Orgelrollen&mdash;<br />
+und blasse Ampeln schwanken her und hin.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt" id="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt"></a>Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt<br />
+in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,<br />
+um Beifall bettelt und um Wrde wirbt,<br />
+und endlich arm ein armes Sterben stirbt<br />
+im Weihrauchabend gotischer Kapellen,&mdash;<br />
+nennt ihr das Seele?<br />
+<br />
+Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,<br />
+in der die Welten weite Wege reisen,<br />
+mir ist: ich trage ein Stck Ewigkeit<br />
+in meiner Brust. Das rttelt und das schreit<br />
+und will hinauf und will mir ihnen kreisen....<br />
+Und das ist Seele.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser" id="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser"></a>Die hohen Tannen atmen heiser<br />
+im Winterschnee, und bauschiger<br />
+schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.<br />
+Die weien Wege werden leiser,<br />
+die trauten Stuben lauschiger.<br />
+<br />
+Da singt die Uhr, die Kinder zittern:<br />
+Im grnen Ofen kracht ein Scheit<br />
+und strzt in lichten Lohgewittern,&mdash;<br />
+und drauen wchst im Flockenflittern<br />
+der weie Tag zur Ewigkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen" id="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen"></a>Der Abend kommt von weit gegangen<br />
+durch den verschneiten, leisen Tann.<br />
+Dann pret er seine Winterwangen<br />
+an alle Fenster lauschend an.<br />
+<br />
+Und stille wird ein jedes Haus;<br />
+die Alten in den Sesseln sinnen,<br />
+die Mtter sind wie Kniginnen,<br />
+die Kinder wollen nicht beginnen<br />
+mit ihrem Spiel. Die Mgde spinnen<br />
+nicht mehr. Der Abend horcht nach innen<br />
+und innen horchen sie hinaus.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Das_Wetter_war_grau_und_grell" id="Das_Wetter_war_grau_und_grell"></a>Das Wetter war grau und grell;<br />
+der Abend ist lichter und leiser.<br />
+Sicher kommt irgendein Kaiser:<br />
+Alle Huser sind hell.<br />
+Und so festlich und weich<br />
+war das Abendgebimmel;<br />
+die Alten schaun in den Himmel,<br />
+und die Kinder sind reich.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain" id="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain"></a>Sonne verlodert am Himmelsrain.<br />
+Durch ernteverarmte Krumen<br />
+waten die Weiber feldein.<br />
+<br />
+An den verschimmernden Schienenreihn<br />
+beim Bahnhterhuschen, sommerallein,<br />
+sinnen Sonnenblumen.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_arme_alte_Kapelle" id="Du_arme_alte_Kapelle"></a>Du arme, alte Kapelle<br />
+mit deiner verstaubten Zier&mdash;<br />
+der Frhling baut eine helle<br />
+Kirche neben dir.<br />
+<br />
+Viel frierende Frauen hinken<br />
+in deine Weihrauchruh,<br />
+drauen die Kinder winken<br />
+allen Rosen zu.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Madchen_singen" id="Die_Madchen_singen"></a>Die Mdchen singen:<br />
+Alle Mdchen erwarten wen,<br />
+wenn die Bume in Blten stehn;<br />
+wir mssen immer nhn und nhn,<br />
+bis uns die Augen brennen.<br />
+Unser Singen wird nimmer froh,<br />
+frchten uns vor dem Frhling so:<br />
+Finden wir einmal ihn irgendwo,<br />
+wird er uns nicht mehr erkennen.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Lehnen_im_Abendgarten_beide" id="Lehnen_im_Abendgarten_beide"></a>Lehnen im Abendgarten beide,<br />
+lauschen lange nach irgendwo.<br />
+"Du hast Hnde wie weie Seide...."<br />
+Und da staunt sie: "Du sagst das so...."<br />
+<br />
+Etwas ist in den Garten getreten,<br />
+und das Gitter hat nicht geknarrt,<br />
+und die Rosen in allen Beeten<br />
+heben vor seiner Gegenwart.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Eine_der_weissen_Vestageweihten" id="Eine_der_weissen_Vestageweihten"></a>Eine der weien Vestageweihten<br />
+lchelte Gnade dem Todbereiten,<br />
+lste ihm von der Stirn die Schmach.<br />
+<br />
+Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten<br />
+des todbefreiten, Schulter breiten<br />
+Epheben nach.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Im_Kreise_der_Barone" id="Im_Kreise_der_Barone"></a>Im Kreise der Barone<br />
+der Knig ritt zur Jagd.<br />
+Ihm wohnte in roter Krone<br />
+ein einsamer Smaragd.<br />
+<br />
+Da gibts unter hellen Hufen<br />
+Wege so weit und wei;<br />
+keiner hrt Hilfe rufen,<br />
+und der Mittag ist hei....<br />
+<br />
+Ob einer den Knig erkannte?<br />
+<br />
+Die Dohlen im Abend schrien.<br />
+<br />
+Die allerkhnste spannte<br />
+den Flug schon ber Ihn:<br />
+Auf des Knigs Stirne brannte<br />
+ein einsamer Rubin.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit" id="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit"></a>Ein weies Schlo in weier Einsamkeit.<br />
+In blanken Slen schleichen leise Schauer.<br />
+Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,<br />
+und alle Wege weltwrts sind verschneit.<br />
+<br />
+Darber hngt der Himmel brach und breit.<br />
+Es blinkt das Schlo. Und lngs den weier Wnden<br />
+hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Hnden....<br />
+Die Uhren stehn im Schlo: es starb die Zeit.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben" id="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben"></a>Irgendwo mu es Palste geben,<br />
+drin die Fenster von Staub verschnein;<br />
+in der Sle hallende Reihn<br />
+tauchen tote Tage hinein:<br />
+Gestalten wallen, es warnt der Schrein;<br />
+und kein lustiger Leuchterschein<br />
+reicht In das einsame Seltsamsein....<br />
+<br />
+Dorten wollen wir Feste gehen&mdash;<br />
+mrchenallein.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken" id="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken"></a>Im Schlosse mit den roten Zinken<br />
+wr ich so gern des Abends Gast.<br />
+Die Fenster glhn, die Falten sinken,<br />
+und meine weien Wnsche winken<br />
+mir aus dem lodernden Palast.<br />
+<br />
+Ich will durch lange Hallen schleichen<br />
+und in die tiefen Grten schaun,<br />
+die ber alle Marken reichen.<br />
+Und Frauen lcheln an den Teichen,<br />
+und in den Wiesen prahlen Pfaun....<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen" id="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen"></a>Einmal mcht ich dich wiederschauen,<br />
+Park, mit den alten Lindenalleen,<br />
+und mit der leisesten aller Frauen<br />
+zu dem heiligen Weiher gehn.<br />
+<br />
+Schimmernde Schwne in prahlenden Posen<br />
+gleiten leise auf glnzendem Glatt,<br />
+aus der Tiefe tauchen die Rosen<br />
+wie Sagen einer versunkenen Stadt.<br />
+<br />
+Und wir sind ganz allein im Garten,<br />
+drin die Blumen wie Kinder stehn,<br />
+und wir lcheln und lauschen und warten,<br />
+und wir fragen uns nicht, auf wen....<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten" id="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten"></a>Es kommt in prunkenden Gebreiten<br />
+der Abend wie ein leiser Gott.<br />
+Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten<br />
+durch purpurbunte Einsamkeiten<br />
+in bgelleichtem Trumertrott.<br />
+<br />
+Ich atme tief. Ich werde Kaiser.<br />
+Mein heiler Helm ist losgeschnallt,<br />
+und meine Stirne streifen Reiser<br />
+und rauschen so. Und leiser, leiser<br />
+hallt Huf und Ruf im roten Wald.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer" id="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer"></a>Horch, verhallt nicht ein scheuer<br />
+Schrei von den Hngen her?<br />
+Aus dem morschen Klostergemuer<br />
+kann der Abend nicht mehr.<br />
+Er sucht sich wund an der Wand.<br />
+Und mit hilfloser Hand<br />
+in das Sulengedrnge,<br />
+in ewige Gnge,<br />
+wirft er den Brand.<br />
+Feuer.&mdash;<br />
+In schlichtem Gewand<br />
+flieht er, der Heimkehr singender Heuer<br />
+leise gesellt, ins verlschende Land.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach" id="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach"></a>Der Knig Abend wei sich schwach<br />
+und satt, und ihm geschieht:<br />
+Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,<br />
+der einem Hirtensingen nach<br />
+in Menschen lande zieht.<br />
+<br />
+Jetzt ist der Bach ein Knigskind.<br />
+Er jubelt laut Alarm<br />
+und gibt den wunden Krumen blind<br />
+sein Gold.&mdash;Und wo die Htten sind,<br />
+dort ist er wieder arm.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Der_Tag_entschlummert_leise" id="Der_Tag_entschlummert_leise"></a>Der Tag entschlummert leise,&mdash;<br />
+ich walle menschenfern....<br />
+Wach sind im weiten Kreise<br />
+ich&mdash;und ein bleicher Stern.<br />
+<br />
+Sein Auge licht durchwoben<br />
+ruht flimmernd hell auf mir,<br />
+er scheint am Himmel droben<br />
+so einsam, wie ich hier....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">FAHRTEN</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VENEDIG" id="VENEDIG"></a>VENEDIG<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Fremdes Rufen. Und wir whlen<br />
+eine Gondel, schwarz und schlank:<br />
+Leises Gleiten an den Pfhlen<br />
+einer Marmorstadt entlang.<br />
+<br />
+Still. Die Schiffer nur erzhlen<br />
+sich. Die Ruder rauschen sacht,<br />
+und aus Kirchen und Kanlen<br />
+winkt uns eine fremde Nacht.<br />
+<br />
+Und der schwarze Pfad wird leiser,<br />
+fernes Ave weht die Luft,&mdash;<br />
+traun: Ich bin ein toter Kaiser,<br />
+und sie lenken mich zur Gruft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Immer ist mir, da die leisen<br />
+Gondeln durch Kanle reisen<br />
+irgend jemand zum Empfang;<br />
+denn das Warten dauert lang,<br />
+und das Volk ist arm und krank,<br />
+und die Kinder sind wie Waisen.<br />
+<br />
+Lange harren die Palste<br />
+auf die Herren, auf die Gste,<br />
+und das Volk will Kronen sehn.<br />
+Auf dem Markusplatze stehn<br />
+mcht ich oft und irgendwen<br />
+fragen nach dem fernen Feste....<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+Mein Ruder sang:<br />
+Popp, fahr zu!<br />
+Ein Volk von Sklaven<br />
+drngt sich im Hafen<br />
+um nchterne Feste,<br />
+und die Palste<br />
+knnen nicht schlafen.<br />
+Popp, fahr zu!<br />
+<br />
+Eisige Ruh<br />
+in Marmorgliedern,<br />
+mit matten Lidern<br />
+erschauern die Pltze.<br />
+Im Gassennetze<br />
+betteln die Niedern.<br />
+Poppe, fahr zu!<br />
+<br />
+Sag mir, weit du<br />
+noch von den Toten,<br />
+die hier geboten<br />
+in kstlichen Kronen?<br />
+Wo sie jetzt wohnen,<br />
+die Purpurroten?<br />
+<br />
+Popp, fahr zu!<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<br />
+Ave weht von den Trmen her,<br />
+immer noch hrst du die Kirchen erzhlen;<br />
+doch die Palste an stillen Kanlen<br />
+verraten nichts mehr.<br />
+<br />
+Und vorbei an der Traumesruh<br />
+ihrer schlafenden Stirnen schwanken<br />
+leise Gondeln wie schwarze Gedanken<br />
+dem Abend zu.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ENGLAR_IM_EPPAN" id="ENGLAR_IM_EPPAN"></a>ENGLAR IM EPPAN<br />
+<br />
+<br />
+Spter Weg. Die Htten kauern,<br />
+und das dumpfe Dorf schlft ein.<br />
+Ernste Trme seh ich dauern,<br />
+weit aus weien Bltenschauern<br />
+wchst ihr Weltverlorensein.<br />
+<br />
+Abendbrand in brachen Zinnen,<br />
+und der Wind fhrt durch den Saal.<br />
+Und fr wen im Burghof drinnen<br />
+immer noch die Brunnen rinnen&mdash;<br />
+keiner wei es dort im Tal.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TENNO" id="TENNO"></a>TENNO<br />
+<br />
+<br />
+Der Kirchhof hoch im Sommerschnee<br />
+gehrt zum Berghof hin;<br />
+wie ber einem Hochlandsee<br />
+wacht Frieden ber ihn.<br />
+Da wei kein Blhn vom Frhlingsstrahl.<br />
+Der Rasen schchtert frhfrostfahl,<br />
+die Kreuze arm, die Hgel kahl,<br />
+und sacht und selten wchst die Zahl:<br />
+einmal.<br />
+<br />
+Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.<br />
+Im kleinen Dorf ist kleine Wahl<br />
+und kleines Glck und kleine Qual,&mdash;<br />
+drum luten sie so fern im Tal:<br />
+einmal,&mdash;einmal,&mdash;einmal.&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="CASABLANCA" id="CASABLANCA"></a>CASABLANCA<br />
+<br />
+<br />
+Am Berge wei ich trutzen<br />
+ein Kirchlein mit rostigem Knauf,<br />
+wie Mnche in grauen Kapuzen<br />
+steigen Zypressen hinauf.<br />
+<br />
+Vergessene Heilige wohnen<br />
+dort einsam im Altarschrein;<br />
+der Abend reicht ihnen Kronen<br />
+durch hohle Fenster hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ARCO" id="ARCO"></a>ARCO<br />
+<br />
+<br />
+Die Hochschneezinne, schartig scharf,<br />
+loht auf wie eine Mauerkrone,<br />
+in die der lachende Nerone,<br />
+der Morgen, seine Fackel warf.<br />
+<br />
+Und wie die Flammen bis ins Blau<br />
+sich zu verblhten Sternen strecken,<br />
+erwacht das Tal in schnem Schrecken<br />
+und taucht empor aus Traum und Tau.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="I_MULINI" id="I_MULINI"></a>I MULINI<br />
+<br />
+<br />
+Du mde, morsche Mhle,<br />
+dein Moosrad feiert Ruh,<br />
+aus der Olivenkhle<br />
+schaut dir der Abend zu.<br />
+<br />
+Der Bach singt wie verloren<br />
+Menschenlieder nach,<br />
+tiefer ber die Ohren<br />
+ziehst du dein trutziges Dach.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BODENSEE" id="BODENSEE"></a>BODENSEE<br />
+<br />
+<br />
+Die Drfer sind wie ein Garten.<br />
+In Trmen von seltsamen Arten<br />
+klingen die Glocken wie weh.<br />
+Uferschlsser warten<br />
+und schauen durch schwarze Scharten<br />
+md auf den Mittagsee.<br />
+<br />
+Und schnellende Wellchen spielen,<br />
+und goldene Dampfer kielen<br />
+leise den lichten Lauf;<br />
+und hinter den Uferzielen<br />
+tauchen die vielen, vielen<br />
+Silberberge auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KONSTANZ" id="KONSTANZ"></a>KONSTANZ<br />
+<br />
+<br />
+Dem Tag ist so todesweh<br />
+Md giet er aus goldenen Kelchen<br />
+Wein in den Bergesschnee.<br />
+<br />
+Hoch schchtert, scheu wie ein Reh,<br />
+ein Stern berm Uferschleh,<br />
+und ziere, zitternde Weilchen<br />
+gittern den Abendsee.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">FUNDE</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten" id="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten"></a>Wenn wie ein leises Flgelbreiten<br />
+sich in den spten Lften wiegt,&mdash;<br />
+ich mchte immer weiter schreiten<br />
+bis in das Tal, wo riefgeschmiegt<br />
+an abendrote Einsamkeiten<br />
+die Sehnsucht wie ein Garten liegt.<br />
+<br />
+Vielleicht darf ich dich dorten rinden,<br />
+und zage wird dein erstes Mhn<br />
+die wehen Wnsche mir verbinden,<br />
+du wirst mich fhren tief ins Grn&mdash;<br />
+und heimlich werden weie Winden<br />
+an meinem staubigen Stabe blhn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen" id="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen"></a>Ich mchte drauen dir begegnen,<br />
+wenn Mai auf Wunder Wunder huft,<br />
+und wenn ein leises Seelensegnen<br />
+von allen Zweigen niedertruft.<br />
+<br />
+Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,<br />
+Jasmin die weien Arme streckt<br />
+und lind den ewgen Wehgedanken<br />
+der Stirne Christi berdeckt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_musste_denken_unverwandt" id="Ich_musste_denken_unverwandt"></a>Ich mute denken unverwandt,<br />
+wie ich einst zwischen schwarzen Pinien<br />
+den tiefen Frhling sinnen fand,<br />
+als ich vor deiner Schnheit stand<br />
+und durch der Scheitel dunkle Linien<br />
+dein Antlitz trumte wie ein Land.<br />
+<br />
+Es schlich von deiner Lippen Saum<br />
+ein Lcheln auf verlornem Pfade&mdash;<br />
+ganz leis. Die andern merktens kaum.<br />
+So weht ein Blatt vom Bltenbaum:<br />
+Nur einer schaut die Frhlingsgnade,<br />
+und der sie schaut, ist wie im Traum.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen" id="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen"></a>Fremd ist, was deine Lippen sagen,<br />
+fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid<br />
+fremd ist, was deine Augen fragen,<br />
+und auch aus unsern wilden Tagen<br />
+reicht nicht ein leises Wellenschlagen<br />
+an deine tiefe Seltsamkeit.<br />
+<br />
+Du bist wie jene Bildgestalten,<br />
+die berm leeren Altarspind<br />
+noch immer ihre Hnde falten,<br />
+noch immer alte Krnze halten,<br />
+noch immer leise Wunder walten&mdash;<br />
+wenn lngst schon keine Wunder sind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich" id="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich"></a>Du bist so fremd, du bist so bleich.<br />
+Nur manchmal glht auf deinen Wange<br />
+ein hoffnungsloses Heimverlangen<br />
+nach dem verlornen Rosenreich.<br />
+<br />
+Dann sehnt dein Auge, tief und klar,<br />
+aus allem Mssen, allem Mhen<br />
+ins Land, wo nichts als stilles Blhen<br />
+die Arbeit deiner Hnde war.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen" id="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen"></a>Weit du, ich will mich schleichen<br />
+leise aus lautem Kreis,<br />
+wenn ich erst die bleichen<br />
+Sterne ber den Eichen<br />
+blhen wei.<br />
+<br />
+Wege will ich erkiesen,<br />
+die selten wer betritt<br />
+in blassen Abendwiesen&mdash;<br />
+und keinen Traum, als diesen:<br />
+Du gehst mit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Bei_dir_ist_es_traut" id="Bei_dir_ist_es_traut"></a>Bei dir ist es traut:<br />
+Zage Uhren schlagen<br />
+wie aus weiten Tagen.<br />
+Komm mir ein Liebes sagen:<br />
+aber nur nicht laut.<br />
+<br />
+Ein Tor geht irgendwo<br />
+drauen im Bltentreiben.<br />
+Der Abend horcht an den Scheiben.<br />
+La uns leise bleiben:<br />
+Keiner wei uns so.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten" id="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten"></a>Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten<br />
+aus deinem Haar vergenen Sonnenschein.<br />
+Schau, ich will nichts, als deine Hnde halten<br />
+und still und gut und voller Frieden sein.<br />
+<br />
+Da wchst die Seele mir, bis sie in Scherben<br />
+den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:<br />
+An ihren morgenroten Molen sterben<br />
+die ersten Wellen der Unendlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_Hande_welche_immer_geben" id="Du_Hande_welche_immer_geben"></a>Du, Hnde, welche immer geben,<br />
+die mssen blhn von fremdem Glck.<br />
+Zart wie ein zartes Birkenbeben,<br />
+bleibt von dem gebenden Erleben<br />
+ein Rhythmenzittern drin zurck.<br />
+<br />
+Das sind die Hnde mit den schmalen<br />
+Gelenken, die sich leise mhn;<br />
+und wten die von Kathedralen,<br />
+sie mten sich in Wundenmalen<br />
+vor allem Volke heiligblhn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh" id="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh"></a>Bist gewandert durch Wahn und Weh,<br />
+kommst aus meinen dunkelsten Tagen,<br />
+hast dir eine Brcke geschlagen<br />
+bis zu mir ber Schuld und Schnee.<br />
+<br />
+Lenkst mich lchelnd mit leisem Gebot,<br />
+und auf kronengoldenen Locken<br />
+trgst du flchtige Federflocken<br />
+in den frhlichen Frhlingstod.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Will_dir_den_Fruhling_zeigen" id="Will_dir_den_Fruhling_zeigen"></a>Will dir den Frhling zeigen,<br />
+der hundert Wunder hat.<br />
+Der Frhling ist waldeigen<br />
+und kommt nicht in die Stadt.<br />
+<br />
+Nur die weit aus den kalten<br />
+Gassen zu zweien gehn<br />
+und sich bei den Hnden halten&mdash;<br />
+drfen ihn einmal sehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher" id="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher"></a>Und dieser Frhling macht dich bleicher,<br />
+in weite Wiesen will dein Fu,<br />
+dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,<br />
+und deine Hnde werden reicher<br />
+mit jedem Wink, mit jedem Gru.<br />
+<br />
+Du holst aus dfteschwler Lade<br />
+dein Konfirmandenkleidchen dreist<br />
+und trgst es in die wilden Pfade<br />
+und schmckst dich fr die groe Gnade,<br />
+die deine Seele blhen heit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss" id="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss"></a>Mir ist: ich mu dir den Brautnachtstrau<br />
+weit aus dem Abend bringen.<br />
+Ich geh in die goldene Stunde hinaus,<br />
+und die Fenster leuchten am letzten Haus,<br />
+drin spielende Kinder singen.<br />
+<br />
+Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,<br />
+drin singende Kinder wohnen,<br />
+und mein Wandern wchst und wchst in den Mal<br />
+und kann nicht zurck,&mdash;und die Blten, verzeih,<br />
+die wind ich mir alle zu Kronen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten" id="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten"></a>Bist du so md? Ich will dich leise leiten<br />
+aus diesem Lrm, der lngst auch mich verdro.<br />
+Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.<br />
+Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,<br />
+harrt schon der Abend wie ein helles Schlo.<br />
+<br />
+Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,<br />
+und deiner Schnheit kuscht kein Licht im Haus....<br />
+Dein Duft geht wie ein Frhling durch die Kissen:<br />
+Der Tag hat alle Trume mir zerrissen,&mdash;<br />
+du, winde wieder einen Kranz daraus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du" id="Du"></a>Du:<br />
+ein Schlo an wellenschweren,<br />
+atlasblassen Abendmeeren&mdash;<br />
+und in seinen sulenhehren<br />
+Slen warten Preis und Prunk,<br />
+uns zu ehren:<br />
+<br />
+Weil wir beide wiederkehren&mdash;<br />
+ohne Kronen und mit leeren<br />
+Hnden&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 4.5em;">aber jung</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Purpurrote_Rosen_binden" id="Purpurrote_Rosen_binden"></a>Purpurrote Rosen binden<br />
+mcht ich mir fr meinen Tisch<br />
+und, verloren unter Linden,<br />
+irgendwo ein Mdchen finden,<br />
+klug und blond und trumerisch.<br />
+<br />
+Mchte seine Hnde fassen,<br />
+mchte knieen vor dem Kind<br />
+und den Mund, den sehnsuchtblassen,<br />
+mir von Lippen kssen lassen,<br />
+die der Frhling selber sind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ein_Handeineinanderlegen" id="Ein_Handeineinanderlegen"></a>Ein Hndeineinanderlegen,<br />
+ein langer Ku auf khlen Mund,<br />
+und dann; auf Schimmer weien Wegen<br />
+durchwandern wir den Wiesengrund.<br />
+<br />
+Durch leisen, weien Bltenregen<br />
+schickt uns der Tag den ersten Ku,&mdash;<br />
+mir ist: wir wandeln Gott entgegen,<br />
+der durchs Gebreite kommen mu.<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren" id="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren"></a>Du willst dir einen Pagen kren?<br />
+Mich komm erkren, Knigin.<br />
+Mir klingt aus alten Aventren<br />
+ein Sang in Saitenspiel und Sinn.<br />
+<br />
+Ich will ins weie Schlo dich fhren,<br />
+in dem ich selber Knig bin,<br />
+und singen hinter tausend Tren<br />
+fr meine weie Knigin.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Abend_hat_mich_mud_gemacht" id="Abend_hat_mich_mud_gemacht"></a>Abend hat mich md gemacht,<br />
+und in meinen Sinnen schrillen<br />
+kleine Wnsche mit den Grillen.<br />
+<br />
+Wo das blasse Land verflacht,<br />
+liegen lauter weie Villen<br />
+hinter roter Rosenpracht.<br />
+<br />
+Liegen wie auf leiser Wacht<br />
+weie Villen an dem stillen<br />
+Uferrand der Frhlingsnacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen" id="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen"></a>Was reit ihr aus meinen blassen, blauen<br />
+Stunden mich in der wirbelnden Kreise<br />
+wirres Geflimmer?<br />
+Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.<br />
+Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer<br />
+einsam, mit heimlichem Lcheln, leise,<br />
+leise&mdash;Tage und Trume bauen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang" id="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang"></a>Mir war so weh. Ich sah dich bla und bang.<br />
+Das war im Traum. Und deine Seele klang.<br />
+<br />
+Ganz leise tnte meine Seele mit,<br />
+und beide Seelen sangen sich; Ich litt.<br />
+<br />
+Da wurde Friede tief in mir. Ich lag<br />
+im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein" id="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein"></a>Wie meine Trume nach dir schrein.<br />
+Wir sind uns mhsam fremd geworden,<br />
+jetzt will es mir die Seele morden,<br />
+dies arme, bange Einsamsein.<br />
+<br />
+Kein Hoffen, das die Segel bauscht.<br />
+Nur diese weite, weie Stille,<br />
+in die mein tatenloser Wille<br />
+in atemlosem Bangen lauscht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien" id="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien"></a>Und du warst schn. In deinem Auge schien<br />
+sich Nacht und Sonne sieghaft zu vershnen.<br />
+Und Hoheit hllte wie ein Hermelin<br />
+dich ein: So kam dich meine Liebe krnen.<br />
+Und meine nchteblasse Sehnsucht stand,<br />
+weibindig wie der Vesta Priesterin,<br />
+an deines Seelentempels Sulenrand<br />
+und streute lchelnd weie Blten hin.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind" id="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind"></a>Du hast so groe Augen, Kind.<br />
+Du siehst gewi oft nachts Gestalten,<br />
+die, fremd und bleich, in marmorkalten<br />
+Traumhnden rote Kronen halten,<br />
+um die ein Leuchten leise rinnt.<br />
+Dann ist dein Blick am Tag wie blind<br />
+und deine Seele wie zerspalten,<br />
+dann bangt dir vor den Alltagsalten,<br />
+wenn Wnsche sich in dir entfalten,<br />
+die allen andern Wahnsinn sind.<br />
+<br />
+Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,<br />
+stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,<br />
+die plump, mit Hnden, bld und bleiern,<br />
+auf deiner Silberseele leiern<br />
+das irre Lied, das sterblich macht;<br />
+zu fliehn in eine blaue Nacht,<br />
+drin alle Wipfel lauschend feiern;<br />
+der Glieder Hymne zu entschleiern<br />
+und scheu im Scho von weien Weihern<br />
+zu finden ihre nackte Pracht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern" id="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern"></a>Du sahst in hohe Lichthofmauern<br />
+und spieltest still in dumpfem Raum,<br />
+es lag ein unverstandnes Trauern<br />
+auf deinem blassen Kindheitstrum.<br />
+<br />
+Und deine Tage waren bleiern,<br />
+die Mutter krank, der Vater roh;<br />
+und manchmal kam ein Krppel leiern&mdash;<br />
+dann lauschtest du und weintest so.<br />
+<br />
+Was kann dir nun der Sommer taugen?<br />
+Md, wie mit scheuem Schwingenschlag,<br />
+durchirren deine Heimwehaugen<br />
+den uferlosen Sonnentag.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+Sie war:<br />
+<a name="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen" id="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen"></a>Ein unerwnschtes Kind, verstoen<br />
+auch aus der Mutter Nachtgebet,<br />
+und ewig fern von jenem Groen,<br />
+das gebend durch die Zeiten geht.<br />
+<br />
+Sie wnschte wenig&mdash;und nur selten<br />
+kam wie ein Weinen ber sie<br />
+nach einem Land mit Purpurzelten,<br />
+nach einer fremden Melodie,<br />
+<br />
+nach weien Wegen, die nicht stauben&mdash;<br />
+dann bog sie Rosen sich ins Haar,<br />
+und konnte doch nie Liebe glauben,<br />
+auch wenn es tief im Frhling war.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute" id="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute"></a>Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,<br />
+klang oft dein Wort so kummerkrank,<br />
+wie eine leise Liebeslaute,<br />
+die einsam einst ein Meister baute,<br />
+als seine Seele Sehnsucht sang.<br />
+<br />
+Sie lernte seither leichte Lieder<br />
+und tnte gern zu Tag und Tanz,&mdash;<br />
+da greift ein Trumer ihre Glieder:<br />
+und wie erwachend weint sie wieder<br />
+das Heimweh ihres Heimatlands.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte" id="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte"></a>Ja, frher, wenn ich an dich dachte,<br />
+wie Wunder wars: ein Mai erwachte<br />
+um dich im Aureolenglnz,<br />
+und meine Sehnsucht trumte sachte<br />
+um deine Stirne einen Kranz.<br />
+<br />
+Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen<br />
+ins Herz den herbstverhangnen Hainen,<br />
+schleicht an den bleichen Meilensteinen<br />
+ein wunder Sonnenuntergang.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_ging_durch_ein_Land" id="Ich_ging_durch_ein_Land"></a>Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.<br />
+Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband<br />
+lag der blasse Flu auf dem flachen Sand,<br />
+darber aus nassem Nebelgewand<br />
+reckte die Weide die Totenhand.<br />
+<br />
+Mir war so traurig. Ich starrte und stand.<br />
+Ich sah dich kauern am Wegesrand.<br />
+Einst hab ich dich und das Glck gekannt.<br />
+Du weintest whlend und unverwandt,<br />
+und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?<br />
+<br />
+Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....<br />
+Da hab ich dich wieder wie einst genannt;<br />
+doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.<br />
+Die Pappeln kohlten im Abendbrand,<br />
+und der Tod ging rot durch dein Heimatland.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte" id="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte"></a>Weit du, da ich dir mde Rosen flechte<br />
+ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt&mdash;<br />
+Siehst du den Mond, wie eine silberechte<br />
+Merkmnze, und ein Bild ist eingeprgt:<br />
+ein Weib, das lchelnd dunkle Dornen trgt&mdash;<br />
+Das ist das Zeichen toter Liebesnchte.<br />
+<br />
+Fhlst du die Rosen auf der Stirne sterben?<br />
+Und jede lt die Schwester schauernd los<br />
+und mu allein verdarben und verderben,<br />
+und alle fallen fahl in deinen Scho.<br />
+Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und gro.<br />
+Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen" id="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen"></a>Kannst du die alten Lieder noch spielen?<br />
+Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh<br />
+wie die Schiffe mit silbernen Kielen,<br />
+die nach heimlichen Inselzielen<br />
+treiben im leisen Abendsee.<br />
+<br />
+Und sie landen am Bltengestade,<br />
+und der Frhling ist dort so jung.<br />
+Und da findet an einsamem Pfade<br />
+vergessene Gtter in wartender Gnade<br />
+meine mde Erinnerung.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas" id="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas"></a>Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,<br />
+die deine Hand zu pflegen nie verga?<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Schon tot?</span><br />
+Wo ist die Freude deiner Wangen hin,<br />
+die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Verloht?</span><br />
+Und wo ist unser Glck so gro und rein,<br />
+das hell dein Haar wie ein Madonnenschein<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Umspann?</span><br />
+Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,<br />
+und morgen kommt der Frost uns ins Gemach&mdash;<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Und dann?</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 5em;">MTTER</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich" id="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich"></a>Ich sehne oft nach einer Mutter mich,<br />
+nach einer stillen Frau mit weien Scheiteln.<br />
+In ihrer Liebe blhte erst mein Ich;<br />
+sie knnte jenen wilden Ha vereiteln,<br />
+der eisig sich in meine Seele schlich.<br />
+<br />
+Dann sen wir wohl beieinander dicht,<br />
+ein Feuer surrte leise im Kamine.<br />
+Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,<br />
+und Friede schwebte ob der Teeterrine<br />
+so wie ein Falter um das Lampenlicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst" id="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst"></a>Mir ist oft, da ich fragen mt:<br />
+Du, Mutter, was hast du gesungen,<br />
+eh deinem blassen, blonden Jungen<br />
+der Schlaf die Wangen warm gekt?<br />
+<br />
+Hattest du damals sehr viel Gram?<br />
+Und weit du, wie du aufgesprungen,<br />
+wenn deinem blassen, blonden Jungen<br />
+im tiefen Traum ein Weinen kam?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen" id="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen"></a>Ich gehe unter roten Zweigen<br />
+und suche einen spten Strau.<br />
+Wei nicht vor Glck wo ein und aus,<br />
+mir ist so neu, mir ist so eigen:<br />
+Mein Lieb ist md und ist zu Haus.<br />
+<br />
+Jetzt ist mein Mdel erst recht eitel,<br />
+seit sich sein Mieder weiter zieht,<br />
+und seit ein Wunder ihm geschieht:<br />
+Bald hat es breite braune Scheitel<br />
+und sitzt und singt ein Wiegenlied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn" id="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn"></a>Leise weht ein erstes Blhn<br />
+von den Lindenbumen,<br />
+und, in meinen Trumen khn,<br />
+seh ich dich im Laubengrn<br />
+hold im ersten Muttermhn<br />
+Kinderhemdchen sumen.<br />
+<br />
+Singst ein kleines Lied dabei,<br />
+und dein Lied klingt in den Mai:<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">tief im trauten Garten.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schnsten Traum</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">will ich hier erwarten.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe Bltenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Sommer wird dirs zahlen.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Schau, ich sume einen Saum</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">hier mit Sonnenstrahlen.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Blrenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">balde kommt das Reifen.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schnsten Traum</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">lehr mich, ihn begreifen.</span><br />
+<br />
+Singst ein kleines Lied dabei,<br />
+und dein Lied ist lauter Mai.<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 1em;">Und der Bltenbaum wird blhn,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">blhn vor allen Bumen,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">sonnig wird dein Saum erglhn,</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">und verklrt im Laubengrn</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">wird dein junges Muttermhn</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">Kinderhemdchen sumen.</span><br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande" id="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande"></a>Und reden sie dir jetzt von Schande,<br />
+da Schmerz und Sorge dich durchirrt,&mdash;<br />
+o, lchle, Weib! Du stehst am Rande<br />
+des Wunders, das dich weihen wird.<br />
+<br />
+Fhlst du in dir das scheue Schwellen,<br />
+und Leib und Seele wird dir weit&mdash;<br />
+o, bete, Weib! Das sind die Wellen<br />
+der Ewigkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BLONDE_KNABE_SINGT" id="DER_BLONDE_KNABE_SINGT"></a>DER BLONDE KNABE SINGT:<br />
+Was weinst du, Mutter? Ist das Spind<br />
+auch bettelleer,&mdash;sei gut!<br />
+Ich bin dein blondes Kronenkind,<br />
+und du hast Edelblut.<br />
+<br />
+Ich schaute ja, du weit es nicht,&mdash;<br />
+wie du so oft noch spt<br />
+beim morgenmatten Lampenlicht<br />
+dein Knigskleid genht.<br />
+<br />
+So bist du eine Knigin,<br />
+und sei nicht bang und zag&mdash;<br />
+und bis Ich erst krafteigen bin,<br />
+kommt unser Knigs tag.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MUTTER_II" id="DIE_MUTTER_II"></a>DIE MUTTER:<br />
+"Liebling, hast du gerufen?"<br />
+Es war ein Wort im Wind.<br />
+"Wie viele steile Stufen<br />
+sind noch bis zu dir, mein Kind?"&mdash;<br />
+Da fand ihre Stimme die Sterne,<br />
+fand aber die Tochter nicht.<br />
+<br />
+Im Tale in tiefer Taverne<br />
+lschte ein letztes Licht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross" id="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross"></a>Manchmal fhlt sie: Das Leben ist gro,<br />
+wilder, wie Strme, die schumen,<br />
+wilder, wie Sturm in den Bumen.<br />
+Und leise lt sie die Stunden los<br />
+und schenkt ihre Seele den Trumen.<br />
+<br />
+Dann erwacht sie. Da steht ein Stern<br />
+still berm leisen Gelnde,<br />
+und ihr Haus hat ganz weie Wnde&mdash;<br />
+Da wei sie: Das Leben ist fremd und fern&mdash;<br />
+und faltet die alternden Hnde.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br />
+<br />
+<br />
+LARENOPFER (1896)<br />
+<br />
+<a href="#IM_ALTEN_HAUSE">Im alten Hause</a><br />
+<a href="#AUF_DER_KLEINSEITE">Auf der Kleinseite</a><br />
+<a href="#EIN_ADELSHAUS">Ein Adelshaus</a><br />
+<a href="#DER_HRADSCHIN">Der Hradschin</a><br />
+<a href="#BEI_ST_VEIT">Bei St. Veit</a><br />
+<a href="#IM_DOME">Im Dome</a><br />
+<a href="#IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS">In der Kapelle St. Wenzels</a><br />
+<a href="#VOM_LUGAUS">Vom Lugaus</a><br />
+<a href="#DER_BAU">Der Bau</a><br />
+<a href="#IM_STUBCHEN">Im Stbchen</a><br />
+<a href="#ZAUBER">Zauber</a>
+<a href="#EIN_ANDERES">Ein anderes</a><br />
+<a href="#NOCH_EINES">Noch eines</a><br />
+<a href="#UND_DAS_LETZTE">Und das letzte</a><br />
+<a href="#IM_ERKERSTUBCHEN">Im Erkerstbchen</a><br />
+<a href="#DER_NOVEMBERTAG">Der Novembertag</a><br />
+<a href="#IM_STRAssEN_KAPELLCHEN">Im Straenkapellchen</a><br />
+<a href="#DAS_KLOSTER">Das Kloster</a><br />
+<a href="#BEI_DEN_KAPUZINERN">Bei den Kapuzinern</a><br />
+<a href="#ABEND_I">Abend</a><br />
+<a href="#JAR_VRCHLICKY">Jar. Vrchlick</a><br />
+<a href="#IM_KREUZGANG_VON_LORETTO">Im Kreuzgang von Loretto</a><br />
+<a href="#DER_JUNGE_BILDNER">Der junge Bildner</a><br />
+<a href="#FRUHLING">Frhling</a><br />
+<a href="#LAND_UND_VOLK">Land und Volk</a><br />
+<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br />
+<a href="#ALLERSEELEN">Allerseelen</a> I. II.<br />
+<a href="#BEI_NACHT">Bei Nacht</a><br />
+<a href="#ABEND_II">Abend</a><br />
+<a href="#AUF_DEM_WOLSCHAN">Auf dem Wolschan</a> I<br />
+<span style="margin-left: 7.5em;">II</span><br />
+<a href="#WINTERMORGEN">Wintermorgen</a><br />
+<a href="#BRUNNEN">Brunnen</a><br />
+<a href="#SPHINX">Sphinx</a><br />
+<a href="#TRAUME">Trume</a><br />
+<a href="#MAITAG">Maitag</a><br />
+<a href="#KONIG_ABEND">Knig Abend</a><br />
+<a href="#AN_DER_ECKE">An der Ecke</a><br />
+<a href="#HEILIGE">Heilige</a><br />
+<a href="#DAS_ARME_KIND">Das arme Kind</a><br />
+<a href="#WENNS_FRUHLING_WIRD">Wenns Frhling wird</a><br />
+<a href="#ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG">Als ich die Universitt bezog</a><br />
+<a href="#SUPERAVIT">Superavit</a><br />
+<a href="#TROTZDEM">Trotzdem</a><br />
+<a href="#HERBSTSTIMMUNG">Herbststimmung</a><br />
+<a href="#AN_JULIUS_ZEYER">An Julius Zeyer</a><br />
+<a href="#DER_TRAUMER">Der Trumer</a> I<br />
+<span style="margin-left: 5em;">II</span><br />
+<a href="#DIE_MUTTER">Die Mutter</a><br />
+<a href="#UNSER_ABENDGANG">Unser Abendgang</a><br />
+<a href="#KAJETAN_TYL">Kajetan Tl</a><br />
+<a href="#VOLKSWEISE">Volksweise</a><br />
+<a href="#DAS_VOLKSLIED">Das Volkslied</a><br />
+<a href="#DORFSONNTAG">Dorfsonntag</a><br />
+<a href="#MEIN_GEBURTSHAUS">Mein Geburtshaus</a><br />
+<a href="#IN_DUBIIS">In dubiis</a> I. II.<br />
+<a href="#BARBAREN">Barbaren</a><br />
+<a href="#SOMMERABEND">Sommerabend</a><br />
+<a href="#GERICHTET">Gerichtet</a><br />
+<a href="#DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE">Das Mrchen von der Wolke</a><br />
+<a href="#FREIHEITSKLANGE">Freiheitsklnge</a><br />
+<a href="#NACHTBILD">Nachtbild</a><br />
+<a href="#HINTER_SMICHOV">Hinter Smichov</a><br />
+<a href="#IM_SOMMER">Im Sommer</a><br />
+<a href="#AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL">Am Kirchhof zu Knigsaal (aula regis)</a><br />
+<a href="#VIGILIEN">Vigilien</a> I. II.<br />
+<span style="margin-left: 2.5em;">III. IV.</span><br />
+<a href="#DEK_LETZTE_SONNENGRUSS">Der letzte Sonnengru</a><br />
+<a href="#KAISER_RUDOLF">Kaiser Rudolf</a><br />
+Aus dem Dreiigjhrigen Kriege. <a href="#a1_KRIEG">1. Krieg</a><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a2_ALEA_JACTA_EST">2. Alea jacta est</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a3_KRIEGSKNECHTS-SANG">3. Kriegsknechts-Sang</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a4_KRIEGSKNECHTS-RANG">4. Kriegsknechts-Rang</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a5_BEIM_KLOSTER">5. Beim Kloster</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a6_BALLADE">6. Ballade</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a7_DER_FENSTERSTURZ">7. Der Fenstersturz</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a8_GOLD">8. Gold</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a9_SZENE">9. Szene</a></span><br />
+<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a10_FEUERLILIE">10. Feuerlilie</a></span><br />
+<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a11_BEIM_FRIEDLAND">11. Beim Friedland</a></span><br />
+<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a12_FRIEDEN">12. Frieden</a></span><br />
+<a href="#BEI_DEN_URSULINEN">Bei den Ursulinen</a><br />
+<a href="#AUS_DER_KINDERZEIT">Aus der Kinderzeit</a><br />
+<a href="#RABBI_LOW">Rabbi Lw</a><br />
+<a href="#DIE_ALTE_UHR">Die alte Uhr</a><br />
+<a href="#KAMPFEN">Kmpfen</a><br />
+<a href="#SIEGEN">Siegen</a><br />
+<a href="#IM_HERBST">Im Herbst</a><br />
+<a href="#DER_KLEINE_DRATENIK">Der kleine "Dratenk"</a><br />
+<a href="#IN_DER_VORSTADT">In der Vorstadt</a><br />
+<a href="#BEI_ST_HEINRICH">Bei St. Heinrich</a><br />
+<a href="#MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT">Mittelbhmische Landschaft</a><br />
+<a href="#DAS_HEIMATLIED">Das Heimatlied</a><br />
+<br />
+TRAUMGEKRNT (1897)<br />
+<br />
+<a href="#KONIGSLIED">Knigslied</a><br />
+<a href="#TRAUMEN">Trumen</a><br />
+I. <a href="#Mein_Herz_gleicht">Mein Herz gleicht</a><br />
+II. <a href="#Ich_denke_an">Ich denke an:</a><br />
+III. <a href="#Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen">Mir ist: ein Huschen wr mein eigen</a><br />
+IV. <a href="#Eine_alte_Weide_trauert">Eine alte Weide trauert</a><br />
+V. <a href="#Die_Rose_hier_die_gelbe">Die Rose hier, die gelbe</a><br />
+VI. <a href="#Wir_sassen_beisammen">Wir saen beisammen</a><br />
+VII. <a href="#Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege">Ich wollt, sie htten statt der Wiege</a><br />
+VIII. <a href="#Jene_Wolke_will_ich_neiden">Jene Wolke will ich neiden</a><br />
+IX. <a href="#Mir_ist_Die_Welt">Mir ist: Die Welt</a><br />
+X. <a href="#Wenn_das_Volk_das_drohnentrage">Wenn das Volk, das drohnentrge</a><br />
+XI. <a href="#Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht">Wei ich denn, wie mir geschieht</a><br />
+XII. <a href="#Schon_blinzt">Schon blinzt</a><br />
+XIII. <a href="#Fahlgrauer_Himmel">Fahlgrauer Himmel</a><br />
+XIV. <a href="#Die_Nacht_liegt_duftschwer">Die Nacht liegt duftschwer</a><br />
+XV. <a href="#Im_Schoss_der_silberhellen">Im Scho der silberhellen</a><br />
+XVI. <a href="#Abendlauten">Abendluten</a><br />
+XVII. <a href="#Weltenweiter_Wandrer">Weltenweiter Wandrer</a><br />
+XVIII. <a href="#Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen">Mchte mir ein blondes Glck erkiesen</a><br />
+XIX. <a href="#Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer">Vor mir liegt ein Felsenmeer</a><br />
+XX. <a href="#Die_Fenster_gluhten">Die Fenster glhten</a><br />
+XXI. <a href="#Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte">Es gibt so wunderweie Nchte</a><br />
+XXII. <a href="#Wie_eine_Riesenwunderblume">Wie eine Riesenwunderblume</a><br />
+XXIII. <a href="#Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend">Wie, jegliches Gefhl vertiefend</a>.<br />
+XXIV. <a href="#O_gabs_doch_Sterne">O gbs doch Sterne</a><br />
+XXV. <a href="#Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste">Mir ist so weh, so weh, als mte</a><br />
+XXVI. <a href="#Matt_durch_der_Tale">Matt durch der Tale</a><br />
+XXVII. <a href="#Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse">Ein Erinnern, das ich heilig heie</a><br />
+XXVIII. <a href="#Glaubt_mir">Glaubt mir</a><br />
+<br />
+LIEBEN<br />
+<br />
+I. <a href="#Und_wie_mag_die_Liebe">Und wie mag die Liebe</a><br />
+II. <a href="#Das_war_der_Tag">Das war der Tag</a><br />
+III. <a href="#Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein">Einen Maitag mit dir beisammen sein</a><br />
+IV. <a href="#Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht">Ich wei nicht, wie mir geschieht</a><br />
+V. <a href="#Ob_dus_noch_denkst">Ob dus noch denkst</a><br />
+VI. <a href="#Wir_sassen_beide_in_Gedanken">Wir saen beide in Gedanken</a><br />
+VII. <a href="#Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben">Blondkpfchen hinter den Scheiben</a><br />
+VIII. <a href="#Die_Liese_wird_heute">Die Liese wird heute</a><br />
+IX. <a href="#Ich_traume_tief_im_Weingerank">Ich trume tief im Weingerank</a><br />
+X. <a href="#Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte">Es ist ein Weltmeer voller Lichte</a><br />
+XI. <a href="#Ich_war_noch_ein_Knabe">Ich war noch ein Knabe</a><br />
+XII. <a href="#Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid">Die Nacht im Silberfunkenkleid</a><br />
+XIII. <a href="#Schon_starb_der_Tag">Schon starb der Tag</a><br />
+XIV. <a href="#Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen">Es leuchteten im Garten die Syringen</a><br />
+XV. <a href="#Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind">Oft scheinst du mir ein Kind</a><br />
+XVI. <a href="#Nach_einem_Gluck">Nach einem Glck</a><br />
+XVII. <a href="#Wir_gingen">Wir gingen</a><br />
+XVIII. <a href="#Im_Fruhling_oder_im_Traume">Im Frhling oder im Traume</a><br />
+XIX. <a href="#Sie_hatte_keinerlei_Geschichte">Sie hatte keinerlei Geschichte</a><br />
+XX. <a href="#Man_merkte_der_Herbst_kam">Man merkte: der Herbst kam</a><br />
+XXI. <a href="#Manchmal_da_ist_mir">Manchmal da ist mir</a><br />
+XXII. <a href="#Es_ist_lang">Es ist lang</a><br />
+<br />
+ADVENT (1898)<br />
+<br />
+<a href="#Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde">Advent. Es treibt der Wind</a><br />
+<br />
+GABEN<br />
+<br />
+<a href="#Das_ist_mein_Streit">Das ist mein Streit</a><br />
+<a href="#Du_meine_heilige_Einsamkeit">Du meine heilige Einsamkeit</a><br />
+<a href="#Der_Bach_hat_leise_Melodien">Der Bach hat leise Melodien</a><br />
+<a href="#Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen">Ich liebe vergessene Flurmadonnen</a><br />
+<a href="#Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar">Warst du ein Kind in froher Schar</a><br />
+<a href="#PFAUENFEDER">Pfauenfeder: in deiner Feinheit</a><br />
+<a href="#Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise">Oft denk ich auf der Alltagsreise</a><br />
+<a href="#DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE">Damit ich glcklich wre</a><br />
+<a href="#An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still">An manchem Tag ist meine Seele still</a><br />
+<a href="#Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt">Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt</a><br />
+<a href="#Die_hohen_Tannen_atmen_heiser">Die hohen Tannen atmen heiser</a><br />
+<a href="#Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen">Der Abend kommt von weit gegangen</a><br />
+<a href="#Das_Wetter_war_grau_und_grell">Das Wetter war grau und grell</a><br />
+<a href="#Sonne_verlodert_am_Himmelsrain">Sonne verlodert am Himmelsrain</a><br />
+<a href="#Du_arme_alte_Kapelle">Du arme, alte Kapelle</a><br />
+<a href="#Die_Madchen_singen">Die Mdchen singen</a><br />
+<a href="#Lehnen_im_Abendgarten_beide">Lehnen im Abendgarten beide</a><br />
+<a href="#Eine_der_weissen_Vestageweihten">Eine der weien Vestageweihten</a><br />
+<a href="#Im_Kreise_der_Barone">Im Kreise der Barone</a><br />
+<a href="#Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit">Ein weies Schlo in weier Einsamkeit</a><br />
+<a href="#Irgendwo_muss_es_Palaste_geben">Irgendwo mu es Palste geben</a><br />
+<a href="#Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken">Im Schlosse mit den roten Zinken</a><br />
+<a href="#Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen">Einmal mcht ich dich wiederschauen</a><br />
+<a href="#Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten">Es kommt in prunkenden Gebreiten</a><br />
+<a href="#Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer">Horch, verhallt nicht ein scheuer</a><br />
+<a href="#Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach">Der Knig Abend wei sich schwach</a><br />
+<a href="#Der_Tag_entschlummert_leise">Der Tag entschlummert leise</a><br />
+<br />
+FAHRTEN<br />
+<br />
+<a href="#VENEDIG">Venedig</a> I. Fremdes Rufen<br />
+II. Immer ist mir, da die leisen<br />
+III. Mein Ruder sang<br />
+IV. Ave weht von den Trmen her<br />
+<a href="#ENGLAR_IM_EPPAN">Englar im Eppan</a><br />
+<a href="#TENNO">Tenno</a>
+<a href="#CASABLANCA">Casablanca</a>
+<a href="#ARCO">Arco</a><br />
+<a href="#I_MULINI">I mulini</a><br />
+<a href="#BODENSEE">Bodensee</a><br />
+<a href="#KONSTANZ">Konstanz</a><br />
+<br />
+FUNDE<br />
+<br />
+<a href="#Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten">Wenn wie ein leises Flgelbreiten</a><br />
+<a href="#Ich_mochte_draussen_dir_begegnen">Ich mchte drauen dir begegnen</a><br />
+<a href="#Ich_musste_denken_unverwandt">Ich mute denken unverwandt</a><br />
+<a href="#Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen">Fremd ist, was deine Lippen sagen</a><br />
+<a href="#Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich">Du bist so fremd, du bist so bleich</a><br />
+<a href="#Weisst_du_ich_will_mich_schleichen">Weit du, ich will mich schleichen</a><br />
+<a href="#Bei_dir_ist_es_traut">Bei dir ist es traut</a><br />
+<a href="#Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten">Die Nacht holt heimlich</a><br />
+<a href="#Du_Hande_welche_immer_geben">Du, Hnde, welche immer geben</a><br />
+<a href="#Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh">Bist gewandert durch Whn und Weh</a><br />
+<a href="#Will_dir_den_Fruhling_zeigen">Will dir den Frhling zeigen</a><br />
+<a href="#Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher">Und dieser Frhling macht dich bleicher</a><br />
+<a href="#Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss">Mir ist: ich mu dir den Brautnachtstrau</a><br />
+<a href="#Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten">Bist du so md? Ich will dich leise leiten</a><br />
+<a href="#Du">Du: ein Schlo an wellenschweren</a><br />
+<a href="#Purpurrote_Rosen_binden">Purpurrote Rosen binden</a><br />
+<a href="#Ein_Handeineinanderlegen">Ein Hndeineinanderlegen</a><br />
+<a href="#Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren">Du willst dir einen Pagen kren?</a><br />
+<a href="#Abend_hat_mich_mud_gemacht">Abend hat mich md gemacht</a><br />
+<a href="#Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen">Was reit ihr aus meinen blassen, blauen</a><br />
+<a href="#Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang">Mir war so weh. Ich sah dich bla und bang</a><br />
+<a href="#Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein">Wie meine Trume nach dir schrein</a><br />
+<a href="#Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien">Und du warst schn. In deinem Auge schien</a><br />
+<a href="#Du_hast_so_grosse_Augen_Kind">Du hast so groe Augen, Kind</a><br />
+<a href="#Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern">Du sahst in hohe Lichthofmauern</a><br />
+<a href="#Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen">Sie war: Ein unerwnschtes Kind</a><br />
+<a href="#Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute">Wenn ich dir ernst ins Auge schaute</a><br />
+<a href="#Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte">Ja, frher, wenn ich an dich dachte</a><br />
+<a href="#Ich_ging_durch_ein_Land">Ich ging durch ein Land</a><br />
+<a href="#Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte">Weit du, da ich dir mde Rosen flechte</a><br />
+<a href="#Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen">Kannst du die alten Lieder noch spielen</a><br />
+<a href="#Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas">Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas</a><br />
+<br />
+MTTER<br />
+<br />
+<a href="#Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich">Ich sehne oft nach einer Mutter mich</a><br />
+<a href="#Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst">Mir ist oft, da ich fragen mt</a><br />
+<a href="#Ich_gehe_unter_roten_Zweigen">Ich gehe unter roten Zweigen</a><br />
+<a href="#Leise_weht_ein_erstes_Bluhn">Leise weht ein erstes Blhn</a><br />
+<a href="#Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande">Und reden sie dir jetzt von Schande</a><br />
+<a href="#DER_BLONDE_KNABE_SINGT">Der blonde Knabe singt</a><br />
+<a href="#DIE_MUTTER_II">Die Mutter</a><br />
+<a href="#Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross">Manchmal fhlt sie: Das Leben ist gro</a><br />
+</p>
+
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+
+
+<pre>
+
+
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+
+End of the Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE ***
+
+***** This file should be named 33821-h.htm or 33821-h.zip *****
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+Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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