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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:16 -0700 |
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Verstohlen liest die Sonne +die geheimnisvollen Worte +unter einer Steinmadonne. + + + + +EIN ADELSHAUS + + +Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe: +wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen. +Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen +und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe. + +Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber, +als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken; +und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken: +das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich--Zauber. + + + + +DER HRADSCHIN + + +Schau so gerne die verwetterte +Stirn der alten Hofburg an; +schon der Blick des Kindes kletterte +dort hinan. + +Und es grüßen selbst die eiligen +Moldauwellen den Hradschin, +von der Brücke sehn die Heiligen +ernst auf ihn. + +Und die Türme schaun, die neueren, +alle zu des Veitsturms Knauf +wie die Kinderschar zum teueren +Vater auf. + + + + +BEI ST. VEIT + + +Gern steh ich vor dem alten Dom; +wie Moder weht es dort, wie Fäule, +und jedes Fenster, jede Säule +spricht noch ihr eignes Idiom. + +Da hockt ein reich geschnörkelt Haus +und lächelt Rokoko-Erotik, +und hart daneben streckt die Gotik +die dürren Hände betend aus. + +Jetzt wird mir klar der casus rei; +ein Gleichnis ists aus alten Zeiten: +der Herr Abbé hier--ihm zuseiten +die Dame des roi soleil. + + + + +IM DOME + + +Wie von Steinen rings, von Erzen +weit der Wände Wölbung funkelt, +eine Heilge, braungedunkelt, +dämmert hinter trüben Kerzen. + +Von der Decke, rundgemauert, +schwebt ob eines Engels Kopfe +hell ein weißer Silbertropfe, +drin ein ewig Lichtlein kauert. + +Und im Eck, wo Goldgeglaste +niederhangt in staubgen Klumpen, +steht in Schmutz gehüllt und Lumpen +still ein Kind der Bettlerkaste. + +Von dem ganzen Glänze floß ihm +in die Brust kein Fünkchen Segen.... +Zitternd, matt, streckts mir entgegen +seine Hand mit leisem: "Prosim!" + + + + +IN DER KAPELLE ST. WENZELS + + +Alle Wände in der Halle +voll des Prachtgesteins; wer wüßte +sie zu nennen: Bergkristalle, +Rauchtopase, Amethyste. + +Zauberhell wie ein Mirakel +glänzt der Raum im Lichtgetänzel, +unterm goldnen Tabernakel +ruht der Staub des heilgen Wenzel. + +Ganz von Leuchten bis zum Scheitel +ist die Kuppel voll, die hohle; +und der Goldglast sieht sich eitel +in die gelben Karneole. + + + + +VOM LUGAUS + + +Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln +und jene wieder spitz wie schlanke Birnen; +dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen +schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln. + +Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten +sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen. +Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen +in sich des Himmels violette Tinten! + + + + +DER BAU + + + (1) + +Die moderne Bauschablone +will mir wahrlich gar nicht passen. +Hier, dies alte Haus darf fassen +reiche, weite Steinterrassen, +kleine, heimliche Balkone. + +Und die weitgewölbten Decken, +die so günstig sind den Lauten, +Nischen rings, die eingebauten, +draus die Arme sich der trauten +Dämmrung dir entgegenstrecken. + +Alle Mauern breiter, stärker +und aus echten Quaderkernen;-- +traun, das Gruseln könnt ich lernen, +seh ich auf die Zinskasernen +aus dem kleinen, Stillen Erker. + + + + +IM STÜBCHEN + + + (2) + +Traut ists, wenn verstohlen heulen +im Kamine wilde Winde +in der Stube; ganz gelinde +tickt auf dem barocken Spinde +fort die Stockuhr mit den Säulen. +Dort, die kleine Silhouette +zeigt die alte Tracht der Locken, +tief im Fenster steht ein Rocken, +und vergeßne Töne stocken +im verlassenen Spinette. +Immer noch hegt die Postille, +daß an ihrem Geist erfrische +jung und alt sich, auf dem Tische, +und der Spruch ob jener Nische +lautet: "Es gescheh Dein Wille...." + + + + +ZAUBER + + + (3) + +Oft seh ich die heimliche Stube belebt, +so lebhaft erzählen die Wände; +ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt +dort zu der Madonna die Hände. + +Ein tüchtiger Junge beim Vater steht, +der viel zu des Hauses Gewinn tat. +An huben sie flüsternd das Abendgebet, +und Mutter läßt ruhen das Spinnrad. + +Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß +sogar der Madonna im Rahmen. +Ich lausche:--Laut von des Vaters Baß +ertönt das versöhnende: "Amen". + + + + +EIN ANDERES + + + (4) + +Naht der Sohn mit schwerem Schritt +seinem Vater. Schwer die Zunge.... +"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?! +Vorwärts, nur herein damit!" + +Und da steht zum erstenmal +jetzt das Mädchen rot und stille; +und der Vater putzt die Brille: +"Teufel! Gut war deine Wahl!" + +Und er streckt die Arme aus, +und das Bräutchen nimmt verlegen +seinen Kuß und seinen Segen.... +Davon weiß das alte Haus. + + + + +NOCH EINES + + + (5) + +Auch dem blonden Kinde kam es +In sein Herz, sein waldseereines, +wie das dunkle Ahnen eines +großen Glückes oder Grames. + +Und die Mutter ließ das Rädchen +stocken.--"Kind, was macht dich leiden?" +Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen: +doch verstanden sich die beiden. + +Kurz darauf: Am Pförtchen pochte +junger Herr.--"Wollt ihr euch?"--Pause.-- +Ob!--Wer da noch fragen mochte!?-- +So geschahs im alten Hause. + + + + +UND DAS LETZTE + + + (6) + +Still heut die Stube.--Weiß wie Kalk +ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos +ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos +lehnt sie bei Vaters Katafalk. + +Zuseiten ihr der Gatte kann +sie trösten mehr in keiner Weise; +nun faßt er ihre Hände leise +und sieht sie ernst und bittend an. + +"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!" +tönt türher hell das Wort des Kleinen; +da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen, +und Trost geht durch das alte Haus. + + + + +IM ERKERSTÜBCHEN + + + (7) + +Nicht zu sehn das Alltagstreiben, +flieh ich--wie wenn ich ein Strauß war,-- +in das alte, alte Haus her; +lang dann seh ich nicht hinaus mehr +durch die breit verbleiten Scheiben. + +Schlichtheit war der Väter Aussaat, +Glück die Frucht, die sie gefunden; +sitz so träumend manche Stunden +dort im Polsterstuhl, im runden, +mitten in Urväterhausrat. + + + + +DER NÖVEMBERTAG + + +Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln, +seine tausend Jubelstimmen schweigen; +hoch vom Domturm wimmern gar so eigen +Sterbeglocken in Novembernebeln. + +Auf den nassen Dächern liegt verschlafen +weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen +greift der Sturm in des Kamines Wänden +eines Totenkarmens Schlußoktaven. + + + + +IM STRAßEN KAPELLCHEN + + +Bei St. Loretto da brennt ein Licht +vorm Bilde im Straßenkapellchen; +und um das Wandbild schmiegen sich dicht +Blechblumen mit farbigen Kelchen. + +Die Heiligen machen ein übel Gesicht; +denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat +nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht +schaut fromm in den dämmernden Sabbat. + + + + +DAS KLOSTER + + +Im Dämmerdustgeschwel +ist schon die Stadt zerronnen +hoch steht das Haus der Nonnen +des Ordens von Carmel. + +Der Abend hüpft hangab +vorbei mit Feuergarben +und windet tausend Farben +um jeden Fensterstab. + +Er schmückt das düstre Haus +umsonst mit Lichtgeglänze; +So sehen frische Kränze +auf Leichensteinen aus. + + + + +BEI DEN KAPUZINERN + + +Es hat der Pater Guardian +vom Klosterschnaps mir angeboten; +ich kenn ihn schon, den dunkelroten, +der alle Toten wecken kann. + +Der Pater sucht den Schlüssel, klein, +dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten, +und holt den Schatz, den selbstgebrauten, +hervor aus dem Reliquienschrein. + +Und wie er einschenkt, lacht er feist +und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine, +die einstens ruhten in dem Schreine, +doch uns erhalten blieb----der Geist!" + + + + +ABEND + + +Einsam hinterm letzten Haus +geht die rote Sonne schlafen, +und in ernste Schlußoktaven +klingt des Tages Jubel aus. + +Lose Lichter haschen spät +noch sich auf den Dächerkanten, +wenn die Nacht schon Diamanten +in die blauen Fernen sät. + + + + +JAR. VRCHLICKÝ + + +Ich lehn im Armstuhl, im bequemen, +wo oft ich Ungemach vergaß, +müd nicken krause Chrysanthemen +im hohen Venezianergläs. + +Ich las in einem Band Gedichte +gar lange; wie die Zeit entschwand! +Jetzt erst im Abenddämmerlicbte +leg ich sie selig aus der Hand. + +Mir ist, von göttlichen Problemen +hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,-- +hat mich der Hauch der Chrysanthemen, +hat mich Vrchlickýs Buch berauscht? + + + + +IM KREUZGANG VON LORETTO + + +Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten, +wo über krausen Säulenarabesken +herniederschaun aus halb verwischten Fresken +geheimnisvolle Heiligengestalten. + +Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht +so manchen gnadenvollen Heilmirakels, +prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels +im silberübersäten Seidenkleid. + +Spannt über Blättergold Spätsommerhaar +sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,-- +vor einem Bild im Stile Tintorettos +steht selig still ein junges Liebespaar. + + + + +DER JUNGE BILDNER + + +Ich muß nach Rom; in unser Städtchen +kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück; +nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen, +ich mach in Rom mein Meisterstück. + +Er sprachs; dann zog er fort im Rausche +durch jene Welt, die er erhofft; +doch war ihm, seine Seele lausche +auf einen innern Vorwurf oft. + +Die Unrast trieb ihn heim, die arge: +Er bildete mit nassem Blick +sein armes, fahles Lieb im Sarge, +und das--das war sein Meisterstück. + + + + +FRÜHLING + + +Die Vögel jubeln--lichtgeweckt--, +die blauen Weiten füllt der Schall aus; +im Kaiserpark das alte Ballhaus +ist ganz mit Blüten überdeckt. + +Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll +ins junge Gras mit großen Lettern. +Nur dorten unter welken Blättern +seufzt traurig noch ein Steinapoll. + +Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz +hinweg das gelbe Blattgeranke +und legt um seine Stirn, die blanke, +den blauenden Syringenkranz. + + + + +LAND UND VOLK + + +...Gott war guter Laune. Geizen +ist doch wohl nicht seine Art; +und er lächelte: da ward +Böhmen, reich an tausend Reizen. + +Wie erstarrtes Licht liegt Weizen +zwischen Bergen, waldbehaart, +und der Baum, den dichtgeschaart +Früchte drücken, fordert Spreizen. + +Gott gab Hütten; voll von Schafen +Ställe; und der Dirne klafft +vor Gesundheit fast das Mieder. + +Gab den Burschen all, den braven, +in die raube Faust die Kraft, +in das Herz--die Heimatlieder. + + + + +DER ENGEL + + +Hin geh ich durch die Malvasinka +die Kinderreih, wo sanft und gut +die kleine Anka oder Ninka +in ihrem letzten Bettchen ruht. + +Auf einem schmalen Schollenhügel +kniet, ganz versteckt in hohem Mohn, +mit staubigem, gebrochnem Flügel +ein Engelchen aus rohem Ton. + +Das flügellahme Kindchen flößte +mir Mitleid ein,--das arme Ding.... +Da, sieh! Von seinen Lippen löste +sich leicht ein kleiner Schmetterling.-- + + + + +ALLERSEELEN + + +I + +Rings liegt der Tag von Allerseelen +voll Wehmut und voll Blütenduft, +und hundert bunte Lichter schwelen +vom Feld des Friedens in die Luft. + +Sie senden Palmen heut und Rosen; +der Gärtner ordnet sie mit Sinn-- +und kehrt zum Eck der Glaubenslosen +die alten, welken Blumen hin. + + +II + +"Jetzt beten, Willi,--und nicht reden!" +Mit großem Aug gehorcht der Knab. +Der Vater legt den Kranz Reseden +auf seines armen Weibes Grab. + +"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!" +Klein Willi sieht empor und macht, +wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun, +daß er am Weg heraus gelacht! + +Es sticht im Auge ihn--wie Weinen.... +Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht; +ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen +beim Ausgang jäh der Buden Pracht. + +Es blinkt durch den Novembernebel +herüber lichtbeglänzter Tand; +er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel +und küßt dem Vater leis die Hand. + +Und der versteht. Dann gehn sie weiter.... +Der Vater sieht so traurig aus.-- +Doch einen Pfeiferkuchenreiter +schleppt Willi selig sich nach Haus. + + + + +BEI NACHT + + +Weit über Prag ist riesengroß +der Kelch der Nacht schon aufgegangen; +der Sonnenfalter barg sein Prangen +in ihrem kühlen Blütenschoß. + +Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom, +und neckend streut er das Gesträhne +der weißen Silberhobelspäne +hernieder in den Moldaustrom. + +Da plötzlich, wie beleidigt, hat +zurückgerufen er die Strahlen, +weil er gewahr ward des Rivalen: +der Turmuhr helles Stundenblatt. + + + + +ABEND + + +Der Abend naht.--Die klare Zone +der Stirne schmückt ein goldner Reifen, +und tausend Schattenhände greifen +verstohlen nach der roten Krone. + +Die ersten, blassen Sterne liebeln +ihm zu; er steht hoch am Hradschine +und schaut mit ernster Träumermiene +die Türme und die grauen Giebeln. + + + + +AUF DEM WOLSCHAN + +Am Abend des Tages von Allerseelen + + +I + +Die dürren Äste übergittern +des Himmels abendblasse Scheiben; +und über Grüfte, reich mit Füttern +geschmückt, geht Wehmut, und es zittern +die Lichter durch das Blättertreiben. + +Im müden Blau, im regungslosen, +schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume, +die seine blanke Stirne kosen, +sind schwarz. Der Duft von welken Rosen +schleicht her wie Geister toter Träume. + + + +II + +Ferner Lärm vom Wagendamm.-- +Hier keimt Friede und Vergessen, +zwischen zweien Grabzypressen +hangt der Mond wie ein Tam-Tam. + +Schlägt die Ewigkeit nicht sacht +jetzt daran mit schwarzem Schwengel? +Bange schaut ein Marmorengel +in das Aug der Spätherbstnacht. + + + + +WINTERMORGEN + + +Der Wasserfall ist eingefroren, +die Dohlen hocken hart am Teich. +Mein schönes Lieb hat rote Ohren +und sinnt auf einen Schelmenstreich. + +Die Sonne küßt uns. Traumverloren +schwimmt im Geäst ein Klang in Moll; +und wir gehn fürder, alle Poren +vom Kraftarom des Morgens voll. + + + + +BRUNNEN + + +Ganz verschollen ist die alte, +holde Brunnenpoesie, +da aus Tritons Muschelspalte +eine klare Quelle lallte, +die den Gassen Sprache lieh. + +Abends bei den Röhrenkasten +sammelte sich Paar um Paar, +weil der Quelle lieblich Glasten +und ihr Laut der tiefgefaßten +Neigung süßes Omen war. + +Aber als durch Menschenmühn dann +Wasser treppen aufwärts stieg, +und kein Paar kam: Misogyn dann +ward der Gott; es schlich sich Grünspan +in die Muschel,--und er schwieg. + + + + +SPHINX + + +Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen, +in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl. +Die Menge gaffte.--Bis der Rettungswagen +sie brachte in das gelbe Stadtspital. + +Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen.... +Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal; +dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen +und dann der Priester.--Sie blieb stumm und fahl. + +Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen, +gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal. +Ein Röcheln.--Dann ward sie herausgetragen, +sie und ihr Schmerz.-- + Und draußen steht kein Mal. + + + + +TRÄUME + + +Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden +geschmückt des blauen Kleides Saum;-- +sie reicht mir mild mit ihren beiden +Madonnenhänden einen Traum. + +Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben, +hinfort die Stadt mit leisem Schritt +und nimmt, als Sold des Traumes, drüben +des kranken Kindes Seele mit. + + + + +MAITAG + + +Still!--Ich hör, wie an Geländen +leicht der Wind vorüberhüpft, +wie die Sonne Strahlenenden +an Syringendolden knüpft. + +Stille rings. Nur ein geblähter +Frosch hält eine Mückenjagd, +und ein Käfer schwimmt im Äther, +ein lebendiger Smaragd. + +Im Geäst spinnt Süberrhomben +Mutter Spinne Zoll um Zoll, +und von Blütenhekatomben +hat die Welt die Hände voll. + + + + +KÖNIG ABEND + + +Wie König Balthasar einst nahte, +die Stirn vom Kronenreif erhellt, +so tritt im purpurnen Ornate +der König Abend in die Welt. + +Der erste Stern führt ihn wie jenen +bis an den fernsten Hügelsaum; +dort findet Mutter Nacht er lehnen +mit ihrem Kind im Arm, dem Traum. + +Dem bringt er just, wie jener Weise +des Orients, das Gold, gehäuft,-- +das Gold, das uns der Knabe leise +erlösend in den Schlummer träuft. + + + + +AN DER ECKE + + +Der Winter kommt und mit ihm meine Alte, +die an der Ecke stets Kastanien briet. +Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte +froh und gesund, ob Falte auch bei Falte +seit vielen Jahren es durchzieht. + +Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen; +die Tüten müssen rein sein, und das Licht +an ihrem Stand muß immer helle scheinen, +und von dem Ofen mit den krummen Beinen +verlangt sie streng die heiße Pflicht. + +So trefflich schmort auch keine die Maroni. +Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht, +und alle kennt sie--bis zum Tramwaypony; +sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni.... +Und leise summt ihr Herd sein Lied. + + + + +HEILIGE + + +Große Heilige und kleine +feiert jegliche Gemeine; +hölzern und von Steine feine, +große Heilige und kleine. + +Heilge Annen und Kathrinen, +die im Traum erschienen ihnen, +baun sie sich und dienen ihnen, +heilgen Annen und Kathrinen. + +Wenzel laß ich auch noch gelten, +weil sie selten ihn bestellten; +denn zu viele gelten selten-- +nun, Sankt Wenzel laß ich gelten. + +Aber diese Nepomuken! +Von des Torgangs Luken gucken +und auf allen Brucken spuken +lauter, lauter Nepomuken! + + + + +DAS ARME KIND + + +Ich weiß ein Mädchen, eingefallen +die Wangen.--War ein leichtes Tuch +die Mütter; und des Vaters Fluch +fiel in ihr erstes Lallen. + +Die Armut blieb ihr treu die Jahre, +und Hunger ward ihr Angebind; +so ward sie ernst.--Das Lenzgold rinnt +umsonst in ihre Haare. + +Sie schaut die lächelnden Gesichter +der Blumen traurig an im Hag +und denkt: der Allerseelentag +hat Blüten auch und Lichter. + + + + +WENNS FRÜHLING WIRD + + +Die ersten Keime sind, die zarten, +im goldnen Schimmer aufgesprossen; +schon sind die ersten der Karossen + im Baumgarten. + +Die Wandervögel wieder scharten +zusamm sich an der alten Stelle, +und bald stimmt ein auch die Kapelle + im Baumgarten. + +Der Lenzwind plauscht in neuen Arten +die alten, wundersamen Märchen, +und draußen träumt das erste Pärchen + im Baumgarten. + + + + +ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG + + +Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr +so müheschwer vorüberrollte; +nun endlich bin ich, was ich wollte +und was ich strebte: ein Skolar. + +Erst "Recht" studieren war mein Plan; +doch meine leichte Laune schreckten +die strengen, staubigen Pandekten, +und also ward der Plan zum Wahn. + +Theologie verbot mein Lieb, +könnt mich auf Medizin nicht werfen, +so daß für meine schwachen Nerven +nichts als--Philosophieren blieb. + +Die Alma mater reicht mir dar +der freien Künste Prachtregister,-- +und bring ichs nie auch zum Magister, +bin was ich strebte: ein Skolar. + + + + +SUPERAVIT + + +Nie kann ganz die Spur verlaufen +einer starken Tat; dies lehrt +zu Konstanz der Scheiterhaufen; +denn aus tausend Feuertaufen +steigt der Hochgeist unversehrt. + +Bis zu uns her ungeheuer +ragt der Reformator Hus, +fürchten wir der Lehre Feuer, +neigen wir uns doch in scheuer +Ehrfurcht vor dem Genius. + +Der, den das Gericht verdammte, +war im Herzen, tief und rein, +überzeugt von seinem Amte,-- +und der hohe Holzstoß flammte +seines Ruhmes Strahlenschein. + + + + +TROTZDEM + + +Manchmal vom Regal der Wand +hol ich meinen Schopenhauer, +einen "Kerker voller Trauer" +hat er dieses Sein genannt. + +So er recht hat, ich verlor +nichts: in Kerkereinsamkeiten +weck ich meiner Seele Saiten +glücklich wie einst Dalibor. + + + + +HERBSTSTIMMUNG + + +Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer, +an dessen Türe schon der Tod steht still; +auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer, +wie der der Kerze, die verlöschen will. + +Das Regenwasser röchelt in den Rinnen, +der matte Wind hält Blätterleichenschau;-- +und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen +ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau. + + + + +AN JULIUS ZEYER + + +Du bist ein Meister;--früher oder später +spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen; +du preisest seine Art und seine Sagen,-- +aus deinen Liedern weht der Heimat Äther. + +Dein Volk tut recht,--nicht, voll von wahngeblähter +Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen, +es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen, +stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter. + +Es hat dein Volk sich seine Ideale +noch nicht versetzen lassen zu den Sternen, +die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten; + +du aber mahnst, ein echter Orientale, +es möge in dem Ringen nicht verlernen +auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten. + + + + +DER TRÄUMER + + +I + +Es war ein Traum in meiner Seele tief. +Ich horchte auf den holden Traum: +ich schlief. +Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief, +und wie ich träumte, hört ich nicht; +es rief. + + +II + +Träume scheinen mir wie Orchideen.-- +So wie jene sind sie bunt und reich. +Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte +ziehn sie just wie jene ihre Kräfte, +brüsten sich mit dem ersaugten Blute, +freuen in der flüchtigen Minute, +in der nächsten sind sie tot und bleich.-- +Und wenn Welten oben leise gehen, +fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen? +Träume scheinen mir wie Orchideen.-- + + + + +DIE MUTTER + + +Aufwärts die Theaterrampe +rollen dröhnend die Karossen, +abseits unter trüber Lampe +steht ein altes Weib verdrossen. + +Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute, +wars, daß sie zusammenschrecke; +niemand aus dem Strom der Leute +sieht die Alte in der Ecke. + +An die neue "Größe" dachte, +von ihr sprach man nur.--Die Güte +eines Grafen, hieß es, brachte +herrlich ihr Talent zur Blüte. + +Später. Jubelstürme hallten +in den Schlußklang der Trompeten.... +Aber draußen kams der Alten, +heimlich für ihr Kind zu beten. + + + + +UNSER ABENDGANG + + +Gedenkst du noch, wie guter Dinge +wir wallten durch das Nusler Tal; +zwei kleine, blaue Schmetterlinge +verflattertcn im Abendstrahl. + +Am Häuschen lehnte die Melone +dort--wie auf einem Bilde Dows, +und herrlich mit der Kuppelkrone +hob sich das Haupt der Karlshofs. + +Im West war noch der Weizen golden, +blaugrün verdämmerte der Kohl; +die ersten weißen Sternendolden +umzitterten den Himmelspol. + + + +KAJETAN TÝL + +Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen +ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war. + +Da also hat der arme Týl +sein Lied "Kde domov můj"--geschrieben. +In Wahrheit; Wen die Musen lieben, +dem gibt das Leben nicht zuviel. + +Ein Stübchen--nicht zu klein dem Flug +des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.-- +Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe, +ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug. + +Doch wär er nicht für tausend Louis +von Böhmen fort. Mit jeder Fiber +hing er daran.--"Ich bleibe lieber," +hätt er gesagt, "kde domov můj." + + + + +VOLKSWEISE + + +Mich rührt so sehr +böhmischen Volkes Weise, +schleicht sie ins Herz sich leise, +macht sie es schwer. + +Wenn ein Kind sacht +singt beim Kartoffeljäten, +klingt dir sein Lied im späten +Traum noch der Nacht. + +Magst du auch sein +weit über Land gefahren, +fällt es dir doch nach Jahren +stets wieder ein. + + + + +DAS VOLKSLIED + +Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier + + +Es legt dem Burschen auf die Stirne +die Hand der Genius so lind, +daß mit des Liedes Silberzwirne +er seiner Liebsten Herz umspinnt. + +Da mag der Bursch sich süß erinnern, +was aus der Mutter Mund ihm scholl, +und mit dem Klang aus seinem Innern +füllt er sich seine Fiedel voll. + +Die Liebe und der Heimat Schöne +drückt ihm den Bogen in die Hand, +und leise rieseln seine Töne +wie Blütenregen in das Land. + +Und große Dichter, ruhmberauschte, +dem schlichten Liede lauschen sie, +so gläubig wie das Volk einst lauschte +dem Gottes wort des Sinai. + + + + +DORFSONNTAG + + +Im Wirtshaus auf den blanken Dielen +schwingt sich die Jugend frisch und laut, +des Burschen Hand, so hart von Schwielen, +drückt die des blonden Mädchens traut; +bierfrohe Musikanten spielen +ein Lied aus der "verkauften Braut". + +"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden." +Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist. +Und wie er nach dem Tanz die Holden +zu seinem Tische kommen heißt, +da geht der Abend draußen, golden, +und lacht durch alle Fenster dreist. + + + + +MEIN GEBURTSHAUS + + +Der Erinnrung ist das traute +Heim der Kindheit nicht entflohn, +wo ich Bilderbogen schaute +im blauseidenen Salon. + +Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen +dicken Silbers reich betreßt, +Glück mir war; wo heiße Tränen +mir das "Rechnen" ausgepreßt. + +Wo ich, einem dunklen Rufe +folgend, nach Gedichten griff, +und auf einer Fensterstufe +Tramway spielte oder Schiff. + +Wo ein Mädchen stets mir winkte +drüben in dem Gräfenhains.... +Der Palast, der damals blinkte, +sieht heut so verschlafen aus. + +Und das blonde Kind, das lachte, +wenn der Knab ihm Küsse warf, +ist nun fort; fern ruht es sachte, +wo es nie mehr lächeln darf. + + + + +IN DUBIIS + + +I + +Es dringt kein Laut bis her zu mir +von der Nationen wildem Streite, +ich stehe ja auf keiner Seite; +denn Recht ist weder dort noch hier. + +Und weil ich nie Horaz vergaß, +bleib gut ich aller Welt und halte +mich unverbrüchlich an die alte +aurea mediocritas. + + +II + +Der erscheint mir als der Größte, +der zu keiner Fahne schwört, +und, weil er vom Teil sich löste, +nun der ganzen Weit gehört. + +Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm +doch nicht klein der Heimat Hort; +denn das Vaterland, es ist ihm +dann sein Haus im Heimatsort. + + + + +BARBAREN + + +Ich weiß von einem Riesenparke +dort, wo die Stadt sich schon verliert; +jetzt nagt die Axt an seinem Marke, +sie sagen: er wird parzelliert. + +Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas, +der Mietskasernen weichen soll, +der war doch wie ein Hain der Pallas +der raunenden Orakel voll. + +Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten, +den Ort, den kein Profaner sah: +Es übertönt der Lärm der Zeiten +das Götterwort der Pythia. + + + +SOMMERABEND + + +Die große Sonne ist versprüht, +der Sommerabend liegt im Fieber, +und seine heiße Wange glüht. +Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...." +Und wieder dann: "Ich bin so müd...." + +Die Büsche beten Litanein, +Glühwürmchen hangt, das regungslose, +dort wie ein ewiges Licht hinein; +und eine kleine weiße Rose +tragt einen roten Heiligenschein. + + + +GERICHTET + + +"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst, +lang ist es her; doch wenn der Schein +des runden Monds das Rathaus küßt, +dann wallen aus dem heilgen Teyn +Gerichtete in Geisterreihn ... + Weh wer sie sah! + +Viel Herren fielen auf dem Ring; +die Herren finden Ruhe nicht;-- +sie zogen eines Nachts: Es ging +voran Herr Christus, groß und licht, +mit ernstem, traurigem Gesicht ... + Und einer sahs! + +Der war ein Maler. Und im Flug +malt er, wie er geschaut, den Ring. +Er malt den ganzen Geisterzug, +dem ernst voran Herr Christus ging. +Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ... + Jetzt ist er tot.-- + + + + +DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE + + +Der Tag ging aus mit mildem Tone, +so wie ein Hammerschlag verklang. +Wie eine gelbe Goldmelone +lag groß der Mond im Kraut am Hang. + +Ein Wölkchen wollte davon naschen, +und es gelang ihm, ein paar Zoll +des hellen Rundes zu erhaschen, +rasch kaut es sich die Bäckchen voll. + +Es hielt sich lange auf der Flucht auf +und zog sich ganz mit Lichte an;-- +da hob die Nacht die goldne Frucht auf: +Schwarz ward die Wolke und zerrann. + + + + +FREIHEITSKLÄNGE + + +Böhmens Volk! In deinen Kreisen +weckt ein neuer Genius +alte, heiße Freiheitsweisen, +und die mahnen nicht mit leisen +Worten, daß dein Fesseleisen +ganz zerschmettert werden muß. + +Diese Streitpoeten blasen +lockend; und in Stücke haun +kannst du, Volk, in deinem Rasen +des Gesetzes Marmorvasen, +doch du kannst aus ihren Phrasen +keine Zukunft dir erbaun. + +Tief in Herz und Sinn in treuer +Hoffnung senk die Liedersaat, +sind dir deine Dichter teuer, +daß daraus ein Lenz, ein neuer, +keime.--Was dann blieb vom Feuer, +das entflamme dich zur Tat. + + + + +NACHTBILD + + +Auch auf der Theaterrampe +wird es stille nach und nach.-- +Eine eitle Bogenlampe +schaut sich in ein Droschkendach. + +Auf dem leeren Gangsteig zucken +Lichter.--Sehn nicht dort am Haus +helle Dachmansardenlucken +wie verweinte Augen aus? + + + + +HINTER SMICHOV + + +Hin gehn durch heißes Abendrot +aus den Fabriken Männer, Dirnen,-- +auf ihre niedern, dumpfen Stirnen +schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not. + +Die Mienen sind verstumpft; es brach +das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle +den Weg, und Staub zieht und Gejohle +wie das Verhängnis ihnen nach. + + + + +IM SOMMER + + +Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer +auf Moldauwogen uns nach Zlichov +zu jenem Kirchlein, hoch und frei. +Im blauen Nebel schwindet Smichov;-- +zur Rechten Flächen braun von Ampfer, +zur Linken stolz die "Loreley". + +Wir legen an; und sieh, ein Alter +begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!" +Am Friedhofsrand dann lehnen wir. +Hoch blaut des Himmels Prachtzyane, +und unser Träumen hebt, ein Falter, +auf Sonnenflügeln sich zu ihr. + + + + +AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis) + + +Auf schloß das Erztor der Kustode. +Du sahst vor Blüten keine Gruft. +Der Lenz verschleierte dem Tode +das Angesicht mit Blust und Duft; +da stieg wie eine Todesode +ein Trauermantel in die Luft. + +Wir sahn ihn beide und wir schwiegen.... +Rings feierte Mittsommerlicht, +in den Syringen summten Fliegen.-- +Da lag ein Schädel vor uns dicht; +aus seinen leeren Augen stiegen +verkümmerte Vergißmeinnicht. + + + + +VIGILIEN + + +I + +Die falben Felder schlafen schon, +mein Herz nur wacht allem; +der Abend refft im Hafen schon +sein rotes Segel ein. + +Traumselige Vigilie! +Jetzt wallt die Nacht durchs Land; +der Mond, die weiße Lilie, +blüht auf in ihrer Hand. + + +II + +Am offnen Stubenfenster lehn ich +und träume in die Nacht hinauf; +das Mondlicht windet silbersträhnig +sich um den schwarzen Kirchturmknauf. + +Sehn wenig Welten aus den Fernen +auch durch den engen Hof ins Haus,-- +es füllte Licht von zehen Sternen +ein ganzes, dunkles Leben aus. + + +III + +Horch, der Schritt der Nacht erstirbt +in der weiten Stille; +meine Schreibtischlampe zirpt +leis wie eine Grille. + +Goldig auf dem Bücherstand +glühn der Bände Rücken: +zu der Fahrt ins Feenland +Pfeiler für die Brücken. + + +IV + +Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht +beim toten Mütterlein verbracht +und hat geweint und hat gewacht;-- +dann gingen Jahre, Jahre sacht: +nie hat sie jener Nacht gedacht. + +Und dann kam eine andre Nacht. +Da hat von Glut und Sünd entfacht +die rote Lippe Lust gelacht, +doch plötzlich--wie durch höhre Macht +dacht sie der Nacht der Leichenwacht. + + + + +DEK LETZTE SONNENGRUSS + +Zu einem Bilde des Benes Knüpfer + +Die Sonne schmolz, die hehre, +ins weiße Meer so heiß. +Zwei Mönche saßen am Meere, +ein blonder und ein Greis. + +Der sann: Geh ich einst rasten, +so friedlich mög es sein-- +und jener: Des Ruhmes Glasten +sollt mir mein Sterben weihn. + + + + +KAISER RUDOLF + + +Hoch auf seiner Himmelswarte +über einer Sternenkarte +sitzt der Kaiser Rudolf dort, +forschend, ob der langerharrte +Flugstern, der die Weisen narrte, +streifen würde diesen Ort. + +Und er fragt den Astrologen, +der am hohen Himmelsbogen +alle Wanderwege weiß: +"Wird von Unglück der betrogen, +den der Stern hineingezogen +in den unheilvollen Kreis?" + +Und der Alte weicht ihm leise +aus: "Der Stern zieht seine Gleise, +Herr, im fernen Ätherreich!" +Und gen Süden sieht der Weise;-- +und der Kaiser schaut die Kreise +seines Globen, ernst und bleich.-- + +Und von Süden kommt Verderben, +kommt Matthias.--Eilge Erben +lassen ihm nur den Hradschin; +und der Kaiser spricht im herben +Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben, +denn schon bin ich tot für 'ihn'. + +Alter! Laß den Bück uns heben! +du hast recht, die Sterne schweben +hoch ob allem Erdenbann; +aber--die nach ihnen streben, +knüpfen selbst ihr dunkles Leben +an die lichten Lose an!--" + + + + +AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE + +Kohlenskizzen in Callots Manier + + +1. KRIEG + + +Feinster ist die Welt geworden,-- +darum Dörfer rasch entloht! +und die Welt ist grau;--drum rot +färbt sie durch das Morden! + +Bauer! Bittest um dein Leben? +Nimm dirs! Aber bei uns bleib! +Herrgott hat dir Ochs und Weib +nur für uns gegeben. + +Laß den Teufel Felder pflügen; +sieh, wir haben stets genung! +Vorwärts--einen Werbetrunk +aus den vollen Krügen! + + + + +2. ALEA JACTA EST + + +"... Tod oder Sold!" +Und jetzt die Trommel schnell +her. Auf das Trommelfell +Würfel gerollt. + +So wird dem Lohn, +der unsre Streiche sucht. +Sieh, der Baum, reiche Frucht +trägt er doch schon! + +Solltest schon längst +hängen dran, Kamerad! +Drum ists nicht jammerschad, +wenn du dann hängst! + + + + +3. KRIEGSKNECHTS-SANG + + +Lag auf einer Trommel nackt, +kaum zwei Spannen lang, +und der rauhe Trommeltakt +war mein Wiegensang. + +Wild zu wettern taugte ich +damals schon im Zorn, +meine Milch, die saugte ich +aus dem Pulverhorn. + +Damals taufte jeden gut +der Korp'ral; beim Schopf +nahm er ihn, goß Schwedenblut +heiß ihm übern Kopf. + + + + +4. KRIEGSKNECHTS-RANG + + +Bei uns gibts nicht Edelinge, +die was gelten durch ihr Blut, +jedes Rang ist jedes Klinge, +und sein Wappen ist der Mut. + +Wer nur immer kühn sein Schwert +hält den Schild von Schande rein, +wer noch gestern unterm Heer zog, +Herzog kann er morgen sein. + + + + +5. BEIM KLOSTER + + +Was gibts?--Eine Klosterpforte?-- +Ei, Potz Blitz! +Eine Tür von dieser Sorte +renn ich ohne viele Worte +ein mit meiner Nasenspitz! + +Auf das Tor ein fester Stempel.... +Pfaffe, komm! +Jetzt heraus mit deinem Krempel, +paar Monstranzen zum Exempel +und paar Kelche: wir sind fromm. + +Laß jetzt dein: Peccavi, pater.... +Leucht zum Wein +uns mit deiner Nase, frater, +dorten kannst du uns ein Rater, +und ein "Seelensorger" sein! + + + + +6. BALLADE + + +Gestern zogen wilde Horden +durch das Dörfchen hin mit Morden, +und ein Mädchen sinnt jetzt still: +Ist der Liebste untreu worden, +weil er heut nicht kommen will?-- +Draußen schrien die Dohlen. + +Mädchen ging mit bleicher Wange +durch das Haus.--Sie harrte lange, +und des Nachts floh sie der Schlaf. +Und sie schlich hinaus zum Hange, +wo sie stets den Teuren traf. +Ängstlich schrien die Dohlen. + +Und die Nacht war schwarz, die schwüle, +fern nur brannte eine Mühle.... +Weinend wählt die matte Maid +sich gar weiches Kraut zum Pfühle +und entschlief in lauter Leid. +Schrieen noch die Dohlen? + +Spät erwacht sie. Nebel grauten +rings--soweit die Augen schauten.... +Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt, +ist das Haar an ihres Trauten +blutigem, zerschelltem Haupt.-- +Schrecklich schrien die Dohlen. + + + + +7. DER FENSTERSTURZ + + +"Naht Verrat mit leisem Schritte, +ungerächt, bei der Madonna, +bleibt er nicht! Nach alter Sitte +zu den Fenstern!" schrie Colonna. + +"Schont den Popel! doch die andern, +jeder eine feige Natter, +aus den Fenstern laßt sie wandern! +Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!" + +Bange hangt am Fensterstocke +Martinitz noch.--Da Geröchel: +Turn schwingt seine Degenglocke +und zerschmettert ihm die Knöchel. + +Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er, +Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!" +"Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister +lasse alle Glocken läuten!"-- + + + + +8. GOLD + + +"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold. +Wo hast das Gold du her?"-- +"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold, +kein Obrist hat wohl mehr!" + +"Nein, das ist gutes, rotes Gold, +das kann dein Sold nicht sein!" +"Beim Spielen war das Glück mir hold, +und da ward alles mein!" + +"Ist wirklich alles dein--das Gold, +gesteh,--und ists kein Trug?"-- +"Nun, Würfel haben mit gerollt +und jetzt laß es genug!" + +"Und gibst du mir auch von dem Gold?" +"Das weißt du!"--"Nein, du Schelm, +just auf der Stelle, sieh, ich wollt, +du füllst mir deinen Helm!" + +"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt, +der Glanz gefällt mir gut!-- + + + +... Schau, was dir da am Finger klebt, +kam das vom Golde?--Blut!"--.... + + + + + +9. SZENE + + +Du kniest am Markstein, Alter, sprich!-- +Das ist kein Heilgenbild!" +"Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich +das Schicksal gar so wild." + +"Hast du kein Haus, hast du kein Land, +das deiner Hände braucht?" +"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt, +sieh hin--gewiß--es raucht." + +"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn +und hilft dir aus der Not?" +"Mein Sohn zog in den Krieg davon, +jetzt ist er sicher tot."-- + +"Was streicht dir deines Haares Schnee +der Tochter Hand nicht, weich?"-- +"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh, +da sprang sie in den Teich."-- + +"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach +das Herz dir auch vor Graus...." + + * * * * * + +"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach +mir beide Augen aus." + + + + +10. FEUERLILIE + + +Winters, ab die Äste krachten, +keine Bäche konnten frieren, +weil die Fluten Blutes ihren +Pulsschlag immer neu entfachten. + +Als die Zeit kam, da die Blume +aufwacht und der Vogel flötet, +sprang die Lilie selbst gerötet +aus der todgedüngten Krume. + + + + +11. BEIM FRIEDLAND + + +Heimgekehrt von Schlacht und Schlag +freut sich Obrist und Gemeiner; +denn jetzt hält der Wallensteiner +wieder seinen Hof zu Prag. + +Just ließ frei den Turn er ziehn; +das war so von seinen Trümpfen +einer.--Drauf ward Nasenrümpfen +Mode ... dort bei Hof zu Wien. + +Laßt sie zetern. Friedlands Heer +muß nicht darben und nicht dürsten,-- +und aus Knechten macht er Fürsten, +unser Herzog.--Wer kann mehr? + + + + +12. FRIEDEN + + +Prag gebar die Mißgestalt +dieses Krieges, der voll Tücke +hauste.--Auf der Karlsbrücke +starb er, dreißig Jahre alt. + +Endlich riß das Eisenstück +nur dem Acker eine Schramme, +und vom Kirchturm schlug die Flamme +in den trauten Herd zurück. + + + + +BEI DEN URSULINEN + + +Geh mittags zu den Ursulinen, +wenn man den Armen Speise trug, +da siehst du, wie in müde Mienen +die Not schrieb ihren Namenszug. + +Da siehst du Stirnen, die schon frühe +des Schmerzes Eisenreif umschloß, +und Wangen, die der Dunst der Brühe +mit falscher Röte übergoß. + +Du hörst, wie leisem Dankesworte +sich Fluch bald, bald Gebet gesellt: +so brandet an der Klosterpforte +das ganze Elend dieser Welt. + + + + +AUS DER KINDERZEIT + + +Sommertage auf der "Golka".... +Ich, ein Kind noch--Leise her, +aus dem Gasthaus klingt die Polka, +und die Luft ist sonnenschwer. + +Sonntag ists.--Es liest Helene +lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz +ziehn die Wolken, wie die Schwäne +aus dem Märchen Andersens. + +Schwarze Fichten stehn wie Wächter +bei der Wiesen buntem Schatz; +von der Straße dringt Gelächter +bis zu unserm Laubenplatz. + +An die Mauer lockt uns beide +mancher laute Jubelschrei: +drunten geht im Feierkleide +Paar um Paar zum Tanz vorbei. + +Bunt und selig, Bursch und Holka, +Glück und Sonne im Gesicht!-- +Sommertage auf der "Golka",-- +und die Luft war voller Licht.... + + + + +RABBI LÖW + + +"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem + Bann der Not; +heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns + der Tod. +Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und + kaum hat der Leichenwart +eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das + ist hart." +Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen + Bocher rasch herein--" +So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese + Nacht dich ganz allein;" +"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör, + um Mitternacht +tanzen all die Kindergeister auf den grauen + Steinen sacht. +Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein + Herz beklemmt, +Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn + sein Leichenhemd, +raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir! + Begreifst du wohl?" +"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt + die Antwort hohl. + + +Mitternacht und Mondgegleiße,-- +... und es stürzt der totenblasse +Bocher bebend durch die Gasse, +in der Hand das Hemd, das weiße. + +Da jetzt ... sind das seine Schritte?... +Jach kehrt er zurück das bleiche +Antlitz: weh, die Kindesleiche, +folgt ihm nach, im Aug die Bitte: + +"... Gib das Linnen, ohne Linnen +lassen mich nicht ein die Geister...." +Und der Bocher, halb von Sinnen, +reicht es endlich seinem Meister. + +Und schon naht der Geist mit Klagen.... +"Sag, was sterben hundert binnen +Tagen?--Kind, du mußt es sagen, +früher darfst du nicht von hinnen." + +So der Rabbi.--"Wehe, wehe," +ruft der Geist, "aus unserm Stamme +haben zwei entehrt der Ehe +keusche, reine Altarflamme! + +Hier die Namen!--Sucht nicht fremde +Ursach, daß euch Tod beschieden...." +Und der Rabbi reicht das Hemde +jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!" + +Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung +stieg der Tag in rosgem Licht, +hielt der Rabbi schon Gericht,-- +und der Unschuld ward Befreiung. + +Mit der Geißel des Gesetzes +brandmarkt er die Sünderstirn;-- +langsam löste jedes Hirn +ich vom Bann des Fluchgenetzes. + +Manches Paar war da erschienen, +dankerfüllt, daß Gott verzieh, +und der Weise segnet sie.-- +Freude lag auf aller Mienen. + +Nur der Bocher warf, der bleiche, +sich im Fieber hin und her.... +Doch nach Beth Chaim lange mehr +trug man keine Kindesleiche. + + + + +DIE ALTE UHR + + +Bald hättest, alte Rathausuhr, +du nimmer dürfen Stunden weisen; +sie hätten bald in altem Eisen +versplittert deine letzte Spur. + +Der Geizhals hart zum letztenmal +sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen, +zum letztenmal der Tod mit Glotzen +geschwungen seinen Sensenstahl. + +Dann hätt der Hahn auch ausgekräht. +Und heut noch kräht er; freilich heiser, +noch nickt der Geizhals fort, und leiser +droht ihm des Todes Majestät. + + + + +KÄMPFEN + + +I + +Ein heißer Eid, ein gramerpreßter, +der leicht von jungen Lippen rinnt, +der machte zur barmherzgen Schwester +fast über Nacht ein blondes Kind. + +Des jungen Lebens Wellen fließen +fortan durch Krankenstuben still; +es träumt ihr Herz noch vom Genießen, +wenn auch das Aug es leugnen will. + +Denn mit der Strenge der Asketen +drängt sie zurück, was in ihr quillt, +und geht um Kraft nach Emaus beten +zum wunderstarken Gnadenbild. + + + + +SIEGEN + + +II + +Der Tag beginnt sich kaum zu lichten; +"Heut sei im Glauben stark wie nie +und geh mit Gott an deine Pflichten: +Es ist ein Fall von Diphtherie...." + +Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken, +und doch packt ihn der Tod beim Hals.... +Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken, +erfröstelnd in dem Schutz des Schals. + +Als man vorbei beim Kloster gestern +den Kleinen trug ins Bett von Lehm, +klang aus der "Kirche von den Schwestern" +ganz leis ein Totenrequiem.... + + + + +IM HERBST + + +Ein Riesenspinngewebe, zieht +Altweibersommer durch die Welt sich;-- +und der Laurenziberg gefällt sich +im goldig-bläulichen Habit. + +Weil er so mild herübersieht, +sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken, +die Sonne hinter seinem Rücken +schon frühe ihr Valladolid. + + + + +DER KLEINE "DRATENÍK" + + +Kommt so ein Bursche, ein junger, +Mausfallen, Siebe am Rücken, +folgt mir durch Gassen und Brücken: +"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'. + +Nur einen Krajcar, nur einen +für ein Stück Brot, milost' pánků!" +Da!--Und er stammelt mir Dank zu, +doch läßt nicht Ruh er den Beinen. + +Lebt nicht von bloßem Gelunger.-- +Riecht an den Türen den Braten +und muß die Pfannen doch drahten-- +leer:--das macht 'türkischen Hunger'. + + + + +IN DER VORSTADT + + +Die Alte oben mit dem heisern Husten, +ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott, +sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott.... +Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten. + +Und unten stand der schwarze Kastenwagen. +Die letzte Klasse; als der Totenschrein +sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein, +und dann ward rauh die Türe zugeschlagen. + +Der Kutscher hieb in seine magern Mähren +und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin, +als wenn da nicht ein ganzes Leben drin +voll Weh und Glück und tote Träume waren. + + + + +BEI ST. HEINRICH + + +Hart am Kirchenaltargitter, +wo die Ampel flammt, die matte, +schlaft ein alter, alter Ritter +unter grauer Wappenplatte. + +Lebend hielt er hoch sein Wappen, +sorgte immer für sein Blinken;-- +weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen +alte Weiber drüber hinken? + + + + +MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT + + +Fern dämmert wogender Wälder +beschatteter Saum. +Dann unterbricht +nur hie und da ein Baum +die falbe Fläche hoher Ährenfelder. +Im hellsten Licht +keimt die Kartoffel; dann +ein wenig weiter Gerste, bis der Tann +das Bild begrenzt. +Hoch überm Jungwald glänzt +so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber +aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;-- +und drüber +wölbt sich ein Himmel, blank und blau. + + + + +DAS HEIMATLIED + + +Vom Feld klingt ernste Weise; +weiß nicht, wie mir geschieht.... +"Komm her, du Tschechenmädchen, +sing mir ein Heimatlied."-- + +Das Mädchen läßt die Sichel, +ist hier mit Husch und Hui,-- +setzt nieder sich am Feldrain +und singt: "Kde domov můj".... + +Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen +das Aug mir zugewandt,-- +nimmt meine Kupferkreuzer +und küßt mir stumm die Hand. + + + * * * * * + + + TRAUMGEKRÖNT + + (1897) + + + +KÖNIGSLIED + + +Darfst das Leben mit Würde ertragen, +nur die Kleinlichen macht es klein; +Bettler können dir Bruder sagen, +und du kannst doch ein König sein. + +Ob dir der Stirne göttliches Schweigen +auch kein rotgoldener Reif unterbrach,-- +Kinder werden sich vor dir neigen, +selige Schwärmer staunen dir nach. + +Tage weben aus leuchtender Sonne +dir deinen Purpur und Hermelin, +und, in den Händen Wehmut und Wonne, +liegen die Nächte vor dir auf den Knien.... + + + + +TRÄUMEN + + +I + +Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle; +auf dem Altare prahlt ein wilder Mai. +Der Sturm, der übermütige Geselle, +brach längst die kleinen Fenster schon entzwei; +er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei +und zerrt dort an der Ministrantenschelle. +Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei +ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle +den arg erstaunten fernen Gott herbei. +Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei. +Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle +und schmettert an den Fliesen sie entzwei. + +Und arme Wünsche knien in langer Reih +vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle. +Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei. + + + + +II + +Ich denke an: +--Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen, +drin Hahngekräh; +und dieses Dörfchen verloren gegangen +im Blütenschnee. +Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen +ein kleines Haus; +ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen +verstohlen heraus. +Rasch auf die Türe, die angelheiser +um Hilfe ruft,-- +und dann in der Stube ein leiser, leiser +Lavendelduft.... + + + + +III + +Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen; +vor seiner Türe saß ich spät, +wenn hinter violetten Zweigen +bei halb verhalltem Grillengeigen +die rote Sonne sterben geht. + +Wie eine Mütze grünlich-samten +steht meinem Haus das moosge Dach, +und seine kleinen, dickumrammten +und blank verbleiten Scheiben flammten +dem Tage heiße Grüße nach. + +Ich träumte, und mein Auge langte +schon nach den blassen Sternen hin,-- +vom Dorfe her ein Ave bangte, +und ein verlorner Falter schwankte +im schneeig schimmernden Jasmin. + +Die müde Herde trollte trabend +vorbei, der kleine Hirte pfiff,-- +und in die Hand das Haupt vergrabend, +empfand ick, wie der Feierabend +in meiner Seele Saiten griff. + + + + +IV + +Eine alte Weide trauert +dürr und fühllos in den Mai,-- +eine alte Hütte kauert +grau und einsam hart dabei. + +War ein Nest einst in der Weide, +in der Hütt ein Glück zu Haus; +Winter kam und Weh,--und beide +blieben aus.... + + + + +V + +Die Rose hier, die gelbe, +gab gestern mir der Knab, +heut trag ich sie, dieselbe, +hin auf sein frisches Grab. + +An ihren Blättern lehnen +noch lichte Tröpfchen,--schau! +Nur heute sind es Tränen,-- +und gestern war es Tau.... + + + + +VI + +Wir saßen beisammen im Dämmerlichte. +"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr, +du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte +von der Prinzessin mit goldnem Haar?"-- + +Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage +führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau; +und von der schonen Prinzessin die Sage +weiß sie wie Mütterchen ganz genau.... + + + + +VII + +Ich wollt, sie hätten statt der Wiege +mir einen kleinen Sarg gemacht, +dann wär mir besser wohl, dann schwiege +die Lippe längst in feuchter Nacht. + +Dann hätte nie ein wilder Wille +die bange Brust durchzittert,--dann +wärs in dem kleinen Körper stille, +so still wie's niemand denken kann. + +Nur eine Kinderseele stiege +zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht.... +Was haben sie mir statt der Wiege +nicht einen kleinen Sarg gemacht?-- + + + + +VIII + +Jene Wolke will ich neiden, +die dort oben schweben darf! +Wie sie auf besonnte Heiden +ihre schwarzen Schatten warf. + +Wie die Sonne zu verdüstern +sie vermochte kühn genug, +wenn die Erde lichteslüstern +grollte unter ihrem Flug. + +All die goldnen Strahlenfluten +jener Sonne wollt auch ich +hemmen! Wenn auch für Minuten! +Wolke! Ja, ich neide dich! + + + + +IX + +Mir ist: Die Welt, die laute, krank +hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben +und mir nur ist der Weltgedanke, +der große, in der Brust geblieben. + +Denn so ist sie, wie ich sie dachte; +ein jeder Zwiespalt ist vertost: +auf goldnen Sonnenflügeln sachte +umschwebt mich grüner Waldestrost. + + + +X + +Wenn das Volk, das drohnenträge, +trabt den altvertrauten Trott, +möcbt ich weiße Wandelwege +wallen durch das Duftgehege +ernst und einsam wie ein Gott. + +Wandeln nach den glanzdurchsprühten +Fernen, lichten Lohns bewußt;-- +um die Stirne kühle Blüten +und von kinderkeuschen Mythen +voll die sabbatstille Brust. + + + + +XI + +Weiß ich denn wie mir geschieht? +In den Lüften Düftequalmen +und in bronzebraunen Halmen +ein verlornes Grillenlied. + +Auch in meiner Seele klingt +tief ein Klang, ein traurig-lieber,-- +so hört wohl ein Kind im Fieber, +wie die tote Mutter singt. + + + + +XII + +Schon blinzt aus argzerfetztem Laken +der holde, keusche Götternacken +der früherwachenden Natur, +und nur in tiefentiegnen Talen +zeigt hinter violetten, kahlen +Gebüschen sich mit falschem Prahlen +des Winters weiße Sohlenspur. + +Hin geh ich zwischen Weidenbäumen +an nassen Räderrinnensäumen +den Fahrweg, und der Wind ist mild. +Die Sonne prangt im Glast des Märzen +und zündet an im dunkeln Herzen +der Sehnsucht weiße Opferkerzen +vor meiner Hoffnung Gnadenbild. + + + + +XIII + +Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe +bange verblich. +Weit--ein einziger lohroter Strich +wie eine brennende Geißelnarbe. + +Irre Reflexe vergehn und erscheinen. +Und in der Luft +liegts wie ersterbender Rosenduft +und wie verhaltenes Weinen.... + + + +XIV + +Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke, +und ihre Sterne schauen still, +wie schon des Mondes weiße Barke +im Lindenwipfel landen will. + +Fern hör ich die Fontäne hallen +ein Märchen, das ich längst vergaß,-- +und dann ein leises Apfelfallen +ins hohe, regungslose Gras. + +Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel +und trägt durch alte Eichenreihn +auf seinem blauen Faltcrflügel +den schweren Duft vom jungen Wein. + + + +XV + +Im Schoß der silberhellen Schneenacht +dort schlummert alles weit und breit, +und nur ein ewig wildes Weh wacht +in einer Seele Einsamkeit. + +Du fragst, warum die Seele schwiege, +warum sies in die Nacht hinaus +nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege, +es löschte alle Sterne aus. + + + + +XVI + +Abendläuten. Aus den Bergen hallt es +wieder neu zurück in immer mattern +Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern +von dem grünen Talgrund her, ein kaltes. + +In den weißen Wiesenquellen lallt es +wie ein Stammeln kindischen Gebetes; +durch den schwarzen Tannenhochwald geht es +wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes. + +Durch die Fuge eines Wolkenspaltes +wirft der Abend rote Blutkorallen +nach den Felsenwänden.--Und sie prallen +lautlos von den Schultern des Basaltes. + + + + +XVII + +Weltenweiter Wandrer +walle fort in Ruh.... +also kennt kein andrer +Menschenleid wie du. + +Wenn mit lichtem Leuchten +du beginnst den Lauf, +schlägt der Schmerz die feuchten +Augen zu dir auf. + +Drinnen liegt--als riefen +sie dir zu: versteh!-- +tief in ihren Tiefen +eine Welt voll Weh.... + +Tausend Tränen reden +ewig ungestillt, +und in einer jeden +spiegelt sich dein Bild! + + + + +XVIII + + +Möchte mir ein blondes Glück erkiesen; +doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.-- +Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen, +und der Abend blutet in die Buchen. + +Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder +Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen.... +Und die ersten Sterne kommen wieder +und die Träume, die so traurig machen. + + + + +XIX + +Vor mir liegt ein Felsenmeer, +Sträucher, halb im Schutt versunken, +Todesschweigen.--Nebeltrunken +hangt der Himmel drüber her. + +Nur ein matter Falter schwirrt +rastlos durch das Land, das kranke.... +Einsam, wie ein Gottgedanke +durch die Brust des Leugners irrt. + + + +XX + +Die Fenster glühten an dem stillen Haus, +der ganze Garten war voll Rosendüften. +Hoch spannte über weißen Wolkenklüften +der Abend in den unbewegten Lüften +die Schwingen aus. + +Ein Glockenton ergoß sich auf die Au.... +Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken, +Und heimlich über flüstervollen Birken +sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken +ins blasse Blau. + + + + +XXI + +Es gibt so wunderweiße Nächte, +drin alle Dinge Silber sind. +Da schimmert mancher Stern so lind, +als ob er fromme Hirten brächte +zu einem neuen Jesuskind. + +Weit wie mit dichtem Demantstaube +bestreut, erscheinen Flur und Flut, +und in die Herzen, traumgemut, +steigt ein kapellenloser Glaube, +der leise seine Wunder tut. + + + +XXII + +Wie eine Riesenwunderblume prangt +voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze, +ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze, +die Mainacht hangt. + +Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt.... +Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter, +nach Morgen, wo aus feuerroter Aster +er Sterben trink.... + + + +XXIII + +Wie, jegliches Gefühl vertiefend, +ein süßer Drang die Brust bewegt, +wenn sich die Mainacht, sternetriefend, +auf mäuschenstille Plätze legt-- + +Da schleichst du hin auf sachter Sohle +und schwärmst zum blanken Blau hinauf, +und groß wie eine Nachtviole +geht dir die dunkle Seele auf.... + + + + +XXIV + +O gabs doch Sterne, die nicht bleichen, +wenn schon der Tag den Ost besäumt; +von solchen Sternen ohnegleichen +hat meine Seele oft geträumt. + +Von Sternen, die so milde blinken, +daß dort das Auge landen mag, +das müde ward vom Sonnetrinken +an einem goldnen Sommertag. + +Und schlichen hoch ins Weltgetriebe +sich wirklich solche Sterne ein,-- +sie müßten der verborgnen Liebe +und allen Dichtern heilig sein. + + + + +XXV + +Mir ist so weh, so weh, als müßte +die ganze Welt in Grau vergehn, +als ob mich die Geliebte küßte +und sprach: Auf Nimmerwiedersehn. + +Als ob Ich tot wär und im Hirne +mir dennoch wühlte wilde Qual, +weil mir vom Hügel eine Dirne +die letzte, blasse Rose stahl.... + + + + +XXVI + +Matt durch der Tale Gequalme wankt +Abend auf goldenen Schuhn,-- +Falter, der träumend am Halme hangt, +weiß nichts vor Wonne zu tun. + +Alles schlürft hei! an der Stille sich.-- +Wie da die Seele sich schwellt, +daß sie als schimmernde Hülle sich +legt um das Dunkel der Welt. + + + + +XXVII + +Ein Erinnern, das ich heilig heiße, +leuchtet mir durchs innerste Gemüt, +so wie Götterbildermarmorweiße +durch geweihter Haine Dämmer glüht. + +Das Erinnern einstger Seligkeiten, +das Erinnern an den toten Mai,-- +Weihrauch in den weißen Händen, schreiten +meine stillen Tage dran vorbei.... + + + + +XXVIII + +Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken, +keinen lauten Lenz mehr mag,-- +will nur einen sonnenblanken, +wipfelroten Frühherbsttag. + +Will die Lust, die jubelschrille, +nicht mehr in die Brust zurück,-- +will nur Sterbestübenstille +drinnen--für mein totes Gluck. + + + * * * * * + + + LIEBEN + + + +I + + +Und wie mag die Liebe dir kommen sein? +Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein, +kam sie wie ein Beten?--Erzähle: + +Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los +und hing mit gefalteten Schwingen groß +an meiner blühenden Seele.... + + +II + + +Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,-- +mir bangte fast vor seiner schweren Pracht.... +Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen +tief in der Nacht. + +Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,-- +ich hatte grad im Traum an dich gedacht. +Du kamst, und leis wie eine Märchenweise +erklang die Nacht.... + + +III + + +Einen Maitag mit dir beisammen sein, +und selbander verloren ziehn +durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn +zu der Laube von weißem Jasmin. + +Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun, +jeder Wunsch in der Seele so still.... +Und ein Glück sich mitten in Mailust baun, +ein großes,--das ists, was ich will.... + + +IV + + +Ich weiß nicht, wie mir geschieht.... +Weiß nicht, was Wonne ich lausche, +mein Herz ist fort wie im Rausche, +und die Sehnsucht ist wie ein Lied. + +Und mein Mädel hat fröhliches Blut +und hat das Haar voller Sonne +und die Augen von der Madonne, +die heute noch Wunder tut. + + +V + + +Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte +und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind? +Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte, +und du warst damals noch ein Kind. + +Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte +ein junges Hoffen und ein alter Gram.... +Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante +den "Werther" aus den Händen nahm. + +Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen, +dein Auge sah mich groß und selig an. +Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen, +und Lichter gingen durch den Tann.... + + +VI + +Wir saßen beide in Gedanken +im Weinblattdämmcr--du und ich-- +und über uns in duftgen Ranken +versummte wo ein Hummel sich. + +Reflexe hielten, bunte Kreise, +in deinem Haare flüchtig Rast.... +Ich sagte nichts als einmal leise: +"Was du für schöne Augen hast." + + +VII + +Blondköpfchen hinter den Scheiben +hebt es sich ab so fein,-- +sternt es ins Stäubchentreiben +oder zu mir herein? + +Ist es das Köpfchen, das liebe, +das mich gefesselt hält, +oder das Staubchengetriebe +dort in der sonnigen Welt? + +Keins sieht zum andern hinüber. +Heimlich, die Stirne voll Ruh +schreitet der Abend vorüber.... +Und wir? Wir sehn ihm halt zu.-- + + +VIII + + +Die Liese wird heute just sechzehn Jahr. +Sie findet im Klee einen Vierung.... +Fern drängt sichs wie eine Bubenschar: +die Löwenzähne mit blondem Haar +betreut vom sternigen Schierling. + +Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan, +der strotzige, lose Geselle. +Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn +und lacht und wälzt durch den Wiesenplan +des Windes wallende Welle.... + + +IX + + +Ich träume tief im Weingerank +mit meiner blonden Kleinen; +es bebt ihr Händchen, elfenschlank, +im heißen Zwang der meinen. + +So wie ein gelbes Eichhorn huscht +das Licht hin im Reflexe, +und violetter Schatten tuscht +ins weiße Kleid ihr Kleckse. + +In unsrer Brust liegt glückverschneit +goldsonniges Verstummen. +Da kommt in seinem Sammerkleid +ein Hummel Segen summen.... + + +X + + +Es ist ein Weltmeer voller Lichte, +das der Geliebten Aug umschließt, +wenn von der Flut der Traumgesichte +die keusche Seele überfließt. + +Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers +so wie ein Kind, das stockt im Lauf, +geht vor der Pracht des Christbaumzimmers +die Flügeltüre lautlos auf. + + +XI + + +Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß: +Heut kommt Base Olga zu Gaste. +Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies +ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte. + +Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang +und frischte sich mäßig die Kehle; +und wie mein Glas an das deine klang, +da ging mir ein Riß durch die Seele. + +Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß +mich dem Plaudern der andern zu einen, +denn tief im trockenen Halse saß +mir würgend ein wimmerndes Weinen. + +Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück +und küßtest die Lippen mir lange, +und ich gab dir fiebernde Küsse zurück +auf die Stirne, den Mund und die Wange. + +Und da machtest du leise die Augen zu, +die Wonne blind zu ergründen.... +Und mir ahnte im Herzen: da wärest du +am liebsten gestorben in Sünden.... + + +XII + + +Die Nacht im Silberfunkenkleid +streut Trâume eine Handvoll, +die füllen mir mit Trunkenheit +die tiefe Seele randvoll. + +Wie Kinder eine Weihnacht sehn +voll Glanz und goldnen Nüssen,-- +seh ich dich durch die Mainacht gehn +und alle Blumen küssen. + + +XIII + +Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft, +und unter Farren bluteten Zyklamen, +die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft, +es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen. +Du warst von unserm weiten Weg erschlafft, +ich sagte leise deinen süßen Namen: +Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft +aus deines Herzens weißem Liliensamen +die Feuerlilie der Leidenschaft. + +Rot war der Abend--und dein Mund so rot, +wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden, +und jene Flammen, die uns jäh durchloht, +sie leckten an den neidischen Gewanden.... +Der Wald war stille, und der Tag war tot. +Uns aber war der Heiland auferstanden, +und mit dem Tage starben Neid und Not. +Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen, +und leise stieg das Glück aus weißem Boot. + + +XIV + +Es leuchteten im Garten die Syringen, +von einem Ave war der Abend voll,-- +da war es, daß wir voneinander gingen +in Gram und Groll. + +Die Sonne war in heißen Fieberträumen +gestorben hinter grauen Hängen weit, +und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen +dein weißes Kleid. + +Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen +und bangte bebend wie ein furchtsam Kind, +das lange in ein helles Licht gesehen: +Bin ich jetzt blind?-- + + +XV + +Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,-- +dann fühl ich mich so ernst und alt,-- +wenn nur ganz leis dein glockenreines +Gelächter in mir widerhallt. + +Wenn dann in großem Kinderstaunen +dein Auge aufgeht, tief und heiß,-- +möcht ich dich küssen und dir raunen +die schönsten Märchen, die ich weiß. + + +XVI + +Nach einem Glück ist meine Seele lüstern, +nach einem kurzen, dummen Wunderwahn.... +Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern +da hör ichs nahn.... + +Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen, +in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,-- +dann unter schattenschweren Blütenbäumen +seh ich es nahn. + +In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote, +am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch, +am Herzen jene Blume nur, die rote, +trug es die auch?... + + +XVII + +Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen, +vom Abschiedsweh die Augen beide rot... +"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen." +Ich sagte bang: "Die sind schon tot." + +Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern +stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern. +Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern, +und eine Dohle schrie von fern-- + + +XVIII + +Im Frühling oder im Traume +bin ich dir begegnet, einst, +und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag, +und du drückst mir die Hand und weinst. + +Weinst du ob der jagenden Wolken? +Ob der blutroten Blätter? Kaum. +Ich fühl es: du warst einmal glücklich +im Frühling oder im Traum.... + + +XIX + +Sie hatte keinerlei Geschichte, +ereignislos ging Jahr um Jahr-- +auf einmal kams mit lauter Lichte.... +die Liebe oder was das war. + +Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen, +da liegt ein Teich vor ihrem Haus.... +So wie ein Traum scheints zu beginnen, +und wie ein Schicksal geht es aus. + + +XX + +Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell +erstorben im eigenen Blute. +Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell +auf der Kleinen verbogenem Hute. + +Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich +sie die Hand mir schmeichelnd und leise.-- +Kein Mensch in der Gasse als sie und ich.... +Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise". + +Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot +in den Stoff meines Mantels vergrabend.... +Vom Hütchen nickte die Rose rot, +und es lächelte müde der Abend. + + +XXI + +Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh +will mich das Schicksal noch segnen, +wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh +lachende Mädchen begegne.... +Lachen hör ich sie gerne. + +Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr, +nie kann ichs, wähn ich, vergessen... +Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor, +will ich mirs singen ... Indessen +singens schon oben die Sterne.... + + +XXII + +Es ist lang,--es ist lang.... +wann--weiß ich gar nimmer zu sagen.... +eine Glocke klang, eine Lerche sang-- +und ein Herz hat so selig geschlagen. +Der Himmel so blank überm Jungwaldhang, +der Flieder hat Blüten getragen,-- +und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank, +das Auge voll staunender Fragen.... + Es ist lang,--es ist lang.... + + + + + + ADVENT + + (1898) + + + + +ADVENT + + +Es treibt der Wind im Winterwalde +die Flockenherde wie ein Hirt, +und manche Tanne ahnt, wie balde +sie fromm und lichterheilig wird, +und lauscht hinaus. Den weißen Wegen +streckt sie die Zweige hin--bereit, +und wehrt dem Wind und wächst entgegen +der einen Nacht der Herrlichkeit. + + + + + + GABEN + + AN VERSCHIEDENE FREUNDE + + + +Das ist mein Streit: +Sehnsuchtgeweiht +durch alle Tage Sehweifen, +Dann, stark und breit, +mit tausend Wurzelstreifen +rief in das Leben greifen-- +und durch das Leid +weit aus dem Leben reifen, +weit aus der Zeit! + +Du meine heilige Einsamkeit, +du bist so reich und rein und weit +wie ein erwachender Garten. +Meine heilige Einsamkeit du-- +halte die goldenen Türen zu, +vor denen die Wünsche warten. + +Der Bach hat leise Melodien, +und fern ist Staub und Stadt; +die Wipfel winken her und hin +und machen mich so matt. + +Der Wald ist wild, die Welt ist weit, +mein Herz ist hell und groß; +es hält die blasse Einsamkeit +mein Haupt in ihrem Schoß. + +Ich liebe vergessene Flurmadonnen, +die ratlos warten auf irgendwen, +und Mädchen, die an einsame Bronnen, +Blumen im Blondhaar, träumen gehn. + +Und Kinder, die in die Sonne singen +und staunend groß zu den Sternen sehn, +und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen, +und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn. + +Warst du ein Kind in froher Schar, +dann kannst du's freilich nicht erfassen, +wie es mir kam, den Tag zu hassen +als ewig feindliche Gefahr. +Ich war so fremd und so verlassen, +daß ich nur tief in blütenblassen +Mainächten heimlich selig war. + +Am Tag trug ich den engen Ring +der feigen Pflicht in frommer Weise. +Doch abends schlich ich aus dem Kreise, +mein kleines Fenster klirrte--kling-- +sie wußtens nicht. Ein Schmetterling, +nahm meine Sehnsucht ihre Reise, +weil sie die weiten Sterne leise +nach ihrer Heimat fragen ging. + + + + +PFAUENFEDER: + + +in deiner Feinheit sondergleichen, +wie liebte ich dich schon als Kind. +Ich hielt dich für ein Liebeszeichen, +das sich an silberstillen Teichen +in kühler Nacht die Elfen reichen, +wenn alle Kinder schlafen sind. + +Und weil Großmütterchen, das gute, +mir oft von Wünschegerten las, +so träumte ich, du Zartgemute, +in deinen feinen Fasern flute +die kluge Kraft der Rätselrute-- +und suchte dich im Sommergras. + +Oft denk ich auf der Alltagsreise +der Nacht, und daß ein Traum mir frommt, +der mir mit Lippen, kühl und leise, +die schwüle Stirne küssen kommt. + +Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen +zu sehn.--Der Tag ist karg und klein, +die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen +und könnte eine Sage sein. + + + + +DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE-- + + +das müßte sein von jenen blanken +Lenztagen einer, da die Kranken +man vor die dunklen Türen bringt. +Im Flieder ist ein Spatzenzanken, +weil keinem rechter Sang gelingt. +Der Bach, dem alle Bande sanken, +weiß nicht, was tun vor Glück, und springt +bis aufwärts zu den Bretterplanken, +dahinter Beete, kiesumringt, +und Blumenblühn und Birkenschwanken. +Und vor dem Häuschen, goldbezinkt, +um das der Frühling seine Ranken +wie liebeleise Arme schlingt-- +ein blondes Kind, das in Gedanken +das schönste meiner Lieder singt. + +An manchem Tag ist meine Seele still: +Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen. +Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen +dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen +den Jubel seiner Arme fesseln will. + +Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin +in ratlos-sehnendem Erhörenwollen: +Sie warten auf den Sonntag mit den vollen +Gestühlen und dem großen Orgelrollen-- +und blasse Ampeln schwanken her und hin. + + +Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt +in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen, +um Beifall bettelt und um Würde wirbt, +und endlich arm ein armes Sterben stirbt +im Weihrauchabend gotischer Kapellen,-- +nennt ihr das Seele? + +Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit, +in der die Welten weite Wege reisen, +mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit +in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit +und will hinauf und will mir ihnen kreisen.... +Und das ist Seele. + + +Die hohen Tannen armen heiser +im Winterschnee, und bauschiger +schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser. +Die weißen Wege werden leiser, +die trauten Stuben lauschiger. + +Da singt die Uhr, die Kinder zittern: +Im grünen Ofen kracht ein Scheit +und stürzt in lichten Lohgewittern,-- +und draußen wächst im Flockenflittern +der weiße Tag zur Ewigkeit. + + +Der Abend kommt von weit gegangen +durch den verschneiten, leisen Tann. +Dann preßt er seine Winterwangen +an alle Fenster lauschend an. + +Und stille wird ein jedes Haus; +die Alten in den Sesseln sinnen, +die Mütter sind wie Königinnen, +die Kinder wollen nicht beginnen +mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen +nicht mehr. Der Abend horcht nach innen +und innen horchen sie hinaus. + + +Das Wetter war grau und grell; +der Abend ist lichter und leiser. +Sicher kommt irgendein Kaiser: +Alle Häuser sind hell. +Und so festlich und weich +war das Abendgebimmel; +die Alten schaun in den Himmel, +und die Kinder sind reich. + + +Sonne verlodert am Himmelsrain. +Durch ernteverarmte Krumen +waten die Weiber feldein. + +An den verschimmernden Schienenreihn +beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein, +sinnen Sonnenblumen. + + +Du arme, alte Kapelle +mit deiner verstaubten Zier-- +der Frühling baut eine helle +Kirche neben dir. + +Viel frierende Frauen hinken +in deine Weihrauchruh, +draußen die Kinder winken +allen Rosen zu. + + +Die Mädchen singen: +Alle Mädchen erwarten wen, +wenn die Bäume in Blüten stehn; +wir müssen immer nähn und nähn, +bis uns die Augen brennen. +Unser Singen wird nimmer froh, +fürchten uns vor dem Frühling so: +Finden wir einmal ihn irgendwo, +wird er uns nicht mehr erkennen. + + +Lehnen im Abendgarten beide, +lauschen lange nach irgendwo. +"Du hast Hände wie weiße Seide...." +Und da staunt sie: "Du sagst das so...." + +Etwas ist in den Garten getreten, +und das Gitter hat nicht geknarrt, +und die Rosen in allen Beeten +heben vor seiner Gegenwart. + + +Eine der weißen Vestageweihten +lächelte Gnade dem Todbereiten, +löste ihm von der Stirn die Schmach. + +Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten +des todbefreiten, Schulter breiten +Epheben nach. + + +Im Kreise der Barone +der König ritt zur Jagd. +Ihm wohnte in roter Krone +ein einsamer Smaragd. + +Da gibts unter hellen Hufen +Wege so weit und weiß; +keiner hört Hilfe rufen, +und der Mittag ist heiß.... + +Ob einer den König erkannte? + +Die Dohlen im Abend schrien. + +Die allerkühnste spannte +den Flug schon über Ihn: +Auf des Königs Stirne brannte +ein einsamer Rubin. + + +Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit. +In blanken Sälen schleichen leise Schauer. +Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer, +und alle Wege weltwärts sind verschneit. + +Darüber hängt der Himmel brach und breit. +Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden +hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen.... +Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit. + + +Irgendwo muß es Paläste geben, +drin die Fenster von Staub verschnein; +in der Säle hallende Reihn +tauchen tote Tage hinein: +Gestalten wallen, es warnt der Schrein; +und kein lustiger Leuchterschein +reicht In das einsame Seltsamsein.... + +Dorten wollen wir Feste gehen-- +märchenallein. + + +Im Schlosse mit den roten Zinken +wär ich so gern des Abends Gast. +Die Fenster glühn, die Falten sinken, +und meine weißen Wünsche winken +mir aus dem lodernden Palast. + +Ich will durch lange Hallen schleichen +und in die tiefen Gärten schaun, +die über alle Marken reichen. +Und Frauen lächeln an den Teichen, +und in den Wiesen prahlen Pfaun.... + + +Einmal möcht ich dich wiederschauen, +Park, mit den alten Lindenalleen, +und mit der leisesten aller Frauen +zu dem heiligen Weiher gehn. + +Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen +gleiten leise auf glänzendem Glatt, +aus der Tiefe tauchen die Rosen +wie Sagen einer versunkenen Stadt. + +Und wir sind ganz allein im Garten, +drin die Blumen wie Kinder stehn, +und wir lächeln und lauschen und warten, +und wir fragen uns nicht, auf wen.... + + +Es kommt in prunkenden Gebreiten +der Abend wie ein leiser Gott. +Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten +durch purpurbunte Einsamkeiten +in bügelleichtem Träumertrott. + +Ich atme tief. Ich werde Kaiser. +Mein heiler Helm ist losgeschnallt, +und meine Stirne streifen Reiser +und rauschen so. Und leiser, leiser +hallt Huf und Ruf im roten Wald. + + +Horch, verhallt nicht ein scheuer +Schrei von den Hängen her? +Aus dem morschen Klostergemäuer +kann der Abend nicht mehr. +Er sucht sich wund an der Wand. +Und mit hilfloser Hand +in das Säulengedränge, +in ewige Gänge, +wirft er den Brand. +Feuer.-- +In schlichtem Gewand +flieht er, der Heimkehr singender Heuer +leise gesellt, ins verlöschende Land. + + +Der König Abend weiß sich schwach +und satt, und ihm geschieht: +Er schenkt sein Gold dem jungen Bach, +der einem Hirtensingen nach +in Menschen lande zieht. + +Jetzt ist der Bach ein Königskind. +Er jubelt laut Alarm +und gibt den wunden Krumen blind +sein Gold.--Und wo die Hütten sind, +dort ist er wieder arm. + + +Der Tag entschlummert leise,-- +ich walle menschenfern.... +Wach sind im weiten Kreise +ich--und ein bleicher Stern. + +Sein Auge licht durchwoben +ruht flimmernd hell auf mir, +er scheint am Himmel droben +so einsam, wie ich hier.... + + + + + + FAHRTEN + + + + +VENEDIG + + +I + + +Fremdes Rufen. Und wir wählen +eine Gondel, schwarz und schlank: +Leises Gleiten an den Pfählen +einer Marmorstadt entlang. + +Still. Die Schiffer nur erzählen +sich. Die Ruder rauschen sacht, +und aus Kirchen und Kanälen +winkt uns eine fremde Nacht. + +Und der schwarze Pfad wird leiser, +fernes Ave weht die Luft,-- +traun: Ich bin ein toter Kaiser, +und sie lenken mich zur Gruft. + + + +II + + +Immer ist mir, daß die leisen +Gondeln durch Kanäle reisen +irgend jemand zum Empfang; +denn das Warten dauert lang, +und das Volk ist arm und krank, +und die Kinder sind wie Waisen. + +Lange harren die Paläste +auf die Herren, auf die Gäste, +und das Volk will Kronen sehn. +Auf dem Markusplatze stehn +möcht ich oft und irgendwen +fragen nach dem fernen Feste.... + + + +III + + +Mein Ruder sang: +Poppé, fahr zu! +Ein Volk von Sklaven +drängt sich im Hafen +um nüchterne Feste, +und die Paläste +können nicht schlafen. +Poppé, fahr zu! + +Eisige Ruh +in Marmorgliedern, +mit matten Lidern +erschauern die Plätze. +Im Gassennetze +betteln die Niedern. +Poppe, fahr zu! + +Sag mir, weißt du +noch von den Toten, +die hier geboten +in köstlichen Kronen? +Wo sie jetzt wohnen, +die Purpurroten? + +Poppé, fahr zu! + + + +IV + + +Ave weht von den Türmen her, +immer noch hörst du die Kirchen erzählen; +doch die Paläste an stillen Kanälen +verraten nichts mehr. + +Und vorbei an der Traumesruh +ihrer schlafenden Stirnen schwanken +leise Gondeln wie schwarze Gedanken +dem Abend zu. + + + + +ENGLAR IM EPPAN + + +Später Weg. Die Hütten kauern, +und das dumpfe Dorf schläft ein. +Ernste Türme seh ich dauern, +weit aus weißen Blütenschauern +wächst ihr Weltverlorensein. + +Abendbrand in brachen Zinnen, +und der Wind fährt durch den Saal. +Und für wen im Burghof drinnen +immer noch die Brunnen rinnen-- +keiner weiß es dort im Tal. + + + + +TENNO + + +Der Kirchhof hoch im Sommerschnee +gehört zum Berghof hin; +wie über einem Hochlandsee +wacht Frieden über ihn. +Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl. +Der Rasen schüchtert frühfrostfahl, +die Kreuze arm, die Hügel kahl, +und sacht und selten wächst die Zahl: +einmal. + +Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal. +Im kleinen Dorf ist kleine Wahl +und kleines Glück und kleine Qual,-- +drum läuten sie so fern im Tal: +einmal,--einmal,--einmal.-- + + + + +CASABLANCA + + +Am Berge weiß ich trutzen +ein Kirchlein mit rostigem Knauf, +wie Mönche in grauen Kapuzen +steigen Zypressen hinauf. + +Vergessene Heilige wohnen +dort einsam im Altarschrein; +der Abend reicht ihnen Kronen +durch hohle Fenster hinein. + + + + +ARCO + + +Die Hochschneezinne, schartig scharf, +loht auf wie eine Mauerkrone, +in die der lachende Nerone, +der Morgen, seine Fackel warf. + +Und wie die Flammen bis ins Blau +sich zu verblühten Sternen strecken, +erwacht das Tal in schönem Schrecken +und taucht empor aus Traum und Tau. + + + + +I MULINI + + +Du müde, morsche Mühle, +dein Moosrad feiert Ruh, +aus der Olivenkühle +schaut dir der Abend zu. + +Der Bach singt wie verloren +Menschenlieder nach, +tiefer über die Ohren +ziehst du dein trutziges Dach. + + + + +BODENSEE + + +Die Dörfer sind wie ein Garten. +In Türmen von seltsamen Arten +klingen die Glocken wie weh. +Uferschlösser warten +und schauen durch schwarze Scharten +müd auf den Mittagsee. + +Und schnellende Wellchen spielen, +und goldene Dampfer kielen +leise den lichten Lauf; +und hinter den Uferzielen +tauchen die vielen, vielen +Silberberge auf. + + + + +KONSTANZ + + +Dem Tag ist so todesweh +Müd gießt er aus goldenen Kelchen +Wein in den Bergesschnee. + +Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh, +ein Stern überm Uferschleh, +und ziere, zitternde Weilchen +gittern den Abendsee. + + + + + + FUNDE + + + + +Wenn wie ein leises Flügelbreiten +sich in den späten Lüften wiegt,-- +ich möchte immer weiter schreiten +bis in das Tal, wo riefgeschmiegt +an abendrote Einsamkeiten +die Sehnsucht wie ein Garten liegt. + +Vielleicht darf ich dich dorten rinden, +und zage wird dein erstes Mühn +die wehen Wünsche mir verbinden, +du wirst mich führen tief ins Grün-- +und heimlich werden weiße Winden +an meinem staubigen Stabe blühn. + + + + +Ich möchte draußen dir begegnen, +wenn Mai auf Wunder Wunder häuft, +und wenn ein leises Seelensegnen +von allen Zweigen niederträuft. + +Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken, +Jasmin die weißen Arme streckt +und lind den ewgen Wehgedanken +der Stirne Christi überdeckt. + + + + +Ich mußte denken unverwandt, +wie ich einst zwischen schwarzen Pinien +den tiefen Frühling sinnen fand, +als ich vor deiner Schönheit stand +und durch der Scheitel dunkle Linien +dein Antlitz träumte wie ein Land. + +Es schlich von deiner Lippen Saum +ein Lächeln auf verlornem Pfade-- +ganz leis. Die andern merktens kaum. +So weht ein Blatt vom Blütenbaum: +Nur einer schaut die Frühlingsgnade, +und der sie schaut, ist wie im Traum. + + + + +Fremd ist, was deine Lippen sagen, +fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid +fremd ist, was deine Augen fragen, +und auch aus unsern wilden Tagen +reicht nicht ein leises Wellenschlagen +an deine tiefe Seltsamkeit. + +Du bist wie jene Bildgestalten, +die überm leeren Altarspind +noch immer ihre Hände falten, +noch immer alte Kränze halten, +noch immer leise Wunder walten-- +wenn längst schon keine Wunder sind. + + + + +Du bist so fremd, du bist so bleich. +Nur manchmal glüht auf deinen Wange +ein hoffnungsloses Heimverlangen +nach dem verlornen Rosenreich. + +Dann sehnt dein Auge, tief und klar, +aus allem Müssen, allem Mühen +ins Land, wo nichts als stilles Blühen +die Arbeit deiner Hände war. + + + + +Weißt du, ich will mich schleichen +leise aus lautem Kreis, +wenn ich erst die bleichen +Sterne über den Eichen +blühen weiß. + +Wege will ich erkiesen, +die selten wer betritt +in blassen Abendwiesen-- +und keinen Traum, als diesen: +Du gehst mit. + + + + +Bei dir ist es traut: +Zage Uhren schlagen +wie aus weiten Tagen. +Komm mir ein Liebes sagen: +aber nur nicht laut. + +Ein Tor geht irgendwo +draußen im Blütentreiben. +Der Abend horcht an den Scheiben. +Laß uns leise bleiben: +Keiner weiß uns so. + + + + +Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten +aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein. +Schau, ich will nichts, als deine Hände halten +und still und gut und voller Frieden sein. + +Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben +den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit: +An ihren morgenroten Molen sterben +die ersten Wellen der Unendlichkeit. + + + + +Du, Hände, welche immer geben, +die müssen blühn von fremdem Glück. +Zart wie ein zartes Birkenbeben, +bleibt von dem gebenden Erleben +ein Rhythmenzittern drin zurück. + +Das sind die Hände mit den schmalen +Gelenken, die sich leise mühn; +und wüßten die von Kathedralen, +sie müßten sich in Wundenmalen +vor allem Volke heiligblühn. + + + + +Bist gewandert durch Wahn und Weh, +kommst aus meinen dunkelsten Tagen, +hast dir eine Brücke geschlagen +bis zu mir über Schuld und Schnee. + +Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot, +und auf kronengoldenen Locken +trägst du flüchtige Federflocken +in den fröhlichen Frühlingstod. + + + + +Will dir den Frühling zeigen, +der hundert Wunder hat. +Der Frühling ist waldeigen +und kommt nicht in die Stadt. + +Nur die weit aus den kalten +Gassen zu zweien gehn +und sich bei den Händen halten-- +dürfen ihn einmal sehn. + + + + +Und dieser Frühling macht dich bleicher, +in weite Wiesen will dein Fuß, +dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher, +und deine Hände werden reicher +mit jedem Wink, mit jedem Gruß. + +Du holst aus düfteschwüler Lade +dein Konfirmandenkleidchen dreist +und trägst es in die wilden Pfade +und schmückst dich für die große Gnade, +die deine Seele blühen heißt. + + + + +Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß +weit aus dem Abend bringen. +Ich geh in die goldene Stunde hinaus, +und die Fenster leuchten am letzten Haus, +drin spielende Kinder singen. + +Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei, +drin singende Kinder wohnen, +und mein Wandern wächst und wächst in den Mal +und kann nicht zurück,--und die Blüten, verzeih, +die wind ich mir alle zu Kronen. + + + + +Bist du so müd? Ich will dich leise leiten +aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß. +Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten. +Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten, +harrt schon der Abend wie ein helles Schloß. + +Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen, +und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus.... +Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen: +Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,-- +du, winde wieder einen Kranz daraus. + + + + +Du: +ein Schloß an wellenschweren, +atlasblassen Abendmeeren-- +und in seinen säulenhehren +Sälen warten Preis und Prunk, +uns zu ehren: + +Weil wir beide wiederkehren-- +ohne Kronen und mit leeren +Händen-- + aber jung + + + + +Purpurrote Rosen binden +möcht ich mir für meinen Tisch +und, verloren unter Linden, +irgendwo ein Mädchen finden, +klug und blond und träumerisch. + +Möchte seine Hände fassen, +möchte knieen vor dem Kind +und den Mund, den sehnsuchtblassen, +mir von Lippen küssen lassen, +die der Frühling selber sind. + + + + +Ein Händeineinanderlegen, +ein langer Kuß auf kühlen Mund, +und dann; auf Schimmer weißen Wegen +durchwandern wir den Wiesengrund. + +Durch leisen, weißen Blütenregen +schickt uns der Tag den ersten Kuß,-- +mir ist: wir wandeln Gott entgegen, +der durchs Gebreite kommen muß. + + +Du willst dir einen Pagen küren? +Mich komm erküren, Königin. +Mir klingt aus alten Aventüren +ein Sang in Saitenspiel und Sinn. + +Ich will ins weiße Schloß dich führen, +in dem ich selber König bin, +und singen hinter tausend Türen +für meine weiße Königin. + + + + +Abend hat mich müd gemacht, +und in meinen Sinnen schrillen +kleine Wünsche mit den Grillen. + +Wo das blasse Land verflacht, +liegen lauter weiße Villen +hinter roter Rosenpracht. + +Liegen wie auf leiser Wacht +weiße Villen an dem stillen +Uferrand der Frühlingsnacht. + + + + +Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen +Stunden mich in der wirbelnden Kreise +wirres Geflimmer? +Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen. +Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer +einsam, mit heimlichem Lächeln, leise, +leise--Tage und Träume bauen. + + + + +Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang. +Das war im Traum. Und deine Seele klang. + +Ganz leise tönte meine Seele mit, +und beide Seelen sangen sich; Ich litt. + +Da wurde Friede tief in mir. Ich lag +im Silberhimmel zwischen Traum und Tag. + + + + +Wie meine Träume nach dir schrein. +Wir sind uns mühsam fremd geworden, +jetzt will es mir die Seele morden, +dies arme, bange Einsamsein. + +Kein Hoffen, das die Segel bauscht. +Nur diese weite, weiße Stille, +in die mein tatenloser Wille +in atemlosem Bangen lauscht. + + + + +Und du warst schön. In deinem Auge schien +sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen. +Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin +dich ein: So kam dich meine Liebe krönen. +Und meine nächteblasse Sehnsucht stand, +weißbindig wie der Vesta Priesterin, +an deines Seelentempels Säulenrand +und streute lächelnd weiße Blüten hin. + + + + +Du hast so große Augen, Kind. +Du siehst gewiß oft nachts Gestalten, +die, fremd und bleich, in marmorkalten +Traumhänden rote Kronen halten, +um die ein Leuchten leise rinnt. +Dann ist dein Blick am Tag wie blind +und deine Seele wie zerspalten, +dann bangt dir vor den Alltagsalten, +wenn Wünsche sich in dir entfalten, +die allen andern Wahnsinn sind. + +Dann ist die Sehnsucht dir erwacht, +stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern, +die plump, mit Händen, blöd und bleiern, +auf deiner Silberseele leiern +das irre Lied, das sterblich macht; +zu fliehn in eine blaue Nacht, +drin alle Wipfel lauschend feiern; +der Glieder Hymne zu entschleiern +und scheu im Schoß von weißen Weihern +zu finden ihre nackte Pracht. + + + + +Du sahst in hohe Lichthofmauern +und spieltest still in dumpfem Raum, +es lag ein unverstandnes Trauern +auf deinem blassen Kindheitsträum. + +Und deine Tage waren bleiern, +die Mutter krank, der Vater roh; +und manchmal kam ein Krüppel leiern-- +dann lauschtest du und weintest so. + +Was kann dir nun der Sommer taugen? +Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag, +durchirren deine Heimwehaugen +den uferlosen Sonnentag. + + + + +Sie war: +Ein unerwünschtes Kind, verstoßen +auch aus der Mutter Nachtgebet, +und ewig fern von jenem Großen, +das gebend durch die Zeiten geht. + +Sie wünschte wenig--und nur selten +kam wie ein Weinen über sie +nach einem Land mit Purpurzelten, +nach einer fremden Melodie, + +nach weißen Wegen, die nicht stauben-- +dann bog sie Rosen sich ins Haar, +und konnte doch nie Liebe glauben, +auch wenn es tief im Frühling war. + + + + +Wenn ich dir ernst ins Auge schaute, +klang oft dein Wort so kummerkrank, +wie eine leise Liebeslaute, +die einsam einst ein Meister baute, +als seine Seele Sehnsucht sang. + +Sie lernte seither leichte Lieder +und tönte gern zu Tag und Tanz,-- +da greift ein Träumer ihre Glieder: +und wie erwachend weint sie wieder +das Heimweh ihres Heimatlands. + + + + +Ja, früher, wenn ich an dich dachte, +wie Wunder wars: ein Mai erwachte +um dich im Aureolenglänz, +und meine Sehnsucht träumte sachte +um deine Stirne einen Kranz. + +Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen +ins Herz den herbstverhangnen Hainen, +schleicht an den bleichen Meilensteinen +ein wunder Sonnenuntergang. + + + + +Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land. +Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband +lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand, +darüber aus nassem Nebelgewand +reckte die Weide die Totenhand. + +Mir war so traurig. Ich starrte und stand. +Ich sah dich kauern am Wegesrand. +Einst hab ich dich und das Glück gekannt. +Du weintest wühlend und unverwandt, +und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland? + +Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt.... +Da hab ich dich wieder wie einst genannt; +doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand. +Die Pappeln kohlten im Abendbrand, +und der Tod ging rot durch dein Heimatland. + + + + +Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte +ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt-- +Siehst du den Mond, wie eine silberechte +Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt: +ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt-- +Das ist das Zeichen toter Liebesnächte. + +Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben? +Und jede läßt die Schwester schauernd los +und muß allein verdarben und verderben, +und alle fallen fahl in deinen Schoß. +Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß. +Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben. + + + + +Kannst du die alten Lieder noch spielen? +Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh +wie die Schiffe mit silbernen Kielen, +die nach heimlichen Inselzielen +treiben im leisen Abendsee. + +Und sie landen am Blütengestade, +und der Frühling ist dort so jung. +Und da findet an einsamem Pfade +vergessene Götter in wartender Gnade +meine müde Erinnerung. + + + + +Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas, +die deine Hand zu pflegen nie vergaß? + Schon tot? +Wo ist die Freude deiner Wangen hin, +die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien-- + Verloht? +Und wo ist unser Glück so groß und rein, +das hell dein Haar wie ein Madonnenschein + Umspann? +Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach, +und morgen kommt der Frost uns ins Gemach-- + Und dann? + + + + + + MÜTTER + + + + +Ich sehne oft nach einer Mutter mich, +nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln. +In ihrer Liebe blühte erst mein Ich; +sie könnte jenen wilden Haß vereiteln, +der eisig sich in meine Seele schlich. + +Dann säßen wir wohl beieinander dicht, +ein Feuer surrte leise im Kamine. +Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht, +und Friede schwebte ob der Teeterrine +so wie ein Falter um das Lampenlicht. + + + + +Mir ist oft, daß ich fragen müßt: +Du, Mutter, was hast du gesungen, +eh deinem blassen, blonden Jungen +der Schlaf die Wangen warm geküßt? + +Hattest du damals sehr viel Gram? +Und weißt du, wie du aufgesprungen, +wenn deinem blassen, blonden Jungen +im tiefen Traum ein Weinen kam? + + + + +Ich gehe unter roten Zweigen +und suche einen späten Strauß. +Weiß nicht vor Glück wo ein und aus, +mir ist so neu, mir ist so eigen: +Mein Lieb ist müd und ist zu Haus. + +Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel, +seit sich sein Mieder weiter zieht, +und seit ein Wunder ihm geschieht: +Bald hat es breite braune Scheitel +und sitzt und singt ein Wiegenlied. + + + + +Leise weht ein erstes Blühn +von den Lindenbäumen, +und, in meinen Träumen kühn, +seh ich dich im Laubengrün +hold im ersten Muttermühn +Kinderhemdchen säumen. + +Singst ein kleines Lied dabei, +und dein Lied klingt in den Mai: + Blühe, blühe, Blütenbaum, + tief im trauten Garten. + Blühe, blühe, Blütenbaum, + meiner Sehnsucht schönsten Traum + will ich hier erwarten. + + Blühe, blühe Blütenbaum, + Sommer wird dirs zahlen. + Blühe, blühe, Blütenbaum. + Schau, ich säume einen Saum + hier mit Sonnenstrahlen. + + Blühe, blühe, Blürenbaum, + balde kommt das Reifen. + Blühe, blühe, Blütenbaum, + meiner Sehnsucht schönsten Traum + lehr mich, ihn begreifen. + +Singst ein kleines Lied dabei, +und dein Lied ist lauter Mai. + + Und der Blütenbaum wird blühn, + blühn vor allen Bäumen, + sonnig wird dein Saum erglühn, + und verklärt im Laubengrün + wird dein junges Muttermühn + Kinderhemdchen säumen. + + + + +Und reden sie dir jetzt von Schande, +da Schmerz und Sorge dich durchirrt,-- +o, lächle, Weib! Du stehst am Rande +des Wunders, das dich weihen wird. + +Fühlst du in dir das scheue Schwellen, +und Leib und Seele wird dir weit-- +o, bete, Weib! Das sind die Wellen +der Ewigkeit. + + + + +DER BLONDE KNABE SINGT: +Was weinst du, Mutter? Ist das Spind +auch bettelleer,--sei gut! +Ich bin dein blondes Kronenkind, +und du hast Edelblut. + +Ich schaute ja, du weißt es nicht,-- +wie du so oft noch spät +beim morgenmatten Lampenlicht +dein Königskleid genäht. + +So bist du eine Königin, +und sei nicht bang und zag-- +und bis Ich erst krafteigen bin, +kommt unser Königs tag. + + + + +DIE MUTTER: +"Liebling, hast du gerufen?" +Es war ein Wort im Wind. +"Wie viele steile Stufen +sind noch bis zu dir, mein Kind?"-- +Da fand ihre Stimme die Sterne, +fand aber die Tochter nicht. + +Im Tale in tiefer Taverne +löschte ein letztes Licht. + + + + +Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß, +wilder, wie Strüme, die schäumen, +wilder, wie Sturm in den Bäumen. +Und leise läßt sie die Stunden los +und schenkt ihre Seele den Träumen. + +Dann erwacht sie. Da steht ein Stern +still überm leisen Gelände, +und ihr Haus hat ganz weiße Wände-- +Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern-- +und faltet die alternden Hände. + + + + + +INHALT + + +LARENOPFER (1896) + +Im alten Hause +Auf der Kleinseite +Ein Adelshaus +Der Hradschin +Bei St. Veit +Im Dome +In der Kapelle St. Wenzels +Vom Lugaus +Der Bau +Im Stübchen +Zauber +Ein anderes +Noch eines +Und das letzte +Im Erkerstübchen +Der Novembertag +Im Straßenkapellchen +Das Kloster +Bei den Kapuzinern +Abend +Jar. Vrchlický +Im Kreuzgang von Loretto +Der junge Bildner +Frühling +Land und Volk +Der Engel +Allerseelen I. II. +Bei Nacht +Abend +Auf dem Wolschan I + II +Wintermorgen +Brunnen +Sphinx +Träume +Maitag +König Abend +An der Ecke +Heilige +Das arme Kind +Wenns Frühling wird +Als ich die Universität bezog +Superavit +Trotzdem +Herbststimmung +An Julius Zeyer +Der Träumer I + II +Die Mutter +Unser Abendgang +Kajetan Týl +Volksweise +Das Volkslied +Dorfsonntag +Mein Geburtshaus +In dubiis I. II. +Barbaren +Sommerabend +Gerichtet +Das Märchen von der Wolke +Freiheitsklänge +Nachtbild +Hinter Smichov +Im Sommer +Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis) +Vigilien I. II. + III. IV. +Der letzte Sonnengruß +Kaiser Rudolf +Aus dem Dreißigjährigen Kriege. 1. Krieg + 2. Alea jacta est + 3. Kriegsknechts-Sang + 4. Kriegsknechts-Rang + 5. Beim Kloster + 6. Ballade + 7. Der Fenstersturz + 8. Gold + 9. Szene + 10. Feuerlilie + 11. Beim Friedland + 12. Frieden +Bei den Ursulinen +Aus der Kinderzeit +Rabbi Löw +Die alte Uhr +Kämpfen +Siegen +Im Herbst +Der kleine "Drateník" +In der Vorstadt +Bei St. Heinrich +Mittelböhmische Landschaft +Das Heimatlied + +TRAUMGEKRÖNT (1897) + +Königslied +Träumen +I. Mein Herz gleicht +II. Ich denke an: +III. Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen +IV. Eine alte Weide trauert +V. Die Rose hier, die gelbe +VI. Wir saßen beisammen +VII. Ich wollt, sie hätten statt der Wiege +VIII. Jene Wolke will ich neiden +IX. Mir ist: Die Welt +X. Wenn das Volk, das drohnenträge +XI. Weiß ich denn, wie mir geschieht +XII. Schon blinzt +XIII. Fahlgrauer Himmel +XIV. Die Nacht liegt duftschwer +XV. Im Schoß der silberhellen +XVI. Abendläuten +XVII. Weltenweiter Wandrer +XVIII. Möchte mir ein blondes Glück erkiesen +XIX. Vor mir liegt ein Felsenmeer +XX. Die Fenster glühten +XXI. Es gibt so wunderweiße Nächte +XXII. Wie eine Riesenwunderblume +XXIII. Wie, jegliches Gefühl vertiefend. +XXIV. O gäbs doch Sterne +XXV. Mir ist so weh, so weh, als müßte +XXVI. Matt durch der Tale +XXVII. Ein Erinnern, das ich heilig heiße +XXVIII. Glaubt mir + +LIEBEN + +I. Und wie mag die Liebe +II. Das war der Tag +III. Einen Maitag mit dir beisammen sein +IV. Ich weiß nicht, wie mir geschieht +V. Ob dus noch denkst +VI. Wir saßen beide in Gedanken +VII. Blondköpfchen hinter den Scheiben +VIII. Die Liese wird heute +IX. Ich träume tief im Weingerank +X. Es ist ein Weltmeer voller Lichte +XI. Ich war noch ein Knabe +XII. Die Nacht im Silberfunkenkleid +XIII. Schon starb der Tag +XIV. Es leuchteten im Garten die Syringen +XV. Oft scheinst du mir ein Kind +XVI. Nach einem Glück +XVII. Wir gingen +XVIII. Im Frühling oder im Traume +XIX. Sie hatte keinerlei Geschichte +XX. Man merkte: der Herbst kam +XXI. Manchmal da ist mir +XXII. Es ist lang + +ADVENT (1898) + +Advent. Es treibt der Wind + +GABEN + +Das ist mein Streit +Du meine heilige Einsamkeit +Der Bach hat leise Melodien +Ich liebe vergessene Flurmadonnen +Warst du ein Kind in froher Schar +Pfauenfeder: in deiner Feinheit +Oft denk ich auf der Alltagsreise +Damit ich glücklich wäre +An manchem Tag ist meine Seele still +Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt +Die hohen Tannen atmen heiser +Der Abend kommt von weit gegangen +Das Wetter war grau und grell +Sonne verlodert am Himmelsrain +Du arme, alte Kapelle +Die Mädchen singen +Lehnen im Abendgarten beide +Eine der weißen Vestageweihten +Im Kreise der Barone +Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit +Irgendwo muß es Paläste geben +Im Schlosse mit den roten Zinken +Einmal möcht ich dich wiederschauen +Es kommt in prunkenden Gebreiten +Horch, verhallt nicht ein scheuer +Der König Abend weiß sich schwach +Der Tag entschlummert leise + +FAHRTEN + +Venedig I. Fremdes Rufen +II. Immer ist mir, daß die leisen +III. Mein Ruder sang +IV. Ave weht von den Türmen her +Englar im Eppan +Tenno +Casablanca +Arco +I mulini +Bodensee +Konstanz + +FUNDE + +Wenn wie ein leises Flügelbreiten +Ich möchte draußen dir begegnen +Ich mußte denken unverwandt +Fremd ist, was deine Lippen sagen +Du bist so fremd, du bist so bleich +Weißt du, ich will mich schleichen +Bei dir ist es traut +Die Nacht holt heimlich +Du, Hände, welche immer geben +Bist gewandert durch Wähn und Weh +Will dir den Frühling zeigen +Und dieser Frühling macht dich bleicher +Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß +Bist du so müd? Ich will dich leise leiten +Du: ein Schloß an wellenschweren +Purpurrote Rosen binden +Ein Händeineinanderlegen +Du willst dir einen Pagen küren? +Abend hat mich müd gemacht +Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen +Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang +Wie meine Träume nach dir schrein +Und du warst schön. In deinem Auge schien +Du hast so große Augen, Kind +Du sahst in hohe Lichthofmauern +Sie war: Ein unerwünschtes Kind +Wenn ich dir ernst ins Auge schaute +Ja, früher, wenn ich an dich dachte +Ich ging durch ein Land +Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte +Kannst du die alten Lieder noch spielen +Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas + +MÜTTER + +Ich sehne oft nach einer Mutter mich +Mir ist oft, daß ich fragen müßt +Ich gehe unter roten Zweigen +Leise weht ein erstes Blühn +Und reden sie dir jetzt von Schande +Der blonde Knabe singt +Die Mutter +Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***
\ No newline at end of file diff --git a/33821-h/33821-h.htm b/33821-h/33821-h.htm new file mode 100644 index 0000000..61fe009 --- /dev/null +++ b/33821-h/33821-h.htm @@ -0,0 +1,4580 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<!-- $Id: header.txt 236 2009-12-07 18:57:00Z vlsimpson $ --> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke. + </title> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; +} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +.bb {border-bottom: solid 2px;} + +.bl {border-left: solid 2px;} + +.bt {border-top: solid 2px;} + +.br {border-right: solid 2px;} + +.bbox {border: solid 2px;} + +.center {text-align: center;} + +.smcap {font-variant: small-caps;} + +.u {text-decoration: underline;} + +.caption {font-weight: bold;} + + + </style> + </head> +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***</div> + +<h1>ERSTE GEDICHTE</h1> + +<h3>Von</h3> + +<h2>RAINER MARIA RILKE</h2> + + +<h4>LEIPZIG</h4> + +<h4>IM INSEL-VERLAG</h4> + +<h4>MCMXIII</h4> + + +<hr style="width: 95%;" /> +<h3><a href="#INHALT">INHALT</a></h3> +<hr style="width: 45%;" /> + +<p> +<span style="margin-left: 5em;">LARENOPFER</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_ALTEN_HAUSE" id="IM_ALTEN_HAUSE"></a>IM ALTEN HAUSE<br /> +<br /> +<br /> +Im alten Hause; vor mir frei<br /> +seh ich ganz Prag in weiter Runde;<br /> +tief unten geht die Dämmerstunde<br /> +mit lautlos leisem Schritt vorbei.<br /> +<br /> +Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.<br /> +Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,<br /> +ragt klar vor mir die grünspangrüne<br /> +Turmkuppel von Sankt Nikolas.<br /> +<br /> +Schon blinzelt da und dort ein Licht<br /> +fern auf im schwülen Stadtgebrause.—<br /> +Mir ist, daß in dem alten Hause<br /> +jetzt eine Stimme "Amen" spricht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUF_DER_KLEINSEITE" id="AUF_DER_KLEINSEITE"></a>AUF DER KLEINSEITE<br /> +<br /> +<br /> +Alte Häuser, steilgegiebelt,<br /> +hohe Türme voll Gebimmel,—<br /> +in die engen Höfe liebelt<br /> +nur ein winzig Stückchen Himmel.<br /> +<br /> +Und auf jedem Treppenpflocke<br /> +müde lächelnd—Amoretten;<br /> +hoch am Dache um barocke<br /> +Vasen rieseln Rosenketten.<br /> +<br /> +Spinnverwoben ist die Pforte<br /> +dort. Verstohlen liest die Sonne<br /> +die geheimnisvollen Worte<br /> +unter einer Steinmadonne.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="EIN_ADELSHAUS" id="EIN_ADELSHAUS"></a>EIN ADELSHAUS<br /> +<br /> +<br /> +Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:<br /> +wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen.<br /> +Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen<br /> +und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe.<br /> +<br /> +Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber,<br /> +als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;<br /> +und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:<br /> +das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich—Zauber.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_HRADSCHIN" id="DER_HRADSCHIN"></a>DER HRADSCHIN<br /> +<br /> +<br /> +Schau so gerne die verwetterte<br /> +Stirn der alten Hofburg an;<br /> +schon der Blick des Kindes kletterte<br /> +dort hinan.<br /> +<br /> +Und es grüßen selbst die eiligen<br /> +Moldauwellen den Hradschin,<br /> +von der Brücke sehn die Heiligen<br /> +ernst auf ihn.<br /> +<br /> +Und die Türme schaun, die neueren,<br /> +alle zu des Veitsturms Knauf<br /> +wie die Kinderschar zum teueren<br /> +Vater auf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_ST_VEIT" id="BEI_ST_VEIT"></a>BEI ST. VEIT<br /> +<br /> +<br /> +Gern steh ich vor dem alten Dom;<br /> +wie Moder weht es dort, wie Fäule,<br /> +und jedes Fenster, jede Säule<br /> +spricht noch ihr eignes Idiom.<br /> +<br /> +Da hockt ein reich geschnörkelt Haus<br /> +und lächelt Rokoko-Erotik,<br /> +und hart daneben streckt die Gotik<br /> +die dürren Hände betend aus.<br /> +<br /> +Jetzt wird mir klar der casus rei;<br /> +ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:<br /> +der Herr Abbé hier—ihm zuseiten<br /> +die Dame des roi soleil.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_DOME" id="IM_DOME"></a>IM DOME<br /> +<br /> +<br /> +Wie von Steinen rings, von Erzen<br /> +weit der Wände Wölbung funkelt,<br /> +eine Heilge, braungedunkelt,<br /> +dämmert hinter trüben Kerzen.<br /> +<br /> +Von der Decke, rundgemauert,<br /> +schwebt ob eines Engels Kopfe<br /> +hell ein weißer Silbertropfe,<br /> +drin ein ewig Lichtlein kauert.<br /> +<br /> +Und im Eck, wo Goldgeglaste<br /> +niederhangt in staubgen Klumpen,<br /> +steht in Schmutz gehüllt und Lumpen<br /> +still ein Kind der Bettlerkaste.<br /> +<br /> +Von dem ganzen Glänze floß ihm<br /> +in die Brust kein Fünkchen Segen....<br /> +Zitternd, matt, streckts mir entgegen<br /> +seine Hand mit leisem: "Prosim!"<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS" id="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS"></a>IN DER KAPELLE ST. WENZELS<br /> +<br /> +<br /> +Alle Wände in der Halle<br /> +voll des Prachtgesteins; wer wüßte<br /> +sie zu nennen: Bergkristalle,<br /> +Rauchtopase, Amethyste.<br /> +<br /> +Zauberhell wie ein Mirakel<br /> +glänzt der Raum im Lichtgetänzel,<br /> +unterm goldnen Tabernakel<br /> +ruht der Staub des heilgen Wenzel.<br /> +<br /> +Ganz von Leuchten bis zum Scheitel<br /> +ist die Kuppel voll, die hohle;<br /> +und der Goldglast sieht sich eitel<br /> +in die gelben Karneole.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VOM_LUGAUS" id="VOM_LUGAUS"></a>VOM LUGAUS<br /> +<br /> +<br /> +Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln<br /> +und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;<br /> +dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen<br /> +schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.<br /> +<br /> +Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten<br /> +sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen.<br /> +Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen<br /> +in sich des Himmels violette Tinten!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_BAU" id="DER_BAU"></a>DER BAU<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(1)</span><br /> +<br /> +Die moderne Bauschablone<br /> +will mir wahrlich gar nicht passen.<br /> +Hier, dies alte Haus darf fassen<br /> +reiche, weite Steinterrassen,<br /> +kleine, heimliche Balkone.<br /> +<br /> +Und die weitgewölbten Decken,<br /> +die so günstig sind den Lauten,<br /> +Nischen rings, die eingebauten,<br /> +draus die Arme sich der trauten<br /> +Dämmrung dir entgegenstrecken.<br /> +<br /> +Alle Mauern breiter, stärker<br /> +und aus echten Quaderkernen;—<br /> +traun, das Gruseln könnt ich lernen,<br /> +seh ich auf die Zinskasernen<br /> +aus dem kleinen, Stillen Erker.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_STUBCHEN" id="IM_STUBCHEN"></a>IM STÜBCHEN<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(2)</span><br /> +<br /> +Traut ists, wenn verstohlen heulen<br /> +im Kamine wilde Winde<br /> +in der Stube; ganz gelinde<br /> +tickt auf dem barocken Spinde<br /> +fort die Stockuhr mit den Säulen.<br /> +Dort, die kleine Silhouette<br /> +zeigt die alte Tracht der Locken,<br /> +tief im Fenster steht ein Rocken,<br /> +und vergeßne Töne stocken<br /> +im verlassenen Spinette.<br /> +Immer noch hegt die Postille,<br /> +daß an ihrem Geist erfrische<br /> +jung und alt sich, auf dem Tische,<br /> +und der Spruch ob jener Nische<br /> +lautet: "Es gescheh Dein Wille...."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ZAUBER" id="ZAUBER"></a>ZAUBER<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(3)</span><br /> +<br /> +Oft seh ich die heimliche Stube belebt,<br /> +so lebhaft erzählen die Wände;<br /> +ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt<br /> +dort zu der Madonna die Hände.<br /> +<br /> +Ein tüchtiger Junge beim Vater steht,<br /> +der viel zu des Hauses Gewinn tat.<br /> +An huben sie flüsternd das Abendgebet,<br /> +und Mutter läßt ruhen das Spinnrad.<br /> +<br /> +Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß<br /> +sogar der Madonna im Rahmen.<br /> +Ich lausche:—Laut von des Vaters Baß<br /> +ertönt das versöhnende: "Amen".<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="EIN_ANDERES" id="EIN_ANDERES"></a>EIN ANDERES<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(4)</span><br /> +<br /> +Naht der Sohn mit schwerem Schritt<br /> +seinem Vater. Schwer die Zunge....<br /> +"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?!<br /> +Vorwärts, nur herein damit!"<br /> +<br /> +Und da steht zum erstenmal<br /> +jetzt das Mädchen rot und stille;<br /> +und der Vater putzt die Brille:<br /> +"Teufel! Gut war deine Wahl!"<br /> +<br /> +Und er streckt die Arme aus,<br /> +und das Bräutchen nimmt verlegen<br /> +seinen Kuß und seinen Segen....<br /> +Davon weiß das alte Haus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="NOCH_EINES" id="NOCH_EINES"></a>NOCH EINES<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(5)</span><br /> +<br /> +Auch dem blonden Kinde kam es<br /> +In sein Herz, sein waldseereines,<br /> +wie das dunkle Ahnen eines<br /> +großen Glückes oder Grames.<br /> +<br /> +Und die Mutter ließ das Rädchen<br /> +stocken.—"Kind, was macht dich leiden?"<br /> +Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen:<br /> +doch verstanden sich die beiden.<br /> +<br /> +Kurz darauf: Am Pförtchen pochte<br /> +junger Herr.—"Wollt ihr euch?"—Pause.—<br /> +Ob!—Wer da noch fragen mochte!?—<br /> +So geschahs im alten Hause.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="UND_DAS_LETZTE" id="UND_DAS_LETZTE"></a>UND DAS LETZTE<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(6)</span><br /> +<br /> +Still heut die Stube.—Weiß wie Kalk<br /> +ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos<br /> +ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos<br /> +lehnt sie bei Vaters Katafalk.<br /> +<br /> +Zuseiten ihr der Gatte kann<br /> +sie trösten mehr in keiner Weise;<br /> +nun faßt er ihre Hände leise<br /> +und sieht sie ernst und bittend an.<br /> +<br /> +"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!"<br /> +tönt türher hell das Wort des Kleinen;<br /> +da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen,<br /> +und Trost geht durch das alte Haus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_ERKERSTUBCHEN" id="IM_ERKERSTUBCHEN"></a>IM ERKERSTÜBCHEN<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(7)</span><br /> +<br /> +Nicht zu sehn das Alltagstreiben,<br /> +flieh ich—wie wenn ich ein Strauß war,—<br /> +in das alte, alte Haus her;<br /> +lang dann seh ich nicht hinaus mehr<br /> +durch die breit verbleiten Scheiben.<br /> +<br /> +Schlichtheit war der Väter Aussaat,<br /> +Glück die Frucht, die sie gefunden;<br /> +sitz so träumend manche Stunden<br /> +dort im Polsterstuhl, im runden,<br /> +mitten in Urväterhausrat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_NOVEMBERTAG" id="DER_NOVEMBERTAG"></a>DER NÖVEMBERTAG<br /> +<br /> +<br /> +Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,<br /> +seine tausend Jubelstimmen schweigen;<br /> +hoch vom Domturm wimmern gar so eigen<br /> +Sterbeglocken in Novembernebeln.<br /> +<br /> +Auf den nassen Dächern liegt verschlafen<br /> +weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen<br /> +greift der Sturm in des Kamines Wänden<br /> +eines Totenkarmens Schlußoktaven.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN" id="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN"></a>IM STRAßEN KAPELLCHEN<br /> +<br /> +<br /> +Bei St. Loretto da brennt ein Licht<br /> +vorm Bilde im Straßenkapellchen;<br /> +und um das Wandbild schmiegen sich dicht<br /> +Blechblumen mit farbigen Kelchen.<br /> +<br /> +Die Heiligen machen ein übel Gesicht;<br /> +denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat<br /> +nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht<br /> +schaut fromm in den dämmernden Sabbat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_KLOSTER" id="DAS_KLOSTER"></a>DAS KLOSTER<br /> +<br /> +<br /> +Im Dämmerdustgeschwel<br /> +ist schon die Stadt zerronnen<br /> +hoch steht das Haus der Nonnen<br /> +des Ordens von Carmel.<br /> +<br /> +Der Abend hüpft hangab<br /> +vorbei mit Feuergarben<br /> +und windet tausend Farben<br /> +um jeden Fensterstab.<br /> +<br /> +Er schmückt das düstre Haus<br /> +umsonst mit Lichtgeglänze;<br /> +So sehen frische Kränze<br /> +auf Leichensteinen aus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_DEN_KAPUZINERN" id="BEI_DEN_KAPUZINERN"></a>BEI DEN KAPUZINERN<br /> +<br /> +<br /> +Es hat der Pater Guardian<br /> +vom Klosterschnaps mir angeboten;<br /> +ich kenn ihn schon, den dunkelroten,<br /> +der alle Toten wecken kann.<br /> +<br /> +Der Pater sucht den Schlüssel, klein,<br /> +dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,<br /> +und holt den Schatz, den selbstgebrauten,<br /> +hervor aus dem Reliquienschrein.<br /> +<br /> +Und wie er einschenkt, lacht er feist<br /> +und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,<br /> +die einstens ruhten in dem Schreine,<br /> +doch uns erhalten blieb——der Geist!"<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABEND_I" id="ABEND_I"></a>ABEND<br /> +<br /> +<br /> +Einsam hinterm letzten Haus<br /> +geht die rote Sonne schlafen,<br /> +und in ernste Schlußoktaven<br /> +klingt des Tages Jubel aus.<br /> +<br /> +Lose Lichter haschen spät<br /> +noch sich auf den Dächerkanten,<br /> +wenn die Nacht schon Diamanten<br /> +in die blauen Fernen sät.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="JAR_VRCHLICKY" id="JAR_VRCHLICKY"></a>JAR. VRCHLICKÝ<br /> +<br /> +<br /> +Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,<br /> +wo oft ich Ungemach vergaß,<br /> +müd nicken krause Chrysanthemen<br /> +im hohen Venezianergläs.<br /> +<br /> +Ich las in einem Band Gedichte<br /> +gar lange; wie die Zeit entschwand!<br /> +Jetzt erst im Abenddämmerlicbte<br /> +leg ich sie selig aus der Hand.<br /> +<br /> +Mir ist, von göttlichen Problemen<br /> +hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,—<br /> +hat mich der Hauch der Chrysanthemen,<br /> +hat mich Vrchlickýs Buch berauscht?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO" id="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO"></a>IM KREUZGANG VON LORETTO<br /> +<br /> +<br /> +Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,<br /> +wo über krausen Säulenarabesken<br /> +herniederschaun aus halb verwischten Fresken<br /> +geheimnisvolle Heiligengestalten.<br /> +<br /> +Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht<br /> +so manchen gnadenvollen Heilmirakels,<br /> +prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels<br /> +im silberübersäten Seidenkleid.<br /> +<br /> +Spannt über Blättergold Spätsommerhaar<br /> +sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,—<br /> +vor einem Bild im Stile Tintorettos<br /> +steht selig still ein junges Liebespaar.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_JUNGE_BILDNER" id="DER_JUNGE_BILDNER"></a>DER JUNGE BILDNER<br /> +<br /> +<br /> +Ich muß nach Rom; in unser Städtchen<br /> +kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück;<br /> +nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen,<br /> +ich mach in Rom mein Meisterstück.<br /> +<br /> +Er sprachs; dann zog er fort im Rausche<br /> +durch jene Welt, die er erhofft;<br /> +doch war ihm, seine Seele lausche<br /> +auf einen innern Vorwurf oft.<br /> +<br /> +Die Unrast trieb ihn heim, die arge:<br /> +Er bildete mit nassem Blick<br /> +sein armes, fahles Lieb im Sarge,<br /> +und das—das war sein Meisterstück.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="FRUHLING" id="FRUHLING"></a>FRÜHLING<br /> +<br /> +<br /> +Die Vögel jubeln—lichtgeweckt—,<br /> +die blauen Weiten füllt der Schall aus;<br /> +im Kaiserpark das alte Ballhaus<br /> +ist ganz mit Blüten überdeckt.<br /> +<br /> +Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll<br /> +ins junge Gras mit großen Lettern.<br /> +Nur dorten unter welken Blättern<br /> +seufzt traurig noch ein Steinapoll.<br /> +<br /> +Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz<br /> +hinweg das gelbe Blattgeranke<br /> +und legt um seine Stirn, die blanke,<br /> +den blauenden Syringenkranz.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LAND_UND_VOLK" id="LAND_UND_VOLK"></a>LAND UND VOLK<br /> +<br /> +<br /> +...Gott war guter Laune. Geizen<br /> +ist doch wohl nicht seine Art;<br /> +und er lächelte: da ward<br /> +Böhmen, reich an tausend Reizen.<br /> +<br /> +Wie erstarrtes Licht liegt Weizen<br /> +zwischen Bergen, waldbehaart,<br /> +und der Baum, den dichtgeschaart<br /> +Früchte drücken, fordert Spreizen.<br /> +<br /> +Gott gab Hütten; voll von Schafen<br /> +Ställe; und der Dirne klafft<br /> +vor Gesundheit fast das Mieder.<br /> +<br /> +Gab den Burschen all, den braven,<br /> +in die raube Faust die Kraft,<br /> +in das Herz—die Heimatlieder.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br /> +<br /> +<br /> +Hin geh ich durch die Malvasinka<br /> +die Kinderreih, wo sanft und gut<br /> +die kleine Anka oder Ninka<br /> +in ihrem letzten Bettchen ruht.<br /> +<br /> +Auf einem schmalen Schollenhügel<br /> +kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,<br /> +mit staubigem, gebrochnem Flügel<br /> +ein Engelchen aus rohem Ton.<br /> +<br /> +Das flügellahme Kindchen flößte<br /> +mir Mitleid ein,—das arme Ding....<br /> +Da, sieh! Von seinen Lippen löste<br /> +sich leicht ein kleiner Schmetterling.—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ALLERSEELEN" id="ALLERSEELEN"></a>ALLERSEELEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Rings liegt der Tag von Allerseelen<br /> +voll Wehmut und voll Blütenduft,<br /> +und hundert bunte Lichter schwelen<br /> +vom Feld des Friedens in die Luft.<br /> +<br /> +Sie senden Palmen heut und Rosen;<br /> +der Gärtner ordnet sie mit Sinn—<br /> +und kehrt zum Eck der Glaubenslosen<br /> +die alten, welken Blumen hin.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +"Jetzt beten, Willi,—und nicht reden!"<br /> +Mit großem Aug gehorcht der Knab.<br /> +Der Vater legt den Kranz Reseden<br /> +auf seines armen Weibes Grab.<br /> +<br /> +"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!"<br /> +Klein Willi sieht empor und macht,<br /> +wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,<br /> +daß er am Weg heraus gelacht!<br /> +<br /> +Es sticht im Auge ihn—wie Weinen....<br /> +Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht;<br /> +ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen<br /> +beim Ausgang jäh der Buden Pracht.<br /> +<br /> +Es blinkt durch den Novembernebel<br /> +herüber lichtbeglänzter Tand;<br /> +er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel<br /> +und küßt dem Vater leis die Hand.<br /> +<br /> +Und der versteht. Dann gehn sie weiter....<br /> +Der Vater sieht so traurig aus.—<br /> +Doch einen Pfeiferkuchenreiter<br /> +schleppt Willi selig sich nach Haus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_NACHT" id="BEI_NACHT"></a>BEI NACHT<br /> +<br /> +<br /> +Weit über Prag ist riesengroß<br /> +der Kelch der Nacht schon aufgegangen;<br /> +der Sonnenfalter barg sein Prangen<br /> +in ihrem kühlen Blütenschoß.<br /> +<br /> +Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,<br /> +und neckend streut er das Gesträhne<br /> +der weißen Silberhobelspäne<br /> +hernieder in den Moldaustrom.<br /> +<br /> +Da plötzlich, wie beleidigt, hat<br /> +zurückgerufen er die Strahlen,<br /> +weil er gewahr ward des Rivalen:<br /> +der Turmuhr helles Stundenblatt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABEND_II" id="ABEND_II"></a>ABEND<br /> +<br /> +<br /> +Der Abend naht.—Die klare Zone<br /> +der Stirne schmückt ein goldner Reifen,<br /> +und tausend Schattenhände greifen<br /> +verstohlen nach der roten Krone.<br /> +<br /> +Die ersten, blassen Sterne liebeln<br /> +ihm zu; er steht hoch am Hradschine<br /> +und schaut mit ernster Träumermiene<br /> +die Türme und die grauen Giebeln.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUF_DEM_WOLSCHAN" id="AUF_DEM_WOLSCHAN"></a>AUF DEM WOLSCHAN<br /> +<br /> +Am Abend des Tages von Allerseelen<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Die dürren Äste übergittern<br /> +des Himmels abendblasse Scheiben;<br /> +und über Grüfte, reich mit Füttern<br /> +geschmückt, geht Wehmut, und es zittern<br /> +die Lichter durch das Blättertreiben.<br /> +<br /> +Im müden Blau, im regungslosen,<br /> +schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,<br /> +die seine blanke Stirne kosen,<br /> +sind schwarz. Der Duft von welken Rosen<br /> +schleicht her wie Geister toter Träume.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Ferner Lärm vom Wagendamm.—<br /> +Hier keimt Friede und Vergessen,<br /> +zwischen zweien Grabzypressen<br /> +hangt der Mond wie ein Tam-Tam.<br /> +<br /> +Schlägt die Ewigkeit nicht sacht<br /> +jetzt daran mit schwarzem Schwengel?<br /> +Bange schaut ein Marmorengel<br /> +in das Aug der Spätherbstnacht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="WINTERMORGEN" id="WINTERMORGEN"></a>WINTERMORGEN<br /> +<br /> +<br /> +Der Wasserfall ist eingefroren,<br /> +die Dohlen hocken hart am Teich.<br /> +Mein schönes Lieb hat rote Ohren<br /> +und sinnt auf einen Schelmenstreich.<br /> +<br /> +Die Sonne küßt uns. Traumverloren<br /> +schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;<br /> +und wir gehn fürder, alle Poren<br /> +vom Kraftarom des Morgens voll.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BRUNNEN" id="BRUNNEN"></a>BRUNNEN<br /> +<br /> +<br /> +Ganz verschollen ist die alte,<br /> +holde Brunnenpoesie,<br /> +da aus Tritons Muschelspalte<br /> +eine klare Quelle lallte,<br /> +die den Gassen Sprache lieh.<br /> +<br /> +Abends bei den Röhrenkasten<br /> +sammelte sich Paar um Paar,<br /> +weil der Quelle lieblich Glasten<br /> +und ihr Laut der tiefgefaßten<br /> +Neigung süßes Omen war.<br /> +<br /> +Aber als durch Menschenmühn dann<br /> +Wasser treppen aufwärts stieg,<br /> +und kein Paar kam: Misogyn dann<br /> +ward der Gott; es schlich sich Grünspan<br /> +in die Muschel,—und er schwieg.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SPHINX" id="SPHINX"></a>SPHINX<br /> +<br /> +<br /> +Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,<br /> +in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.<br /> +Die Menge gaffte.—Bis der Rettungswagen<br /> +sie brachte in das gelbe Stadtspital.<br /> +<br /> +Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....<br /> +Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;<br /> +dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen<br /> +und dann der Priester.—Sie blieb stumm und fahl.<br /> +<br /> +Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,<br /> +gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal.<br /> +Ein Röcheln.—Dann ward sie herausgetragen,<br /> +sie und ihr Schmerz.—<br /> +<span style="margin-left: 8em;">Und draußen steht kein Mal.</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TRAUME" id="TRAUME"></a>TRÄUME<br /> +<br /> +<br /> +Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden<br /> +geschmückt des blauen Kleides Saum;—<br /> +sie reicht mir mild mit ihren beiden<br /> +Madonnenhänden einen Traum.<br /> +<br /> +Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben,<br /> +hinfort die Stadt mit leisem Schritt<br /> +und nimmt, als Sold des Traumes, drüben<br /> +des kranken Kindes Seele mit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MAITAG" id="MAITAG"></a>MAITAG<br /> +<br /> +<br /> +Still!—Ich hör, wie an Geländen<br /> +leicht der Wind vorüberhüpft,<br /> +wie die Sonne Strahlenenden<br /> +an Syringendolden knüpft.<br /> +<br /> +Stille rings. Nur ein geblähter<br /> +Frosch hält eine Mückenjagd,<br /> +und ein Käfer schwimmt im Äther,<br /> +ein lebendiger Smaragd.<br /> +<br /> +Im Geäst spinnt Süberrhomben<br /> +Mutter Spinne Zoll um Zoll,<br /> +und von Blütenhekatomben<br /> +hat die Welt die Hände voll.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KONIG_ABEND" id="KONIG_ABEND"></a>KÖNIG ABEND<br /> +<br /> +<br /> +Wie König Balthasar einst nahte,<br /> +die Stirn vom Kronenreif erhellt,<br /> +so tritt im purpurnen Ornate<br /> +der König Abend in die Welt.<br /> +<br /> +Der erste Stern führt ihn wie jenen<br /> +bis an den fernsten Hügelsaum;<br /> +dort findet Mutter Nacht er lehnen<br /> +mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.<br /> +<br /> +Dem bringt er just, wie jener Weise<br /> +des Orients, das Gold, gehäuft,—<br /> +das Gold, das uns der Knabe leise<br /> +erlösend in den Schlummer träuft.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AN_DER_ECKE" id="AN_DER_ECKE"></a>AN DER ECKE<br /> +<br /> +<br /> +Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,<br /> +die an der Ecke stets Kastanien briet.<br /> +Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte<br /> +froh und gesund, ob Falte auch bei Falte<br /> +seit vielen Jahren es durchzieht.<br /> +<br /> +Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;<br /> +die Tüten müssen rein sein, und das Licht<br /> +an ihrem Stand muß immer helle scheinen,<br /> +und von dem Ofen mit den krummen Beinen<br /> +verlangt sie streng die heiße Pflicht.<br /> +<br /> +So trefflich schmort auch keine die Maroni.<br /> +Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,<br /> +und alle kennt sie—bis zum Tramwaypony;<br /> +sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....<br /> +Und leise summt ihr Herd sein Lied.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HEILIGE" id="HEILIGE"></a>HEILIGE<br /> +<br /> +<br /> +Große Heilige und kleine<br /> +feiert jegliche Gemeine;<br /> +hölzern und von Steine feine,<br /> +große Heilige und kleine.<br /> +<br /> +Heilge Annen und Kathrinen,<br /> +die im Traum erschienen ihnen,<br /> +baun sie sich und dienen ihnen,<br /> +heilgen Annen und Kathrinen.<br /> +<br /> +Wenzel laß ich auch noch gelten,<br /> +weil sie selten ihn bestellten;<br /> +denn zu viele gelten selten—<br /> +nun, Sankt Wenzel laß ich gelten.<br /> +<br /> +Aber diese Nepomuken!<br /> +Von des Torgangs Luken gucken<br /> +und auf allen Brucken spuken<br /> +lauter, lauter Nepomuken!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_ARME_KIND" id="DAS_ARME_KIND"></a>DAS ARME KIND<br /> +<br /> +<br /> +Ich weiß ein Mädchen, eingefallen<br /> +die Wangen.—War ein leichtes Tuch<br /> +die Mütter; und des Vaters Fluch<br /> +fiel in ihr erstes Lallen.<br /> +<br /> +Die Armut blieb ihr treu die Jahre,<br /> +und Hunger ward ihr Angebind;<br /> +so ward sie ernst.—Das Lenzgold rinnt<br /> +umsonst in ihre Haare.<br /> +<br /> +Sie schaut die lächelnden Gesichter<br /> +der Blumen traurig an im Hag<br /> +und denkt: der Allerseelentag<br /> +hat Blüten auch und Lichter.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="WENNS_FRUHLING_WIRD" id="WENNS_FRUHLING_WIRD"></a>WENNS FRÜHLING WIRD<br /> +<br /> +<br /> +Die ersten Keime sind, die zarten,<br /> +im goldnen Schimmer aufgesprossen;<br /> +schon sind die ersten der Karossen<br /> +<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br /> +<br /> +Die Wandervögel wieder scharten<br /> +zusamm sich an der alten Stelle,<br /> +und bald stimmt ein auch die Kapelle<br /> +<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br /> +<br /> +Der Lenzwind plauscht in neuen Arten<br /> +die alten, wundersamen Märchen,<br /> +und draußen träumt das erste Pärchen<br /> +<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG" id="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG"></a>ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG<br /> +<br /> +<br /> +Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr<br /> +so müheschwer vorüberrollte;<br /> +nun endlich bin ich, was ich wollte<br /> +und was ich strebte: ein Skolar.<br /> +<br /> +Erst "Recht" studieren war mein Plan;<br /> +doch meine leichte Laune schreckten<br /> +die strengen, staubigen Pandekten,<br /> +und also ward der Plan zum Wahn.<br /> +<br /> +Theologie verbot mein Lieb,<br /> +könnt mich auf Medizin nicht werfen,<br /> +so daß für meine schwachen Nerven<br /> +nichts als—Philosophieren blieb.<br /> +<br /> +Die Alma mater reicht mir dar<br /> +der freien Künste Prachtregister,—<br /> +und bring ichs nie auch zum Magister,<br /> +bin was ich strebte: ein Skolar.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SUPERAVIT" id="SUPERAVIT"></a>SUPERAVIT<br /> +<br /> +<br /> +Nie kann ganz die Spur verlaufen<br /> +einer starken Tat; dies lehrt<br /> +zu Konstanz der Scheiterhaufen;<br /> +denn aus tausend Feuertaufen<br /> +steigt der Hochgeist unversehrt.<br /> +<br /> +Bis zu uns her ungeheuer<br /> +ragt der Reformator Hus,<br /> +fürchten wir der Lehre Feuer,<br /> +neigen wir uns doch in scheuer<br /> +Ehrfurcht vor dem Genius.<br /> +<br /> +Der, den das Gericht verdammte,<br /> +war im Herzen, tief und rein,<br /> +überzeugt von seinem Amte,—<br /> +und der hohe Holzstoß flammte<br /> +seines Ruhmes Strahlenschein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TROTZDEM" id="TROTZDEM"></a>TROTZDEM<br /> +<br /> +<br /> +Manchmal vom Regal der Wand<br /> +hol ich meinen Schopenhauer,<br /> +einen "Kerker voller Trauer"<br /> +hat er dieses Sein genannt.<br /> +<br /> +So er recht hat, ich verlor<br /> +nichts: in Kerkereinsamkeiten<br /> +weck ich meiner Seele Saiten<br /> +glücklich wie einst Dalibor.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HERBSTSTIMMUNG" id="HERBSTSTIMMUNG"></a>HERBSTSTIMMUNG<br /> +<br /> +<br /> +Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,<br /> +an dessen Türe schon der Tod steht still;<br /> +auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,<br /> +wie der der Kerze, die verlöschen will.<br /> +<br /> +Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,<br /> +der matte Wind hält Blätterleichenschau;—<br /> +und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen<br /> +ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AN_JULIUS_ZEYER" id="AN_JULIUS_ZEYER"></a>AN JULIUS ZEYER<br /> +<br /> +<br /> +Du bist ein Meister;—früher oder später<br /> +spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;<br /> +du preisest seine Art und seine Sagen,—<br /> +aus deinen Liedern weht der Heimat Äther.<br /> +<br /> +Dein Volk tut recht,—nicht, voll von wahngeblähter<br /> +Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen,<br /> +es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen,<br /> +stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter.<br /> +<br /> +Es hat dein Volk sich seine Ideale<br /> +noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,<br /> +die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;<br /> +<br /> +du aber mahnst, ein echter Orientale,<br /> +es möge in dem Ringen nicht verlernen<br /> +auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_TRAUMER" id="DER_TRAUMER"></a>DER TRÄUMER<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Es war ein Traum in meiner Seele tief.<br /> +Ich horchte auf den holden Traum:<br /> +ich schlief.<br /> +Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,<br /> +und wie ich träumte, hört ich nicht;<br /> +es rief.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Träume scheinen mir wie Orchideen.—<br /> +So wie jene sind sie bunt und reich.<br /> +Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte<br /> +ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,<br /> +brüsten sich mit dem ersaugten Blute,<br /> +freuen in der flüchtigen Minute,<br /> +in der nächsten sind sie tot und bleich.—<br /> +Und wenn Welten oben leise gehen,<br /> +fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?<br /> +Träume scheinen mir wie Orchideen.—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_MUTTER" id="DIE_MUTTER"></a>DIE MUTTER<br /> +<br /> +<br /> +Aufwärts die Theaterrampe<br /> +rollen dröhnend die Karossen,<br /> +abseits unter trüber Lampe<br /> +steht ein altes Weib verdrossen.<br /> +<br /> +Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute,<br /> +wars, daß sie zusammenschrecke;<br /> +niemand aus dem Strom der Leute<br /> +sieht die Alte in der Ecke.<br /> +<br /> +An die neue "Größe" dachte,<br /> +von ihr sprach man nur.—Die Güte<br /> +eines Grafen, hieß es, brachte<br /> +herrlich ihr Talent zur Blüte.<br /> +<br /> +Später. Jubelstürme hallten<br /> +in den Schlußklang der Trompeten....<br /> +Aber draußen kams der Alten,<br /> +heimlich für ihr Kind zu beten.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="UNSER_ABENDGANG" id="UNSER_ABENDGANG"></a>UNSER ABENDGANG<br /> +<br /> +<br /> +Gedenkst du noch, wie guter Dinge<br /> +wir wallten durch das Nusler Tal;<br /> +zwei kleine, blaue Schmetterlinge<br /> +verflattertcn im Abendstrahl.<br /> +<br /> +Am Häuschen lehnte die Melone<br /> +dort—wie auf einem Bilde Dows,<br /> +und herrlich mit der Kuppelkrone<br /> +hob sich das Haupt der Karlshofs.<br /> +<br /> +Im West war noch der Weizen golden,<br /> +blaugrün verdämmerte der Kohl;<br /> +die ersten weißen Sternendolden<br /> +umzitterten den Himmelspol.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KAJETAN_TYL" id="KAJETAN_TYL"></a>KAJETAN TÝL<br /> +<br /> +Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen<br /> +ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.<br /> +<br /> +Da also hat der arme Týl<br /> +sein Lied "Kde domov můj"—geschrieben.<br /> +In Wahrheit; Wen die Musen lieben,<br /> +dem gibt das Leben nicht zuviel.<br /> +<br /> +Ein Stübchen—nicht zu klein dem Flug<br /> +des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.—<br /> +Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,<br /> +ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.<br /> +<br /> +Doch wär er nicht für tausend Louis<br /> +von Böhmen fort. Mit jeder Fiber<br /> +hing er daran.—"Ich bleibe lieber,"<br /> +hätt er gesagt, "kde domov můj."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VOLKSWEISE" id="VOLKSWEISE"></a>VOLKSWEISE<br /> +<br /> +<br /> +Mich rührt so sehr<br /> +böhmischen Volkes Weise,<br /> +schleicht sie ins Herz sich leise,<br /> +macht sie es schwer.<br /> +<br /> +Wenn ein Kind sacht<br /> +singt beim Kartoffeljäten,<br /> +klingt dir sein Lied im späten<br /> +Traum noch der Nacht.<br /> +<br /> +Magst du auch sein<br /> +weit über Land gefahren,<br /> +fällt es dir doch nach Jahren<br /> +stets wieder ein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_VOLKSLIED" id="DAS_VOLKSLIED"></a>DAS VOLKSLIED<br /> +<br /> +Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier<br /> +<br /> +<br /> +Es legt dem Burschen auf die Stirne<br /> +die Hand der Genius so lind,<br /> +daß mit des Liedes Silberzwirne<br /> +er seiner Liebsten Herz umspinnt.<br /> +<br /> +Da mag der Bursch sich süß erinnern,<br /> +was aus der Mutter Mund ihm scholl,<br /> +und mit dem Klang aus seinem Innern<br /> +füllt er sich seine Fiedel voll.<br /> +<br /> +Die Liebe und der Heimat Schöne<br /> +drückt ihm den Bogen in die Hand,<br /> +und leise rieseln seine Töne<br /> +wie Blütenregen in das Land.<br /> +<br /> +Und große Dichter, ruhmberauschte,<br /> +dem schlichten Liede lauschen sie,<br /> +so gläubig wie das Volk einst lauschte<br /> +dem Gottes wort des Sinai.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DORFSONNTAG" id="DORFSONNTAG"></a>DORFSONNTAG<br /> +<br /> +<br /> +Im Wirtshaus auf den blanken Dielen<br /> +schwingt sich die Jugend frisch und laut,<br /> +des Burschen Hand, so hart von Schwielen,<br /> +drückt die des blonden Mädchens traut;<br /> +bierfrohe Musikanten spielen<br /> +ein Lied aus der "verkauften Braut".<br /> +<br /> +"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."<br /> +Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.<br /> +Und wie er nach dem Tanz die Holden<br /> +zu seinem Tische kommen heißt,<br /> +da geht der Abend draußen, golden,<br /> +und lacht durch alle Fenster dreist.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MEIN_GEBURTSHAUS" id="MEIN_GEBURTSHAUS"></a>MEIN GEBURTSHAUS<br /> +<br /> +<br /> +Der Erinnrung ist das traute<br /> +Heim der Kindheit nicht entflohn,<br /> +wo ich Bilderbogen schaute<br /> +im blauseidenen Salon.<br /> +<br /> +Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen<br /> +dicken Silbers reich betreßt,<br /> +Glück mir war; wo heiße Tränen<br /> +mir das "Rechnen" ausgepreßt.<br /> +<br /> +Wo ich, einem dunklen Rufe<br /> +folgend, nach Gedichten griff,<br /> +und auf einer Fensterstufe<br /> +Tramway spielte oder Schiff.<br /> +<br /> +Wo ein Mädchen stets mir winkte<br /> +drüben in dem Gräfenhains....<br /> +Der Palast, der damals blinkte,<br /> +sieht heut so verschlafen aus.<br /> +<br /> +Und das blonde Kind, das lachte,<br /> +wenn der Knab ihm Küsse warf,<br /> +ist nun fort; fern ruht es sachte,<br /> +wo es nie mehr lächeln darf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_DUBIIS" id="IN_DUBIIS"></a>IN DUBIIS<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Es dringt kein Laut bis her zu mir<br /> +von der Nationen wildem Streite,<br /> +ich stehe ja auf keiner Seite;<br /> +denn Recht ist weder dort noch hier.<br /> +<br /> +Und weil ich nie Horaz vergaß,<br /> +bleib gut ich aller Welt und halte<br /> +mich unverbrüchlich an die alte<br /> +aurea mediocritas.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Der erscheint mir als der Größte,<br /> +der zu keiner Fahne schwört,<br /> +und, weil er vom Teil sich löste,<br /> +nun der ganzen Weit gehört.<br /> +<br /> +Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm<br /> +doch nicht klein der Heimat Hort;<br /> +denn das Vaterland, es ist ihm<br /> +dann sein Haus im Heimatsort.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BARBAREN" id="BARBAREN"></a>BARBAREN<br /> +<br /> +<br /> +Ich weiß von einem Riesenparke<br /> +dort, wo die Stadt sich schon verliert;<br /> +jetzt nagt die Axt an seinem Marke,<br /> +sie sagen: er wird parzelliert.<br /> +<br /> +Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas,<br /> +der Mietskasernen weichen soll,<br /> +der war doch wie ein Hain der Pallas<br /> +der raunenden Orakel voll.<br /> +<br /> +Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten,<br /> +den Ort, den kein Profaner sah:<br /> +Es übertönt der Lärm der Zeiten<br /> +das Götterwort der Pythia.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SOMMERABEND" id="SOMMERABEND"></a>SOMMERABEND<br /> +<br /> +<br /> +Die große Sonne ist versprüht,<br /> +der Sommerabend liegt im Fieber,<br /> +und seine heiße Wange glüht.<br /> +Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...."<br /> +Und wieder dann: "Ich bin so müd...."<br /> +<br /> +Die Büsche beten Litanein,<br /> +Glühwürmchen hangt, das regungslose,<br /> +dort wie ein ewiges Licht hinein;<br /> +und eine kleine weiße Rose<br /> +tragt einen roten Heiligenschein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GERICHTET" id="GERICHTET"></a>GERICHTET<br /> +<br /> +<br /> +"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst,<br /> +lang ist es her; doch wenn der Schein<br /> +des runden Monds das Rathaus küßt,<br /> +dann wallen aus dem heilgen Teyn<br /> +Gerichtete in Geisterreihn ...<br /> +<span style="margin-left: 9em;">Weh wer sie sah!</span><br /> +<br /> +Viel Herren fielen auf dem Ring;<br /> +die Herren finden Ruhe nicht;—<br /> +sie zogen eines Nachts: Es ging<br /> +voran Herr Christus, groß und licht,<br /> +mit ernstem, traurigem Gesicht ...<br /> +<span style="margin-left: 9em;">Und einer sahs!</span><br /> +<br /> +Der war ein Maler. Und im Flug<br /> +malt er, wie er geschaut, den Ring.<br /> +Er malt den ganzen Geisterzug,<br /> +dem ernst voran Herr Christus ging.<br /> +Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...<br /> +<span style="margin-left: 9em;">Jetzt ist er tot.—</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE" id="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE"></a>DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE<br /> +<br /> +<br /> +Der Tag ging aus mit mildem Tone,<br /> +so wie ein Hammerschlag verklang.<br /> +Wie eine gelbe Goldmelone<br /> +lag groß der Mond im Kraut am Hang.<br /> +<br /> +Ein Wölkchen wollte davon naschen,<br /> +und es gelang ihm, ein paar Zoll<br /> +des hellen Rundes zu erhaschen,<br /> +rasch kaut es sich die Bäckchen voll.<br /> +<br /> +Es hielt sich lange auf der Flucht auf<br /> +und zog sich ganz mit Lichte an;—<br /> +da hob die Nacht die goldne Frucht auf:<br /> +Schwarz ward die Wolke und zerrann.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="FREIHEITSKLANGE" id="FREIHEITSKLANGE"></a>FREIHEITSKLÄNGE<br /> +<br /> +<br /> +Böhmens Volk! In deinen Kreisen<br /> +weckt ein neuer Genius<br /> +alte, heiße Freiheitsweisen,<br /> +und die mahnen nicht mit leisen<br /> +Worten, daß dein Fesseleisen<br /> +ganz zerschmettert werden muß.<br /> +<br /> +Diese Streitpoeten blasen<br /> +lockend; und in Stücke haun<br /> +kannst du, Volk, in deinem Rasen<br /> +des Gesetzes Marmorvasen,<br /> +doch du kannst aus ihren Phrasen<br /> +keine Zukunft dir erbaun.<br /> +<br /> +Tief in Herz und Sinn in treuer<br /> +Hoffnung senk die Liedersaat,<br /> +sind dir deine Dichter teuer,<br /> +daß daraus ein Lenz, ein neuer,<br /> +keime.—Was dann blieb vom Feuer,<br /> +das entflamme dich zur Tat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="NACHTBILD" id="NACHTBILD"></a>NACHTBILD<br /> +<br /> +<br /> +Auch auf der Theaterrampe<br /> +wird es stille nach und nach.—<br /> +Eine eitle Bogenlampe<br /> +schaut sich in ein Droschkendach.<br /> +<br /> +Auf dem leeren Gangsteig zucken<br /> +Lichter.—Sehn nicht dort am Haus<br /> +helle Dachmansardenlucken<br /> +wie verweinte Augen aus?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HINTER_SMICHOV" id="HINTER_SMICHOV"></a>HINTER SMICHOV<br /> +<br /> +<br /> +Hin gehn durch heißes Abendrot<br /> +aus den Fabriken Männer, Dirnen,—<br /> +auf ihre niedern, dumpfen Stirnen<br /> +schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.<br /> +<br /> +Die Mienen sind verstumpft; es brach<br /> +das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle<br /> +den Weg, und Staub zieht und Gejohle<br /> +wie das Verhängnis ihnen nach.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_SOMMER" id="IM_SOMMER"></a>IM SOMMER<br /> +<br /> +<br /> +Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer<br /> +auf Moldauwogen uns nach Zlichov<br /> +zu jenem Kirchlein, hoch und frei.<br /> +Im blauen Nebel schwindet Smichov;—<br /> +zur Rechten Flächen braun von Ampfer,<br /> +zur Linken stolz die "Loreley".<br /> +<br /> +Wir legen an; und sieh, ein Alter<br /> +begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!"<br /> +Am Friedhofsrand dann lehnen wir.<br /> +Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,<br /> +und unser Träumen hebt, ein Falter,<br /> +auf Sonnenflügeln sich zu ihr.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL" id="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL"></a>AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)<br /> +<br /> +<br /> +Auf schloß das Erztor der Kustode.<br /> +Du sahst vor Blüten keine Gruft.<br /> +Der Lenz verschleierte dem Tode<br /> +das Angesicht mit Blust und Duft;<br /> +da stieg wie eine Todesode<br /> +ein Trauermantel in die Luft.<br /> +<br /> +Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....<br /> +Rings feierte Mittsommerlicht,<br /> +in den Syringen summten Fliegen.—<br /> +Da lag ein Schädel vor uns dicht;<br /> +aus seinen leeren Augen stiegen<br /> +verkümmerte Vergißmeinnicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VIGILIEN" id="VIGILIEN"></a>VIGILIEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Die falben Felder schlafen schon,<br /> +mein Herz nur wacht allem;<br /> +der Abend refft im Hafen schon<br /> +sein rotes Segel ein.<br /> +<br /> +Traumselige Vigilie!<br /> +Jetzt wallt die Nacht durchs Land;<br /> +der Mond, die weiße Lilie,<br /> +blüht auf in ihrer Hand.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Am offnen Stubenfenster lehn ich<br /> +und träume in die Nacht hinauf;<br /> +das Mondlicht windet silbersträhnig<br /> +sich um den schwarzen Kirchturmknauf.<br /> +<br /> +Sehn wenig Welten aus den Fernen<br /> +auch durch den engen Hof ins Haus,—<br /> +es füllte Licht von zehen Sternen<br /> +ein ganzes, dunkles Leben aus.<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +Horch, der Schritt der Nacht erstirbt<br /> +in der weiten Stille;<br /> +meine Schreibtischlampe zirpt<br /> +leis wie eine Grille.<br /> +<br /> +Goldig auf dem Bücherstand<br /> +glühn der Bände Rücken:<br /> +zu der Fahrt ins Feenland<br /> +Pfeiler für die Brücken.<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht<br /> +beim toten Mütterlein verbracht<br /> +und hat geweint und hat gewacht;—<br /> +dann gingen Jahre, Jahre sacht:<br /> +nie hat sie jener Nacht gedacht.<br /> +<br /> +Und dann kam eine andre Nacht.<br /> +Da hat von Glut und Sünd entfacht<br /> +die rote Lippe Lust gelacht,<br /> +doch plötzlich—wie durch höhre Macht<br /> +dacht sie der Nacht der Leichenwacht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS" id="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS"></a>DEK LETZTE SONNENGRUSS<br /> +<br /> +Zu einem Bilde des Benes Knüpfer<br /> +<br /> +Die Sonne schmolz, die hehre,<br /> +ins weiße Meer so heiß.<br /> +Zwei Mönche saßen am Meere,<br /> +ein blonder und ein Greis.<br /> +<br /> +Der sann: Geh ich einst rasten,<br /> +so friedlich mög es sein—<br /> +und jener: Des Ruhmes Glasten<br /> +sollt mir mein Sterben weihn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KAISER_RUDOLF" id="KAISER_RUDOLF"></a>KAISER RUDOLF<br /> +<br /> +<br /> +Hoch auf seiner Himmelswarte<br /> +über einer Sternenkarte<br /> +sitzt der Kaiser Rudolf dort,<br /> +forschend, ob der langerharrte<br /> +Flugstern, der die Weisen narrte,<br /> +streifen würde diesen Ort.<br /> +<br /> +Und er fragt den Astrologen,<br /> +der am hohen Himmelsbogen<br /> +alle Wanderwege weiß:<br /> +"Wird von Unglück der betrogen,<br /> +den der Stern hineingezogen<br /> +in den unheilvollen Kreis?"<br /> +<br /> +Und der Alte weicht ihm leise<br /> +aus: "Der Stern zieht seine Gleise,<br /> +Herr, im fernen Ätherreich!"<br /> +Und gen Süden sieht der Weise;—<br /> +und der Kaiser schaut die Kreise<br /> +seines Globen, ernst und bleich.—<br /> +<br /> +Und von Süden kommt Verderben,<br /> +kommt Matthias.—Eilge Erben<br /> +lassen ihm nur den Hradschin;<br /> +und der Kaiser spricht im herben<br /> +Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,<br /> +denn schon bin ich tot für 'ihn'.<br /> +<br /> +Alter! Laß den Bück uns heben!<br /> +du hast recht, die Sterne schweben<br /> +hoch ob allem Erdenbann;<br /> +aber—die nach ihnen streben,<br /> +knüpfen selbst ihr dunkles Leben<br /> +an die lichten Lose an!—"<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE<br /> +<br /> +Kohlenskizzen in Callots Manier<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a1_KRIEG" id="a1_KRIEG"></a>1. KRIEG<br /> +<br /> +<br /> +Feinster ist die Welt geworden,—<br /> +darum Dörfer rasch entloht!<br /> +und die Welt ist grau;—drum rot<br /> +färbt sie durch das Morden!<br /> +<br /> +Bauer! Bittest um dein Leben?<br /> +Nimm dirs! Aber bei uns bleib!<br /> +Herrgott hat dir Ochs und Weib<br /> +nur für uns gegeben.<br /> +<br /> +Laß den Teufel Felder pflügen;<br /> +sieh, wir haben stets genung!<br /> +Vorwärts—einen Werbetrunk<br /> +aus den vollen Krügen!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a2_ALEA_JACTA_EST" id="a2_ALEA_JACTA_EST"></a>2. ALEA JACTA EST<br /> +<br /> +<br /> +"... Tod oder Sold!"<br /> +Und jetzt die Trommel schnell<br /> +her. Auf das Trommelfell<br /> +Würfel gerollt.<br /> +<br /> +So wird dem Lohn,<br /> +der unsre Streiche sucht.<br /> +Sieh, der Baum, reiche Frucht<br /> +trägt er doch schon!<br /> +<br /> +Solltest schon längst<br /> +hängen dran, Kamerad!<br /> +Drum ists nicht jammerschad,<br /> +wenn du dann hängst!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG" id="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG"></a>3. KRIEGSKNECHTS-SANG<br /> +<br /> +<br /> +Lag auf einer Trommel nackt,<br /> +kaum zwei Spannen lang,<br /> +und der rauhe Trommeltakt<br /> +war mein Wiegensang.<br /> +<br /> +Wild zu wettern taugte ich<br /> +damals schon im Zorn,<br /> +meine Milch, die saugte ich<br /> +aus dem Pulverhorn.<br /> +<br /> +Damals taufte jeden gut<br /> +der Korp'ral; beim Schopf<br /> +nahm er ihn, goß Schwedenblut<br /> +heiß ihm übern Kopf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG" id="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG"></a>4. KRIEGSKNECHTS-RANG<br /> +<br /> +<br /> +Bei uns gibts nicht Edelinge,<br /> +die was gelten durch ihr Blut,<br /> +jedes Rang ist jedes Klinge,<br /> +und sein Wappen ist der Mut.<br /> +<br /> +Wer nur immer kühn sein Schwert<br /> +hält den Schild von Schande rein,<br /> +wer noch gestern unterm Heer zog,<br /> +Herzog kann er morgen sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a5_BEIM_KLOSTER" id="a5_BEIM_KLOSTER"></a>5. BEIM KLOSTER<br /> +<br /> +<br /> +Was gibts?—Eine Klosterpforte?—<br /> +Ei, Potz Blitz!<br /> +Eine Tür von dieser Sorte<br /> +renn ich ohne viele Worte<br /> +ein mit meiner Nasenspitz!<br /> +<br /> +Auf das Tor ein fester Stempel....<br /> +Pfaffe, komm!<br /> +Jetzt heraus mit deinem Krempel,<br /> +paar Monstranzen zum Exempel<br /> +und paar Kelche: wir sind fromm.<br /> +<br /> +Laß jetzt dein: Peccavi, pater....<br /> +Leucht zum Wein<br /> +uns mit deiner Nase, frater,<br /> +dorten kannst du uns ein Rater,<br /> +und ein "Seelensorger" sein!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a6_BALLADE" id="a6_BALLADE"></a>6. BALLADE<br /> +<br /> +<br /> +Gestern zogen wilde Horden<br /> +durch das Dörfchen hin mit Morden,<br /> +und ein Mädchen sinnt jetzt still:<br /> +Ist der Liebste untreu worden,<br /> +weil er heut nicht kommen will?—<br /> +Draußen schrien die Dohlen.<br /> +<br /> +Mädchen ging mit bleicher Wange<br /> +durch das Haus.—Sie harrte lange,<br /> +und des Nachts floh sie der Schlaf.<br /> +Und sie schlich hinaus zum Hange,<br /> +wo sie stets den Teuren traf.<br /> +Ängstlich schrien die Dohlen.<br /> +<br /> +Und die Nacht war schwarz, die schwüle,<br /> +fern nur brannte eine Mühle....<br /> +Weinend wählt die matte Maid<br /> +sich gar weiches Kraut zum Pfühle<br /> +und entschlief in lauter Leid.<br /> +Schrieen noch die Dohlen?<br /> +<br /> +Spät erwacht sie. Nebel grauten<br /> +rings—soweit die Augen schauten....<br /> +Weh!—Was sie ein Kraut geglaubt,<br /> +ist das Haar an ihres Trauten<br /> +blutigem, zerschelltem Haupt.—<br /> +Schrecklich schrien die Dohlen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a7_DER_FENSTERSTURZ" id="a7_DER_FENSTERSTURZ"></a>7. DER FENSTERSTURZ<br /> +<br /> +<br /> +"Naht Verrat mit leisem Schritte,<br /> +ungerächt, bei der Madonna,<br /> +bleibt er nicht! Nach alter Sitte<br /> +zu den Fenstern!" schrie Colonna.<br /> +<br /> +"Schont den Popel! doch die andern,<br /> +jeder eine feige Natter,<br /> +aus den Fenstern laßt sie wandern!<br /> +Mitleid?—Werft ihn mit, den Platter!"<br /> +<br /> +Bange hangt am Fensterstocke<br /> +Martinitz noch.—Da Geröchel:<br /> +Turn schwingt seine Degenglocke<br /> +und zerschmettert ihm die Knöchel.<br /> +<br /> +Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,<br /> +Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!"<br /> +"Graf von Turn!"—"Der Bürgermeister<br /> +lasse alle Glocken läuten!"—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a8_GOLD" id="a8_GOLD"></a>8. GOLD<br /> +<br /> +<br /> +"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.<br /> +Wo hast das Gold du her?"—<br /> +"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,<br /> +kein Obrist hat wohl mehr!"<br /> +<br /> +"Nein, das ist gutes, rotes Gold,<br /> +das kann dein Sold nicht sein!"<br /> +"Beim Spielen war das Glück mir hold,<br /> +und da ward alles mein!"<br /> +<br /> +"Ist wirklich alles dein—das Gold,<br /> +gesteh,—und ists kein Trug?"—<br /> +"Nun, Würfel haben mit gerollt<br /> +und jetzt laß es genug!"<br /> +<br /> +"Und gibst du mir auch von dem Gold?"<br /> +"Das weißt du!"—"Nein, du Schelm,<br /> +just auf der Stelle, sieh, ich wollt,<br /> +du füllst mir deinen Helm!"<br /> +<br /> +"Es sei!"—"Wies durch die Finger bebt,<br /> +der Glanz gefällt mir gut!—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +... Schau, was dir da am Finger klebt,<br /> +kam das vom Golde?—Blut!"—....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a9_SZENE" id="a9_SZENE"></a>9. SZENE<br /> +<br /> +<br /> +Du kniest am Markstein, Alter, sprich!—<br /> +Das ist kein Heilgenbild!"<br /> +"Kein Bild?—Ich bet.—Es faßte mich<br /> +das Schicksal gar so wild."<br /> +<br /> +"Hast du kein Haus, hast du kein Land,<br /> +das deiner Hände braucht?"<br /> +"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,<br /> +sieh hin—gewiß—es raucht."<br /> +<br /> +"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn<br /> +und hilft dir aus der Not?"<br /> +"Mein Sohn zog in den Krieg davon,<br /> +jetzt ist er sicher tot."—<br /> +<br /> +"Was streicht dir deines Haares Schnee<br /> +der Tochter Hand nicht, weich?"—<br /> +"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,<br /> +da sprang sie in den Teich."—<br /> +<br /> +"So sieh mir ins Gesicht!—Und brach<br /> +das Herz dir auch vor Graus...."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach<br /> +mir beide Augen aus."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a10_FEUERLILIE" id="a10_FEUERLILIE"></a>10. FEUERLILIE<br /> +<br /> +<br /> +Winters, ab die Äste krachten,<br /> +keine Bäche konnten frieren,<br /> +weil die Fluten Blutes ihren<br /> +Pulsschlag immer neu entfachten.<br /> +<br /> +Als die Zeit kam, da die Blume<br /> +aufwacht und der Vogel flötet,<br /> +sprang die Lilie selbst gerötet<br /> +aus der todgedüngten Krume.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a11_BEIM_FRIEDLAND" id="a11_BEIM_FRIEDLAND"></a>11. BEIM FRIEDLAND<br /> +<br /> +<br /> +Heimgekehrt von Schlacht und Schlag<br /> +freut sich Obrist und Gemeiner;<br /> +denn jetzt hält der Wallensteiner<br /> +wieder seinen Hof zu Prag.<br /> +<br /> +Just ließ frei den Turn er ziehn;<br /> +das war so von seinen Trümpfen<br /> +einer.—Drauf ward Nasenrümpfen<br /> +Mode ... dort bei Hof zu Wien.<br /> +<br /> +Laßt sie zetern. Friedlands Heer<br /> +muß nicht darben und nicht dürsten,—<br /> +und aus Knechten macht er Fürsten,<br /> +unser Herzog.—Wer kann mehr?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a12_FRIEDEN" id="a12_FRIEDEN"></a>12. FRIEDEN<br /> +<br /> +<br /> +Prag gebar die Mißgestalt<br /> +dieses Krieges, der voll Tücke<br /> +hauste.—Auf der Karlsbrücke<br /> +starb er, dreißig Jahre alt.<br /> +<br /> +Endlich riß das Eisenstück<br /> +nur dem Acker eine Schramme,<br /> +und vom Kirchturm schlug die Flamme<br /> +in den trauten Herd zurück.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_DEN_URSULINEN" id="BEI_DEN_URSULINEN"></a>BEI DEN URSULINEN<br /> +<br /> +<br /> +Geh mittags zu den Ursulinen,<br /> +wenn man den Armen Speise trug,<br /> +da siehst du, wie in müde Mienen<br /> +die Not schrieb ihren Namenszug.<br /> +<br /> +Da siehst du Stirnen, die schon frühe<br /> +des Schmerzes Eisenreif umschloß,<br /> +und Wangen, die der Dunst der Brühe<br /> +mit falscher Röte übergoß.<br /> +<br /> +Du hörst, wie leisem Dankesworte<br /> +sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:<br /> +so brandet an der Klosterpforte<br /> +das ganze Elend dieser Welt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUS_DER_KINDERZEIT" id="AUS_DER_KINDERZEIT"></a>AUS DER KINDERZEIT<br /> +<br /> +<br /> +Sommertage auf der "Golka"....<br /> +Ich, ein Kind noch—Leise her,<br /> +aus dem Gasthaus klingt die Polka,<br /> +und die Luft ist sonnenschwer.<br /> +<br /> +Sonntag ists.—Es liest Helene<br /> +lieb mir vor.—Im Lichtgeglänz<br /> +ziehn die Wolken, wie die Schwäne<br /> +aus dem Märchen Andersens.<br /> +<br /> +Schwarze Fichten stehn wie Wächter<br /> +bei der Wiesen buntem Schatz;<br /> +von der Straße dringt Gelächter<br /> +bis zu unserm Laubenplatz.<br /> +<br /> +An die Mauer lockt uns beide<br /> +mancher laute Jubelschrei:<br /> +drunten geht im Feierkleide<br /> +Paar um Paar zum Tanz vorbei.<br /> +<br /> +Bunt und selig, Bursch und Holka,<br /> +Glück und Sonne im Gesicht!—<br /> +Sommertage auf der "Golka",—<br /> +und die Luft war voller Licht....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="RABBI_LOW" id="RABBI_LOW"></a>RABBI LÖW<br /> +<br /> +<br /> +"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Bann der Not;</span><br /> +heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">der Tod.</span><br /> +Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">kaum hat der Leichenwart</span><br /> +eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">ist hart."</span><br /> +Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Bocher rasch herein—"</span><br /> +So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Nacht dich ganz allein;"</span><br /> +"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">um Mitternacht</span><br /> +tanzen all die Kindergeister auf den grauen<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Steinen sacht.</span><br /> +Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Herz beklemmt,</span><br /> +Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">sein Leichenhemd,</span><br /> +raubst es,—bringst es her im Fluge, her zu mir!<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Begreifst du wohl?"</span><br /> +"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">die Antwort hohl.</span><br /> +<br /> +<br /> +Mitternacht und Mondgegleiße,—<br /> +... und es stürzt der totenblasse<br /> +Bocher bebend durch die Gasse,<br /> +in der Hand das Hemd, das weiße.<br /> +<br /> +Da jetzt ... sind das seine Schritte?...<br /> +Jach kehrt er zurück das bleiche<br /> +Antlitz: weh, die Kindesleiche,<br /> +folgt ihm nach, im Aug die Bitte:<br /> +<br /> +"... Gib das Linnen, ohne Linnen<br /> +lassen mich nicht ein die Geister...."<br /> +Und der Bocher, halb von Sinnen,<br /> +reicht es endlich seinem Meister.<br /> +<br /> +Und schon naht der Geist mit Klagen....<br /> +"Sag, was sterben hundert binnen<br /> +Tagen?—Kind, du mußt es sagen,<br /> +früher darfst du nicht von hinnen."<br /> +<br /> +So der Rabbi.—"Wehe, wehe,"<br /> +ruft der Geist, "aus unserm Stamme<br /> +haben zwei entehrt der Ehe<br /> +keusche, reine Altarflamme!<br /> +<br /> +Hier die Namen!—Sucht nicht fremde<br /> +Ursach, daß euch Tod beschieden...."<br /> +Und der Rabbi reicht das Hemde<br /> +jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"<br /> +<br /> +Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung<br /> +stieg der Tag in rosgem Licht,<br /> +hielt der Rabbi schon Gericht,—<br /> +und der Unschuld ward Befreiung.<br /> +<br /> +Mit der Geißel des Gesetzes<br /> +brandmarkt er die Sünderstirn;—<br /> +langsam löste jedes Hirn<br /> +ich vom Bann des Fluchgenetzes.<br /> +<br /> +Manches Paar war da erschienen,<br /> +dankerfüllt, daß Gott verzieh,<br /> +und der Weise segnet sie.—<br /> +Freude lag auf aller Mienen.<br /> +<br /> +Nur der Bocher warf, der bleiche,<br /> +sich im Fieber hin und her....<br /> +Doch nach Beth Chaim lange mehr<br /> +trug man keine Kindesleiche.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ALTE_UHR" id="DIE_ALTE_UHR"></a>DIE ALTE UHR<br /> +<br /> +<br /> +Bald hättest, alte Rathausuhr,<br /> +du nimmer dürfen Stunden weisen;<br /> +sie hätten bald in altem Eisen<br /> +versplittert deine letzte Spur.<br /> +<br /> +Der Geizhals hart zum letztenmal<br /> +sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,<br /> +zum letztenmal der Tod mit Glotzen<br /> +geschwungen seinen Sensenstahl.<br /> +<br /> +Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.<br /> +Und heut noch kräht er; freilich heiser,<br /> +noch nickt der Geizhals fort, und leiser<br /> +droht ihm des Todes Majestät.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KAMPFEN" id="KAMPFEN"></a>KÄMPFEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Ein heißer Eid, ein gramerpreßter,<br /> +der leicht von jungen Lippen rinnt,<br /> +der machte zur barmherzgen Schwester<br /> +fast über Nacht ein blondes Kind.<br /> +<br /> +Des jungen Lebens Wellen fließen<br /> +fortan durch Krankenstuben still;<br /> +es träumt ihr Herz noch vom Genießen,<br /> +wenn auch das Aug es leugnen will.<br /> +<br /> +Denn mit der Strenge der Asketen<br /> +drängt sie zurück, was in ihr quillt,<br /> +und geht um Kraft nach Emaus beten<br /> +zum wunderstarken Gnadenbild.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SIEGEN" id="SIEGEN"></a>SIEGEN<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;<br /> +"Heut sei im Glauben stark wie nie<br /> +und geh mit Gott an deine Pflichten:<br /> +Es ist ein Fall von Diphtherie...."<br /> +<br /> +Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,<br /> +und doch packt ihn der Tod beim Hals....<br /> +Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,<br /> +erfröstelnd in dem Schutz des Schals.<br /> +<br /> +Als man vorbei beim Kloster gestern<br /> +den Kleinen trug ins Bett von Lehm,<br /> +klang aus der "Kirche von den Schwestern"<br /> +ganz leis ein Totenrequiem....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_HERBST" id="IM_HERBST"></a>IM HERBST<br /> +<br /> +<br /> +Ein Riesenspinngewebe, zieht<br /> +Altweibersommer durch die Welt sich;—<br /> +und der Laurenziberg gefällt sich<br /> +im goldig-bläulichen Habit.<br /> +<br /> +Weil er so mild herübersieht,<br /> +sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,<br /> +die Sonne hinter seinem Rücken<br /> +schon frühe ihr Valladolid.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_KLEINE_DRATENIK" id="DER_KLEINE_DRATENIK"></a>DER KLEINE "DRATENÍK"<br /> +<br /> +<br /> +Kommt so ein Bursche, ein junger,<br /> +Mausfallen, Siebe am Rücken,<br /> +folgt mir durch Gassen und Brücken:<br /> +"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.<br /> +<br /> +Nur einen Krajcar, nur einen<br /> +für ein Stück Brot, milost' pánků!"<br /> +Da!—Und er stammelt mir Dank zu,<br /> +doch läßt nicht Ruh er den Beinen.<br /> +<br /> +Lebt nicht von bloßem Gelunger.—<br /> +Riecht an den Türen den Braten<br /> +und muß die Pfannen doch drahten—<br /> +leer:—das macht 'türkischen Hunger'.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_DER_VORSTADT" id="IN_DER_VORSTADT"></a>IN DER VORSTADT<br /> +<br /> +<br /> +Die Alte oben mit dem heisern Husten,<br /> +ja, die ist tot.—Wer war sie?—Du mein Gott,<br /> +sie gab uns nichts,—ihr gab man Hohn und Spott....<br /> +Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.<br /> +<br /> +Und unten stand der schwarze Kastenwagen.<br /> +Die letzte Klasse; als der Totenschrein<br /> +sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,<br /> +und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.<br /> +<br /> +Der Kutscher hieb in seine magern Mähren<br /> +und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,<br /> +als wenn da nicht ein ganzes Leben drin<br /> +voll Weh und Glück und tote Träume waren.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_ST_HEINRICH" id="BEI_ST_HEINRICH"></a>BEI ST. HEINRICH<br /> +<br /> +<br /> +Hart am Kirchenaltargitter,<br /> +wo die Ampel flammt, die matte,<br /> +schlaft ein alter, alter Ritter<br /> +unter grauer Wappenplatte.<br /> +<br /> +Lebend hielt er hoch sein Wappen,<br /> +sorgte immer für sein Blinken;—<br /> +weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen<br /> +alte Weiber drüber hinken?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT" id="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT"></a>MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT<br /> +<br /> +<br /> +Fern dämmert wogender Wälder<br /> +beschatteter Saum.<br /> +Dann unterbricht<br /> +nur hie und da ein Baum<br /> +die falbe Fläche hoher Ährenfelder.<br /> +Im hellsten Licht<br /> +keimt die Kartoffel; dann<br /> +ein wenig weiter Gerste, bis der Tann<br /> +das Bild begrenzt.<br /> +Hoch überm Jungwald glänzt<br /> +so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber<br /> +aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;—<br /> +und drüber<br /> +wölbt sich ein Himmel, blank und blau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_HEIMATLIED" id="DAS_HEIMATLIED"></a>DAS HEIMATLIED<br /> +<br /> +<br /> +Vom Feld klingt ernste Weise;<br /> +weiß nicht, wie mir geschieht....<br /> +"Komm her, du Tschechenmädchen,<br /> +sing mir ein Heimatlied."—<br /> +<br /> +Das Mädchen läßt die Sichel,<br /> +ist hier mit Husch und Hui,—<br /> +setzt nieder sich am Feldrain<br /> +und singt: "Kde domov můj"....<br /> +<br /> +Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen<br /> +das Aug mir zugewandt,—<br /> +nimmt meine Kupferkreuzer<br /> +und küßt mir stumm die Hand.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">TRAUMGEKRÖNT</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">(1897)</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KONIGSLIED" id="KONIGSLIED"></a>KÖNIGSLIED<br /> +<br /> +<br /> +Darfst das Leben mit Würde ertragen,<br /> +nur die Kleinlichen macht es klein;<br /> +Bettler können dir Bruder sagen,<br /> +und du kannst doch ein König sein.<br /> +<br /> +Ob dir der Stirne göttliches Schweigen<br /> +auch kein rotgoldener Reif unterbrach,—<br /> +Kinder werden sich vor dir neigen,<br /> +selige Schwärmer staunen dir nach.<br /> +<br /> +Tage weben aus leuchtender Sonne<br /> +dir deinen Purpur und Hermelin,<br /> +und, in den Händen Wehmut und Wonne,<br /> +liegen die Nächte vor dir auf den Knien....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TRAUMEN" id="TRAUMEN"></a>TRÄUMEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<a name="Mein_Herz_gleicht" id="Mein_Herz_gleicht"></a>Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;<br /> +auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.<br /> +Der Sturm, der übermütige Geselle,<br /> +brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;<br /> +er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei<br /> +und zerrt dort an der Ministrantenschelle.<br /> +Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei<br /> +ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle<br /> +den arg erstaunten fernen Gott herbei.<br /> +Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.<br /> +Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle<br /> +und schmettert an den Fliesen sie entzwei.<br /> +<br /> +Und arme Wünsche knien in langer Reih<br /> +vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.<br /> +Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<a name="Ich_denke_an" id="Ich_denke_an"></a>Ich denke an:<br /> +—Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,<br /> +drin Hahngekräh;<br /> +und dieses Dörfchen verloren gegangen<br /> +im Blütenschnee.<br /> +Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen<br /> +ein kleines Haus;<br /> +ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen<br /> +verstohlen heraus.<br /> +Rasch auf die Türe, die angelheiser<br /> +um Hilfe ruft,—<br /> +und dann in der Stube ein leiser, leiser<br /> +Lavendelduft....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen" id="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen"></a>Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen;<br /> +vor seiner Türe saß ich spät,<br /> +wenn hinter violetten Zweigen<br /> +bei halb verhalltem Grillengeigen<br /> +die rote Sonne sterben geht.<br /> +<br /> +Wie eine Mütze grünlich-samten<br /> +steht meinem Haus das moosge Dach,<br /> +und seine kleinen, dickumrammten<br /> +und blank verbleiten Scheiben flammten<br /> +dem Tage heiße Grüße nach.<br /> +<br /> +Ich träumte, und mein Auge langte<br /> +schon nach den blassen Sternen hin,—<br /> +vom Dorfe her ein Ave bangte,<br /> +und ein verlorner Falter schwankte<br /> +im schneeig schimmernden Jasmin.<br /> +<br /> +Die müde Herde trollte trabend<br /> +vorbei, der kleine Hirte pfiff,—<br /> +und in die Hand das Haupt vergrabend,<br /> +empfand ick, wie der Feierabend<br /> +in meiner Seele Saiten griff.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +<a name="Eine_alte_Weide_trauert" id="Eine_alte_Weide_trauert"></a>Eine alte Weide trauert<br /> +dürr und fühllos in den Mai,—<br /> +eine alte Hütte kauert<br /> +grau und einsam hart dabei.<br /> +<br /> +War ein Nest einst in der Weide,<br /> +in der Hütt ein Glück zu Haus;<br /> +Winter kam und Weh,—und beide<br /> +blieben aus....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +V<br /> +<br /> +<a name="Die_Rose_hier_die_gelbe" id="Die_Rose_hier_die_gelbe"></a>Die Rose hier, die gelbe,<br /> +gab gestern mir der Knab,<br /> +heut trag ich sie, dieselbe,<br /> +hin auf sein frisches Grab.<br /> +<br /> +An ihren Blättern lehnen<br /> +noch lichte Tröpfchen,—schau!<br /> +Nur heute sind es Tränen,—<br /> +und gestern war es Tau....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +VI<br /> +<br /> +<a name="Wir_sassen_beisammen" id="Wir_sassen_beisammen"></a>Wir saßen beisammen im Dämmerlichte.<br /> +"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,<br /> +du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte<br /> +von der Prinzessin mit goldnem Haar?"—<br /> +<br /> +Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage<br /> +führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;<br /> +und von der schonen Prinzessin die Sage<br /> +weiß sie wie Mütterchen ganz genau....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +VII<br /> +<br /> +<a name="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege" id="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege"></a>Ich wollt, sie hätten statt der Wiege<br /> +mir einen kleinen Sarg gemacht,<br /> +dann wär mir besser wohl, dann schwiege<br /> +die Lippe längst in feuchter Nacht.<br /> +<br /> +Dann hätte nie ein wilder Wille<br /> +die bange Brust durchzittert,—dann<br /> +wärs in dem kleinen Körper stille,<br /> +so still wie's niemand denken kann.<br /> +<br /> +Nur eine Kinderseele stiege<br /> +zum Himmel hoch so sieht,—ganz sacht....<br /> +Was haben sie mir statt der Wiege<br /> +nicht einen kleinen Sarg gemacht?—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +VIII<br /> +<br /> +<a name="Jene_Wolke_will_ich_neiden" id="Jene_Wolke_will_ich_neiden"></a>Jene Wolke will ich neiden,<br /> +die dort oben schweben darf!<br /> +Wie sie auf besonnte Heiden<br /> +ihre schwarzen Schatten warf.<br /> +<br /> +Wie die Sonne zu verdüstern<br /> +sie vermochte kühn genug,<br /> +wenn die Erde lichteslüstern<br /> +grollte unter ihrem Flug.<br /> +<br /> +All die goldnen Strahlenfluten<br /> +jener Sonne wollt auch ich<br /> +hemmen! Wenn auch für Minuten!<br /> +Wolke! Ja, ich neide dich!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +IX<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_Die_Welt" id="Mir_ist_Die_Welt"></a>Mir ist: Die Welt, die laute, krank<br /> +hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben<br /> +und mir nur ist der Weltgedanke,<br /> +der große, in der Brust geblieben.<br /> +<br /> +Denn so ist sie, wie ich sie dachte;<br /> +ein jeder Zwiespalt ist vertost:<br /> +auf goldnen Sonnenflügeln sachte<br /> +umschwebt mich grüner Waldestrost.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +X<br /> +<br /> +<a name="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage" id="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage"></a>Wenn das Volk, das drohnenträge,<br /> +trabt den altvertrauten Trott,<br /> +möcbt ich weiße Wandelwege<br /> +wallen durch das Duftgehege<br /> +ernst und einsam wie ein Gott.<br /> +<br /> +Wandeln nach den glanzdurchsprühten<br /> +Fernen, lichten Lohns bewußt;—<br /> +um die Stirne kühle Blüten<br /> +und von kinderkeuschen Mythen<br /> +voll die sabbatstille Brust.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XI<br /> +<br /> +<a name="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht" id="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht"></a>Weiß ich denn wie mir geschieht?<br /> +In den Lüften Düftequalmen<br /> +und in bronzebraunen Halmen<br /> +ein verlornes Grillenlied.<br /> +<br /> +Auch in meiner Seele klingt<br /> +tief ein Klang, ein traurig-lieber,—<br /> +so hört wohl ein Kind im Fieber,<br /> +wie die tote Mutter singt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XII<br /> +<br /> +<a name="Schon_blinzt" id="Schon_blinzt"></a>Schon blinzt aus argzerfetztem Laken<br /> +der holde, keusche Götternacken<br /> +der früherwachenden Natur,<br /> +und nur in tiefentiegnen Talen<br /> +zeigt hinter violetten, kahlen<br /> +Gebüschen sich mit falschem Prahlen<br /> +des Winters weiße Sohlenspur.<br /> +<br /> +Hin geh ich zwischen Weidenbäumen<br /> +an nassen Räderrinnensäumen<br /> +den Fahrweg, und der Wind ist mild.<br /> +Die Sonne prangt im Glast des Märzen<br /> +und zündet an im dunkeln Herzen<br /> +der Sehnsucht weiße Opferkerzen<br /> +vor meiner Hoffnung Gnadenbild.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XIII<br /> +<br /> +<a name="Fahlgrauer_Himmel" id="Fahlgrauer_Himmel"></a>Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe<br /> +bange verblich.<br /> +Weit—ein einziger lohroter Strich<br /> +wie eine brennende Geißelnarbe.<br /> +<br /> +Irre Reflexe vergehn und erscheinen.<br /> +Und in der Luft<br /> +liegts wie ersterbender Rosenduft<br /> +und wie verhaltenes Weinen....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XIV<br /> +<br /> +<a name="Die_Nacht_liegt_duftschwer" id="Die_Nacht_liegt_duftschwer"></a>Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,<br /> +und ihre Sterne schauen still,<br /> +wie schon des Mondes weiße Barke<br /> +im Lindenwipfel landen will.<br /> +<br /> +Fern hör ich die Fontäne hallen<br /> +ein Märchen, das ich längst vergaß,—<br /> +und dann ein leises Apfelfallen<br /> +ins hohe, regungslose Gras.<br /> +<br /> +Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel<br /> +und trägt durch alte Eichenreihn<br /> +auf seinem blauen Faltcrflügel<br /> +den schweren Duft vom jungen Wein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XV<br /> +<br /> +<a name="Im_Schoss_der_silberhellen" id="Im_Schoss_der_silberhellen"></a>Im Schoß der silberhellen Schneenacht<br /> +dort schlummert alles weit und breit,<br /> +und nur ein ewig wildes Weh wacht<br /> +in einer Seele Einsamkeit.<br /> +<br /> +Du fragst, warum die Seele schwiege,<br /> +warum sies in die Nacht hinaus<br /> +nicht gießt?—Sie weiß, wenns ihr entstiege,<br /> +es löschte alle Sterne aus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XVI<br /> +<br /> +<a name="Abendlauten" id="Abendlauten"></a>Abendläuten. Aus den Bergen hallt es<br /> +wieder neu zurück in immer mattern<br /> +Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern<br /> +von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.<br /> +<br /> +In den weißen Wiesenquellen lallt es<br /> +wie ein Stammeln kindischen Gebetes;<br /> +durch den schwarzen Tannenhochwald geht es<br /> +wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.<br /> +<br /> +Durch die Fuge eines Wolkenspaltes<br /> +wirft der Abend rote Blutkorallen<br /> +nach den Felsenwänden.—Und sie prallen<br /> +lautlos von den Schultern des Basaltes.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XVII<br /> +<br /> +<a name="Weltenweiter_Wandrer" id="Weltenweiter_Wandrer"></a>Weltenweiter Wandrer<br /> +walle fort in Ruh....<br /> +also kennt kein andrer<br /> +Menschenleid wie du.<br /> +<br /> +Wenn mit lichtem Leuchten<br /> +du beginnst den Lauf,<br /> +schlägt der Schmerz die feuchten<br /> +Augen zu dir auf.<br /> +<br /> +Drinnen liegt—als riefen<br /> +sie dir zu: versteh!—<br /> +tief in ihren Tiefen<br /> +eine Welt voll Weh....<br /> +<br /> +Tausend Tränen reden<br /> +ewig ungestillt,<br /> +und in einer jeden<br /> +spiegelt sich dein Bild!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XVIII<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen" id="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen"></a>Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;<br /> +doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.—<br /> +Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,<br /> +und der Abend blutet in die Buchen.<br /> +<br /> +Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder<br /> +Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....<br /> +Und die ersten Sterne kommen wieder<br /> +und die Träume, die so traurig machen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XIX<br /> +<br /> +<a name="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer" id="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer"></a>Vor mir liegt ein Felsenmeer,<br /> +Sträucher, halb im Schutt versunken,<br /> +Todesschweigen.—Nebeltrunken<br /> +hangt der Himmel drüber her.<br /> +<br /> +Nur ein matter Falter schwirrt<br /> +rastlos durch das Land, das kranke....<br /> +Einsam, wie ein Gottgedanke<br /> +durch die Brust des Leugners irrt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XX<br /> +<br /> +<a name="Die_Fenster_gluhten" id="Die_Fenster_gluhten"></a>Die Fenster glühten an dem stillen Haus,<br /> +der ganze Garten war voll Rosendüften.<br /> +Hoch spannte über weißen Wolkenklüften<br /> +der Abend in den unbewegten Lüften<br /> +die Schwingen aus.<br /> +<br /> +Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....<br /> +Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,<br /> +Und heimlich über flüstervollen Birken<br /> +sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken<br /> +ins blasse Blau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXI<br /> +<br /> +<a name="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte" id="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte"></a>Es gibt so wunderweiße Nächte,<br /> +drin alle Dinge Silber sind.<br /> +Da schimmert mancher Stern so lind,<br /> +als ob er fromme Hirten brächte<br /> +zu einem neuen Jesuskind.<br /> +<br /> +Weit wie mit dichtem Demantstaube<br /> +bestreut, erscheinen Flur und Flut,<br /> +und in die Herzen, traumgemut,<br /> +steigt ein kapellenloser Glaube,<br /> +der leise seine Wunder tut.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXII<br /> +<br /> +<a name="Wie_eine_Riesenwunderblume" id="Wie_eine_Riesenwunderblume"></a>Wie eine Riesenwunderblume prangt<br /> +voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,<br /> +ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,<br /> +die Mainacht hangt.<br /> +<br /> +Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....<br /> +Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,<br /> +nach Morgen, wo aus feuerroter Aster<br /> +er Sterben trink....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXIII<br /> +<br /> +<a name="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend" id="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend"></a>Wie, jegliches Gefühl vertiefend,<br /> +ein süßer Drang die Brust bewegt,<br /> +wenn sich die Mainacht, sternetriefend,<br /> +auf mäuschenstille Plätze legt—<br /> +<br /> +Da schleichst du hin auf sachter Sohle<br /> +und schwärmst zum blanken Blau hinauf,<br /> +und groß wie eine Nachtviole<br /> +geht dir die dunkle Seele auf....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXIV<br /> +<br /> +<a name="O_gabs_doch_Sterne" id="O_gabs_doch_Sterne"></a>O gäbs doch Sterne, die nicht bleichen,<br /> +wenn schon der Tag den Ost besäumt;<br /> +von solchen Sternen ohnegleichen<br /> +hat meine Seele oft geträumt.<br /> +<br /> +Von Sternen, die so milde blinken,<br /> +daß dort das Auge landen mag,<br /> +das müde ward vom Sonnetrinken<br /> +an einem goldnen Sommertag.<br /> +<br /> +Und schlichen hoch ins Weltgetriebe<br /> +sich wirklich solche Sterne ein,—<br /> +sie müßten der verborgnen Liebe<br /> +und allen Dichtern heilig sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXV<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste" id="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste"></a>Mir ist so weh, so weh, als müßte<br /> +die ganze Welt in Grau vergehn,<br /> +als ob mich die Geliebte küßte<br /> +und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.<br /> +<br /> +Als ob Ich tot wär und im Hirne<br /> +mir dennoch wühlte wilde Qual,<br /> +weil mir vom Hügel eine Dirne<br /> +die letzte, blasse Rose stahl....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXVI<br /> +<br /> +<a name="Matt_durch_der_Tale" id="Matt_durch_der_Tale"></a>Matt durch der Tale Gequalme wankt<br /> +Abend auf goldenen Schuhn,—<br /> +Falter, der träumend am Halme hangt,<br /> +weiß nichts vor Wonne zu tun.<br /> +<br /> +Alles schlürft hei! an der Stille sich.—<br /> +Wie da die Seele sich schwellt,<br /> +daß sie als schimmernde Hülle sich<br /> +legt um das Dunkel der Welt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXVII<br /> +<br /> +<a name="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse" id="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse"></a>Ein Erinnern, das ich heilig heiße,<br /> +leuchtet mir durchs innerste Gemüt,<br /> +so wie Götterbildermarmorweiße<br /> +durch geweihter Haine Dämmer glüht.<br /> +<br /> +Das Erinnern einstger Seligkeiten,<br /> +das Erinnern an den toten Mai,—<br /> +Weihrauch in den weißen Händen, schreiten<br /> +meine stillen Tage dran vorbei....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXVIII<br /> +<br /> +<a name="Glaubt_mir" id="Glaubt_mir"></a>Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,<br /> +keinen lauten Lenz mehr mag,—<br /> +will nur einen sonnenblanken,<br /> +wipfelroten Frühherbsttag.<br /> +<br /> +Will die Lust, die jubelschrille,<br /> +nicht mehr in die Brust zurück,—<br /> +will nur Sterbestübenstille<br /> +drinnen—für mein totes Gluck.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">LIEBEN</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_wie_mag_die_Liebe" id="Und_wie_mag_die_Liebe"></a>Und wie mag die Liebe dir kommen sein?<br /> +Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,<br /> +kam sie wie ein Beten?—Erzähle:<br /> +<br /> +Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los<br /> +und hing mit gefalteten Schwingen groß<br /> +an meiner blühenden Seele....<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Das_war_der_Tag" id="Das_war_der_Tag"></a>Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,—<br /> +mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....<br /> +Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen<br /> +tief in der Nacht.<br /> +<br /> +Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,—<br /> +ich hatte grad im Traum an dich gedacht.<br /> +Du kamst, und leis wie eine Märchenweise<br /> +erklang die Nacht....<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein" id="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein"></a>Einen Maitag mit dir beisammen sein,<br /> +und selbander verloren ziehn<br /> +durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn<br /> +zu der Laube von weißem Jasmin.<br /> +<br /> +Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,<br /> +jeder Wunsch in der Seele so still....<br /> +Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,<br /> +ein großes,—das ists, was ich will....<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht" id="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht"></a>Ich weiß nicht, wie mir geschieht....<br /> +Weiß nicht, was Wonne ich lausche,<br /> +mein Herz ist fort wie im Rausche,<br /> +und die Sehnsucht ist wie ein Lied.<br /> +<br /> +Und mein Mädel hat fröhliches Blut<br /> +und hat das Haar voller Sonne<br /> +und die Augen von der Madonne,<br /> +die heute noch Wunder tut.<br /> +<br /> +<br /> +V<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ob_dus_noch_denkst" id="Ob_dus_noch_denkst"></a>Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte<br /> +und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?<br /> +Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,<br /> +und du warst damals noch ein Kind.<br /> +<br /> +Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte<br /> +ein junges Hoffen und ein alter Gram....<br /> +Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante<br /> +den "Werther" aus den Händen nahm.<br /> +<br /> +Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,<br /> +dein Auge sah mich groß und selig an.<br /> +Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,<br /> +und Lichter gingen durch den Tann....<br /> +<br /> +<br /> +VI<br /> +<br /> +<a name="Wir_sassen_beide_in_Gedanken" id="Wir_sassen_beide_in_Gedanken"></a>Wir saßen beide in Gedanken<br /> +im Weinblattdämmcr—du und ich—<br /> +und über uns in duftgen Ranken<br /> +versummte wo ein Hummel sich.<br /> +<br /> +Reflexe hielten, bunte Kreise,<br /> +in deinem Haare flüchtig Rast....<br /> +Ich sagte nichts als einmal leise:<br /> +"Was du für schöne Augen hast."<br /> +<br /> +<br /> +VII<br /> +<br /> +<a name="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben" id="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben"></a>Blondköpfchen hinter den Scheiben<br /> +hebt es sich ab so fein,—<br /> +sternt es ins Stäubchentreiben<br /> +oder zu mir herein?<br /> +<br /> +Ist es das Köpfchen, das liebe,<br /> +das mich gefesselt hält,<br /> +oder das Staubchengetriebe<br /> +dort in der sonnigen Welt?<br /> +<br /> +Keins sieht zum andern hinüber.<br /> +Heimlich, die Stirne voll Ruh<br /> +schreitet der Abend vorüber....<br /> +Und wir? Wir sehn ihm halt zu.—<br /> +<br /> +<br /> +VIII<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Liese_wird_heute" id="Die_Liese_wird_heute"></a>Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.<br /> +Sie findet im Klee einen Vierung....<br /> +Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:<br /> +die Löwenzähne mit blondem Haar<br /> +betreut vom sternigen Schierling.<br /> +<br /> +Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,<br /> +der strotzige, lose Geselle.<br /> +Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn<br /> +und lacht und wälzt durch den Wiesenplan<br /> +des Windes wallende Welle....<br /> +<br /> +<br /> +IX<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_traume_tief_im_Weingerank" id="Ich_traume_tief_im_Weingerank"></a>Ich träume tief im Weingerank<br /> +mit meiner blonden Kleinen;<br /> +es bebt ihr Händchen, elfenschlank,<br /> +im heißen Zwang der meinen.<br /> +<br /> +So wie ein gelbes Eichhorn huscht<br /> +das Licht hin im Reflexe,<br /> +und violetter Schatten tuscht<br /> +ins weiße Kleid ihr Kleckse.<br /> +<br /> +In unsrer Brust liegt glückverschneit<br /> +goldsonniges Verstummen.<br /> +Da kommt in seinem Sammerkleid<br /> +ein Hummel Segen summen....<br /> +<br /> +<br /> +X<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte" id="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte"></a>Es ist ein Weltmeer voller Lichte,<br /> +das der Geliebten Aug umschließt,<br /> +wenn von der Flut der Traumgesichte<br /> +die keusche Seele überfließt.<br /> +<br /> +Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers<br /> +so wie ein Kind, das stockt im Lauf,<br /> +geht vor der Pracht des Christbaumzimmers<br /> +die Flügeltüre lautlos auf.<br /> +<br /> +<br /> +XI<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_war_noch_ein_Knabe" id="Ich_war_noch_ein_Knabe"></a>Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:<br /> +Heut kommt Base Olga zu Gaste.<br /> +Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies<br /> +ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.<br /> +<br /> +Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang<br /> +und frischte sich mäßig die Kehle;<br /> +und wie mein Glas an das deine klang,<br /> +da ging mir ein Riß durch die Seele.<br /> +<br /> +Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß<br /> +mich dem Plaudern der andern zu einen,<br /> +denn tief im trockenen Halse saß<br /> +mir würgend ein wimmerndes Weinen.<br /> +<br /> +Wir gingen im Parke.—Du sprachst vom Glück<br /> +und küßtest die Lippen mir lange,<br /> +und ich gab dir fiebernde Küsse zurück<br /> +auf die Stirne, den Mund und die Wange.<br /> +<br /> +Und da machtest du leise die Augen zu,<br /> +die Wonne blind zu ergründen....<br /> +Und mir ahnte im Herzen: da wärest du<br /> +am liebsten gestorben in Sünden....<br /> +<br /> +<br /> +XII<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid" id="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid"></a>Die Nacht im Silberfunkenkleid<br /> +streut Trâume eine Handvoll,<br /> +die füllen mir mit Trunkenheit<br /> +die tiefe Seele randvoll.<br /> +<br /> +Wie Kinder eine Weihnacht sehn<br /> +voll Glanz und goldnen Nüssen,—<br /> +seh ich dich durch die Mainacht gehn<br /> +und alle Blumen küssen.<br /> +<br /> +<br /> +XIII<br /> +<br /> +<a name="Schon_starb_der_Tag" id="Schon_starb_der_Tag"></a>Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,<br /> +und unter Farren bluteten Zyklamen,<br /> +die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,<br /> +es war ein Wind,—und schwere Düfte kamen.<br /> +Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,<br /> +ich sagte leise deinen süßen Namen:<br /> +Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft<br /> +aus deines Herzens weißem Liliensamen<br /> +die Feuerlilie der Leidenschaft.<br /> +<br /> +Rot war der Abend—und dein Mund so rot,<br /> +wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,<br /> +und jene Flammen, die uns jäh durchloht,<br /> +sie leckten an den neidischen Gewanden....<br /> +Der Wald war stille, und der Tag war tot.<br /> +Uns aber war der Heiland auferstanden,<br /> +und mit dem Tage starben Neid und Not.<br /> +Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,<br /> +und leise stieg das Glück aus weißem Boot.<br /> +<br /> +<br /> +XIV<br /> +<br /> +<a name="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen" id="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen"></a>Es leuchteten im Garten die Syringen,<br /> +von einem Ave war der Abend voll,—<br /> +da war es, daß wir voneinander gingen<br /> +in Gram und Groll.<br /> +<br /> +Die Sonne war in heißen Fieberträumen<br /> +gestorben hinter grauen Hängen weit,<br /> +und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen<br /> +dein weißes Kleid.<br /> +<br /> +Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen<br /> +und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,<br /> +das lange in ein helles Licht gesehen:<br /> +Bin ich jetzt blind?—<br /> +<br /> +<br /> +XV<br /> +<br /> +<a name="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind" id="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind"></a>Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,—<br /> +dann fühl ich mich so ernst und alt,—<br /> +wenn nur ganz leis dein glockenreines<br /> +Gelächter in mir widerhallt.<br /> +<br /> +Wenn dann in großem Kinderstaunen<br /> +dein Auge aufgeht, tief und heiß,—<br /> +möcht ich dich küssen und dir raunen<br /> +die schönsten Märchen, die ich weiß.<br /> +<br /> +<br /> +XVI<br /> +<br /> +<a name="Nach_einem_Gluck" id="Nach_einem_Gluck"></a>Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,<br /> +nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....<br /> +Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern<br /> +da hör ichs nahn....<br /> +<br /> +Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,<br /> +in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,—<br /> +dann unter schattenschweren Blütenbäumen<br /> +seh ich es nahn.<br /> +<br /> +In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,<br /> +am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,<br /> +am Herzen jene Blume nur, die rote,<br /> +trug es die auch?...<br /> +<br /> +<br /> +XVII<br /> +<br /> +<a name="Wir_gingen" id="Wir_gingen"></a>Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,<br /> +vom Abschiedsweh die Augen beide rot...<br /> +"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."<br /> +Ich sagte bang: "Die sind schon tot."<br /> +<br /> +Mein "Wort war lauter Weinen.—In den Äthern<br /> +stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.<br /> +Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,<br /> +und eine Dohle schrie von fern—<br /> +<br /> +<br /> +XVIII<br /> +<br /> +<a name="Im_Fruhling_oder_im_Traume" id="Im_Fruhling_oder_im_Traume"></a>Im Frühling oder im Traume<br /> +bin ich dir begegnet, einst,<br /> +und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,<br /> +und du drückst mir die Hand und weinst.<br /> +<br /> +Weinst du ob der jagenden Wolken?<br /> +Ob der blutroten Blätter? Kaum.<br /> +Ich fühl es: du warst einmal glücklich<br /> +im Frühling oder im Traum....<br /> +<br /> +<br /> +XIX<br /> +<br /> +<a name="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte" id="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte"></a>Sie hatte keinerlei Geschichte,<br /> +ereignislos ging Jahr um Jahr—<br /> +auf einmal kams mit lauter Lichte....<br /> +die Liebe oder was das war.<br /> +<br /> +Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,<br /> +da liegt ein Teich vor ihrem Haus....<br /> +So wie ein Traum scheints zu beginnen,<br /> +und wie ein Schicksal geht es aus.<br /> +<br /> +<br /> +XX<br /> +<br /> +<a name="Man_merkte_der_Herbst_kam" id="Man_merkte_der_Herbst_kam"></a>Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell<br /> +erstorben im eigenen Blute.<br /> +Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell<br /> +auf der Kleinen verbogenem Hute.<br /> +<br /> +Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich<br /> +sie die Hand mir schmeichelnd und leise.—<br /> +Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....<br /> +Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".<br /> +<br /> +Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot<br /> +in den Stoff meines Mantels vergrabend....<br /> +Vom Hütchen nickte die Rose rot,<br /> +und es lächelte müde der Abend.<br /> +<br /> +<br /> +XXI<br /> +<br /> +<a name="Manchmal_da_ist_mir" id="Manchmal_da_ist_mir"></a>Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh<br /> +will mich das Schicksal noch segnen,<br /> +wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh<br /> +lachende Mädchen begegne....<br /> +Lachen hör ich sie gerne.<br /> +<br /> +Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,<br /> +nie kann ichs, wähn ich, vergessen...<br /> +Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,<br /> +will ich mirs singen ... Indessen<br /> +singens schon oben die Sterne....<br /> +<br /> +<br /> +XXII<br /> +<br /> +<a name="Es_ist_lang" id="Es_ist_lang"></a>Es ist lang,—es ist lang....<br /> +wann—weiß ich gar nimmer zu sagen....<br /> +eine Glocke klang, eine Lerche sang—<br /> +und ein Herz hat so selig geschlagen.<br /> +Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,<br /> +der Flieder hat Blüten getragen,—<br /> +und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,<br /> +das Auge voll staunender Fragen....<br /> +<span style="margin-left: 1.5em;">Es ist lang,—es ist lang....</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">ADVENT</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">(1898)</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +ADVENT<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde" id="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde"></a>Es treibt der Wind im Winterwalde<br /> +die Flockenherde wie ein Hirt,<br /> +und manche Tanne ahnt, wie balde<br /> +sie fromm und lichterheilig wird,<br /> +und lauscht hinaus. Den weißen Wegen<br /> +streckt sie die Zweige hin—bereit,<br /> +und wehrt dem Wind und wächst entgegen<br /> +der einen Nacht der Herrlichkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">GABEN</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">AN VERSCHIEDENE FREUNDE</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Das_ist_mein_Streit" id="Das_ist_mein_Streit"></a>Das ist mein Streit:<br /> +Sehnsuchtgeweiht<br /> +durch alle Tage Sehweifen,<br /> +Dann, stark und breit,<br /> +mit tausend Wurzelstreifen<br /> +rief in das Leben greifen—<br /> +und durch das Leid<br /> +weit aus dem Leben reifen,<br /> +weit aus der Zeit!<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_meine_heilige_Einsamkeit" id="Du_meine_heilige_Einsamkeit"></a>Du meine heilige Einsamkeit,<br /> +du bist so reich und rein und weit<br /> +wie ein erwachender Garten.<br /> +Meine heilige Einsamkeit du—<br /> +halte die goldenen Türen zu,<br /> +vor denen die Wünsche warten.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Bach_hat_leise_Melodien" id="Der_Bach_hat_leise_Melodien"></a>Der Bach hat leise Melodien,<br /> +und fern ist Staub und Stadt;<br /> +die Wipfel winken her und hin<br /> +und machen mich so matt.<br /> +<br /> +Der Wald ist wild, die Welt ist weit,<br /> +mein Herz ist hell und groß;<br /> +es hält die blasse Einsamkeit<br /> +mein Haupt in ihrem Schoß.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen" id="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen"></a>Ich liebe vergessene Flurmadonnen,<br /> +die ratlos warten auf irgendwen,<br /> +und Mädchen, die an einsame Bronnen,<br /> +Blumen im Blondhaar, träumen gehn.<br /> +<br /> +Und Kinder, die in die Sonne singen<br /> +und staunend groß zu den Sternen sehn,<br /> +und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,<br /> +und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar" id="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar"></a>Warst du ein Kind in froher Schar,<br /> +dann kannst du's freilich nicht erfassen,<br /> +wie es mir kam, den Tag zu hassen<br /> +als ewig feindliche Gefahr.<br /> +Ich war so fremd und so verlassen,<br /> +daß ich nur tief in blütenblassen<br /> +Mainächten heimlich selig war.<br /> +<br /> +Am Tag trug ich den engen Ring<br /> +der feigen Pflicht in frommer Weise.<br /> +Doch abends schlich ich aus dem Kreise,<br /> +mein kleines Fenster klirrte—kling—<br /> +sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,<br /> +nahm meine Sehnsucht ihre Reise,<br /> +weil sie die weiten Sterne leise<br /> +nach ihrer Heimat fragen ging.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="PFAUENFEDER" id="PFAUENFEDER"></a>PFAUENFEDER:<br /> +<br /> +<br /> +in deiner Feinheit sondergleichen,<br /> +wie liebte ich dich schon als Kind.<br /> +Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,<br /> +das sich an silberstillen Teichen<br /> +in kühler Nacht die Elfen reichen,<br /> +wenn alle Kinder schlafen sind.<br /> +<br /> +Und weil Großmütterchen, das gute,<br /> +mir oft von Wünschegerten las,<br /> +so träumte ich, du Zartgemute,<br /> +in deinen feinen Fasern flute<br /> +die kluge Kraft der Rätselrute—<br /> +und suchte dich im Sommergras.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise" id="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise"></a>Oft denk ich auf der Alltagsreise<br /> +der Nacht, und daß ein Traum mir frommt,<br /> +der mir mit Lippen, kühl und leise,<br /> +die schwüle Stirne küssen kommt.<br /> +<br /> +Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen<br /> +zu sehn.—Der Tag ist karg und klein,<br /> +die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen<br /> +und könnte eine Sage sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE" id="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE"></a>DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE—<br /> +<br /> +das müßte sein von jenen blanken<br /> +Lenztagen einer, da die Kranken<br /> +man vor die dunklen Türen bringt.<br /> +Im Flieder ist ein Spatzenzanken,<br /> +weil keinem rechter Sang gelingt.<br /> +Der Bach, dem alle Bande sanken,<br /> +weiß nicht, was tun vor Glück, und springt<br /> +bis aufwärts zu den Bretterplanken,<br /> +dahinter Beete, kiesumringt,<br /> +und Blumenblühn und Birkenschwanken.<br /> +Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,<br /> +um das der Frühling seine Ranken<br /> +wie liebeleise Arme schlingt—<br /> +ein blondes Kind, das in Gedanken<br /> +das schönste meiner Lieder singt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still" id="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still"></a>An manchem Tag ist meine Seele still:<br /> +Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.<br /> +Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen<br /> +dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen<br /> +den Jubel seiner Arme fesseln will.<br /> +<br /> +Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin<br /> +in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:<br /> +Sie warten auf den Sonntag mit den vollen<br /> +Gestühlen und dem großen Orgelrollen—<br /> +und blasse Ampeln schwanken her und hin.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt" id="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt"></a>Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt<br /> +in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,<br /> +um Beifall bettelt und um Würde wirbt,<br /> +und endlich arm ein armes Sterben stirbt<br /> +im Weihrauchabend gotischer Kapellen,—<br /> +nennt ihr das Seele?<br /> +<br /> +Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,<br /> +in der die Welten weite Wege reisen,<br /> +mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit<br /> +in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit<br /> +und will hinauf und will mir ihnen kreisen....<br /> +Und das ist Seele.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser" id="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser"></a>Die hohen Tannen atmen heiser<br /> +im Winterschnee, und bauschiger<br /> +schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.<br /> +Die weißen Wege werden leiser,<br /> +die trauten Stuben lauschiger.<br /> +<br /> +Da singt die Uhr, die Kinder zittern:<br /> +Im grünen Ofen kracht ein Scheit<br /> +und stürzt in lichten Lohgewittern,—<br /> +und draußen wächst im Flockenflittern<br /> +der weiße Tag zur Ewigkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen" id="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen"></a>Der Abend kommt von weit gegangen<br /> +durch den verschneiten, leisen Tann.<br /> +Dann preßt er seine Winterwangen<br /> +an alle Fenster lauschend an.<br /> +<br /> +Und stille wird ein jedes Haus;<br /> +die Alten in den Sesseln sinnen,<br /> +die Mütter sind wie Königinnen,<br /> +die Kinder wollen nicht beginnen<br /> +mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen<br /> +nicht mehr. Der Abend horcht nach innen<br /> +und innen horchen sie hinaus.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Das_Wetter_war_grau_und_grell" id="Das_Wetter_war_grau_und_grell"></a>Das Wetter war grau und grell;<br /> +der Abend ist lichter und leiser.<br /> +Sicher kommt irgendein Kaiser:<br /> +Alle Häuser sind hell.<br /> +Und so festlich und weich<br /> +war das Abendgebimmel;<br /> +die Alten schaun in den Himmel,<br /> +und die Kinder sind reich.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain" id="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain"></a>Sonne verlodert am Himmelsrain.<br /> +Durch ernteverarmte Krumen<br /> +waten die Weiber feldein.<br /> +<br /> +An den verschimmernden Schienenreihn<br /> +beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,<br /> +sinnen Sonnenblumen.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_arme_alte_Kapelle" id="Du_arme_alte_Kapelle"></a>Du arme, alte Kapelle<br /> +mit deiner verstaubten Zier—<br /> +der Frühling baut eine helle<br /> +Kirche neben dir.<br /> +<br /> +Viel frierende Frauen hinken<br /> +in deine Weihrauchruh,<br /> +draußen die Kinder winken<br /> +allen Rosen zu.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Madchen_singen" id="Die_Madchen_singen"></a>Die Mädchen singen:<br /> +Alle Mädchen erwarten wen,<br /> +wenn die Bäume in Blüten stehn;<br /> +wir müssen immer nähn und nähn,<br /> +bis uns die Augen brennen.<br /> +Unser Singen wird nimmer froh,<br /> +fürchten uns vor dem Frühling so:<br /> +Finden wir einmal ihn irgendwo,<br /> +wird er uns nicht mehr erkennen.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Lehnen_im_Abendgarten_beide" id="Lehnen_im_Abendgarten_beide"></a>Lehnen im Abendgarten beide,<br /> +lauschen lange nach irgendwo.<br /> +"Du hast Hände wie weiße Seide...."<br /> +Und da staunt sie: "Du sagst das so...."<br /> +<br /> +Etwas ist in den Garten getreten,<br /> +und das Gitter hat nicht geknarrt,<br /> +und die Rosen in allen Beeten<br /> +heben vor seiner Gegenwart.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Eine_der_weissen_Vestageweihten" id="Eine_der_weissen_Vestageweihten"></a>Eine der weißen Vestageweihten<br /> +lächelte Gnade dem Todbereiten,<br /> +löste ihm von der Stirn die Schmach.<br /> +<br /> +Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten<br /> +des todbefreiten, Schulter breiten<br /> +Epheben nach.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Im_Kreise_der_Barone" id="Im_Kreise_der_Barone"></a>Im Kreise der Barone<br /> +der König ritt zur Jagd.<br /> +Ihm wohnte in roter Krone<br /> +ein einsamer Smaragd.<br /> +<br /> +Da gibts unter hellen Hufen<br /> +Wege so weit und weiß;<br /> +keiner hört Hilfe rufen,<br /> +und der Mittag ist heiß....<br /> +<br /> +Ob einer den König erkannte?<br /> +<br /> +Die Dohlen im Abend schrien.<br /> +<br /> +Die allerkühnste spannte<br /> +den Flug schon über Ihn:<br /> +Auf des Königs Stirne brannte<br /> +ein einsamer Rubin.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit" id="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit"></a>Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.<br /> +In blanken Sälen schleichen leise Schauer.<br /> +Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,<br /> +und alle Wege weltwärts sind verschneit.<br /> +<br /> +Darüber hängt der Himmel brach und breit.<br /> +Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden<br /> +hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....<br /> +Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben" id="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben"></a>Irgendwo muß es Paläste geben,<br /> +drin die Fenster von Staub verschnein;<br /> +in der Säle hallende Reihn<br /> +tauchen tote Tage hinein:<br /> +Gestalten wallen, es warnt der Schrein;<br /> +und kein lustiger Leuchterschein<br /> +reicht In das einsame Seltsamsein....<br /> +<br /> +Dorten wollen wir Feste gehen—<br /> +märchenallein.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken" id="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken"></a>Im Schlosse mit den roten Zinken<br /> +wär ich so gern des Abends Gast.<br /> +Die Fenster glühn, die Falten sinken,<br /> +und meine weißen Wünsche winken<br /> +mir aus dem lodernden Palast.<br /> +<br /> +Ich will durch lange Hallen schleichen<br /> +und in die tiefen Gärten schaun,<br /> +die über alle Marken reichen.<br /> +Und Frauen lächeln an den Teichen,<br /> +und in den Wiesen prahlen Pfaun....<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen" id="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen"></a>Einmal möcht ich dich wiederschauen,<br /> +Park, mit den alten Lindenalleen,<br /> +und mit der leisesten aller Frauen<br /> +zu dem heiligen Weiher gehn.<br /> +<br /> +Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen<br /> +gleiten leise auf glänzendem Glatt,<br /> +aus der Tiefe tauchen die Rosen<br /> +wie Sagen einer versunkenen Stadt.<br /> +<br /> +Und wir sind ganz allein im Garten,<br /> +drin die Blumen wie Kinder stehn,<br /> +und wir lächeln und lauschen und warten,<br /> +und wir fragen uns nicht, auf wen....<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten" id="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten"></a>Es kommt in prunkenden Gebreiten<br /> +der Abend wie ein leiser Gott.<br /> +Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten<br /> +durch purpurbunte Einsamkeiten<br /> +in bügelleichtem Träumertrott.<br /> +<br /> +Ich atme tief. Ich werde Kaiser.<br /> +Mein heiler Helm ist losgeschnallt,<br /> +und meine Stirne streifen Reiser<br /> +und rauschen so. Und leiser, leiser<br /> +hallt Huf und Ruf im roten Wald.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer" id="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer"></a>Horch, verhallt nicht ein scheuer<br /> +Schrei von den Hängen her?<br /> +Aus dem morschen Klostergemäuer<br /> +kann der Abend nicht mehr.<br /> +Er sucht sich wund an der Wand.<br /> +Und mit hilfloser Hand<br /> +in das Säulengedränge,<br /> +in ewige Gänge,<br /> +wirft er den Brand.<br /> +Feuer.—<br /> +In schlichtem Gewand<br /> +flieht er, der Heimkehr singender Heuer<br /> +leise gesellt, ins verlöschende Land.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach" id="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach"></a>Der König Abend weiß sich schwach<br /> +und satt, und ihm geschieht:<br /> +Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,<br /> +der einem Hirtensingen nach<br /> +in Menschen lande zieht.<br /> +<br /> +Jetzt ist der Bach ein Königskind.<br /> +Er jubelt laut Alarm<br /> +und gibt den wunden Krumen blind<br /> +sein Gold.—Und wo die Hütten sind,<br /> +dort ist er wieder arm.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Tag_entschlummert_leise" id="Der_Tag_entschlummert_leise"></a>Der Tag entschlummert leise,—<br /> +ich walle menschenfern....<br /> +Wach sind im weiten Kreise<br /> +ich—und ein bleicher Stern.<br /> +<br /> +Sein Auge licht durchwoben<br /> +ruht flimmernd hell auf mir,<br /> +er scheint am Himmel droben<br /> +so einsam, wie ich hier....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">FAHRTEN</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VENEDIG" id="VENEDIG"></a>VENEDIG<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +Fremdes Rufen. Und wir wählen<br /> +eine Gondel, schwarz und schlank:<br /> +Leises Gleiten an den Pfählen<br /> +einer Marmorstadt entlang.<br /> +<br /> +Still. Die Schiffer nur erzählen<br /> +sich. Die Ruder rauschen sacht,<br /> +und aus Kirchen und Kanälen<br /> +winkt uns eine fremde Nacht.<br /> +<br /> +Und der schwarze Pfad wird leiser,<br /> +fernes Ave weht die Luft,—<br /> +traun: Ich bin ein toter Kaiser,<br /> +und sie lenken mich zur Gruft.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +Immer ist mir, daß die leisen<br /> +Gondeln durch Kanäle reisen<br /> +irgend jemand zum Empfang;<br /> +denn das Warten dauert lang,<br /> +und das Volk ist arm und krank,<br /> +und die Kinder sind wie Waisen.<br /> +<br /> +Lange harren die Paläste<br /> +auf die Herren, auf die Gäste,<br /> +und das Volk will Kronen sehn.<br /> +Auf dem Markusplatze stehn<br /> +möcht ich oft und irgendwen<br /> +fragen nach dem fernen Feste....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<br /> +Mein Ruder sang:<br /> +Poppé, fahr zu!<br /> +Ein Volk von Sklaven<br /> +drängt sich im Hafen<br /> +um nüchterne Feste,<br /> +und die Paläste<br /> +können nicht schlafen.<br /> +Poppé, fahr zu!<br /> +<br /> +Eisige Ruh<br /> +in Marmorgliedern,<br /> +mit matten Lidern<br /> +erschauern die Plätze.<br /> +Im Gassennetze<br /> +betteln die Niedern.<br /> +Poppe, fahr zu!<br /> +<br /> +Sag mir, weißt du<br /> +noch von den Toten,<br /> +die hier geboten<br /> +in köstlichen Kronen?<br /> +Wo sie jetzt wohnen,<br /> +die Purpurroten?<br /> +<br /> +Poppé, fahr zu!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +<br /> +Ave weht von den Türmen her,<br /> +immer noch hörst du die Kirchen erzählen;<br /> +doch die Paläste an stillen Kanälen<br /> +verraten nichts mehr.<br /> +<br /> +Und vorbei an der Traumesruh<br /> +ihrer schlafenden Stirnen schwanken<br /> +leise Gondeln wie schwarze Gedanken<br /> +dem Abend zu.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ENGLAR_IM_EPPAN" id="ENGLAR_IM_EPPAN"></a>ENGLAR IM EPPAN<br /> +<br /> +<br /> +Später Weg. Die Hütten kauern,<br /> +und das dumpfe Dorf schläft ein.<br /> +Ernste Türme seh ich dauern,<br /> +weit aus weißen Blütenschauern<br /> +wächst ihr Weltverlorensein.<br /> +<br /> +Abendbrand in brachen Zinnen,<br /> +und der Wind fährt durch den Saal.<br /> +Und für wen im Burghof drinnen<br /> +immer noch die Brunnen rinnen—<br /> +keiner weiß es dort im Tal.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TENNO" id="TENNO"></a>TENNO<br /> +<br /> +<br /> +Der Kirchhof hoch im Sommerschnee<br /> +gehört zum Berghof hin;<br /> +wie über einem Hochlandsee<br /> +wacht Frieden über ihn.<br /> +Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.<br /> +Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,<br /> +die Kreuze arm, die Hügel kahl,<br /> +und sacht und selten wächst die Zahl:<br /> +einmal.<br /> +<br /> +Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.<br /> +Im kleinen Dorf ist kleine Wahl<br /> +und kleines Glück und kleine Qual,—<br /> +drum läuten sie so fern im Tal:<br /> +einmal,—einmal,—einmal.—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="CASABLANCA" id="CASABLANCA"></a>CASABLANCA<br /> +<br /> +<br /> +Am Berge weiß ich trutzen<br /> +ein Kirchlein mit rostigem Knauf,<br /> +wie Mönche in grauen Kapuzen<br /> +steigen Zypressen hinauf.<br /> +<br /> +Vergessene Heilige wohnen<br /> +dort einsam im Altarschrein;<br /> +der Abend reicht ihnen Kronen<br /> +durch hohle Fenster hinein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ARCO" id="ARCO"></a>ARCO<br /> +<br /> +<br /> +Die Hochschneezinne, schartig scharf,<br /> +loht auf wie eine Mauerkrone,<br /> +in die der lachende Nerone,<br /> +der Morgen, seine Fackel warf.<br /> +<br /> +Und wie die Flammen bis ins Blau<br /> +sich zu verblühten Sternen strecken,<br /> +erwacht das Tal in schönem Schrecken<br /> +und taucht empor aus Traum und Tau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="I_MULINI" id="I_MULINI"></a>I MULINI<br /> +<br /> +<br /> +Du müde, morsche Mühle,<br /> +dein Moosrad feiert Ruh,<br /> +aus der Olivenkühle<br /> +schaut dir der Abend zu.<br /> +<br /> +Der Bach singt wie verloren<br /> +Menschenlieder nach,<br /> +tiefer über die Ohren<br /> +ziehst du dein trutziges Dach.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BODENSEE" id="BODENSEE"></a>BODENSEE<br /> +<br /> +<br /> +Die Dörfer sind wie ein Garten.<br /> +In Türmen von seltsamen Arten<br /> +klingen die Glocken wie weh.<br /> +Uferschlösser warten<br /> +und schauen durch schwarze Scharten<br /> +müd auf den Mittagsee.<br /> +<br /> +Und schnellende Wellchen spielen,<br /> +und goldene Dampfer kielen<br /> +leise den lichten Lauf;<br /> +und hinter den Uferzielen<br /> +tauchen die vielen, vielen<br /> +Silberberge auf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KONSTANZ" id="KONSTANZ"></a>KONSTANZ<br /> +<br /> +<br /> +Dem Tag ist so todesweh<br /> +Müd gießt er aus goldenen Kelchen<br /> +Wein in den Bergesschnee.<br /> +<br /> +Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,<br /> +ein Stern überm Uferschleh,<br /> +und ziere, zitternde Weilchen<br /> +gittern den Abendsee.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">FUNDE</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten" id="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten"></a>Wenn wie ein leises Flügelbreiten<br /> +sich in den späten Lüften wiegt,—<br /> +ich möchte immer weiter schreiten<br /> +bis in das Tal, wo riefgeschmiegt<br /> +an abendrote Einsamkeiten<br /> +die Sehnsucht wie ein Garten liegt.<br /> +<br /> +Vielleicht darf ich dich dorten rinden,<br /> +und zage wird dein erstes Mühn<br /> +die wehen Wünsche mir verbinden,<br /> +du wirst mich führen tief ins Grün—<br /> +und heimlich werden weiße Winden<br /> +an meinem staubigen Stabe blühn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen" id="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen"></a>Ich möchte draußen dir begegnen,<br /> +wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,<br /> +und wenn ein leises Seelensegnen<br /> +von allen Zweigen niederträuft.<br /> +<br /> +Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,<br /> +Jasmin die weißen Arme streckt<br /> +und lind den ewgen Wehgedanken<br /> +der Stirne Christi überdeckt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_musste_denken_unverwandt" id="Ich_musste_denken_unverwandt"></a>Ich mußte denken unverwandt,<br /> +wie ich einst zwischen schwarzen Pinien<br /> +den tiefen Frühling sinnen fand,<br /> +als ich vor deiner Schönheit stand<br /> +und durch der Scheitel dunkle Linien<br /> +dein Antlitz träumte wie ein Land.<br /> +<br /> +Es schlich von deiner Lippen Saum<br /> +ein Lächeln auf verlornem Pfade—<br /> +ganz leis. Die andern merktens kaum.<br /> +So weht ein Blatt vom Blütenbaum:<br /> +Nur einer schaut die Frühlingsgnade,<br /> +und der sie schaut, ist wie im Traum.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen" id="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen"></a>Fremd ist, was deine Lippen sagen,<br /> +fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid<br /> +fremd ist, was deine Augen fragen,<br /> +und auch aus unsern wilden Tagen<br /> +reicht nicht ein leises Wellenschlagen<br /> +an deine tiefe Seltsamkeit.<br /> +<br /> +Du bist wie jene Bildgestalten,<br /> +die überm leeren Altarspind<br /> +noch immer ihre Hände falten,<br /> +noch immer alte Kränze halten,<br /> +noch immer leise Wunder walten—<br /> +wenn längst schon keine Wunder sind.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich" id="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich"></a>Du bist so fremd, du bist so bleich.<br /> +Nur manchmal glüht auf deinen Wange<br /> +ein hoffnungsloses Heimverlangen<br /> +nach dem verlornen Rosenreich.<br /> +<br /> +Dann sehnt dein Auge, tief und klar,<br /> +aus allem Müssen, allem Mühen<br /> +ins Land, wo nichts als stilles Blühen<br /> +die Arbeit deiner Hände war.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen" id="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen"></a>Weißt du, ich will mich schleichen<br /> +leise aus lautem Kreis,<br /> +wenn ich erst die bleichen<br /> +Sterne über den Eichen<br /> +blühen weiß.<br /> +<br /> +Wege will ich erkiesen,<br /> +die selten wer betritt<br /> +in blassen Abendwiesen—<br /> +und keinen Traum, als diesen:<br /> +Du gehst mit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Bei_dir_ist_es_traut" id="Bei_dir_ist_es_traut"></a>Bei dir ist es traut:<br /> +Zage Uhren schlagen<br /> +wie aus weiten Tagen.<br /> +Komm mir ein Liebes sagen:<br /> +aber nur nicht laut.<br /> +<br /> +Ein Tor geht irgendwo<br /> +draußen im Blütentreiben.<br /> +Der Abend horcht an den Scheiben.<br /> +Laß uns leise bleiben:<br /> +Keiner weiß uns so.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten" id="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten"></a>Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten<br /> +aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.<br /> +Schau, ich will nichts, als deine Hände halten<br /> +und still und gut und voller Frieden sein.<br /> +<br /> +Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben<br /> +den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:<br /> +An ihren morgenroten Molen sterben<br /> +die ersten Wellen der Unendlichkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_Hande_welche_immer_geben" id="Du_Hande_welche_immer_geben"></a>Du, Hände, welche immer geben,<br /> +die müssen blühn von fremdem Glück.<br /> +Zart wie ein zartes Birkenbeben,<br /> +bleibt von dem gebenden Erleben<br /> +ein Rhythmenzittern drin zurück.<br /> +<br /> +Das sind die Hände mit den schmalen<br /> +Gelenken, die sich leise mühn;<br /> +und wüßten die von Kathedralen,<br /> +sie müßten sich in Wundenmalen<br /> +vor allem Volke heiligblühn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh" id="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh"></a>Bist gewandert durch Wahn und Weh,<br /> +kommst aus meinen dunkelsten Tagen,<br /> +hast dir eine Brücke geschlagen<br /> +bis zu mir über Schuld und Schnee.<br /> +<br /> +Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot,<br /> +und auf kronengoldenen Locken<br /> +trägst du flüchtige Federflocken<br /> +in den fröhlichen Frühlingstod.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Will_dir_den_Fruhling_zeigen" id="Will_dir_den_Fruhling_zeigen"></a>Will dir den Frühling zeigen,<br /> +der hundert Wunder hat.<br /> +Der Frühling ist waldeigen<br /> +und kommt nicht in die Stadt.<br /> +<br /> +Nur die weit aus den kalten<br /> +Gassen zu zweien gehn<br /> +und sich bei den Händen halten—<br /> +dürfen ihn einmal sehn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher" id="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher"></a>Und dieser Frühling macht dich bleicher,<br /> +in weite Wiesen will dein Fuß,<br /> +dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,<br /> +und deine Hände werden reicher<br /> +mit jedem Wink, mit jedem Gruß.<br /> +<br /> +Du holst aus düfteschwüler Lade<br /> +dein Konfirmandenkleidchen dreist<br /> +und trägst es in die wilden Pfade<br /> +und schmückst dich für die große Gnade,<br /> +die deine Seele blühen heißt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss" id="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss"></a>Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß<br /> +weit aus dem Abend bringen.<br /> +Ich geh in die goldene Stunde hinaus,<br /> +und die Fenster leuchten am letzten Haus,<br /> +drin spielende Kinder singen.<br /> +<br /> +Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,<br /> +drin singende Kinder wohnen,<br /> +und mein Wandern wächst und wächst in den Mal<br /> +und kann nicht zurück,—und die Blüten, verzeih,<br /> +die wind ich mir alle zu Kronen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten" id="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten"></a>Bist du so müd? Ich will dich leise leiten<br /> +aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.<br /> +Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.<br /> +Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,<br /> +harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.<br /> +<br /> +Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,<br /> +und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus....<br /> +Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:<br /> +Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,—<br /> +du, winde wieder einen Kranz daraus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du" id="Du"></a>Du:<br /> +ein Schloß an wellenschweren,<br /> +atlasblassen Abendmeeren—<br /> +und in seinen säulenhehren<br /> +Sälen warten Preis und Prunk,<br /> +uns zu ehren:<br /> +<br /> +Weil wir beide wiederkehren—<br /> +ohne Kronen und mit leeren<br /> +Händen—<br /> +<span style="margin-left: 4.5em;">aber jung</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Purpurrote_Rosen_binden" id="Purpurrote_Rosen_binden"></a>Purpurrote Rosen binden<br /> +möcht ich mir für meinen Tisch<br /> +und, verloren unter Linden,<br /> +irgendwo ein Mädchen finden,<br /> +klug und blond und träumerisch.<br /> +<br /> +Möchte seine Hände fassen,<br /> +möchte knieen vor dem Kind<br /> +und den Mund, den sehnsuchtblassen,<br /> +mir von Lippen küssen lassen,<br /> +die der Frühling selber sind.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ein_Handeineinanderlegen" id="Ein_Handeineinanderlegen"></a>Ein Händeineinanderlegen,<br /> +ein langer Kuß auf kühlen Mund,<br /> +und dann; auf Schimmer weißen Wegen<br /> +durchwandern wir den Wiesengrund.<br /> +<br /> +Durch leisen, weißen Blütenregen<br /> +schickt uns der Tag den ersten Kuß,—<br /> +mir ist: wir wandeln Gott entgegen,<br /> +der durchs Gebreite kommen muß.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren" id="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren"></a>Du willst dir einen Pagen küren?<br /> +Mich komm erküren, Königin.<br /> +Mir klingt aus alten Aventüren<br /> +ein Sang in Saitenspiel und Sinn.<br /> +<br /> +Ich will ins weiße Schloß dich führen,<br /> +in dem ich selber König bin,<br /> +und singen hinter tausend Türen<br /> +für meine weiße Königin.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Abend_hat_mich_mud_gemacht" id="Abend_hat_mich_mud_gemacht"></a>Abend hat mich müd gemacht,<br /> +und in meinen Sinnen schrillen<br /> +kleine Wünsche mit den Grillen.<br /> +<br /> +Wo das blasse Land verflacht,<br /> +liegen lauter weiße Villen<br /> +hinter roter Rosenpracht.<br /> +<br /> +Liegen wie auf leiser Wacht<br /> +weiße Villen an dem stillen<br /> +Uferrand der Frühlingsnacht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen" id="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen"></a>Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen<br /> +Stunden mich in der wirbelnden Kreise<br /> +wirres Geflimmer?<br /> +Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.<br /> +Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer<br /> +einsam, mit heimlichem Lächeln, leise,<br /> +leise—Tage und Träume bauen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang" id="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang"></a>Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang.<br /> +Das war im Traum. Und deine Seele klang.<br /> +<br /> +Ganz leise tönte meine Seele mit,<br /> +und beide Seelen sangen sich; Ich litt.<br /> +<br /> +Da wurde Friede tief in mir. Ich lag<br /> +im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein" id="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein"></a>Wie meine Träume nach dir schrein.<br /> +Wir sind uns mühsam fremd geworden,<br /> +jetzt will es mir die Seele morden,<br /> +dies arme, bange Einsamsein.<br /> +<br /> +Kein Hoffen, das die Segel bauscht.<br /> +Nur diese weite, weiße Stille,<br /> +in die mein tatenloser Wille<br /> +in atemlosem Bangen lauscht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien" id="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien"></a>Und du warst schön. In deinem Auge schien<br /> +sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.<br /> +Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin<br /> +dich ein: So kam dich meine Liebe krönen.<br /> +Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,<br /> +weißbindig wie der Vesta Priesterin,<br /> +an deines Seelentempels Säulenrand<br /> +und streute lächelnd weiße Blüten hin.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind" id="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind"></a>Du hast so große Augen, Kind.<br /> +Du siehst gewiß oft nachts Gestalten,<br /> +die, fremd und bleich, in marmorkalten<br /> +Traumhänden rote Kronen halten,<br /> +um die ein Leuchten leise rinnt.<br /> +Dann ist dein Blick am Tag wie blind<br /> +und deine Seele wie zerspalten,<br /> +dann bangt dir vor den Alltagsalten,<br /> +wenn Wünsche sich in dir entfalten,<br /> +die allen andern Wahnsinn sind.<br /> +<br /> +Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,<br /> +stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,<br /> +die plump, mit Händen, blöd und bleiern,<br /> +auf deiner Silberseele leiern<br /> +das irre Lied, das sterblich macht;<br /> +zu fliehn in eine blaue Nacht,<br /> +drin alle Wipfel lauschend feiern;<br /> +der Glieder Hymne zu entschleiern<br /> +und scheu im Schoß von weißen Weihern<br /> +zu finden ihre nackte Pracht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern" id="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern"></a>Du sahst in hohe Lichthofmauern<br /> +und spieltest still in dumpfem Raum,<br /> +es lag ein unverstandnes Trauern<br /> +auf deinem blassen Kindheitsträum.<br /> +<br /> +Und deine Tage waren bleiern,<br /> +die Mutter krank, der Vater roh;<br /> +und manchmal kam ein Krüppel leiern—<br /> +dann lauschtest du und weintest so.<br /> +<br /> +Was kann dir nun der Sommer taugen?<br /> +Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag,<br /> +durchirren deine Heimwehaugen<br /> +den uferlosen Sonnentag.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +Sie war:<br /> +<a name="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen" id="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen"></a>Ein unerwünschtes Kind, verstoßen<br /> +auch aus der Mutter Nachtgebet,<br /> +und ewig fern von jenem Großen,<br /> +das gebend durch die Zeiten geht.<br /> +<br /> +Sie wünschte wenig—und nur selten<br /> +kam wie ein Weinen über sie<br /> +nach einem Land mit Purpurzelten,<br /> +nach einer fremden Melodie,<br /> +<br /> +nach weißen Wegen, die nicht stauben—<br /> +dann bog sie Rosen sich ins Haar,<br /> +und konnte doch nie Liebe glauben,<br /> +auch wenn es tief im Frühling war.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute" id="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute"></a>Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,<br /> +klang oft dein Wort so kummerkrank,<br /> +wie eine leise Liebeslaute,<br /> +die einsam einst ein Meister baute,<br /> +als seine Seele Sehnsucht sang.<br /> +<br /> +Sie lernte seither leichte Lieder<br /> +und tönte gern zu Tag und Tanz,—<br /> +da greift ein Träumer ihre Glieder:<br /> +und wie erwachend weint sie wieder<br /> +das Heimweh ihres Heimatlands.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte" id="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte"></a>Ja, früher, wenn ich an dich dachte,<br /> +wie Wunder wars: ein Mai erwachte<br /> +um dich im Aureolenglänz,<br /> +und meine Sehnsucht träumte sachte<br /> +um deine Stirne einen Kranz.<br /> +<br /> +Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen<br /> +ins Herz den herbstverhangnen Hainen,<br /> +schleicht an den bleichen Meilensteinen<br /> +ein wunder Sonnenuntergang.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_ging_durch_ein_Land" id="Ich_ging_durch_ein_Land"></a>Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.<br /> +Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband<br /> +lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand,<br /> +darüber aus nassem Nebelgewand<br /> +reckte die Weide die Totenhand.<br /> +<br /> +Mir war so traurig. Ich starrte und stand.<br /> +Ich sah dich kauern am Wegesrand.<br /> +Einst hab ich dich und das Glück gekannt.<br /> +Du weintest wühlend und unverwandt,<br /> +und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?<br /> +<br /> +Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....<br /> +Da hab ich dich wieder wie einst genannt;<br /> +doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.<br /> +Die Pappeln kohlten im Abendbrand,<br /> +und der Tod ging rot durch dein Heimatland.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte" id="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte"></a>Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte<br /> +ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt—<br /> +Siehst du den Mond, wie eine silberechte<br /> +Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:<br /> +ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt—<br /> +Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.<br /> +<br /> +Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben?<br /> +Und jede läßt die Schwester schauernd los<br /> +und muß allein verdarben und verderben,<br /> +und alle fallen fahl in deinen Schoß.<br /> +Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.<br /> +Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen" id="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen"></a>Kannst du die alten Lieder noch spielen?<br /> +Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh<br /> +wie die Schiffe mit silbernen Kielen,<br /> +die nach heimlichen Inselzielen<br /> +treiben im leisen Abendsee.<br /> +<br /> +Und sie landen am Blütengestade,<br /> +und der Frühling ist dort so jung.<br /> +Und da findet an einsamem Pfade<br /> +vergessene Götter in wartender Gnade<br /> +meine müde Erinnerung.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas" id="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas"></a>Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,<br /> +die deine Hand zu pflegen nie vergaß?<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Schon tot?</span><br /> +Wo ist die Freude deiner Wangen hin,<br /> +die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien—<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Verloht?</span><br /> +Und wo ist unser Glück so groß und rein,<br /> +das hell dein Haar wie ein Madonnenschein<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Umspann?</span><br /> +Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,<br /> +und morgen kommt der Frost uns ins Gemach—<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Und dann?</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">MÜTTER</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich" id="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich"></a>Ich sehne oft nach einer Mutter mich,<br /> +nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.<br /> +In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;<br /> +sie könnte jenen wilden Haß vereiteln,<br /> +der eisig sich in meine Seele schlich.<br /> +<br /> +Dann säßen wir wohl beieinander dicht,<br /> +ein Feuer surrte leise im Kamine.<br /> +Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,<br /> +und Friede schwebte ob der Teeterrine<br /> +so wie ein Falter um das Lampenlicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst" id="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst"></a>Mir ist oft, daß ich fragen müßt:<br /> +Du, Mutter, was hast du gesungen,<br /> +eh deinem blassen, blonden Jungen<br /> +der Schlaf die Wangen warm geküßt?<br /> +<br /> +Hattest du damals sehr viel Gram?<br /> +Und weißt du, wie du aufgesprungen,<br /> +wenn deinem blassen, blonden Jungen<br /> +im tiefen Traum ein Weinen kam?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen" id="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen"></a>Ich gehe unter roten Zweigen<br /> +und suche einen späten Strauß.<br /> +Weiß nicht vor Glück wo ein und aus,<br /> +mir ist so neu, mir ist so eigen:<br /> +Mein Lieb ist müd und ist zu Haus.<br /> +<br /> +Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel,<br /> +seit sich sein Mieder weiter zieht,<br /> +und seit ein Wunder ihm geschieht:<br /> +Bald hat es breite braune Scheitel<br /> +und sitzt und singt ein Wiegenlied.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn" id="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn"></a>Leise weht ein erstes Blühn<br /> +von den Lindenbäumen,<br /> +und, in meinen Träumen kühn,<br /> +seh ich dich im Laubengrün<br /> +hold im ersten Muttermühn<br /> +Kinderhemdchen säumen.<br /> +<br /> +Singst ein kleines Lied dabei,<br /> +und dein Lied klingt in den Mai:<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">tief im trauten Garten.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schönsten Traum</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">will ich hier erwarten.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe Blütenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Sommer wird dirs zahlen.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Schau, ich säume einen Saum</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">hier mit Sonnenstrahlen.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blürenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">balde kommt das Reifen.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blühe, blühe, Blütenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schönsten Traum</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">lehr mich, ihn begreifen.</span><br /> +<br /> +Singst ein kleines Lied dabei,<br /> +und dein Lied ist lauter Mai.<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Und der Blütenbaum wird blühn,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">blühn vor allen Bäumen,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">sonnig wird dein Saum erglühn,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">und verklärt im Laubengrün</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">wird dein junges Muttermühn</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Kinderhemdchen säumen.</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande" id="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande"></a>Und reden sie dir jetzt von Schande,<br /> +da Schmerz und Sorge dich durchirrt,—<br /> +o, lächle, Weib! Du stehst am Rande<br /> +des Wunders, das dich weihen wird.<br /> +<br /> +Fühlst du in dir das scheue Schwellen,<br /> +und Leib und Seele wird dir weit—<br /> +o, bete, Weib! Das sind die Wellen<br /> +der Ewigkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_BLONDE_KNABE_SINGT" id="DER_BLONDE_KNABE_SINGT"></a>DER BLONDE KNABE SINGT:<br /> +Was weinst du, Mutter? Ist das Spind<br /> +auch bettelleer,—sei gut!<br /> +Ich bin dein blondes Kronenkind,<br /> +und du hast Edelblut.<br /> +<br /> +Ich schaute ja, du weißt es nicht,—<br /> +wie du so oft noch spät<br /> +beim morgenmatten Lampenlicht<br /> +dein Königskleid genäht.<br /> +<br /> +So bist du eine Königin,<br /> +und sei nicht bang und zag—<br /> +und bis Ich erst krafteigen bin,<br /> +kommt unser Königs tag.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_MUTTER_II" id="DIE_MUTTER_II"></a>DIE MUTTER:<br /> +"Liebling, hast du gerufen?"<br /> +Es war ein Wort im Wind.<br /> +"Wie viele steile Stufen<br /> +sind noch bis zu dir, mein Kind?"—<br /> +Da fand ihre Stimme die Sterne,<br /> +fand aber die Tochter nicht.<br /> +<br /> +Im Tale in tiefer Taverne<br /> +löschte ein letztes Licht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross" id="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross"></a>Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,<br /> +wilder, wie Strüme, die schäumen,<br /> +wilder, wie Sturm in den Bäumen.<br /> +Und leise läßt sie die Stunden los<br /> +und schenkt ihre Seele den Träumen.<br /> +<br /> +Dann erwacht sie. Da steht ein Stern<br /> +still überm leisen Gelände,<br /> +und ihr Haus hat ganz weiße Wände—<br /> +Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern—<br /> +und faltet die alternden Hände.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br /> +<br /> +<br /> +LARENOPFER (1896)<br /> +<br /> +<a href="#IM_ALTEN_HAUSE">Im alten Hause</a><br /> +<a href="#AUF_DER_KLEINSEITE">Auf der Kleinseite</a><br /> +<a href="#EIN_ADELSHAUS">Ein Adelshaus</a><br /> +<a href="#DER_HRADSCHIN">Der Hradschin</a><br /> +<a href="#BEI_ST_VEIT">Bei St. Veit</a><br /> +<a href="#IM_DOME">Im Dome</a><br /> +<a href="#IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS">In der Kapelle St. Wenzels</a><br /> +<a href="#VOM_LUGAUS">Vom Lugaus</a><br /> +<a href="#DER_BAU">Der Bau</a><br /> +<a href="#IM_STUBCHEN">Im Stübchen</a><br /> +<a href="#ZAUBER">Zauber</a> +<a href="#EIN_ANDERES">Ein anderes</a><br /> +<a href="#NOCH_EINES">Noch eines</a><br /> +<a href="#UND_DAS_LETZTE">Und das letzte</a><br /> +<a href="#IM_ERKERSTUBCHEN">Im Erkerstübchen</a><br /> +<a href="#DER_NOVEMBERTAG">Der Novembertag</a><br /> +<a href="#IM_STRAssEN_KAPELLCHEN">Im Straßenkapellchen</a><br /> +<a href="#DAS_KLOSTER">Das Kloster</a><br /> +<a href="#BEI_DEN_KAPUZINERN">Bei den Kapuzinern</a><br /> +<a href="#ABEND_I">Abend</a><br /> +<a href="#JAR_VRCHLICKY">Jar. Vrchlický</a><br /> +<a href="#IM_KREUZGANG_VON_LORETTO">Im Kreuzgang von Loretto</a><br /> +<a href="#DER_JUNGE_BILDNER">Der junge Bildner</a><br /> +<a href="#FRUHLING">Frühling</a><br /> +<a href="#LAND_UND_VOLK">Land und Volk</a><br /> +<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br /> +<a href="#ALLERSEELEN">Allerseelen</a> I. II.<br /> +<a href="#BEI_NACHT">Bei Nacht</a><br /> +<a href="#ABEND_II">Abend</a><br /> +<a href="#AUF_DEM_WOLSCHAN">Auf dem Wolschan</a> I<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">II</span><br /> +<a href="#WINTERMORGEN">Wintermorgen</a><br /> +<a href="#BRUNNEN">Brunnen</a><br /> +<a href="#SPHINX">Sphinx</a><br /> +<a href="#TRAUME">Träume</a><br /> +<a href="#MAITAG">Maitag</a><br /> +<a href="#KONIG_ABEND">König Abend</a><br /> +<a href="#AN_DER_ECKE">An der Ecke</a><br /> +<a href="#HEILIGE">Heilige</a><br /> +<a href="#DAS_ARME_KIND">Das arme Kind</a><br /> +<a href="#WENNS_FRUHLING_WIRD">Wenns Frühling wird</a><br /> +<a href="#ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG">Als ich die Universität bezog</a><br /> +<a href="#SUPERAVIT">Superavit</a><br /> +<a href="#TROTZDEM">Trotzdem</a><br /> +<a href="#HERBSTSTIMMUNG">Herbststimmung</a><br /> +<a href="#AN_JULIUS_ZEYER">An Julius Zeyer</a><br /> +<a href="#DER_TRAUMER">Der Träumer</a> I<br /> +<span style="margin-left: 5em;">II</span><br /> +<a href="#DIE_MUTTER">Die Mutter</a><br /> +<a href="#UNSER_ABENDGANG">Unser Abendgang</a><br /> +<a href="#KAJETAN_TYL">Kajetan Týl</a><br /> +<a href="#VOLKSWEISE">Volksweise</a><br /> +<a href="#DAS_VOLKSLIED">Das Volkslied</a><br /> +<a href="#DORFSONNTAG">Dorfsonntag</a><br /> +<a href="#MEIN_GEBURTSHAUS">Mein Geburtshaus</a><br /> +<a href="#IN_DUBIIS">In dubiis</a> I. II.<br /> +<a href="#BARBAREN">Barbaren</a><br /> +<a href="#SOMMERABEND">Sommerabend</a><br /> +<a href="#GERICHTET">Gerichtet</a><br /> +<a href="#DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE">Das Märchen von der Wolke</a><br /> +<a href="#FREIHEITSKLANGE">Freiheitsklänge</a><br /> +<a href="#NACHTBILD">Nachtbild</a><br /> +<a href="#HINTER_SMICHOV">Hinter Smichov</a><br /> +<a href="#IM_SOMMER">Im Sommer</a><br /> +<a href="#AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL">Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis)</a><br /> +<a href="#VIGILIEN">Vigilien</a> I. II.<br /> +<span style="margin-left: 2.5em;">III. IV.</span><br /> +<a href="#DEK_LETZTE_SONNENGRUSS">Der letzte Sonnengruß</a><br /> +<a href="#KAISER_RUDOLF">Kaiser Rudolf</a><br /> +Aus dem Dreißigjährigen Kriege. <a href="#a1_KRIEG">1. Krieg</a><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a2_ALEA_JACTA_EST">2. Alea jacta est</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a3_KRIEGSKNECHTS-SANG">3. Kriegsknechts-Sang</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a4_KRIEGSKNECHTS-RANG">4. Kriegsknechts-Rang</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a5_BEIM_KLOSTER">5. Beim Kloster</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a6_BALLADE">6. Ballade</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a7_DER_FENSTERSTURZ">7. Der Fenstersturz</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a8_GOLD">8. Gold</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a9_SZENE">9. Szene</a></span><br /> +<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a10_FEUERLILIE">10. Feuerlilie</a></span><br /> +<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a11_BEIM_FRIEDLAND">11. Beim Friedland</a></span><br /> +<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a12_FRIEDEN">12. Frieden</a></span><br /> +<a href="#BEI_DEN_URSULINEN">Bei den Ursulinen</a><br /> +<a href="#AUS_DER_KINDERZEIT">Aus der Kinderzeit</a><br /> +<a href="#RABBI_LOW">Rabbi Löw</a><br /> +<a href="#DIE_ALTE_UHR">Die alte Uhr</a><br /> +<a href="#KAMPFEN">Kämpfen</a><br /> +<a href="#SIEGEN">Siegen</a><br /> +<a href="#IM_HERBST">Im Herbst</a><br /> +<a href="#DER_KLEINE_DRATENIK">Der kleine "Drateník"</a><br /> +<a href="#IN_DER_VORSTADT">In der Vorstadt</a><br /> +<a href="#BEI_ST_HEINRICH">Bei St. Heinrich</a><br /> +<a href="#MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT">Mittelböhmische Landschaft</a><br /> +<a href="#DAS_HEIMATLIED">Das Heimatlied</a><br /> +<br /> +TRAUMGEKRÖNT (1897)<br /> +<br /> +<a href="#KONIGSLIED">Königslied</a><br /> +<a href="#TRAUMEN">Träumen</a><br /> +I. <a href="#Mein_Herz_gleicht">Mein Herz gleicht</a><br /> +II. <a href="#Ich_denke_an">Ich denke an:</a><br /> +III. <a href="#Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen">Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen</a><br /> +IV. <a href="#Eine_alte_Weide_trauert">Eine alte Weide trauert</a><br /> +V. <a href="#Die_Rose_hier_die_gelbe">Die Rose hier, die gelbe</a><br /> +VI. <a href="#Wir_sassen_beisammen">Wir saßen beisammen</a><br /> +VII. <a href="#Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege">Ich wollt, sie hätten statt der Wiege</a><br /> +VIII. <a href="#Jene_Wolke_will_ich_neiden">Jene Wolke will ich neiden</a><br /> +IX. <a href="#Mir_ist_Die_Welt">Mir ist: Die Welt</a><br /> +X. <a href="#Wenn_das_Volk_das_drohnentrage">Wenn das Volk, das drohnenträge</a><br /> +XI. <a href="#Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht">Weiß ich denn, wie mir geschieht</a><br /> +XII. <a href="#Schon_blinzt">Schon blinzt</a><br /> +XIII. <a href="#Fahlgrauer_Himmel">Fahlgrauer Himmel</a><br /> +XIV. <a href="#Die_Nacht_liegt_duftschwer">Die Nacht liegt duftschwer</a><br /> +XV. <a href="#Im_Schoss_der_silberhellen">Im Schoß der silberhellen</a><br /> +XVI. <a href="#Abendlauten">Abendläuten</a><br /> +XVII. <a href="#Weltenweiter_Wandrer">Weltenweiter Wandrer</a><br /> +XVIII. <a href="#Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen">Möchte mir ein blondes Glück erkiesen</a><br /> +XIX. <a href="#Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer">Vor mir liegt ein Felsenmeer</a><br /> +XX. <a href="#Die_Fenster_gluhten">Die Fenster glühten</a><br /> +XXI. <a href="#Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte">Es gibt so wunderweiße Nächte</a><br /> +XXII. <a href="#Wie_eine_Riesenwunderblume">Wie eine Riesenwunderblume</a><br /> +XXIII. <a href="#Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend">Wie, jegliches Gefühl vertiefend</a>.<br /> +XXIV. <a href="#O_gabs_doch_Sterne">O gäbs doch Sterne</a><br /> +XXV. <a href="#Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste">Mir ist so weh, so weh, als müßte</a><br /> +XXVI. <a href="#Matt_durch_der_Tale">Matt durch der Tale</a><br /> +XXVII. <a href="#Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse">Ein Erinnern, das ich heilig heiße</a><br /> +XXVIII. <a href="#Glaubt_mir">Glaubt mir</a><br /> +<br /> +LIEBEN<br /> +<br /> +I. <a href="#Und_wie_mag_die_Liebe">Und wie mag die Liebe</a><br /> +II. <a href="#Das_war_der_Tag">Das war der Tag</a><br /> +III. <a href="#Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein">Einen Maitag mit dir beisammen sein</a><br /> +IV. <a href="#Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht">Ich weiß nicht, wie mir geschieht</a><br /> +V. <a href="#Ob_dus_noch_denkst">Ob dus noch denkst</a><br /> +VI. <a href="#Wir_sassen_beide_in_Gedanken">Wir saßen beide in Gedanken</a><br /> +VII. <a href="#Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben">Blondköpfchen hinter den Scheiben</a><br /> +VIII. <a href="#Die_Liese_wird_heute">Die Liese wird heute</a><br /> +IX. <a href="#Ich_traume_tief_im_Weingerank">Ich träume tief im Weingerank</a><br /> +X. <a href="#Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte">Es ist ein Weltmeer voller Lichte</a><br /> +XI. <a href="#Ich_war_noch_ein_Knabe">Ich war noch ein Knabe</a><br /> +XII. <a href="#Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid">Die Nacht im Silberfunkenkleid</a><br /> +XIII. <a href="#Schon_starb_der_Tag">Schon starb der Tag</a><br /> +XIV. <a href="#Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen">Es leuchteten im Garten die Syringen</a><br /> +XV. <a href="#Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind">Oft scheinst du mir ein Kind</a><br /> +XVI. <a href="#Nach_einem_Gluck">Nach einem Glück</a><br /> +XVII. <a href="#Wir_gingen">Wir gingen</a><br /> +XVIII. <a href="#Im_Fruhling_oder_im_Traume">Im Frühling oder im Traume</a><br /> +XIX. <a href="#Sie_hatte_keinerlei_Geschichte">Sie hatte keinerlei Geschichte</a><br /> +XX. <a href="#Man_merkte_der_Herbst_kam">Man merkte: der Herbst kam</a><br /> +XXI. <a href="#Manchmal_da_ist_mir">Manchmal da ist mir</a><br /> +XXII. <a href="#Es_ist_lang">Es ist lang</a><br /> +<br /> +ADVENT (1898)<br /> +<br /> +<a href="#Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde">Advent. Es treibt der Wind</a><br /> +<br /> +GABEN<br /> +<br /> +<a href="#Das_ist_mein_Streit">Das ist mein Streit</a><br /> +<a href="#Du_meine_heilige_Einsamkeit">Du meine heilige Einsamkeit</a><br /> +<a href="#Der_Bach_hat_leise_Melodien">Der Bach hat leise Melodien</a><br /> +<a href="#Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen">Ich liebe vergessene Flurmadonnen</a><br /> +<a href="#Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar">Warst du ein Kind in froher Schar</a><br /> +<a href="#PFAUENFEDER">Pfauenfeder: in deiner Feinheit</a><br /> +<a href="#Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise">Oft denk ich auf der Alltagsreise</a><br /> +<a href="#DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE">Damit ich glücklich wäre</a><br /> +<a href="#An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still">An manchem Tag ist meine Seele still</a><br /> +<a href="#Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt">Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt</a><br /> +<a href="#Die_hohen_Tannen_atmen_heiser">Die hohen Tannen atmen heiser</a><br /> +<a href="#Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen">Der Abend kommt von weit gegangen</a><br /> +<a href="#Das_Wetter_war_grau_und_grell">Das Wetter war grau und grell</a><br /> +<a href="#Sonne_verlodert_am_Himmelsrain">Sonne verlodert am Himmelsrain</a><br /> +<a href="#Du_arme_alte_Kapelle">Du arme, alte Kapelle</a><br /> +<a href="#Die_Madchen_singen">Die Mädchen singen</a><br /> +<a href="#Lehnen_im_Abendgarten_beide">Lehnen im Abendgarten beide</a><br /> +<a href="#Eine_der_weissen_Vestageweihten">Eine der weißen Vestageweihten</a><br /> +<a href="#Im_Kreise_der_Barone">Im Kreise der Barone</a><br /> +<a href="#Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit">Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit</a><br /> +<a href="#Irgendwo_muss_es_Palaste_geben">Irgendwo muß es Paläste geben</a><br /> +<a href="#Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken">Im Schlosse mit den roten Zinken</a><br /> +<a href="#Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen">Einmal möcht ich dich wiederschauen</a><br /> +<a href="#Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten">Es kommt in prunkenden Gebreiten</a><br /> +<a href="#Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer">Horch, verhallt nicht ein scheuer</a><br /> +<a href="#Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach">Der König Abend weiß sich schwach</a><br /> +<a href="#Der_Tag_entschlummert_leise">Der Tag entschlummert leise</a><br /> +<br /> +FAHRTEN<br /> +<br /> +<a href="#VENEDIG">Venedig</a> I. Fremdes Rufen<br /> +II. Immer ist mir, daß die leisen<br /> +III. Mein Ruder sang<br /> +IV. Ave weht von den Türmen her<br /> +<a href="#ENGLAR_IM_EPPAN">Englar im Eppan</a><br /> +<a href="#TENNO">Tenno</a> +<a href="#CASABLANCA">Casablanca</a> +<a href="#ARCO">Arco</a><br /> +<a href="#I_MULINI">I mulini</a><br /> +<a href="#BODENSEE">Bodensee</a><br /> +<a href="#KONSTANZ">Konstanz</a><br /> +<br /> +FUNDE<br /> +<br /> +<a href="#Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten">Wenn wie ein leises Flügelbreiten</a><br /> +<a href="#Ich_mochte_draussen_dir_begegnen">Ich möchte draußen dir begegnen</a><br /> +<a href="#Ich_musste_denken_unverwandt">Ich mußte denken unverwandt</a><br /> +<a href="#Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen">Fremd ist, was deine Lippen sagen</a><br /> +<a href="#Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich">Du bist so fremd, du bist so bleich</a><br /> +<a href="#Weisst_du_ich_will_mich_schleichen">Weißt du, ich will mich schleichen</a><br /> +<a href="#Bei_dir_ist_es_traut">Bei dir ist es traut</a><br /> +<a href="#Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten">Die Nacht holt heimlich</a><br /> +<a href="#Du_Hande_welche_immer_geben">Du, Hände, welche immer geben</a><br /> +<a href="#Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh">Bist gewandert durch Wähn und Weh</a><br /> +<a href="#Will_dir_den_Fruhling_zeigen">Will dir den Frühling zeigen</a><br /> +<a href="#Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher">Und dieser Frühling macht dich bleicher</a><br /> +<a href="#Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss">Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß</a><br /> +<a href="#Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten">Bist du so müd? Ich will dich leise leiten</a><br /> +<a href="#Du">Du: ein Schloß an wellenschweren</a><br /> +<a href="#Purpurrote_Rosen_binden">Purpurrote Rosen binden</a><br /> +<a href="#Ein_Handeineinanderlegen">Ein Händeineinanderlegen</a><br /> +<a href="#Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren">Du willst dir einen Pagen küren?</a><br /> +<a href="#Abend_hat_mich_mud_gemacht">Abend hat mich müd gemacht</a><br /> +<a href="#Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen">Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen</a><br /> +<a href="#Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang">Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang</a><br /> +<a href="#Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein">Wie meine Träume nach dir schrein</a><br /> +<a href="#Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien">Und du warst schön. In deinem Auge schien</a><br /> +<a href="#Du_hast_so_grosse_Augen_Kind">Du hast so große Augen, Kind</a><br /> +<a href="#Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern">Du sahst in hohe Lichthofmauern</a><br /> +<a href="#Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen">Sie war: Ein unerwünschtes Kind</a><br /> +<a href="#Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute">Wenn ich dir ernst ins Auge schaute</a><br /> +<a href="#Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte">Ja, früher, wenn ich an dich dachte</a><br /> +<a href="#Ich_ging_durch_ein_Land">Ich ging durch ein Land</a><br /> +<a href="#Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte">Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte</a><br /> +<a href="#Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen">Kannst du die alten Lieder noch spielen</a><br /> +<a href="#Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas">Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas</a><br /> +<br /> +MÜTTER<br /> +<br /> +<a href="#Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich">Ich sehne oft nach einer Mutter mich</a><br /> +<a href="#Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst">Mir ist oft, daß ich fragen müßt</a><br /> +<a href="#Ich_gehe_unter_roten_Zweigen">Ich gehe unter roten Zweigen</a><br /> +<a href="#Leise_weht_ein_erstes_Bluhn">Leise weht ein erstes Blühn</a><br /> +<a href="#Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande">Und reden sie dir jetzt von Schande</a><br /> +<a href="#DER_BLONDE_KNABE_SINGT">Der blonde Knabe singt</a><br /> +<a href="#DIE_MUTTER_II">Die Mutter</a><br /> +<a href="#Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross">Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß</a><br /> +</p> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33821 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..dfc3d01 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #33821 (https://www.gutenberg.org/ebooks/33821) diff --git a/old/33821-0.txt b/old/33821-0.txt new file mode 100644 index 0000000..fe1a20c --- /dev/null +++ b/old/33821-0.txt @@ -0,0 +1,4899 @@ +The Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Erste Gedichte + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: September 30, 2010 [EBook #33821] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE *** + + + + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + + + + +ERSTE GEDICHTE + +Von + +RAINER MARIA RILKE + + +LEIPZIG + +IM INSEL-VERLAG + +MCMXIII + + + + + + LARENOPFER + + + + +IM ALTEN HAUSE + + +Im alten Hause; vor mir frei +seh ich ganz Prag in weiter Runde; +tief unten geht die Dämmerstunde +mit lautlos leisem Schritt vorbei. + +Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas. +Nur hoch, wie ein behelmter Hüne, +ragt klar vor mir die grünspangrüne +Turmkuppel von Sankt Nikolas. + +Schon blinzelt da und dort ein Licht +fern auf im schwülen Stadtgebrause.-- +Mir ist, daß in dem alten Hause +jetzt eine Stimme "Amen" spricht. + + + + +AUF DER KLEINSEITE + + +Alte Häuser, steilgegiebelt, +hohe Türme voll Gebimmel,-- +in die engen Höfe liebelt +nur ein winzig Stückchen Himmel. + +Und auf jedem Treppenpflocke +müde lächelnd--Amoretten; +hoch am Dache um barocke +Vasen rieseln Rosenketten. + +Spinnverwoben ist die Pforte +dort. Verstohlen liest die Sonne +die geheimnisvollen Worte +unter einer Steinmadonne. + + + + +EIN ADELSHAUS + + +Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe: +wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen. +Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen +und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe. + +Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber, +als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken; +und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken: +das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich--Zauber. + + + + +DER HRADSCHIN + + +Schau so gerne die verwetterte +Stirn der alten Hofburg an; +schon der Blick des Kindes kletterte +dort hinan. + +Und es grüßen selbst die eiligen +Moldauwellen den Hradschin, +von der Brücke sehn die Heiligen +ernst auf ihn. + +Und die Türme schaun, die neueren, +alle zu des Veitsturms Knauf +wie die Kinderschar zum teueren +Vater auf. + + + + +BEI ST. VEIT + + +Gern steh ich vor dem alten Dom; +wie Moder weht es dort, wie Fäule, +und jedes Fenster, jede Säule +spricht noch ihr eignes Idiom. + +Da hockt ein reich geschnörkelt Haus +und lächelt Rokoko-Erotik, +und hart daneben streckt die Gotik +die dürren Hände betend aus. + +Jetzt wird mir klar der casus rei; +ein Gleichnis ists aus alten Zeiten: +der Herr Abbé hier--ihm zuseiten +die Dame des roi soleil. + + + + +IM DOME + + +Wie von Steinen rings, von Erzen +weit der Wände Wölbung funkelt, +eine Heilge, braungedunkelt, +dämmert hinter trüben Kerzen. + +Von der Decke, rundgemauert, +schwebt ob eines Engels Kopfe +hell ein weißer Silbertropfe, +drin ein ewig Lichtlein kauert. + +Und im Eck, wo Goldgeglaste +niederhangt in staubgen Klumpen, +steht in Schmutz gehüllt und Lumpen +still ein Kind der Bettlerkaste. + +Von dem ganzen Glänze floß ihm +in die Brust kein Fünkchen Segen.... +Zitternd, matt, streckts mir entgegen +seine Hand mit leisem: "Prosim!" + + + + +IN DER KAPELLE ST. WENZELS + + +Alle Wände in der Halle +voll des Prachtgesteins; wer wüßte +sie zu nennen: Bergkristalle, +Rauchtopase, Amethyste. + +Zauberhell wie ein Mirakel +glänzt der Raum im Lichtgetänzel, +unterm goldnen Tabernakel +ruht der Staub des heilgen Wenzel. + +Ganz von Leuchten bis zum Scheitel +ist die Kuppel voll, die hohle; +und der Goldglast sieht sich eitel +in die gelben Karneole. + + + + +VOM LUGAUS + + +Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln +und jene wieder spitz wie schlanke Birnen; +dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen +schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln. + +Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten +sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen. +Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen +in sich des Himmels violette Tinten! + + + + +DER BAU + + + (1) + +Die moderne Bauschablone +will mir wahrlich gar nicht passen. +Hier, dies alte Haus darf fassen +reiche, weite Steinterrassen, +kleine, heimliche Balkone. + +Und die weitgewölbten Decken, +die so günstig sind den Lauten, +Nischen rings, die eingebauten, +draus die Arme sich der trauten +Dämmrung dir entgegenstrecken. + +Alle Mauern breiter, stärker +und aus echten Quaderkernen;-- +traun, das Gruseln könnt ich lernen, +seh ich auf die Zinskasernen +aus dem kleinen, Stillen Erker. + + + + +IM STÜBCHEN + + + (2) + +Traut ists, wenn verstohlen heulen +im Kamine wilde Winde +in der Stube; ganz gelinde +tickt auf dem barocken Spinde +fort die Stockuhr mit den Säulen. +Dort, die kleine Silhouette +zeigt die alte Tracht der Locken, +tief im Fenster steht ein Rocken, +und vergeßne Töne stocken +im verlassenen Spinette. +Immer noch hegt die Postille, +daß an ihrem Geist erfrische +jung und alt sich, auf dem Tische, +und der Spruch ob jener Nische +lautet: "Es gescheh Dein Wille...." + + + + +ZAUBER + + + (3) + +Oft seh ich die heimliche Stube belebt, +so lebhaft erzählen die Wände; +ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt +dort zu der Madonna die Hände. + +Ein tüchtiger Junge beim Vater steht, +der viel zu des Hauses Gewinn tat. +An huben sie flüsternd das Abendgebet, +und Mutter läßt ruhen das Spinnrad. + +Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß +sogar der Madonna im Rahmen. +Ich lausche:--Laut von des Vaters Baß +ertönt das versöhnende: "Amen". + + + + +EIN ANDERES + + + (4) + +Naht der Sohn mit schwerem Schritt +seinem Vater. Schwer die Zunge.... +"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?! +Vorwärts, nur herein damit!" + +Und da steht zum erstenmal +jetzt das Mädchen rot und stille; +und der Vater putzt die Brille: +"Teufel! Gut war deine Wahl!" + +Und er streckt die Arme aus, +und das Bräutchen nimmt verlegen +seinen Kuß und seinen Segen.... +Davon weiß das alte Haus. + + + + +NOCH EINES + + + (5) + +Auch dem blonden Kinde kam es +In sein Herz, sein waldseereines, +wie das dunkle Ahnen eines +großen Glückes oder Grames. + +Und die Mutter ließ das Rädchen +stocken.--"Kind, was macht dich leiden?" +Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen: +doch verstanden sich die beiden. + +Kurz darauf: Am Pförtchen pochte +junger Herr.--"Wollt ihr euch?"--Pause.-- +Ob!--Wer da noch fragen mochte!?-- +So geschahs im alten Hause. + + + + +UND DAS LETZTE + + + (6) + +Still heut die Stube.--Weiß wie Kalk +ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos +ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos +lehnt sie bei Vaters Katafalk. + +Zuseiten ihr der Gatte kann +sie trösten mehr in keiner Weise; +nun faßt er ihre Hände leise +und sieht sie ernst und bittend an. + +"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!" +tönt türher hell das Wort des Kleinen; +da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen, +und Trost geht durch das alte Haus. + + + + +IM ERKERSTÜBCHEN + + + (7) + +Nicht zu sehn das Alltagstreiben, +flieh ich--wie wenn ich ein Strauß war,-- +in das alte, alte Haus her; +lang dann seh ich nicht hinaus mehr +durch die breit verbleiten Scheiben. + +Schlichtheit war der Väter Aussaat, +Glück die Frucht, die sie gefunden; +sitz so träumend manche Stunden +dort im Polsterstuhl, im runden, +mitten in Urväterhausrat. + + + + +DER NÖVEMBERTAG + + +Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln, +seine tausend Jubelstimmen schweigen; +hoch vom Domturm wimmern gar so eigen +Sterbeglocken in Novembernebeln. + +Auf den nassen Dächern liegt verschlafen +weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen +greift der Sturm in des Kamines Wänden +eines Totenkarmens Schlußoktaven. + + + + +IM STRAßEN KAPELLCHEN + + +Bei St. Loretto da brennt ein Licht +vorm Bilde im Straßenkapellchen; +und um das Wandbild schmiegen sich dicht +Blechblumen mit farbigen Kelchen. + +Die Heiligen machen ein übel Gesicht; +denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat +nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht +schaut fromm in den dämmernden Sabbat. + + + + +DAS KLOSTER + + +Im Dämmerdustgeschwel +ist schon die Stadt zerronnen +hoch steht das Haus der Nonnen +des Ordens von Carmel. + +Der Abend hüpft hangab +vorbei mit Feuergarben +und windet tausend Farben +um jeden Fensterstab. + +Er schmückt das düstre Haus +umsonst mit Lichtgeglänze; +So sehen frische Kränze +auf Leichensteinen aus. + + + + +BEI DEN KAPUZINERN + + +Es hat der Pater Guardian +vom Klosterschnaps mir angeboten; +ich kenn ihn schon, den dunkelroten, +der alle Toten wecken kann. + +Der Pater sucht den Schlüssel, klein, +dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten, +und holt den Schatz, den selbstgebrauten, +hervor aus dem Reliquienschrein. + +Und wie er einschenkt, lacht er feist +und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine, +die einstens ruhten in dem Schreine, +doch uns erhalten blieb----der Geist!" + + + + +ABEND + + +Einsam hinterm letzten Haus +geht die rote Sonne schlafen, +und in ernste Schlußoktaven +klingt des Tages Jubel aus. + +Lose Lichter haschen spät +noch sich auf den Dächerkanten, +wenn die Nacht schon Diamanten +in die blauen Fernen sät. + + + + +JAR. VRCHLICKÝ + + +Ich lehn im Armstuhl, im bequemen, +wo oft ich Ungemach vergaß, +müd nicken krause Chrysanthemen +im hohen Venezianergläs. + +Ich las in einem Band Gedichte +gar lange; wie die Zeit entschwand! +Jetzt erst im Abenddämmerlicbte +leg ich sie selig aus der Hand. + +Mir ist, von göttlichen Problemen +hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,-- +hat mich der Hauch der Chrysanthemen, +hat mich Vrchlickýs Buch berauscht? + + + + +IM KREUZGANG VON LORETTO + + +Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten, +wo über krausen Säulenarabesken +herniederschaun aus halb verwischten Fresken +geheimnisvolle Heiligengestalten. + +Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht +so manchen gnadenvollen Heilmirakels, +prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels +im silberübersäten Seidenkleid. + +Spannt über Blättergold Spätsommerhaar +sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,-- +vor einem Bild im Stile Tintorettos +steht selig still ein junges Liebespaar. + + + + +DER JUNGE BILDNER + + +Ich muß nach Rom; in unser Städtchen +kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück; +nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen, +ich mach in Rom mein Meisterstück. + +Er sprachs; dann zog er fort im Rausche +durch jene Welt, die er erhofft; +doch war ihm, seine Seele lausche +auf einen innern Vorwurf oft. + +Die Unrast trieb ihn heim, die arge: +Er bildete mit nassem Blick +sein armes, fahles Lieb im Sarge, +und das--das war sein Meisterstück. + + + + +FRÜHLING + + +Die Vögel jubeln--lichtgeweckt--, +die blauen Weiten füllt der Schall aus; +im Kaiserpark das alte Ballhaus +ist ganz mit Blüten überdeckt. + +Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll +ins junge Gras mit großen Lettern. +Nur dorten unter welken Blättern +seufzt traurig noch ein Steinapoll. + +Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz +hinweg das gelbe Blattgeranke +und legt um seine Stirn, die blanke, +den blauenden Syringenkranz. + + + + +LAND UND VOLK + + +...Gott war guter Laune. Geizen +ist doch wohl nicht seine Art; +und er lächelte: da ward +Böhmen, reich an tausend Reizen. + +Wie erstarrtes Licht liegt Weizen +zwischen Bergen, waldbehaart, +und der Baum, den dichtgeschaart +Früchte drücken, fordert Spreizen. + +Gott gab Hütten; voll von Schafen +Ställe; und der Dirne klafft +vor Gesundheit fast das Mieder. + +Gab den Burschen all, den braven, +in die raube Faust die Kraft, +in das Herz--die Heimatlieder. + + + + +DER ENGEL + + +Hin geh ich durch die Malvasinka +die Kinderreih, wo sanft und gut +die kleine Anka oder Ninka +in ihrem letzten Bettchen ruht. + +Auf einem schmalen Schollenhügel +kniet, ganz versteckt in hohem Mohn, +mit staubigem, gebrochnem Flügel +ein Engelchen aus rohem Ton. + +Das flügellahme Kindchen flößte +mir Mitleid ein,--das arme Ding.... +Da, sieh! Von seinen Lippen löste +sich leicht ein kleiner Schmetterling.-- + + + + +ALLERSEELEN + + +I + +Rings liegt der Tag von Allerseelen +voll Wehmut und voll Blütenduft, +und hundert bunte Lichter schwelen +vom Feld des Friedens in die Luft. + +Sie senden Palmen heut und Rosen; +der Gärtner ordnet sie mit Sinn-- +und kehrt zum Eck der Glaubenslosen +die alten, welken Blumen hin. + + +II + +"Jetzt beten, Willi,--und nicht reden!" +Mit großem Aug gehorcht der Knab. +Der Vater legt den Kranz Reseden +auf seines armen Weibes Grab. + +"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!" +Klein Willi sieht empor und macht, +wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun, +daß er am Weg heraus gelacht! + +Es sticht im Auge ihn--wie Weinen.... +Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht; +ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen +beim Ausgang jäh der Buden Pracht. + +Es blinkt durch den Novembernebel +herüber lichtbeglänzter Tand; +er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel +und küßt dem Vater leis die Hand. + +Und der versteht. Dann gehn sie weiter.... +Der Vater sieht so traurig aus.-- +Doch einen Pfeiferkuchenreiter +schleppt Willi selig sich nach Haus. + + + + +BEI NACHT + + +Weit über Prag ist riesengroß +der Kelch der Nacht schon aufgegangen; +der Sonnenfalter barg sein Prangen +in ihrem kühlen Blütenschoß. + +Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom, +und neckend streut er das Gesträhne +der weißen Silberhobelspäne +hernieder in den Moldaustrom. + +Da plötzlich, wie beleidigt, hat +zurückgerufen er die Strahlen, +weil er gewahr ward des Rivalen: +der Turmuhr helles Stundenblatt. + + + + +ABEND + + +Der Abend naht.--Die klare Zone +der Stirne schmückt ein goldner Reifen, +und tausend Schattenhände greifen +verstohlen nach der roten Krone. + +Die ersten, blassen Sterne liebeln +ihm zu; er steht hoch am Hradschine +und schaut mit ernster Träumermiene +die Türme und die grauen Giebeln. + + + + +AUF DEM WOLSCHAN + +Am Abend des Tages von Allerseelen + + +I + +Die dürren Äste übergittern +des Himmels abendblasse Scheiben; +und über Grüfte, reich mit Füttern +geschmückt, geht Wehmut, und es zittern +die Lichter durch das Blättertreiben. + +Im müden Blau, im regungslosen, +schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume, +die seine blanke Stirne kosen, +sind schwarz. Der Duft von welken Rosen +schleicht her wie Geister toter Träume. + + + +II + +Ferner Lärm vom Wagendamm.-- +Hier keimt Friede und Vergessen, +zwischen zweien Grabzypressen +hangt der Mond wie ein Tam-Tam. + +Schlägt die Ewigkeit nicht sacht +jetzt daran mit schwarzem Schwengel? +Bange schaut ein Marmorengel +in das Aug der Spätherbstnacht. + + + + +WINTERMORGEN + + +Der Wasserfall ist eingefroren, +die Dohlen hocken hart am Teich. +Mein schönes Lieb hat rote Ohren +und sinnt auf einen Schelmenstreich. + +Die Sonne küßt uns. Traumverloren +schwimmt im Geäst ein Klang in Moll; +und wir gehn fürder, alle Poren +vom Kraftarom des Morgens voll. + + + + +BRUNNEN + + +Ganz verschollen ist die alte, +holde Brunnenpoesie, +da aus Tritons Muschelspalte +eine klare Quelle lallte, +die den Gassen Sprache lieh. + +Abends bei den Röhrenkasten +sammelte sich Paar um Paar, +weil der Quelle lieblich Glasten +und ihr Laut der tiefgefaßten +Neigung süßes Omen war. + +Aber als durch Menschenmühn dann +Wasser treppen aufwärts stieg, +und kein Paar kam: Misogyn dann +ward der Gott; es schlich sich Grünspan +in die Muschel,--und er schwieg. + + + + +SPHINX + + +Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen, +in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl. +Die Menge gaffte.--Bis der Rettungswagen +sie brachte in das gelbe Stadtspital. + +Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen.... +Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal; +dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen +und dann der Priester.--Sie blieb stumm und fahl. + +Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen, +gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal. +Ein Röcheln.--Dann ward sie herausgetragen, +sie und ihr Schmerz.-- + Und draußen steht kein Mal. + + + + +TRÄUME + + +Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden +geschmückt des blauen Kleides Saum;-- +sie reicht mir mild mit ihren beiden +Madonnenhänden einen Traum. + +Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben, +hinfort die Stadt mit leisem Schritt +und nimmt, als Sold des Traumes, drüben +des kranken Kindes Seele mit. + + + + +MAITAG + + +Still!--Ich hör, wie an Geländen +leicht der Wind vorüberhüpft, +wie die Sonne Strahlenenden +an Syringendolden knüpft. + +Stille rings. Nur ein geblähter +Frosch hält eine Mückenjagd, +und ein Käfer schwimmt im Äther, +ein lebendiger Smaragd. + +Im Geäst spinnt Süberrhomben +Mutter Spinne Zoll um Zoll, +und von Blütenhekatomben +hat die Welt die Hände voll. + + + + +KÖNIG ABEND + + +Wie König Balthasar einst nahte, +die Stirn vom Kronenreif erhellt, +so tritt im purpurnen Ornate +der König Abend in die Welt. + +Der erste Stern führt ihn wie jenen +bis an den fernsten Hügelsaum; +dort findet Mutter Nacht er lehnen +mit ihrem Kind im Arm, dem Traum. + +Dem bringt er just, wie jener Weise +des Orients, das Gold, gehäuft,-- +das Gold, das uns der Knabe leise +erlösend in den Schlummer träuft. + + + + +AN DER ECKE + + +Der Winter kommt und mit ihm meine Alte, +die an der Ecke stets Kastanien briet. +Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte +froh und gesund, ob Falte auch bei Falte +seit vielen Jahren es durchzieht. + +Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen; +die Tüten müssen rein sein, und das Licht +an ihrem Stand muß immer helle scheinen, +und von dem Ofen mit den krummen Beinen +verlangt sie streng die heiße Pflicht. + +So trefflich schmort auch keine die Maroni. +Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht, +und alle kennt sie--bis zum Tramwaypony; +sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni.... +Und leise summt ihr Herd sein Lied. + + + + +HEILIGE + + +Große Heilige und kleine +feiert jegliche Gemeine; +hölzern und von Steine feine, +große Heilige und kleine. + +Heilge Annen und Kathrinen, +die im Traum erschienen ihnen, +baun sie sich und dienen ihnen, +heilgen Annen und Kathrinen. + +Wenzel laß ich auch noch gelten, +weil sie selten ihn bestellten; +denn zu viele gelten selten-- +nun, Sankt Wenzel laß ich gelten. + +Aber diese Nepomuken! +Von des Torgangs Luken gucken +und auf allen Brucken spuken +lauter, lauter Nepomuken! + + + + +DAS ARME KIND + + +Ich weiß ein Mädchen, eingefallen +die Wangen.--War ein leichtes Tuch +die Mütter; und des Vaters Fluch +fiel in ihr erstes Lallen. + +Die Armut blieb ihr treu die Jahre, +und Hunger ward ihr Angebind; +so ward sie ernst.--Das Lenzgold rinnt +umsonst in ihre Haare. + +Sie schaut die lächelnden Gesichter +der Blumen traurig an im Hag +und denkt: der Allerseelentag +hat Blüten auch und Lichter. + + + + +WENNS FRÜHLING WIRD + + +Die ersten Keime sind, die zarten, +im goldnen Schimmer aufgesprossen; +schon sind die ersten der Karossen + im Baumgarten. + +Die Wandervögel wieder scharten +zusamm sich an der alten Stelle, +und bald stimmt ein auch die Kapelle + im Baumgarten. + +Der Lenzwind plauscht in neuen Arten +die alten, wundersamen Märchen, +und draußen träumt das erste Pärchen + im Baumgarten. + + + + +ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG + + +Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr +so müheschwer vorüberrollte; +nun endlich bin ich, was ich wollte +und was ich strebte: ein Skolar. + +Erst "Recht" studieren war mein Plan; +doch meine leichte Laune schreckten +die strengen, staubigen Pandekten, +und also ward der Plan zum Wahn. + +Theologie verbot mein Lieb, +könnt mich auf Medizin nicht werfen, +so daß für meine schwachen Nerven +nichts als--Philosophieren blieb. + +Die Alma mater reicht mir dar +der freien Künste Prachtregister,-- +und bring ichs nie auch zum Magister, +bin was ich strebte: ein Skolar. + + + + +SUPERAVIT + + +Nie kann ganz die Spur verlaufen +einer starken Tat; dies lehrt +zu Konstanz der Scheiterhaufen; +denn aus tausend Feuertaufen +steigt der Hochgeist unversehrt. + +Bis zu uns her ungeheuer +ragt der Reformator Hus, +fürchten wir der Lehre Feuer, +neigen wir uns doch in scheuer +Ehrfurcht vor dem Genius. + +Der, den das Gericht verdammte, +war im Herzen, tief und rein, +überzeugt von seinem Amte,-- +und der hohe Holzstoß flammte +seines Ruhmes Strahlenschein. + + + + +TROTZDEM + + +Manchmal vom Regal der Wand +hol ich meinen Schopenhauer, +einen "Kerker voller Trauer" +hat er dieses Sein genannt. + +So er recht hat, ich verlor +nichts: in Kerkereinsamkeiten +weck ich meiner Seele Saiten +glücklich wie einst Dalibor. + + + + +HERBSTSTIMMUNG + + +Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer, +an dessen Türe schon der Tod steht still; +auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer, +wie der der Kerze, die verlöschen will. + +Das Regenwasser röchelt in den Rinnen, +der matte Wind hält Blätterleichenschau;-- +und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen +ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau. + + + + +AN JULIUS ZEYER + + +Du bist ein Meister;--früher oder später +spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen; +du preisest seine Art und seine Sagen,-- +aus deinen Liedern weht der Heimat Äther. + +Dein Volk tut recht,--nicht, voll von wahngeblähter +Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen, +es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen, +stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter. + +Es hat dein Volk sich seine Ideale +noch nicht versetzen lassen zu den Sternen, +die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten; + +du aber mahnst, ein echter Orientale, +es möge in dem Ringen nicht verlernen +auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten. + + + + +DER TRÄUMER + + +I + +Es war ein Traum in meiner Seele tief. +Ich horchte auf den holden Traum: +ich schlief. +Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief, +und wie ich träumte, hört ich nicht; +es rief. + + +II + +Träume scheinen mir wie Orchideen.-- +So wie jene sind sie bunt und reich. +Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte +ziehn sie just wie jene ihre Kräfte, +brüsten sich mit dem ersaugten Blute, +freuen in der flüchtigen Minute, +in der nächsten sind sie tot und bleich.-- +Und wenn Welten oben leise gehen, +fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen? +Träume scheinen mir wie Orchideen.-- + + + + +DIE MUTTER + + +Aufwärts die Theaterrampe +rollen dröhnend die Karossen, +abseits unter trüber Lampe +steht ein altes Weib verdrossen. + +Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute, +wars, daß sie zusammenschrecke; +niemand aus dem Strom der Leute +sieht die Alte in der Ecke. + +An die neue "Größe" dachte, +von ihr sprach man nur.--Die Güte +eines Grafen, hieß es, brachte +herrlich ihr Talent zur Blüte. + +Später. Jubelstürme hallten +in den Schlußklang der Trompeten.... +Aber draußen kams der Alten, +heimlich für ihr Kind zu beten. + + + + +UNSER ABENDGANG + + +Gedenkst du noch, wie guter Dinge +wir wallten durch das Nusler Tal; +zwei kleine, blaue Schmetterlinge +verflattertcn im Abendstrahl. + +Am Häuschen lehnte die Melone +dort--wie auf einem Bilde Dows, +und herrlich mit der Kuppelkrone +hob sich das Haupt der Karlshofs. + +Im West war noch der Weizen golden, +blaugrün verdämmerte der Kohl; +die ersten weißen Sternendolden +umzitterten den Himmelspol. + + + +KAJETAN TÝL + +Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen +ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war. + +Da also hat der arme Týl +sein Lied "Kde domov můj"--geschrieben. +In Wahrheit; Wen die Musen lieben, +dem gibt das Leben nicht zuviel. + +Ein Stübchen--nicht zu klein dem Flug +des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.-- +Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe, +ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug. + +Doch wär er nicht für tausend Louis +von Böhmen fort. Mit jeder Fiber +hing er daran.--"Ich bleibe lieber," +hätt er gesagt, "kde domov můj." + + + + +VOLKSWEISE + + +Mich rührt so sehr +böhmischen Volkes Weise, +schleicht sie ins Herz sich leise, +macht sie es schwer. + +Wenn ein Kind sacht +singt beim Kartoffeljäten, +klingt dir sein Lied im späten +Traum noch der Nacht. + +Magst du auch sein +weit über Land gefahren, +fällt es dir doch nach Jahren +stets wieder ein. + + + + +DAS VOLKSLIED + +Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier + + +Es legt dem Burschen auf die Stirne +die Hand der Genius so lind, +daß mit des Liedes Silberzwirne +er seiner Liebsten Herz umspinnt. + +Da mag der Bursch sich süß erinnern, +was aus der Mutter Mund ihm scholl, +und mit dem Klang aus seinem Innern +füllt er sich seine Fiedel voll. + +Die Liebe und der Heimat Schöne +drückt ihm den Bogen in die Hand, +und leise rieseln seine Töne +wie Blütenregen in das Land. + +Und große Dichter, ruhmberauschte, +dem schlichten Liede lauschen sie, +so gläubig wie das Volk einst lauschte +dem Gottes wort des Sinai. + + + + +DORFSONNTAG + + +Im Wirtshaus auf den blanken Dielen +schwingt sich die Jugend frisch und laut, +des Burschen Hand, so hart von Schwielen, +drückt die des blonden Mädchens traut; +bierfrohe Musikanten spielen +ein Lied aus der "verkauften Braut". + +"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden." +Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist. +Und wie er nach dem Tanz die Holden +zu seinem Tische kommen heißt, +da geht der Abend draußen, golden, +und lacht durch alle Fenster dreist. + + + + +MEIN GEBURTSHAUS + + +Der Erinnrung ist das traute +Heim der Kindheit nicht entflohn, +wo ich Bilderbogen schaute +im blauseidenen Salon. + +Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen +dicken Silbers reich betreßt, +Glück mir war; wo heiße Tränen +mir das "Rechnen" ausgepreßt. + +Wo ich, einem dunklen Rufe +folgend, nach Gedichten griff, +und auf einer Fensterstufe +Tramway spielte oder Schiff. + +Wo ein Mädchen stets mir winkte +drüben in dem Gräfenhains.... +Der Palast, der damals blinkte, +sieht heut so verschlafen aus. + +Und das blonde Kind, das lachte, +wenn der Knab ihm Küsse warf, +ist nun fort; fern ruht es sachte, +wo es nie mehr lächeln darf. + + + + +IN DUBIIS + + +I + +Es dringt kein Laut bis her zu mir +von der Nationen wildem Streite, +ich stehe ja auf keiner Seite; +denn Recht ist weder dort noch hier. + +Und weil ich nie Horaz vergaß, +bleib gut ich aller Welt und halte +mich unverbrüchlich an die alte +aurea mediocritas. + + +II + +Der erscheint mir als der Größte, +der zu keiner Fahne schwört, +und, weil er vom Teil sich löste, +nun der ganzen Weit gehört. + +Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm +doch nicht klein der Heimat Hort; +denn das Vaterland, es ist ihm +dann sein Haus im Heimatsort. + + + + +BARBAREN + + +Ich weiß von einem Riesenparke +dort, wo die Stadt sich schon verliert; +jetzt nagt die Axt an seinem Marke, +sie sagen: er wird parzelliert. + +Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas, +der Mietskasernen weichen soll, +der war doch wie ein Hain der Pallas +der raunenden Orakel voll. + +Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten, +den Ort, den kein Profaner sah: +Es übertönt der Lärm der Zeiten +das Götterwort der Pythia. + + + +SOMMERABEND + + +Die große Sonne ist versprüht, +der Sommerabend liegt im Fieber, +und seine heiße Wange glüht. +Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...." +Und wieder dann: "Ich bin so müd...." + +Die Büsche beten Litanein, +Glühwürmchen hangt, das regungslose, +dort wie ein ewiges Licht hinein; +und eine kleine weiße Rose +tragt einen roten Heiligenschein. + + + +GERICHTET + + +"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst, +lang ist es her; doch wenn der Schein +des runden Monds das Rathaus küßt, +dann wallen aus dem heilgen Teyn +Gerichtete in Geisterreihn ... + Weh wer sie sah! + +Viel Herren fielen auf dem Ring; +die Herren finden Ruhe nicht;-- +sie zogen eines Nachts: Es ging +voran Herr Christus, groß und licht, +mit ernstem, traurigem Gesicht ... + Und einer sahs! + +Der war ein Maler. Und im Flug +malt er, wie er geschaut, den Ring. +Er malt den ganzen Geisterzug, +dem ernst voran Herr Christus ging. +Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ... + Jetzt ist er tot.-- + + + + +DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE + + +Der Tag ging aus mit mildem Tone, +so wie ein Hammerschlag verklang. +Wie eine gelbe Goldmelone +lag groß der Mond im Kraut am Hang. + +Ein Wölkchen wollte davon naschen, +und es gelang ihm, ein paar Zoll +des hellen Rundes zu erhaschen, +rasch kaut es sich die Bäckchen voll. + +Es hielt sich lange auf der Flucht auf +und zog sich ganz mit Lichte an;-- +da hob die Nacht die goldne Frucht auf: +Schwarz ward die Wolke und zerrann. + + + + +FREIHEITSKLÄNGE + + +Böhmens Volk! In deinen Kreisen +weckt ein neuer Genius +alte, heiße Freiheitsweisen, +und die mahnen nicht mit leisen +Worten, daß dein Fesseleisen +ganz zerschmettert werden muß. + +Diese Streitpoeten blasen +lockend; und in Stücke haun +kannst du, Volk, in deinem Rasen +des Gesetzes Marmorvasen, +doch du kannst aus ihren Phrasen +keine Zukunft dir erbaun. + +Tief in Herz und Sinn in treuer +Hoffnung senk die Liedersaat, +sind dir deine Dichter teuer, +daß daraus ein Lenz, ein neuer, +keime.--Was dann blieb vom Feuer, +das entflamme dich zur Tat. + + + + +NACHTBILD + + +Auch auf der Theaterrampe +wird es stille nach und nach.-- +Eine eitle Bogenlampe +schaut sich in ein Droschkendach. + +Auf dem leeren Gangsteig zucken +Lichter.--Sehn nicht dort am Haus +helle Dachmansardenlucken +wie verweinte Augen aus? + + + + +HINTER SMICHOV + + +Hin gehn durch heißes Abendrot +aus den Fabriken Männer, Dirnen,-- +auf ihre niedern, dumpfen Stirnen +schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not. + +Die Mienen sind verstumpft; es brach +das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle +den Weg, und Staub zieht und Gejohle +wie das Verhängnis ihnen nach. + + + + +IM SOMMER + + +Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer +auf Moldauwogen uns nach Zlichov +zu jenem Kirchlein, hoch und frei. +Im blauen Nebel schwindet Smichov;-- +zur Rechten Flächen braun von Ampfer, +zur Linken stolz die "Loreley". + +Wir legen an; und sieh, ein Alter +begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!" +Am Friedhofsrand dann lehnen wir. +Hoch blaut des Himmels Prachtzyane, +und unser Träumen hebt, ein Falter, +auf Sonnenflügeln sich zu ihr. + + + + +AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis) + + +Auf schloß das Erztor der Kustode. +Du sahst vor Blüten keine Gruft. +Der Lenz verschleierte dem Tode +das Angesicht mit Blust und Duft; +da stieg wie eine Todesode +ein Trauermantel in die Luft. + +Wir sahn ihn beide und wir schwiegen.... +Rings feierte Mittsommerlicht, +in den Syringen summten Fliegen.-- +Da lag ein Schädel vor uns dicht; +aus seinen leeren Augen stiegen +verkümmerte Vergißmeinnicht. + + + + +VIGILIEN + + +I + +Die falben Felder schlafen schon, +mein Herz nur wacht allem; +der Abend refft im Hafen schon +sein rotes Segel ein. + +Traumselige Vigilie! +Jetzt wallt die Nacht durchs Land; +der Mond, die weiße Lilie, +blüht auf in ihrer Hand. + + +II + +Am offnen Stubenfenster lehn ich +und träume in die Nacht hinauf; +das Mondlicht windet silbersträhnig +sich um den schwarzen Kirchturmknauf. + +Sehn wenig Welten aus den Fernen +auch durch den engen Hof ins Haus,-- +es füllte Licht von zehen Sternen +ein ganzes, dunkles Leben aus. + + +III + +Horch, der Schritt der Nacht erstirbt +in der weiten Stille; +meine Schreibtischlampe zirpt +leis wie eine Grille. + +Goldig auf dem Bücherstand +glühn der Bände Rücken: +zu der Fahrt ins Feenland +Pfeiler für die Brücken. + + +IV + +Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht +beim toten Mütterlein verbracht +und hat geweint und hat gewacht;-- +dann gingen Jahre, Jahre sacht: +nie hat sie jener Nacht gedacht. + +Und dann kam eine andre Nacht. +Da hat von Glut und Sünd entfacht +die rote Lippe Lust gelacht, +doch plötzlich--wie durch höhre Macht +dacht sie der Nacht der Leichenwacht. + + + + +DEK LETZTE SONNENGRUSS + +Zu einem Bilde des Benes Knüpfer + +Die Sonne schmolz, die hehre, +ins weiße Meer so heiß. +Zwei Mönche saßen am Meere, +ein blonder und ein Greis. + +Der sann: Geh ich einst rasten, +so friedlich mög es sein-- +und jener: Des Ruhmes Glasten +sollt mir mein Sterben weihn. + + + + +KAISER RUDOLF + + +Hoch auf seiner Himmelswarte +über einer Sternenkarte +sitzt der Kaiser Rudolf dort, +forschend, ob der langerharrte +Flugstern, der die Weisen narrte, +streifen würde diesen Ort. + +Und er fragt den Astrologen, +der am hohen Himmelsbogen +alle Wanderwege weiß: +"Wird von Unglück der betrogen, +den der Stern hineingezogen +in den unheilvollen Kreis?" + +Und der Alte weicht ihm leise +aus: "Der Stern zieht seine Gleise, +Herr, im fernen Ätherreich!" +Und gen Süden sieht der Weise;-- +und der Kaiser schaut die Kreise +seines Globen, ernst und bleich.-- + +Und von Süden kommt Verderben, +kommt Matthias.--Eilge Erben +lassen ihm nur den Hradschin; +und der Kaiser spricht im herben +Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben, +denn schon bin ich tot für 'ihn'. + +Alter! Laß den Bück uns heben! +du hast recht, die Sterne schweben +hoch ob allem Erdenbann; +aber--die nach ihnen streben, +knüpfen selbst ihr dunkles Leben +an die lichten Lose an!--" + + + + +AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE + +Kohlenskizzen in Callots Manier + + +1. KRIEG + + +Feinster ist die Welt geworden,-- +darum Dörfer rasch entloht! +und die Welt ist grau;--drum rot +färbt sie durch das Morden! + +Bauer! Bittest um dein Leben? +Nimm dirs! Aber bei uns bleib! +Herrgott hat dir Ochs und Weib +nur für uns gegeben. + +Laß den Teufel Felder pflügen; +sieh, wir haben stets genung! +Vorwärts--einen Werbetrunk +aus den vollen Krügen! + + + + +2. ALEA JACTA EST + + +"... Tod oder Sold!" +Und jetzt die Trommel schnell +her. Auf das Trommelfell +Würfel gerollt. + +So wird dem Lohn, +der unsre Streiche sucht. +Sieh, der Baum, reiche Frucht +trägt er doch schon! + +Solltest schon längst +hängen dran, Kamerad! +Drum ists nicht jammerschad, +wenn du dann hängst! + + + + +3. KRIEGSKNECHTS-SANG + + +Lag auf einer Trommel nackt, +kaum zwei Spannen lang, +und der rauhe Trommeltakt +war mein Wiegensang. + +Wild zu wettern taugte ich +damals schon im Zorn, +meine Milch, die saugte ich +aus dem Pulverhorn. + +Damals taufte jeden gut +der Korp'ral; beim Schopf +nahm er ihn, goß Schwedenblut +heiß ihm übern Kopf. + + + + +4. KRIEGSKNECHTS-RANG + + +Bei uns gibts nicht Edelinge, +die was gelten durch ihr Blut, +jedes Rang ist jedes Klinge, +und sein Wappen ist der Mut. + +Wer nur immer kühn sein Schwert +hält den Schild von Schande rein, +wer noch gestern unterm Heer zog, +Herzog kann er morgen sein. + + + + +5. BEIM KLOSTER + + +Was gibts?--Eine Klosterpforte?-- +Ei, Potz Blitz! +Eine Tür von dieser Sorte +renn ich ohne viele Worte +ein mit meiner Nasenspitz! + +Auf das Tor ein fester Stempel.... +Pfaffe, komm! +Jetzt heraus mit deinem Krempel, +paar Monstranzen zum Exempel +und paar Kelche: wir sind fromm. + +Laß jetzt dein: Peccavi, pater.... +Leucht zum Wein +uns mit deiner Nase, frater, +dorten kannst du uns ein Rater, +und ein "Seelensorger" sein! + + + + +6. BALLADE + + +Gestern zogen wilde Horden +durch das Dörfchen hin mit Morden, +und ein Mädchen sinnt jetzt still: +Ist der Liebste untreu worden, +weil er heut nicht kommen will?-- +Draußen schrien die Dohlen. + +Mädchen ging mit bleicher Wange +durch das Haus.--Sie harrte lange, +und des Nachts floh sie der Schlaf. +Und sie schlich hinaus zum Hange, +wo sie stets den Teuren traf. +Ängstlich schrien die Dohlen. + +Und die Nacht war schwarz, die schwüle, +fern nur brannte eine Mühle.... +Weinend wählt die matte Maid +sich gar weiches Kraut zum Pfühle +und entschlief in lauter Leid. +Schrieen noch die Dohlen? + +Spät erwacht sie. Nebel grauten +rings--soweit die Augen schauten.... +Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt, +ist das Haar an ihres Trauten +blutigem, zerschelltem Haupt.-- +Schrecklich schrien die Dohlen. + + + + +7. DER FENSTERSTURZ + + +"Naht Verrat mit leisem Schritte, +ungerächt, bei der Madonna, +bleibt er nicht! Nach alter Sitte +zu den Fenstern!" schrie Colonna. + +"Schont den Popel! doch die andern, +jeder eine feige Natter, +aus den Fenstern laßt sie wandern! +Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!" + +Bange hangt am Fensterstocke +Martinitz noch.--Da Geröchel: +Turn schwingt seine Degenglocke +und zerschmettert ihm die Knöchel. + +Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er, +Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!" +"Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister +lasse alle Glocken läuten!"-- + + + + +8. GOLD + + +"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold. +Wo hast das Gold du her?"-- +"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold, +kein Obrist hat wohl mehr!" + +"Nein, das ist gutes, rotes Gold, +das kann dein Sold nicht sein!" +"Beim Spielen war das Glück mir hold, +und da ward alles mein!" + +"Ist wirklich alles dein--das Gold, +gesteh,--und ists kein Trug?"-- +"Nun, Würfel haben mit gerollt +und jetzt laß es genug!" + +"Und gibst du mir auch von dem Gold?" +"Das weißt du!"--"Nein, du Schelm, +just auf der Stelle, sieh, ich wollt, +du füllst mir deinen Helm!" + +"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt, +der Glanz gefällt mir gut!-- + + + +... Schau, was dir da am Finger klebt, +kam das vom Golde?--Blut!"--.... + + + + + +9. SZENE + + +Du kniest am Markstein, Alter, sprich!-- +Das ist kein Heilgenbild!" +"Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich +das Schicksal gar so wild." + +"Hast du kein Haus, hast du kein Land, +das deiner Hände braucht?" +"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt, +sieh hin--gewiß--es raucht." + +"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn +und hilft dir aus der Not?" +"Mein Sohn zog in den Krieg davon, +jetzt ist er sicher tot."-- + +"Was streicht dir deines Haares Schnee +der Tochter Hand nicht, weich?"-- +"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh, +da sprang sie in den Teich."-- + +"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach +das Herz dir auch vor Graus...." + + * * * * * + +"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach +mir beide Augen aus." + + + + +10. FEUERLILIE + + +Winters, ab die Äste krachten, +keine Bäche konnten frieren, +weil die Fluten Blutes ihren +Pulsschlag immer neu entfachten. + +Als die Zeit kam, da die Blume +aufwacht und der Vogel flötet, +sprang die Lilie selbst gerötet +aus der todgedüngten Krume. + + + + +11. BEIM FRIEDLAND + + +Heimgekehrt von Schlacht und Schlag +freut sich Obrist und Gemeiner; +denn jetzt hält der Wallensteiner +wieder seinen Hof zu Prag. + +Just ließ frei den Turn er ziehn; +das war so von seinen Trümpfen +einer.--Drauf ward Nasenrümpfen +Mode ... dort bei Hof zu Wien. + +Laßt sie zetern. Friedlands Heer +muß nicht darben und nicht dürsten,-- +und aus Knechten macht er Fürsten, +unser Herzog.--Wer kann mehr? + + + + +12. FRIEDEN + + +Prag gebar die Mißgestalt +dieses Krieges, der voll Tücke +hauste.--Auf der Karlsbrücke +starb er, dreißig Jahre alt. + +Endlich riß das Eisenstück +nur dem Acker eine Schramme, +und vom Kirchturm schlug die Flamme +in den trauten Herd zurück. + + + + +BEI DEN URSULINEN + + +Geh mittags zu den Ursulinen, +wenn man den Armen Speise trug, +da siehst du, wie in müde Mienen +die Not schrieb ihren Namenszug. + +Da siehst du Stirnen, die schon frühe +des Schmerzes Eisenreif umschloß, +und Wangen, die der Dunst der Brühe +mit falscher Röte übergoß. + +Du hörst, wie leisem Dankesworte +sich Fluch bald, bald Gebet gesellt: +so brandet an der Klosterpforte +das ganze Elend dieser Welt. + + + + +AUS DER KINDERZEIT + + +Sommertage auf der "Golka".... +Ich, ein Kind noch--Leise her, +aus dem Gasthaus klingt die Polka, +und die Luft ist sonnenschwer. + +Sonntag ists.--Es liest Helene +lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz +ziehn die Wolken, wie die Schwäne +aus dem Märchen Andersens. + +Schwarze Fichten stehn wie Wächter +bei der Wiesen buntem Schatz; +von der Straße dringt Gelächter +bis zu unserm Laubenplatz. + +An die Mauer lockt uns beide +mancher laute Jubelschrei: +drunten geht im Feierkleide +Paar um Paar zum Tanz vorbei. + +Bunt und selig, Bursch und Holka, +Glück und Sonne im Gesicht!-- +Sommertage auf der "Golka",-- +und die Luft war voller Licht.... + + + + +RABBI LÖW + + +"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem + Bann der Not; +heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns + der Tod. +Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und + kaum hat der Leichenwart +eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das + ist hart." +Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen + Bocher rasch herein--" +So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese + Nacht dich ganz allein;" +"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör, + um Mitternacht +tanzen all die Kindergeister auf den grauen + Steinen sacht. +Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein + Herz beklemmt, +Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn + sein Leichenhemd, +raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir! + Begreifst du wohl?" +"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt + die Antwort hohl. + + +Mitternacht und Mondgegleiße,-- +... und es stürzt der totenblasse +Bocher bebend durch die Gasse, +in der Hand das Hemd, das weiße. + +Da jetzt ... sind das seine Schritte?... +Jach kehrt er zurück das bleiche +Antlitz: weh, die Kindesleiche, +folgt ihm nach, im Aug die Bitte: + +"... Gib das Linnen, ohne Linnen +lassen mich nicht ein die Geister...." +Und der Bocher, halb von Sinnen, +reicht es endlich seinem Meister. + +Und schon naht der Geist mit Klagen.... +"Sag, was sterben hundert binnen +Tagen?--Kind, du mußt es sagen, +früher darfst du nicht von hinnen." + +So der Rabbi.--"Wehe, wehe," +ruft der Geist, "aus unserm Stamme +haben zwei entehrt der Ehe +keusche, reine Altarflamme! + +Hier die Namen!--Sucht nicht fremde +Ursach, daß euch Tod beschieden...." +Und der Rabbi reicht das Hemde +jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!" + +Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung +stieg der Tag in rosgem Licht, +hielt der Rabbi schon Gericht,-- +und der Unschuld ward Befreiung. + +Mit der Geißel des Gesetzes +brandmarkt er die Sünderstirn;-- +langsam löste jedes Hirn +ich vom Bann des Fluchgenetzes. + +Manches Paar war da erschienen, +dankerfüllt, daß Gott verzieh, +und der Weise segnet sie.-- +Freude lag auf aller Mienen. + +Nur der Bocher warf, der bleiche, +sich im Fieber hin und her.... +Doch nach Beth Chaim lange mehr +trug man keine Kindesleiche. + + + + +DIE ALTE UHR + + +Bald hättest, alte Rathausuhr, +du nimmer dürfen Stunden weisen; +sie hätten bald in altem Eisen +versplittert deine letzte Spur. + +Der Geizhals hart zum letztenmal +sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen, +zum letztenmal der Tod mit Glotzen +geschwungen seinen Sensenstahl. + +Dann hätt der Hahn auch ausgekräht. +Und heut noch kräht er; freilich heiser, +noch nickt der Geizhals fort, und leiser +droht ihm des Todes Majestät. + + + + +KÄMPFEN + + +I + +Ein heißer Eid, ein gramerpreßter, +der leicht von jungen Lippen rinnt, +der machte zur barmherzgen Schwester +fast über Nacht ein blondes Kind. + +Des jungen Lebens Wellen fließen +fortan durch Krankenstuben still; +es träumt ihr Herz noch vom Genießen, +wenn auch das Aug es leugnen will. + +Denn mit der Strenge der Asketen +drängt sie zurück, was in ihr quillt, +und geht um Kraft nach Emaus beten +zum wunderstarken Gnadenbild. + + + + +SIEGEN + + +II + +Der Tag beginnt sich kaum zu lichten; +"Heut sei im Glauben stark wie nie +und geh mit Gott an deine Pflichten: +Es ist ein Fall von Diphtherie...." + +Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken, +und doch packt ihn der Tod beim Hals.... +Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken, +erfröstelnd in dem Schutz des Schals. + +Als man vorbei beim Kloster gestern +den Kleinen trug ins Bett von Lehm, +klang aus der "Kirche von den Schwestern" +ganz leis ein Totenrequiem.... + + + + +IM HERBST + + +Ein Riesenspinngewebe, zieht +Altweibersommer durch die Welt sich;-- +und der Laurenziberg gefällt sich +im goldig-bläulichen Habit. + +Weil er so mild herübersieht, +sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken, +die Sonne hinter seinem Rücken +schon frühe ihr Valladolid. + + + + +DER KLEINE "DRATENÍK" + + +Kommt so ein Bursche, ein junger, +Mausfallen, Siebe am Rücken, +folgt mir durch Gassen und Brücken: +"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'. + +Nur einen Krajcar, nur einen +für ein Stück Brot, milost' pánků!" +Da!--Und er stammelt mir Dank zu, +doch läßt nicht Ruh er den Beinen. + +Lebt nicht von bloßem Gelunger.-- +Riecht an den Türen den Braten +und muß die Pfannen doch drahten-- +leer:--das macht 'türkischen Hunger'. + + + + +IN DER VORSTADT + + +Die Alte oben mit dem heisern Husten, +ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott, +sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott.... +Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten. + +Und unten stand der schwarze Kastenwagen. +Die letzte Klasse; als der Totenschrein +sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein, +und dann ward rauh die Türe zugeschlagen. + +Der Kutscher hieb in seine magern Mähren +und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin, +als wenn da nicht ein ganzes Leben drin +voll Weh und Glück und tote Träume waren. + + + + +BEI ST. HEINRICH + + +Hart am Kirchenaltargitter, +wo die Ampel flammt, die matte, +schlaft ein alter, alter Ritter +unter grauer Wappenplatte. + +Lebend hielt er hoch sein Wappen, +sorgte immer für sein Blinken;-- +weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen +alte Weiber drüber hinken? + + + + +MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT + + +Fern dämmert wogender Wälder +beschatteter Saum. +Dann unterbricht +nur hie und da ein Baum +die falbe Fläche hoher Ährenfelder. +Im hellsten Licht +keimt die Kartoffel; dann +ein wenig weiter Gerste, bis der Tann +das Bild begrenzt. +Hoch überm Jungwald glänzt +so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber +aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;-- +und drüber +wölbt sich ein Himmel, blank und blau. + + + + +DAS HEIMATLIED + + +Vom Feld klingt ernste Weise; +weiß nicht, wie mir geschieht.... +"Komm her, du Tschechenmädchen, +sing mir ein Heimatlied."-- + +Das Mädchen läßt die Sichel, +ist hier mit Husch und Hui,-- +setzt nieder sich am Feldrain +und singt: "Kde domov můj".... + +Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen +das Aug mir zugewandt,-- +nimmt meine Kupferkreuzer +und küßt mir stumm die Hand. + + + * * * * * + + + TRAUMGEKRÖNT + + (1897) + + + +KÖNIGSLIED + + +Darfst das Leben mit Würde ertragen, +nur die Kleinlichen macht es klein; +Bettler können dir Bruder sagen, +und du kannst doch ein König sein. + +Ob dir der Stirne göttliches Schweigen +auch kein rotgoldener Reif unterbrach,-- +Kinder werden sich vor dir neigen, +selige Schwärmer staunen dir nach. + +Tage weben aus leuchtender Sonne +dir deinen Purpur und Hermelin, +und, in den Händen Wehmut und Wonne, +liegen die Nächte vor dir auf den Knien.... + + + + +TRÄUMEN + + +I + +Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle; +auf dem Altare prahlt ein wilder Mai. +Der Sturm, der übermütige Geselle, +brach längst die kleinen Fenster schon entzwei; +er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei +und zerrt dort an der Ministrantenschelle. +Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei +ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle +den arg erstaunten fernen Gott herbei. +Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei. +Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle +und schmettert an den Fliesen sie entzwei. + +Und arme Wünsche knien in langer Reih +vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle. +Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei. + + + + +II + +Ich denke an: +--Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen, +drin Hahngekräh; +und dieses Dörfchen verloren gegangen +im Blütenschnee. +Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen +ein kleines Haus; +ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen +verstohlen heraus. +Rasch auf die Türe, die angelheiser +um Hilfe ruft,-- +und dann in der Stube ein leiser, leiser +Lavendelduft.... + + + + +III + +Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen; +vor seiner Türe saß ich spät, +wenn hinter violetten Zweigen +bei halb verhalltem Grillengeigen +die rote Sonne sterben geht. + +Wie eine Mütze grünlich-samten +steht meinem Haus das moosge Dach, +und seine kleinen, dickumrammten +und blank verbleiten Scheiben flammten +dem Tage heiße Grüße nach. + +Ich träumte, und mein Auge langte +schon nach den blassen Sternen hin,-- +vom Dorfe her ein Ave bangte, +und ein verlorner Falter schwankte +im schneeig schimmernden Jasmin. + +Die müde Herde trollte trabend +vorbei, der kleine Hirte pfiff,-- +und in die Hand das Haupt vergrabend, +empfand ick, wie der Feierabend +in meiner Seele Saiten griff. + + + + +IV + +Eine alte Weide trauert +dürr und fühllos in den Mai,-- +eine alte Hütte kauert +grau und einsam hart dabei. + +War ein Nest einst in der Weide, +in der Hütt ein Glück zu Haus; +Winter kam und Weh,--und beide +blieben aus.... + + + + +V + +Die Rose hier, die gelbe, +gab gestern mir der Knab, +heut trag ich sie, dieselbe, +hin auf sein frisches Grab. + +An ihren Blättern lehnen +noch lichte Tröpfchen,--schau! +Nur heute sind es Tränen,-- +und gestern war es Tau.... + + + + +VI + +Wir saßen beisammen im Dämmerlichte. +"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr, +du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte +von der Prinzessin mit goldnem Haar?"-- + +Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage +führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau; +und von der schonen Prinzessin die Sage +weiß sie wie Mütterchen ganz genau.... + + + + +VII + +Ich wollt, sie hätten statt der Wiege +mir einen kleinen Sarg gemacht, +dann wär mir besser wohl, dann schwiege +die Lippe längst in feuchter Nacht. + +Dann hätte nie ein wilder Wille +die bange Brust durchzittert,--dann +wärs in dem kleinen Körper stille, +so still wie's niemand denken kann. + +Nur eine Kinderseele stiege +zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht.... +Was haben sie mir statt der Wiege +nicht einen kleinen Sarg gemacht?-- + + + + +VIII + +Jene Wolke will ich neiden, +die dort oben schweben darf! +Wie sie auf besonnte Heiden +ihre schwarzen Schatten warf. + +Wie die Sonne zu verdüstern +sie vermochte kühn genug, +wenn die Erde lichteslüstern +grollte unter ihrem Flug. + +All die goldnen Strahlenfluten +jener Sonne wollt auch ich +hemmen! Wenn auch für Minuten! +Wolke! Ja, ich neide dich! + + + + +IX + +Mir ist: Die Welt, die laute, krank +hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben +und mir nur ist der Weltgedanke, +der große, in der Brust geblieben. + +Denn so ist sie, wie ich sie dachte; +ein jeder Zwiespalt ist vertost: +auf goldnen Sonnenflügeln sachte +umschwebt mich grüner Waldestrost. + + + +X + +Wenn das Volk, das drohnenträge, +trabt den altvertrauten Trott, +möcbt ich weiße Wandelwege +wallen durch das Duftgehege +ernst und einsam wie ein Gott. + +Wandeln nach den glanzdurchsprühten +Fernen, lichten Lohns bewußt;-- +um die Stirne kühle Blüten +und von kinderkeuschen Mythen +voll die sabbatstille Brust. + + + + +XI + +Weiß ich denn wie mir geschieht? +In den Lüften Düftequalmen +und in bronzebraunen Halmen +ein verlornes Grillenlied. + +Auch in meiner Seele klingt +tief ein Klang, ein traurig-lieber,-- +so hört wohl ein Kind im Fieber, +wie die tote Mutter singt. + + + + +XII + +Schon blinzt aus argzerfetztem Laken +der holde, keusche Götternacken +der früherwachenden Natur, +und nur in tiefentiegnen Talen +zeigt hinter violetten, kahlen +Gebüschen sich mit falschem Prahlen +des Winters weiße Sohlenspur. + +Hin geh ich zwischen Weidenbäumen +an nassen Räderrinnensäumen +den Fahrweg, und der Wind ist mild. +Die Sonne prangt im Glast des Märzen +und zündet an im dunkeln Herzen +der Sehnsucht weiße Opferkerzen +vor meiner Hoffnung Gnadenbild. + + + + +XIII + +Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe +bange verblich. +Weit--ein einziger lohroter Strich +wie eine brennende Geißelnarbe. + +Irre Reflexe vergehn und erscheinen. +Und in der Luft +liegts wie ersterbender Rosenduft +und wie verhaltenes Weinen.... + + + +XIV + +Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke, +und ihre Sterne schauen still, +wie schon des Mondes weiße Barke +im Lindenwipfel landen will. + +Fern hör ich die Fontäne hallen +ein Märchen, das ich längst vergaß,-- +und dann ein leises Apfelfallen +ins hohe, regungslose Gras. + +Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel +und trägt durch alte Eichenreihn +auf seinem blauen Faltcrflügel +den schweren Duft vom jungen Wein. + + + +XV + +Im Schoß der silberhellen Schneenacht +dort schlummert alles weit und breit, +und nur ein ewig wildes Weh wacht +in einer Seele Einsamkeit. + +Du fragst, warum die Seele schwiege, +warum sies in die Nacht hinaus +nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege, +es löschte alle Sterne aus. + + + + +XVI + +Abendläuten. Aus den Bergen hallt es +wieder neu zurück in immer mattern +Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern +von dem grünen Talgrund her, ein kaltes. + +In den weißen Wiesenquellen lallt es +wie ein Stammeln kindischen Gebetes; +durch den schwarzen Tannenhochwald geht es +wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes. + +Durch die Fuge eines Wolkenspaltes +wirft der Abend rote Blutkorallen +nach den Felsenwänden.--Und sie prallen +lautlos von den Schultern des Basaltes. + + + + +XVII + +Weltenweiter Wandrer +walle fort in Ruh.... +also kennt kein andrer +Menschenleid wie du. + +Wenn mit lichtem Leuchten +du beginnst den Lauf, +schlägt der Schmerz die feuchten +Augen zu dir auf. + +Drinnen liegt--als riefen +sie dir zu: versteh!-- +tief in ihren Tiefen +eine Welt voll Weh.... + +Tausend Tränen reden +ewig ungestillt, +und in einer jeden +spiegelt sich dein Bild! + + + + +XVIII + + +Möchte mir ein blondes Glück erkiesen; +doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.-- +Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen, +und der Abend blutet in die Buchen. + +Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder +Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen.... +Und die ersten Sterne kommen wieder +und die Träume, die so traurig machen. + + + + +XIX + +Vor mir liegt ein Felsenmeer, +Sträucher, halb im Schutt versunken, +Todesschweigen.--Nebeltrunken +hangt der Himmel drüber her. + +Nur ein matter Falter schwirrt +rastlos durch das Land, das kranke.... +Einsam, wie ein Gottgedanke +durch die Brust des Leugners irrt. + + + +XX + +Die Fenster glühten an dem stillen Haus, +der ganze Garten war voll Rosendüften. +Hoch spannte über weißen Wolkenklüften +der Abend in den unbewegten Lüften +die Schwingen aus. + +Ein Glockenton ergoß sich auf die Au.... +Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken, +Und heimlich über flüstervollen Birken +sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken +ins blasse Blau. + + + + +XXI + +Es gibt so wunderweiße Nächte, +drin alle Dinge Silber sind. +Da schimmert mancher Stern so lind, +als ob er fromme Hirten brächte +zu einem neuen Jesuskind. + +Weit wie mit dichtem Demantstaube +bestreut, erscheinen Flur und Flut, +und in die Herzen, traumgemut, +steigt ein kapellenloser Glaube, +der leise seine Wunder tut. + + + +XXII + +Wie eine Riesenwunderblume prangt +voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze, +ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze, +die Mainacht hangt. + +Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt.... +Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter, +nach Morgen, wo aus feuerroter Aster +er Sterben trink.... + + + +XXIII + +Wie, jegliches Gefühl vertiefend, +ein süßer Drang die Brust bewegt, +wenn sich die Mainacht, sternetriefend, +auf mäuschenstille Plätze legt-- + +Da schleichst du hin auf sachter Sohle +und schwärmst zum blanken Blau hinauf, +und groß wie eine Nachtviole +geht dir die dunkle Seele auf.... + + + + +XXIV + +O gabs doch Sterne, die nicht bleichen, +wenn schon der Tag den Ost besäumt; +von solchen Sternen ohnegleichen +hat meine Seele oft geträumt. + +Von Sternen, die so milde blinken, +daß dort das Auge landen mag, +das müde ward vom Sonnetrinken +an einem goldnen Sommertag. + +Und schlichen hoch ins Weltgetriebe +sich wirklich solche Sterne ein,-- +sie müßten der verborgnen Liebe +und allen Dichtern heilig sein. + + + + +XXV + +Mir ist so weh, so weh, als müßte +die ganze Welt in Grau vergehn, +als ob mich die Geliebte küßte +und sprach: Auf Nimmerwiedersehn. + +Als ob Ich tot wär und im Hirne +mir dennoch wühlte wilde Qual, +weil mir vom Hügel eine Dirne +die letzte, blasse Rose stahl.... + + + + +XXVI + +Matt durch der Tale Gequalme wankt +Abend auf goldenen Schuhn,-- +Falter, der träumend am Halme hangt, +weiß nichts vor Wonne zu tun. + +Alles schlürft hei! an der Stille sich.-- +Wie da die Seele sich schwellt, +daß sie als schimmernde Hülle sich +legt um das Dunkel der Welt. + + + + +XXVII + +Ein Erinnern, das ich heilig heiße, +leuchtet mir durchs innerste Gemüt, +so wie Götterbildermarmorweiße +durch geweihter Haine Dämmer glüht. + +Das Erinnern einstger Seligkeiten, +das Erinnern an den toten Mai,-- +Weihrauch in den weißen Händen, schreiten +meine stillen Tage dran vorbei.... + + + + +XXVIII + +Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken, +keinen lauten Lenz mehr mag,-- +will nur einen sonnenblanken, +wipfelroten Frühherbsttag. + +Will die Lust, die jubelschrille, +nicht mehr in die Brust zurück,-- +will nur Sterbestübenstille +drinnen--für mein totes Gluck. + + + * * * * * + + + LIEBEN + + + +I + + +Und wie mag die Liebe dir kommen sein? +Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein, +kam sie wie ein Beten?--Erzähle: + +Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los +und hing mit gefalteten Schwingen groß +an meiner blühenden Seele.... + + +II + + +Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,-- +mir bangte fast vor seiner schweren Pracht.... +Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen +tief in der Nacht. + +Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,-- +ich hatte grad im Traum an dich gedacht. +Du kamst, und leis wie eine Märchenweise +erklang die Nacht.... + + +III + + +Einen Maitag mit dir beisammen sein, +und selbander verloren ziehn +durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn +zu der Laube von weißem Jasmin. + +Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun, +jeder Wunsch in der Seele so still.... +Und ein Glück sich mitten in Mailust baun, +ein großes,--das ists, was ich will.... + + +IV + + +Ich weiß nicht, wie mir geschieht.... +Weiß nicht, was Wonne ich lausche, +mein Herz ist fort wie im Rausche, +und die Sehnsucht ist wie ein Lied. + +Und mein Mädel hat fröhliches Blut +und hat das Haar voller Sonne +und die Augen von der Madonne, +die heute noch Wunder tut. + + +V + + +Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte +und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind? +Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte, +und du warst damals noch ein Kind. + +Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte +ein junges Hoffen und ein alter Gram.... +Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante +den "Werther" aus den Händen nahm. + +Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen, +dein Auge sah mich groß und selig an. +Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen, +und Lichter gingen durch den Tann.... + + +VI + +Wir saßen beide in Gedanken +im Weinblattdämmcr--du und ich-- +und über uns in duftgen Ranken +versummte wo ein Hummel sich. + +Reflexe hielten, bunte Kreise, +in deinem Haare flüchtig Rast.... +Ich sagte nichts als einmal leise: +"Was du für schöne Augen hast." + + +VII + +Blondköpfchen hinter den Scheiben +hebt es sich ab so fein,-- +sternt es ins Stäubchentreiben +oder zu mir herein? + +Ist es das Köpfchen, das liebe, +das mich gefesselt hält, +oder das Staubchengetriebe +dort in der sonnigen Welt? + +Keins sieht zum andern hinüber. +Heimlich, die Stirne voll Ruh +schreitet der Abend vorüber.... +Und wir? Wir sehn ihm halt zu.-- + + +VIII + + +Die Liese wird heute just sechzehn Jahr. +Sie findet im Klee einen Vierung.... +Fern drängt sichs wie eine Bubenschar: +die Löwenzähne mit blondem Haar +betreut vom sternigen Schierling. + +Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan, +der strotzige, lose Geselle. +Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn +und lacht und wälzt durch den Wiesenplan +des Windes wallende Welle.... + + +IX + + +Ich träume tief im Weingerank +mit meiner blonden Kleinen; +es bebt ihr Händchen, elfenschlank, +im heißen Zwang der meinen. + +So wie ein gelbes Eichhorn huscht +das Licht hin im Reflexe, +und violetter Schatten tuscht +ins weiße Kleid ihr Kleckse. + +In unsrer Brust liegt glückverschneit +goldsonniges Verstummen. +Da kommt in seinem Sammerkleid +ein Hummel Segen summen.... + + +X + + +Es ist ein Weltmeer voller Lichte, +das der Geliebten Aug umschließt, +wenn von der Flut der Traumgesichte +die keusche Seele überfließt. + +Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers +so wie ein Kind, das stockt im Lauf, +geht vor der Pracht des Christbaumzimmers +die Flügeltüre lautlos auf. + + +XI + + +Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß: +Heut kommt Base Olga zu Gaste. +Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies +ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte. + +Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang +und frischte sich mäßig die Kehle; +und wie mein Glas an das deine klang, +da ging mir ein Riß durch die Seele. + +Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß +mich dem Plaudern der andern zu einen, +denn tief im trockenen Halse saß +mir würgend ein wimmerndes Weinen. + +Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück +und küßtest die Lippen mir lange, +und ich gab dir fiebernde Küsse zurück +auf die Stirne, den Mund und die Wange. + +Und da machtest du leise die Augen zu, +die Wonne blind zu ergründen.... +Und mir ahnte im Herzen: da wärest du +am liebsten gestorben in Sünden.... + + +XII + + +Die Nacht im Silberfunkenkleid +streut Trâume eine Handvoll, +die füllen mir mit Trunkenheit +die tiefe Seele randvoll. + +Wie Kinder eine Weihnacht sehn +voll Glanz und goldnen Nüssen,-- +seh ich dich durch die Mainacht gehn +und alle Blumen küssen. + + +XIII + +Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft, +und unter Farren bluteten Zyklamen, +die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft, +es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen. +Du warst von unserm weiten Weg erschlafft, +ich sagte leise deinen süßen Namen: +Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft +aus deines Herzens weißem Liliensamen +die Feuerlilie der Leidenschaft. + +Rot war der Abend--und dein Mund so rot, +wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden, +und jene Flammen, die uns jäh durchloht, +sie leckten an den neidischen Gewanden.... +Der Wald war stille, und der Tag war tot. +Uns aber war der Heiland auferstanden, +und mit dem Tage starben Neid und Not. +Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen, +und leise stieg das Glück aus weißem Boot. + + +XIV + +Es leuchteten im Garten die Syringen, +von einem Ave war der Abend voll,-- +da war es, daß wir voneinander gingen +in Gram und Groll. + +Die Sonne war in heißen Fieberträumen +gestorben hinter grauen Hängen weit, +und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen +dein weißes Kleid. + +Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen +und bangte bebend wie ein furchtsam Kind, +das lange in ein helles Licht gesehen: +Bin ich jetzt blind?-- + + +XV + +Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,-- +dann fühl ich mich so ernst und alt,-- +wenn nur ganz leis dein glockenreines +Gelächter in mir widerhallt. + +Wenn dann in großem Kinderstaunen +dein Auge aufgeht, tief und heiß,-- +möcht ich dich küssen und dir raunen +die schönsten Märchen, die ich weiß. + + +XVI + +Nach einem Glück ist meine Seele lüstern, +nach einem kurzen, dummen Wunderwahn.... +Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern +da hör ichs nahn.... + +Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen, +in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,-- +dann unter schattenschweren Blütenbäumen +seh ich es nahn. + +In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote, +am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch, +am Herzen jene Blume nur, die rote, +trug es die auch?... + + +XVII + +Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen, +vom Abschiedsweh die Augen beide rot... +"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen." +Ich sagte bang: "Die sind schon tot." + +Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern +stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern. +Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern, +und eine Dohle schrie von fern-- + + +XVIII + +Im Frühling oder im Traume +bin ich dir begegnet, einst, +und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag, +und du drückst mir die Hand und weinst. + +Weinst du ob der jagenden Wolken? +Ob der blutroten Blätter? Kaum. +Ich fühl es: du warst einmal glücklich +im Frühling oder im Traum.... + + +XIX + +Sie hatte keinerlei Geschichte, +ereignislos ging Jahr um Jahr-- +auf einmal kams mit lauter Lichte.... +die Liebe oder was das war. + +Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen, +da liegt ein Teich vor ihrem Haus.... +So wie ein Traum scheints zu beginnen, +und wie ein Schicksal geht es aus. + + +XX + +Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell +erstorben im eigenen Blute. +Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell +auf der Kleinen verbogenem Hute. + +Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich +sie die Hand mir schmeichelnd und leise.-- +Kein Mensch in der Gasse als sie und ich.... +Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise". + +Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot +in den Stoff meines Mantels vergrabend.... +Vom Hütchen nickte die Rose rot, +und es lächelte müde der Abend. + + +XXI + +Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh +will mich das Schicksal noch segnen, +wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh +lachende Mädchen begegne.... +Lachen hör ich sie gerne. + +Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr, +nie kann ichs, wähn ich, vergessen... +Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor, +will ich mirs singen ... Indessen +singens schon oben die Sterne.... + + +XXII + +Es ist lang,--es ist lang.... +wann--weiß ich gar nimmer zu sagen.... +eine Glocke klang, eine Lerche sang-- +und ein Herz hat so selig geschlagen. +Der Himmel so blank überm Jungwaldhang, +der Flieder hat Blüten getragen,-- +und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank, +das Auge voll staunender Fragen.... + Es ist lang,--es ist lang.... + + + + + + ADVENT + + (1898) + + + + +ADVENT + + +Es treibt der Wind im Winterwalde +die Flockenherde wie ein Hirt, +und manche Tanne ahnt, wie balde +sie fromm und lichterheilig wird, +und lauscht hinaus. Den weißen Wegen +streckt sie die Zweige hin--bereit, +und wehrt dem Wind und wächst entgegen +der einen Nacht der Herrlichkeit. + + + + + + GABEN + + AN VERSCHIEDENE FREUNDE + + + +Das ist mein Streit: +Sehnsuchtgeweiht +durch alle Tage Sehweifen, +Dann, stark und breit, +mit tausend Wurzelstreifen +rief in das Leben greifen-- +und durch das Leid +weit aus dem Leben reifen, +weit aus der Zeit! + +Du meine heilige Einsamkeit, +du bist so reich und rein und weit +wie ein erwachender Garten. +Meine heilige Einsamkeit du-- +halte die goldenen Türen zu, +vor denen die Wünsche warten. + +Der Bach hat leise Melodien, +und fern ist Staub und Stadt; +die Wipfel winken her und hin +und machen mich so matt. + +Der Wald ist wild, die Welt ist weit, +mein Herz ist hell und groß; +es hält die blasse Einsamkeit +mein Haupt in ihrem Schoß. + +Ich liebe vergessene Flurmadonnen, +die ratlos warten auf irgendwen, +und Mädchen, die an einsame Bronnen, +Blumen im Blondhaar, träumen gehn. + +Und Kinder, die in die Sonne singen +und staunend groß zu den Sternen sehn, +und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen, +und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn. + +Warst du ein Kind in froher Schar, +dann kannst du's freilich nicht erfassen, +wie es mir kam, den Tag zu hassen +als ewig feindliche Gefahr. +Ich war so fremd und so verlassen, +daß ich nur tief in blütenblassen +Mainächten heimlich selig war. + +Am Tag trug ich den engen Ring +der feigen Pflicht in frommer Weise. +Doch abends schlich ich aus dem Kreise, +mein kleines Fenster klirrte--kling-- +sie wußtens nicht. Ein Schmetterling, +nahm meine Sehnsucht ihre Reise, +weil sie die weiten Sterne leise +nach ihrer Heimat fragen ging. + + + + +PFAUENFEDER: + + +in deiner Feinheit sondergleichen, +wie liebte ich dich schon als Kind. +Ich hielt dich für ein Liebeszeichen, +das sich an silberstillen Teichen +in kühler Nacht die Elfen reichen, +wenn alle Kinder schlafen sind. + +Und weil Großmütterchen, das gute, +mir oft von Wünschegerten las, +so träumte ich, du Zartgemute, +in deinen feinen Fasern flute +die kluge Kraft der Rätselrute-- +und suchte dich im Sommergras. + +Oft denk ich auf der Alltagsreise +der Nacht, und daß ein Traum mir frommt, +der mir mit Lippen, kühl und leise, +die schwüle Stirne küssen kommt. + +Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen +zu sehn.--Der Tag ist karg und klein, +die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen +und könnte eine Sage sein. + + + + +DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE-- + + +das müßte sein von jenen blanken +Lenztagen einer, da die Kranken +man vor die dunklen Türen bringt. +Im Flieder ist ein Spatzenzanken, +weil keinem rechter Sang gelingt. +Der Bach, dem alle Bande sanken, +weiß nicht, was tun vor Glück, und springt +bis aufwärts zu den Bretterplanken, +dahinter Beete, kiesumringt, +und Blumenblühn und Birkenschwanken. +Und vor dem Häuschen, goldbezinkt, +um das der Frühling seine Ranken +wie liebeleise Arme schlingt-- +ein blondes Kind, das in Gedanken +das schönste meiner Lieder singt. + +An manchem Tag ist meine Seele still: +Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen. +Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen +dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen +den Jubel seiner Arme fesseln will. + +Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin +in ratlos-sehnendem Erhörenwollen: +Sie warten auf den Sonntag mit den vollen +Gestühlen und dem großen Orgelrollen-- +und blasse Ampeln schwanken her und hin. + + +Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt +in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen, +um Beifall bettelt und um Würde wirbt, +und endlich arm ein armes Sterben stirbt +im Weihrauchabend gotischer Kapellen,-- +nennt ihr das Seele? + +Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit, +in der die Welten weite Wege reisen, +mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit +in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit +und will hinauf und will mir ihnen kreisen.... +Und das ist Seele. + + +Die hohen Tannen armen heiser +im Winterschnee, und bauschiger +schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser. +Die weißen Wege werden leiser, +die trauten Stuben lauschiger. + +Da singt die Uhr, die Kinder zittern: +Im grünen Ofen kracht ein Scheit +und stürzt in lichten Lohgewittern,-- +und draußen wächst im Flockenflittern +der weiße Tag zur Ewigkeit. + + +Der Abend kommt von weit gegangen +durch den verschneiten, leisen Tann. +Dann preßt er seine Winterwangen +an alle Fenster lauschend an. + +Und stille wird ein jedes Haus; +die Alten in den Sesseln sinnen, +die Mütter sind wie Königinnen, +die Kinder wollen nicht beginnen +mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen +nicht mehr. Der Abend horcht nach innen +und innen horchen sie hinaus. + + +Das Wetter war grau und grell; +der Abend ist lichter und leiser. +Sicher kommt irgendein Kaiser: +Alle Häuser sind hell. +Und so festlich und weich +war das Abendgebimmel; +die Alten schaun in den Himmel, +und die Kinder sind reich. + + +Sonne verlodert am Himmelsrain. +Durch ernteverarmte Krumen +waten die Weiber feldein. + +An den verschimmernden Schienenreihn +beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein, +sinnen Sonnenblumen. + + +Du arme, alte Kapelle +mit deiner verstaubten Zier-- +der Frühling baut eine helle +Kirche neben dir. + +Viel frierende Frauen hinken +in deine Weihrauchruh, +draußen die Kinder winken +allen Rosen zu. + + +Die Mädchen singen: +Alle Mädchen erwarten wen, +wenn die Bäume in Blüten stehn; +wir müssen immer nähn und nähn, +bis uns die Augen brennen. +Unser Singen wird nimmer froh, +fürchten uns vor dem Frühling so: +Finden wir einmal ihn irgendwo, +wird er uns nicht mehr erkennen. + + +Lehnen im Abendgarten beide, +lauschen lange nach irgendwo. +"Du hast Hände wie weiße Seide...." +Und da staunt sie: "Du sagst das so...." + +Etwas ist in den Garten getreten, +und das Gitter hat nicht geknarrt, +und die Rosen in allen Beeten +heben vor seiner Gegenwart. + + +Eine der weißen Vestageweihten +lächelte Gnade dem Todbereiten, +löste ihm von der Stirn die Schmach. + +Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten +des todbefreiten, Schulter breiten +Epheben nach. + + +Im Kreise der Barone +der König ritt zur Jagd. +Ihm wohnte in roter Krone +ein einsamer Smaragd. + +Da gibts unter hellen Hufen +Wege so weit und weiß; +keiner hört Hilfe rufen, +und der Mittag ist heiß.... + +Ob einer den König erkannte? + +Die Dohlen im Abend schrien. + +Die allerkühnste spannte +den Flug schon über Ihn: +Auf des Königs Stirne brannte +ein einsamer Rubin. + + +Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit. +In blanken Sälen schleichen leise Schauer. +Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer, +und alle Wege weltwärts sind verschneit. + +Darüber hängt der Himmel brach und breit. +Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden +hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen.... +Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit. + + +Irgendwo muß es Paläste geben, +drin die Fenster von Staub verschnein; +in der Säle hallende Reihn +tauchen tote Tage hinein: +Gestalten wallen, es warnt der Schrein; +und kein lustiger Leuchterschein +reicht In das einsame Seltsamsein.... + +Dorten wollen wir Feste gehen-- +märchenallein. + + +Im Schlosse mit den roten Zinken +wär ich so gern des Abends Gast. +Die Fenster glühn, die Falten sinken, +und meine weißen Wünsche winken +mir aus dem lodernden Palast. + +Ich will durch lange Hallen schleichen +und in die tiefen Gärten schaun, +die über alle Marken reichen. +Und Frauen lächeln an den Teichen, +und in den Wiesen prahlen Pfaun.... + + +Einmal möcht ich dich wiederschauen, +Park, mit den alten Lindenalleen, +und mit der leisesten aller Frauen +zu dem heiligen Weiher gehn. + +Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen +gleiten leise auf glänzendem Glatt, +aus der Tiefe tauchen die Rosen +wie Sagen einer versunkenen Stadt. + +Und wir sind ganz allein im Garten, +drin die Blumen wie Kinder stehn, +und wir lächeln und lauschen und warten, +und wir fragen uns nicht, auf wen.... + + +Es kommt in prunkenden Gebreiten +der Abend wie ein leiser Gott. +Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten +durch purpurbunte Einsamkeiten +in bügelleichtem Träumertrott. + +Ich atme tief. Ich werde Kaiser. +Mein heiler Helm ist losgeschnallt, +und meine Stirne streifen Reiser +und rauschen so. Und leiser, leiser +hallt Huf und Ruf im roten Wald. + + +Horch, verhallt nicht ein scheuer +Schrei von den Hängen her? +Aus dem morschen Klostergemäuer +kann der Abend nicht mehr. +Er sucht sich wund an der Wand. +Und mit hilfloser Hand +in das Säulengedränge, +in ewige Gänge, +wirft er den Brand. +Feuer.-- +In schlichtem Gewand +flieht er, der Heimkehr singender Heuer +leise gesellt, ins verlöschende Land. + + +Der König Abend weiß sich schwach +und satt, und ihm geschieht: +Er schenkt sein Gold dem jungen Bach, +der einem Hirtensingen nach +in Menschen lande zieht. + +Jetzt ist der Bach ein Königskind. +Er jubelt laut Alarm +und gibt den wunden Krumen blind +sein Gold.--Und wo die Hütten sind, +dort ist er wieder arm. + + +Der Tag entschlummert leise,-- +ich walle menschenfern.... +Wach sind im weiten Kreise +ich--und ein bleicher Stern. + +Sein Auge licht durchwoben +ruht flimmernd hell auf mir, +er scheint am Himmel droben +so einsam, wie ich hier.... + + + + + + FAHRTEN + + + + +VENEDIG + + +I + + +Fremdes Rufen. Und wir wählen +eine Gondel, schwarz und schlank: +Leises Gleiten an den Pfählen +einer Marmorstadt entlang. + +Still. Die Schiffer nur erzählen +sich. Die Ruder rauschen sacht, +und aus Kirchen und Kanälen +winkt uns eine fremde Nacht. + +Und der schwarze Pfad wird leiser, +fernes Ave weht die Luft,-- +traun: Ich bin ein toter Kaiser, +und sie lenken mich zur Gruft. + + + +II + + +Immer ist mir, daß die leisen +Gondeln durch Kanäle reisen +irgend jemand zum Empfang; +denn das Warten dauert lang, +und das Volk ist arm und krank, +und die Kinder sind wie Waisen. + +Lange harren die Paläste +auf die Herren, auf die Gäste, +und das Volk will Kronen sehn. +Auf dem Markusplatze stehn +möcht ich oft und irgendwen +fragen nach dem fernen Feste.... + + + +III + + +Mein Ruder sang: +Poppé, fahr zu! +Ein Volk von Sklaven +drängt sich im Hafen +um nüchterne Feste, +und die Paläste +können nicht schlafen. +Poppé, fahr zu! + +Eisige Ruh +in Marmorgliedern, +mit matten Lidern +erschauern die Plätze. +Im Gassennetze +betteln die Niedern. +Poppe, fahr zu! + +Sag mir, weißt du +noch von den Toten, +die hier geboten +in köstlichen Kronen? +Wo sie jetzt wohnen, +die Purpurroten? + +Poppé, fahr zu! + + + +IV + + +Ave weht von den Türmen her, +immer noch hörst du die Kirchen erzählen; +doch die Paläste an stillen Kanälen +verraten nichts mehr. + +Und vorbei an der Traumesruh +ihrer schlafenden Stirnen schwanken +leise Gondeln wie schwarze Gedanken +dem Abend zu. + + + + +ENGLAR IM EPPAN + + +Später Weg. Die Hütten kauern, +und das dumpfe Dorf schläft ein. +Ernste Türme seh ich dauern, +weit aus weißen Blütenschauern +wächst ihr Weltverlorensein. + +Abendbrand in brachen Zinnen, +und der Wind fährt durch den Saal. +Und für wen im Burghof drinnen +immer noch die Brunnen rinnen-- +keiner weiß es dort im Tal. + + + + +TENNO + + +Der Kirchhof hoch im Sommerschnee +gehört zum Berghof hin; +wie über einem Hochlandsee +wacht Frieden über ihn. +Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl. +Der Rasen schüchtert frühfrostfahl, +die Kreuze arm, die Hügel kahl, +und sacht und selten wächst die Zahl: +einmal. + +Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal. +Im kleinen Dorf ist kleine Wahl +und kleines Glück und kleine Qual,-- +drum läuten sie so fern im Tal: +einmal,--einmal,--einmal.-- + + + + +CASABLANCA + + +Am Berge weiß ich trutzen +ein Kirchlein mit rostigem Knauf, +wie Mönche in grauen Kapuzen +steigen Zypressen hinauf. + +Vergessene Heilige wohnen +dort einsam im Altarschrein; +der Abend reicht ihnen Kronen +durch hohle Fenster hinein. + + + + +ARCO + + +Die Hochschneezinne, schartig scharf, +loht auf wie eine Mauerkrone, +in die der lachende Nerone, +der Morgen, seine Fackel warf. + +Und wie die Flammen bis ins Blau +sich zu verblühten Sternen strecken, +erwacht das Tal in schönem Schrecken +und taucht empor aus Traum und Tau. + + + + +I MULINI + + +Du müde, morsche Mühle, +dein Moosrad feiert Ruh, +aus der Olivenkühle +schaut dir der Abend zu. + +Der Bach singt wie verloren +Menschenlieder nach, +tiefer über die Ohren +ziehst du dein trutziges Dach. + + + + +BODENSEE + + +Die Dörfer sind wie ein Garten. +In Türmen von seltsamen Arten +klingen die Glocken wie weh. +Uferschlösser warten +und schauen durch schwarze Scharten +müd auf den Mittagsee. + +Und schnellende Wellchen spielen, +und goldene Dampfer kielen +leise den lichten Lauf; +und hinter den Uferzielen +tauchen die vielen, vielen +Silberberge auf. + + + + +KONSTANZ + + +Dem Tag ist so todesweh +Müd gießt er aus goldenen Kelchen +Wein in den Bergesschnee. + +Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh, +ein Stern überm Uferschleh, +und ziere, zitternde Weilchen +gittern den Abendsee. + + + + + + FUNDE + + + + +Wenn wie ein leises Flügelbreiten +sich in den späten Lüften wiegt,-- +ich möchte immer weiter schreiten +bis in das Tal, wo riefgeschmiegt +an abendrote Einsamkeiten +die Sehnsucht wie ein Garten liegt. + +Vielleicht darf ich dich dorten rinden, +und zage wird dein erstes Mühn +die wehen Wünsche mir verbinden, +du wirst mich führen tief ins Grün-- +und heimlich werden weiße Winden +an meinem staubigen Stabe blühn. + + + + +Ich möchte draußen dir begegnen, +wenn Mai auf Wunder Wunder häuft, +und wenn ein leises Seelensegnen +von allen Zweigen niederträuft. + +Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken, +Jasmin die weißen Arme streckt +und lind den ewgen Wehgedanken +der Stirne Christi überdeckt. + + + + +Ich mußte denken unverwandt, +wie ich einst zwischen schwarzen Pinien +den tiefen Frühling sinnen fand, +als ich vor deiner Schönheit stand +und durch der Scheitel dunkle Linien +dein Antlitz träumte wie ein Land. + +Es schlich von deiner Lippen Saum +ein Lächeln auf verlornem Pfade-- +ganz leis. Die andern merktens kaum. +So weht ein Blatt vom Blütenbaum: +Nur einer schaut die Frühlingsgnade, +und der sie schaut, ist wie im Traum. + + + + +Fremd ist, was deine Lippen sagen, +fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid +fremd ist, was deine Augen fragen, +und auch aus unsern wilden Tagen +reicht nicht ein leises Wellenschlagen +an deine tiefe Seltsamkeit. + +Du bist wie jene Bildgestalten, +die überm leeren Altarspind +noch immer ihre Hände falten, +noch immer alte Kränze halten, +noch immer leise Wunder walten-- +wenn längst schon keine Wunder sind. + + + + +Du bist so fremd, du bist so bleich. +Nur manchmal glüht auf deinen Wange +ein hoffnungsloses Heimverlangen +nach dem verlornen Rosenreich. + +Dann sehnt dein Auge, tief und klar, +aus allem Müssen, allem Mühen +ins Land, wo nichts als stilles Blühen +die Arbeit deiner Hände war. + + + + +Weißt du, ich will mich schleichen +leise aus lautem Kreis, +wenn ich erst die bleichen +Sterne über den Eichen +blühen weiß. + +Wege will ich erkiesen, +die selten wer betritt +in blassen Abendwiesen-- +und keinen Traum, als diesen: +Du gehst mit. + + + + +Bei dir ist es traut: +Zage Uhren schlagen +wie aus weiten Tagen. +Komm mir ein Liebes sagen: +aber nur nicht laut. + +Ein Tor geht irgendwo +draußen im Blütentreiben. +Der Abend horcht an den Scheiben. +Laß uns leise bleiben: +Keiner weiß uns so. + + + + +Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten +aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein. +Schau, ich will nichts, als deine Hände halten +und still und gut und voller Frieden sein. + +Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben +den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit: +An ihren morgenroten Molen sterben +die ersten Wellen der Unendlichkeit. + + + + +Du, Hände, welche immer geben, +die müssen blühn von fremdem Glück. +Zart wie ein zartes Birkenbeben, +bleibt von dem gebenden Erleben +ein Rhythmenzittern drin zurück. + +Das sind die Hände mit den schmalen +Gelenken, die sich leise mühn; +und wüßten die von Kathedralen, +sie müßten sich in Wundenmalen +vor allem Volke heiligblühn. + + + + +Bist gewandert durch Wahn und Weh, +kommst aus meinen dunkelsten Tagen, +hast dir eine Brücke geschlagen +bis zu mir über Schuld und Schnee. + +Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot, +und auf kronengoldenen Locken +trägst du flüchtige Federflocken +in den fröhlichen Frühlingstod. + + + + +Will dir den Frühling zeigen, +der hundert Wunder hat. +Der Frühling ist waldeigen +und kommt nicht in die Stadt. + +Nur die weit aus den kalten +Gassen zu zweien gehn +und sich bei den Händen halten-- +dürfen ihn einmal sehn. + + + + +Und dieser Frühling macht dich bleicher, +in weite Wiesen will dein Fuß, +dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher, +und deine Hände werden reicher +mit jedem Wink, mit jedem Gruß. + +Du holst aus düfteschwüler Lade +dein Konfirmandenkleidchen dreist +und trägst es in die wilden Pfade +und schmückst dich für die große Gnade, +die deine Seele blühen heißt. + + + + +Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß +weit aus dem Abend bringen. +Ich geh in die goldene Stunde hinaus, +und die Fenster leuchten am letzten Haus, +drin spielende Kinder singen. + +Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei, +drin singende Kinder wohnen, +und mein Wandern wächst und wächst in den Mal +und kann nicht zurück,--und die Blüten, verzeih, +die wind ich mir alle zu Kronen. + + + + +Bist du so müd? Ich will dich leise leiten +aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß. +Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten. +Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten, +harrt schon der Abend wie ein helles Schloß. + +Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen, +und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus.... +Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen: +Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,-- +du, winde wieder einen Kranz daraus. + + + + +Du: +ein Schloß an wellenschweren, +atlasblassen Abendmeeren-- +und in seinen säulenhehren +Sälen warten Preis und Prunk, +uns zu ehren: + +Weil wir beide wiederkehren-- +ohne Kronen und mit leeren +Händen-- + aber jung + + + + +Purpurrote Rosen binden +möcht ich mir für meinen Tisch +und, verloren unter Linden, +irgendwo ein Mädchen finden, +klug und blond und träumerisch. + +Möchte seine Hände fassen, +möchte knieen vor dem Kind +und den Mund, den sehnsuchtblassen, +mir von Lippen küssen lassen, +die der Frühling selber sind. + + + + +Ein Händeineinanderlegen, +ein langer Kuß auf kühlen Mund, +und dann; auf Schimmer weißen Wegen +durchwandern wir den Wiesengrund. + +Durch leisen, weißen Blütenregen +schickt uns der Tag den ersten Kuß,-- +mir ist: wir wandeln Gott entgegen, +der durchs Gebreite kommen muß. + + +Du willst dir einen Pagen küren? +Mich komm erküren, Königin. +Mir klingt aus alten Aventüren +ein Sang in Saitenspiel und Sinn. + +Ich will ins weiße Schloß dich führen, +in dem ich selber König bin, +und singen hinter tausend Türen +für meine weiße Königin. + + + + +Abend hat mich müd gemacht, +und in meinen Sinnen schrillen +kleine Wünsche mit den Grillen. + +Wo das blasse Land verflacht, +liegen lauter weiße Villen +hinter roter Rosenpracht. + +Liegen wie auf leiser Wacht +weiße Villen an dem stillen +Uferrand der Frühlingsnacht. + + + + +Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen +Stunden mich in der wirbelnden Kreise +wirres Geflimmer? +Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen. +Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer +einsam, mit heimlichem Lächeln, leise, +leise--Tage und Träume bauen. + + + + +Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang. +Das war im Traum. Und deine Seele klang. + +Ganz leise tönte meine Seele mit, +und beide Seelen sangen sich; Ich litt. + +Da wurde Friede tief in mir. Ich lag +im Silberhimmel zwischen Traum und Tag. + + + + +Wie meine Träume nach dir schrein. +Wir sind uns mühsam fremd geworden, +jetzt will es mir die Seele morden, +dies arme, bange Einsamsein. + +Kein Hoffen, das die Segel bauscht. +Nur diese weite, weiße Stille, +in die mein tatenloser Wille +in atemlosem Bangen lauscht. + + + + +Und du warst schön. In deinem Auge schien +sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen. +Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin +dich ein: So kam dich meine Liebe krönen. +Und meine nächteblasse Sehnsucht stand, +weißbindig wie der Vesta Priesterin, +an deines Seelentempels Säulenrand +und streute lächelnd weiße Blüten hin. + + + + +Du hast so große Augen, Kind. +Du siehst gewiß oft nachts Gestalten, +die, fremd und bleich, in marmorkalten +Traumhänden rote Kronen halten, +um die ein Leuchten leise rinnt. +Dann ist dein Blick am Tag wie blind +und deine Seele wie zerspalten, +dann bangt dir vor den Alltagsalten, +wenn Wünsche sich in dir entfalten, +die allen andern Wahnsinn sind. + +Dann ist die Sehnsucht dir erwacht, +stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern, +die plump, mit Händen, blöd und bleiern, +auf deiner Silberseele leiern +das irre Lied, das sterblich macht; +zu fliehn in eine blaue Nacht, +drin alle Wipfel lauschend feiern; +der Glieder Hymne zu entschleiern +und scheu im Schoß von weißen Weihern +zu finden ihre nackte Pracht. + + + + +Du sahst in hohe Lichthofmauern +und spieltest still in dumpfem Raum, +es lag ein unverstandnes Trauern +auf deinem blassen Kindheitsträum. + +Und deine Tage waren bleiern, +die Mutter krank, der Vater roh; +und manchmal kam ein Krüppel leiern-- +dann lauschtest du und weintest so. + +Was kann dir nun der Sommer taugen? +Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag, +durchirren deine Heimwehaugen +den uferlosen Sonnentag. + + + + +Sie war: +Ein unerwünschtes Kind, verstoßen +auch aus der Mutter Nachtgebet, +und ewig fern von jenem Großen, +das gebend durch die Zeiten geht. + +Sie wünschte wenig--und nur selten +kam wie ein Weinen über sie +nach einem Land mit Purpurzelten, +nach einer fremden Melodie, + +nach weißen Wegen, die nicht stauben-- +dann bog sie Rosen sich ins Haar, +und konnte doch nie Liebe glauben, +auch wenn es tief im Frühling war. + + + + +Wenn ich dir ernst ins Auge schaute, +klang oft dein Wort so kummerkrank, +wie eine leise Liebeslaute, +die einsam einst ein Meister baute, +als seine Seele Sehnsucht sang. + +Sie lernte seither leichte Lieder +und tönte gern zu Tag und Tanz,-- +da greift ein Träumer ihre Glieder: +und wie erwachend weint sie wieder +das Heimweh ihres Heimatlands. + + + + +Ja, früher, wenn ich an dich dachte, +wie Wunder wars: ein Mai erwachte +um dich im Aureolenglänz, +und meine Sehnsucht träumte sachte +um deine Stirne einen Kranz. + +Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen +ins Herz den herbstverhangnen Hainen, +schleicht an den bleichen Meilensteinen +ein wunder Sonnenuntergang. + + + + +Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land. +Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband +lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand, +darüber aus nassem Nebelgewand +reckte die Weide die Totenhand. + +Mir war so traurig. Ich starrte und stand. +Ich sah dich kauern am Wegesrand. +Einst hab ich dich und das Glück gekannt. +Du weintest wühlend und unverwandt, +und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland? + +Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt.... +Da hab ich dich wieder wie einst genannt; +doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand. +Die Pappeln kohlten im Abendbrand, +und der Tod ging rot durch dein Heimatland. + + + + +Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte +ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt-- +Siehst du den Mond, wie eine silberechte +Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt: +ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt-- +Das ist das Zeichen toter Liebesnächte. + +Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben? +Und jede läßt die Schwester schauernd los +und muß allein verdarben und verderben, +und alle fallen fahl in deinen Schoß. +Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß. +Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben. + + + + +Kannst du die alten Lieder noch spielen? +Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh +wie die Schiffe mit silbernen Kielen, +die nach heimlichen Inselzielen +treiben im leisen Abendsee. + +Und sie landen am Blütengestade, +und der Frühling ist dort so jung. +Und da findet an einsamem Pfade +vergessene Götter in wartender Gnade +meine müde Erinnerung. + + + + +Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas, +die deine Hand zu pflegen nie vergaß? + Schon tot? +Wo ist die Freude deiner Wangen hin, +die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien-- + Verloht? +Und wo ist unser Glück so groß und rein, +das hell dein Haar wie ein Madonnenschein + Umspann? +Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach, +und morgen kommt der Frost uns ins Gemach-- + Und dann? + + + + + + MÜTTER + + + + +Ich sehne oft nach einer Mutter mich, +nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln. +In ihrer Liebe blühte erst mein Ich; +sie könnte jenen wilden Haß vereiteln, +der eisig sich in meine Seele schlich. + +Dann säßen wir wohl beieinander dicht, +ein Feuer surrte leise im Kamine. +Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht, +und Friede schwebte ob der Teeterrine +so wie ein Falter um das Lampenlicht. + + + + +Mir ist oft, daß ich fragen müßt: +Du, Mutter, was hast du gesungen, +eh deinem blassen, blonden Jungen +der Schlaf die Wangen warm geküßt? + +Hattest du damals sehr viel Gram? +Und weißt du, wie du aufgesprungen, +wenn deinem blassen, blonden Jungen +im tiefen Traum ein Weinen kam? + + + + +Ich gehe unter roten Zweigen +und suche einen späten Strauß. +Weiß nicht vor Glück wo ein und aus, +mir ist so neu, mir ist so eigen: +Mein Lieb ist müd und ist zu Haus. + +Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel, +seit sich sein Mieder weiter zieht, +und seit ein Wunder ihm geschieht: +Bald hat es breite braune Scheitel +und sitzt und singt ein Wiegenlied. + + + + +Leise weht ein erstes Blühn +von den Lindenbäumen, +und, in meinen Träumen kühn, +seh ich dich im Laubengrün +hold im ersten Muttermühn +Kinderhemdchen säumen. + +Singst ein kleines Lied dabei, +und dein Lied klingt in den Mai: + Blühe, blühe, Blütenbaum, + tief im trauten Garten. + Blühe, blühe, Blütenbaum, + meiner Sehnsucht schönsten Traum + will ich hier erwarten. + + Blühe, blühe Blütenbaum, + Sommer wird dirs zahlen. + Blühe, blühe, Blütenbaum. + Schau, ich säume einen Saum + hier mit Sonnenstrahlen. + + Blühe, blühe, Blürenbaum, + balde kommt das Reifen. + Blühe, blühe, Blütenbaum, + meiner Sehnsucht schönsten Traum + lehr mich, ihn begreifen. + +Singst ein kleines Lied dabei, +und dein Lied ist lauter Mai. + + Und der Blütenbaum wird blühn, + blühn vor allen Bäumen, + sonnig wird dein Saum erglühn, + und verklärt im Laubengrün + wird dein junges Muttermühn + Kinderhemdchen säumen. + + + + +Und reden sie dir jetzt von Schande, +da Schmerz und Sorge dich durchirrt,-- +o, lächle, Weib! Du stehst am Rande +des Wunders, das dich weihen wird. + +Fühlst du in dir das scheue Schwellen, +und Leib und Seele wird dir weit-- +o, bete, Weib! Das sind die Wellen +der Ewigkeit. + + + + +DER BLONDE KNABE SINGT: +Was weinst du, Mutter? Ist das Spind +auch bettelleer,--sei gut! +Ich bin dein blondes Kronenkind, +und du hast Edelblut. + +Ich schaute ja, du weißt es nicht,-- +wie du so oft noch spät +beim morgenmatten Lampenlicht +dein Königskleid genäht. + +So bist du eine Königin, +und sei nicht bang und zag-- +und bis Ich erst krafteigen bin, +kommt unser Königs tag. + + + + +DIE MUTTER: +"Liebling, hast du gerufen?" +Es war ein Wort im Wind. +"Wie viele steile Stufen +sind noch bis zu dir, mein Kind?"-- +Da fand ihre Stimme die Sterne, +fand aber die Tochter nicht. + +Im Tale in tiefer Taverne +löschte ein letztes Licht. + + + + +Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß, +wilder, wie Strüme, die schäumen, +wilder, wie Sturm in den Bäumen. +Und leise läßt sie die Stunden los +und schenkt ihre Seele den Träumen. + +Dann erwacht sie. Da steht ein Stern +still überm leisen Gelände, +und ihr Haus hat ganz weiße Wände-- +Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern-- +und faltet die alternden Hände. + + + + + +INHALT + + +LARENOPFER (1896) + +Im alten Hause +Auf der Kleinseite +Ein Adelshaus +Der Hradschin +Bei St. Veit +Im Dome +In der Kapelle St. Wenzels +Vom Lugaus +Der Bau +Im Stübchen +Zauber +Ein anderes +Noch eines +Und das letzte +Im Erkerstübchen +Der Novembertag +Im Straßenkapellchen +Das Kloster +Bei den Kapuzinern +Abend +Jar. Vrchlický +Im Kreuzgang von Loretto +Der junge Bildner +Frühling +Land und Volk +Der Engel +Allerseelen I. II. +Bei Nacht +Abend +Auf dem Wolschan I + II +Wintermorgen +Brunnen +Sphinx +Träume +Maitag +König Abend +An der Ecke +Heilige +Das arme Kind +Wenns Frühling wird +Als ich die Universität bezog +Superavit +Trotzdem +Herbststimmung +An Julius Zeyer +Der Träumer I + II +Die Mutter +Unser Abendgang +Kajetan Týl +Volksweise +Das Volkslied +Dorfsonntag +Mein Geburtshaus +In dubiis I. II. +Barbaren +Sommerabend +Gerichtet +Das Märchen von der Wolke +Freiheitsklänge +Nachtbild +Hinter Smichov +Im Sommer +Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis) +Vigilien I. II. + III. IV. +Der letzte Sonnengruß +Kaiser Rudolf +Aus dem Dreißigjährigen Kriege. 1. Krieg + 2. Alea jacta est + 3. Kriegsknechts-Sang + 4. Kriegsknechts-Rang + 5. Beim Kloster + 6. Ballade + 7. Der Fenstersturz + 8. Gold + 9. Szene + 10. Feuerlilie + 11. Beim Friedland + 12. Frieden +Bei den Ursulinen +Aus der Kinderzeit +Rabbi Löw +Die alte Uhr +Kämpfen +Siegen +Im Herbst +Der kleine "Drateník" +In der Vorstadt +Bei St. Heinrich +Mittelböhmische Landschaft +Das Heimatlied + +TRAUMGEKRÖNT (1897) + +Königslied +Träumen +I. Mein Herz gleicht +II. Ich denke an: +III. Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen +IV. Eine alte Weide trauert +V. Die Rose hier, die gelbe +VI. Wir saßen beisammen +VII. Ich wollt, sie hätten statt der Wiege +VIII. Jene Wolke will ich neiden +IX. Mir ist: Die Welt +X. Wenn das Volk, das drohnenträge +XI. Weiß ich denn, wie mir geschieht +XII. Schon blinzt +XIII. Fahlgrauer Himmel +XIV. Die Nacht liegt duftschwer +XV. Im Schoß der silberhellen +XVI. Abendläuten +XVII. Weltenweiter Wandrer +XVIII. Möchte mir ein blondes Glück erkiesen +XIX. Vor mir liegt ein Felsenmeer +XX. Die Fenster glühten +XXI. Es gibt so wunderweiße Nächte +XXII. Wie eine Riesenwunderblume +XXIII. Wie, jegliches Gefühl vertiefend. +XXIV. O gäbs doch Sterne +XXV. Mir ist so weh, so weh, als müßte +XXVI. Matt durch der Tale +XXVII. Ein Erinnern, das ich heilig heiße +XXVIII. Glaubt mir + +LIEBEN + +I. Und wie mag die Liebe +II. Das war der Tag +III. Einen Maitag mit dir beisammen sein +IV. Ich weiß nicht, wie mir geschieht +V. Ob dus noch denkst +VI. Wir saßen beide in Gedanken +VII. Blondköpfchen hinter den Scheiben +VIII. Die Liese wird heute +IX. Ich träume tief im Weingerank +X. Es ist ein Weltmeer voller Lichte +XI. Ich war noch ein Knabe +XII. Die Nacht im Silberfunkenkleid +XIII. Schon starb der Tag +XIV. Es leuchteten im Garten die Syringen +XV. Oft scheinst du mir ein Kind +XVI. Nach einem Glück +XVII. Wir gingen +XVIII. Im Frühling oder im Traume +XIX. Sie hatte keinerlei Geschichte +XX. Man merkte: der Herbst kam +XXI. Manchmal da ist mir +XXII. Es ist lang + +ADVENT (1898) + +Advent. Es treibt der Wind + +GABEN + +Das ist mein Streit +Du meine heilige Einsamkeit +Der Bach hat leise Melodien +Ich liebe vergessene Flurmadonnen +Warst du ein Kind in froher Schar +Pfauenfeder: in deiner Feinheit +Oft denk ich auf der Alltagsreise +Damit ich glücklich wäre +An manchem Tag ist meine Seele still +Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt +Die hohen Tannen atmen heiser +Der Abend kommt von weit gegangen +Das Wetter war grau und grell +Sonne verlodert am Himmelsrain +Du arme, alte Kapelle +Die Mädchen singen +Lehnen im Abendgarten beide +Eine der weißen Vestageweihten +Im Kreise der Barone +Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit +Irgendwo muß es Paläste geben +Im Schlosse mit den roten Zinken +Einmal möcht ich dich wiederschauen +Es kommt in prunkenden Gebreiten +Horch, verhallt nicht ein scheuer +Der König Abend weiß sich schwach +Der Tag entschlummert leise + +FAHRTEN + +Venedig I. Fremdes Rufen +II. Immer ist mir, daß die leisen +III. Mein Ruder sang +IV. Ave weht von den Türmen her +Englar im Eppan +Tenno +Casablanca +Arco +I mulini +Bodensee +Konstanz + +FUNDE + +Wenn wie ein leises Flügelbreiten +Ich möchte draußen dir begegnen +Ich mußte denken unverwandt +Fremd ist, was deine Lippen sagen +Du bist so fremd, du bist so bleich +Weißt du, ich will mich schleichen +Bei dir ist es traut +Die Nacht holt heimlich +Du, Hände, welche immer geben +Bist gewandert durch Wähn und Weh +Will dir den Frühling zeigen +Und dieser Frühling macht dich bleicher +Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß +Bist du so müd? Ich will dich leise leiten +Du: ein Schloß an wellenschweren +Purpurrote Rosen binden +Ein Händeineinanderlegen +Du willst dir einen Pagen küren? +Abend hat mich müd gemacht +Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen +Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang +Wie meine Träume nach dir schrein +Und du warst schön. In deinem Auge schien +Du hast so große Augen, Kind +Du sahst in hohe Lichthofmauern +Sie war: Ein unerwünschtes Kind +Wenn ich dir ernst ins Auge schaute +Ja, früher, wenn ich an dich dachte +Ich ging durch ein Land +Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte +Kannst du die alten Lieder noch spielen +Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas + +MÜTTER + +Ich sehne oft nach einer Mutter mich +Mir ist oft, daß ich fragen müßt +Ich gehe unter roten Zweigen +Leise weht ein erstes Blühn +Und reden sie dir jetzt von Schande +Der blonde Knabe singt +Die Mutter +Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE *** + +***** This file should be named 33821-0.txt or 33821-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33821/ + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Erste Gedichte + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: September 30, 2010 [EBook #33821] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE *** + + + + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + + + + + +</pre> + + + + +<h1>ERSTE GEDICHTE</h1> + +<h3>Von</h3> + +<h2>RAINER MARIA RILKE</h2> + + +<h4>LEIPZIG</h4> + +<h4>IM INSEL-VERLAG</h4> + +<h4>MCMXIII</h4> + + +<hr style="width: 95%;" /> +<h3><a href="#INHALT">INHALT</a></h3> +<hr style="width: 45%;" /> + +<p> +<span style="margin-left: 5em;">LARENOPFER</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_ALTEN_HAUSE" id="IM_ALTEN_HAUSE"></a>IM ALTEN HAUSE<br /> +<br /> +<br /> +Im alten Hause; vor mir frei<br /> +seh ich ganz Prag in weiter Runde;<br /> +tief unten geht die Dmmerstunde<br /> +mit lautlos leisem Schritt vorbei.<br /> +<br /> +Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.<br /> +Nur hoch, wie ein behelmter Hne,<br /> +ragt klar vor mir die grnspangrne<br /> +Turmkuppel von Sankt Nikolas.<br /> +<br /> +Schon blinzelt da und dort ein Licht<br /> +fern auf im schwlen Stadtgebrause.—<br /> +Mir ist, da in dem alten Hause<br /> +jetzt eine Stimme "Amen" spricht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUF_DER_KLEINSEITE" id="AUF_DER_KLEINSEITE"></a>AUF DER KLEINSEITE<br /> +<br /> +<br /> +Alte Huser, steilgegiebelt,<br /> +hohe Trme voll Gebimmel,—<br /> +in die engen Hfe liebelt<br /> +nur ein winzig Stckchen Himmel.<br /> +<br /> +Und auf jedem Treppenpflocke<br /> +mde lchelnd—Amoretten;<br /> +hoch am Dache um barocke<br /> +Vasen rieseln Rosenketten.<br /> +<br /> +Spinnverwoben ist die Pforte<br /> +dort. Verstohlen liest die Sonne<br /> +die geheimnisvollen Worte<br /> +unter einer Steinmadonne.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="EIN_ADELSHAUS" id="EIN_ADELSHAUS"></a>EIN ADELSHAUS<br /> +<br /> +<br /> +Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:<br /> +wie schn will mir sein grau er Glast erscheinen.<br /> +Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen<br /> +und dort, am Eck, die trbe, fette Lampe.<br /> +<br /> +Auf einer Fensterbrstung nickt ein Tauber,<br /> +als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;<br /> +und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:<br /> +das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich—Zauber.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_HRADSCHIN" id="DER_HRADSCHIN"></a>DER HRADSCHIN<br /> +<br /> +<br /> +Schau so gerne die verwetterte<br /> +Stirn der alten Hofburg an;<br /> +schon der Blick des Kindes kletterte<br /> +dort hinan.<br /> +<br /> +Und es gren selbst die eiligen<br /> +Moldauwellen den Hradschin,<br /> +von der Brcke sehn die Heiligen<br /> +ernst auf ihn.<br /> +<br /> +Und die Trme schaun, die neueren,<br /> +alle zu des Veitsturms Knauf<br /> +wie die Kinderschar zum teueren<br /> +Vater auf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_ST_VEIT" id="BEI_ST_VEIT"></a>BEI ST. VEIT<br /> +<br /> +<br /> +Gern steh ich vor dem alten Dom;<br /> +wie Moder weht es dort, wie Fule,<br /> +und jedes Fenster, jede Sule<br /> +spricht noch ihr eignes Idiom.<br /> +<br /> +Da hockt ein reich geschnrkelt Haus<br /> +und lchelt Rokoko-Erotik,<br /> +und hart daneben streckt die Gotik<br /> +die drren Hnde betend aus.<br /> +<br /> +Jetzt wird mir klar der casus rei;<br /> +ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:<br /> +der Herr Abb hier—ihm zuseiten<br /> +die Dame des roi soleil.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_DOME" id="IM_DOME"></a>IM DOME<br /> +<br /> +<br /> +Wie von Steinen rings, von Erzen<br /> +weit der Wnde Wlbung funkelt,<br /> +eine Heilge, braungedunkelt,<br /> +dmmert hinter trben Kerzen.<br /> +<br /> +Von der Decke, rundgemauert,<br /> +schwebt ob eines Engels Kopfe<br /> +hell ein weier Silbertropfe,<br /> +drin ein ewig Lichtlein kauert.<br /> +<br /> +Und im Eck, wo Goldgeglaste<br /> +niederhangt in staubgen Klumpen,<br /> +steht in Schmutz gehllt und Lumpen<br /> +still ein Kind der Bettlerkaste.<br /> +<br /> +Von dem ganzen Glnze flo ihm<br /> +in die Brust kein Fnkchen Segen....<br /> +Zitternd, matt, streckts mir entgegen<br /> +seine Hand mit leisem: "Prosim!"<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS" id="IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS"></a>IN DER KAPELLE ST. WENZELS<br /> +<br /> +<br /> +Alle Wnde in der Halle<br /> +voll des Prachtgesteins; wer wte<br /> +sie zu nennen: Bergkristalle,<br /> +Rauchtopase, Amethyste.<br /> +<br /> +Zauberhell wie ein Mirakel<br /> +glnzt der Raum im Lichtgetnzel,<br /> +unterm goldnen Tabernakel<br /> +ruht der Staub des heilgen Wenzel.<br /> +<br /> +Ganz von Leuchten bis zum Scheitel<br /> +ist die Kuppel voll, die hohle;<br /> +und der Goldglast sieht sich eitel<br /> +in die gelben Karneole.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VOM_LUGAUS" id="VOM_LUGAUS"></a>VOM LUGAUS<br /> +<br /> +<br /> +Dort, seh ich Trme, kuppig bald wie Eicheln<br /> +und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;<br /> +dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen<br /> +schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.<br /> +<br /> +Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten<br /> +sieh St. Mariens Doppeltrme blitzen.<br /> +Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fhlerspitzen<br /> +in sich des Himmels violette Tinten!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_BAU" id="DER_BAU"></a>DER BAU<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(1)</span><br /> +<br /> +Die moderne Bauschablone<br /> +will mir wahrlich gar nicht passen.<br /> +Hier, dies alte Haus darf fassen<br /> +reiche, weite Steinterrassen,<br /> +kleine, heimliche Balkone.<br /> +<br /> +Und die weitgewlbten Decken,<br /> +die so gnstig sind den Lauten,<br /> +Nischen rings, die eingebauten,<br /> +draus die Arme sich der trauten<br /> +Dmmrung dir entgegenstrecken.<br /> +<br /> +Alle Mauern breiter, strker<br /> +und aus echten Quaderkernen;—<br /> +traun, das Gruseln knnt ich lernen,<br /> +seh ich auf die Zinskasernen<br /> +aus dem kleinen, Stillen Erker.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_STUBCHEN" id="IM_STUBCHEN"></a>IM STBCHEN<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(2)</span><br /> +<br /> +Traut ists, wenn verstohlen heulen<br /> +im Kamine wilde Winde<br /> +in der Stube; ganz gelinde<br /> +tickt auf dem barocken Spinde<br /> +fort die Stockuhr mit den Sulen.<br /> +Dort, die kleine Silhouette<br /> +zeigt die alte Tracht der Locken,<br /> +tief im Fenster steht ein Rocken,<br /> +und vergene Tne stocken<br /> +im verlassenen Spinette.<br /> +Immer noch hegt die Postille,<br /> +da an ihrem Geist erfrische<br /> +jung und alt sich, auf dem Tische,<br /> +und der Spruch ob jener Nische<br /> +lautet: "Es gescheh Dein Wille...."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ZAUBER" id="ZAUBER"></a>ZAUBER<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(3)</span><br /> +<br /> +Oft seh ich die heimliche Stube belebt,<br /> +so lebhaft erzhlen die Wnde;<br /> +ein liebliches Mdchen, halb Kind noch, hebt<br /> +dort zu der Madonna die Hnde.<br /> +<br /> +Ein tchtiger Junge beim Vater steht,<br /> +der viel zu des Hauses Gewinn tat.<br /> +An huben sie flsternd das Abendgebet,<br /> +und Mutter lt ruhen das Spinnrad.<br /> +<br /> +Da deucht mich, es wird wohl das Auge na<br /> +sogar der Madonna im Rahmen.<br /> +Ich lausche:—Laut von des Vaters Ba<br /> +ertnt das vershnende: "Amen".<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="EIN_ANDERES" id="EIN_ANDERES"></a>EIN ANDERES<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(4)</span><br /> +<br /> +Naht der Sohn mit schwerem Schritt<br /> +seinem Vater. Schwer die Zunge....<br /> +"Wirklich, was, ein Brutchen, junge?!<br /> +Vorwrts, nur herein damit!"<br /> +<br /> +Und da steht zum erstenmal<br /> +jetzt das Mdchen rot und stille;<br /> +und der Vater putzt die Brille:<br /> +"Teufel! Gut war deine Wahl!"<br /> +<br /> +Und er streckt die Arme aus,<br /> +und das Brutchen nimmt verlegen<br /> +seinen Ku und seinen Segen....<br /> +Davon wei das alte Haus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="NOCH_EINES" id="NOCH_EINES"></a>NOCH EINES<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(5)</span><br /> +<br /> +Auch dem blonden Kinde kam es<br /> +In sein Herz, sein waldseereines,<br /> +wie das dunkle Ahnen eines<br /> +groen Glckes oder Grames.<br /> +<br /> +Und die Mutter lie das Rdchen<br /> +stocken.—"Kind, was macht dich leiden?"<br /> +Strmisch schluchzend schwieg das Mdchen:<br /> +doch verstanden sich die beiden.<br /> +<br /> +Kurz darauf: Am Pfrtchen pochte<br /> +junger Herr.—"Wollt ihr euch?"—Pause.—<br /> +Ob!—Wer da noch fragen mochte!?—<br /> +So geschahs im alten Hause.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="UND_DAS_LETZTE" id="UND_DAS_LETZTE"></a>UND DAS LETZTE<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(6)</span><br /> +<br /> +Still heut die Stube.—Wei wie Kalk<br /> +ist Frauchens Antlitz. Md und lustlos<br /> +ihr feuchtes Auge; halb bewutlos<br /> +lehnt sie bei Vaters Katafalk.<br /> +<br /> +Zuseiten ihr der Gatte kann<br /> +sie trsten mehr in keiner Weise;<br /> +nun fat er ihre Hnde leise<br /> +und sieht sie ernst und bittend an.<br /> +<br /> +"Mein Mtterchen, nimm diesen Strau!"<br /> +tnt trher hell das Wort des Kleinen;<br /> +da glimmt ein Lcheln durch ihr Weinen,<br /> +und Trost geht durch das alte Haus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_ERKERSTUBCHEN" id="IM_ERKERSTUBCHEN"></a>IM ERKERSTBCHEN<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 6em;">(7)</span><br /> +<br /> +Nicht zu sehn das Alltagstreiben,<br /> +flieh ich—wie wenn ich ein Strau war,—<br /> +in das alte, alte Haus her;<br /> +lang dann seh ich nicht hinaus mehr<br /> +durch die breit verbleiten Scheiben.<br /> +<br /> +Schlichtheit war der Vter Aussaat,<br /> +Glck die Frucht, die sie gefunden;<br /> +sitz so trumend manche Stunden<br /> +dort im Polsterstuhl, im runden,<br /> +mitten in Urvterhausrat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_NOVEMBERTAG" id="DER_NOVEMBERTAG"></a>DER NVEMBERTAG<br /> +<br /> +<br /> +Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,<br /> +seine tausend Jubelstimmen schweigen;<br /> +hoch vom Domturm wimmern gar so eigen<br /> +Sterbeglocken in Novembernebeln.<br /> +<br /> +Auf den nassen Dchern liegt verschlafen<br /> +weies Dunstlicht; und mit kalten Hnden<br /> +greift der Sturm in des Kamines Wnden<br /> +eines Totenkarmens Schluoktaven.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN" id="IM_STRAssEN_KAPELLCHEN"></a>IM STRAEN KAPELLCHEN<br /> +<br /> +<br /> +Bei St. Loretto da brennt ein Licht<br /> +vorm Bilde im Straenkapellchen;<br /> +und um das Wandbild schmiegen sich dicht<br /> +Blechblumen mit farbigen Kelchen.<br /> +<br /> +Die Heiligen machen ein bel Gesicht;<br /> +denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat<br /> +nicht Achtung fr sie; bei Loretto das Licht<br /> +schaut fromm in den dmmernden Sabbat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_KLOSTER" id="DAS_KLOSTER"></a>DAS KLOSTER<br /> +<br /> +<br /> +Im Dmmerdustgeschwel<br /> +ist schon die Stadt zerronnen<br /> +hoch steht das Haus der Nonnen<br /> +des Ordens von Carmel.<br /> +<br /> +Der Abend hpft hangab<br /> +vorbei mit Feuergarben<br /> +und windet tausend Farben<br /> +um jeden Fensterstab.<br /> +<br /> +Er schmckt das dstre Haus<br /> +umsonst mit Lichtgeglnze;<br /> +So sehen frische Krnze<br /> +auf Leichensteinen aus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_DEN_KAPUZINERN" id="BEI_DEN_KAPUZINERN"></a>BEI DEN KAPUZINERN<br /> +<br /> +<br /> +Es hat der Pater Guardian<br /> +vom Klosterschnaps mir angeboten;<br /> +ich kenn ihn schon, den dunkelroten,<br /> +der alle Toten wecken kann.<br /> +<br /> +Der Pater sucht den Schlssel, klein,<br /> +dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,<br /> +und holt den Schatz, den selbstgebrauten,<br /> +hervor aus dem Reliquienschrein.<br /> +<br /> +Und wie er einschenkt, lacht er feist<br /> +und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,<br /> +die einstens ruhten in dem Schreine,<br /> +doch uns erhalten blieb——der Geist!"<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABEND_I" id="ABEND_I"></a>ABEND<br /> +<br /> +<br /> +Einsam hinterm letzten Haus<br /> +geht die rote Sonne schlafen,<br /> +und in ernste Schluoktaven<br /> +klingt des Tages Jubel aus.<br /> +<br /> +Lose Lichter haschen spt<br /> +noch sich auf den Dcherkanten,<br /> +wenn die Nacht schon Diamanten<br /> +in die blauen Fernen st.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="JAR_VRCHLICKY" id="JAR_VRCHLICKY"></a>JAR. VRCHLICK<br /> +<br /> +<br /> +Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,<br /> +wo oft ich Ungemach verga,<br /> +md nicken krause Chrysanthemen<br /> +im hohen Venezianergls.<br /> +<br /> +Ich las in einem Band Gedichte<br /> +gar lange; wie die Zeit entschwand!<br /> +Jetzt erst im Abenddmmerlicbte<br /> +leg ich sie selig aus der Hand.<br /> +<br /> +Mir ist, von gttlichen Problemen<br /> +htt ich die Lsung jetzt erlauscht,—<br /> +hat mich der Hauch der Chrysanthemen,<br /> +hat mich Vrchlicks Buch berauscht?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO" id="IM_KREUZGANG_VON_LORETTO"></a>IM KREUZGANG VON LORETTO<br /> +<br /> +<br /> +Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,<br /> +wo ber krausen Sulenarabesken<br /> +herniederschaun aus halb verwischten Fresken<br /> +geheimnisvolle Heiligengestalten.<br /> +<br /> +Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht<br /> +so manchen gnadenvollen Heilmirakels,<br /> +prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels<br /> +im silberbersten Seidenkleid.<br /> +<br /> +Spannt ber Blttergold Sptsommerhaar<br /> +sich drauen auch im Klosterhof Lorettos,—<br /> +vor einem Bild im Stile Tintorettos<br /> +steht selig still ein junges Liebespaar.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_JUNGE_BILDNER" id="DER_JUNGE_BILDNER"></a>DER JUNGE BILDNER<br /> +<br /> +<br /> +Ich mu nach Rom; in unser Stdtchen<br /> +kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurck;<br /> +nicht weinen; sieh, geliebtes Mdchen,<br /> +ich mach in Rom mein Meisterstck.<br /> +<br /> +Er sprachs; dann zog er fort im Rausche<br /> +durch jene Welt, die er erhofft;<br /> +doch war ihm, seine Seele lausche<br /> +auf einen innern Vorwurf oft.<br /> +<br /> +Die Unrast trieb ihn heim, die arge:<br /> +Er bildete mit nassem Blick<br /> +sein armes, fahles Lieb im Sarge,<br /> +und das—das war sein Meisterstck.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="FRUHLING" id="FRUHLING"></a>FRHLING<br /> +<br /> +<br /> +Die Vgel jubeln—lichtgeweckt—,<br /> +die blauen Weiten fllt der Schall aus;<br /> +im Kaiserpark das alte Ballhaus<br /> +ist ganz mit Blten berdeckt.<br /> +<br /> +Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll<br /> +ins junge Gras mit groen Lettern.<br /> +Nur dorten unter welken Blttern<br /> +seufzt traurig noch ein Steinapoll.<br /> +<br /> +Da naht ein Lftchen, fegt im Tanz<br /> +hinweg das gelbe Blattgeranke<br /> +und legt um seine Stirn, die blanke,<br /> +den blauenden Syringenkranz.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LAND_UND_VOLK" id="LAND_UND_VOLK"></a>LAND UND VOLK<br /> +<br /> +<br /> +...Gott war guter Laune. Geizen<br /> +ist doch wohl nicht seine Art;<br /> +und er lchelte: da ward<br /> +Bhmen, reich an tausend Reizen.<br /> +<br /> +Wie erstarrtes Licht liegt Weizen<br /> +zwischen Bergen, waldbehaart,<br /> +und der Baum, den dichtgeschaart<br /> +Frchte drcken, fordert Spreizen.<br /> +<br /> +Gott gab Htten; voll von Schafen<br /> +Stlle; und der Dirne klafft<br /> +vor Gesundheit fast das Mieder.<br /> +<br /> +Gab den Burschen all, den braven,<br /> +in die raube Faust die Kraft,<br /> +in das Herz—die Heimatlieder.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br /> +<br /> +<br /> +Hin geh ich durch die Malvasinka<br /> +die Kinderreih, wo sanft und gut<br /> +die kleine Anka oder Ninka<br /> +in ihrem letzten Bettchen ruht.<br /> +<br /> +Auf einem schmalen Schollenhgel<br /> +kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,<br /> +mit staubigem, gebrochnem Flgel<br /> +ein Engelchen aus rohem Ton.<br /> +<br /> +Das flgellahme Kindchen flte<br /> +mir Mitleid ein,—das arme Ding....<br /> +Da, sieh! Von seinen Lippen lste<br /> +sich leicht ein kleiner Schmetterling.—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ALLERSEELEN" id="ALLERSEELEN"></a>ALLERSEELEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Rings liegt der Tag von Allerseelen<br /> +voll Wehmut und voll Bltenduft,<br /> +und hundert bunte Lichter schwelen<br /> +vom Feld des Friedens in die Luft.<br /> +<br /> +Sie senden Palmen heut und Rosen;<br /> +der Grtner ordnet sie mit Sinn—<br /> +und kehrt zum Eck der Glaubenslosen<br /> +die alten, welken Blumen hin.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +"Jetzt beten, Willi,—und nicht reden!"<br /> +Mit groem Aug gehorcht der Knab.<br /> +Der Vater legt den Kranz Reseden<br /> +auf seines armen Weibes Grab.<br /> +<br /> +"Die Mutter schlft hier! Mach ein Kreuz nun!"<br /> +Klein Willi sieht empor und macht,<br /> +wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,<br /> +da er am Weg heraus gelacht!<br /> +<br /> +Es sticht im Auge ihn—wie Weinen....<br /> +Dann gehn sie heimwrts durch die Nacht;<br /> +ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen<br /> +beim Ausgang jh der Buden Pracht.<br /> +<br /> +Es blinkt durch den Novembernebel<br /> +herber lichtbeglnzter Tand;<br /> +er sieht dort Pferdchen, Heime, Sbel<br /> +und kt dem Vater leis die Hand.<br /> +<br /> +Und der versteht. Dann gehn sie weiter....<br /> +Der Vater sieht so traurig aus.—<br /> +Doch einen Pfeiferkuchenreiter<br /> +schleppt Willi selig sich nach Haus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_NACHT" id="BEI_NACHT"></a>BEI NACHT<br /> +<br /> +<br /> +Weit ber Prag ist riesengro<br /> +der Kelch der Nacht schon aufgegangen;<br /> +der Sonnenfalter barg sein Prangen<br /> +in ihrem khlen Bltenscho.<br /> +<br /> +Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,<br /> +und neckend streut er das Gestrhne<br /> +der weien Silberhobelspne<br /> +hernieder in den Moldaustrom.<br /> +<br /> +Da pltzlich, wie beleidigt, hat<br /> +zurckgerufen er die Strahlen,<br /> +weil er gewahr ward des Rivalen:<br /> +der Turmuhr helles Stundenblatt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABEND_II" id="ABEND_II"></a>ABEND<br /> +<br /> +<br /> +Der Abend naht.—Die klare Zone<br /> +der Stirne schmckt ein goldner Reifen,<br /> +und tausend Schattenhnde greifen<br /> +verstohlen nach der roten Krone.<br /> +<br /> +Die ersten, blassen Sterne liebeln<br /> +ihm zu; er steht hoch am Hradschine<br /> +und schaut mit ernster Trumermiene<br /> +die Trme und die grauen Giebeln.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUF_DEM_WOLSCHAN" id="AUF_DEM_WOLSCHAN"></a>AUF DEM WOLSCHAN<br /> +<br /> +Am Abend des Tages von Allerseelen<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Die drren ste bergittern<br /> +des Himmels abendblasse Scheiben;<br /> +und ber Grfte, reich mit Fttern<br /> +geschmckt, geht Wehmut, und es zittern<br /> +die Lichter durch das Blttertreiben.<br /> +<br /> +Im mden Blau, im regungslosen,<br /> +schwimmt fern der Mond. Die Lebensbume,<br /> +die seine blanke Stirne kosen,<br /> +sind schwarz. Der Duft von welken Rosen<br /> +schleicht her wie Geister toter Trume.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Ferner Lrm vom Wagendamm.—<br /> +Hier keimt Friede und Vergessen,<br /> +zwischen zweien Grabzypressen<br /> +hangt der Mond wie ein Tam-Tam.<br /> +<br /> +Schlgt die Ewigkeit nicht sacht<br /> +jetzt daran mit schwarzem Schwengel?<br /> +Bange schaut ein Marmorengel<br /> +in das Aug der Sptherbstnacht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="WINTERMORGEN" id="WINTERMORGEN"></a>WINTERMORGEN<br /> +<br /> +<br /> +Der Wasserfall ist eingefroren,<br /> +die Dohlen hocken hart am Teich.<br /> +Mein schnes Lieb hat rote Ohren<br /> +und sinnt auf einen Schelmenstreich.<br /> +<br /> +Die Sonne kt uns. Traumverloren<br /> +schwimmt im Gest ein Klang in Moll;<br /> +und wir gehn frder, alle Poren<br /> +vom Kraftarom des Morgens voll.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BRUNNEN" id="BRUNNEN"></a>BRUNNEN<br /> +<br /> +<br /> +Ganz verschollen ist die alte,<br /> +holde Brunnenpoesie,<br /> +da aus Tritons Muschelspalte<br /> +eine klare Quelle lallte,<br /> +die den Gassen Sprache lieh.<br /> +<br /> +Abends bei den Rhrenkasten<br /> +sammelte sich Paar um Paar,<br /> +weil der Quelle lieblich Glasten<br /> +und ihr Laut der tiefgefaten<br /> +Neigung ses Omen war.<br /> +<br /> +Aber als durch Menschenmhn dann<br /> +Wasser treppen aufwrts stieg,<br /> +und kein Paar kam: Misogyn dann<br /> +ward der Gott; es schlich sich Grnspan<br /> +in die Muschel,—und er schwieg.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SPHINX" id="SPHINX"></a>SPHINX<br /> +<br /> +<br /> +Sie fanden sie, den Schdel halb zerschlagen,<br /> +in starrer Hand das heie Rohr von Stahl.<br /> +Die Menge gaffte.—Bis der Rettungswagen<br /> +sie brachte in das gelbe Stadtspital.<br /> +<br /> +Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....<br /> +Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;<br /> +dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen<br /> +und dann der Priester.—Sie blieb stumm und fahl.<br /> +<br /> +Doch spt bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,<br /> +gestehn ... Doch niemand hrte sie im Saal.<br /> +Ein Rcheln.—Dann ward sie herausgetragen,<br /> +sie und ihr Schmerz.—<br /> +<span style="margin-left: 8em;">Und drauen steht kein Mal.</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TRAUME" id="TRAUME"></a>TRUME<br /> +<br /> +<br /> +Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden<br /> +geschmckt des blauen Kleides Saum;—<br /> +sie reicht mir mild mit ihren beiden<br /> +Madonnenhnden einen Traum.<br /> +<br /> +Dann geht sie, ihre Pflicht zu ben,<br /> +hinfort die Stadt mit leisem Schritt<br /> +und nimmt, als Sold des Traumes, drben<br /> +des kranken Kindes Seele mit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MAITAG" id="MAITAG"></a>MAITAG<br /> +<br /> +<br /> +Still!—Ich hr, wie an Gelnden<br /> +leicht der Wind vorberhpft,<br /> +wie die Sonne Strahlenenden<br /> +an Syringendolden knpft.<br /> +<br /> +Stille rings. Nur ein geblhter<br /> +Frosch hlt eine Mckenjagd,<br /> +und ein Kfer schwimmt im ther,<br /> +ein lebendiger Smaragd.<br /> +<br /> +Im Gest spinnt Sberrhomben<br /> +Mutter Spinne Zoll um Zoll,<br /> +und von Bltenhekatomben<br /> +hat die Welt die Hnde voll.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KONIG_ABEND" id="KONIG_ABEND"></a>KNIG ABEND<br /> +<br /> +<br /> +Wie Knig Balthasar einst nahte,<br /> +die Stirn vom Kronenreif erhellt,<br /> +so tritt im purpurnen Ornate<br /> +der Knig Abend in die Welt.<br /> +<br /> +Der erste Stern fhrt ihn wie jenen<br /> +bis an den fernsten Hgelsaum;<br /> +dort findet Mutter Nacht er lehnen<br /> +mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.<br /> +<br /> +Dem bringt er just, wie jener Weise<br /> +des Orients, das Gold, gehuft,—<br /> +das Gold, das uns der Knabe leise<br /> +erlsend in den Schlummer truft.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AN_DER_ECKE" id="AN_DER_ECKE"></a>AN DER ECKE<br /> +<br /> +<br /> +Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,<br /> +die an der Ecke stets Kastanien briet.<br /> +Ihr Antlitz schaut aus einer Tcherspalte<br /> +froh und gesund, ob Falte auch bei Falte<br /> +seit vielen Jahren es durchzieht.<br /> +<br /> +Und tchtig ist sie, ja, das will ich meinen;<br /> +die Tten mssen rein sein, und das Licht<br /> +an ihrem Stand mu immer helle scheinen,<br /> +und von dem Ofen mit den krummen Beinen<br /> +verlangt sie streng die heie Pflicht.<br /> +<br /> +So trefflich schmort auch keine die Maroni.<br /> +Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,<br /> +und alle kennt sie—bis zum Tramwaypony;<br /> +sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....<br /> +Und leise summt ihr Herd sein Lied.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HEILIGE" id="HEILIGE"></a>HEILIGE<br /> +<br /> +<br /> +Groe Heilige und kleine<br /> +feiert jegliche Gemeine;<br /> +hlzern und von Steine feine,<br /> +groe Heilige und kleine.<br /> +<br /> +Heilge Annen und Kathrinen,<br /> +die im Traum erschienen ihnen,<br /> +baun sie sich und dienen ihnen,<br /> +heilgen Annen und Kathrinen.<br /> +<br /> +Wenzel la ich auch noch gelten,<br /> +weil sie selten ihn bestellten;<br /> +denn zu viele gelten selten—<br /> +nun, Sankt Wenzel la ich gelten.<br /> +<br /> +Aber diese Nepomuken!<br /> +Von des Torgangs Luken gucken<br /> +und auf allen Brucken spuken<br /> +lauter, lauter Nepomuken!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_ARME_KIND" id="DAS_ARME_KIND"></a>DAS ARME KIND<br /> +<br /> +<br /> +Ich wei ein Mdchen, eingefallen<br /> +die Wangen.—War ein leichtes Tuch<br /> +die Mtter; und des Vaters Fluch<br /> +fiel in ihr erstes Lallen.<br /> +<br /> +Die Armut blieb ihr treu die Jahre,<br /> +und Hunger ward ihr Angebind;<br /> +so ward sie ernst.—Das Lenzgold rinnt<br /> +umsonst in ihre Haare.<br /> +<br /> +Sie schaut die lchelnden Gesichter<br /> +der Blumen traurig an im Hag<br /> +und denkt: der Allerseelentag<br /> +hat Blten auch und Lichter.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="WENNS_FRUHLING_WIRD" id="WENNS_FRUHLING_WIRD"></a>WENNS FRHLING WIRD<br /> +<br /> +<br /> +Die ersten Keime sind, die zarten,<br /> +im goldnen Schimmer aufgesprossen;<br /> +schon sind die ersten der Karossen<br /> +<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br /> +<br /> +Die Wandervgel wieder scharten<br /> +zusamm sich an der alten Stelle,<br /> +und bald stimmt ein auch die Kapelle<br /> +<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br /> +<br /> +Der Lenzwind plauscht in neuen Arten<br /> +die alten, wundersamen Mrchen,<br /> +und drauen trumt das erste Prchen<br /> +<span style="margin-left: 12em;">im Baumgarten.</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG" id="ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG"></a>ALS ICH DIE UNIVERSITT BEZOG<br /> +<br /> +<br /> +Ich seh zurck, wie Jahr um Jahr<br /> +so mheschwer vorberrollte;<br /> +nun endlich bin ich, was ich wollte<br /> +und was ich strebte: ein Skolar.<br /> +<br /> +Erst "Recht" studieren war mein Plan;<br /> +doch meine leichte Laune schreckten<br /> +die strengen, staubigen Pandekten,<br /> +und also ward der Plan zum Wahn.<br /> +<br /> +Theologie verbot mein Lieb,<br /> +knnt mich auf Medizin nicht werfen,<br /> +so da fr meine schwachen Nerven<br /> +nichts als—Philosophieren blieb.<br /> +<br /> +Die Alma mater reicht mir dar<br /> +der freien Knste Prachtregister,—<br /> +und bring ichs nie auch zum Magister,<br /> +bin was ich strebte: ein Skolar.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SUPERAVIT" id="SUPERAVIT"></a>SUPERAVIT<br /> +<br /> +<br /> +Nie kann ganz die Spur verlaufen<br /> +einer starken Tat; dies lehrt<br /> +zu Konstanz der Scheiterhaufen;<br /> +denn aus tausend Feuertaufen<br /> +steigt der Hochgeist unversehrt.<br /> +<br /> +Bis zu uns her ungeheuer<br /> +ragt der Reformator Hus,<br /> +frchten wir der Lehre Feuer,<br /> +neigen wir uns doch in scheuer<br /> +Ehrfurcht vor dem Genius.<br /> +<br /> +Der, den das Gericht verdammte,<br /> +war im Herzen, tief und rein,<br /> +berzeugt von seinem Amte,—<br /> +und der hohe Holzsto flammte<br /> +seines Ruhmes Strahlenschein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TROTZDEM" id="TROTZDEM"></a>TROTZDEM<br /> +<br /> +<br /> +Manchmal vom Regal der Wand<br /> +hol ich meinen Schopenhauer,<br /> +einen "Kerker voller Trauer"<br /> +hat er dieses Sein genannt.<br /> +<br /> +So er recht hat, ich verlor<br /> +nichts: in Kerkereinsamkeiten<br /> +weck ich meiner Seele Saiten<br /> +glcklich wie einst Dalibor.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HERBSTSTIMMUNG" id="HERBSTSTIMMUNG"></a>HERBSTSTIMMUNG<br /> +<br /> +<br /> +Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,<br /> +an dessen Tre schon der Tod steht still;<br /> +auf nassen Dchern liegt ein blasser Schimmer,<br /> +wie der der Kerze, die verlschen will.<br /> +<br /> +Das Regenwasser rchelt in den Rinnen,<br /> +der matte Wind hlt Bltterleichenschau;—<br /> +und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen<br /> +ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AN_JULIUS_ZEYER" id="AN_JULIUS_ZEYER"></a>AN JULIUS ZEYER<br /> +<br /> +<br /> +Du bist ein Meister;—frher oder spter<br /> +spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;<br /> +du preisest seine Art und seine Sagen,—<br /> +aus deinen Liedern weht der Heimat ther.<br /> +<br /> +Dein Volk tut recht,—nicht, voll von wahngeblhter<br /> +Vergangenheit, die Hand im Scho zu tragen,<br /> +es kmpft noch heut und mu sich tchtig schlagen,<br /> +stolz auf sich selbst und stolz auf seine Vter.<br /> +<br /> +Es hat dein Volk sich seine Ideale<br /> +noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,<br /> +die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;<br /> +<br /> +du aber mahnst, ein echter Orientale,<br /> +es mge in dem Ringen nicht verlernen<br /> +auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_TRAUMER" id="DER_TRAUMER"></a>DER TRUMER<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Es war ein Traum in meiner Seele tief.<br /> +Ich horchte auf den holden Traum:<br /> +ich schlief.<br /> +Just ging ein Glck vorber, als ich schlief,<br /> +und wie ich trumte, hrt ich nicht;<br /> +es rief.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Trume scheinen mir wie Orchideen.—<br /> +So wie jene sind sie bunt und reich.<br /> +Aus dem Riesenstamm der Lebenssfte<br /> +ziehn sie just wie jene ihre Krfte,<br /> +brsten sich mit dem ersaugten Blute,<br /> +freuen in der flchtigen Minute,<br /> +in der nchsten sind sie tot und bleich.—<br /> +Und wenn Welten oben leise gehen,<br /> +fhlst dus dann nicht wie von Dften wehen?<br /> +Trume scheinen mir wie Orchideen.—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_MUTTER" id="DIE_MUTTER"></a>DIE MUTTER<br /> +<br /> +<br /> +Aufwrts die Theaterrampe<br /> +rollen drhnend die Karossen,<br /> +abseits unter trber Lampe<br /> +steht ein altes Weib verdrossen.<br /> +<br /> +Nur wenn jh ein Hengst mal scheute,<br /> +wars, da sie zusammenschrecke;<br /> +niemand aus dem Strom der Leute<br /> +sieht die Alte in der Ecke.<br /> +<br /> +An die neue "Gre" dachte,<br /> +von ihr sprach man nur.—Die Gte<br /> +eines Grafen, hie es, brachte<br /> +herrlich ihr Talent zur Blte.<br /> +<br /> +Spter. Jubelstrme hallten<br /> +in den Schluklang der Trompeten....<br /> +Aber drauen kams der Alten,<br /> +heimlich fr ihr Kind zu beten.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="UNSER_ABENDGANG" id="UNSER_ABENDGANG"></a>UNSER ABENDGANG<br /> +<br /> +<br /> +Gedenkst du noch, wie guter Dinge<br /> +wir wallten durch das Nusler Tal;<br /> +zwei kleine, blaue Schmetterlinge<br /> +verflattertcn im Abendstrahl.<br /> +<br /> +Am Huschen lehnte die Melone<br /> +dort—wie auf einem Bilde Dows,<br /> +und herrlich mit der Kuppelkrone<br /> +hob sich das Haupt der Karlshofs.<br /> +<br /> +Im West war noch der Weizen golden,<br /> +blaugrn verdmmerte der Kohl;<br /> +die ersten weien Sternendolden<br /> +umzitterten den Himmelspol.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KAJETAN_TYL" id="KAJETAN_TYL"></a>KAJETAN TL<br /> +<br /> +Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der bhmischen<br /> +ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.<br /> +<br /> +Da also hat der arme Tl<br /> +sein Lied "Kde domov můj"—geschrieben.<br /> +In Wahrheit; Wen die Musen lieben,<br /> +dem gibt das Leben nicht zuviel.<br /> +<br /> +Ein Stbchen—nicht zu klein dem Flug<br /> +des Geistes; nicht zu gro zur Ruhe.—<br /> +Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,<br /> +ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.<br /> +<br /> +Doch wr er nicht fr tausend Louis<br /> +von Bhmen fort. Mit jeder Fiber<br /> +hing er daran.—"Ich bleibe lieber,"<br /> +htt er gesagt, "kde domov můj."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VOLKSWEISE" id="VOLKSWEISE"></a>VOLKSWEISE<br /> +<br /> +<br /> +Mich rhrt so sehr<br /> +bhmischen Volkes Weise,<br /> +schleicht sie ins Herz sich leise,<br /> +macht sie es schwer.<br /> +<br /> +Wenn ein Kind sacht<br /> +singt beim Kartoffeljten,<br /> +klingt dir sein Lied im spten<br /> +Traum noch der Nacht.<br /> +<br /> +Magst du auch sein<br /> +weit ber Land gefahren,<br /> +fllt es dir doch nach Jahren<br /> +stets wieder ein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_VOLKSLIED" id="DAS_VOLKSLIED"></a>DAS VOLKSLIED<br /> +<br /> +Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier<br /> +<br /> +<br /> +Es legt dem Burschen auf die Stirne<br /> +die Hand der Genius so lind,<br /> +da mit des Liedes Silberzwirne<br /> +er seiner Liebsten Herz umspinnt.<br /> +<br /> +Da mag der Bursch sich s erinnern,<br /> +was aus der Mutter Mund ihm scholl,<br /> +und mit dem Klang aus seinem Innern<br /> +fllt er sich seine Fiedel voll.<br /> +<br /> +Die Liebe und der Heimat Schne<br /> +drckt ihm den Bogen in die Hand,<br /> +und leise rieseln seine Tne<br /> +wie Bltenregen in das Land.<br /> +<br /> +Und groe Dichter, ruhmberauschte,<br /> +dem schlichten Liede lauschen sie,<br /> +so glubig wie das Volk einst lauschte<br /> +dem Gottes wort des Sinai.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DORFSONNTAG" id="DORFSONNTAG"></a>DORFSONNTAG<br /> +<br /> +<br /> +Im Wirtshaus auf den blanken Dielen<br /> +schwingt sich die Jugend frisch und laut,<br /> +des Burschen Hand, so hart von Schwielen,<br /> +drckt die des blonden Mdchens traut;<br /> +bierfrohe Musikanten spielen<br /> +ein Lied aus der "verkauften Braut".<br /> +<br /> +"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."<br /> +Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.<br /> +Und wie er nach dem Tanz die Holden<br /> +zu seinem Tische kommen heit,<br /> +da geht der Abend drauen, golden,<br /> +und lacht durch alle Fenster dreist.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MEIN_GEBURTSHAUS" id="MEIN_GEBURTSHAUS"></a>MEIN GEBURTSHAUS<br /> +<br /> +<br /> +Der Erinnrung ist das traute<br /> +Heim der Kindheit nicht entflohn,<br /> +wo ich Bilderbogen schaute<br /> +im blauseidenen Salon.<br /> +<br /> +Wo ein Puppenkleid, mit Strhnen<br /> +dicken Silbers reich betret,<br /> +Glck mir war; wo heie Trnen<br /> +mir das "Rechnen" ausgepret.<br /> +<br /> +Wo ich, einem dunklen Rufe<br /> +folgend, nach Gedichten griff,<br /> +und auf einer Fensterstufe<br /> +Tramway spielte oder Schiff.<br /> +<br /> +Wo ein Mdchen stets mir winkte<br /> +drben in dem Grfenhains....<br /> +Der Palast, der damals blinkte,<br /> +sieht heut so verschlafen aus.<br /> +<br /> +Und das blonde Kind, das lachte,<br /> +wenn der Knab ihm Ksse warf,<br /> +ist nun fort; fern ruht es sachte,<br /> +wo es nie mehr lcheln darf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_DUBIIS" id="IN_DUBIIS"></a>IN DUBIIS<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Es dringt kein Laut bis her zu mir<br /> +von der Nationen wildem Streite,<br /> +ich stehe ja auf keiner Seite;<br /> +denn Recht ist weder dort noch hier.<br /> +<br /> +Und weil ich nie Horaz verga,<br /> +bleib gut ich aller Welt und halte<br /> +mich unverbrchlich an die alte<br /> +aurea mediocritas.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Der erscheint mir als der Grte,<br /> +der zu keiner Fahne schwrt,<br /> +und, weil er vom Teil sich lste,<br /> +nun der ganzen Weit gehrt.<br /> +<br /> +Ist sein Heim die Weit; es mit ihm<br /> +doch nicht klein der Heimat Hort;<br /> +denn das Vaterland, es ist ihm<br /> +dann sein Haus im Heimatsort.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BARBAREN" id="BARBAREN"></a>BARBAREN<br /> +<br /> +<br /> +Ich wei von einem Riesenparke<br /> +dort, wo die Stadt sich schon verliert;<br /> +jetzt nagt die Axt an seinem Marke,<br /> +sie sagen: er wird parzelliert.<br /> +<br /> +Das ist der Frstenpark Clam-Gallas,<br /> +der Mietskasernen weichen soll,<br /> +der war doch wie ein Hain der Pallas<br /> +der raunenden Orakel voll.<br /> +<br /> +Jetzt strmen sie, die Uhgeweihten,<br /> +den Ort, den kein Profaner sah:<br /> +Es bertnt der Lrm der Zeiten<br /> +das Gtterwort der Pythia.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SOMMERABEND" id="SOMMERABEND"></a>SOMMERABEND<br /> +<br /> +<br /> +Die groe Sonne ist versprht,<br /> +der Sommerabend liegt im Fieber,<br /> +und seine heie Wange glht.<br /> +Jach seufzt er auf: "Ich mchte lieber...."<br /> +Und wieder dann: "Ich bin so md...."<br /> +<br /> +Die Bsche beten Litanein,<br /> +Glhwrmchen hangt, das regungslose,<br /> +dort wie ein ewiges Licht hinein;<br /> +und eine kleine weie Rose<br /> +tragt einen roten Heiligenschein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GERICHTET" id="GERICHTET"></a>GERICHTET<br /> +<br /> +<br /> +"Am Ring" stand einst ein Blutgerst,<br /> +lang ist es her; doch wenn der Schein<br /> +des runden Monds das Rathaus kt,<br /> +dann wallen aus dem heilgen Teyn<br /> +Gerichtete in Geisterreihn ...<br /> +<span style="margin-left: 9em;">Weh wer sie sah!</span><br /> +<br /> +Viel Herren fielen auf dem Ring;<br /> +die Herren finden Ruhe nicht;—<br /> +sie zogen eines Nachts: Es ging<br /> +voran Herr Christus, gro und licht,<br /> +mit ernstem, traurigem Gesicht ...<br /> +<span style="margin-left: 9em;">Und einer sahs!</span><br /> +<br /> +Der war ein Maler. Und im Flug<br /> +malt er, wie er geschaut, den Ring.<br /> +Er malt den ganzen Geisterzug,<br /> +dem ernst voran Herr Christus ging.<br /> +Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...<br /> +<span style="margin-left: 9em;">Jetzt ist er tot.—</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE" id="DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE"></a>DAS MRCHEN VON DER WOLKE<br /> +<br /> +<br /> +Der Tag ging aus mit mildem Tone,<br /> +so wie ein Hammerschlag verklang.<br /> +Wie eine gelbe Goldmelone<br /> +lag gro der Mond im Kraut am Hang.<br /> +<br /> +Ein Wlkchen wollte davon naschen,<br /> +und es gelang ihm, ein paar Zoll<br /> +des hellen Rundes zu erhaschen,<br /> +rasch kaut es sich die Bckchen voll.<br /> +<br /> +Es hielt sich lange auf der Flucht auf<br /> +und zog sich ganz mit Lichte an;—<br /> +da hob die Nacht die goldne Frucht auf:<br /> +Schwarz ward die Wolke und zerrann.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="FREIHEITSKLANGE" id="FREIHEITSKLANGE"></a>FREIHEITSKLNGE<br /> +<br /> +<br /> +Bhmens Volk! In deinen Kreisen<br /> +weckt ein neuer Genius<br /> +alte, heie Freiheitsweisen,<br /> +und die mahnen nicht mit leisen<br /> +Worten, da dein Fesseleisen<br /> +ganz zerschmettert werden mu.<br /> +<br /> +Diese Streitpoeten blasen<br /> +lockend; und in Stcke haun<br /> +kannst du, Volk, in deinem Rasen<br /> +des Gesetzes Marmorvasen,<br /> +doch du kannst aus ihren Phrasen<br /> +keine Zukunft dir erbaun.<br /> +<br /> +Tief in Herz und Sinn in treuer<br /> +Hoffnung senk die Liedersaat,<br /> +sind dir deine Dichter teuer,<br /> +da daraus ein Lenz, ein neuer,<br /> +keime.—Was dann blieb vom Feuer,<br /> +das entflamme dich zur Tat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="NACHTBILD" id="NACHTBILD"></a>NACHTBILD<br /> +<br /> +<br /> +Auch auf der Theaterrampe<br /> +wird es stille nach und nach.—<br /> +Eine eitle Bogenlampe<br /> +schaut sich in ein Droschkendach.<br /> +<br /> +Auf dem leeren Gangsteig zucken<br /> +Lichter.—Sehn nicht dort am Haus<br /> +helle Dachmansardenlucken<br /> +wie verweinte Augen aus?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HINTER_SMICHOV" id="HINTER_SMICHOV"></a>HINTER SMICHOV<br /> +<br /> +<br /> +Hin gehn durch heies Abendrot<br /> +aus den Fabriken Mnner, Dirnen,—<br /> +auf ihre niedern, dumpfen Stirnen<br /> +schrieb sich mit Schwei und Ru die Not.<br /> +<br /> +Die Mienen sind verstumpft; es brach<br /> +das Auge. Schwer durchschlrft die Sohle<br /> +den Weg, und Staub zieht und Gejohle<br /> +wie das Verhngnis ihnen nach.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_SOMMER" id="IM_SOMMER"></a>IM SOMMER<br /> +<br /> +<br /> +Im Sommer trgt ein kleiner Dampfer<br /> +auf Moldauwogen uns nach Zlichov<br /> +zu jenem Kirchlein, hoch und frei.<br /> +Im blauen Nebel schwindet Smichov;—<br /> +zur Rechten Flchen braun von Ampfer,<br /> +zur Linken stolz die "Loreley".<br /> +<br /> +Wir legen an; und sieh, ein Alter<br /> +begrt uns leiernd: "Hej, Slovane!"<br /> +Am Friedhofsrand dann lehnen wir.<br /> +Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,<br /> +und unser Trumen hebt, ein Falter,<br /> +auf Sonnenflgeln sich zu ihr.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL" id="AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL"></a>AM KIRCHHOF ZU KNIGSAAL (aula regis)<br /> +<br /> +<br /> +Auf schlo das Erztor der Kustode.<br /> +Du sahst vor Blten keine Gruft.<br /> +Der Lenz verschleierte dem Tode<br /> +das Angesicht mit Blust und Duft;<br /> +da stieg wie eine Todesode<br /> +ein Trauermantel in die Luft.<br /> +<br /> +Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....<br /> +Rings feierte Mittsommerlicht,<br /> +in den Syringen summten Fliegen.—<br /> +Da lag ein Schdel vor uns dicht;<br /> +aus seinen leeren Augen stiegen<br /> +verkmmerte Vergimeinnicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VIGILIEN" id="VIGILIEN"></a>VIGILIEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Die falben Felder schlafen schon,<br /> +mein Herz nur wacht allem;<br /> +der Abend refft im Hafen schon<br /> +sein rotes Segel ein.<br /> +<br /> +Traumselige Vigilie!<br /> +Jetzt wallt die Nacht durchs Land;<br /> +der Mond, die weie Lilie,<br /> +blht auf in ihrer Hand.<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Am offnen Stubenfenster lehn ich<br /> +und trume in die Nacht hinauf;<br /> +das Mondlicht windet silberstrhnig<br /> +sich um den schwarzen Kirchturmknauf.<br /> +<br /> +Sehn wenig Welten aus den Fernen<br /> +auch durch den engen Hof ins Haus,—<br /> +es fllte Licht von zehen Sternen<br /> +ein ganzes, dunkles Leben aus.<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +Horch, der Schritt der Nacht erstirbt<br /> +in der weiten Stille;<br /> +meine Schreibtischlampe zirpt<br /> +leis wie eine Grille.<br /> +<br /> +Goldig auf dem Bcherstand<br /> +glhn der Bnde Rcken:<br /> +zu der Fahrt ins Feenland<br /> +Pfeiler fr die Brcken.<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht<br /> +beim toten Mtterlein verbracht<br /> +und hat geweint und hat gewacht;—<br /> +dann gingen Jahre, Jahre sacht:<br /> +nie hat sie jener Nacht gedacht.<br /> +<br /> +Und dann kam eine andre Nacht.<br /> +Da hat von Glut und Snd entfacht<br /> +die rote Lippe Lust gelacht,<br /> +doch pltzlich—wie durch hhre Macht<br /> +dacht sie der Nacht der Leichenwacht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS" id="DEK_LETZTE_SONNENGRUSS"></a>DEK LETZTE SONNENGRUSS<br /> +<br /> +Zu einem Bilde des Benes Knpfer<br /> +<br /> +Die Sonne schmolz, die hehre,<br /> +ins weie Meer so hei.<br /> +Zwei Mnche saen am Meere,<br /> +ein blonder und ein Greis.<br /> +<br /> +Der sann: Geh ich einst rasten,<br /> +so friedlich mg es sein—<br /> +und jener: Des Ruhmes Glasten<br /> +sollt mir mein Sterben weihn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KAISER_RUDOLF" id="KAISER_RUDOLF"></a>KAISER RUDOLF<br /> +<br /> +<br /> +Hoch auf seiner Himmelswarte<br /> +ber einer Sternenkarte<br /> +sitzt der Kaiser Rudolf dort,<br /> +forschend, ob der langerharrte<br /> +Flugstern, der die Weisen narrte,<br /> +streifen wrde diesen Ort.<br /> +<br /> +Und er fragt den Astrologen,<br /> +der am hohen Himmelsbogen<br /> +alle Wanderwege wei:<br /> +"Wird von Unglck der betrogen,<br /> +den der Stern hineingezogen<br /> +in den unheilvollen Kreis?"<br /> +<br /> +Und der Alte weicht ihm leise<br /> +aus: "Der Stern zieht seine Gleise,<br /> +Herr, im fernen therreich!"<br /> +Und gen Sden sieht der Weise;—<br /> +und der Kaiser schaut die Kreise<br /> +seines Globen, ernst und bleich.—<br /> +<br /> +Und von Sden kommt Verderben,<br /> +kommt Matthias.—Eilge Erben<br /> +lassen ihm nur den Hradschin;<br /> +und der Kaiser spricht im herben<br /> +Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,<br /> +denn schon bin ich tot fr 'ihn'.<br /> +<br /> +Alter! La den Bck uns heben!<br /> +du hast recht, die Sterne schweben<br /> +hoch ob allem Erdenbann;<br /> +aber—die nach ihnen streben,<br /> +knpfen selbst ihr dunkles Leben<br /> +an die lichten Lose an!—"<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +AUS DEM DREISSIGJHRIGEN KRIEGE<br /> +<br /> +Kohlenskizzen in Callots Manier<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a1_KRIEG" id="a1_KRIEG"></a>1. KRIEG<br /> +<br /> +<br /> +Feinster ist die Welt geworden,—<br /> +darum Drfer rasch entloht!<br /> +und die Welt ist grau;—drum rot<br /> +frbt sie durch das Morden!<br /> +<br /> +Bauer! Bittest um dein Leben?<br /> +Nimm dirs! Aber bei uns bleib!<br /> +Herrgott hat dir Ochs und Weib<br /> +nur fr uns gegeben.<br /> +<br /> +La den Teufel Felder pflgen;<br /> +sieh, wir haben stets genung!<br /> +Vorwrts—einen Werbetrunk<br /> +aus den vollen Krgen!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a2_ALEA_JACTA_EST" id="a2_ALEA_JACTA_EST"></a>2. ALEA JACTA EST<br /> +<br /> +<br /> +"... Tod oder Sold!"<br /> +Und jetzt die Trommel schnell<br /> +her. Auf das Trommelfell<br /> +Wrfel gerollt.<br /> +<br /> +So wird dem Lohn,<br /> +der unsre Streiche sucht.<br /> +Sieh, der Baum, reiche Frucht<br /> +trgt er doch schon!<br /> +<br /> +Solltest schon lngst<br /> +hngen dran, Kamerad!<br /> +Drum ists nicht jammerschad,<br /> +wenn du dann hngst!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG" id="a3_KRIEGSKNECHTS-SANG"></a>3. KRIEGSKNECHTS-SANG<br /> +<br /> +<br /> +Lag auf einer Trommel nackt,<br /> +kaum zwei Spannen lang,<br /> +und der rauhe Trommeltakt<br /> +war mein Wiegensang.<br /> +<br /> +Wild zu wettern taugte ich<br /> +damals schon im Zorn,<br /> +meine Milch, die saugte ich<br /> +aus dem Pulverhorn.<br /> +<br /> +Damals taufte jeden gut<br /> +der Korp'ral; beim Schopf<br /> +nahm er ihn, go Schwedenblut<br /> +hei ihm bern Kopf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG" id="a4_KRIEGSKNECHTS-RANG"></a>4. KRIEGSKNECHTS-RANG<br /> +<br /> +<br /> +Bei uns gibts nicht Edelinge,<br /> +die was gelten durch ihr Blut,<br /> +jedes Rang ist jedes Klinge,<br /> +und sein Wappen ist der Mut.<br /> +<br /> +Wer nur immer khn sein Schwert<br /> +hlt den Schild von Schande rein,<br /> +wer noch gestern unterm Heer zog,<br /> +Herzog kann er morgen sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a5_BEIM_KLOSTER" id="a5_BEIM_KLOSTER"></a>5. BEIM KLOSTER<br /> +<br /> +<br /> +Was gibts?—Eine Klosterpforte?—<br /> +Ei, Potz Blitz!<br /> +Eine Tr von dieser Sorte<br /> +renn ich ohne viele Worte<br /> +ein mit meiner Nasenspitz!<br /> +<br /> +Auf das Tor ein fester Stempel....<br /> +Pfaffe, komm!<br /> +Jetzt heraus mit deinem Krempel,<br /> +paar Monstranzen zum Exempel<br /> +und paar Kelche: wir sind fromm.<br /> +<br /> +La jetzt dein: Peccavi, pater....<br /> +Leucht zum Wein<br /> +uns mit deiner Nase, frater,<br /> +dorten kannst du uns ein Rater,<br /> +und ein "Seelensorger" sein!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a6_BALLADE" id="a6_BALLADE"></a>6. BALLADE<br /> +<br /> +<br /> +Gestern zogen wilde Horden<br /> +durch das Drfchen hin mit Morden,<br /> +und ein Mdchen sinnt jetzt still:<br /> +Ist der Liebste untreu worden,<br /> +weil er heut nicht kommen will?—<br /> +Drauen schrien die Dohlen.<br /> +<br /> +Mdchen ging mit bleicher Wange<br /> +durch das Haus.—Sie harrte lange,<br /> +und des Nachts floh sie der Schlaf.<br /> +Und sie schlich hinaus zum Hange,<br /> +wo sie stets den Teuren traf.<br /> +ngstlich schrien die Dohlen.<br /> +<br /> +Und die Nacht war schwarz, die schwle,<br /> +fern nur brannte eine Mhle....<br /> +Weinend whlt die matte Maid<br /> +sich gar weiches Kraut zum Pfhle<br /> +und entschlief in lauter Leid.<br /> +Schrieen noch die Dohlen?<br /> +<br /> +Spt erwacht sie. Nebel grauten<br /> +rings—soweit die Augen schauten....<br /> +Weh!—Was sie ein Kraut geglaubt,<br /> +ist das Haar an ihres Trauten<br /> +blutigem, zerschelltem Haupt.—<br /> +Schrecklich schrien die Dohlen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a7_DER_FENSTERSTURZ" id="a7_DER_FENSTERSTURZ"></a>7. DER FENSTERSTURZ<br /> +<br /> +<br /> +"Naht Verrat mit leisem Schritte,<br /> +ungercht, bei der Madonna,<br /> +bleibt er nicht! Nach alter Sitte<br /> +zu den Fenstern!" schrie Colonna.<br /> +<br /> +"Schont den Popel! doch die andern,<br /> +jeder eine feige Natter,<br /> +aus den Fenstern lat sie wandern!<br /> +Mitleid?—Werft ihn mit, den Platter!"<br /> +<br /> +Bange hangt am Fensterstocke<br /> +Martinitz noch.—Da Gerchel:<br /> +Turn schwingt seine Degenglocke<br /> +und zerschmettert ihm die Knchel.<br /> +<br /> +Und zum nchsten: "Sag, wie heit er,<br /> +Bhmens Herr? du sollst mirs deuten!"<br /> +"Graf von Turn!"—"Der Brgermeister<br /> +lasse alle Glocken luten!"—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a8_GOLD" id="a8_GOLD"></a>8. GOLD<br /> +<br /> +<br /> +"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.<br /> +Wo hast das Gold du her?"—<br /> +"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,<br /> +kein Obrist hat wohl mehr!"<br /> +<br /> +"Nein, das ist gutes, rotes Gold,<br /> +das kann dein Sold nicht sein!"<br /> +"Beim Spielen war das Glck mir hold,<br /> +und da ward alles mein!"<br /> +<br /> +"Ist wirklich alles dein—das Gold,<br /> +gesteh,—und ists kein Trug?"—<br /> +"Nun, Wrfel haben mit gerollt<br /> +und jetzt la es genug!"<br /> +<br /> +"Und gibst du mir auch von dem Gold?"<br /> +"Das weit du!"—"Nein, du Schelm,<br /> +just auf der Stelle, sieh, ich wollt,<br /> +du fllst mir deinen Helm!"<br /> +<br /> +"Es sei!"—"Wies durch die Finger bebt,<br /> +der Glanz gefllt mir gut!—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +... Schau, was dir da am Finger klebt,<br /> +kam das vom Golde?—Blut!"—....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a9_SZENE" id="a9_SZENE"></a>9. SZENE<br /> +<br /> +<br /> +Du kniest am Markstein, Alter, sprich!—<br /> +Das ist kein Heilgenbild!"<br /> +"Kein Bild?—Ich bet.—Es fate mich<br /> +das Schicksal gar so wild."<br /> +<br /> +"Hast du kein Haus, hast du kein Land,<br /> +das deiner Hnde braucht?"<br /> +"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,<br /> +sieh hin—gewi—es raucht."<br /> +<br /> +"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn<br /> +und hilft dir aus der Not?"<br /> +"Mein Sohn zog in den Krieg davon,<br /> +jetzt ist er sicher tot."—<br /> +<br /> +"Was streicht dir deines Haares Schnee<br /> +der Tochter Hand nicht, weich?"—<br /> +"Der bracht ein Trobub Schand und Weh,<br /> +da sprang sie in den Teich."—<br /> +<br /> +"So sieh mir ins Gesicht!—Und brach<br /> +das Herz dir auch vor Graus...."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach<br /> +mir beide Augen aus."<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a10_FEUERLILIE" id="a10_FEUERLILIE"></a>10. FEUERLILIE<br /> +<br /> +<br /> +Winters, ab die ste krachten,<br /> +keine Bche konnten frieren,<br /> +weil die Fluten Blutes ihren<br /> +Pulsschlag immer neu entfachten.<br /> +<br /> +Als die Zeit kam, da die Blume<br /> +aufwacht und der Vogel fltet,<br /> +sprang die Lilie selbst gertet<br /> +aus der todgedngten Krume.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a11_BEIM_FRIEDLAND" id="a11_BEIM_FRIEDLAND"></a>11. BEIM FRIEDLAND<br /> +<br /> +<br /> +Heimgekehrt von Schlacht und Schlag<br /> +freut sich Obrist und Gemeiner;<br /> +denn jetzt hlt der Wallensteiner<br /> +wieder seinen Hof zu Prag.<br /> +<br /> +Just lie frei den Turn er ziehn;<br /> +das war so von seinen Trmpfen<br /> +einer.—Drauf ward Nasenrmpfen<br /> +Mode ... dort bei Hof zu Wien.<br /> +<br /> +Lat sie zetern. Friedlands Heer<br /> +mu nicht darben und nicht drsten,—<br /> +und aus Knechten macht er Frsten,<br /> +unser Herzog.—Wer kann mehr?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="a12_FRIEDEN" id="a12_FRIEDEN"></a>12. FRIEDEN<br /> +<br /> +<br /> +Prag gebar die Migestalt<br /> +dieses Krieges, der voll Tcke<br /> +hauste.—Auf der Karlsbrcke<br /> +starb er, dreiig Jahre alt.<br /> +<br /> +Endlich ri das Eisenstck<br /> +nur dem Acker eine Schramme,<br /> +und vom Kirchturm schlug die Flamme<br /> +in den trauten Herd zurck.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_DEN_URSULINEN" id="BEI_DEN_URSULINEN"></a>BEI DEN URSULINEN<br /> +<br /> +<br /> +Geh mittags zu den Ursulinen,<br /> +wenn man den Armen Speise trug,<br /> +da siehst du, wie in mde Mienen<br /> +die Not schrieb ihren Namenszug.<br /> +<br /> +Da siehst du Stirnen, die schon frhe<br /> +des Schmerzes Eisenreif umschlo,<br /> +und Wangen, die der Dunst der Brhe<br /> +mit falscher Rte bergo.<br /> +<br /> +Du hrst, wie leisem Dankesworte<br /> +sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:<br /> +so brandet an der Klosterpforte<br /> +das ganze Elend dieser Welt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUS_DER_KINDERZEIT" id="AUS_DER_KINDERZEIT"></a>AUS DER KINDERZEIT<br /> +<br /> +<br /> +Sommertage auf der "Golka"....<br /> +Ich, ein Kind noch—Leise her,<br /> +aus dem Gasthaus klingt die Polka,<br /> +und die Luft ist sonnenschwer.<br /> +<br /> +Sonntag ists.—Es liest Helene<br /> +lieb mir vor.—Im Lichtgeglnz<br /> +ziehn die Wolken, wie die Schwne<br /> +aus dem Mrchen Andersens.<br /> +<br /> +Schwarze Fichten stehn wie Wchter<br /> +bei der Wiesen buntem Schatz;<br /> +von der Strae dringt Gelchter<br /> +bis zu unserm Laubenplatz.<br /> +<br /> +An die Mauer lockt uns beide<br /> +mancher laute Jubelschrei:<br /> +drunten geht im Feierkleide<br /> +Paar um Paar zum Tanz vorbei.<br /> +<br /> +Bunt und selig, Bursch und Holka,<br /> +Glck und Sonne im Gesicht!—<br /> +Sommertage auf der "Golka",—<br /> +und die Luft war voller Licht....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="RABBI_LOW" id="RABBI_LOW"></a>RABBI LW<br /> +<br /> +<br /> +"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Bann der Not;</span><br /> +heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">der Tod.</span><br /> +Schon fat Beth Chaim nicht die Scharen, und<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">kaum hat der Leichenwart</span><br /> +eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">ist hart."</span><br /> +Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Bocher rasch herein—"</span><br /> +So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Nacht dich ganz allein;"</span><br /> +"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hr,<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">um Mitternacht</span><br /> +tanzen all die Kindergeister auf den grauen<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Steinen sacht.</span><br /> +Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Herz beklemmt,</span><br /> +Streif sie ab: Du raubst dem nchsten Kinde khn<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">sein Leichenhemd,</span><br /> +raubst es,—bringst es her im Fluge, her zu mir!<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">Begreifst du wohl?"</span><br /> +"Wie du heiest tun mich, Meister, tu ich!" klingt<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">die Antwort hohl.</span><br /> +<br /> +<br /> +Mitternacht und Mondgegleie,—<br /> +... und es strzt der totenblasse<br /> +Bocher bebend durch die Gasse,<br /> +in der Hand das Hemd, das weie.<br /> +<br /> +Da jetzt ... sind das seine Schritte?...<br /> +Jach kehrt er zurck das bleiche<br /> +Antlitz: weh, die Kindesleiche,<br /> +folgt ihm nach, im Aug die Bitte:<br /> +<br /> +"... Gib das Linnen, ohne Linnen<br /> +lassen mich nicht ein die Geister...."<br /> +Und der Bocher, halb von Sinnen,<br /> +reicht es endlich seinem Meister.<br /> +<br /> +Und schon naht der Geist mit Klagen....<br /> +"Sag, was sterben hundert binnen<br /> +Tagen?—Kind, du mut es sagen,<br /> +frher darfst du nicht von hinnen."<br /> +<br /> +So der Rabbi.—"Wehe, wehe,"<br /> +ruft der Geist, "aus unserm Stamme<br /> +haben zwei entehrt der Ehe<br /> +keusche, reine Altarflamme!<br /> +<br /> +Hier die Namen!—Sucht nicht fremde<br /> +Ursach, da euch Tod beschieden...."<br /> +Und der Rabbi reicht das Hemde<br /> +jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"<br /> +<br /> +Kaum, da aus dem Nachtkelch maijung<br /> +stieg der Tag in rosgem Licht,<br /> +hielt der Rabbi schon Gericht,—<br /> +und der Unschuld ward Befreiung.<br /> +<br /> +Mit der Geiel des Gesetzes<br /> +brandmarkt er die Snderstirn;—<br /> +langsam lste jedes Hirn<br /> +ich vom Bann des Fluchgenetzes.<br /> +<br /> +Manches Paar war da erschienen,<br /> +dankerfllt, da Gott verzieh,<br /> +und der Weise segnet sie.—<br /> +Freude lag auf aller Mienen.<br /> +<br /> +Nur der Bocher warf, der bleiche,<br /> +sich im Fieber hin und her....<br /> +Doch nach Beth Chaim lange mehr<br /> +trug man keine Kindesleiche.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ALTE_UHR" id="DIE_ALTE_UHR"></a>DIE ALTE UHR<br /> +<br /> +<br /> +Bald httest, alte Rathausuhr,<br /> +du nimmer drfen Stunden weisen;<br /> +sie htten bald in altem Eisen<br /> +versplittert deine letzte Spur.<br /> +<br /> +Der Geizhals hart zum letztenmal<br /> +sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,<br /> +zum letztenmal der Tod mit Glotzen<br /> +geschwungen seinen Sensenstahl.<br /> +<br /> +Dann htt der Hahn auch ausgekrht.<br /> +Und heut noch krht er; freilich heiser,<br /> +noch nickt der Geizhals fort, und leiser<br /> +droht ihm des Todes Majestt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KAMPFEN" id="KAMPFEN"></a>KMPFEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Ein heier Eid, ein gramerpreter,<br /> +der leicht von jungen Lippen rinnt,<br /> +der machte zur barmherzgen Schwester<br /> +fast ber Nacht ein blondes Kind.<br /> +<br /> +Des jungen Lebens Wellen flieen<br /> +fortan durch Krankenstuben still;<br /> +es trumt ihr Herz noch vom Genieen,<br /> +wenn auch das Aug es leugnen will.<br /> +<br /> +Denn mit der Strenge der Asketen<br /> +drngt sie zurck, was in ihr quillt,<br /> +und geht um Kraft nach Emaus beten<br /> +zum wunderstarken Gnadenbild.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SIEGEN" id="SIEGEN"></a>SIEGEN<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;<br /> +"Heut sei im Glauben stark wie nie<br /> +und geh mit Gott an deine Pflichten:<br /> +Es ist ein Fall von Diphtherie...."<br /> +<br /> +Sie pflegt und kt den kleinen Kranken,<br /> +und doch packt ihn der Tod beim Hals....<br /> +Spt rafft sie auf sich, heimzuwanken,<br /> +erfrstelnd in dem Schutz des Schals.<br /> +<br /> +Als man vorbei beim Kloster gestern<br /> +den Kleinen trug ins Bett von Lehm,<br /> +klang aus der "Kirche von den Schwestern"<br /> +ganz leis ein Totenrequiem....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_HERBST" id="IM_HERBST"></a>IM HERBST<br /> +<br /> +<br /> +Ein Riesenspinngewebe, zieht<br /> +Altweibersommer durch die Welt sich;—<br /> +und der Laurenziberg gefllt sich<br /> +im goldig-blulichen Habit.<br /> +<br /> +Weil er so mild herbersieht,<br /> +sucht md, gesttzt auf Strahlenkrcken,<br /> +die Sonne hinter seinem Rcken<br /> +schon frhe ihr Valladolid.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_KLEINE_DRATENIK" id="DER_KLEINE_DRATENIK"></a>DER KLEINE "DRATENK"<br /> +<br /> +<br /> +Kommt so ein Bursche, ein junger,<br /> +Mausfallen, Siebe am Rcken,<br /> +folgt mir durch Gassen und Brcken:<br /> +"Herr, ich hab 'trkischen Hunger'.<br /> +<br /> +Nur einen Krajcar, nur einen<br /> +fr ein Stck Brot, milost' pnků!"<br /> +Da!—Und er stammelt mir Dank zu,<br /> +doch lt nicht Ruh er den Beinen.<br /> +<br /> +Lebt nicht von bloem Gelunger.—<br /> +Riecht an den Tren den Braten<br /> +und mu die Pfannen doch drahten—<br /> +leer:—das macht 'trkischen Hunger'.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_DER_VORSTADT" id="IN_DER_VORSTADT"></a>IN DER VORSTADT<br /> +<br /> +<br /> +Die Alte oben mit dem heisern Husten,<br /> +ja, die ist tot.—Wer war sie?—Du mein Gott,<br /> +sie gab uns nichts,—ihr gab man Hohn und Spott....<br /> +Kaum, da die Leute ihren Namen wuten.<br /> +<br /> +Und unten stand der schwarze Kastenwagen.<br /> +Die letzte Klasse; als der Totenschrein<br /> +sich spreizte, stie man fluchend ihn hinein,<br /> +und dann ward rauh die Tre zugeschlagen.<br /> +<br /> +Der Kutscher hieb in seine magern Mhren<br /> +und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,<br /> +als wenn da nicht ein ganzes Leben drin<br /> +voll Weh und Glck und tote Trume waren.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEI_ST_HEINRICH" id="BEI_ST_HEINRICH"></a>BEI ST. HEINRICH<br /> +<br /> +<br /> +Hart am Kirchenaltargitter,<br /> +wo die Ampel flammt, die matte,<br /> +schlaft ein alter, alter Ritter<br /> +unter grauer Wappenplatte.<br /> +<br /> +Lebend hielt er hoch sein Wappen,<br /> +sorgte immer fr sein Blinken;—<br /> +wei er, da mit schmutzgen Schlappen<br /> +alte Weiber drber hinken?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT" id="MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT"></a>MITTELBHMISCHE LANDSCHAFT<br /> +<br /> +<br /> +Fern dmmert wogender Wlder<br /> +beschatteter Saum.<br /> +Dann unterbricht<br /> +nur hie und da ein Baum<br /> +die falbe Flche hoher hrenfelder.<br /> +Im hellsten Licht<br /> +keimt die Kartoffel; dann<br /> +ein wenig weiter Gerste, bis der Tann<br /> +das Bild begrenzt.<br /> +Hoch berm Jungwald glnzt<br /> +so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herber<br /> +aus Fichten ragt der Hegerhtte Bau;—<br /> +und drber<br /> +wlbt sich ein Himmel, blank und blau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_HEIMATLIED" id="DAS_HEIMATLIED"></a>DAS HEIMATLIED<br /> +<br /> +<br /> +Vom Feld klingt ernste Weise;<br /> +wei nicht, wie mir geschieht....<br /> +"Komm her, du Tschechenmdchen,<br /> +sing mir ein Heimatlied."—<br /> +<br /> +Das Mdchen lt die Sichel,<br /> +ist hier mit Husch und Hui,—<br /> +setzt nieder sich am Feldrain<br /> +und singt: "Kde domov můj"....<br /> +<br /> +Jetzt schweigt sie still. Voll Trnen<br /> +das Aug mir zugewandt,—<br /> +nimmt meine Kupferkreuzer<br /> +und kt mir stumm die Hand.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">TRAUMGEKRNT</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">(1897)</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KONIGSLIED" id="KONIGSLIED"></a>KNIGSLIED<br /> +<br /> +<br /> +Darfst das Leben mit Wrde ertragen,<br /> +nur die Kleinlichen macht es klein;<br /> +Bettler knnen dir Bruder sagen,<br /> +und du kannst doch ein Knig sein.<br /> +<br /> +Ob dir der Stirne gttliches Schweigen<br /> +auch kein rotgoldener Reif unterbrach,—<br /> +Kinder werden sich vor dir neigen,<br /> +selige Schwrmer staunen dir nach.<br /> +<br /> +Tage weben aus leuchtender Sonne<br /> +dir deinen Purpur und Hermelin,<br /> +und, in den Hnden Wehmut und Wonne,<br /> +liegen die Nchte vor dir auf den Knien....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TRAUMEN" id="TRAUMEN"></a>TRUMEN<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<a name="Mein_Herz_gleicht" id="Mein_Herz_gleicht"></a>Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;<br /> +auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.<br /> +Der Sturm, der bermtige Geselle,<br /> +brach lngst die kleinen Fenster schon entzwei;<br /> +er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei<br /> +und zerrt dort an der Ministrantenschelle.<br /> +Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei<br /> +ruft zu der lngst entwhnten Opferstelle<br /> +den arg erstaunten fernen Gott herbei.<br /> +Da lacht der Wind und hpft durchs Fenster frei.<br /> +Doch der Erzrnte packt des Klanges Welle<br /> +und schmettert an den Fliesen sie entzwei.<br /> +<br /> +Und arme Wnsche knien in langer Reih<br /> +vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.<br /> +Doch lngst schon geht kein Beter mehr vorbei.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<a name="Ich_denke_an" id="Ich_denke_an"></a>Ich denke an:<br /> +—Ein Drfchen schlicht in des Friedens Prangen,<br /> +drin Hahngekrh;<br /> +und dieses Drfchen verloren gegangen<br /> +im Bltenschnee.<br /> +Und drin im Drfchen mit Sonntagsmienen<br /> +ein kleines Haus;<br /> +ein Blondkopf nickt aus den Tllgardinen<br /> +verstohlen heraus.<br /> +Rasch auf die Tre, die angelheiser<br /> +um Hilfe ruft,—<br /> +und dann in der Stube ein leiser, leiser<br /> +Lavendelduft....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen" id="Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen"></a>Mir ist: ein Huschen wr mein eigen;<br /> +vor seiner Tre sa ich spt,<br /> +wenn hinter violetten Zweigen<br /> +bei halb verhalltem Grillengeigen<br /> +die rote Sonne sterben geht.<br /> +<br /> +Wie eine Mtze grnlich-samten<br /> +steht meinem Haus das moosge Dach,<br /> +und seine kleinen, dickumrammten<br /> +und blank verbleiten Scheiben flammten<br /> +dem Tage heie Gre nach.<br /> +<br /> +Ich trumte, und mein Auge langte<br /> +schon nach den blassen Sternen hin,—<br /> +vom Dorfe her ein Ave bangte,<br /> +und ein verlorner Falter schwankte<br /> +im schneeig schimmernden Jasmin.<br /> +<br /> +Die mde Herde trollte trabend<br /> +vorbei, der kleine Hirte pfiff,—<br /> +und in die Hand das Haupt vergrabend,<br /> +empfand ick, wie der Feierabend<br /> +in meiner Seele Saiten griff.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +<a name="Eine_alte_Weide_trauert" id="Eine_alte_Weide_trauert"></a>Eine alte Weide trauert<br /> +drr und fhllos in den Mai,—<br /> +eine alte Htte kauert<br /> +grau und einsam hart dabei.<br /> +<br /> +War ein Nest einst in der Weide,<br /> +in der Htt ein Glck zu Haus;<br /> +Winter kam und Weh,—und beide<br /> +blieben aus....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +V<br /> +<br /> +<a name="Die_Rose_hier_die_gelbe" id="Die_Rose_hier_die_gelbe"></a>Die Rose hier, die gelbe,<br /> +gab gestern mir der Knab,<br /> +heut trag ich sie, dieselbe,<br /> +hin auf sein frisches Grab.<br /> +<br /> +An ihren Blttern lehnen<br /> +noch lichte Trpfchen,—schau!<br /> +Nur heute sind es Trnen,—<br /> +und gestern war es Tau....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +VI<br /> +<br /> +<a name="Wir_sassen_beisammen" id="Wir_sassen_beisammen"></a>Wir saen beisammen im Dmmerlichte.<br /> +"Mtterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,<br /> +du erzhlst mir noch einmal die schne Geschichte<br /> +von der Prinzessin mit goldnem Haar?"—<br /> +<br /> +Seit Mtterchen tot ist, durch dmmernde Tage<br /> +fhrt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;<br /> +und von der schonen Prinzessin die Sage<br /> +wei sie wie Mtterchen ganz genau....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +VII<br /> +<br /> +<a name="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege" id="Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege"></a>Ich wollt, sie htten statt der Wiege<br /> +mir einen kleinen Sarg gemacht,<br /> +dann wr mir besser wohl, dann schwiege<br /> +die Lippe lngst in feuchter Nacht.<br /> +<br /> +Dann htte nie ein wilder Wille<br /> +die bange Brust durchzittert,—dann<br /> +wrs in dem kleinen Krper stille,<br /> +so still wie's niemand denken kann.<br /> +<br /> +Nur eine Kinderseele stiege<br /> +zum Himmel hoch so sieht,—ganz sacht....<br /> +Was haben sie mir statt der Wiege<br /> +nicht einen kleinen Sarg gemacht?—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +VIII<br /> +<br /> +<a name="Jene_Wolke_will_ich_neiden" id="Jene_Wolke_will_ich_neiden"></a>Jene Wolke will ich neiden,<br /> +die dort oben schweben darf!<br /> +Wie sie auf besonnte Heiden<br /> +ihre schwarzen Schatten warf.<br /> +<br /> +Wie die Sonne zu verdstern<br /> +sie vermochte khn genug,<br /> +wenn die Erde lichteslstern<br /> +grollte unter ihrem Flug.<br /> +<br /> +All die goldnen Strahlenfluten<br /> +jener Sonne wollt auch ich<br /> +hemmen! Wenn auch fr Minuten!<br /> +Wolke! Ja, ich neide dich!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +IX<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_Die_Welt" id="Mir_ist_Die_Welt"></a>Mir ist: Die Welt, die laute, krank<br /> +hat jngst zerstrt ein jh Zerstleben<br /> +und mir nur ist der Weltgedanke,<br /> +der groe, in der Brust geblieben.<br /> +<br /> +Denn so ist sie, wie ich sie dachte;<br /> +ein jeder Zwiespalt ist vertost:<br /> +auf goldnen Sonnenflgeln sachte<br /> +umschwebt mich grner Waldestrost.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +X<br /> +<br /> +<a name="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage" id="Wenn_das_Volk_das_drohnentrage"></a>Wenn das Volk, das drohnentrge,<br /> +trabt den altvertrauten Trott,<br /> +mcbt ich weie Wandelwege<br /> +wallen durch das Duftgehege<br /> +ernst und einsam wie ein Gott.<br /> +<br /> +Wandeln nach den glanzdurchsprhten<br /> +Fernen, lichten Lohns bewut;—<br /> +um die Stirne khle Blten<br /> +und von kinderkeuschen Mythen<br /> +voll die sabbatstille Brust.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XI<br /> +<br /> +<a name="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht" id="Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht"></a>Wei ich denn wie mir geschieht?<br /> +In den Lften Dftequalmen<br /> +und in bronzebraunen Halmen<br /> +ein verlornes Grillenlied.<br /> +<br /> +Auch in meiner Seele klingt<br /> +tief ein Klang, ein traurig-lieber,—<br /> +so hrt wohl ein Kind im Fieber,<br /> +wie die tote Mutter singt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XII<br /> +<br /> +<a name="Schon_blinzt" id="Schon_blinzt"></a>Schon blinzt aus argzerfetztem Laken<br /> +der holde, keusche Gtternacken<br /> +der frherwachenden Natur,<br /> +und nur in tiefentiegnen Talen<br /> +zeigt hinter violetten, kahlen<br /> +Gebschen sich mit falschem Prahlen<br /> +des Winters weie Sohlenspur.<br /> +<br /> +Hin geh ich zwischen Weidenbumen<br /> +an nassen Rderrinnensumen<br /> +den Fahrweg, und der Wind ist mild.<br /> +Die Sonne prangt im Glast des Mrzen<br /> +und zndet an im dunkeln Herzen<br /> +der Sehnsucht weie Opferkerzen<br /> +vor meiner Hoffnung Gnadenbild.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XIII<br /> +<br /> +<a name="Fahlgrauer_Himmel" id="Fahlgrauer_Himmel"></a>Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe<br /> +bange verblich.<br /> +Weit—ein einziger lohroter Strich<br /> +wie eine brennende Geielnarbe.<br /> +<br /> +Irre Reflexe vergehn und erscheinen.<br /> +Und in der Luft<br /> +liegts wie ersterbender Rosenduft<br /> +und wie verhaltenes Weinen....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XIV<br /> +<br /> +<a name="Die_Nacht_liegt_duftschwer" id="Die_Nacht_liegt_duftschwer"></a>Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,<br /> +und ihre Sterne schauen still,<br /> +wie schon des Mondes weie Barke<br /> +im Lindenwipfel landen will.<br /> +<br /> +Fern hr ich die Fontne hallen<br /> +ein Mrchen, das ich lngst verga,—<br /> +und dann ein leises Apfelfallen<br /> +ins hohe, regungslose Gras.<br /> +<br /> +Der Nachtwind schwebt vom nahen Hgel<br /> +und trgt durch alte Eichenreihn<br /> +auf seinem blauen Faltcrflgel<br /> +den schweren Duft vom jungen Wein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XV<br /> +<br /> +<a name="Im_Schoss_der_silberhellen" id="Im_Schoss_der_silberhellen"></a>Im Scho der silberhellen Schneenacht<br /> +dort schlummert alles weit und breit,<br /> +und nur ein ewig wildes Weh wacht<br /> +in einer Seele Einsamkeit.<br /> +<br /> +Du fragst, warum die Seele schwiege,<br /> +warum sies in die Nacht hinaus<br /> +nicht giet?—Sie wei, wenns ihr entstiege,<br /> +es lschte alle Sterne aus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XVI<br /> +<br /> +<a name="Abendlauten" id="Abendlauten"></a>Abendluten. Aus den Bergen hallt es<br /> +wieder neu zurck in immer mattern<br /> +Tnen. Und ein Lftchen fhlst du flattern<br /> +von dem grnen Talgrund her, ein kaltes.<br /> +<br /> +In den weien Wiesenquellen lallt es<br /> +wie ein Stammeln kindischen Gebetes;<br /> +durch den schwarzen Tannenhochwald geht es<br /> +wie ein Dmmern, ein jahrhundertaltes.<br /> +<br /> +Durch die Fuge eines Wolkenspaltes<br /> +wirft der Abend rote Blutkorallen<br /> +nach den Felsenwnden.—Und sie prallen<br /> +lautlos von den Schultern des Basaltes.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XVII<br /> +<br /> +<a name="Weltenweiter_Wandrer" id="Weltenweiter_Wandrer"></a>Weltenweiter Wandrer<br /> +walle fort in Ruh....<br /> +also kennt kein andrer<br /> +Menschenleid wie du.<br /> +<br /> +Wenn mit lichtem Leuchten<br /> +du beginnst den Lauf,<br /> +schlgt der Schmerz die feuchten<br /> +Augen zu dir auf.<br /> +<br /> +Drinnen liegt—als riefen<br /> +sie dir zu: versteh!—<br /> +tief in ihren Tiefen<br /> +eine Welt voll Weh....<br /> +<br /> +Tausend Trnen reden<br /> +ewig ungestillt,<br /> +und in einer jeden<br /> +spiegelt sich dein Bild!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XVIII<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen" id="Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen"></a>Mchte mir ein blondes Glck erkiesen;<br /> +doch vom Sehnen bin ich md und Suchen.—<br /> +Weie Wasser gehn in stillen Wiesen,<br /> +und der Abend blutet in die Buchen.<br /> +<br /> +Mdchen wandern heimwrts. Rot im Mieder<br /> +Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....<br /> +Und die ersten Sterne kommen wieder<br /> +und die Trume, die so traurig machen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XIX<br /> +<br /> +<a name="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer" id="Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer"></a>Vor mir liegt ein Felsenmeer,<br /> +Strucher, halb im Schutt versunken,<br /> +Todesschweigen.—Nebeltrunken<br /> +hangt der Himmel drber her.<br /> +<br /> +Nur ein matter Falter schwirrt<br /> +rastlos durch das Land, das kranke....<br /> +Einsam, wie ein Gottgedanke<br /> +durch die Brust des Leugners irrt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XX<br /> +<br /> +<a name="Die_Fenster_gluhten" id="Die_Fenster_gluhten"></a>Die Fenster glhten an dem stillen Haus,<br /> +der ganze Garten war voll Rosendften.<br /> +Hoch spannte ber weien Wolkenklften<br /> +der Abend in den unbewegten Lften<br /> +die Schwingen aus.<br /> +<br /> +Ein Glockenton ergo sich auf die Au....<br /> +Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,<br /> +Und heimlich ber flstervollen Birken<br /> +sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken<br /> +ins blasse Blau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXI<br /> +<br /> +<a name="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte" id="Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte"></a>Es gibt so wunderweie Nchte,<br /> +drin alle Dinge Silber sind.<br /> +Da schimmert mancher Stern so lind,<br /> +als ob er fromme Hirten brchte<br /> +zu einem neuen Jesuskind.<br /> +<br /> +Weit wie mit dichtem Demantstaube<br /> +bestreut, erscheinen Flur und Flut,<br /> +und in die Herzen, traumgemut,<br /> +steigt ein kapellenloser Glaube,<br /> +der leise seine Wunder tut.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXII<br /> +<br /> +<a name="Wie_eine_Riesenwunderblume" id="Wie_eine_Riesenwunderblume"></a>Wie eine Riesenwunderblume prangt<br /> +voll Duft die Welt, an deren ltenspelze,<br /> +ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,<br /> +die Mainacht hangt.<br /> +<br /> +Nichts regt sich; nur der Silberfhler blinkt....<br /> +Dann trgt sein Flgel ihn, sein frhverblater,<br /> +nach Morgen, wo aus feuerroter Aster<br /> +er Sterben trink....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXIII<br /> +<br /> +<a name="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend" id="Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend"></a>Wie, jegliches Gefhl vertiefend,<br /> +ein ser Drang die Brust bewegt,<br /> +wenn sich die Mainacht, sternetriefend,<br /> +auf muschenstille Pltze legt—<br /> +<br /> +Da schleichst du hin auf sachter Sohle<br /> +und schwrmst zum blanken Blau hinauf,<br /> +und gro wie eine Nachtviole<br /> +geht dir die dunkle Seele auf....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXIV<br /> +<br /> +<a name="O_gabs_doch_Sterne" id="O_gabs_doch_Sterne"></a>O gbs doch Sterne, die nicht bleichen,<br /> +wenn schon der Tag den Ost besumt;<br /> +von solchen Sternen ohnegleichen<br /> +hat meine Seele oft getrumt.<br /> +<br /> +Von Sternen, die so milde blinken,<br /> +da dort das Auge landen mag,<br /> +das mde ward vom Sonnetrinken<br /> +an einem goldnen Sommertag.<br /> +<br /> +Und schlichen hoch ins Weltgetriebe<br /> +sich wirklich solche Sterne ein,—<br /> +sie mten der verborgnen Liebe<br /> +und allen Dichtern heilig sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXV<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste" id="Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste"></a>Mir ist so weh, so weh, als mte<br /> +die ganze Welt in Grau vergehn,<br /> +als ob mich die Geliebte kte<br /> +und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.<br /> +<br /> +Als ob Ich tot wr und im Hirne<br /> +mir dennoch whlte wilde Qual,<br /> +weil mir vom Hgel eine Dirne<br /> +die letzte, blasse Rose stahl....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXVI<br /> +<br /> +<a name="Matt_durch_der_Tale" id="Matt_durch_der_Tale"></a>Matt durch der Tale Gequalme wankt<br /> +Abend auf goldenen Schuhn,—<br /> +Falter, der trumend am Halme hangt,<br /> +wei nichts vor Wonne zu tun.<br /> +<br /> +Alles schlrft hei! an der Stille sich.—<br /> +Wie da die Seele sich schwellt,<br /> +da sie als schimmernde Hlle sich<br /> +legt um das Dunkel der Welt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXVII<br /> +<br /> +<a name="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse" id="Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse"></a>Ein Erinnern, das ich heilig heie,<br /> +leuchtet mir durchs innerste Gemt,<br /> +so wie Gtterbildermarmorweie<br /> +durch geweihter Haine Dmmer glht.<br /> +<br /> +Das Erinnern einstger Seligkeiten,<br /> +das Erinnern an den toten Mai,—<br /> +Weihrauch in den weien Hnden, schreiten<br /> +meine stillen Tage dran vorbei....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +XXVIII<br /> +<br /> +<a name="Glaubt_mir" id="Glaubt_mir"></a>Glaubt mir, da ich, matt vom Kranken,<br /> +keinen lauten Lenz mehr mag,—<br /> +will nur einen sonnenblanken,<br /> +wipfelroten Frhherbsttag.<br /> +<br /> +Will die Lust, die jubelschrille,<br /> +nicht mehr in die Brust zurck,—<br /> +will nur Sterbestbenstille<br /> +drinnen—fr mein totes Gluck.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">LIEBEN</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_wie_mag_die_Liebe" id="Und_wie_mag_die_Liebe"></a>Und wie mag die Liebe dir kommen sein?<br /> +Kam sie wie ein Sonnen, ein Bltenschnein,<br /> +kam sie wie ein Beten?—Erzhle:<br /> +<br /> +Ein Glck lste leuchtend aus Himmeln sich los<br /> +und hing mit gefalteten Schwingen gro<br /> +an meiner blhenden Seele....<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Das_war_der_Tag" id="Das_war_der_Tag"></a>Das war der Tag der weien Chrysanthemen,—<br /> +mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....<br /> +Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen<br /> +tief in der Nacht.<br /> +<br /> +Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,—<br /> +ich hatte grad im Traum an dich gedacht.<br /> +Du kamst, und leis wie eine Mrchenweise<br /> +erklang die Nacht....<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein" id="Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein"></a>Einen Maitag mit dir beisammen sein,<br /> +und selbander verloren ziehn<br /> +durch der Blten duftqualmende Flammenreihn<br /> +zu der Laube von weiem Jasmin.<br /> +<br /> +Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,<br /> +jeder Wunsch in der Seele so still....<br /> +Und ein Glck sich mitten in Mailust baun,<br /> +ein groes,—das ists, was ich will....<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht" id="Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht"></a>Ich wei nicht, wie mir geschieht....<br /> +Wei nicht, was Wonne ich lausche,<br /> +mein Herz ist fort wie im Rausche,<br /> +und die Sehnsucht ist wie ein Lied.<br /> +<br /> +Und mein Mdel hat frhliches Blut<br /> +und hat das Haar voller Sonne<br /> +und die Augen von der Madonne,<br /> +die heute noch Wunder tut.<br /> +<br /> +<br /> +V<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ob_dus_noch_denkst" id="Ob_dus_noch_denkst"></a>Ob dus noch denkst, da ich dir pfel brachte<br /> +und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?<br /> +Weit du, das war, als ich noch gerne lachte,<br /> +und du warst damals noch ein Kind.<br /> +<br /> +Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte<br /> +ein junges Hoffen und ein alter Gram....<br /> +Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante<br /> +den "Werther" aus den Hnden nahm.<br /> +<br /> +Der Frhling rief. Ich kte dir die Wangen,<br /> +dein Auge sah mich gro und selig an.<br /> +Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,<br /> +und Lichter gingen durch den Tann....<br /> +<br /> +<br /> +VI<br /> +<br /> +<a name="Wir_sassen_beide_in_Gedanken" id="Wir_sassen_beide_in_Gedanken"></a>Wir saen beide in Gedanken<br /> +im Weinblattdmmcr—du und ich—<br /> +und ber uns in duftgen Ranken<br /> +versummte wo ein Hummel sich.<br /> +<br /> +Reflexe hielten, bunte Kreise,<br /> +in deinem Haare flchtig Rast....<br /> +Ich sagte nichts als einmal leise:<br /> +"Was du fr schne Augen hast."<br /> +<br /> +<br /> +VII<br /> +<br /> +<a name="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben" id="Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben"></a>Blondkpfchen hinter den Scheiben<br /> +hebt es sich ab so fein,—<br /> +sternt es ins Stubchentreiben<br /> +oder zu mir herein?<br /> +<br /> +Ist es das Kpfchen, das liebe,<br /> +das mich gefesselt hlt,<br /> +oder das Staubchengetriebe<br /> +dort in der sonnigen Welt?<br /> +<br /> +Keins sieht zum andern hinber.<br /> +Heimlich, die Stirne voll Ruh<br /> +schreitet der Abend vorber....<br /> +Und wir? Wir sehn ihm halt zu.—<br /> +<br /> +<br /> +VIII<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Liese_wird_heute" id="Die_Liese_wird_heute"></a>Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.<br /> +Sie findet im Klee einen Vierung....<br /> +Fern drngt sichs wie eine Bubenschar:<br /> +die Lwenzhne mit blondem Haar<br /> +betreut vom sternigen Schierling.<br /> +<br /> +Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,<br /> +der strotzige, lose Geselle.<br /> +Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn<br /> +und lacht und wlzt durch den Wiesenplan<br /> +des Windes wallende Welle....<br /> +<br /> +<br /> +IX<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_traume_tief_im_Weingerank" id="Ich_traume_tief_im_Weingerank"></a>Ich trume tief im Weingerank<br /> +mit meiner blonden Kleinen;<br /> +es bebt ihr Hndchen, elfenschlank,<br /> +im heien Zwang der meinen.<br /> +<br /> +So wie ein gelbes Eichhorn huscht<br /> +das Licht hin im Reflexe,<br /> +und violetter Schatten tuscht<br /> +ins weie Kleid ihr Kleckse.<br /> +<br /> +In unsrer Brust liegt glckverschneit<br /> +goldsonniges Verstummen.<br /> +Da kommt in seinem Sammerkleid<br /> +ein Hummel Segen summen....<br /> +<br /> +<br /> +X<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte" id="Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte"></a>Es ist ein Weltmeer voller Lichte,<br /> +das der Geliebten Aug umschliet,<br /> +wenn von der Flut der Traumgesichte<br /> +die keusche Seele berfliet.<br /> +<br /> +Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers<br /> +so wie ein Kind, das stockt im Lauf,<br /> +geht vor der Pracht des Christbaumzimmers<br /> +die Flgeltre lautlos auf.<br /> +<br /> +<br /> +XI<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_war_noch_ein_Knabe" id="Ich_war_noch_ein_Knabe"></a>Ich war noch ein Knabe. Ich wei, es hie:<br /> +Heut kommt Base Olga zu Gaste.<br /> +Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies<br /> +ins Kleidchen gepret, ins verblate.<br /> +<br /> +Bei Tisch sa man spter nach Ordnung und Rang<br /> +und frischte sich mig die Kehle;<br /> +und wie mein Glas an das deine klang,<br /> +da ging mir ein Ri durch die Seele.<br /> +<br /> +Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und verga<br /> +mich dem Plaudern der andern zu einen,<br /> +denn tief im trockenen Halse sa<br /> +mir wrgend ein wimmerndes Weinen.<br /> +<br /> +Wir gingen im Parke.—Du sprachst vom Glck<br /> +und ktest die Lippen mir lange,<br /> +und ich gab dir fiebernde Ksse zurck<br /> +auf die Stirne, den Mund und die Wange.<br /> +<br /> +Und da machtest du leise die Augen zu,<br /> +die Wonne blind zu ergrnden....<br /> +Und mir ahnte im Herzen: da wrest du<br /> +am liebsten gestorben in Snden....<br /> +<br /> +<br /> +XII<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid" id="Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid"></a>Die Nacht im Silberfunkenkleid<br /> +streut Trume eine Handvoll,<br /> +die fllen mir mit Trunkenheit<br /> +die tiefe Seele randvoll.<br /> +<br /> +Wie Kinder eine Weihnacht sehn<br /> +voll Glanz und goldnen Nssen,—<br /> +seh ich dich durch die Mainacht gehn<br /> +und alle Blumen kssen.<br /> +<br /> +<br /> +XIII<br /> +<br /> +<a name="Schon_starb_der_Tag" id="Schon_starb_der_Tag"></a>Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,<br /> +und unter Farren bluteten Zyklamen,<br /> +die hohen Tannen glhten, Schaft bei Schaft,<br /> +es war ein Wind,—und schwere Dfte kamen.<br /> +Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,<br /> +ich sagte leise deinen sen Namen:<br /> +Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft<br /> +aus deines Herzens weiem Liliensamen<br /> +die Feuerlilie der Leidenschaft.<br /> +<br /> +Rot war der Abend—und dein Mund so rot,<br /> +wie meine Lippen sehnsuchthei ihn fanden,<br /> +und jene Flammen, die uns jh durchloht,<br /> +sie leckten an den neidischen Gewanden....<br /> +Der Wald war stille, und der Tag war tot.<br /> +Uns aber war der Heiland auferstanden,<br /> +und mit dem Tage starben Neid und Not.<br /> +Der Mond kam gro an unsern Hgeln landen,<br /> +und leise stieg das Glck aus weiem Boot.<br /> +<br /> +<br /> +XIV<br /> +<br /> +<a name="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen" id="Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen"></a>Es leuchteten im Garten die Syringen,<br /> +von einem Ave war der Abend voll,—<br /> +da war es, da wir voneinander gingen<br /> +in Gram und Groll.<br /> +<br /> +Die Sonne war in heien Fiebertrumen<br /> +gestorben hinter grauen Hngen weit,<br /> +und jetzt verglomm auch hinter Bltenbumen<br /> +dein weies Kleid.<br /> +<br /> +Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen<br /> +und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,<br /> +das lange in ein helles Licht gesehen:<br /> +Bin ich jetzt blind?—<br /> +<br /> +<br /> +XV<br /> +<br /> +<a name="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind" id="Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind"></a>Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,—<br /> +dann fhl ich mich so ernst und alt,—<br /> +wenn nur ganz leis dein glockenreines<br /> +Gelchter in mir widerhallt.<br /> +<br /> +Wenn dann in groem Kinderstaunen<br /> +dein Auge aufgeht, tief und hei,—<br /> +mcht ich dich kssen und dir raunen<br /> +die schnsten Mrchen, die ich wei.<br /> +<br /> +<br /> +XVI<br /> +<br /> +<a name="Nach_einem_Gluck" id="Nach_einem_Gluck"></a>Nach einem Glck ist meine Seele lstern,<br /> +nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....<br /> +Im Quellenquirlen und im Fhrenflstern<br /> +da hr ichs nahn....<br /> +<br /> +Und wenn von Hgeln, die sich purpurn sumen,<br /> +in bleiche Blue schwimmt der Silberkahn,—<br /> +dann unter schattenschweren Bltenbumen<br /> +seh ich es nahn.<br /> +<br /> +In weiem Kleid; so wie das Lieb, das tote,<br /> +am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,<br /> +am Herzen jene Blume nur, die rote,<br /> +trug es die auch?...<br /> +<br /> +<br /> +XVII<br /> +<br /> +<a name="Wir_gingen" id="Wir_gingen"></a>Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,<br /> +vom Abschiedsweh die Augen beide rot...<br /> +"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."<br /> +Ich sagte bang: "Die sind schon tot."<br /> +<br /> +Mein "Wort war lauter Weinen.—In den thern<br /> +stand kindisch lchelnd schon ein blasser Stern.<br /> +Der matte Tag ging sterbend zu den Vtern,<br /> +und eine Dohle schrie von fern—<br /> +<br /> +<br /> +XVIII<br /> +<br /> +<a name="Im_Fruhling_oder_im_Traume" id="Im_Fruhling_oder_im_Traume"></a>Im Frhling oder im Traume<br /> +bin ich dir begegnet, einst,<br /> +und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,<br /> +und du drckst mir die Hand und weinst.<br /> +<br /> +Weinst du ob der jagenden Wolken?<br /> +Ob der blutroten Bltter? Kaum.<br /> +Ich fhl es: du warst einmal glcklich<br /> +im Frhling oder im Traum....<br /> +<br /> +<br /> +XIX<br /> +<br /> +<a name="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte" id="Sie_hatte_keinerlei_Geschichte"></a>Sie hatte keinerlei Geschichte,<br /> +ereignislos ging Jahr um Jahr—<br /> +auf einmal kams mit lauter Lichte....<br /> +die Liebe oder was das war.<br /> +<br /> +Dann pltzlich sah sies bang zerrinnen,<br /> +da liegt ein Teich vor ihrem Haus....<br /> +So wie ein Traum scheints zu beginnen,<br /> +und wie ein Schicksal geht es aus.<br /> +<br /> +<br /> +XX<br /> +<br /> +<a name="Man_merkte_der_Herbst_kam" id="Man_merkte_der_Herbst_kam"></a>Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell<br /> +erstorben im eigenen Blute.<br /> +Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell<br /> +auf der Kleinen verbogenem Hute.<br /> +<br /> +Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich<br /> +sie die Hand mir schmeichelnd und leise.—<br /> +Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....<br /> +Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".<br /> +<br /> +Da stand sie, das Kpfchen voll Abschiedsnot<br /> +in den Stoff meines Mantels vergrabend....<br /> +Vom Htchen nickte die Rose rot,<br /> +und es lchelte mde der Abend.<br /> +<br /> +<br /> +XXI<br /> +<br /> +<a name="Manchmal_da_ist_mir" id="Manchmal_da_ist_mir"></a>Manchmal da ist mir: Nach Gram und Mh<br /> +will mich das Schicksal noch segnen,<br /> +wenn mir in feiernder Sonntagsfrh<br /> +lachende Mdchen begegne....<br /> +Lachen hr ich sie gerne.<br /> +<br /> +Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,<br /> +nie kann ichs, whn ich, vergessen...<br /> +Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,<br /> +will ich mirs singen ... Indessen<br /> +singens schon oben die Sterne....<br /> +<br /> +<br /> +XXII<br /> +<br /> +<a name="Es_ist_lang" id="Es_ist_lang"></a>Es ist lang,—es ist lang....<br /> +wann—wei ich gar nimmer zu sagen....<br /> +eine Glocke klang, eine Lerche sang—<br /> +und ein Herz hat so selig geschlagen.<br /> +Der Himmel so blank berm Jungwaldhang,<br /> +der Flieder hat Blten getragen,—<br /> +und im Sonntagskleide ein Mdchen, schlank,<br /> +das Auge voll staunender Fragen....<br /> +<span style="margin-left: 1.5em;">Es ist lang,—es ist lang....</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">ADVENT</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">(1898)</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +ADVENT<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde" id="Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde"></a>Es treibt der Wind im Winterwalde<br /> +die Flockenherde wie ein Hirt,<br /> +und manche Tanne ahnt, wie balde<br /> +sie fromm und lichterheilig wird,<br /> +und lauscht hinaus. Den weien Wegen<br /> +streckt sie die Zweige hin—bereit,<br /> +und wehrt dem Wind und wchst entgegen<br /> +der einen Nacht der Herrlichkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">GABEN</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">AN VERSCHIEDENE FREUNDE</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Das_ist_mein_Streit" id="Das_ist_mein_Streit"></a>Das ist mein Streit:<br /> +Sehnsuchtgeweiht<br /> +durch alle Tage Sehweifen,<br /> +Dann, stark und breit,<br /> +mit tausend Wurzelstreifen<br /> +rief in das Leben greifen—<br /> +und durch das Leid<br /> +weit aus dem Leben reifen,<br /> +weit aus der Zeit!<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_meine_heilige_Einsamkeit" id="Du_meine_heilige_Einsamkeit"></a>Du meine heilige Einsamkeit,<br /> +du bist so reich und rein und weit<br /> +wie ein erwachender Garten.<br /> +Meine heilige Einsamkeit du—<br /> +halte die goldenen Tren zu,<br /> +vor denen die Wnsche warten.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Bach_hat_leise_Melodien" id="Der_Bach_hat_leise_Melodien"></a>Der Bach hat leise Melodien,<br /> +und fern ist Staub und Stadt;<br /> +die Wipfel winken her und hin<br /> +und machen mich so matt.<br /> +<br /> +Der Wald ist wild, die Welt ist weit,<br /> +mein Herz ist hell und gro;<br /> +es hlt die blasse Einsamkeit<br /> +mein Haupt in ihrem Scho.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen" id="Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen"></a>Ich liebe vergessene Flurmadonnen,<br /> +die ratlos warten auf irgendwen,<br /> +und Mdchen, die an einsame Bronnen,<br /> +Blumen im Blondhaar, trumen gehn.<br /> +<br /> +Und Kinder, die in die Sonne singen<br /> +und staunend gro zu den Sternen sehn,<br /> +und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,<br /> +und die Nchte, wenn sie in Blten stehn.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar" id="Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar"></a>Warst du ein Kind in froher Schar,<br /> +dann kannst du's freilich nicht erfassen,<br /> +wie es mir kam, den Tag zu hassen<br /> +als ewig feindliche Gefahr.<br /> +Ich war so fremd und so verlassen,<br /> +da ich nur tief in bltenblassen<br /> +Mainchten heimlich selig war.<br /> +<br /> +Am Tag trug ich den engen Ring<br /> +der feigen Pflicht in frommer Weise.<br /> +Doch abends schlich ich aus dem Kreise,<br /> +mein kleines Fenster klirrte—kling—<br /> +sie wutens nicht. Ein Schmetterling,<br /> +nahm meine Sehnsucht ihre Reise,<br /> +weil sie die weiten Sterne leise<br /> +nach ihrer Heimat fragen ging.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="PFAUENFEDER" id="PFAUENFEDER"></a>PFAUENFEDER:<br /> +<br /> +<br /> +in deiner Feinheit sondergleichen,<br /> +wie liebte ich dich schon als Kind.<br /> +Ich hielt dich fr ein Liebeszeichen,<br /> +das sich an silberstillen Teichen<br /> +in khler Nacht die Elfen reichen,<br /> +wenn alle Kinder schlafen sind.<br /> +<br /> +Und weil Gromtterchen, das gute,<br /> +mir oft von Wnschegerten las,<br /> +so trumte ich, du Zartgemute,<br /> +in deinen feinen Fasern flute<br /> +die kluge Kraft der Rtselrute—<br /> +und suchte dich im Sommergras.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise" id="Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise"></a>Oft denk ich auf der Alltagsreise<br /> +der Nacht, und da ein Traum mir frommt,<br /> +der mir mit Lippen, khl und leise,<br /> +die schwle Stirne kssen kommt.<br /> +<br /> +Dann sehn ich mich, die Sterne glnzen<br /> +zu sehn.—Der Tag ist karg und klein,<br /> +die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen<br /> +und knnte eine Sage sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE" id="DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE"></a>DAMIT ICH GLCKLICH WRE—<br /> +<br /> +das mte sein von jenen blanken<br /> +Lenztagen einer, da die Kranken<br /> +man vor die dunklen Tren bringt.<br /> +Im Flieder ist ein Spatzenzanken,<br /> +weil keinem rechter Sang gelingt.<br /> +Der Bach, dem alle Bande sanken,<br /> +wei nicht, was tun vor Glck, und springt<br /> +bis aufwrts zu den Bretterplanken,<br /> +dahinter Beete, kiesumringt,<br /> +und Blumenblhn und Birkenschwanken.<br /> +Und vor dem Huschen, goldbezinkt,<br /> +um das der Frhling seine Ranken<br /> +wie liebeleise Arme schlingt—<br /> +ein blondes Kind, das in Gedanken<br /> +das schnste meiner Lieder singt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still" id="An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still"></a>An manchem Tag ist meine Seele still:<br /> +Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.<br /> +Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen<br /> +dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen<br /> +den Jubel seiner Arme fesseln will.<br /> +<br /> +Vertrumte Heiligenbilder dunkeln drin<br /> +in ratlos-sehnendem Erhrenwollen:<br /> +Sie warten auf den Sonntag mit den vollen<br /> +Gesthlen und dem groen Orgelrollen—<br /> +und blasse Ampeln schwanken her und hin.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt" id="Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt"></a>Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt<br /> +in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,<br /> +um Beifall bettelt und um Wrde wirbt,<br /> +und endlich arm ein armes Sterben stirbt<br /> +im Weihrauchabend gotischer Kapellen,—<br /> +nennt ihr das Seele?<br /> +<br /> +Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,<br /> +in der die Welten weite Wege reisen,<br /> +mir ist: ich trage ein Stck Ewigkeit<br /> +in meiner Brust. Das rttelt und das schreit<br /> +und will hinauf und will mir ihnen kreisen....<br /> +Und das ist Seele.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser" id="Die_hohen_Tannen_atmen_heiser"></a>Die hohen Tannen atmen heiser<br /> +im Winterschnee, und bauschiger<br /> +schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.<br /> +Die weien Wege werden leiser,<br /> +die trauten Stuben lauschiger.<br /> +<br /> +Da singt die Uhr, die Kinder zittern:<br /> +Im grnen Ofen kracht ein Scheit<br /> +und strzt in lichten Lohgewittern,—<br /> +und drauen wchst im Flockenflittern<br /> +der weie Tag zur Ewigkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen" id="Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen"></a>Der Abend kommt von weit gegangen<br /> +durch den verschneiten, leisen Tann.<br /> +Dann pret er seine Winterwangen<br /> +an alle Fenster lauschend an.<br /> +<br /> +Und stille wird ein jedes Haus;<br /> +die Alten in den Sesseln sinnen,<br /> +die Mtter sind wie Kniginnen,<br /> +die Kinder wollen nicht beginnen<br /> +mit ihrem Spiel. Die Mgde spinnen<br /> +nicht mehr. Der Abend horcht nach innen<br /> +und innen horchen sie hinaus.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Das_Wetter_war_grau_und_grell" id="Das_Wetter_war_grau_und_grell"></a>Das Wetter war grau und grell;<br /> +der Abend ist lichter und leiser.<br /> +Sicher kommt irgendein Kaiser:<br /> +Alle Huser sind hell.<br /> +Und so festlich und weich<br /> +war das Abendgebimmel;<br /> +die Alten schaun in den Himmel,<br /> +und die Kinder sind reich.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain" id="Sonne_verlodert_am_Himmelsrain"></a>Sonne verlodert am Himmelsrain.<br /> +Durch ernteverarmte Krumen<br /> +waten die Weiber feldein.<br /> +<br /> +An den verschimmernden Schienenreihn<br /> +beim Bahnhterhuschen, sommerallein,<br /> +sinnen Sonnenblumen.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_arme_alte_Kapelle" id="Du_arme_alte_Kapelle"></a>Du arme, alte Kapelle<br /> +mit deiner verstaubten Zier—<br /> +der Frhling baut eine helle<br /> +Kirche neben dir.<br /> +<br /> +Viel frierende Frauen hinken<br /> +in deine Weihrauchruh,<br /> +drauen die Kinder winken<br /> +allen Rosen zu.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Madchen_singen" id="Die_Madchen_singen"></a>Die Mdchen singen:<br /> +Alle Mdchen erwarten wen,<br /> +wenn die Bume in Blten stehn;<br /> +wir mssen immer nhn und nhn,<br /> +bis uns die Augen brennen.<br /> +Unser Singen wird nimmer froh,<br /> +frchten uns vor dem Frhling so:<br /> +Finden wir einmal ihn irgendwo,<br /> +wird er uns nicht mehr erkennen.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Lehnen_im_Abendgarten_beide" id="Lehnen_im_Abendgarten_beide"></a>Lehnen im Abendgarten beide,<br /> +lauschen lange nach irgendwo.<br /> +"Du hast Hnde wie weie Seide...."<br /> +Und da staunt sie: "Du sagst das so...."<br /> +<br /> +Etwas ist in den Garten getreten,<br /> +und das Gitter hat nicht geknarrt,<br /> +und die Rosen in allen Beeten<br /> +heben vor seiner Gegenwart.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Eine_der_weissen_Vestageweihten" id="Eine_der_weissen_Vestageweihten"></a>Eine der weien Vestageweihten<br /> +lchelte Gnade dem Todbereiten,<br /> +lste ihm von der Stirn die Schmach.<br /> +<br /> +Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten<br /> +des todbefreiten, Schulter breiten<br /> +Epheben nach.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Im_Kreise_der_Barone" id="Im_Kreise_der_Barone"></a>Im Kreise der Barone<br /> +der Knig ritt zur Jagd.<br /> +Ihm wohnte in roter Krone<br /> +ein einsamer Smaragd.<br /> +<br /> +Da gibts unter hellen Hufen<br /> +Wege so weit und wei;<br /> +keiner hrt Hilfe rufen,<br /> +und der Mittag ist hei....<br /> +<br /> +Ob einer den Knig erkannte?<br /> +<br /> +Die Dohlen im Abend schrien.<br /> +<br /> +Die allerkhnste spannte<br /> +den Flug schon ber Ihn:<br /> +Auf des Knigs Stirne brannte<br /> +ein einsamer Rubin.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit" id="Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit"></a>Ein weies Schlo in weier Einsamkeit.<br /> +In blanken Slen schleichen leise Schauer.<br /> +Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,<br /> +und alle Wege weltwrts sind verschneit.<br /> +<br /> +Darber hngt der Himmel brach und breit.<br /> +Es blinkt das Schlo. Und lngs den weier Wnden<br /> +hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Hnden....<br /> +Die Uhren stehn im Schlo: es starb die Zeit.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben" id="Irgendwo_muss_es_Palaste_geben"></a>Irgendwo mu es Palste geben,<br /> +drin die Fenster von Staub verschnein;<br /> +in der Sle hallende Reihn<br /> +tauchen tote Tage hinein:<br /> +Gestalten wallen, es warnt der Schrein;<br /> +und kein lustiger Leuchterschein<br /> +reicht In das einsame Seltsamsein....<br /> +<br /> +Dorten wollen wir Feste gehen—<br /> +mrchenallein.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken" id="Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken"></a>Im Schlosse mit den roten Zinken<br /> +wr ich so gern des Abends Gast.<br /> +Die Fenster glhn, die Falten sinken,<br /> +und meine weien Wnsche winken<br /> +mir aus dem lodernden Palast.<br /> +<br /> +Ich will durch lange Hallen schleichen<br /> +und in die tiefen Grten schaun,<br /> +die ber alle Marken reichen.<br /> +Und Frauen lcheln an den Teichen,<br /> +und in den Wiesen prahlen Pfaun....<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen" id="Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen"></a>Einmal mcht ich dich wiederschauen,<br /> +Park, mit den alten Lindenalleen,<br /> +und mit der leisesten aller Frauen<br /> +zu dem heiligen Weiher gehn.<br /> +<br /> +Schimmernde Schwne in prahlenden Posen<br /> +gleiten leise auf glnzendem Glatt,<br /> +aus der Tiefe tauchen die Rosen<br /> +wie Sagen einer versunkenen Stadt.<br /> +<br /> +Und wir sind ganz allein im Garten,<br /> +drin die Blumen wie Kinder stehn,<br /> +und wir lcheln und lauschen und warten,<br /> +und wir fragen uns nicht, auf wen....<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten" id="Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten"></a>Es kommt in prunkenden Gebreiten<br /> +der Abend wie ein leiser Gott.<br /> +Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten<br /> +durch purpurbunte Einsamkeiten<br /> +in bgelleichtem Trumertrott.<br /> +<br /> +Ich atme tief. Ich werde Kaiser.<br /> +Mein heiler Helm ist losgeschnallt,<br /> +und meine Stirne streifen Reiser<br /> +und rauschen so. Und leiser, leiser<br /> +hallt Huf und Ruf im roten Wald.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer" id="Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer"></a>Horch, verhallt nicht ein scheuer<br /> +Schrei von den Hngen her?<br /> +Aus dem morschen Klostergemuer<br /> +kann der Abend nicht mehr.<br /> +Er sucht sich wund an der Wand.<br /> +Und mit hilfloser Hand<br /> +in das Sulengedrnge,<br /> +in ewige Gnge,<br /> +wirft er den Brand.<br /> +Feuer.—<br /> +In schlichtem Gewand<br /> +flieht er, der Heimkehr singender Heuer<br /> +leise gesellt, ins verlschende Land.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach" id="Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach"></a>Der Knig Abend wei sich schwach<br /> +und satt, und ihm geschieht:<br /> +Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,<br /> +der einem Hirtensingen nach<br /> +in Menschen lande zieht.<br /> +<br /> +Jetzt ist der Bach ein Knigskind.<br /> +Er jubelt laut Alarm<br /> +und gibt den wunden Krumen blind<br /> +sein Gold.—Und wo die Htten sind,<br /> +dort ist er wieder arm.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Der_Tag_entschlummert_leise" id="Der_Tag_entschlummert_leise"></a>Der Tag entschlummert leise,—<br /> +ich walle menschenfern....<br /> +Wach sind im weiten Kreise<br /> +ich—und ein bleicher Stern.<br /> +<br /> +Sein Auge licht durchwoben<br /> +ruht flimmernd hell auf mir,<br /> +er scheint am Himmel droben<br /> +so einsam, wie ich hier....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">FAHRTEN</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VENEDIG" id="VENEDIG"></a>VENEDIG<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +Fremdes Rufen. Und wir whlen<br /> +eine Gondel, schwarz und schlank:<br /> +Leises Gleiten an den Pfhlen<br /> +einer Marmorstadt entlang.<br /> +<br /> +Still. Die Schiffer nur erzhlen<br /> +sich. Die Ruder rauschen sacht,<br /> +und aus Kirchen und Kanlen<br /> +winkt uns eine fremde Nacht.<br /> +<br /> +Und der schwarze Pfad wird leiser,<br /> +fernes Ave weht die Luft,—<br /> +traun: Ich bin ein toter Kaiser,<br /> +und sie lenken mich zur Gruft.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +Immer ist mir, da die leisen<br /> +Gondeln durch Kanle reisen<br /> +irgend jemand zum Empfang;<br /> +denn das Warten dauert lang,<br /> +und das Volk ist arm und krank,<br /> +und die Kinder sind wie Waisen.<br /> +<br /> +Lange harren die Palste<br /> +auf die Herren, auf die Gste,<br /> +und das Volk will Kronen sehn.<br /> +Auf dem Markusplatze stehn<br /> +mcht ich oft und irgendwen<br /> +fragen nach dem fernen Feste....<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<br /> +Mein Ruder sang:<br /> +Popp, fahr zu!<br /> +Ein Volk von Sklaven<br /> +drngt sich im Hafen<br /> +um nchterne Feste,<br /> +und die Palste<br /> +knnen nicht schlafen.<br /> +Popp, fahr zu!<br /> +<br /> +Eisige Ruh<br /> +in Marmorgliedern,<br /> +mit matten Lidern<br /> +erschauern die Pltze.<br /> +Im Gassennetze<br /> +betteln die Niedern.<br /> +Poppe, fahr zu!<br /> +<br /> +Sag mir, weit du<br /> +noch von den Toten,<br /> +die hier geboten<br /> +in kstlichen Kronen?<br /> +Wo sie jetzt wohnen,<br /> +die Purpurroten?<br /> +<br /> +Popp, fahr zu!<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +IV<br /> +<br /> +<br /> +Ave weht von den Trmen her,<br /> +immer noch hrst du die Kirchen erzhlen;<br /> +doch die Palste an stillen Kanlen<br /> +verraten nichts mehr.<br /> +<br /> +Und vorbei an der Traumesruh<br /> +ihrer schlafenden Stirnen schwanken<br /> +leise Gondeln wie schwarze Gedanken<br /> +dem Abend zu.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ENGLAR_IM_EPPAN" id="ENGLAR_IM_EPPAN"></a>ENGLAR IM EPPAN<br /> +<br /> +<br /> +Spter Weg. Die Htten kauern,<br /> +und das dumpfe Dorf schlft ein.<br /> +Ernste Trme seh ich dauern,<br /> +weit aus weien Bltenschauern<br /> +wchst ihr Weltverlorensein.<br /> +<br /> +Abendbrand in brachen Zinnen,<br /> +und der Wind fhrt durch den Saal.<br /> +Und fr wen im Burghof drinnen<br /> +immer noch die Brunnen rinnen—<br /> +keiner wei es dort im Tal.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TENNO" id="TENNO"></a>TENNO<br /> +<br /> +<br /> +Der Kirchhof hoch im Sommerschnee<br /> +gehrt zum Berghof hin;<br /> +wie ber einem Hochlandsee<br /> +wacht Frieden ber ihn.<br /> +Da wei kein Blhn vom Frhlingsstrahl.<br /> +Der Rasen schchtert frhfrostfahl,<br /> +die Kreuze arm, die Hgel kahl,<br /> +und sacht und selten wchst die Zahl:<br /> +einmal.<br /> +<br /> +Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.<br /> +Im kleinen Dorf ist kleine Wahl<br /> +und kleines Glck und kleine Qual,—<br /> +drum luten sie so fern im Tal:<br /> +einmal,—einmal,—einmal.—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="CASABLANCA" id="CASABLANCA"></a>CASABLANCA<br /> +<br /> +<br /> +Am Berge wei ich trutzen<br /> +ein Kirchlein mit rostigem Knauf,<br /> +wie Mnche in grauen Kapuzen<br /> +steigen Zypressen hinauf.<br /> +<br /> +Vergessene Heilige wohnen<br /> +dort einsam im Altarschrein;<br /> +der Abend reicht ihnen Kronen<br /> +durch hohle Fenster hinein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ARCO" id="ARCO"></a>ARCO<br /> +<br /> +<br /> +Die Hochschneezinne, schartig scharf,<br /> +loht auf wie eine Mauerkrone,<br /> +in die der lachende Nerone,<br /> +der Morgen, seine Fackel warf.<br /> +<br /> +Und wie die Flammen bis ins Blau<br /> +sich zu verblhten Sternen strecken,<br /> +erwacht das Tal in schnem Schrecken<br /> +und taucht empor aus Traum und Tau.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="I_MULINI" id="I_MULINI"></a>I MULINI<br /> +<br /> +<br /> +Du mde, morsche Mhle,<br /> +dein Moosrad feiert Ruh,<br /> +aus der Olivenkhle<br /> +schaut dir der Abend zu.<br /> +<br /> +Der Bach singt wie verloren<br /> +Menschenlieder nach,<br /> +tiefer ber die Ohren<br /> +ziehst du dein trutziges Dach.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BODENSEE" id="BODENSEE"></a>BODENSEE<br /> +<br /> +<br /> +Die Drfer sind wie ein Garten.<br /> +In Trmen von seltsamen Arten<br /> +klingen die Glocken wie weh.<br /> +Uferschlsser warten<br /> +und schauen durch schwarze Scharten<br /> +md auf den Mittagsee.<br /> +<br /> +Und schnellende Wellchen spielen,<br /> +und goldene Dampfer kielen<br /> +leise den lichten Lauf;<br /> +und hinter den Uferzielen<br /> +tauchen die vielen, vielen<br /> +Silberberge auf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KONSTANZ" id="KONSTANZ"></a>KONSTANZ<br /> +<br /> +<br /> +Dem Tag ist so todesweh<br /> +Md giet er aus goldenen Kelchen<br /> +Wein in den Bergesschnee.<br /> +<br /> +Hoch schchtert, scheu wie ein Reh,<br /> +ein Stern berm Uferschleh,<br /> +und ziere, zitternde Weilchen<br /> +gittern den Abendsee.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">FUNDE</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten" id="Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten"></a>Wenn wie ein leises Flgelbreiten<br /> +sich in den spten Lften wiegt,—<br /> +ich mchte immer weiter schreiten<br /> +bis in das Tal, wo riefgeschmiegt<br /> +an abendrote Einsamkeiten<br /> +die Sehnsucht wie ein Garten liegt.<br /> +<br /> +Vielleicht darf ich dich dorten rinden,<br /> +und zage wird dein erstes Mhn<br /> +die wehen Wnsche mir verbinden,<br /> +du wirst mich fhren tief ins Grn—<br /> +und heimlich werden weie Winden<br /> +an meinem staubigen Stabe blhn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen" id="Ich_mochte_draussen_dir_begegnen"></a>Ich mchte drauen dir begegnen,<br /> +wenn Mai auf Wunder Wunder huft,<br /> +und wenn ein leises Seelensegnen<br /> +von allen Zweigen niedertruft.<br /> +<br /> +Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,<br /> +Jasmin die weien Arme streckt<br /> +und lind den ewgen Wehgedanken<br /> +der Stirne Christi berdeckt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_musste_denken_unverwandt" id="Ich_musste_denken_unverwandt"></a>Ich mute denken unverwandt,<br /> +wie ich einst zwischen schwarzen Pinien<br /> +den tiefen Frhling sinnen fand,<br /> +als ich vor deiner Schnheit stand<br /> +und durch der Scheitel dunkle Linien<br /> +dein Antlitz trumte wie ein Land.<br /> +<br /> +Es schlich von deiner Lippen Saum<br /> +ein Lcheln auf verlornem Pfade—<br /> +ganz leis. Die andern merktens kaum.<br /> +So weht ein Blatt vom Bltenbaum:<br /> +Nur einer schaut die Frhlingsgnade,<br /> +und der sie schaut, ist wie im Traum.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen" id="Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen"></a>Fremd ist, was deine Lippen sagen,<br /> +fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid<br /> +fremd ist, was deine Augen fragen,<br /> +und auch aus unsern wilden Tagen<br /> +reicht nicht ein leises Wellenschlagen<br /> +an deine tiefe Seltsamkeit.<br /> +<br /> +Du bist wie jene Bildgestalten,<br /> +die berm leeren Altarspind<br /> +noch immer ihre Hnde falten,<br /> +noch immer alte Krnze halten,<br /> +noch immer leise Wunder walten—<br /> +wenn lngst schon keine Wunder sind.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich" id="Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich"></a>Du bist so fremd, du bist so bleich.<br /> +Nur manchmal glht auf deinen Wange<br /> +ein hoffnungsloses Heimverlangen<br /> +nach dem verlornen Rosenreich.<br /> +<br /> +Dann sehnt dein Auge, tief und klar,<br /> +aus allem Mssen, allem Mhen<br /> +ins Land, wo nichts als stilles Blhen<br /> +die Arbeit deiner Hnde war.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen" id="Weisst_du_ich_will_mich_schleichen"></a>Weit du, ich will mich schleichen<br /> +leise aus lautem Kreis,<br /> +wenn ich erst die bleichen<br /> +Sterne ber den Eichen<br /> +blhen wei.<br /> +<br /> +Wege will ich erkiesen,<br /> +die selten wer betritt<br /> +in blassen Abendwiesen—<br /> +und keinen Traum, als diesen:<br /> +Du gehst mit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Bei_dir_ist_es_traut" id="Bei_dir_ist_es_traut"></a>Bei dir ist es traut:<br /> +Zage Uhren schlagen<br /> +wie aus weiten Tagen.<br /> +Komm mir ein Liebes sagen:<br /> +aber nur nicht laut.<br /> +<br /> +Ein Tor geht irgendwo<br /> +drauen im Bltentreiben.<br /> +Der Abend horcht an den Scheiben.<br /> +La uns leise bleiben:<br /> +Keiner wei uns so.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten" id="Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten"></a>Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten<br /> +aus deinem Haar vergenen Sonnenschein.<br /> +Schau, ich will nichts, als deine Hnde halten<br /> +und still und gut und voller Frieden sein.<br /> +<br /> +Da wchst die Seele mir, bis sie in Scherben<br /> +den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:<br /> +An ihren morgenroten Molen sterben<br /> +die ersten Wellen der Unendlichkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_Hande_welche_immer_geben" id="Du_Hande_welche_immer_geben"></a>Du, Hnde, welche immer geben,<br /> +die mssen blhn von fremdem Glck.<br /> +Zart wie ein zartes Birkenbeben,<br /> +bleibt von dem gebenden Erleben<br /> +ein Rhythmenzittern drin zurck.<br /> +<br /> +Das sind die Hnde mit den schmalen<br /> +Gelenken, die sich leise mhn;<br /> +und wten die von Kathedralen,<br /> +sie mten sich in Wundenmalen<br /> +vor allem Volke heiligblhn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh" id="Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh"></a>Bist gewandert durch Wahn und Weh,<br /> +kommst aus meinen dunkelsten Tagen,<br /> +hast dir eine Brcke geschlagen<br /> +bis zu mir ber Schuld und Schnee.<br /> +<br /> +Lenkst mich lchelnd mit leisem Gebot,<br /> +und auf kronengoldenen Locken<br /> +trgst du flchtige Federflocken<br /> +in den frhlichen Frhlingstod.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Will_dir_den_Fruhling_zeigen" id="Will_dir_den_Fruhling_zeigen"></a>Will dir den Frhling zeigen,<br /> +der hundert Wunder hat.<br /> +Der Frhling ist waldeigen<br /> +und kommt nicht in die Stadt.<br /> +<br /> +Nur die weit aus den kalten<br /> +Gassen zu zweien gehn<br /> +und sich bei den Hnden halten—<br /> +drfen ihn einmal sehn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher" id="Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher"></a>Und dieser Frhling macht dich bleicher,<br /> +in weite Wiesen will dein Fu,<br /> +dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,<br /> +und deine Hnde werden reicher<br /> +mit jedem Wink, mit jedem Gru.<br /> +<br /> +Du holst aus dfteschwler Lade<br /> +dein Konfirmandenkleidchen dreist<br /> +und trgst es in die wilden Pfade<br /> +und schmckst dich fr die groe Gnade,<br /> +die deine Seele blhen heit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss" id="Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss"></a>Mir ist: ich mu dir den Brautnachtstrau<br /> +weit aus dem Abend bringen.<br /> +Ich geh in die goldene Stunde hinaus,<br /> +und die Fenster leuchten am letzten Haus,<br /> +drin spielende Kinder singen.<br /> +<br /> +Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,<br /> +drin singende Kinder wohnen,<br /> +und mein Wandern wchst und wchst in den Mal<br /> +und kann nicht zurck,—und die Blten, verzeih,<br /> +die wind ich mir alle zu Kronen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten" id="Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten"></a>Bist du so md? Ich will dich leise leiten<br /> +aus diesem Lrm, der lngst auch mich verdro.<br /> +Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.<br /> +Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,<br /> +harrt schon der Abend wie ein helles Schlo.<br /> +<br /> +Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,<br /> +und deiner Schnheit kuscht kein Licht im Haus....<br /> +Dein Duft geht wie ein Frhling durch die Kissen:<br /> +Der Tag hat alle Trume mir zerrissen,—<br /> +du, winde wieder einen Kranz daraus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du" id="Du"></a>Du:<br /> +ein Schlo an wellenschweren,<br /> +atlasblassen Abendmeeren—<br /> +und in seinen sulenhehren<br /> +Slen warten Preis und Prunk,<br /> +uns zu ehren:<br /> +<br /> +Weil wir beide wiederkehren—<br /> +ohne Kronen und mit leeren<br /> +Hnden—<br /> +<span style="margin-left: 4.5em;">aber jung</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Purpurrote_Rosen_binden" id="Purpurrote_Rosen_binden"></a>Purpurrote Rosen binden<br /> +mcht ich mir fr meinen Tisch<br /> +und, verloren unter Linden,<br /> +irgendwo ein Mdchen finden,<br /> +klug und blond und trumerisch.<br /> +<br /> +Mchte seine Hnde fassen,<br /> +mchte knieen vor dem Kind<br /> +und den Mund, den sehnsuchtblassen,<br /> +mir von Lippen kssen lassen,<br /> +die der Frhling selber sind.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ein_Handeineinanderlegen" id="Ein_Handeineinanderlegen"></a>Ein Hndeineinanderlegen,<br /> +ein langer Ku auf khlen Mund,<br /> +und dann; auf Schimmer weien Wegen<br /> +durchwandern wir den Wiesengrund.<br /> +<br /> +Durch leisen, weien Bltenregen<br /> +schickt uns der Tag den ersten Ku,—<br /> +mir ist: wir wandeln Gott entgegen,<br /> +der durchs Gebreite kommen mu.<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren" id="Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren"></a>Du willst dir einen Pagen kren?<br /> +Mich komm erkren, Knigin.<br /> +Mir klingt aus alten Aventren<br /> +ein Sang in Saitenspiel und Sinn.<br /> +<br /> +Ich will ins weie Schlo dich fhren,<br /> +in dem ich selber Knig bin,<br /> +und singen hinter tausend Tren<br /> +fr meine weie Knigin.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Abend_hat_mich_mud_gemacht" id="Abend_hat_mich_mud_gemacht"></a>Abend hat mich md gemacht,<br /> +und in meinen Sinnen schrillen<br /> +kleine Wnsche mit den Grillen.<br /> +<br /> +Wo das blasse Land verflacht,<br /> +liegen lauter weie Villen<br /> +hinter roter Rosenpracht.<br /> +<br /> +Liegen wie auf leiser Wacht<br /> +weie Villen an dem stillen<br /> +Uferrand der Frhlingsnacht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen" id="Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen"></a>Was reit ihr aus meinen blassen, blauen<br /> +Stunden mich in der wirbelnden Kreise<br /> +wirres Geflimmer?<br /> +Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.<br /> +Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer<br /> +einsam, mit heimlichem Lcheln, leise,<br /> +leise—Tage und Trume bauen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang" id="Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang"></a>Mir war so weh. Ich sah dich bla und bang.<br /> +Das war im Traum. Und deine Seele klang.<br /> +<br /> +Ganz leise tnte meine Seele mit,<br /> +und beide Seelen sangen sich; Ich litt.<br /> +<br /> +Da wurde Friede tief in mir. Ich lag<br /> +im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein" id="Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein"></a>Wie meine Trume nach dir schrein.<br /> +Wir sind uns mhsam fremd geworden,<br /> +jetzt will es mir die Seele morden,<br /> +dies arme, bange Einsamsein.<br /> +<br /> +Kein Hoffen, das die Segel bauscht.<br /> +Nur diese weite, weie Stille,<br /> +in die mein tatenloser Wille<br /> +in atemlosem Bangen lauscht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien" id="Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien"></a>Und du warst schn. In deinem Auge schien<br /> +sich Nacht und Sonne sieghaft zu vershnen.<br /> +Und Hoheit hllte wie ein Hermelin<br /> +dich ein: So kam dich meine Liebe krnen.<br /> +Und meine nchteblasse Sehnsucht stand,<br /> +weibindig wie der Vesta Priesterin,<br /> +an deines Seelentempels Sulenrand<br /> +und streute lchelnd weie Blten hin.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind" id="Du_hast_so_grosse_Augen_Kind"></a>Du hast so groe Augen, Kind.<br /> +Du siehst gewi oft nachts Gestalten,<br /> +die, fremd und bleich, in marmorkalten<br /> +Traumhnden rote Kronen halten,<br /> +um die ein Leuchten leise rinnt.<br /> +Dann ist dein Blick am Tag wie blind<br /> +und deine Seele wie zerspalten,<br /> +dann bangt dir vor den Alltagsalten,<br /> +wenn Wnsche sich in dir entfalten,<br /> +die allen andern Wahnsinn sind.<br /> +<br /> +Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,<br /> +stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,<br /> +die plump, mit Hnden, bld und bleiern,<br /> +auf deiner Silberseele leiern<br /> +das irre Lied, das sterblich macht;<br /> +zu fliehn in eine blaue Nacht,<br /> +drin alle Wipfel lauschend feiern;<br /> +der Glieder Hymne zu entschleiern<br /> +und scheu im Scho von weien Weihern<br /> +zu finden ihre nackte Pracht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern" id="Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern"></a>Du sahst in hohe Lichthofmauern<br /> +und spieltest still in dumpfem Raum,<br /> +es lag ein unverstandnes Trauern<br /> +auf deinem blassen Kindheitstrum.<br /> +<br /> +Und deine Tage waren bleiern,<br /> +die Mutter krank, der Vater roh;<br /> +und manchmal kam ein Krppel leiern—<br /> +dann lauschtest du und weintest so.<br /> +<br /> +Was kann dir nun der Sommer taugen?<br /> +Md, wie mit scheuem Schwingenschlag,<br /> +durchirren deine Heimwehaugen<br /> +den uferlosen Sonnentag.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +Sie war:<br /> +<a name="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen" id="Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen"></a>Ein unerwnschtes Kind, verstoen<br /> +auch aus der Mutter Nachtgebet,<br /> +und ewig fern von jenem Groen,<br /> +das gebend durch die Zeiten geht.<br /> +<br /> +Sie wnschte wenig—und nur selten<br /> +kam wie ein Weinen ber sie<br /> +nach einem Land mit Purpurzelten,<br /> +nach einer fremden Melodie,<br /> +<br /> +nach weien Wegen, die nicht stauben—<br /> +dann bog sie Rosen sich ins Haar,<br /> +und konnte doch nie Liebe glauben,<br /> +auch wenn es tief im Frhling war.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute" id="Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute"></a>Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,<br /> +klang oft dein Wort so kummerkrank,<br /> +wie eine leise Liebeslaute,<br /> +die einsam einst ein Meister baute,<br /> +als seine Seele Sehnsucht sang.<br /> +<br /> +Sie lernte seither leichte Lieder<br /> +und tnte gern zu Tag und Tanz,—<br /> +da greift ein Trumer ihre Glieder:<br /> +und wie erwachend weint sie wieder<br /> +das Heimweh ihres Heimatlands.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte" id="Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte"></a>Ja, frher, wenn ich an dich dachte,<br /> +wie Wunder wars: ein Mai erwachte<br /> +um dich im Aureolenglnz,<br /> +und meine Sehnsucht trumte sachte<br /> +um deine Stirne einen Kranz.<br /> +<br /> +Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen<br /> +ins Herz den herbstverhangnen Hainen,<br /> +schleicht an den bleichen Meilensteinen<br /> +ein wunder Sonnenuntergang.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_ging_durch_ein_Land" id="Ich_ging_durch_ein_Land"></a>Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.<br /> +Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband<br /> +lag der blasse Flu auf dem flachen Sand,<br /> +darber aus nassem Nebelgewand<br /> +reckte die Weide die Totenhand.<br /> +<br /> +Mir war so traurig. Ich starrte und stand.<br /> +Ich sah dich kauern am Wegesrand.<br /> +Einst hab ich dich und das Glck gekannt.<br /> +Du weintest whlend und unverwandt,<br /> +und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?<br /> +<br /> +Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....<br /> +Da hab ich dich wieder wie einst genannt;<br /> +doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.<br /> +Die Pappeln kohlten im Abendbrand,<br /> +und der Tod ging rot durch dein Heimatland.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte" id="Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte"></a>Weit du, da ich dir mde Rosen flechte<br /> +ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt—<br /> +Siehst du den Mond, wie eine silberechte<br /> +Merkmnze, und ein Bild ist eingeprgt:<br /> +ein Weib, das lchelnd dunkle Dornen trgt—<br /> +Das ist das Zeichen toter Liebesnchte.<br /> +<br /> +Fhlst du die Rosen auf der Stirne sterben?<br /> +Und jede lt die Schwester schauernd los<br /> +und mu allein verdarben und verderben,<br /> +und alle fallen fahl in deinen Scho.<br /> +Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und gro.<br /> +Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen" id="Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen"></a>Kannst du die alten Lieder noch spielen?<br /> +Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh<br /> +wie die Schiffe mit silbernen Kielen,<br /> +die nach heimlichen Inselzielen<br /> +treiben im leisen Abendsee.<br /> +<br /> +Und sie landen am Bltengestade,<br /> +und der Frhling ist dort so jung.<br /> +Und da findet an einsamem Pfade<br /> +vergessene Gtter in wartender Gnade<br /> +meine mde Erinnerung.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas" id="Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas"></a>Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,<br /> +die deine Hand zu pflegen nie verga?<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Schon tot?</span><br /> +Wo ist die Freude deiner Wangen hin,<br /> +die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien—<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Verloht?</span><br /> +Und wo ist unser Glck so gro und rein,<br /> +das hell dein Haar wie ein Madonnenschein<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Umspann?</span><br /> +Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,<br /> +und morgen kommt der Frost uns ins Gemach—<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Und dann?</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 5em;">MTTER</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich" id="Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich"></a>Ich sehne oft nach einer Mutter mich,<br /> +nach einer stillen Frau mit weien Scheiteln.<br /> +In ihrer Liebe blhte erst mein Ich;<br /> +sie knnte jenen wilden Ha vereiteln,<br /> +der eisig sich in meine Seele schlich.<br /> +<br /> +Dann sen wir wohl beieinander dicht,<br /> +ein Feuer surrte leise im Kamine.<br /> +Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,<br /> +und Friede schwebte ob der Teeterrine<br /> +so wie ein Falter um das Lampenlicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst" id="Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst"></a>Mir ist oft, da ich fragen mt:<br /> +Du, Mutter, was hast du gesungen,<br /> +eh deinem blassen, blonden Jungen<br /> +der Schlaf die Wangen warm gekt?<br /> +<br /> +Hattest du damals sehr viel Gram?<br /> +Und weit du, wie du aufgesprungen,<br /> +wenn deinem blassen, blonden Jungen<br /> +im tiefen Traum ein Weinen kam?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen" id="Ich_gehe_unter_roten_Zweigen"></a>Ich gehe unter roten Zweigen<br /> +und suche einen spten Strau.<br /> +Wei nicht vor Glck wo ein und aus,<br /> +mir ist so neu, mir ist so eigen:<br /> +Mein Lieb ist md und ist zu Haus.<br /> +<br /> +Jetzt ist mein Mdel erst recht eitel,<br /> +seit sich sein Mieder weiter zieht,<br /> +und seit ein Wunder ihm geschieht:<br /> +Bald hat es breite braune Scheitel<br /> +und sitzt und singt ein Wiegenlied.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn" id="Leise_weht_ein_erstes_Bluhn"></a>Leise weht ein erstes Blhn<br /> +von den Lindenbumen,<br /> +und, in meinen Trumen khn,<br /> +seh ich dich im Laubengrn<br /> +hold im ersten Muttermhn<br /> +Kinderhemdchen sumen.<br /> +<br /> +Singst ein kleines Lied dabei,<br /> +und dein Lied klingt in den Mai:<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">tief im trauten Garten.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schnsten Traum</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">will ich hier erwarten.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe Bltenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Sommer wird dirs zahlen.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Schau, ich sume einen Saum</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">hier mit Sonnenstrahlen.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Blrenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">balde kommt das Reifen.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Blhe, blhe, Bltenbaum,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">meiner Sehnsucht schnsten Traum</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">lehr mich, ihn begreifen.</span><br /> +<br /> +Singst ein kleines Lied dabei,<br /> +und dein Lied ist lauter Mai.<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 1em;">Und der Bltenbaum wird blhn,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">blhn vor allen Bumen,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">sonnig wird dein Saum erglhn,</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">und verklrt im Laubengrn</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">wird dein junges Muttermhn</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">Kinderhemdchen sumen.</span><br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande" id="Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande"></a>Und reden sie dir jetzt von Schande,<br /> +da Schmerz und Sorge dich durchirrt,—<br /> +o, lchle, Weib! Du stehst am Rande<br /> +des Wunders, das dich weihen wird.<br /> +<br /> +Fhlst du in dir das scheue Schwellen,<br /> +und Leib und Seele wird dir weit—<br /> +o, bete, Weib! Das sind die Wellen<br /> +der Ewigkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_BLONDE_KNABE_SINGT" id="DER_BLONDE_KNABE_SINGT"></a>DER BLONDE KNABE SINGT:<br /> +Was weinst du, Mutter? Ist das Spind<br /> +auch bettelleer,—sei gut!<br /> +Ich bin dein blondes Kronenkind,<br /> +und du hast Edelblut.<br /> +<br /> +Ich schaute ja, du weit es nicht,—<br /> +wie du so oft noch spt<br /> +beim morgenmatten Lampenlicht<br /> +dein Knigskleid genht.<br /> +<br /> +So bist du eine Knigin,<br /> +und sei nicht bang und zag—<br /> +und bis Ich erst krafteigen bin,<br /> +kommt unser Knigs tag.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_MUTTER_II" id="DIE_MUTTER_II"></a>DIE MUTTER:<br /> +"Liebling, hast du gerufen?"<br /> +Es war ein Wort im Wind.<br /> +"Wie viele steile Stufen<br /> +sind noch bis zu dir, mein Kind?"—<br /> +Da fand ihre Stimme die Sterne,<br /> +fand aber die Tochter nicht.<br /> +<br /> +Im Tale in tiefer Taverne<br /> +lschte ein letztes Licht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross" id="Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross"></a>Manchmal fhlt sie: Das Leben ist gro,<br /> +wilder, wie Strme, die schumen,<br /> +wilder, wie Sturm in den Bumen.<br /> +Und leise lt sie die Stunden los<br /> +und schenkt ihre Seele den Trumen.<br /> +<br /> +Dann erwacht sie. Da steht ein Stern<br /> +still berm leisen Gelnde,<br /> +und ihr Haus hat ganz weie Wnde—<br /> +Da wei sie: Das Leben ist fremd und fern—<br /> +und faltet die alternden Hnde.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br /> +<br /> +<br /> +LARENOPFER (1896)<br /> +<br /> +<a href="#IM_ALTEN_HAUSE">Im alten Hause</a><br /> +<a href="#AUF_DER_KLEINSEITE">Auf der Kleinseite</a><br /> +<a href="#EIN_ADELSHAUS">Ein Adelshaus</a><br /> +<a href="#DER_HRADSCHIN">Der Hradschin</a><br /> +<a href="#BEI_ST_VEIT">Bei St. Veit</a><br /> +<a href="#IM_DOME">Im Dome</a><br /> +<a href="#IN_DER_KAPELLE_ST_WENZELS">In der Kapelle St. Wenzels</a><br /> +<a href="#VOM_LUGAUS">Vom Lugaus</a><br /> +<a href="#DER_BAU">Der Bau</a><br /> +<a href="#IM_STUBCHEN">Im Stbchen</a><br /> +<a href="#ZAUBER">Zauber</a> +<a href="#EIN_ANDERES">Ein anderes</a><br /> +<a href="#NOCH_EINES">Noch eines</a><br /> +<a href="#UND_DAS_LETZTE">Und das letzte</a><br /> +<a href="#IM_ERKERSTUBCHEN">Im Erkerstbchen</a><br /> +<a href="#DER_NOVEMBERTAG">Der Novembertag</a><br /> +<a href="#IM_STRAssEN_KAPELLCHEN">Im Straenkapellchen</a><br /> +<a href="#DAS_KLOSTER">Das Kloster</a><br /> +<a href="#BEI_DEN_KAPUZINERN">Bei den Kapuzinern</a><br /> +<a href="#ABEND_I">Abend</a><br /> +<a href="#JAR_VRCHLICKY">Jar. Vrchlick</a><br /> +<a href="#IM_KREUZGANG_VON_LORETTO">Im Kreuzgang von Loretto</a><br /> +<a href="#DER_JUNGE_BILDNER">Der junge Bildner</a><br /> +<a href="#FRUHLING">Frhling</a><br /> +<a href="#LAND_UND_VOLK">Land und Volk</a><br /> +<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br /> +<a href="#ALLERSEELEN">Allerseelen</a> I. II.<br /> +<a href="#BEI_NACHT">Bei Nacht</a><br /> +<a href="#ABEND_II">Abend</a><br /> +<a href="#AUF_DEM_WOLSCHAN">Auf dem Wolschan</a> I<br /> +<span style="margin-left: 7.5em;">II</span><br /> +<a href="#WINTERMORGEN">Wintermorgen</a><br /> +<a href="#BRUNNEN">Brunnen</a><br /> +<a href="#SPHINX">Sphinx</a><br /> +<a href="#TRAUME">Trume</a><br /> +<a href="#MAITAG">Maitag</a><br /> +<a href="#KONIG_ABEND">Knig Abend</a><br /> +<a href="#AN_DER_ECKE">An der Ecke</a><br /> +<a href="#HEILIGE">Heilige</a><br /> +<a href="#DAS_ARME_KIND">Das arme Kind</a><br /> +<a href="#WENNS_FRUHLING_WIRD">Wenns Frhling wird</a><br /> +<a href="#ALS_ICH_DIE_UNIVERSITAT_BEZOG">Als ich die Universitt bezog</a><br /> +<a href="#SUPERAVIT">Superavit</a><br /> +<a href="#TROTZDEM">Trotzdem</a><br /> +<a href="#HERBSTSTIMMUNG">Herbststimmung</a><br /> +<a href="#AN_JULIUS_ZEYER">An Julius Zeyer</a><br /> +<a href="#DER_TRAUMER">Der Trumer</a> I<br /> +<span style="margin-left: 5em;">II</span><br /> +<a href="#DIE_MUTTER">Die Mutter</a><br /> +<a href="#UNSER_ABENDGANG">Unser Abendgang</a><br /> +<a href="#KAJETAN_TYL">Kajetan Tl</a><br /> +<a href="#VOLKSWEISE">Volksweise</a><br /> +<a href="#DAS_VOLKSLIED">Das Volkslied</a><br /> +<a href="#DORFSONNTAG">Dorfsonntag</a><br /> +<a href="#MEIN_GEBURTSHAUS">Mein Geburtshaus</a><br /> +<a href="#IN_DUBIIS">In dubiis</a> I. II.<br /> +<a href="#BARBAREN">Barbaren</a><br /> +<a href="#SOMMERABEND">Sommerabend</a><br /> +<a href="#GERICHTET">Gerichtet</a><br /> +<a href="#DAS_MARCHEN_VON_DER_WOLKE">Das Mrchen von der Wolke</a><br /> +<a href="#FREIHEITSKLANGE">Freiheitsklnge</a><br /> +<a href="#NACHTBILD">Nachtbild</a><br /> +<a href="#HINTER_SMICHOV">Hinter Smichov</a><br /> +<a href="#IM_SOMMER">Im Sommer</a><br /> +<a href="#AM_KIRCHHOF_ZU_KONIGSAAL">Am Kirchhof zu Knigsaal (aula regis)</a><br /> +<a href="#VIGILIEN">Vigilien</a> I. II.<br /> +<span style="margin-left: 2.5em;">III. IV.</span><br /> +<a href="#DEK_LETZTE_SONNENGRUSS">Der letzte Sonnengru</a><br /> +<a href="#KAISER_RUDOLF">Kaiser Rudolf</a><br /> +Aus dem Dreiigjhrigen Kriege. <a href="#a1_KRIEG">1. Krieg</a><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a2_ALEA_JACTA_EST">2. Alea jacta est</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a3_KRIEGSKNECHTS-SANG">3. Kriegsknechts-Sang</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a4_KRIEGSKNECHTS-RANG">4. Kriegsknechts-Rang</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a5_BEIM_KLOSTER">5. Beim Kloster</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a6_BALLADE">6. Ballade</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a7_DER_FENSTERSTURZ">7. Der Fenstersturz</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a8_GOLD">8. Gold</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;"><a href="#a9_SZENE">9. Szene</a></span><br /> +<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a10_FEUERLILIE">10. Feuerlilie</a></span><br /> +<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a11_BEIM_FRIEDLAND">11. Beim Friedland</a></span><br /> +<span style="margin-left: 0.5em;"><a href="#a12_FRIEDEN">12. Frieden</a></span><br /> +<a href="#BEI_DEN_URSULINEN">Bei den Ursulinen</a><br /> +<a href="#AUS_DER_KINDERZEIT">Aus der Kinderzeit</a><br /> +<a href="#RABBI_LOW">Rabbi Lw</a><br /> +<a href="#DIE_ALTE_UHR">Die alte Uhr</a><br /> +<a href="#KAMPFEN">Kmpfen</a><br /> +<a href="#SIEGEN">Siegen</a><br /> +<a href="#IM_HERBST">Im Herbst</a><br /> +<a href="#DER_KLEINE_DRATENIK">Der kleine "Dratenk"</a><br /> +<a href="#IN_DER_VORSTADT">In der Vorstadt</a><br /> +<a href="#BEI_ST_HEINRICH">Bei St. Heinrich</a><br /> +<a href="#MITTELBOHMISCHE_LANDSCHAFT">Mittelbhmische Landschaft</a><br /> +<a href="#DAS_HEIMATLIED">Das Heimatlied</a><br /> +<br /> +TRAUMGEKRNT (1897)<br /> +<br /> +<a href="#KONIGSLIED">Knigslied</a><br /> +<a href="#TRAUMEN">Trumen</a><br /> +I. <a href="#Mein_Herz_gleicht">Mein Herz gleicht</a><br /> +II. <a href="#Ich_denke_an">Ich denke an:</a><br /> +III. <a href="#Mir_ist_ein_Hauschen_war_mein_eigen">Mir ist: ein Huschen wr mein eigen</a><br /> +IV. <a href="#Eine_alte_Weide_trauert">Eine alte Weide trauert</a><br /> +V. <a href="#Die_Rose_hier_die_gelbe">Die Rose hier, die gelbe</a><br /> +VI. <a href="#Wir_sassen_beisammen">Wir saen beisammen</a><br /> +VII. <a href="#Ich_wollt_sie_hatten_statt_der_Wiege">Ich wollt, sie htten statt der Wiege</a><br /> +VIII. <a href="#Jene_Wolke_will_ich_neiden">Jene Wolke will ich neiden</a><br /> +IX. <a href="#Mir_ist_Die_Welt">Mir ist: Die Welt</a><br /> +X. <a href="#Wenn_das_Volk_das_drohnentrage">Wenn das Volk, das drohnentrge</a><br /> +XI. <a href="#Weiss_ich_denn_wie_mir_geschieht">Wei ich denn, wie mir geschieht</a><br /> +XII. <a href="#Schon_blinzt">Schon blinzt</a><br /> +XIII. <a href="#Fahlgrauer_Himmel">Fahlgrauer Himmel</a><br /> +XIV. <a href="#Die_Nacht_liegt_duftschwer">Die Nacht liegt duftschwer</a><br /> +XV. <a href="#Im_Schoss_der_silberhellen">Im Scho der silberhellen</a><br /> +XVI. <a href="#Abendlauten">Abendluten</a><br /> +XVII. <a href="#Weltenweiter_Wandrer">Weltenweiter Wandrer</a><br /> +XVIII. <a href="#Mochte_mir_ein_blondes_Gluck_erkiesen">Mchte mir ein blondes Glck erkiesen</a><br /> +XIX. <a href="#Vor_mir_liegt_ein_Felsenmeer">Vor mir liegt ein Felsenmeer</a><br /> +XX. <a href="#Die_Fenster_gluhten">Die Fenster glhten</a><br /> +XXI. <a href="#Es_gibt_so_wunderweisse_Nachte">Es gibt so wunderweie Nchte</a><br /> +XXII. <a href="#Wie_eine_Riesenwunderblume">Wie eine Riesenwunderblume</a><br /> +XXIII. <a href="#Wie_jegliches_Gefuhl_vertiefend">Wie, jegliches Gefhl vertiefend</a>.<br /> +XXIV. <a href="#O_gabs_doch_Sterne">O gbs doch Sterne</a><br /> +XXV. <a href="#Mir_ist_so_weh_so_weh_als_musste">Mir ist so weh, so weh, als mte</a><br /> +XXVI. <a href="#Matt_durch_der_Tale">Matt durch der Tale</a><br /> +XXVII. <a href="#Ein_Erinnern_das_ich_heilig_heisse">Ein Erinnern, das ich heilig heie</a><br /> +XXVIII. <a href="#Glaubt_mir">Glaubt mir</a><br /> +<br /> +LIEBEN<br /> +<br /> +I. <a href="#Und_wie_mag_die_Liebe">Und wie mag die Liebe</a><br /> +II. <a href="#Das_war_der_Tag">Das war der Tag</a><br /> +III. <a href="#Einen_Maitag_mit_dir_beisammen_sein">Einen Maitag mit dir beisammen sein</a><br /> +IV. <a href="#Ich_weiss_nicht_wie_mir_geschieht">Ich wei nicht, wie mir geschieht</a><br /> +V. <a href="#Ob_dus_noch_denkst">Ob dus noch denkst</a><br /> +VI. <a href="#Wir_sassen_beide_in_Gedanken">Wir saen beide in Gedanken</a><br /> +VII. <a href="#Blondkopfchen_hinter_den_Scheiben">Blondkpfchen hinter den Scheiben</a><br /> +VIII. <a href="#Die_Liese_wird_heute">Die Liese wird heute</a><br /> +IX. <a href="#Ich_traume_tief_im_Weingerank">Ich trume tief im Weingerank</a><br /> +X. <a href="#Es_ist_ein_Weltmeer_voller_Lichte">Es ist ein Weltmeer voller Lichte</a><br /> +XI. <a href="#Ich_war_noch_ein_Knabe">Ich war noch ein Knabe</a><br /> +XII. <a href="#Die_Nacht_im_Silberfunkenkleid">Die Nacht im Silberfunkenkleid</a><br /> +XIII. <a href="#Schon_starb_der_Tag">Schon starb der Tag</a><br /> +XIV. <a href="#Es_leuchteten_im_Garten_die_Syringen">Es leuchteten im Garten die Syringen</a><br /> +XV. <a href="#Oft_scheinst_du_mir_ein_Kind">Oft scheinst du mir ein Kind</a><br /> +XVI. <a href="#Nach_einem_Gluck">Nach einem Glck</a><br /> +XVII. <a href="#Wir_gingen">Wir gingen</a><br /> +XVIII. <a href="#Im_Fruhling_oder_im_Traume">Im Frhling oder im Traume</a><br /> +XIX. <a href="#Sie_hatte_keinerlei_Geschichte">Sie hatte keinerlei Geschichte</a><br /> +XX. <a href="#Man_merkte_der_Herbst_kam">Man merkte: der Herbst kam</a><br /> +XXI. <a href="#Manchmal_da_ist_mir">Manchmal da ist mir</a><br /> +XXII. <a href="#Es_ist_lang">Es ist lang</a><br /> +<br /> +ADVENT (1898)<br /> +<br /> +<a href="#Es_treibt_der_Wind_im_Winterwalde">Advent. Es treibt der Wind</a><br /> +<br /> +GABEN<br /> +<br /> +<a href="#Das_ist_mein_Streit">Das ist mein Streit</a><br /> +<a href="#Du_meine_heilige_Einsamkeit">Du meine heilige Einsamkeit</a><br /> +<a href="#Der_Bach_hat_leise_Melodien">Der Bach hat leise Melodien</a><br /> +<a href="#Ich_liebe_vergessene_Flurmadonnen">Ich liebe vergessene Flurmadonnen</a><br /> +<a href="#Warst_du_ein_Kind_in_froher_Schar">Warst du ein Kind in froher Schar</a><br /> +<a href="#PFAUENFEDER">Pfauenfeder: in deiner Feinheit</a><br /> +<a href="#Oft_denk_ich_auf_der_Alltagsreise">Oft denk ich auf der Alltagsreise</a><br /> +<a href="#DAMIT_ICH_GLUCKLICH_WARE">Damit ich glcklich wre</a><br /> +<a href="#An_manchem_Tag_ist_meine_Seele_still">An manchem Tag ist meine Seele still</a><br /> +<a href="#Nennt_ihr_das_Seele_was_so_zage_zirpt">Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt</a><br /> +<a href="#Die_hohen_Tannen_atmen_heiser">Die hohen Tannen atmen heiser</a><br /> +<a href="#Der_Abend_kommt_von_weit_gegangen">Der Abend kommt von weit gegangen</a><br /> +<a href="#Das_Wetter_war_grau_und_grell">Das Wetter war grau und grell</a><br /> +<a href="#Sonne_verlodert_am_Himmelsrain">Sonne verlodert am Himmelsrain</a><br /> +<a href="#Du_arme_alte_Kapelle">Du arme, alte Kapelle</a><br /> +<a href="#Die_Madchen_singen">Die Mdchen singen</a><br /> +<a href="#Lehnen_im_Abendgarten_beide">Lehnen im Abendgarten beide</a><br /> +<a href="#Eine_der_weissen_Vestageweihten">Eine der weien Vestageweihten</a><br /> +<a href="#Im_Kreise_der_Barone">Im Kreise der Barone</a><br /> +<a href="#Ein_weisses_Schloss_in_weisser_Einsamkeit">Ein weies Schlo in weier Einsamkeit</a><br /> +<a href="#Irgendwo_muss_es_Palaste_geben">Irgendwo mu es Palste geben</a><br /> +<a href="#Im_Schlosse_mit_den_roten_Zinken">Im Schlosse mit den roten Zinken</a><br /> +<a href="#Einmal_mocht_ich_dich_wiederschauen">Einmal mcht ich dich wiederschauen</a><br /> +<a href="#Es_kommt_in_prunkenden_Gebreiten">Es kommt in prunkenden Gebreiten</a><br /> +<a href="#Horch_verhallt_nicht_ein_scheuer">Horch, verhallt nicht ein scheuer</a><br /> +<a href="#Der_Konig_Abend_weiss_sich_schwach">Der Knig Abend wei sich schwach</a><br /> +<a href="#Der_Tag_entschlummert_leise">Der Tag entschlummert leise</a><br /> +<br /> +FAHRTEN<br /> +<br /> +<a href="#VENEDIG">Venedig</a> I. Fremdes Rufen<br /> +II. Immer ist mir, da die leisen<br /> +III. Mein Ruder sang<br /> +IV. Ave weht von den Trmen her<br /> +<a href="#ENGLAR_IM_EPPAN">Englar im Eppan</a><br /> +<a href="#TENNO">Tenno</a> +<a href="#CASABLANCA">Casablanca</a> +<a href="#ARCO">Arco</a><br /> +<a href="#I_MULINI">I mulini</a><br /> +<a href="#BODENSEE">Bodensee</a><br /> +<a href="#KONSTANZ">Konstanz</a><br /> +<br /> +FUNDE<br /> +<br /> +<a href="#Wenn_wie_ein_leises_Flugelbreiten">Wenn wie ein leises Flgelbreiten</a><br /> +<a href="#Ich_mochte_draussen_dir_begegnen">Ich mchte drauen dir begegnen</a><br /> +<a href="#Ich_musste_denken_unverwandt">Ich mute denken unverwandt</a><br /> +<a href="#Fremd_ist_was_deine_Lippen_sagen">Fremd ist, was deine Lippen sagen</a><br /> +<a href="#Du_bist_so_fremd_du_bist_so_bleich">Du bist so fremd, du bist so bleich</a><br /> +<a href="#Weisst_du_ich_will_mich_schleichen">Weit du, ich will mich schleichen</a><br /> +<a href="#Bei_dir_ist_es_traut">Bei dir ist es traut</a><br /> +<a href="#Die_Nacht_holt_heimlich_durch_des_Vorhangs_Falten">Die Nacht holt heimlich</a><br /> +<a href="#Du_Hande_welche_immer_geben">Du, Hnde, welche immer geben</a><br /> +<a href="#Bist_gewandert_durch_Wahn_und_Weh">Bist gewandert durch Whn und Weh</a><br /> +<a href="#Will_dir_den_Fruhling_zeigen">Will dir den Frhling zeigen</a><br /> +<a href="#Und_dieser_Fruhling_macht_dich_bleicher">Und dieser Frhling macht dich bleicher</a><br /> +<a href="#Mir_ist_ich_muss_dir_den_Brautnachtstrauss">Mir ist: ich mu dir den Brautnachtstrau</a><br /> +<a href="#Bist_du_so_mud_Ich_will_dich_leise_leiten">Bist du so md? Ich will dich leise leiten</a><br /> +<a href="#Du">Du: ein Schlo an wellenschweren</a><br /> +<a href="#Purpurrote_Rosen_binden">Purpurrote Rosen binden</a><br /> +<a href="#Ein_Handeineinanderlegen">Ein Hndeineinanderlegen</a><br /> +<a href="#Du_willst_dir_einen_Pagen_kuren">Du willst dir einen Pagen kren?</a><br /> +<a href="#Abend_hat_mich_mud_gemacht">Abend hat mich md gemacht</a><br /> +<a href="#Was_reisst_ihr_aus_meinen_blassen_blauen">Was reit ihr aus meinen blassen, blauen</a><br /> +<a href="#Mir_war_so_weh_Ich_sah_dich_blass_und_bang">Mir war so weh. Ich sah dich bla und bang</a><br /> +<a href="#Wie_meine_Traume_nach_dir_schrein">Wie meine Trume nach dir schrein</a><br /> +<a href="#Und_du_warst_schon_In_deinem_Auge_schien">Und du warst schn. In deinem Auge schien</a><br /> +<a href="#Du_hast_so_grosse_Augen_Kind">Du hast so groe Augen, Kind</a><br /> +<a href="#Du_sahst_in_hohe_Lichthofmauern">Du sahst in hohe Lichthofmauern</a><br /> +<a href="#Ein_unerwunschtes_Kind_verstossen">Sie war: Ein unerwnschtes Kind</a><br /> +<a href="#Wenn_ich_dir_ernst_ins_Auge_schaute">Wenn ich dir ernst ins Auge schaute</a><br /> +<a href="#Ja_fruher_wenn_ich_an_dich_dachte">Ja, frher, wenn ich an dich dachte</a><br /> +<a href="#Ich_ging_durch_ein_Land">Ich ging durch ein Land</a><br /> +<a href="#Weisst_du_dass_ich_dir_mude_Rosen_flechte">Weit du, da ich dir mde Rosen flechte</a><br /> +<a href="#Kannst_du_die_alten_Lieder_noch_spielen">Kannst du die alten Lieder noch spielen</a><br /> +<a href="#Wo_sind_die_Lilien_aus_dem_hohen_Glas">Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas</a><br /> +<br /> +MTTER<br /> +<br /> +<a href="#Ich_sehne_oft_nach_einer_Mutter_mich">Ich sehne oft nach einer Mutter mich</a><br /> +<a href="#Mir_ist_oft_dass_ich_fragen_musst">Mir ist oft, da ich fragen mt</a><br /> +<a href="#Ich_gehe_unter_roten_Zweigen">Ich gehe unter roten Zweigen</a><br /> +<a href="#Leise_weht_ein_erstes_Bluhn">Leise weht ein erstes Blhn</a><br /> +<a href="#Und_reden_sie_dir_jetzt_von_Schande">Und reden sie dir jetzt von Schande</a><br /> +<a href="#DER_BLONDE_KNABE_SINGT">Der blonde Knabe singt</a><br /> +<a href="#DIE_MUTTER_II">Die Mutter</a><br /> +<a href="#Manchmal_fuhlt_sie_Das_Leben_ist_gross">Manchmal fhlt sie: Das Leben ist gro</a><br /> +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE *** + +***** This file should be named 33821-h.htm or 33821-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33821/ + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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