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+The Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Erste Gedichte
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: September 30, 2010 [EBook #33821]
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+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE ***
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+
+Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
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+
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+ERSTE GEDICHTE
+
+Von
+
+RAINER MARIA RILKE
+
+
+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXIII
+
+
+
+
+
+ LARENOPFER
+
+
+
+
+IM ALTEN HAUSE
+
+
+Im alten Hause; vor mir frei
+seh ich ganz Prag in weiter Runde;
+tief unten geht die Dämmerstunde
+mit lautlos leisem Schritt vorbei.
+
+Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.
+Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,
+ragt klar vor mir die grünspangrüne
+Turmkuppel von Sankt Nikolas.
+
+Schon blinzelt da und dort ein Licht
+fern auf im schwülen Stadtgebrause.--
+Mir ist, daß in dem alten Hause
+jetzt eine Stimme "Amen" spricht.
+
+
+
+
+AUF DER KLEINSEITE
+
+
+Alte Häuser, steilgegiebelt,
+hohe Türme voll Gebimmel,--
+in die engen Höfe liebelt
+nur ein winzig Stückchen Himmel.
+
+Und auf jedem Treppenpflocke
+müde lächelnd--Amoretten;
+hoch am Dache um barocke
+Vasen rieseln Rosenketten.
+
+Spinnverwoben ist die Pforte
+dort. Verstohlen liest die Sonne
+die geheimnisvollen Worte
+unter einer Steinmadonne.
+
+
+
+
+EIN ADELSHAUS
+
+
+Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:
+wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen.
+Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen
+und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe.
+
+Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber,
+als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken;
+und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken:
+das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich--Zauber.
+
+
+
+
+DER HRADSCHIN
+
+
+Schau so gerne die verwetterte
+Stirn der alten Hofburg an;
+schon der Blick des Kindes kletterte
+dort hinan.
+
+Und es grüßen selbst die eiligen
+Moldauwellen den Hradschin,
+von der Brücke sehn die Heiligen
+ernst auf ihn.
+
+Und die Türme schaun, die neueren,
+alle zu des Veitsturms Knauf
+wie die Kinderschar zum teueren
+Vater auf.
+
+
+
+
+BEI ST. VEIT
+
+
+Gern steh ich vor dem alten Dom;
+wie Moder weht es dort, wie Fäule,
+und jedes Fenster, jede Säule
+spricht noch ihr eignes Idiom.
+
+Da hockt ein reich geschnörkelt Haus
+und lächelt Rokoko-Erotik,
+und hart daneben streckt die Gotik
+die dürren Hände betend aus.
+
+Jetzt wird mir klar der casus rei;
+ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:
+der Herr Abbé hier--ihm zuseiten
+die Dame des roi soleil.
+
+
+
+
+IM DOME
+
+
+Wie von Steinen rings, von Erzen
+weit der Wände Wölbung funkelt,
+eine Heilge, braungedunkelt,
+dämmert hinter trüben Kerzen.
+
+Von der Decke, rundgemauert,
+schwebt ob eines Engels Kopfe
+hell ein weißer Silbertropfe,
+drin ein ewig Lichtlein kauert.
+
+Und im Eck, wo Goldgeglaste
+niederhangt in staubgen Klumpen,
+steht in Schmutz gehüllt und Lumpen
+still ein Kind der Bettlerkaste.
+
+Von dem ganzen Glänze floß ihm
+in die Brust kein Fünkchen Segen....
+Zitternd, matt, streckts mir entgegen
+seine Hand mit leisem: "Prosim!"
+
+
+
+
+IN DER KAPELLE ST. WENZELS
+
+
+Alle Wände in der Halle
+voll des Prachtgesteins; wer wüßte
+sie zu nennen: Bergkristalle,
+Rauchtopase, Amethyste.
+
+Zauberhell wie ein Mirakel
+glänzt der Raum im Lichtgetänzel,
+unterm goldnen Tabernakel
+ruht der Staub des heilgen Wenzel.
+
+Ganz von Leuchten bis zum Scheitel
+ist die Kuppel voll, die hohle;
+und der Goldglast sieht sich eitel
+in die gelben Karneole.
+
+
+
+
+VOM LUGAUS
+
+
+Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln
+und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;
+dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen
+schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.
+
+Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten
+sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen.
+Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen
+in sich des Himmels violette Tinten!
+
+
+
+
+DER BAU
+
+
+ (1)
+
+Die moderne Bauschablone
+will mir wahrlich gar nicht passen.
+Hier, dies alte Haus darf fassen
+reiche, weite Steinterrassen,
+kleine, heimliche Balkone.
+
+Und die weitgewölbten Decken,
+die so günstig sind den Lauten,
+Nischen rings, die eingebauten,
+draus die Arme sich der trauten
+Dämmrung dir entgegenstrecken.
+
+Alle Mauern breiter, stärker
+und aus echten Quaderkernen;--
+traun, das Gruseln könnt ich lernen,
+seh ich auf die Zinskasernen
+aus dem kleinen, Stillen Erker.
+
+
+
+
+IM STÜBCHEN
+
+
+ (2)
+
+Traut ists, wenn verstohlen heulen
+im Kamine wilde Winde
+in der Stube; ganz gelinde
+tickt auf dem barocken Spinde
+fort die Stockuhr mit den Säulen.
+Dort, die kleine Silhouette
+zeigt die alte Tracht der Locken,
+tief im Fenster steht ein Rocken,
+und vergeßne Töne stocken
+im verlassenen Spinette.
+Immer noch hegt die Postille,
+daß an ihrem Geist erfrische
+jung und alt sich, auf dem Tische,
+und der Spruch ob jener Nische
+lautet: "Es gescheh Dein Wille...."
+
+
+
+
+ZAUBER
+
+
+ (3)
+
+Oft seh ich die heimliche Stube belebt,
+so lebhaft erzählen die Wände;
+ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt
+dort zu der Madonna die Hände.
+
+Ein tüchtiger Junge beim Vater steht,
+der viel zu des Hauses Gewinn tat.
+An huben sie flüsternd das Abendgebet,
+und Mutter läßt ruhen das Spinnrad.
+
+Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß
+sogar der Madonna im Rahmen.
+Ich lausche:--Laut von des Vaters Baß
+ertönt das versöhnende: "Amen".
+
+
+
+
+EIN ANDERES
+
+
+ (4)
+
+Naht der Sohn mit schwerem Schritt
+seinem Vater. Schwer die Zunge....
+"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?!
+Vorwärts, nur herein damit!"
+
+Und da steht zum erstenmal
+jetzt das Mädchen rot und stille;
+und der Vater putzt die Brille:
+"Teufel! Gut war deine Wahl!"
+
+Und er streckt die Arme aus,
+und das Bräutchen nimmt verlegen
+seinen Kuß und seinen Segen....
+Davon weiß das alte Haus.
+
+
+
+
+NOCH EINES
+
+
+ (5)
+
+Auch dem blonden Kinde kam es
+In sein Herz, sein waldseereines,
+wie das dunkle Ahnen eines
+großen Glückes oder Grames.
+
+Und die Mutter ließ das Rädchen
+stocken.--"Kind, was macht dich leiden?"
+Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen:
+doch verstanden sich die beiden.
+
+Kurz darauf: Am Pförtchen pochte
+junger Herr.--"Wollt ihr euch?"--Pause.--
+Ob!--Wer da noch fragen mochte!?--
+So geschahs im alten Hause.
+
+
+
+
+UND DAS LETZTE
+
+
+ (6)
+
+Still heut die Stube.--Weiß wie Kalk
+ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos
+ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos
+lehnt sie bei Vaters Katafalk.
+
+Zuseiten ihr der Gatte kann
+sie trösten mehr in keiner Weise;
+nun faßt er ihre Hände leise
+und sieht sie ernst und bittend an.
+
+"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!"
+tönt türher hell das Wort des Kleinen;
+da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen,
+und Trost geht durch das alte Haus.
+
+
+
+
+IM ERKERSTÜBCHEN
+
+
+ (7)
+
+Nicht zu sehn das Alltagstreiben,
+flieh ich--wie wenn ich ein Strauß war,--
+in das alte, alte Haus her;
+lang dann seh ich nicht hinaus mehr
+durch die breit verbleiten Scheiben.
+
+Schlichtheit war der Väter Aussaat,
+Glück die Frucht, die sie gefunden;
+sitz so träumend manche Stunden
+dort im Polsterstuhl, im runden,
+mitten in Urväterhausrat.
+
+
+
+
+DER NÖVEMBERTAG
+
+
+Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,
+seine tausend Jubelstimmen schweigen;
+hoch vom Domturm wimmern gar so eigen
+Sterbeglocken in Novembernebeln.
+
+Auf den nassen Dächern liegt verschlafen
+weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen
+greift der Sturm in des Kamines Wänden
+eines Totenkarmens Schlußoktaven.
+
+
+
+
+IM STRAßEN KAPELLCHEN
+
+
+Bei St. Loretto da brennt ein Licht
+vorm Bilde im Straßenkapellchen;
+und um das Wandbild schmiegen sich dicht
+Blechblumen mit farbigen Kelchen.
+
+Die Heiligen machen ein übel Gesicht;
+denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat
+nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht
+schaut fromm in den dämmernden Sabbat.
+
+
+
+
+DAS KLOSTER
+
+
+Im Dämmerdustgeschwel
+ist schon die Stadt zerronnen
+hoch steht das Haus der Nonnen
+des Ordens von Carmel.
+
+Der Abend hüpft hangab
+vorbei mit Feuergarben
+und windet tausend Farben
+um jeden Fensterstab.
+
+Er schmückt das düstre Haus
+umsonst mit Lichtgeglänze;
+So sehen frische Kränze
+auf Leichensteinen aus.
+
+
+
+
+BEI DEN KAPUZINERN
+
+
+Es hat der Pater Guardian
+vom Klosterschnaps mir angeboten;
+ich kenn ihn schon, den dunkelroten,
+der alle Toten wecken kann.
+
+Der Pater sucht den Schlüssel, klein,
+dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,
+und holt den Schatz, den selbstgebrauten,
+hervor aus dem Reliquienschrein.
+
+Und wie er einschenkt, lacht er feist
+und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,
+die einstens ruhten in dem Schreine,
+doch uns erhalten blieb----der Geist!"
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Einsam hinterm letzten Haus
+geht die rote Sonne schlafen,
+und in ernste Schlußoktaven
+klingt des Tages Jubel aus.
+
+Lose Lichter haschen spät
+noch sich auf den Dächerkanten,
+wenn die Nacht schon Diamanten
+in die blauen Fernen sät.
+
+
+
+
+JAR. VRCHLICKÝ
+
+
+Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,
+wo oft ich Ungemach vergaß,
+müd nicken krause Chrysanthemen
+im hohen Venezianergläs.
+
+Ich las in einem Band Gedichte
+gar lange; wie die Zeit entschwand!
+Jetzt erst im Abenddämmerlicbte
+leg ich sie selig aus der Hand.
+
+Mir ist, von göttlichen Problemen
+hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,--
+hat mich der Hauch der Chrysanthemen,
+hat mich Vrchlickýs Buch berauscht?
+
+
+
+
+IM KREUZGANG VON LORETTO
+
+
+Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,
+wo über krausen Säulenarabesken
+herniederschaun aus halb verwischten Fresken
+geheimnisvolle Heiligengestalten.
+
+Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht
+so manchen gnadenvollen Heilmirakels,
+prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels
+im silberübersäten Seidenkleid.
+
+Spannt über Blättergold Spätsommerhaar
+sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,--
+vor einem Bild im Stile Tintorettos
+steht selig still ein junges Liebespaar.
+
+
+
+
+DER JUNGE BILDNER
+
+
+Ich muß nach Rom; in unser Städtchen
+kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück;
+nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen,
+ich mach in Rom mein Meisterstück.
+
+Er sprachs; dann zog er fort im Rausche
+durch jene Welt, die er erhofft;
+doch war ihm, seine Seele lausche
+auf einen innern Vorwurf oft.
+
+Die Unrast trieb ihn heim, die arge:
+Er bildete mit nassem Blick
+sein armes, fahles Lieb im Sarge,
+und das--das war sein Meisterstück.
+
+
+
+
+FRÜHLING
+
+
+Die Vögel jubeln--lichtgeweckt--,
+die blauen Weiten füllt der Schall aus;
+im Kaiserpark das alte Ballhaus
+ist ganz mit Blüten überdeckt.
+
+Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll
+ins junge Gras mit großen Lettern.
+Nur dorten unter welken Blättern
+seufzt traurig noch ein Steinapoll.
+
+Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz
+hinweg das gelbe Blattgeranke
+und legt um seine Stirn, die blanke,
+den blauenden Syringenkranz.
+
+
+
+
+LAND UND VOLK
+
+
+...Gott war guter Laune. Geizen
+ist doch wohl nicht seine Art;
+und er lächelte: da ward
+Böhmen, reich an tausend Reizen.
+
+Wie erstarrtes Licht liegt Weizen
+zwischen Bergen, waldbehaart,
+und der Baum, den dichtgeschaart
+Früchte drücken, fordert Spreizen.
+
+Gott gab Hütten; voll von Schafen
+Ställe; und der Dirne klafft
+vor Gesundheit fast das Mieder.
+
+Gab den Burschen all, den braven,
+in die raube Faust die Kraft,
+in das Herz--die Heimatlieder.
+
+
+
+
+DER ENGEL
+
+
+Hin geh ich durch die Malvasinka
+die Kinderreih, wo sanft und gut
+die kleine Anka oder Ninka
+in ihrem letzten Bettchen ruht.
+
+Auf einem schmalen Schollenhügel
+kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,
+mit staubigem, gebrochnem Flügel
+ein Engelchen aus rohem Ton.
+
+Das flügellahme Kindchen flößte
+mir Mitleid ein,--das arme Ding....
+Da, sieh! Von seinen Lippen löste
+sich leicht ein kleiner Schmetterling.--
+
+
+
+
+ALLERSEELEN
+
+
+I
+
+Rings liegt der Tag von Allerseelen
+voll Wehmut und voll Blütenduft,
+und hundert bunte Lichter schwelen
+vom Feld des Friedens in die Luft.
+
+Sie senden Palmen heut und Rosen;
+der Gärtner ordnet sie mit Sinn--
+und kehrt zum Eck der Glaubenslosen
+die alten, welken Blumen hin.
+
+
+II
+
+"Jetzt beten, Willi,--und nicht reden!"
+Mit großem Aug gehorcht der Knab.
+Der Vater legt den Kranz Reseden
+auf seines armen Weibes Grab.
+
+"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!"
+Klein Willi sieht empor und macht,
+wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,
+daß er am Weg heraus gelacht!
+
+Es sticht im Auge ihn--wie Weinen....
+Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht;
+ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen
+beim Ausgang jäh der Buden Pracht.
+
+Es blinkt durch den Novembernebel
+herüber lichtbeglänzter Tand;
+er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel
+und küßt dem Vater leis die Hand.
+
+Und der versteht. Dann gehn sie weiter....
+Der Vater sieht so traurig aus.--
+Doch einen Pfeiferkuchenreiter
+schleppt Willi selig sich nach Haus.
+
+
+
+
+BEI NACHT
+
+
+Weit über Prag ist riesengroß
+der Kelch der Nacht schon aufgegangen;
+der Sonnenfalter barg sein Prangen
+in ihrem kühlen Blütenschoß.
+
+Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,
+und neckend streut er das Gesträhne
+der weißen Silberhobelspäne
+hernieder in den Moldaustrom.
+
+Da plötzlich, wie beleidigt, hat
+zurückgerufen er die Strahlen,
+weil er gewahr ward des Rivalen:
+der Turmuhr helles Stundenblatt.
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Der Abend naht.--Die klare Zone
+der Stirne schmückt ein goldner Reifen,
+und tausend Schattenhände greifen
+verstohlen nach der roten Krone.
+
+Die ersten, blassen Sterne liebeln
+ihm zu; er steht hoch am Hradschine
+und schaut mit ernster Träumermiene
+die Türme und die grauen Giebeln.
+
+
+
+
+AUF DEM WOLSCHAN
+
+Am Abend des Tages von Allerseelen
+
+
+I
+
+Die dürren Äste übergittern
+des Himmels abendblasse Scheiben;
+und über Grüfte, reich mit Füttern
+geschmückt, geht Wehmut, und es zittern
+die Lichter durch das Blättertreiben.
+
+Im müden Blau, im regungslosen,
+schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,
+die seine blanke Stirne kosen,
+sind schwarz. Der Duft von welken Rosen
+schleicht her wie Geister toter Träume.
+
+
+
+II
+
+Ferner Lärm vom Wagendamm.--
+Hier keimt Friede und Vergessen,
+zwischen zweien Grabzypressen
+hangt der Mond wie ein Tam-Tam.
+
+Schlägt die Ewigkeit nicht sacht
+jetzt daran mit schwarzem Schwengel?
+Bange schaut ein Marmorengel
+in das Aug der Spätherbstnacht.
+
+
+
+
+WINTERMORGEN
+
+
+Der Wasserfall ist eingefroren,
+die Dohlen hocken hart am Teich.
+Mein schönes Lieb hat rote Ohren
+und sinnt auf einen Schelmenstreich.
+
+Die Sonne küßt uns. Traumverloren
+schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
+und wir gehn fürder, alle Poren
+vom Kraftarom des Morgens voll.
+
+
+
+
+BRUNNEN
+
+
+Ganz verschollen ist die alte,
+holde Brunnenpoesie,
+da aus Tritons Muschelspalte
+eine klare Quelle lallte,
+die den Gassen Sprache lieh.
+
+Abends bei den Röhrenkasten
+sammelte sich Paar um Paar,
+weil der Quelle lieblich Glasten
+und ihr Laut der tiefgefaßten
+Neigung süßes Omen war.
+
+Aber als durch Menschenmühn dann
+Wasser treppen aufwärts stieg,
+und kein Paar kam: Misogyn dann
+ward der Gott; es schlich sich Grünspan
+in die Muschel,--und er schwieg.
+
+
+
+
+SPHINX
+
+
+Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,
+in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.
+Die Menge gaffte.--Bis der Rettungswagen
+sie brachte in das gelbe Stadtspital.
+
+Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....
+Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;
+dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen
+und dann der Priester.--Sie blieb stumm und fahl.
+
+Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,
+gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal.
+Ein Röcheln.--Dann ward sie herausgetragen,
+sie und ihr Schmerz.--
+ Und draußen steht kein Mal.
+
+
+
+
+TRÄUME
+
+
+Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden
+geschmückt des blauen Kleides Saum;--
+sie reicht mir mild mit ihren beiden
+Madonnenhänden einen Traum.
+
+Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben,
+hinfort die Stadt mit leisem Schritt
+und nimmt, als Sold des Traumes, drüben
+des kranken Kindes Seele mit.
+
+
+
+
+MAITAG
+
+
+Still!--Ich hör, wie an Geländen
+leicht der Wind vorüberhüpft,
+wie die Sonne Strahlenenden
+an Syringendolden knüpft.
+
+Stille rings. Nur ein geblähter
+Frosch hält eine Mückenjagd,
+und ein Käfer schwimmt im Äther,
+ein lebendiger Smaragd.
+
+Im Geäst spinnt Süberrhomben
+Mutter Spinne Zoll um Zoll,
+und von Blütenhekatomben
+hat die Welt die Hände voll.
+
+
+
+
+KÖNIG ABEND
+
+
+Wie König Balthasar einst nahte,
+die Stirn vom Kronenreif erhellt,
+so tritt im purpurnen Ornate
+der König Abend in die Welt.
+
+Der erste Stern führt ihn wie jenen
+bis an den fernsten Hügelsaum;
+dort findet Mutter Nacht er lehnen
+mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.
+
+Dem bringt er just, wie jener Weise
+des Orients, das Gold, gehäuft,--
+das Gold, das uns der Knabe leise
+erlösend in den Schlummer träuft.
+
+
+
+
+AN DER ECKE
+
+
+Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,
+die an der Ecke stets Kastanien briet.
+Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte
+froh und gesund, ob Falte auch bei Falte
+seit vielen Jahren es durchzieht.
+
+Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;
+die Tüten müssen rein sein, und das Licht
+an ihrem Stand muß immer helle scheinen,
+und von dem Ofen mit den krummen Beinen
+verlangt sie streng die heiße Pflicht.
+
+So trefflich schmort auch keine die Maroni.
+Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,
+und alle kennt sie--bis zum Tramwaypony;
+sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....
+Und leise summt ihr Herd sein Lied.
+
+
+
+
+HEILIGE
+
+
+Große Heilige und kleine
+feiert jegliche Gemeine;
+hölzern und von Steine feine,
+große Heilige und kleine.
+
+Heilge Annen und Kathrinen,
+die im Traum erschienen ihnen,
+baun sie sich und dienen ihnen,
+heilgen Annen und Kathrinen.
+
+Wenzel laß ich auch noch gelten,
+weil sie selten ihn bestellten;
+denn zu viele gelten selten--
+nun, Sankt Wenzel laß ich gelten.
+
+Aber diese Nepomuken!
+Von des Torgangs Luken gucken
+und auf allen Brucken spuken
+lauter, lauter Nepomuken!
+
+
+
+
+DAS ARME KIND
+
+
+Ich weiß ein Mädchen, eingefallen
+die Wangen.--War ein leichtes Tuch
+die Mütter; und des Vaters Fluch
+fiel in ihr erstes Lallen.
+
+Die Armut blieb ihr treu die Jahre,
+und Hunger ward ihr Angebind;
+so ward sie ernst.--Das Lenzgold rinnt
+umsonst in ihre Haare.
+
+Sie schaut die lächelnden Gesichter
+der Blumen traurig an im Hag
+und denkt: der Allerseelentag
+hat Blüten auch und Lichter.
+
+
+
+
+WENNS FRÜHLING WIRD
+
+
+Die ersten Keime sind, die zarten,
+im goldnen Schimmer aufgesprossen;
+schon sind die ersten der Karossen
+ im Baumgarten.
+
+Die Wandervögel wieder scharten
+zusamm sich an der alten Stelle,
+und bald stimmt ein auch die Kapelle
+ im Baumgarten.
+
+Der Lenzwind plauscht in neuen Arten
+die alten, wundersamen Märchen,
+und draußen träumt das erste Pärchen
+ im Baumgarten.
+
+
+
+
+ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG
+
+
+Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr
+so müheschwer vorüberrollte;
+nun endlich bin ich, was ich wollte
+und was ich strebte: ein Skolar.
+
+Erst "Recht" studieren war mein Plan;
+doch meine leichte Laune schreckten
+die strengen, staubigen Pandekten,
+und also ward der Plan zum Wahn.
+
+Theologie verbot mein Lieb,
+könnt mich auf Medizin nicht werfen,
+so daß für meine schwachen Nerven
+nichts als--Philosophieren blieb.
+
+Die Alma mater reicht mir dar
+der freien Künste Prachtregister,--
+und bring ichs nie auch zum Magister,
+bin was ich strebte: ein Skolar.
+
+
+
+
+SUPERAVIT
+
+
+Nie kann ganz die Spur verlaufen
+einer starken Tat; dies lehrt
+zu Konstanz der Scheiterhaufen;
+denn aus tausend Feuertaufen
+steigt der Hochgeist unversehrt.
+
+Bis zu uns her ungeheuer
+ragt der Reformator Hus,
+fürchten wir der Lehre Feuer,
+neigen wir uns doch in scheuer
+Ehrfurcht vor dem Genius.
+
+Der, den das Gericht verdammte,
+war im Herzen, tief und rein,
+überzeugt von seinem Amte,--
+und der hohe Holzstoß flammte
+seines Ruhmes Strahlenschein.
+
+
+
+
+TROTZDEM
+
+
+Manchmal vom Regal der Wand
+hol ich meinen Schopenhauer,
+einen "Kerker voller Trauer"
+hat er dieses Sein genannt.
+
+So er recht hat, ich verlor
+nichts: in Kerkereinsamkeiten
+weck ich meiner Seele Saiten
+glücklich wie einst Dalibor.
+
+
+
+
+HERBSTSTIMMUNG
+
+
+Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,
+an dessen Türe schon der Tod steht still;
+auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,
+wie der der Kerze, die verlöschen will.
+
+Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,
+der matte Wind hält Blätterleichenschau;--
+und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen
+ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.
+
+
+
+
+AN JULIUS ZEYER
+
+
+Du bist ein Meister;--früher oder später
+spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;
+du preisest seine Art und seine Sagen,--
+aus deinen Liedern weht der Heimat Äther.
+
+Dein Volk tut recht,--nicht, voll von wahngeblähter
+Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen,
+es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen,
+stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter.
+
+Es hat dein Volk sich seine Ideale
+noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,
+die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;
+
+du aber mahnst, ein echter Orientale,
+es möge in dem Ringen nicht verlernen
+auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.
+
+
+
+
+DER TRÄUMER
+
+
+I
+
+Es war ein Traum in meiner Seele tief.
+Ich horchte auf den holden Traum:
+ich schlief.
+Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
+und wie ich träumte, hört ich nicht;
+es rief.
+
+
+II
+
+Träume scheinen mir wie Orchideen.--
+So wie jene sind sie bunt und reich.
+Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
+ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
+brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
+freuen in der flüchtigen Minute,
+in der nächsten sind sie tot und bleich.--
+Und wenn Welten oben leise gehen,
+fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?
+Träume scheinen mir wie Orchideen.--
+
+
+
+
+DIE MUTTER
+
+
+Aufwärts die Theaterrampe
+rollen dröhnend die Karossen,
+abseits unter trüber Lampe
+steht ein altes Weib verdrossen.
+
+Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute,
+wars, daß sie zusammenschrecke;
+niemand aus dem Strom der Leute
+sieht die Alte in der Ecke.
+
+An die neue "Größe" dachte,
+von ihr sprach man nur.--Die Güte
+eines Grafen, hieß es, brachte
+herrlich ihr Talent zur Blüte.
+
+Später. Jubelstürme hallten
+in den Schlußklang der Trompeten....
+Aber draußen kams der Alten,
+heimlich für ihr Kind zu beten.
+
+
+
+
+UNSER ABENDGANG
+
+
+Gedenkst du noch, wie guter Dinge
+wir wallten durch das Nusler Tal;
+zwei kleine, blaue Schmetterlinge
+verflattertcn im Abendstrahl.
+
+Am Häuschen lehnte die Melone
+dort--wie auf einem Bilde Dows,
+und herrlich mit der Kuppelkrone
+hob sich das Haupt der Karlshofs.
+
+Im West war noch der Weizen golden,
+blaugrün verdämmerte der Kohl;
+die ersten weißen Sternendolden
+umzitterten den Himmelspol.
+
+
+
+KAJETAN TÝL
+
+Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen
+ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.
+
+Da also hat der arme Týl
+sein Lied "Kde domov můj"--geschrieben.
+In Wahrheit; Wen die Musen lieben,
+dem gibt das Leben nicht zuviel.
+
+Ein Stübchen--nicht zu klein dem Flug
+des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.--
+Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,
+ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.
+
+Doch wär er nicht für tausend Louis
+von Böhmen fort. Mit jeder Fiber
+hing er daran.--"Ich bleibe lieber,"
+hätt er gesagt, "kde domov můj."
+
+
+
+
+VOLKSWEISE
+
+
+Mich rührt so sehr
+böhmischen Volkes Weise,
+schleicht sie ins Herz sich leise,
+macht sie es schwer.
+
+Wenn ein Kind sacht
+singt beim Kartoffeljäten,
+klingt dir sein Lied im späten
+Traum noch der Nacht.
+
+Magst du auch sein
+weit über Land gefahren,
+fällt es dir doch nach Jahren
+stets wieder ein.
+
+
+
+
+DAS VOLKSLIED
+
+Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier
+
+
+Es legt dem Burschen auf die Stirne
+die Hand der Genius so lind,
+daß mit des Liedes Silberzwirne
+er seiner Liebsten Herz umspinnt.
+
+Da mag der Bursch sich süß erinnern,
+was aus der Mutter Mund ihm scholl,
+und mit dem Klang aus seinem Innern
+füllt er sich seine Fiedel voll.
+
+Die Liebe und der Heimat Schöne
+drückt ihm den Bogen in die Hand,
+und leise rieseln seine Töne
+wie Blütenregen in das Land.
+
+Und große Dichter, ruhmberauschte,
+dem schlichten Liede lauschen sie,
+so gläubig wie das Volk einst lauschte
+dem Gottes wort des Sinai.
+
+
+
+
+DORFSONNTAG
+
+
+Im Wirtshaus auf den blanken Dielen
+schwingt sich die Jugend frisch und laut,
+des Burschen Hand, so hart von Schwielen,
+drückt die des blonden Mädchens traut;
+bierfrohe Musikanten spielen
+ein Lied aus der "verkauften Braut".
+
+"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."
+Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.
+Und wie er nach dem Tanz die Holden
+zu seinem Tische kommen heißt,
+da geht der Abend draußen, golden,
+und lacht durch alle Fenster dreist.
+
+
+
+
+MEIN GEBURTSHAUS
+
+
+Der Erinnrung ist das traute
+Heim der Kindheit nicht entflohn,
+wo ich Bilderbogen schaute
+im blauseidenen Salon.
+
+Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen
+dicken Silbers reich betreßt,
+Glück mir war; wo heiße Tränen
+mir das "Rechnen" ausgepreßt.
+
+Wo ich, einem dunklen Rufe
+folgend, nach Gedichten griff,
+und auf einer Fensterstufe
+Tramway spielte oder Schiff.
+
+Wo ein Mädchen stets mir winkte
+drüben in dem Gräfenhains....
+Der Palast, der damals blinkte,
+sieht heut so verschlafen aus.
+
+Und das blonde Kind, das lachte,
+wenn der Knab ihm Küsse warf,
+ist nun fort; fern ruht es sachte,
+wo es nie mehr lächeln darf.
+
+
+
+
+IN DUBIIS
+
+
+I
+
+Es dringt kein Laut bis her zu mir
+von der Nationen wildem Streite,
+ich stehe ja auf keiner Seite;
+denn Recht ist weder dort noch hier.
+
+Und weil ich nie Horaz vergaß,
+bleib gut ich aller Welt und halte
+mich unverbrüchlich an die alte
+aurea mediocritas.
+
+
+II
+
+Der erscheint mir als der Größte,
+der zu keiner Fahne schwört,
+und, weil er vom Teil sich löste,
+nun der ganzen Weit gehört.
+
+Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm
+doch nicht klein der Heimat Hort;
+denn das Vaterland, es ist ihm
+dann sein Haus im Heimatsort.
+
+
+
+
+BARBAREN
+
+
+Ich weiß von einem Riesenparke
+dort, wo die Stadt sich schon verliert;
+jetzt nagt die Axt an seinem Marke,
+sie sagen: er wird parzelliert.
+
+Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas,
+der Mietskasernen weichen soll,
+der war doch wie ein Hain der Pallas
+der raunenden Orakel voll.
+
+Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten,
+den Ort, den kein Profaner sah:
+Es übertönt der Lärm der Zeiten
+das Götterwort der Pythia.
+
+
+
+SOMMERABEND
+
+
+Die große Sonne ist versprüht,
+der Sommerabend liegt im Fieber,
+und seine heiße Wange glüht.
+Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...."
+Und wieder dann: "Ich bin so müd...."
+
+Die Büsche beten Litanein,
+Glühwürmchen hangt, das regungslose,
+dort wie ein ewiges Licht hinein;
+und eine kleine weiße Rose
+tragt einen roten Heiligenschein.
+
+
+
+GERICHTET
+
+
+"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst,
+lang ist es her; doch wenn der Schein
+des runden Monds das Rathaus küßt,
+dann wallen aus dem heilgen Teyn
+Gerichtete in Geisterreihn ...
+ Weh wer sie sah!
+
+Viel Herren fielen auf dem Ring;
+die Herren finden Ruhe nicht;--
+sie zogen eines Nachts: Es ging
+voran Herr Christus, groß und licht,
+mit ernstem, traurigem Gesicht ...
+ Und einer sahs!
+
+Der war ein Maler. Und im Flug
+malt er, wie er geschaut, den Ring.
+Er malt den ganzen Geisterzug,
+dem ernst voran Herr Christus ging.
+Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...
+ Jetzt ist er tot.--
+
+
+
+
+DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE
+
+
+Der Tag ging aus mit mildem Tone,
+so wie ein Hammerschlag verklang.
+Wie eine gelbe Goldmelone
+lag groß der Mond im Kraut am Hang.
+
+Ein Wölkchen wollte davon naschen,
+und es gelang ihm, ein paar Zoll
+des hellen Rundes zu erhaschen,
+rasch kaut es sich die Bäckchen voll.
+
+Es hielt sich lange auf der Flucht auf
+und zog sich ganz mit Lichte an;--
+da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
+Schwarz ward die Wolke und zerrann.
+
+
+
+
+FREIHEITSKLÄNGE
+
+
+Böhmens Volk! In deinen Kreisen
+weckt ein neuer Genius
+alte, heiße Freiheitsweisen,
+und die mahnen nicht mit leisen
+Worten, daß dein Fesseleisen
+ganz zerschmettert werden muß.
+
+Diese Streitpoeten blasen
+lockend; und in Stücke haun
+kannst du, Volk, in deinem Rasen
+des Gesetzes Marmorvasen,
+doch du kannst aus ihren Phrasen
+keine Zukunft dir erbaun.
+
+Tief in Herz und Sinn in treuer
+Hoffnung senk die Liedersaat,
+sind dir deine Dichter teuer,
+daß daraus ein Lenz, ein neuer,
+keime.--Was dann blieb vom Feuer,
+das entflamme dich zur Tat.
+
+
+
+
+NACHTBILD
+
+
+Auch auf der Theaterrampe
+wird es stille nach und nach.--
+Eine eitle Bogenlampe
+schaut sich in ein Droschkendach.
+
+Auf dem leeren Gangsteig zucken
+Lichter.--Sehn nicht dort am Haus
+helle Dachmansardenlucken
+wie verweinte Augen aus?
+
+
+
+
+HINTER SMICHOV
+
+
+Hin gehn durch heißes Abendrot
+aus den Fabriken Männer, Dirnen,--
+auf ihre niedern, dumpfen Stirnen
+schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.
+
+Die Mienen sind verstumpft; es brach
+das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle
+den Weg, und Staub zieht und Gejohle
+wie das Verhängnis ihnen nach.
+
+
+
+
+IM SOMMER
+
+
+Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer
+auf Moldauwogen uns nach Zlichov
+zu jenem Kirchlein, hoch und frei.
+Im blauen Nebel schwindet Smichov;--
+zur Rechten Flächen braun von Ampfer,
+zur Linken stolz die "Loreley".
+
+Wir legen an; und sieh, ein Alter
+begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!"
+Am Friedhofsrand dann lehnen wir.
+Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,
+und unser Träumen hebt, ein Falter,
+auf Sonnenflügeln sich zu ihr.
+
+
+
+
+AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)
+
+
+Auf schloß das Erztor der Kustode.
+Du sahst vor Blüten keine Gruft.
+Der Lenz verschleierte dem Tode
+das Angesicht mit Blust und Duft;
+da stieg wie eine Todesode
+ein Trauermantel in die Luft.
+
+Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....
+Rings feierte Mittsommerlicht,
+in den Syringen summten Fliegen.--
+Da lag ein Schädel vor uns dicht;
+aus seinen leeren Augen stiegen
+verkümmerte Vergißmeinnicht.
+
+
+
+
+VIGILIEN
+
+
+I
+
+Die falben Felder schlafen schon,
+mein Herz nur wacht allem;
+der Abend refft im Hafen schon
+sein rotes Segel ein.
+
+Traumselige Vigilie!
+Jetzt wallt die Nacht durchs Land;
+der Mond, die weiße Lilie,
+blüht auf in ihrer Hand.
+
+
+II
+
+Am offnen Stubenfenster lehn ich
+und träume in die Nacht hinauf;
+das Mondlicht windet silbersträhnig
+sich um den schwarzen Kirchturmknauf.
+
+Sehn wenig Welten aus den Fernen
+auch durch den engen Hof ins Haus,--
+es füllte Licht von zehen Sternen
+ein ganzes, dunkles Leben aus.
+
+
+III
+
+Horch, der Schritt der Nacht erstirbt
+in der weiten Stille;
+meine Schreibtischlampe zirpt
+leis wie eine Grille.
+
+Goldig auf dem Bücherstand
+glühn der Bände Rücken:
+zu der Fahrt ins Feenland
+Pfeiler für die Brücken.
+
+
+IV
+
+Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht
+beim toten Mütterlein verbracht
+und hat geweint und hat gewacht;--
+dann gingen Jahre, Jahre sacht:
+nie hat sie jener Nacht gedacht.
+
+Und dann kam eine andre Nacht.
+Da hat von Glut und Sünd entfacht
+die rote Lippe Lust gelacht,
+doch plötzlich--wie durch höhre Macht
+dacht sie der Nacht der Leichenwacht.
+
+
+
+
+DEK LETZTE SONNENGRUSS
+
+Zu einem Bilde des Benes Knüpfer
+
+Die Sonne schmolz, die hehre,
+ins weiße Meer so heiß.
+Zwei Mönche saßen am Meere,
+ein blonder und ein Greis.
+
+Der sann: Geh ich einst rasten,
+so friedlich mög es sein--
+und jener: Des Ruhmes Glasten
+sollt mir mein Sterben weihn.
+
+
+
+
+KAISER RUDOLF
+
+
+Hoch auf seiner Himmelswarte
+über einer Sternenkarte
+sitzt der Kaiser Rudolf dort,
+forschend, ob der langerharrte
+Flugstern, der die Weisen narrte,
+streifen würde diesen Ort.
+
+Und er fragt den Astrologen,
+der am hohen Himmelsbogen
+alle Wanderwege weiß:
+"Wird von Unglück der betrogen,
+den der Stern hineingezogen
+in den unheilvollen Kreis?"
+
+Und der Alte weicht ihm leise
+aus: "Der Stern zieht seine Gleise,
+Herr, im fernen Ätherreich!"
+Und gen Süden sieht der Weise;--
+und der Kaiser schaut die Kreise
+seines Globen, ernst und bleich.--
+
+Und von Süden kommt Verderben,
+kommt Matthias.--Eilge Erben
+lassen ihm nur den Hradschin;
+und der Kaiser spricht im herben
+Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,
+denn schon bin ich tot für 'ihn'.
+
+Alter! Laß den Bück uns heben!
+du hast recht, die Sterne schweben
+hoch ob allem Erdenbann;
+aber--die nach ihnen streben,
+knüpfen selbst ihr dunkles Leben
+an die lichten Lose an!--"
+
+
+
+
+AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE
+
+Kohlenskizzen in Callots Manier
+
+
+1. KRIEG
+
+
+Feinster ist die Welt geworden,--
+darum Dörfer rasch entloht!
+und die Welt ist grau;--drum rot
+färbt sie durch das Morden!
+
+Bauer! Bittest um dein Leben?
+Nimm dirs! Aber bei uns bleib!
+Herrgott hat dir Ochs und Weib
+nur für uns gegeben.
+
+Laß den Teufel Felder pflügen;
+sieh, wir haben stets genung!
+Vorwärts--einen Werbetrunk
+aus den vollen Krügen!
+
+
+
+
+2. ALEA JACTA EST
+
+
+"... Tod oder Sold!"
+Und jetzt die Trommel schnell
+her. Auf das Trommelfell
+Würfel gerollt.
+
+So wird dem Lohn,
+der unsre Streiche sucht.
+Sieh, der Baum, reiche Frucht
+trägt er doch schon!
+
+Solltest schon längst
+hängen dran, Kamerad!
+Drum ists nicht jammerschad,
+wenn du dann hängst!
+
+
+
+
+3. KRIEGSKNECHTS-SANG
+
+
+Lag auf einer Trommel nackt,
+kaum zwei Spannen lang,
+und der rauhe Trommeltakt
+war mein Wiegensang.
+
+Wild zu wettern taugte ich
+damals schon im Zorn,
+meine Milch, die saugte ich
+aus dem Pulverhorn.
+
+Damals taufte jeden gut
+der Korp'ral; beim Schopf
+nahm er ihn, goß Schwedenblut
+heiß ihm übern Kopf.
+
+
+
+
+4. KRIEGSKNECHTS-RANG
+
+
+Bei uns gibts nicht Edelinge,
+die was gelten durch ihr Blut,
+jedes Rang ist jedes Klinge,
+und sein Wappen ist der Mut.
+
+Wer nur immer kühn sein Schwert
+hält den Schild von Schande rein,
+wer noch gestern unterm Heer zog,
+Herzog kann er morgen sein.
+
+
+
+
+5. BEIM KLOSTER
+
+
+Was gibts?--Eine Klosterpforte?--
+Ei, Potz Blitz!
+Eine Tür von dieser Sorte
+renn ich ohne viele Worte
+ein mit meiner Nasenspitz!
+
+Auf das Tor ein fester Stempel....
+Pfaffe, komm!
+Jetzt heraus mit deinem Krempel,
+paar Monstranzen zum Exempel
+und paar Kelche: wir sind fromm.
+
+Laß jetzt dein: Peccavi, pater....
+Leucht zum Wein
+uns mit deiner Nase, frater,
+dorten kannst du uns ein Rater,
+und ein "Seelensorger" sein!
+
+
+
+
+6. BALLADE
+
+
+Gestern zogen wilde Horden
+durch das Dörfchen hin mit Morden,
+und ein Mädchen sinnt jetzt still:
+Ist der Liebste untreu worden,
+weil er heut nicht kommen will?--
+Draußen schrien die Dohlen.
+
+Mädchen ging mit bleicher Wange
+durch das Haus.--Sie harrte lange,
+und des Nachts floh sie der Schlaf.
+Und sie schlich hinaus zum Hange,
+wo sie stets den Teuren traf.
+Ängstlich schrien die Dohlen.
+
+Und die Nacht war schwarz, die schwüle,
+fern nur brannte eine Mühle....
+Weinend wählt die matte Maid
+sich gar weiches Kraut zum Pfühle
+und entschlief in lauter Leid.
+Schrieen noch die Dohlen?
+
+Spät erwacht sie. Nebel grauten
+rings--soweit die Augen schauten....
+Weh!--Was sie ein Kraut geglaubt,
+ist das Haar an ihres Trauten
+blutigem, zerschelltem Haupt.--
+Schrecklich schrien die Dohlen.
+
+
+
+
+7. DER FENSTERSTURZ
+
+
+"Naht Verrat mit leisem Schritte,
+ungerächt, bei der Madonna,
+bleibt er nicht! Nach alter Sitte
+zu den Fenstern!" schrie Colonna.
+
+"Schont den Popel! doch die andern,
+jeder eine feige Natter,
+aus den Fenstern laßt sie wandern!
+Mitleid?--Werft ihn mit, den Platter!"
+
+Bange hangt am Fensterstocke
+Martinitz noch.--Da Geröchel:
+Turn schwingt seine Degenglocke
+und zerschmettert ihm die Knöchel.
+
+Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,
+Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!"
+"Graf von Turn!"--"Der Bürgermeister
+lasse alle Glocken läuten!"--
+
+
+
+
+8. GOLD
+
+
+"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.
+Wo hast das Gold du her?"--
+"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,
+kein Obrist hat wohl mehr!"
+
+"Nein, das ist gutes, rotes Gold,
+das kann dein Sold nicht sein!"
+"Beim Spielen war das Glück mir hold,
+und da ward alles mein!"
+
+"Ist wirklich alles dein--das Gold,
+gesteh,--und ists kein Trug?"--
+"Nun, Würfel haben mit gerollt
+und jetzt laß es genug!"
+
+"Und gibst du mir auch von dem Gold?"
+"Das weißt du!"--"Nein, du Schelm,
+just auf der Stelle, sieh, ich wollt,
+du füllst mir deinen Helm!"
+
+"Es sei!"--"Wies durch die Finger bebt,
+der Glanz gefällt mir gut!--
+
+
+
+... Schau, was dir da am Finger klebt,
+kam das vom Golde?--Blut!"--....
+
+
+
+
+
+9. SZENE
+
+
+Du kniest am Markstein, Alter, sprich!--
+Das ist kein Heilgenbild!"
+"Kein Bild?--Ich bet.--Es faßte mich
+das Schicksal gar so wild."
+
+"Hast du kein Haus, hast du kein Land,
+das deiner Hände braucht?"
+"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,
+sieh hin--gewiß--es raucht."
+
+"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn
+und hilft dir aus der Not?"
+"Mein Sohn zog in den Krieg davon,
+jetzt ist er sicher tot."--
+
+"Was streicht dir deines Haares Schnee
+der Tochter Hand nicht, weich?"--
+"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,
+da sprang sie in den Teich."--
+
+"So sieh mir ins Gesicht!--Und brach
+das Herz dir auch vor Graus...."
+
+ * * * * *
+
+"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach
+mir beide Augen aus."
+
+
+
+
+10. FEUERLILIE
+
+
+Winters, ab die Äste krachten,
+keine Bäche konnten frieren,
+weil die Fluten Blutes ihren
+Pulsschlag immer neu entfachten.
+
+Als die Zeit kam, da die Blume
+aufwacht und der Vogel flötet,
+sprang die Lilie selbst gerötet
+aus der todgedüngten Krume.
+
+
+
+
+11. BEIM FRIEDLAND
+
+
+Heimgekehrt von Schlacht und Schlag
+freut sich Obrist und Gemeiner;
+denn jetzt hält der Wallensteiner
+wieder seinen Hof zu Prag.
+
+Just ließ frei den Turn er ziehn;
+das war so von seinen Trümpfen
+einer.--Drauf ward Nasenrümpfen
+Mode ... dort bei Hof zu Wien.
+
+Laßt sie zetern. Friedlands Heer
+muß nicht darben und nicht dürsten,--
+und aus Knechten macht er Fürsten,
+unser Herzog.--Wer kann mehr?
+
+
+
+
+12. FRIEDEN
+
+
+Prag gebar die Mißgestalt
+dieses Krieges, der voll Tücke
+hauste.--Auf der Karlsbrücke
+starb er, dreißig Jahre alt.
+
+Endlich riß das Eisenstück
+nur dem Acker eine Schramme,
+und vom Kirchturm schlug die Flamme
+in den trauten Herd zurück.
+
+
+
+
+BEI DEN URSULINEN
+
+
+Geh mittags zu den Ursulinen,
+wenn man den Armen Speise trug,
+da siehst du, wie in müde Mienen
+die Not schrieb ihren Namenszug.
+
+Da siehst du Stirnen, die schon frühe
+des Schmerzes Eisenreif umschloß,
+und Wangen, die der Dunst der Brühe
+mit falscher Röte übergoß.
+
+Du hörst, wie leisem Dankesworte
+sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:
+so brandet an der Klosterpforte
+das ganze Elend dieser Welt.
+
+
+
+
+AUS DER KINDERZEIT
+
+
+Sommertage auf der "Golka"....
+Ich, ein Kind noch--Leise her,
+aus dem Gasthaus klingt die Polka,
+und die Luft ist sonnenschwer.
+
+Sonntag ists.--Es liest Helene
+lieb mir vor.--Im Lichtgeglänz
+ziehn die Wolken, wie die Schwäne
+aus dem Märchen Andersens.
+
+Schwarze Fichten stehn wie Wächter
+bei der Wiesen buntem Schatz;
+von der Straße dringt Gelächter
+bis zu unserm Laubenplatz.
+
+An die Mauer lockt uns beide
+mancher laute Jubelschrei:
+drunten geht im Feierkleide
+Paar um Paar zum Tanz vorbei.
+
+Bunt und selig, Bursch und Holka,
+Glück und Sonne im Gesicht!--
+Sommertage auf der "Golka",--
+und die Luft war voller Licht....
+
+
+
+
+RABBI LÖW
+
+
+"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem
+ Bann der Not;
+heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns
+ der Tod.
+Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und
+ kaum hat der Leichenwart
+eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das
+ ist hart."
+Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen
+ Bocher rasch herein--"
+So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese
+ Nacht dich ganz allein;"
+"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,
+ um Mitternacht
+tanzen all die Kindergeister auf den grauen
+ Steinen sacht.
+Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein
+ Herz beklemmt,
+Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn
+ sein Leichenhemd,
+raubst es,--bringst es her im Fluge, her zu mir!
+ Begreifst du wohl?"
+"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt
+ die Antwort hohl.
+
+
+Mitternacht und Mondgegleiße,--
+... und es stürzt der totenblasse
+Bocher bebend durch die Gasse,
+in der Hand das Hemd, das weiße.
+
+Da jetzt ... sind das seine Schritte?...
+Jach kehrt er zurück das bleiche
+Antlitz: weh, die Kindesleiche,
+folgt ihm nach, im Aug die Bitte:
+
+"... Gib das Linnen, ohne Linnen
+lassen mich nicht ein die Geister...."
+Und der Bocher, halb von Sinnen,
+reicht es endlich seinem Meister.
+
+Und schon naht der Geist mit Klagen....
+"Sag, was sterben hundert binnen
+Tagen?--Kind, du mußt es sagen,
+früher darfst du nicht von hinnen."
+
+So der Rabbi.--"Wehe, wehe,"
+ruft der Geist, "aus unserm Stamme
+haben zwei entehrt der Ehe
+keusche, reine Altarflamme!
+
+Hier die Namen!--Sucht nicht fremde
+Ursach, daß euch Tod beschieden...."
+Und der Rabbi reicht das Hemde
+jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"
+
+Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung
+stieg der Tag in rosgem Licht,
+hielt der Rabbi schon Gericht,--
+und der Unschuld ward Befreiung.
+
+Mit der Geißel des Gesetzes
+brandmarkt er die Sünderstirn;--
+langsam löste jedes Hirn
+ich vom Bann des Fluchgenetzes.
+
+Manches Paar war da erschienen,
+dankerfüllt, daß Gott verzieh,
+und der Weise segnet sie.--
+Freude lag auf aller Mienen.
+
+Nur der Bocher warf, der bleiche,
+sich im Fieber hin und her....
+Doch nach Beth Chaim lange mehr
+trug man keine Kindesleiche.
+
+
+
+
+DIE ALTE UHR
+
+
+Bald hättest, alte Rathausuhr,
+du nimmer dürfen Stunden weisen;
+sie hätten bald in altem Eisen
+versplittert deine letzte Spur.
+
+Der Geizhals hart zum letztenmal
+sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,
+zum letztenmal der Tod mit Glotzen
+geschwungen seinen Sensenstahl.
+
+Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.
+Und heut noch kräht er; freilich heiser,
+noch nickt der Geizhals fort, und leiser
+droht ihm des Todes Majestät.
+
+
+
+
+KÄMPFEN
+
+
+I
+
+Ein heißer Eid, ein gramerpreßter,
+der leicht von jungen Lippen rinnt,
+der machte zur barmherzgen Schwester
+fast über Nacht ein blondes Kind.
+
+Des jungen Lebens Wellen fließen
+fortan durch Krankenstuben still;
+es träumt ihr Herz noch vom Genießen,
+wenn auch das Aug es leugnen will.
+
+Denn mit der Strenge der Asketen
+drängt sie zurück, was in ihr quillt,
+und geht um Kraft nach Emaus beten
+zum wunderstarken Gnadenbild.
+
+
+
+
+SIEGEN
+
+
+II
+
+Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;
+"Heut sei im Glauben stark wie nie
+und geh mit Gott an deine Pflichten:
+Es ist ein Fall von Diphtherie...."
+
+Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,
+und doch packt ihn der Tod beim Hals....
+Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,
+erfröstelnd in dem Schutz des Schals.
+
+Als man vorbei beim Kloster gestern
+den Kleinen trug ins Bett von Lehm,
+klang aus der "Kirche von den Schwestern"
+ganz leis ein Totenrequiem....
+
+
+
+
+IM HERBST
+
+
+Ein Riesenspinngewebe, zieht
+Altweibersommer durch die Welt sich;--
+und der Laurenziberg gefällt sich
+im goldig-bläulichen Habit.
+
+Weil er so mild herübersieht,
+sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,
+die Sonne hinter seinem Rücken
+schon frühe ihr Valladolid.
+
+
+
+
+DER KLEINE "DRATENÍK"
+
+
+Kommt so ein Bursche, ein junger,
+Mausfallen, Siebe am Rücken,
+folgt mir durch Gassen und Brücken:
+"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.
+
+Nur einen Krajcar, nur einen
+für ein Stück Brot, milost' pánků!"
+Da!--Und er stammelt mir Dank zu,
+doch läßt nicht Ruh er den Beinen.
+
+Lebt nicht von bloßem Gelunger.--
+Riecht an den Türen den Braten
+und muß die Pfannen doch drahten--
+leer:--das macht 'türkischen Hunger'.
+
+
+
+
+IN DER VORSTADT
+
+
+Die Alte oben mit dem heisern Husten,
+ja, die ist tot.--Wer war sie?--Du mein Gott,
+sie gab uns nichts,--ihr gab man Hohn und Spott....
+Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.
+
+Und unten stand der schwarze Kastenwagen.
+Die letzte Klasse; als der Totenschrein
+sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,
+und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.
+
+Der Kutscher hieb in seine magern Mähren
+und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,
+als wenn da nicht ein ganzes Leben drin
+voll Weh und Glück und tote Träume waren.
+
+
+
+
+BEI ST. HEINRICH
+
+
+Hart am Kirchenaltargitter,
+wo die Ampel flammt, die matte,
+schlaft ein alter, alter Ritter
+unter grauer Wappenplatte.
+
+Lebend hielt er hoch sein Wappen,
+sorgte immer für sein Blinken;--
+weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen
+alte Weiber drüber hinken?
+
+
+
+
+MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT
+
+
+Fern dämmert wogender Wälder
+beschatteter Saum.
+Dann unterbricht
+nur hie und da ein Baum
+die falbe Fläche hoher Ährenfelder.
+Im hellsten Licht
+keimt die Kartoffel; dann
+ein wenig weiter Gerste, bis der Tann
+das Bild begrenzt.
+Hoch überm Jungwald glänzt
+so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber
+aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;--
+und drüber
+wölbt sich ein Himmel, blank und blau.
+
+
+
+
+DAS HEIMATLIED
+
+
+Vom Feld klingt ernste Weise;
+weiß nicht, wie mir geschieht....
+"Komm her, du Tschechenmädchen,
+sing mir ein Heimatlied."--
+
+Das Mädchen läßt die Sichel,
+ist hier mit Husch und Hui,--
+setzt nieder sich am Feldrain
+und singt: "Kde domov můj"....
+
+Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen
+das Aug mir zugewandt,--
+nimmt meine Kupferkreuzer
+und küßt mir stumm die Hand.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ TRAUMGEKRÖNT
+
+ (1897)
+
+
+
+KÖNIGSLIED
+
+
+Darfst das Leben mit Würde ertragen,
+nur die Kleinlichen macht es klein;
+Bettler können dir Bruder sagen,
+und du kannst doch ein König sein.
+
+Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
+auch kein rotgoldener Reif unterbrach,--
+Kinder werden sich vor dir neigen,
+selige Schwärmer staunen dir nach.
+
+Tage weben aus leuchtender Sonne
+dir deinen Purpur und Hermelin,
+und, in den Händen Wehmut und Wonne,
+liegen die Nächte vor dir auf den Knien....
+
+
+
+
+TRÄUMEN
+
+
+I
+
+Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;
+auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.
+Der Sturm, der übermütige Geselle,
+brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;
+er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei
+und zerrt dort an der Ministrantenschelle.
+Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei
+ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle
+den arg erstaunten fernen Gott herbei.
+Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.
+Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle
+und schmettert an den Fliesen sie entzwei.
+
+Und arme Wünsche knien in langer Reih
+vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.
+Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.
+
+
+
+
+II
+
+Ich denke an:
+--Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,
+drin Hahngekräh;
+und dieses Dörfchen verloren gegangen
+im Blütenschnee.
+Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen
+ein kleines Haus;
+ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen
+verstohlen heraus.
+Rasch auf die Türe, die angelheiser
+um Hilfe ruft,--
+und dann in der Stube ein leiser, leiser
+Lavendelduft....
+
+
+
+
+III
+
+Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen;
+vor seiner Türe saß ich spät,
+wenn hinter violetten Zweigen
+bei halb verhalltem Grillengeigen
+die rote Sonne sterben geht.
+
+Wie eine Mütze grünlich-samten
+steht meinem Haus das moosge Dach,
+und seine kleinen, dickumrammten
+und blank verbleiten Scheiben flammten
+dem Tage heiße Grüße nach.
+
+Ich träumte, und mein Auge langte
+schon nach den blassen Sternen hin,--
+vom Dorfe her ein Ave bangte,
+und ein verlorner Falter schwankte
+im schneeig schimmernden Jasmin.
+
+Die müde Herde trollte trabend
+vorbei, der kleine Hirte pfiff,--
+und in die Hand das Haupt vergrabend,
+empfand ick, wie der Feierabend
+in meiner Seele Saiten griff.
+
+
+
+
+IV
+
+Eine alte Weide trauert
+dürr und fühllos in den Mai,--
+eine alte Hütte kauert
+grau und einsam hart dabei.
+
+War ein Nest einst in der Weide,
+in der Hütt ein Glück zu Haus;
+Winter kam und Weh,--und beide
+blieben aus....
+
+
+
+
+V
+
+Die Rose hier, die gelbe,
+gab gestern mir der Knab,
+heut trag ich sie, dieselbe,
+hin auf sein frisches Grab.
+
+An ihren Blättern lehnen
+noch lichte Tröpfchen,--schau!
+Nur heute sind es Tränen,--
+und gestern war es Tau....
+
+
+
+
+VI
+
+Wir saßen beisammen im Dämmerlichte.
+"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,
+du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte
+von der Prinzessin mit goldnem Haar?"--
+
+Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage
+führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;
+und von der schonen Prinzessin die Sage
+weiß sie wie Mütterchen ganz genau....
+
+
+
+
+VII
+
+Ich wollt, sie hätten statt der Wiege
+mir einen kleinen Sarg gemacht,
+dann wär mir besser wohl, dann schwiege
+die Lippe längst in feuchter Nacht.
+
+Dann hätte nie ein wilder Wille
+die bange Brust durchzittert,--dann
+wärs in dem kleinen Körper stille,
+so still wie's niemand denken kann.
+
+Nur eine Kinderseele stiege
+zum Himmel hoch so sieht,--ganz sacht....
+Was haben sie mir statt der Wiege
+nicht einen kleinen Sarg gemacht?--
+
+
+
+
+VIII
+
+Jene Wolke will ich neiden,
+die dort oben schweben darf!
+Wie sie auf besonnte Heiden
+ihre schwarzen Schatten warf.
+
+Wie die Sonne zu verdüstern
+sie vermochte kühn genug,
+wenn die Erde lichteslüstern
+grollte unter ihrem Flug.
+
+All die goldnen Strahlenfluten
+jener Sonne wollt auch ich
+hemmen! Wenn auch für Minuten!
+Wolke! Ja, ich neide dich!
+
+
+
+
+IX
+
+Mir ist: Die Welt, die laute, krank
+hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben
+und mir nur ist der Weltgedanke,
+der große, in der Brust geblieben.
+
+Denn so ist sie, wie ich sie dachte;
+ein jeder Zwiespalt ist vertost:
+auf goldnen Sonnenflügeln sachte
+umschwebt mich grüner Waldestrost.
+
+
+
+X
+
+Wenn das Volk, das drohnenträge,
+trabt den altvertrauten Trott,
+möcbt ich weiße Wandelwege
+wallen durch das Duftgehege
+ernst und einsam wie ein Gott.
+
+Wandeln nach den glanzdurchsprühten
+Fernen, lichten Lohns bewußt;--
+um die Stirne kühle Blüten
+und von kinderkeuschen Mythen
+voll die sabbatstille Brust.
+
+
+
+
+XI
+
+Weiß ich denn wie mir geschieht?
+In den Lüften Düftequalmen
+und in bronzebraunen Halmen
+ein verlornes Grillenlied.
+
+Auch in meiner Seele klingt
+tief ein Klang, ein traurig-lieber,--
+so hört wohl ein Kind im Fieber,
+wie die tote Mutter singt.
+
+
+
+
+XII
+
+Schon blinzt aus argzerfetztem Laken
+der holde, keusche Götternacken
+der früherwachenden Natur,
+und nur in tiefentiegnen Talen
+zeigt hinter violetten, kahlen
+Gebüschen sich mit falschem Prahlen
+des Winters weiße Sohlenspur.
+
+Hin geh ich zwischen Weidenbäumen
+an nassen Räderrinnensäumen
+den Fahrweg, und der Wind ist mild.
+Die Sonne prangt im Glast des Märzen
+und zündet an im dunkeln Herzen
+der Sehnsucht weiße Opferkerzen
+vor meiner Hoffnung Gnadenbild.
+
+
+
+
+XIII
+
+Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe
+bange verblich.
+Weit--ein einziger lohroter Strich
+wie eine brennende Geißelnarbe.
+
+Irre Reflexe vergehn und erscheinen.
+Und in der Luft
+liegts wie ersterbender Rosenduft
+und wie verhaltenes Weinen....
+
+
+
+XIV
+
+Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,
+und ihre Sterne schauen still,
+wie schon des Mondes weiße Barke
+im Lindenwipfel landen will.
+
+Fern hör ich die Fontäne hallen
+ein Märchen, das ich längst vergaß,--
+und dann ein leises Apfelfallen
+ins hohe, regungslose Gras.
+
+Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel
+und trägt durch alte Eichenreihn
+auf seinem blauen Faltcrflügel
+den schweren Duft vom jungen Wein.
+
+
+
+XV
+
+Im Schoß der silberhellen Schneenacht
+dort schlummert alles weit und breit,
+und nur ein ewig wildes Weh wacht
+in einer Seele Einsamkeit.
+
+Du fragst, warum die Seele schwiege,
+warum sies in die Nacht hinaus
+nicht gießt?--Sie weiß, wenns ihr entstiege,
+es löschte alle Sterne aus.
+
+
+
+
+XVI
+
+Abendläuten. Aus den Bergen hallt es
+wieder neu zurück in immer mattern
+Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern
+von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.
+
+In den weißen Wiesenquellen lallt es
+wie ein Stammeln kindischen Gebetes;
+durch den schwarzen Tannenhochwald geht es
+wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.
+
+Durch die Fuge eines Wolkenspaltes
+wirft der Abend rote Blutkorallen
+nach den Felsenwänden.--Und sie prallen
+lautlos von den Schultern des Basaltes.
+
+
+
+
+XVII
+
+Weltenweiter Wandrer
+walle fort in Ruh....
+also kennt kein andrer
+Menschenleid wie du.
+
+Wenn mit lichtem Leuchten
+du beginnst den Lauf,
+schlägt der Schmerz die feuchten
+Augen zu dir auf.
+
+Drinnen liegt--als riefen
+sie dir zu: versteh!--
+tief in ihren Tiefen
+eine Welt voll Weh....
+
+Tausend Tränen reden
+ewig ungestillt,
+und in einer jeden
+spiegelt sich dein Bild!
+
+
+
+
+XVIII
+
+
+Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;
+doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.--
+Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,
+und der Abend blutet in die Buchen.
+
+Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder
+Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....
+Und die ersten Sterne kommen wieder
+und die Träume, die so traurig machen.
+
+
+
+
+XIX
+
+Vor mir liegt ein Felsenmeer,
+Sträucher, halb im Schutt versunken,
+Todesschweigen.--Nebeltrunken
+hangt der Himmel drüber her.
+
+Nur ein matter Falter schwirrt
+rastlos durch das Land, das kranke....
+Einsam, wie ein Gottgedanke
+durch die Brust des Leugners irrt.
+
+
+
+XX
+
+Die Fenster glühten an dem stillen Haus,
+der ganze Garten war voll Rosendüften.
+Hoch spannte über weißen Wolkenklüften
+der Abend in den unbewegten Lüften
+die Schwingen aus.
+
+Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....
+Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,
+Und heimlich über flüstervollen Birken
+sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken
+ins blasse Blau.
+
+
+
+
+XXI
+
+Es gibt so wunderweiße Nächte,
+drin alle Dinge Silber sind.
+Da schimmert mancher Stern so lind,
+als ob er fromme Hirten brächte
+zu einem neuen Jesuskind.
+
+Weit wie mit dichtem Demantstaube
+bestreut, erscheinen Flur und Flut,
+und in die Herzen, traumgemut,
+steigt ein kapellenloser Glaube,
+der leise seine Wunder tut.
+
+
+
+XXII
+
+Wie eine Riesenwunderblume prangt
+voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,
+ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,
+die Mainacht hangt.
+
+Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....
+Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,
+nach Morgen, wo aus feuerroter Aster
+er Sterben trink....
+
+
+
+XXIII
+
+Wie, jegliches Gefühl vertiefend,
+ein süßer Drang die Brust bewegt,
+wenn sich die Mainacht, sternetriefend,
+auf mäuschenstille Plätze legt--
+
+Da schleichst du hin auf sachter Sohle
+und schwärmst zum blanken Blau hinauf,
+und groß wie eine Nachtviole
+geht dir die dunkle Seele auf....
+
+
+
+
+XXIV
+
+O gabs doch Sterne, die nicht bleichen,
+wenn schon der Tag den Ost besäumt;
+von solchen Sternen ohnegleichen
+hat meine Seele oft geträumt.
+
+Von Sternen, die so milde blinken,
+daß dort das Auge landen mag,
+das müde ward vom Sonnetrinken
+an einem goldnen Sommertag.
+
+Und schlichen hoch ins Weltgetriebe
+sich wirklich solche Sterne ein,--
+sie müßten der verborgnen Liebe
+und allen Dichtern heilig sein.
+
+
+
+
+XXV
+
+Mir ist so weh, so weh, als müßte
+die ganze Welt in Grau vergehn,
+als ob mich die Geliebte küßte
+und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.
+
+Als ob Ich tot wär und im Hirne
+mir dennoch wühlte wilde Qual,
+weil mir vom Hügel eine Dirne
+die letzte, blasse Rose stahl....
+
+
+
+
+XXVI
+
+Matt durch der Tale Gequalme wankt
+Abend auf goldenen Schuhn,--
+Falter, der träumend am Halme hangt,
+weiß nichts vor Wonne zu tun.
+
+Alles schlürft hei! an der Stille sich.--
+Wie da die Seele sich schwellt,
+daß sie als schimmernde Hülle sich
+legt um das Dunkel der Welt.
+
+
+
+
+XXVII
+
+Ein Erinnern, das ich heilig heiße,
+leuchtet mir durchs innerste Gemüt,
+so wie Götterbildermarmorweiße
+durch geweihter Haine Dämmer glüht.
+
+Das Erinnern einstger Seligkeiten,
+das Erinnern an den toten Mai,--
+Weihrauch in den weißen Händen, schreiten
+meine stillen Tage dran vorbei....
+
+
+
+
+XXVIII
+
+Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,
+keinen lauten Lenz mehr mag,--
+will nur einen sonnenblanken,
+wipfelroten Frühherbsttag.
+
+Will die Lust, die jubelschrille,
+nicht mehr in die Brust zurück,--
+will nur Sterbestübenstille
+drinnen--für mein totes Gluck.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ LIEBEN
+
+
+
+I
+
+
+Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
+Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
+kam sie wie ein Beten?--Erzähle:
+
+Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
+und hing mit gefalteten Schwingen groß
+an meiner blühenden Seele....
+
+
+II
+
+
+Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,--
+mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....
+Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
+tief in der Nacht.
+
+Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,--
+ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
+Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
+erklang die Nacht....
+
+
+III
+
+
+Einen Maitag mit dir beisammen sein,
+und selbander verloren ziehn
+durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn
+zu der Laube von weißem Jasmin.
+
+Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,
+jeder Wunsch in der Seele so still....
+Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,
+ein großes,--das ists, was ich will....
+
+
+IV
+
+
+Ich weiß nicht, wie mir geschieht....
+Weiß nicht, was Wonne ich lausche,
+mein Herz ist fort wie im Rausche,
+und die Sehnsucht ist wie ein Lied.
+
+Und mein Mädel hat fröhliches Blut
+und hat das Haar voller Sonne
+und die Augen von der Madonne,
+die heute noch Wunder tut.
+
+
+V
+
+
+Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte
+und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?
+Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,
+und du warst damals noch ein Kind.
+
+Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte
+ein junges Hoffen und ein alter Gram....
+Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante
+den "Werther" aus den Händen nahm.
+
+Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,
+dein Auge sah mich groß und selig an.
+Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,
+und Lichter gingen durch den Tann....
+
+
+VI
+
+Wir saßen beide in Gedanken
+im Weinblattdämmcr--du und ich--
+und über uns in duftgen Ranken
+versummte wo ein Hummel sich.
+
+Reflexe hielten, bunte Kreise,
+in deinem Haare flüchtig Rast....
+Ich sagte nichts als einmal leise:
+"Was du für schöne Augen hast."
+
+
+VII
+
+Blondköpfchen hinter den Scheiben
+hebt es sich ab so fein,--
+sternt es ins Stäubchentreiben
+oder zu mir herein?
+
+Ist es das Köpfchen, das liebe,
+das mich gefesselt hält,
+oder das Staubchengetriebe
+dort in der sonnigen Welt?
+
+Keins sieht zum andern hinüber.
+Heimlich, die Stirne voll Ruh
+schreitet der Abend vorüber....
+Und wir? Wir sehn ihm halt zu.--
+
+
+VIII
+
+
+Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.
+Sie findet im Klee einen Vierung....
+Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:
+die Löwenzähne mit blondem Haar
+betreut vom sternigen Schierling.
+
+Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,
+der strotzige, lose Geselle.
+Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn
+und lacht und wälzt durch den Wiesenplan
+des Windes wallende Welle....
+
+
+IX
+
+
+Ich träume tief im Weingerank
+mit meiner blonden Kleinen;
+es bebt ihr Händchen, elfenschlank,
+im heißen Zwang der meinen.
+
+So wie ein gelbes Eichhorn huscht
+das Licht hin im Reflexe,
+und violetter Schatten tuscht
+ins weiße Kleid ihr Kleckse.
+
+In unsrer Brust liegt glückverschneit
+goldsonniges Verstummen.
+Da kommt in seinem Sammerkleid
+ein Hummel Segen summen....
+
+
+X
+
+
+Es ist ein Weltmeer voller Lichte,
+das der Geliebten Aug umschließt,
+wenn von der Flut der Traumgesichte
+die keusche Seele überfließt.
+
+Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers
+so wie ein Kind, das stockt im Lauf,
+geht vor der Pracht des Christbaumzimmers
+die Flügeltüre lautlos auf.
+
+
+XI
+
+
+Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:
+Heut kommt Base Olga zu Gaste.
+Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies
+ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.
+
+Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang
+und frischte sich mäßig die Kehle;
+und wie mein Glas an das deine klang,
+da ging mir ein Riß durch die Seele.
+
+Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß
+mich dem Plaudern der andern zu einen,
+denn tief im trockenen Halse saß
+mir würgend ein wimmerndes Weinen.
+
+Wir gingen im Parke.--Du sprachst vom Glück
+und küßtest die Lippen mir lange,
+und ich gab dir fiebernde Küsse zurück
+auf die Stirne, den Mund und die Wange.
+
+Und da machtest du leise die Augen zu,
+die Wonne blind zu ergründen....
+Und mir ahnte im Herzen: da wärest du
+am liebsten gestorben in Sünden....
+
+
+XII
+
+
+Die Nacht im Silberfunkenkleid
+streut Trâume eine Handvoll,
+die füllen mir mit Trunkenheit
+die tiefe Seele randvoll.
+
+Wie Kinder eine Weihnacht sehn
+voll Glanz und goldnen Nüssen,--
+seh ich dich durch die Mainacht gehn
+und alle Blumen küssen.
+
+
+XIII
+
+Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,
+und unter Farren bluteten Zyklamen,
+die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,
+es war ein Wind,--und schwere Düfte kamen.
+Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,
+ich sagte leise deinen süßen Namen:
+Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft
+aus deines Herzens weißem Liliensamen
+die Feuerlilie der Leidenschaft.
+
+Rot war der Abend--und dein Mund so rot,
+wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,
+und jene Flammen, die uns jäh durchloht,
+sie leckten an den neidischen Gewanden....
+Der Wald war stille, und der Tag war tot.
+Uns aber war der Heiland auferstanden,
+und mit dem Tage starben Neid und Not.
+Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,
+und leise stieg das Glück aus weißem Boot.
+
+
+XIV
+
+Es leuchteten im Garten die Syringen,
+von einem Ave war der Abend voll,--
+da war es, daß wir voneinander gingen
+in Gram und Groll.
+
+Die Sonne war in heißen Fieberträumen
+gestorben hinter grauen Hängen weit,
+und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen
+dein weißes Kleid.
+
+Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen
+und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,
+das lange in ein helles Licht gesehen:
+Bin ich jetzt blind?--
+
+
+XV
+
+Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,--
+dann fühl ich mich so ernst und alt,--
+wenn nur ganz leis dein glockenreines
+Gelächter in mir widerhallt.
+
+Wenn dann in großem Kinderstaunen
+dein Auge aufgeht, tief und heiß,--
+möcht ich dich küssen und dir raunen
+die schönsten Märchen, die ich weiß.
+
+
+XVI
+
+Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,
+nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....
+Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern
+da hör ichs nahn....
+
+Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,
+in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,--
+dann unter schattenschweren Blütenbäumen
+seh ich es nahn.
+
+In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,
+am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,
+am Herzen jene Blume nur, die rote,
+trug es die auch?...
+
+
+XVII
+
+Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,
+vom Abschiedsweh die Augen beide rot...
+"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."
+Ich sagte bang: "Die sind schon tot."
+
+Mein "Wort war lauter Weinen.--In den Äthern
+stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.
+Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,
+und eine Dohle schrie von fern--
+
+
+XVIII
+
+Im Frühling oder im Traume
+bin ich dir begegnet, einst,
+und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,
+und du drückst mir die Hand und weinst.
+
+Weinst du ob der jagenden Wolken?
+Ob der blutroten Blätter? Kaum.
+Ich fühl es: du warst einmal glücklich
+im Frühling oder im Traum....
+
+
+XIX
+
+Sie hatte keinerlei Geschichte,
+ereignislos ging Jahr um Jahr--
+auf einmal kams mit lauter Lichte....
+die Liebe oder was das war.
+
+Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,
+da liegt ein Teich vor ihrem Haus....
+So wie ein Traum scheints zu beginnen,
+und wie ein Schicksal geht es aus.
+
+
+XX
+
+Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell
+erstorben im eigenen Blute.
+Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell
+auf der Kleinen verbogenem Hute.
+
+Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich
+sie die Hand mir schmeichelnd und leise.--
+Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....
+Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".
+
+Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot
+in den Stoff meines Mantels vergrabend....
+Vom Hütchen nickte die Rose rot,
+und es lächelte müde der Abend.
+
+
+XXI
+
+Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh
+will mich das Schicksal noch segnen,
+wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh
+lachende Mädchen begegne....
+Lachen hör ich sie gerne.
+
+Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,
+nie kann ichs, wähn ich, vergessen...
+Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,
+will ich mirs singen ... Indessen
+singens schon oben die Sterne....
+
+
+XXII
+
+Es ist lang,--es ist lang....
+wann--weiß ich gar nimmer zu sagen....
+eine Glocke klang, eine Lerche sang--
+und ein Herz hat so selig geschlagen.
+Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,
+der Flieder hat Blüten getragen,--
+und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,
+das Auge voll staunender Fragen....
+ Es ist lang,--es ist lang....
+
+
+
+
+
+ ADVENT
+
+ (1898)
+
+
+
+
+ADVENT
+
+
+Es treibt der Wind im Winterwalde
+die Flockenherde wie ein Hirt,
+und manche Tanne ahnt, wie balde
+sie fromm und lichterheilig wird,
+und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
+streckt sie die Zweige hin--bereit,
+und wehrt dem Wind und wächst entgegen
+der einen Nacht der Herrlichkeit.
+
+
+
+
+
+ GABEN
+
+ AN VERSCHIEDENE FREUNDE
+
+
+
+Das ist mein Streit:
+Sehnsuchtgeweiht
+durch alle Tage Sehweifen,
+Dann, stark und breit,
+mit tausend Wurzelstreifen
+rief in das Leben greifen--
+und durch das Leid
+weit aus dem Leben reifen,
+weit aus der Zeit!
+
+Du meine heilige Einsamkeit,
+du bist so reich und rein und weit
+wie ein erwachender Garten.
+Meine heilige Einsamkeit du--
+halte die goldenen Türen zu,
+vor denen die Wünsche warten.
+
+Der Bach hat leise Melodien,
+und fern ist Staub und Stadt;
+die Wipfel winken her und hin
+und machen mich so matt.
+
+Der Wald ist wild, die Welt ist weit,
+mein Herz ist hell und groß;
+es hält die blasse Einsamkeit
+mein Haupt in ihrem Schoß.
+
+Ich liebe vergessene Flurmadonnen,
+die ratlos warten auf irgendwen,
+und Mädchen, die an einsame Bronnen,
+Blumen im Blondhaar, träumen gehn.
+
+Und Kinder, die in die Sonne singen
+und staunend groß zu den Sternen sehn,
+und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,
+und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.
+
+Warst du ein Kind in froher Schar,
+dann kannst du's freilich nicht erfassen,
+wie es mir kam, den Tag zu hassen
+als ewig feindliche Gefahr.
+Ich war so fremd und so verlassen,
+daß ich nur tief in blütenblassen
+Mainächten heimlich selig war.
+
+Am Tag trug ich den engen Ring
+der feigen Pflicht in frommer Weise.
+Doch abends schlich ich aus dem Kreise,
+mein kleines Fenster klirrte--kling--
+sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,
+nahm meine Sehnsucht ihre Reise,
+weil sie die weiten Sterne leise
+nach ihrer Heimat fragen ging.
+
+
+
+
+PFAUENFEDER:
+
+
+in deiner Feinheit sondergleichen,
+wie liebte ich dich schon als Kind.
+Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,
+das sich an silberstillen Teichen
+in kühler Nacht die Elfen reichen,
+wenn alle Kinder schlafen sind.
+
+Und weil Großmütterchen, das gute,
+mir oft von Wünschegerten las,
+so träumte ich, du Zartgemute,
+in deinen feinen Fasern flute
+die kluge Kraft der Rätselrute--
+und suchte dich im Sommergras.
+
+Oft denk ich auf der Alltagsreise
+der Nacht, und daß ein Traum mir frommt,
+der mir mit Lippen, kühl und leise,
+die schwüle Stirne küssen kommt.
+
+Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen
+zu sehn.--Der Tag ist karg und klein,
+die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen
+und könnte eine Sage sein.
+
+
+
+
+DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE--
+
+
+das müßte sein von jenen blanken
+Lenztagen einer, da die Kranken
+man vor die dunklen Türen bringt.
+Im Flieder ist ein Spatzenzanken,
+weil keinem rechter Sang gelingt.
+Der Bach, dem alle Bande sanken,
+weiß nicht, was tun vor Glück, und springt
+bis aufwärts zu den Bretterplanken,
+dahinter Beete, kiesumringt,
+und Blumenblühn und Birkenschwanken.
+Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,
+um das der Frühling seine Ranken
+wie liebeleise Arme schlingt--
+ein blondes Kind, das in Gedanken
+das schönste meiner Lieder singt.
+
+An manchem Tag ist meine Seele still:
+Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.
+Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen
+dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen
+den Jubel seiner Arme fesseln will.
+
+Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin
+in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:
+Sie warten auf den Sonntag mit den vollen
+Gestühlen und dem großen Orgelrollen--
+und blasse Ampeln schwanken her und hin.
+
+
+Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
+in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
+um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
+und endlich arm ein armes Sterben stirbt
+im Weihrauchabend gotischer Kapellen,--
+nennt ihr das Seele?
+
+Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
+in der die Welten weite Wege reisen,
+mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
+in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
+und will hinauf und will mir ihnen kreisen....
+Und das ist Seele.
+
+
+Die hohen Tannen armen heiser
+im Winterschnee, und bauschiger
+schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
+Die weißen Wege werden leiser,
+die trauten Stuben lauschiger.
+
+Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
+Im grünen Ofen kracht ein Scheit
+und stürzt in lichten Lohgewittern,--
+und draußen wächst im Flockenflittern
+der weiße Tag zur Ewigkeit.
+
+
+Der Abend kommt von weit gegangen
+durch den verschneiten, leisen Tann.
+Dann preßt er seine Winterwangen
+an alle Fenster lauschend an.
+
+Und stille wird ein jedes Haus;
+die Alten in den Sesseln sinnen,
+die Mütter sind wie Königinnen,
+die Kinder wollen nicht beginnen
+mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
+nicht mehr. Der Abend horcht nach innen
+und innen horchen sie hinaus.
+
+
+Das Wetter war grau und grell;
+der Abend ist lichter und leiser.
+Sicher kommt irgendein Kaiser:
+Alle Häuser sind hell.
+Und so festlich und weich
+war das Abendgebimmel;
+die Alten schaun in den Himmel,
+und die Kinder sind reich.
+
+
+Sonne verlodert am Himmelsrain.
+Durch ernteverarmte Krumen
+waten die Weiber feldein.
+
+An den verschimmernden Schienenreihn
+beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,
+sinnen Sonnenblumen.
+
+
+Du arme, alte Kapelle
+mit deiner verstaubten Zier--
+der Frühling baut eine helle
+Kirche neben dir.
+
+Viel frierende Frauen hinken
+in deine Weihrauchruh,
+draußen die Kinder winken
+allen Rosen zu.
+
+
+Die Mädchen singen:
+Alle Mädchen erwarten wen,
+wenn die Bäume in Blüten stehn;
+wir müssen immer nähn und nähn,
+bis uns die Augen brennen.
+Unser Singen wird nimmer froh,
+fürchten uns vor dem Frühling so:
+Finden wir einmal ihn irgendwo,
+wird er uns nicht mehr erkennen.
+
+
+Lehnen im Abendgarten beide,
+lauschen lange nach irgendwo.
+"Du hast Hände wie weiße Seide...."
+Und da staunt sie: "Du sagst das so...."
+
+Etwas ist in den Garten getreten,
+und das Gitter hat nicht geknarrt,
+und die Rosen in allen Beeten
+heben vor seiner Gegenwart.
+
+
+Eine der weißen Vestageweihten
+lächelte Gnade dem Todbereiten,
+löste ihm von der Stirn die Schmach.
+
+Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten
+des todbefreiten, Schulter breiten
+Epheben nach.
+
+
+Im Kreise der Barone
+der König ritt zur Jagd.
+Ihm wohnte in roter Krone
+ein einsamer Smaragd.
+
+Da gibts unter hellen Hufen
+Wege so weit und weiß;
+keiner hört Hilfe rufen,
+und der Mittag ist heiß....
+
+Ob einer den König erkannte?
+
+Die Dohlen im Abend schrien.
+
+Die allerkühnste spannte
+den Flug schon über Ihn:
+Auf des Königs Stirne brannte
+ein einsamer Rubin.
+
+
+Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.
+In blanken Sälen schleichen leise Schauer.
+Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,
+und alle Wege weltwärts sind verschneit.
+
+Darüber hängt der Himmel brach und breit.
+Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden
+hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....
+Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.
+
+
+Irgendwo muß es Paläste geben,
+drin die Fenster von Staub verschnein;
+in der Säle hallende Reihn
+tauchen tote Tage hinein:
+Gestalten wallen, es warnt der Schrein;
+und kein lustiger Leuchterschein
+reicht In das einsame Seltsamsein....
+
+Dorten wollen wir Feste gehen--
+märchenallein.
+
+
+Im Schlosse mit den roten Zinken
+wär ich so gern des Abends Gast.
+Die Fenster glühn, die Falten sinken,
+und meine weißen Wünsche winken
+mir aus dem lodernden Palast.
+
+Ich will durch lange Hallen schleichen
+und in die tiefen Gärten schaun,
+die über alle Marken reichen.
+Und Frauen lächeln an den Teichen,
+und in den Wiesen prahlen Pfaun....
+
+
+Einmal möcht ich dich wiederschauen,
+Park, mit den alten Lindenalleen,
+und mit der leisesten aller Frauen
+zu dem heiligen Weiher gehn.
+
+Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen
+gleiten leise auf glänzendem Glatt,
+aus der Tiefe tauchen die Rosen
+wie Sagen einer versunkenen Stadt.
+
+Und wir sind ganz allein im Garten,
+drin die Blumen wie Kinder stehn,
+und wir lächeln und lauschen und warten,
+und wir fragen uns nicht, auf wen....
+
+
+Es kommt in prunkenden Gebreiten
+der Abend wie ein leiser Gott.
+Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten
+durch purpurbunte Einsamkeiten
+in bügelleichtem Träumertrott.
+
+Ich atme tief. Ich werde Kaiser.
+Mein heiler Helm ist losgeschnallt,
+und meine Stirne streifen Reiser
+und rauschen so. Und leiser, leiser
+hallt Huf und Ruf im roten Wald.
+
+
+Horch, verhallt nicht ein scheuer
+Schrei von den Hängen her?
+Aus dem morschen Klostergemäuer
+kann der Abend nicht mehr.
+Er sucht sich wund an der Wand.
+Und mit hilfloser Hand
+in das Säulengedränge,
+in ewige Gänge,
+wirft er den Brand.
+Feuer.--
+In schlichtem Gewand
+flieht er, der Heimkehr singender Heuer
+leise gesellt, ins verlöschende Land.
+
+
+Der König Abend weiß sich schwach
+und satt, und ihm geschieht:
+Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,
+der einem Hirtensingen nach
+in Menschen lande zieht.
+
+Jetzt ist der Bach ein Königskind.
+Er jubelt laut Alarm
+und gibt den wunden Krumen blind
+sein Gold.--Und wo die Hütten sind,
+dort ist er wieder arm.
+
+
+Der Tag entschlummert leise,--
+ich walle menschenfern....
+Wach sind im weiten Kreise
+ich--und ein bleicher Stern.
+
+Sein Auge licht durchwoben
+ruht flimmernd hell auf mir,
+er scheint am Himmel droben
+so einsam, wie ich hier....
+
+
+
+
+
+ FAHRTEN
+
+
+
+
+VENEDIG
+
+
+I
+
+
+Fremdes Rufen. Und wir wählen
+eine Gondel, schwarz und schlank:
+Leises Gleiten an den Pfählen
+einer Marmorstadt entlang.
+
+Still. Die Schiffer nur erzählen
+sich. Die Ruder rauschen sacht,
+und aus Kirchen und Kanälen
+winkt uns eine fremde Nacht.
+
+Und der schwarze Pfad wird leiser,
+fernes Ave weht die Luft,--
+traun: Ich bin ein toter Kaiser,
+und sie lenken mich zur Gruft.
+
+
+
+II
+
+
+Immer ist mir, daß die leisen
+Gondeln durch Kanäle reisen
+irgend jemand zum Empfang;
+denn das Warten dauert lang,
+und das Volk ist arm und krank,
+und die Kinder sind wie Waisen.
+
+Lange harren die Paläste
+auf die Herren, auf die Gäste,
+und das Volk will Kronen sehn.
+Auf dem Markusplatze stehn
+möcht ich oft und irgendwen
+fragen nach dem fernen Feste....
+
+
+
+III
+
+
+Mein Ruder sang:
+Poppé, fahr zu!
+Ein Volk von Sklaven
+drängt sich im Hafen
+um nüchterne Feste,
+und die Paläste
+können nicht schlafen.
+Poppé, fahr zu!
+
+Eisige Ruh
+in Marmorgliedern,
+mit matten Lidern
+erschauern die Plätze.
+Im Gassennetze
+betteln die Niedern.
+Poppe, fahr zu!
+
+Sag mir, weißt du
+noch von den Toten,
+die hier geboten
+in köstlichen Kronen?
+Wo sie jetzt wohnen,
+die Purpurroten?
+
+Poppé, fahr zu!
+
+
+
+IV
+
+
+Ave weht von den Türmen her,
+immer noch hörst du die Kirchen erzählen;
+doch die Paläste an stillen Kanälen
+verraten nichts mehr.
+
+Und vorbei an der Traumesruh
+ihrer schlafenden Stirnen schwanken
+leise Gondeln wie schwarze Gedanken
+dem Abend zu.
+
+
+
+
+ENGLAR IM EPPAN
+
+
+Später Weg. Die Hütten kauern,
+und das dumpfe Dorf schläft ein.
+Ernste Türme seh ich dauern,
+weit aus weißen Blütenschauern
+wächst ihr Weltverlorensein.
+
+Abendbrand in brachen Zinnen,
+und der Wind fährt durch den Saal.
+Und für wen im Burghof drinnen
+immer noch die Brunnen rinnen--
+keiner weiß es dort im Tal.
+
+
+
+
+TENNO
+
+
+Der Kirchhof hoch im Sommerschnee
+gehört zum Berghof hin;
+wie über einem Hochlandsee
+wacht Frieden über ihn.
+Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.
+Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,
+die Kreuze arm, die Hügel kahl,
+und sacht und selten wächst die Zahl:
+einmal.
+
+Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.
+Im kleinen Dorf ist kleine Wahl
+und kleines Glück und kleine Qual,--
+drum läuten sie so fern im Tal:
+einmal,--einmal,--einmal.--
+
+
+
+
+CASABLANCA
+
+
+Am Berge weiß ich trutzen
+ein Kirchlein mit rostigem Knauf,
+wie Mönche in grauen Kapuzen
+steigen Zypressen hinauf.
+
+Vergessene Heilige wohnen
+dort einsam im Altarschrein;
+der Abend reicht ihnen Kronen
+durch hohle Fenster hinein.
+
+
+
+
+ARCO
+
+
+Die Hochschneezinne, schartig scharf,
+loht auf wie eine Mauerkrone,
+in die der lachende Nerone,
+der Morgen, seine Fackel warf.
+
+Und wie die Flammen bis ins Blau
+sich zu verblühten Sternen strecken,
+erwacht das Tal in schönem Schrecken
+und taucht empor aus Traum und Tau.
+
+
+
+
+I MULINI
+
+
+Du müde, morsche Mühle,
+dein Moosrad feiert Ruh,
+aus der Olivenkühle
+schaut dir der Abend zu.
+
+Der Bach singt wie verloren
+Menschenlieder nach,
+tiefer über die Ohren
+ziehst du dein trutziges Dach.
+
+
+
+
+BODENSEE
+
+
+Die Dörfer sind wie ein Garten.
+In Türmen von seltsamen Arten
+klingen die Glocken wie weh.
+Uferschlösser warten
+und schauen durch schwarze Scharten
+müd auf den Mittagsee.
+
+Und schnellende Wellchen spielen,
+und goldene Dampfer kielen
+leise den lichten Lauf;
+und hinter den Uferzielen
+tauchen die vielen, vielen
+Silberberge auf.
+
+
+
+
+KONSTANZ
+
+
+Dem Tag ist so todesweh
+Müd gießt er aus goldenen Kelchen
+Wein in den Bergesschnee.
+
+Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,
+ein Stern überm Uferschleh,
+und ziere, zitternde Weilchen
+gittern den Abendsee.
+
+
+
+
+
+ FUNDE
+
+
+
+
+Wenn wie ein leises Flügelbreiten
+sich in den späten Lüften wiegt,--
+ich möchte immer weiter schreiten
+bis in das Tal, wo riefgeschmiegt
+an abendrote Einsamkeiten
+die Sehnsucht wie ein Garten liegt.
+
+Vielleicht darf ich dich dorten rinden,
+und zage wird dein erstes Mühn
+die wehen Wünsche mir verbinden,
+du wirst mich führen tief ins Grün--
+und heimlich werden weiße Winden
+an meinem staubigen Stabe blühn.
+
+
+
+
+Ich möchte draußen dir begegnen,
+wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,
+und wenn ein leises Seelensegnen
+von allen Zweigen niederträuft.
+
+Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,
+Jasmin die weißen Arme streckt
+und lind den ewgen Wehgedanken
+der Stirne Christi überdeckt.
+
+
+
+
+Ich mußte denken unverwandt,
+wie ich einst zwischen schwarzen Pinien
+den tiefen Frühling sinnen fand,
+als ich vor deiner Schönheit stand
+und durch der Scheitel dunkle Linien
+dein Antlitz träumte wie ein Land.
+
+Es schlich von deiner Lippen Saum
+ein Lächeln auf verlornem Pfade--
+ganz leis. Die andern merktens kaum.
+So weht ein Blatt vom Blütenbaum:
+Nur einer schaut die Frühlingsgnade,
+und der sie schaut, ist wie im Traum.
+
+
+
+
+Fremd ist, was deine Lippen sagen,
+fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid
+fremd ist, was deine Augen fragen,
+und auch aus unsern wilden Tagen
+reicht nicht ein leises Wellenschlagen
+an deine tiefe Seltsamkeit.
+
+Du bist wie jene Bildgestalten,
+die überm leeren Altarspind
+noch immer ihre Hände falten,
+noch immer alte Kränze halten,
+noch immer leise Wunder walten--
+wenn längst schon keine Wunder sind.
+
+
+
+
+Du bist so fremd, du bist so bleich.
+Nur manchmal glüht auf deinen Wange
+ein hoffnungsloses Heimverlangen
+nach dem verlornen Rosenreich.
+
+Dann sehnt dein Auge, tief und klar,
+aus allem Müssen, allem Mühen
+ins Land, wo nichts als stilles Blühen
+die Arbeit deiner Hände war.
+
+
+
+
+Weißt du, ich will mich schleichen
+leise aus lautem Kreis,
+wenn ich erst die bleichen
+Sterne über den Eichen
+blühen weiß.
+
+Wege will ich erkiesen,
+die selten wer betritt
+in blassen Abendwiesen--
+und keinen Traum, als diesen:
+Du gehst mit.
+
+
+
+
+Bei dir ist es traut:
+Zage Uhren schlagen
+wie aus weiten Tagen.
+Komm mir ein Liebes sagen:
+aber nur nicht laut.
+
+Ein Tor geht irgendwo
+draußen im Blütentreiben.
+Der Abend horcht an den Scheiben.
+Laß uns leise bleiben:
+Keiner weiß uns so.
+
+
+
+
+Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
+aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
+Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
+und still und gut und voller Frieden sein.
+
+Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
+den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
+An ihren morgenroten Molen sterben
+die ersten Wellen der Unendlichkeit.
+
+
+
+
+Du, Hände, welche immer geben,
+die müssen blühn von fremdem Glück.
+Zart wie ein zartes Birkenbeben,
+bleibt von dem gebenden Erleben
+ein Rhythmenzittern drin zurück.
+
+Das sind die Hände mit den schmalen
+Gelenken, die sich leise mühn;
+und wüßten die von Kathedralen,
+sie müßten sich in Wundenmalen
+vor allem Volke heiligblühn.
+
+
+
+
+Bist gewandert durch Wahn und Weh,
+kommst aus meinen dunkelsten Tagen,
+hast dir eine Brücke geschlagen
+bis zu mir über Schuld und Schnee.
+
+Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot,
+und auf kronengoldenen Locken
+trägst du flüchtige Federflocken
+in den fröhlichen Frühlingstod.
+
+
+
+
+Will dir den Frühling zeigen,
+der hundert Wunder hat.
+Der Frühling ist waldeigen
+und kommt nicht in die Stadt.
+
+Nur die weit aus den kalten
+Gassen zu zweien gehn
+und sich bei den Händen halten--
+dürfen ihn einmal sehn.
+
+
+
+
+Und dieser Frühling macht dich bleicher,
+in weite Wiesen will dein Fuß,
+dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,
+und deine Hände werden reicher
+mit jedem Wink, mit jedem Gruß.
+
+Du holst aus düfteschwüler Lade
+dein Konfirmandenkleidchen dreist
+und trägst es in die wilden Pfade
+und schmückst dich für die große Gnade,
+die deine Seele blühen heißt.
+
+
+
+
+Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß
+weit aus dem Abend bringen.
+Ich geh in die goldene Stunde hinaus,
+und die Fenster leuchten am letzten Haus,
+drin spielende Kinder singen.
+
+Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,
+drin singende Kinder wohnen,
+und mein Wandern wächst und wächst in den Mal
+und kann nicht zurück,--und die Blüten, verzeih,
+die wind ich mir alle zu Kronen.
+
+
+
+
+Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
+aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.
+Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.
+Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,
+harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.
+
+Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,
+und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus....
+Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:
+Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,--
+du, winde wieder einen Kranz daraus.
+
+
+
+
+Du:
+ein Schloß an wellenschweren,
+atlasblassen Abendmeeren--
+und in seinen säulenhehren
+Sälen warten Preis und Prunk,
+uns zu ehren:
+
+Weil wir beide wiederkehren--
+ohne Kronen und mit leeren
+Händen--
+ aber jung
+
+
+
+
+Purpurrote Rosen binden
+möcht ich mir für meinen Tisch
+und, verloren unter Linden,
+irgendwo ein Mädchen finden,
+klug und blond und träumerisch.
+
+Möchte seine Hände fassen,
+möchte knieen vor dem Kind
+und den Mund, den sehnsuchtblassen,
+mir von Lippen küssen lassen,
+die der Frühling selber sind.
+
+
+
+
+Ein Händeineinanderlegen,
+ein langer Kuß auf kühlen Mund,
+und dann; auf Schimmer weißen Wegen
+durchwandern wir den Wiesengrund.
+
+Durch leisen, weißen Blütenregen
+schickt uns der Tag den ersten Kuß,--
+mir ist: wir wandeln Gott entgegen,
+der durchs Gebreite kommen muß.
+
+
+Du willst dir einen Pagen küren?
+Mich komm erküren, Königin.
+Mir klingt aus alten Aventüren
+ein Sang in Saitenspiel und Sinn.
+
+Ich will ins weiße Schloß dich führen,
+in dem ich selber König bin,
+und singen hinter tausend Türen
+für meine weiße Königin.
+
+
+
+
+Abend hat mich müd gemacht,
+und in meinen Sinnen schrillen
+kleine Wünsche mit den Grillen.
+
+Wo das blasse Land verflacht,
+liegen lauter weiße Villen
+hinter roter Rosenpracht.
+
+Liegen wie auf leiser Wacht
+weiße Villen an dem stillen
+Uferrand der Frühlingsnacht.
+
+
+
+
+Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
+Stunden mich in der wirbelnden Kreise
+wirres Geflimmer?
+Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.
+Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer
+einsam, mit heimlichem Lächeln, leise,
+leise--Tage und Träume bauen.
+
+
+
+
+Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang.
+Das war im Traum. Und deine Seele klang.
+
+Ganz leise tönte meine Seele mit,
+und beide Seelen sangen sich; Ich litt.
+
+Da wurde Friede tief in mir. Ich lag
+im Silberhimmel zwischen Traum und Tag.
+
+
+
+
+Wie meine Träume nach dir schrein.
+Wir sind uns mühsam fremd geworden,
+jetzt will es mir die Seele morden,
+dies arme, bange Einsamsein.
+
+Kein Hoffen, das die Segel bauscht.
+Nur diese weite, weiße Stille,
+in die mein tatenloser Wille
+in atemlosem Bangen lauscht.
+
+
+
+
+Und du warst schön. In deinem Auge schien
+sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
+Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin
+dich ein: So kam dich meine Liebe krönen.
+Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
+weißbindig wie der Vesta Priesterin,
+an deines Seelentempels Säulenrand
+und streute lächelnd weiße Blüten hin.
+
+
+
+
+Du hast so große Augen, Kind.
+Du siehst gewiß oft nachts Gestalten,
+die, fremd und bleich, in marmorkalten
+Traumhänden rote Kronen halten,
+um die ein Leuchten leise rinnt.
+Dann ist dein Blick am Tag wie blind
+und deine Seele wie zerspalten,
+dann bangt dir vor den Alltagsalten,
+wenn Wünsche sich in dir entfalten,
+die allen andern Wahnsinn sind.
+
+Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,
+stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,
+die plump, mit Händen, blöd und bleiern,
+auf deiner Silberseele leiern
+das irre Lied, das sterblich macht;
+zu fliehn in eine blaue Nacht,
+drin alle Wipfel lauschend feiern;
+der Glieder Hymne zu entschleiern
+und scheu im Schoß von weißen Weihern
+zu finden ihre nackte Pracht.
+
+
+
+
+Du sahst in hohe Lichthofmauern
+und spieltest still in dumpfem Raum,
+es lag ein unverstandnes Trauern
+auf deinem blassen Kindheitsträum.
+
+Und deine Tage waren bleiern,
+die Mutter krank, der Vater roh;
+und manchmal kam ein Krüppel leiern--
+dann lauschtest du und weintest so.
+
+Was kann dir nun der Sommer taugen?
+Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag,
+durchirren deine Heimwehaugen
+den uferlosen Sonnentag.
+
+
+
+
+Sie war:
+Ein unerwünschtes Kind, verstoßen
+auch aus der Mutter Nachtgebet,
+und ewig fern von jenem Großen,
+das gebend durch die Zeiten geht.
+
+Sie wünschte wenig--und nur selten
+kam wie ein Weinen über sie
+nach einem Land mit Purpurzelten,
+nach einer fremden Melodie,
+
+nach weißen Wegen, die nicht stauben--
+dann bog sie Rosen sich ins Haar,
+und konnte doch nie Liebe glauben,
+auch wenn es tief im Frühling war.
+
+
+
+
+Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,
+klang oft dein Wort so kummerkrank,
+wie eine leise Liebeslaute,
+die einsam einst ein Meister baute,
+als seine Seele Sehnsucht sang.
+
+Sie lernte seither leichte Lieder
+und tönte gern zu Tag und Tanz,--
+da greift ein Träumer ihre Glieder:
+und wie erwachend weint sie wieder
+das Heimweh ihres Heimatlands.
+
+
+
+
+Ja, früher, wenn ich an dich dachte,
+wie Wunder wars: ein Mai erwachte
+um dich im Aureolenglänz,
+und meine Sehnsucht träumte sachte
+um deine Stirne einen Kranz.
+
+Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinen
+ins Herz den herbstverhangnen Hainen,
+schleicht an den bleichen Meilensteinen
+ein wunder Sonnenuntergang.
+
+
+
+
+Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.
+Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband
+lag der blasse Fluß auf dem flachen Sand,
+darüber aus nassem Nebelgewand
+reckte die Weide die Totenhand.
+
+Mir war so traurig. Ich starrte und stand.
+Ich sah dich kauern am Wegesrand.
+Einst hab ich dich und das Glück gekannt.
+Du weintest wühlend und unverwandt,
+und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?
+
+Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....
+Da hab ich dich wieder wie einst genannt;
+doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.
+Die Pappeln kohlten im Abendbrand,
+und der Tod ging rot durch dein Heimatland.
+
+
+
+
+Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte
+ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt--
+Siehst du den Mond, wie eine silberechte
+Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:
+ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt--
+Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.
+
+Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben?
+Und jede läßt die Schwester schauernd los
+und muß allein verdarben und verderben,
+und alle fallen fahl in deinen Schoß.
+Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.
+Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.
+
+
+
+
+Kannst du die alten Lieder noch spielen?
+Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Weh
+wie die Schiffe mit silbernen Kielen,
+die nach heimlichen Inselzielen
+treiben im leisen Abendsee.
+
+Und sie landen am Blütengestade,
+und der Frühling ist dort so jung.
+Und da findet an einsamem Pfade
+vergessene Götter in wartender Gnade
+meine müde Erinnerung.
+
+
+
+
+Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,
+die deine Hand zu pflegen nie vergaß?
+ Schon tot?
+Wo ist die Freude deiner Wangen hin,
+die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien--
+ Verloht?
+Und wo ist unser Glück so groß und rein,
+das hell dein Haar wie ein Madonnenschein
+ Umspann?
+Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,
+und morgen kommt der Frost uns ins Gemach--
+ Und dann?
+
+
+
+
+
+ MÜTTER
+
+
+
+
+Ich sehne oft nach einer Mutter mich,
+nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.
+In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;
+sie könnte jenen wilden Haß vereiteln,
+der eisig sich in meine Seele schlich.
+
+Dann säßen wir wohl beieinander dicht,
+ein Feuer surrte leise im Kamine.
+Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,
+und Friede schwebte ob der Teeterrine
+so wie ein Falter um das Lampenlicht.
+
+
+
+
+Mir ist oft, daß ich fragen müßt:
+Du, Mutter, was hast du gesungen,
+eh deinem blassen, blonden Jungen
+der Schlaf die Wangen warm geküßt?
+
+Hattest du damals sehr viel Gram?
+Und weißt du, wie du aufgesprungen,
+wenn deinem blassen, blonden Jungen
+im tiefen Traum ein Weinen kam?
+
+
+
+
+Ich gehe unter roten Zweigen
+und suche einen späten Strauß.
+Weiß nicht vor Glück wo ein und aus,
+mir ist so neu, mir ist so eigen:
+Mein Lieb ist müd und ist zu Haus.
+
+Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel,
+seit sich sein Mieder weiter zieht,
+und seit ein Wunder ihm geschieht:
+Bald hat es breite braune Scheitel
+und sitzt und singt ein Wiegenlied.
+
+
+
+
+Leise weht ein erstes Blühn
+von den Lindenbäumen,
+und, in meinen Träumen kühn,
+seh ich dich im Laubengrün
+hold im ersten Muttermühn
+Kinderhemdchen säumen.
+
+Singst ein kleines Lied dabei,
+und dein Lied klingt in den Mai:
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ tief im trauten Garten.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ meiner Sehnsucht schönsten Traum
+ will ich hier erwarten.
+
+ Blühe, blühe Blütenbaum,
+ Sommer wird dirs zahlen.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum.
+ Schau, ich säume einen Saum
+ hier mit Sonnenstrahlen.
+
+ Blühe, blühe, Blürenbaum,
+ balde kommt das Reifen.
+ Blühe, blühe, Blütenbaum,
+ meiner Sehnsucht schönsten Traum
+ lehr mich, ihn begreifen.
+
+Singst ein kleines Lied dabei,
+und dein Lied ist lauter Mai.
+
+ Und der Blütenbaum wird blühn,
+ blühn vor allen Bäumen,
+ sonnig wird dein Saum erglühn,
+ und verklärt im Laubengrün
+ wird dein junges Muttermühn
+ Kinderhemdchen säumen.
+
+
+
+
+Und reden sie dir jetzt von Schande,
+da Schmerz und Sorge dich durchirrt,--
+o, lächle, Weib! Du stehst am Rande
+des Wunders, das dich weihen wird.
+
+Fühlst du in dir das scheue Schwellen,
+und Leib und Seele wird dir weit--
+o, bete, Weib! Das sind die Wellen
+der Ewigkeit.
+
+
+
+
+DER BLONDE KNABE SINGT:
+Was weinst du, Mutter? Ist das Spind
+auch bettelleer,--sei gut!
+Ich bin dein blondes Kronenkind,
+und du hast Edelblut.
+
+Ich schaute ja, du weißt es nicht,--
+wie du so oft noch spät
+beim morgenmatten Lampenlicht
+dein Königskleid genäht.
+
+So bist du eine Königin,
+und sei nicht bang und zag--
+und bis Ich erst krafteigen bin,
+kommt unser Königs tag.
+
+
+
+
+DIE MUTTER:
+"Liebling, hast du gerufen?"
+Es war ein Wort im Wind.
+"Wie viele steile Stufen
+sind noch bis zu dir, mein Kind?"--
+Da fand ihre Stimme die Sterne,
+fand aber die Tochter nicht.
+
+Im Tale in tiefer Taverne
+löschte ein letztes Licht.
+
+
+
+
+Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
+wilder, wie Strüme, die schäumen,
+wilder, wie Sturm in den Bäumen.
+Und leise läßt sie die Stunden los
+und schenkt ihre Seele den Träumen.
+
+Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
+still überm leisen Gelände,
+und ihr Haus hat ganz weiße Wände--
+Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern--
+und faltet die alternden Hände.
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+LARENOPFER (1896)
+
+Im alten Hause
+Auf der Kleinseite
+Ein Adelshaus
+Der Hradschin
+Bei St. Veit
+Im Dome
+In der Kapelle St. Wenzels
+Vom Lugaus
+Der Bau
+Im Stübchen
+Zauber
+Ein anderes
+Noch eines
+Und das letzte
+Im Erkerstübchen
+Der Novembertag
+Im Straßenkapellchen
+Das Kloster
+Bei den Kapuzinern
+Abend
+Jar. Vrchlický
+Im Kreuzgang von Loretto
+Der junge Bildner
+Frühling
+Land und Volk
+Der Engel
+Allerseelen I. II.
+Bei Nacht
+Abend
+Auf dem Wolschan I
+ II
+Wintermorgen
+Brunnen
+Sphinx
+Träume
+Maitag
+König Abend
+An der Ecke
+Heilige
+Das arme Kind
+Wenns Frühling wird
+Als ich die Universität bezog
+Superavit
+Trotzdem
+Herbststimmung
+An Julius Zeyer
+Der Träumer I
+ II
+Die Mutter
+Unser Abendgang
+Kajetan Týl
+Volksweise
+Das Volkslied
+Dorfsonntag
+Mein Geburtshaus
+In dubiis I. II.
+Barbaren
+Sommerabend
+Gerichtet
+Das Märchen von der Wolke
+Freiheitsklänge
+Nachtbild
+Hinter Smichov
+Im Sommer
+Am Kirchhof zu Königsaal (aula regis)
+Vigilien I. II.
+ III. IV.
+Der letzte Sonnengruß
+Kaiser Rudolf
+Aus dem Dreißigjährigen Kriege. 1. Krieg
+ 2. Alea jacta est
+ 3. Kriegsknechts-Sang
+ 4. Kriegsknechts-Rang
+ 5. Beim Kloster
+ 6. Ballade
+ 7. Der Fenstersturz
+ 8. Gold
+ 9. Szene
+ 10. Feuerlilie
+ 11. Beim Friedland
+ 12. Frieden
+Bei den Ursulinen
+Aus der Kinderzeit
+Rabbi Löw
+Die alte Uhr
+Kämpfen
+Siegen
+Im Herbst
+Der kleine "Drateník"
+In der Vorstadt
+Bei St. Heinrich
+Mittelböhmische Landschaft
+Das Heimatlied
+
+TRAUMGEKRÖNT (1897)
+
+Königslied
+Träumen
+I. Mein Herz gleicht
+II. Ich denke an:
+III. Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen
+IV. Eine alte Weide trauert
+V. Die Rose hier, die gelbe
+VI. Wir saßen beisammen
+VII. Ich wollt, sie hätten statt der Wiege
+VIII. Jene Wolke will ich neiden
+IX. Mir ist: Die Welt
+X. Wenn das Volk, das drohnenträge
+XI. Weiß ich denn, wie mir geschieht
+XII. Schon blinzt
+XIII. Fahlgrauer Himmel
+XIV. Die Nacht liegt duftschwer
+XV. Im Schoß der silberhellen
+XVI. Abendläuten
+XVII. Weltenweiter Wandrer
+XVIII. Möchte mir ein blondes Glück erkiesen
+XIX. Vor mir liegt ein Felsenmeer
+XX. Die Fenster glühten
+XXI. Es gibt so wunderweiße Nächte
+XXII. Wie eine Riesenwunderblume
+XXIII. Wie, jegliches Gefühl vertiefend.
+XXIV. O gäbs doch Sterne
+XXV. Mir ist so weh, so weh, als müßte
+XXVI. Matt durch der Tale
+XXVII. Ein Erinnern, das ich heilig heiße
+XXVIII. Glaubt mir
+
+LIEBEN
+
+I. Und wie mag die Liebe
+II. Das war der Tag
+III. Einen Maitag mit dir beisammen sein
+IV. Ich weiß nicht, wie mir geschieht
+V. Ob dus noch denkst
+VI. Wir saßen beide in Gedanken
+VII. Blondköpfchen hinter den Scheiben
+VIII. Die Liese wird heute
+IX. Ich träume tief im Weingerank
+X. Es ist ein Weltmeer voller Lichte
+XI. Ich war noch ein Knabe
+XII. Die Nacht im Silberfunkenkleid
+XIII. Schon starb der Tag
+XIV. Es leuchteten im Garten die Syringen
+XV. Oft scheinst du mir ein Kind
+XVI. Nach einem Glück
+XVII. Wir gingen
+XVIII. Im Frühling oder im Traume
+XIX. Sie hatte keinerlei Geschichte
+XX. Man merkte: der Herbst kam
+XXI. Manchmal da ist mir
+XXII. Es ist lang
+
+ADVENT (1898)
+
+Advent. Es treibt der Wind
+
+GABEN
+
+Das ist mein Streit
+Du meine heilige Einsamkeit
+Der Bach hat leise Melodien
+Ich liebe vergessene Flurmadonnen
+Warst du ein Kind in froher Schar
+Pfauenfeder: in deiner Feinheit
+Oft denk ich auf der Alltagsreise
+Damit ich glücklich wäre
+An manchem Tag ist meine Seele still
+Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
+Die hohen Tannen atmen heiser
+Der Abend kommt von weit gegangen
+Das Wetter war grau und grell
+Sonne verlodert am Himmelsrain
+Du arme, alte Kapelle
+Die Mädchen singen
+Lehnen im Abendgarten beide
+Eine der weißen Vestageweihten
+Im Kreise der Barone
+Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit
+Irgendwo muß es Paläste geben
+Im Schlosse mit den roten Zinken
+Einmal möcht ich dich wiederschauen
+Es kommt in prunkenden Gebreiten
+Horch, verhallt nicht ein scheuer
+Der König Abend weiß sich schwach
+Der Tag entschlummert leise
+
+FAHRTEN
+
+Venedig I. Fremdes Rufen
+II. Immer ist mir, daß die leisen
+III. Mein Ruder sang
+IV. Ave weht von den Türmen her
+Englar im Eppan
+Tenno
+Casablanca
+Arco
+I mulini
+Bodensee
+Konstanz
+
+FUNDE
+
+Wenn wie ein leises Flügelbreiten
+Ich möchte draußen dir begegnen
+Ich mußte denken unverwandt
+Fremd ist, was deine Lippen sagen
+Du bist so fremd, du bist so bleich
+Weißt du, ich will mich schleichen
+Bei dir ist es traut
+Die Nacht holt heimlich
+Du, Hände, welche immer geben
+Bist gewandert durch Wähn und Weh
+Will dir den Frühling zeigen
+Und dieser Frühling macht dich bleicher
+Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstrauß
+Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
+Du: ein Schloß an wellenschweren
+Purpurrote Rosen binden
+Ein Händeineinanderlegen
+Du willst dir einen Pagen küren?
+Abend hat mich müd gemacht
+Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
+Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang
+Wie meine Träume nach dir schrein
+Und du warst schön. In deinem Auge schien
+Du hast so große Augen, Kind
+Du sahst in hohe Lichthofmauern
+Sie war: Ein unerwünschtes Kind
+Wenn ich dir ernst ins Auge schaute
+Ja, früher, wenn ich an dich dachte
+Ich ging durch ein Land
+Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechte
+Kannst du die alten Lieder noch spielen
+Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas
+
+MÜTTER
+
+Ich sehne oft nach einer Mutter mich
+Mir ist oft, daß ich fragen müßt
+Ich gehe unter roten Zweigen
+Leise weht ein erstes Blühn
+Und reden sie dir jetzt von Schande
+Der blonde Knabe singt
+Die Mutter
+Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Erste Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERSTE GEDICHTE ***
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+
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+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
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+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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