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diff --git a/33548-h/33548-h.htm b/33548-h/33548-h.htm new file mode 100644 index 0000000..80f1523 --- /dev/null +++ b/33548-h/33548-h.htm @@ -0,0 +1,2858 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Prosastücke, by Robert Walser—A Project Gutenberg eBook</title> +<style type="text/css"> +<!-- +body +{ + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +#text-block +{ + max-width: 40em; + margin: 120px auto; +} + +p +{ + margin-top: 0.75em; + margin-bottom: 0.75em; + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; +} + +p.center, +#tnote p, +p.no-indent +{ + text-indent: 0; +} + +h1, h2 +{ + text-align: center; + clear: both; + margin-top: 0; + font-weight: normal; +} + +h2 +{ + margin: 4em auto 1.5em auto; + letter-spacing: 0.15em; + padding-left: 0.15em; + font-size: large; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +hr +{ + width: 100%; + height: 1px; + color: black; + background-color: black; + border: none; + margin: 0.5em auto; +} + +sup +{ + line-height: 0.7em; +} + +.smcap +{ + font-variant: small-caps; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.figcenter +{ + margin: 2em auto; + text-align: center; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +#tnote +{ + width: 26em; + max-width: 90%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 120px auto 120px auto; +} + +#romane-novellen-essays td +{ + text-indent: -1.5em; + padding-left: 1.5em; + vertical-align: top; + border-bottom: 1px dashed silver; + padding-top: 0.25em; + text-align: justify; +} + +#romane-novellen-essays td.ditto +{ + vertical-align: bottom; + text-align: center; +} + +#romane-novellen-essays td.price +{ + white-space: nowrap; + text-align: right; + vertical-align: bottom; +} + +#schriften td +{ + vertical-align: top; + padding-top: 0.25em; + text-align: justify; +} + +#schriften td.ditto +{ + text-align: center; +} + +#schriften td.number +{ + white-space: nowrap; + text-align: right; + padding-right: 0.25em; +} +@page +{ + margin: 2cm; +} + +@media print +{ + body + { + margin: 2em; + } + + .page-break + { + page-break-before: always; + } + + #tnote, + pre, + .pagenum + { + display: none; + } + + ins, + a + { + text-decoration: none; + border: none; + color: black; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Prosastücke, by Robert Walser + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Prosastücke + +Author: Robert Walser + +Release Date: August 27, 2010 [EBook #33548] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PROSASTÜCKE *** + + + + +Produced by Jana Srna + + + + + +</pre> + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> +<p>Die auf den Deckelinnenseiten gedruckte Werbung für die »Schriften +für Schweizer Art und Kunst« wurde an das Ende des Textes verschoben.</p> +</div> + +<div id="text-block"> + +<div class="figcenter" style="width: 362px;"> +<img src="images/cover.png" width="362" height="600" alt="Deckel" title="" /> +</div> + +<h1 class="page-break" style="margin: 6em auto 4em auto;">Prosastücke von<br/> +Robert Walser</h1> + +<p class="center">Schriften für Schweizer<br/> +Art und Kunst. 55</p> + +<hr style="width: 18em; margin: 2em auto;"/> + +<p class="center">VERLAG RASCHER u. CIE, ZÜRICH<br/> +1916</p> + + +<div class="figcenter page-break" style="width: 70px; margin: 6em auto;"> +<img src="images/f0002-image.png" width="70" height="73" alt="" title="" /> +</div> + + +<p class="center page-break" style="font-size: larger; line-height: 2em;"><big>PROSASTÜCKE</big><br/> +<small>von</small><br/> +ROBERT WALSER</p> + +<div class="figcenter" style="width: 44px; margin-bottom: 4em;"> +<img src="images/f0004-image.png" width="44" height="70" alt="" title="" /> +</div> + +<p class="center">1917</p> + +<p class="center smcap">VERLAG VON RASCHER & C<sup style="text-decoration: underline;">ie</sup> IN ZÜRICH</p> + + + +<p class="center page-break" style="margin-top: 6em;">Erstes und zweites Tausend.</p> + + +<p class="center" style="margin-top: 4em;">Nachdruck verboten.</p> + +<p class="center">Übersetzungsrecht vorbehalten.</p> + +<p class="center">Copyright by Rascher & Co., Verlagsbuchhandlung in Zürich 1917.</p> + + +<p class="center" style="margin-top: 4em;">Zürich</p> + +<p class="center">Buchdruckerei Züricher Post</p> + + + + +<div class="page-break"> +<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> +<h2>Das Seestück.</h2> +</div> + + +<p>Dieses Stück ist sehr einfach, es handelt von einem +schönen Sommerabend und von vielen Leuten, die +am Seeufer hin- und herpromenierten. Die Menschenmenge, +unter der auch ich mich befand, war ausserordentlich. +Die ganze Stadt schien zu spazieren. +Wenn ich sage, dass der weite, nächtliche See einem +schlummernden Helden glich, dessen Brust auch im +Schlafe noch von Angelegenheiten der Kühnheit und +der hohen Denkart bewegt sei, so drücke ich mich +vielleicht etwas gewagt aus. Viele lichtergeschmückte +Nachen bewegten sich im dunklen Wasser. Die Strassen +und Nebenstrassen, die zum See führten, schienen mir +Kanäle zu sein, und ich bildete mir mit Leichtigkeit +ein, dass die Nacht eine venezianische Nacht sei. +Heller Feuerschein loderte da und dort rötlich aus +dem Schwarz auf, und nächtliche Menschengestalten +spazierten in die hellen und in die dunklen Stellen. +Es fehlte an Liebespaaren keineswegs, die sich hinter +allerlei Dickicht zärtlich umarmten und küssten, und +ebenso wenig fehlte es an kosender und lispelnder, +an freundlich streichelnder und gleich einem plätschernden +Gewässer rieselnder Nachtmusik. Der Halbmond +in der Höhe glich, wie soll ich sagen, einer Wunde, +woraus ich folgere, dass der schöne Körper der Nacht +verwundet war, ähnlich wie eine schöne edle Seele +verletzt und verwundet sein kann, und darum ihre +Hoheit und Schönheit noch deutlicher offenbart. Im +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>Leben, das roh und unedel ist, macht sich mitunter +die verletzte edle Seele lächerlich, nicht aber in der +Dichtkunst, und der Dichter lacht niemals über empfindlicher +Seelen Verletzbarkeit. Da ich über eine gebogene +Brücke ging, hörte ich von unten, aus dem +Wasser, eine wundervolle Stimme zu mir heraufdringen, +es war ein hellgekleidetes Mädchen in einer +hier vorüberfahrenden Gondel, und ich und vielleicht +noch ein Anderer, den die zarte Stimme ebenfalls +interessierte, beugten uns über das Geländer, um auf +den entzückenden Gesang mit angespannter Aufmerksamkeit +zu lauschen, der im Zirkus oder im Konzertsaal, +den die holde Nacht bildete, warm und hell verhallte. +Wir Zwei oder Drei, die wir lauschten, gestanden +uns, dass wir noch nie so schön singen gehört +hätten, und wir sagten uns, dass das Lied der +im beinahe unsichtbaren Nachen dahingleitenden liebenswürdigen +Sängerin weniger durch Kunst und grosses +gesangliches Können als vielmehr nur durch eine +wunderbare Seelen-Anspannung und durch die Begeisterung +eines lieben edlen Herzens gross sei. Wir +sagten uns ferner, das heisst es fiel uns ein, zu denken, +dass vielleicht, ja sogar sehr wahrscheinlich die junge +Sängerin unten im dunklen Boot über die Kühnheit +und Hochherzigkeit ihres Gesanges und wegen ihrer +Fähigkeit, sich zu berauschen und zu begeistern, +glühend erröte, und dass ihre reizende jugendfrohe +und süsse Wange vor Scham über die Freiheit und +über den Enthusiasmus des himmlischen gesanglichen +Ergusses heftig brenne. Königspalastähnlich wurde +das Lied und wuchs zu fabelhafter Grösse empor, +dass man Prinzen und Prinzessinnen auf herrlich geschmückten +Pferden vorübertanzen und -galoppieren +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>zu sehen meinte. Alles verwandelte sich in tönendes +Leben und in eine tönende Schönheit, und die ganze +Welt erschien wie die Liebenswürdigkeit selber, und +am Leben, am menschlichen Dasein gab es nichts +mehr auszusetzen. Ganz besonders anziehend und +schön war, wie das Mädchen so ihre zarte Seele singend +preisgab, alle ihre Geheimnisse öffnete, hoch +über sich selbst und über ihre Zurückhaltung, über +alle anerzogene Sittsamkeit hinwegdrang, alles Denken +und Sehnen offen aussprach, dass es, Heldinnen gleich, +wie eine Gestalt in die Luft hinaufragte. Der Kampf, +den das zarte Wesen mit der Schüchternheit und mit +dem alltäglichen Benehmen kämpfte, ergab die schönste +Klangfarbe, und auf den schamhaft-stolzen Klang +lauschten, wie bereits gesagt, mehr Leute, die alle +bedauerten, dass das Lied nun nach und nach in der +Ferne sich verlor.</p> + + + +<h2>Die italienische Novelle.</h2> + + +<p>Ich habe starke Ursache, mich zu fragen, ob eine +Geschichte gefallen wird, die von zwei Leuten oder +Leutchen, nämlich von einem reizenden netten Mädchen +und von einem in seiner Art mindestens ebenso netten +braven guten jungen Mann berichtet, die im schönsten +und innigsten Freundschaftsverhältnis zu einander +standen. Die zärtliche und leidenschaftliche Liebe, +die sie gegenseitig fühlten, glich an Hitze der Sommersonne +und an Reinheit und Keuschheit dem dezemberlichen +Schnee. Ihr beidseitiges liebenswürdiges Vertrauen +schien unerschütterlich, und die feurige unschuldige +Neigung wuchs von Tag zu Tag wie eine wundervolle +farben- und duftreiche Pflanze. Nichts schien +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>den allerholdesten Zustand und das allerschönste Zutrauen +stören zu können. Alles wäre schön und gut +gewesen, wenn nur der brave gute liebe und junge +Mann die italienische Novelle nicht so gut gekannt +hätte. Die exakte Kenntnis jedoch von der Schönheit, +Pracht und Herrlichkeit der italienischen Novelle machte +ihn, wie der aufmerksame Leser sogleich erfahren +wird, zum Schafskopf, raubte ihm für eine Zeitlang +die Hälfte des gesunden Verstandes und veranlasste, +zwang und nötigte ihn eines Tages, morgens oder +abends, um acht, zwei oder sieben Uhr zu seiner Geliebten +mit dumpfer Stimme zu sagen: »Du, höre, ich +habe dir etwas zu sagen, etwas, das mich schon die +längste Zeit drückt, plagt und foltert, etwas, das uns +Beide vielleicht unglücklich machen wird. Ich darf es +dir nicht verschweigen, ich muss, ich muss es dir +sagen. Nimm allen deinen Mut und alle deine Festigkeit +zusammen. Es kann sein, dass dich die Kunde +von dem Schrecklichen und Furchtbaren tötet. O ich +möchte mir tausend schallende Ohrfeigen geben und +mir das Haar ausraufen.« Das arme Mädchen rief +angstvoll aus: »Ich kenne dich nicht mehr. Was quält, +was peinigt dich. Was ist es Schreckliches, das du +mir bis dahin verheimlicht und das du mir anzuvertrauen +hast. Heraus mit der Sprache auf der Stelle, +damit ich weiss, was ich zu fürchten und was ich +irgendwie noch zu hoffen habe. An Mut, das Härteste +zu dulden und das Äusserste zu ertragen, fehlt es +mir nicht.« – Die so redete, zitterte freilich vor Angst +am ganzen Körper, und das Unbehagen verbreitete +eine tödliche Blässe über ihr liebreizendes, sonst so +frisches und hübsches Gesicht. »Vernimm«, sagte der +junge Mann, »dass ich leider nur ein zu gründlicher +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>Kenner der italienischen Novelle bin und dass eben +diese Wissenschaft unser Unglück ist.« – »Wieso das, +um Gotteswillen?«, fragte die Bedauernswürdige, »wie +ist es möglich, dass Bildung und Wissenschaft uns +trostlos machen und unser Glück zerstören können?« +Worauf es ihm beliebte, zu erwidern: »Weil der Stil +in der italienischen Novelle an Schönheit, Saft und +Kraft einzig dasteht, und weil unsere Liebe keinen +derartigen Stil aufzuweisen hat. Dieser Gedanke macht +mich trostlos, und ich vermag an kein Glück mehr +zu glauben.« Beide guten jungen Leute liessen zirka +zehn Minuten lang oder etwas länger den Kopf und +das Köpfchen hängen und waren völlig rat- und fassungslos. +Nach und nach gewannen sie jedoch die +Zuversicht und den verlorenen Glauben wieder zurück, +und sie kamen wieder zur Besinnung. Sie rafften sich +aus Trauer und Entmutigung auf, schauten einander +freundlich in die Augen, lächelten und gaben sich die +Hand, schmiegten sich eng zusammen, waren glücklicher +und vertraulicher als je zuvor, indem sie sagten: +»Wir wollen nach wie vor trotz allen stilvollen und +prachtvollen italienischen Novellen Freude und Genuss +aneinander haben und uns zärtlich lieben, so wie wir +einmal sind. Wir wollen genügsam und zufrieden +sein und uns um keine Vorbilder kümmern, die uns +nur den Geschmack und das natürliche Vergnügen +rauben. Schlicht und ehrlich aneinanderhängen und +warm und gut sein ist besser als der schönste und +vornehmste Stil, der uns gestohlen sein kann, nicht +wahr.« Mit diesen fröhlichen Worten küssten sie sich +auf das innigste, lachten über ihre lächerliche Mutlosigkeit +und waren wieder zufrieden.</p> + + + +<div> +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +<h2>Koffermann und Zimmermann.</h2> +</div> + + +<p>Ein bekannter und rühriger Verleger, unternehmungslustig +wie er war, sagte eines schönen Tages +zum Schriftsteller Koffermann: »Lieber Koffermann, +packen Sie sofort <ins title="ihren">Ihren</ins> Koffer oder meinetwegen Köfferchen +und reisen Sie, ohne dass Sie sich vorher lange +besinnen, nach Japan. Haben Sie verstanden?« Der +flinke und behende Koffermann, sogleich entschlossen, +den schmeichelhaften Auftrag auszuführen, besann sich +keine zehn Minuten lang, sondern machte sich auf +die Beine, packte alle seine Gedanken und Utensilien +in seinen Handkoffer, stieg in den Eisenbahnwagen +und dampfte, reiste und fuhr ab nach dem berühmten +und sehenswerten Lande Japan. Der Verleger oder +Verlagsmann telephonierte einem mächtigen Zeitungsmann, +er möchte so freundlich sein und es in die +Zeitung setzen, dass Koffermann seinen Koffer gepackt +habe und nach Japan abgeflogen und fortgeflutscht +sei. Das las bald ein anderer Verleger oder Verlagsmann +und er forderte den Schriftsteller Zimmermann +auf, so rasch wie möglich zu ihm zu kommen, denn +er habe ihm etwas Wichtiges zu sagen. Zimmermann +war gerade damit beschäftigt, eine höfliche und weitläufige +Ansprache an seine Katze zu halten, auch +schlürfte er Thee, und rauchte er eine Cigarette, als +der Brief anlangte, der ihm ankündigte, er solle zu +seinem Verleger rennen, weil ihm derselbe etwas +Wichtiges zu sagen habe. Er zog seinen bessern +Anzug an, bürstete, säuberte, kämmte, wusch und +verschönerte sich, wie es sich schickte, und marschierte +in aller Seelenruhe zu seinem Geschäftsmann. »Lieber +Zimmermann,« sagte derselbe zu Zimmermann, »ich +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>weiss, dass Sie ein ruhiger Mensch sind, der seine +Ruhe liebt! Jetzt aber müssen Sie aus aller Behaglichkeit +heraus und mit der grössten Unruhe, Hast und +Schleunigkeit nach der Türkei fliegen. Koffermanns +Verleger hat Koffermann nach Japan entsandt, weshalb +ich nun Sie, mein lieber Zimmermann, nach der Türkei +senden muss. Haben Sie begriffen?« Zimmermann +aber begriff nicht so leicht; er besass keine so leichte +und flinke Auffassungsgabe wie Koffermann. Er bat +sich eine Bedenkzeit von acht Tagen aus und ging +wieder in sein Zimmer zurück, wo er sich ebenso +vergnüglich wie nachdenklich auf seinen alten Reisekorb +setzte, der unter der Last zu ächzen und zu +seufzen begann, wie Reisekörbe bei solcher Gelegenheit +zu tun pflegen. Zimmermann, der seine Ruhe +und seinen stillen Aufenthalt im Zimmer liebte, war +unfähig, von demselben Abschied zu nehmen. »Ich +bin unfähig, vom Zimmer Abschied zu nehmen, auch +ist mein Reisekorb alt, und es würde mir weh tun, +ihn auf eine so weite Reise zu schicken,« schrieb +Zimmermann seinem Geschäftsmann, »ich habe mir +die Sache überlegt, und bitte Sie versichert zu sein, +dass ich nicht nach der Türkei reisen kann. Ich eigne +mich nicht dafür. Ich bin soeben in Gedanken eine +halbe Stunde lang in der Türkei gewesen und habe +es dort sehr langweilig gefunden. Mit dem ehemaligen +Königreich Polen möchte ich es wohl eher probieren. +Lassen Sie mich bitte Ihre Meinung wissen. Ich gebe +Ihnen acht Tage Bedenkzeit. Nach Polen passe ich +nämlich besser als nach der Türkei.« Der Verleger +lachte, als er den Brief las und sagte: »Mit Zimmermann +ist nichts anzufangen.«</p> + + + +<div> +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +<h2>Der Flinke und der Faule.</h2> +</div> + + +<p>Ich gestehe, dass mich die Erfindung der Geschichte, +die ich hier erzähle, die grösste Mühe gekostet hat, +obwohl man vielleicht finden wird, dass sie ein wenig +läppisch sei. Sie handelt von einem faulen Flinken +und von einem flinken Faulen. Zu beachten ist, dass +der Flinke mit all seiner eichhornhaften Flinkheit weit +hinter des Faulen grober Faulheit zurückblieb, worüber +er sich nicht wenig verwunderte, was recht sehr zu +begreifen ist. Das Seltsame und Bemerkenswerte an +der einfältigen und albernen Geschichte, die glücklicherweise +nicht allzu lange und breite Umstände +macht, ist, dass der Flinke im Grunde der Faule ist +und der Faule im Grunde der Flinke, und zwar deshalb, +weil der Flinke eigentlich leider nur zu flink +war und weil der Faule mit der gesamten Summe +seiner Faulheit sich glücklicher- oder unglücklicherweise +glänzend bewährte, indem er gar nicht flink und dennoch, +im Grunde, viel flinker war als der flinkste +Flinke, während leider der Flinke mit dem ganzen +Reichtum seiner Flinkheit und Behendigkeit zwar +durchaus nicht faul und dennoch viel fäuler war als +der fäulste Faule, was jedenfalls recht sehr bedauerlich +ist. Der Flinke übertraf freilich den Faulen an +regelrechter Flinkheit, aber er kam dennoch zu kurz +und stand zuletzt weit hinter dem Faulen, welcher, +falls wir uns nicht gröblich irren, freilich den Flinken +hoch an Faulheit überragte, indem er faul war +wie die personifizierte Faulheit, dennoch aber lange +nicht so faul und viel flinker war, als der Flinke +dachte, den er weit hinter sich liess und prächtig besiegte, +über welchen ausserordentlichen Umstand der +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>bedauernswürdige arme Flinke fast vor Schreck umkam. +Dieses, mein bester Leser, ist die Geschichte +vom Flinken und vom Faulen oder vom Faulen und +vom Flinken, je nachdem du willst und wie es dir +gefällt. Beurteile sie milde, belache sie und zürne nicht +allzustark ihrem Verfasser, dem sie so fest im Kopf +sass, dass er sich genötigt sah, sie niederzuschreiben, +um sie loszubekommen.</p> + + + +<h2>Der Maskenball.</h2> + + +<p>Einmal gab es einen Maskenball, der von vielen +lebenslustigen und vergnügungsfröhlichen jungen Leuten +besucht wurde, die sich alle hier einfanden, um recht +aus der Seele und aus vollem Herzen glücklich zu sein, +Sorgen und Kümmernisse auf ein paar Stunden zu +vergessen, zu lachen, zu tändeln und zu tanzen und +sich frei und leicht zu fühlen wie die ersten Menschen, +die vom erbärmlichen Kampf ums Dasein und von +der traurigen Jagd nach dem Erwerb noch überhaupt +nichts wussten. Herrlich war der Anblick des von +einem vorzüglichen Geschmack und von einem feinen +und zarten Kunstsinn dekorierten, blumen- und bändergeschmückten +Tanzsaales, dessen hohe Wände entzückende +Wandmalereien deckten, die, man kann +sagen, von demselben Geist und von derselben Erfindung +waren wie die graziöse reizende Musik, die +sommerregengleich von einem Podium herab in den +Saal und in den heiteren Tanztumult niederrieselte +und säuselte, damit die versammelten fröhlichen +Menschen sich nach dem schmeichlerischen wellenhaften +Takt ihrer süssen und angenehmen Melodien +hin und her bewegten und drehten. Das tat denn auch +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>alle Welt und es war ein blitzendes, geschmeidiges +Gewoge, das da durcheinanderwogte. Auf die lächelnden +Gesichter herab schimmerte der Strahl der Kerzen, +deren blendendes Leuchten den Saal zu einem Zauberpalast +machte. Alles war glücklich, alles lachte und +scherzte. Neid, Bosheit und Missgunst und noch manche +andere üblen Eigenschaften und bösen Empfindungen +hatten keinen Einlass in das schöne Lokal gefunden, +das lediglich von Heiterkeit, Behagen und Lebensfreude +widerhallte und widerstrahlte. Jedoch waren +alle Geräusche der Freude und des Vergnügens angenehm +gedämpft, wie wenn alle Teilnehmer lebhaft +gefühlt hätten, dass selbst im Rausch und im Entzücken +der Mensch sich, aus Rücksicht und aus Liebe +für seinen Mitmenschen, Zügel auferlegen muss, um +die allgemeine Schönheit und das allgemeine Gefallen +nicht zu verletzen. Gelächter vermischte sich mit Gläsergeklirr, +das wie Silber an den Wänden widertönte. +Schelmische Witze wurden gerissen, die niemanden +beleidigten. Nur Dummköpfe und eitle hochmütige +Menschen ärgern sich über einen guten Witz, der so +gut ein Recht zu existieren hat wie der düstere, bittere +Ernst; denn der liebe Gott gab uns nicht umsonst +die liebenswürdige Fähigkeit, zu lachen und den +Dingen die heitere und lustige Seite abzugewinnen.</p> + +<p>Solche Paare, die von der Anstrengung des Tanzens +müde waren, zogen sich für eine Weile, um recht behaglich +auszuruhen und sich an allerlei Erfrischungen +zu erlaben, aus dem Getümmel in irgend eine reizend +versteckte grüne weiche Plaudernische zurück, während +andere Paare frisch sich in das anmutige Gewoge stürzten. +Hier sah man Einen vor der Dame seines Herzens +leidenschaftlich niederknien. An einer andern Stelle +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>wieder suchte ein Tänzer seine entschwundene, im +Gewirr verlorengegangene Tänzerin. Andern Ortes +wieder erteilte eine Schöne ihrem bisher so dienstfertigen +Galan und Ritter urplötzlich den Abschied, +dass ihn die Bestürzung, in die er sich unvermuteterweise +geworfen sah, zittern machte, und ihm die +grausame Enttäuschung die Gesichtszüge verzerrte.</p> + +<p>Colombine, so nannte sich eine übermütige schelmische +Tänzerin, die mit ihrer ans Unglaubliche grenzenden +Tanzkunst die Bewunderung aller derer, die sie +sahen, hervorrief. Sie tanzte ganz allein, als wenn +es keinen Tänzer gegeben hätte, der fähig gewesen +wäre, sie mit einigem gleichmässigem Geschick zu +accompagnieren. Und doch gab es einen! Aber von +diesem tollen Burschen reden wir später. Einstweilen +neigen wir uns voll Staunen und Mitleid zu einem +armen Narren herab, der, einer Statue, einem Steinbild +ähnlich, in einem Winkel des Saales am Boden +kauerte, wo er sich auf die ausgiebigste Art mit +düsterer Philosophie, mit schrecklicher Betrachtung des +Lebens abzugeben schien, ganz in Trauer, in Wehmut +und in tödliche Melancholie gehüllt. Tausenderlei +giftige Spitzfindigkeiten schienen den armen unglücklichen +Menschen in diesen Zustand der Gebrochenheit +und Zerrissenheit versetzt zu haben. <ins title="Pierrot">Pierot</ins> oder +Mehlmann hiess er, und er glich auf gewisse Art dem +tödlich verwundeten Helden, der das Gefühl hat, dass +er verbluten muss. Sein eigenes krankes Wesen war +es vielleicht, das ihn hier im verlassenen Winkel an +den Boden niederstreckte. Des armen tragischen Narren +Wangen waren mit Mehl bestreut. Seine Lippen waren +rot wie Rosen, aus seinen jungen dunkeln Augen +drang ein unnennbarer Seelenschmerz, und die gefärbten +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Lippen lächelten ein graziöses und verzweifeltes Lächeln. +»Schade um den jungen Mann!« musste der ausrufen, +der ihn sah, aber es beachtete ihn niemand, dessen +Kopf ein zierliches Dummkopfkäppchen schmückte, +dass der Schmerz und der Gram noch lächerlich aussahen +und der Hoffnungslosigkeit, dem Leid noch +der Ausdruck frivoler Dummheit anhaften musste. +Warum kam er hierher, wo alles lachte und tanzte? +Was bezweckte er mit seinem unerfreulichen Auftreten? +Was hoffte er von seiner Erscheinung? Vielleicht war +er ehmals fröhlich gewesen. Jetzt aber war er todesmüd +und matt. Denn von der Lebensmüdigkeit, die +ihn erfüllte, redete die Sterbensblässe, die ihn bedeckte, +deutlich. Wer versetzte ihm den Stoss? Sein eigener +verderblicher Charakter selber? Hm! Kann sein.</p> + +<p>Angenehm oder unangenehm bemerkbar machte +sich auf dem Maskenball durch ein höchst lächerliches +Gehaben und Gebaren, das ihn zum vollkommenen, +ganz und gar in der Schafsköpfigkeit ertrunkenen +Schafskopf stempelte, ein zweiter und zwar ältlicher, +sehr soignierter Narr. Vorhergehender Narr war sozusagen +ein ernster Narr. Dieser aber gehörte zu der +Kategorie der fraglos lächerlichen Narren. Himmlisch +war der hohe, steife, feierliche Hut auf seinem ausgesprochenen +Pantoffelheldkopf. Seine enorme Krawatte +war grasgrün, seine gebogene lange Nase gesprenkelt +mit roten und weissen Tupfen. Fabelhaft lächerlich +war sein Beinkleid, mit welchem er offenbar zu imponieren +hoffte. Die Handschuhe, die er trug, waren +knallgelb und sein ganzes Auftreten zeugte von verblüffender +Geschmacklosigkeit. Der Herr hiess Pantalone +oder Hosenmann und wie es sich herausstellte, +war er fürchterlich verliebt, der alte Racker, und +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>zwar in wen?, ei ja doch, in die reizende Colombine, +für die er ein verliebtes süsses Liebesbriefchen in der +Tasche trug, um es der Schelmin bei günstiger Gelegenheit +in der Einbildung zu übergeben, die ihm +vorschwindelte, dass das schöne junge Mädchen Gefallen +am alten, aber freilich schwerreichen Gecken +finden werde, sobald der alte Torenknabe nur seine +Börse öffnen würde. Hui! aber das Liebesbrieflein +mit den üblen Anspielungen flog ihm um die Nase +und wurde in tausend kleine Fetzen zerrissen, die +wie Schneeflocken herumwirbelten, und Pantalone +musste mit samt seinem gravitätischen imposanten +Spazierstock gütig abspazieren und noch dazu eine +ganze Salatschüssel voll Gelächter und spöttischer +Bemerkungen aufessen. Ausgelacht und fortgeschickt +zu werden ist wahrhaftig kein Leckerbissen. Drohungen +ausstossend und Augen wild rollend verliess Hosenmann +den Tanzsaal, und die Grazien riefen ihm +nach: »Auf Nimmerwiedersehen.«</p> + +<p>Wir haben den tiefernsten und trauervollen Narren +und dann den eitlen, albernen und spiessbürgerlichen +Narren gesehen und wenn uns diese beiden interessiert +haben, so wird uns gewiss nicht minder der +dritte, nämlich der fröhliche kecke und übermütige, +der schöne und glückliche Narr interessieren, das Ideal +des Maskenballes, Hanswurst oder Harlekin mit der +spitzbübischen frechen Pritsche, mit welcher er, leise +alle Menschen neckend, im Saal herum tanzte, indem +er alle, die ihn sahen, durch seine unschuldige antiloppenhafte +Fröhlichkeit und Lustigkeit in helles Entzücken +setzte. Sein leichtes Kleid oder Gewand klebte ihm +nur so am jugendlich-schönen tänzerischen und turnerischen +Körper, der die gewagtesten und zugleich anmutigsten +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>Bewegungen ausführte, dass es eine Freude +war, ihn tanzen und tändeln zu sehen. Dieser Bursche +war der erklärte Liebling aller und er war im besondern +der Geliebte der schönen Colombine, die mit ihm in +treuer Anhänglichkeit und Liebe starb und lebte. Ihre +Augen verfolgten jeden Augenblick seine liebenswürdige +Gestalt, die bald erzkomisch stillstand, als sei +Harlekin oder Hanswurst ein rechter Trottel, die aber +bald wieder wie eine durch keinerlei Schwergewicht +gehemmte Engelsgestalt sich vom Tanzboden loslöste +und alsdann Wunder der Tanzkunst verrichtete, bald +einem eilfertigen artigen Windhund, bald einem Wiesel, +bald einem Eichhörnchen glich und immer voll bildhafter +Schönheit war. Flog Hanswurst am schwermütig +träumenden und kauernden armen Pierot vorbei, so +versetzte er ihm mit seiner Narrenpritsche einen leichten +kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter und sprach +flüchtig zu ihm: »Komm, sei doch vernünftig, du +dauerst mich.« Hanswurst, dieser tolle Bursche, der +mit seinen geschmeidigen Beinen alle Schwere und +allen Erdenernst verspottete, war in seinem witzigen +Übermut so schön, und in all seiner Ausgelassenheit +so treuherzig, dass niemand im Saal auf den Einfall +kam, ihm sein lustiges Wesen übel zu nehmen, vielmehr +befreundete sich jedermann im Augenblick mit +ihm, und es hatten ihn alle von Herzen gern. Aber +der liebe Bursche selber auch hatte ein Gefühl und +ein Herz und ein Denken für alle, das sahen und +fühlten alle. Indem er witzelte und tändelte, blieb er +immer eine freundliche und angenehme Erscheinung, +und indem er lustig war, belustigte und ergötzte er +die andern. Seine bildhübsche Gestalt und seine scherzhafte +Einfalt verbreiteten tiefe Rührung, und wenn er +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>in die Luft emporflog und tanzte, war er gross und +bedeutend. Sein Glück machte alle andern glücklich. +Sein Anblick war zugleich unterhaltend und wohltuend. +Indem Hanswurst an sich selber und an sein eigenes +Vergnügen dachte, wollte es der Geist, der ihn <ins title="trieb">trieb,</ins> +und der eigentümliche Umstand, dass er an alle andern +dachte und dass er die Ursache vom allgemeinen +Vergnügen war.</p> + + + +<h2>Die Verlassene.</h2> + + +<p>Eisig kalter Wind brüllte und sauste durch die +düsteren Strassen. Unbarmherziger Wind, und alles +war finster, hoffnungslos und düster. Alle guten Eingebungen +und alle guten Gedanken waren mir verloren, +und ich selbst war verloren. Alles Gute, Milde +und Schöne war hoffnungslos verloren. Die Seele war +verloren. Alles kalt und tot, und die Welt gestorben. +Alles Leben, alle Liebe und alles gute Denken waren +wie vom finster brüllenden und tosenden Wind verschlungen, +der wie ein gefrässiges Ungeheuer durch +die hoffnungslosen, öden und leeren Strassen stürmte. +Behaglichkeit und Geselligkeit waren wie für immer +von der Erde verschwunden. Befriedigung und Freude +schien es von nun an keine mehr geben zu können. +Die langen Strassen voll scheusslicher Freudlosigkeit, +voll entsetzlicher Leere zogen sich ins Ungeheure, ins +Namenlose, ins Unendliche und ins Unfassbare hinaus, +und endlos schienen Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit +zu sein. Kein Stern und kein freundlicher Mond +waren am Himmel, das Furchtbare und Schreckliche +war zur gähnenden Wirklichkeit geworden, und das +Gerechte, Gute, Sanfte, ach du grosser Gott im Himmel, +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>war nur noch ein bleicher, müder, nebelhafter Traum, +wert, dass man ihn matt belächle. Und die Menschen +waren arme, bleiche, kranke, sturmgejagte, ins Entsetzen +hineingepeitschte Sklaven. Niemand traute mehr dem +Andern. Nachbarliebe und Güte waren verschwunden, +verloren, und die Wohnhäuser waren Schreckens- und +Entsetzenshäuser, Stätten des erschütternden Hasses +und des vernichtenden Mordes. Wild stürmte ich dahin, +gejagt und getrieben von wilden Gewissensbissen, +von schrecklicher Vorwürfen ungeheuerlich lodernder +Feuersbrunst. Alles war verloren, ich hatte keinen +einzigen guten Gedanken mehr. Arm und elend war +ich, wie nie zuvor. Zerrissen im Innersten war ich, +wie nie zuvor. Unglücklich, arm und elend, o, dass +ich es noch einmal sage, war ich, wie nie zuvor. Der +Sturmwind riss mir den Mantel empor, dass er sich +über meinem Kopfe hochauftürmte, und ich glich auf +der finstern mitternächtlichen Strasse in all der Finsternis +und Düsternis dem fürchterlichen König Richard, +dem ewigen Juden und dem Mörder Paricida. Ich war +betrogen worden und war wieder selber Betrüger, ich +war belogen worden und log wieder selber. Die +Menschen hassten mich und ich hasste, verachtete +die Hasser und Verächter. Sie hatten mich verraten +und an den Verrätern übte ich selber wieder traurigen +Verrat. Ein unendliches Sehnen nach Einfachheit, +nach reiner Sitte, nach Treue und Liebe, nach +Treuherzigkeit und nach Vertrauen, jagte mich umher, +bis ich endlich ein trauriges verwahrlostes Armutshaus +fand, in das ich eindrang.</p> + +<p>Obwohl das Haus einem Schlupfwinkel für Räuber +und Verbrecher glich, trat ich dennoch ohne das geringste +Zögern und mit guter Zuversicht hinein, denn +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>ich musste mir sagen, dass ich nichts mehr zu verlieren +hatte. Die verhärtete, eisenfeste, hoffnungsarme +Seele war auf alles Schreckliche und Hässliche nur zu +lang schon gefasst. Nicht von Ferne erwartete ich mehr +irgend etwas Gutes und etwas Schönes. Kälte ringsumher +und Kälte mitten im eigenen Herzen. Ich stieg +das armselige, verwüstete, finstere Treppenhaus empor, +auf einem Treppenabsatz kauerte ein armes junges +Mädchen, dessen Haar ich mit der Hand streifte. +Die Treppe war in ihrer ächzenden, stöhnenden, +krachenden Verlottertheit furchtbar, denn mir war es, +indem ich sie betrat, als sei sie die letzte aller Treppen, +die Treppe, die zur Vernichtung, zur Verzweiflung, +zum verzweiflungsvollen Selbstmord führen müsse. +Trotzdem stieg ich empor, und ich erinnere mich, dass +mir das elende Herz vor Bangigkeit zum Zerspringen +klopfte und dass ich nach jedem kleinen Schritt innehielt, +um mit angespannter Sorgfalt in all die Leere +und in all die grausame kalte Finsternis hinein zu +horchen und zu lauschen, aber es bewegte, regte, +rührte sich in all der Entlegenheit und Einsamkeit +nicht das Mindeste. Alles war totenstill im schrecklichen +Haus der Armut. Im Bauche eines schlummernden +Ungetümes konnte es nicht lautloser und +stiller sein.</p> + +<p>Über die Wohnungstüre, an die ich endlich im Dunkel +tappte, muss ich noch besonders reden, denn sie war +nicht wie irgend eine andere beliebige Türe, sie war +offen! Sonst sind Türen sorgfältig verschlossen, ja sogar +manchmal oder vielmehr häufig, ängstlich zugeriegelt. +Diese Türe hier war nur nachlässig angelehnt, so als +verlohne sich in der ganzen Welt in Zukunft infolge +überhandnehmender Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>keinerlei Treue und behutsame Aufmerksamkeit und +Sorgfalt mehr und so, als sei in Zukunft im menschlichen +Leben alles, alles gänzlich gleichgültig, und so, +als sei alles, alles lebensüberdrüssig, müd, abgestumpft, +ruchlos, kalt und gleichgültig, und so, als sei es gleich +geworden, ob noch ein Leben vorhanden sei oder ob +alles tot, nackt und zerrissen sei, und ferner so, als +sei jede feinere, zartere Gemütsbildung ein Ding der +Undenkbarkeit und etwas völlig Nebensächliches und +Überflüssiges geworden, und zuletzt so, als freute sich +die geknickte, zertretene und entmenschte Menschheit +gar noch über ihre Verwahrlosung, über ihre Zerstückelung +und über die Verwüstung. Wüste hier und +Wüste dort, doch das macht nichts. Es ist ja jetzt +alles, alles, alles gleichgültig ... So ungefähr redete +die wüste, müde, traurige Türe, die ich nicht zu öffnen +brauchte, weil sie bereits offen war. Eine solche Türe +hindert niemanden, in eine Wohnung einzudringen, +und so drang ich denn in den Korridor hinein, Schritt +für Schritt, äusserst behutsam und vorsichtig, und bei +jedem Schritte fleissig lauschend.</p> + +<p>Vorhin die elende, traurige Treppe, dann die Türe, +die nicht minder arm und elend war, und jetzt der +dumpfe kalte Korridor, der ebenso arm, öd und elend +war wie Treppe und Türe, ich selbst angestrengt auf +das hervortretende Schrecknis lauschend, auf dessen +Erscheinen ich gefasst war, weil ich mir sagte, dass +an solchem Ort nichts anderes als Schreckliches zu +erwarten sei, mein Dastehen in der entsetzlichen Erwartung +dessen, was jetzt kommen musste: Ich darf +wohl sagen, dass es einigen Mut brauchte, um den +sinkenden, zusammenstürzenden Mut noch einigermassen +aufrecht zu halten und in dieser Öde auszuharren, +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>in diese Wüste und Öde weiter einzudringen. +Plötzlich jedoch zitterte ein süsser zarter +Lichtschein aus einer Ritze mir entgegen, und ich +glaubte eine schöne hohe gelinde Liebesmelodie zu +vernehmen von weit, weit her und doch auch wieder +aus allernächster Nähe. Ich öffnete eine Türe und +stiess einen Schrei des Entzückens, der entzückenreichen +Überraschung aus. In einem lichten schönen +warmen Zimmer oder Gelass sass eine Frau, und ich +kannte sie von früheren Zeiten her und jetzt tönte +von allen Seiten her frohe Freuden- und Trostmusik. +Wie von allen offenen blauen Himmeln herab rauschte +und rieselte das goldene, heitere Konzert, und Wälder, +Wiesen und Felder schienen mir mit einmal nah, ich +sah alle schönen, guten, befriedigenden lieben Farben, +und die schöne Frau, die wie ein Engel aussah, lächelte +mich freundlich und liebreich an, als sie mich elenden +armen Wanderer, Umhergetriebenen erblickte. Alles +war plötzlich wieder gut, eine sonnige, wonnige Jugendkraft +stürzte über mein Wesen, und ich vergass mit +einmal allen Gram, und alles Elend, aller Unglauben +waren mit einmal dahin. Ja doch, das war der wunderbare, +wenngleich düstere Ort, wo ich die herrliche +Verlassene wiederfand, der Ort der Einsamkeit, wo +ich die schöne Verlassene wiedersah. Das war sie, +die himmlische Ausgestossene, die wunderbare Verfehmte, +die himmlisch schöne Einsame und Verlassene. +Ich eilte, hinreissendem Antrieb gehorchend und mich +zu der schönen Bewegung beglückwünschend, zu ihr +hin, zu der Frau, die hier in der Verstossenheit und +in der Verfehmtheit hauste und kniete vor ihr nieder, +und die Entzückende schaute mich gütig an. – Sie +tat nicht fremd. Ich war ihr gut. Ich war ihr recht. +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>Sie zeigte sich über meine Gegenwart erfreut, und +das freute mich unendlich.</p> + + + +<h2>Die Mörderin.</h2> + + +<p>Es fällt mir ein, dass ich neulich mit einem Landwirt +über den Berg ging. Wie wir so von allerlei +Dingen plauderten, trat uns auf der Strasse, mitten +im hübschen Bergdorf, eine stämmige Frau entgegen. +Diese Bauernfrau war mir durch weiter nichts als +durch ihre feste kerngesunde Erscheinung aufgefallen. +Näher war mir nicht eingefallen, sie zu betrachten. +Als die Frau an uns vorübergegangen war, hielt es +der Wirt für erlaubt (worin er ganz recht hatte) die +ruhige Bemerkung zu machen: »Der Frau, die da soeben +an uns vorüberging, haben Sie gewiss nicht angemerkt, +dass sie fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus +hinter sich hat.« Erstaunt fragte ich: »Warum?« Mein +Wirt beeilte sich mit Aussagen in keiner Weise. Es +verging eine Pause, nach deren Verlauf er sagte: +»Sie hat einst ihren Mann totgeschlagen.« Entsetzt +erkundigte ich mich nach den näheren Umständen. +Wieder schwieg der Landmann, der über den Berg +ging, um seine Matten zu beschauen, eine kleine +Weile, worauf er mit sonderbarer Behaglichkeit, als +sei er ein überlegener Erzähler, und als erzähle er +eine halbverschollene Ballade oder Schauergeschichte, +Folgendes vorbrachte: »Eines Morgens trat sie mit +einer Hacke oder Karst in der Hand in das Schlafzimmer +ihres Mannes, der im Bett lag. Als derselbe +die Augen aufmachte und sie so sah, fragte er, weil +ihn offenbar die Hacke erschreckte: »Was willst du +hier im Zimmer mit der Hacke?« Darauf erwiderte +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>die Mörderin: »Das will ich dir eben jetzt zeigen.« +Mit diesen furchtbaren, gewissermassen trocken-humoristischen +Worten, holte sie zum Schlag aus und +schlug ihm den Kopf ein.« Ich bat den Wirt, mir zu +sagen, weshalb die Frau eine so grässliche Tat verübt +habe. »Es ist nicht bekannt«, antwortete <ins title="er">er,</ins> »man +hat es vergessen. Möglich ist, dass der Mann ein +Trinker war, der nicht schaffen wollte und damit seine +Ehefrau in die Erbitterung trieb.« Da ihn seine Absichten +einen andern Weg als den, den ich verfolgte, +gehen hiessen, so verabschiedete er sich, und ich ging +allein weiter, indem ich über das Verbrechen noch +allerlei stille Betrachtungen anstellte und mich besonders +über das gute unbefangene Aussehen der +Frau wunderte, die wir so still und ohne alles Auffallen +an uns hatten vorbeigehen sehen, als sei sie +nicht sie selbst, sondern eine beliebige Andere, nicht +eine Mörderin, sondern irgend eine wackere rechtschaffene +fleissige Frau. »Erstaunliche Kraft muss +jedenfalls in ihr liegen«, dachte ich, »eine Untat und +fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus und von allem dem +nicht das geringste Kennzeichen zu offenbaren: Welche +Summe von Unbeugsamkeit.« –</p> + + + +<h2>Die Brüder.</h2> + + +<p>Darf ich dich, o du Guter, leise und gewiss ganz +zaghaft an die Zeit erinnern, wo wir Beide, du als +beginnender schaffender Maler und ich als heimlich +beginnender angehender Poet, uns mit unserer jugendlich +anstrebenden Kunstburschen- oder Kunstlehrlingschaft +und was alles hübsch damit zusammenhing, zu +S.... aufhielten? Meines Wissens schrieb und schickte +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>ich dir, bevor ich in Person bei dir anlangte und auftauchte, +ein ziemlich langes Sehnsuchts- und Freundschaftsgedicht, +das du empfingest und mit Genuss +lasest. Himmlisch dünkt mich das, wenn ich daran +denke, obgleich es natürlich zum Lachen ist. Göttlich +schön und gross ist es, junge Wangen und junge +Lebensanschauungen zu haben, ein unaussprechliches +Sehnen nach dem Leben zu empfinden und achtzehn +Jahre alt zu sein, denn ungefähr so alt waren wir +damals beide. Herrlich kamen mir die Residenzstadt +S.... und du selbst vor; du warest in den Augen +des frischen Ankömmlings nichts geringeres als ein +imposanter Haupt- und Weltstädter. O wie sind +jugendliche Unwissenheit und Unerfahrenheit schön! +Was Gutes und Schönes erwirbt man denn eigentlich +mit der Erfahrung? Sehr viel Wertvolles sicher nicht. +Du geleitetest mich freundlich durch die Strassen in +eine gewisse Gerbergasse hinein und dann hinein in +die berühmte und sicher uns allen beiden unvergessliche +Herberge zur Heimat, wo wir gemeinsam ein +Zelt aufschlugen oder mit andern Worten eine Stube +bezogen, um gemeinschaftlich darin zu wohnen und +zu hausen, was sicher nur unser Vorteil und nicht +unser Nachteil war. Entzückend, so schwöre und behaupte +ich, sind erste kühne Künstler-Flugversuche, +die mit öfteren Abstürzen verbunden sind. Aber ist +das Hüte aus dem Fenster hinaus- und auf Passanten +in die Strasse herabwerfen nicht vielleicht noch fast +schöner als alles Malen, Musizieren und Dichten? +Waren wir nicht im Hutwerfen erlesene erste Meister +und wahre dämonische Virtuosen, und sah sich der +gute freundliche Wirt oder Herbergsvater nicht genötigt, +uns vor Fortsetzungen des reizenden Unfuges +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>väterlich zu warnen? Ach es ist vielleicht, von einem +gewissen Gesichtspunkt aus gesehen, hundert-, wenn +nicht gar tausendmal schöner, seinen oder seines Bruders +Hut aus dem Fenster fliegen und wirbeln zu +lassen, damit Vorübergehende unten staunen, als ein +vollendetes Gedicht zu schreiben, damit das liebe Publikum +staune. Gab es nicht in unserer Kunststube +eines schönen Tages einen überraschenden Hofpredigerbesuch, +über den wir Beide einen Monat lang +lachten? Ich stand gerade nackt da, dir als Modell +zu einem Cäsars Leichnam beweinenden Markus Antonius +dienend, als die Türe des Studier- und Aktzimmers +unerwarteterweise aufging und dicht und +urplötzlich vor uns strebenden armen Sündern wer +stand? Der Herr Hofpfarrer. »O Gott, was muss ich +mit meinen Augen erblicken? Was geht hier vor?« +rief er aus und trat unverzüglich den Rückzug an, der +in wilde Flucht ausartete. Wie gab uns das Entsetzen +des guten Herrn, der künstlerischen Übungen offenbar +fremd gegenüberstand, zu lachen. Lebten wir +zwei Jünger und Brüder, Neulinge, Anfänglinge und +Novizen nicht wie auf einer reizenden Freundschafts- +und Verbrüderungsinsel, auf der alles gut und schön +und sorglos ist, wo in ununterbrochenem freundlichem +Gelispel und Gesäusel und in einem fortwährenden +süssen Frieden die lebendigen Geschöpfe sich des +zutrauenreichen, gütigen Daseins erfreuen, Himmel +und Erde und Kreatur zusammengewachsen sind, und +wo der Mensch so harmlos und gutherzig wächst und +hinlebt vom Tag in die Nacht und von der Nacht in +den Tag hinein wie die duftenden Blumen, die Pflanzen +und die treuen guten Bäume. Wateten wir nicht ganze +schöne Sonntage und sonstige Tage lang im üppig-grünen +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>Landschaftsgras und in der göttlich weichen, +träumerischen Mai-Landschaft umher, um dann da und +dort unter blühenden Apfel- und Birnenbäumen vom +Streifen und »Landschaften«, vom schwierigen Malen +und Versemachen köstlich auszuruhen, wobei wir oft +einzuschlummern geruhten wie Grafen und Fürsten, +um später wieder zu erwachen wie Prinzen? Wir +lasen noch nicht Verlaine, aber wir lasen dafür doch +Heinrich Heine und Uhland, und die mundeten und +schmeckten uns nicht schlecht. War nicht auch das +freie gliedererfrischende Baden im Neckar herrlich +und beglückte uns nicht in Dorfgasthäusern der Genuss +von Birnenmost? Wenn wir vom kühnen Ausmarsch +grässlich staubig und hungrig wieder in unsere Herberge +zurückkamen, so bestellten wir ja bekanntlich +jeweilen je einen Rostbraten mit gemischtem Salat +für die Wanderer und Herren Gebrüder, worüber die +ganze Stube höchlich staunte. Soupieren und dinieren +grosse und reiche Herren reicher und besser als wir +Zwei damals? Das finde ich sehr fraglich, denn für +uns war der Rostbraten ein Götterschmaus nach trefflich +überstandenen Wanderanstrengungen. Wie ist es +schön, arm und jung und unbekannt zu sein. Wie +gerne gäbe mancher Schwerberühmte seinen Ruhm +und all sein Ansehen für einen Achtel oder auch +nur Achtzigstel, für einen Drittel oder Dreissigstel +des Jugendzustandes her. Die Jungen sehnen sich +nach Ehre, Ruhm, Erfolg und Ansehen, aber die Berühmten +und die Mächtigen sehnen sich wieder in +das arme wilde Jugendsehnen und in das heisse beglückende +Ringen mit der Existenz zurück. Der Erfolg +macht nicht glücklich, aber es muss ja eine Arbeit +und ein Streben auf dieser armen, widerspruchsvollen +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>Erde sein. Es muss ja einen Ruhm und einen +Reichtum geben, aber Ruhm und Reichtum vermögen +nur niedrige und flache Seelen zu beglücken. Es muss +auf dieser Erde ein ewiges Auf und Ab und eine +ewige Niebefriedigung sein. Ist nicht auch dir, ganz +so wie mir, die Gestalt der gütigen, liebenswürdigen +Opernsängerin B... in Erinnerung geblieben, die die +hohe Freundlichkeit hatte, uns zwei doch sicher ziemlich +arme Teufel, wahre Muster und Vorbilder an +Unbeachtetheit, zu einem graziösen schöngeistigen +Tee huldreich einzuladen? Sprangen und liefen wir +nicht eine Zeitlang fast allabendlich mittels uns vom +gnädigen und freigebigen Freiherrn-Intendanten gütig +verabreichten und freundlich gegönnten Freikarten in +das schimmernde Hoftheater, wo wir unter zahlreichen +andern reichen Stehparterregenüssen den Genuss +hatten, die Eysoldt als zierliche Desdemona und den +kraftvollen Matkowsky als dieselbe im Sturm der +Mohreneifersucht tötenden und abmordenden Othello +zu sehen, und gab es für uns etwas Höheres und +Schöneres als das? Nicht von ferne! Und die dürren +oder gedörrten Zwetschgen, die wie unglückliche arme +Ertrunkene auf dem Mittagstisch im Teller voll Wasser +schwammen, könnte es denkbar sein, dass du sie vergessen +hättest oder dass du sie je würdest vergessen +können? Ebenso des knorrigen Betknechtes und -Bruders +Knoop schrille Andachtstimme und Worte? Was vermöchtest +du mir entgegenzustellen, wenn ich auf die +Tribüne der Beredsamkeit stiege und laut sagte, dass +nach dem Gefühl derjenigen, die vermöge einer erreichten +Altersstufe in das abendsonnen- und morgensonnenbeschienene +Land der Vergangenheit blicken, +vergangene schöne Stunden ein Heiligtum seien? Ergreift +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>nicht dich auch Rührung bei dem Gedanken +an das fröhliche Frühe, an das heitere Einst?</p> + + + +<h2>Schüler und Lehrer.</h2> + + +<p>Ein Lehrer, den seine Schüler um seines lebhaften +Wesens willen hochachteten und lieb hatten, ertappte +eines Tages in der Stunde einen von denselben bei +einer Schlingelei, worüber er ausserordentlich zornig +wurde. Der Schüler, der das Unglück hatte, seines +Lehrers Unmut in so hohem Mass auf sich zu lenken, +war bis dahin der Lieblingsschüler des Mannes gewesen, +den er unvorsichtigerweise tief gekränkt hatte, +aber von nun an war er in des Lehrers Augen ein +Abscheuling, den derselbe Tag für Tag vor der ganzen +Klasse grausam herabsetzte und erbärmlich verprügelte, +eine Behandlung, die der Erzürnte dem armen Jungen +versprach pünktlich und getreulich fortzusetzen. Zweifellos +hatte der Lehrer einen persönlichen Hass auf +ihn geworfen, und der Erwachsene ging hierin dem +Kleinen gegenüber zu weit. Der Knabe, der sich so +urplötzlich aus dem weichen Sitz des Wohlwollens +auf die harte Bank der Ungnade herabgeworfen und +sich so unvermutetermassen vom gepriesenen Schüler +in einen notorischen Bösewicht verwandelt sah, wusste +sich nicht zu helfen. Nachdem er indessen durch +Wochen so tapfer als er vermochte, das traurige Los +eines gesunkenen Bevorzugten und die damit verbundene +grausame und verachtungsvolle Behandlung +ertragen hatte, griff er eines Tages, vom Bedürfnis +gedrängt, eine Veränderung der schier unerträglichen +Lage herbeizuführen, zur Feder und schrieb an seinen +grimmigen Verfolger und Peiniger Folgendes: »Ich +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>kann mich, da ich meinen lieben Eltern kein Geständnis +machen darf, weil ich ihnen nicht zu den +vielen Sorgen, die sie haben, noch eine neue bereiten +will, an niemand anderes als an Sie selber wenden, um +zu versuchen, ob es mir möglich sei, wieder einige +Gunst von Ihnen zu erlangen. Vielleicht wird dieser +Brief Sie veranlassen, aufzuhören, mich mit Schmach +zu bedecken. Da ich, wie ich bereits sagte, meinen +Eltern mein Leid nicht klagen kann, so klage ich es +Ihnen. Da ich diejenigen nicht bitten will, mich in +Schutz zu nehmen, die mich lieben, so trage ich die +Bitte dem vor, der mich hasst und an mir seinen +Zorn auslässt. Also bitte ich den um Schutz, dem +ich schutzlos preisgegeben zu sein scheine und ersuche +den um Schonung, der, weil er sich durch mein +Betragen beleidigt fühlt, schonungslos mit mir verfährt. +Ich habe den Mut, wie Sie sehen, dem mein +Leid zu klagen, der es mir zufügt und dem meinen +Schmerz anzuvertrauen, der ihn verursacht. An der +Schule habe ich keine Freude mehr.« Der Lehrer, +dem der Inhalt des Briefes allerlei zu betrachten +und zu bedenken gab, verhielt sich gegenüber dem +Schüler von da an wieder milder.</p> + + + +<h2>Sohn und Mutter.</h2> + + +<p>Ein liebes, gutes Mütterchen, wahrhaftig: ich +meine, man sollte ihr ein Denkmal errichten! führte +durch fleissige Sparsamkeit und durch nächtelanges, +emsiges Nähen die schöne Möglichkeit herbei, dass +ihr Sohn, den sie fast wie einen Abgott liebte, die +hohe Schule besuchen und sich dadurch die beste +Bildung erwerben konnte. Merke dir, lieber aufmerksamer +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>Leser, was nun geschah. Der grosse Sohn, +Gegenstand der mütterlichen Aufopferung, blitzendes +Juwel und köstlicher Edelstein von Sohn, machte freilich +mit der Zeit so grosse Fortschritte, dass er in +jungen Jahren schon hoch hinaufkletterte und es zu +einer Stellung brachte, die ihm nicht nur erlaubte, die +ihn vielmehr geradezu nötigte, sich aufzublasen, hochmütiges +Wesen kalt und nachlässig zur Schau zu +tragen und den grossen Herrn zu spielen, als welcher +er sich rasch über seine arme bescheidene Herkunft +hinwegsetzen lernte. Vorzüglich dickes, fettes und +hochangesehenes Tier, wie man so sagt, fühlte er sich +über alle kleinen engen Nöte des täglichen Lebens +erhaben, und mit der stets höher und höher steigenden +Wertschätzung der eigenen werten und wichtigen +Person vergass er den mütterlichen Menschen. Das +arme gute Mütterchen! Ei, die soll doch nur hübsch +brav in ihrem Sorgen- und Dachstübchen stillsitzen, +denn derlei Personen kann man ja unmöglich in die +feine Gesellschaft einführen. In der hohen Atmosphäre +und in den glänzenden Verhältnissen, in denen Emporkömmlinge +leben, redet bekanntlich niemand ein +Wörtchen über Kindesdankbarkeit und -Liebe. Von +schwüler, genussreicher Liebe wird dort wohl gesprochen, +aber über schlichte Liebe zuckt man bestenfalles mitleidig +die stolze Achsel. Wenn wir nun auch den Fall +setzen und annehmen, dass der grosse Sohn sein +Mütterchen einmal habe besuchen wollen, so müssen +wir doch sogleich bedenken, dass ein solcher Besuch +unmöglich war, weil der Vortreffliche ja für den Eintritt +in die Armutstube durch den engen ärmlichen +Rahmen der bescheidenen Stubentüre viel zu breit +und breitspurig, viel zu dick und zu geschwollen, viel +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>zu stolz und zu reich war. Für den Stolz und für den +Hochmut gibt es Palast- und hohe breite Salontüren. +Mehr zu sagen, ist wohl überflüssig, und man wird schon +verstehen, wie ich es meine. Der Weg zum Mütterchen +und damit zur menschlichen Bescheidenheit war +und blieb dem Parvenü versperrt, wegen des Rahmens +und wegen der kleinlichen Verhältnisse, in die er sich +wieder zu schicken gehabt hätte. Vielleicht erlaubt +man mir die freilich scheinbar etwas gefühlvolle Bemerkung, +dass ich grosse Lust hätte, zu sagen, ich wolle +vor dem lieben alten Mütterchen niederknien und +dass es mich fast hinreissen möchte, das Geld, das +die Mutter für den stolzen Tölpel in mühseliger Nachtarbeit +zusammenrackerte, ehrfürchtig zu küssen. Der +Tölpel mag nur immerhin mit Seinesgleichen spazieren +gehen, wo es ihm beliebt. Vor ihm und Seinesgleichen +beuge ich mich nicht, und ich werde für ihn und +Seinesgleichen weder eine Artigkeit, noch irgend eine +Achtung übrig haben.</p> + + + +<h2>Die böse Frau.</h2> + + +<p>Eine Frau, die eines Tages, so wie die Dinge +lagen, den Traum, den sie sich von ihrem Leben +machen zu dürfen gemeint hatte, begraben musste, +weinte ganze lange Tage und Wochen lang über den +Verlust desselben. Als sie aber endlich ihren Schmerz +ausgeweint hatte, war sie, fast zu ihrem eigenen Erstaunen, +eine böse Frau geworden, die von nun an +kein so lebhaftes Bedürfnis mehr wie dieses hatte, +andere Frauen recht bestürzt, verlegen und niedergeschlagen +zu sehen, indem sie sie unglücklich zu +machen versuchte. Sie fing mehr und mehr an, jedes +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>fröhliche weibliche Gesicht zu hassen, weil sie sich +durch jede glückliche Miene gekränkt und beleidigt +fühlte. Es drängte sie, gegen jederlei Vergnügen, das +sie erblickte, Ränke und Bosheitspläne zu schmieden, +da jeder heitere Anblick ihr weh zu tun schien. Darf +ein unglücklicher Mensch es im Menschenhass so weit +treiben? Nun und nimmer! muss entschieden geantwortet +werden. Die durch vielerlei Leid, durch gescheitertes +Streben nach Lebensglück verdorbene böse +Frau machte es sich zur traurigen Aufgabe, junge +Mädchen mit jungen Männern geschickt zusammenzuführen, +sie gegenseitig aufeinander aufmerksam zu +machen, sie enger und enger zusammen zu befreunden +und, wenn dann die holde Freundschaft ihr reif +zu sein schien, dieselbe durch listige Verrätereien, +rohe Künste, grausame Verleumdung und Verwirrung, +wieder zu zerreissen. Der Anblick einer weinenden +verratenen Angehörigen ihres Geschlechts tat ihr dann +wohl und war für sie ein Genuss. So und ähnlich +trieb sie es ziemlich lange, währenddessen die um +ihre Freude und ihre Zufriedenheit betrogenen Mädchen +sie für eine edle und feine Frau hielten. Nach +und nach aber merkte jedermann, wie böse sie sei, und +sobald die Leute sich hierüber Gewissheit verschafft +hatten, so wurde die gefährliche Gesellschaft fortan +sorgfältig vermieden, derart, dass die böse Frau bald +keinerlei Gelegenheit mehr erhielt, Unglück anzustiften, +Böses zu tun und Unfrieden und Unbehagen zu verbreiten.</p> + + + +<h2>Berta.</h2> + + +<p>Berta arbeitet als fleissige Angestellte im Kontor +einer Fabrik. Ihr Vorgesetzter, ein allerdings leider +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>Gottes schon etwas ältlicher Herr, sehr galant natürlich, +spielt, so ist mir neulich zufälliger Weise zu +Ohren gekommen, da er den Tag über mit ihr in +Berührung kommt, den Liebhaber bei ihr. Einmal +tut er, als sei er verliebt in sie bis über die Ohren +und ein anderes mal wieder gebärdet er sich wie der +gestrenge Herr und Meister und behandelt das ganz +gewiss nette Mädchen mit ausgesuchter Kälte. Ist +das nicht entweder ein Schlaukopf oder aber einer, +der nicht weiss, was er will. Heute ist er ein Verehrer +und morgen ist er ein Verächter des weiblichen +Geschlechtes, je nachdem es ihm zu passen scheint. +Gewiss steht dieser Herr keineswegs in seiner Art +einzig da, es gibt ihrer mehr, die es genau so oder +ähnlich machen. Zu der und der Stunde möchte er +sie vor lauter Verliebtheit auf den Händen tragen, +ihr vielleicht gar die Hand kniefällig küssen; zu einer +andern Zeit hingegen scheint er sich besonnen zu +haben und alsdann kommt sie ihm nicht anders als +ein armes Tröpfchen vor, das nicht wert ist, auch +nur flüchtig mit einiger Freundlichkeit und Achtsamkeit +betrachtet zu werden. O, so ein Schurke, +so ein Hauptkerl! Bald ist er Herr, und bald ist er +Diener bei ihr, bald schnauzt und knurrt er sie mit +groben Vorgesetztentönen an; bald bettelt er mit +flehender Miene und Stimme wieder um Gnade, ganz +je nachdem er geruht, aufgelegt zu sein. Sollte es +nicht als Verdienst und als wichtige Aufgabe gelten, +dass jemand, der diese Art von Arbeit über sich zu +nehmen entschlossen wäre, dem wetterwendischen +Halunken einen gehörigen Puff gäbe. Gewiss sind +hunderte von Menschen ganz meiner Meinung, wenn +ich sage, dass der Spitzbube zehntausend Rippenstösse +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>verdiente. Geht auf Verehrersfüssen und gleichzeitig +noch auf andern Füssen. Ist er etwa ein Vierfüsser? +Ich weiss es nicht genau. So viel aber weiss ich, +dass ich nächstens Berta raten werde, alles aufzubieten, +damit sie sich den launenhaften Mann unterjoche. +Teufel noch einmal, so einer sollte mir, wenn ich +Frau wäre, parieren!</p> + + + +<h2>Die Wurst.</h2> + + +<p>An was denke ich? An eine Wurst denke ich. Es +ist schrecklich. Jünglinge, Männer, die ihr dem Staate +dient, auf die der Staat seine Hoffnung setzt, betrachtet +mich sorgsam und nehmt an mir ein abschreckendes +Exempel, denn ich bin tief gesunken. Ich vermag +mich vom Gedanken nicht loszureissen, dass ich +soeben noch eine Wurst besass, die nun für immer +dahin ist. Ich zog sie aus dem Kleiderschrank hervor, +und bei dieser Gelegenheit ass ich sie. Mit offenbar +nur allzu aufrichtigem Behagen habe ich verzehrt, +was noch vorhanden sein könnte, wenn ich es nicht +vertilgt hätte. Vor wenigen Minuten war die beste +saftigste Wurst noch leibhaftig da, doch jetzt ist durch +leider nur allzu voreiliges Verzehren die wohlschmeckendste +Wurst verschwunden, worüber ich untröstlich +bin. Was soeben noch da war, ist fort und niemand +bringt es mir jemals wieder. Ich ass, was ich nimmermehr +so schnell hätte essen, was ich mir lieber nimmermehr +so eilig hätte schmecken lassen sollen. Ich habe +aufgegessen, was mir noch jetzt schmecken könnte, +wenn ich der Begierde widerstanden hätte. Ich beklage +tief, dass ich der Begierde nicht widerstanden +habe und dass ich verbraucht habe, was vor wenigen +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>Minuten noch frisch und rot zu meiner Verfügung +stand, was aber nun und nimmermehr zu meiner +Verfügung stehen wird, weil ich es voreilig verbrauchte. +Ich habe Gebrauch gemacht, wovon ich noch jetzt +Gebrauch machen könnte, wenn nicht vorgefallen +wäre, was vorgefallen ist und was nicht wieder gut +zu machen ist. Was dahin ist, könnte noch ruhig +und friedlich da sein, und was auf Nimmerwiedersehen +verloren gegangen ist, könnte Appetit erwecken, doch +das Appetit Erweckende ist dahin, und das beklage +ich ehrlich, obschon ich einsehe, dass alles Klagen +wenig oder gar nichts nützt. Was angetastet wurde, +könnte unangetastet, was gegessen wurde, könnte unaufgegessen, +was weggeschnappt wurde, könnte unaufgeschnappt +sein, wenn ich vorsichtiger und enthaltsamer +gewesen wäre, aber leider war ich weder +enthaltsam noch vorsichtig, und das bedaure ich tief, +obschon ich einsehe, dass Klage und Reue wenig +oder gar nichts nützen. Was verschwunden ist, könnte +vorhanden sein und was tot ist, könnte fröhlich leben. +Was grausam zerbissen und zerstückt wurde, könnte +ganz sein, aber es ist leider zerstückt, da hilft keine +Klage. Was nicht mehr dient, könnte die besten +Dienste leisten, und was weg und fort ist, würde +mich noch jetzt mit seiner schönen Gegenwart erfreuen, +wenn ich das Beklagenswerte nicht getan +hätte, was ich mit leider nur zu viel Grund bedaure. +Was, wie gesagt, fort ist, brauchte, wie gesagt, nicht +bereits abhanden gekommen zu sein, wenn ich widerstandsfähiger +und stärker gewesen wäre und bösen +Neigungen entsagt hätte. Schlimme Begierden, ihr +habt mich meiner Wurst beraubt. Ich habe gekostet, +was als Kost noch fernerhin zu kosten wäre, wenn +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>ich es ungekostet und ungenossen liegen gelassen +hätte, worüber ich, wie ich bereits mehrfach sagte, +trostlos bin, was ich nur immer wiederholen kann. +Ich brachte mir eine Schlappe durch Probieren einer +nur zu vorzüglichen Kost bei, die nun ausgekostet +und ausprobiert ist, weil ich nicht enthaltsam gewesen +bin, was ich bereue. Reue nützt nichts; sie macht +den Wurst-Verlust eher grösser als kleiner, ich will +daher versuchen, auf Reue zu verzichten, was aber +jedenfalls sehr schwer ist, weil die Ursache, reuig zu +sein, stark und gross ist. Ich habe mir eine Niederlage +zugezogen, weil ich nicht aufgespart habe, was +ich unbedingt hätte aufbewahren und in Acht nehmen +sollen, was ich aber leider nicht in Acht nahm, obschon +ich es kaum glaube, da ich immer des Glaubens +war, dass ich stark und widerstandsfähig sei, worin +ich mich aber scheinbar irrte, was mich schmerzt, +obschon, wie gesagt, Reue offenbar gar nichts nützt. +O, diese Wurst, ich schwöre, sie war herrlich. Wunderbar +geräuchert war sie, und mit entzückenden Speckmocken +war sie gespickt, und eine durchaus stattliche, +annehmbare Länge hatte sie, und einen Duft hatte sie, +so milde, so bestrickend, und eine Farbe hatte sie, +so rot, so zart, und gekracht hatte sie, als ich sie +zerbiss, ich höre noch jetzt beständig, wie sie krachte, +und saftig war sie, etwas Saftigeres habe ich in +meinem ganzen Leben nie gegessen, und dieses Saftige +und Schmackhafte könnte noch jetzt schmackhaft und +saftig sein, das Rote und Zarte noch jetzt rot und +zart, das Wohlriechende noch jetzt wohlriechend, das +Vorzügliche und Appetitliche noch jetzt vorzüglich +und appetitlich, das Längliche und Runde noch jetzt +rund und länglich, das Geräucherte noch jetzt geräuchert +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>und das Speckgespickte noch jetzt mit Speck +gespickt, wenn ich Geduld gehabt hätte. Ich könnte +es noch jetzt krachen hören, wenn ich es nicht schon +krachen gemacht hätte, und zu beissen gäbe es noch +jetzt, was ich leider allzu schnell zerbiss.</p> + + + +<h2>Der Junggeselle.</h2> + + +<p>Letzthin, beim Mittagessen, sagte mir mein täglicher +Tischgenosse, der Herr Doktor G..., dass er +soeben auf gewisse Art und Weise seinen liebsten +Freund verloren habe. Auf meine Frage, wie das gekommen +sei, antwortete und erzählte er, dass er soeben +die Einladung zu seines Freundes Hochzeitsfeier +erhalten habe, und er fügte mit gewissermassen traurig +verschleierter Stimme bei, dass er mir eigentlich nichts +weiter mehr zu sagen brauche, da damit schon alles +gesagt sei. Er lächelte sein eigentümliches, sehr feines +und gescheites Lächeln und machte eine kleine Pause, +während deren er bestimmte aufdringliche Gedanken +verdrängen zu wollen schien. Ich kannte den Doktor +G... als eine zarte und, wie ich sagen möchte, empfindsame +und poetische Natur. Er ist ausserordentlich +gebildet und dazu ausserordentlich ungeschickt, weswegen +ich ihn sehr hoch achte und sehr gern habe. +An gewandten Leuten bemerkt man stets irgend +etwas Gemeines. Doktor G... liest die Memoiren +des Herzogs von Saint Simon und er begeistert sich +für die majestätische Gestalt Ludwigs des Vierzehnten. +Er schwärmt für Alexander den Grossen, und er findet +den Emporkömmling Napoleon unerträglich. Die +Frauen schätzen ihn, wie ich längst gemerkt habe, +ziemlich gering, weil er nicht den Eindruck eines +<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>energischen Mannes macht. Ich dagegen, der ich ein +Mann bin, finde ihn beachtenswert, weil er eine +weiche Seele ist, und ich schätze ihn höher als zweitausend +Energische, denn die Energie ist durch die +Verbreitung von Büchern wie z. B. das Buch: »Wie +werde ich energisch« ganz gemein geworden. Nachdem +er, wie gesagt, eine Weile geschwiegen hatte, +gestand er mir, dass er sich fast fürchte, bei der +Hochzeit seines Freundes zugegen zu sein, dass er +nichtsdestoweniger selbstverständlich der Einladung +folgen werde, die ihm peinlich sei, weil er so wenig +Ursache habe, sich über das Ereignis zu freuen. Er +komme sich wie aus einer traulichen warmen Stube +auf die kalte Strasse hinausgestellt vor, und er habe +sich weniger auf eine Lustbarkeit als auf den Umstand +gefasst zu machen, dass er auf unerfreuliche +Weise mit seinem Innern werde kämpfen müssen. +Er fühle sich so arm wie noch nie, es sei ihm zu +Mut, als habe ihm irgend jemand einen rücksichtslosen +Stoss versetzt, wodurch er sich in das traurige +Bewusstsein geworfen sehe, das ihm sage, dass er +sehr einsam geworden sei. Im übrigen sei ihm das +alles sehr klar, und er verstehe alles sehr gut, weil +sich alles ganz von selbst verstehe. »Alter, trockener +Junggeselle«, murmelte er vor sich hin, und ich sah +deutlich, wie seine Augen mit einmal voll Tränen +waren. Ich muss gestehen, dass ich mich tüchtig über +seine Trauer lustig machte, und ich gebe gern zu, +dass das nicht sehr zart war.</p> + + + +<h2>Zahnschmerzen.</h2> + + +<p>Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Zeitlang +heftige Zahnschmerzen hatte. Um die Qualen zu betäuben, +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>lief ich ins Feld hinaus und brüllte dort wie +König Lear. Zu Hause beliebte es mir, gegen die +Wand zu rennen und im Grimm einige wertvolle +Stühle aus der Biedermeierzeit zu zerschlagen, aber +das Zahnweh hörte deswegen keineswegs auf, vielmehr +wurde das Übel von Stunde zu Stunde ärger. +Des Nachts weckten die Schauderszenen, die ich veranstaltete, +sämtliche Hausbewohner, es war ein Skandal. +Der häufige Genuss von feinstem Cognac half wenig. +Ich versetzte mir Hiebe ins Gesicht, ähnlich wie +Sancho Panza, als er den Verlust seines Esels wahrnahm. +Einmal brachte ich mir mit einem Messer eine +allerdings glücklicherweise durchaus nicht lebensgefährliche +Wunde bei, aber diese grobe Massnahme +besserte an meinem Zustand nicht das Geringste, +sondern schien die Folter nur noch zu verstärken. +Endlich ging ich zum Zahnarzt, und zwar der lieben +Billigkeit halber in eine zahntechnische Klinik, wo +ich mich mit Vergnügen zu Studienzwecken hergab. +Mein Mund wurde von der Hand eines Lehrfräuleins +sorgfältig untersucht und hierauf begannen die Operationen. +Ich darf wohl mit einiger Berechtigung sagen, +dass ich Vieles sanft über mich ergehen liess und +dass ich Allerlei mit starker Fassung hinnahm. Manches +ertrug ich geduldig, doch von Zeit zu Zeit fand +ich es für angebracht, einen ziemlich lauten Schrei +auszustossen, was ich absichtlich tat, denn dadurch +erreichte ich, dass der Meister herbeisprang, um mit +seinem meisterlichen Können helfend einzugreifen, +was für mich keine unerhebliche Wohltat war. In +solchen Fällen zürnte mir freilich das Fräulein, und +sie fand, dass es sehr unartig von mir sei, so starkes +Geräusch zu verursachen. Ich erlaubte mir, ihr zu +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>sagen, dass ich noch öfters schreien wolle, sobald +man mir überflüssige Pein zufüge. Das sei gar nicht +hübsch von mir, so zu reden, gab sie zurück. Ich +kam nach und nach in einen ganz fröhlichen Verkehr +mit ihr und einmal hatte sie den Einfall, mich zu +fragen, was ich sei. Ich sei etwas wie Schriftsteller, +erwiderte ich bescheiden. Sie rief laut in die zahnärztliche +Stube hinaus: »Ich habe einen Schriftsteller,« +worauf sämtliche Herren und Damen, darunter auch +der Meister, herbeigeeilt kamen, um den eigenartigen +Patienten behaglich zu betrachten. Ich wurde einer +genauen Besichtigung unterworfen. »Wenn Sie Schriftsteller +sind,« sagte der Meister, »dann sind Sie sicher +einer von den ärmern, einer von denen, die ihr Leben +lang erfolglos bleiben, denn das sieht man Ihnen deutlich +an.« Ich musste über die feine Bemerkung lachen +und erwiderte: »Ich bin allerdings arm und an Erfolglosigkeit +hat es mir bis heute nie gefehlt, aber +das Leben kann auch ohne Erfolg hübsch sein. Wenn +ich nur wieder gesunde und schöne Zähne habe, was +ich lebhaft hoffe, so springe ich herum, wie ein Hirsch +und bin fröhlicher als mancher sogenannte Glückspilz.«</p> + + + +<h2>Der andere Junggeselle.</h2> + + +<p>Ein anderer Junggeselle, einer der hartnäckigsten, +die es je gab, ein Frauenfeind erster Güte und doch +wieder absolut kein Frauenfeind, sondern ein ganz +netter, artiger Mensch, der keinem weiblichen Wesen +nur ein Haar krümmte, tat seine Sache, erfüllte auf +das Eifrigste seine Obliegenheiten und war ehrlich, +solid und lebensfröhlich. Das aber war es ja gerade, +das Schurkische, nämlich, dass er fröhlich war, denn +es gab Leute, die das unverzeihlich fanden. Es gab +<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>ehrenwerte und nette Leute, die der Meinung waren, +dass der gute Junggeselle verpflichtet sei, sich unglücklich +zu fühlen. Das war er jedoch keineswegs, +sondern er lebte, wie gesagt, ganz vergnügt dahin +und von Verzweifeln wegen seines Junggesellentums +war bei ihm keine Spur. Der Junggeselle ahnte, dass +er einige nette und achtenswerte Leute mit seiner +Vergnügtheit und Zufriedenheit beleidige, und dass +seine heitere unbefangene Existenz für diejenigen fast +ein Ärgernis sei, die lebhaft wünschten, dass der +Junggeselle an seinem Junggesellenwesen zerschelle. +Allerlei nette und achtenswerte Leute trafen allerlei +gefährliche kriegerische Vorkehrungen, um dem Unhold +sanft oder unsanft auf den Leib zu rücken, ihm +das edle Gleichgewicht zu rauben, die Seele zu erschüttern, +den guten Glauben an sich selbst zu untergraben +und seine Charakterfestigkeit zu nichte zu +machen. Zahlreiche, wohlvorbereitete Angriffe wurden +ins Werk gesetzt, um des Junggesellen zähes Selbstbewusstsein +zu zerschmettern, doch es wurde nichts +erreicht, denn der Schreckliche blieb unerschütterlich. +Unerhörte Leckerbissen wurden der grausamen +Bestie mit wir möchten sagen vollendeter +Kunst vorgeworfen, aber das Ungeheuer verzichtete +mit diebischem Vergnügen auf alle dargebotenen Genüsse, +recht wohl wissend, dass es die liebliche Kost +mit dem Verlust von Freiheit und Unabhängigkeit +bezahlen müsse. Fallstricke wurden gelegt, Schlingen +und Angeln säuberlich und appetitlich dargehalten, +Fallgruben vorbereitet, schön mit Höflichkeiten und +Artigkeiten zugedeckt, Netze wurden ausgestreckt, +doch der Junggeselle fiel nicht in die Falle und stürzte +nicht in die Grube, ging nicht in die Schlinge und +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>rannte nicht ins Netz. Eine Dame, die sich besonders +Mühe gegeben hatte, unsern guten und muntern Junggesellen +zu entjunggesellen, schrieb ihm eines Tages +voll Unmut und Ungnade: »Wissen Sie, dass Sie sehr +unhöflich sind? Wissen Sie, dass es scharmante Leute +gibt, die berechtigt sind, von Ihnen zu sagen, dass +mit Ihnen nichts anzufangen sei? Wissen Sie, dass +man allgemein über Ihr Betragen, das sehr absonderlich +ist, die Achsel zuckt und den Kopf schüttelt? +Man glaubte sich einreden zu dürfen, dass Sie unglücklich +seien, nun sind Sie aber scheinbar ganz +glücklich und vergnügt. Statt herzlich froh zu sein, +dass reizende und nette Leute Sie aus dem Kerker +des Junggesellenstandes zu erlösen versuchten, spötteln +und lächeln Sie wohl gar noch! Das ist nicht fein, +leben Sie wohl. Ich überlasse Sie der Menge von +Vorwürfen, die Sie sich zu machen haben. Ihr Betragen +muss von niemand anderem so aufrichtig bedauert +werden, wie von Ihnen selber.« – »Gnädige +Frau«, schrieb der standhafte Junggeselle anmutig und +manierlich zurück: »Ich vermag nicht einzusehen, wie +ich mir irgend <ins title="ein">einen</ins> Vorwurf zu machen hätte. Gnädige +Frau werden mir gütig erlauben, zu bemerken, +dass ich mir unmöglich einreden darf, es habe irgend +jemand an der rein menschlichen Verfassung, die ich +vergegenwärtige, ein Interesse. Ich beklage die sehr +unangenehme und bedauerliche Tatsache, dass sich +nette und scharmante Leute meinethalb umsonst angestrengt +haben; verantwortlich kann ich mich jedoch +hiefür ganz unmöglich fühlen. Ich bin so frei, Sie +daran zu erinnern, dass ich als Mann von einiger +Bildung entschlossen sein muss, zu denken, ich sei +fähig, für mein Wohlergehen jederzeit selber zu sorgen.«</p> + + + +<div> +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +<h2>Schwendimann.</h2> +</div> + + +<p>Einmal war ein sonderbarer Mann. Hallo, hallo, +was denn für ein sonderbarer Mann? Wie alt war +er, und woher kam er? Das weiss ich nicht. So kannst +du mir vielleicht sagen, wie er hiess? Er hiess Schwendimann. +Aha, Schwendimann! Gut, sehr gut, très bien, +très bien. Fahre also fort, wenn es dir gefällt und +sage uns: was wollte denn der Schwendimann? Was +er wollte? Hm, das wusste er wohl selber nicht recht. +Er wollte nicht viel, aber er wollte etwas Rechtes. +Was suchte, nach was forschte Schwendimann? Er +suchte nicht viel, aber er suchte etwas Rechtes. Zerfahren, +verloren in weiter Welt war er. So, so? Verloren? +Aha, zerfahren! Grosser Gott, wo hinaus soll +es denn mit dem armen Mann? Ins Nichts, ins All +oder in was sonst? Bange Frage! Alle Leute schauten +ihn fragend an, und er die Leute. O wie ängstlich, +wie kläglich! Er ging so dahin, matt und schwerfällig, +mit wankenden unsicheren Schritten, und die Schulkinder +liefen ihm mutwillig nach und neckten und +fragten ihn: »Was suchst du, Schwendimann?« Er +suchte nicht viel, aber er suchte das Rechte. Mit der +Zeit hoffte er das Rechte schon zu finden. »Das +wird sich finden«, murmelte er in seinen zerzausten +schwarzen Bart. Schwendimanns Bart war ganz struppig. +So, so? Struppig? Sessa! Voilà! Ausgezeichnet. +In der Tat! Hochinteressant! Mit eins und so stand +er vor dem Rathaus. »Mir ist weder zu helfen noch +zu raten«, sagte er, und da er seines Wissens im +Rathaus nicht das geringste zu suchen hatte, so ging +er sachte weiter und kam vor das Armenhaus. »Ich +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>bin wohl arm, aber ich gehöre nicht ins Armenhaus«, +dachte er und ging fleissig weiter, und nach einer +Weile kam er unvermutet vor das Spritzenhaus. »Es +brennt nirgends!« machte er und ging mürrisch weiter. +Einige Schritte weiter kam das Pfandhaus. »Ich habe +in Gottes weiter Welt nichts zu pfänden«, und eine +kleine Strecke weiter das Badhaus. »Ich brauche nicht +zu baden!« Als er nach einiger Zeit vor das Schulhaus +kam, sagte er: »Die Zeiten, wo ich zur Schule +gegangen bin, sind vorüber«, und ging leise weiter, +indem er den sonderbaren Kopf schüttelte. »Mit der +Zeit komme ich schon vor das rechte Haus«, sagte er. +Nicht lange und so stand Meister Schwendimann vor +einem grossen, finstern Gebäude. Es war das Zuchthaus. +»Ich verdiene nicht Strafe, ich verdiene etwas +Anderes«, sprach er dunkel vor sich hin und marschierte +weiter und gelangte bald vor ein anderes +Haus, nämlich vor das Krankenhaus, wo er sagte: +»Ich bin nicht krank, ich bin anders. Ich habe keine +Krankenpflege nötig, ich habe etwas ganz Anderes +nötig.« Schwankend ging er weiter, heller, heiterer Tag +war's, die Sonne blitzte und die hübschen Strassen +waren voll Leute, und das Wetter war so säuberlich, +so freundlich, aber Schwendimann achtete nicht auf +das schöne Wetter. Da kam er vor das Elternhaus, +vor das liebe Haus der Kindheit, vor sein Geburtshaus. +»Ich möchte wohl wieder ein Kind sein und +Eltern haben, aber die Eltern sind gestorben und die +Kindheit kommt nicht wieder zurück.« Zögernd mit +bedächtigen Schritten ging er weiter und sah das Ballhaus +und nachher das Kaufhaus. Vor dem Tanzhaus +sagte er: »Ich mag nicht tanzen«, und vor dem Kaufhaus: +»Ich kaufe und verkaufe nichts.« Da wurde es +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>allmählich Abend. Wohin gehörte denn eigentlich +Schwendimann? Ins Arbeitshaus? Er hatte keine Lust +mehr, zu arbeiten. Oder ins Freudenhaus? »Lust und +Freude sind mir vergangen.« Nicht lange ging es +und so stand er vor dem Gerichtshaus, und da sagte +er: »Ich brauche keinen Richter, ich brauche etwas +Anderes.« Vor dem Schlachthaus meinte er: »Ich bin +kein Schlächter.« Im Pfarrhaus hatte er seines Bedünkens +nichts zu schaffen, und im Schauspielhaus +haben Leute wie Schwendimann kaum etwas zu suchen, +auch ins Konzerthaus treten solche Leute nicht. Still +und mechanisch ging er weiter, vermochte kaum die +Augen offen zu behalten, so müde war er. Es war +ihm, als schlafe er, als marschiere er im Schlafe. +Wann kommst du wohl vor das rechte Haus, Schwendimann? +– Geduld, das wird sich finden. Er kam +vor ein Trauerhaus. »Ich bin wohl traurig, aber ich +gehöre nicht ins Trauerhaus« und ging weiter; kam +vor das Gotteshaus und ging wortlos weiter und kam +vor ein Gasthaus, wo er sprach: »Ich bin kein guter +Gast, und niemand sieht mich gern,« und ging seinen +Weg weiter. Endlich, nach beschwerlicher Wanderung, +nachdem es schon dunkel geworden war, kam +er vor das rechte Haus, und sobald er es sah, sagte +er: »Endlich habe ich gefunden, was ich suche. Hier +hinein gehöre ich.« Ein Gerippe stand an der Türe, +er fragte: »Darf ich wohl hier eintreten, um auszuruhen?« +Das Gerippe grinste auf das freundlichste +und sagte: »Guten Abend, Schwendimann. Ich kenne +dich wohl. Komm nur herein. Du bist willkommen.« +Er trat in das Haus hinein, das am Ende jeder findet, +und wo nicht nur für ihn, sondern für Alle Platz vorhanden +ist, und wie er hineingekommen war, sank +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>er um und war tot, denn er war ins Totenhaus gekommen, +und hier hatte er Ruhe.</p> + + + +<h2>Ich habe nichts.</h2> + + +<p>Sorglos und heiter, wie nur ein rechter Habenichts +sein kann, wanderte eines Tages durch das schöne +grüne Land ein guter Bursche mit einer dummen +Nase. An Busch und Baum, an Haus und Hof vorbei, +durch Wald und Feld ging er vergnügt, leicht, +froh und nett dahin, und weil er ein so gutmütiges +Gesicht hatte, so grüssten ihn alle Leute überaus +freundlich, und das war natürlich dem Burschen nichts +als recht. Er war aber auch einer, der es mit allen +Geschöpfen, sei's Mensch, sei's Tier, herzlich gut +meinte, und hold gesinnt war er der ganzen Welt, +und das sahen ihm die Leute an, die ja immer sogleich +alles von Weitem merken. Ehrbar und leise +sagte er jedermann sein: Guten Abend, denn der +schöne Edelknabe Abend schlich mit Goldhänden +und Goldaugen bereits zwischen den Häusern und +Bäumen herum, und aus nah und fern tönte der Klang +der Glocken. Wie nun der Bursche an einer Wiese +vorbeiging, streckte ihm ein Kälbchen seinen Kopf +dar und gab ihm zu verstehen, dass es etwas von +ihm haben wolle. Oder vielleicht wollte es Freundschaft +mit ihm schliessen, ihm etwas sagen, ihm +etwas von seinem Kälbchenleben erzählen. »Ich habe +nichts, du gutes Tier. Gern gäbe ich dir etwas, wenn +ich etwas hätte,« sagte der Bursche und ging weiter, +aber im Weitergehen musste er immerfort an das +Kälbchen denken, das etwas von ihm haben wollte. +Etwas später ging er an einem prächtigen Bauernhaus +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>vorbei, das am Waldrand lag. Da rannte mit +lautem Gebell ein grosser Hund gegen ihn los, dass +er ganz ängstlich wurde. Aber die Ängstlichkeit war +überflüssig; der Hund sprang wohl hoch an ihm auf, +aber nicht zornig, sondern freundlich, und das Gebell +war die deutliche Kundgebung der Freude, und die +gute Bäuerin hätte nicht nötig gehabt, dem Tier von +weit her zuzurufen, es solle nicht Leute so unmanierlich +anfallen. »Was willst du von mir, du gutes Tier? +Ich sehe wohl, dass du etwas von mir haben möchtest, +aber ich habe leider Gottes nichts. Gerne gäbe +ich dir etwas, wenn ich etwas hätte,« sagte der Bursche, +den der grosse Hund in den Buchenwald hineinbegleitete, +als wolle er Freundschaft mit ihm schliessen +und ihm von seinem Tierdasein allerlei erzählen. Als +indessen der Hund sah, dass sein Freund weiter und +weiter ging, hielt er mit Begleiten inne und kehrte +wieder zum Bauernhaus und zu seiner Pflicht zurück, +und der Bursche wanderte weiter, aber im Weiterwandern +musste er immerfort an den Hund denken, +der sich so zutraulich an ihn anschloss und der gewiss +etwas von ihm haben wollte. Nach einer guten +Weile, unten im Tale, traf der Bursche auf der schönen +breiten Landstrasse eine Ziege an, die, als sie ihn +sah, sogleich auf ihn zukam und sich ihm freundlich +zugesellte, wie wenn sie ein freundschaftsbedürftiger +Mensch wäre und ihm Vielerlei aus ihrem armen +Ziegenleben hätte anvertrauen wollen. »Du möchtest +wohl etwas von mir haben, aber ich habe nichts. +Gerne gäbe ich dir etwas, wenn ich etwas hätte, du +gutes Tier,« sagte er voll Mitleid und ging weiter, +aber im Weitergehen musste er immerfort an die Tiere +denken, die etwas von ihm haben wollten, an die +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>Ziege, an den Hund und an das Kälbchen, die da +Freundschaft mit ihm hatten schliessen und ihm von +ihrem stummen, geduldigen, dumpfen Dasein hatten +erzählen wollen, die keine Sprache haben und nicht +reden können, die zum Nutzen der Menschen gefangen +und geknechtet in der Welt stehen, denen er +gut war, wie auch sie ihm wieder gut waren, die er von +Herzen gern mit sich genommen hätte, die ihn vielleicht +gerne weithin begleitet hätten, die er gerne aus +dem engen armen Tierreich in eine freiere, bessere +Existenz hätte hinüberziehen helfen mögen. »Aber ich +bin ja nichts, kann ja nichts, habe in Gottes Namen +nichts, und in dieser weiten grossen Welt bin ich nur +ein armer, schwacher, machtloser Mensch,« sprach er, +und wie er die Welt so schön sah, und wie er so an +die Tiere dachte, und daran, dass er und alle seine +Freunde, Menschen und Tiere, so hilflos seien, konnte +er unmöglich weitergehen. Er legte sich, unweit von +der Strasse, in die Wiese, um sich satt zu weinen, so +ein dummer Bursche!</p> + +<div class="figcenter" style="width: 70px;"> +<img src="images/p0050-image.png" width="70" height="26" alt="" title="" /> +</div> + + + +<h2 class="page-break">BÜCHER-ANZEIGEN</h2> + + + +<p class="center page-break" style="font-size: larger; margin-top: 3em;">- VERLAG VON RASCHER & Co. IN ZÜRICH -</p> + +<hr/> + + +<p class="no-indent" style="float: right;">Herausgegeben von<br/> +KONRAD FALKE</p> + +<p class="no-indent" style="font-size: 2em;">Raschers Jahrbuch I</p> + +<p class="center" style="font-size: smaller; clear: both;">Volksausgabe. Preis broschiert Fr. 3.50, gebunden Fr. 4.80</p> + +<p class="no-indent">Aus dem Inhalt: CHARLOT STRASSER, Das Tanzfest im Kamesseh, +Erinnerungen aus Japan (mit Abbildungen) - CARL FRIEDRICH +WIEGAND, Trauermarsch (Gedicht) - ROBERT FAESI, Alfred Kerrs +Theaterkritik - ADOLF FREY, Bergaufenthalt (Gedicht) - DOMINIK +MÜLLER, Feliza (Novelle) - OSCAR WETTSTEIN, Bundespolitik - +JOSEF VICTOR WIDMANN, Berner Geschichtli (3 Gedichte) - HANS +SCHULER, Die Förderung des schweizer. Aussenhandels - CARL +ALBERT LOOSLI, Der Hubbauer (Novelle) - JULIUS FREY, Die finanzielle +Kriegsbereitschaft der Schweiz - ALFR. HUGGENBERGER, +Das Höflein (Gedicht) - OTTO KOLLBRUNNER, Paraffinprothesen - +GOTTFRIED BOHNENBLUST, Weltensturm (Gedicht) - MARIA +WASER, Künstlerische Handschrift (mit Abbild.) - HANS MÜHLESTEIN, +Wieder klar (Gedicht) - EDUARD FUETER, Eine natürliche +Weltsprache - EMANUEL VON BODMANN, Herbstlicher Garten (Gedicht) +- CARL ALBRECHT BERNOULLI, Nietzsches Lou-Erlebnis - +MAX GEILINGER, Überraschung (Gedicht) - CARL FRIEDRICH +WIEGAND, Detlev von Liliencron - HERMANN HESSE, Trauer (Gedicht) +- HECTOR G. PRECONI, Die Legende von Gabriele d'Annunzio - +CHARLOT STRASSER, Hochzeitscarmen (Gedicht) - etc. etc.</p> + +<hr/> + +<p class="no-indent" style="float: right;">Herausgegeben von<br/> +KONRAD FALKE</p> + +<p class="no-indent" style="font-size: 2em;">Raschers Jahrbuch II</p> + +<p class="center" style="font-size: smaller; clear: both;">Preis broschiert Fr. 5.35, gebunden Fr. 6.70</p> + +<p class="no-indent">Aus dem Inhalt: MEINRAD LIENERT, Der kalte Brand - AD. FREY, +Drei Gedichte - C. SPITTELER, Allegro und Compagnie - B. KOLLBRUNNER-LEEMANN, +Deux Poésies - F. MOESCHLIN, Die Stadtmauer +- C. A. LOOSLI, Gedichte eines Emmentalers - Dr. O. MESSMER, +Die Gesetzmässigkeit des Stoffes und unser Gestaltungsverdienst - C. F. +WIEGAND, Sechs Gedichte - H. G. PRECONI, Posten Vier - P. +KAEGI, Das hohe Lied - Liebessang und -Spiel aus der »Königswoche« - +Dr. E. ZIEGLER, Casanovas Bekehrung - R. FAESI, Drei Gedichte - +K. FALKE, Großstadt - FR. CHIESA, Preghiera - Prof. Dr. W. WYSSLING, +Die Elektrifikation der schweizerischen Bahnen - DOM. MÜLLER, +Hühnersalon - J. BOSSHART, Im Rotbuchenlaub - CH. STRASSER, +Vulkan Yzalco - H. GANZ, Reiseblatt - Prof. C. MOSER, Das Zürcher +Kunsthaus. Mit einem Nachwort des Herausgebers - A. HUGGENBERGER, +Peter Wenks Heimsuchung - K. FALKE, Trilogie der +Liebe - FR. HOFER, Alpenmärchen - A. CASTELL, Der hohe Tag - +G. RODENBACH, Das Kästchen - J. V. WIDMANN, Der Katechet - +C. A. BERNOULLI, Boromäus-Enzyklika - P. ALTHEER, Erwartung - +A. BAUR, Die wirtschaftliche Bedeutung der Form - J. REINHART, +Am Mühlibach - H. ROELLI, Abend</p> + +<hr/> + +<p class="no-indent" style="float: right;">Herausgegeben von<br/> +KONRAD FALKE</p> + +<p class="no-indent" style="font-size: 2em;">Raschers Jahrbuch<br/> +für Schweizer Art und Kunst III</p> + +<p class="center" style="font-size: smaller; clear: both;">Illustriert. Preis broschiert Fr. 5.35, gebunden Fr. 6.70</p> + +<p class="no-indent">Aus dem Inhalt: TRAUGOTT GEERING, Die schweizerische Adriabahn +- JAKOB CHRISTOPH HEER, Gedichte - GRETHE AUER, +Das Antlitz der Hatschepsut - FRIDOLIN HOFER, Im Mondlicht +lesend (Gedicht) - JOSEF VICTOR WIDMANN, Der Gorilla - JOHANNA +SIEBEL, Ein neues Sein (Gedichte) - KONRAD FALKE, +Drei Essays - MAX NUSSBERGER, Elegie - HECTOR G. PRECONI, +Der Mann mit den sieben Seelen - ALFRED HUGGENBERGER, Die +drei Wölfe (Gedicht) - WALTHER KÖHLER, Die Trennung von +Staat und Kirche - ROBERT FAESI, Abendlieder - MARIA WASER, +Unter dem Quittenbaum - PAUL ALTHEER, Kränze (Gedicht) - +HERM. KURZ, Kapitalanlagen im Ausland - KONRAD FALKE, +Im Reiche des Phlegethon - JAKOB SCHAFFNER, Der Fuchs (Novelle) +- ROBERT JAKOB LANG, Jugend (Gedichte) - C. G. JUNG, +Neue Bahnen der Psychologie - ALBERT FISCHLI, Abend im <ins title="Walde -">Walde</ins> +(Gedicht) - SCHÜLER ALS DICHTER (Zwei Aufsätze) - CHARLOT +STRASSER, Das Narrenhaus (Gedicht) - EMIL HÜGLI, Andreas +Wyher (Novelle) - HEDWIG DIETZI-BION, Zwei Gedichte - +ARNOLD NIGGLI und EDUARD KORRODI, Zwei Siebzigjährige +(Friedrich Hegar und Josef Victor Widmann)</p> + +<hr/> + +<p class="center" style="font-size: larger;">I. Romane, Novellen und Essays.</p> + +<table id="romane-novellen-essays" summary="Romane, Novellen und Essays"> +<tr> + <td lang="fr" xml:lang="fr">BARBAT, J., Nietzsche, Tendances et Problèmes</td> + <td class="ditto">Fr.</td> + <td class="price">7.—</td> +</tr> +<tr> + <td>BILLETER, Goethe's Wilhelm Meister's theatral. Sendung</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">2.—</td> +</tr> +<tr> + <td>DICKENS, CHARLES, Weihnachtsabend. Ein Prachtband + mit farbigen und schwarzen Illustrationen von Arthur + Rackham, zirka</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">13.35</td> +</tr> +<tr> + <td>ENDERLIN, FRITZ, Adolf Frey, Ein Kunsterlebnis</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">1.80</td> +</tr> +<tr> + <td>ESCHER, Dr. KONRAD, Kunst, Krieg und Krieger zur + Geschichte der Kriegsdarstellungen. Ein Prachtband + mit 20 Bildertafeln, gebunden zirka</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">6.70</td> +</tr> +<tr> + <td>FALKE, KONRAD, Drei Essays</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">1.—</td> +</tr> +<tr> + <td>FALKE, KONRAD, Kainz als Hamlet, Ein Abend im + Theater, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">6.—</td> +</tr> +<tr> + <td>FALKE, KONRAD, Wenn wir Toten erwachen, Ein Beitrag + zur Kenntnis Ibsens</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">1.—</td> +</tr> +<tr> + <td>FALKE, KONRAD, San Salvatore, Novelle, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">3.60</td> +</tr> +<tr> + <td>FAESI, ROBERT, Carl Spitteler, Eine Darstellung seiner + dichterischen Persönlichkeit</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">1.70</td> +</tr> +<tr> + <td>FEDERER, HEINRICH, Der Herrgott und der Schweizer, + Legende</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">—.70</td> +</tr> +<tr> + <td>FEHR, Apostolo Zeno und seine Reform des Operntextes</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">4.65</td> +</tr> +<tr> + <td>FESTSCHRIFT der Philologentage in Zürich, broschiert</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">6.—</td> +</tr> +<tr> + <td class="continued">gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">7.—</td> +</tr> +<tr> + <td>GANZ, HANS, Peter das Kind, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">4.—</td> +</tr> +<tr> + <td>GOLDSCHMIDT, Dr. HUGO, Die Musikaesthetik des 18. + Jahrhunderts</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">12.—</td> +</tr> +<tr> + <td>GRIEDER, AD., Die Seide</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">2.—</td> +</tr> +<tr> + <td>HUNZIKER, Dr. FRITZ, Glattfelden und Gottfried Kellers + grüner Heinrich</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">4.—</td> +</tr> +<tr> + <td>JAHRBUCH für Kunst und Kunstpflege in der Schweiz, + hrsg. von Prof. Dr. Paul Ganz, illustriert, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">8.70</td> +</tr> +<tr> + <td>KESSER, HERM., Unteroffizier Hartmann, Novelle, mit einem + Originalholzschnitt von Ernst Würtenberger</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">2.—</td> +</tr> +<tr> + <td>MAEDER, Dr. ALPHONSE, Ferdinand Hodler. Eine Skizze + der seelischen Entwicklung des Künstlers und seine + Bedeutung für die schweizerisch-nationale Kultur, mit + 8 ganzseitigen Illustrationen</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">2.70</td> +</tr> +<tr> + <td>MARKUS, Dr., Geschichte der schweizerischen Zeitungspresse + zur Zeit der Helvetik 1798–1803</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">10.—</td> +</tr> +<tr> + <td>MESSLENY, Prof. Dr. R., Genfer Maler, Heft I, illustriert</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">1.50</td> +</tr> +<tr> + <td>SCHWEIZER. NOVELLEN- UND SKIZZENBUCH mit + Beiträgen von Jakob Bosshart, Konrad Falke, Heinrich + Federer, Charles Gos, Charlot Strasser, R. von + Tavel, Robert Walser und Marie Waser, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">5.35</td> +</tr> +<tr> + <td>ODERMATT, ESTHER, Die Seppe, Eine Geschichte aus + Unterwalden, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">3.80</td> +</tr> +<tr> + <td>RASCHER'S JAHRBUCH für Schweizer Art und Kunst, + Bd. I, Volksausgabe, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">4.80</td> +</tr> +<tr> + <td>RASCHER'S JAHRBUCH für Schweizer Art und Kunst, + Bd. II und III, von Konrad Falke, gebunden je</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">6.70</td> +</tr> +<tr> + <td><ins title="RASCHERS">RASCHER'S</ins> JAHRBUCH für Schweizer Art und Kunst, + Bd. IV: Schweizer. Novellen- und Skizzenbuch, geb.</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">5.—</td> +</tr> +<tr> + <td>RUDOLF, Dr. DORA, Konrad Meyer</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">3.—</td> +</tr> +<tr> + <td>SIEBEL, JOHANNA, Odendahls, Roman in 1 Band gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">4.50</td> +</tr> +<tr> + <td>STEIGER, Dr. A., Spittelers Sprachkunst</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">—.80</td> +</tr> +<tr> + <td>VALLOTTON, BENJAMIN, Familie Profit, Roman, deutsch + von S. Fischer, gebunden</td> + <td class="ditto">„</td> + <td class="price">5.35</td> +</tr> +</table> + +<p class="center">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</p> + + + +<p class="center" style="font-size: x-large; margin-top: 4em;">Schriften für Schweizer Art und Kunst</p> + + +<p class="no-indent" style="font-size: smaller;">Unter diesem Titel veröffentlicht der unterzeichnete Verlag eine Sammlung von Schriften in +Broschüren- oder Buchform, in welcher vor allem nationale Fragen, die in der jetzigen Zeit +das grösste Interesse beanspruchen, behandelt werden. Doch sollen auch rechtswissenschaftliche, +nationalökonomische, philosophische, geschichtliche und literarisch-künstlerische Abhandlungen, +Novellen und Gedichte in dieselbe aufgenommen werden, sofern ihnen allgemein +schweizerische Bedeutung zukommt. Für die einzelnen Hefte ist kein einheitlicher Preis +festgesetzt, damit nicht der Verfasser an einen bestimmten Umfang der Schrift gebunden ist. +Die Redaktion der Sammlung übernimmt der Verleger, ohne jedoch zum Inhalt der einzelnen +Broschüren Stellung zu nehmen.</p> + +<table id="schriften" summary="Schriften für Schweizer Art und Kunst"> +<tr> + <td class="ditto">Heft</td> + <td class="number">1</td> + <td><b>KONRAD FALKE</b>, <b>Der schweizerische Kulturwille</b>. Ein + Wort an die Gebildeten des Landes. Fr. 1.—</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">2</td> + <td><b>CARL SPITTELER</b>, <b>Unser Schweizer Standpunkt</b>. Vortrag, + gehalten in der Neuen Helvet. Gesellschaft, Gruppe Zürich. 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">3</td> + <td><b>Dr. EUGEN GROSSMANN</b>, Professor der Finanzwissenschaft + an der Universität Zürich, <b>Die Deckung der schweizerischen + Mobilisationskosten</b>. 80 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">4</td> + <td><b>OSKAR HÖHN, Ingenieur</b>, <b>Ratschläge zur Berufswahl</b>. Eine + nationale Frage, 60 Cts., billige Volksausgabe 30 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">5</td> + <td><b>J. C. BLUNTSCHLI</b>, <b>Die schweizerische Nationalität</b>. Eine + politische Studie, 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">6</td> + <td><b>Professor Dr. LAUR</b>, <b>Industrie und Landwirtschaft</b>.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">7</td> + <td><b>Dr. C. A. SCHMID</b>, <b>Internationale Armenfürsorge</b>. Eine + nationale Frage, 50 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">8</td> + <td><b>Professor Dr. LAUR</b>, <b>Die Wehrkraft des Schweizervolkes + und der Bauernstand</b>. 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">9</td> + <td><b>Dr. HANS TÖNDURY</b>, Professor an der Universität Genf, + <b>Wirtschaftliche Unabhängigkeit</b>, 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">10</td> + <td><b>Dr. ERNST GAGLIARDI</b>, <b>Die Entstehung der schweizerischen + Neutralität</b>, 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">11/13</td> + <td><b>Dr. ROBERT FAESI</b>, <b>Carl Spitteler</b>, eine Darstellung seiner + dichterischen Persönlichkeit, Fr. 1.70.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">14/15</td> + <td><b>Professor Dr. M. GROSSMANN</b>, <b>Nationale Forderungen + an die schweizerische Mittelschule</b>. Fr. 1.—</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">16/17</td> + <td><b>KONRAD FALKE</b>, <b>Das demokratische Ideal und unsere + nationale Erziehung</b>. Fr. 1.—</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">18/19</td> + <td><b>Dr. C. A. SCHMID</b>, <b>Unsere Fremdenfrage</b>, Fr. 1.20.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">20</td> + <td><b>ED. BOOS-JEGHER</b>, <b>Unsere Absatzverhältnisse</b>, 80 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">21/23</td> + <td><b>HELVETICUS</b>, <b>Die Schweizer. Bahnen, Posten und Telegraphen</b>, + Fr. 2.—.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">24/25</td> + <td><b>Dr. ROBERT DURRER</b>, <b>Kriegsbetrachtungen</b>, Fr. 1.—.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">26/27</td> + <td><b>RAPPARD</b>, Professor an der Universität Genf, <b>Zur nationalen + Verständigung</b>, Fr. 1.—.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">28</td> + <td><b>KELLER, ADOLF</b>, Pfarrer, <b>Von der innern Erneuerung</b>, 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">29</td> + <td><b>HUBER, Prof. Dr. Max</b>, <b>Der schweiz. Staatsgedanke</b>, 40 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">30</td> + <td><b>FEDERER, Heinrich</b>, <b>Unser Herrgott u. der Schweizer</b>, 70 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">31/34</td> + <td><b>MAEDER, Dr. ALPHONSE</b>, <b>Ferdinand Hodler</b>. Eine Skizze + der seelischen Entwicklung des Künstlers und seine Bedeutung + für die schweizerisch-nationale Kultur, mit 8 ganzseitigen Illustrationen, + ca. Fr. 2.—</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">35</td> + <td><b>KARL SCHEURER u. Prof. Dr. LUCIEN GAUTIER</b>, <b>Pflicht + und Wille</b> - <b>Devoir et Volonté</b> – <b>Zofinger Stimmen</b> - <b>Paroles + Zofingiens</b>, 80 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">36/37</td> + <td><b>Dr. HEINRICH FLACH</b>, Professor am kantonalen Lehrerseminar + in Küsnacht-Zürich, <b>Die Bestrebungen der Helvetischen + Gesellschaft des XVIII. Jahrh.</b> Fr. 1.20.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">38</td> + <td><b>STOCKER O.</b>, Sekretär für Lehrstellenvermittlung in Basel, + <b>Erfahrungen in der Berufsberatung</b>, 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">39/40</td> + <td><b>Dr. C. BENZIGER-Bern</b>, <b>Schweiz. Verkehrsprobleme</b>, Fr. 1.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">41/42</td> + <td><b>Dr. ERNST RÜST</b>, Professor an der kant. Handelsschule in + Zürich, <b>Eine schweizerische Versuchsstätte und Beratungsstelle + für Industrie und Gewerbe</b>, ca. Fr. 1.20.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">43</td> + <td><b>Lieut. OSCAR BOSSHARDT</b>, Stabssekretär des Generals, + <b>Durchhalten!</b> Schweizerpflichten – Soldatenpflichten. 60 Cts.</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">44/45</td> + <td><b>GOTTFR. KELLER</b>, <b>Der Landvogt von Greifensee</b>, + kart. ca. Fr. 1.—, in Geschenkband ca. Fr. 2.—</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">46</td> + <td><b>R. VON TAVEL</b>, <b>D'Glogge vo Nüechterswyl</b>, kart. ca. + Fr. —.80, in Geschenkband ca. Fr. 1.60</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">47/48</td> + <td><b>KONRAD FALKE</b>, <b>Der Marienmaler</b>, kart. ca. Fr. —.80, + in Geschenkband ca. Fr. 1.60</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">49</td> + <td><b>CHARLOT STRASSER</b>, <b>In Völker zerrissen</b>, kart. ca. + Fr. —.80, in Geschenkband ca. Fr. 1.60</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">50</td> + <td><b>JAKOB BOSSHART</b>, <b>Das Erbteil</b>, kart. ca. Fr. —.80, in + Geschenkband ca. Fr. 1.60</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">51/52</td> + <td><b>HELVETICUS</b>, <b>Aktuelle Fragen des Schweizerischen + Gewerbestandes</b>, ca. Fr. 1.20</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">53/54</td> + <td><b>Prof. Dr. PAUL SEIPPEL</b>, <b>Helvetische Wahrheiten</b>, + ca. Fr. 1.20</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">55</td> + <td><b>ROBERT WALSER</b>, <b>Prosastücke</b>, mit Umschlagzeichnung + von <b>Karl Walser</b>, kart. ca. Fr. —.80, in Geschenkband ca. + Fr. 1.60</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">56/57</td> + <td><b>CHARLES GOS</b>, <b>Ausgewählte Skizzen von der Grenzwacht</b>, + kart. ca. Fr. —.80, in Geschenkband ca. Fr. 1.60</td> +</tr> +<tr> + <td class="ditto">„</td> + <td class="number">58</td> + <td><b>MARIA WASER</b>, <b>Das Jätvreni</b>, kart. ca. Fr. —.80, in Geschenkband + ca. Fr. 1.60</td> +</tr> +</table> + +<p class="center" style="text-decoration: underline;">Preis für 10 verschiedene Hefte bei <b>gleichzeitigem</b> Bezug Fr. 5.—</p> + +<p class="center" style="text-decoration: underline;"><b>Abonnementspreis für je 10 Hefte Fr. 5.—</b></p> + +<hr/> + +<p class="center" style="font-size: x-large; text-decoration: underline; margin-bottom: 0;">Spittelers Sprachkunst</p> + +<p class="center" style="margin-top: 0;">von<br/> +<b>Dr. phil. A. STEIGER, Professor an der Kantonsschule +in Zürich.</b> Preis 80 Cts.</p> + +<hr/> + +<p class="center" style="font-size: x-large; margin-bottom: 0;">Paul Seippel</p> + +<p class="center" style="margin-top: 0;"><b>Die heutigen Ereignisse vom Standpunkte der +romanischen Schweiz.</b> 60 Cts.</p> + +<hr/> + +<p class="center"><b>Das Völkerrecht und der Krieg 1914/15</b><br/> +von <b>Dr. jur. OTTO ZOLLER</b>. 10 Druckbogen, Fr. 2.—</p> + +<hr/> + +<p class="center"><b>PAUL SEIPPEL</b>, <b lang="fr" xml:lang="fr">Les Evénements actuels vus de la +Suisse Romande</b>, 60 Cts.</p> + +<hr/> + +<p class="center"><b>PAUL WERNLE</b><br/> +<b>Gedanken eines Deutsch-Schweizers</b>, 60 Cts.</p> + +<hr/> + +<p class="center" style="font-size: x-large; margin-bottom: 0;"><b>Zwei Jahre Zivil-Gesetzbuch</b></p> + +<p class="center" style="margin-top: 0;"><b>Entscheide und Erfahrungen aus der Praxis einer ersten +Instanz von Dr. jur. HANS FRITZSCHE, Gerichtschreiber +am Bezirksgericht Horgen.</b><br/> +Preis Fr. 2.—</p> + +<hr/> + +<p class="center"><b>Die geschichtlichen Grundlagen des Weltkrieges +von Dr. HERMANN BÄCHTOLD, Privatdozent +der Geschichte an der Universität Basel</b><br/> +Preis Fr. 1.—</p> + +<div class="figcenter page-break" style="width: 120px; margin-top: 8em;"> +<img src="images/q0006-image.png" width="120" height="125" alt="" title="" /> +</div> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Prosastücke, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PROSASTÜCKE *** + +***** This file should be named 33548-h.htm or 33548-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/5/4/33548/ + +Produced by Jana Srna + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> |
